3. Generalversammlung der CELAM in Puebla 1979

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3. Generalversammlung der Lateinamerikanische Bischofskonferenz

„Die Evangelisierung Lateinamerikas in Gegenwart und Zukunft“

Puebla 13. Februar 1979

(Quelle: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Stimmen der Weltkirche, Nr. 8, S. 137-356, Elf Anmerkungen wurden in Klammer in den Text integriert, - Deutsche Übersetzung der durch den hl. Vater am 23. März 1979 approbierten Fassung; wichtiges in: DH 4610-4635).

Inhaltsverzeichnis

VORWORT

Der vorliegende Text umfaßt die Arbeit der 3. Vollversammlung des latein- amerikanischen Episkopats, zu der uns der Heilige Vater als Hirten und Vertreter unserer Kirchengemeinden zusammengerufen hat.

Bekanntlich gingen der Konferenz von Puebla zweijährige Vorbereitungsarbeiten unter aktiver und großzügiger Beteiligung aller Kirchen Lateinamerikas voraus. Die Vorbereitungszeit war gekennzeichnet von Gebeten, Beratungen und Beiträgen vornehmlich der Bischofskonferenzen. Sie wurden im Arbeitsdokument systematisch zusammengefaßt. Dieses diente uns als Arbeitsunterlage und Wegweiser zugleich.

Uns wurde die Gnade der persönlichen Anwesenheit des Nachfolgers Petri, Papst Johannes Pauls II., zuteil. Seine Worte anläßlich seines historischen Besuchs in Lateinamerika, insbesondere diejenigen, die er an die Teilnehmer der 3. Vollversammlung bei der Homilie während der Konzelebration in der Basilika von Guadalupe, bei der Homilie im Seminar von Puebla und vor allem in der Eröffnungsrede richtete, waren Wegweiser, Anregung und Rahmen für unsere Beratungen.

Angesichts der umfassenden, inhaltsreichen und anregenden Thematik der 3. Vollversammlung war es erforderlich, Prioritäten zu setzen und eine angemessene Verbindung zwischen den verschiedenen Einzelthemen herzustellen. Daher wurden 21 Arbeitskommissionen für die Behandlung der Themenschwerpunkte bzw. der großen thematischen Einheiten eingesetzt. Diese Arbeitsweise, vervollständigt durch die Beiträge in den Plenarsitzungen und Semiplenarsitzungen, wodurch die größtmögliche Beteiligung (von Bischöfen, Priestern, Diakonen, Ordensleuten, Laien, geladenen Gästen und Fachleuten) sichergestellt werden konnte, wurde zu Beginn unserer Versammlung einstimmig gebilligt.

Die thematischen Schwerpunkte und die Themen als solche erheben nicht den Anspruch, ein systematischer Traktat der dogmatischen oder der Pastoraltheologie zu sein. Dies wurde ausdrücklich ausgeschlossen. Vielmehr wollte man sich den für die Evangelisierung besonders wichtigen Gesichtspunkten zuwenden und diese aus pastoraler Sicht behandeln.

Auch wenn die Konferenz von Puebla mit ihrer reichen Fülle von Beiträgen und der Intensität der geleisteten Arbeit in dieses Dokument einmündet, stellt es doch vor allem eine geistige Haltung dar. Es ist dies die Haltung einer Kirche, die sich mit erneuerter Kraft in den Dienst unserer Völker stellt, die sich nur dann selbst verwirklichen können, wenn sie dem lebendigen und zur Umkehr mahnenden Aufruf dessen folgen, der sein Zelt mitten in unserer eigenen Geschichte aufgeschlagen hat (vgl. Joh 1, 14).

Zugleich aber ist Puebla der Beginn eines neuen Abschnitts in unserem kirchlichen Leben in Lateinamerika. Dies bringt der Heilige Vater in seinem Schreiben vom 23. März 1979 zum Ausdruck, in dem er Puebla als „einen großen Schritt vorwärts“ bezeichnet.

Unser Dokument hat die Kraft einer neuen Sendung. Christus selbst sendet uns aus mit den Worten: „Geht und verkündet das Evangelium allen Völkern“ (Mk 16, 15).

Diese Leitlinien müssen unsere pastorale Arbeit zutiefst durchdringen. Ihr Inhalt muss auf allen Ebenen assimiliert und verinnerlicht und schließlich in die Praxis umgesetzt werden. In Gebet und geistiger Klarheit müssen wir diesen Inhalt weiter vertiefen. Auf diesem Weg haben die Bischofskonferenzen eine klare Verantwortung. Denn sie sind es vor allem, die diese Leitlinien unter den jeweiligen Bedingungen und Möglichkeiten sowie durch geeignete Mechanismen zum Ausdruck bringen und konkretisieren müssen. Es ist auch die Aufgabe der Teilkirchen und in diesen wiederum Aufgabe der Pfarreien, der Apostolischen Bewegungen, der kirchlichen Basisgemeinschaften und schließlich all unserer Gemeinschaftsgruppen, dazu beizutragen, dass Puebla, das ganze Puebla, mit seiner evangelisierenden Kraft in unserem Leben zum Ausdruck kommt.

Puebla stellte überdies eine geistige Haltung, und zwar der Gemeinschaft und der Mitbeteiligung dar, die als Leitgedanke in den vorbereitenden Dokumenten enthalten war und den Ablauf der Konferenz beseelte. In diesen Dokumenten hatten wir gesagt:

„Die pastoraltheologische Grundlinie ist in dem Arbeitsdokument durch zwei einander ergänzende Pole gekennzeichnet: die Gemeinschaft und die Beteiligung (Mitbeteiligung).“

Durch die umfassende Evangelisierung soll die Gemeinschaft mit Gott und als ganz wesentliches Element die Gemeinschaft unter den Menschen wiederhergestellt und vertieft werden. Auf diese Weise soll der Mensch als aktives Subjekt der Geschichte seine Gotteskindschaft in brüderlicher Verbundenheit erleben und so das lebendige Ebenbild Gottes innerhalb der Kirche und in der Welt sein.

Die Gemeinschaft mit Gott soll im Glauben, im Gebet, im sakramentalen Leben sichtbar werden. Gemeinschaft soll bestehen mit unseren Brüdern in den verschiedenen Dimensionen unserer Existenz. Die Gemeinschaft in der Kirche soll zwischen Bischöfen und in der Beziehung zum Heiligen Vater bestehen. Gemeinschaft soll auch bestehen in den christlichen Gemeinden, die Gemeinschaft soll von Versöhnung und dem Dienst am Nächsten gekennzeichnet sein. Die Gemeinschaft ist Wurzel und Motor der Evangelisierung zugleich. Wir meinen die Gemeinschaft mit unseren Völkern.

Mit Beteiligung meinen wir die Beteiligung an der Kirche auf allen Ebenen und bei allen Aufgaben. Wir meinen auch Beteiligung an der Gesellschaft in deren verschiedenen Sektoren. In den lateinamerikanischen Nationen meinen wir die Beteiligung an dem notwendigen Integrationsprozess, in dem eine ständige Bereitschaft zum Dialog erforderlich ist. Gott ist Liebe, Familie, Gemeinschaft; Gott ist die Quelle aller Beteiligung in seinem Geheimnis der Dreifaltigkeit und im Ausdruck seiner neuen Offenbarung gegenüber den Menschen durch die Gotteskindschaft und auch dieser Menschen untereinander durch die Brüderlichkeit. (Arbeitsdokument, Vorwort, 3.3.)

Die 3. Vollversammlung zeichnete sich durch die Einhelligkeit der Auffassungen hinsichtlich ihres Themas und des wesentlichen Inhalts des Schlussdokuments aus. Es wurde mit 179 Ja-Stimmen bei einer Stimmenthaltung angenommen. Obgleich es zweckmäßig gewesen wäre, das Dokument stärker zu gliedern, um Wiederholungen zu vermeiden, die bei einer im wesentlichen in Kommissionen geleisteten Arbeit zahlreich sind, wurde aus Gründen der Objektivität vorgezogen, derartige Wiederholungen nicht zu streichen. Die Versammlung hatte in der Tat keine Gelegenheit, diese harte und heikle Aufgabe zu bewältigen.

Nach Möglichkeit wurde auf die Stellen hingewiesen, an denen bestimmte Themen gesondert behandelt werden. Die Textrevision beschränkte sich fast ausschließlich auf rein redaktionelle Fragen. Zu diesem Zweck wurde zahlreichen Korrekturen und Hinweisen der Arbeitskommissionen sowie dem von diesen erarbeiteten Druckfehlerverzeichnis Rechnung getragen. Außerdem wurde in geduldiger Arbeit eine Überprüfung der Zitate unter Zuhilfenahme der jeweiligen Quellen vorgenommen. Einige nicht ins Gewicht fallende Änderungen wurden vom Heiligen Vater gebilligt.

Alles, was wir zum Ausdruck gebracht haben, stellt unsere Hoffnung dar, und zu dieser Hoffnung stehen wir unter dem Blick Mariens, die glaubte und sich auf den Weg begab, um die Frohe Botschaft zu verkündigen, die sie in ihrem Herzen fühlte.

Vorsitz:

– Kardinal Sebastiano Baggio
Präfekt der Bischofskongregation und Vorsitzender der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika – CAL

– Kardinal Aloísio Lorscheider
Erzbischof von Fortaleza, Brasilien
Vorsitzender der CNBB
Vorsitzender des Lateinamerikanischen Bischofsrates CELAM

– Msgr. Ernesto Corripio Ahumada
Erzbischof von Mexiko

Generalsekretär:
– Msgr. Alfonso López Trujillo
Erzbischof-Koadjutor von Medellin, Kolumbien

Generalsekretär des CELAM

BOTSCHAFT AN DIE VÖLKER LATEINAMERIKAS

Unser Wort ist ein Wort des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe

1. Zwischen Medellin und Puebla liegen zehn Jahre. Mit der 2. Vollversammlung des lateinamerikanischen Episkopats, die feierlich vom Heiligen Vater Paul VI. seligen Andenkens eröffnet wurde, begann ein neuer Abschnitt im Leben der lateinamerikanischen Kirche (vgl. Eröffnungsrede der 2. Vollversammlung). Über unseren Kontinent, der von christlicher Hoffnung gekennzeichnet und mit schweren Problemen beladen ist, hat Gott das unermeßliche Licht ausgegossen, das in dem verjüngten Antlitz seiner Kirche aufleuchtet. (Vorwort zu den Dokumenten von Medellin)

In Puebla de los Angeles trat die 3. Vollversammlung des lateinamerikanischen Episkopats zusammen, um im Geiste des Evangeliums Jesu Christi bereits zuvor diskutierte Themen erneut zu behandeln und neue Verpflichtungen einzugehen. Zu Beginn der Arbeiten, inmitten der pastoralen Sorgen, die uns zutiefst bewegten, weilte auch der oberste Hirte unserer Kirche, Johannes Paul II., unter uns. Seine erleuchtenden Worte haben für unsere Überlegungen und Beratungen im Geiste der kirchlichen Gemeinschaft umfassende und tiefgreifende Leitlinien aufgezeigt.

Gestärkt durch die Kraft und die Weisheit des Heiligen Geistes und unter dem mütterlichen Schutz der Heiligen Jungfrau, der Herrin von Guadalupe, gelangen wir nun zum Ende unserer großen Aufgabe, die wir mit Hingabe, Demut und voller Vertrauen auf uns genommen haben. Wir dürfen nicht aus Puebla in unsere Teilkirchen zurückkehren, ohne ein Wort des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe an das Gottesvolk in Lateinamerika zu richten, ein Wort, das alle Völker der Welt angeht.

Vor allem anderen möchten wir unseren Standort festlegen: Wir sind die Hirten der katholischen und apostolischen Kirche, die ihren Ursprung im Herzen Jesu Christi, des Sohnes des lebendigen Gottes, hat.

Unsere Frage und Bitte um Vergebung

2. Unsere erste Frage, die wir in diesem pastoralen Kolloquium an das Gewissen aller richten, heißt: Leben wir wirklich das Evangelium Christi auf unserem Kontinent?

Wir richten diese Frage zwar an die Christen, doch können auch alle jene eine Antwort auf sie suchen, die unseren Glauben nicht teilen.

Das Christentum, dessen einmaliges Merkmal die Liebe ist, wird durch uns Christen nicht immer in seiner ganzen Fülle praktiziert. Wohl gibt es viel stilles Heldentum, verborgene Heiligkeit und viele und wunderbare Gesten der Opferbereitschaft. Trotzdem erkennen wir an, dass wir noch weit entfernt davon sind, alles das zu leben, was wir predigen. Für all unsere Fehler und Grenzen bitten auch wir Hirten Gott und unsere Brüder im Glauben und in der Menschengemeinschaft um Vergebung. Wir wollen nicht nur den anderen bei ihrer Umkehr helfen, sondern wir wollen uns zusammen mit ihnen bekehren, damit unsere Diözesen, Pfarreien, Institutionen, Gemeinschaften und Ordenskongregationen nicht mehr ein Hindernis, sondern im Gegenteil zu einer Ermutigung werden, das Evangelium zu leben.

Wenn wir nun unseren Blick auf unsere lateinamerikanische Welt richten, welches Schauspiel stellt sich uns dar? Wir brauchen diese Untersuchung nicht zu vertiefen. Die Wahrheit ist, dass der Abstand zwischen den vielen, die wenig haben, und den wenigen, die viel haben, sich ständig vergrößert. Die Werte unserer Kultur sind bedroht. Die Grundrechte des Menschen werden verletzt.

Die großen Leistungen, die der Mensch zu seinem Nutzen hervorbrachte, sind nicht in der Lage, in angemessener Weise die uns bedrückenden Probleme zu lösen.

Unser Beitrag

3. Was aber haben wir Euch angesichts der schwerwiegenden und komplexen Fragen unseres Zeitalters anzubieten? Auf welche Weise können wir zum Wohlergehen unserer lateinamerikanischen Völker beitragen, wenn einige auf der Erhaltung ihrer Privilegien um jeden Preis beharren, andere mutlos geworden sind und wieder andere Schritte unternehmen, um zu leben und um eine klare Bestätigung ihrer Rechte zu erhalten?

Liebe Brüder, wir möchten noch einmal klarstellen, dass wir soziale, wirtschaftliche und politische Probleme nicht als Fachleute auf diesen Gebieten oder als Wissenschaftler behandeln, sondern wir behandeln sie aus pastoraler Sicht in unserer Eigenschaft als Fürsprecher unserer Völker, denn wir kennen ihre Sorgen, insbesondere die der Ärmsten, die in der lateinamerikanischen Gesellschaft die große Mehrheit bilden.

Was können wir Euch anbieten? Wie Petrus auf die Bitte des Gelähmten an der Pforte des Tempels, so sagen wir Euch angesichts der Größe der Herausforderungen unserer Wirklichkeit: „Wir haben weder Gold noch Silber, doch was wir haben, das geben wir Euch: Im Namen Jesu von Nazareth, erhebt Euch und geht umher!“ (Vgl. Apg 3, 6). Und der Kranke erhob sich und pries die Wunder des Herrn.

Hier wird die Armut des Petrus zum Reichtum, und der Reichtum des Petrus heißt Jesus von Nazareth, der gestorben ist und wieder auferstanden und der im Kollegium der Apostel und in den jungen Gemeinden, die sich unter ihrer Leitung bildeten, durch seinen Heiligen Geist immer anwesend ist. Jesus heilt den Kranken. Die Macht Gottes fordert vom Menschen ein Höchstmaß an Anstrengung, auf dass sein Werk der Liebe Gestalt annehme und Frucht trage, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Hierzu gehören die geistigen Kräfte und auch die Errungenschaften der Wissenschaft und Technik, die der Mensch zu seinem Nutzen hervorbrachte. Was können wir Euch anbieten? Johannes Paul II. gibt uns in der Eröffnungsrede seines Pontifikats eine ebenso eindeutige wie bewunderungswürdige Antwort, indem er uns Christus als universale Erlösung vor Augen führt: „Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus! Öffnet die Grenzen der Staaten, die wirtschaftlichen und politischen Systeme, die weiten Bereiche der Kultur, der Zivilisation und des Fortschritts seiner rettenden Macht!“ (Johannes Paul II., Homilie anläßlich der feierlichen Eröffnung seines Pontifikates am 22. Oktober 1978).

Für uns liegt in dieser Aussage die ganze Kraft des Samens der Befreiung des lateinamerikanischen Menschen. In diese Worte setzen wir unsere Hoffnung, wenn wir in der Arbeit eines jeden Tages die Realität unserer eigentlichen Bestimmung aufbauen. Auf diese Weise haben die Menschen unseres Kontinents, die Gegenstand unserer pastoralen Sorgen sind, für die Kirche eine besondere Bedeutung, denn Jesus Christus hat das Menschsein und seine reale Bedingtheit auf sich genommen, mit Ausnahme der Sünde. Und indem er dies tat, stellte er eine Verbindung zur immanenten und transzendentalen Berufung aller Menschen her. Der kämpfende Mensch leidet, er verzweifelt auch zuweilen, doch er gibt niemals auf und will vor allem den vollen Sinn seiner Gotteskindschaft leben. Daher ist es wichtig, dass seine Rechte anerkannt werden, dass sein Leben nicht zur Schande wird, dass die Natur, das Werk Gottes, nicht im Gegensatz zu seinen berechtigten Bestrebungen verwüstet wird.

Der Mensch fordert aus sehr naheliegenden Gründen, dass die Anwendung von physischer und moralischer Gewalt, der Machtmissbrauch, die Geldmanipulation und der Missbrauch des Geschlechtlichen abgeschafft werden. Er fordert, mit einem Wort, die Erfüllung der Gebote des Herrn; denn alles das, was der Würde des Menschen Abbruch tut, verletzt auf die eine oder andere Weise auch Gott selbst. „Alles gehört Euch; Ihr aber gehört Christus, und Christus gehört Gott“ (1 Kor 3, 21-23). Was uns als Hirten am Herzen liegt, ist die vollständige Verkündigung der Wahrheit über Jesus Christus, über die Natur und die Aufgabe der Kirche, über die Würde und die Bestimmung des Menschen (vgl. Johannes Paul II., Eröffnungsansprache I, 1– AAS LXXI, S. 189).

Daher ist unsere Botschaft von der Hoffnung erleuchtet. Schwierigkeiten und Ungleichgewichte, auf die wir hinweisen, sind nicht Zeichen von Pessimismus. Der soziokulturelle Kontext, in dem wir leben, ist so widersprüchlich in seiner Konzeption und Wirkungsweise, dass er nicht nur zum Mangel an materiellen Gütern bei den Ärmsten beiträgt, sondern, was noch schwerwiegender ist, dass er dazu tendiert, ihnen ihren größten Reichtum, nämlich Gott, zu nehmen. Diese Feststellung veranlasst uns dazu, alle, die bewusste Mitglieder der Gesellschaft sind, zu ermahnen, ihre Pläne zu überprüfen. Andererseits leiten wir aus dieser Feststellung die heilige Pflicht ab, für die Erhaltung und Vertiefung des Bewusstseins von der Existenz Gottes im Gewissen des Volkes zu kämpfen. Wie Abraham kämpfen wir heute und in Zukunft wider alle Hoffnung (vgl. Gen 18, 23 ff.). Das bedeutet, dass wir niemals aufhören werden, auf die Gnade und die Kraft des Herrn zu hoffen, der trotz unserer Pflichtverletzungen mit seinem Volk einen unauflösbaren Bund geschlossen hat. Es ist bewegend, in der Seele des Volkes den geistlichen Reichtum zu spüren, der von Glaube, Hoffnung und Liebe überfließt. In diesem Sinne ist Lateinamerika Vorbild für die übrigen Kontinente, und in der Zukunft wird es seine hohe missionarische Berufung auch jenseits seiner Grenzen zur Wirkung bringen.

Deswegen rufen wir Euch zu: sursum corda! Wir wollen unsere Herzen erheben, liebe Brüder in Lateinamerika, denn das Evangelium, das wir verkünden, ist eine wunderbare frohe Botschaft, die die Herzen und Sinne verwandelt; denn sie gibt uns Kunde von der Größe der Bestimmung des Menschen, wie sie im auferstandenen Jesus Christus vorgebildet ist.

Unsere wirklichkeitsnahen pastoralen Sorgen um die ärmsten Mitglieder der Gesellschaft schließen aus unseren Gedanken und Herzen dennoch nicht die übrigen Vertreter unseres gesellschaftlichen Gefüges aus. Vielmehr ermahnen wir sie ernsthaft und rechtzeitig, den Abstand zwischen den gesellschaftlichen Gruppen nicht noch größer werden zu lassen, die Sünden nicht zu vermehren, sondern dafür zu sorgen, dass der Geist Gottes sich nicht von der lateinamerikanischen Familie entfernt.

Wir sind davon überzeugt, dass die Überprüfung des religiösen und moralischen Verhaltens der Menschen sich im politischen und ökonomischen Prozess unserer Länder niederschlagen muss, und daher fordern wir, ohne irgendwelche Klassenunterschiede zu machen, alle auf, sich hinter die Sache der Armen zu stellen, als ob es sich um ihre eigene Sache, nämlich die Sache Christi selbst, handelte. „Alles, was ihr für diese meine Brüder, auch die geringsten, getan habt, das habt ihr für mich getan“ (Mt 25, 40).

Der lateinamerikanische Episkopat

4. Brüder, lasst Euch nicht von Nachrichten beeindrucken, die besagen, der Episkopat sei gespalten. Es gibt unterschiedliche Mentalitäten und Auffassungen, aber in Wirklichkeit leben wir nach dem Prinzip der Kollegialität, wobei die einen die anderen ergänzen, je nach den ihnen von Gott verliehenen Fähigkeiten. Nur auf diese Weise können wir uns der großen Herausforderung der Evangelisierung in der Gegenwart und der Zukunft Lateinamerikas stellen.

Der Heilige Vater Johannes Paul II. stellte in seiner Eröffnungsrede drei pastorale Prioritäten auf: die Familie, die Jugend und die Sorge um Berufungen (Eröffnungsrede IV AAS LXXI, S. 204).

Die Familie

5. Wir laden daher mit besonderer Zuneigung die Familie in Lateinamerika ein, ihren Platz im Herzen Christi einzunehmen und zu einem Hort der Evangelisierung, der Achtung vor dem Leben und der gemeinschaftlichen Liebe zu werden.

Die Jugend

6. Wir laden die jungen Menschen herzlich ein, die Hindernisse zu überwinden, die ihr Recht auf eine bewusste und verantwortliche Beteiligung bei dem Aufbau einer besseren Welt bedrohen. Wir wollen nicht, dass sie in Sünde fernbleiben vom Tisch des Lebens, noch sich leeren Vergnügungen ausliefern, oder dass sie indifferent oder in absichtlicher und unproduktiver Absonderung verharren. Die Stunde des Protests, der sich in exotischen Formen oder in unangebrachten Übertreibungen zeigte, ist vorüber. „Eure Fähigkeit ist unendlich groß.“ Jetzt ist die Stunde der Reflexion gekommen, jetzt müssen wir uns der Herausforderung stellen, die wesentlichen Werte des wahrhaftigen und umfassenden Menschseins in ihrer ganzen Fülle zu leben.

Die Pastoralträger (Agentes de pastoral)

7. In Liebe und Vertrauen begrüßen wir die aufopferungsvollen Pastoralträger aller Ebenen in unseren Teilkirchen. Wenn wir Euch ermahnen, in Eurer Arbeit für das Evangelium fortzufahren, wollen wir Euch für vermehrte Anstrengung zugunsten der Sorge um Berufungen begeistern, zu denen aufgrund der Taufe und der Firmung auch die den Laien anvertrauten Ämter gehören. Die Kirche braucht zunehmend möglichst weise und heilige Diözesanpriester und Ordensleute für das Amt des Wortes und der Eucharistie, sowie zur größeren Wirksamkeit des religiösen und gesellschaftlichen Apostolates. Sie braucht Laien, die sich ihrer Sendung in der Kirche und im Rahmen des Aufbaus der weltlichen Ordnung bewusst sind.

Die Menschen guten Willens und die Zivilisation der Liebe

8. Schließlich wenden wir uns an alle Menschen guten Willens, die Ämter und Aufgaben in den verschiedensten Bereichen von Kultur, Wissenschaft, Politik, Erziehung, Arbeit, den gesellschaftlichen Medien und der Kunst innehaben.

Wir fordern Euch auf, im Geist der Selbstlosigkeit die „Zivilisation der Liebe“ aufzubauen, wie Paul VI. sie nannte, die vom Wort, vom Leben und der völligen Hingabe Christi erfüllt ist und deren Grundpfeiler Gerechtigkeit, Wahrheit und Freiheit sind. Wir sind sicher, dass wir in dieser Weise auf Eure Antwort gegenüber den Forderungen der Gegenwart rechnen können, zu denen der so sehr ersehnte innere und soziale Frieden im Bereich des Zusammenlebens von Menschen, von Familien, von Ländern, von Kontinenten, auf dem ganzen Erdkreis zählt.

Wir möchten deutlich machen, was Sinn und Aufbau der Zivilisation der Liebe in dieser für Lateinamerika so schwierigen Zeit bedeuten, die doch zugleich voller Hoffnung ist.

Was verlangt das Gebot der Liebe von uns?
Die christliche Liebe sprengt die Kategorien von Regimen und Gesellschaftssystemen, denn ihr wohnen die unüberwindliche Kraft des Ostergeheimnisses, der Wert des Leidens am Kreuz und die Zeichen des Sieges und der Auferstehung inne. Aus der Liebe entsteht das Glück der Gemeinschaft, sie setzt die Maßstäbe für die Beteiligung.

Die Gerechtigkeit ist, das wißt Ihr, ein heiliges Recht aller Menschen, das ihnen von Gott selbst übertragen wurde. Sie gehört zum innersten Wesen der Botschaft des Evangeliums. Die vom Glauben erleuchtete Wahrheit ist die unversiegbare Quelle, aus der wir die Kraft für unsere ethischen Entscheidungen beziehen. Sie setzt die authentischen Normen für ein würdiges Leben fest. Die Freiheit ist eine kostbare Gabe Gottes, sie ist Konsequenz unseres Menschseins und unverzichtbares Element für den Fortschritt der Völker.

Die Zivilisation der Liebe ist unvereinbar mit Gewalt, Egoismus, Verschwendung, Ausbeutung und moralischen Verfehlungen. Auf den ersten Blick scheint sie ein Begriff zu sein, dem die notwendige Kraft zur Überwindung der schweren Probleme unseres Zeitalters fehlt. Wir versichern Euch jedoch: Es gibt im Sprachschatz des Christen keinen kraftvolleren Begriff als diesen. Er hat die gleiche Bedeutung wie die Kraft Christi selbst. Wenn wir nicht an die Liebe glauben, so glauben wir auch nicht an jenen, der da sagt: „Ich gebe euch ein neues Gebot: Liebet einander, wie ich euch geliebt habe“ (Joh 15, 12).

Es gibt nichts Größeres als die Vergebung, wer nicht vergeben kann, dem wird auch nicht vergeben werden (vgl. Mt 6, 12).

Auf die Waagschale der Verantwortung in der Gemeinschaft gehört ein großes Maß an Verzicht und Solidarität, wenn die Beziehungen zwischen den Menschen in ein korrektes Gleichgewicht kommen sollen. Ein Nachdenken über diese Wahrheit würde unsere Länder zu einer Überprüfung ihres Verhaltens gegenüber den Verbannten veranlassen mit all den sich daraus ergebenden Problemen in Übereinstimmung mit dem Gemeinwohl, im Geist der Liebe, und ohne der Gerechtigkeit Abbruch zu tun. Auf unserem Kontinent gibt es zahllose Familien, die von schweren Traumata heimgesucht werden.

Die Zivilisation der Liebe verurteilt die absoluten Teilungen und die psychologischen Mauern, die Menschen, Institutionen und nationale Gemeinschaften gewaltsam voneinander trennen. Deshalb tritt sie mit allem Nachdruck für die Integration Lateinamerikas ein. Die Einheit und die Vielfalt beinhalten Elemente, die den Wert unseres Kontinents ausmachen. Sie sollten viel höher geschätzt und viel mehr gefördert werden, als die rein nationalen Interessen. Wir müssen die lateinamerikanischen Staaten an die dringende Notwendigkeit erinnern, unser hohes Gut, den Frieden auf dem Kontinent, zu erhalten und zu mehren, denn es wäre in der Tat eine unermeßliche Verantwortung vor der Geschichte, wenn wir die Bande der lateinamerikanischen Freundschaft zerreißen würden, dies um so mehr, als wir davon überzeugt sind, dass es juristische und moralische Lösungsmöglichkeiten für die uns gemeinsam betreffenden Probleme gibt.

Die Zivilisation der Liebe lehnt Unterwerfung und Abhängigkeit ab, die der Würde Lateinamerikas schaden. Wir wollen nicht Satellit irgendeines Landes auf der Welt sein, noch wollen wir uns die Ideologien eines anderen Landes zu eigen machen. Wir wollen brüderlich mit allen zusammenleben, denn wir lehnen den engherzigen und starrsinnigen Nationalismus ab. Lateinamerika muss jetzt den entwickelten Ländern klarmachen, dass diese nicht unsere Bewegungsfreiheit einengen können, dass sie nicht unseren Fortschritt behindern dürfen, dass sie uns nicht ausbeuten dürfen, sondern dass sie uns großherzig helfen müssen, die Schranken unserer Unterentwicklung zu überwinden. Dabei müssen sie unsere Kultur, unsere Prinzipien, unsere Souveränität, unsere Identität und unsere natürlichen Ressourcen respektieren. In diesem Geist werden wir zusammen als Brüder der gleichen universalen Familie wachsen.

Ein weiteres Problem, an das wir mit der allergrößten Sorge denken, ist das Wettrüsten, das unaufhörlich Todeswerkzeuge hervorbringt. Im Wettrüsten liegt die für uns so schmerzliche Widersinnigkeit begründet, die das Recht auf nationale Verteidigung mit dem Ehrgeiz unzulässigen Gewinnstrebens verwechselt. Das ist nicht der Weg zum Frieden.

Zum Abschluss unserer Botschaft fordern wir voller Vertrauen und Achtung alle Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft auf, diese Reflexionen, die das Ergebnis unserer Erfahrungen und unserer seelsorgerischen Sensibilität sind, zu überdenken.

Glaubt uns, wir wollen den Frieden, und um ihn zu verwirklichen, müssen diejenigen Elemente beseitigt werden, die die Spannungen zwischen Besitz und Macht einerseits und dem Menschen und seinen gerechten Bestrebungen andererseits hervorrufen. Für die Gerechtigkeit, für die Wahrheit, für die Liebe und für die Freiheit im Rahmen der Gemeinschaft und der Mitbeteiligung zu wirken, heißt für den Weltfrieden wirken.

Schlusswort

9. In Medellin haben wir unsere Botschaft mit folgender Aussage geschlossen: „Wir glauben an Gott, an die Menschen, an die Werte und an die Zukunft Lateinamerikas.“ In Puebla greifen wir dieses Bekenntnis zu Gott und den Menschen erneut auf. Gott ist im Herzen Lateinamerikas durch Jesus Christus, den Be freier, gegenwärtig und lebendig.

Wir glauben an die Kraft des Evangeliums. Wir glauben an die Wirksamkeit der Werte des Evangeliums, die da Gemeinschaft und Mitbeteiligung heißen, und auf ihrer Grundlage wird uns schöpferischer Geist erfüllen, wir werden Erfahrungen sammeln und neue pastorale Vorhaben in die Wirklichkeit umsetzen.

Wir glauben an die Gnade und die Kraft unseres Herrn Jesus Christus, der das Leben durchdringt und uns zu Umkehr und Solidarität auffordert. Wir glauben an die Hoffnung, die den Menschen auf seinem Wege zu Gott, unserem Vater, kräftigt und stärkt.

Möge uns unsere Herrin von Guadalupe, die Schutzpatronin Lateinamerikas, begleiten und uns auf dieser Pilgerfahrt auf dem Weg zum Frieden ihre Fürsorge angedeihen lassen.

TEIL I: PASTORALE SICHT DER LATEINAMERIKANISCHEN REALITÄT

Ziel dieser historischen Sicht ist

1. die [Ortung] unserer Evangelisierungsarbeit in Fortsetzung mit der bereits verwirklichten Evangelisierung der vergangenen fünf Jahrhunderte, deren Grundpfeiler fortdauern und in deren Verlauf ein grundlegendes katholisches Substrat in Lateinamerika entstanden ist. Ein Substrat, welches sich noch um so mehr verstärkte nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil und der 2. Vollversammlung des Episkopats in Medellin, in dem zunehmend deutlicheren und tieferen Bewusstsein, dass die Kirche als ihren grundlegenden Sendungsauftrag die Evangelisierung hat.

2. die [Untersuchung] einiger Aspekte des gegenwärtigen soziokulturellen Kontextes, in welchem die Kirche ihren Sendungsauftrag verwirklicht und damit zugleich die Überprüfung der pastoralen Wirklichkeit, die sich heute der Evangelisierung mit ihren Vorstellungen für die Zukunft bietet, aus unserer Sicht als Hirten.

Kapitel I: Historische Sicht der lateinamerikanischen Realität

Die Höhepunkte der Evangelisierung in Lateinamerika

3 Die Kirche hat den Sendungsauftrag erhalten, den Menschen die Frohe Botschaft zu bringen. Zur wirksamen Durchführung dieses Auftrags sieht sich die Kirche in Lateinamerika vor die Notwendigkeit gestellt, das lateinamerikanische Volk in seiner Geschichte und deren Wechselfällen zu kennen. Dieses Volk muss auch in Zukunft evangelisiert werden als Erbträger einer Vergangenheit, als Vorkämpfer der Gegenwart, als Gestalter einer Zukunft und als Pilger zum endgültigen Reich.

4 Die Evangelisierung ist der eigentliche Sendungsauftrag der Kirche. Die Geschichte der Kirche ist ganz wesentlich die Geschichte der Evangelisierung eines Volkes, das ständig im Entstehen begriffen ist, geboren wird und sich in die weltliche Existenz der Nationen eingliedert. Wo die Kirche Gestalt annimmt, dort trägt sie lebensnotwendig zur Entstehung von Nationalitäten bei und verleiht ihnen ein eigenes Gepräge. Die Evangelisierung stand am Anfang dieser neuen Welt, am Anfang Lateinamerikas. Die Kirche ist in Ursprung und Gegenwart des Kontinents gegenwärtig. Sie will im Rahmen der Verwirklichung des ihr eigenen Auftrages der besseren Zukunft der lateinamerikanischen Völker, ihrer Befreiung und ihrem Wachstum in allen Dimensionen des Lebens dienen. Schon Medellin nahm die Worte Pauls VI. über die Berufung Lateinamerikas auf, nämlich „in einer neuen und genialen Synthese das Alte mit dem Modernen, das Geistige mit dem Zeitlichen, das, was andere uns überlieferten, und unsere eigene Originalität zu vereinen“ (Medellin, Einführung 7).

5 Lateinamerika schuf aus dem zuweilen schmerzhaften Zusammenfluß der verschiedensten Kulturen und Rassen eine neue Mischform ethnischer Gruppen, Existenz- und Denkformen, die nach Überwindung der früheren scharfen Trennlinien die Entstehung einer neuen Rasse ermöglichte.

6 Die Entstehung von Völkern und Kulturen ist stets eine dramatische Entwicklung voller Licht- und Schattenseiten. Die Evangelisierung als Aufgabe des Menschen unterliegt den Wechselfällen der Geschichte, doch sucht sie diese immer mit dem Feuer des Geistes auf dem Wege Christi, der Kern und Sinn der Universalgeschichte des einzelnen und aller Menschen ist, zu überwinden. Die Evangelisierung, die von den Widersprüchen und Irrungen jener Anfangszeit vorangetrieben wurde und inmitten eines gigantischen Entstehungsprozesses von Herrschaftsstrukturen und Kulturen stattfand, der noch nicht abgeschlossen ist, diese Evangelisierung ist eines der wesentlichen Kapitel der Kirchengeschichte. Auf die ebenso großen wie unerhörten Schwierigkeiten reagierte sie mit einer Kreativität, deren Kraft die Religiosität bei der großen Mehrheit der Lateinamerikaner wachhält.

7 Unser grundlegendes katholisches Substrat mit seinen heutigen vitalen Formen der Religiosität wurde begründet und mit Leben erfüllt von einer großen missionierenden Schar von Bischöfen, Ordensleuten und Laien. Wir denken dabei vor allem an die Arbeit unserer Heiligen, wie Toribio de Mogrovejo, Rosa de Lima, Martin de Porres, Pedro Claver, Luis Beltran und andere, die, indem sie die Schwäche und Feigheit der Menschen überwanden, die sie umgaben und die sie zuweilen verfolgten, zeigten, dass das Evangelium in seiner Fülle der Gnade und der Liebe in Lateinamerika gelebt wurde und noch heute gelebt werden kann als Zeichen geistlicher Größe und göttlicher Wahrheit.

8 Furchtlose Kämpfer für die Gerechtigkeit, die den Frieden predigten, wie Antonio de Montesinos, Bartolomé de las Casas, Juan de Zumárraga, Vasco de Quiroga, Juan del Valle, Julian Garces, José de Anchieta, Manuel Nóbrega und viele andere, die die Indios gegen die Conquistadoren und die Encomenderos (Anm. d. Ü.: Encomenderos sind Lehnsleute der spanischen Krone, die mit eroberten Ländereien belehnt wurden mit der Auflage, die dort wohnenden Indios zum Christentum zu bekehren) verteidigten (Zu beklagen ist, dass das Problem der afrikanischen Sklaven nicht Gegenstand der Evangelisierungs- und Befreiungsarbeit der Kirche war), sogar bis zum Tode, wie im Falle des Bischofs Antonio Valdiviezo, zeigen durch die Kraft der Tatsachen, wie die Kirche Würde und Freiheit des lateinamerikanischen Menschen fördert. Dies wurde in Dankbarkeit von Papst Johannes Paul II. anerkannt, als er zum erstenmal die Neue Welt betrat und Bezug nahm auf „jene Ordensleute, die kamen, um Christus, den Erlöser, zu verkünden, um die Würde der Eingeborenen zu verteidigen, um ihre unverletzlichen Rechte zu proklamieren, um ihre Entwicklung zu fördern und um zu lehren, dass wir alle Brüder sind als Menschen und als Kinder des Herrn und Gottvaters“ (Johannes Paul II., Ansprache bei seiner Ankunft in Santo Domingo, AAS LXXI, S. 154, 25. Januar 1979).

9 Das Evangelisierungswerk der Kirche in Lateinamerika ist das Ergebnis der einhelligen missionarischen Bemühung des gesamten Gottesvolkes. Es gibt zahllose Beweise der Liebe, der Fürsorge, der Erziehung, und besonders hervorzuheben ist die einmalige Synthese von Evangelisierung und Dienst am Menschen, wie sie von den Missionen der Franziskaner, Augustiner, Dominikaner, Jesuiten, der Barmherzigen Brüder und anderen geleistet wurde. Wir denken auch an die vom Evangelium bestimmte Opferbereitschaft und Großherzigkeit vieler Christen, unter denen der Frau mit ihrer Selbstverleugnung und ihrem Gebet eine wesentliche Aufgabe zukam. Wir denken auch an den Einfallsreichtum in der Erziehung zum Glauben, wir denken an die umfassende Mitwirkung aller Künste, von der Musik zum Gesang und dem Tanz bis zur Architektur, der Malerei und dem Theater. Diese pastorale Kraft ist verbunden mit einer umfassenden theologischen Reflexion und einer intellektuellen Dynamik, die Universitäten und Schulen erfüllte, die aber auch ihren Niederschlag in der Abfassung von Lexika, Grammatiken, Katechismen in verschiedenen Eingeborenensprachen und den interessantesten historischen Berichten über die Ursprünge unserer Völker fand. Wir denken an die außergewöhnliche Verbreitung von Laienbruderschaften, die Seele und Mittelpunkt des religiösen Lebens der Gläubigen verkörpern und die eine lange zurückliegende und dennoch fruchtbare Quelle für die gegenwärtigen Gemeinschaftsbewegungen in der lateinamerikanischen Kirche sind.

10 Zwar litt die Kirche bei ihrer Evangelisierungsarbeit unter ihrer Ohnmacht, unter ihren Bündnissen mit den irdischen Gewalten, unter der Unvollständigkeit ihrer pastoralen Sicht und unter der zerstörerischen Kraft der Sünde, doch muss man auch anerkennen, dass die Evangelisierung, die Lateinamerika zum „Kontinent der Hoffnung“ macht, viel stärker war als die Schatten, die sie in ihrer erlebten Geschichte begleiteten. Dies muss für uns Christen von heute eine Herausforderung sein, es den Besten in unserer Geschichte gleichzutun und uns in schöpferischer Treue den Herausforderungen der lateinamerikanischen Gegenwart zu stellen.

11 Jener Epoche der Evangelisierung, die so entscheidend die Gestaltung Lateinamerikas beeinflußte, folgten nach einer Phase der Stabilisierung, der Ermüdung und der Routine die großen Krisen des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts, die für die Kirche Verfolgungen und Bitternis mit sich brachten, indem sie großen Unsicherheiten und Konflikten ausgesetzt wurde, die sie bis in ihre Grundfesten erschütterten. Die Kirche bestand diese harte Bewährungsprobe, und mit einer mächtigen Anstrengung gelangen ihr Neuaufbau und Überleben. Heute, vornehmlich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, hat sich die Kirche mit der Kraft, die ihr aus dem Evangelium zufließt, erneuert, sie hat die Nöte und Hoffnungen der lateinamerikanischen Völker zu den ihren gemacht. Die Kraft, die ihre Bischöfe in Lima, Mexiko, Sao Salvador de Bahia und Rom zusammenrief, zeigt sich in den Versammlungen des lateinamerikanischen Episkopats in Rio und in Medellin, die ihre Kräfte stärkten und sie auf die zukünftigen Herausforderungen vorbereiteten.

12 Insbesondere seit Medellin erforscht die Kirche im klaren Bewusstsein ihrer Sendung und bereit zum fairen Dialog die Zeichen der Zeit, und sie ist bereit zur Evangelisierung, um ihren Beitrag zum Aufbau einer neuen Gesellschaft zu leisten, einer Gesellschaft, die gerechter und brüderlicher ist, wie unsere Völker sie unüberhörbar fordern. So gehen Tradition und Fortschritt, die früher in Lateinamerika unvereinbar zu sein schienen und einander die Kraft raubten, heute zusammen bei der Suche nach einer neuen Synthese, die die Möglichkeiten in der Zukunft mit den Kräften verbindet, die aus unseren gemeinsamen Wurzeln herrühren. So ist es zu verstehen, dass im Rahmen dieser großen Erneuerungsbewegung zu Beginn eines neuen Zeitalters mitten unter den sich uns stellenden Herausforderungen wir als Hirten die jahrhundertealte bischöfliche Tradition unseres Kontinents fortsetzen und uns darauf vorbereiten, erfüllt von Hoffnung und Kraft, die Botschaft der Erlösung des Evangeliums allen Menschen, insbesondere den Ärmsten und Vergessenen, zu bringen.

13 In ihrer reichen wechselvollen Geschichte bestand die Aufgabe der Kirche immer in ihrer Verpflichtung im Glauben gegenüber dem lateinamerikanischen Menschen, d. h. für seine ewige Erlösung, seine geistliche Vollendung und seine umfassende menschliche Verwirklichung.

14 Inspiriert durch diesen großen Sendungsauftrag von gestern wollen wir uns mit den Augen und dem Herzen von Hirten und Christen der Realität des lateinamerikanischen Menschen in der Gegenwart annehmen, um ihn zu interpretieren und zu verstehen, damit wir unseren pastoralen Auftrag, ausgehend von dieser Realität, begreifen.

Kapitel II: Sozio-kulturelle Sicht der lateinamerikanischen Realität

Einführung

15 Als Hirten wandern wir mit dem lateinamerikanischen Volk durch unsere Geschichte, die viele gemeinsame Grundelemente aufweist, jedoch auch Unterschiede und Besonderheiten, die den einzelnen Nationen eigen sind. Auf der Grundlage des Evangeliums, das uns Jesus Christus vor Augen stellt, wie er Gutes tut und alle ohne Unterschied liebt (vgl. Apg 10, 38), und aus der Sicht unseres Glaubens nehmen wir unseren Standort in der Realität des lateinamerikanischen Menschen ein, wie sie in seinen Hoffnungen, Errungenschaften und Enttäuschungen zum Ausdruck kommt. Dieser Glaube veranlasst uns dazu, den Ruf Gottes in den Zeichen der Zeit zu erkennen, für ihn Zeugnis abzulegen, und die Werte des Evangeliums, wie die Gemeinschaft und die Mitbeteiligung, zu verkünden und zu unterstützen und alles das anzuklagen, was in unserer Gesellschaft gegen die Gotteskindschaft gerichtet ist, die ihren Ursprung in Gottvater und in der brüderlichen Beziehung zu Jesus Christus hat.

16 Als Hirten haben wir die Erfolge und Fehlschläge der letzten Jahre untersucht. Mit unserer Darstellung der Realität wollen wir nicht Entmutigung hervorrufen, sondern alle anregen, zu einer Verbesserung beizutragen. Die Kirche in Lateinamerika hat versucht, dem Menschen zu helfen, damit er „aus einer weniger menschlichen in eine menschlichere Lage“ gelange (PP 20). Sie hat sich bemüht, zu einer ständigen Umkehr des einzelnen und der Gesellschaft aufzurufen. Sie fordert von allen Christen, mitzuarbeiten bei der Veränderung ungerechter Strukturen, die christlichen Werte in die sie umgebende Kultur einfließen zu lassen, und im Bewusstsein der erreichten Fortschritte Mut zu fassen, um auch in Zukunft zu einer Verbesserung des bereits Erreichten beizutragen.

17 Von Freude erfüllt, weisen wir auf einige Tatbestände hin, die uns hoffen lassen: Der lateinamerikanische Mensch besitzt von Natur her eine Neigung, Menschen freundlich aufzunehmen, in brüderlicher Liebe und Selbstlosigkeit, das, was er besitzt, insbesondere mit den Armen zu teilen, mit anderen zu fühlen, die in Unglück und Not sind. Er schätzt sehr die besonderen Bande der Freundschaft, die aus der Patenschaft erwachsen, wie auch die Familie und die durch sie geschaffenen Bindungen.

18 Er ist sich seiner Würde und seines Wunsches nach politischer und gesellschaftlicher Mitbeteiligung in stärkerem Maße bewusst geworden, obgleich diese Rechte vielerorts mit Füßen getreten werden. Gemeinschaftsorganisationen, wie Genossenschaftsbewegungen und andere haben in breiten Schichten der Bevölkerung viel an Boden gewonnen.

19 Es besteht ein steigendes Interesse an den eigenen kulturellen Werten, und es wächst die Achtung vor der Einmaligkeit der autochthonen Kulturen und ihrer Gemeinschaften. Außerdem liebt der Lateinamerikaner den heimatlichen Grund und Boden.

20 Unser Volk ist jung, und wo immer es Gelegenheit hat, sich fortzubilden und zu organisieren, hat es gezeigt, dass es große Leistungen vollbringen und seine berechtigten Ansprüche verwirklichen kann.

21 Der bemerkenswerte wirtschaftliche Fortschritt unseres Kontinents beweist, dass es möglich ist, die extremste Armut zu besiegen und die Lebensqualität unseres Volkes zu verbessern. Wenn dies aber möglich ist, dann bedeutet es auch eine Verpflichtung (vgl. PP 76).

22 Obgleich die Mittelklasse teilweise unter einer Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen zu leiden hatte, ist sie zahlenmäßig doch angewachsen.

23 Die Fortschritte im Erziehungswesen sind eindeutig.

24 Doch in den zahllosen pastoralen Begegnungen mit unserem Volk haben wir ebenso wie Papst Johannes Paul II. bei seinem Zusammentreffen mit Bauern, Arbeitern und Studenten den aus dem Herzen kommenden Aufschrei, voller Angst, Hoffnung und voller Wünsche, vernommen, dessen Fürsprecher wir sein wollen: „Die Stimme dessen, der nicht sprechen kann oder der zum Schweigen gezwungen wird“ (Ansprache in Oaxaca 5 AAS LXXI S. 208).

25 So machen wir uns die Dynamik der Konferenz von Medellin (vgl. Medellin, Armut der Kirche, 2) zu eigen, deren Sicht der Wirklichkeit wir uns anschließen, die in so vielen unserer pastoralen Dokumente in diesem Jahrzehnt Eingang gefunden hat.

26 Die Darlegung Pauls VI. in Evangelii nuntiandi spiegelt in besonders klarer Weise die Realität unserer Länder wider: „Es ist bekannt, mit welchen Worten auf der letzten Synode zahlreiche Bischöfe aus allen Kontinenten, vor allem die Bischöfe der Dritten Welt, mit einem pastoralen Akzent gerade über die Botschaft der Befreiung gesprochen haben, wobei die Stimme von Millionen von Söhnen und Töchtern der Kirche, die jene Völker bilden, miterklungen ist. Völker, wie Wir wissen, die sich mit all ihren Kräften dafür einsetzen und kämpfen, dass all das überwunden wird, was sie dazu verurteilt, am Rande des Lebens zu bleiben: Hunger, chronische Krankheiten, Analphabetismus, Armut, Ungerechtigkeiten in den internationalen Beziehungen und besonders im Handel, Situationen eines wirtschaftlichen und kulturellen Neokolonialismus, der mitunter ebenso grausam ist wie der alte politische Kolonialismus. Die Kirche hat, wie die Bischöfe erneut bekräftigt haben, die Pflicht, die Befreiung von Millionen menschlicher Wesen zu verkünden, von denen viele ihr selbst angehören; die Pflicht zu helfen, dass diese Befreiung Wirklichkeit wird, für sie Zeugnis zu geben und mitzuwirken, damit sie ganzheitlich erfolgt. Dies steht durchaus im Einklang mit der Evangelisation“ (EN 30).

Ängste teilen

27 Mit Sorge erfüllen uns die Ängste aller Mitglieder des Volkes ohne Ansehen ihrer sozialen Stellung: ihre Einsamkeit, ihre familiären Probleme, und die so häufig zu beobachtende Sinnlosigkeit ihres Lebens ... ganz besonders aber wollen wir heute mit denen teilen, deren Ängste aus ihrer Armut herrühren.

28 Im Licht des Glaubens betrachten wir den sich immer mehr auftuenden Abgrund zwischen Reichen und Armen als ein Ärgernis und einen Widerspruch zum Christsein (Vgl. Johannes Paul II. Eröffnungsrede III, 2. AAS LXXI S. 199). Der Luxus einiger weniger wird zur Beleidigung für das große Elend der Massen (Vgl. PP 3). Diese Tatsache läuft dem Plan des Schöpfers zuwider und ist gegen die Ehre gerichtet, die wir ihm schulden. In diesen Ängsten und Schmerzen sieht die Kirche eine soziale Sünde, die um so schwerer wiegt, da sie in Ländern begangen wird, die sich katholisch nennen und die Fähigkeit haben, dies abzuändern: „Man soll die Barrieren der Ausbeutung ... gegen die, die ihre besten Kräfte dem Aufstieg opfern, abbrechen“ (Johannes Paul II. Ansprache Oaxaca 5 AAS LXXI S. 209).

29 Wir halten daher fest, dass die unmenschliche Armut, unter der Millionen von Lateinamerikanern leiden, eine verheerende und erniedrigende Geißel ist. Sie kommt zum Ausdruck in der Kindersterblichkeit, dem Wohnungsmangel, den Gesundheitsproblemen, den Hungerlöhnen, der Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, der Unterernährung, der Instabilität der Arbeitsplätze, der Massenauswanderung, die unter Druck und ohne gesetzlichen Schutz vonstatten geht, u. a.

30 Untersuchen wir die Situation eingehender, so stellen wir fest, dass diese Armut nicht Zufall, sondern das Ergebnis wirtschaftlicher, sozialer, politischer und anderer Gegebenheiten und Strukturen ist. Hierzu gehört der innere Zustand unserer Staaten, der in vielen Fällen seinen Ursprung und Fortbestand aus Mechanismen herleitet, die, da sie nicht von echter Menschlichkeit, sondern vom Materialismus geprägt sind, auf internationaler Ebene die Reichen immer reicher werden lassen auf Kosten der Armen, die immer mehr verarmen. Diese Realität erfordert daher die Umkehr des einzelnen sowie tiefgreifende Strukturwandlungen, die den gerechten Bestrebungen des Volkes nach einer in Wahrheit sozialen Gerechtigkeit Genüge tun. Diese Strukturwandlungen haben in Lateinamerika entweder gar nicht oder zu langsam stattgefunden.

31 Diese äußerste allgemeine Armut nimmt im täglichen Leben sehr konkrete Züge an, in denen wir das Leidensantlitz Christi, unseres Herrn, erkennen sollten, der uns fragend und fordernd anspricht in

32 – den Gesichtern der Kinder, die schon vor ihrer Geburt mit Armut geschlagen sind, die in den Möglichkeiten ihrer Selbstverwirklichung durch irreparable geistige und körperliche Schäden behindert werden und die in unseren Städten, oftmals ausgebeutet, als Produkt der Armut und des moralischen Zerfalls der Familie ein Vagabundendasein fristen;

33 – den Gesichtern der jungen Menschen ohne Orientierung, da sie keinen Platz in der Gesellschaft finden und frustriert sind, insbesondere in ländlichen Gebieten und den Randzonen der Städte, da sie weder Ausbildung noch Beschäftigung finden;

34 – den Gesichtern der Indios und häufig auch der Afroamerikaner, die am Rand der Gesellschaft in unmenschlichen Situationen leben und somit als die Ärmsten unter den Armen betrachtet werden können;

35 – den Gesichtern der Landbevölkerung, die als gesellschaftliche Gruppe fast auf dem ganzen Kontinent in der Verbannung lebt, die manchmal des Grund und Bodens beraubt ist, sich in innerer und äußerer Abhängigkeit befindet und Vermarktungssystemen unterworfen ist, die sie ausbeuten;

36 – den Gesichtern der Arbeiter, die häufig schlecht bezahlt sind und Schwierigkeiten haben, sich zu organisieren und ihre Rechte zu verteidigen;

37 – den Gesichtern der Unterbeschäftigten und Arbeitslosen, die aufgrund der harten Bedingungen von Wirtschaftskrisen und Entwicklungsmodellen entlassen wurden, welche die Arbeiter und ihre Familien von kaltem wirtschaftlichem Kalkül abhängig machen;

38 – den Gesichtern der Randgruppen der Gesellschaft und derer, die auf viel zu engem Raum leben, die unter dem doppelten Druck des Mangels an materiellen Gütern und dem sichtbaren Reichtum anderer Gesellschaftsschichten leiden;

39 – den Gesichtern der Alten, deren Zahl ständig zunimmt, und die oft von der Fortschrittsgesellschaft ausgeschlossen werden, da man unproduktive Individuen nicht brauchen kann.

40 Wir teilen mit unserem Volk andere Ängste, die aus dem Mangel an Achtung vor der Würde des Menschen herrühren, der doch das Ebenbild des Schöpfers ist und als Kind Gottes über unveräußerliche Rechte verfügt.

41 In Ländern wie den unseren, in denen häufig die Grundrechte des Menschen nicht geachtet werden, wie Leben, Gesundheit, Erziehung, das Recht auf Wohnung und Arbeit ... wird die Würde des Menschen fortdauernd verletzt.

42 Zu diesen Ängsten kommen andere hinzu, die sich aus dem in Gewaltregimen typischen Machtmissbrauch ergeben. Es sind dies die Ängste, die das Ergebnis einer systematischen oder selektiven Repression sind, die von Denunzierungen, der Verletzung der privaten Sphäre, einem unangemessenen Druck, Foltern und Verbannung begleitet sind. Es sind die Ängste, die in so vielen Familien aufgrund des Verschwindens geliebter Angehöriger aufsteigen, von denen sie keinerlei Nachricht erhalten. Es ist die völlige Unsicherheit, die durch Verhaftungen ohne richterliche Anweisung entsteht. Es sind die Ängste, die sich aus einer Ausübung der Justiz ergeben, die abhängig oder gefesselt ist. So wie es die Päpste gefordert haben, muss die Kirche „auf der Grundlage einer echten Verpflichtung im Geist des Evangeliums“ (Vgl. Johannes Paul II. Eröffnungsrede III, 3. AAS LXXI S. 199) ihre Stimme erheben, und solche Situationen anklagen und verdammen, dies um so mehr, wenn die Regierenden oder Verantwortlichen sich zum Christentum bekennen.

43 Ängste entstehen aufgrund der Gewaltanwendung durch die Guerillas, durch den Terrorismus und aufgrund von Entführungen, deren Urheber Extremisten der verschiedensten Richtungen sind. Ein solches Geschehen belastet ebenfalls das gesellschaftliche Zusammenleben.

44 Der Mangel an Achtung vor der Würde des Menschen kommt auch in vielen Ländern im Fehlen einer gesellschaftlichen Mitbeteiligung auf verschiedenen Ebenen zum Ausdruck. Dabei nehmen wir in besonderer Weise Bezug auf den gewerkschaftlichen Zusammenschluss. Vielerorts wird die Arbeitsgesetzgebung willkürlich oder gar nicht angewandt. Insbesondere in den Ländern mit Gewaltregimen wird die Organisation von Arbeitern, Landarbeitern und breiten Schichten des Volkes ungern gesehen, und es werden repressive Maßnahmen zu deren Verhinderung ergriffen. Diese Art von Kontrolle und Beschränkung der Handlungsfähigkeit erfolgt nicht im Falle von Arbeitgebervereinigungen, die ihre ganze Machtfülle zur Geltung bringen können, um ihre Interessen zu schützen.

45 In einigen Fällen verkehrt die übertriebene Politisierung der Gewerkschaftsspitzen den Zweck ihrer Organisation ins Gegenteil.

46 In den letzten Jahren kann man außerdem eine Verschlechterung des politischen Bildes feststellen, wodurch die Mitbeteiligung der Bürger an der Lenkung ihres eigenen Geschicks schwer beeinträchtigt wird. Häufig nimmt auch die Ungerechtigkeit zu, die man als institutionalisiert bezeichnen kann (vgl. Med., Frieden 16). Außerdem provozieren extremistische politische Gruppen durch die Anwendung gewaltsamer Mittel neue Repressionen gegen die breiten Volksschichten.

47 Die freie Marktwirtschaft in ihrer reinsten Ausprägung, die immer noch als Wirtschaftssystem auf unserem Kontinent gilt und durch gewisse liberale Ideologien legitimiert wird, hat den Abstand zwischen Reichen und Armen vergrößert, weil sie das Kapital vor die Arbeit setzt, wirtschaftliche Interessen vor soziale Belange. Minderheitsgruppen, zuweilen mit ausländischen Interessen verbündet, haben die Möglichkeiten ausgenutzt, die ihnen diese alten Formen des freien Markts bieten, um ihren Vorteil auf Kosten der Interessen des größeren Teils der Bevölkerung zu sichern.

48 Mit dem Versprechen einer vermehrten sozialen Gerechtigkeit haben sich marxistische Ideologien unter Arbeitern, Studenten, Lehrern und in anderen Schichten verbreitet. In der Praxis haben ihre Strategien viele christliche, d. h. menschliche Werte geopfert, oder diese sind einer utopischen Wirklichkeitsferne zum Opfer gefallen, indem sie sich auf eine Politik stützen, die durch die Verwendung der Gewalt als Hauptinstrument nur die Spirale der Gewalt vorwärts treibt.

49 Die Ideologien von der nationalen Sicherheit haben dazu beigetragen, vielerorts den totalitären oder autoritären Charakter der Gewaltregime zu stärken. Die Folge waren Machtmissbrauch und Verletzung der Menschenrechte. In einigen Fällen sollen solche Haltungen mit einem subjektiven Bekenntnis zum christlichen Glauben verbrämt werden.

50 Wirtschaftskrisen, unter denen unsere Länder leiden, vergrößern trotz einer Tendenz zur Modernisierung, die von starkem Wirtschaftswachstum begleitet ist, mit mehr oder weniger Härte die Leiden unserer Völker, wenn eine kalte Technokratie Entwicklungsmodelle zur Anwendung bringt, die von den ärmsten Schichten wahrhaft unmenschliche Sozialkosten fordern, die um so ungerechter sind, als sie nicht von allen getragen werden.

Kulturelle Aspekte

51 Lateinamerika setzt sich aus verschiedenen Rassen und kulturellen Gruppen zusammen, die jeweils einem unterschiedlichen historischen Prozess ausgesetzt waren. Es ist daher keine einheitliche und kontinuierliche Realität. Es gibt jedoch auch Elemente, die ein gemeinsames kulturelles Erbe historischer Traditionen und christlichen Glaubens darstellen.

52 Wir beklagen es, dass die Entwicklung bestimmter Kulturen sehr im argen liegt. In der Praxis werden Werte verkannt, verdrängt und sogar zerstört, die zur alten und reichen Tradition unseres Volkes gehören. Andererseits hat eine Aufwertung der autochthonen Kulturen begonnen.

53 Aufgrund dominierender äußerer Einflüsse oder der verfremdenden Nachahmung importierter Lebensformen und Werte wurden die traditionellen Kulturen unserer Länder verbogen und beschädigt, und mit ihnen unsere Identität und unsere eigenen Werte.

54 Wir teilen daher mit unserem Volk die Ängste, die es aufgrund der Umkehrung der Werte empfindet, die häufig am Anfang vieler Übel steht, auf die wir hingewiesen haben. Zu ihnen zählen:

55 – der individualistische Materialismus, der vielen Zeitgenossen der höchste Wert zu sein scheint, der aber gegen die Gemeinschaft und die Mitbeteiligung gerichtet ist und die Solidarität verhindert; hierhin gehört auch der kollektivistische Materialismus, der den Einzelmenschen dem Staat unterordnet;

56 – das Konsumdenken, das mit seinem unkontrollierten Streben nach „mehr“ den modernen Menschen in eine Diesseitsgläubigkeit treibt, die ihn von den im Evangelium geforderten Tugenden der Selbstlosigkeit und des Maßhaltens abschließt und ihn für solidarisches Miteinander und brüderliche Mitbeteiligung untauglich macht;

57 – die Herabsetzung der Grundwerte der Familie zerstört die Familiengemeinschaft und verhindert die mitverantwortliche Beteiligung aller Familienmitglieder und lässt sie so zu einer leichten Beute von Scheidung und Trennung werden. In einigen kulturellen Gruppen kommt die Schlechterstellung der Frau hinzu;

58 – die Aushöhlung der öffentlichen und privaten Ehrlichkeit; Frustrationen und Hedonismus, die die Menschen den Lastern in die Arme treiben, wie Spiel, Drogensucht, Alkoholismus und sexuelle Ausschweifung.

59 – Erziehung und gesellschaftliche Kommunikation als Kulturträger:

60 – Das Erziehungswesen hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht, die Schülerzahlen sind gestiegen, obgleich es noch eine große Anzahl vorzeitiger Schulabgänge gibt; die Zahl der Analphabeten ist gesunken, wenn auch nicht in ausreichendem Maße in den Gebieten mit autochthoner oder ländlicher Bevölkerung.

61 Trotz dieser Fortschritte sind Anzeichen einer Verformung und Entpersönlichung zu beobachten, die auf die Manipulierung durch minderheitliche Machtgruppen zurückzuführen sind, die sich bemühen, ihre Interessen zu sichern und ihre Ideologien den anderen aufzudrängen.

62 – Die kulturellen Aspekte, die wir aufgezeigt haben, werden in starkem Maße von den Medien beeinflußt. Die politischen, ideologischen und wirtschaftlichen Machtgruppen dringen durch sie auf subtile Weise in den Lebensraum und die Lebensformen unseres Volkes ein. Es besteht eine Informationsmanipulierung durch die verschiedenen Machtfaktoren und Gruppen. Diese erfolgt insbesondere durch die Fülle von Veröffentlichungen, die falsche Erwartungen erwecken, fiktiven Bedarf schaffen und vielfach im Gegensatz stehen zu den Grundwerten der lateinamerikanischen Kultur und des Evangeliums. Die unzulässige Verwendung der Freiheit in diesen Medien führt zur Einmischung in die private Sphäre von im allgemeinen schutzlosen Personen. Ebenso durchdringt sie ständig alle Bereiche des menschlichen Lebens, die Familie, die Arbeitsstätten, die Erholungsstätten, die Straße. Andererseits führen die Medien zu einem kulturellen Wandel, der eine neue Sprache hervorbringt (vgl. EN 42).

Die Ursachen dieser Probleme

63 Wir möchten auf einige der Ursachen dieser Probleme hinweisen, um unseren Beitrag anzubieten und aus einer pastoralen Sicht, die die Forderungen des Volkes unmittelbarer vernimmt, an den notwendigen Änderungen mitzuarbeiten. Zu diesen Ursachen gehören:

64 a) die Wirtschaftssysteme, die den Menschen nicht als Mittelpunkt der Gesellschaft betrachten und nicht die tiefgreifenden Änderungen herbeiführen, die für eine gerechte Gesellschaft erforderlich sind;

65 b) die mangelnde Integration unserer Staaten, die neben weiteren schwerwiegenden Konsequenzen zur Folge hat, dass wir auf internationaler Ebene kleine Einheiten ohne Verhandlungsgewicht darstellen (Vgl. Botschaft an die Völker Lateinamerikas 8);

66 c) die Tatsache der wirtschaftlichen, technologischen, politischen und kulturellen Abhängigkeit: die Anwesenheit multinationaler Firmenzusammenschlüsse, die häufig nur ihren eigenen Interessen auf Kosten des Wohles des Empfängerlandes dienen; der Wertverlust unserer Rohstoffe im Vergleich zum Preis der Fertigwaren, die wir kaufen;

67 d) das Wettrüsten, das große Verbrechen unserer Zeit, das Ergebnis und Ursache der Spannungen zwischen Bruderstaaten ist. Es führt dazu, dass unendlich große Ressourcen für den Waffenkauf, anstatt für die Lösung lebenswichtiger Probleme verwendet werden (vgl. Botschaft an die Völker Lateinamerikas 8);

68 e) das Fehlen wirklichkeitsnaher Strukturreformen in der Landwirtschaft, die mit Nachdruck die schwerwiegenden sozialen und wirtschaftlichen Probleme der Landarbeiter angehen, nämlich den Zugang zu Grund und Boden und den Produktionsmitteln, die eine Verbesserung von Produktivität und Vermarktung herbeiführen würden;

69 f) die Krisis der moralischen Werte: die öffentliche und private Korruption, das grenzenlose Gewinnstreben, die Käuflichkeit, der Mangel an Anstrengung, die mangelnde soziale Einstellung, das Fehlen einer lebendigen Gerechtigkeit und Solidarität, die Kapital- und „Intelligenzflucht“ ... schwächen und verhindern schließlich die Gemeinschaft mit Gott und die Brüderlichkeit.

70 g) Schließlich stellen wir Hirten, ohne den technischen Charakter dieser Ursachen festlegen zu wollen, fest, dass in deren tiefstem Grund ein Mysterium der Sünde vorhanden ist, wenn der Mensch, der dazu berufen ist, die Welt zu beherrschen, die Mechanismen der Gesellschaft mit materialistischen Werten erfüllt (vgl. Johannes Paul II. Horn . Sto. Domingo, 3. AAS LXXI S. 157).

Standort auf einem Kontinent mit schwerwiegenden Bevölkerungsproblemen

71 Wir stellen fast in allen unseren Ländern ein starkes Bevölkerungswachstum fest. Unsere Bevölkerung ist in ihrer großen Mehrheit jung. Wanderungsbewegungen im Inneren und Auswanderung führen zur Entwurzelung, die Städte wachsen ungeordnet, was die Gefahr birgt, dass sie zu unkontrollierbaren Riesenstädten werden, für die es immer schwieriger wird, die Grunddienstleistungen wie Wohnungen, Krankenhäuser, Schulen, usw. anzubieten. Auf diese Weise wird die Randstellung gewisser Gruppen in sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht verschärft. Die Zahl derer, die Arbeit suchen, ist schneller gewachsen als die Fähigkeit des gegenwärtigen Wirtschaftssystems, Arbeitsplätze zu schaffen. Es gibt internationale Institutionen, die eine der Familienmoral zuwiderlaufende Antigeburtenpolitik begünstigen, und es gibt Regierungen, die eine solche Politik anwenden oder unter stützen.

