Hans Küng

Aus Kathpedia

Wechseln zu: Navigation, Suche
Quelle: privat
Quelle: privat
Hans Küng, geb. am 19. März 1928 in Sursee (Schweiz), Priester der Diözese Basel seit 1954, Buchautor und ehem. Professor (1960-1996), ist ein umstrittener Theologe, der zuletzt mit seinem Projekt Weltethos und zwei autobiographischen Werken (nachfolgend: Bd. 1, Bd. 2; Titel siehe unten) auf sich aufmerksam gemacht hat. Küng wurde nie suspendiert oder exkommuniziert.


Inhaltsverzeichnis

Werdegang

Noch unter Papst Pius XII. war Küng ein begabter Absolvent der Universität Gregoriana in Rom (1948-1955). Die Priesterweihe erhielt er im Germanicum in Rom am 10. Oktober 1954. Anschließend promovierte er 1957 an der Sorbonne in Paris mit einem Werk zur Rechtfertigung von Karl Barth, das bereits vom Heiligen Offizium kritisch aufgefasst wurde. Weitere Studien absolvierte er in Amsterdam, Berlin, Madrid und London. Von 1958-1959 übte er Seelsorge an der Hofkirche in Luzern aus. Als wissenschaftlicher Assistent arbeitete er an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Münster von 1959-1960.

Mit seinem ersten Publikumserfolg, dem Buch Konzil und Wiedervereinigung von 1960 fasste Küng die Erwartungen fortschrittlicher Theologen an das II. Vatikanum zusammen. Teilweise sind diese auch verwirklicht worden, jedoch hat das Konzil die Unverzichtbarkeit des Papsttums und des Bischofskollegiums für den Katholizismus mehrfach bekräftigt. Also hat das Konzil der wissenschaftlichen Theologie keinen Führungsanspruch in der Kirche zugebilligt, was seit der Modernismuskrise um 1907 ein latenter Konfliktpunkt zwischen sakramental angeleiteter Hierarchie und innovativen Konzepten seitens vieler Theologen geblieben war.

Kein echter Konzilstheologe

Küng war von 1962 bis 1963, inzwischen ohne Habilitation zum Professor in Tübingen berufen, selbst Konzilsberater des Bischofs von Rottenburg, Carl Joseph Leiprecht. Schon während des Konzils stellte Küng, nach eigenen Angaben, aber zweifelnd fest, dass das Konzil die von ihm und seinen Gesinnungsfreunden vorgesehenen Ziele nicht erreichen werde. In die Theologenkommissionen brachte er sich nicht ein, beriet auch keine deutschen Bischöfe. Er wirkte insbesondere als lateinischer "Ghostwriter" für andere Bischöfe (vgl. Bd. 1, Erkämpfte Freiheit, S. 473 f.). Nach eigenem Eingeständnis können nur etwa fünf Sätze in den Konzilsdokumenten mittelbar auf seine Entwürfe zurückgeführt werden (ebd., S. 484). Allerdings würde kein Redenschreiber eines Bundespräsidenten deshalb sagen, er sei der wahre Autor gewesen, wie Küng suggeriert. Längst vom ersten Bucherfolg 1960 beflügelt, konzipierte Küng weitere "Bestseller". Er entwirft konsequent eine falsche Antithese zwischen mittelalterlicher "Pyramide" (Hierarchie) und moderner "Communio" (d.h. Gemeinschaft; wobei eine theologische Abgrenzung zur politisch verstandenen "Volksgemeinschaft" fehlt) in der Kirche. Seither kritisiert er, dass der Papst damals zu sehr der "Macht" der "kurialen Partei" nachgegeben habe. Küng legte seine eigene Konzeption dann im Buch Die Kirche von 1967 vor, das in Teilen bereits seiner sehr erfolgreichen Vortragsreise durch die USA 1963 entsprang. Hans Küng rühmt noch heute das 1966 veröffentlichte Werk, das als Holländischer Katechismus bekannt wurde, bezeichnet aber das verbindliche Credo des Gottesvolkes von 1968 (und insb. den Opfercharakter der Messe) in seinen Memoiren als antiquiert (Bd. 2, S. 70 f; "römische Provokation"). Auch der liberale Konzilshistoriker Guiseppe Alberigo rechnet Küng nicht einmal zu den Konzilstheologen.


Mit öffentlicher Wirkung

Im Anschluss an die Debatte um die so gen. Pillen-Enzyklika Humanae vitae seit 1968 erlangt Küng in weitesten Kreisen des europäischen und nordamerikanischen Katholizismus höchste Aufmerksamkeit, indem er die Unfehlbarkeit des Papstes kritisiert (insb.: Unfehlbar? Eine Anfrage von 1970); zu seiner Argumentation: Bd. 2, S. 225 (Replik Ratzinger). Das diesbezügliche, mehrfach verzögerte Verfahren (vgl. Dokument Mysterium ecclesiae; die Antwort auf die "Anfrage") vor der Glaubenskongregation endete nach neuen Polemiken seitens des Papstkritikers am 15.12.1979 mit dem Entzug der kirchlichen Lehrbefugnis (missio canonica). Andere Bücher des Bestsellerautors waren zwar nicht förmlich Gegenstand dieses Verfahrens, riefen aber gleichfalls kritische Reaktionen sowohl der Glaubenskongregation als auch der deutschen Bischöfe hervor, insbesondere das viel gelesene und von weiten Kreisen im Klerus und katholischen Bürgertum der 1970-er Jahre begeistert gefeierte Werk "Christsein" von 1974. Die Nachfolge Jesu heute drücke sich demnach in der Annahme eines Grundvertrauens zur Güte Gottes aus. Jesus sei für uns [= aus unserer Sicht] der Gekreuzigte und bleibe mithin (nur) im Christentum die maßgebliche Persönlichkeit der Gotteserfahrung, auch im Scheitern. Ein weiterer Bucherfolg derselben Art gelang 1978 mit Existiert Gott? Der Dogmatiker Leo Scheffczyk machte daher bereits 1980 darauf aufmerksam, dass diese bloßen Behauptungen, als "Credo" verkauft, viel weiter vom christlichen Bekenntnis entfernt seien (Jesus ist der Christus, der für uns Gekreuzigte [= der sich opfernde Erlöser]) als man auf den ersten Blick feststelle.

Projekt Weltethos: Gemeinsamkeiten oder Synkretismus?

Im Jahr 1990 veröffentlichte Küng sein „Projekt Weltethos“ und sieht sich daher als Begründer einer Art von organisiertem postmodernen Humanismus oder Religions-Synkretismus. Einige jüngere Schriften, die Küng jeweils mit fachlicher Hilfe von Experten schrieb, befassen sich daher mit dem Judentum und dem Islam.

Anlässlich seines 80. Geburtstages warb Küng 2008 um zusätzliche Unterstützung: "Die Fortsetzung seiner Arbeit sieht Küng allerdings als nicht gesichert an. «Unsere finanzielle Basis, die Graf von der Groeben 1995 mit seiner Millionenspende gelegt hat, bedarf dringend einer Verbreiterung, um diese Arbeit langfristig sicher zu stellen.» In gewisser Weise wird Küng aber auch nach seinem Tod über die Arbeit seines Weltethos-Teams wachen: Schon jetzt steht vor dem Gebäude der Stiftung, in dem Küng zugleich wohnt, eine Büste des Theologen" (Mitteldeutsche Zeitung, 18.03.2008).

Würdigung

Obwohl theologische Arbeiten von Hans Küng derzeit wenig Resonanz finden (konkret seine "hegelianische" Quasichristologie, Menschwerdung Gottes (1970)), genießt er an vielen Stellen im deutschen Katholizismus einen hohen Stellenwert und wurde nicht zu Unrecht als eine Art Sprachrohr einer modernen bürgerlichen Christenexistenz wahrgenommen, für die das überlieferte Dogma nur als Anhaltspunkt der je "neuen" Interpretation der Botschaft Jesu von Bedeutung sein soll, unter Berufung auf einen von vielen als zwingend notwendigen "Paradigmenwechsel". Ob diese "Interpretation" glückt oder nicht wird nicht näher befragt.

Für die Mehrheitsmentalität, für die Küng wirbt, ist es eine Hoffnung, dass in Kürze sowohl die kirchliche Moral wie auch das Amt (und insbesondere das Priestertum) an den Horizont der Gegenwart angepasst werden. Die Verzögerung überfälliger Reformen wie der wahlweisen Ausübung des Zölibates der Priester, der Frauenordination, der offenen Billigung der Ehescheidung ect. (Fälschlicherweise werden diese als Übernahme der also protestantischen Modelle, einschließlich des Staatskirchentums verstanden) verursacht bei vielen einen hohen Leidensdruck.