Kapitel III: Sicht der kirchlichen Realität in der Gegenwart Lateinamerikas

Einführung

72 Die Sicht der Realität in ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang, so wie wir sie darstellten, zeigt uns, dass das lateinamerikanische Volk seinen Weg sucht zwischen Ängsten und Hoffnungen, zwischen Enttäuschungen und Erwartungen (vgl. GS 1).

73 Wenn wir die Ängste und Enttäuschungen im Licht des Glaubens betrachten, so wurden sie durch die Sünde verursacht, die ebenso beim Individuum wie in der Gesellschaft weitreichende Dimensionen angenommen hat. Die Hoffnungen und Erwartungen unseres Volkes erwachsen aus seiner tiefen Religiosität und seinem menschlichen Reichtum.

74 Wie hat die Kirche diese Realität gesehen? Wie hat sie sie interpretiert? Hat sie einen Weg gefunden, sie im Lichte des Evangeliums zu sehen und zu erklären? Hat sie klar gesehen, in welcher Weise diese Realität den Menschen zu zerstören droht, der doch Gegenstand der unendlichen Liebe Gottes ist, und in welcher Weise sie sich andererseits in Übereinstimmung mit dem göttlichen Heilsplan verwirklicht hat? Wie wurde die Kirche aufgebaut, um ihrer Aufgabe der Erlösung gerecht zu werden, die Christus ihr übertragen hat und die in konkreten Situationen und in der Beziehung zu konkreten Menschen gesehen werden muss? Was hat die Kirche angesichts einer sich ändernden Realität in diesen vergangenen zehn Jahren unternommen? 75 Dies sind die großen Fragen, die wir uns als Hirten stellen und auf die wir versuchen wollen zu antworten. Dabei sind wir uns dessen bewusst, dass die Hauptaufgabe der Kirche die Evangelisierung hier und heute mit der Blickrichtung auf die Zukunft ist.

Angesichts der Veränderungen

76 Bis zu dem Zeitpunkt, in dem unser Kontinent von dem reißenden Strom der kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen, politischen und technischen Veränderungen unserer modernen Zeit erfaßt wurde, wurde die Verbreitung des Evangeliums vom Gewicht der Tradition unterstützt. Was die Kirche von der Kanzel aus lehrte, wurde aufmerksam in der Familie, in der Schule aufgenommen und fand Unterstützung in der Gesellschaftsstruktur.

77 Heute ist es anders. Was die Kirche sagt, wird in einem Klima größerer Freiheit und mit betont kritischer Einstellung akzeptiert oder auch nicht. Sogar die Landbevölkerung, die früher isoliert lebte, ist jetzt von dieser kritischen Einstellung erfaßt, denn der Kontakt mit der Welt besonders durch das Radio und die Verkehrsmittel ist leichter geworden. Hierzu trägt auch die Arbeit der Bewusstseinsbildung durch die Pastoralträger bei.

78 Die Bevölkerung ist in viel stärkerem Maße angewachsen, als die augenblicklichen Möglichkeiten der Kirche, allen die Frohe Botschaft zu bringen. Dies ist auch zurückzuführen auf den Priestermangel, auf das Fehlen von Priester- und Ordensberufungen, auf die Austritte aus Priesteramt und Orden, auf den mangelnden Kontakt mit aktiv in kirchlichen Funktionen tätigen Laien und auf die Krise in den traditionellen apostolischen Bewegungen. Die Diener am Wort Gottes, die Pfarreien und übrigen kirchlichen Strukturen reichen nicht aus, um den Hunger des lateinamerikanischen Volkes nach dem Evangelium zu stillen. Die Leerräume wurden in anderer Weise ausgefüllt, was in nicht wenigen Fällen zu Indifferenz und religiöser Ignoranz geführt hat. Eine den ganzen Lebensraum umfassende Katechese hat bisher nicht verwirklicht werden können.

79 Der Indifferentismus ist mehr noch als der Atheismus zu einem Problem geworden und hat sich in breiten Schichten der Intellektuellen und Berufstätigen, der Jugend und auch der Arbeiter eingenistet. Gerade das positive Handeln der Kirche zum Schutz der Menschenrechte und ihr Verhalten gegenüber den Armen hat dazu geführt, dass wirtschaftlich mächtige Gruppen, die sich als die Vorkämpfer des Katholizismus betrachteten, sich von der Kirche verlassen fühlen. Sie meinen, die Kirche habe ihre „geistliche“ Mission aufgegeben. Es gibt auch viele andere, die sich Katholiken „nach ihrer Weise“ nennen und nicht einmal die Grundpostulate der Kirche befolgen. Viele schätzen die eigene „Ideologie“ höher ein als ihren Glauben und ihre Zugehörigkeit zur Kirche.

80 Viele Sekten haben sich durch ihre eindeutige und hartnäckige Haltung nicht nur als gegen den Katholizismus gerichtet erwiesen, sondern sind nach Auffassung der Kirche auch ungerecht, denn sie haben versucht, die Glieder der Kirche mit einer geringen Vorbildung auf ihre Seite zu ziehen. Wir müssen in Demut bekennen, dass bei vielen Menschen, auch in Teilen der Kirche selbst, eine falsche Interpretation des religiösen Pluralismus die Verbreitung von Lehren ermöglicht hat, die, bezüglich der Glaubens- und Sittenlehre, irrtümlich oder umstritten sind. Dadurch ist im Gottesvolk Verwirrung entstanden.

81 Alle diese Probleme werden weiter verschärft durch die religiöse Unwissenheit, die auf allen Ebenen, von den Intellektuellen bis hin zu den Analphabeten, anzutreffen ist. Immerhin stellen wir fest, dass aufgrund der Katechese, insbesondere der Erwachsenenkatechese, sehr positive Fortschritte gemacht wurden.

82 Die Unwissenheit und der Indifferentismus veranlassen viele dazu, moralische Prinzipien im Leben des einzelnen und der Gesellschaft außer acht zu lassen und sich auf eine rituelle, ausschließlich gesellschaftliche Teilnahme an gewissen Sakramenten oder an den Exequien als Zeichen ihrer Zugehörigkeit zur Kirche zu beschränken.

83 Die Säkularisierung, die eine legitime Autonomie in den irdischen Geschäften für sich beansprucht und dazu beitragen kann, das Bild Gottes und der Religion zu läutern, ist häufig in Richtung auf einen Verlust der religiösen Werte oder auf einen Säkularismus hin entartet, der Gott den Rücken kehrt und seine Gegenwart im öffentlichen Leben ablehnt. Das Bild der Kirche als Verbündete der Mächtigen dieser Welt hat in der Mehrzahl unserer Länder einen Wandel erfahren. Ihr festes Eintreten für die Menschenrechte und ihr Engagement zugunsten eines wirklichen sozialen Fortschritts haben sie dem Volk näher gebracht, obgleich sie andererseits von manchen gesellschaftlichen Gruppen nicht verstanden wurde und diese sich auch von ihr entfernt haben.

84 Gedrängt durch den Auftrag Christi, das Evangelium jedem Geschöpf zu erkündigen, und getrieben von der ungeheuren Größe ihrer Aufgabe und von dem Wandlungsprozess, hat die Kirche Lateinamerikas einerseits zwar ihre menschliche Unzulänglichkeit verspürt, andererseits aber auch erfahren, dass der Geist Christi sie bewegt und erfüllt. Sie hat verstanden, dass sie nicht tatenlos hintan bleiben kann angesichts der Forderungen einer sich ändernden Welt, ohne der Sünde der Untreue gegenüber ihrem Sendungsauftrag zu verfallen.

85 Seit der ersten Vollversammlung des Episkopats in Rio de Janeiro 1955, die zur Gründung des lateinamerikanischen Bischofsrates (CELAM) führte, und in verstärktem Maße nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil und der Konferenz von Medellin ist sich die Kirche immer eindeutiger und tiefgreifender der Tatsache bewusst geworden, dass die Evangelisierung ihr fundamentaler Sendungsauftrag ist und dass sie diesem nicht nachkommen kann, ohne sich ständig zu bemühen, die Realität zu erkennen und die Botschaft an den Menschen von heute in einer dynamischen, gewinnenden und überzeugenden Weise anzupassen.

86 So kann man sagen, dass die Kirche bei dieser Suche in Lateinamerika eine intensive Tätigkeit entfaltet hat. Sie hat auf allen Ebenen Studientreffen, Kurse, Institute, Begegnungen, Gesprächskreise über die verschiedensten Themen organisiert. Alle diese Maßnahmen sind in unterschiedlicher Weise auf die Vertiefung der Botschaft und auf das Erkennen des Menschen in seiner konkreten Situation und auf seine Sorgen gerichtet.

Angesichts der Forderung nach Gerechtigkeit

87 Aus den verschiedenen Ländern des Kontinents steigt ein Schrei auf, dessen Vielstimmigkeit und Nachdruck ständig zunimmt. Es ist der Schrei eines Volkes, das leidet und Gerechtigkeit, Freiheit und Achtung vor den Grundrechten des Menschen und der Völker fordert.

88 Die Konferenz von Medellin wies vor wenig mehr als zehn Jahren bereits auf diese Tatsache hin: „Es erhebt sich ein stummer Schrei von Millionen von Menschen, die von ihren Hirten eine Befreiung erbitten, die ihnen von keiner Seite gewährt wird“ (Armut der Kirche, 2.).

89 Wohl mag dieser Schrei damals stumm gewesen sein. Jetzt ist er klar vernehmlich, seine Stärke wächst, er ist heftig und zuweilen sogar drohend.

90 Die Ungerechtigkeit, die wir zuvor beschrieben haben, lässt uns nachdenken über die große Herausforderung an unsere Seelsorge, um den Menschen zu helfen, von weniger humanen Situationen in humanere Situationen zu gelangen. Die tiefgreifenden sozialen Unterschiede, die äußerste Armut und die Verletzung der Menschenrechte, die vielerorts vorkommen, sind Herausforderungen an die Verkündigung. Unser Sendungsauftrag, Gott zu den Menschen zu bringen und die Menschen zu Gott zu bringen, beinhaltet auch den Aufbau einer brüderlichen Gesellschaft. Diese soziale Lage hat auch Spannungen in das Innere der Kirche selbst hineingetragen, die von Gruppen herrühren, die entweder „das Geistliche“ ihrer Sendung überbewerten und der Arbeit der sozialen Förderung ablehnend gegenüberstehen oder aber den Sendungsauftrag der Kirche in eine bloße Arbeit der Förderung des Menschen umwandeln wollen.

91 Neue und besorgniserregende Phänomene sind auch die Teilnahme von Priestern an der Parteipolitik, jetzt nicht mehr in individueller Weise, wie es einige getan hatten (vgl. Medellin, Priester, 19), sondern als Druck ausübende Gruppen, und ebenso die Anwendung von Sozialanalysen auf die pastorale Aktion in gewissen Fällen durch einige, die der Seelsorge dadurch eine stark politische Note geben.

92 Das Bewusstsein ihres Verkündigungsauftrages hat die Kirche dazu veranlasst, in den letzten zehn Jahren zahlreiche Pastoraldokumente über die soziale Gerechtigkeit zu veröffentlichen und Organe der Solidarität mit den Leidenden sowie solche für die Anklage von Rechtsbrüchen und den Schutz der Menschenrechte zu gründen. Dieses Bewusstsein hat die Kirche auch dazu veranlasst, das Eintreten der Priester und Ordensleute für die Armen und Randgruppen zu ermutigen und an ihren Gliedern Verfolgung und zuweilen Tod als Zeugnis ihrer prophetischen Sendung zu erdulden. Dennoch ist noch viel zu tun, ehe sich die Kirche als ein geeintes und solidarisches Ganzes darstellen kann. Die Furcht vor dem Marxismus hindert viele daran, die bedrückende Realität des liberalen Kapitalismus klar zu sehen. Man kann sagen, dass man angesichts der Gefahr eines Systems, das deutlich von der Sünde gekennzeichnet ist, vergißt, jene Realität anzuklagen und zu bekämpfen, die das Ergebnis eines anderen, ebenso von der Sünde gekennzeichneten Systems ist (vgl. Johannes Paul II. Homilie Zapopán AAS LXXI S. 230). Gerade dieses letztere System muss man aufmerksam beobachten, ohne die historischen, atheistischen und gewaltsamen Ausprägungen des Marxismus zu vergessen.

93 Die Kirche verspürte von sich aus das Bedürfnis, einem Volk zu helfen, das das Brot des Gotteswortes fordert und Gerechtigkeit verlangt. Sie war bereit, auf dieses Volk zu hören, das, zutiefst religiös, ein Volk ist, das all seine Hoffnung auf Gott setzt. So hat die Kirche in den letzten zehn Jahren große Anstrengungen unternommen, um eine angemessene pastorale Antwort zu geben.

94 Trotz des zuvor Gesagten (vgl. Nr. 41-43) gab es erfreuliche Initiativen, die in die Tat umgesetzt wurden, und es wurden viele Erfahrungen gesammelt. Wenn es einerseits Familien gibt, die zerfallen und auseinanderbrechen, von Egoismus, Isolierung, der Sucht nach Wohlstand, der gesetzlichen Scheidung oder der tatsächlichen Trennung zerstört, so ist es doch auch richtig, dass es Familien gibt, die in Wahrheit „Hauskirchen“ sind, in denen der Glaube gelebt wird, in denen die Kinder im Glauben erzogen werden und in denen ein Vorbild an Liebe, gegenseitigem Verständnis und der Ausstrahlung dieser Nächstenliebe in die Pfarrei und in die Diözese zu finden ist.

95 Auf der einen Seite gibt es, das können wir nicht leugnen, schmerzhafte Generationskonflikte zwischen Vätern und Kindern. Es gibt Jugendliche, die einzig das Vergnügen suchen, die eine gewinnbringende oder angesehene Stellung erlangen wollen, die eine Philosophie „der Arrivierten“ und der Herrschaft vertreten. Andererseits gibt es aber dank der Erziehung in der Familie und in den Schulen, die ihr Erziehungssystem in den Jugendgruppen erneuert haben, auch Jugendliche, die danach drängen, Christus zu entdecken und intensiv seinen Glauben in der Verpflichtung gegenüber dem Nächsten, insbesondere gegenüber dem Armen, zu leben.

96 Die kirchlichen Basisgemeinschaften, die 1968 gerade erst im Entstehen begriffen waren, haben sich zur Reife entwickelt und ihre Zahl hat sich vervielfacht, insbesondere in einigen Ländern. Sie geben der Kirche Anlaß zu Freude und Hoffnung. In der Gemeinschaft mit dem Bischof, wie es auch in Medellin gefordert wurde, sind sie zu Brennpunkten der Evangelisierung und Motoren der Befreiung und Entwicklung geworden.

97 Die Lebenskraft der kirchlichen Basisgemeinschaften beginnt, Früchte zu tragen. Sie ist eine der Quellen für kirchliche Ämter, die den Laien anvertraut sind, wie z.B. Gemeinschaftsleiter (animadores), Katecheten und Missionare.

98 An einigen Orten wurde dem Bemühen zur Bildung von kirchlichen Basisgemeinschaften nicht die gebührende Beachtung geschenkt. Es ist zu beklagen, dass man an manchen Stellen aus eindeutig politischem Interesse versuchte, diese Gemeinschaften zu manipulieren und sie aus der echten Gemeinschaft mit ihren Bischöfen herauszulösen.

99 In Blüte stehen auch andere kirchliche Laiengruppen, denen Männer und Frauen angehören, die im Lichte des Evangeliums über die sie umgebende Realität nachdenken und nach ursprünglichen Formen suchen, um ihren Glauben an das Wort Gottes zum Ausdruck zu bringen und diesen in die Praxis umzusetzen.

100 Zusammen mit diesen Gruppen befindet sich die Kirche in einem Prozess der Erneuerung des Lebens in der Pfarrei und der Diözese. Grundlage hierfür ist eine neue Katechese, die nicht nur neu ist in ihrer Methode und in der Verwendung moderner Mittel, sondern ebenso in der Darstellung des Inhaltes, der stark darauf ausgerichtet ist, vom Evangelium getragene Anregungen bei der Suche nach dem Wachstum in Christus vorzubringen.

101 Die Liturgie hat beachtliche Bereinigungen von rein rituellen Bräuchen sowie eine persönliche und aktive Teilnahme erfahren, wenn sie in erneuerten Pfarreien und kleinen Gruppen gefeiert wird, wie es die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils fordert. Beklagenswerterweise haben sich manche Gruppen der Erneuerung widersetzt, andere wiederum haben Mißbräuche eingeführt. Was die Sakramente angeht, so hat die Kirche trotz anfänglicher Widerstände bereits die Einrichtung und Annahme – vielleicht mit wenigen Ausnahmen – von präsakramentalen Katechesekursen und bei der Meßfeier selbst die Verkündigung des Wortes erreicht, wodurch das christliche Leben an Erleuchtung und Tiefe gewinnt.

102 Die schmerzlichen doktrinären, pastoralen und psychologischen Spannungen zwischen Pastoralträgern verschiedener Richtungen bestehen zwar noch fort, werden aber allmählich überwunden durch die Praxis des offenen und konstruktiven Dialogs. An vielen Orten haben sich die Priester in Gruppen organisiert, um sich gegenseitig zu helfen und einander zu unterstützen in ihrem geistlichen Leben und ihrer pastoralen Arbeit. Zuweilen arbeiten in diesen Gruppen auch Ordensleute und Laien in der Seelsorge mit.

103 Die großzügige Hilfe durch Personal und wirtschaftliche Mittel, die unsere Kirchen und der CELAM von den Schwesterkirchen in Europa und Nordamerika erhielten, hat wesentlich zu unseren Bemühungen um die Evangelisierung auf dem ganzen Kontinent beigetragen. Für all diese Unterstützung bringen wir unseren tiefempfundenen Dank zum Ausdruck. Diese Tat ist ein Zeichen der universalen Liebe der Kirche. Die Bemühungen, diesen Beitrag den Absichten der einzelnen Ortskirchen anzupassen, ist ein Zeichen der Achtung und der Gemeinschaft.

104 Um diese summarische Beschreibung der kirchlichen Realität abzuschließen, möchten wir darauf hinweisen, dass in der Kirche Lateinamerikas die Gemeinschaft auf verschiedenen Ebenen gelebt wird, wenn auch nicht ohne Lücken und Mängel: Die Gemeinschaft wird gelebt in kleinen Kerngruppen, in den christlichen Familien, in den kirchlichen Basisgemeinschaften und in den Pfarreien. Es werden Anstrengungen in Richtung auf eine engere Zusammenarbeit zwischen den Pfarreien unternommen.

105 Auf der mittleren Ebene der Ortskirche oder Diözese wird die Gemeinschaft gelebt. Sie stellt die Verbindung her zwischen der Basis und der Universalkirche. Gleichermaßen wird die Gemeinschaft zwischen Diözesen auf nationaler und regionaler Ebene gelebt, durch die Bischofskonferenzen und in Lateinamerika durch den CELAM.

106 Es besteht die universale Gemeinschaft, die aus der Verbindung mit dem Heiligen Stuhl und mit der Gesamtheit der Kirchen anderer Kontinente entsteht. Die Kirche Lateinamerikas ist sich ihrer besonderen Berufung, ihrer Rolle und ihres Beitrags zur Universalkirche im Rahmen dieser kirchlichen Gemeinschaft bewusst, die ihren höchsten Ausdruck in unserer Treue gegenüber dem Heiligen Vater, dem Statthalter Christi und obersten Hirten findet.

107 Die ökumenische Arbeit, die im Dialog und in den gemeinsamen Bemühungen um die Förderung des Menschen zum Ausdruck kommt, ist ein Schritt auf dem Weg zur ersehnten Einheit.

108 Die Aufwertung der Volksreligiosität ist trotz ihrer Abirrungen und Mehrdeutigkeiten Ausdruck der religiösen Identität eines Volkes. Wenn sie sich von gewissen Verformungen reinigt, bietet sie einen vorzüglichen Boden für die Evangelisierung.

109 Die Frömmigkeitsübungen und Meßfeiern waren immer ein Merkmal des lateinamerikanischen Katholizismus, sie beinhalten Werte des Evangeliums und sind Zeichen der Zugehörigkeit zur Kirche.

Strukturen der Evangelisierung

Die Pfarreien

110 Es muss festgestellt werden, dass die pastorale Organisation der Pfarrei, sei sie gebiets- oder personenbezogen, vor allem abhängt von den Menschen, die sie bilden, sowie von der Verbindung, die zwischen diesen Menschen als menschliche Gemeinschaft besteht.

111 Die Landpfarrei identifiziert sich in der Regel in ihren Strukturen und Diensten mit der dort lebenden Gemeinschaft. Diese Pfarreien haben versucht, kirchliche Basisgemeinschaften auf der Grundlage der in dem betreffenden Pfarrgebiet lebenden Personengruppen zu schaffen und zu koordinieren. Die städtischen Pfarreien hingegen, deren Grenzen oft durch die Anzahl der zu betreuenden Personen gesprengt werden, sahen sich vor die Notwendigkeit gestellt, den liturgischen Gottesdienst und die Feier der Sakramente in den Vordergrund zu stellen. So wird es von Tag zu Tag notwendiger, die Zahl der kleinen territorialen oder sich aus der sozialen Umwelt ergebenden Gemeinschaften zu vervielfachen, um einer verstärkt auf den Einzelmenschen bezogenen Evangelisierung gerecht zu werden.

Die Schule

112 Sie ist eine Stätte der Evangelisierung und der Gemeinschaft. Die Zahl der katholischen Grundschulen und Oberschulen hat im Verhältnis zu den Erfordernissen der Gemeinschaft abgenommen, andererseits aber ist das Bewusstsein dafür gewachsen, wie notwendig die Präsenz engagierter Christen in den staatlichen und privaten nichtkirchlichen Bildungsstrukturen ist. Die katholischen Bildungseinrichtungen öffnen ihre Pforten in wachsendem Umfang allen Gesellschaftsschichten.

Ämter und Charismen

Die Bischöfe

113 Bild und Situation des Bischofs haben sich vielleicht in diesen Jahren geändert. Unter ihnen herrscht heute mehr Kollegialität, und sie zeigen eine stärkere Mitverantwortung mit dem Klerus, den Ordensleuten und den Laien, insbesondere auf der Ebene der Teilkirche, wenngleich zu bedauern ist, dass nicht immer der notwendigen Koordinierung auf regionaler oder nationaler Ebene Rechnung getragen wird.

114 Heute wird in besonderer Weise vom Bischof gefordert, dass er persönlich Zeugnis für das Evangelium ablege, dass er den Priestern und dem Volk näher sei. Ohne Zweifel ist seine Lebensform in der Gegenwart von mehr Einfachheit und Armut gekennzeichnet.

115 Die Vervielfachung der Zahl der Diözesen hat den Kontakt zwischen dem Bischof und der Diözesangemeinschaft begünstigt.

Die Priester

116 Der Priestermangel ist alarmierend, obgleich in einigen Ländern die Zahl der Berufungen wieder angestiegen ist. Die Priester sind in ihrer Seelsorgearbeit überlastet, insbesondere dort, wo man nicht genügend Raum gegeben hat für kirchliche Ämter, die den Laien und ihrer Mitarbeit am Sendungsauftrag anvertraut werden. Ermutigend ist der Opferwille vieler Priester, die unverzagt Einsamkeit und Isolierung, insbesondere in ländlichen Bereichen, auf sich nehmen.

117 Immer noch gibt es allerdings pastorale Methoden, die der gegenwärtigen Lage und einer organischen Seelsorge nicht angemessen sind.

118 In der Priesterausbildung fehlen zahlenmäßig zwar Ausbilder, doch wurden wertvolle Erfahrungen gemacht. Dabei sind in einigen Fällen Übertreibungen vorgekommen, deren Auswirkungen jedoch allmählich überwunden werden.

Die ständigen Diakone

119 Die ständigen Diakone sind etwas Neues in unseren Kirchen. Sie werden in ihren Gemeinschaften gern aufgenommen, doch ist ihre Zahl noch sehr klein. Obgleich die kirchlichen Basisgemeinschaften das angemessene Feld für das Auftreten von Diakonen sind, werden in der Mehrzahl eine Reihe von pastoralen Aufgaben eher den Laien (Lektoren, Katecheten usw.) anvertraut.

Das Ordensleben

120 Das Ordensleben stellt eine große Kraft bei der Evangelisierung Lateinamerikas dar. Die Ordensleute haben eine Zeit der Suche nach ihrer eigenen Identität und ihrer Berufung hinter sich. Sie haben Identität und Berufung neu interpretiert im Zusammenhang mit den Bedürfnissen der Gegenwart und der Integration in den Gesamtzusammenhang der Seelsorge in der Diözese.

121 Die Ordensleute haben sich im allgemeinen erneuert, die persönlichen Beziehungen auf der Ebene der Ordensgemeinschaften und auch zwischen den verschiedenen Kommunitäten haben sich vermehrt. Die Anwesenheit von Ordensleuten in armen und schwierigen Gebieten wurde verstärkt. Sie unterhalten die Mehrzahl der Missionen in den von Indios bewohnten Gebieten.

122 In einigen Fällen gab es gewisse Konflikte hinsichtlich der Art ihrer Integrierung in die Gesamtseelsorge oder ihrer unzulänglichen Eingliederung in diese. Gründe für diese Konflikte waren der Mangel an gemeinschaftlicher Unterstützung, der Mangel an Ausbildung für ihre Arbeit auf sozialem Gebiet oder der Mangel an Reife, sich solchen Erfahrungen zu stellen.

123 Die kontemplativen Orden, die das geistige Bollwerk des Diözesanlebens sind, sind ebenfalls durch eine Krise hindurchgegangen. Gegenwärtig steigt in manchen Ländern die Zahl der Berufungen wieder an.

124 Die Säkularinstitute sind auf unserem Kontinent ebenfalls aufgeblüht.

Die Laien

125 Das Gefühl der Laien für ihre Zugehörigkeit zur Kirche, und zwar nicht nur für eine beständigere Verpflichtung gegenüber der Kirche, sondern für die aktivere Beteiligung an Gottesdiensten und apostolischen Aufgaben, hat sich überall verstärkt. In vielen Ländern sind die kirchlichen Basisgemeinschaften Beweis dieser Eingliederung und dieses Wunsches nach Teilnahme. Das Engagement des Laienstandes im weltlichen Bereich, der so notwendig ist für eine Veränderung der Strukturen, war unzulänglich. Allgemein dürfte man sagen, dass die notwendige Beteiligung des Laienstandes an der Kirche eine höhere Bewertung erfährt.

126 Die Frau verdient eine besondere Erwähnung. Viele Frauen, gleich ob Mitglieder von Orden und Säkularinstituten oder nicht, sind heute zunehmend an den pastoralen Aufgaben beteiligt, obwohl vielerorts diese Beteiligung mit Besorgnis betrachtet wird.

Kapitel IV Gegenwärtige Tendenzen und Evangelisierung in der Zukunft

In der Gesellschaft

127 Wenn wir unsere heutige Welt als Hirten betrachten, so beobachten wir einige Tendenzen, die wir nicht außer acht lassen dürfen: In Lateinamerika steigt die Bevölkerungszahl ebenso wie die Bevölkerungskonzentration in den großen Städten in ständig beschleunigtem Rhythmus. So verschärfen sich die Probleme, die die öffentlichen Dienstleistungen betreffen. Die Bevölkerung wird in ihrer Mehrheit jung sein und sieht sich wachsenden Schwierigkeiten bei der Suche nach Arbeitsplätzen ausgesetzt.

128 Einerseits wird die Gesellschaft in der Zukunft offener und pluralistischer sein, andererseits unterliegt sie dem ständig wachsenden Einfluß der Massenmedien, die das Leben des Menschen und der Gesellschaft fortschreitend programmieren.

129 Es scheint, dass die Programmierung des gesellschaftlichen Lebens in immer stärkerem Maße den von der Technokratie gewünschten Modellen entspricht, ohne den Wünschen nach einer gerechteren internationalen Ordnung angesichts der Tendenz zur Verfestigung der gegenwärtigen Ungleichheiten Genüge zu tun.

130 Im internationalen Rahmen gewinnt das Bewusstsein der Begrenztheit der Ressourcen unseres Planeten und der Notwendigkeit ihrer Rationalisierung an Raum. Manche wollen die Bevölkerung insbesondere der armen Länder beschränken, andere schlagen einen „rationierten Wohlstand" vor, d. h. ein von allen geteiltes Maßhalten und nicht den wachsenden Reichtum, der nicht von allen geteilt wird.

131 Angesichts dieser Tendenzen fühlen wir uns solidarisch mit dem lateinamerikanischen Volk, dessen Teil wir sind, und mit seiner Geschichte. Wir möchten seine Wünsche erforschen, sowohl die, welche es eindeutig zum Ausdruck bringt, als auch jene, die es nur undeutlich stammelnd beim Namen zu nennen vermag. Wir glauben, dass es folgende sind:

132 – Eine humanere Lebensqualität, vor allem hinsichtlich ihrer unverzichtbaren religiösen Dimension, ihrer Suche nach Gott und dem Reich, das Christus uns brachte, was zuweilen die Allerärmsten mit besonderer Stärke in unklaren Zügen intuitiv erfassen.

133 – Eine gerechtere Verteilung von Gütern und Chancen: eine gerecht entlohnte Arbeit, die den ehrlichen Unterhalt der Familienmitglieder erlaubt und den Abstand zwischen grenzenlosem Luxus und bitterster Not verringert.

134 – Ein brüderliches gesellschaftliches Zusammenleben, innerhalb dessen die Menschenrechte gefördert und geschützt werden, wo über die zu erreichenden Ziele durch Übereinkunft, nicht aber durch Macht oder Gewalt entschieden wird, wo niemand sich von Repressionen, Terrorismus, Entführungen und Foltern bedroht fühlt. – Strukturwandlungen, die den großen Mehrheiten eine gerechte Situation zusichern.

135 – Achtung vor dem Menschen als verantwortliche Person und als Subjekt der Geschichte, das fähig ist, sich frei an politischen, gewerkschaftlichen und anderen Optionen und an der Wahl derer, die es regieren, zu beteiligen.

136 – Beteiligung an der Produktion und Teilhabe an den Fortschritten der Wissenschaft und der modernen Technik, sowie Zugang zu Kultur und menschenwürdiger Erholung.

137 All dies führt zu einer stärkeren Integration unserer Völker in Übereinstimmung mit den weltweiten Tendenzen einer Gesellschaft, die, wie man zu sagen pflegt, weltweit stärker zusammengerückt ist und deren Möglichkeiten durch die umfassende Reichweite der Medien vervielfacht wurden.

138 Während es jedoch breite Schichten gibt, die diese berechtigten Bestrebungen nicht befriedigen können, während andere sie im Übermaß verwirklichen können, werden die materiellen Güter unserer modernen Welt zu einer Quelle wachsender Enttäuschungen und tragischer Spannungen. Der offenkundige und verletzende Gegensatz zwischen denen, die nichts besitzen, und jenen anderen, die den Überfluß zur Schau tragen, ist ein unüberwindbares Hindernis für die Errichtung des Friedensreiches.

139 Falls sich die gegenwärtigen Tendenzen nicht ändern, dann wird sich aufgrund der unvernünftigen Ausbeutung der Ressourcen und der Umweltverschmutzung die Beziehung des Menschen zur Natur weiter verschlechtern, mit dem Ergebnis, dass sowohl der Mensch als auch das ökologische Gleichgewicht zunehmend schwerer geschädigt werden.

140 Der Mensch, der all dieses mit Leben erfüllt, strebt bei seiner Selbstverwirklichung nach Freiheit, in der er leben und seinen Glauben zum Ausdruck bringen kann.

141 Mit einem Wort, unser Volk wünscht eine vollständige Befreiung, die sich nicht in seiner zeitlichen Existenz erschöpft, sondern auf die volle Gemeinschaft mit Gott und mit seinen Brüdern in der Ewigkeit ausgerichtet ist, eine Gemeinschaft, die bereits im Bereich der Geschichte, wenn auch unvollkommen, Gestalt anzunehmen beginnt.

In der Kirche

142 Die Kirche macht sich durch ihr Handeln und ihre Soziallehre diese Bestrebungen zu eigen. Erinnern wir uns an den kraftvollen Aufruf, der von der Konferenz von Medellin ausging und der den Willen zum Ausdruck brachte, dass die Verkündigung des Evangeliums seine ganze Kraft als Ferment der Umwandlung entfalten möge.

143 Diese Konferenz nimmt den Aufruf von Medellin wieder auf und setzt sich das Ziel, die Möglichkeiten einer den gegenwärtigen Umständen angepaßten Pastoral in den Dienst des Menschen zu stellen.

144 Die Kirche muss täglich unabhängiger von den Mächten der Welt werden, um über einen weiten Freiheitsraum zu verfügen, der ihr die Durchführung ihrer apostolischen Arbeit ohne Einmischungen ermöglicht:
Hierzu gehören der Gottesdienst, die Erziehung im Glauben und alle jene sehr unterschiedlichen Tätigkeiten, die die Gläubigen instand setzen, in ihrem privaten, familiären und gesellschaftlichen Leben die moralischen Gebote zur Wirkung zu bringen, die sich aus dem Glauben ergeben. Auf diese Weise wird die Kirche, frei von Verpflichtungen, allein durch ihr Zeugnis und durch ihre Lehre glaubwürdiger sein, und man wird ihr mit mehr Aufmerksamkeit zuhören. Ebenso wird sogar die Ausübung der Macht vom Evangelium her, in Hinordnung auf das Gemeinwohl, bestimmt werden.

145 Die Kirche begleitet mit tiefer Sympathie die Suche der Menschen. Sie fühlt sich eins mit ihren Wünschen und Hoffnungen und will dabei nichts anderes, als ihnen dienen, indem sie ihre Anstrengungen ermutigt und ihre Schritte erleuchtet und ihnen den transzendentalen Wert ihres Lebens und ihrer Handlungen zu erkennen gibt.

146 Die Kirche nimmt die Verteidigung der Menschenrechte auf sich und erklärt sich solidarisch mit denen, die für sie eintreten. In diesem Zusammenhang möchten wir an die Rede des Heiligen Vaters, Johannes Pauls II., vor dem diplomatischen Korps vom 20. Oktober 1978 wegen ihres besonderen Wertes innerhalb der Fülle von gültigen Aussagen zu diesem Thema erinnern: „Der Heilige Stuhl tut das gleicherweise im Interesse der Menschen überhaupt, im Wissen darum, dass Freiheit, Achtung vor dem Leben und der Würde der Person – die niemals Instrument ist –, gerechte Behandlung, Gewissenhaftigkeit bei der Berufsarbeit und solidarische Bemühung um das Gemeinwohl, Wille zur Versöhnung und Öffnung für geistige Werte gewiss Grundnotwendigkeiten des harmonischen Zusammenlebens in der Gesellschaft, des bürgerlichen Fortschritts und der Zivilisation sind.“

147 Die Kirche hat ihr Engagement zugunsten der besitzlosen Schichten verstärkt, sie tritt für ihre umfassende Förderung ein. Dies lässt mancherorts den Eindruck aufkommen, die Kirche übergehe die wohlhabenden Klassen.

148 So unterstreicht sie klarer den im Evangelium enthaltenen Wert der Armut, die uns bereit macht, eine gerechtere und brüderliche Welt zu erbauen. Die Kirche verspürt zutiefst die schmerzliche Lage derer, denen es am Notwendigsten für ein lebenswürdiges Leben fehlt. Sie fordert alle auf, Herzen und Sinne gemäß der Wertskala des Evangeliums umzuwandeln.

149 Die Kirche vertraut stärker auf die Kraft der Wahrheit und auf die Erziehung zu Freiheit und Verantwortlichkeit, als auf Verbote, denn ihr Gesetz ist die Liebe.

Evangelisierung in der Zukunft

150 Die Evangelisierung gibt der Verkündigung der Frohen Botschaft, der biblischen Katechese und dem Gottesdienst als Antwort auf den wachsenden Hunger nach dem Wort Gottes Vorrang.

151 Sie wird sich mit all ihren Kräften bemühen, die Einheit zu wahren, weil der Herr es so will, und sie zugleich alle verfügbaren Energien bei der Konzentration auf einen organischen Gesamtplan für die Seelsorge nutzen muss. Unfruchtbare Verschwendung von Kräften und Leistungen wird dadurch vermieden. Eine solche Pastoral durchzieht die verschiedenen Ebenen von Diözese, Nation und Kontinent.

152 Sie wird der städtischen Seelsorge besonderes Gewicht geben, indem sie neue kirchliche Strukturen schafft, die, ohne den Wert der erneuerten Pfarrei zu verkennen, eine Auseinandersetzung mit der Problematik ermöglichen, die durch die enorme Zusammenballung von Menschen heute entsteht. Sie wird auch ihre Anstrengungen vermehren, um die ländliche Seelsorge zu verbessern.

153 Sie wird sich bemühen, die Zahl der Pastoralträger, sowohl der Priester als auch der Ordensleute und Laien, zu vermehren. Sie wird die Ausbildung dieser Pastoralträger an die Erfordernisse der Gemeinschaften und der jeweiligen Umwelt anpassen.

154 Sie wird die Bedeutung der Laien hervorheben, sowohl bei der Ausübung von Ämtern in der Kirche und für die Kirche, als auch bei ihrer ihnen eigenen Sendung, d.h. wenn sie als Vorhut der Kirche mitten in das Leben der Welt ausgesandt werden, um die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen nach dem Plan Gottes zu erneuern.

155 Um die Laien auszubilden und ihnen einen festen Rückhalt für das Leben und für ihr Handeln zu geben, wird sie sich bemühen, sie in die apostolischen Organisationen und Bewegungen einzugliedern. Sie wird alle ihre Ausbildungsmöglichkeiten verstärken, insbesondere auf kulturellem Gebiet. Nur so wird sie über einen reifen Laienstand verfügen, der die Aufgabe der Evangelisierung auf sich nimmt.

156 Sie anerkennt die Gültigkeit der Erfahrungen der kirchlichen Basisgemeinschaften und fördert ihre Entwicklung in der Gemeinschaft.

157 Die Kirche wird sich in starkem Maße darum bemühen, das einfache Volk im christlichen Glauben zu erziehen, das von Natur aus religiös ist, und sie wird es in angemessener Form auf den Empfang der Sakramente vorbereiten.

158 Die Kirche wird den Medien größere Bedeutung beimessen und sie für die Evangelisierung nutzen.

159 Sowohl der CELAM mit allen seinen Diensten als auch die Vollversammlungen des lateinamerikanischen Episkopats sind Ausdruck der pastoralen Integration der Kirche Lateinamerikas. Es ist erforderlich, diese Organe zum Nutzen der Teilkirchen zu stärken.

160 Die eine gemeinsame Stimme, mit der die Episkopate sprechen, hat ein wachsendes Interesse in der Öffentlichkeit hervorgerufen, jedoch stößt sie häufig auf die Vorbehalte gewisser Schichten, die über eine geringe soziale Sensibilität verfügen. Dies zeigt, dass die Kirche ihren Platz als Mutter und Lehrerin aller einnimmt.

161 In jeglicher Hinsicht muss die Kirche bereit sein, mutig und freudig die Konsequenzen ihres Sendungsauftrages auf sich zu nehmen, die die Welt niemals ohne Widerstand annehmen wird.

TEIL II: DER HEILSPLAN GOTTES FÜR DIE REALITÄT LATEINAMERIKAS

162 Die Kirche in Lateinamerika fühlt sich zutiefst und in Wahrheit solidarisch mit dem gesamten Volk des Kontinents (vgl. GS 1). Fast fünf Jahrhunderte hindurch war sie an seiner Seite und in seinem Herzen. Sie kann nicht umhin, auch an diesem Wendepunkt seiner Geschichte bei ihm zu sein (vgl. Botschaft Pauls VI. an den CELAM, Mar del Plata, 1966).

163 Nachdem wir nun mit den Augen des Glaubens und dem Herzen der Hirten die Realität unseres Volkes betrachtet haben, fragen wir uns, welchen Heilsplan der Erlösung hat Gott für Lateinamerika gefaßt? Welches sind die Wege der Befreiung, die er für uns bereithält?

Seine Heiligkeit Johannes Paul II. hat uns die Antwort gegeben: Die Wahrheit über Christus, die Kirche und den Menschen.

Auf der Grundlage der Hoffnungen und Leiden unserer lateinamerikanischen Brüder denken wir über diese Wahrheit nach.

164 Wir, die wir das Evangelium vom Herrn in seinem Geiste empfangen haben, sind ausgesandt, allen Brüdern, insbesondere den Armen und Vergessenen, die Frohe Botschaft zu bringen. Diese Aufgabe der Evangelisierung führt uns zur völligen Umkehr und Gemeinschaft mit Christus in der Kirche, sie wird unsere Kultur durchdringen, sie wird uns bewegen zu einer echten Förderung unserer Gemeinschaften und zu einer kritischen und richtungweisenden Haltung angesichts von Ideologien und politischen Richtungen, die das Schicksal unserer Nationen bestimmen.

Kapitel I: Inhalt der Evangelisierung

165 Wir wollen in dieser Stunde alle die Sorgen, die uns als Hirten bedrücken, mit dem Licht der Wahrheit erfüllen, die uns frei macht (vgl. Joh 8, 32). Es ist dies nicht eine Wahrheit, die wir als etwas Eigenes besitzen. Sie kommt von Gott. Im Lichte ihres Glanzes werden wir uns unserer Armut bewusst.

166 Wir wollen die Grundwahrheiten der Evangelisierung verkünden: Christus, unsere Hoffnung, ist mitten unter uns. Ausgesandt vom Vater, belebt er mit seinem Geist die Kirche und bietet dem Menschen von heute sein Wort und sein Leben an, um ihn zu seiner umfassenden Befreiung hinzuführen.

167 Die Kirche, das Mysterium der Gemeinschaft, das Volk Gottes im Dienste der Menschen, bezieht durch die Zeiten hindurch ihre Kraft aus dem Evangelium und bringt allen Menschen die Frohe Botschaft.

168 Maria ist für die Kirche Grund zur Freude und Quelle der Inspiration, denn sie ist der Stern der Evangelisierung und die Mutter der Völker Lateinamerikas (vgl. EN 82).

169 Der Mensch in seiner Würde als Ebenbild Gottes hat ein Anrecht auf unser Engagement für seine Befreiung und seine vollständige Verwirklichung in Jesus Christus. Nur in Christus enthüllt sich die wahre Größe des Menschen, nur in Christus wird die innerste Realität des Menschen in ihrem ganzen Umfang sichtbar. Daher sprechen wir Hirten zum Menschen, und wir verkündigen ihm die Freude, die ihm dadurch widerfährt, dass er von Gottes eigenem Sohne angenommen und erhöht wird, der mit ihm seine Freuden, seine Mühen und Leiden des diesseitigen Lebens und das Erbe des jenseitigen Lebens teilen wollte.

Die Wahrheit über Jesus Christus, den Erlöser, den wir verkündigen

Einführung

170 Die Grundfrage des Herrn: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ (Mt 16, 15) ist eine ständige Frage, die an den lateinamerikanischen Menschen gerichtet ist. In Gegenwart und Vergangenheit hat es auf diese Frage verschiedene Antworten gegeben. Wir, die wir Glieder der Kirche sind, haben nur eine Antwort, die Antwort des Petrus: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes“ (Mt 16, 16).

171 Das lateinamerikanische Volk, das auch vor seiner Evangelisierung zutiefst religiös gewesen ist, glaubt in seiner großen Mehrheit an Jesus Christus, den wahren Gott und wahren Menschen.

172 Ausdruck dieses Glaubens sind unter anderem die vielfältigen Attribute der Macht, des Heils oder des Trostes, die ihm zuerkannt werden, ihm wird der Beiname eines Richters und Königs gegeben, Anrufungen verbinden ihn mit bestimmten Orten und Regionen. Es gibt die Zeichen der Verehrung für den leidenden Christus, für seine Geburt in der Krippe, seinen Tod am Kreuz. Wir denken an die Anbetung des wiederauferstandenen Christus. Wir denken auch an die Verehrung des heiligsten Herzens Jesu und an seine reale Präsenz in der Eucharistie, eine Anbetung, die in der Erstkommunion, der nächtlichen Anbetung, der Fronleichnamsprozession und in den Eucharistischen Kongressen sichtbar wird.

173 Wir sind uns der unzulänglichen Verkündigung des Evangeliums und der Mängel unseres Volkes in seinem Glaubensleben bewusst. Doch wir sind auch Erben einer fast fünfhundertjährigen Geschichte der Evangelisierung und der Bemühungen, die insbesondere nach der Konferenz von Medellin zu verzeichnen waren, und so sehen wir mit Freude, dass die selbstlose Arbeit des Klerus und der Kommunitäten, die Entwicklung der katholischen Institutionen, der apostolischen Laienbewegungen, der Jugendgruppen und der kirchlichen Basisgemeinschaften in vielen Schichten des Gottesvolkes eine stärkere Annäherung an das Evangelium und eine Suche nach dem immer neuen Antlitz Christi bewirkt haben, das sein legitimes Streben nach einer umfassenden Befreiung erfüllt.

174 Dies geschieht nicht ohne Probleme. Zwischen den Anstrengungen einerseits, Christus als Herrn unserer Geschichte und als Wegweiser für eine soziale Wandlung darzustellen und den Versuchen andererseits, ihn auf das Gebiet des Gewissens des einzelnen einzugrenzen, glauben wir, folgendes klarstellen zu müssen:

175 Es ist unsere Aufgabe, unzweideutig, ohne für Zweifel oder Irrtümer Raum zu lassen, das Mysterium der Fleischwerdung zu verkünden, d. h. ebenso die Göttlichkeit Jesu Christi, wie sie der Glaube der Kirche bekennt, sowie die Realität und Kraft seiner menschlichen und historischen Dimension.

176 Wir müssen Jesus von Nazareth darstellen, wie er das Leben, die Hoffnungen und die Ängste seines Volkes teilt, und wir müssen zeigen, dass er der von der Kirche geglaubte, verkündete und gefeierte Christus ist.

177 Wir müssen Jesus von Nazareth darstellen, der sich seiner Sendung bewusst ist: Er verkündet und verwirklicht das Reich, er ist der Gründer seiner Kirche, deren sichtbares Fundament Petrus ist, wir müssen den lebendigen Jesus Christus darstellen, der in seiner Kirche und in der Geschichte gegenwärtig ist und handelt.

178 Wir können die Person Jesu Christi nicht verzerren oder sie nur in Teilaspekten sehen oder sie mit ideologischen Inhalten erfüllen, indem wir ihn zu einem Politiker, einem Führer, einem Revolutionär oder einem einfachen Propheten machen oder indem wir ihn etwa auf das Gebiet des rein Privaten beschränken, ihn, der doch der Herr der Geschichte ist.

179 Wir wiederholen die Worte der Rede des Heiligen Vaters bei der Eröffnung unserer Konferenz: „Jedes Schweigen, Vergessen, Verstümmeln oder unangemessene Überbetonen der vollständigen Geheimnisse Jesu Christi, das vom Glauben der Kirche abweicht, kann nicht gültiger Bestandteil der Evangelisation sein.“ Eine Sache sind die „Neuinterpretationen des Evangeliums, die mehr auf theoretischen Spekulationen beruhen“ und „die vielleicht sogar brillanten Hypothesen, die aber doch zerbrechlich und unbeständig sind, die sich aus diesen herleiten“. Und eine andere Sache ist „die Glaubensaussage der Kirche: Jesus Christus, das Ewige Wort und Gottes Sohn, wird Mensch, um sich dem Menschen zu nähern und ihm kraft seines Amtes die Rettung, Gottes großes Geschenk, anzubieten“ (Johannes Paul II., Eröffnungsrede I, 4., I., 5 AAS LXXI S. 190-191).

180 Wir wollen von Jesus Christus sprechen. Wir wollen erneut die Wahrheit des Glaubens über Jesus Christus verkünden. Wir fordern alle Gläubigen auf, diese befreiende Lehre anzunehmen. Ihre eigene zeitliche und ewige Bestimmung ist gebunden an die Kenntnis im Glauben und die Nachfolge in der Liebe jenes, der uns befähigt, durch die Ausgießung seines Geistes, ihn nachzuahmen, ihn, den wir den Herrn und den Erlöser nennen.

181 In unserer Solidarität mit den Leiden und Bestrebungen unseres Volkes verspüren wir die drängende Notwendigkeit, ihm das zu geben, was in besonderer Weise das Unsere ist: das Geheimnis des Jesus von Nazareth, des Sohnes Gottes. Wir spüren, dass dies die „Macht Gottes ist“ (Röm 1, 16), die unsere persönliche und gesellschaftliche Realität verändern kann und die den Weg zur Freiheit und Brüderlichkeit eröffnen kann, bis das Reich Gottes in seiner ganzen Fülle sichtbar wird.

Der „wunderbar erschaffene Mensch“

182 Die Heilige Schrift zeigt uns, dass nicht wir Menschen es sind, die zuerst geliebt haben. Gott war es, der uns zuerst liebte. Gott plante und schuf die Welt in Jesus Christus, seinem eigenen Ebenbilde (vgl. Kol 1, 15-17). Bei der Erschaffung der Welt schuf Gott uns Menschen, damit wir an der göttlichen Gemeinschaft der Liebe teilnehmen sollten: des Vaters mit dem eingeborenen Sohn im Heiligen Geiste (vgl. Eph 1, 3-6).

183 Diesen Heilsplan Gottes, den der Vater zum Wohl der Menschen und zum Ruhm der Unendlichkeit seiner Liebe in seinem Sohn vor der Erschaffung der Welt faßte (vgl. Eph 1, 9), hat er uns nach seinem unerforschlichen Ratschluss kundgetan, mit dem er die Geschichte der Menschheit zu ihrer ganzen Fülle bringen wollte, indem er durch Jesus Christus die Einheit des Universums, im irdischen wie im himmlischen Bereich, verwirklichen wollte (vgl. Eph 1, 1-10).

184 Der von Ewigkeit her in Christus gedachte und auserwählte Mensch (vgl. Johannes Paul II., Eröffnungsrede I, 9 AAS LXXI S. 196) sollte sich als das geschaffene Ebenbild Gottes verwirklichen und dabei das göttliche Geheimnis der Gemeinschaft in sich selbst und in seinem Zusammenleben mit seinen Brüdern durch sein weltveränderndes Handeln widerspiegeln. Die Erde sollte so die Stätte seiner Glückseligkeit sein, nicht ein Schlachtfeld, auf dem Gewalt, Haß, Ausbeutung und Knechtschaft regierten.

Vom wahren Gott zu den falschen Idolen: Die Sünde

185 Aber der Mensch verwarf von Anfang an die Liebe seines Gottes. Er hatte kein Interesse an der Gemeinschaft mit ihm. Er wollte ein Reich von dieser Welt errichten und Gott außer acht lassen. Anstatt den wahren Gott anzubeten, betete er Idole an: das Werk seiner Hände, die Dinge dieser Welt, er betete sich selbst an. Deswegen war der Mensch innerlich zerrissen. So kamen das Böse, der Tod und die Gewalt, der Haß und die Furcht auf die Welt. Das brüderliche Zusammenleben wurde zerstört. 186 Nachdem auf diese Weise durch die Sünde die Hauptverbindung zerbrochen war, die den Menschen dem Reich der Liebe des Vaters unterstellt, entstand alle Art von Knechtschaft. Die lateinamerikanische Realität lässt uns mit Bitternis bis zu den äußersten Grenzen diese Kraft der Sünde erfahren, die in flagrantem Widerspruch zu Gottes Plan steht.

Die Verheißung

187 Gott Vater jedoch gab den Menschen nicht auf, der unter der Macht seiner Sünde stand. Er beginnt immer wieder den Dialog mit ihm. Er lädt bestimmte Menschen zu einem Bund ein, damit sie die Welt auf der Grundlage des Glaubens und der Gemeinschaft mit ihm erbauen sollen, sie sollen in seinem Ratschluss der Erlösung seine Mitarbeiter sein. Die Geschichte Abrahams und die Auserwählung des Volkes Israel, die Geschichte des Moses von der Befreiung des Volkes aus der ägyptischen Knechtschaft und von dem Bund auf dem Sinai, die Geschichte Davids und seines Königreiches, die babylonische Gefangenschaft und die Rückkehr in das Gelobte Land zeigen uns die machtvolle Hand Gottvaters, der die Befreiung aller Menschen von der Sünde und ihren Konsequenzen verkündet, gelobt und zu verwirklichen beginnt.

„Das Wort wurde Fleisch und wohnte mitten unter uns“ (Joh 1, 14): Die Fleischwerdung

188 Und es kam „die Erfüllung aller Zeiten“ (Gal 4). Gott der Vater sandte seinen Sohn Jesus Christus, unseren Herrn, den wahren Gott, auf die Welt, geboren vom Vater vor allen Zeiten, und wahrer Mensch, geboren von der Jungfrau Maria durch das Wirken des Heiligen Geistes. In Christus und durch Christus verbindet sich Gott der Vater mit den Menschen. Der Sohn Gottes nimmt das Menschliche und das Geschaffene in sich auf und stellt so die Gemeinschaft zwischen seinem Vater und den Menschen wieder her. Der Mensch erhält so eine hohe Würde, und Gott dringt in die Geschichte der Menschen ein, d. h. in die Pilgerfahrt der Menschen zu Freiheit und Brüderlichkeit, die wir jetzt als den Weg zur Fülle der Begegnung mit ihm vor Augen haben.

189 Die Kirche Lateinamerikas will vor allem das wahre Antlitz Christi verkünden, denn in ihm leuchtet der Glanz und die Güte des fürsorglichen Vaters und die Kraft des Heiligen Geistes, die die wahre und völlige Befreiung aller insgesamt und jedes einzelnen unseres Volkes ankündigt.

Worte und Taten: Das Leben Jesu

190 Jesus von Nazareth wurde geboren und lebte arm inmitten seines Volkes Israel, er erbarmte sich der Menschen und tat allen Gutes (vgl. Mk 6, 34; 4, 37; Apg 10, 38). Dieses von Sünden und Schmerzen heimgesuchte Volk erhoffte die Befreiung, die er ihm verheißt (Mt 1, 21). Mitten in diesem Volk verkündet Jesus: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe. Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium“ (Mk 1, 15). Jesus, gesalbt vom Heiligen Geist, um den Armen die Heilsbotschaft zu bringen, den Gefangenen die Freiheit, den Blinden das Augenlicht und den Unterdrückten die Befreiung zu verkünden (vgl. Lk 4, 18-19), hat uns mit den Seligpreisungen und der Bergpredigt die große Verkündung des neuen Gesetzes des Reiches Gottes übergeben (vgl. Mt 5, 1-12).

191 Jesus ließ auf seine Worte die Taten folgen: wunderbare Taten und staunenerregende Handlungen, die zeigen, dass das angekündigte Reich bereits gegenwärtig ist, dass er das wirksame Zeichen der neuen Gegenwart Gottes in der Geschichte ist, dass er der Träger der umwandelnden Kraft Gottes ist, dass seine Gegenwart dem Bösen die Maske abreißt, dass die Liebe Gottes die Welt erlöst und die Morgendämmerung eines neuen Menschen in einer neuen Welt vorausahnen lässt.

192 Die Kräfte des Bösen jedoch lehnen diesen Liebesdienst ab: Die Ungläubigkeit des Volkes und seiner Verwandten, die politischen und religiösen Organe seiner Zeit und das Unverständnis seiner eigenen Schüler. So verstärken sich in Jesus die leidensvollen Züge des „Knechtes Jahwes“, von dem im Buch des Propheten Jesajas gesprochen wird (Jesajas 53). In totaler Liebe und Gehorsam gegenüber seinem Vater, die der menschliche Ausdruck seines ewigen Charakters als Sohn sind, nimmt er seinen Weg der selbstlosen Hingabe auf sich und weist die Versuchung der politischen Macht sowie jegliche Anwendung von Gewalt zurück. Er versammelt um sich einige wenige Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Schichten seiner Zeit. Obgleich sie verwirrt und zuweilen untreu sind, werden sie von der Liebe und der Kraft bewegt, die von ihm ausgeht: Sie werden die Grundpfeiler seiner Kirche. Vom Vater angezogen (vgl. Joh 6, 44), beginnen sie den Weg der Nachfolge Jesu. Dieser Weg ist nicht der der überheblichen Selbstbestätigung des Wissens oder der Macht des Menschen, es ist auch nicht der Weg des Hasses oder der Gewalt, sondern es ist der Weg der uneigennützigen und opferbereiten Hingabe der Liebe. Diese Liebe bezieht alle Menschen ein. Diese Liebe gibt den Kleinen, den Schwachen, den Armen Vorrang. Diese Liebe vereinigt und integriert alle in einer Brüderlichkeit, die den Weg zu einer neuen Geschichte eröffnen kann.

193 So fordert Jesus auf eine unverwechselbare, ihm eigene und unvergleichliche Weise eine völlige Nachfolge, die den ganzen Menschen, alle Menschen, umfaßt und die ganze Welt und den ganzen Kosmos einschließt. Die Radikalität dieser Forderung führt dazu, dass weder die Umkehr des einzelnen noch die der Gesellschaft jemals abgeschlossen sein kann. Denn wenn auch das Reich Gottes sich in geschichtlichen Taten verwirklicht, so erschöpft es sich doch nicht in ihnen, noch identifiziert es sich mit ihnen.

Das Ostergeheimnis: Tod und Leben

194 In Erfüllung des von seinem Vater erhaltenen Auftrags überantwortet sich Jesus frei dem Tod am Kreuze, dem Endpunkt seines irdischen Weges. Der Überbringer der Freiheit und der Freude des Gottesreichs wollte das entscheidende Opfer der Ungerechtigkeit und des Bösen in dieser Welt sein. Der Schmerz der Schöpfung wird vom Gekreuzigten auf sich genommen, der sein Leben als Opfer für alle anbietet: Er ist der oberste Priester, der unsere Schwächen teilen kann, er ist das österliche Opfer, das uns von unseren Sünden erlöst, er ist der gehorsame Sohn, der angesichts der erlösenden Gerechtigkeit seines Vaters den Schrei nach Befreiung und Erlösung aller Menschen Gestalt annehmen lässt.

195 Deswegen erweckt der Vater seinen Sohn von den Toten auf. Er verherrlicht ihn zu seiner Rechten, er gießt die belebende Kraft seines Geistes über ihn aus. Er setzt ihn als Haupt seines Leibes ein, der die Kirche ist. Er setzt ihn als Herrn der Welt und der Geschichte ein. Seine Auferstehung ist das Zeichen und Unterpfand der Auferstehung, zu der wir alle berufen sind, sowie zur letztlichen Umwandlung des Universums. Durch ihn und in ihm wollte der Vater neu schaffen, was er schon erschaffen hatte.

196 Jesus Christus hat sich nach seiner Erhöhung nicht von uns getrennt. Er lebt inmitten seiner Kirche, vornehmlich in der heiligen Eucharistie und in der Verkündigung seines Wortes. Er ist mitten unter denen, die sich in seinem Namen versammeln (vgl. Mt 18, 20), in der Gestalt seiner ausgesandten Hirten (vgl. Mt 10, 40; 28, 19 ff.), er wollte sich mit besonderer Zuneigung mit den Schwächsten und Ärmsten identifizieren (vgl. Mt 25, 40).

197 So wurde in den Mittelpunkt der Geschichte der Menschen das Reich Gottes eingepflanzt, das im Antlitz des auferstandenen Jesus Christus leuchtet. Die Gerechtigkeit Gottes hat über die Ungerechtigkeit der Menschen triumphiert. Mit Adam begann die alte Geschichte. Mit Jesus Christus, dem neuen Adam, beginnt die neue Geschichte, und diese empfängt jenen unaufhörlichen Impuls, der alle Menschen, die durch die Wirksamkeit des Geistes Kinder Gottes sind, hinführt zu einer immer vollkommeneren Beherrschung der Welt, zu einer Gemeinschaft unter Brüdern, die immer vollkommener wird und zur Fülle der Gemeinschaft und Teilhabe, die das Leben Gottes selbst sind. So verkünden wir die Frohe Botschaft von der Person Jesu Christi den Menschen in Lateinamerika, die berufen sind, neue Menschen durch die Einmaligkeit der Taufe und das Leben nach dem Evangelium zu werden (vgl. EN 18), um ihre Anstrengung zu unterstützen und ihrer Hoffnung Nahrung zu geben.

Jesus Christus sendet seinen Geist der Sohnschaft

198 Der auferstandene und zur Rechten des Vaters erhöhte Christus gießt seinen Heiligen Geist über die Apostel am Pfingsttage aus und später über alle diejenigen, die berufen sind (vgl. Apg 2, 39).

199 Der neue Bund, den Christus mit seinem Vater schloß, wird durch den Heiligen Geist verinnerlicht, der uns das Gesetz der Gnade und der Freiheit gibt, das er selbst in unsere Herzen eingeschrieben hat. Daher wird die Erneuerung der Menschen und folgerichtig die der Gesellschaft in erster Linie von dem Wirken des Heiligen Geistes abhängen. Die Gesetze und Strukturen müssen vom Geist erfüllt werden, der die Menschen belebt und bewirkt, dass das Evangelium in der Geschichte Gestalt annimmt.

200 Lateinamerika, das vom Anbeginn der Evangelisierung an diesen Bund mit dem Herrn besiegelte, muss ihn nun erneuern und ihn mit der Gnade des Geistes, in Übereinstimmung mit seinen Forderungen der Liebe, der Hingabe und der Gerechtigkeit leben.

201 Der Geist, der den Erdkreis erfüllte, schloß auch all das ein, was an Gutem in den Kulturen vorhanden war. Er selbst half ihnen, das Evangelium zu empfangen, und er weckt noch heute in unseren Völkern die Sehnsucht nach befreiender Erlösung: Daher ist es notwendig, seine echte Präsenz in der Geschichte des Kontinents zu entdecken.

Der Geist der Wahrheit und des Lebens, der Liebe und der Freiheit

202 Der Heilige Geist wird von Jesus „Geist der Wahrheit“ genannt, und dieser Geist, dessen Auftrag es ist, uns in die volle Wahrheit zu führen (vgl. Joh 16, 13), legt in uns Zeugnis ab dafür, dass wir Kinder Gottes sind und dass Jesus auferstanden ist und „gestern und heute und in Ewigkeit derselbe ist“ (Hebr 13, 8). Darum ist er der Hauptverkündiger des Evangeliums, der alle anderen Verkündiger beseelt und ihnen hilft, damit sie die ganze Wahrheit ohne Irrtümer und ohne Einschränkungen verbreiten.

203 Der Heilige Geist ist „Lebensspender“. Er ist das lebendige Wasser, das aus der Quelle fließt, die Christus ist, der die durch die Sünde Gestorbenen auferweckt und uns die Sünde hassen lässt, insbesondere in einer Zeit, die so sehr von Korruption und Richtungslosigkeit gekennzeichnet ist, wie die unsere.

204 Er ist der Geist der Liebe und der Freiheit. Da der Vater uns den Geist seines Sohnes sendet, „gießt er seine Liebe in unsere Herzen“ (Röm 5, 5), indem er uns von der Sünde abwendet und uns die Freiheit seiner Kinder schenkt. Die Freiheit ist notwendig verbunden mit der Gotteskindschaft und der Brüderlichkeit. Er, der frei ist nach dem Evangelium, verpflichtet sich nur zu Handlungen, die Gottes, seines Vaters, und seiner Menschen Brüder würdig sind.

Der Geist vereint in der Einheit und macht reich in der Verschiedenheit

205 Jesus Christus, der Erlöser der Menschen, verbreitet seinen Geist über alle, ohne Unterschied der Person. Wer bei seiner Evangelisierung auch nur einen einzigen Menschen von seiner Liebe ausschließt, besitzt nicht den Geist Christi; deswegen muss die apostolische Aktion alle Menschen umfassen, die dazu bestimmt sind, Kinder Gottes zu sein.

206 „Der Heilige Geist eint die ganze Kirche alle Zeiten hindurch in Gemeinschaft und Dienstleistung, stattet sie mit den verschiedenen hierarchischen und charismatischen Gaben aus, wobei er die kirchlichen Einrichtungen gleichsam als Seele belebt“ (AG 4). Die Hierarchie und die Institutionen, weit davon entfernt, für die Evangelisierung ein Hindernis zu sein, sind vielmehr Instrumente des Geistes und der Gnade.

207 Charismen haben in der Kirche nie gefehlt. Paul VI. brachte sein Wohlgefallen zum Ausdruck über die geistliche Erneuerung, die in verschiedensten Orten und Kreisen sichtbar wird und zum freudigen Gebet, zu einer innerlichen Einheit mit Gott, zur Treue gegenüber dem Herrn und zu einer tiefen Gemeinschaft der Seelen führt.

Auch verschiedene Bischofskonferenzen brachten ihre Freude über diesen Tatbestand zum Ausdruck. Aber diese Erneuerung erfordert richtiges Gefühl, orientierende Leitung und Unterscheidungsvermögen von seiten der Hirten, damit gefährliche Übertreibungen und Abweichungen vermieden werden (vgl. LG 12).

208 Das Wirken des Heiligen Geistes dringt sogar zu denen, die Jesus Christus nicht kennen, denn „der Herr will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Tim 2, 4).

Vollendung des Ratschlusses Gottes

209 Das dreifaltige Leben, das Christus uns mitteilt, wird erst in der Herrlichkeit Gottes zu seiner umfassenden Fülle gelangen. Die auf der Pilgerschaft begriffene Kirche erkennt als menschliche und irdische Institution in Demut ihre Irrtümer und Sünden, die das Antlitz Gottes in seinen Kindern verdüstern (vgl. UR 6 und 7), aber sie ist entschlossen, ihre Tätigkeit der Evangelisierung fortzuführen, um ihrer Sendung im Vertrauen auf die Treue ihres Gründers und die Macht des Geistes treu zu bleiben.

210 Jesus Christus war ständig auf der Suche nach der Verherrlichung seines Vaters und krönte seine Hingabe an den Vater am Kreuz. Er ist der „Erstgeborene von vielen Brüdern“ (Röm 8, 29). Hin zum Vater, darin bestand der irdische Weg Jesu Christi. Von daher ist das „Hin zum Vater“ auch der irdische Weg der Kirche, die ein Volk von Brüdern ist. Nur in der Begegnung mit dem Vater werden wir die Fülle finden, nach der zu suchen in der Zeit utopisch wäre. Während die Kirche auf die vollendete Einheit mit dem göttlichen Bräutigam wartet, „sagen der Geist und die Braut: Komm, Herr Jesus“ (Offb 22, 17-20).

Gemeinschaft und Teilhabe

211 Nach der Verkündigung Christi, der uns den Vater „offenbart“ und uns seinen Geist gibt, gelangen wir zur Entdeckung der tiefsten Wurzeln unserer Gemeinschaft und Teilhabe.

212 Christus offenbart uns, dass das göttliche Leben die dreifaltige Gemeinschaft ist. Vater, Sohn und Geist leben in einer vollendeten Gemeinschaft der Liebe, des höchsten Mysteriums der Einheit, und von dort gehen alle Liebe und alle Gemeinschaft aus, die Grundlage für die Größe und Würde der menschlichen Existenz sind.

213 Durch Christus, den einzigen Mittler, hat die Menschheit teil am dreifaltigen Leben. Christus führt uns heute, insbesondere durch sein österliches Wirken, zur Teilhabe am Mysterium Gottes hin. Aufgrund seiner Solidarität mit uns befähigt er uns, unser Tun mit der Liebe zu beleben und unsere Arbeit und unsere Geschichte in ein liturgisches Geschehen zu verwandeln, d. h., mit ihm Protagonisten zu sein beim Aufbau des menschlichen Zusammenlebens und Tätigseins, die das Mysterium Gottes widerspiegeln und seine lebendige Herrlichkeit darstellen.

214 Durch Christus, mit ihm und in ihm gelangen wir zur Teilhabe an der Gemeinschaft mit Gott. Es gibt keinen anderen Weg, der uns zum Vater führt. Wenn wir in Christus leben, werden wir sein mystischer Leib, sein Volk, ein Volk von Brüdern, die in der Liebe, die der Geist in unsere Herzen ausgießt, vereint sind. Dies ist die Gemeinschaft, zu der der Vater uns durch Christus und durch seinen Geist aufruft. An ihr orientiert sich die ganze Heilsgeschichte, und in ihr wird der Ratschluss der Liebe des Vaters, der uns erschuf, erfüllt.

215 Die Gemeinschaft, die unter den Menschen aufgebaut werden soll, umfaßt das Sein von Grund auf mit seiner Liebe, und muss sich im ganzen Leben offenbaren, sowohl in seiner wirtschaftlichen, sozialen wie auch politischen Dimension. Hervorgebracht vom Vater, vom Sohn und vom Heiligen Geist ist es das Mitteilen seiner eigenen dreifaltigen Gemeinschaft.

216 Es ist dies nämlich die Gemeinschaft, die die Massen auf unserem Kontinent voller Sehnsucht suchen, wenn sie auf die Vorsehung des Vaters vertrauen und sich zu Christus als dem Gott der Erlösung bekennen, wenn sie die Gnade des Geistes in den Sakramenten suchen und auch, wenn sie sich „im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ bekreuzigen.

217 „In dieser dreifaltigen Gemeinschaft des Volkes und der Familie Gottes verehren wir gemeinsam die Jungfrau Maria und alle Heiligen und rufen ihre Fürsprache an. Jedes echte Zeugnis der Liebe, das wir den Menschen guten Willens zukommen lassen, ist von seinem eigentlichen Wesen her auf Christus und durch ihn auf Gott hin gerichtet“ (LG 50).

218 Die Evangelisierung ist ein Aufruf zur Teilhabe an der dreifaltigen Gemeinschaft. Andere Formen der Gemeinschaft, auch wenn sie nicht die letzte Bestimmung des Menschen darstellen, sind, durch die Gnade belebt, ihre Vorstufe.

219 Die Evangelisierung lässt uns teilhaben an den Seufzern des Geistes, der die gesamte Schöpfung befreien möchte. Der Geist, der uns zu dieser Befreiung bewegt, öffnet uns den Weg zur Einheit aller Menschen untereinander und der Menschen mit Gott, bis „Gott alles in allem ist“ (1. Kor 15, 28).

Die Wahrheit über die Kirche, das Volk Gottes, Zeichen und Dienst für die Gemeinschaft

220 Christus, der zum Vater aufsteigt und sich den Augen der Menschheit verbirgt, verkündet die Frohe Botschaft auch weiterhin in sichtbarer Form durch die Kirche, das Sakrament der Gemeinschaft der Menschen in dem einzigen Gottesvolk, das auf Pilgerschaft durch die Geschichte begriffen ist. Dazu sendet Christus seinen Geist, „der einen jeden dazu antreibt, das Evangelium zu verkünden, und er ist es auch, der die Heilsbotschaft in den Tiefen des Bewusstseins annehmen und verstehen lässt“ (EN 75).

Die Frohe Botschaft Jesu und die Kirche

Die Gegenwart Christi und der Kirche sind zwei untrennbare Wirklichkeiten

221 Die lebendige Gegenwart Christi in der Geschichte, der Kultur und der gesamten Realität Lateinamerikas ist offenbar. Diese Gegenwart ist im Gefühl unseres Volkes untrennbar verbunden mit der Kirche, denn durch sie hat sein Evangelium in unseren Ländern Verbreitung gefunden. Eine solche Erfahrung beinhaltet eine tiefe Glaubensintuition in bezug auf die innerste Natur der Kirche.

Die Kirche und Jesus als Verkündiger

222 Die Kirche ist nicht von Christus zu trennen, denn er selbst gründete sie (vgl. LG 5, 8; GS 40; UR 1) durch einen ausdrücklichen Willensakt auf die Zwölf, deren Haupt Petrus ist (vgl. Mt 16, 18), und bestimmte sie als allumfassendes Sakrament, das für die Erlösung notwendig ist. Die Kirche ist nicht ein späteres „Ergebnis“ noch eine durch die Verkündigung des Evangeliums durch Jesus „eingeleitete einfache Folge“. Sie geht sicherlich aus dieser Verkündigung hervor, aber auf eine direkte Weise, denn es ist der Herr selbst, der seine Jünger zusammenruft und ihnen die Kraft seines Geistes mitteilt und der entstehenden Gemeinschaft alle Mittel und wesentlichen Elemente verleiht, welche das katholische Volk bekennt als göttliche Einrichtung.

223 Außerdem stellt Jesus seine Kirche als den normativen Weg dar. Es bleibt daher nicht der Wahl des Menschen überlassen, sie anzunehmen oder nicht, ohne dass dies Folgen hätte, denn „wer euch hört, der hört mich, und wer euch ablehnt, der lehnt mich ab“ (Lk 10, 16) spricht der Herr zu seinen Aposteln. Deswegen muss, wer Christus annimmt, auch seine Kirche annehmen. Sie ist Teil des Evangeliums, des Vermächtnisses Jesu und Gegenstand unseres Glaubens, unserer Liebe und unserer Treue. Dies bringen wir zum Ausdruck, wenn wir beten: „Ich glaube an die eine, heilige, katholische, apostolische Kirche.“

224 Aber die Kirche bewahrt und gibt auch das Evangelium weiter. Sie verlängert auf der Erde, getreu dem Gesetz der sichtbaren Fleischwerdung, die Gegenwart und Verkündigung Christi. Wie er, so lebt auch die Kirche, um zu verkündigen. Dies ist ihre Gnade und ihre eigentliche Berufung (vgl. EN 14). Denn sie muss den Menschen die Person und die Botschaft Jesu verkünden.

225 Diese Kirche ist eine einzige: Es ist die Kirche, die auf Petrus erbaut wurde, die der Herr selbst „meine Kirche“ nennt (Mt 16, 18). Nur in der katholischen Kirche ist die Fülle der Mittel für die Erlösung vorhanden (vgl. UR 3), die von Jesus durch die Apostel den Menschen vermacht wurden. Daher haben wir die Pflicht, die Herrlichkeit unserer Berufung zur Kirche zu verkünden (vgl. LG 14). Diese unsere Berufung ist zugleich unendliche Gnade und Verantwortung.

Die Kirche und das Reich, das Jesus ankündigt

226 Mittelpunkt der Botschaft Jesu ist die Verkündigung des Reiches, das in ihm selbst gegenwärtig wird und kommt. Dieses Reich ist zwar nicht eine von der Kirche trennbare Realität (vgl. LG 8), doch überschreitet es deren sichtbare Grenzen (vgl. LG 5). Es besteht in einer gewissen Weise dort, wo immer Gott vermittels seiner Gnade und Liebe regiert, indem er die Sünde besiegt und den Menschen hilft, auf die große Gemeinschaft hinzuwachsen, die er ihnen in Christus anbietet. Dieses Wirken Gottes findet auch im Herzen der Menschen statt, die außerhalb des sichtbaren Bereiches der Kirche leben (vgl. LG 16; GS 22; UR 3). Dies bedeutet aber in keiner Weise, dass die Zugehörigkeit zur Kirche etwas anderes sei (vgl. Johannes Paul II., Eröffnungsansprache I, 8 AAS LXXI S. 194).

227 Von daher ergibt sich, dass die Kirche die Sendung erhalten hat, das Reich anzukündigen und in allen Völkern zu begründen (vgl. LG 5). Sie ist sein Zeichen. In ihr wird auf sichtbare Weise offenbar, was Gott in der Stille auf der ganzen Welt vollbringt. Es ist der Ort, an dem sich das Wirken des Vaters aufs höchste konzentriert, der in der Kraft des Geistes der Liebe unentwegt die Menschen sucht, um mit ihnen in seiner unaussprechlichen Liebe sein eigenes dreifaltiges Leben zu teilen. Die Kirche ist auch das Werkzeug, das das Reich zu den Menschen bringt, um sie zu ihrem Endziel hinzuführen.

228 Sie „stellt bereits auf Erden Keim und Anfang des Reiches dar“ (LG 5), den Keim, der in der Geschichte wachsen muss unter dem Einfluß des Geistes, bis zu dem Tage, an dem „Gott herrscht über alles in allem“ (1. Kor 15, 28). Bis zu jenem Zeitpunkt wird die Kirche in vielerlei Hinsicht Gegenstand der Bemühungen um Vervollkommnung sein, sie wird ständig der Evangelisierung ihrer selbst, der verstärkten Umkehr und der Läuterung bedürfen (vgl. LG 15).

229 Doch ungeachtet dessen ist das Reich bereits in ihr. Ihre Gegenwart auf unserem Kontinent ist die Frohe Botschaft. Denn sie erfüllt, wenn auch nur ansatzweise, die tiefsten Sehnsüchte und Hoffnungen unserer Völker.

230 Hierin besteht das „Mysterium“ der Kirche: sie ist eine menschliche Realität, die aus begrenzten und armen Menschen geformt wird, die jedoch von der unerforschlichen Gegenwart und Kraft des dreifaltigen Gottes, der in ihr leuchtet, und die Menschen zusammenruft und erlöst, durchdrungen ist (vgl. LG 4, 8; SC 2).

231 Die Kirche der Gegenwart ist noch nicht das, wozu sie berufen ist. Es ist wichtig, diesem Umstand Rechnung zu tragen, um eine falsche und triumphierende Sicht zu vermeiden. Andererseits darf man nicht zu sehr das unterstreichen, was in ihr an Mängeln vorhanden ist, denn in ihr ist die Kraft des endgültigen Reiches bereits in unserer Zeit gegenwärtig und wirksam.

Die Kirche lebt im Geheimnis der Gemeinschaft als Volk Gottes

232 Unser Volk liebt die Wallfahrten. In ihnen feiert der einfache Christ die Freude, sich eingetaucht zu fühlen inmitten der Menge seiner Brüder, die zusammen auf dem Weg zu dem Gott sind, der sie erwartet. Ein solches Tun ist zugleich ein glanzvolles sakramentales Zeichen der großen Vision von der Kirche, wie sie uns das Zweite Vatikanische Konzil bietet: die Familie Gottes, verstanden als Volk Gottes, das auf Pilgerfahrt durch die Geschichte begriffen ist und auf seinen Herrn zugeht.

233 Das Konzil fand zu einem für unsere lateinamerikanischen Völker schwierigen Zeitpunkt statt. Es waren dies die Jahre der Probleme, der angstvollen Suche nach der eigenen Identität, gekennzeichnet durch ein Erwachen der Volksmassen und durch Versuche, zu einer amerikanischen Integration zu gelangen. Vorausgegangen war die Gründung des CELAM (1955). Dies hat im katholischen Volk die Bereitschaft geschaffen, sich mit einer gewissen Leichtigkeit einer Kirche zu öffnen, die sich ebenfalls als „Volk“ darstellt. Die Kirche ist aber auch ein universales Volk, das die übrigen Völker durchdringt, um ihnen zu helfen, sich zu verbrüdern und zu einer großen Gemeinschaft zusammenzuwachsen, so wie sie Lateinamerika zu erahnen begann. Medellin verbreitet die neue Vision, die doch alt ist wie die biblische Geschichte selbst (Gott aber hat es gefallen, die Menschen nicht einzeln, unabhängig von aller wechselseitigen Verbindung, zu heiligen und zu retten, sondern sie zu einem Volk zu machen, das ihn in Wahrheit anerkennen und ihm in Heiligkeit dienen soll. So hat er sich das Volk Israel zum Eigenvolk erwählt und hat mit ihm einen Bund geschlossen und es Stufe für Stufe unterwiesen. Dies tat er, indem er sich und seinen Heilsratschluss in dessen Geschichte offenbarte und sich dieses Volk heiligte (LG 9). Dieses Volk war das Abbild der Kirche, des einzigen und endgültigen Gottesvolks, das durch Jesus Christus gegründet wurde).

234 Zehn Jahre später ist die Kirche Lateinamerikas in Puebla besser imstande, ihre Realität als Volk Gottes freudig zu bestätigen. Nach der Konferenz von Medellin erleben unsere Völker Höhepunkte der Begegnung mit sich selbst, sie entdecken den Wert ihrer Geschichte, der Kulturen der Urbevölkerung und der Volksreligiosität. Inmitten dieses Prozesses enthüllt sich die Gegenwart dieses anderen Volkes, das unsere natürlichen Völker in ihrer Geschichte begleitet, und man beginnt, seinen Beitrag als einigendes Element unserer Kultur zu schätzen, die es mit der Kraft des Evangeliums in so reicher Weise befruchtet hat. Die Befruchtung war gegenseitig, indem es der Kirche gelang, in unseren ursprünglichen Werten Gestalt anzunehmen und auf diese Weise neue Ausdrucksformen des Reichtums des Geistes zu entwickeln.

235 Die Sicht der Kirche als Volk Gottes erscheint außerdem notwendig zur Ergänzung des Übergangsprozesses, der in Medellin besonders hervorgehoben wurde, des Übergangs von der individualistischen Art und Weise, den Glauben zu leben, zu dem großen Bewusstsein der Gemeinschaft, für das uns das Konzil bereit machte.

236 Das Volk Gottes ist ein universales Volk. Es ist die Familie Gottes auf Erden, es ist ein heiliges Volk, ein Volk, das durch die Geschichte pilgert, ein gesandtes Volk.

237 Die Kirche ist ein universales Volk, dazu bestimmt, „das Licht der Völker" zu sein (Jesaja 49, 6; Lk 2, 32). Sein Kennzeichen ist nicht irgendeine Rasse oder eine Sprache, noch irgendeine menschliche Besonderheit. Es wird aus Gott geboren durch den Glauben an Jesus Christus. Deswegen tritt es nicht in einen Widerstreit mit irgendeinem anderen Volk ein, es kann in allen Gestalt annehmen, um in die Geschichte der Völker das Reich Gottes einzubringen. Auf diese Weise „fördert und übernimmt es Anlagen, Fähigkeiten und Sitten der Völker, soweit sie gut sind. Bei dieser Übernahme reinigt, kräftigt und hebt es sie aber auch" (LG 13).

Volk als Familie Gottes

238 Unser lateinamerikanisches Volk nennt die Kirche spontan „Gottes Haus", denn es erkennt, dass sich dort die Kirche als „Familie Gottes" versammelt. Es ist dies der gleiche Ausdruck, der häufig von der Bibel und ebenso vom Konzil verwendet wird, um die tiefste und innerste Realität des Gottesvolkes zum Ausdruck zu bringen (vgl. Psalm 60, 8; Dtn 32, 8 ff.; Eph 2, 19; Röm 8, 29).

239 Es ist eine Sicht der Kirche, die den lateinamerikanischen Menschen zutiefst berührt, der die Werte der Familie hoch schätzt und der angesichts der wachsenden Kälte der modernen Welt voller Sorge nach Möglichkeiten sucht, diese Werte zu retten. Die Reaktion wird in vielen Ländern sichtbar, sowohl in der Intensität der Familienpastoral wie auch in der Vervielfachung der kirchlichen Basisgemeinschaften, wo auf der Ebene der menschlichen Erfahrung ein intensives Erleben der Realität der Kirche als Familie Gottes möglich wird.

240 Viele Pfarreien und Diözesen legen ebenfalls besonderen Wert auf die Familie. Sie wissen, dass der Lateinamerikaner einer Familie bedarf und sie sucht und dass er auf diese Weise in der Kirche eine Antwort auf seine Bedürfnisse findet. Hier handelt es sich nicht um eine psychologische Taktik, sondern um die Treue gegenüber der eigenen Identität. Denn die Kirche ist nicht der Ort, wo die Menschen sich als Familie Gottes „fühlen", sondern der Ort, wo sie zur Familie Gottes „werden", in einem realen, tiefen und ontologischen Sinn. Hier werden sie in Wahrheit zu Kindern des Vaters in Jesus Christus (vgl. 1 Joh 3, 1), der sie durch die Kraft des Geistes vermittels der Taufe an seinem Leben teilhaben lässt. Diese Gnade der Gotteskindschaft ist der große Schatz, den die Kirche den Menschen auf unserem Kontinent anbieten muss.

241 Aus der Gotteskindschaft in Christus entsteht die christliche Brüderlichkeit. Der moderne Mensch hat es nicht vermocht, eine universale Brüderlichkeit auf der Erde zu begründen, denn er sucht eine Brüderlichkeit, die des Mittelpunktes und gemeinsamen Ursprungs entbehrt. Er hat vergessen, dass die einzige Form der Brüderlichkeit darin besteht, den Ursprung von dem gleichen Vater anzuerkennen.

242 Die Kirche, die Familie Gottes, ist der Hort, wo jeder Sohn und Bruder zugleich auch Herr ist, dazu bestimmt, an der Herrschaft Christi über die Schöpfung und Ge¬schichte teilzuhaben. Dieses ist eine Herrschaft, die erlernt und errungen werden muss durch einen kontinuierlichen Prozess der Umkehr und der Angleichung an den Herrn.

243 Das Feuer, das die Familie Gottes mit Leben erfüllt, ist der Heilige Geist. Er erweckt die Gemeinschaft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, die er als seine unsichtbare Seele, seine tiefste Dimension und als die Wurzel des christlichen Miteinanderteilens auf anderen Ebenen einsetzt. Da die Kirche aus Menschen besteht, die mit Leib und Seele begabt sind, muss die innere Gemeinschaft einen sichtbaren Ausdruck finden. Die Fähigkeit des Miteinanderteilens ist das Zeichen der Tiefe der inneren Gemeinschaft und ihrer Glaubwürdigkeit nach außen (vgl. Joh 17, 21). Daher rührt es, dass die Zwietracht in der Kirche ein so schwerwiegendes Ärgernis ist. In ihr wird die Sendung selbst aufs Spiel gesetzt, die Jesus ihr anvertraute: Ihre Fähigkeit, Zeichen und Beweis dafür zu sein, dass Gott durch sie die Menschen zu seiner Familie machen will.

244 Die Probleme, die die Einheit der Kirche beeinträchtigen, entstehen aus der Vielfalt ihrer Glieder. Diese Menge von Brüdern (vgl. Röm 8, 29), die Christus in der Kirche versammelt hat, stellt keine monolithische Realität dar. Sie leben ihre Einheit von ihrer Vielfalt her, die der Geist einem jeden verliehen hat (vgl. 1. Kor 12, 4-6) und die als ein Beitrag zum Reichtum des Ganzen zu verstehen ist.

245 Diese Vielfalt kann allein schon aus der Wesensart eines jeden einzelnen begründet werden. Sie kann begründet werden aus der Aufgabe, die ihm im Inneren der Kirche zukommt und die klar unterscheidet zwischen der Rolle der Hierarchie und der des Laienstandes. Sie kann auch von besonderen Charismen her begründet werden, die der Geist erweckt, wie zum Beispiel das Charisma des Ordenslebens und andere. Daher ist die Kirche wie ein Leib, der, ständig gezeugt, ernährt und erneuert durch den Geist, auf die Fülle Christi zuwächst (vgl. Eph 4, 11-13).

246 Die Kraft, die den Zusammenhalt der Familie Gottes inmitten von Spannungen und Konflikten sichert, ist an erster Stelle die Lebenskraft ihrer Gemeinschaft im Glauben und in der Liebe. Dies bedeutet nicht nur den Willen zur Einheit, sondern auch das Einssein in der vollen Wahrheit Jesu Christi. Ebenso sichern und errichten die Sakramente die Einheit der Kirche. Die Eucharistie versinnbildlicht diese Einheit in ihrer tiefsten Realität, denn sie versammelt das Gottesvolk als Familie, die an einem einzigen Tisch teilhat, wo das Leben Christi, das als Opfer hingegeben wurde, zum einzigen Leben aller wird.

247 Die Eucharistie verweist uns unmittelbar auf die Hierarchie, ohne die sie nicht $möglich ist. Denn es waren die Apostel, denen der Herr den Auftrag gab, sie zu feiern „zu meinem Gedächtnis“ (Lk 22, 19). Die Hirten der Kirche, die Nachfolger der Apostel, stellen daher den sichtbaren Mittelpunkt dar, an den hier auf Erden die Einheit der Kirche gebunden ist.

248 Dem Konzil zufolge ist die Rolle der Hirten vor allem eine väterliche (vgl. LG 28; CD 16; PO 9). Es ist daher offensichtlich, dass in der Kirche das gleiche geschieht wie in jeder Familie: Die Einheit der Kinder wird wesentlich von oben her gefestigt. Wenn die Verbindung mit der Kirche geschwächt wird oder sogar zerreißt, so sind die Hirten auch die sakramentalen Diener der Versöhnung (vgl. UR 3).

249 Angesichts dieses väterlichen Charakters der Hirten darf nicht vergessen werden, dass sie innerhalb der Familie Gottes in deren Dienst stehen. Sie sind Brüder, die dazu berufen sind, dem Leben zu dienen, das der Geist in den übrigen Brüdern frei erweckt. Es ist das Leben, das die Hirten achten, annehmen, leiten und fördern müssen, wenn es auch unabhängig von ihren eigenen Initiativen entstanden ist. Daher müssen sie die notwendige Sorge tragen, „um nicht den Geist auszulöschen, noch prophetische Worte zu verachten“ (1. Thess 5, 19). Die Hirten leben für die anderen. „Damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10, 10). Die Aufgabe der Einheit bedeutet nicht die Ausübung einer willkürlichen Macht. Autorität ist Dienst am Leben. Dieser Dienst der Hirten schließt das Recht und die Pflicht ein, mit der notwendigen Klarheit und Festigkeit zu korrigieren und zu entscheiden.

Heiliges Volk

250 Das Gottesvolk, in dem der Geist wohnt, ist auch ein heiliges Volk. Durch die Taufe hat der Heilige Geist ihm am göttlichen Leben Teilhabe gewährt. Er hat es als messianisches Volk gesalbt, das mit einer wesensmäßigen Heiligkeit ausgestattet ist, die sich auf die Heiligkeit des empfangenen göttlichen Lebens selbst gründet. Diese Heiligkeit ruft dem Gottesvolk die vertikale und konstituierende Dimension seiner Gemeinschaft ins Gedächtnis. Es ist ein Volk, das nicht nur aus Gott geboren wird, sondern das sich als geheiligtes Volk ihm weiht, um ihn anzubeten und zu verherrlichen. So stellt sich das Gottesvolk als sein lebendiger Tempel dar, die Stätte, an der er unter den Menschen gegenwärtig ist. In diesem Tempel sind wir Christen die lebendigen Steine (vgl. 1. Petr 2, 5).

251 Die Bürger dieses Volkes müssen ihren Weg auf der Erde gehen, jedoch als Bürger des Himmels, ihr Herz muss durch Gebet und Betrachtung in Gott verwurzelt sein. Eine solche Haltung bedeutet nicht Flucht vor dem Irdischen, sondern Vorbedingung für eine fruchtbare Hingabe an die Menschen. Denn wer es nicht gelernt hat, den Willen des Vaters in der Stille des Gebets zu verehren, wird dies nur schwerlich zustande bringen, wenn von ihm in seiner Eigenschaft als Bruder Verzicht, Schmerz und Demütigung gefordert werden.

252 Die Verehrung, die Gott von uns fordert und die im Gebet und in der Liturgie zum Ausdruck kommt, verlängert sich in das tägliche Leben hinein durch die Anstrengung, es in seiner Gesamtheit zu einem Opfer zu machen (vgl. Röm 12, 1). Als Glieder eines bereits durch die Taufe geheiligten Volkes sind wir Christen aufgerufen, dieser Heiligkeit Ausdruck zu geben. „Seid vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist“ (Mt 5, 48). Diese Heiligkeit erfordert die Pflege sowohl der gesellschaftlichen Tugenden als auch der persönlichen Moral. Alles das, was gegen die Würde des Leibes des Menschen gerichtet ist, der dazu berufen ist, der Tempel Gottes zu sein, ist Entweihung und Sakrileg und beleidigt den Geist (vgl. Eph 4, 30). Dies gilt für Mord und Folter, aber ebenso für die Prostitution, die Pornographie, den Ehebruch, die Abtreibung und jedweden anderen Missbrauch der Sexualität.

253 In dieser Welt wird es der Kirche nie gelingen, ihre universale Berufung zur Heiligkeit voll zu leben. In ihr werden immer Gerechte und Sünder sein (vgl. LG 8). Mehr noch, durch das Herz eines jeden Christen geht die Trennlinie, die das, was von den Gerechten in uns wohnt, von dem trennt, was von den Sündern in uns ist.

Volk auf Pilgerschaft

254 Indem die Kirche sich selbst als Volk sieht, definiert sie sich als eine Realität inmitten der Geschichte, die sich auf dem Weg zu einem noch nicht erreichten Ziel befindet.

255 Da die Kirche ein historisches Volk ist, erfordert es ihre Natur, dass die Formen der gesellschaftlichen Strukturierung sichtbar sind (vgl. LG 8). An dem als „Familie“ betrachteten Volk Gottes hoben wir bereits eine sichtbare Realität hervor, doch bezog sich dies in erster Linie auf die Kraft ihres inneren Lebens. Die Betonung ihres historischen Charakters unterstreicht die Notwendigkeit, diese Realität als Institution zu beschreiben.

256 Diese ihre Eigenart als gesellschaftliche Institution drückt sich in der Kirche durch eine sichtbare und klare Struktur aus, die das Leben ihrer Glieder ordnet, ihre Aufgaben und Beziehungen sowie ihre Rechte und Pflichten festlegt.

257 Die Kirche als Gottesvolk erkennt eine einzige Autorität an: Christus. Er ist der einzige Hirte, der sie leitet. Die Bande jedoch, die sie mit ihm verbinden, gehen weit hinaus über diejenigen, die sich aus der bloßen Aufgabe der Führung ergeben. Christus ist die Autorität der Kirche im tiefsten Sinne des Wortes: Er ist ihr Urheber. Denn er ist die Quelle ihres Lebens und ihrer Einheit, er ist ihr Haupt. Diese seine Eigenschaft als Haupt ist die geheimnisvolle, lebenswichtige Beziehung, die ihn mit allen ihren Gliedern verbindet. Daher rührt die Teilhabe der Hirten an seiner Autorität durch die Geschichte hindurch von dieser Realität her. Diese Teilhabe ist viel mehr als eine rein juristische Macht. Es ist die Teilhabe am Mysterium seiner Funktion als Haupt und ist daher eine Realität sakramentaler Art.

258 Die Zwölf, an ihrer Spitze Petrus, wurden von Jesus ausgewählt, damit sie teilhätten an dieser seiner geheimnisvollen Beziehung zur Kirche. Sie wurden eingesetzt und geweiht durch ihn als lebendige Sakramente seiner Gegenwart, um ihn als Haupt und Hirten inmitten seines Volkes sichtbar gegenwärtig werden zu lassen. Aus dieser tiefen Gemeinschaft im Mysterium ergibt sich als Folge die Gewalt, „zu binden und zu lösen“ (Mt 16, 19). In seiner Gesamtheit gesehen, ist das hierarchische Amt eine Realität sakramentaler, vitaler und juridischer Art wie die Kirche selbst.

259 Dieses Amt wurde Petrus und den übrigen Aposteln anvertraut, deren Nachfolger heute der Papst und die Bischöfe sind, zu denen sich als Mitarbeiter die Priester und Diakone gesellen. Die Hirten der Kirche leiten die Kirche nicht nur im Namen des Herrn. Sie üben auch die Funktion von Lehrern der Wahrheit aus und leiten als Priester den Gottesdienst. Die Gehorsamspflicht des Volkes Gottes gegenüber den Hirten, die das Volk leiten, gründet sich allen rechtlichen Erwägungen voraus zuerst auf die gläubige Achtung vor der sakramentalen Gegenwart des Herrn in ihnen. Dies ist ihre objektive Glaubenswirklichkeit, die unabhängig von jeder persönlichen Erwägung ist.

260 In Lateinamerika ist nach dem Konzil und nach Medellin ein großer Wandel in der Art und Weise der Ausübung der Autorität innerhalb der Kirche zu beobachten. Ihr Wesenszug als Dienst und Sakrament sowie auch die ihr eigene Dimension der kollegialen Zuwendung wird hervorgehoben. Diese letztere Dimension hat ihren Ausdruck nicht nur auf der Ebene des Priesterrats der Diözese, sondern auch in den Bischofskonferenzen und im CELAM gefunden.

261 Diese Sicht der Kirche als historisches und gesellschaftlich gegliedertes Volk ist ein Rahmen, auf den sich notwendig auch die theologische Reflexion über die kirchlichen Basisgemeinschaften auf unserem Kontinent beziehen muss, denn sie beinhaltet Elemente, die es ermöglichen, den Schwerpunkt dieser Gemeinschaften, der in der lebenskräftigen Dynamik der Basen und in dem in kleinen Gemeinschaften spontaner geteilten Glauben liegt, zu ergänzen. Die Kirche als historisches und institutionelles Volk stellt die umfassendste, universalste und am klarsten definierte Struktur dar, in die sich zwingend die kirchlichen Basisgemeinschaften einordnen müssen, um nicht Gefahr zu laufen, einerseits in Richtung auf eine beabsichtigte Anarchie hin und andererseits in Richtung auf ein verschlossenes oder sektiererisches Elitedenken hin zu entarten (vgl. EN 58).

262 Einige Aspekte des Problems der „Volkskirche“ oder der „parallelen Lehrämter“ liegen auf der gleichen Linie: Die Sekte neigt immer zur Selbstgenügsamkeit, sowohl im Rechtlichen als auch im Bereich der Lehre. Wenn sich die kirchlichen Basisgemeinschaften in die Gesamtheit des Gottesvolkes eingliedern, so werden sie ohne Zweifel diese Gefahren vermeiden und den Hoffnungen gerecht werden, die die lateinamerikanische Kirche in sie gesetzt hat.

263 Das Problem der „Volkskirche“, die aus dem Volk hervorgeht, weist verschiedene Aspekte auf. Wenn sie sich als eine Kirche versteht, die in den breiten Volksschichten des Kontinents Gestalt annehmen will und die daher aus der Antwort des Glaubens dieser Schichten an den Herrn entsteht, so wird das erste Hindernis vermieden: die offensichtliche Verneinung der Grundwahrheit, die uns lehrt, dass die Kirche stets aus einer ersten Initiative „von oben her“, vom Geist, der sie erweckt, und vom Herrn, der sie zusammenruft, geboren wird. Aber der Name scheint wenig glücklich gewählt zu sein. „Die Volkskirche“ scheint anders zu sein, als jene „andere“, die sich mit der „offiziellen“ oder „institutionellen“ Kirche identifiziert und die man beschuldigt, „entfremdend“ zu sein. Dies würde eine Spaltung innerhalb der Kirche und eine unannehmbare Negierung der Aufgabe der Hierarchie bedeuten. Derartige Standpunkte könnten, nach Johannes Paul II., von „bekannten ideologischen Positionen“ inspiriert sein (vgl. Eröffnungsansprache I, 8 AAS LXXI S. 194).

264 Ein weiteres schwerwiegendes Problem in Lateinamerika, das mit der historischen Bedingtheit des Gottesvolks in Verbindung steht, ist das der Veränderungen in der Kirche. Auf ihrem Weg durch die Geschichte verändert sich die Kirche notwendigerweise, aber nur in dem, was äußerlich und unwesentlich ist. Daher kann man nicht von einem Gegensatz zwischen „der neuen Kirche“ und „der alten Kirche“ sprechen, wie manche dies vorgeben (Johannes Paul II., Kathedrale von Mexiko). Das Problem der Veränderungen hat bei vielen Christen Leid hervorgerufen, die sahen, wie eine Lebensform der Kirche zerbrach, die sie für vollkommen unveränderlich hielten. Es ist wichtig, ihnen zu helfen, die göttlichen und menschlichen Elemente in der Kirche zu unterscheiden. Christus blieb sich als Sohn Gottes immer gleich, aber in seinem menschlichen Aspekt hat er sich unaufhörlich gewandelt, in seinem Verhalten, in seinem Antlitz, in seiner äußeren Erscheinung. Und eben dieses geschieht auch mit der Kirche.

265 In ein anderes Extrem verfallen diejenigen, die in einem ständigen Wandel leben wollen. Dies ist aber nicht der Sinn des Pilgerseins. Wir suchen nicht alles. Es gibt manches, was wir in der Hoffnung mit Sicherheit schon besitzen und für das wir Zeugnis ablegen müssen. Wir sind Pilger, aber wir sind auch Zeugen. Unsere Haltung ist bestimmt von Ruhe und Freude über das, was wir schon gefunden haben, und von der Hoffnung auf das, was uns noch fehlt. Es ist auch nicht richtig, dass der ganze Weg durch unser Gehen zurückgelegt wird. Wohl trifft dies für den persönlichen Weg des einzelnen in seiner konkreten Lage zu, aber der breite, gemeinsame Weg des Gottesvolks wurde schon für uns eröffnet und gegangen von Christus und von den Heiligen Lateinamerikas: von denen, die starben, als sie die Unversehrtheit des Glaubens und der Kirche verteidigten, als sie den Armen, den Indios, den Sklaven dienten. Ebenso wurde dieser Weg eröffnet und gegangen von jenen, die zu den höchsten Stufen der Kontemplation aufstiegen. Sie alle gehen den Weg mit uns. Sie helfen uns mit ihrer Fürbitte.

266 Das Pilgersein beinhaltet stets ein unvermeidliches Maß an Unsicherheit und Risiko. Die Unsicherheit wird verstärkt durch unsere Schwäche und unsere Sünde. Dies ist ein Teil des täglichen Sterbens in Christus. Der Glaube macht es uns möglich, dies in österlicher Hoffnung auf uns zu nehmen. Das letzte Jahrzehnt war auf unserem Kontinent von der Gewalt gekennzeichnet. Aber wir gehen unseren Weg weiter in der Sicherheit, dass der Herr den Schmerz, die Wunden und den Tod, die unsere Völker und unsere Kirche auf dem Weg der Geschichte erlitten haben, zur Saat der Auferstehung für Lateinamerika verwandeln kann. Uns trösten der Geist und die treue Mutter, die auf dem Weg des Gottesvolkes unsere Begleiter sind.

Ein von Gott gesandtes Volk

267 In der Kraft der messianischen Weihe der Taufe wird das Volk Gottes ausgesandt, um dem Wachsen des Reiches in den übrigen Völkern zu dienen. Es wird als prophetisches Volk ausgesandt, um das Evangelium zu verkünden, oder die Stimmen des Herrn in der Geschichte zu unterscheiden. Es kündigt an, wo die Gegenwart seines Geistes sichtbar wird. Es klagt dort an, wo das Mysterium des Bösen durch Taten und Strukturen wirkt, die eine brüderlichere Mitbeteiligung am Aufbau der Gesellschaft und am Genuß der Güter, die Gott für alle schuf, verhindern.

268 In den letzten zehn Jahren haben wir eine Intensivierung der prophetischen Aufgabe festgestellt. Die Übernahme einer solchen Aufgabe war eine harte Arbeit für die Hirten. Wir haben versucht, die Stimme derer zu sein, die keine Stimme haben, und Zeugnis abzulegen von der Vorliebe des Herrn für die Armen und die Leidenden. Wir glauben, dass unsere Völker gespürt haben, dass wir ihnen näher sind. Gewiss ist es uns gelungen, zu erleuchten und zu helfen. Gewiss ist aber auch, dass wir mehr hätten tun können. Jetzt versuchen wir, gemeinsam den Weg des Herrn durch Lateinamerika zu deuten.

269 Eine weitere besondere Form der Evangelisierung ist die Feier des Glaubens in Liturgie und Sakrament. Dort erscheint das Volk Gottes als priesterliches Volk, das mit einem universalen Priestertum ausgestattet ist, an dem alle Getauften teilhaben, das sich jedoch wesentlich vom hierarchischen Priestertum unterscheidet.

Das Volk Gottes im Dienst der Gemeinschaft

Ein dienendes Volk

270 Das Gottesvolk steht als universales Sakrament der Erlösung ganz im Dienst der Gemeinschaft der Menschen mit Gott und der Gemeinschaft der Menschen untereinander (vgl. LG 1). Daher ist die Kirche ein Volk von Dienenden. Ihre besondere Art zu dienen besteht in der Evangelisierung. Diese ist ein Dienst, den nur die Kirche leisten kann. Die Evangelisierung legt ihre Identität und die Unverwechselbarkeit ihres Beitrags fest. Der Dienst der Evangelisierung der Kirche ist auf alle Menschen ohne Unterschied gerichtet. Doch muss sich in diesem Dienst immer die besondere Liebe Jesu für die Ärmsten und die Leidenden widerspiegeln.

271 Innerhalb des Gottesvolkes sind alle – die Hierarchie, die Laien, die Ordensleute – Diener des Evangeliums, ein jeder nach seiner Rolle und dem ihm eigenen Charisma. Die Kirche als Dienerin des Evangeliums dient Gott und den Menschen zugleich. Damit sie jedoch die Menschen zum Reich ihres Herrn hinführen kann, ist er, zusammen mit der Jungfrau Maria, der einzige, dessen Magd sie sein will und dem sie ihren gesamten menschlichen Dienst unterordnet.

Die Kirche als Zeichen der Gemeinschaft

272 Die Kirche evangelisiert zuallererst durch das umfassende Zeugnis ihres Lebens. So bemüht sie sich, getreu ihrem Wesenszug als Sakrament, in wachsendem Maße erkennbares Zeichen oder lebendiges Vorbild für die Gemeinschaft der Liebe in Christus zu werden, die sie ankündigt und verwirklichen will. Die weise Fügung Gottes in seiner Menschwerdung lehrt uns, dass die Menschen klare Vorbilder zu ihrer Anleitung brauchen (Es wird behauptet, dass das politisch bedeutendste Ereignis des Mittelalters die Gründung des Benediktinerordens war, denn seine Form des gemeinsamen Lebens wurde zum großen Vorbild der gesellschaftlichen Organisation für das entstehende Europa). Auch Lateinamerika braucht solche Vorbilder.

273 Jede kirchliche Gemeinschaft sollte sich bemühen, dem Kontinent ein Vorbild für das Zusammenleben zu sein, innerhalb dessen es möglich ist, Freiheit und Solidarität zu vereinen, wo die Autorität im Geist des Guten Hirten ausgeübt wird, wo man dem Reichtum gegenüber eine andere Haltung einnimmt, wo Formen der Organisation und Strukturen der Mitbeteiligung entwickelt werden, die den Weg zu einer humaneren Gesellschaft eröffnen können, und wo vor allem unzweideutig sichtbar wird, dass ohne eine allumfassende Gemeinschaft mit Gott in Jesus Christus jegliche andere Form der rein menschlichen Gemeinschaft schließlich doch unfähig ist zu bestehen und sich am Ende unausweichlich gegen den Menschen selbst richtet.

Die Kirche als Schule derer, die die Geschichte gestalten

274 Für die Christen selbst sollte die Kirche zu einem Ort werden, wo sie lernen, den Glauben zu leben, indem sie ihn erfahren und entdecken, wie er in anderen Gestalt annimmt. Sie sollte vordringlich Schule sein, in der Menschen erzogen werden, die fähig sind, die Geschichte zu gestalten, um die Geschichte unserer Völker in Richtung auf das Reich mit Christus wirksam voranzutreiben.

275 Angesichts der historischen Herausforderungen, denen sich unsere Völker stellen, finden wir unter den Christen zweierlei Art voneinander völlig entgegengesetzten Handlungsweisen: auf der einen Seite die „Passivisten“ (die sich ganz passiv Verhaltenden), die glauben, nicht eingreifen zu können oder zu dürfen, die darauf hoffen, dass Gott allein handelt und befreit; auf der anderen Seite die „Aktivisten“, die mit einer säkularisierten Einstellung Gott entfernt sehen, als ob er die volle Verantwortung für die Geschichte den Menschen überlassen hätte, die daher versuchen, diese Geschichte bedrängt und frenetisch vorwärts zu treiben.

276 Die Haltung Jesu war eine ganz andere. In ihm fand die Weisheit, die Gott Israel gelehrt hatte, ihren Höhepunkt. Israel hat Gott inmitten seiner Geschichte gefunden. Gott lud Israel in seinem Bund ein, die Geschichte gemeinsam zu gestalten. Er wies den Weg und das Ziel, und er forderte die freie und die gläubige Mitarbeit seines Volkes. Jesus wirkt ebenfalls in der Geschichte Hand in Hand mit seinem Vater. Seine Haltung ist die des völligen Vertrauens und zugleich die der höchsten Mitverantwortung und Verpflichtung. Denn er weiß, dass alles in den Händen des Vaters liegt, der für die Vögel und die Lilien auf dem Feld sorgt (vgl. Lk 12, 22-33). Aber er weiß auch, dass das Wirken des Vaters durch das seinige zum Ausdruck kommen will.

277 Da der Vater der Haupthandelnde ist, sucht Jesus seinen Wegen und Maßstäben zu folgen. Seine immerwährende Sorge ist darauf gerichtet, treu und pflichtbewusst mit dem Willen des Vaters übereinzustimmen. Es ist nicht genug, das Ziel zu kennen und auf dieses Ziel zuzugehen. Er muss auch die Stunde erkennen und erwarten, die der Vater ihm für jeden Schritt vorbestimmt hat, er muss die Zeichen seiner Vorsehung erforschen. Von dieser Bereitschaft des Sohnes hängt der ganze Erfolg des Werkes ab.

278 Außerdem weiß Jesus genau, dass es sich nicht darum handelt, die Menschen von der Sünde und deren schmerzvollen Folgen zu befreien. Er weiß sehr gut, was heute so häufig in Lateinamerika verschwiegen wird: Der Schmerz muss durch den Schmerz befreit werden, d. h. man muss das Kreuz auf sich nehmen und es zur Quelle österlichen Lebens umwandeln.

279 Um seine Schmerzen umwandeln zu können in das Wachsen auf eine Gesellschaft hin, die in Wahrheit von der Mitbeteiligung und Brüderlichkeit gekennzeichnet ist, muss Lateinamerika Menschen heranbilden, die fähig sind, die Geschichte in Übereinstimmung mit dem Wirken Jesu zu gestalten, in dem Sinne, wie wir es aufgrund der biblischen Theologie der Geschichte dargelegt haben. Unser Kontinent braucht Menschen, die sich dessen bewusst sind, dass Gott sie ruft, damit sie im Bund mit ihm handeln. Das Herz dieser Menschen muss lernbereit sein, sie müssen sich die Wege und den Maßstab zu eigen machen, die die Vorsehung fordert. Sie müssen insbesondere fähig sein, den eigenen Schmerz und den unserer Völker auf sich zu nehmen und diese Schmerzen im österlichen Geist umzuwandeln in die Forderung nach der persönlichen Umkehr, in eine Quelle der Solidarität mit allen denen, die diese Leiden teilen, und in eine Herausforderung an die schöpferische Tatkraft und Vorstellungskraft.

Die Kirche als Werkzeug der Gemeinschaft

280 Durch das Wirken von Christen, die sich dem Evangelium verpflichtet haben, kann die Kirche ihre Sendung als Heilssakrament vollständiger erfüllen, indem sie das Werkzeug des Herrn wird, das die Geschichte der Menschen und der Völker wirksam und kraftvoll auf ihn hin ausrichtet.

281 Die Verwirklichung dieses Dienstes der Evangelisierung in der Geschichte wird stets hart und von Wechselfällen gekennzeichnet sein, denn die Sünde, die Kraft der Spaltung, wird immer das Wachsen in der Liebe und der Gemeinschaft behindern, sowohl vom Herzen der Menschen aus als auch von den unterschiedlichen, von ihnen geschaffenen Strukturen aus, in denen die Sünde derer, die sie begründet haben, ihre zerstörerische Spur hinterlassen hat. In diesem Sinn erfordern das Elend, das Dasein am Rand der Gesellschaft, das Unrecht und die Korruption, die die Wunden unseres Kontinents sind, vom Gottesvolk und einem jeden Christen in ihrer Verpflichtung für die Evangelisierung echtes Heldentum, damit solche Hindernisse überwunden werden können. Angesichts dieser Herausforderung weiß die Kirche, wie klein sie ist und wie begrenzt ihre Möglichkeiten sind, aber sie fühlt sich durch den Geist ermutigt und von Maria beschützt. Ihre machtvolle Fürbitte wird es der Kirche ermöglichen, die „Strukturen der Sünde“ im Leben des einzelnen und in der Gesellschaft zu überwinden und sie wird die „wahre Befreiung“ für die Kirche erlangen, die von Jesus Christus kommt (Johannes Paul II., Zapopán, 11).

Maria, Mutter und Vorbild der Kirche

282 Unter unseren Völkern ist bei der Verkündigung des Evangeliums immer die Jungfrau Maria als seine höchste Erfüllung dargestellt worden. Seit den Ursprüngen, ihrer Erscheinung und Anrufung in Guadalupe, stellte Maria das große Zeichen, das mütterliche Antlitz voller Erbarmen für die Nähe des Vaters und des Sohnes dar, mit denen zusammen sie uns einlädt, in die Gemeinschaft einzutreten. Maria war auch die Stimme, die uns zur Einigung zwischen Menschen und Völkern aufforderte. Wie das Heiligtum von Guadalupe, so sind auch die übrigen Marienwallfahrtsstätten des Kontinents ein Zeichen der Begegnung des Glaubens der Kirche mit der lateinamerikanischen Geschichte.

283 Paul VI. bestätigte, dass die Marienverehrung ein „spezifisches und ureigenes Element“ der „echten Frömmigkeit der Kirche und des christlichen Gottesdienstes“ ist (MC, Einleitung, 56). Dies ist eine lebenswichtige und historische Erfahrung Lateinamerikas. Diese Erfahrung, darauf weist Johannes Paul II. hin, gehört zu der innersten „eigenen Identität dieser Völker“ (Johannes Paul II., Zapopán 2).

284 Das Volk weiß, dass es Maria in der katholischen Kirche findet. Die marianische Frömmigkeit ist häufig das unzerreißbare Band gewesen, das Gruppen, die nicht entsprechend pastoral betreut werden konnten, in Treue zur Kirche verharren ließ.

285 Das gläubige Volk erkennt in der Kirche die Familie, deren Mutter die Muttergottes ist. In der Kirche bestätigt es sein Grundgefühl im Sinne des Evangeliums, demzufolge Maria das vollkommene Vorbild des Christen und das ideale Bild der Kirche ist.

Maria, Mutter der Kirche

286 Die Kirche, „vom Heiligen Geist belehrt“, verehrt „Maria in kindlicher Liebe als geliebte Mutter“ (LG 53). In diesem Glauben wo llte Papst Paul VI. Maria als „Mutter der Kirche“ verkündigen (AAS 1964, 1007).

287 Die wunderbare Fruchtbarkeit Mariens wurde uns offenbart. Sie wird Mutter Gottes, des geschichtlichen Christus, im „fiat“ der Verkündigung, als der Heilige Geist sie überschattet. Sie ist die Mutter der Kirche, weil sie die Mutter Christi, des Hauptes des mystischen Leibes, ist. Außerdem ist sie unsere Mutter, „weil sie mit ihrer Liebe geholfen hat“ (LG 53) in dem Augenblick, als aus dem durchbohrten Herzen Christi die Familie der Erlösten geboren wurde; „daher ist sie uns in der Ordnung der Gnade Mutter“ (LG 61). Sie ist das Leben Christi, das siegreich am Pfingstfest hervorbricht, wo Maria für die Kirche den lebensspendenden Heiligen Geist erflehte.

288 Die Kirche zeugt durch die Evangelisierung neue Kinder. Dieser Prozess, der in einer „Umwandlung von innen her“ und „der Erneuerung der Menschheit selbst“ (EN 18) besteht, ist eine wirkliche Wiedergeburt. Bei dieser Geburt, die immer von neuem stattfindet, ist Maria unsere Mutter. Sie, deren Ruhm den Himmel erfüllt, wirkt auf Erden. Sie hat teil an der Herrschaft des auferstandenen Christus, und „mit ihrer mütterlichen Liebe trägt sie Sorge für die Brüder ihres Sohnes, die noch auf der Pilgerschaft sind“ (LG 62); ihre umfassende Sorge ist darauf gerichtet, dass die Christen das Leben haben und es in Fülle haben (vgl. Joh 10, 10; Eph 4, 13).

289 Maria wacht nicht nur über die Kirche. Ihr Herz ist so weit wie die Welt, und sie fleht den Herrn der Geschichte für alle Völker an. Dies sieht der Volksglaube mit aller Deutlichkeit und empfiehlt Maria als der Königin und Mutter das Geschick unserer Nationen an.

290 Solange unsere Pilgerschaft andauert, wird Maria die Mutter sein, die uns im Glauben erzieht (vgl. LG 63). Sie sorgt dafür, dass uns das Evangelium durchdringt, unser tägliches Leben gestaltet und Früchte der Heiligkeit hervorbringt. Sie muss in steigendem Maße die Lehrmeisterin des Evangeliums in Lateinamerika sein.

291 Maria ist in Wahrheit die Mutter der Kirche. Sie prägt das Volk Gottes. Paul VI. macht sich eine kurze Formel der Tradition zu eigen: „Man kann nicht von Kirche sprechen, wenn Maria nicht gegenwärtig ist“ (MC 28). Sie ist weibliche Gegenwart, die die Atmosphäre in der Familie schafft, den Willen, andere aufzunehmen, die Liebe und die Achtung vor dem Leben. Sie ist die sakramentale Gegenwart der mütterlichen Züge Gottes. Ihre Gegenwart ist eine so tief menschliche und heilige Realität, dass sie in den Gläubigen die Gebete der liebevollen Zuneigung, des Schmerzes und der Hoffnung entstehen lässt.

Maria, Vorbild der Kirche - Vorbild in ihrer Beziehung zu Christus

292 Nach dem Plan Gottes „bezieht sich bei Maria alles auf Christus, und alles hängt von ihm ab“ (MC 25). Ihr ganzes Dasein ist eine umfassende Gemeinschaft mit ihrem Sohn. Sie sagte ja zu diesem Ratschluss der Liebe. Aus freiem Willen nahm sie ihn bei der Verkündigung an und war ihrem Wort getreu bis zum Martyrium von Golgatha. Sie war die treue Begleiterin des Herrn auf allen seinen Wegen. Die göttliche Mutterschaft bewirkte in ihr die völlige Hingabe. Ihr Geschenk war großzügig, in vollem Bewusstsein gegeben und von Dauer. Sie begründete eine heilige, einzigartige Geschichte der Liebe zu Christus, deren Höhepunkt die Herrlichkeit ist.

293 Maria, die zur umfassenden Teilhabe mit Christus geführt wird, ist die enge Mitarbeiterin seines Wirkens. Sie war „etwas völlig anderes als eine passiv ergebene Frau, oder in einer abwegigen Religiosität befangen“ (MC 37). Sie ist nicht nur wunderbares Ergebnis der Erlösung, sie ist auch aktive Mitarbeiterin. An Maria wird in hervorragender Weise deutlich, dass Christus nicht die Kreativität jener aufhebt, die ihm folgen. In ihrer Verbindung mit Christus entwickelt sie alle ihre Fähigkeiten und ihre menschliche Verantwortung, bis sie zur neuen Eva an der Seite des neuen Adam wird. Maria ist aufgrund ihrer freien Mitwirkung an dem neuen Bund Christi an seiner Seite Hauptmitwirkende der Geschichte. Aufgrund dieser Gemeinschaft und Teilhabe lebt die unbefleckte Jungfrau jetzt im Mysterium der Dreifaltigkeit, wo sie die Herrlichkeit Gottes rühmt und für die Menschen bittet.

Vorbild für das Leben der Kirche und der Menschen

294 Jetzt, da unsere lateinamerikanische Kirche einen neuen Schritt der Treue zu ihrem Herrn tun will, schauen wir auf die lebendige Gestalt Mariens. Sie lehrt uns, dass die Jungfräulichkeit ein ausschließliches Geschenk an Jesus Christus ist, und in diesem Geschenk werden Glaube, Armut und Gehorsam gegenüber dem Herrn fruchtbar durch das Wirken des Geistes. So will auch die Kirche Mutter aller Menschen sein, nicht auf Kosten ihrer Liebe zu Christus, indem sie sich von ihm abwendet oder ihm einen geringeren Platz zuweist, sondern aufgrund ihrer innigen und umfassenden Gemeinschaft mit ihm. Die mütterliche Jungfräulichkeit Mariens verbindet im Geheimnis der Kirche die folgenden beiden Realitäten: sie ist ganz Christus zu eigen und ganz Dienerin der Menschen. Schweigen, Betrachtung und Anbetung sind es, die die umfassendste Antwort auf die Sendung darstellen, und diese Antwort ist zugleich die fruchtbarste Evangelisierung der Völker.

295 Maria, die Mutter, weckt das Herz des Kindes, das in jedem Menschen wohnt. Auf diese Weise führt sie uns dazu, das Leben der Taufe zu entfalten, durch die wir zu Kindern wurden. Gleichzeitig lässt dieses mütterliche Charisma in uns die Brüderlichkeit wachsen. So bewirkt Maria, dass die Kirche sich als Familie fühlt.

296 Maria wird als außerordentliches Vorbild der Kirche auf der Ebene des Glaubens anerkannt (vgl. Mk 3, 31-34). Sie ist die Gläubige, in der der Glaube aufleuchtet als Geschenk, als Öffnung, als Antwort und Treue. Sie ist die vollkommene Schülerin, die sich dem Wort öffnet und sich von seiner Kraft durchdringen lässt: Wenn sie das Wort nicht versteht und überrascht ist, verwirft sie es nicht, noch lässt sie es beiseite; sie denkt über das Wort nach und bewahrt es in ihrem Herzen (vgl. Lk 2, 51). Und auch wenn dieses Wort in ihren Ohren hart klingt, so harrt sie voller Vertrauen im Zwiegespräch des Glaubens mit Gott aus, der zu ihr spricht; so geschieht es, als Jesus im Tempel gefunden wird, so geschieht es in Kana, als ihr Sohn zunächst ihre Bitte ablehnt (Joh 2, 4). Ihr Glaube bewegt sie dazu, nach Golgotha hinaufzusteigen und sich mit dem Kreuz als dem einzigen Baum des Lebens zu verbinden. Aufgrund ihres Glaubens ist sie die getreue Jungfrau, in der sich die höchste Seligpreisung erfüllt: „Wohl der, die geglaubt hat“ (Lk 1, 45) (vgl. Johannes Paul II., Hom. Guadalupe. AAS LXXI S. 164).

297 Das Magnifikat ist Spiegel der Seele Mariens. In ihm erreicht die Spiritualität der Armen Jahwes und der Prophetengeist des Alten Bundes seinen Höhepunkt. Das Magnifikat ist der Gesang, der das neue Evangelium Christi ankündet, es ist das Präludium zur Bergpredigt. Dort zeigt sich uns Maria, wie sie sich selbst entäußert und alle ihre Hoffnung auf das Erbarmen des Vaters setzt. Im Magnifikat zeigt sie sich als Vorbild „für diejenigen, die die widrigen Umstände des eigenen und sozialen Lebens nicht passiv hinnehmen, die auch nicht der ,Selbstentfremdung` unterliegen, wie man heute zu sagen pflegt, die vielmehr mit ihr verkünden, dass Gott ,der Anwalt der Kleinen und Unterdrückten' ist, dass er gelegentlich auch ,die Mächtigen vom Thron stürzt' ...“ ... (Johannes Paul II. Hom. Zapopán AAS LXXI, S. 230).

Gebenedeit unter allen Frauen

298 Die Unbefleckte Empfängnis zeigt uns in Maria das Antlitz des neuen, durch Christur erlösten Menschen, in welchem Gott „auf noch wundervollere Weise“ (Kollekte der Geburt Jesu) den Plan des Paradieses neu erschafft. In der Himmelfahrt zeigt sich der Sinn und die Bestimmung des durch die Gnade geheiligten Leibes. In dem verherrlichten Leib Mariens beginnt die materielle Schöpfung Anteil zu haben an dem auferstandenen Leib Christi. Die zum Himmel aufgefahrene Maria ist die menschliche Integrität, sie ist der Leib und die Seele, die jetzt regiert mit ihrer Fürbitte für die Menschen, die auf Pilgerschaft durch ihre Geschichte begriffen sind. Diese Wahrheiten und Geheimnisse erleuchten einen Kontinent, wo die Profanierung des Menschen eine Konstante ist und wo viele in einem passiven Fatalismus ihre Zuflucht suchen.

299 Maria ist Frau. Sie ist „die Gebenedeite unter allen Frauen". In ihr erhöhte Gott die Würde der Frau zu ungeahnten Dimensionen. In Maria drang das Evangelium in das Dasein der Frau ein, erlöste es und erhöhte es. Dies ist von ungeheurer Bedeutung für unsere kulturelle Gesamtschau, in der die Frau eine sehr viel höhere Bewertung erfahren muss, in der ihre Aufgaben in der Gesellschaft klarer und umfassender definiert werden. Maria ist die Garantin der weiblichen Größe, sie zeigt uns die besondere Form des Frauseins, mit dieser ihrer Berufung, Seele und Hingabe zu sein, die den Leib vergeistigen und dem Geist Gestalt verleihen muss.

Vorbild für den kirchlichen Dienst in Lateinamerika

300 Die Jungfrau Maria wurde zur Dienerin des Herrn. Die Heilige Schrift zeigt sie uns als die, die Elisabeth bei ihrer Geburt hilft und ihr zugleich den viel größeren Dienst erweist, ihr das Evangelium mit den Worten des Magnifikat zu verkünden. In Kana sorgt sie sich um das, was für das Fest notwendig ist, und ihre Fürbitte ruft den Glauben der Jünger hervor, „die an ihn glaubten" (Joh 2, 11). Ihr ganzer Dienst an den Menschen besteht darin, sie für das Evangelium zu öffnen und sie einzuladen, ihm gehorsam zu sein: „Was er euch sagt, das tut!" (Joh 2, 5).

301 Durch Maria hat Gott Gestalt angenommen, er begann, Angehöriger eines Volkes zu werden, er wurde zum Mittelpunkt der Geschichte. Maria ist das Verbindungsglied zwischen Himmel und Erde. Ohne Maria verliert das Evangelium seine Gestalt, wird es verzerrt und in eine Ideologie, in einen spiritualistischen Rationalismus verwandelt.

302 Paul VI. zeigt uns die Größe des Dienstes Mariens mit Worten, die auf unserem Kontinent in unserer Zeit ein starkes Echo finden: Sie ist „eine starke Frau, die Armut, Leiden, Flucht und Verbannung mitmachte (Mt 2, 12-23): Situationen, die der Aufmerksamkeit dessen nicht entgehen können, der im Geiste des Evangeliums die befreienden Kräfte des einzelnen wie der menschlichen Gesellschaft fördern will. Er wird sich Maria als Frau vergegenwärtigen, die mit ihrem Bemühen den Glauben der Apostel an Christus festigte (Joh 2, 1-12) und deren mütterliche Sendung sich auf dem Kalvarienberg ausweitete und universale Dimension annahm" (MC 37).

303 Das lateinamerikanische Volk weiß all dieses. Die Kirche ist sich dessen bewusst, dass „es darum geht, zu evangelisieren, und zwar nicht nur dekorativ wie durch einen oberflächlichen Anstrich" (EN 20). Diese Kirche, die mit neuer Klarheit und Entschlusskraft in der Tiefe, an der Wurzel, mitten in der Kultur des Volkes evangelisieren will, wendet sich an Maria, damit das Evangelium stärker Gestalt annehme und mehr zum Herzstück Lateinamerikas werde. Dies ist die Stunde Mariens, die Zeit eines neuen Pfingstfestes, an dem ihr mit ihrem Gebet die führende Rolle gebührt, zu einem Zeitpunkt, wo die Kirche unter dem Einfluß des Heiligen Geistes einen neuen Abschnitt ihrer Pilgerfahrt beginnt. Möge Maria auf diesem Wege „der Leitstern einer sich immer wieder erneuernden Verkündigung sein ..." (EN 82).

Die Wahrheit über den Menschen: Die menschliche Würde

304 Christliche Sicht des Menschen, im Licht des Glaubens und der Vernunft, um seine Situation in Lateinamerika beurteilen zu können und damit einen Beitrag zur Errichtung einer christlicheren und daher menschlicheren Gesellschaft zu leisten.

Unangemessene Darstellungsweisen des Menschen in Lateinamerika

Einführung

305 Im Geheimnis Christi steigt Gott in den Abgrund des menschlichen Seins hinab, um den Menschen aus dem Inneren seiner Würde zu erneuern. Der Glaube an Christus bietet uns so grundsätzliche Kriterien für eine umfassende Sicht des Menschen. Diese Sicht erleuchtet und ergänzt das Bild des Menschen, das die Philosophie und die Beiträge der übrigen Geisteswissenschaften zum Wesen des Menschen und seiner Verwirklichung in der Geschichte geschaffen haben.

306 Die Kirche hingegen hat das Recht und die Pflicht, allen Völkern die christliche Sicht des Menschen zu vermitteln, denn sie weiß, dass er diese Sicht braucht, um die eigene Identität und den Sinn des Lebens zu erleuchten und weil sie ihr Bekenntnis dafür ablegt, dass jede Verletzung der Würde des Menschen eine Verletzung Gottes selbst ist, dessen Ebenbild er ist. Daher erfordert die Evangelisierung in der Gegenwart und Zukunft Lateinamerikas von der Kirche eine eindeutige Aussage über die Würde des Menschen. Mit dieser Aussage sollen die vielen unangemessenen Betrachtungsweisen hinsichtlich des Menschen, die auf unserem Kontinent verbreitet werden, berichtigt oder vervollständigt werden. Einige dieser Betrachtungsweisen sind gegen die Würde und die wirkliche Freiheit gerichtet, andere verhindern die Gemeinschaft, wieder andere fördern nicht die Teilhabe mit Gott und mit den Menschen.

307 Lateinamerika stellt den historischen Raum dar, in dem sich drei kulturelle Welten begegnet sind: die der Ureinwohner, der Weißen und der Afrikaner, und diese Welten wurden später durch verschiedene Einwanderungsströme bereichert. Zugleich ergibt sich eine Konvergenz verschiedener Formen, die Welt, den Menschen und Gott zu sehen und auf sie zu reagieren. Es ist eine Art von lateinamerikanischer Rassenmischung entstanden. Obgleich im Geist dieser Rasse eine Basis religiösen Erlebens fortdauert, die vom Evangelium geprägt ist, entstehen auch Weltanschauungen, die außerhalb des christlichen Glaubens angesiedelt sind, und diese vermischen sich mit den religiösen Erlebnissen. Mit der Zeit führen Theorien und Ideologien auf unserem Kontinent eine neue Sicht des Menschen ein, die manche Aspekte der umfassenden Sicht des Menschen außer acht lassen oder verformen oder sich ihr ganz verschließen.

Deterministische Sicht

308 Man darf in Lateinamerika nicht jene Eruption der religiösen Volksseele verkennen, mit der eine Sicht des Menschen verbunden ist, die ihn als Gefangenen magischer Formen sieht, aufgrund derer er sich ein Bild von der Welt macht und in ihr handelt. Der Mensch ist nicht Herr seiner selbst, sondern das Opfer verborgener Kräfte. Im Rahmen dieser deterministischen Sicht bleibt ihm keine andere Haltung, als mit diesen Kräften zusammenzuarbeiten oder sich vor ihnen zu demütigen (Dies ist die Ursache der Praxis der Zauberei und des wachsenden Interesses an Horoskopen in einigen Gebieten). Hierzu kommt zuweilen der Glaube an die Wiedergeburt, der bei den Anhängern von verschiedenen Formen des Spiritismus und der orientalischen Religionen zu finden ist. Nicht wenige Christen, in Unkenntnis der eigenen Autonomie von Natur und Geschichte, glauben weiterhin, dass alles, was geschieht, von Gott bestimmt und von Gott auferlegt ist.

309 Eine Variante dieser deterministischen Sicht, die jedoch eher fatalistisch und gesellschaftsbezogen ist, stützt sich auf die irrtümliche Vorstellung, dass die Menschen nicht grundsätzlich gleich sind. Eine solche Unterscheidung führt in den menschlichen Beziehungen zu Diskriminierung und Margination, die mit der Würde des Menschen nicht vereinbar sind. Mehr als in der Theorie kommt dieser Mangel an Achtung vor der Person in den Äußerungen und Handlungen jener zum Ausdruck, die sich für besser als die anderen halten. Daher rührt häufig die Situation der Ungleichheit, in der sich Arbeiter, Bauern, Indios, Hausangestellte und so viele andere Gruppen befinden.

Psychologistische Sicht

310 Die Vorstellung, dass der Mensch sich in letzter Instanz auf sein psychisches Sein reduziert, die bis jetzt auf gewisse Gruppen der lateinamerikanischen Gesellschaft beschränkt war, erlangt immer mehr Bedeutung. In ihrer radikalsten Fassung stellt uns die psychologistische Sicht des Menschen die Person als Opfer des grundsätzlich erotischen Instinkts oder als einen einfachen Reaktionsmechanismus für Anreize ohne Freiheit dar. Indem sich diese Sicht Gott und den Menschen verschließt, weil die Religion ebenso wie die Kultur und die Geschichte selbst nichts anderes als Sublimationen des sinnlichen Instinkts sein sollen, führt die Verneinung der eigenen Verantwortlichkeit nicht selten zu einem Pansexualismus und rechtfertigt den lateinamerikanischen „Machismo“.

Wirtschaftsbezogene Sichten

311 Unter dem Zeichen des Wirtschaftlichen sind in Lateinamerika drei verschiedene Sichten des Menschen festzustellen, die, obgleich voneinander verschieden, eine gemeinsame Wurzel haben. Unter diesen drei ist die vielleicht am wenigsten bewusste und doch am meisten verbreitete die konsumistische Sicht. Der Mensch wird gleichsam in das Räderwerk der Maschine der Industrieproduktion hineingeworfen. Man sieht ihn fast nur als Produktionswerkzeug und Konsumgegenstand an. Alles wird hergestellt und verkauft im Namen der Werte, die da Besitz, Macht und Vergnügen heißen, als ob dies alles Synonyme für die Glückseligkeit des Menschen wären. Indem auf diese Weise der Zugang zu den geistigen Werten verhindert wird, wird aufgrund des Gewinnstrebens eine nur scheinbare und sehr belastende „Beteiligung“ am Gemeinwohl gefördert.

312 Der wirtschaftliche Liberalismus, der in der Praxis materialistisch ist, bietet uns, im Dienste der Konsumgesellschaft stehend, jedoch weit über diese hinaus wirkend, eine individualistische Sicht des Menschen. Dieser zufolge besteht die Würde des Menschen in seiner wirtschaftlichen Effizienz und seiner individuellen Freiheit. Diese Sicht, die sich nach außen abschließt und sich häufig an die religiöse Auffassung der individuellen Erlösung klammert, ist blind gegenüber den Forderungen der sozialen Gerechtigkeit und stellt sich in den Dienst des internationalen Geldimperialismus, mit dem sich viele Regierungen verbinden, die ihre Verpflichtung gegenüber dem Gemeinwohl vergessen.

313 Der klassische Marxismus, der sich gegen den wirtschaftlichen Liberalismus in seiner klassischen Form richtet und im ständigen Kampf gegen dessen ungerechte Auswirkungen steht, ersetzt die individualistische Sicht des Menschen durch eine kollektivistische, beinahe messianische Sicht desselben. Das Ziel der menschlichen Existenz ist die Entwicklung materieller Produktionskräfte. Die menschliche Person ist nicht ursprünglich ihr Bewusstsein, sondern wird vielmehr aus ihrer sozialen Existenz bestimmt. Ihrer inneren Urteilskraft beraubt, die ihr den Weg für ihre persönliche Verwirklichung zeigen kann, empfängt sie ihre Verhaltensnormen einzig und allein von denen, die für den Wandel der gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen verantwortlich sind. Daher leugnet der klassische Marxismus die Rechte des Menschen, insbesondere das Recht auf religiöse Freiheit, das die Grundlage aller Freiheiten ist (vgl. Johannes Paul II., Eröffnungsansprache III, 1 AAS LXXI S. 198). Daher richtet sich die religiöse Dimension, deren Ursprung nach dieser Auffassung in den Konflikten der wirtschaftlichen Infrastruktur liegt, auf eine messianische Brüderlichkeit aus, die ohne Beziehung zu Gott ist. Da der marxistische Humanismus materialistisch und atheistisch ist, reduziert er das Wesen des Menschen in letzter Instanz auf die äußerlichen Strukturen.

Staatsbezogene Sicht

314 Nicht so bekannt, aber wirksam in der Organisation nicht weniger lateinamerikanischer Regierungen, hat die Sicht des Menschen, die wir staatsbezogen nennen könnten, ihren Ursprung in der Theorie von der nationalen Sicherheit. Sie stellt den einzelnen Menschen in den uneingeschränkten Dienst eines vermeintlichen totalen; Krieges gegen die kulturellen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Konflikte und damit gegen die Bedrohung des Kommunismus. Angesichts dieser ständigen, realen oder möglichen Gefahr werden, wie in jeder Notsituation, die Freiheiten des einzelnen eingeschränkt, und der Wille des Staates wird dem Willen der Nation gleichgestellt. Die wirtschaftliche Entwicklung und das Kriegspotential überlagern die Bedürfnisse der sich selbst überlassenen Massen. Wenn auch die nationale Sicherheit für jede politische Organisation eine Notwendigkeit ist, so stellt sie sich doch, unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, als das Absolute gegenüber den Menschen dar; in ihrem Namen wird die Unsicherheit des einzelnen institutionalisiert.