Wirkung

Mit Billigung der Deutschen Bischofskonferenz wurde Hans Küng zwar Anfang der 1980-er Jahre die Missio canonica entzogen, er konnte als "ökumenischer" Theologe aber sein Institut in vollem Umfang bis 1996 weiter außerhalb der katholischen Fakultät betreiben. Als flott, eingängig und vereinfachend formulierender Gesprächspartner war Küng jahrzehntelang eine gesuchte Adresse für deutschsprachige Medien. Er verwendete das Bild vom "Großinquisitor" Joseph Ratzinger, das bis 2005 die Zeitungen und das Fernsehen in Deutschland, Österreich und der Schweiz verbreiteten. Die Polemik gegen den Papst wurde in Denkanstöße 2009 aus dem Piper-Verlag (S. 121-138) abermals abgedruckt.

Unter anderem werden in dem Werk folgende Persönlichkeiten gezielt kritisiert.

Papst Pius XII., Papst Paul VI., Papst Johannes Paul II., Papst Benedikt XVI., Kardinal Josef Frings, Kardinal Julius Döpfner, Kardinal Amleto Cicognani, Kardinal Leo Suenens, Kardinal Bernard Alfrink, Kardinal Achille Liénart, Kardinal Franz König und sogar Kardinal Johannes Willebrands. Aus Konzilszeiten betroffen sind auch Kardinal Pericle Felici und selbstverständlich Kardinal Alfredo Ottaviani, Kardinal Pietro Parente, Kardinal Giuseppe Siri, ferner die Kardinäle Franjo Seper und Jérôme Hamer O.P. Der heutige Kardinal Walter Kasper, auch Kardinal Karl Lehmann und massiv Kardinal Joseph Höffner (Bd. 2, S. 461: "Kardinal 0") werden im Zusammenhang mit dem Fall Küng niedergemacht; und gehässig gegen Kardinal Jean Daniélou, aber auch Kardinal Henri de Lubac und (milder) Kardinal Yves Congar vorgegangen, aber en passant selbst Kardinal Leo Scheffczyk, Kardinal Jorge Mejia, Kardinal Avery Dulles S.J. und Kardinal Roberto Tucci S.J. kritisiert.

Ferner sind weitere große deutsche Theologen im Visier des Kritikers, besonders Hans Urs von Balthasar und Karl Rahner, dazu seine (ihm vorgesetzten, "bemitleidenswerten") Basler und Rottenburger Bischöfe, die gesamte deutsche Bischofskonferenz, die Verräter der Tübinger Fakultät und überdies auch Laien wie Giulio Andreotti, Luise Rinser, Jean Guitton, oder der belgische Journalist Freddy Derwahl (dessen Doppelportrait Küng-Ratzinger angeblich parteiisch war), u.v.a.m. Aufsehen erregte die Forderung von Hans Küng, Milde auch für Marcel Lefebvre und die Piusbruderschaft zu fordern. Auch für diese gelte: Toleranz! (Vgl.: Umstrittene Wahrheit, S. 427-31; dazu bekennt sich Küng in seiner Stellungnahme zur Hamburger Erklärung der DBK auf SPIEGEL online vom 05.03.2009 allerdings nicht.)

Am 24. September 2005 wurde Hans Küng trotz allem durch Papst Benedikt XVI. in Castel Gandolfo in Privataudienz empfangen. Im Kommuniqué berichtete Küng, dass sein "Weltethos" (s.o.) keinen Religionssynkretismus konstruieren will, sondern nur eine gemeinsame Ethik im Blick habe. Zuvor war derselbe bereits am 2. Dezember 1965 einmal von Papst Paul VI. in privater Audienz empfangen worden. Dieser bemerkte, nach dem Zeugnis von Yves Congar, schon damals zu wenig Liebe bei Küng (vgl. Bd. 2 (2007), S. 635). Der mittlerweile bereits mit nahezu allen erdenklichen Würdigungen des gegenpäpstlichen Lagers überhäufte Hans Küng erhielt 2007 überdies einen Kulturpreis der deutschen Freimaurer und wurde am 8. Mai 2007 in Tübingen durch Bundeskanzler a.D. Dr. h.c. mult. Helmut Schmidt, Hamburg, anlässlich der VII. Weltethosrede, als universaler Denker gerühmt.