Wissenschaftsbezogene Sicht

315 Die technisch-wissenschaftliche Organisation gewisser Länder schafft eine wissenschaftsbezogene Sicht des Menschen, dessen Berufung die Eroberung des Universums ist. Nach dieser Sicht wird als Wahrheit nur das anerkannt, was die Wissenschaft beweisen kann; der Mensch selbst reduziert sich auf seine wissenschaftliche Definition. Im Namen der Wissenschaft wird alles gerechtfertigt, sogar das, was Beleidigung der menschlichen Würde ist. Gleichzeitig werden die nationalen Gemeinschaften den Entscheidungen einer neuen Macht, der Technokratie, unterworfen. Eine Art soziales Ingenieurwesen kann die Freiheitsräume von Individuen und Institutionen kontrollieren, mit dem Risiko, sie zu bloßen Recheneinheiten zu reduzieren.

Glaubensreflexion

Grundlegende Verkündigung

316 Uns obliegt die Pflicht, im Angesicht unserer Brüder in Lateinamerika die Würde zu verkünden, die allen ohne Unterschied zu eigen ist (vgl. Gen 1, 26-28; 9, 2-7 Ecl. 17, 2-4; Weish. 9, 2-3; PS 8, 5-9). Die Offenbarung, die in der Botschaft und in der Person Christi selbst enthalten ist, veranlasst uns dazu, diese Würde zu fordern: Er „selbst kannte das Innere jedes Menschen" (Joh 2, 25); aber er zögerte nicht, „die Knechtsgestalt anzunehmen" (Phil 2, 7), und achtete es nicht gering, bis zum Tod zusammen mit den Benachteiligten zu leben, damit sie an der Erhöhung teilhätten, mit der Gottvater ihn belohnte.

317 Wir bekennen daher, dass jeder Mann und jede Frau (vgl. Gal 5, 13-24), wie unbedeutend sie auch scheinen mögen, in sich einen unverletzlichen Adel tragen, den sie selbst und alle anderen achten müssen und dem sie bedingungslose Achtung verschaffen müssen; weiterhin, dass jedes menschliche Leben aus sich selbst unter allen Umständen verdient gewürdigt zu werden, dass alles menschliche Zusammenleben sich auf das Gemeinwohl gründen muss, das in einer immer brüderlicheren Verwirklichung der gemeinsamen Würde besteht. Dies erfordert es, dass nicht die einen zum Mittel und Werkzeug zugunsten der anderen gemacht werden und dass die Bereitschaft vorhanden ist, sogar privates Gut zu opfern.

318 Wir verurteilen jede Mißachtung, Einschränkung oder Verletzung des Menschen und seiner unveräußerlichen Rechte, jede Art von Angriff auf das menschliche Leben, auf das, welches verborgen im Mutterleib schlummert, auf das, was für nutzlos erachtet wird, und auf das, das im Alter zu Ende geht; wir verurteilen jede Art von Verletzung oder Erniedrigung des Zusammenlebens von Menschen, gesellschaftlichen Gruppen und Völkern.

319 Es ist sicher, dass das Geheimnis des Menschen nur durch den Glauben an Jesus Christus (vgl. GS 22; Johannes Paul II. Eröffnungsansprache I, 9. AAS LXXI S. 195) in vollkommener Weise erleuchtet wird, denn dieser Glaube ist für Lateinamerika die geschichtliche Quelle der Sehnsucht nach Würde gewesen, eine Sehnsucht, die heute in unseren gläubigen und leidenden Völkern ihren unüberhörbaren Ausdruck findet. Nur die Annahme und Nachfolge Christi machen uns für die tröstlichsten Gewissheiten und die schwerwiegendsten Forderungen der menschlichen Würde bereit, denn diese Würde wurzelt in der nichtverdienten Berufung zum Leben, die der himmlische Vater uns durch die Kämpfe und die Hoffnungen der Geschichte hindurch auf neue Weise vernehmen lässt. Aber wir haben keinen Zweifel daran, dass wir im Kampf um die Würde vereint sind mit anderen Menschen, die in dem aufrichtigen Bemühen, sich von Täuschungen und Leidenschaften zu befreien, klarsichtig dem Licht des Geistes folgen, das der Schöpfer ihnen gegeben hat, damit sie in sich selbst und in den anderen ein wunderbares Geschenk, einen unverzichtbaren Wert und eine transzendente Aufgabe erkennen.

320 Auf diese Weise fühlen wir uns gedrängt, mit allen nur möglichen Mitteln das zu erfüllen, was das unverwechselbare Gebot dieser Stunde Gottes auf unserem Kontinent ist. Wir meinen damit ein mutiges Bekenntnis zum Christentum und eine wirksame Förderung der menschlichen Würde und ihrer göttlichen Grundlage, insbesondere zugunsten derer, die dessen am meisten bedürfen, sei es, weil sie sie gering schätzen, oder sei es vor allem, weil sie, dieser Geringschätzung ausgesetzt, vielleicht aufs Geratewohl die Freiheit der Kinder Gottes und die Ankunft des neuen Menschen in Jesus Christus suchen.

Würde und Freiheit

321 Das christliche Bild des Menschen muss bei uns wieder aufgewertet werden. Es muss von neuem jener Begriff Widerhall finden, in dem wir seit langer Zeit ein hohes Ideal unserer Völker erkennen: die Freiheit. Freiheit ist Geschenk und Aufgabe zugleich. Hier ist die Freiheit gemeint, die nicht erreicht wird ohne die umfassende Befreiung (vgl. Joh 8, 36) und die im gültigen Sinn nach unserem Glauben das Ziel des Menschen ist, da uns ja „Christus für die Freiheit befreit hat" (Gal 5, 1), damit wir das Leben haben und es in Fülle haben (vgl. Joh 10, 10), als „Kinder Gottes und Miterben Christi" (Röm 8, 17).

322 Die Freiheit beinhaltet auch immer zugleich jene Fähigkeit, die wir im Grunde alle besitzen, die Fähigkeit, über uns selbst zu verfügen (vgl. GS 17), um eine Gemeinschaft und Mitbeteiligung aufzubauen, die endgültige Wirklichkeit werden muss auf drei untrennbaren Ebenen: in der Beziehung des Menschen zur Welt als Herr, zu seinen Mitmenschen als Bruder und zu Gott als Sohn.

323 Durch die Freiheit, ausgerichtet auf die materielle Welt der Natur und der Technik, vermag der Mensch, stets in gemeinsamer, vielfältiger Anstrengung, die anfängliche Verwirklichung seiner Würde zu erreichen: die Unterwerfungen dieser Welt durch Arbeit und Wissen und ihre Vermenschlichung in Übereinstimmung mit dem Heilsplan des Schöpfers.

324 Aber die Würde des wahrhaft freien Menschen erfordert es, dass er sich nicht beschränken lässt auf die Werte der Welt (vgl. Mt 4, 4; Lk 4, 4; Dtn 8, 3), insbesondere nicht auf die materiellen Güter, sondern dass er als geistiges Wesen sich von jedweder Art von Sklaverei be freit und weiter vordringt bis zu der höheren Ebene der menschlichen Beziehungen, auf der er sich selbst und seinen Mitmenschen begegnet. Die Würde des Menschen wird hier verwirklicht in der brüderlichen Liebe, die im umfassenden Sinn des Evangeliums verstanden werden muss und die den gegenseitigen Dienst, die Annahme und die praktische Förderung der Mitmenschen beinhaltet, insbesondere der Bedürftigsten (vgl. GS 24).

325 Die echte und ständige Verwirklichung der menschlichen Würde wäre jedoch auf dieser Ebene nicht möglich, wenn wir nicht zur gleichen Zeit in Wahrheit befreit wären, um uns auf transzendenter Ebene zu verwirklichen. Es ist die Ebene des absolut Guten, in dem unsere Freiheit beständig auf dem Spiele steht, auch dann, wenn wir es scheinbar ignorieren; die Ebene der unausweichlichen Gegenüberstellung mit dem göttlichen Geheimnis dessen, der als Vater die Menschen ruft, sie befähigt frei zu sein, sie durch seine Vorsehung führt und sie, da sie sich ihm ja verschließen können und ihn auch ablehnen können, verurteilt und sie für das Leben oder den ewigen Tod bestimmt, aufgrund dessen, was die Menschen selbst frei verwirklicht haben. Dies ist die ungeheure Verantwortung, die ein weiteres Zeichen der Größe ist, die aber auch das Risiko ist, dass die menschliche Würde beinhaltet.

326 Auf der Grundlage der unauflösbaren Einheit dieser drei Ebenen sehen wir klarer die Forderungen nach Gemeinschaft und Mitbeteiligung, die sich aus dieser Würde ergeben. Wenn auf der transzendenten Ebene die Fülle unserer Freiheit dadurch verwirklicht wird, dass wir Gott als Kinder in Treue annehmen, treten wir ein in die Gemeinschaft der Liebe mit dem göttlichen Geheimnis, wir haben teil an seinem Leben (vgl. GS 18). Das Gegenteil ist die Versagung der kindlichen Liebe, ist die Ablehnung und Geringschätzung des Vaters. Dies sind die beiden extremen Möglichkeiten, die die christliche Offenbarung Gnade und Sünde nennt, doch werden diese beiden nicht verwirklicht, wenn sie sich nicht zugleich auf die anderen beiden Ebenen erstrecken, und ihre Nichtverwirklichung würde ungeheure Folgen für die menschliche Würde haben.

327 Die Liebe Gottes, die uns von Grund auf würdig macht, wird notwendigerweise zur Gemeinschaft der Liebe mit unseren Mitmenschen und zur brüderlichen Mitbeteiligung; für uns Menschen von heute muss sie in erster Linie zu einem Werk der Gerechtigkeit für die Unterdrückten (vgl. Lk 4, 18) und zu einem Bemühen um die Befreiung jener werden, die ihrer am meisten bedürfen. In der Tat „kann niemand Gott lieben, den er nicht sieht, wenn er nicht den Bruder liebt, den er sieht“ (1. Joh 4, 20). Daher können echte Gemeinschaft und Mitbeteiligung in diesem Leben nur existieren, wenn sie auf die sehr konkrete Ebene der zeitlichen Realität übertragen werden, in der Weise, dass die Beherrschung, Verwendung und Umwandlung der Güter dieser Erde, der Kultur, der Wissenschaft und der Technik, in einer gerechten und brüderlichen Herrschaft des Menschen über die Welt unter Achtung der ökologischen Bedingungen verwirklicht werden. Das Evangelium muss uns lehren, dass angesichts der Umstände, in denen wir leben, man heute in Lateinamerika nicht in Wahrheit seinen Bruder und daher Gott lieben kann, ohne sich persönlich und vielfach sogar im Rahmen der gesellschaftlichen Strukturen zum Dienst und zur Förderung der am meisten verarmten und gedemütigten Gruppen und sozialen Schichten zu verpflichten. Diese Verpflichtung beinhaltet alle Folgen, die sich auf der Ebene unserer zeitlichen Realität ergeben können.

328 Der persönlichen Haltung der Sünde und des Bruchs mit Gott, die den Menschen erniedrigen, entspricht auf der Ebene der zwischenmenschlichen Beziehungen stets die Haltung des Egoismus, des Stolzes, des Ehrgeizes und des Neides, aus der dann wiederum Ungerechtigkeit, Beherrschung, Gewaltanwendung auf allen Ebenen entsteht; ebenso der Kampf zwischen Individuen, Gruppen, sozialen Klassen und Völkern, sowie die Korruption, der Hedonismus, die Überbetonung des Geschlechtlichen und die Oberflächlichkeit in den gegenseitigen Beziehungen (vgl. Gal 5, 19-21). Als Folge entstehen die von der Sünde gekennzeichneten Situationen, die weltweit so viele Menschen versklaven und die Freiheit aller unterdrücken.

329 Wir müssen uns von dieser Sünde befreien, die die menschliche Würde zerstört. Wir befreien uns durch die Teilhabe an dem neuen Leben, das uns Jesus Christus bringt und durch die Gemeinschaft mit ihm im Geheimnis seines Todes und seiner Auferstehung unter der Bedingung, dass wir dieses Geheimnis auf den drei soeben dargelegten Ebenen leben, ohne eine von diesen Ebenen auszuschließen. Auf diese Weise beschränken wir es weder auf einen Vertikalismus einer geistigen Verbindung mit Gott ohne Einbeziehung des Leiblichen, noch auf einen einfachen existenziellen Personalismus von Bindungen einzelner oder kleiner Gruppen untereinander, und noch viel weniger auf einen Horizontalismus sozio-ökonomisch-politischer Art (vgl. Johannes Paul II., Eröffnungsansprache III, 6. AAS LXXI S. 202-203).

Der in Christus erneuerte Mensch

330 Die Sünde untergräbt ständig die menschliche Würde, die Christus wiedererworben hat. Durch seine Botschaft, seinen Tod und seine Auferstehung hat er uns sein göttliches Leben gegeben: eine unvermutete und ewige Dimension unserer irdischen Existenz (vgl. 1 Kor 15, 48-49). Jesus Christus, der in seiner Kirche, insbesondere unter den Ärmsten, lebt, will heute diese Ähnlichkeit mit Gott in seinem Volk verherrlichen: durch die Mitwirkung des Heiligen Geistes in Christus können auch wir Gott unseren Vater nennen und wir werden von Grund auf zu Brüdern. Er veranlasst uns dazu, uns der in Lateinamerika so häufigen Sünde wider die menschliche Würde bewusst zu werden. Da diese Sünde das göttliche Leben im Menschen zerstört, ist sie der größte Schaden, den ein Mensch sich selbst und seinen Mitmenschen zufügen kann. Jesus Christus bietet uns schließlich seine Gnade an, die soviel größer ist als unsere Sünde (vgl. Röm 5, 20). Von ihm kommt die Kraft, uns zu befreien, und andere vom Geheimnis der Ungleichheit zu befreien.

331 Jesus Christus hat die ursprüngliche Würde wiederhergestellt, die die Menschen empfingen, als sie von Gott nach seinem Ebenbild geschaffen wurden (vgl. Gen 1), als sie berufen wurden, heilig zu sein bzw. sich ganz dem Schöpfer zu weihen, und als sie dazu bestimmt wurden, die Geschichte hinzuführen bis zur endgültigen Offenbarung Gottes (vgl. Eph 1, Kol 1), der seine Güte zur ewigen Freude seiner Kinder in ein Reich ausströmen lässt, das bereits begonnen hat.

332 In Jesus Christus werden wir zu Kindern Gottes, zu seinen Brüdern, die an seiner Bestimmung teilhaben als verantwortlich Handelnde, die vom Heiligen Geist dazu veranlasst werden, die Kirche des Herrn zu erbauen (vgl. 2. Kor 5, 17).

333 In Jesus Christus haben wir das Bild des „neuen Menschen“ (Kol 3, 10) entdeckt, mit dem wir durch die Taufe Gestalt annahmen und durch die Firmung bestätigt wurden, und es ist dies das Bild dessen, zu dem alle Menschen berufen sind, es ist das tiefste Fundament seiner Würde. Als wir uns in unserer Darstellung mit der Kirche befaßten, haben wir gezeigt, wie in ihr die menschliche Würde zum Ausdruck kommen und gemeinschaftlich verwirklicht werden muss. In Maria haben wir die konkrete Gestalt gefunden, in der alle Befreiung und Heiligung in der Kirche ihren Höhepunkt findet. Jesus Christus, die Kirche und Maria müssen heute die Anstrengungen der gläubigen Lateinamerikaner unterstützen in ihrem Kampf um die menschliche Würde.

334 Im Angesicht Christi und Mariens müssen in Lateinamerika die Züge des wahren Bildes des Mannes und der Frau eine neue Wertung erfahren. Wir alle sind von Grund auf gleich und Glieder des gleichen Stammes, und wenn wir auch nach Geschlecht, Sprache, Kultur und Formen der Religiosität verschieden sind, so haben wir doch als gemeinsame Berufung eine einzige Bestimmung, die, da sie die frohe Botschaft unserer Würde einschließt, uns zu Menschen macht, die auf diesem Kontinent das Evangelium Christi empfangen haben und es verkünden (vgl. Gen 2, 18-25).

335 Im Rahmen dieser Pluralität und Gleichheit a ller bewahrt ein jeder seinen unverwechselbaren Wert und Platz, denn auch jeder Mensch in Lateinamerika muss sich von Gott geliebt und von ihm in Ewigkeit erwählt fühlen (vgl. 1 Joh 3, 1), wie tief man ihn auch erniedrige oder wie wenig er sich selbst auch schätzen möge. Wir als Menschen im Dialog können unsere Würde nur als mitverantwortliche Herren des gemeinsamen Schicksals verwirklichen, wozu uns Gott befähigt hat, als mit Intelligenz begabte Wesen, d. h. fähig, die Wahrheit zu erkennen und ihr inmitten von Irrtümern und Enttäuschungen zu folgen, als freie Menschen, die nicht den wirtschaftlichen und politischen Prozessen unausweichlich unterworfen sind, obgleich wir in Demut erkennen, dass wir durch diese in unserem Verhalten bedingt und verpflichtet werden, sie menschlich zu gestalten. Hingegen sind wir einem moralischen Gesetz unterworfen, das von Gott kommt und im Gewissen des einzelnen und der Völker seine Stimme erhebt, um uns zu belehren, zu ermahnen und zu tadeln, um uns mit der wahren Freiheit der Gotteskinder zu erfüllen.

336 Andererseits gibt uns Gott die leibliche Existenz, vermittels derer wir uns unseren Mitmenschen mitteilen und der Welt mehr Würde verleihen können. Da wir Menschen sind, brauchen wir die Gesellschaft, in der wir leben und die wir auf allen Ebenen mit unserem Beitrag verändern und bereichern, von der Familie und zwischen den Gruppen bis hin zum Staat, der seine unerläßliche Aufgabe im Dienst der Menschen und der internationalen Gemeinschaft ausüben muss. Ihre Integration ist notwendig, insbesondere die Integration Lateinamerikas.

337 Wir freuen uns weiterhin, dass auch bei unseren Völkern Gesetze zum Schutz der Menschenrechte erlassen werden.

338 Die Kirche hat die Pflicht, diesem umfassenden Aspekt der Evangelisierung Nachdruck zu verleihen, zunächst durch die ständige Überprüfung ihres eigenen Lebens und sodann durch die getreue Verkündigung und die prophetische Anklage. Damit all dieses in Übereinstimmung mit dem Geist Christi geschieht, müssen wir uns darin üben, die bestehende konkrete Situation und den entsprechenden Ruf unseres Herrn jeweils zu begreifen. Dies erfordert eine Haltung der Umkehr und Öffnung und eine ernsthafte Verpflichtung gegenüber dem, was man als authentisch vom Evangelium her bestimmt erkannt hat.

339 Nur auf diese Weise werden wir dahin gelangen, den ureigenen Inhalt der christlichen Botschaft über die menschliche Würde zu leben, der darin besteht, mehr zu sein und nicht darin, mehr zu haben (vgl. GS 35). Dies wird man erleben unter den Menschen, die vom Leid, vom Elend, von der Verfolgung und dem Tod heimgesucht, doch nicht zögern, das Leben im Geist der Seligpreisungen anzunehmen, und man wird es auch unter denen erleben, die unter Verzicht auf ein angenehmes und leichtes Leben auf realistische Weise in der Welt von heute die Werke des Dienstes an den übrigen vollbringen, die das Kriterium und der Maßstab sind, nach denen Christus sein Urteil sprechen wird, auch über jene, die ihn nicht erkannt haben (vgl. Mt 25).

Kapitel II: Was bedeutet Evangelisierung?

340 Unser Volk ruft nach der Erlösung und Gemeinschaft, die der Vater ihm bereitet hat, und inmitten seines Kampfes um das Leben und um die Suche nach dem tiefen Sinn des Lebens erwartet es von uns die Verkündigung der Frohen Botschaft.

341 Was heißt also evangelisieren? Wer erwartet unsere Verkündigung? Welcher Wandel der Menschen und Kulturen soll aus der Saat des Evangeliums sprießen? Was lehrt uns die Kirche über die wahre christliche Befreiung? Wie sollen wir die Kultur und die Religiosität unseres Volkes evangelisieren? Was sagt das Evangelium dem Menschen, der sich nach Hilfe sehnt und seiner politischen und gesellschaftlichen Verpflichtung gerecht werden will? Wir stellen unsere Überlegung zu diesen Fragen dar:

1. EVANGELISIERUNG, UNIVERSALE DIMENSION UND KRITERIEN

Gegenwärtige Lage

342 Seit fünf Jahrhunderten evangelisieren wir in Lateinamerika. Gegenwärtig durchleben wir einen wichtigen und zugleich schwierigen Abschnitt der Evangelisierung. Es trifft zu, dass der Glaube unserer Völker sichtbar zum Ausdruck kommt, jedoch stellen wir fest, dass er nicht immer zur Reife gelangt und dass er vom Druck der Verweltlichung bedroht wird, ebenso wie von den Erschütterungen, die die kulturellen Veränderungen mit sich bringen, von unterschiedlichen theologischen Auffassungen, die unter uns bestehen, und vom Einfluß proselytischer Sekten und fremder Synkretismen. Unsere Evangelisierung ist von gewissen besonderen Sorgen und Schwerpunkten gekennzeichnet:

343 – Die vollständige Befreiung der alten und neuen Kulturen unseres Kontinents, indem wir der Religiosität unserer Völker Rechnung tragen (vgl. EN 18, 20);

344 – Die Förderung der Würde des Menschen und die Befreiung von aller Art von Knechtschaft und Götzendienst (vgl. EN 29 ff.);

345 – Die Notwendigkeit, dass die Entscheidungszentren, die Quellen der Inspiration und die sozialen und politischen Lebensmodelle von der Kraft des Evangeliums durchdrungen werden (vgl. EN 19).

346 Die Verkündiger des Evangeliums leiden bei uns zuweilen unter einer gewissen Verwirrung und Unsicherheit hinsichtlich ihrer Identität und der eigentlichen Bedeutung der Evangelisierung, ihres Inhalts und ihrer Grundmotivationen.

347 Um dieser Situation gerecht zu werden und der Evangelisierung neuen Antrieb zu geben, wollen wir ein klares Wort der Hoffnung aussprechen, das zu einer freudigen und mutigen Evangelisierung unserer Völker anregen soll, in denen wir eine tiefe Sehnsucht nach dem Evangelium erkennen. Zu diesem Zweck erinnern wir an den Sinn der Evangelisierung, ihre Dimension und ihre universale Bestimmung, sowie an die Kriterien und Zeichen, durch die sich ihre Authentizität ausdrückt.

Das Geheimnis der Evangelisierung

348 Der Verkündigungsauftrag gehört dem gesamten Volk Gottes. Zu ihm ist es von Anfang an berufen; er stellt „seine tiefste Identität“ dar (EN 14). Er ist zugleich seine Freude. Das Volk Gottes mit all seinen Gliedern, Institutionen und Ebenen existiert, um zu verkündigen. Die dynamische Kraft des Pfingstgeistes beseelt es und sendet es aus zu allen Völkern. Unsere Teilkirchen müssen mit neuer Begeisterung das Gebot des Herrn vernehmen: „Geht darum hin und macht alle Völker zu Jüngern“ (Mt 28, 19).

349 Die Kirche bekehrt sich täglich zum Wort der Wahrheit, sie folgt dem fleischgewordenen, gestorbenen und auferstandenen Christus auf den Wegen der Geschichte und wird zur Dienerin des Evangeliums, um es in voller Treue zu den Menschen zubringen.

350 Ausgehend vom Menschen, der zur Gemeinschaft mit Gott und allen Menschen berufen ist, muss das Evangelium in sein Herz, seine Erfahrungen, seine Lebensformen, seine Kultur und seine Umwelt eindringen, um mit neuen Menschen eine neue Menschheit zu schaffen und alle hinzuführen zu einer neuen Art zu sein, zu urteilen, zu leben und zusammenzuleben. All dieses ist ein uns drängender Dienst.

351 Wir behaupten, dass die Evangelisierung „stets die klare Verkündung enthalten muss, dass in Jesus Christus, dem menschgewordenen, gestorbenen und auferstandenen Sohne Gottes, das Heil einem jeden Menschen angeboten ist als ein Geschenk der Gnade und des Erbarmens Gottes selbst“ (EN 27). Darin liegt Ausgangs-, Mittel- und zugleich Höhepunkt ihrer Ausstrahlungskraft, der wesentliche Inhalt der Evangelisierung.

352 Die Evangelisierung gibt Jesus als den Herrn zu erkennen, der uns den Vater offenbart und uns seinen Geist mitteilt. Er ruft uns zur Umkehr auf, die Versöhnung und neues Leben bedeutet, er führt zur Gemeinschaft mit dem Vater, der uns zu Kindern und Brüdern macht. Er lässt durch die Liebe, die aus unseren Herzen strömt, Gerechtigkeit, Vergebung, Achtung, Würde und Frieden in der Welt aufblühen.

353 Das Heil, das uns Christus anbietet, gibt allen menschlichen Bestrebungen und Werken Sinn, stellt sie aber auch zugleich in Frage und geht weit über sie hinaus. Obgleich „es seinen Anfang gewiss schon in diesem Leben hat, vollendet es sich erst in der Ewigkeit“ (EN 27). Es hat seinen Ursprung in Christus, in seiner Fleisch- werdung, in seinem ganzen Leben, „wir erlangen es endgültig durch seinen Tod und seine Auferstehung“. Es setzt seinen Weg fort in der Geschichte der Menschen (vgl. EN 9) durch das Geheimnis der Kirche unter dem ständigen Einfluß des Geistes, der ihm vorausgeht, es begleitet, ihm apostolische Fruchtbarkeit verleiht.

354 Dieses Heil, das Kernstück der Frohen Botschaft, „besteht in der Befreiung von allem, was den Menschen niederdrückt, vor allem aber in der Befreiung von der Sünde und vom Bösen, in der Freude, Gott zu erkennen und von ihm erkannt zu werden, ihn zu schauen und ihm anzugehören“ (EN 9).

355 Jedoch ist das Heil „in starkem Maße verbunden“ mit der Förderung des Menschen in seiner Entwicklung und Befreiung (vgl. EN 31), die ein wesentlicher Bestandteil der Evangelisierung ist. Die beiden letztgenannten Aspekte entstehen aus dem Reichtum des Heiles, aus dem Wirksamwerden der Liebe Gottes in uns, der wir untergeordnet bleiben. Die Kirche „braucht nicht zu Systemen und Ideologien Zuflucht zu nehmen, um die Befreiung des Menschen zu lieben, zu verteidigen und mit zu verwirklichen: im Zentrum der Botschaft, deren Hüter und öffentlicher Verkünder die Kirche ist, findet sie die Motivierung, um einzutreten für die Brüderlichkeit, die Gerechtigkeit, den Frieden und gegen alle Beherrschungssysteme, Versklavungen, Diskriminierungen, Gewalttaten, Anschläge auf die Religionsfreiheit, Angriffe gegen den Menschen und gegen das Leben“ (Johannes Paul II., Eröffnungsansprache III, 2). Die Kirche bringt durch die dynamische Kraft ihrer Evangelisierung den folgenden Prozess hervor:

356 – Sie legt Zeugnis ab für Gott, der sich in Christus durch den Geist offenbart, der in uns ruft: Abba, Vater! (vgl. Gal 4, 6-7). So teilt sie die Erfahrung ihres Glaubens an ihn mit.

357 – Sie verkündet die Frohe Botschaft von Jesus Christus durch das Wort des Lebens: Diese Verkündigung erweckt den Glauben, die Predigt und die fortschreitende Katechese, die den Glauben stärkt und formt.

358 – Sie erzeugt den Glauben, der die Bekehrung des Herzens, des Lebens ist, Hingabe an Jesus Christus, Teilhabe an seinem Tod, damit sein Leben in einem jeden Menschen sichtbar wird (vgl. 1. Kor 4, 10). Dieser Glaube, der auch jenes anklagt, was sich der Errichtung des Reiches entgegenstellt, schließt auch Bruch und Trennung ein, die erforderlich und zuweilen schmerzlich sind.

359 – Sie führt zum Eintritt in die Gemeinschaft der Gläubigen, die im Gebet und im brüderlichen Zusammenleben ausharren und den Glauben und die Sakramente des Glaubens feiern, deren Höchstes die Eucharistie ist (vgl. Apg. 2, 42).

360 – Sie sendet diejenigen, die das Evangelium empfangen haben, als Missionare aus, denn sie sehnen sich danach, dass alle Menschen Gott dargeboten werden und dass alle Völker ihn loben (vgl. Röm 15, 16).

361 So ist die Kirche in einem jeden ihrer Glieder in Christus durch den Geist geweiht, sie ist ausgesandt, den Armen die Frohe Botschaft zu predigen (vgl. Lk 4, 18) und „das Verlorene zu suchen und zu retten“ (Lk 19, 10).

Universale Dimension und Bestimmung der Evangelisierung

362 Die Evangelisierung muss tief in das Herz der Menschen und der Völker eindringen. Deswegen strebt ihre dynamische Kraft nach der Umkehr des einzelnen und dem gesellschaftlichen Wandel. Die Evangelisierung muss alle Völker umfassen, daher sucht ihre dynamische Kraft die Universalität des Menschengeschlechts. Beide Aspekte sind von großer Bedeutung für die gegenwärtige und zukünftige Evangelisierung in Lateinamerika.

363 Die Grundlage dieser Universalität ist vor allem der Auftrag des Herrn: „Geht darum hin und macht alle Völker zu Jüngern“ (Mt 28, 19), und die Einheit der menschlichen Familie, die von dem gleichen Gott geschaffen wurde, der sie erlöst und ihr mit seiner Gnade das Gepräge gibt. Christus, der für alle gestorben ist, zieht sie alle zu sich durch seine Verherrlichung im Geist. Je mehr wir uns zu Christus bekehren, desto mehr werden wir mitgerissen von seinem universalen Erlösungsstreben. Je mehr Lebenskraft also die Teilkirche hat, um so sichtbarer und gegenwärtiger macht sie die Universalkirche und um so stärker wird ihre missionarische Bewegung hin zu anderen Völkern sein.

364 Unser erster Dienst zur Bildung einer lebendigeren kirchlichen Gemeinschaft besteht darin, mitzuwirken, dass unsere Christen treuer und reifer im Glauben werden, indem wir sie mit einer angemessenen Katechese und einer erneuerten Liturgie versehen. Sie werden das Ferment in der Welt sein und der Evangelisierung Kraft und Verbreitung verleihen.

Eine weitere Aufgabe besteht in der Beachtung bestimmter Situationen, in denen eine Evangelisierung besonders nottut:

365 – Beständige Notsituationen gibt es bei den Indios, die gewöhnlich nicht an den Gütern der Gesellschaft teilhaben und in einigen Fällen gar nicht oder nur unzulänglich evangelisiert wurden; sowie bei den so oft vergessenen Afroamerikanern.

366 – Neue Notsituation (AG 6), als Folge von sozio-kulturellen Veränderungen, die eine neue Evangelisierung erfordern, gibt es bei den Auswanderern; in den großen städtischen Zusammenballungen im eigenen Land; bei der Masse aller sozialen Schichten, die in einer schwierigen Glaubenssituation stehen; bei Gruppen, die dem Einfluß von Sekten und Ideologien ausgesetzt sind, welche ihre Identität nicht respektieren, Verwirrung stiften und Spaltungen hervorrufen.

367 – Besonders schwierige Situationen gibt es bei Gruppen, deren Evangelisierung dringend notwendig ist, jedoch häufig vernachlässigt wird, und zwar bei Studenten, Soldaten, Arbeitern, jungen Menschen, im Bereich der sozialen Kommunikationsmittel usw.

368 Für Lateinamerika ist endlich auch die Stunde gekommen, die gegenseitigen Dienste zwischen den Teilkirchen zu verstärken und jenseits der eigenen Grenzen zu wirken, „ad gentes“. Es trifft zu, dass es uns selbst an Missionaren mangelt. Aber wir müssen auch in unserer Armut geben. Andererseits können unsere Kirchen etwas Ursprüngliches und Wichtiges anbieten, nämlich ihr Verständnis vom Heil und der Befreiung, den Reichtum ihrer Volksreligiosität, die Erfahrung der kirchlichen Basisgemeinschaften, das Aufblühen ihrer kirchlichen Ämter, ihre Hoffnung und ihre Glaubensfreude. Wir haben bereits missionarische Anstrengungen unternommen, die vertieft werden können und ausgedehnt werden müssen.

369 Wir wollen nicht vergessen, für die großzügige Hilfe der Universalkirche und in ihr den Schwesterkirchen zu danken, und wir bitten sie, uns auf unserem Weg weiter zu begleiten, insbesondere bei der Ausbildung autochthoner Pastoralträger. Auf diese Weise wächst in uns die Kraft, diese universale Verpflichtung auf uns zu nehmen und wir werden besser in der Lage sein, den jeder unserer Teilkirchen eigenen Dienst zu versehen.

Kriterien und Zeichen der Evangelisierung

370 Wer in der Evangelisierung wirkt, hat teil am Glauben und am Sendungsauftrag der Kirche, die ihn aussendet. Er braucht Maßstäbe und Zeichen, die es ihm ermöglichen, klar zu erkennen, was tatsächlich dem Glauben und der Sendung der Kirche entspricht, d. h. dem Willen ihres Herrn. „Doch sehe ein jeder wie er weiterbaut, denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus“ (1. Kor 3, 10-11). „Ihr habt Christus Jesus als Herrn angenommen; darum lebt auch in ihm! Auf ihn seid ihr gegründet; baut auf ihn und haltet an dem Glauben fest, in dem ihr unterrichtet wurdet. Hört nicht auf zu danken!“ (Kol 2, 6-7) (vgl. 1 Thess 5, 19-22).

371 Diese Maßstäbe und Zeichen beseelen die echte und lebendige Evangelisierung. Verzerrungen und Unentschlossenheit hindern oder lähmen ihre Kraft. Wir legen die folgenden grundsätzlichen Kriterien dar:

372 – Das Wort Gottes, wie es in der Bibel und in der lebendigen Tradition der Kirche enthalten ist und insbesondere in den Glaubensbekenntnissen und Dogmen der Kirche zum Ausdruck kommt. Die Heilige Schrift muss die Seele der Evangelisierung sein. Aber sie erlangt nicht aus sich allein die völlige Klarheit. Sie muss im Rahmen des lebendigen Glaubens der Kirche gelesen und gedeutet werden. Unsere Glaubensbekenntnisse fassen die Heilige Schrift zusammen und erklären die Substanz der Botschaft, indem sie die „Hierarchie der Wahrheiten“ hervorheben (vgl. UR 11).

373 – Der Glaube des Volkes Gottes. Es ist der Glaube der Universalkirche, der in ihren Teilgemeinschaften gelebt und konkret zum Ausdruck gebracht wird. Die Teilgemeinschaft konkretisiert in sich selbst den Glauben der Universalkirche und hört auf diese Weise auf, eine private und isolierte Gemeinschaft zu sein. Sie überwindet ihre Eigenschaft als Teilgemeinschaft im Glauben der Gesamtkirche.

374 – Das Lehramt der Kirche. Der Sinn der Heiligen Schrift, der Glaubensbekenntnisse und der Dogmen der Vergangenheit erwächst nicht allein aus dem Text selbst, sondern auch aus dem Glauben der Kirche. Im Schoß der Gemeinschaft finden wir die Instanz für die Entscheidung und die authentische Auslegung der Glaubenslehre und des Moralgesetzes. Es ist der Dienst des Nachfolgers Petri, der seine Brüder im Glauben bestätigt, sowie der Dienst der Bischöfe, „die Nachfolger der Apostel im Charisma der Wahrheit sind“ (DV 8).

375 – Die Theologen bieten der Kirche einen wichtigen Dienst: Sie systematisieren die Lehre und die Orientierungen des Lehramts in einer Synthese mit breiterem Kontext und bringen diese Synthese in eine zeitgemäße Sprache; sie unterziehen die durch Gott geoffenbarten Taten und Worte einer neuen Untersuchung, um sie in Bezug zu setzen zu neuen sozio-kulturellen Situationen (vgl. AG 22) oder neuen Entdeckungen und zu Problemen, die von den Wissenschaften, der Geschichte oder der Philosophie aufgeworfen werden (vgl. GS 62). Bei ihrem Dienst sollen sie dafür sorgen, dem Glauben der Gläubigen keinen Schaden zuzufügen, sei es durch schwer verständliche Erklärungen, sei es durch die Verbreitung von kontroversen oder fragwürdigen Thesen in der Öffentlichkeit.

376 Die theologische Arbeit beinhaltet eine gewisse Pluralität, die sich aus der Verwendung von „verschiedenen Methoden und Arten des Vorgehens zur Erkenntnis und zum Bekenntnis der göttlichen Dinge“ (UR 17) ergeben. Es gibt einen guten und notwendigen Pluralismus, der danach trachtet, die legitimen Unterschiede zum Ausdruck zu bringen, ohne den Zusammenhang und die Eintracht zu beeinträchtigen. Es gibt aber auch Spielarten des Pluralismus, die die Spaltung fördern.

377 Wir alle haben teil an der prophetischen Sendung der Kirche. Wir wissen, dass der Geist seine Gaben und Charismen zum Wohl des gesamten Leibes unter uns verteilte. Wir müssen sie dankbar empfangen. Aber die Entscheidung über diese Gaben und Charismen, d. h. das Urteil über ihre Authentizität und die Regelung für ihre Ausübung, stehen der Autorität in der Kirche zu, der vor allem aufgegeben ist, den Geist nicht zu ersticken, sondern alles zu erproben und das Gute zu behalten (vgl. LG 12). Einige Grundhaltungen geben uns Aufschluss über die Authentizität der Evangelisierung:

378 – Ein Leben tiefer kirchlicher Gemeinschaft (vgl. Gal 2, 2).

379 – Die Treue gegenüber den Zeichen der Gegenwart und des Wirkens des Geistes in den Völkern und Kulturen, die Ausdruck der berechtigten Bestrebungen der Menschen sind. Dies setzt Achtung, missionarisches Zwiegespräch, Unterscheidungsvermögen und tätige Nächstenliebe voraus.

380 – Das sorgende Wachen darüber, dass das Wort in das Herz der Menschen eindringt und dort lebendig wird.

381 – Der positive Beitrag zur Erbauung der Gemeinschaft.

382 – Die besondere Liebe und Sorge für die Armen und Bedürftigen (vgl. Lk 4, 18; EN 12).

383 – Die Heiligkeit dessen, der sich der Evangelisierung widmet (vgl. EN 76), deren besondere Merkmale das Erbarmen, die Festigkeit und Geduld in Anfechtungen und Verfolgungen, sowie die Freude um das Wissen sind, Diener des Evangeliums zu sein (vgl. EN 80).

384 Was also vom Diener des Evangeliums gefordert wird, ist, dass er sich treu erweise (vgl. 1. Kor 4, 2). Seine Treue schafft die Gemeinschaft: „Aus ihr strömt eine große apostolische Kraft“ (PC 15), die die Kirche mit der Fülle der Früchte des Geistes bereichern wird (vgl. Gal 5, 22; Johannes Paul II. Hom. Guadalupe, AAS LXXI S. 164).

EVANGELISIERUNG DER KULTUR

Kultur und Kulturen

385 Ein neuer und wertvoller pastoraler Beitrag des Lehrschreibens „Evangelii nuntiandi" ist der Aufruf Pauls VI., die Aufgabe der Evangelisierung der Kultur und der Kulturen in Angriff zu nehmen (EN 20).

386 Mit dem Wort „Kultur" wird die besondere Art bezeichnet, wie in einem Volk die Menschen ihre Beziehung zur Natur, untereinander und zu Gott pflegen (vgl. GS 53), so dass sie „zur wahren und vollen Verwirklichung des menschlichen Wesens gelangen" (GS 53). Es ist der Stil des gemeinsamen Lebens (vgl. GS 53), der die verschiedenen Völker kennzeichnet. Daher spricht man von „Kulturen im Plural" (GS 53) (vgl. EN 20).

387 Die so verstandene Kultur umschließt das ganze Leben eines Volkes: die Gesamtheit der Werte, die es beseelen und der Fehlwerte, die es schwächen, welche alle, da sie gemeinschaftlich von den Mitgliedern geteilt werden, diese aufgrund ein und desselben „kollektiven Bewusstseins" (EN 18) vereinen. Die Kultur umfaßt ebenso die Formen, in denen jene Werte oder Fehlwerte sich ausdrücken oder gestaltet sind, d. h. die Bräuche, die Sprache, die Einrichtungen und Strukturen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, sofern sie nicht behindert oder unterdrückt werden durch das Eingreifen anderer dominierender Kulturen.

388 In diesem Gesamtbild trachtet die Evangelisierung danach, zur Wurzel der Kultur, zur Schicht der Grundwerte, zu gelangen, indem sie eine Umkehr hervorruft, die Grundlage und Garantie für den Wandel der Strukturen und des gesellschaftlichen Raums sein können (vgl. EN 18).

389 Das Wesentliche der Kultur besteht in der Haltung, mit der ein Volk eine religiöse Bindung zu Gott bejaht oder verneint, es besteht aus den religiösen Werten oder Fehlwerten. Diese stehen in Bezug zum letzten Sinn der Existenz und wurzeln in jener tiefsten Zone, wo der Mensch Antworten auf die grundsätzlichen und definitiven Fragen findet, die ihn bedrängen, sei es, dass er sie mit einer positiven religiösen Ausrichtung oder im Gegenteil mit einer atheistischen Ausrichtung erhält. Daraus folgt, dass die Religion oder die Religionslosigkeit alle übrigen Ebenen der Kultur inspiriert – die familiäre, wirtschaftliche, politische, künstlerische Ebene usw. – insoweit sie diese in Richtung auf das Transzendente befreit bzw. auf ihr eigenes immanentes Verständnis eingrenzt.

390 Die Evangelisierung, die sich auf den ganzen Menschen richtet, versucht ihn ausgehend von seiner religiösen Dimension in seiner Totalität zu erreichen.

391 Die Kultur ist eine schöpferische Tätigkeit des Menschen, mit der er Antwort gibt auf die Berufung Gottes, der von ihm verlangt, die gesamte Schöpfung (vgl. Gen 1 und 2) und in ihr seine eigenen Fähigkeiten und geistlichen und körperlichen Anlagen zu vervollkommnen (vgl. GS 53; 57).

392 Die Kultur bildet sich heraus und wandelt sich auf der Grundlage der ständigen Geschichts- und Lebenserfahrungen der Völker; sie wird durch die Tradition von Generation zu Generation überliefert. Der Mensch wird geboren und entwickelt sich im Rahmen einer bestimmten Gesellschaft, er wird durch eine spezifische Kultur geformt und bereichert; er nimmt sie auf, verändert sie schöpferisch und überliefert sie. Die Kultur ist eine historische und gesellschaftliche Realität (vgl. GS 53).

393 Da die Kulturen ständig neuen Entwicklungen, der gegenseitigen Begegnung und Ausdeutung unterworfen sind, gehen sie in ihrem historischen Prozess durch Zeitabschnitte hindurch, in denen sie sich der Herausforderung durch neue Werte oder Fehlwerte, der Notwendigkeit der Schaffung neuer lebenswichtiger Synthesen stellen müssen. Die Kirche fühlt sich berufen, mit dem Evangelium gegenwärtig zu sein, insbesondere in Zeitabschnitten, in denen alte Formen, aufgrund derer der Mensch seine Werte und sein Zusammenleben geordnet hat, verfallen und sterben, um neuen Synthesen Platz zu machen (vgl. GS 5). Es ist besser, die neuen Kulturformen bei ihrer Entstehung bereits zu evangelisieren, und nicht erst, wenn sie gewachsen sind und sich verfestigt haben. Das ist die gegenwärtige weltweite Herausforderung an die Kirche, da man ja „mit Recht von einer neuen Epoche der Menschheitsgeschichte" sprechen kann (GS 54). Daher trachtet die lateinamerikanische Kirche danach, der Evangelisierung auf unserem Kontinent neue Impulse zu geben.

Pastorale Option der lateinamerikanischen Kirche. Die Evangelisierung der eigenen Kultur in der Gegenwart und für die Zukunft

Zweck der Evangelisierung

394 Christus sandte seine Kirche aus, um das Evangelium allen Menschen, allen Völkern zu verkündigen (vgl. Mt 28, 19; Mk 16, 15). Da jeder Mensch im Schoße einer bestimmten Kultur geboren wird, will die Kirche mit ihrer Evangelisierung nicht nur den einzelnen Menschen erfassen, sondern die Kultur des Volkes (vgl. EN 18). Sie bemüht sich, „dass durch die Kraft des Evangeliums die Urteilskriterien, die bestimmenden Werte, die Interessenpunkte, die Denkgewohnheiten, die Quellen der Inspiration und die Lebensmodelle der Menschheit, die zum Wort Gottes und zum Heilsplan im Gegensatz stehen, umgewandelt werden". Wir können dieses auch ausdrücken, indem wir sagen: „es gilt – und zwar nicht nur dekorativ wie durch einen oberflächlichen Anstrich, sondern mit vitaler Kraft in der Tiefe und bis zu ihren Wurzeln – die Kultur und die Kulturen des Menschen im vollen und umfassenden Sinn mit dem Evangelium zu durchdringen" (EN 19-20).

Pastorale Option

395 Das allgemeine Ziel der Evangelisierung unserer lateinamerikanischen Kirche muss die ständige Erneuerung und Umformung unserer Kultur im Geiste des Evangeliums sein. Das heißt, das Evangelium muss die Werte und Maßstäbe der Kultur durchdringen, und die Menschen, die nach diesen Werten leben, zur Umkehr bewegen, und es muss der erforderliche Wandel stattfinden, damit die Strukturen, in denen die Menschen leben und sich selbst zum Ausdruck bringen, in vollerem Sinn menschlich werden.

396 Hierzu ist es von vordringlicher Bedeutung, sich der Religion unserer Völker anzunehmen. Sie muss hierbei nicht nur als Gegenstand der Evangelisierung, sondern auch als aktive evangelisierende Kraft gesehen werden, da sie ja bereits evangelisiert ist.

Kirche, Glaube und Kultur

Liebe zu den Völkern und Kenntnis ihrer Kultur

397 Wenn die Kirche ihre Tätigkeit der Evangelisierung realistisch durchführen will, muss sie die Kultur Lateinamerikas kennen. Sie geht jedoch vor allem von der tiefen Liebe zu den Völkern aus. Auf diese Weise kann sie, nicht nur auf wissenschaftliche Weise, sondern auch aufgrund der ihr angeborenen Fähigkeit zu verstehen, die ihr die Liebe gibt, die Eigenarten unserer Kultur, ihre Krisen und historischen Herausforderungen unterscheiden und sich folglich mit ihr in ihrer Geschichte solidarisieren (vgl. OA 1).

398 Ein wichtiges Kriterium, das die Kirche in ihrem Bemühen um Erkenntnis leiten muss, ist folgendes: Sie muss achtgeben, wohin sich die allgemeine Bewegung der Kultur richtet, weniger auf ihre in der Vergangenheit verankerten Einzelbereiche; sie muss sich den heute gültigen Ausdrucksformen der Kultur zuwenden, und weniger denen, die rein folkloristischen Charakter haben.

399 Die Aufgabe der Evangelisierung der Kultur auf unserem Kontinent muss vor dem Hintergrund einer tief verwurzelten Kulturtradition gesehen werden, die sich mit der Herausforderung des kulturellen Wandlungsprozesses auseinandersetzen muss, der in Lateinamerika und der ganzen Welt in der modernen Zeit stattfindet und gegenwärtig auf eine Krise zusteuert.

Begegnung des Glaubens mit den Kulturen

400 Wenn die Kirche, das Volk Gottes, das Evangelium verkündet und die Völker den Glauben annehmen, nimmt sie in ihnen Gestalt an und nimmt ihre Kulturen auf. Auf diese Weise gelangt sie nicht zu einer Identifikation mit den Kulturen, sondern vielmehr zu einer engen Verbindung mit ihnen. Einerseits wird der von der Kirche vermittelte Glaube in der Tat auf der Grundlage einer vorhandenen Kultur gelebt, d. h., von Gläubigen „die zutiefst an eine Kultur gebunden sind, und die Erbauung des Gottesreiches kann nicht darauf verzichten, sich gewisser Elemente der menschlichen Kultur und Kulturen zu bedienen“ (EN 20). Andererseits bleibt auf der pastoralen Ebene das Prinzip der Inkarnation gültig, wie es der heilige Irenäus formulierte: „Was nicht angenommen wird, wird nicht erlöst.“

Das allgemeine Prinzip der Inkarnation konkretisiert sich in verschiedenen Teilkriterien:

401 Die Kulturen sind nicht ein Leerraum, der frei von authentischen Werten wäre. Die Evangelisierung der Kirche ist nicht ein Prozess der Zerstörung, sondern der Festigung und Stärkung dieser Werte, ein Beitrag zum Wachsen der „Keime des Worts“, die in den Kulturen präsent sind (vgl. GS 57).

402 Mit großem Interesse nimmt die Kirche die spezifisch christlichen Werte an, die sie in den bereits evangelisierten Völkern vorfindet und die diese nach ihrer eigenen kulturellen Eigenart leben.

403 Die Kirche geht bei der Evangelisierung von jenem von Christus ausgestreuten Samen und diesen Werten aus, die das Ergebnis ihrer eigenen Evangelisierung sind.

404 All dies beinhaltet, dass die Kirche – und zwar vor allem die Teilkirche – sich bemüht, sich anzupassen, indem sie die Anstrengung unternimmt, die Botschaft des Evangeliums in die anthropologische Sprache und die Symbole jener Kultur zu übersetzen, in die sie sich einpflanzt (vgl. EN 53, 62, 63; GS 58; Arbeitsdokument 420-423).

405 Bei der Überbringung der Frohen Botschaft weist die Kirche auf die Gegenwart der Sünde in den Kulturen hin und übt eine korrigierende Wirkung aus, sie läutert und treibt die Fehlwerte aus. Sie begründet damit also eine Kulturkritik. Denn die andere Seite der Ankündigung des Reiches Gottes ist die Kritik am Götzendienst, d. h. die Kritik an den Werten, die sich auf Idole stützen oder an solchen Werten, die ohne dies zu sein, von einer Kultur als das Absolute aufgenommen werden. Die Kirche hat die Aufgabe, Zeugnis abzulegen für den „wahren Gott und einzigen Herrn“.

406 Daher kann die Evangelisierung, die dazu auffordert, falsche Vorstellungen von 406 Gott, unnatürliche Verhaltensweisen und unrechte Manipulation des Menschen durch den Menschen abzulegen (vgl. Arbeitsdokument 424), nicht als Angriff gesehen werden.

407 Die spezifische Aufgabe der Evangelisierung besteht in der „Verkündigung Christi“ (vgl. EN 53) und der Aufforderung an die Kulturen, nicht nur innerhalb eines kirchlichen Rahmens zu verbleiben, sondern durch den Glauben die geistliche Herrschaft Christi anzunehmen, außerhalb deren Wahrheit und Gnade sie nicht zu ihrer Fülle finden können. Auf diese Weise bemüht sich die Kirche durch die Evangelisierung darum, dass die Kulturen erneuert, erhöht und vervollkommnet werden durch die aktive Gegenwart des Auferstandenen, der der Mittelpunkt der Geschichte ist, und durch die seines Geistes (vgl. EN 18, 20, 23; GS 58; 61).

Evangelisierung der Kultur in Lateinamerika

408 Wir haben die Grundkriterien für die Evangelisierung der Kulturen dargelegt. Unsere Kirche führt diese Aufgabe der Evangelisierung unter den besonderen menschlichen Gegebenheiten Lateinamerikas durch. Ihr kulturhistorischer Prozess ist bereits beschrieben worden (vgl. Teil I). Wir greifen noch einmal kurz die im ersten Teil dieses Dokuments enthaltenen Grundtatbestände auf, um die Herausforderungen und Probleme, die sich in der Gegenwart der Evangelisierung stellen, in aller Klarheit zu sehen.

Kulturtypen und Phasen des kulturellen Prozesses

409 Lateinamerika hat seinen Ursprung in der Begegnung der spanisch- portugiesischen Rasse mit den präkolumbianischen und afrikanischen Kulturen. Die rassische und kulturelle Vermischung hat diesen Prozess grundsätzlich geprägt und seine Dynamik weist darauf hin, dass dies auch in der Zukunft so sein wird.

410 Diese Tatsache kann uns nicht verkennen lassen, dass gewisse Kulturen der Urbevölkerung oder afroamerikanische Kulturen im Reinzustand weiter bestehen und dass Gruppen mit einem unterschiedlichen Integrationsgrad existieren.

411 Zu einem späteren Zeitpunkt, während der letzten zwei Jahrhunderte, kommen besonders im südlichen Teil neue Einwandererströme hinzu, die sich grundsätzlich in das vorherrschende kulturelle Sediment integrieren und dabei die ihnen eigene Wesensart miteinbringen.

412 In der ersten Phase, vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, werden die Grundlagen für die lateinamerikanische Kultur und deren echtes katholisches Substrat gelegt. Ihre Evangelisierung war genügend tiefgehend, so dass der Glaube für ihr Sein und ihre Identität konstitutiv werden konnte, der dieser Kultur die geistliche Einheit vermittelte, die trotz der späteren Spaltung in verschiedene Nationen und trotz der Kluften auf wirtschaftlichem, politischem und gesellschaftlichem Gebiet untergründig fortbesteht.

413 Diese vom Glauben durchdrungene Kultur, der doch häufig die angemessene Katechese fehlt, äußert sich in den besonderen Formen der Religion unseres Volkes, die von einem tiefen Gefühl der Transzendenz und zugleich der Nähe Gottes erfüllt sind. Dies kommt in einer Volksweisheit mit kontemplativen Zügen zum Ausdruck, die die besondere Art prägt, in der unsere Menschen ihre Beziehung zur Natur und den Mitmenschen erleben, sie kommt in einem besonderen Sinn für Arbeit und Feiern, für Solidarität, Freundschaft und Verwandtschaft zum Ausdruck. Sie äußert sich ebenso im Gefühl für die eigene Würde, die durch ihr armes und einfaches Leben nicht herabgesetzt wird.

414 Es ist eine Kultur, die sich gerade in den armen Schichten als Lebens- und Existenzausdruck erhalten hat und besonders vom Herzen und der Herzenseinsicht geprägt ist. Sie kommt nicht so sehr in den für die Wissenschaften charakteristischen Denkkategorien und Denkschemata zum Ausdruck, als vielmehr in der künstlerischen Gestaltung, in der lebendigen Frömmigkeit und in den Bereichen des solidarischen Zusammenlebens.

415 Diese Kulturen, und zwar zunächst die Mischkultur, später allmählich auch die verschiedenen Kulturbereiche der Urbevölkerung und der Afroamerikaner, beginnt seit dem 18. Jahrhundert ihren Leidensweg unter dem Druck der aufkommenden städtisch-industriellen Zivilisation, die von physisch-mathematischer Berechung und vom Effizienzdenken beherrscht ist.

416 Diese Zivilisation wird von starken Tendenzen zur Personalisation und Sozialisation begleitet. Hierdurch erfährt die Geschichte eine Beschleunigung, die von allen Völkern eine starke Assimilierung und Kreativität fordert, wenn sie nicht wollen, dass ihre Kulturen übergangen oder sogar ausgelöscht werden.

417 Die städtisch-industrielle Kultur mit der sich als Folge ergebenden intensiven Proletarisierung gesellschaftlicher Schichten und sogar verschiedener Völker wird von den Großmächten kontrolliert, die im Besitz von Wissenschaft und Technik sind. Dieser historische Prozess muss in steigendem Maße das Problem der Abhängigkeit und der Armut verschärfen.

418 Das Erscheinen der städtisch-industriellen Zivilisation bringt auch Probleme auf ideologischer Ebene mit sich und bedroht zunehmend die Wurzel unserer Kultur, da diese Zivilisation tatsächlich in ihrem historischen Werdeprozess zu uns kommt, der vom Rationalismus geprägt ist und sich auf zwei vorherrschende Ideologien stützt, nämlich auf den Liberalismus und den marxistischen Kollektivismus. Beiden ist die Tendenz nicht nur zu einer legitimen und wünschenswerten Säkularisierung, sondern auch zum „Säkularismus" gemeinsam.

419 Im Rahmen dieses historischen Prozesses entstehen auf unserem Kontinent spezifische Phänomene und Probleme von weitreichender Bedeutung: Die Intensivierung der Wanderbewegungen und die Verschiebung der Bevölkerung vom Land zur Stadt, religiöse Phänomene, wie das Eindringen von Sekten, deren Bedeutung der in der Evangelisierung Tätige nicht verkennen darf, wenn sie auch Randerscheinungen sind, wobei der enorme Einfluß der Medien als Überbringer neuer kultureller Schemata und Modelle nicht übersehen werden darf. Ein weiteres Phänomen ist das Streben der Frau nach Förderung, in Übereinstimmung mit ihrer Würde und besonderen Stellung im Gesamtbild der Gesellschaft, sowie die Notsituation der Arbeiter, die bei der Neugestaltung unserer Kultur eine entscheidende Rolle spielen wird.

Die Evangelisierung: Herausforderungen und Probleme

420 Die soeben dargelegten Tatsachen stellen die Herausforderungen dar, denen sich die Kirche stellen muss. In ihnen zeigen sich die Zeichen der Zeit, denen wir entnehmen können, wohin die Bewegung der Kultur in Zukunft gerichtet sein wird. Die Kirche muss sie unterscheiden können, um die Werte festigen zu können und die Götzen von ihrem Thron zu stürzen, die diesen historischen Prozess nähren.

Die zukünftige Universalkultur

421 Die städtisch-industrielle Kultur, der die wissenschaftlich-technische Mentalität zugrunde liegt und die von den Großmächten gefördert wird und von den genannten Ideologien gekennzeichnet ist, will universal sein. Die Völker, die Teilkulturen, die verschiedenen menschlichen Gruppen werden aufgefordert und sogar gezwungen, sich in diese Kultur einzugliedern.

422 In Lateinamerika macht diese Tendenz das Problem der Integration der Urbevölkerung in den politischen und kulturellen Rahmen der Nationen wieder aktuell, weil diese letzteren sich gezwungen sehen, Anstrengungen in Richtung auf eine stärkere Entwicklung zu machen und mehr Neuland und Arbeitskräfte für eine effizientere Produktion bereitzustellen, damit sie sich verstärkt in den beschleunigten Gang der universalen Zivilisation eingliedern können.

423 Diese neue Universalität hat verschiedene Ebenen: Die Ebene der wissenschaftlichen und technischen Faktoren als Mittel zur Entwicklung, die Ebene weiterer Werte, die hervorgehoben werden, wie z. B. die Arbeit und der vermehrte Besitz von Konsumgütern, ebenso die Ebene eines totalen „Lebensstils", dem eine bestimmte Hierarchie von Werten und Präferenzen zu eigen ist.

424 An diesem historischen Scheideweg ziehen sich einige ethnische und gesellschaftliche Gruppen in eine unfruchtbare Isolierung zurück, indem sie ihre eigene Kultur verteidigen, andere hingegen lassen sich leicht von Lebensstilen absorbieren, die der neue Typus der Universalkultur hervorbringt.

425 Die Kirche legt bei ihrer Aufgabe der Evangelisierung klare und gründlich erarbeitete Unterscheidungsmaßstäbe zugrunde. Aufgrund ihrer eigenen, auf dem Evangelium beruhenden Prinzipien, betrachtet sie mit Befriedigung den Impuls der Menschheit in Richtung auf die Integration und die universale Gemeinschaft. Aufgrund ihrer besonderen Aufgabe fühlt sie sich berufen, nicht etwa die Kulturen zu zerstören, sondern diese zu unterstützen, sich in ihrer Eigenart und Identität zu konsolidieren, indem sie die Menschen aller Rassen und Völker aufruft, sich durch den Glauben in dem gleichen und einzigen Gottesvolk unter Christus zu vereinen.

426 Die Kirche fördert auch das, was über diese Einheit im katholischen Glauben hinausgeht, also das, was sich in Formen der Gemeinschaft zwischen den Kulturen und der gerechten Integration auf dem Gebiet der Wirtschaft, der Gesellschaft und der Politik konkretisiert.

427 Sie stellt jedoch, wie es natürlich ist, jene „Universalität“ in Frage, die ein Synonym für Nivellierung und Einförmigkeit ist, die nicht die verschiedenen Kulturen achtet, sondern sie schwächt, absorbiert oder ausschaltet. Mit noch größerer Berechtigung wendet sich die Kirche gegen eine Instrumentalisierung der Universalität, die der Vereinheitlichung der Menschheit durch eine ungerechte und verletztende Beherrschung und Vorherrschaft einiger Völker oder gesellschaftlicher Schichten über andere Völker und Schichten gleichkommt.

428 Die Kirche Lateinamerikas will mit neuer Kraft die Evangelisierung der Kultur unserer Völker und der verschiedenen ethnischen Gruppen wieder aufnehmen, damit der Glaube an das Evangelium ausgesät oder neu belebt werde, und damit dieser als Grundlage der Gemeinschaft in Formen einer gerechten Integration in den Rahmen der jeweiligen Nationalität, in das große lateinamerikanische Vaterland und in einer universalen Integration zum Ausdruck kommt, die unseren Völkern die Entwicklung ihrer eigenen Kultur erlaubt, die wiederum auf eigene Weise die wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften assimilieren kann.

Die Stadt

429 Beim Übergang von der Agrarkultur zur städtisch-industriellen Kultur wird die Stadt zu einem Motor der neuen universalen Zivilisation. Diese Tatsache erfordert von der Kirche neue, klare Unterscheidungen. Global gesehen muss sie die Sicht der Bibel zugrundelegen, die einerseits positiv die Tendenz der Menschen zur Schaffung von Städten bestätigt, in denen man enger verbunden und menschlicher zusammenleben kann, zugleich aber auch die Dimension der Unmenschlichkeit und der Sünde, die in diesen Städten entsteht, kritisiert.

430 Unter den gegenwärtigen Umständen unterstützt die Kirche daher nicht das Ideal der Schaffung von Riesenstädten, die unweigerlich unmenschlich werden, und ebensowenig eine allzu beschleunigte Industrialisierung, die die jetzigen Generationen auf Kosten ihres Lebensglücks mit unverhältnismäßig hohen Opfern bezahlen müssen.

431 Andererseits erkennt die Kirche an, dass das städtische Leben und der industrielle Wandel Probleme aufdecken, die bisher unbekannt waren. Die Lebensformen und herkömmlichen Daseinsstrukturen, wie Familie, Nachbarschaft, Organisation der Arbeit, werden zerstört. Ebenso werden auch die Lebensbedingungen des religiösen Menschen, der Gläubigen und der christlichen Gemeinschaft in Verwirrung gebracht (vgl. OA 10).

Diese Phänomene sind Eigenarten des sogenannten „Säkularisierungsprozesses“, der offensichtlich mit dem Aufkommen von Wissenschaft und Technik und der wachsenden Verstädterung verbunden ist.

432 Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die wesentlichen Formen des religiösen Bewusstseins ausschließlich an eine Agrarkultur gebunden sind. Es ist unrichtig zu behaupten, dass der Übergang zur städtisch-industriellen Zivilisation notwendigerweise die Abschaffung der Religion mit sich bringt. Auf jeden Fall aber stellt diese Zivilisation eine unleugbare Herausforderung dar, da sie das religiöse Bewusstsein und das christliche Leben von neuen Formen und Lebensstrukturen abhängig macht.

433 Auf diese Weise sieht sich die Kirche vor die Herausforderung gestellt, ihre Evangelisierung zu erneuern, damit sie den Gläubigen helfen kann, ihr christliches Leben im Rahmen der neuen Bedingungen zu leben, die die städtisch-industrielle Gesellschaft für ein Leben in Heiligkeit, für Gebet und Betrachtung, für Beziehungen unter den Menschen, die anonym werden und im rein Funktionalen befangen sind, und für ein neues Erleben von Arbeit, Produktion und Konsum schafft.

Der Säkularismus

434 Die Kirche versteht den Säkularisierungsprozess im Sinne einer legitimen Autonomie des Weltlichen, die gemäß GS und EN richtig und wünschenswert ist (vgl. GS 36; EN 55). Der Übergang zur städtisch-industriellen Zivilisation jedoch, nicht abstrakt, sondern in seinem realen historischen Entstehungsprozess im Westen betrachtet, wird von der Ideologie inspiriert, die wir „Säkularismus“ nennen.

435 Seinem Wesen nach trennt der Säkularismus den Menschen von Gott und setzt ihn zu diesem in Widerspruch. Er sieht den Aufbau der Geschichte als ausschließliche Verantwortung des Menschen, der in seiner bloßen Immanenz gesehen wird. Es handelt sich um „eine Auffassung von der Welt, derzufolge sie sich ganz aus sich selbst erklärt, ohne dass es eines Rückgriffs auf Gott bedürfte; Gott wird überflüssig, zu einem Störfaktor“. Um der Macht des Menschen zur Anerkennung zu verhelfen, endet dieser Säkularismus damit, sich über Gott hinwegzusetzen und ihn schließlich vollends zu leugnen. Daraus scheinen neue Formen des Atheismus hervorzugehen – ein allein um den Menschen kreisender Atheismus, nicht mehr abstrakt und metaphysisch, sondern pragmatisch und militant. Im Zusammenhang mit diesem atheistischen Säkularismus empfiehlt man uns täglich in den verschiedensten Formen eine Zivilisation des Konsums, den sinnenhaften Genuß als den höchsten Wert, den Willen nach Macht und Beherrschung und Diskriminierungen jeglicher Art. Wieviel unmenschliche Bestrebungen stecken in diesem sogenannten Humanismus! (vgl. EN 55).

436 Die Kirche steht bei ihrer Aufgabe der Evangelisierung und der Erweckung des Glaubens an Gott, den fürsorglichen Vater und an Jesus Christus, der mit seinem Wirken in der menschlichen Geschichte gegenwärtig ist, in einem radikalen Gegensatz zu diesem Säkularismus. Sie sieht in ihm eine Bedrohung des Glaubens und der Kultur unserer lateinamerikanischen Völker. Daher muss eine der Grundaufgabenstellungen im neuen Abschnitt der Evangelisierung sein, die Verkündigung des Inhalts der Evangelisierung zu aktualisieren und neu zu fassen, und zwar auf der Grundlage des Glaubens unserer Völker, damit diese die Werte der neuen städtisch- industriellen Zivilisation in einer Synthese annehmen können, deren Grundlage weiterhin der Glaube an Gott ist und nicht der Atheismus, der die logische Folge der säkularistischen Tendenz ist.

Umkehr und Strukturen

Es wurde bereits hingewiesen auf die Inkohärenz zwischen der Kultur unserer Völker, deren Werte vom christlichen Glauben durchdrungen sind, und der Armut, in der sie so häufig wider alle Gerechtigkeit gefangen sind.

437 Ohne Zweifel sind Ungerechtigkeit und schwere Armut eine Anklage in dem Sinne, dass der Glaube nicht die notwendige Kraft besessen hat, die Kriterien und Entscheidungen derer zu durchdringen, die für die ideologische Führung und den Aufbau des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenlebens unserer Völker verantwortlich sind. Bei Völkern mit tief verwurzeltem christlichem Glauben sind Strukturen errichtet worden, die Ungerechtigkeit erzeugen. Diese Strukturen, die in Verbindung stehen zu dem Expansionsprozess des liberalen Kapitalismus und die mancherorts zu Strukturen werden, die vom marxistischen Kollektivismus inspiriert sind, entstehen aus den Ideologien beherrschender Kulturen und sind mit dem Glauben unserer Volkskultur unvereinbar.

438 Die Kirche ruft also zu einer neuen Umkehr auf der Ebene der kulturellen Werte auf, damit von dorther die Strukturen des Zusammenlebens vom Geist des Evangeliums durchdrungen werden. Wenn sie zu einer Wiederbelebung der Werte des Evangeliums aufruft, drängt sie auf eine schnelle und tiefgreifende Änderung der Strukturen, da diese von ihrer Natur darauf angelegt sind, einerseits das Böse in sich zu tragen, das aus dem Herzen des Menschen entsteht und sich auch in gesellschaftlicher Form äußert, und andererseits ebenso als pädagogische Voraussetzungen für eine innere Umkehr auf der Ebene der Werte zu dienen (Medellin, Pastoral 6, 2).

Weitere Probleme

439 In den Rahmen dieser allgemeinen Situation und dieser weltweiten Herausforderungen gehören einige besondere Probleme, mit denen sich die Kirche in ihrem neuen Bemühen um die Evangelisierung befassen muss. Zu diesen zählen der Aufbau einer angemessenen Katechese auf der Grundlage der notwendigen Kenntnis der kulturellen Bedingungen unserer Völker und die Durchdringung ihres Lebensstils durch eine ausreichende Anzahl von autochthonen, den verschiedensten Gruppen entstammenden Pastoralträgern, die das Recht unserer Völker und unserer Armen, nicht in der Unwissenheit oder auf rudimentären Bildungsebenen hinsichtlich ihres Glaubens stehenzubleiben, befriedigen sollen.

440 Zu diesen Problemen gehört weiterhin eine kritische und konstruktive Planung des Bildungssystems in Lateinamerika.

441 Es ist notwendig, auf der Grundlage unserer Erfahrungen und Vorstellungskraft, Maßstäbe und Wege für eine Pastoral der Stadt aufzuzeigen, wo die neuen Formen der Kultur entstehen. Gleichzeitig müssen Bemühungen um die Evangelisierung und richtungweisende Förderung der Urbevölkerung und der afroamerikanischen Gruppen verstärkt werden.

442 Eine neue Präsenz der Evangelisierung der Kirche in der Arbeiterwelt sowie in den intellektuellen und künstlerischen Eliten ist unerläßlich.

443 Der menschliche Beitrag der Kirche, im Rahmen der Evangelisierung, zur Förderung der Frau entsprechend ihrer besonderen Identität ist erforderlich.

Evangelisierung und Volksreligiosität

Begriffsbestimmung und grundlegende Aussagen

444 Unter Religionen des Volkes, Volksreligiosität oder Volksfrömmigkeit (vgl. EN 48) verstehen wir das Gefüge der von Gott geprägten Glaubensinhalte und Grundhaltungen, die sich aus diesen Überzeugungen ergeben, sowie deren sichtbare Ausdrucksformen. Es handele sich um die Art oder kulturelle Ausdrucksform, die die Religion in einem bestimmten Volk annimmt. Die Religion des lateinamerikanischen Volkes ist in ihrer ausgeprägtesten kulturellen Form Ausdruck des katholischen Glaubens. Es ist ein Volkskatholizismus.

445 Bei aller Unzulänglichkeit und trotz der immer gegenwärtigen Sünde hat der Glaube der Kirche die Seele Lateinamerikas geprägt (vgl. Johannes Paul II. Zapopán 2), indem er die wesentliche historische Identität umprägte und zur kulturellen Urform des Kontinents wurde, aus der die neuen Völker hervorgingen.

446 Das Evangelium, das in unseren Völkern Gestalt annahm, faßt diese in einer einmaligen historischen Kultur zusammen, die wir Lateinamerika nennen. Strahlendes Symbol dieser Identität ist das Mestizenantlitz der Maria von Guadalupe, das am Beginn der Evangelisierung gestaltet wurde.

447 Diese Volksreligion wird insbesondere von den „Armen und Einfachen“ (EN 48) gelebt, umschließt jedoch alle gesellschaftlichen Gruppen und ist zuweilen eines der wenigen Bande, das die Menschen in unseren politisch so gespaltenen Nationen vereint. Doch muss festgehalten werden, dass diese Einheit auch eine große Vielfalt auf der Grundlage der gesellschaftlichen und ethnischen Gruppen und sogar der Generationen beinhaltet.

448 Die Religiosität des Volkes ist in ihrem Kern ein Schatz von Werten, der mit christlicher Weisheit auf die großen Existenzfragen Antwort gibt. Die katholische Volksweisheit hat eine große Fähigkeit zur Lebenssynthese. So führt sie in schöpferischer Weise Göttliches und Menschliches, Christus und Maria, Geist und Leib, Gemeinschaft und Institution, Person und Gemeinschaft, Glauben und Vaterland, Verstand und Gefühl zusammen. Diese Weisheit ist christlicher Humanismus, der unzweideutig die Würde eines jeden Menschen als Kind Gottes betont, eine grundsätzliche Brüderlichkeit begründet und lehrt, der Natur zu begegnen, die Arbeit zu verstehen und Anlaß für Freude und Humor, auch inmitten eines sehr harten Lebens, zu finden. Diese Weisheit ist auch für das Volk ein Grundprinzip für sein Unterscheidungsvermögen, ein vom Evangelium getragener Instinkt, aufgrund dessen es spontan begreift, wann in der Kirche dem Evangelium gedient wird, und wann es ausgehöhlt und durch andere Interessen erstickt wird! (vgl. Papst Johannes Paul II. Eröffnungsansprache III, 6 AAS LXXI S. 203).

449 Da diese kulturelle Realität große Bereiche der Gesellschaft einschließt, ist die Religion des Volkes imstande, viele Menschen zusammenzuführen. Daher erfüllt die Kirche im Bereich der Volksfrömmigkeit ihren Auftrag der Universalität. In der Tat gelingt es der Kirche, im Bewusstsein, „dass die Botschaft nicht einer kleinen Gruppe von Eingeweihten, Privilegierten oder Erwählten vorbehalten, sondern für alle bestimmt ist“ (EN 57), die Mengen in den Wallfahrtsstätten oder zu den religiösen Festen zu versammeln. Dort hat die Botschaft des Evangeliums die Möglichkeit, die jedoch pastoral nicht immer genutzt wird, in „das Herz der Massen“ (ebda.) zu dringen.

450 Die Volksreligiosität ist nicht nur Gegenstand der Evangelisierung, sondern, da sie das fleischgewordene Gotteswort beinhaltet, ist sie auch eine aktive Form, in der das Volk sich ständig selbst evangelisiert.

451 Diese katholische Volksfrömmigkeit hat in Lateinamerika entweder noch nicht in angemessener Weise oder auch gar nicht die Evangelisierung einiger autochthoner Kulturgruppen oder Gruppen afrikanischen Ursprungs verwirklichen können, die ihrerseits sehr reiche Werte besitzen und in denen „Samenkörner des Wortes“ vorhanden sind, die auf das lebendige Wort warten.

452 Wenn auch die Volksreligiosität die Kultur Lateinamerikas prägt, so hat sie sich doch nicht in ausreichendem Maße in der Organisation unserer Gesellschaft und unserer Staaten niederschlagen können. Daher bleibt ein Leerraum, den Papst Johannes Paul II. wiederholt „Strukturen der Sünde“ genannt hat (Homilie Zapopán, 3 AAS LXXI S. 230). So stehen der Abgrund zwischen Reichen und Armen, die Bedrohung, unter der die Schwächsten leben, die Ungerechtigkeit, die Vernachlässigung und die unwürdige Unterwerfung, in radikalem Widerspruch zu den Werten der Würde des Menschen und der solidarischen Brüderlichkeit. Diese Werte jedoch trägt das lateinamerikanische Volk in seinem Herzen als Gebote, die es vom Evangelium empfangen hat. Daher rührt es, dass die Religiosität des lateinamerikanischen Volkes häufig zu einem Aufschrei nach wahrer Befreiung wird. Diese Forderung ist noch nicht erfüllt worden. Seinerseits schafft sich das Volk auf der Grundlage dieser Religiosität in sich selbst bei seinem engsten Zusammenleben einige Freiräume für die Ausübung der Brüderlichkeit, oder es benutzt sie, z. B. den Stadtteil, das Dorf, die Gewerkschaft, den Sport. Es verzweifelt nicht auf seinem Wege, es erwartet voller Vertrauen und Hartnäckigkeit den richtigen Zeitpunkt, um in Richtung auf die so ersehnte Befreiung voranzuschreiten.

453 Aufgrund der mangelnden Sorge der Pastoralträger und anderer komplexer Faktoren weist die Religion des Volkes in gewissen Fällen Zeichen von Abnutzung und Verformung auf: Es tauchen abwegige Ersatzphänomene und rückschrittliche Synkretismen auf. Außerdem ballen sich über ihr mancherorts schwerwiegende und unklare Bedrohungen zusammen, die ihren Ausdruck in phantastischen apokalyptischen Vorstellungen finden.

Beschreibung der Volksreligiosität

454 Als positive Elemente der Volksfrömmigkeit sind zu nennen: Die Gegenwart der Dreifaltigkeit, die in der Anbetung und bildlichen Darstellung zum Ausdruck kommt, sowie das Gefühl der Vorsehung Gottvaters; Christus, der in seinem Geheimnis der Menschwerdung (Weihnachten, das Christkind), in der Kreuzigung, in der Eucharistie und der Anbetung des Heiligsten Herzens gefeiert wird, die Liebe zu Maria: sie und „ihre Geheimnisse gehören zur Identität, die diesen Völkern eigen ist und ihre Volksfrömmigkeit charakterisieren“ (Johannes Paul II. Homilie Zapopán, 2 AAS LXXI S. 228), sie wird verehrt als Unbefleckte Mutter Gottes und Mutter der Menschen, als Königin unserer einzelnen Länder und des gesamten Kontinents; die Heiligen als Schutzpatrone, die Verstorbenen; das Bewusstsein der Würde des Menschen und der solidarischen Brüderlichkeit; das Bewusstsein von der Sünde und die Notwendigkeit der Sühne; die Fähigkeit, den Glauben in einer umfassenden Sprache zum Ausdruck zu bringen, die den Rationalismus überwindet (Gesang, Bilder, Geste, Farbe, Tanz); der Glaube, der sich äußert zu bestimmten Zeiten (Feste) und an bestimmten Orten (Heiligtümer und Kirchen); die Sensibilität für die Wallfahrt als Symbol der menschlichen und christlichen Existenz, die kindliche Achtung vor den Hirten als Vertreter Gottes; die Fähigkeit, den Glauben in ausdrucksvoller und gemeinschaftlicher Form zu feiern; die tiefgreifende Integrierung der Sakramente und Sakramentalien in das Leben des einzelnen und in die Gesellschaft; liebevolle Zuneigung zur Person des Heiligen Vaters; Leidensfähigkeit und der Heldenmut, Prüfungen zu überstehen und sich zum Glauben zu bekennen; der Wert des Gebets; das Akzeptieren der Mitmenschen.

455 Die lateinamerikanische Volksreligion leidet seit langer Zeit unter der Trennung zwischen Elite und Volk. Das bedeutet, dass Ausbildungs- und Unterrichtsmöglichkeiten gering sind und damit auch in Ermangelung einer entsprechenden Seelsorge die Ausstrahlungskraft fehlt.

456 Die negativen Aspekte haben verschiedene Ursachen. Ererbt sind der Aberglaube, die Magie, der Fatalismus, die Götzenanbetung der Macht, der Fetischismus und der Ritualismus. Aus der Verformung der Katechese entstanden starres Festhalten an alten Formen, Mangel an Information, Ignoranz, synkretistische Neudeutung, Reduzierung des Glaubens auf einen bloßen Vertrag in der Beziehung zu Gott. Bedrohungen auf diesem Gebiet sind der von den Medien verbreitete Säkularismus, das Konsumdenken, die Sekten, die östlichen und agnostischen Religionen, ideologische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Manipulationen, ein verweltlichter und politischer Messianismus, die Entwurzelung und Proletarisierung der Stadtbevölkerung als Folge der kulturellen Veränderung. Wir müssen feststellen, dass viele dieser Phänomene wirkliche Hindernisse für die Evangelisierung darstellen.

Evangelisierung der Volksreligiosität; Vorgehen, Haltungen und Maßstäbe

457 Wie die Kirche insgesamt, so muss auch die Religion des Volkes ständig von neuem evangelisiert werden. In Lateinamerika muss diese Evangelisierung nach fast 500 Jahren der Verkündung des Evangeliums und der allgemeinen Taufe seiner Einwohner an das „christliche Gedächtnis unserer Völker“ appellieren. Es wird dies eine Aufgabe der pastoralen Pädagogik sein, durch welche der Volkskatholizismus vom Evangelium her aufgegriffen, geläutert, vervollständigt und wirkkräftig gemacht wird. Dies bedeutet in der Praxis die Wiederaufnahme eines pädagogischen Dialogs an jenen Ansatzpunkten, die die Evangelisierung früherer Jahre im Herzen unseres Volkes hinterließen. Dazu ist eine Kenntnis der Symbole, der stummen, nicht verbalen Sprache des Volkes erforderlich, damit es gelingt, in einem kraftvollen Dialog die Frohe Botschaft durch einen Vorgang katechetischer Neuunterrichtung mitzuteilen.

458 Die Träger der Evangelisierung sollen im Lichte des Heiligen Geistes erfüllt von „pastoraler Liebe“ dazu befähigt sein, die „Pädagogik der Evangelisierung“ zu entwickeln (EN 48). Dies erfordert vor allem Liebe und Nähe zum Volk, Klugheit und Festigkeit, Ausdauer und Kühnheit, um diesen kostbaren, zuweilen so sehr geschwächten Glauben heranzubilden.

459 Die konkreten Formen und pastoralen Vorgehensweisen müssen nach diesen Maßstäben, die charakteristisch sind für das in der Kirche gelebte Evangelium, bewertet werden. Alles muss dazu beitragen, dass die Getauften mehr zu Kindern in Christus werden, dass sie mehr zu Brüdern in der Kirche werden, dass sie zu verantwortlicheren Missionaren für die Ausdehnung des Reiches werden. In dieser Richtung muss die Religion des Volkes zur Reife gelangen.

Aufgaben und Herausforderungen

460 Wir befinden uns in einer bedrängenden Situation. Der Übergang der Agrar- Gesellschaft zur städtisch-industriellen Gesellschaft unterwirft die Religion des Volkes einer entscheidenden Krise. Die großen Herausforderungen, vor die uns die Volksfrömmigkeit zum Ende des Jahrtausends in Lateinamerika stellt, bedingen die folgenden pastoralen Aufgaben:

461 a) Die Notwendigkeit, in angemessener Weise die großen Massen zu evangelisieren und zu katechetisieren, die getauft wurden und heute einen geschwächten Volkskatholizismus leben.

462 b) Die Auffrischung der apostolischen Bewegungen, der Pfarreien, der kirchlichen Basisgemeinschaften und der Vorkämpfer der Kirche im allgemeinen, damit diese in umfassender Weise zum „Ferment in der Masse“ werden. Geistliche Haltungen, Verhaltens- und Vorgehensweisen von kirchlichen Elitegruppen, müssen im Hinblick auf die Volksreligiosität überprüft werden.

Wie bereits in Medellin zutreffend gesagt wurde, „stellt diese Religiosität die Kirche vor die Entscheidung, Weltkirche zu bleiben oder sich in eine Sekte zu verwandeln, wenn sie nicht jene Menschen, die sich durch eine solche Religiosität artikulieren, in lebendiger Weise in sich aufnimmt“ (Volkspastoral, 3). Wir müssen in unseren Vorkämpfern eine Mystik des Verkündigungsdienstes an der Religion ihres Volkes entwickeln. Diese Aufgabe ist heute aktueller als damals: Die Elitegruppen müssen den Geist ihres Volkes annehmen, ihn reinigen und läutern, und in klarer Form verlebendigen. Sie müssen an den Zusammenkünften und Volksdarbietungen teilnehmen, um ihren Beitrag zu leisten.

463 c) Unsere Wallfahrtsstätten müssen in wachsendem Maße und planvoll umgestaltet werden, damit sie „zu bevorzugten Stätten“ der Evangelisierung werden (Johannes Paul II. Homilie Zapopán 5 AAS LXXI S. 231). Dies bedeutet, dass sie von jeder Art von Manipulation und kommerzieller Tätigkeit gereinigt werden müssen. Eine besondere Aufgabe besteht dabei für die nationalen Wallfahrtsstätten, die Symbole des Ineinandergreifens von Glauben und Geschichte unserer Völker sind.

464 d) Pastorale Bemühung um die Volksfrömmigkeit auf dem Land und unter den Indios, damit sie in Übereinstimmung mit ihrer Identität und ihrer Entwicklung wachsen und sich durch die Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils erneuern können. Auf diese Weise sollen sie besser auf den allgemeinen kulturellen Wandel vorbereitet werden.

465 e) Förderung einer gegenseitigen Befruchtung von Liturgie und Volksfrömmigkeit, um mit Klarsicht und Klugheit die Wünsche nach Gebet und charismatischer Erneuerung, die wir heute in unseren Ländern feststellen, auf den rechten Weg zu lenken. Andererseits kann die Volksreligion mit ihrem großen symbolischen und ausdrucksstarken Reichtum der Liturgie schöpferische Kraft vermitteln. Wenn diese Kraft richtig definiert wird, so kann sie dazu dienen, dem universalen Gebet der Kirche in unserer Kultur mehr und besser Eingang zu verschaffen.

466 f) Vor dem Hintergrund einer städtisch-industriellen Zivilisation muss die Volksreligiosität neu formuliert und mit neuen Akzenten versehen werden. Dieser Prozess wird bereits in den großen Städten des Kontinents sichtbar, wo die Volksreligiosität spontan auf neue Weise zum Ausdruck kommt und durch neue Werte bereichert wird, die in ihm selbst heranreifen. Angesichts dieser Perspektive muss dafür Sorge getragen werden, dass der Glaube zu einer wachsenden Personalisierung und befreienden Solidarität führt. Dieser Glaube sollte eine Spiritualität entwickeln, die in der Lage ist, die kontemplative Dimension der Dankbarkeit zu Gott und einer dichterischen, von Weisheit durchdrungenen Begegnung mit der Schöpfung sicherzustellen. Der Glaube sollte auch in Leidenssituationen Quelle der Freude für das Volk sein und Anlaß zu Freudenfesten. Auf diesem Weg können sich kulturelle Formen herausbilden, die die Industrialisierung der Städte von drückender Langeweile und dem kalten und erstickenden Wirtschaftsdenken befreien.

467 g) Förderung von Ausdrucksformen der Volksreligiosität, mit Beteiligung der Massen, worin eine besondere Kraft der Verkündigung freigesetzt wird.

468 h) Annahme der religiösen Unruhen, die als geschichtliche Bedrängnis am Ende des Jahrhunderts wach werden. Sie müssen im Geist der Herrschaft Christi und der Vorsehung des Vaters angenommen werden, damit die Gotteskinder den notwendigen Frieden erhalten, während sie in der Zeit kämpfen.

469 Wenn die Kirche die Religion des lateinamerikanischen Volkes nicht neu interpretiert, so wird ein Vakuum entstehen, in das Sekten, verweltlichter politischer Messianismus und Konsumdenken eindringen, das Überdruß und Gleichgültigkeit oder heidnischen Pansexualismus hervorbringt. Auch hier steht die Kirche vor dem gleichen Problem: Was sie nicht in Christus annimmt, wird nicht erlöst, es wird zu einem neuen Götzen mit der alten Verderbtheit.

Evangelisierung, Befreiung und Förderung des Menschen

Die Evangelisierung in ihrer Beziehung zur Förderung des Menschen, zur Befreiung und zur Soziallehre der Kirche

Worte der Ermutigung

470 Wir erkennen die Bemühungen vieler Christen in Lateinamerika an, in die besonders konfliktbeladenen Situationen unserer Völker mit dem Glauben tiefer zu durchdringen und sie mit dem Wort Gottes zu erleuchten. Wir ermutigen alle Christen, diesen Dienst der Evangelisierung weiterhin auf sich zu nehmen, die Maßstäbe ihres Denkens und Forschens in aller Klarheit festzulegen und besonderen Wert darauf zu legen, die kirchliche Gemeinschaft auf örtlicher wie auch auf universaler Ebene zu erhalten und zu stärken.

471 Wir sind uns dessen bewusst, dass seit Medellin die Pastoralträger sehr wesentliche Fortschritte erzielt haben und mit nicht wenigen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten. Die letzteren dürfen uns nicht entmutigen; sie müssen uns zu neuem Suchen und besseren Leistungen anspornen.

Soziallehre der Kirche

472 Der Beitrag der Kirche zur Befreiung und Förderung des Menschen hat sich im Laufe der Zeit in einer Fülle von Leitlinien für die Glaubenslehre und Kriterien für das Handeln niedergeschlagen, die wir „Soziallehre der Kirche“ nennen. Sie haben ihren Ursprung in der Heiligen Schrift, in der Lehre der Kirchenväter und der großen Theologen der Kirche und im Lehramt, insbesondere dem der letzten Päpste. Wie aus ihrem Ursprung hervorgeht, gibt es in ihnen Elemente von fortdauernder Gültigkeit, die sich auf ein Menschenbild auf der Grundlage der Botschaft Christi und auf die unvergänglichen Werte der christlichen Ethik stützen. Sie enthält jedoch ebenfalls veränderliche Werte, die den spezifischen Bedingungen des jeweiligen Landes und des jeweiligen Zeitabschnitts entsprechen (vgl. GS Nota 1).

473 In Übereinstimmung mit Paul VI. (OA, 4) können wir die Soziallehre wie folgt formulieren: Die gesamte christliche Gemeinschaft ist unter Beachtung der Zeichen der Zeit, die im Licht des Evangeliums und des Lehramts der Kirche ausgelegt werden, dazu berufen, die Verantwortung für die konkreten Möglichkeiten und ihr tatsächliches Handeln zu übernehmen, um so den Anforderungen der sich wandelnden Bedingungen gerecht zu werden. Diese Soziallehre ist also dynamisch und bei ihrer Erarbeitung und Anwendung dürfen sich die Laien nicht passiv verhalten, sondern müssen aktive Mitarbeiter der Hirten sein, denen sie ihre christliche Erfahrung sowie ihre berufliche und wissenschaftliche Kompetenz zur Verfügung stellen (vgl. GS 42).

474 Daraus ergibt sich eindeutig, dass die gesamte christliche Gemeinschaft zusammen mit ihren rechtmäßigen Hirten und unter deren Leitung zu einem verantwortlichen Subjekt der Evangelisierung, der Befreiung und der Förderung des Menschen wird.

475 Vorrangiger Gegenstand dieser Soziallehre ist die persönliche Würde des Menschen als Ebenbild Gottes sowie der Schutz seiner unveräußerlichen Rechte (vgl. PP 14-21). Die Kirche hat ihre Lehren in den verschiedenen Lebensbereichen, im Sozialen, im Wirtschaftlichen, im Politischen, im Kulturellen, wo immer es erforderlich war, verdeutlicht. Daher ist der Zweck dieser Lehre der Kirche – die ihre eigene Sicht des Menschen und der Menschheit zum Ausdruck bringt (vgl. PP 13) – stets die Förderung der umfassenden Befreiung des Menschen in seiner irdischen und transzendenten Dimension, und so leistet die Kirche ihren Beitrag zum Aufbau des letzten und endgültigen Reiches, ohne dass sie jedoch irdischen Fortschritt und das Wachsen des Reiches Christi verwechselt (vgl. GS 39).

476 Wenn unsere Soziallehre glaubwürdig und für alle annehmbar sein soll, so muss sie auf wirksame Weise den schweren Herausforderungen und Problemen, die unsere lateinamerikanische Realität kennzeichnen, gerecht werden. Menschen, die durch Entbehrungen aller Art geschädigt wurden, verlangen von unserem Bemühen um Förderung dringende Aktionen, die Hilfswerke und Fürsorgetätigkeit ständig notwendig machen. Wir können diese Lehre nicht wirksam verkünden, ohne sie für uns selbst zum Maßstab unseres persönlichen und institutionellen Verhaltens zu machen. Die Lehre verlangt von uns folgerichtiges Handeln, Kreativität, Mut und vollkommenes Engagement. Unser gesellschaftliches Verhalten ist integrierender Bestandteil unserer Nachfolge Christi. Unsere Reflexion über die Verwirklichung der Kirche in der Welt als Sakrament der Gemeinschaft und Erlösung ist ein Teil unserer theologischen Reflexion, denn „das Werk der Verkündigung wäre nicht vollkommen, wenn es nicht dem Umstand Rechnung tragen würde, dass sich im Laufe der Zeit das Evangelium und das konkrete, persönliche und gemeinschaftliche Leben des Menschen gegenseitig fordern“ (EN 29).

477 Die Förderung des Menschen beinhaltet auch Tätigkeiten, die dazu beitragen, das Gewissen des Menschen in all seinen Dimensionen zu wecken, damit er durch eigene Kraft zum Haupthandelnden in seiner eigenen menschlichen und christlichen Entwicklung wird. Sie erzieht zum Zusammenleben, ermutigt zur Organisation, fördert das christliche Teilen der Güter und verhilft auf wirksame Weise zur Gemeinschaft und Mitbeteiligung.

478 Damit die christliche Gemeinschaft in ihrem Bemühen um Befreiung und Förderung des Menschen ein zusammenhängendes Zeugnis ablegen kann, organisieren die einzelnen Länder und Teilkirchen ihre Sozialpastoral auf dauerhafte und angemessene Weise, damit das Engagement für die Gemeinschaft unterstützt und ermutigt wird, indem sie in ständigem Dialog mit allen Gliedern der Kirche die notwendige Koordinierung der Einzelmaßnahmen sicherstellen. Die Caritas und sonstige Organe, die seit vielen Jahren wirksame Arbeit leisten, können gute Dienste anbieten.

479 Wenn Theologie, Predigt und Katechese getreu und vollständig sein sollen, so müssen sie den ganzen Menschen und alle Menschen einbeziehen und ihnen in der rechten Stunde und in angemessener Weise „eine in unseren Tagen besonders eindringliche Botschaft über die Befreiung“ (EN 29) „stets im Rahmen des umfassenden Heilsplanes“ (EN 38) mitteilen. Es scheint daher erforderlich, dass wir ein klärendes Wort zum Begriff der Befreiung im gegenwärtigen Augenblick unseres Kontinents aussprechen.

Beurteilung der Befreiung in Christus

480 In Medellin wurde ein dynamischer Prozess der umfassenden Befreiung in Gang gesetzt, dessen positives Echo in EN und in der Botschaft Papst Johannes Pauls II. an diese Vollversammlung ihren Niederschlag fanden. Es ist eine Ankündigung, die eine dringende Forderung an die Kirche darstellt und zum innersten Wesen einer Evangelisierung gehört, deren Ziel die wahre Verwirklichung des Menschen ist.

481 Es gibt jedoch verschiedene Auffassungen und Anwendungsformen der Befreiung. Wenngleich ihnen gewisse Züge gemeinsam sind, so sind doch auch Ansatzpunkte erkennbar, bei denen es schwierig ist, eine angemessene Konvergenz herzustellen. Daher ist es das Beste, Maßstäbe auf der Grundlage des Lehramts aufzustellen, die zur notwendigen Beurteilung der ursprünglichen Auffassung der christlichen Befreiung dienen.

482 Wir haben es mit zwei einander ergänzenden und nicht voneinander zu trennenden Elementen zu tun: Die Befreiung von jeglicher Art von Knechtschaft der Sünde des einzelnen und der Gesellschaft, die Befreiung von all dem, was den Menschen und die Gesellschaft zerreißt und seinen Ursprung im Egoismus, im Geheimnis des Bösen hat, und die Befreiung für das fortschreitende Wachstum im Hinblick auf die Gemeinschaft mit Gott und den Menschen, deren Höhepunkt die vollkommene Gemeinschaft des Himmels ist, wo Gott alles in allem ist und es keine Tränen mehr gibt.

483 Dies ist eine Befreiung, die in der Geschichte unserer Völker und in der des einzelnen Menschen verwirklicht wird und die verschiedenen Dimensionen der Existenz umfaßt: Das Gesellschaftliche, das Politische, das Wirtschaftliche, das Kulturelle und das Gefüge seiner Beziehungen. In all diesen muss der neugestaltende Reichtum des Evangeliums mit seinem eigenen besonderen Beitrag zum Ausdruck kommen, den es zu sichern gilt. Anderenfalls würde, wie Paul VI. warnt: „die Kirche ihre grundlegende Bedeutung verlieren. Ihre Botschaft der Befreiung hätte keinerlei Originalität mehr und würde leicht von ideologischen Systemen und politischen Parteien in Beschlag genommen und manipuliert“ (EN 32).

484 Es ist klarzustellen, dass diese Befreiung auf den drei großen Pfeilern ruht, die uns Papst Johannes Paul II. als klare Richtung vorgezeichnet hat: Die Wahrheit über Jesus Christus, die Wahrheit über die Kirche, die Wahrheit über den Menschen.

485 Wenn wir also nicht zur Befreiung von der Sünde mit all ihren Verführungen und Idolatrien gelangen, wenn wir nicht dazu beitragen, die Befreiung zu verwirklichen, die Christus am Kreuz errungen hat, dann verstümmeln wir die Befreiung unweigerlich, und wir verstümmeln sie desgleichen, wenn wir den Kerngedanken der befreienden Evangelisierung vergessen, der darin besteht, dass sie den Menschen zum Subjekt seiner eigenen persönlichen Entwicklung und seiner Entwicklung in der Gemeinschaft macht. Wir verstümmeln sie ebenso, wenn wir die Abhängigkeit und die Knechtschaft nicht sehen, welche die Grundrechte verletzen, die nicht durch noch so mächtige Regierungen oder Institutionen verliehen wurden, sondern deren Urheber der Schöpfer und Vater selbst ist.

486 Diese Befreiung bedient sich der Mittel des Evangeliums mit ihrer besonderen Wirkkraft und greift zu keiner Art von Gewaltanwendung, noch zur Dialektik des Klassenkampfes, sondern sie stützt sich auf die kraftvolle Energie und das Handeln der Christen, die, vom Geist bewegt, auf den Schrei von Millionen und Abermillionen ihrer Brüder Antwort geben wollen.

487 Wir haben als Hirten Lateinamerikas besonders schwerwiegende Gründe, um die befreiende Evangelisierung voranzutreiben, nicht nur deshalb, weil es notwendig ist, die persönliche wie die soziale Sünde ins Gedächtnis zu rufen, sondern auch, weil von Medellin bis heute sich die Situation in der Mehrheit unserer Länder verschlimmert hat.

488 Mit Freude stellen wir zahlreiche Beispiele der Bemühung fest, die befreiende Evangelisierung in ihrer Fülle zu leben. Eine der Hauptaufgaben bei der weiteren Ermutigung der christlichen Befreiung ist die schöpferische Suche nach Wegen, die sich fernhalten von Fragwürdigkeiten und Einschränkungen (EN 32), in voller Treue zum Wort Gottes, das uns in der Kirche gegeben wird und das uns zur Verkündigung der Frohen Botschaft an die Armen als eines der messianischen Zeichen des Reiches Christi veranlasst.

489 In seiner Eröffnungsansprache legte Johannes Paul II. unzweideutig dar: „Es gibt viele Anzeichen, die unterscheiden helfen, wann es sich um eine christliche Befreiung handelt und wann man sich hingegen von Ideologien beeinflussen lässt, die jene aus dem Zusammenhang einer biblischen Sicht des Menschen, der Dinge und Ereignisse herauslösen (vgl. EN 35). Es sind Anzeichen, die sich schon aus der Lehre erkennen lassen, die sie vortragen, und aus den konkreten Verhaltensweisen, die die Glaubensboten aufweisen. Es ist bezüglich des Inhalts genau zu prüfen, wie weit er dem Worte Gottes, der lebendigen Tradition der Kirche und dem Lehramt treu verpflichtet ist. Hinsichtlich der Verhaltensweisen ist zu beachten, welche Bedeutung für den Betreffenden insbesondere die Gemeinschaft mit den Bischöfen und mit den übrigen Teilen des Volkes Gottes besitzt, welchen Beitrag er für den wirklichen Aufbau der Gemeinde leistet und auf welche Weise er mit Liebe seine Fürsorge den Armen, Kranken, Entrechteten, den Hilflosen und Unterdrückten zuwendet und in ihnen das Abbild Jesu entdeckt und, „selber ein Armer und Leidender, sich darum bemüht, deren Not zu erleichtern und Christus in ihnen zu dienen“ (LG 8). Täuschen wir uns nicht: die einfachen und schlichten Gläubigen erkennen gleichsam mit einem vom Evangelium geschärften Gespür, wann man in der Kirche dem Evangelium dient und wann man es hingegen aushöhlt und mit anderen Interessen zu ersticken droht“ (Johannes Paul II., Eröffnungsansprache III, 6 AAS LXXI S. 202).

490 Wer den Menschen in der Sicht des Christentums sieht, nimmt zugleich die Verpflichtung auf sich, keine Opfer zu scheuen, um allen ein Leben als echte Kinder Gottes und Brüder in Jesus Christus zu sichern. So findet die befreiende Evangelisierung ihre umfassende Verwirklichung in der Gemeinschaft aller in Christus nach dem Willen des Vaters aller Menschen.

Befreiende Evangelisierung für ein menschliches Zusammenleben, das der Kinder Gottes würdig ist

491 Nichts außer Gott ist heilig und anbetungswürdig. Der Mensch verfällt der Knechtschaft, wenn er den Reichtum, die Macht, den Staat, das Geschlechtliche, das Vergnügen oder irgendeine Schöpfung Gottes, sogar sein eigenes Sein oder die menschliche Vernunft, vergöttlicht oder verabsolutiert. Gott selbst ist die Quelle der umfassenden Befreiung von allen Formen der Götzenanbetung, denn die Anbetung dessen, was man nicht anbeten soll, und die Verabsolutierung des Relativen führt zur Verletzung des Innersten des Menschen, d. h. seiner Beziehung zu Gott und seiner Verwirklichung als Mensch. Das zutiefst befreiende Wort lautet: „Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen“ (Mt 4, 10) (vgl. Dtn 5, 6 ff.). Der Sturz der Idole setzt den Menschen wieder in den wesentlichen Bereich der Freiheit ein. Gott, der im wahrsten Sinne des Wortes frei ist, will in einen Dialog eintreten mit einem freien Wesen, das in der Lage ist, seine Entscheidungen zu treffen und als Individuum und in der Gemeinschaft seine Verantwortung zu tragen. Es gibt also eine menschliche Geschichte, die, obgleich sie ihr eigenes Wesen und ihre eigene Autonomie hat, darauf angelegt ist, durch den Menschen seinem Herrn und Gott geweiht zu werden. Die wirkliche Befreiung befreit in der Tat von einer Unterdrückung, damit der Zugang zu einem höheren Gut ermöglicht wird.

Der Mensch und die Güter der Erde

492 Die Güter und Reichtümer der Welt sind nach dem Willen des Schöpfers aufgrund ihres Ursprungs und ihrer Natur dazu bestimmt, dem Nutzen und Wohl aller und jedes einzelnen Menschen und der Völker zu dienen. Daraus ergibt sich, dass allen und jedem einzelnen Menschen ein primäres, absolut unverletzliches Grundrecht zusteht, solidarisch diese Güter, in dem Maße, wie es erforderlich ist, für eine Verwirklichung der menschlichen Person in Würde zu verwenden. Alle übrigen Rechte (das des Besitzes und des freien Handels), sind diesem Recht untergeordnet. Wie Johannes Paul II. uns lehrt, „lastet auf jedem Eigentum eine soziale Hypothek“ (Eröffnungsansprache III, 4 AAS LXXI S. 200). Das Eigentum, das mit jenem primären Grundrecht vereinbar ist, ist vor allem die Befugnis der Leitung und Verwaltung, die zwar nicht die Herrschaft ausschließt, sie jedoch auch nicht zu einer absoluten noch zu einer unbegrenzten Herrschaft macht. Das Eigentum muss Quelle der Freiheit für alle sein, niemals darf es Quelle der Herrschaft noch der Privilegien sein. Es ist eine schwerwiegende und dringende Pflicht, es seiner ursprünglichen Bestimmung zurückzugeben (vgl. PP 28).

Befreiung vom Idol des Reichtums

493 Die Güter der Erde werden zum Götzen und zu einem ernsten Hindernis für die Verwirklichung des Gottesreiches (vgl. Mt 19, 23-26), wenn der Mensch sein ganzes Bestreben darauf richtet, sie zu besitzen oder sie zu erlangen. „Ihr könnt nicht Gott dienen und zugleich dem Geld“ (Lk 16, 13).

494 Der verabsolutierte Reichtum ist ein Hindernis für die echte Freiheit. Die grausamen Gegensätze zwischen Luxus und äußerster Armut, die auf unserem Kontinent so vielfach sichtbar sind und zudem durch die Korruption verschärft werden, die häufig im öffentlichen und im Berufsleben zu finden ist, zeigen, in welchem Ausmaß unsere Länder unter der Herrschaft des Idols des Reichtums stehen.

495 Diese Idolatrien finden ihren stärksten Ausdruck in zwei einander entgegengesetzten Formen, die eine gemeinsame Wurzel haben im liberalen Kapitalismus und, als Reaktion auf diesen, im marxistischen Kollektivismus. Diese beiden Phänomene sind Ausdrucksformen dessen, was man „institutionalisierte Ungerechtigkeit“ nennen kann.

496 Schließlich müssen wir uns, wie wir bereits sagten, der verheerenden Wirkungen einer unkontrollierten Industrialisierung und einer Verstädterung bewusst werden, die alarmierende Ausmaße annimmt. Die Erschöpfung der natürlichen Ressourcen und die Verschmutzung der Umwelt werden ein Problem von ungeheuren Ausmaßen darstellen. Wir weisen noch einmal auf die Notwendigkeit einer umfassenden Überprüfung der Tendenz zum Konsumdenken hin, die in den am weitesten entwickelten Ländern zu beobachten ist. Den elementaren Bedürfnissen der armen Völker, die den größten Teil der Weltbevölkerung bilden, muss Rechnung getragen werden.

497 Der neue, von der Kirche proklamierte Humanismus, der jede Art von Götzenglauben ablehnt, wird es dem „modernen Menschen ermöglichen, sich selbst zu finden, im Ja zu den hohen Werten der Liebe, der Freundschaft, des Gebets, der Betrachtung. Nur so kann sich die wahre Entwicklung voll und ganz erfüllen, die für den einzelnen, die für die Völker der Weg von weniger menschlichen zu menschlicheren Lebensbedingungen ist“ (PP 20). Auf diese Weise wird die Wirtschaft im Dienst des Menschen geplant werden, und nicht der Mensch im Dienst der Wirtschaft verplant werden (vgl. PP 34), wie es bei beiden Formen von Idolatrie, der kapitalistischen und der kollektivistischen, der Fall ist. Dies wird der einzige Ausweg dafür sein, dass das „Besitzen“ nicht das „Sein“ erstickt (vgl. GS 35).

Der Mensch und die Macht

498 Die verschiedenen Formen der Macht in der Gesellschaft gehören grundsätzlich der Schöpfungsordnung an. Daher tragen sie in sich die wesentliche Qualität des Dienstes, den sie der menschlichen Gemeinschaft leisten müssen.

499 Die in jeder Gesellschaft notwendige Autorität kommt von Gott (vgl. Röm 13, 1; Joh 19, 11) und besteht in der Befugnis, auf der Grundlage der Vernunft zu regieren. Daher kommt ihre zwingende Kraft aus der moralischen Ordnung (vgl. PT 47) und innerhalb dieser muss sie sich entwickeln, damit sie im Rahmen des Gewissens verpflichtet. Die Autorität ist vor allem eine moralische Kraft (vgl. PT 48; GS 74).

500 Die Sünde korrumpiert die Verwendung der Macht durch den Menschen und führt zum Missbrauch der Rechte der anderen, zuweilen in mehr oder weniger absoluten Formen. Dies geschieht am offensichtlichsten bei der Ausübung der politischen Macht, da es sich um das Gebiet handelt, wo Entscheidungen getroffen werden, die die globale Ordnung des zeitlichen Wohlstands der Gemeinschaft bedingen, und da sich dieses Gebiet nicht nur leichter für den Machtmissbrauch durch diejenigen eignet, die die Macht unrechtmäßig besitzen, sondern auch für eine Absolutsetzung der Macht selbst (vgl. GS 73), wenn sie sich auf die öffentliche Gewalt stützt. Die politische Macht wird vergöttlicht, wenn sie in der Praxis dem Absoluten gleichgesetzt wird. Daher ist die totalitäre Verwendung der Macht eine Form von Idolatrie und als solche verwirft sie die Kirche (vgl. GS 75). Mit Trauer stellen wir die Anwesenheit vieler autoritärer Regime und sogar die unterdrückender Regime auf unserem Kontinent fest. Sie sind eines der schwerwiegendsten Hindernisse für die umfassende Entwicklung der Rechte des Menschen, der Gruppen und der Staaten selbst.

501 Leider geht dies vielfach so weit, dass die politischen und wirtschaftlichen Gewalten unserer Nationen selbst – und dies geht weit über die normalen gegenseitigen Beziehungen hinaus – mächtigeren Zentren unterworfen sind, die auf internationaler Ebene wirken. Die Situation wird erschwert durch die Tatsache, dass diese Machtzentren sich in undurchsichtigen Formen strukturiert vorfinden, überall vorhanden sind und sich leicht der Kontrolle der Regierungen und der internationalen Organisationen selbst entziehen.

502 Unsere Völker müssen dringend vom Idol der verabsolutierten Macht befreit werden, um zu einem gesellschaftlichen Zusammenleben in Gerechtigkeit und Freiheit zu gelangen. Wenn die lateinamerikanischen Völker in der Lage sein sollen, die Aufgabe zu erfüllen, die ihnen die Geschichte als jungen Völkern zuweist, die reich an Traditionen und Kultur sind, so brauchen sie eine politische Ordnung, die die Würde des Menschen achtet, die die Eintracht und den Frieden im Inneren der bürgerlichen Gemeinschaft und in ihren Beziehungen zu den übrigen Gemeinschaften sicherstellt. Damit dies Wirklichkeit wird, weisen wir insbesondere auf die folgenden Wünsche und Forderungen unserer Völker hin:

503 Die Gleichheit aller Bürger mit dem Recht und der Pflicht, unter gleichen Chancen an der Bestimmung über das Schicksal der Gesellschaft beteiligt zu sein, indem sie die gerecht verteilten Lasten mittragen und den legitim geschaffenen Gesetzen gehorchen;

504 die Ausübung ihrer Freiheiten, welche geschützt sind durch grundlegende Einrichtungen, die das Gemeinwohl unter Beachtung der Rechte von Personen und Vereinigungen sicherstellen;

505 die legitime Selbstbestimmung unserer Völker, die es ihnen erlaubt, sich aufgrund ihrer Eigenart und des historischen Werdegangs zu organisieren (vgl. GS 74) und an einer neuen internationalen Ordnung mitzuwirken.

506 Die dringende Notwendigkeit, nicht nur eine theoretisch und formal anerkannte Gerechtigkeit wiederherzustellen, sondern eine Gerechtigkeit, die durch geeignete und als gültig anerkannte Einrichtungen wirksam in die Praxis umgesetzt wird (Auch der Hedonismus wurde auf unserem Kontinent zu einem Absolutum. Die Befreiung von diesem Idol des Vergnügungs- und Konsumdenkens ist ein Gebot der christlichen Soziallehre. Hiermit werden wir uns in Kapitel I, 3 des dritten Teils befassen, der der Erziehung zur Liebe und zum Familienleben gewidmet ist).

Evangelisierung, Ideologien und Politik

Einführung

507 In den letzten Jahren ist eine wachsende Verschlechterung des politischgesellschaftlichen Gesamtbildes in unseren Ländern zu verzeichnen.

508 In unseren Ländern erfährt man ständig die Bedeutung der Krisen in Institution und Wirtschaft sowie der deutlichen Anzeichen von Korruption und Gewaltanwendung.

509 Diese Gewaltanwendung entsteht und wird gefördert durch die Ungerechtigkeit, die in verschiedenen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Systemen als institutionalisiert bezeichnet werden kann, sowie durch Ideologien, die sie zu einem Mittel der Machteroberung macht.

510 Letzteres führt zur Verbreitung von Gewaltregimen, die häufig von der Ideologie der nationalen Sicherheit getragen werden.

511 Die Kirche muss als Mutter und Lehrerin, erfahren in aller Menschlichkeit, vom Evangelium und von ihrer Soziallehre her die Situationen, die Systeme, die Ideologien und das politische Leben auf unserem Kontinent beurteilen und beleuchten. Sie muss dies jedoch tun, wohlwissend, dass ihre Botschaft auch zum Instrument für andere Absichten gemacht wird.

512 Darum lenkt sie das Licht ihres Wortes auf Politik und Ideologien, um gerade ihren Völkern einen Dienst zu leisten und denjenigen sichere Leitlinien anzubieten, die auf diese oder jene Art gesellschaftliche Verantwortung übernehmen müssen.

Evangelisierung und Politik

513 Die politische Dimension, die dem Menschen eigen ist, stellt einen wichtigen Aspekt des menschlichen Zusammenlebens dar. Sie hat umfassenden Charakter, denn ihr Ziel ist das Gemeinwohl der Gesellschaft. Damit schöpft sie jedoch nicht das weite Feld der gesellschaftlichen Beziehungen aus.

514 Der christliche Glaube verachtet nicht die politische Tätigkeit, im Gegenteil, er wertet und schätzt sie hoch.

515 Die Kirche – wir sprechen hier immer noch allgemein, ohne die Rolle zu unterscheiden, die ihren verschiedenen Gliedern zukommt – hält es für ihre Pflicht und ihr Recht, in diesem Feld der Realität präsent zu sein. Denn das Christentum muss die menschliche Existenz in ihrer Gesamtheit evangelisieren, zu der auch die politische Dimension gehört. Daher kritisiert die Kirche diejenigen, die den Glaubensbereich auf das persönliche oder familiäre Leben reduzieren wollen und die berufliche, wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Ebene ausschließen möchten, so, als ob Sünde, Liebe, Gebet und Vergebung dort ohne Gewicht wären.

516 In der Tat rührt die Notwendigkeit der Gegenwart der Kirche in der Politik aus dem Wesen des christlichen Glaubens her, aus der Herrschaft Christi, die das ganze Leben umschließt. Christus besiegelt die definitive Brüderlichkeit der Menschen, jeder Mensch gilt ebensoviel wie der andere: „Ihr alle seid ,einer` in Christus Jesus“ (Gal 3, 28).

517 Aus der umfassenden Botschaft Christi ergeben sich eine einmalige Anthropologie und Theologie, die „das konkrete, persönliche und gemeinschaftliche Leben des Menschen“ umfassen (EN 29). Es ist eine Botschaft, die befreit, denn sie erlöst von der Knechtschaft der Sünde, die Wurzel und Quelle aller Unterdrückung, aller Ungerechtigkeit und aller Diskriminierung ist.

518 Dies sind einige der Gründe für die Präsenz der Kirche in der Politik, um die Gewissen zu erleuchten und ein Wort zu verkünden, das die Gesellschaft verändern soll.

519 Die Kirche anerkennt die Autonomie der zeitlichen Dinge (GS 36), die für die Regierungen, Parteien, Gewerkschaften und sonstigen Gruppierungen auf sozialem und politischem Gebiet gilt. Die Zielsetzung, die der Herr seiner Kirche gab, gehört der religiösen Ordnung an, und wenn die Kirche dennoch auf jenem Gebiet eingreift, so tut sie das nicht aufgrund irgendeiner politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Absicht. „Aus dieser religiösen Sendung selbst fließen Auftrag, Licht und Kraft, um der menschlichen Gemeinschaft zu Aufbau und Festigung nach göttlichem Gesetz behilflich zu sein“ (GS 42).

520 Auf dem Gebiet der Politik ist es besonders wesentlich, zu unterscheiden, welche Aufgabe den Laien, welche Aufgabe den Ordensleuten und welche Aufgabe den Dienern an der Einheit der Kirche, dem Bischof mit seinen Priestern zukommt:

Begriffe von Politik und politischer Verpflichtung

521 Zwei Begriffe von Politik und politischer Verpflichtung müssen unterschieden werden:

1. Die Politik in ihrem weitesten Sinne, die das Gemeinwohl sowohl auf nationaler wie auf internationaler Ebene im Auge hat. Sie muss die Grundwerte einer jeden Gemeinschaft präzisieren – die innere Eintracht und die äußere Sicherheit – und muss die Gleichheit mit der Freiheit, die öffentliche Autorität mit der legitimen Autonomie und Mitbeteiligung von Personen und Gruppen, die nationale Souveränität mit dem Zusammenleben und der internationalen Solidarität in Einklang bringen. Sie definiert auch die Mittel und die Ethik der gesellschaftlichen Beziehungen. In diesem umfassenden Sinn betrifft die Politik die Kirche und folglich auch ihre Hirten, die Diener der Einheit. Es ist eine Form, den einzigen Gott zu verehren, indem die Welt ihres mythischen Charakters entkleidet wird und gleichzeitig ihm geweiht wird (vgl. LG 34).

522 Die Kirche trägt auf diese Weise zu einer Förderung der Werte bei, die die Politik inspirieren müssen, indem sie in den einzelnen Ländern die Bestrebungen der Völker zum Ausdruck bringt, insbesondere die Wünsche jener, welche durch die Gesellschaft an den Rand gedrängt werden. Die Kirche tut dies durch ihr Zeugnis, ihre Lehre und ihre vielfältige pastorale Tätigkeit.

523 2. Die konkrete Verwirklichung dieser fundamentalen politischen Aufgabe erfolgt gemeinhin durch Bürgergruppen, deren Ziel es ist, die politische Macht zu erlangen und auszuüben, um die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Fragen nach ihren eigenen Kriterien oder Ideologien zu lösen. In diesem Sinn kann man von einer Parteipolitik sprechen. Die von diesen Gruppen erarbeiteten Ideologien können, auch wenn sie sich auf die christliche Lehre stützen, zu verschiedenen Schlussfolgerungen gelangen. Daher kann keine politische Partei, wie sehr sie sich auch auf die Lehre der Kirche stützen mag, die Vertretung aller Gläubigen für sich beanspruchen, da ja ihr konkretes Programm niemals einen absoluten Wert für alle darstellen kann (vgl. Pius XI., Die katholische Aktion und die Politik 1937; Johannes Paul II., Eröffnungsansprache I, 4 AAS LXXI S. 190).

524 Die Parteipolitik ist das den Laien eigene Gebiet (vgl. GS 43). Ihrem Stand als Laien kommt es zu, politische Parteien mit einer entsprechenden Ideologie und Strategie zu gründen und zu organisieren, die der Erreichung ihrer legitimen Ziele förderlich sind.

525 Der Laie findet in der Soziallehre der Kirche die richtigen Maßstäbe im Lichte der christlichen Sicht des Menschen. Die Hierarchie ihrerseits unterstützt ihn mit ihrer Solidarität, fördert seine Bildung und sein geistliches Leben und regt seine Kreativität an, damit er nach ständig besseren Lösungen suche, die in Einklang stehen mit dem Gemeinwohl und den Bedürfnissen der Schwächsten.

526 Im Gegensatz hierzu enthalten sich die Hirten, da ihre Sorge der Einheit gelten muss, jeglicher parteipolitischer Ideologie, die ihre Kriterien und Haltungen beeinflussen könnte. So werden sie die Freiheit haben, die Politik wie Christus zu evangelisieren, von einem Evangelium aus, das keine Parteien noch Ideologisierungen kennt. Das Evangelium Christi hätte nicht eine so große Wirkung in der Geschichte gehabt, wenn er es nicht als eine religiöse Botschaft proklamiert hätte. „Die Evangelien zeigen deutlich, dass ein solches Verständnis für Jesus vielmehr eine Versuchung darstellte, die seine Sendung als Knecht Jahwes verfälscht hätte (vgl. Mt 4, 8; Lk 4, 5). Er nimmt nicht die Einstellung derjenigen an, die die Dinge Gottes mit rein politischen Gegebenheiten vermischen“ (vgl. Mt 22, 21; Mk 12, 17; Joh 18, 36) (Johannes Paul II., Eröffnungsansprache I, 4 AAS LXXI S. 190).

527 Die Priester, die ebenso Diener der Einheit sind, sowie die Diakone müssen sich dem gleichen persönlichen Verzicht unterwerfen. Wenn sie in der Parteipolitik kämpfen würden, liefen sie Gefahr, diese absolut zu setzen und sie zu radikalisieren, da es ja ihre Berufung ist, „die Männer des Absoluten“ zu sein. „Aber in bezug auf die wirtschaftliche und soziale und vor allem auf die politische Ordnung, in der sich verschiedene konkrete Wahlmöglichkeiten anbieten, obliegt dem Priester als solchem in direkter Weise weder die Entscheidung noch die Führerschaft und auch nicht die Strukturierung von Lösungen“ (Medellin, Priester, 19).

„Die Übernahme einer leitenden Funktion (leadership) und aktiver Mitarbeit in einer politischen Partei muss von vornherein bei jedem Priester ausgeschlossen bleiben, es sei denn, das Wohl der Gemeinschaft würde dies unter ganz besonderen und außergewöhnlichen Umständen wirklich erforderlich machen, wobei die Zustimmung des Bischofs eingeholt werden soll, nachdem der Priesterrat sowie gegebenenfalls die Bischofskonferenz konsultiert worden ist.“ (Synode 1971, II. Teil 2b). Gewiss geht die gegenwärtige Tendenz in der Kirche nicht in diese Richtung.

528 Die Ordensleute tragen aufgrund ihrer Form der Nachfolge Christi im Rahmen der besonderen Funktion, die ihnen innerhalb der Sendung der Kirche zukommt, in Übereinstimmung mit ihren besonderen Charismen, auch zur Evangelisierung der Politik bei. In einer wenig brüderlichen Gesellschaft, die sich dem Konsumdenken überantwortet und deren höchster Zweck die Entwicklung der materiellen Produktionskräfte ist, müssen die Ordensleute Zeugnis ablegen für ein Leben in Einfachheit, für die Gemeinschaft mit den Menschen und die intensive Beziehung zu Gott. Sie müssen ebenso der Versuchung widerstehen, sich in die Parteipolitik einzulassen, um nicht eine Verwechslung der Werte des Evangeliums mit einer bestimmten Ideologie zu verursachen.

529 Eine eingehende Reflexion der Bischöfe, Priester und Ordensleute über die Worte des Heiligen Vaters wird eine wertvolle Orientierungshilfe für ihren Dienst auf diesem Gebiet darstellen: „Die Seele, die in ständigem Kontakt mit Gott lebt und sich im wärmenden Strahl seiner Liebe bewegt, kann sich leicht vor der Versuchung zu partikularistischen oder oppositionellen Haltungen in acht nehmen, die das Risiko schmerzlicher Spaltungen fördern; im rechten Licht des Evangeliums weiß er die Entscheidung für die Ärmsten und für alle Opfer des menschlichen Egoismus zu interpretieren, ohne dabei gesellschaftspolitischen Radikalismen nachzugeben, die sich auf die Dauer als ungeeignet erweisen, da sie nur das Gegenteil bewirken und neue Übervorteilungen hervorbringen; er kommt dem Menschen nahe und geht mitten unter das Volk, ohne seine eigene Ordensidentität in Frage zu stellen oder die ,spezifische Besonderheit' seiner Berufung zu schmälern, die sich aus der besonderen ,Nachfolge` des armen, keuschen und gehorsamen Christus herleitet. Ein Moment echter Anbetung besitzt mehr Wert und geistliche Frucht als die intensivste Tätigkeit, selbst wenn es sich um apostolische Arbeit handelt. Das ist der notwendigste ‚Protest' , den die Ordensleute einer Gesellschaft entgegenstellen müssen, in der Leistung zu einem Idol geworden ist, auf dessen Altar nicht selten die Würde des Menschen selbst geopfert wird“ (Johannes Paul II. an die Ordensoberen, 24. November 1978).

530 Laien, die in der pastoralen Tätigkeit leitende Funktionen haben, dürfen ihre Autorität nicht zugunsten von Parteien oder Ideologien verwenden.

Reflexion über die politische Gewalt

531 Angesichts der beklagenswerten Realität der Gewalt in Lateinamerika wollen wir uns mit aller Klarheit äußern. Die physische und psychologische Folter, die Entführungen, die Verfolgung von politisch Andersdenkenden oder Menschen, die dessen verdächtig sind und der Ausschluss aus dem öffentlichen Leben aufgrund anderer Auffassungen sind immer zu verurteilen. Werden solche Verbrechen von der mit dem Schutze des Gemeinwohls beauftragten Autorität verübt, so erniedrigen sie jene, die sie begehen, unabhängig von den angeführten Gründen.

532 Mit dem gleichen Nachdruck verurteilt die Kirche die grausame und in ihrer Entwicklung unkontrollierbare Gewaltanwendung durch Terroristen und Guerilleros. Auf gar keine Weise ist das Verbrechen als Weg zur Freiheit zu rechtfertigen. Die Gewalt erzeugt unausweichlich neue Formen der Unterdrückung und Sklaverei, die stets schwerer sind als jene, von denen befreit werden soll. Vor allem aber ist sie ein Angriff auf das Leben, das allein vom Schöpfer abhängt. Wir müssen auch unterstreichen, dass eine Ideologie, die zur Gewalt greift, damit ihre eigene Unzulänglichkeit und Schwäche anerkennt.

533 Als Christen tragen wir die Verantwortung, auf jede nur erdenkliche Weise die gewaltlosen Mittel zu fördern, um auf der Grundlage der Lehre des Konzils, die ebenso für das nationale wie das internationale Leben gilt, die Gerechtigkeit in den sozio-politischen und wirtschaftlichen Beziehungen wiederherzustellen: „Wir müssen jene loben, die bei der Wahrung ihrer Rechte darauf verzichten, Gewalt anzuwenden, sich vielmehr auf Verteidigungsmittel beschränken, so wie sie auch den Schwächeren zur Verfügung stehen, vorausgesetzt, dass dies ohne Verletzung der Rechte und Pflichten anderer oder der Gemeinschaft möglich ist“ (GS 78).

534 „Wir müssen sagen und bestätigen, dass die Gewalt weder christlich ist noch dem Evangelium entspricht und dass die plötzlichen und gewaltsamen Veränderungen der Strukturen eine Täuschung sein werden, die in sich uneffizient und nicht mit der Würde des Volkes zu vereinbaren sind“ (Paul VI., Rede in Bogota, 23. August 1968). In der Tat „ist sich die Kirche bewusst, dass die besten Strukturen und die idealsten Systeme schnell unmenschlich werden, wenn nicht die unmenschlichen Neigungen im Herzen des Menschen geläutert werden, wenn nicht bei jenen, die in diesen Strukturen leben oder sie bestimmen, eine Bekehrung des Herzens und des Geistes erfolgt“ (EN 36).

Evangelisierung und Ideologien

Beurteilung der Ideologien in Lateinamerika und der Systeme, die auf ihnen basieren.

535 Unter den vielfältigen und möglichen Definitionen nennen wir Ideologie in diesem Zusammenhang jede Auffassung, die eine Sicht der verschiedenen Aspekte des Lebens von einer bestimmten Gesellschaftsgruppe aus bietet. Die Ideologie bringt die Bestrebungen dieser Gruppe zum Ausdruck, ruft zu einer gewissen Solidarität und zum Kampfgeist auf und bezieht ihre, Legitimation aus spezifischen Werten. Jede Ideologie ist partiell, denn keine Sondergruppe kann den Anspruch erheben, dass ihre Bestrebungen mit denen der Gesamtgesellschaft identisch seien. Eine Ideologie wird dann legitim sein, wenn die von ihr vertretenen Interessen legitim sind und wenn sie die Grundrechte der übrigen Gruppen des Staates respektiert. In diesem positiven Sinn erscheinen die Ideologien als notwendig für das gesellschaftliche Wirken, sofern sie Vermittlungen für das menschliche Handeln darstellen.

536 Die Ideologien tragen in sich die Tendenz, die Interessen, die sie schützen, die Sicht, die sie vertreten und die Strategie, die sie fördern, für absolute Werte zu halten. In einem solchen Fall werden sie zu wirklichen „Laienreligionen“. Sie stellen sich dar als „letzte und hinlängliche Erklärung für alles, und auf diese Weise wird ein neues Idol errichtet, dessen absolutem und sich aufzwingendem Charakter man sich unterwirft – manchmal ohne es überhaupt zu merken“ (OA 28). So darf es nicht verwundern, dass die Ideologien Personen und Institutionen zu Werkzeugen im Dienst einer effizienten Verwirklichung ihrer Zwecke machen. Dies ist der anfechtbare und negative Aspekt der Ideologien.

537 Die Ideologien dürfen aber nicht nur vom Gesichtspunkt ihrer begrifflichen Inhalte aus analysiert werden. Darüber hinaus bilden sie vitale Phänomene einer alles über-rollenden und ansteckenden Dynamik. Es sind Strömungen von Bestrebungen mit einer Tendenz zur Verabsolutierung, die zugleich von starker Eroberungskraft und Erlösungswillen geprägt sind. Dies verleiht ihnen eine besondere „Mystik" und die Fähigkeit, in viele Bereiche auf häufig unwiderstehliche Art einzudringen. Ihre Slogans, ihre typischen Ausdrucksweisen, ihre Kriterien finden sogar leicht Eingang bei jenen, die weit davon entfernt sind, sich den Prinzipien ihrer Lehre freiwillig anzuschließen. Auf diese Weise leben und kämpfen praktisch viele Menschen im Rahmen bestimmer Ideologien, ohne sich dessen bewusst geworden zu sein. Gerade dieser Aspekt ist es, der eine ständige Überprüfung und Wachsamkeit erfordert. All dies gilt ebenso für die Ideologien, die die gegenwärtige Situation legitimieren, sowie für jene, die sie verändern wollen.

538 Um zu der notwendigen klaren Unterscheidung und kritischen Beurteilung der Ideologien zu gelangen, müssen sich die Christen auf das „reiche und vielfältige Erbe stützen, das ,Evangelium nuntiandi` Sozialdoktrin oder Soziallehre der Kirche nennt" (Johannes Paul II., Eröffnungsansprache III, 7 AAS LXXI S. 203).

539 Diese Sozialdoktrin oder Soziallehre der Kirche bringt das zum Ausdruck, „was sie als eigenes besitzt: eine umfassende Sicht des Menschen und des Menschentums" (PP 13). Sie lässt sich anregen und bereichern von Ideologien durch das, was sie an Positivem haben, und beleuchtet sie ihrerseits kritisch und relativiert sie.

540 Weder das Evangelium noch die Soziallehre, die auf ihm beruht, sind Ideologien. Sie stellen vielmehr für die Ideologien eine reiche Quelle von Fragestellungen hinsichtlich ihrer Grenzen und Fragwürdigkeiten dar. Die immer neue Einmaligkeit der Botschaft des Evangeliums muss ständig von neuem klar herausgestellt und gegen Ideologisierungsversuche geschützt werden.

541 Die unangemessene Verherrlichung des Staates und der Machtmissbrauch durch diesen Staat dürfen jedoch nicht die Aufgaben des modernen Staates vergessen lassen, der die Rechte und Grundfreiheiten achtet, des Staates, der sich auf eine breite Grundlage der Mitbeteiligung des Volkes stützt, die durch die verschiedenen Zwischengruppen ausgeübt wird, des Staates mit autonomer, beschleunigter und gerechter Entwicklung, der die nationale Wesensart vor unzulässigem Druck oder Einmischungen im Inneren und im internationalen Bereich schützt, des Staates, der positiv mitarbeitet bei den Bemühungen um die Integration auf unserem Kontinent und im Rahmen der internationalen Gemeinschaft, des Staates, der schließlich den Missbrauch einer monolithischen Macht, die in den Händen weniger konzentriert ist, verhindert.

In Lateinamerika sind verschiedene Ideologien zu analysieren:

542 a) Der kapitalistische Liberalismus ist die Anbetung des Reichtums in Form von persönlichem Besitz. Wir erkennen den Impuls an, den er der schöpferischen Kraft der menschlichen Freiheit gibt, sowie die Tatsache, dass er den Fortschritt gefördert hat. Er „betrachtet jedoch den Profit als eigentlichen Motor des wirtschaftlichen Fortschritts, den Wettbewerb als oberstes Gesetz der Wirtschaft, den privaten Besitz an Produktionsmitteln als absolutes Recht ohne Schranken, ohne entsprechende Verpflichtungen der Gesellschaft gegenüber" (PP 26). Die illegitimen Vorrechte, die aus dem absoluten Recht auf Eigentum herrühren, verursachen Ärgernis erregende Gegensätze und eine Situation der Abhängigkeit und Unterdrückung im nationalen wie auch im internationalen Bereich. Obgleich nicht zu verkennen ist, dass sich in einigen Ländern die ursprüngliche historische Ausdrucksform des kapitalistischen Liberalismus aufgrund des Einflusses einer notwendigen sozialen Gesetzgebung und des erforderlichen Eingreifens des Staates gemildert hat, besteht er anderenorts weiter oder schreitet sogar zurück zu primitiven Formen, die wenig soziales Mitfühlen erkennen lassen.

543 b) Der marxistische Kollektivismus führt gleichermaßen, aufgrund seiner materialistischen Voraussetzungen, zu einer Anbetung des Reichtums, jedoch in kollektiver Form. Obgleich er aus einer positiven Kritik am Fetischismus der Ware und an der Verkennung des menschlichen Werts der Arbeit entstanden ist, ist er nicht bis zur Wurzel dieser falschen Anbetung vorgestoßen, die in der Ablehnung des Gottes der Liebe und der Gerechtigkeit, des einzigen anbetungswürdigen Gottes, besteht.

544 Der Motor seiner Dialektik ist der Klassenkampf. Sein Ziel ist die klassenlose Gesellschaft, die durch eine Diktatur des Proletariats verwirklicht wird, die schließlich die Diktatur der Partei errichtet. Alle seine konkreten historischen Ausformungen als Regierungssystem erfolgten im Rahmen totalitärer Regime, die sich jeglicher Möglichkeit der Kritik und Korrektur entzogen. Manche glauben, es sei möglich, verschiedene Aspekte des Marxismus von diesem zu trennen, insbesondere seine Lehre und seine Analyse. Wir erinnern mit dem päpstlichen Lehramt daran, „dass es illusorisch und gefährlich wäre, darüber zu vergessen, welch enges Band sie alle untereinander verknüpft; desgleichen, Elemente der marxistischen Forschung zu übernehmen, ohne ihre Beziehungen zur Lehre selbst in Betracht zu ziehen, und schließlich sich am Klassenkampf zu beteiligen und dabei seine marxistische Deutung zu bejahen, dagegen den gewaltsamen und absolutistischen Charakter der Gesellschaft zu übersehen, zu dem diese Verfahrensweise allmählich führt" (OA 34).

545 Hier muss auf die Gefahr der Ideologisierung hingewiesen werden, der die theologische Reflexion ausgesetzt ist, wenn sie auf der Grundlage einer Praxis angestellt wird, die sich der marxistischen Analyse bedient. Ihre Folgen sind die völlige Politisierung der christlichen Existenz, die Auflösung der Sprache des Glaubens in der Sprache der Sozialwissenschaften und die Aushöhlung der transzendentalen Dimension der christlichen Erlösung.

546 Die beiden beschriebenen Ideologien – der kapitalistische Liberalismus und der Marxismus – wurzeln in einem Humanismus, der jeder transzendenten Perspektive entbehrt, die eine aufgrund ihres praktischen Atheismus, die andere durch das systematische Bekenntnis zu einem militanten Atheismus.

547 c) In den letzten Jahren gewinnt auf unserem Kontinent die sogenannte „Doktrin der nationalen Sicherheit" an Boden, die in der Tat mehr eine Ideologie als eine Doktrin ist. Sie ist mit einem bestimmten wirtschaftlich-politischen Modell verbunden, das seinem Charakter nach elitär und vertikal ist und die umfassende Mitbeteiligung des Volkes an den politischen Entscheidungen unterdrückt. In gewissen Ländern Lateinamerikas will man diese Lehre sogar als eine Doktrin der Verteidigung der westlich-christlichen Zivilisation rechtfertigen. Sie entwickelt ein repressives System in Übereinstimmung mit ihrer Auffassung vom „ständigen Krieg". In einigen Fällen bringt sie ihr Streben nach geopolitischer Vorherrschaft eindeutig zum Ausdruck.

548 Ein brüderliches Zusammenleben, dies verstehen wir wohl, erfordert ein Sicherheitssystem, um einer gerechten Gesellschaftsordnung Achtung zu verschaffen, in der alle ihre Aufgabe am Gemeinwohl erfüllen können. Dies erfordert daher, dass die Sicherheitsmaßnahmen unter der Kontrolle einer unabhängigen Gewalt stehen, die in der Lage ist, Gesetzesverletzungen zu verurteilen und Maßnahmen zu garantieren, die diese Gesetzesverletzungen korrigieren.