Aktuell

Aktuell kritisierte Küng wieder mehrfach Papst und Kirche, zuletzt in Le Monde am 24. Februar 2009. Neben etlichen anderen Werturteilen formulierte er: L'église risque de devenir une secte. Beaucoup de catholiques n'attendent plus rien de ce pape. (Die Kirche riskiere zur Sekte zu werden. Viele Katholiken erwarten gar nichts mehr von diesem Papst.) Kardinaldekan Angelo Sodano hat diese Beleidigung unverzüglich zurückgewiesen. Das Interview enthält aber noch weitere Falschaussagen: Ein deutscher Papst müsse sich ohne Zweideutigkeit zum Holocaust verhalten, se montrer sans ambiguité. (Als sei Joseph Ratzinger dazu je zweideutig gewesen!) Weiter: Das II. Vatikanum repräsentiere die Integration des Paradigmas der Reform (und der Modernität) in die katholische Kirche. (Aber was heißt das?) Und: je trouve scandaleux que pour le cinquantième anniversaire du lancement du concile par Jean XXIII., le pape n'ait pas fait l'éloge de son prédécesseur, mais ait choisi de lever l'excommunication de personnes opposées à ce concile. Es sei skandalös, dass zum 50. Jahrestag der Konzilsankündigung der Papst nicht seinen Vorgänger Johannes XXIII. gerühmt habe, sondern stattdessen die Exkommunikation von Konzilsgegnern aufgehoben habe. In Wahrheit hat der Papst am 25. Januar 2009 in St. Paul vor den Mauern über Konzil, Ökumene und auch seinen Vorgänger würdigend gesprochen, aber die Medien interessierten sich nicht dafür, sondern für SPIEGEL und Williamson. Das Dekret, das Küng meint, datiert übrigens vom 21. Januar. Wer, außer die so gen. "Konzilskirche", ist überhaupt zur Aufhebung von Exkommunikationen auch in schwierigen Fällen fähig? Eine Beugestrafe, die lange im Mittelpunkt progressiver Kritik stand, wird im Katechismus nur noch mit einem kurzen Abschnitt gestreift. Wenn das kein Fortschritt ist! (KKK Nr. 1463) Hans Küng krönt seine Kritik mit der Behauptung, die Theologie des Papstes datiere von 325, dem Konzil zu Nizäa. (Die italienische Presse machte daraus übrigens das "Konzil zu Nizza".)

Anscheinend von dem Gefühl getrieben, in den Memoiren doch eine falsche Tonart angeschlagen zu haben, legte Küng im Herbst 2009 nochmals nach, indem er seine "Spiritualität" in ein Buch mit dem Namen "was ich glaube" fasste. Das in die SPIEGEL-Bestsellerliste gelangte Spätwerk, möglicherweise eine Ersatzstück für den angekündigten III. Band der Autobiographie, bietet gerade für Küng-Kritiker wichtige Betrachtungen, etwa über das Gebet, das Küng nach eigener Darstellung als flüchtiges "Danke" und "Bitte" praktiziert, oder auch über das Kreuz, das der Theologe kaum noch erträgt und dem er sich nur in "Korrelation" zuordnet. Er hat folgerichtig das Kruzifix zuhause durch eine schöne griechische Jesus-Ikone ersetzt.

Bedeutende Literatur:

  • Hans Küng, Konzil und Wiedervereinigung, München 1960
  • Ders., Erkämpfte Freiheit, München 2002 (= Bd. 1)
  • Ders., Umstrittene Wahrheit, München 2007 (= Bd. 2)
  • Ders., Was ICH glaube, München 2009.

Kirchliche Stellungnahmen zu Hans Küng

Hinweise

Interessant zum Projekt Weltethos ist auch eine Aufzeichnung der Sel. Anna Katharina Emmerick; siehe dort.

Über Küng:

  • Aus dem Kommentar von H.J. Herbort zur DOKUMENTATION über den Fall Küng (Hg. Walter Jens), DIE ZEIT 08/1978: "Nun ist Küng ja wohl eher mit der Tür ins Haus gefallen worden — die Goliaths und ihre „Sacra Congregatio pro doctrina fidei" teilen (unter Prot. N. 399/57 i — in responsione fiat mentio huius numeri ) dem David zusammen mit einer „Erklärung" über den römischen Lehrstandpunkt mit: „ ... stehen Ihnen jetzt zwei Wege offen: 1. die Ratio agendi sieht die Möglichkeit eines Kolloquiums mit den Vertretern der Kongregation vor; 2. oder Sie nehmen die in der Erklärung enthaltene Lehre gleich an..." Auf gut deutsch: Entweder Sie unterschreiben sofort oder später!"
[Das David-Goliath-Motiv war damals populär, um Küng als den "schwachen" Kämpfer gegenüber bösen "Mächtigen" zu profilieren.]



Weblinks

Persönliche Werkzeuge
Partnerprojekte
Andere Sprachen