549 Die Doktrin von der nationalen Sicherheit, als absolute Ideologie verstanden, lässt sich nicht in Einklang bringen mit der christlichen Sicht des Menschen in seiner Verantwortlichkeit für die Verwirklichung eines zeitlichen Vorhabens noch mit der Verantwortung des Staates als Verwalter des Gemeinwohls. Sie stellt in Wirklichkeit das Volk unter die Vormundschaft von Machteliten sowie militärischen und politischen Elitegruppen und führt zu verschärfter Ungleichheit bei der Beteiligung an den Ergebnissen der Entwicklung.

550 In voller Übereinstimmung mit Medellin betonen wir: „Das liberal-kapitalistische System und die Versuchung durch das marxistische System schienen in unserem Kontinent die Möglichkeiten auszuschöpfen, die wirtschaftlichen Strukturen zu wandeln. Beide Systeme verstoßen gegen die Würde der menschlichen Person. Das erste System hat als Voraussetzung den Primat des Kapitals, seine Macht und seinen willkürlichen Gebrauch im Dienste des Gewinns. Das andere System, obwohl es ideologisch einen Humanismus verteidigt, sieht den Menschen mehr als Kollektivwesen und verwandelt sich in der Praxis in eine totalitäre Machtkonzentration des Staates. Wir müssen mit Nachdruck darauf aufmerksam machen, dass sich Lateinamerika zwischen diesen beiden Wahlmöglichkeiten eingeschlossen sieht und von dem einen oder anderen Machtzentrum, das seine Wirtschaft bestimmt, abhängig bleibt“ (Medellin, Gerechtigkeit, 10).

551 Angesichts dieser Realität „will die Kirche frei bleiben von gegensätzlichen Systemen, um sich allein für den Menschen zu entscheiden. Was auch immer das Leid und das Elend sein mögen, die den Menschen befallen, Christus steht an der Seite der Armen, nicht durch Gewalt, durch Machtintrigen oder durch politische Systeme, sondern mit der Wahrheit über den Menschen, seinem Weg in eine bessere Zukunft“ (Johannes Paul II., Eröffnungsansprache III, 3 AAS LXXI S. 199). Auf der Grundlage eines solchen Menschenbildes werden die Christen sich ermutigt fühlen, jene starre Alternative zu überwinden und zum Aufbau einer neuen, gerechten, brüderlichen Zivilisation beizutragen, die offen für das Transzendente ist. Außerdem wird dies ein Zeugnis dafür sein, dass die eschatologischen Erwartungen die Hoffnungen des Menschen beseelen und ihnen Sinn verleihen.

552 Für dieses kühne und schöpferische Unternehmen muss der Christ seine Identität durch die ursprünglichen Werte des christlichen Menschenbildes stärken. Die Kirche „hat es also nicht nötig, zu Systemen und Ideologien ihre Zuflucht zu nehmen, um die Befreiung des Menschen zu lieben, zu verteidigen und mitzuverwirklichen: im Zentrum der Botschaft, deren Hüter und öffentlicher Verkünder die Kirche ist, findet sie die Motivierung, um einzutreten für die Brüderlichkeit, die Gerechtigkeit, den Frieden und gegen alle Beherrschungssysteme, Versklavungen, Diskriminierungen, Gewalttaten, Anschläge auf die Religionsfreiheit, Angriffe gegen den Menschen und gegen das Leben“ (Johannes Paul II., Eröffnungsansprache III, 2 AAS LXXI S. 199).

553 Auf der Grundlage dieser Elemente einer christlichen Anthropologie ist die Verpflichtung der Christen unausweichlich, historische Vorhaben in Übereinstimmung mit den Erfordernissen der jeweiligen Zeit und der jeweiligen Kultur zu erarbeiten.

554 Bei seinem eventuellen Engagement für historische Bewegungen, die zwar aus unterschiedlichen Ideologien entstanden sind, sich andererseits aber von diesen unterscheiden, muss der Christ wachsam und klarsichtig sein. Nach der Lehre von Pacem in terris (Art. 55 und 152), die in Octogesima adveniens wieder aufgenommen wurde, dürfen falsche philosophische Theorien nicht mit den historischen Bewegungen gleichgesetzt werden, die in diesen Theorien ihren Ursprung haben, insoweit diese historischen Bewegungen in ihrer Entwicklung beeinflußt sein können. Das Engagement der Christen in solchen Bewegungen stellt sie in jedem Fall vor gewisse Erfordernisse der beharrlichen Treue, die ihre Aufgabe der Evangelisierung erleichtern werden:

555 a) Klares Unterscheidungsvermögen im kirchlichen Sinn, in Gemeinschaft mit den Hirten, wie in OA 4 gefordert.

556 b) Stärkung ihrer Identität durch die Wahrheiten des Glaubens und deren Ausdeutung in der Soziallehre der Kirche sowie die Unterstützung durch ein reiches sakramentales Leben und das Gebet.

557 c) Kritisches Bewusstsein hinsichtlich der Schwierigkeiten, Einschränkungen, Möglichkeiten und Werte dieser Konvergenzen.

Gefahren der Instrumentalisierung der Kirche und der Betätigung ihrer Amtsträger

558 Die Ideologien und Parteien, die ein absolutes Menschenbild vertreten, dem sie alles, sogar das menschliche Denken unterordnen, versuchen, sich der Kirche zu bedienen oder sie ihrer legitimen Unabhängigkeit zu berauben. Diese Benutzung der Kirche als Werkzeug, die immer eine Gefahr im politischen Leben darstellt, kann auch von den Christen selbst und sogar durch Priester und Ordensleute erfolgen, wenn sie ein Evangelium verkünden, ohne Bezugnahme auf wirtschaftliche, soziale, kulturelle und politische Vorkommnisse. In der Praxis kommt diese Verstümmelung einem gewissen stillschweigenden, wenn auch unbewussten Einverständnis mit der bestehenden Ordnung gleich.

559 Andere Gruppen unterliegen im Gegensatz dazu der Versuchung, eine bestimmte Politik als vordringlich anzusehen, als eine Vorbedingung, damit die Kirche ihren Auftrag erfüllen kann. Dies bedeutet, die christliche Botschaft mit einer Ideologie zu identifizieren und sie ihr zu unterstellen, indem zu einer „Neulektüre“ des Evangeliums, ausgehend von einer bestimmten politischen Einstellung, aufgefordert wird (vgl. Johannes Paul II., Eröffnungsansprache I, 4 AAS LXXI, S. 190). Hingegen sollte man gerade das politische Geschehen ausgehend vom Evangelium betrachten, und nicht umgekehrt.

560 Der traditionelle Integralismus erwartet das Reich vor allem durch einen Rückschritt der Geschichte auf die Wiederherstellung einer Christenheit im mittelalterlichen Sinn, d. h. durch ein enges Bündnis zwischen der zivilen und kirchlichen Gewalt.

561 Die radikalisierte Form entgegengesetzter Gruppen verfällt dem gleichen Irrtum, wenn das Reich von einem strategischen Bündnis der Kirche mit dem Marxismus erwartet und jegliche andere Alternative ausgeschlossen wird. Für sie geht es nicht nur darum, Marxist (vgl. Nr. 543-546) zu sein, sondern Marxist im Namen des Glaubens zu sein.

Schlussfolgerung

562 Der Sendungsauftrag der Kirche inmitten der das menschliche Geschlecht und den lateinamerikanischen Kontinent bedrohenden Konflikte, angesichts der Verletzung von Gerechtigkeit und Freiheit, angesichts der institutionalisierten Ungerechtigkeit von Regimen, die auf entgegengesetzten Ideologien beruhen und angesichts der terroristischen Gewalt, ist von ungeheurer Tragweite und notwendiger denn je zuvor. Zur Erfüllung dieser Sendung ist das Mitwirken der gesamten Kirche erforderlich, der Hirten, der geweihten Diener, der Ordensleute, der Laien, eines jeden im Rahmen der ihm eigenen Sendung. Sie alle werden, mit Christus im Gebet und in der Selbstlosigkeit vereint, sich ohne Haß und Gewalt bis zu den letzten Konsequenzen zum Aufbau einer gerechteren, freieren und friedlicheren Gesellschaft einsetzen, nach der sich die Völker Lateinamerikas sehnen und die unbedingt Ergebnis einer befreienden Evangelisierung sein muss.

TEIL III: DIE EVANGELISIERUNG IN DER KIRCHE LATEINAMERIKAS GEMEINSCHAFT UND MITBETEILIGUNG

563 Gott ruft uns in Lateinamerika zu einem Leben in Christus Jesus. Es ist unsere dringende Aufgabe, dieses Leben allen Brüdern zu verkünden. Die evangelisierende Kirche hat den Auftrag, die Umkehr zu predigen, den Menschen zu befreien und ihn zu fördern auf dem Weg zum Geheimnis der Gemeinschaft mit der Dreifaltigkeit und der Gemeinschaft mit allen Brüdern, indem sie diese zu Trägern und Mitwirkenden des Heilsplanes Gottes macht.

Wie muss die Kirche ihren Sendungsauftrag leben?

564 Alle Getauften fühlen sich vom Geist der Liebe angezogen, der sie dazu bewegt, aus sich selbst herauszutreten, sich den Brüdern zu öffnen und in Gemeinschaft zu leben. In der Verbindung unter uns wird der auferstandene Christus gegenwärtig, der sein Ostern in Lateinamerika feiert.

565 Lasst uns betrachten, wie das wunderbare Geschenk des neuen Lebens in den Teilkirchen und in steigendem Maße auch in der Familie, in kleinen Gemeinschaften und in den Pfarreien verwirklicht wird. Von diesen Zentren der Evangelisierung aus wächst das Gottesvolk in der Geschichte durch die Kraft des Geistes und die Teilhabe der Christen in Gnade und Heiligkeit. Im Gottesvolk entstehen Charismen und Dienste. Wie unterscheiden sich die hierarchischen Amtsträger, die dem Herrn geweihten Frauen und Männer und schließlich alle Glieder des Volkes Gottes voneinander und wie fügen sie sich bei ihrer Sendung, das Evangelium zu verkünden, in das kirchliche Leben ein?

566 Durch welche Mittel wirken die Getauften? Das Wirken des Geistes kommt im Gebet und im Anhören des Wortes Gottes zum Ausdruck, das Wirken vertieft sich in der Katechese, es wird in der Liturgie gefeiert, es erhält Zeugnis im Leben, es wird in der Erziehung mitgeteilt, und es wird im Dialog verwirklicht, der allen Brüdern das neue Leben anbieten will, das wir ohne unser Verdienst in der Kirche als Arbeiter in der ersten Stunde empfangen haben.

Kapitel I: Zentren der Gemeinschaft und Mitbeteiligung

567 Das Geheimnis der Kirche als brüderliche Gemeinschaft der göttlichen Liebe, Frucht der Begegnung mit dem Gotteswort und der Feier des Ostergeheimnisses Christi, der uns erlöst in der Eucharistie und den übrigen Sakramenten, die der Gemeinschaft der Apostel anvertraut ist unter der Führung Petri, um die Welt zu evangelisieren, hat ihre Verwurzelung und den Ausgangspunkt ihrer Kraft zur Veränderung des menschlichen Lebens, des einzelnen und der Gesellschaft auf verschiedenen Ebenen und unter verschiedenen Bedingungen, die Mittelpunkte oder bevorzugte Orte der Evangelisierung für die Erbauung der Kirche und ihre missionarische Ausstrahlung darstellen.

Die Familie

568 Wenn die lateinamerikanische Familie wirklich zum Mittelpunkt der Gemeinschaft und Mitbeteiligung werden soll, so muss sie Wege für eine innere Erneuerung und Gemeinschaft mit der Kirche und der Welt finden.

569 Wir möchten uns mit der Familie als Subjekt und Objekt der Evangelisierung befassen. Im Bewusstsein ihrer Komplexität, aber gehorsam der Stimme des Herrn, die durch die Worte des Heiligen Vaters in seiner Predigt über die Familie (Puebla, 28. Januar 1978) gegenwärtig wurde, wollen wir, mit ihm in seiner Sorge vereint, der Familie helfen, ihrer Sendung zur Verkündigung des Evangeliums in der Gegenwart treu zu bleiben.

Familie

Die Familie ist Subjekt und Objekt der Evangelisierung. Sie ist der Mittelpunkt der Evangelisierung in Gemeinschaft und Mitbeteiligung.

Einführung

570 In dem starken Familiengefühl, das unsere Völker auszeichnet, sahen die Väter der Konferenz von Medellin einen vorrangigen Wesenszug der lateinamerikanischen Kultur. „Nach Ablauf von zehn Jahren darf sich die Kirche in Lateinamerika glücklich schätzen für alles, was zum Wohl der Familie erreicht werden konnte. Sie gibt aber auch in Demut zu, wieviel noch nicht erreicht worden ist. Dabei erfährt sie, dass die Familienpastoral nicht nur nichts von ihrem vorrangigen Charakter verloren hat, sondern noch dringlicher geworden ist, weil sie heute ein wichtiges Element der Evangelisierung darstellt“ (Johannes Paul II., Homilie Puebla, 2. AAS LXXI S. 184).

Situation der Familie in Lateinamerika

571 Die Familie ist einer der Bereiche, in dem der Wandlungsprozess der letzten Zeit den stärksten Einfluß gehabt hat. Die Kirche ist sich der Tatsache bewusst – so hat uns der Papst ins Gedächtnis gerufen –, dass in der Familie „die negativsten Auswirkungen der Unterentwicklung zum Ausdruck kommen: in wahrhaft entmutigend hohem Maß ungesunde Verhältnisse, Armut und sogar Elend, Unwissenheit und Analphabetismus, unmenschliche Lebensbedingungen, chronische Unterernährung und viele andere nicht weniger traurige Übel“ (Johannes Paul II., Homilie Puebla, 3. AAS LXXI S. 184).

572 Es muss außerdem anerkannt werden, dass die Realität der Familie nicht sehr einheitlich ist, denn jede Familie wird auf unterschiedliche Art und unabhängig von der Gesellschaftsschicht von den mit dem Wandlungsprozess in Zusammenhang stehenden Faktoren beeinflußt. Zu diesen gehören soziologische Faktoren (in erster Linie soziale Ungerechtigkeit); kulturelle Faktoren (Lebensqualität); politische Faktoren (Herrschaft und Manipulation); wirtschaftliche Faktoren (Gehälter, Arbeitslosigkeit, Mehrfachtätigkeit); religiöse Faktoren (säkularistischer Einfluß) und viele andere.

573 Die Familie wird auch zum Opfer jener, die die Macht, den Reichtum und das Geschlechtliche zu Idolen machen. Hierzu tragen die ungerechten Strukturen, insbesondere die Massenmedien, nicht nur mit der Überbetonung des Geschlechtlichen, des Gewinnstrebens, der Gewalt, der Macht, der Prunksucht bei, sondern auch durch die Hervorhebung dessen, was zur Verbreitung der Ehescheidung, der ehelichen Untreue, der Abtreibung oder zum Gutheißen der freien Liebe und der vorehelichen Beziehungen beiträgt.

574 Nicht selten ist die Desorientierung der Gewissen auf die mangelnde Einheit der Kriterien bei den Priestern hinsichtlich der Anwendung der päpstlichen Lehre bezüglich wichtiger Aspekte der Familien- und Gesellschaftsmoral zurückzuführen.

575 Die ländliche Familie sowie die Familie in den Randgebieten der Städte leidet insbesondere unter den Auswirkungen der internationalen Verpflichtungen der Regierungen, was die Familienplanung angeht, die dann in einer Antigeburtenpolitik und in Experimenten zum Ausdruck kommt, die der Würde des Menschen und der echten Entwicklung der Völker nicht gerecht werden.

576 In diesen breiten Volksschichten beeinträchtigt die chronische allgemeine Unterbeschäftigung die Stabilität der Familie, da die Notwendigkeit, einen Arbeitsplatz zu finden, zur Auswanderung, zum Fernsein der Eltern von der Familie sowie zur Zerstreuung der Kinder führt.

577 Auf allen gesellschaftlichen Ebenen leidet die Familie ebenfalls unter der zerstörerischen Wirkung von Pornographie, Alkoholismus, Drogen, Prostitution und Mädchenhandel. Sie leidet ebenso unter dem Problem der ledigen Mütter und der verlassenen Kinder. Angesichts des Mißerfolgs der chemischen und mechanischen Mittel zur Empfängnisverhütung ist man zur Sterilisierung und künstlichen Abtreibung übergegangen, und zu diesem Zweck werden heimtückische Kampagnen veranstaltet.

578 Dringend notwendig ist eine behutsame pastorale Betreuung, um das Übel zu verhüten, das aus dem Mangel an Erziehung in der Liebe, aus dem Mangel an Vorbereitung für die Ehe, aus der Vernachlässigung der Evangelisierung der Familie und der Ausbildung der Ehegatten für eine verantwortliche Elternschaft herrührt. Wir dürfen zudem nicht außer acht lassen, dass eine große Anzahl von Familien auf unserem Kontinent das Sakrament der Ehe nicht empfangen hat. Viele dieser Familien leben andererseits in einer gewissen Einheit, Treue und Verantwortlichkeit.

Diese Situation wirft theologische Fragen auf und erfordert eine angemessene pastorale Begleitung.

579 Auf der anderen Seite ist es befriedigend festzustellen, dass von Tag zu Tag die Zahl der Christen zunimmt, die dafür Sorge tragen, ihren Glauben in der Familie und von dieser aus zu leben, indem sie ein wertvolles Zeugnis für das Evangelium ablegen und sogar eine zahlreiche Familie mit Verstand und Würde aufbauen. Zahlreich sind auch die Brautleute, die sich ernsthaft auf die Ehe vorbereiten und sich bemühen, der Hochzeit einen wirklichen christlichen Sinn zu geben. Außerdem ist die Bemühung festzustellen, die Familienpastoral zu stärken und sie den Herausforderungen und Umständen des modernen Lebens anzupassen.

580 In allen Ländern haben sich beachtenswerte Initiativen entwickelt, deren Zweck es ist, die Werte und die Spiritualität der Familie als häusliche Kirche zu stärken, in der Mitbeteiligung an und dem Engagement für die Teilkirche. Hier wird das Ergebnis der stillen und beständigen Bemühung der christlichen Bewegungen zugunsten der Familie sichtbar.

581 In ganz Lateinamerika können wir „Familien sehen, wo zwar Brot und Wohlstand nicht fehlen, aber vielleicht Eintracht und Freude; Häuser, wo Familien zwar bescheiden und in der Ungewissheit von morgen leben, sich aber gegenseitig helfen und so eine zwar schwierige, aber würdige Existenz erlangen; die ärmlichen Behausungen am Rand eurer Städte, wo es viel verborgene Not gibt, wo aber dennoch die echte Freude der Armen herrscht; die bescheidenen Hütten der Landarbeiter, Eingeborenen, Auswanderer usw.“ (Johannes Paul II., Homilie Puebla, 4. AAS LXXI S. 186). Abschließend betonen wir, dass eben die Tatsachen, die auf den Zerfall der Familie hinweisen, „auf verschiedenste Weise doch die wahre Eigenart dieser Institution deutlich werden lassen“– (GS 47) – „die weder durch die Strafe der Erbsünde noch durch die Züchtigung der Sintflut abgeschafft wurde“ (Eheliturgie), die jedoch weiterhin unter der Härte des menschlichen Herzens leidet (vgl. Mt 19, 8).

Theologische Reflexion über die Familie

582 Die Familie ist das Ebenbild Gottes, der „in seinem tiefsten Geheimnis nicht einzelner, sondern Familie ist“ (Johannes Paul II., Homilie Puebla, 2. AAS LXXI S. 184). Die Familie ist ein Bund von Menschen, zu denen man durch die liebevolle Berufung des Vaters gelangt, der die Ehegatten zu einer „innigen Gemeinschaft des Lebens und der Liebe einlädt“ (GS 48), deren Vorbild die Liebe Christi zu seiner Kirche ist. Das Gesetz der ehelichen Liebe ist Gemeinschaft und Mitbeteiligung, nicht Herrschaft. Es ist die ausschließliche, unwiderrufliche und fruchtbare Hingabe an den geliebten Menschen, ohne Verlust der eigenen Identität. Eine so verstandene Liebe ist in ihrer reichen sakramentalen Realität mehr als ein Vertrag, sie hat die Merkmale des Bundes (vgl. GS 48).

583 Das durch das Sakrament der Ehe geheiligte Paar ist Zeugnis der österlichen Gegenwart des Herrn. Die christliche Familie pflegt den Geist der Liebe und des Dienstes. Vier Grundbeziehungen des Menschen erfahren im Familienleben ihre volle Entwicklung: Elternschaft, Kindschaft, Bruderschaft, Ehestand. Gerade diese Beziehungen bilden auch das Leben der Kirche: Gott als Vater, Christus als Bruder, Kindschaft mit und durch den Sohn, Christus als Bräutigam der Kirche. Das Leben in der Familie spiegelt diese vier Grunderfahrungen wider und hat an ihnen im kleinen Anteil; dies sind die vier Ausprägungen der menschlichen Liebe (vgl. GS 49).

584 Als Christus geboren wurde, nahm er das Kindsein mit seinen Bedingungen auf sich: Er wurde in Armut und Abhängigkeit von seinen Eltern geboren. Jedes Kind muss als Ebenbild des als Kind geborenen Jesus mit Liebe und Güte angenommen werden. Wird einem Kind das Leben geschenkt, so bringt die eheliche Liebe einen neuen, einzigartigen, einmaligen und unwiederholbaren Menschen hervor. Dort beginnt für die Eltern das Amt der Evangelisierung. Auf dieses Amt müssen sie ihre verantwortliche Elternschaft gründen und sich die Frage stellen: Sind wir Eheleute unter den uns umgebenden sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und demographischen Umständen in der Lage, im Namen Christi ein weiteres Kind zu erziehen und zu evangelisieren? Die Antwort verantwortungsbewusster Eltern wird das Ergebnis des richtigen Unterscheidungsvermögens, nicht aber der Meinung fremder Menschen, der Mode oder sonstiger Antriebe sein. So werden Trieb und Laune der bewussten und freien Disziplin in der Geschlechtlichkeit aufgrund der Liebe zu Christus weichen, dessen Antlitz durch das Antlitz des Kindes für uns sichtbar wird, das erwünscht ist und dem in freiem Entschluss das Leben gegeben wurde.

585 Die allmähliche und freudige Erziehungsarbeit der Familie ist immer ein Opfer, sie ist Erinnerung an das erlösende Kreuz. Doch das tiefe Glück, das sie den Eltern vermittelt, erinnert ebenso an die Auferstehung. In diesem österlichen Geist evangelisieren die Eltern ihre Kinder und werden von ihnen evangelisiert (vgl. EN 71). Das Eingestehen von Fehlern und die aufrichtige Vergebung sind Elemente der ständigen Umkehr und der immerwährenden Auferstehung. Die österliche Gesinnung gelangt im gesamten christlichen Leben zur Blüte und wird in der Verbindung zum göttlichen Wort zur Prophetie. Doch Evangelisieren heißt nicht nur, die Bibel lesen, sondern von der Bibel aus einander ein Wort der Anerkennung, des Trostes, der Richtigstellung, der Erleuchtung, der Sicherheit sagen.

586 Die Stabilität in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern teilt sich anderen mit. Wenn die übrigen Familien sehen, wie sich Eltern und Kinder lieben, so entsteht der Wunsch nach einer Liebe, die die Familien untereinander als Zeichen der Einheit der Menschheit verbindet, und dieser Wunsch wird zur Wirklichkeit (vgl. LG 1). Dort wächst die Kirche durch den Zusammenschluss der Familien, durch die Taufe, die alle zu Brüdern macht. Wo die Katechese den Glauben stärkt, werden alle durch das Zeugnis der christlichen Tugenden bereichert. Eine gesunde Umwelt, in der die Familien miteinander verbunden sind, ist der einzige Ort, an dem die Kinder in den ersten Lebensjahren Nahrung und physische und geistige Stärkung erhalten. Dort sind die Eltern Lehrer, Katecheten und die ersten Diener des Gebets und der Verehrung Gottes. Hier erneuert sich das Bild von Nazaret: „Jesus nahm zu an Weisheit und Alter und Gnade bei Gott und den Menschen“ (Lk 2, 52).

587 Wenn die Gesellschaft reibungslos funktionieren soll, so gelten für sie die gleichen Erfordernisse wie für die Familie. Sie muss bewusste Menschen bilden, die in brüderlicher Gemeinschaft vereint sind, um die gemeinsame Entwicklung zu fördern. Das Gebet, die Arbeit und die erzieherische Bemühung in der Familie als Zelle der Gesellschaft müssen also darauf ausgerichtet sein, an die Stelle der ungerechten Strukturen die Gemeinschaft und Mitbeteiligung unter den Menschen und die Verwirklichung des Glaubens im täglichen Leben zu setzen. „In der gegenseitigen Anregung, die im Laufe der Zeit zwischen dem Evangelium und dem konkreten, persönlichen und gemeinschaftlichen Menschen entsteht“ (EN 29), weiß die Familie die ausdrückliche Botschaft über die Rechte und Pflichten des Lebens in der Familie zu begreifen und zu leben. Daher verpflichtet sie sich durch ihre Mahnung und Ankündigung zum Wandel der Welt im christlichen Sinn und trägt zum Fortschritt, zu einem Leben in Gemeinschaft, zur Ausübung der für alle geltenden Gerechtigkeit und zum Frieden bei.

588 In der Eucharistie findet die Familie die Fülle der Gemeinschaft und Teilhabe. Sie bereitet sich durch den Wunsch und die Suche nach dem Reich darauf vor und läutert die Seele von allem, was von Gott trennt. Zum Opfer bereit, übt sie das allgemeine Priesteramt aus und hat teil an der Eucharistie, um diese auf das Leben durch den Dialog ausstrahlen zu lassen, indem sie das Wort, die Sorgen, die Pläne teilt und auf diese Weise die Gemeinschaft der Familie vertieft. Die Eucharistie leben heißt, die Gaben anerkennen und teilen, die wir durch Christus vom Heiligen Geist empfangen haben. Dies heißt ja sagen zur Aufnahmebereitschaft der anderen uns gegenüber, und es heißt auch, uns den anderen öffnen. So wird der Geist des Bundes von neuem lebendig, wenn wir unser Leben Gott öffnen und er mit ihm nach seinem Willen verfährt. So wird im Mittelpunkt der Familie das starke und sanftmütige Bild des gestorbenen und auferweckten Christus lebendig.

589 Hieraus ergibt sich der Auftrag der Familie. Diese häusliche Kirche, die durch die befreiende Kraft des Evangeliums zur Schule „reich entfalteter Humanität“ (GS 52) wurde und die sich als Pilger mit Christus und mit ihm im Dienste an der Teilkirche weiß, bricht auf in eine neue Zukunft, und sie will die Täuschungen des Rationalismus und der weltlichen Weisheit besiegen, die den modernen Menschen desorientieren. Sie sieht die Realität und wirkt in ihr, wie Gott sie sieht und regiert, und so strebt sie nach größerer Treue zum Herrn, um nicht Idole, sondern den lebendigen Gott der Liebe anzubeten.

Pastorale Optionen

590 Grundeinstellung: Wir berufen uns auf die Lehren von Medellin und die Pauls VI. und die kürzlich erfolgte Belehrung Johannes Pauls II. über die Familie: „Unter nehmt alle Anstrengungen, um eine Familienpastoral zu haben. Tragt Sorge für diese so vordringliche Aufgabe in der Gewissheit, dass die Evangelisierung in der Zukunft zu einem großen Teil von der ‚Hauskirche’ abhängt“ (Eröffnungsansprache IV a, AAS LXXI S. 204). Auf dieser Grundlage betonen wir die Priorität der Familienpastoral innerhalb der organischen Pastoral in Lateinamerika.

Grundschema der Familienpastoral:

591 a) Die Familienpastoral fügt sich auf bewundernswerte Weise in die Pastoral der ganzen Kirche ein. Sie ist evangelisierend, prophetisch und befreiend.

592 – Sie verkündet das Evangelium der ehelichen Liebe und der Liebe in der Familie als österliches Erlebnis, das in der Eucharistie erfahren wird.

593 – Sie weist anklagend auf Unaufrichtigkeit und Verderbtheit hin, die das Evangelium der Liebe in der Ehe und der Familie verhindern oder überschatten.

594 – Sie sucht nach Wegen, auf denen Ehepaare und Familien in ihrer Berufung zur Liebe und in ihrer Aufgabe der Bildung von Menschen, der Erziehung im Glauben, des Beitrags zur Entwicklung weiter voranschreiten können. In den so häufigen Fällen der unvollständigen Familien muss nach pastoralen Wegen für deren angemessene Betreuung gesucht werden.

595 – Sie nimmt sich der Paare und Familien unabhängig von ihrer konkreten Situation an und begleitet sie als guter Hirte, der ihre Schwäche im Zusammenhang mit ihrer menschlichen Armut und Unwissenheit versteht.

596 b) Träger dieser Pastoral sind diejenigen, die sich dazu verpflichten, das Evangelium der Familie zu leben und kleine oder größere familiäre kirchliche Gemeinschaften fördern.

c) Diese entwickeln die Familienpastoral:
597 – in den von der Erlösungsgnade besonders ausgeprägten Höhepunkten im Leben von Paaren und Familien: beim Kennenlernen, bei der Verlobung, bei der Hochzeit, während der Elternschaft und Erziehung der Kinder, an Geburtstagen, bei Erstkommunionfeiern und Familienfesten, andererseits aber auch in den Krisen des familiären Zusammenlebens und in Zeiten voller Schmerz wie Krankheit und Tod.

598 – Die Familienpastoral ist eng verbunden mit der Sozialpastoral

– bei der Arbeit für die Schaffung von Strukturen und Gegebenheiten, die das Leben in der Familie ermöglichen;

– bei der Erholung, indem sie für sichere und im positiven Sinne förderliche Bereiche für Kinder und für alle Jugendlichen sorgt;

– in der Kultur, indem sie überkommene Werte der Familiengeschichte und der Lokalgeschichte vermittelt;

– im Apostolat, indem sie verbunden bleibt mit Gemeinschaften, die in enger Beziehung zur Hierarchie und in der Verpflichtung gegenüber der Teilkirche stehen.

599 d) Vom Wort ausgehend, bietet sie Grundsätze und Orientierungslinien für das Handeln: Sie gibt dem „mehr Sein“ den Vorrang vor der Tendenz, „mehr“ zu haben, „mehr“ zu können, „mehr“ zu wissen, ohne mehr zu dienen. Sie stellt das Geben vor das Nehmen.

600 e) Die Familienpastoral entfaltet ihre Wirkung

– in den Bereichen, wo auf die Wahrheit vertraut wird,

– bei der Integrierung der natürlichen Werte der Familie in den Glauben,

– bei der christlichen Beurteilung von Umständen bei der Fällung von Entscheidungen. Richtlinien für das praktische Vorgehen:

601 a) Die Theologie der Familie ist zu bereichern und zu systematisieren, damit diese sich ihrer Eigenschaft als „Hauskirche“ (vgl. LG 11) in vertieftem Maße bewusst wird, so dass die veränderten Umstände der lateinamerikanischen Familien erhellt werden.

602 b) Es muss betont werden, dass in jeder Familienpastoral die Familie als Subjekt und unersetzlicher Träger der Evangelisierung und als Basis der Gemeinschaft der Gesellschaft anzusehen ist.

603 c) In den Familien muss der Geist der Gemeinschaft zwischen den Familienmitgliedern durch die Bereitschaft, sich einander zu öffnen und einander zu dienen, gestärkt und auf diese Weise die Frohe Botschaft verwirklicht werden.

604 d) Es muss die Notwendigkeit der Erziehung aller Mitglieder der Familie in der Gerechtigkeit und in der Liebe stark betont werden, dergestalt, dass diese zu verantwortlichen, solidarischen und wirkungsvollen Trägern werden, um die komplexe gesellschaftliche Problematik Lateinamerikas durch Lösungen christlicher Prägung bewältigen zu können.

605 e) Die präsakramentale Katechese und die liturgische Feier der Sakramente müssen als besondere Höhepunkte für die Verkündigung und die Antwort auf das Evangelium der ehelichen und der Familienliebe angesehen werden.

606 f) Als wichtiger Teil der fortschreitenden Erziehung zur Liebe ist die Sexualerziehung anzusehen, die rechtzeitig und umfassend erfolgen muss, so dass die Schönheit der Liebe und der menschliche Wert der Geschlechtlichkeit entdeckt werden.

607 g) Begleitende Unterstützung muss den Eheleuten zuteil werden, damit sie im Glauben wachsen und tiefer in das Geheimnis der christlichen Ehe eindringen. Auf diese Weise werden sie glücklicher sein, wenn sie es lernen, die Liebe und den Dialog zu pflegen, zueinander zartfühlend und aufmerksam zu sein, und in der Familie den Mittelpunkt ihres Lebens zu sehen.

608 h) In einer pastoralen Haltung, die zutiefst vom Evangelium getragen ist, muss dem schmerzlichen Problem der de facto bestehenden ehelichen Verbindungen und der unvollständigen Familien mit verständnisvoller Behutsamkeit Rechnung getragen werden.

609 i) Vorzugsweise sind die Ehegatten zu einer verantwortungsbewussten Elternschaft anzuleiten, die sie nicht nur zu einer anständigen Geburtenregelung und wachsender Freude an ihren gegenseitigen Ergänzungen befähigt, sondern sie darüber hinaus zu guten Erziehern ihrer Kinder macht.

610 i) Den Familien sind angesichts der Antigeburtenkampagnen, die durch Regierungen propagiert oder von anderen Ländern aus gefördert werden, ausreichende Kenntnisse zu vermitteln über die vielfältigen negativen Auswirkungen von Techniken, die vornehmlich auf neomalthusianischen Anschauungen beruhen. Dagegen müssen die ethischen Normen, die eindeutig und wiederholt durch das kirchliche Lehramt verkündet wurden, umfassend zur Anwendung gelangen.

611 Zur Erreichung einer anständigen Geburtenregelung müssen Zentren eingerichtet werden, in denen durch qualifiziertes Personal mit wissenschaftlicher Gründlichkeit die natürlichen Methoden gelehrt werden. Diese humanistische Alternative vermeidet das ethische und gesellschaftliche Übel der Empfängnisverhütung und der Sterilisierung, die historisch gesehen vorbereitende Schritte für die Legalisierung der Abtreibung gewesen sind.

612 k) Bezüglich der Achtung vor dem Grundrecht des Lebens darf die Pastoral nicht nur das verabscheuungswürdige Verbrechen der Abtreibung im Auge haben, sondern sie muss die Verteidigung der Integrität und Gesundheit auch in den übrigen Momenten und Umständen der menschlichen Existenz fördern.

613 l) Man soll sich treu an die folgende Empfehlung halten: „Zur Verteidigung der Familie ... verpflichtet sich die Kirche zur Hilfe und fordert die Regierenden auf, zum Hauptziel ihrer Bemühungen eine kluge, weitschauende und beharrliche Sozial- und Familienpolitik zu machen aus der Einsicht heraus, dass es hier wirklich um die Zukunft – die Hoffnung – des Kontinents geht“ (Johannes Paul II., Homilie Puebla, 3 AAS LXXI S. 185).

614 m) Man muss sowohl in den Seminaren als auch in den Ordensinstituten sowie den übrigen Zentren und später bei der ständigen Fortbildung von Priestern und anderen Trägern der Evangelisierung für eine ausreichende Ausbildung in der Familienpastoral Sorge tragen.

615 n) Man muss die Bewegungen und Formen des Familienapostolats fördern und stärken, unter Berücksichtigung der jeweils eigenen Charismen innerhalb der Gesamtpastoral.

616 o) Um den Erfolg dieser Richtlinien zu sichern, muss man Koordinierungszentren auf diözesaner, nationaler und lateinamerikanischer Ebene für die Familienpastoral unter Beteiligung der Eltern schaffen oder neu beleben.

617 Außerhalb der christlichen Familie, dem vorrangigen Zentrum der Evangelisierung, lebt der Mensch seine Berufung zur Brüderlichkeit in der Teilkirche, in Gemeinschaften, die den Heilsplan des Herrn, der in der Gemeinschaft und Mitbeteiligung gelebt wird, gegenwärtig und wirksam werden lassen. Daher müssen innerhalb der Teilkirche die Pfarreien, die kirchlichen Basisgemeinschaften und sonstigen kirchlichen Gruppen einer Betrachtung unterzogen werden.

Kirchliche Basisgemeinschaften, Pfarrei, Teilkirche

618 Die Kirche ist das Gottesvolk, das sein Leben der Gemeinschaft und des Dienstes im Geiste des Evangeliums auf verschiedenen Ebenen und unter verschiedenen historischen Ausprägungen zum Ausdruck bringt.

Zur Situation

619 Allgemein betrachtet, ist unsere Kirche in Lateinamerika von dem starken Wunsch nach tieferen und festeren Beziehungen im Glauben gekennzeichnet, die vom Wort Gottes getragen und beseelt sind. Das gemeinschaftliche Gebet und die Bemühung des Volkes, bewusster und fruchtbarer an der Liturgie teilzunehmen, haben sich verstärkt.

620 Wir begrüßen ein Anwachsen in der Mitverantwortung der Gläubigen bei der Organisation und Betätigung in der Seelsorge.

621 Die Rechte und Pflichten der Laien als Glieder der Gemeinschaft sind stärker ins Bewusstsein getreten und werden vermehrt ausgeübt.

622 Man spürt eine stärkere Sehnsucht nach Gerechtigkeit und ein aufrichtiges Gefühl für Solidarität in einem sozialen Umfeld, das durch das Vorrücken des Säkularismus und andere Erscheinungen einer Gesellschaft im Wandel gekennzeichnet ist.

623 Die Kirche hat allmählich ihre Verbindung zu jenen gelöst, die die wirtschaftliche oder politische Macht unrechtmäßig für sich beanspruchen, und so befreit sie sich von Abhängigkeiten und entäußert sich ihrer Privilegien.

624 Die Kirche in Lateinamerika möchte auch in Zukunft durch einen uneigennützigen und selbstlosen Dienst Zeugnis geben vor einer von Gewinn- und Machtstreben sowie von Ausbeutung beherrschten Welt.

625 In Richtung auf eine stärkere Mitbeteiligung entstehen mit Weihen verbundene Ämter, wie das des Ständigen Diakons, Ämter ohne Weihen und andere Dienste, wie die der Leiter von Wortgottesdiensten (celebradores de la palabra) und der Leiter von Gemeinschaften (animadores). Auch eine bessere Zusammenarbeit zwischen Priestern, Ordensleuten und Laien ist festzustellen.

626 Als Frucht des Heiligen Geistes ist in unseren Gemeinschaften ein neuer Stil in den Beziehungen zwischen Bischöfen und Priestern und in den Beziehungen dieser zu ihrem Volk festzustellen, die durch größere Einfachheit, größeres Verständnis und mehr Freundschaft im Herrn gekennzeichnet sind.

627 All dieses ist ein Prozess, dem breite Schichten zuweilen Widerstand entgegensetzen. Sie bedürfen des Verständnisses und der Anregung, sowie auch einer großen Lernbereitschaft gegenüber dem Wirken des Heiligen Geistes. Es bedarf außerdem einer größeren Offenheit des Klerus gegenüber der Tätigkeit der Laien sowie der Überwindung des pastoralen Individualismus und der Selbstgenügsamkeit. Andererseits hat der Einfluß einer säkularisierten Umwelt zuweilen zu Fluchttendenzen aus der Gemeinschaft und zum Verlust echten kirchlichen Zugehörigkeitsempfindens geführt.

628 Nicht immer sind wirksame Mittel gefunden worden, um die unzureichende Glaubenserziehung unseres Volkes zu verbessern, das der Verbreitung nicht gesicherter theologischer Lehren, der verführerischen Werbung von Sekten und pseudogeistlichen Bewegungen schutzlos ausgeliefert ist.

Einzelheiten

629 Es kann festgestellt werden, dass die kleinen Gemeinschaften, insbesondere die kirchlichen Basisgemeinschaften die Beziehungen zwischen den Menschen, die Annahme des Wortes Gottes, die Überprüfung des Lebens und die Reflexion über die Realität im Lichte des Evangeliums verstärkt haben. Die Verpflichtung gegenüber der Familie, der Arbeit, dem Stadtviertel und der örtlichen Gemeinschaft wird intensiver. Mit Freude weisen wir auf eine Tatsache in unserer Kirche hin, die „Hoffnung der Kirche“ sein kann (EN 58), nämlich die steigende Zahl der kleinen Gemeinschaften. Dieser Ausdruck kirchlichen Lebens ist am häufigsten in den Randgebieten der großen Städte und auf dem Land zu beobachten. Diese Gebiete begünstigen insbesondere das Entstehen neuer Aufgaben für die Laien. Dort hat die Familienkatechese und die Glaubenserziehung der Erwachsenen in einer Form Verbreitung gefunden, die dem einfachen Volk besser gerecht wird.

630 Andererseits jedoch wurde der Ausbildung von erfahrenen Glaubenserziehern und Gemeindeleitern, die sich als verantwortliche Christen um die Organisation der Bevölkerung in den Randsiedlungen, in der Arbeiterwelt und bei der Landbevölkerung bemühen, nicht genügende Beachtung geschenkt. Vielleicht hat es aus diesem Grunde zuweilen Mitglieder von Gemeinschaften oder ganze Gemeinschaften gegeben, die, von rein weltlichen Institutionen angezogen oder von Ideologien radikalisiert, zunehmend den echten Sinn für die Kirche verloren haben.

631 Die Pfarrei erneuert sich auf vielfältige Art und Weise, die dem Wandel der letzten Jahre angepaßt ist. Die Pfarrer haben ihre Mentalität gewandelt, Laien werden in die Pastoralräte und sonstigen Dienste berufen, die Katechese wird ständig aktualisiert, der Priester ist, vornehmlich durch ein Netz von Gruppen und Gemeinschaften, stärker im Volk gegenwärtig.

632 Im Rahmen der Evangelisierung ist die Pfarrei durch eine zweifache Beziehung der Kommunikation und pastoralen Gemeinschaft gekennzeichnet. Auf Diözesanebene sind die Pfarreien in Zonen, Vikarien und Dekanaten zusammengeschlossen. Im Inneren teilt sich die Pastoral in verschiedene Sektoren auf und ermöglicht die Schaffung kleinerer Gemeinschaften.

633 Jedoch sind noch immer Haltungen zu beobachten, die diese dynamische Kraft der Erneuerung behindern. Solche Hindernisse bestehen im Vorrang der Verwaltung vor der Pastoral, in der Routine, in der mangelnden Vorbereitung auf die Sakramente, im autoritären Denken mancher Priester sowie der Selbstabkapselung mancher Pfarreien, wobei die dringenden apostolischen Anforderungen des Gesamtgefüges außer acht gelassen wurden.

634 In der Teilkirche werden beträchtliche Anstrengungen unternommen, um durch die Schaffung neuer Diözesen das Gottesvolk in dem jeweiligen Gebiet besser betreuen zu können. Man ist bemüht, die Kirche mit solchen Organen auszustatten, die die Mitverantwortung fördern, und zwar durch angemessene Möglichkeiten für den Dialog, wie Priesterräte, Pastoralräte, Diözesankommissionen, die eine organischere und der besonderen Wirklichkeit jeder Diözese angepaßte Seelsorge bewirken.

635 Auch in den Ordensgemeinschaften und den Laienbewegungen ist das Bewusstsein für die Notwendigkeit gewachsen, sich in kirchlichem Geiste in die Aufgabe der Teilkirche einzugliedern.

636 Auf nationaler Ebene werden beträchtliche Bemühungen zugunsten einer verstärkten Kollegialität innerhalb der Bischofskonferenzen unternommen, deren Organisation ständig verbessert wird und denen Unterorganisationen beigegeben werden. Besondere Erwähnung verdient die Entwicklung und die Effizienz des Dienstes, den der CELAM der kirchlichen Gemeinschaft in ganz Lateinamerika bietet.

637 Auf Weltebene sind die Beziehungen des brüderlichen Austauschs durch die Entsendung von apostolischen Mitarbeitern und die Finanzhilfe zu erwähnen, die zu den Episkopaten in Europa und Nordamerika bestehen, sowie die Unterstützung durch die CAL, deren Weiterarbeit und Intensivierung umfassendere Möglichkeiten für eine Beteiligung zwischen den Kirchen bieten, die ein beachtliches Zeichen der universalen Gemeinschaft ist.

Theologische Reflexion

638 Der Christ lebt in Gemeinschaft unter dem Wirken des Heiligen Geistes, der das unsichtbare Prinzip der Einheit und Gemeinschaft sowie auch der Einheit und Vielfalt von Lebensstand, Ämtern und Charismen ist.

639 In seiner Familie, der häuslichen Kirche, ist der Getaufte dazu berufen, die erste Erfahrung der Gemeinschaft im Glauben, in der Liebe und im Dienst am Nächsten zu erleben.

640 In den kleinen Gemeinschaften, insbesondere in denen, die am meisten gefestigt sind, wächst die Erfahrung an neuen zwischenmenschlichen Beziehungen im Glauben, dort wird das Wort Gottes vertieft, dort wächst die Beteiligung an der Eucharistie und an der Gemeinschaft mit den Hirten der Teilkirche und dort wächst auch das Engagement für Gerechtigkeit in der jeweiligen sozialen Realität. Es wurde die Frage gestellt, wann eine kleine Gemeinschaft als eine echte kirchliche Basisgemeinschaft in Lateinamerika anzusehen ist.

641 Die kirchliche Basisgemeinschaft umfaßt als Gemeinschaft Familien, Erwachsene und junge Menschen in einer engen zwischenmenschlichen Beziehung im Glauben. Da sie kirchlich ist, ist sie eine Gemeinschaft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Sie feiert das Wort Gottes im Leben durch die Solidarität und die Verpflichtung gegenüber dem neuen Gebot des Herrn und sie macht die kirchliche Sendung und die sichtbare Gemeinschaft mit den rechtmäßigen Hirten durch den Dienst anerkannter Koordinatoren gegenwärtig und wirksam. Sie ist eine Basisgemeinschaft, weil sie aus wenigen Gliedern in ständiger Form und gleichsam als Zelle der großen Gemeinschaft gebildet wird. „Wenn sie die Bezeichnung kirchlich verdienen, so können sie in brüderlicher Solidarität ihre eigene geistliche und menschliche Existenz leben“ (EN 58).

642 Die in der kirchlichen Basisgemeinschaft vereinten Christen bemühen sich in stärkerer Treue gegenüber Christus um ein Leben unter ihren Mitmenschen, das vom Evangelium durchdrungen ist. Sie helfen, den Egoismus und das Konsumdenken der Gesellschaft in Frage zu stellen und machen die Berufung zur Gemeinschaft mit Gott und ihren Brüdern deutlich, indem sie einen wertvollen Anstoß zum Aufbau einer neuen Gesellschaft, der „Zivilisation der Liebe“, geben.

643 Die kirchlichen Basisgemeinschaften sind Ausdruck der besonderen Zuneigung der Kirche zum einfachen Volk. In ihnen kommt die Religiosität des Volkes zum Ausdruck, dort wird sie gewertet und geläutert. Dort erhält es die konkrete Möglichkeit, an der kirchlichen Aufgabe und an der Verpflichtung, die Welt zu ändern, mitzuwirken.

644 Der Pfarrei kommt eine im gewissen Sinne umfassende Aufgabe in der Kirche zu, denn sie begleitet die Menschen und Familien durch ihr Leben hindurch in der Erziehung und im Wachsen des Glaubens. Sie ist der Mittelpunkt der Koordinierung und der Förderung von Gemeinschaften, Gruppen und Bewegungen. Hier öffnet sich der Horizont für Gemeinschaft und Mitbeteiligung. Die Feier der Eucharistie und der übrigen Sakramente macht auf klarere Weise den umfassenden Charakter der Kirche sichtbar. Ihre Verbindung mit der Diözesan-Gemeinschaft ist durch die Verbindung mit dem Bischof sichergestellt, der seinem Vertreter, im Regelfall dem Pfarrer, die pastorale Sorge für die Gemeinschaft überträgt. Die Pfarrei ist für den Christen der Ort der Begegnung, der Ort des brüderlichen Mitteilens und Teilens, wodurch die den kleinen Gemeinschaften eigenen Grenzen überwunden werden. Die Pfarrei übernimmt in der Tat eine Reihe von Diensten, die nicht in der Möglichkeit der kleineren Gemeinschaften liegen, insbesondere in der missionarischen Arbeit und der Förderung der Würde des Menschen, und so dringt sie zu den mehr oder weniger seßhaften Wanderarbeitern, zu den Randgruppen, zu den Gott Fernstehenden, zu den Nichtgläubigen und ganz allgemein zu denen vor, die am bedürftigsten sind.

645 In der Teilkirche, die das Ebenbild der Universalkirche ist, wirkt in Wahrheit die Kirche Christi, die die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche ist (vgl. LG 23 und CD 11). Sie ist ein Teil des Volkes Gottes, der durch einen weitergefaßten sozio-kulturellen Kontext umschrieben ist, in dem sie Gestalt annimmt. Ihre Vorrangstellung vor der Gesamtheit der kirchlichen Gemeinschaften ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass an ihrer Spitze ein Bischof steht, der im vollen und sakramentalen Sinn am dreifachen Amt Christi teilhat, welcher das Haupt des mystischen Leibes, Prophet, Priester und Hirte ist. Der Bischof ist in der Teilkirche das Prinzip und die Grundlage ihrer Einheit.

646 Da die Bischöfe die Nachfolger der Apostel sind, lassen sie durch ihre Gemeinschaft mit dem Bischofskollegium und insbesondere mit dem römischen Papst die Apostolizität der Gesamtkirche sichtbar werden. Sie garantieren die Treue zum Evangelium. Sie verwirklichen die Gemeinschaft mit der Universalkirche und fördern die Zusammenarbeit ihres Presbyteriums und die Entwicklung des Gottesvolkes, das ihnen anvertraut ist.

647 In der Verantwortung des Bischofs liegt es, die Charismen klar zu erkennen und die Ämter zu fördern, die unerläßlich sind, wenn die Diözese als evangelisierte und evangelisierende Gemeinschaft sich zur Reife entwickeln soll, so dass sie zum Licht und Ferment der Gesellschaft, zum Sakrament der Einheit und der umfassenden Befreiung wird, die befähigt ist, sich mit den übrigen Teilkirchen auszutauschen auf der Grundlage des missionarischen Geistes, der sie den Reichtum des Evangeliums ausstrahlen lässt, den sie in ihrem Inneren verwirklicht hat.

Pastorale Grundlinien

648 Als Hirten wollen wir entschlossen die kirchlichen Basisgemeinschaften fördern, orientieren und begleiten im Geist von Medellin (Pastoral de conjunto, 10) und auf der Grundlage der in Evangelii Nuntiandi Nr. 58 festgelegten Maßstäbe. Wir wollen in verstärktem Maße Initiatoren (animadores) für solche Basisgemeinschaften suchen und sie schrittweise ausbilden. Wir müssen uns insbesondere um Wege bemühen, die kleinen Gemeinschaften, die zahlreich vor allem in den Randzonen der Städte und in ländlichen Gebieten entstehen, ebenfalls an die Pastoral der großen Städte unseres Kontinents anzupassen.

649 In den Pfarreien muss die Bemühung um Erneuerung fortgesetzt werden, indem die rein verwaltungsmäßigen Aspekte hintangestellt werden. Wir müssen uns um eine stärkere Beteiligung der Laien, insbesondere im Pastoralrat, bemühen. Wir müssen den organisierten Apostolaten Vorrang geben und die Laien in der Weise ausbilden, dass sie als Christen ihre Verantwortung in der Gemeinschaft und in ihrer sozialen Umwelt übernehmen.

650 Es muss betont werden, dass wir entschiedener für die Gesamtpastoral eintreten müssen, insbesondere in der Zusammenarbeit mit den Ordensgemeinschaften, indem Gruppen, Gemeinschaften und Bewegungen eine Förderung erfahren. Sie müssen zu einer ständigen Bemühung um die Gemeinschaft ermutigt werden, damit die Pfarrei zum Zentrum der Förderung und der Dienste wird, welche die kleineren Gemeinschaften nicht sicherstellen können.

651 Es müssen Erfahrungen für die pastorale Tätigkeit aller Träger in den Pfarreien gesammelt werden und die Berufspastoral der kirchlichen Ämter, der Laiendienste und des Ordenslebens muss ermutigt werden.

652 Besondere Anerkennung und ermutigende Bestätigung verdienen die Priester und die übrigen Pastoralträger, denen die Diözesangemeinschaft Unterstützung, Anregung und Solidarität auch in bezug auf einen angemessenen Lebensunterhalt und soziale Sicherheit im Geist der Armut schuldet.

653 Unter den Priestern möchten wir die Person des Pfarrers hervorheben, der ähnlich wie Christus Hirte ist und die Gemeinschaft mit Gott und seinen Brüdern, denen er dienen will, sowie mit seinen Mitbrüdern im Priesteramt, die um den Bischof versammelt sind, fördert. Er bemüht sich, zusammen mit seinem Volk die Zeichen der Zeit zu erkennen, er regt Gemeinschaften an (animador).

654 Im Bereich der Teilkirche ist die ständige Weiterbildung und Erneuerung der Pastoralträger sicherzustellen, indem ihre Spiritualität gefördert wird und Fortbildungskurse durch Orte der Einkehr und Gebetstage ermöglicht werden. Es ist dringend erforderlich, dass die Diözesankurien zu wirksameren Mittelpunkten der pastoralen Förderung auf den drei Ebenen der Katechese, der Liturgie und dem Dienst der Gerechtigkeit und der Liebe werden, wobei der pastorale Wert des Verwaltungsdienstes anzuerkennen ist. Mit besonderem Nachdruck muss die Integration der diözesanen Pastoralräte und der übrigen Diözesanorgane in Angriff genommen werden, denn sie sind trotz mancher Schwierigkeiten unverzichtbar für die Planung, Durchführung und ständige Begleitung der pastoralen Tätigkeit im Leben der Diözese.

655 Die Teilkirche muss ihren missionarischen Charakter und die kirchliche Gemeinschaft stärker zum Ausdruck bringen, indem sie Werte und Erfahrungen teilt und den Austausch von Menschen und Gütern fördert.

656 Durch ihre Hirten und auf der Grundlage der bischöflichen Kollegialität und der Verbindung mit dem Stellvertreter Christi muss die Diözesangemeinschaft die enge Verbindung zum Zentrum der Einheit der Kirche intensivieren und in Treue den Dienst annehmen, den dieses Zentrum ihr aufgrund seines Lehramts in der Treue gegenüber dem Evangelium und aufgrund der gelebten Liebe anbietet. Hierzu gehört auch die tätige Mitarbeit auf unserem Kontinent, so wie sie durch den CELAM und seine Programme angeregt wird.

657 Wir bemühen uns darum, dass diese Kollegialität, innerhalb derer Puebla ebenso wie die beiden vorhergegangenen Vollversammlungen ein Höhepunkt ist, zum stärksten Zeichen für die Glaubwürdigkeit der Verkündigung und des Dienstes des Evangeliums wird, zum Wohle der brüderlichen Gemeinschaft in ganz Lateinamerika.

Kapitel II: Träger der Gemeinschaft und Mitbeteiligung

Wir wenden uns hier an diejenigen, die in erster Linie Träger der Evangelisierung sind. Mit ihnen zusammen wollen wir gemeinsam nachdenken, neuen Mut fassen und neue Möglichkeiten finden, damit wir unsere pastorale Aufgabe erfüllen können. 658 Wir sind verantwortlich für diesen schwierigen, aber auch ehrenvollen Sendungsauftrag, alle Menschen und alle Bereiche zu evangelisieren. Wir beziehen uns dabei auf die Priester, die Diakone, die Ordensmänner, die Ordensfrauen und die engagierten Laien und beginnen bei uns selbst, den Bischöfen.

Das hierarchische Amt

659 Das hierarchische Amt, sakramentales Zeichen Christi als Hirte und Haupt der Kirche, steht an erster Stelle in der Verantwortung für die Erbauung der Kirche in der Gemeinschaft und für die Belebung ihrer evangelisierenden Tätigkeit.

Einführung

660 In den letzten Jahren war die theologische Reflexion über die Identität des Priesters sehr intensiv. Anlaß für diese Reflexion waren die Krisen und Verwirrungen, die dieser Identität einen nicht unwesentlichen Schaden zufügten. Daher ist auf einem so wesentlichen Gebiet eine Vertiefung erforderlich, zu der wir die Theologen und Pastoraltheologen auffordern, und zwar im Geist der Richtlinien des Lehramtes, insbesondere des Zweiten Vatikanischen Konzils, der Konferenz von Medellin, der Bischofssynode von 1971 und der Richtlinien für die Seelsorgearbeit der Bischöfe. Große Bedeutung gewinnt hier eine Gesamtschau, die die Konvergenz von Faktoren herausstellt, die dem Anschein nach zuweilen widersprüchlich sind.

661 Das Priesteramt ist aufgrund der sakramentalen Teilhabe mit Christus, dem Haupt der Kirche, durch das Wort und die Eucharistie Dienst an der Einheit der Gemeinschaft (vgl. Eph 4, 15-17). Das Lehramt der Gemeinschaft beinhaltet die Teilhabe an der Macht oder Autorität, die Christus durch die Weihe mitteilt und die den Priester in die dreifache Dimension des Amtes Christi als Prophet, als Liturg und König einsetzt, und die ihn zu dem macht, der in seinem Namen im Dienst der Gemeinschaft handelt.

662 Das Wesen und Wirken des Priesters in der Identität seines Dienstes bezieht sich auf die Eucharistie, die die Wurzel und der Angelpunkt einer jeden Gemeinschaft ist (vgl. PO 6), die das Zentrum des sakramentalen Lebens darstellt, zu welchem das Wort hinführt. Daher kann man sagen, dass, wo Eucharistie ist, auch Kirche ist. Da der Bischof ihr zusammen mit den Priestern dient, kann man mit der gleichen Berechtigung sagen, „wo der Bischof ist, ist die Kirche“.

663 Aufgrund der sakramentalen Brüderlichkeit ist die Fülle der Einheit unter den Dienern der Gemeinschaft bereits ein Tatbestand der Evangelisierung, und an diese Forderung erinnert der Papst in seiner Eröffnungsrede (vgl. II 1 und 2, AAS LXXI S. 196-197). Hieraus ergibt sich die pastorale Einheit.

Die Situation

664 Aufgrund der Erfordernisse der Zeitumstände ist ein Wandel in der Mentalität und Haltung der hierarchischen Amtsträger und demzufolge auch in ihrem Bild zu erkennen.

665 Das Bewusstsein der evangelisatorischen und missionarischen Merkmale der pastoralen Aufgabe verstärkt sich zunehmend.

666 Die Lebensweise vieler Hirten hat an Einfachheit und Armut, an gegenseitiger Zuwendung und gegenseitigem Verständnis, an Nähe zum Volk, an Bereitschaft zu Dialog und an gemeinsamer Verantwortung zugenommen.

667 Die kirchliche Gemeinschaft sowohl der Bischöfe mit dem Heiligen Vater als auch der Bischöfe untereinander, ebenso die der Priester und Ordensleute mit dem Bischof und der verschiedenen kirchlichen Familien untereinander hat sich verstärkt. Besondere Anerkennung gebührt den Teilkirchen verschiedener Länder, die nicht nur unsere Verkündigungsarbeit durch die Entsendung von Priestern, Ordensleuten und weiteren Trägern der Evangelisierung unterstützen, sondern auch durch ihre großzügige Güterverteilung einen christlichen Beitrag leisten.

668 Bewunderungswürdig und ermutigend sind die Opferbereitschaft und die Uneigennützigkeit vieler Hirten bei der Ausübung ihres Amtes im Dienste des Evangeliums, sei es in der Predigt, sei es in der Feier der Sakramente oder bei dem Schutz der menschlichen Würde, indem sie Einsamkeit, Isolierung, Unverständnis und zuweilen Verfolgung und Tod auf sich nehmen (vgl. PO 13).

669 Bei fast allen Amtsträgern ist ein wachsendes Interesse an ihrer Weiterbildung, nicht nur im intellektuellen, sondern auch im geistlichen und pastoralen Bereich zu verzeichnen, sowie der Wunsch, sich aller hierzu nützlichen Mittel zu bedienen.

670 Es besteht größere Klarheit hinsichtlich der Identität des Priesters, die zu einer neuen Bestätigung des geistlichen Lebens des hierarchischen Amtes und zum besonderen Dienst an den Armen geführt hat.

671 Die Hirten haben wesentlich dazu beigetragen, dass sich die Laien ihres Wirkens stärker bewusst werden, sowohl hinsichtlich ihrer besonderen weltlichen Berufung, als auch hinsichtlich einer verantwortungsbewussteren Teilnahme am Leben der Kirche, in dem sie verschiedene Ämter übernommen haben.

672 Ein ermutigendes Anzeichen ist die Existenz der Ständigen Diakone mit ihrem vielfältigen Aufgabenbereich, insbesondere in den Dorf- und Landarbeiterpfarreien, ermutigend sind die kirchlichen Basisgemeinschaften und die übrigen Gruppen der Gläubigen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, die theologische Sicht hinsichtlich des Diakons zu vertiefen, damit sein Amt größere Aufnahmebereitschaft findet. Innerhalb dieses zur Hoffnung berechtigenden Programms erscheinen aber auch negative Aspekte. Zu ihnen gehören die folgenden:

673 a) Es mangelt an Einheit hinsichtlich der Grundkriterien der Pastoral, woraus sich „Spannungen“ hinsichtlich des Gehorsams und ernste Auswirkungen für die „Gesamtpastoral“ ergeben.

674 b) Trotz der steigenden Zahl von Berufungen haben wir einen besorgniserregenden Mangel an Amtsträgern zu verzeichnen, der unter anderem auf ein mangelhaftes missionarisches Bewusstsein zurückzuführen ist.

675 c) Die Verteilung des Klerus auf dem Kontinent ist unangemessen und wird in manchen Fällen dadurch erschwert, dass die Priester zusätzliche Aufgaben übernehmen.

676 d) Es mangelt an ausreichender pastoraler, geistlicher und theologischer Fortbildung. Dies führt zu Unsicherheit hinsichtlich neuer theologischer Fragestellungen und gegenüber falschen Lehren, zu pastoraler Enttäuschung und sogar zu gewissen Identitätskrisen.

677 e) Zuweilen führt der unzureichende Lebensunterhalt und das Fehlen einer angemessenen sozialen Fürsorge für die Priester zur Suche nach Arbeit gegen Entgelt, was ihrem Amt zum Schaden gereicht.

678 f) Es mangelt gelegentlich an rechtzeitigem, mahnendem Eingreifen der Bischöfe im Sinne des Lehramts sowie an kollegialem Zusammenhalt.

Pastoraltheologische Erläuterung

679 Das große Amt bzw. der Dienst, den die Kirche der Welt und den Menschen anbietet, ist der Dienst der Evangelisierung durch Worte und Taten (vgl. DV 2), die Frohe Botschaft, dass das Reich Gottes, das Reich der Gerechtigkeit und des Friedens in Jesus Christus zu den Menschen kommt.

680 Von Anbeginn an gab es in der Kirche verschiedene Ämter, was die Evangelisierung anbetrifft. Die Schriften des Neuen Testaments zeigen die Lebenskraft der Kirche, die in vielfältigen Diensten zum Ausdruck kommt. So erwähnt der heilige Paulus unter anderem folgendes: die Prophetengabe, die Diakonie, die Lehre, die Predigt, das Almosengeben, das Handeln als Vorsteher, die Barmherzigkeit (vgl. Röm 12, 6-8); in anderen Kontexten spricht er von Diensten, wie Weisheitsreden, Unterscheidung der Geister und anderes mehr (vgl. 1. Kor 12, 8-11; Eph 4, 11-12; 1. Thess 5, 12 ff.; Phil 1, 1). Ebenso werden in anderen Schriften des Neuen Testaments verschiedene Ämter beschrieben.

681 „Das kirchliche Dienstamt, von Gott eingesetzt, wird in verschiedenen Ordnungen Von jenen ausgeübt, die schon seit alters Bischöfe, Priester und Diakone heißen“ (LG 28). Sie bilden das hierarchische Amt und werden in dieses durch das Auflegen der Hände „im Sakrament der Weihe“ aufgenommen. Wie es das Zweite Vatikanische Konzil lehrt, wird durch das Sakrament der Weihe – der Bischofsweihe und Priesterweihe – ein Priesteramt übertragen, das sich wesentlich unterschiedet vom gemeinsamen Priestertum, an dem alle Gläubigen durch das Sakrament der Taufe teilhaben (vgl. LG 10); diejenigen, welche das hierarchische Amt empfangen, werden „aufgrund ihrer Funktionen“ als „Hirten“ in der Kirche eingesetzt. Wie der gute Hirte (vgl. Joh 10, 1-16) gehen sie vor den Schafen her, sie geben ihr Leben für sie hin, damit diese das Leben haben und es in Fülle haben; sie kennen ihre Schafe und ihre Schafe kennen sie.

682 „Vor den Schafen hergehen“ bedeutet, auf die Wege achten, auf denen die Gläubigen wandern, damit sie, durch den Geist geeint, vom Leben, vom Leiden, vom Tode und der Auferstehung Jesu Christi Zeugnis ablegen, der arm unter den Armen verkündete, dass wir alle Kinder des gleichen Vaters und daher Brüder sind.

683 „Das Leben hingeben“ weist auf das Ausmaß des „hierarchischen Amtes“ hin und ist der Beweis der größten Liebe; so lebt es Paulus, der in der Erfüllung seines Amtes Tag für Tag dem Tod anheimgegeben ist (vgl. 2. Kor 4, 11).

684 „Die Schafe kennen und von ihnen gekannt werden“ bedeutet nicht eine Beschränkung auf die Kenntnis der Bedürfnisse der Gläubigen. Kennen bedeutet sich selbst engagieren, es bedeutet lieben, wie jener liebte, der kam, nicht damit ihm gedient werde, sondern um selbst zu dienen (vgl. Mt 20, 25-28).

685 Wir bekräftigen erneut unsere Treue gegenüber allen Lehren, die wir vom Zweiten Vatikanischen Konzil, der Bischofssynode von 1971, der Konferenz von Medellin und den Richtlinien für die Bischöfe erhalten haben. Da wir sie für besonders wertvoll für die Evangelisierung in der Gegenwart und Zukunft Lateinamerikas halten, legen wir einige „Reflexionen“ über das Amt der Bischöfe, der Priester und der Diakone dar:

686 Der Bischof ist als Mitglied des Bischofskollegiums, dem der Papst vorsteht, Nachfolger der Apostel, und aufgrund seiner vollen Teilhabe am Priestertum Christi ist er das sichtbare und wirksame Zeichen Christi, dessen Stellvertreter er als Lehrer, Hirte und Oberster Priester ist (vgl. LG 21). Diese dreifache und untrennbare Aufgabe steht im Dienst der Einheit seiner Teilkirche und lässt Forderungen geistlicher und pastoraler Art entstehen, die heute hervorgehoben werden müssen.

687 Der Bischof ist der Lehrer der Wahrheit (vgl. Johannes Paul II. Eröffnungsansprache I, 6 AAS LXXI S. 192). In einer Kirche, die völlig im Dienste des Wortes steht, hat er die erste Stelle in der Evangelisierung inne, er ist der erste Katechet; keine andere Aufgabe kann ihn von dieser geheiligten Sendung befreien. Er meditiert über das Wort, er bildet sich in der Lehre fort, er predigt selbst dem Volk; er wacht darüber, dass seine Gemeinschaft ständig in der Kenntnis und der Ausübung des Wortes Gottes fortschreitet und er ermutigt und leitet alle, die in der Kirche lehren (um parallele Lehrämter von Personen und Gruppen zu vermeiden), und er fördert die Zusammenarbeit der Theologen, die ihr besonderes Charisma innerhalb der Kirche ausüben, unter Verwendung der ihnen eigenen theologischen Methodologie. Zu diesem Zweck bemüht er sich um seine theologische Fortbildung, um imstande zu sein, die Wahrheit klar zu erkennen. Er ist ständig zum Dialog mit ihnen bereit. All dies tut er in Gemeinschaft mit dem Papst und mit seinen Mitbrüdern im Bischofsamt, insbesondere mit denen der eigenen Bischofskonferenz.

688 Der Bischof ist Zeichen und Erbauer der Einheit (vgl. Johannes Paul II., Eröffnungsansprache II, 1 AAS LXXI S. 196). Er macht seine im Geist des Evangeliums ausgeübte Autorität zum Dienst an der Einheit; er fördert die Sendung der gesamten Diözesangemeinschaft; er fördert die Mitwirkung und Mitverantwortung auf verschiedenen Ebenen; er stärkt die Zuversicht seiner Mitarbeiter (insbesondere der Priester, denen er Vater, Bruder und Freund sein soll) (vgl. LG 28); er schafft in der Diözese ein solches Klima der organischen und geistlichen kirchlichen Gemeinschaft, dass alle Ordensleute ihre besondere Zugehörigkeit zur Diözesanfamilie leben können. Er unterscheidet und bewertet die Vielzahl und Vielfalt der Charismen in den Gliedern seiner Kirche, damit sie wirksam und vereint zum Wachstum und der Lebenskraft derselben beitragen; er ist an den Höhepunkten des Lebens seiner Teilkirche anwesend.

689 Der Bischof ist oberster Priester und heiligmachend. Er steht persönlich an erster Stelle in der Liturgie. Auf sein eigenes Zeugnis gestützt, fordert er die Heiligkeit aller Gläubigen als vornehmstes Mittel der Evangelisierung (vgl. EN 21, 41, 69); er sucht in der dem Sakrament der Weihe eigenen Gnade die Grundlage für die ständige Pflege des geistlichen Lebens, das in der persönlichen Liebe zu Christus seine Liebe zur Kirche und seine Hingabe in der opferbereiten Sorge für die Schafe fördert; ihm liegt das geistliche Leben seiner Priester und Ordensleute am Herzen; er lässt sein Leben, das freudig, bescheiden und einfach ist und in dem er dem Volk so nahe wie möglich ist, zu einem Zeugnis für Christus, den Hirten, und zu einem Mittel des Dialogs mit allen Menschen werden.

690 Durch das Sakrament der Weihe werden die Priester zu den vornehmlichsten Mitarbeitern der Bischöfe für deren dreifaches Amt: sie machen Christus als Haupt in mitten der Gemeinschaft gegenwärtig (vgl. PO 2); sie bilden, zusammen mit ihrem Bischof und in sakramentaler Brüderlichkeit verbunden, ein einziges Presbyterium, das sich verschiedenen Aufgaben im Dienst für die Kirche und für die Welt widmet (vgl. LG 28). Dies macht ihre Aufgabe zu „Schwerpunkten der kirchlichen Aufgabe“ (Johannes Paul II, Ansprache Priester, 1. AAS LXXI S. 179).

691 Obwohl die zuvor beschriebenen Züge pastoraler Spiritualität vor allem mit dem Bischofsamt untrennbar verbunden sind, gelten sie doch auch für das Priesteramt. In der gegenwärtigen Situation der Kirche in Lateinamerika hat folgendes Vorrang:

692 Der Priester kündigt das Reich Gottes an, das auf dieser Welt beginnt und zu seiner Fülle gelangt, wenn Christus kommt am Ende der Zeiten. Um des Dienstes an diesem Reich willen gibt er alles auf, um seinem Herrn zu folgen. Ein Zeichen für diese völlige Hingabe ist der Zölibat, der eine Gabe Christi selbst ist und Garantie für eine opferbereite und freiwillige Hingabe im Dienst der Menschen.

693 Der Priester ist ein Mann Gottes. Er kann nur in dem Umfang Prophet sein, in dem er die Erfahrung des lebendigen Gottes gemacht hat. Nur diese Erfahrung macht ihn zum Träger eines Wortes, das stark genug ist, um das Leben des einzelnen und der Gesellschaft in Übereinstimmung mit dem Ratschluss des Vaters zu verwandeln.

694 Das Gebet in allen seinen Formen, und insbesondere das Brevier, das die Kirche dem Priester anvertraut, hilft ihm, diese Gotteserfahrung aufrechtzuerhalten, die er mit seinen Brüdern teilen muss.

695 Gleich dem Bischof verkündigt der Priester in Gemeinschaft mit ihm das Evangelium, feiert das heilige Opfer und dient der Einheit.

696 Als Hirte engagiert er sich für die umfassende Befreiung der Armen und der Unterdrückten, und sein Handeln ist dabei stets von den Maßstäben des Evangeliums gekennzeichnet (vgl. EN 18). Er glaubt an die Kraft des Geistes, um nicht der Versuchung zu verfallen, politischer Führer zu werden, eine führende Rolle in der Gesellschaft zu übernehmen oder Beamter einer zeitlichen Macht zu werden; dieses würde ihn daran hindern, „Zeichen und Elemente der Einheit und der Brüderlichkeit zu sein“ (Johannes Paul II., Ansprache an die Priester, B. AAS LXXI S. 182).

697 Der Diakon, der Mitarbeiter des Bischofs und des Priesters, empfängt eine eigene sakramentale Gnade. Das Charisma des Diakons, sakramentales Zeichen des „dienenden Christus“, hat eine weitreichende Wirkung bei der Verwirklichung einer dienenden und armen Kirche, die ihre missionarische Funktion zugunsten der umfassenden Befreiung des Menschen ausübt.

698 Die Sendung und Aufgabe des Diakons ist nicht nach rein pragmatischen Maßstäben zu bewerten, nach diesen oder jenen Handlungen, die durch nichtgeweihte Diener (vgl. EN 73) oder durch einen jeden Getauften ausgeführt werden können; sie kann ebenso wenig allein als eine Lösung für den zahlenmäßigen Priestermangel (vgl. LG 29) gesehen werden, unter dem Lateinamerika leidet: die Zweckmäßigkeit seiner Aufgabe liegt darin, wirksam dazu beizutragen, dass die Kirche ihre Heilssendung (vgl. AG 16) besser erfüllen kann durch eine entsprechende Wahrnehmung ihres Verkündigungsauftrags.

699 Die Einführung des Ständigen Diakonats, die von der Mehrheit unserer Bischofskonferenzen bereits vom Heiligen Stuhl erbeten wurde, muss auf dem Weg der Suche „nach dem Neuen und dem Alten“ verwirklicht werden. Es handelt sich nicht nur darum, den ursprünglichen Diakonat wiederherzustellen, sondern es geht darum, in die Traditionen der Universalkirche und in die besonderen Realitäten unseres Kontinents tiefer einzudringen, indem auf diese zweifache Weise (vgl. EN 73) die Treue gegenüber dem kirchlichen Erbe und eine gesunde pastorale Kreativität bei der Durchführung der Verkündigung des Evangeliums gefördert wird.

700 Die Spiritualität in der Amtsausübung, die allen Gliedern der Hierarchie gemeinsam ist, muss in der Eucharistie ihren Mittelpunkt sehen und von einer wahrhaften Verehrung der Allerheiligsten Jungfrau Maria gekennzeichnet sein, die in dem Volk, das wir evangelisieren, tief verwurzelt ist und eine Garantie bietet für beständige Treue, die das Hauptmerkmal des Verkündigungsträgers ist (vgl. Johannes Paul II., Homilie Mexico, AAS LXXI S. 164).

Pastorale Richtlinien

Die Bischöfe

Wir verpflichten uns,

701 zu stets freudiger, mutiger und demütiger Erfüllung unseres Verkündigungsdienstes als vorrangige Aufgabe unseres Bischofsamtes auf dem Wege, der von den großen Hirten und Missionaren des Kontinents eröffnet und beleuchtet worden ist;

702 zur Annahme der bischöflichen Kollegialität in all ihren Dimensionen und Konsequenzen auf regionaler und universaler Ebene;

703 zur Förderung der Einheit der Teilkirche um jeden Preis, mit der Urteilskraft des Geistes, um den Reichtum an Charismen weder zu ersticken noch zu uniformieren und der Förderung der organischen Pastoral und der Belebung der Gemeinschaften besondere Bedeutung beizumessen;

704 den Priester- und Pastoralräten und übrigen Pastoralorganen die Beschaffenheit und Funktionsfähigkeit zu geben, die das geistliche und pastorale Wachstum der Priester erfordert;

705 nach Formen des Zusammenschlusses der Priester zu suchen, die in abgelegenen Gebieten tätig sind, um ihre Isolierung zu verhüten und eine stärkere pastorale Effizienz zu begünstigen. Es wird empfohlen, insbesondere die Militärgeistlichen zu berücksichtigen, damit sie an den Orten, wo sie ihr Priesteramt ausüben, sich hinsichtlich der Pastoral in die Diözesanpriesterschaft integrieren;

706 uns aufgrund der Forderung des Evangeliums und in Einklang mit unserer Sendung einzusetzen für die Förderung der Gerechtigkeit und den Schutz der Würde und der Rechte der menschlichen Person (vgl. Johannes Paul II., Eröffnungsansprache III, AAS LXXI S. 198);

707 in völliger Treue zum Evangelium und ohne dabei unser Charisma, Zeichen der Einheit und Hirte zu sein, aus den Augen zu verlieren, durch unser Leben und unsere Haltung sichtbar zu machen, dass unsere Evangelisierung und unser Dienst insbesondere den Armen gilt;

708 unsere besondere Aufmerksamkeit dem Seminar zu widmen, angesichts seiner Bedeutung für die Priesterausbildung, von denen zu einem großen Teil die „erstrebte Erneuerung der gesamten Kirche“ (OT Vorwort) abhängt, ihnen die besten und geeignetsten Priester zu geben; mit allen Mitteln danach zu trachten, sowohl die Erzieher wie auch die Alumnen besser kennenzulernen und stärkere Kontakte mit ihnen zu pflegen;

709 wirksam nach einer Lösung für die schwierige wirtschaftliche Situation der Priester durch eine angemessene Bezahlung und soziale Sicherheit zu suchen und nötigenfalls zu diesem Zweck im überdiözesanen Bereich auf nationaler und internationaler Ebene im Geist christlicher Güterverteilung Initiativen zu ergreifen;

710 objektiv das Phänomen der Niederlegung des Priesteramtes mit seinen Ursachen und Folgen für das Leben der Kirche zu untersuchen, wobei wir uns nach dem Kriterium der Synode von 1971 richten, die fordert, dass von pastoralem Standpunkt aus diejenigen, die das Priesteramt aufgegeben haben, „gerecht und brüderlich“ behandelt werden und im Dienste der Kirche mitwirken können, wenngleich „sie nicht zur Ausübung von priesterlichen Tätigkeiten zugelassen sind“ (Das Priesteramt, II, 4, d).

Die Priester

711 Die Priester sollen bei der Ausübung ihres Amtes vorrangig Wert darauf legen, allen Menschen das Evangelium zu verkünden, insbesondere aber den Bedürftigsten (Arbeitern, Bauern, Indios, Randgruppen, afroamerikanische Gruppen), indem sie deren menschliche Würde nach Kräften fördern und verteidigen.

712 Die missionarische Vitalität in den Priestern möge erneuert werden; sie sollten zu einer Haltung großzügiger Bereitschaft veranlasst werden, um der gegenwärtigen ungleichmäßigen Verteilung des Klerus wirksam entsprechen zu können.

713 Der Arbeit der Evangelisierung in der Familie und der Jugend und der Förderung von Priester- und Ordensberufungen sollen sie ebenfalls Vorrang geben.

714 Die Priester sollen sich zur Eingliederung der Laien und der Ordensfrauen in die Pastoral und deren ständig wachsender Beteiligung verpflichten, indem sie ihnen die notwendige geistliche Unterstützung und Begleitung im Bereich der Lehre zu teil werden lassen.

Ständige Diakone

715 Der Diakon möge sich voll in die Gemeinde eingliedern, der er dient, und ständig die Gemeinschaft dieser mit dem Priester und dem Bischof fördern. Außerdem soll er die von Laien ausgeübten Ämter achten und fördern.

716 Die Gemeinde soll eine wichtige Rolle bei der sorgsamen Auswahl der Bewerber für den Diakonat innehaben. Der Diakon soll in angemessener und kontinuierlicher Form ausgebildet werden, und seine eigene Familie, die Gemeinde, die ihn aufnimmt, die Priesterschaft und die Laien sollen in der richtigen Weise vorbereitet werden.

717 Für ein gerechtes Entgelt der ständigen Diakone, die sich voll dem Seelsorgedienst widmen, ist Sorge zu tragen.

718 Studien sind zu fördern, um die theologischen, kanonischen und pastoralen Aspekte des Ständigen Diakonats zu vertiefen, und für die angemessene Verbreitung dieser Studien ist Sorge zu tragen.

Ständige Weiterbildung

719 Die in der Weihe empfangene Gnade, die ständig neu belebt werden muss (vgl. 2. Tim 1, 6-7), und die Aufgabe der Evangelisierung fordern von den hierarchischen Amtsträgern eine ernsthafte und ständige Weiterbildung, die nicht auf den intellektuellen Bereich beschränkt werden darf, sondern alle Aspekte ihres Lebens umfassen muss.

720 Ziel dieser Ausbildung, die dem Alter und den jeweiligen Umständen des Betreffenden Rechnung tragen muss, ist das folgende: die hierarchischen Diener müssen dazu befähigt werden, im Rahmen der Erfordernisse ihrer Berufung und Sendung und in Übereinstimmung mit der lateinamerikanischen Realität als Einzelpersonen und in der Gemeinschaft einen ständigen Fortbildungsprozess zu leben, der ihnen die pastorale Befähigung für die Ausübung des Amtes verleiht.

Das Ordensleben

721 Das Ordensleben ist in sich selbst Verkündigungsträger in Richtung auf die Gemeinschaft und Mitbeteiligung in Lateinamerika.

Tendenzen des Ordenslebens in Lateinamerika

722 Es ist ein Grund zur Freude für uns Bischöfe, die Anwesenheit und die dynamische Wirkkraft so vieler Ordensleute feststellen zu können, die in Lateinamerika ihr Leben wie auch bereits in der Vergangenheit ganz dem Verkündigungsauftrag widmen. Wir können mit Paul VI. sagen: „Man findet sie oft an der vordersten Missionsfront, und sie nehmen größte Risiken für Gesundheit und Leben auf sich. Ja, wahrhaftig, die Kirche schuldet ihnen viel“ (EN 69). Dies veranlasst uns dazu, das Ordensleben zu fördern und zu begleiten im Rahmen seiner besonderen Merkmale (vgl. MR 9).

723 Aus der gesamten Erfahrung des Ordenslebens in Lateinamerika wollen wir nur die bedeutsamsten und auf eine Erneuerung gerichteten Tendenzen hervorheben, die der Geist in der Kirche erweckt, und außerdem einige der Schwierigkeiten aufzeigen, die die Krise in den letzten Jahren mit sich brachte.

724 Wenn wir unmittelbar auf das Ordensleben Bezug nehmen, so wollen wir den Säkularinstituten und den übrigen Formen des gottgeweihten Lebens damit sagen, dass sie hier viele Ideen und Erfahrungen finden, die auch sie betreffen. Die Kirche Lateinamerikas betrachtet ihre Art der Weihe für Gott und ihre „Säkularität“ als ein besonderes wertvolles Mittel, um die Gegenwart und die Botschaft Christi in alle menschliche Bereiche zu bringen.

725 Das Ordensleben insgesamt stellt die besondere Art der Evangelisierung dar, die den Ordensleuten eigen ist. Wenn wir also auf diese Aspekte hinweisen, fassen wir den Beitrag der Ordensleute zur Evangelisierung zusammen. Dabei stellen wir insbesondere folgende Tendenzen fest:

a) Gotteserfahrung

726 Es gibt gewisse Anzeichen, die auf den Wunsch nach Verinnerlichung und Vertiefung des Glaubenserlebnisses hindeuten. Sie beruhen auf der Feststellung, dass ohne Kontakt zum Herrn eine überzeugende und nachhaltige Evangelisierung nicht möglich ist.

727 Man versucht, das Gebet zu einer aktiven Lebensbestätigung werden zu lassen, so dass sich Gebet und Leben gegenseitig bereichern: Gebet, das zum Einsatz im realen Leben führt und Erleben der Wirklichkeit, das Augenblicke intensiven Gebetes erfordert. Neben dem Bemühen um verinnerlichtes Gebet wird insbesondere das Gemeinschaftsgebet angestrebt, bei dem man sich in gemeinsamem Gebet mit dem Volk gegenseitig seine Glaubenserfahrungen mitteilt und die jeweilige Wirklichkeitslage beurteilt.

728 Dieses Gebet muss sichtbar und begeisternd sein. Von neuem wird der Sinn der großen Tradition der Kirche entdeckt, mit Psalmen und liturgischen Texten zu beten, insbesondere bei der Teilnahme an der Eucharistiefeier. Das Gleiche geschieht im Falle anderer traditioneller Gebetsformen, wie dem Rosenkranz.

729 Es muss zugegeben werden, dass einige Ordensleute nicht die Integration von Leben und Gebet erreicht haben, insbesondere, wenn sie durch ihre Aktivität zu sehr in Anspruch genommen werden und bei ihrer Eingliederung der Freiraum für die Verinnerlichung fehlt oder wenn sie eine falsche Spiritualität leben.

b) Brüderliche Gemeinschaft

730 Man trachtet danach, die brüderlichen Beziehungen als zwischenmenschliche herauszustellen, in denen Freundschaft, Aufrichtigkeit und Reife unverzichtbare menschliche Grundlage für das Zusammenleben sind; dabei soll die Dimension des Glaubens, da der Herr es ist, der ruft, ein einfacherer und von mehr Wärme gekennzeichneter Lebensstil, wie auch der Dialog und die Mitbeteiligung zum Tragen kommen.

731 Es gibt verschiedene Formen des gemeinsamen Lebens. Für gewisse Hilfsleistungen und in Übereinstimmung mit den verschiedenen Charismen zur Ordensgründung gibt es zahlreiche Gemeinschaften. Darüber hinaus entstehen „kleine Gemeinschaften", die im allgemeinen auf den Wunsch zurückzuführen sind, sich in die von einfachen Menschen bewohnten Stadtviertel oder in die Landbevölkerung oder in eine besondere Verkündigungsmission einzugliedern. Die Erfahrung zeigt, dass diese kleinen Gemeinschaften gewisse Bedingungen sicherstellen müssen, wenn sie Erfolg haben sollen. Hierzu gehören die Motivation vom Evangelium her, persönliche Kommunikation, das gemeinsame Gebet, die apostolische Arbeit, Bewertungen, sowie die Integrierung in das Institut und die Diözese durch den Dienst der Autorität, der unentbehrlich ist.

732 Besondere Schwierigkeiten ergeben sich heute aus dem engen Beieinandersein und den unterschiedlichen Mentalitäten, wenn der Sinn für den Glauben abnimmt oder der notwendige Pluralismus nicht respektiert wird.

c) Vorrangige Entscheidung für die Armen

733 Die offene Seelsorge durch karitative Werke und die vorrangige Entscheidung für die Armen ist die bemerkenswerteste Tendenz des lateinamerikanischen Ordenslebens. Im wachsenden Maße sind die Ordensleute in vernachlässigten und schwierigen Gebieten sowie in den Indio-Missionen in ihrer stillen und demütigen Arbeit tätig. Die Entscheidung für diese Gruppen stellt nicht die Ausschließung anderer dar, sondern ist eine besondere Hinwendung und Annäherung an die Armen.

734 Dies hat zu einer Überprüfung traditioneller Hilfswerke geführt, um den Erfordernissen der Evangelisierung besser gerecht werden zu können. Auf diese Weise ist die Beziehung der Ordensleute zu der Armut der Randgruppen klarer zutage getreten, da sie ja nicht nur innere Selbstlosigkeit und Strenge im gemeinsamen Leben bedeutet, sondern auch erfordert, sich mit dem Armen zu solidarisieren, mit ihm zu teilen und zuweilen auch mit ihm zusammenzuleben.

735 Diese Entscheidung führt jedoch auch zu negativen Auswirkungen, wenn es an der angemessenen Vorbereitung und der Unterstützung durch die Gemeinschaft, der persönlichen Reife oder der Motivation vom Evangelium her mangelt. In nicht wenigen Fällen wohnte dieser Entscheidung die Gefahr inne, falsch interpretiert zu werden.

d) Eingliederung in das Leben der Teilkirche

736 Das Wiederentdecken und Erleben des Geheimnisses der Teilkirche ist gegenwärtig festzustellen, ebenso der wachsende Wunsch der Mitbeteiligung, durch den Beitrag des Reichtums des eigenen Berufungscharismas. Dies führt zu einer stärkeren Eingliederung in die Gesamtpastoral und zu einer vermehrten Mitbeteiligung in den diözesanen und überdiözesanen Organisationen und Hilfswerken.

737 Jedoch entstehen auch Spannungen, zuweilen innerhalb der Gemeinschaften, zuweilen zwischen diesen und den Bischöfen. Es besteht die Gefahr, die pastorale Sendung des Bischofs oder das dem Institut eigene Charisma aus den Augen zu verlieren, es kann am Dialog und an einer gemeinsamen klaren Entscheidung mangeln, wenn es um eine Überprüfung der Werke oder um den Wechsel des Personals im Dienst der Diözese geht. Mit Sorge erfüllt uns das Aufgeben von Hilfswerken ohne vorherige Absprache, die traditionell in den Händen der religiösen Gemeinschaften lagen, wie Schulen, Hospitäler u. a.

738 Die kontemplativen Gemeinschaften bilden gleichsam das Herz des religiösen Lebens. Sie beseelen und regen alle an, den transzendenten Sinn des christlichen Lebens zu vertiefen. Auch sie wirken in der Evangelisierung, denn „das beschauliche Leben setzt keinen radikalen Bruch mit der Welt oder mit dem Apostolat voraus. Wer beschaulich lebt, muss auf seine spezifische Art zur Ausbreitung des Reiches Gottes beitragen" (Johannes Paul II., Ansprache an die Ordensfrauen in Guadalajara, 2 AAS LXXI S. 226).

Kriterien

a) der Heilsplan Gottes

739 Das Ordensleben, das seit langer Zeit in den Völkern Lateinamerikas verwurzelt ist, ist eine Gabe, die der Geist unaufhörlich seiner Kirche als ein „besonderes Mittel wirksamer Evangelisierung" gewährt (EN 69).

740 Da es das Ziel des Vaters ist, unsere Geschichte von der Sünde, die der Keim der Unwürdigkeit und des Todes ist, zu befreien, erwählt er in seinem Sohn durch den Geist getaufte Frauen und Männer für die völlige Nachfolge Jesu Christi innerhalb der Kirche.

741 Und da sich die Universalkirche in den Teilkirchen verwirklicht (vgl. CD 11), wird in diesen für das Ordensleben die Beziehung der lebendigen Gemeinschaft und der kirchlichen Verpflichtung zur Evangelisierung konkret. Mit den Teilkirchen teilen die Ordensleute die Mühen, die Leiden, die Freuden und die Hoffnungen auf die Erbauung des Reiches und in sie bringen sie den Reichtum ihrer besonderen Charismen als Gabe des evangelisierenden Geistes ein. In den Teilkirchen begegnen sie ihren Brüdern, unter denen der Bischof den Vorsitz führt, dem „das Amt obliegt, zu unterscheiden und die Harmonie herzustellen" (MR 6).

b) Berufen zur radikalen Nachfolge Christi

742 Vom Herrn berufen (vgl. Mt 4, 18-21), verpflichten sie sich, ihm radikale Nachfolge zu leisten, indem sie sich mit ihm auf der Grundlage der Seligpreisungen identifizieren, wie es der Papst zum Ausdruck brachte: „Vergeßt niemals, dass ihr, wenn ihr an einem klaren Konzept vom Wert eures gottgeweihten Lebens festhalten wollt, dazu die tiefe Sicht des Glaubens braucht, der sich im Gebet nährt und fest bleibt (vgl. PC 6). Dies hilft euch auch, alle Ungewissheit über eure Identität zu überwinden und treu zu der vertikalen Dimension eures Lebens zu stehen, die für euch wesentlich ist. So könnt ihr euch für Christus entscheiden, innerlich glücklich sein und werdet ihr zu echten Zeugen des Reiches Gottes für die Menschen in der Welt von heute“ (Johannes Paul II., Ansprache an die Ordensfrauen, 4 AAS LXXI S. 178).

743 Durch ihre Weihe nehmen sie aufgrund der Gemeinschaft mit dem Vater freudig das Geheimnis der Erniedrigung und der österlichen Erhöhung an (vgl. Phil 2, 3-11). Daher verleugnen sie sich selbst im umfassenden Sinn und nehmen das Kreuz des Herrn als das eigene auf sich (vgl. Mt 16, 24), das auf ihnen lastet, und wandern an der Seite derer, die unter der Ungerechtigkeit, unter dem Fehlen des tiefen Sinns der menschlichen Existenz und unter dem Hunger nach Frieden, Wahrheit und Leben leiden. Auf diese Weise teilen sie ihren Tod und werden mit ihnen auch voller Freude der Auferstehung für ein neues Leben teilhaftig; indem sie alles für alle sind, stehen ihnen die Armen am nächsten, denen die besondere Vorliebe des Herrn gilt.

744 Sie sind insbesondere dazu berufen, in einer innerlichen Gemeinschaft mit dem Vater zu leben, der sie mit seinem Geist erfüllt und sie dazu drängt, die ständig erneuerte Gemeinschaft unter den Menschen zu erbauen. Das Ordensleben ist so ein prophetisches Zeichen für den hohen Wert der Gemeinschaft mit Gott unter den Menschen (ET 53) und „ein hervorragendes Zeugnis dafür, dass die Welt nicht ohne den Geist der Seligpreisungen verwandelt und Gott dargebracht werden kann“ (LG 31).

745 Indem sie Maria als Vorbild des gottgeweihten Lebens und als Fürsprecherin haben, sollen die Ordensleute das Wort Gottes durch ihr Leben verlebendigen und, gleich Maria, zusammen mit ihr den Menschen in ständiger Evangelisierung anbieten.

746 Ihre radikale Hingabe an den über alles geliebten Herrn und Gott und an den Dienst am Menschen erhält Ausdruck und Gestalt durch die evangelischen Räte, die sie durch Gelübde und weitere geheiligte Bande annehmen, die sie „auf besondere Weise mit der Kirche und ihrem Geheimnis verbinden“ (LG 44).

747 Da sie auf diese Weise in Armut leben wie der Herr, und da sie wissen, dass Gott der einzige absolute ist, teilen sie ihre Güter, sie verkünden, dass Gott und seine Gaben nicht verdient werden können, und auf diese Weise setzen sie die neue Gerechtigkeit ein und verkünden „auf besondere Weise“, dass das Reich Gottes über allem Irdischen und selbst seinen höchsten Ansprüchen steht (LG 44); mit ihrem Zeugnis klagen sie im Geist des Evangeliums jene an, die dem Geld und der Macht dienen und die egoistisch jene Güter für sich beanspruchen, die Gott dem Menschen zum Wohl der gesamten Gemeinschaft gewährt.

748 Ihr gottgeweihter Gehorsam, den sie mit Selbstverleugnung und Stärke „als Opfer ihrer selbst“ (PC 14) leben, soll Ausdruck der Gemeinschaft mit dem Heilswillen Gottes sein und weist anklagend auf jegliches Vorhaben in der Geschichte hin, das sich von Gottes Plan entfernt und dem Menschen nicht zum Wachsen in seiner Würde als Kind Gottes verhilft.

749 In einer Welt, in der die Liebe ihrer Fülle entleert wird, wo die Zwietracht allenthalben die Abstände vergrößert und das Vergnügen als Idol verehrt wird, dort werden diejenigen, die durch ihre geweihte Keuschheit Gott in Christus angehören, ein Zeugnis für den befreienden Bund Gottes mit dem Menschen sein und im Schoß ihrer Teilkirche werden sie die Gegenwart der Liebe sein, mit der „Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat“ (Eph 5, 25). Sie werden schließlich für alle ein leuchtendes Zeichen der eschatologischen Befreiung sein, die in der Hingabe an Gott und in der neuen und universalen Solidarität mit den Menschen gelebt wird.

750 Auf diese Weise „kann dieses stille Zeugnis der Armut und Entäußerung, der Reinheit und Transparenz, der Hingabe im Gehorsam zugleich eine Herausforderung an Welt und Kirche selbst werden, eine beredte Predigt, die sogar den Nichtchristen guten Willens, die für gewisse Werte aufgeschlossen sind, nahegehen kann“ (EN 69).

751 In einem Leben des ständigen Gebets sind sie dazu berufen, ihren Brüdern den hohen Wert und die apostolische Wirksamkeit der Einheit mit dem Vater vor Augen zu führen (vgl. Johannes Paul II., Ansprache an die Ordensoberen, 24. November 1978).

752 Die brüderliche Gemeinschaft mit all ihren Anforderungen, zu der die Ordensleute berufen sind, ist das Zeichen der verwandelnden Liebe, die der Geist in ihre Herzen ausgießt und die stärker ist als die Bande des Fleisches und des Blutes.

753 Unterschiedliche Menschen, die zuweilen verschiedenen Nationen angehören, nehmen in engster Brüderlichkeit am gleichen Leben und der gleichen Sendung teil. So bemühen sie sich durch ihr beredtes Zeugnis für das Leben des dreifaltigen Gottes in seiner Kirche um die kirchliche Gemeinschaft und wirken als Ferment der Gemeinschaft unter den Menschen und als Ferment der Teilhabe an den Gütern Gottes.

754 Wenn alle Getauften dazu berufen worden sind, an der Sendung Christi teilzuhaben, sich ihren Brüdern zu öffnen und für die Einheit innerhalb und außerhalb der kirchlichen Gemeinschaft zu wirken (vgl. Gal 3, 26-28), um wieviel mehr sind diejenigen dazu berufen, die Gott sich selbst geweiht hat. Diese sind dazu aufgefordert, das neue Gebot als unverdiente Gabe für alle Menschen zu leben, „mit unparteiischer Liebe, die niemanden ausschließt, obwohl sie sich mit Vorzug den Ärmsten zuwendet“ (Johannes Paul II., Ansprache an die Priester, 7 AAS LXXI S. 181).

755 So entstehen die Dienste, zu denen der Geist den Anstoß gibt, als Ausdruck der Erlösung Jesu Christi (vgl. 1. Kor 12, 4-14; Eph 4, 10; Röm 12, 4), die, obgleich sie von einzelnen Menschen vollbracht werden, von der ganzen Gemeinschaft angenommen werden. Gedrängt durch die Liebe Christi, sind sie das Ferment des missionarischen Bewusstseins innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft, wenn sie ihre Bereitschaft für eine Entsendung an Orte und in Situationen bekunden, wo die Kirche eine größere und opferbereitere Hilfe benötigt (vgl. EN 69).

756 Der Reichtum des Geistes kommt in den Charismen der Ordensgründer zum Ausdruck, die durch alle Zeiten hindurch entstanden sind als Ausdruck der Kraft seiner Liebe, die willig den Bedürfnissen der Menschen entgegenkommt (vgl. LG 46). 757 Die Treue gegenüber dem eigenen Charisma ist also eine konkrete Form des Gehorsams gegenüber der erlösenden Gnade in Christus und der Heiligung mit ihm zur Erlösung seiner Brüder, sei es im Bereich der Erziehung, im Gesundheits- oder Sozialdienst, im Pfarrdienst oder im Bereich der Kultur, der Kunst usw. Auf diese Weise wird der Heilige Geist gegenwärtig, der die Menschen mit seinem vielfältigen Reichtum evangelisiert.

Option für ein stärker der Evangelisierung gewidmetes Ordensleben

758 Geleitet von den Apostolischen Schreiben „Evangelii Nuntiandi“, „Evangelica Testificatio“ und durch das Dokument „Mutuae Relationes“, verpflichten wir uns mit den Ordensoberen dazu, die folgenden Optionen zu verwirklichen:

a) Vertiefung des Ordenslebens

759 Bestärkung des Erlebens totaler und radikaler Hingabe an Gott durch geeignetere Mittel, wobei zwei untrennbare, einander ergänzende Aspekte mitspielen: die opferbereite und totale Auslieferung und Überantwortung an Gott und der Dienst für die Kirche und für alle Menschen.

760 Förderung der Gebetstätigkeit und Kontemplation, die aus dem Wort des Herrn entstehen, das unter den konkreten Umständen unserer Geschichte vernommen und gelebt werden muss.

761 Wertung des evangelisierenden Zeugnisses des Ordenslebens als lebendiger Ausdruck der Werte des Evangeliums, die in den Seligpreisungen angekündigt werden.

762 Ständige Neubelebung des Ordenslebens durch die Treue gegenüber dem eigenen Charisma und dem Geist der Gründer, indem den jeweils neuen Bedürfnissen des Gottesvolkes Rechnung getragen wird.

763 Mut zu einer entsprechenden Auswahl unter den Berufungen, unter Berücksichtigung einer vollen und bewussten Entscheidung und entsprechender Befähigung zu einem Dienst der Evangelisierung in Gegenwart und Zukunft Lateinamerikas. Daher ist für eine gründliche Ausbildung und ständige Weiterbildung Sorge zu tragen, die den besonderen Bedingungen und Veränderungen unserer Realität entsprechen.

b) Das Ordensleben als Ausdruck der Gemeinschaft

764 Bestärkung der Brüderlichkeit innerhalb der Gemeinschaften und Förderung der zwischenmenschlichen Beziehungen, die die Integrierung ermöglichen und zu einer stärkeren Gemeinschaft und besseren Zusammenarbeit im Rahmen der Sendung führen. Die Bereitschaft für die Beziehungen zwischen den Kongregationen ist zu wecken, in denen unter Achtung der Vielfalt der einzelnen Charismen und der Bestimmungen des Heiligen Stuhles die Einheit wachsen soll.

765 Schaffung eines Klimas organischer, kirchlicher und geistlicher Gemeinschaft mit dem Bischof als Mittelpunkt in den Diözesen, das es den Ordensgemeinschaften erlaubt, ihre besondere Zugehörigkeit zur Diözesan-Familie zu leben und das insbesondere die Ordenspriester zu der Überzeugung hinführt, dass sie Mitarbeiter der bischöflichen Ordnung sind und in gewisser Weise dem Diözesan-Klerus angehören (vgl. CD 34). Hierzu ist ein gemeinsames Studium der kirchlichen Dokumente erforderlich, insbesondere des Dokuments über die „Beziehungen zwischen den Bischöfen und den Ordensleuten in der Kirche“.

766 Förderung der vollen Treue gegenüber dem Lehramt der Kirche, wobei jede Haltung in bezug auf die Lehre oder Pastoral, die sich von den Richtlinien dieses Lehramts unterscheidet, zu vermeiden ist (vgl. Johannes Paul II., Eröffnungsansprache I, 7. AAS LXXI S. 193).

767 Förderung der Kenntnis der Theologie der Teilkirche unter den Ordensleuten und der Kenntnis der Theologie des Ordenslebens unter dem Diözesan-Klerus, um eine echte organische Pastoral auf der Ebene der Diözese und der Bischofskonferenz zu stärken (vgl. MR 36-37).

768 Aufnahme institutionalisierter Beziehungen zwischen den Bischofskonferenzen und den übrigen kirchlichen Organen einerseits und den nationalen Konferenzen der Ordensoberen und den übrigen Organen der Ordensleute andererseits, in Übereinstimmung mit den Richtlinien des Heiligen Stuhls für die Beziehungen zwischen den Bischöfen und den Ordensleuten in der Kirche.

c) Stärkere Verpflichtung für die Sendung

769 Ermutigung der Ordensleute, sich in besonderer Weise für die Armen zu verpflichten, auf der Grundlage der Worte Johannes Pauls II., der sagte: „Ihr seid Priester und Ordensleute, nicht soziale oder politische Führer oder Funktionäre einer weltlichen Gewalt. Daher wiederhole ich: Bilden wir uns nicht ein, es wäre ein Dienst am Evangelium, wenn wir unser priesterliches Charisma zu ,verwässern’ versuchen durch ein übertriebenes Interesse für das weite Gebiet der irdischen Probleme“ (Johannes Paul II., Ansprache an die Priester, B. AAS LXXI S. 182).

770 Anregung der Ordensmänner und Ordensfrauen, mit ihrer Tätigkeit der Evangelisierung die Bereiche der Kultur, der Kunst, der Medien und der Förderung des Menschen zu erfassen, um ihren spezifischen evangelischen Beitrag in Übereinstimmung mit ihrer Berufung und ihrer besonderen Stellung in der Kirche anzubieten.

771 Erweckung der Bereitschaft unter den Ordensleuten, innerhalb der Teilkirche die Vorhut der Evangelisierung in treuer Gemeinschaft mit ihren Hirten und mit ihrer Kommunität und in Treue zum Charisma ihrer Gründung zu bilden.

772 Ermutigung, ihrem ursprünglichen Charisma treu zu bleiben und es zu aktualisieren und an die Erfordernisse des Gottesvolkes anzupassen, um dadurch den karitativen Werken eine stärkere evangelisierende Kraft zu vermitteln.

773 Erneuerung der missionarischen Vitalität der Ordensleute und einer großzügigen Bereitschaftshaltung, die sie zu wirksamen und konkreten Antworten auf das Problem der gegenwärtigen ungleichen Verteilung der Kräfte der Evangelisierung veranlasst.

Säkularinstitute

774 Was insbesondere die Säkularinstitute angeht, so ist es wichtig, daran zu erinnern, dass deren spezifisches Charisma darin besteht, auf unmittelbare Weise Antwort zu geben auf die große Herausforderung, die der gegenwärtige kulturelle Wandel für die Kirche darstellt. Sie müssen Schritte in Richtung auf Formen eines säkularisierten Lebens unternehmen, die die städtisch-industrielle Welt erfordert, gleichzeitig aber vermeiden, dass die Säkularisierung zum Säkularismus wird.

775 Der Geist hat in unserer Zeit jene neue Form des Ordenslebens entstehen lassen, den die Säkularinstitute darstellen, um durch sie in gewissem Umfang dazu beizutragen, die Spannung zwischen der wirklichen Öffnung für die Werte der modernen Welt (echte christliche Säkularität) und der vollen und tiefen Herzenshingabe an Gott (Geist der Weihe) zu lösen. Wenn diese Institute ihren Standort inmitten der Konflikte einnehmen, so können sie ein wertvoller pastoraler Beitrag für die Zukunft werden und dazu beitragen, neue, allgemein gültige Wege für das Gottesvolk zu eröffnen.

776 Auf der anderen Seite setzt gerade die Problematik, die die Säkularinstitute zu lösen versuchen, sowie ihre mangelnde Verwurzelung in einer bereits bewährten Tradition diese Institute stärker den Krisen unserer Zeit und der Ansteckung durch den Säkularismus aus, als die übrigen Formen des Ordenslebens. Sowohl die Hoffnung, als auch die Risiken, die ihre Lebensform beinhaltet, müssen den lateinamerikanischen Episkopat dazu veranlassen, ihre Entwicklung mit besonderer Sorgfalt zu fördern und zu unterstützen.

Laien

Mitwirkung der Laien am kirchlichen Leben und an der Sendung der Kirche in der Welt

Die Situation

777 Da wir feststellen, dass innerhalb der lateinamerikanischen Kirche das Bewusstsein für die Notwendigkeit der Präsenz der Laien in der Aufgabe der Evangelisierung wächst, gilt unser Wort der Ermutigung den zahlreichen Laien, die durch ihr Zeugnis der christlichen Hingabe zur Erfüllung der Aufgabe der Evangelisierung beitragen und die dabei mitwirken, das sichtbare Antlitz einer Kirche zu prägen, die sich der Förderung der Gerechtigkeit in unseren Völkern verpflichtet.

778 In der gegenwärtigen Situation auf unserem Kontinent ist den Laien insbesondere die zukünftige Gestaltung der Systeme und Strukturen aufgegeben, die infolge der ungleichen Industrialisierung, Verstädterung und kulturellen Umwandlung die sozio-ökonomischen Unterschiede vertiefen, wodurch insbesondere die Volksmassen von wachsender Unterdrückung und Margination betroffen sind.

779 Nach dem Konzil und der Konferenz von Medellin konnte die Kirche Lateinamerikas bei ihren Bemühungen, sich den Herausforderungen zu stellen, insgesamt positive Erfahrungen und Fortschritte verzeichnen, auf die wir in Nummer 10 ff. hinwiesen, sie hatte jedoch auch unter Schwierigkeiten und Krisen zu leiden (vgl. Nr. 16-27).

780 Gewisse Krisen berührten verständlicherweise die lateinamerikanischen Laien und insbesondere die organisierten Laien, die nicht nur unter der Konfliktsituation der eigenen Gesellschaft, d. h. den Repressionen der Machtgruppen, sondern auch unter dem Druck einer starken Ideologisierung, unter dem Mißtrauen gegeneinander und in den Institutionen zu leiden hatten, die sogar zu schmerzlichen Rissen der Laienbewegungen unter sich und mit den Oberhirten geführt haben.

781 Heute jedoch sehen wir einen anderen Aspekt der Krise, dessen Konsequenzen positiv sind: Wir beobachten zunehmend ein Mehr an Gelassenheit, Reife und Sinn für die Realität, der sich in der eindeutigen Bestrebung äußert, in der Kirche die Strukturen des Dialogs, der Mitbeteiligung und des gemeinsamen pastoralen Wirkens zu fördern, die Ausdruck eines stärkeren Bewusstseins der Zugehörigkeit zur Kirche sind.

782 Dieser in den Laienbewegungen wachsende Optimismus übersieht andererseits nicht die fortbestehenden Spannungen im Bereich des Verständnisses für den Sinn des Engagements des Laien heute in Lateinamerika sowie im Bereich einer zweckentsprechenden Eingliederung in die kirchliche Tätigkeit.

783 Während diese Spannungen insbesondere die Mitglieder der Laienbewegungen betreffen, sind sich breite Schichten der amerikanischen Laien ihrer Zugehörigkeit zur Kirche nicht völlig bewusst geworden, sie leiden unter der Inkohärenz zwischen dem Glauben, zu dem sie sich, wie sie meinen, bekennen und den sie praktizieren, und der realen Verpflichtung, die sie in der Gesellschaft auf sich nehmen. Hier liegt eine Spaltung zwischen Glauben und Leben vor, die durch den Säkularismus und durch ein System verschärft wird, das das Mehrhaben dem Mehrsein überordnet.

784 Ebenso wird die wirksame Förderung der Laien häufig durch das Fortbestehen einer gewissen klerikalen Mentalität bei vielen Pastoralträgern, Klerikern und sogar Laien behindert.

785 Der geschilderte soziale und kirchliche Kontext hat die aktive und verantwortliche Mitwirkung der Laien in so bedeutenden Bereichen wie der Politik, der Gesellschaft und der Kultur insbesondere unter den Arbeitern und den Landarbeitern erschwert.

Theologische Reflexion

Der Laie in Kirche und Welt

786 Wurzel und Bedeutung der Sendung des Laien sind in seinem tiefsten Wesen begründet, das das Zweite Vatikanische Konzil in einigen seiner Dokumente hervorzuheben trachtete:

– Die Taufe und die Firmung gliedern ihn in Christus ein und machen ihn zum Glied der Kirche;

– auf seine Weise hat er an der priesterlichen, prophetischen und königlichen Aufgabe Christi teil und übt sie unter seinen eigenen Bedingungen aus;

– die Treue und die Übereinstimmung mit den Reichtümern und Erfordernissen seines Wesens verleihen ihm seine Identität als Mensch der Kirche im Herzen der Welt und als Mensch der Welt im Herzen der Kirche (vgl. LG Kap. IV).

787 In der Tat ist der Standort des Laien aufgrund seiner Berufung zugleich in der Kirche und in der Welt; als Glied der Kirche und in der Treue zu Christus ist er verpflichtet zur Erbauung des Reiches in seiner zeitlichen Dimension.

788 In einer tiefgreifenden und engen Verbindung mit den übrigen Laien, seinen Brüdern, und mit den Hirten, in denen er seine Lehrer im Glauben sieht, trägt der Laie zur Erbauung der Kirche als Gemeinschaft des Glaubens, des Gebets, der brüderlichen Liebe bei, und diesen Beitrag leistet er durch die Katechese, durch das sakramentale Leben und durch die Hilfe für seine Brüder. Hierher rührt die Vielfalt der Formen des Apostolats, die jeweils auf einen der genannten Aspekte besonderen Nachdruck legen.

789 Gerade in der Welt findet der Laie das spezifische Feld für seine Betätigung (vgl. EN 73). Aufgrund des Zeugnisses seines Lebens, aufgrund seines Wortes zur rechten Zeit und seines konkreten Handelns hat der Laie die Verantwortung, die zeitlichen Realitäten zu ordnen und diese in den Dienst der Errichtung des Gottesreiches zu stellen.

790 In der weitläufigen und komplizierten Welt der zeitlichen Realitäten erfordern einige von diesen die besondere Aufmerksamkeit der Laien: die Familien, die Erziehung, die Medien.

791 Unter diesen zeitlichen Realitäten muss insbesondere die politische Tätigkeit mit Nachdruck hervorgehoben werden (vgl. Kapitel II, 5). Diese Tätigkeit umfaßt ein weites Gebiet, von der Stimmabgabe über den Militärdienst und die führende Stellung in einer politischen Partei bis zur Ausübung öffentlicher Ämter auf verschiedenen Ebenen.

792 In allen Fällen muss der Laie nach dem Gemeinwohl streben und dieses fördern, indem er die Würde des Menschen und seine unveräußerlichen Rechte verteidigt, indem er die Schwächsten und Bedürftigsten schützt, indem er dem Frieden, der Freiheit und der Gerechtigkeit zum Durchbruch verhilft, indem er gerechtere und brüderlichere Strukturen schafft.

793 Daher dürfen auf unserem lateinamerikanischen Kontinent, der von schweren Problemen der Ungerechtigkeit gekennzeichnet ist, die sich weiter verschärft haben, die Laien sich nicht der ernsten Verpflichtung für die Förderung der Gerechtigkeit und des Gemeinwohls entziehen (vgl. AA 14), sie müssen bei dieser Aufgabe jedoch immer vom Glauben erleuchtet und vom Evangelium und der Soziallehre der Kirche geleitet sein, sie müssen jedoch auch von ihrem Verstand und der Fähigkeit zu wirksamem Handeln bestimmt sein. „Für den Christen ist es nicht genug, die Ungerechtigkeiten anzuklagen, von ihm verlangt man auch, dass er ein wahrer Zeuge und Förderer der Gerechtigkeit sei“ (Johannes Paul II., Ansprache an die Arbeiter in Guadalajara, 2 AAS LXXI, S. 223).

794 In dem Maße, wie die Mitwirkung der Laien am Leben und an der Sendung der Kirche in der Welt wächst, wird auch die Notwendigkeit dringender, dass sie über eine gründliche, menschliche Allgemeinbildung, wie über eine theologische, gesellschaftliche und apostolische Bildung verfügen. Die Laien haben ein Anrecht, diese Bildung vorrangig in ihren eigenen Bewegungen und Verbänden zu erhalten, jedoch auch in den entsprechenden Instituten und im Kontakt mit ihren Hirten.

795 Andererseits muss der Laie der Kirche insgesamt seine Erfahrung bei der Mitwirkung an den Problemen, Herausforderungen und dringenden Fragen seiner „säkularen Welt“ zur Verfügung stellen – die Erfahrung des einzelnen, der Familien, der gesellschaftlichen Gruppen und der Völker –, damit die kirchliche Evangelisierung kraftvolle Wurzeln schlagen kann. In diesem Sinn wird der Beitrag des Laien aufgrund seiner Erfahrung im Leben, seiner beruflichen, wissenschaftlichen und fachlichen Kompetenz sowie seiner christlichen Einsicht ein wertvoller Beitrag sein, in soweit er zur Entwicklung, zum Studium und zur Untersuchung der Soziallehre der Kirche beitragen kann.

796 Ein wichtiger Aspekt dieser Bildung bezieht sich auf die Vertiefung einer Spiritualität, die seinem Stand als Laie besser angepaßt ist. Die besonderen Dimensionen dieser Spiritualität sind u. a. folgende:

797 – Der Laie darf nicht den zeitlichen Realitäten entfliehen, um Gott zu suchen, sondern er soll präsent und aktiv inmitten dieser Realitäten ausharren und dort den Herrn finden;

– er soll dieser Präsenz und Tätigkeit eine Glaubensinspiration und den Sinn für christliche Liebe aufprägen;

798 – er soll durch das Licht des Glaubens in dieser Realität die Gegenwart des Herrn entdecken;

– inmitten seiner Aufgabe, in der sein Glaube häufig von Konflikten und Spannungen gekennzeichnet ist, soll er danach trachten, seine christliche Identität in der Verbindung mit dem Wort Gottes, in der innigen Beziehung zum Herrn durch die Eucharistie, in den Sakramenten und im Gebet zu erneuern.

799 Diese Spiritualität muss in der Lage sein, der Kirche und der Welt „Christen zu geben, die zur Heiligkeit berufen sind, fest im Glauben, sicher in der wahren Lehre, stark und tätig in der Kirche, eingepflanzt in ein reges geistliches Leben, ... sie sollen ausdauernd sein im Bekennen und im Werk der Evangelisierung, konsequent und mutig ihre weltlichen Pflichten erfüllen, ständige Verfechter von Frieden und Gerechtigkeit gegen jede Gewalt und Unterdrückung sein sowie Tatsachen und Ideologien im Licht der kirchlichen Soziallehre scharf und kritisch beurteilen und dabei ihre Hoffnung auf den Herrn setzen“ (Johannes Paul II., Ansprache an die Laien, 6. AAS LXXI S. 216).

Die organisierte Laienschaft

800 Wir geben unserem Vertrauen und unserer nachdrücklichen Ermutigung für die organisierten Formen des Laienapostolats Ausdruck, denn:

801 – die Organisation ist Zeichen der Gemeinschaft und Mitwirkung am Leben der Kirche; sie erlaubt die Weitergabe und Ansammlung von Erfahrungen sowie die ständige Ausbildung und Fortbildung ihrer Glieder;

802 – das Apostolat erfordert häufig gemeinsames Handeln sowohl in den Gemeinschaften der Kirchen wie in den verschiedenen Bereichen. 803 In einer Gesellschaft, die immer stärker gegliedert und geplant wird, hängt die Wirksamkeit der apostolischen Tätigkeit auch von der Organisation ab.

Verschiedenartige Ämter

804 Zur Erfüllung ihrer Sendung verfügt die Kirche über eine Vielfalt von Ämtern (vgl. AA 21). Neben den hierarchischen Ämtern erkennt die Kirche den Ämtern ohne Weihe ihre Stellung zu. Daher können sich auch die Laien berufen fühlen oder berufen werden, mit ihren Hirten im Dienst der kirchlichen Gemeinschaft zu wirken, damit diese wachse und lebe, indem sie verschiedene Ämter auf der Grundlage der Gnade und der Charismen ausüben, die der Herr ihnen gewähren will (vgl. EN 73).

805 Ämter, die Laien übertragen werden können, sind diejenigen Dienste, die sich auf ganz wesentliche Aspekte des kirchlichen Lebens beziehen (z. B. Verkündigung des Wortes, in der Liturgie oder der Leitung der Gemeinschaft), die von Laien ständig ausgeübt werden und öffentlich anerkannt sind sowie von den Verantwortlichen in der Kirche übertragen werden.

Pastorale Kriterien

Kriterien für die in der Gesamtpastoral organisierten Laien

806 Eine erneuerte Pastoral der organisierten Laien erfordert:

a) missionarische Vitalität, die mit Initiative und Mut neue Bereiche für die Evangelisierungstätigkeit der Kirche entdeckt;

b) Bereitschaft für die Koordinierung mit Organisationen und Bewegungen, wobei zu beachten ist, dass keine von ihnen innerhalb des Wirkens der Kirche einen Ausschließlichkeitsanspruch besitzt;

c) ständige und geordnete Möglichkeiten der Fortbildung in der Lehre sowie der geistlichen Fortbildung, die durch die Aktualisierung der Inhalte und eine angemessene Pädagogik gekennzeichnet sind.

807 Die Vielfalt der organisierten Formen des weltlichen Apostolats erfordert dessen Präsenz und Mitwirkung an der Gesamtpastoral, sowohl aufgrund der Natur der Kirche, die das Geheimnis der Gemeinschaft der verschiedenen Glieder und Ämter ist, als auch wegen der Wirksamkeit der pastoralen Tätigkeit unter koordinierter Mitbeteiligung aller.

808 Die Mitwirkung der Laien ist nicht nur bei der Durchführung der Gesamtpastoral erforderlich, sondern auch bei der Planung und in den Entscheidungsgremien unerläßlich.

809 Ihre Eingliederung in die Gesamtpastoral stellt den notwendigen Bezug der organisierten Formen des Laienapostolats zur Pastoral sicher, die an die großen Massen des Gottesvolkes gerichtet ist.

810 Die organisierten Formen des Laienapostolats müssen ihre Mitglieder unterstützen, ermutigen und erleuchten für ihr politisches Engagement. Es gibt jedoch auch Schwierigkeiten bei leitenden Persönlichkeiten, wenn diese apostolischen Bewegungen angehören und gleichzeitig in politischen Parteien aktiv tätig sind. Diese Schwierigkeiten müssen mit pastoraler Klugheit beseitigt werden, indem man darauf achtet, dass keine Kompromittierung der apostolischen Bewegungen durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten politischen Partei erfolgt.

Pastorale Kriterien für die Ämter

Folgende Merkmale gelten für die Ämter, die von Laien übernommen werden können:

811 – Die Ämter verleihen keinen klerikalen Charakter und diejenigen, die sie ausüben, behalten ihre Eigenschaft als Laien bei, deren Hauptaufgabe die Präsenz in der Welt ist;

812 – eine Berufung oder Eignung ist erforderlich, die von den Seelsorgern bestätigt wird;

813 – sie richten sich am Leben und am Wachstum der kirchlichen Gemeinschaft aus, ohne den Dienst, den diese in der Welt leisten muss, aus den Augen zu verlieren;

814 – sie sind unterschiedlich und vielfältig aufgrund der Charismen der Berufenen und der Bedürfnisse der Gemeinschaft; diese Vielfalt muss aufgrund ihrer Beziehung zum hierarchischen Amt koordiniert werden.

In der Ausübung der Ämter sind folgende Gefahren zu vermeiden:

815 a) die Tendenz zur Klerikalisierung der Laien oder die Neigung, das Engagement auf diejenigen, die ein Amt erhalten, zu reduzieren, wobei die Hauptaufgabe des Laien vernachlässigt wird, die in seiner Eingliederung in die zeitlichen Realitäten und in seiner familiären Verantwortung besteht;

816 b) diese Ämter dürfen nicht als bloßer Anreiz für den einzelnen außerhalb des Zusammenhangs der Gemeinschaft gefördert werden;

817 c) die Ausübung von Ämtern durch manche Laien darf nicht die aktive Mitwirkung der übrigen beeinträchtigen.

Bewertung

818 Zur Analyse und Bewertung der gegenwärtigen Lage und der zukünftigen Aussichten der Laien ist es einerseits erforderlich, die Realität der aktiven Präsenz in den verschiedenen Bereichen mit ihrer jeweiligen Dynamik zu erkennen und andererseits die „Qualität“ dieser Präsenz sichtbar zu machen.

Zu diesem Zweck verwenden wir einen Bezugsrahmen, der eine doppelte Dimension aufweist:

819 Die erste Dimension, die uns Aufschluss gibt über die quantitative Präsenz der Laien, ist das Anwachsen der Aufgabenbereiche (Kulturwelt, Arbeitswelt usw.) gegenüber den territorialen Bereichen (Stadtteil, Pfarrei usw.), als Folge des Prozesses der Industrialisierung.

820 Die zweite Dimension erlaubt uns die qualitative Bewertung der Präsenz. Hierbei gilt als Merkmal, wie die gesellschaftliche Realität, das Wesen und die Sendung der Kirche verstanden werden. Unter der ersteren Dimension sind zu beobachten:

821 – im Bereich der „Nachbarschaft“ (Pfarrei, Stadtteile) die Existenz zahlreicher Laien und Laienbewegungen;

822 – im Bereich der „pastoralen Unterstützung“ (hierunter fallen die Dienste der theologischen Ausbildung der Laien, die Aufforderung, sich zu verpflichten, die Spiritualität usw.) ist zwar eine beachtliche Präsenz zu verzeichnen, die Bildungsdienste weisen jedoch Mängel auf;

823 – im Bereich des „Aufbaus der Gesellschaft“ (Arbeiter, Landarbeiter, Unternehmer, Facharbeiter, Politiker usw.) ist die Präsenz sehr gering; im Bereich des kulturellen Schaffens und der kulturellen Verbreitung (Intellektuelle, Künstler, Erzieher, Studenten und Mitarbeiter der Medien) ist fast keine Präsenz festzustellen.

Im Rahmen der zweiten Dimension ist festzustellen:

824 – Nach wie vor gibt es Laien und Laienbewegungen, die die gesellschaftliche Dimension ihrer Verpflichtung nicht in genügendem Maße auf sich genommen haben, zum einen, weil sie sich an ihre wirtschaftlichen und Machtinteressen klammern, zum anderen, weil es ihnen an Verständnis und Zustimmung zur Soziallehre der Kirche mangelt. Außerdem sind weitere Laien und Laienbewegungen zu beobachten, die durch die übertriebene Politisierung ihrer Verpflichtung ihr Apostolat wesentlicher Dimensionen der Evangelisierung beraubt haben;

825 – die Existenz von Laienbewegungen, deren Wirken durch eine zu große Abhängigkeit von den Initiativen der Hierarchie zum Zerrbild wird, sowie anderer Laienbewegungen, die ihrer Autonomie einen so hohen Rang beimessen, dass sie sich aus der kirchlichen Gemeinschaft herauslösen.

826 Als besonders schwerwiegend erweist sich schließlich die Tatsache, dass hinsichtlich der klaren Unterscheidung der Ursachen und Bedingungen der gesellschaftlichen Realität und insbesondere hinsichtlich der Instrumente und Mittel für eine Veränderung der Gesellschaft nur unzulängliche Anstrengungen unternommen wurden. Dies ist aber erforderlich, um das Handeln der Christen zu erleuchten, um die unkritische Assimilierung von Ideologien ebenso wie die Flucht in den Spiritualismus zu verhindern. Außerdem wird es auf diese Weise möglich, Wege für das Handeln zu finden und über die bloße Anklage hinaus zu gelangen.

Schlussfolgerungen

827 Wir rufen die Laien dringend dazu auf, sich dem Evangelisierungsauftrag der Kirche zu verpflichten, innerhalb dessen die Förderung der Gerechtigkeit ein unverzichtbarer Bestandteil ist, und die auf unmittelbarste Weise den Laien als Aufgabe zukommt, jedoch immer in Gemeinschaft mit den Seelsorgern.

828 Wir ermahnen die Laien zu einer organisierten Präsenz in den verschiedenen Pastoralbereichen, was die Integrierung und Koordinierung der verschiedenen Bewegungen und Dienste in einen Plan für eine organische Pastoral der Laien voraussetzt.

829 Wir fordern dazu auf, den organisierten Laien im Hinblick auf die kirchliche Aktion besondere Beachtung angedeihen zu lassen und ihnen die gebührende pastorale Aufmerksamkeit sowie die angemessene Wertschätzung ihrer Rolle in der Gesamtpastoral der Kirche zuteil werden zu lassen.

830 Eine besondere Bedeutung hat die Gründung oder Belebung der Abteilungen für Laienfragen auf diözesaner und nationaler Ebene oder sonstiger Organe, die der Ermutigung und Koordinierung dienen. Ebenso dringend erforderlich ist die Stärkung der lateinamerikanischen Organe der Laienbewegungen, und gleichfalls muss die Arbeit unterstützt werden, die die Abteilung für Laienfragen des CELAM in dieser Richtung leistet.

831 Wir heben auch die Bedeutung von Aufgaben hervor, die Laien durchführen können, die als Einzelpersonen in Institutionen der Kirche berufen werden und die diese Aufgaben, insbesondere in den Bildungseinrichtungen, den Organen für die Förderung des Menschen und der Gesellschaft und bei der Tätigkeit in Missionsgebieten übernehmen können.

832 Wir wünschen, dass Zentren oder Dienste für die umfassende Bildung der Laien gefördert werden, die einen besonderen Nachdruck auf eine aktive Pädagogik legen müssen, welche durch eine systematische Ausbildung in den Grundlagen des Glaubens und der Soziallehre der Kirche ergänzt wird. Ebenso betrachten wir die organisierten Bewegungen mit ihren Vorhaben, Erfahrungen, Arbeitsplänen und Bewertungen selbst als Bildungsträger.

833 In Lateinamerika muss insbesondere in den Gebieten, wo die hierarchischen Ämter nicht ausreichend besetzt sind, unter der Verantwortung der Hierarchie eine besondere Kreativität bei der Gründung von Ämtern oder Diensten gefördert werden, die in Übereinstimmung mit den Erfordernissen der Evangelisierung von Laien ausgeübt werden können. Der angemessenen Ausbildung der Bewerber ist besondere Aufmerksamkeit zu widmen.

Die Frau

Wenngleich in verschiedenen Teilen dieses Dokuments von der Frau als Ordensfrau, in der Familie usw. gesprochen wird, so untersuchen wir hier ihren konkreten Beitrag zur Evangelisierung in der Gegenwart und in der Zukunft Lateinamerikas.

Die Situation

834 Zu der bereits bekannten Abseitsstellung der Frau als Folge kultureller Atavismen (Vorrangstellung des Mannes, ungleiche Entlohnung, mangelnde Erziehung usw.), die darin zum Ausdruck kommt, dass sie im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben fast nicht vertreten ist, gesellen sich neue Formen der Abseitsstellung in einer Gesellschaft, die vom Konsumdenken und vom Hedonismus beherrscht ist. Dies geht so weit, dass sie zu einem Konsumgegenstand wird, wobei ihre Ausbeutung unter dem Vorwand, es handle sich um die moderne Entwicklung (durch die Darstellung in den Medien, den Erotismus, die Pornographie usw.) verschleiert wird.

835 In vielen unserer Länder hat die weibliche Prostitution zugenommen, sei es aufgrund der bedrückenden wirtschaftlichen Lage oder der verschärften moralischen Krise.

836 Auf dem Arbeitssektor ist festzustellen, dass die zum Schutz der Frau erlassenen Gesetze nicht befolgt oder umgangen werden. In dieser Situation sind die Frauen nicht immer organisiert, um die Achtung ihrer Rechte zu fordern.

837 In den Familien ist die Frau durch die Berufstätigkeit neben der Hausarbeit überlastet und in nicht wenigen Fällen muss sie alle Verantwortung auf sich nehmen, wenn der Mann die Familie verlassen hat.

838 Aufmerksamkeit verdient die beklagenswerte Lage der weiblichen Hausangestellten, da sie häufig von ihren Arbeitgebern schlecht behandelt und ausgebeutet werden.

839 In der Kirche selbst wurde die Frau zuweilen noch nicht im ausreichenden Maße geschätzt und an pastoralen Initiativen war sie kaum beteiligt.

840 Als positive Anzeichen sind jedoch die langsame, aber wachsende Beteiligung der Frau an Aufgaben im Zusammenhang mit dem Aufbau der Gesellschaft hervorzuheben, sowie die Zunahme von Frauenorganisationen, die sich um die Förderung und Eingliederung der Frau in alle Bereiche bemühen.

Reflexion

Gleichheit und Würde der Frau

841 Die Frau ist ebenso wie der Mann das Ebenbild Gottes. „Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er ihn, als Mann und Frau schuf er sie“ (Gen 1, 27). Die Aufgabe, die Welt zu beherrschen, das Werk der Schöpfung fortzusetzen, mit Gott zusammen Mitschöpfer zu sein, obliegt daher der Frau ebenso wie dem Mann.

Die Sendung der Frau in der Kirche

842 Bereits im Alten Testament finden wir Frauen, die wichtige Aufgaben im Gottesreich innehatten, wie Maria, die Schwester Moses, Anna, die Prophetinnen Deborah und Hulda (2 Kön. 22, 11), Ruth, Judith u. a.

843 In der Kirche hat die Frau teil an den Gaben Christi und verbreitet sein Zeugnis durch das Leben des Glaubens und der Liebe als Samariterin (vgl. Joh 4), wie die Frauen, die den Herrn begleiteten und ihm mit ihren Gütern dienten (vgl. Lk 8, 2), wie die Frauen auf dem Kalvarienberg (vgl. Joh 19, 25), wie die Frauen, die vorn Herrn selbst ausgesandt, den Aposteln verkünden, dass er auferstanden sei (vgl. Joh 20,17), wie die Frauen in den ersten christlichen Gemeinschaften (vgl. Apg 1, 14; Röm 16, 1-15).

844 Insbesondere tut sie dies aber wie Maria bei der Verkündigung, die bedingungslos das Wort des Herrn annimmt (vgl. Lk 1, 26 ff.), die Elisabeth besuchte und die Gegenwart des Herrn ankündigte und ihr diente (vgl. Lk 1, 39-45), im Magnifikat, wo sie prophetisch die Freiheit der Kinder Gottes und die Erfüllung der Verheißung sang (vgl. Lk 1, 46 ff.), die in der Geburt das Wort Gottes gebar und es der Anbetung all derer darbot, die es suchen, seien sie nun einfache Hirten oder Weise aus fernen Ländern (vgl. Lk 2, 1-8), in der Flucht nach Ägypten, wo sie die Konsequenzen des Verdachts und der Verfolgung auf sich nimmt, deren Gegenstand der Gottessohn ist (vgl. Mt 2, 13-15), die angesichts des geheimnisvollen und anbetungswürdigen Verhaltens des Herrn alles in ihrem Herzen bewahrte (vgl. Lk 2,51), die aufmerksam war für die Bedürfnisse der Menschen und indem sie das messianische Zeichen veranlasste, das Fest verschönte (vgl. Joh 2, 1-11), die am Kreuz stark, treu und offen für die umfassende mütterliche Annahme war, die sehnsuchtsvoll mit der ganzen Kirche die Fülle des Geistes erwartet (vgl. Apg. 1-2), die wir in der Aufnahme in den Himmel sehen, die liturgisch mit dem Hinweis auf die Frau gefeiert wird, die als Symbol der Kirche in der Apokalypse dargestellt ist (vgl. Apokalypse 12).

845 Die Frau muss mit den ihr eigenen Fähigkeiten wirksam zur Sendung der Kirche beitragen, indem sie an den Organen für die pastorale Planung und Koordinierung, an der Katechese usw. beteiligt ist (vgl. MR 49-50). Die Möglichkeit, den Frauen Ämter zu übertragen, die nicht die Weihe voraussetzen, wird ihnen neue Wege der Teilnahme am Leben und Auftrag der Kirche öffnen.

846 Wir heben die besondere Rolle der Frau als Mutter, Schützerin des Lebens und Erzieherin der Familie hervor.

Die Sendung der Frau in der Welt (Gemeinschaft und Mitwirkung, eine gemeinsame Aufgabe)

847 – Das Streben nach Befreiung in unseren Völkern schließt auch die menschliche Förderung der Frau als echtes „Zeichen der Zeit“ ein, das sich auf die Auffassung der Bibel von der Herrschaft des Menschen stützt, der „als Mann und Frau“ geschaffen wurde.

848 – Die Frau muss in den zeitlichen Realitäten präsent sein und den ihrem Wesen als Frau gemäßen Beitrag zur Änderung der Gesellschaft zusammen mit dem Mann leisten. Der Wert der Arbeit der Frau darf nicht nur der Befriedigung wirtschaftlicher Bedürfnisse dienen, sondern er muss ein Mittel sein, die Frau in ihrer persönlichen Entwicklung zu stärken und die neue Gesellschaft aufzubauen.

Schlussfolgerung

849 Die Kirche ist dazu berufen, zur menschlichen und christlichen Förderung der Frau beizutragen, indem sie ihr hilft, die Abseitsstellung, in der sie sich möglicherweise befindet, zu überwinden und sie für ihre Sendung in der kirchlichen Gemeinschaft und in der Welt vorbereitet.

Die pastorale Sorge um geistliche Berufe

Die pastorale Sorge um geistliche Berufe ist eine Pflicht der ganzen Kirche

Gültigkeit der Seminare

Die Situation

Einige positive Gegebenheiten:

850 – Das Bewusstsein hinsichtlich des Problems der Berufung ist gewachsen und es besteht größere theologische Klarheit über die Einheit und Vielfalt der christlichen Berufung.

– Mit Erfolg wurde die Anzahl von Kursen, Begegnungen, Studientagen und Kongressen vervielfacht.

– All dies wurde größtenteils durch die Zusammenarbeit zwischen dem Diözesanklerus, den Ordensmännern, den Ordensfrauen und den Laien in Verbindung mit der Jugendpastoral, den Seminaren und den Bildungsstätten durchgeführt.

– Wirksame Orte der Jugendpastoral waren in vielen Ländern die apostolischen Jugendgruppen und die kirchlichen Basisgemeinschaften.

– In vielen Ländern bestehen mit sichtbarem Erfolg auf der Grundlage der Initiative der Heiligen Kongregation für katholische Erziehung der nationale und der Diözesanplan zur Förderung der geistlichen Berufe.

– In den letzten Jahren war ein spürbarer Anstieg der Berufungen für das Priesteramt und das Ordensleben zu verzeichnen, wenngleich dieser Anstieg auch noch nicht ausreichend ist, um die eigenen Anforderungen und die missionarische Pflicht gegenüber anderen bedürftigeren Kirchen zu erfüllen.

– Unter den Laien ist in den letzten Jahren ebenfalls ein stärkeres Bewusstsein ihrer spezifischen Berufung festzustellen. Einige negative Gegebenheiten:

851 – Ungenügende Unterstützung der Laien bei der Entdeckung und Reifung der ihnen eigenen christlichen Berufung.

– Negativer Einfluß der „Umwelt“, die im fortschreitenden Maße säkularistisch und von Konsumdenken und Erotismus gekennzeichnet ist.

– Vielfältige Mängel der Familie.

– Große Abseitsstellung der Massen.

– Mangelndes Zeugnis durch manche Priester und Ordensleute.

– Desinteresse und Indifferenz mancher Priester, Ordensmänner, Ordensfrauen und Laien gegenüber der pastoralen Sorge um Berufungen.

– Mangel an tiefgreifender Eingliederung der pastoralen Sorge um Berufungen in die Familienpastoral, Erziehungs- und Gesamtpastoral.

Reflexion und Kriterien

Menschliche Berufung, christliche Berufung und spezifisch christliche Berufung

852 Gott ruft alle Menschen und jeden einzelnen zum Glauben auf, und er ruft sie auch dazu auf, durch den Glauben vermittels der Taufe sich in das Gottesvolk einzugliedern. Dieser Aufruf durch die Taufe, die Firmung und die Eucharistie, sein Volk zu werden, ist ein Aufruf zur Gemeinschaft und Mitwirkung an der Sendung und dem Leben der Kirche und daher an der Evangelisierung der Welt.

853 Jedoch sind wir nicht alle gesandt, im Rahmen der gleichen Funktion zu dienen und zu evangelisieren. Die einen erfüllen ihre Aufgabe als hierarchische Diener, die anderen als Laien und wieder andere durch ihr gottgeweihtes Leben. Wir alle, ein jeder in seiner Aufgabe, erbauen das Reich Gottes auf der Erde.

854 Nach dem Heilsplan Gottes sollen wir Christen insgesamt uns zunächst als Menschen –menschliche Berufung – und dann als Christen verwirklichen, indem wir unsere Taufe leben, was ihren Aufruf zur Heiligkeit angeht (Gemeinschaft und Zusammenarbeit mit Gott), damit wir zu aktiven Gliedern der Gemeinschaft werden und Zeugnis ablegen für das Reich (Gemeinschaft und Zusammenarbeit mit den übrigen) –christliche Berufung – und wir sollen schließlich die konkrete Berufung entdecken (die des Laien, die des Ordenslebens oder die des hierarchischen Amtes), die es uns erlaubt, unseren spezifischen Beitrag zur Erbauung des Reiches zu leisten –spezifisch-christliche Berufung. Auf diese Weise werden wir organisch und in ihrer Fülle unsere Sendung der Evangelisierung erfüllen.

Vielfalt in der Einheit

855 Das hierarchische Amt (Bischöfe, Priester und Diakone) verleiht dem gesamten kirchlichen Dienst bei der großen Aufgabe der Evangelisierung Einheit und Authentizität.

856 Das Ordensleben in seiner ganzen Vielfalt, wobei den kontemplativen Orden eine besondere Erwähnung zuteil wird, ist in sich aufgrund der Ausschließlichkeit seines Zeugnisses „ein besonderes Mittel wirksamer Evangelisierung“ (EN 69).

857 Der Laie mit seiner besonderen Funktion in der Welt und der Gesellschaft steht vor der immensen Aufgabe der Evangelisierung in Gegenwart und Zukunft unseres Kontinents.

858 Andererseits bringt der Heilige Geist heute in der Kirche eine Vielfalt von Ämtern hervor, die auch von Laien ausgeübt werden, die imstande sind, die dynamische Kraft der Evangelisierung der Kirche zu verjüngen und zu stärken (vgl. EN 73).

859 Hinsichtlich der Berufungen für das Priesteramt und das Ordensleben machen wir uns im einzelnen die Worte Johannes Pauls II. zu eigen: „In den meisten eurer Länder ist es ein schwerwiegendes und chronisches Problem, trotz eines hoffnungsvollen Einsatzes zur Weckung von Berufungen (...). So unentbehrlich die Laienberufe sind, so können sie doch kein Ersatz für die geistlichen Berufe sein. Mehr noch, die Fruchtbarkeit des Einsatzes der Laien zeigt sich in der erfolgreichen Förderung der Berufungen zum gottgeweihten Leben“ (Eröffnungsansprache IV, b AAS LXXI S. 204). Dieses Problem muss die pastorale Sorge um Berufungen in den Ortskirchen mit Optimismus und Vertrauen auf Gott angehen.

Gott, Gemeinschaft und Individuum

860 Die Übernahme eines Amtes im Dienst der Evangelisierung in der Kirche hängt nicht allein von der persönlichen Initiative ab. Es ist in erster Linie der unverdiente Ruf Gottes, die göttliche Berufung, die der einzelne mit klarem Urteilsvermögen vernehmen muss, indem er auf die Stimme des Heiligen Geistes hört und durch Christus vor das Antlitz des Vaters tritt, indem er sich aber auch der konkreten geschichtlichen Gemeinschaft stellt, der er zu dienen hat. Diese Berufung ist aber auch Frucht und Ausdruck der Lebenskraft und Reife der ganzen kirchlichen Gemeinschaft (vgl. Johannes Paul II., Eröffnungsansprache I, 7 AAS LXXI S. 193).

861 Daher muss die echte pastorale Sorge um geistliche Berufe, die dem einzelnen bei diesem Prozess helfen will, ihr Augenmerk auf den Initialruf, auf die nachfolgende Reifung und auf die Beständigkeit richten, und zu diesem Dienst muss sie die gesamte Gemeinschaft verpflichten.

Das Gebet in der pastoralen Sorge um geistliche Berufe

862 Angesichts des komplexen Problems der Berufungen ist es jederzeit und auf allen Ebenen erforderlich, ständig Hilfe im persönlichen und gemeinschaftlichen Gebet zu suchen. Gott ist es, der ruft, Gott ist es, der der Evangelisierung Wirksamkeit verleiht. Christus selbst hat uns gesagt: „Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet daher den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte zu schicken“ (Lk 10, 2).

Die „inkarnierte“ und differenzierte pastorale Sorge um Berufungen

863 Da die pastorale Förderung von Berufungen eine Art verkündigender Betätigung darstellt, muss sie im Hinblick auf diese Verkündigung gemäß dem Sendungsauftrag der Kirche in ihre Wirklichkeit eingebettet und unterschiedlich sein. Das heißt, sie muss vom Glauben her auf die konkreten Probleme der jeweiligen Nation und Region eine Antwort finden und die Einheit und Vielfalt der Funktionen und Dienste dieses vielfältigen Leibes widerspiegeln, dessen Haupt Christus ist.

864 Lateinamerika, das sich heute der Aufgabe verpflichtet hat, die Situation der Unterentwicklung und Ungerechtigkeit (vgl. Teil I) zu überwinden, die von antichristlichen Ideologien erprobt wird und die extremistische Führer und Machtzentren herbeizuführen trachten, braucht Menschen, die sich ihrer Würde und historischen Verantwortung bewusst sind, und es braucht Christen, die über ihre Identität wachen und in Übereinstimmung mit ihrer Verpflichtung eine „gerechtere, menschlichere und umweltfreundlichere Welt schaffen, die sich nicht in sich selber verschließt, sondern sich für Gott öffnet“ (Johannes Paul II., Homilie Santo Domingo, 3. AAS LXXI S. 157). Ein jeder muss dieses tun von seiner Stellung und Funktion her, und alle zusammen in Gemeinschaft und Mitbeteiligung. Dies ist die große Herausforderung und der Dienst der gegenwärtigen und zukünftigen Evangelisierung unseres Kontinents und zugleich die große Verantwortung für unsere pastorale Sorge um Berufungen. Wir loben und unterstützen uneingeschränkt alle diejenigen, die im Glauben, in der Hoffnung und der Liebe in dieser Richtung arbeiten.

Standort der pastoralen Sorge um geistliche Berufe und bevorzugte Wirkungsstätten

865 Die Jugend ist die bevorzugte Phase, wenngleich nicht die einzige, für die Berufswahl. Daher muss alle Jugendpastoral zur gleichen Zeit pastorale Sorge um Berufungen sein. „Es muss eine intensive pastorale Anstrengung unternommen werden, die, angefangen von der christlichen Berufung im allgemeinen und einer begeisternden Jugendpastoral, der Kirche die erforderlichen Diener bereitstellt“ (Johannes Paul II., Eröffnungsansprache IV, b AAS LXXI S. 204).

866 Die pastorale Sorge um Berufungen ist auch eine wesentliche Dimension der Familien- und der Erziehungspastoral und muss in der Gesamtpastoral einen vorrangigen Platz einnehmen.

867 Die bevorzugten Wirkungsfelder der pastoralen Sorge um Berufungen sind die Teilkirche, die Pfarrei, die Basisgemeinschaften, die Familie, die apostolischen Bewegungen, die Jugendgruppen und -bewegungen, die Bildungsstätten, die Katechese und die Einrichtungen zur Förderung von Berufungen.

868 Besondere Aufmerksamkeit muss denen zuteil werden, die als Erwachsene den Ruf des Herrn für eine besondere christliche Berufung vernehmen.

Seminare

869 In der Mehrzahl unserer Kirchen ist die Notwendigkeit festzustellen, eine gründliche menschlich-christliche Ausbildung und eine besondere religiöse Ausbildung (vgl. OT 3) vor dem Priesterseminar sicherzustellen.

870 Das Kleine Seminar, von Grund auf erneuert, muss versuchen, dieser Notwendigkeit Rechnung zu tragen, und in der Tat hat es mancherorts bereits eine positive Antwort auf diese Problematik gegeben. An anderen Orten waren es die Fortbildungszentren für das Priesterseminar oder ähnliche Initiativen.

871 In ihnen allen muss eines feststehen: dass die jungen Menschen nicht den Kontakt zur Wirklichkeit verlieren, noch ihrer sozialen Umwelt entwurzelt werden. Es muss darauf hingewiesen werden, dass all diese Erfordernisse integrierender Bestandteil der pastoralen Sorge um geistliche Berufe in der Jugend sind, und daher müssen sie eng an die Familie gebunden sein und den jungen Menschen zu einer seinem Alter angemessenen pastoralen Verpflichtung führen.

872 Schließlich muss das Ergebnis all dieser Bemühungen sein, dass der junge Mensch eine gründliche Spiritualität erlangt und eine freie und reife Entscheidung fällt.

873 Die günstigste Umwelt für den Prozess der Reifung und Bildung der Priesterberufung ist das Priesterseminar oder Studienkonvikt, das vom Zweiten Vatikanischen Konzil als unerläßlich für die Priesterausbildung erklärt wurde (vgl. OT 4).

874 Hinsichtlich der Seminare ist in Lateinamerika ein starker Geist der Erneuerung festzustellen, der eine Hoffnung und Antwort auf die Problematik der Ausbildung darstellt. Es sind jedoch weitere Lösungen erforderlich, die die Bildung der Seminaristen nicht in gleichlaufender Form, sondern in der Form von Erfahrungen herstellen, die mit Billigung der Bischofskonferenz in besonderen Situationen und im Einvernehmen mit dem Heiligen Stuhl gesammelt werden (vgl. Rundschreiben der Heiligen Kongregation für das katholische Bildungswesen vom 16. Juli 1976).

875 Das Priesterseminar, das in Übereinstimmung mit den klaren Normen und Richtlinien des Heiligen Stuhls in das Leben der Kirche und der Welt eingegliedert ist, hat das Ziel, die umfassende Entwicklung der Persönlichkeit im menschlichen, spirituellen und pastoralen Bereich, das heißt, die umfassende Entwicklung der zukünftigen Seelsorger zu begleiten. Diese werden mit einer starken Gotteserfahrung und einer klaren Sicht der Realität des heutigen Lateinamerika in inniger Gemeinschaft mit ihrem Bischof, der der Lehrer der Wahrheit ist, und den übrigen Priestern diejenigen sein, die die verschiedenen Charismen des Gottesvolkes in Beziehung auf die Erbauung des Reiches evangelisieren, beleben und koordinieren (vgl. Johannes Paul II., Eröffnungsansprache Pass.). Der Ausbildung der Seelsorger muss jene ständige Sorge gelten, die auch die Studien und das spirituelle Leben leiten muss. Die pastoralen Tätigkeiten müssen im Lichte des Glaubens unter der entsprechenden Hinzuziehung der Ausbildungsleiter überprüft werden.

876 Der von einem guten geistlichen Leiter geführte Seminarist soll die Erfahrung des lebendigen Gottes erwerben, indem er ständig die Gemeinschaft mit ihm im Gebet und der Eucharistie und in einer beständigen und kindhaften Verehrung der Jungfrau Maria lebt.

877 Bei den Studien ist es erforderlich, auf eine gründliche theologische Ausbildung in Übereinstimmung mit dem Lehramt der Kirche und mit einer angemessenen Sicht der Wirklichkeit zu achten.

878 In den Seminaren soll man auf Einfachheit, Disziplin, Verantwortungsbewusstsein und dem Geist der Armut in einer Atmosphäre echten gemeinschaftlichen Lebens bestehen. Die zukünftigen Priester sollen verantwortungsbewusst zum Zölibat erzogen werden. Der Verzicht und die Hingabe, die vom Priester verlangt werden, fordern all dieses.

879 Wir möchten den Wert der gemeinsamen Bildungszentren des Welt- und Ordensklerus unterstreichen, in Übereinstimmung mit den Richtlinien des Heiligen Stuhls (vgl. Richtlinie 31). Sie sind deswegen wertvoll, weil sie ein gemeinschaftliches Bewusstsein verkörpern und eine Hilfe für die Eingliederung in die Gesamtpastoral sind.

880 Wenn wir den Mangel an Erziehern beklagen, so ist es doch auch unsere Pflicht, denen Anerkennung und Ermutigung zuteil werden zu lassen, die in der Ausbildung der zukünftigen Priester tätig sind.

Optionen und Richtlinien

881 Die Förderung und Reifung aller Berufungen, insbesondere der Priester- und Ordensberufungen, ist anzuregen, zu koordinieren und zu unterstützen, wobei dieser Aufgabe eine echte Priorität zukommt.

882 Die Gebetskampagnen müssen gefördert werden, damit sich das Volk der bestehenden Erfordernisse bewusst wird. Die Berufung ist die Antwort des fürsorglichen Gottes an die betende Gemeinschaft.

883 Es ist erforderlich, alle jene in dem Prozess der Entscheidung zu begleiten, die den Ruf des Herrn vernehmen und ihnen zu helfen, die Grundvoraussetzungen für die berufliche Reifung zu pflegen.

884 Jede pastorale Sorge um Berufungen muss im gegenwärtigen Augenblick der Geschichte Lateinamerikas eingebettet sein und der unterschiedlichen Situation Rechnung tragen, d. h. sie muss die Vielfalt der Berufungen in der Einheit der Sendung und des Dienstes der Evangelisierung widerspiegeln und fördern.

885 Die pastorale Sorge um Berufungen muss jenen vorrangigen Platz erhalten, der ihr in der Gesamtpastoral und, konkret gesehen, in der Jugend- und Familienpastoral zukommt.

886 Mit besonderem Engagement sind die Berufungen unter den Landarbeitern, den Arbeitern und den ethnischen Randgruppen zu fördern und insbesondere ihre spätere Bildung zu planen, damit sie den Erfordernissen gerecht wird (vgl. Rundschreiben der Heiligen Kongregation für das katholische Bildungswesen vom 16. Juli 1976).

887 Zur gleichen Zeit müssen die Priester- und Ordensberufungen in den Städten, in den verschiedenen Berufsschichten, an den Universitäten usw. intensiver gefördert werden.

888 Die Normen und Richtlinien des Heiligen Stuhls und der Bischofskonferenz für die Seminare müssen getreu in die Praxis umgesetzt werden. Diese müssen unter Vornahme der notwendigen Anpassungen auch von den Ordensgemeinschaften bei der Priesterbildung beachtet werden.

889 Es muss Personal ausgebildet werden für die hauptamtliche Tätigkeit in der pastoralen Förderung geistlicher Berufe mit der Anweisung, dass seine vornehmliche Sendung darin besteht, in diesem Sinne die ganze Pastoral zu beleben.

890 Institute für die Fortbildung der Priesterausbilder auf örtlicher und kontinentaler Ebene müssen geschaffen werden und die internationalen Institute Europas, insbesondere die Roms, müssen genutzt werden.

891 Missionarische Berufungen müssen geweckt, gefördert und angeleitet werden, wobei an Fachzentren oder Fachseminare mit dieser Zielsetzung zu denken ist.

Kapitel III: Mittel zur Gemeinschaft und Mitbeteiligung

892 Als Verantwortliche des Verkündigungsdienstes sorgen wir uns, wie das Wort Gottes den lateinamerikanischen Menschen erreichen kann, so dass es von ihm gehört, angenommen, in sein Leben einbezogen, liturgisch gefeiert und an seine Brüder weitergegeben wird.

893 Wir wissen, dass es Gott ist, der das Gedeihen gibt (vgl. 1 Kor 3, 6-7). Der Herr der Ernte jedoch erwartet die Mitarbeit seiner Diener. Deswegen wollen wir nachdenken über die wesentlichen Mittel der Evangelisierung, mit denen die Kirche Gemeinschaft schafft und die Menschen zum Dienst an ihren Brüdern auffordert.

894 Die Gemeinschaft, die in der Liturgie freudig das Ostern des Herrn feiert, hat die Verpflichtung, Zeugnis abzulegen, zu katechisieren, zu erziehen und die Frohe Botschaft mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln mitzuteilen.

Ebenso verspürt sie das Bedürfnis, in die Gemeinschaft und den Dialog mit den Menschen einzutreten, die auf unserem Kontinent die Wahrheit suchen.

Liturgie, Gebet des einzelnen, Volksfrömmigkeit

895 Das Gebet des einzelnen und die Volksfrömmigkeit, die in der Seele unseres Volkes gegenwärtig sind, stellen Werte der Evangelisierung dar; die Liturgie ist der besondere Augenblick der Gemeinschaft und Mitbeteiligung an einer Evangelisierung, die zur umfassenden, echten christlichen Befreiung führt.

Die Situation

a) Liturgie

896 Im allgemeinen hat die liturgische Erneuerung in Lateinamerika positive Ergebnisse hervorgebracht, denn man entdeckt allmählich von neuem den wirklichen Standort der Liturgie in der Aufgabe der Evangelisierung der Kirche aufgrund des größeren Verständnisses und der Mitbeteiligung der Gläubigen, die durch die neuen liturgischen Bücher und durch die Verbreitung der präsakramentalen Katechese begünstigt wird.

897 Anregung hierzu gaben die Dokumente des Heiligen Stuhls und der Bischofskonferenzen sowie Begegnungen auf verschiedenen Ebenen Lateinamerikas, wie der regionalen und der nationalen Ebene usw. 898 Die gemeinsame Sprache, der kulturelle Reichtum und die Volksfrömmigkeit haben diese Erneuerung erleichtert. 899 Es ist notwendig, die Liturgie an die verschiedenen Kulturen und an die Lage unseres Volkes, das jung, arm und einfach ist, anzupassen (vgl. SC 37-40).

900 Der Mangel an Amtsträgern, die weit verstreute Bevölkerung und die geographische Lage des Kontinents haben dazu geführt, dass man sich des Nutzens der Wortgottesdienste und der Bedeutung der Medien (Radio und Fernsehen) stärker bewusst geworden ist, vermittels derer man die Menschen erreichen kann.

901 Wir stellen jedoch fest, dass der liturgischen Pastoral noch nicht die Priorität eingeräumt wurde, die ihr innerhalb der Gesamtpastoral zukommt, wobei der Gegensatz, der in einigen Bereichen zwischen der Evangelisierung und der Spendung der Sakramente entsteht, noch weit schädlicher ist. Die liturgische Bildung des Klerus muss vertieft werden; in starkem Maße fehlt auch die für die Gläubigen bestimmte liturgische Katechese.

902 Die Teilnahme an der Liturgie beeinflußt nicht in angemessener Weise das soziale Engagement der Christen. Die zuweilen vorkommende Herabwürdigung zum Mittel für bestimmte Ziele verzerrt ihren evangelisierenden Wert.

903 Schädlich war auch die mangelnde Beachtung der liturgischen Normen und ihres pastoralen Geistes und es sind Mißbräuche vorgekommen, die unter den Gläubigen Richtungslosigkeit und Spaltung hervorrufen.

b) Gebet des einzelnen

904 Die Volksreligiosität des lateinamerikanischen Menschen besitzt einen großen überlieferten Reichtum an Gebeten, der in den autochthonen Kulturen verwurzelt ist und später durch die Formen christlicher Frömmigkeit der Missionare und Einwanderer evangelisiert wurde.

905 Wir betrachten den von alters her existierenden Brauch, sich bei Festen und besonderen Anlässen zum Gebet zu versammeln, als ein wertvolles Gut. In jüngster Zeit wurde das Gebet bereichert durch die biblische Bewegung, durch neue Formen des kontemplativen Gebets und durch die Bewegung der Gebetsgruppen.

906 Viele christliche Gemeinschaften, die des geweihten Amtsträgers entbehren, begleiten und feiern ihre Ereignisse und Feste mit Versammlungen, die dem Gebet und dem Gesang gewidmet sind, die zur gleichen Zeit die Gemeinschaft evangelisieren und ihr evangelisierende Kraft verleihen.

907 Das Gebet in der Familie war in weiten Gebieten der einzige existierende Gottesdienst. In der Tat hat es die Einheit und den Glauben der Familie und des Volkes bewahrt.

908 Die Invasion des Fernsehens und des Rundfunks in die Familien bringt das fromme Brauchtum in der Familie in Gefahr.

909 Wenn auch das Gebet vielfach aus rein persönlichen Bedürfnissen entsteht und sich in traditionellen, nicht assimilierten Formen äußert, so kann doch nicht verkannt werden, dass die Berufung des Christen diesen zu einem moralischen, gesellschaftlichen und evangelisatorischen Engagement führen muss.

c) Volksfrömmigkeit

910 In der Gesamtheit des katholischen lateinamerikanischen Volkes kommt auf allen Ebenen und in sehr unterschiedlichen Formen eine Volksfrömmigkeit zum Ausdruck, die wir Bischöfe nicht übergehen können und die einer Untersuchung anhand theologischer und pastoraler Kriterien bedarf, um ihre evangelisatorische Kraft zu ermitteln.

911 Lateinamerika ist unzulänglich evangelisiert. Der überwiegende Teil des Volkes gibt seinem Glauben vornehmlich in der Volksfrömmigkeit Ausdruck.

912 Die Ausdrucksformen der Volksfrömmigkeit sind vielfältig, sie haben gemeinschaftlichen und individuellen Charakter. Unter ihnen sind anzutreffen: die Anbetung des leidenden und gestorbenen Christus, die Verehrung des Heiligen Herzens, verschiedene Andachten zur Verehrung der Allerheiligsten Jungfrau Maria, die Verehrung der Heiligen und das Gebet für die Verstorbenen, die Prozessionen, die Novenen, die Feste der Schutzpatrone, die Wallfahrten zu Heiligtümern, die Sakramentalien, die Gelübde, usw.

913 Die Volksfrömmigkeit zeigt positive Aspekte, wie den Sinn für das Geheiligte und Transzendente; die Bereitschaft für das Wort Gottes; die besondere Marienfrömmigkeit; die Fähigkeit zu beten; das Gefühl für Freundschaft, Liebe und familiären Zusammenhalt; die Fähigkeit, zu leiden und zu heilen; das christliche Sichbescheiden in unabänderlichen Situationen; die Entäußerung vom Materiellen.

914 Die Volksfrömmigkeit zeigt jedoch auch negative Aspekte: Der Mangel an Gefühl für die Zugehörigkeit zur Kirche; die Spaltung zwischen Glauben und Leben; die Tatsache, dass sie nicht zum Empfang der Sakramente hinführt; übertriebene Bewertung der Heiligenverehrung, wodurch die Kenntnis Jesu Christi und seines Geheimnisses beeinträchtigt wird; eine verzerrte Vorstellung von Gott; Nützlichkeitsvorstellungen hinsichtlich gewisser Formen der Frömmigkeit, mancherorts eine Neigung zum religiösen Synkretismus; das Eindringen des Spiritismus und in einigen Fällen auch religiöser Praktiken aus dem Orient.

915 Sehr häufig sind Formen der Volksfrömmigkeit ohne stichhaltige Gründe oder, ohne dass sie durch etwas Besseres ersetzt wurden, unterdrückt worden.

Theologische und pastorale Kriterien

a) Liturgie

916 Es ist erforderlich, dass diese gesamte Erneuerung von einer theologisch begründeten Liturgie geleitet wird. In ihr nimmt die Theologie der Sakramente einen besonderen Rang ein. Dies wird zur Überwindung einer neo-ritualistischen Einstellung beitragen.

917 Der Vater heiligt durch Christus im Heiligen Geist die Kirche und durch sie die Welt, und die Welt und die Kirche rühmen ihrerseits durch Christus im Geist den Vater.

918 Die Liturgie ist als Wirken Christi und der Kirche der Vollzug des Priesteramts Jesu Christi (vgl. SC 7). Sie ist Höhepunkt und Quelle des kirchlichen Lebens (vgl. SC 10). Sie ist Begegnung mit Gott und den Brüdern, Festmahl und in der Eucharistie verwirklichtes Opfer, Fest der kirchlichen Gemeinschaft, in der der Herr Jesus durch sein österliches Geheimnis das Gottesvolk und durch dieses die gesamte Menschheit annimmt und befreit, deren Geschichte zu einer Erlösungsgeschichte wird, um die Menschen untereinander und mit Gott zu versöhnen. Die Liturgie ist auch Kraft auf der Pilgerschaft, um durch die das Leben verändernde Verpflichtung die Verwirklichung des Reiches in Fülle nach dem Plan Gottes zu verwirklichen.

919 In der Teilkirche „muss der Bischof als der Hohepriester seiner Herde angesehen werden, von dem das Leben seiner Gläubigen in Christus gewissermaßen entspringt und abhängt“ (SC 41).

920 Der Mensch ist ein sakramentales Wesen und auf religiöser Ebene bringt er seine Beziehungen zu Gott in einem Gesamtzusammenhang von Zeichen und Symbolen zum Ausdruck; Gott verwendet diese Zeichen und Symbole ebenso, wenn er sich den Menschen mitteilt. Die ganze Schöpfung ist in gewisser Weise das Sakrament Gottes, denn sie offenbart ihn uns (Röm 1, 19).

921 Christus „ist das Bild des unsichtbaren Gottes“ (Kol 1, 15). Als solches ist er ursprüngliches und grundlegendes Sakrament des Vaters: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14, 9).

922 Die Kirche ihrerseits ist das Sakrament Christi (vgl. LG 1), um allen Menschen das neue Leben mitzuteilen. Die sieben Sakramente der Kirche konkretisieren und aktualisieren für die verschiedenen Lebenslagen diese sakramentale Realität.

923 Deswegen ist es nicht genug, sie in passiver Form zu empfangen, sondern sie müssen in die kirchliche Gemeinschaft eingegliedert sein. Durch die Sakramente fährt Christus vermittels des Wirkens der Kirche fort, unter den Menschen zu sein und sie zu erlösen.

Die Eucharistiefeier, die das Zentrum der Sakramentalität der Kirche und die umfassendste Gegenwart Christi in der Menschheit ist, ist der Mittel- und Höhepunkt des gesamten sakramentalen Lebens (vgl. SC 10).

924 Die liturgische Erneuerung muss sich nach pastoralen Kriterien ausrichten, die sich auf den Charakter der Liturgie und ihre evangelisierende Funktion gründen.

925 Die liturgische Reform und Erneuerung fördern die Mitbeteiligung, die zur Gemeinschaft führt. Die volle, bewusste und tätige Mitbeteiligung an der Liturgie ist die vorrangige und notwendige Quelle des wahrhaft christlichen Geistes (vgl. SC 14). Daher müssen pastorale Erwägungen unter Beachtung der liturgischen Normen Vorrang vor dem bloßen Rubrizismus haben.

926 Die in jeder liturgischen Handlung so wichtigen Zeichen müssen in lebendiger und würdiger Form angewendet werden, wobei von einer angemessenen Katechese ausgegangen wird. Die in Sacrosanctum Concilium und in den späteren pastoralen Richtlinien vorgesehenen Anpassungen sind unerläßlich zur Erreichung eines unseren Bedürfnissen angepaßten Ritus, der insbesondere den Bedürfnissen des einfachen Volkes unter Beachtung seiner legitimen kulturellen Ausdrucksformen entsprechen muss.

927 Keine pastorale Tätigkeit kann ohne Bezug zur Liturgie verwirklicht werden. Die liturgischen Feiern sind eine Einführung in den Glauben durch die Botschaft der Verkündigung, die Katechese und biblische Predigt; dies ist der Grund für die präsakramentalen Kurse und Begegnungen.

928 Jede Feier muss ihrerseits eine evangelisatorische und katechetische Ausstrahlung haben, die den verschiedenen Versammlungen von Gläubigen angepaßt ist, den kleinen Gruppen, den Kindern, den Volksgruppen, usw.

929 Die Wortgottesdienste mit umfassender Lesung der Heiligen Schrift, die abwechslungsreich und gut ausgewählt sein muss (vgl. SC 35, 4), sind von großem Nutzen für die Gemeinschaft, insbesondere dort, wo keine Priester sind; sie sind besonders nützlich für die Feier des sonntäglichen Gottesdienstes.

930 Die Predigt als Teil der Liturgie ist eine bevorzugte Gelegenheit, das Mysterium Christi hier und heute in der Gemeinschaft darzulegen, wobei von den heiligen Texten ausgegangen wird, die in Verbindung gesetzt werden zum Sakrament und auf das konkrete Leben angewendet werden. Deren Vorbereitung muss sorgfältig sein und die Dauer muss den übrigen Teilen der Feier angepaßt sein.

931 Derjenige, der der Feier vorsteht, ist der Initiator (animador) der Gemeinschaft und durch sein Wirken fördert er die Teilnahme der Gläubigen. Daher rührt auch die Bedeutung einer würdigen und angemessenen Form der Feier.

b) Das Gebet des einzelnen

932 Das Beispiel des betenden Christus: Der Herr Jesus, der über die Erde ging, indem er Gutes tat und das Wort ankündigte, widmete auf Veranlassung des Geistes viele Stunden dem Gebet, indem er mit dem Vater mit kindlichem Vertrauen und unvergleichlicher Innerlichkeit sprach und seinen Schülern ein Beispiel gab, die er ausdrücklich zu beten lehrte. Der Christ, veranlasst vom Heiligen Geist, macht das Gebet zum Motiv seines täglichen Lebens und seiner Arbeit. Das Gebet schafft in ihm die Haltung des Lobens und Dankens gegenüber dem Herrn, es vermehrt seinen Glauben, es tröstet ihn in der aktiven Hoffnung, es veranlasst ihn dazu, sich den Brüdern hinzugeben und der apostolischen Aufgabe treu zu sein, und es befähigt ihn, die Gemeinschaft zu bilden. Die Kirche, die in ihren Gliedern betet, vereint sich mit dem Gebet Christi.

933 Das Gebet in der Familie: Die christliche Familie, die evangelisiert ist und selbst evangelisiert, muss dem Beispiel des betenden Christus folgen. So erhält ihr Gebet das Leben der häuslichen Kirche und bringt diese zum Ausdruck, in der die Saat des Evangeliums aufgenommen wird, das wächst, um alle Glieder zu befähigen, Apostel zu sein und um die Familie in einen Kern der Evangelisierung zu verwandeln.

934 In der Liturgie erschöpft sich jedoch nicht die gesamte Tätigkeit der Kirche. Empfohlen werden die frommen Übungen des christlichen Volkes, sofern sie mit den Normen und Gesetzen der Kirche übereinstimmen, sich in gewisser Weise aus der Liturgie ergeben und zu ihr hinführen (vgl. SC 13). Das Mysterium Christi ist einzig und in seinem Reichtum trägt es verschiedene Ausdrucksformen und Möglichkeiten, die Menschen zu erreichen. Dank dem reichen religiösen Erbe und aufgrund der dringenden Notwendigkeit der zeitlichen und örtlichen Umstände werden die christlichen Gemeinschaften zu Evangelisatoren, indem sie das Gebet leben.

c) Volksfrömmigkeit

935 Die Volksfrömmigkeit führt zur Liebe Gottes und der Menschen und hilft dem einzelnen und den Völkern, sich der Verantwortung für die Verwirklichung des eigenen Schicksals bewusst zu werden (vgl. GS 18). Die echte Volksfrömmigkeit, die auf dem Wort Gottes beruht, enthält evangelisatorische Werte, die zur Vertiefung des Glaubens des Volkes beitragen.

936 Der Ausdruck der Volksfrömmigkeit muss die kulturellen Faktoren der autochthonen Bevölkerung respektieren (Nr. 444 ff. Volksreligiosität). 937 Wenn die Volksfrömmigkeit einen wirksamen Faktor der Evangelisierung darstellen soll, so bedarf sie der ständigen Läuterung und Klärung und muss nicht nur zur Zugehörigkeit zur Kirche führen, sondern auch zu christlicher Lebenshaltung und zum Engagement für die Brüder.

Schlussfolgerungen

a) Liturgie

938 Der Liturgie muss ihre wirkliche Bedeutung als Höhepunkt und Quelle des Wirkens der Kirche gegeben werden (vgl. SC 10).

939 Der Glaube muss in der Liturgie als Begegnung mit Gott und den Brüdern, als Fest der kirchlichen Gemeinschaft, als Stärkung auf unserer Pilgerfahrt und als Verpflichtung unseres christlichen Lebens gefeiert werden. Der sonntäglichen Liturgie ist besonderes Gewicht zu geben.

940 Die Kraft der „Zeichen" und ihrer Theologie ist aufzuwerten. Der Glaube ist in der Liturgie mit den kulturellen Ausdrucksformen zu feiern, die sich aus einer gesunden Kreativität ergeben. Zu fördern sind angemessene Anpassungen, die sich insbesondere an die ethnischen Gruppen und das einfache Volk richten (Volksgruppen); hierbei ist jedoch dafür Sorge zu tragen, dass die Liturgie nicht zu einem Werkzeug von Zielsetzungen gemacht wird, die ihrer Natur fremd sind, dass die Normen des Heiligen Stuhls getreu beachtet werden und dass willkürliche Formen in den liturgischen Feiern vermieden werden.

941 Die katechetische und evangelisatorische Funktion der Liturgie ist zu untersuchen.

942 Die Bildung der Träger der liturgischen Pastoral ist durch eine echte Theologie zu fördern, die zum Engagement im Leben hinführt.

943 Es ist Augenmerk darauf zu richten, dass den Leitern der liturgischen Feiern die Bedingungen geboten werden, die dazu geeignet sind, dass sie ihre Aufgabe besser erfüllen und zu einer lebendigen Kommunikation mit der Versammlung gelangen. Besonderes Augenmerk ist auf die Vorbereitung der Predigt zu richten, die einen hohen evangelisatorischen Wert besitzt.

944 Zu fördern sind die von Diakonen oder Laien (Männern oder Frauen) geleiteten Wortgottesdienste.

945 Die Liturgie der Sakramente ist mit Sorgfalt vorzubereiten und durchzuführen, ebenso die der großen Feste sowie die Liturgie an den Wallfahrtsstätten.

946 Als besonders günstige Gelegenheit für die Evangelisierung ist der Wortgottesdienst bei Begräbnissen und den von der Volksfrömmigkeit getragenen Festen zu nutzen.

947 Die Sakralmusik ist als besonderer Dienst, der der Natur unserer Völker entgegenkommt, zu fördern.

948 Das religiöse künstlerische Erbe ist zu achten und die künstlerische Kreativität ist zu fördern, die den neuen liturgischen Formen entgegenkommt.

949 Zu vermehren ist die Zahl der durch Radio und Fernsehen übertragenen Gottesdienste, wobei der Art der Liturgie und dem Charakter der jeweils verwendeten Medien Rechnung zu tragen ist.

950 Zu fördern sind die Begegnungen, die auf die Feier der Sakramente vorbereiten.

951 Zu nutzen sind die Möglichkeiten, die die neuen Rituale der Sakramente bieten. Die Priester widmen sich in besonderer Weise der Spendung des Sakraments der Versöhnung.

b) Privates Gebet

952 Die Diözese in ihrer Gesamtpastoral, die Pfarrei und die kleineren Gemeinschaften (kirchliche Basisgemeinschaften und Familie) sollen in ihre Programme der Evangelisierung das private und gemeinschaftliche Gebet einfügen.

953 Es ist darauf zu achten, dass alle Tätigkeiten in der Kirche (Versammlungen, Verwendung der Medien, Sozialwerke usw.) zu einer Gelegenheit und Schule für das Gebet werden.

954 Die Seminare, Klöster, Schulen und sonstigen Bildungseinrichtungen sind als bevorzugte Stätten für das Gebet zu nutzen; sie sollen das Leben des Gebets ausstrahlen lassen und vorbildliche Lehrer für dieses Leben heranbilden.

955 Die Priester, die Ordensleute und die engagierten Laien sollen sich durch ihr vorbildliches Gebet sowie dadurch auszeichnen, dass sie das Gottesvolk dieses Gebet lehren.

956 Zu fördern sind die Werke, die der Heiligung der Arbeit und dem Gebet der Kranken und Behinderten dienen.

957 Zu fördern sind jene Formen der Volksfrömmigkeit, die dazu beitragen, das private Gebet, das Familiengebet, das Gebet in der Gruppe und das gemeinschaftliche Gebet zu stärken.

958 Die Gebetsgruppen sind in die organische Pastoral zu integrieren, damit sie ihre Mitglieder zur Liturgie, zur Evangelisierung und zum sozialen Engagement hinführen.

c) Volksfrömmigkeit

959 Die Pastoralträger müssen sich bemühen, die evangelisatorischen Werte der Volksfrömmigkeit in ihren verschiedenen Ausdrucksformen – der des einzelnen und der der Massen – wieder zu entdecken.

960 Die Volksfrömmigkeit soll der Ausgangspunkt für die Reifung und Vertiefung des Volksglaubens sein, wodurch diese Volksfrömmigkeit sich auf das Gotteswort und auf den Sinn für die Zugehörigkeit zur Kirche gründen wird.

961 Das Volk darf nicht seiner Ausdrucksformen der Volksfrömmigkeit beraubt werden. Wo etwas zu verändern ist, muss schrittweise und nach vorheriger Katechese vorgegangen werden, um etwas Besseres zu erzielen.

962 Die Sakramentalien sollen auf die Anerkennung der Wohltaten Gottes und auf das Bewusstsein für die Verpflichtung des Christen in der Welt ausgerichtet sein.

963 Die Verehrung Mariens und der Heiligen soll darstellen, dass in ihnen das Ostern Christi verwirklicht wurde (vgl. SC 104) und daran erinnern, dass sie dazu führen muss, das Wort zu leben und im Leben Zeugnis abzulegen.

Zeugnis

Die Situation

964 Im Verlauf ihrer Geschichte hat die Kirche in Lateinamerika auf verschiedene Weise Zeugnis für das abgelegt, woran sie glaubt. Ihre Treue gegenüber dem Statthalter Christi, die gegenseitige Hilfe der Teilkirchen, die Existenz und die Arbeit des lateinamerikanischen Bischofsrates sind Zeichen der Gemeinschaft, in der sie lebt.

965 Durch zahllose Priester, Ordensmänner, Ordensfrauen, Missionare und Laien war die Kirche unter den Ärmsten und Bedürftigsten anwesend, predigte die Botschaft und verwirklichte die Liebe, die der Geist in sie zur umfassenden Förderung des Menschen ausgießt. Sie hat Zeugnis dafür abgelegt, dass das Evangelium die Kraft hat, den Menschen zu erhöhen und ihm Würde zu verleihen.

966 Doch nicht alle Glieder der Kirche haben dem Menschen und seiner Kultur Achtung erwiesen. Viele haben einen Glauben gezeigt, der zu schwach war, ihren Egoismus, ihren Individualismus und ihren Hang zu den Reichtümern zu besiegen, wodurch sie ungerecht handelten und die Einheit der Gesellschaft und der Kirche selbst verletzten.

Theologische Kriterien

967 Christus, der erste Evangelisator und getreue Zeuge (vgl. Apg 1, 5) evangelisiert, indem er ein wahrhaftiges Zeugnis dafür ablegt, was er beim Vater gesehen hat, und er tut die Werke, die er den Vater tun sieht (vgl. Joh 5, 19); sein Handeln legt Zeugnis dafür ab, dass er vom Vater gekommen ist.

968 Die wirklichen Christen, die Jesus verbunden sind, legen ihrerseits dieses gleiche Zeugnis ab. Durch ihre Werke bezeugen sie die Liebe des Vaters zu den Menschen, die erlösende Kraft, mit der Jesus Christus von der Sünde befreit, und die Liebe, die durch den Geist, der in ihnen wohnt, ausgegossen wurde, und die fähig ist, die wahre Gemeinschaft mit dem Vater und den Brüdern zu schaffen.

969 Die Werke der vom Geist gelenkten Christen sind: Liebe, Gemeinschaft, Mitbeteiligung, Solidarität, Selbstbeherrschung, Fröhlichkeit, Hoffnung, Gerechtigkeit, die in Frieden verwirklicht wird (vgl. Jak 3, 18), Keuschheit, uneigennützige Hingabe. Mit einem Wort, es ist all das, was die Heiligkeit ausmacht. Diese wird von der häufigen Feier der Sakramente, vom Gebet und einer ausgeprägten Marienverehrung begleitet.

970 Das wahre Zeugnis der Christen ist daher der Ausdruck der Werke, die Gott in den Menschen vollbringt. Der Mensch legt Zeugnis ab, jedoch nicht aufgrund seiner eigenen Kräfte, sondern aufgrund seines Vertrauens zur Kraft Gottes, der ihn umwandelt, sowie aufgrund des Vertrauens in die Sendung, die Gott dem Menschen überträgt.

Pastorale Kriterien

971 Da das Zeugnis vorrangiges Element der Evangelisierung und wesentliche Bedingung für die Wirksamkeit der Predigt ist (vgl. EN 21, 49, 76), ist es erforderlich, dass es stets im Leben und in der evangelisatorischen Tätigkeit der Kirche sichtbar wird, damit es im Kontext des lateinamerikanischen Lebens zu einem „Zeichen“ wird, das den Wunsch hervorbringt, die Frohe Botschaft kennenzulernen, und das die Gegenwart des Herrn unter uns bezeugt.

972 In der Situation, in der unsere Völker leben, fordern es die Früchte des Geistes, die der Kern unseres Zeugnisses sind, dass wir alle, d. h. Hierarchie, Laien und Ordensleute, in ständiger Selbstkritik im Lichte des Evangeliums leben – sowohl einzeln als auch in der Gruppe und in der Gemeinschaft –, damit wir uns von einer Haltung befreien, die nicht auf dem Evangelium beruht und die das Antlitz Christi verzerrt (vgl. Arbeitsdokument 607).

973 Dies ist unsere vorrangige pastorale Option. Die christliche Gemeinschaft selbst, ihre Laien, ihre Priester, ihre Amtsträger und ihre Ordensleute müssen sich in wachsendem Maße zum Evangelium bekehren, um die übrigen evangelisieren zu können.

974 Vor allem ist es wichtig, dass wir gemeinsam unsere Gemeinschaft und Teilnahme gegenüber den armen, den bescheidenen und den einfachen Menschen überprüfen. Daher müssen wir ihnen zuhören, wir müssen den Kern ihrer Bestrebungen annehmen, bewerten, unterscheiden, ermutigen, korrigieren und wir müssen es zulassen, dass der Herr uns lenkt, damit die Einheit mit ihnen im gleichen Leib und im gleichen Geist wirksam wird.

975 Dies erfordert von uns ein beharrliches Gebet, eine tiefere Meditation über die Schrift, eine aufrichtigere und wirksamere Entäußerung im Geiste des Evangeliums von unseren Privilegien, Denkweisen, Ideologien, vorzugsweisen Beziehungen und materiellen Gütern (vgl. EN 76). Es erfordert weiterhin mehr Einfachheit des Lebens, Engagement bei der Verwirklichung wesentlicher Leistungen, wie der Übernahme der „sozialen Hypothek“ des Eigentums, es erfordert christliches Miteinanderteilen der materiellen und spirituellen Güter, die Mitarbeit in Gemeinschaftsaktionen zur Förderung des Menschen und ein weites Feld von Werken der Liebe, deren Mindesterfordernis die Gerechtigkeit in Verbindung mit größtmöglicher Freiheit gegenüber entarteten Kriterien und Gewalten ist.

976 Es ist ebenfalls wichtig, dass die Kirche auf dem Kontinent in fortschreitendem Maße Zeugnis für ihre innere Lebenskraft ablegt. Zu den Zeichen für dieses Zeugnis gehören die vermehrte Solidarität unter den Teilkirchen und eine bessere pastorale Koordinierung über den CELAM, der auch in Zukunft der bischöflichen Kollegialität und der innerkirchlichen Gemeinschaft in Lateinamerika dienen soll.

Katechese

977 Die Katechese, die „in der geordneten und fortschreitenden Glaubenserziehung besteht“ (Botschaft der Synode zur Katechese Nr. 1), muss in Lateinamerika eine vorrangige Aktion sein, wenn wir zu einer tiefgreifenden Erneuerung des christlichen Lebens und somit zu einer neuen Zivilisation gelangen wollen, die Mitbeteiligung und Gemeinschaft der Menschen in der Kirche und in der Gesellschaft ist.

Die Situation

Vom historischen Standpunkt aus sind seit Medellin in der Katechese positive und negative Aspekte zu verzeichnen:

978 Positive Aspekte sind: das Aufblühen des katechetischen Wirkens aufgrund der neuen und reichen Erfahrungen in den verschiedenen Ländern, wie z. B.:

979 – ein aufrichtiges Bemühen, Leben und Glauben, Menschheits- und Heilsgeschichte in die Situation des Menschen und die geoffenbarte Lehre zu integrieren, damit der Mensch seine wirkliche Befreiung erlangt;

980 – eine positive katechetische Pädagogik, die von der Person Christi ausgeht, um zu seinen Vorschriften und Räten zu gelangen; 981 – eine innigere Liebe zur Heiligen Schrift als der Hauptquelle der Katechese;

982 – eine Erziehung zum konstruktiven kritischen Verständnis der Person und der Gemeinschaft in christlicher Sicht;

983 – die Wiederentdeckung der Gemeinschaftsdimension der Katechese in der Weise, dass die kirchliche Gemeinschaft in zunehmendem Maße verantwortlich wird für die Katechese auf allen ihren Ebenen: in der Familie, in der Pfarrei, in den kirchlichen Basisgemeinschaften, in der Schulgemeinschaft, in der Diözesanorganisation sowie auf Landesebene;

984 – ein wachsendes Bewusstsein für die Tatsache, dass die Katechese ein dynamischer, schrittweiser und ständiger Prozess der Glaubenserziehung ist;

985 – eine Zunahme der Institute zur Ausbildung von Katecheten in vielen Gebieten und auf allen Ebenen: auf diözesaner, nationaler und internationaler Ebene;

986 – die Verbreitung der Texte des Katechismus. Diese Tatsache ist zuweilen positiv, zuweilen aber auch negativ zu werten, wenn die Texte unvollständig sind oder nicht erneuert wurden.

Negative Aspekte:

987 – Die Katechese erreicht nicht alle Christen in ausreichendem Umfang, auch erreicht sie manche Schichten und Gruppen nicht, wie z. B. weite Kreise der Jugend, der intellektuellen Elite, der Landbevölkerung und der Arbeitswelt, der Streitkräfte, der Alten und der Kranken usw.;

988 – häufig entstehen Dualismen und falsche Gegenüberstellungen wie zwischen der sakramentalen Katechese und der lebensbezogenen Katechese, der situationsbezogenen Katechese und der Katechese aus der Sicht der Lehre. Da hier kein vom Gleichgewicht gekennzeichneter Standort eingenommen wurde, sind manche einem Formalismus verfallen, andere einer Überbetonung des Erlebnisses, ohne die Lehre darzulegen; einige sind dazu übergegangen, gänzlich auf das Auswendiglernen zu verzichten;

989 manche Katecheten vernachlässigen die Einführung in das Gebet und in die Liturgie.

990 Zuweilen werden die Kompetenzen nicht respektiert, die Theologen und Katecheten (vgl. Johannes Paul II., Eröffnungsansprache I, 4 AAS LXXI S. 190) in Übereinstimmung mit dem Lehramt zustehen; daher haben sich unter den Katecheten Auffassungen verbreitet, die in den Bereich der theologischen Hypothese oder Studienhypothesen gehören.

991 Eine gewisse Richtungslosigkeit in der Haltung der Katecheten ist auf ökumenischem Gebiet festzustellen.

Theologische Kriterien

a) Gemeinschaft und Mitbeteiligung

992 Das Werk der Evangelisierung, das in der Katechese verwirklicht wird, erfordert die Gemeinschaft aller: Es fordert, dass es keine Spaltungen gebe und dass sich die Menschen in einem reifen Glauben und in der Liebe auf der Grundlage des Evangeliums begegnen (vgl. Arbeitsdokument 611, 612). Eines der Ziele der Katechese ist insbesondere die Errichtung der Gemeinschaft.

993 Erforderlich ist die Zusammenarbeit aller Glieder der kirchlichen Gemeinschaft, eines jeden nach seinem Amt und Charisma. Hierbei darf der apostolischen und missionarischen Verantwortung nicht ausgewichen werden, damit in der Katechese die Kirche die Kirche erbaue (vgl. EN 13/14). Die Kirche wird ständig evangelisiert und evangelisiert selbst.

b) Die Treue zu Gott

994 Die Treue zu Gott kommt in der Katechese als Treue zu dem Wort zum Ausdruck, das in Jesus Christus gegeben ist. Der Katechet predigt nicht sich selbst, sondern er predigt Jesus Christus, wenn er seinem Wort (vgl. Arbeitsdokument 632, 633; EN 8, 9, 22, 27, 42) und der Integrität seiner Botschaft treu ist.

c) Treue zur Kirche

995 Jeder, der katechisiert, weiß, dass die Treue zu Jesus Christus unauflösbar verbunden ist mit der Treue zur Kirche (vgl. EN 16). Er weiß, dass er mit seiner Arbeit unaufhörlich die Gemeinschaft erbaut und das Bild der Kirche weitergibt (vgl. Arbeitsdokument 631). Er weiß, dass er dies in Gemeinschaft mit den Bischöfen und in Übereinstimmung mit dem von ihnen übertragenen Auftrag tun muss.

d) Treue zum lateinamerikanischen Menschen

996 Die Treue zum lateinamerikanischen Menschen fordert von der Katechese, dass sie die Werte seiner Kultur durchdringt, annimmt und läutert (vgl. Arbeitsdokument 417). Daher muss sie sich um die Verwendung und Anpassung der katechetischen Sprache bemühen. 997 Demzufolge muss die Katechese die menschlichen Situationen und die Ereignisse des Lebens mit dem Worte Gottes erleuchten, um in ihnen die Gegenwart oder Abwesenheit Gottes sichtbar zu machen.

e) Umkehr und Wachsen

998 Die Katechese muss zu einem Prozess der Umkehr und des ständigen und fortschreitenden Wachsens im Glauben hinführen.

f) Die integrierende Katechese

999 „In jeder umfassenden Katechese sind stets auf untrennbare Weise zu verbinden:

– die Kenntnis des Wortes Gottes,

– die Feier des Glaubens in den Sakramenten,

– das Bekennen des Glaubens im täglichen Leben" (Synode 1977, 11).

Pastorale Vorhaben

Wenn die Katechese ihre Aufgabe der Evangelisierung in Lateinamerika erfüllen soll, muss sie folgendes berücksichtigen:

1000 a) Es müssen Menschen ausgebildet werden, die sich persönlich Christus verpflichten, die zur Teilnahme und Gemeinschaft innerhalb der Kirche fähig sind und sich dem Dienst der Erlösung der Welt widmen.

1001 b) Als Hauptquelle ist die Heilige Schrift zugrundezulegen, die im Gesamtzusammenhang des Lebens und im Lichte der Tradition und des Lehramts der Kirche gelesen werden muss. Außerdem ist das Glaubensbekenntnis weiterzugeben. Daher muss die Katechese dem biblischen Apostolat durch Verbreitung des Wortes Gottes, durch die Bildung von Bibelgruppen usw. besondere Bedeutung beimessen. Zu diesem Zweck wurde die Katholische Weltföderation für das Bibelapostolat gegründet.

1002 c) Pastorale Priorität ist der entsprechenden Ausbildung der Katecheten in verschiedenen Instituten beizumessen und für ihre Spezialisierung für verschiedene Situationen, Altersstufen und Bereiche, in denen die Katechese erfolgt, wie z. B. Kinder, Jugendliche, Landarbeiter, Arbeiter, Streitkräfte, Eliten, Kranke, Behinderte, Gefängnisinsassen usw., ist Sorge zu tragen.

1003 d) In den Bildungsinstituten der Priester und der Ordensmänner und Ordensfrauen ist die „Ratio studiorum“ in vordringlicher Weise anzupassen, damit der Unterricht hinsichtlich einer angemessenen zeitgemäßen Weitergabe der Botschaft des Evangeliums intensiviert wird. Die Katecheten müssen sich bemühen:

1004 – um die Integrität der Verkündigung des Wortes, um Dualismus, scheinbare Widersprüche und Einseitigkeiten zu überwinden;

1005 – die Zielgruppen der Katechese in das Gebet und in die Liturgie einzuführen; sie müssen lernen, Zeugnis abzulegen und das apostolische Engagement auf sich zu nehmen;

1006 – um eine Katechese, die hinsichtlich der Berufung richtungsweisend ist und auch die Berufung der Laien deutlich macht, wobei die Verpflichtung den verschiedenen Altersstufen von der Kindheit bis zum Erwachsensein angepaßt sein muss;

1007 – als Glaubenserzieher der Individuen und der Gemeinschaften eine Methode zu verwenden, die in fortschreitenden Etappen einen Prozess umfaßt, der die Umkehr, den Glauben an Christus, das Leben in der Gemeinschaft, das sakramentale Leben und das apostolische Engagement einschließt (vgl. Apg 2, 38- 42);

1008 – eine umfassende Glaubenserziehung durchzuführen, die folgende Aspekte einschließt:

– die Befähigung des Christentums, seine Hoffnung zu begründen (vgl. 1 Petr 3, 15).

– die Fähigkeit, ökumenisch mit den übrigen Christen in einen Dialog einzutreten;

– eine hinreichende Ausbildung für das moralische Leben, das als Nachfolge Christi angenommen wird und in dem das Erlebnis der Seligpreisungen besondere Bedeutung hat;

– die schrittweise Ausbildung für eine positive christliche Sexualethik;

– die Ausbildung für das politische Leben und die Soziallehre der Kirche.

Die Methoden

1009 Die Katecheten haben der Bedeutung des Gedächtnisses Rechnung zu tragen, wie es Papst Paul VI. zum Ausdruck bringt: „Sie sollen die wichtigsten Bibelstellen, insbesondere die des Neuen Testaments und der liturgischen Texte, die für das Gemeinschaftsgebet verwendet werden, erlernen und damit das Bekenntnis des Glaubens erleichtern“ (vgl. Schlussansprache der Synode 1977) und zugleich die Wichtigkeit der audiovisuellen Techniken anerkennen: Zeichenfilme, Fotos mit Text, „Minimedien“, szenische Darstellung, Gesang usw.

Das katechetische Wirken

1010 – Es richtet sich gleichzeitig an Gruppen und an Volksmengen. In bezug auf die letzteren sind die Volksmissionen besonders wirksam, die auf einer evangelisatorischen Grundlinie in zweckentsprechender Weise erneuert wurden.

1011 – Gefordert wird die ständige Katechese von der Kindheit bis zum Alter durch die gegenseitige Integrierung der katechisierenden Gemeinschaften oder Institutionen: d. h. der Familie, der Schule, der Pfarrei, der Bewegungen und der verschiedenen Gemeinschaften oder Gruppen.

Erziehung

1012 Für die Kirche ist die Erziehung des Menschen Bestandteil ihrer evangelisatorischen Sendung, denn auf diese Weise setzt sie die Mission Christi als des Lehrers fort (vgl. EC 9).

1013 Wenn die Kirche evangelisiert und die Umkehr des Menschen erreicht, erzieht sie ihn auch, denn die Erlösung (göttliches und unverdientes Geschenk) ist weit davon entfernt, den Menschen zu entmenschlichen, vielmehr vervollkommnet und adelt sie ihn; sie lässt ihn in der Menschlichkeit wachsen (vgl. PP 15, 16, 17). In diesem Sinn ist die Evangelisierung Erziehung. Die Erziehung als solche gehört jedoch nicht zum wesentlichen Inhalt der Evangelisierung, sondern vielmehr zu ihrem Gesamtinhalt.

Die Situation

1014 Die Erziehungsarbeit findet bei uns in einer Situation sozio-kulturellen Wandels statt, die durch die Verweltlichung der Kultur gekennzeichnet und von den Massenmedien beeinflußt ist, die weiterhin von der quantitativen wirtschaftlichen Entwicklung geprägt ist, welche zwar einen gewissen Fortschritt darstellt, jedoch nicht den Wandel herbeigeführt hat, der für eine gerechtere und ausgewogenere Gesellschaft erforderlich ist. Die Armut, in der ein großer Teil unserer Völker lebt, steht in einem bezeichnenden Zusammenhang mit den Erziehungsprozessen. Die benachteiligten Schichten weisen die höchsten Prozentsätze von Analphabeten und vorzeitigen Schulabgängern auf und sie haben die geringsten Chancen, einen Arbeitsplatz zu erhalten.

1015 Eine problematische Situation stellen in einigen Ländern die autochthonen Bevölkerungsgruppen dar, die trotz ihrer kulturellen Werte (Formen der gesellschaftlichen Organisation, Symbolsysteme, Bräuche und gemeinschaftliche Feiern, handwerkliche Kunst und Geschicklichkeit), der strukturierten Bildungsformen, der Schrift sowie bestimmter Fertigkeiten und Denkweisen entbehren, wodurch sie an den Rand der Gesellschaft gedrängt und benachteiligt wurden. Die konventionellen Bildungseinrichtungen sind ihnen nicht nur fremd, sondern erweisen sich als wenig funktionell, denn sie pflegen entwurzelnd zu wirken und zu einer Flucht aus der Gemeinschaft zu führen.

1016 Das Bevölkerungswachstum hat die Bildungsnachfrage auf allen Ebenen vermehrt: auf der Ebene des Elementarunterrichts, des Sekundarunterrichts und der Universitäten. Dieser Nachfrage wurde durch eine beträchtliche Verstärkung des Angebots, insbesondere durch die öffentliche Hand, Rechnung getragen. Im allgemeinen pflegt sich die Verteilung staatlicher Mittel mehr nach politischen Kriterien als nach den vorrangigen Bedürfnissen wenig begünstigter Schichten zu richten. Auch die Privatinitiative und die mit der Kirche verbundenen Institutionen haben trotz der Schwierigkeiten zu einer Vergrößerung des Bildungsangebots beigetragen.

1017 Die Beziehungen zwischen Kirche und Staat auf dem Bildungssektor sind von Land zu Land verschieden. In einigen Ländern bestehen legal oder de facto Formen einer echten Zusammenarbeit, in anderen Ländern ist die Lage von Konflikten bestimmt, insbesondere dort, wo das staatliche Bildungsmonopol existiert. Der Dialog hängt im allgemeinen von der politischen Situation ab. Einige Regierungen sind so weit gegangen, gewisse Aspekte und Inhalte der christlichen Erziehung als subversiv anzusehen.

1018 Die wachsende Nachfrage nach den verschiedenen Bildungsmöglichkeiten stellt auch an die Kirche neue Anforderungen, nicht nur auf dem Gebiet der konventionellen Erziehung (in Schulen und Universitäten), sondern auch auf anderen Gebieten, wie Erwachsenenbildung, Fernunterricht, nicht formelle, unsystematische Bildung, die eng verbunden ist mit der beachtlichen Entwicklung der modernen sozialen Kommunikationsmittel, und schließlich die breiten Möglichkeiten, die eine ständige Weiterbildung bieten.

1019 Unter den in der Erziehung tätigen Ordensleuten sind Fragen hinsichtlich der katholischen schulischen Einrichtungen laut geworden, da sie angeblich das Elite- und Klassendenken fördern, da die Glaubenserziehung und die Erziehung zum sozialen Wandel wenig Ergebnisse zeitige, da sie finanzielle Probleme aufwerfe usw. Dies war einer der Gründe, der viele Ordensleute dazu veranlasste, die Tätigkeit auf dem Gebiet der Erziehung aufzugeben zugunsten einer pastoralen Tätigkeit, die für unmittelbarer, wertvoller und vordringlicher gehalten wird.

1020 Mit Befriedigung ist die steigende Tätigkeit der Laien in kirchlichen Bildungseinrichtungen zu verzeichnen, und die Mitwirkung verantwortlicher Christen auf allen Bildungsgebieten ist festzustellen.

1021 Ideologische Einflüsse hinsichtlich der Auffassung von Erziehung, auch der christlichen, sind nicht zu leugnen. Eine dieser Ideologien, die von utilitaristischindividualistischem Zuschnitt ist, hält die Erziehung für ein einfaches Mittel, sich die Zukunft zu sichern, für eine langfristige Investition. Eine andere Ideologie will die Erziehung instrumentalisieren, und zwar nicht zu individualistischen Zwecken, sondern im Dienst einer bestimmten sozio-politischen Zielsetzung, sei sie nun staatsbezogen oder kollektivistisch.

1022 Schwierigkeiten sind entstanden bei der Koordinierung der Träger und der kirchlichen Bildungseinrichtungen untereinander und im Verhältnis zu den Bischöfen, sei es, weil nicht in vollem Umfang deren führende Rolle akzeptiert wird, sei es, dass Sorge und Engagement der Pfarrer auf dem Bildungssektor vermißt werden. Demzufolge ist mangelnde Bildungsplanung und sogar eine gewisse Unfähigkeit, die Ziele festzulegen, zu beobachten.

1023 Stärkeres Gewicht erhält der Gedanke der „Bildungsgemeinschaft oder -stadt“, in der alle Bildungsfaktoren der gegenwärtigen Gemeinschaft integriert sind, wobei vielleicht sogar von der Familie ausgegangen wird, auf die besonderer Wert gelegt wird. Diese Konzeption macht einige Schulen zu wirklichen Trägern der Evangelisierung.

Prinzipien und Kriterien

1024 Die Erziehung ist eine menschliche Tätigkeit, die in den Bereich der Kultur gehört; die Kultur hat wesentlich eine humanisierende Zielsetzung (vgl. GS 53, 55, 56, 59, 61). Daher ist es zu verstehen, dass das Ziel jeder wirklichen Erziehung darin besteht, den Menschen zu humanisieren und zu personalisieren, ohne ihn von seinem letzten Ziel (vgl. DIM 3; GE 1) zu entfernen, sondern ihn vielmehr auf dieses letzte Ziel wirksam auszurichten, das über die zum Wesen des Menschen gehörende Begrenztheit hinausgeht. Die Erziehung wirkt in dem Maße humanisierend, wie sie sich der Transzendenz, d. h. der Wahrheit und dem höchsten Gut, öffnet.

1025 Die Erziehung humanisiert und personalisiert den Menschen, wenn sie es zustandebringt, dass dieser sein Denken und seine Freiheit zur vollen Entwicklung bringt, so dass er zu einem Verhalten gelangt, das vom Verständnis und der Gemeinschaft mit der gesamten realen Ordnung erfüllt ist. Durch dieses Verhalten humanisiert der Mensch selbst seine Welt, bringt Kultur hervor, verändert die Gesellschaft und gestaltet die Geschichte (vgl. GS 55).

1026 Die evangelisatorische Erziehung nimmt den Begriff der befreienden Erziehung an und vervollständigt ihn, denn sie muss zur Umkehr des gesamten Menschen beitragen, nicht nur, was sein tiefstes und individuelles Ich angeht, sondern auch, was sein äußeres und gesellschaftliches Ich angeht, indem sie dieses Ich von Grund auf zu einer echten christlichen Befreiung hinführt, die den Menschen für die völlige Teilhabe am Mysterium des auferstandenen Christus öffnet, d. h. für die kindliche Gemeinschaft mit dem Vater und für die brüderliche Gemeinschaft mit allen Menschen, seinen Brüdern (vgl. EN 27, 29, 30, 33; Medellin, Erziehung, II, 8).

Diese evangelisatorische Erziehung muss u. a. folgende Merkmale vereinen:

1027 a) Sie muss den Menschen humanisieren und personalisieren, um in ihm die Stätte zu schaffen, wo die Frohe Botschaft geoffenbart und gehört wird: der Heilsplan des Vaters in Christus und seiner Kirche;

1028 b) sie muss sich in den lateinamerikanischen gesellschaftlichen Prozess einfügen, der durch eine von Grund auf christliche Kultur gekennzeichnet ist, in der doch Werte und Fehlwerte, Licht und Schatten nebeneinander bestehen und die deswegen ständig von neuem der Evangelisierung bedarf;

1029 c) sie muss die der wirklichen Erziehung eigene kritische Funktion ausüben, indem sie sich darum bemüht, ständig die kulturellen Leitvorstellungen und die Normen der gesellschaftlichen Interdependenz zu erneuern, die die Schaffung einer neuen Gesellschaft ermöglichen, welche von wirklicher Mitbeteiligung und Brüderlichkeit gekennzeichnet ist, d. h. sie muss Erziehung zur Gerechtigkeit sein;

1030 d) sie muss den zu Erziehenden zum Subjekt nicht nur seiner eigenen Entwicklung, sondern im Dienste der Entwicklung der Gemeinschaft machen, d. h. Erziehung für den Dienst. Auf dieser Grundlage sind folgende Kriterien festzuhalten:

1031 a) Die katholische Erziehung gehört zum Verkündigungsauftrag der Kirche (vgl. EC 9) und muss ausdrücklich Christus, den Befreier, verkündigen (vgl. EN 22).

1032 b) die katholische Erziehung darf nicht die historische und konkrete Situation des Menschen aus dem Auge verlieren, d. h. seine Situation der Sünde in individueller und gesellschaftlicher Hinsicht. Daher setzt sie sich zum Ziel, starke Persönlichkeiten heranzubilden, die in der Lage sind, dem schwächenden Relativismus Widerstand zu leisten und in Übereinstimmung mit den durch die Taufe gestellten Forderungen zu leben (EC 12).

1033 c) Die katholische Erziehung muss die Träger des ständigen und organischen Wandels hervorbringen, den die Gesellschaft Lateinamerikas braucht (Medellin 4, II, 8), und zwar durch eine staatsbürgerliche und politische Bildung, die auf der Soziallehre der Kirche beruht (Johannes Paul II., Eröffnungsansprache I, 9 AAS LXXI S. 195).

1034 d) Jeder Mensch hat, da er Person ist, einen unveräußerlichen Anspruch auf die Erziehung, die seiner eigenen Zielsetzung, seinem Charakter, seinem Geschlecht entspricht und die an die Kultur und die Tradition seiner Väter angepaßt ist (vgl. GE 1). Diejenigen, die diese Erziehung nicht erhalten, müssen als die Ärmsten (vgl. PP 35; Johannes Paul II., Ansprache an die Jugend 4. AAS LXX I S. 219) betrachtet und daher als diejenigen, die des erzieherischen Wirkens der Kirche am meisten bedürfen.

1035 e) Der christliche Erzieher vollbringt eine menschliche und evangelisatorische Aufgabe. Die Erziehungseinrichtungen der Kirche erhalten einen apostolischen Auftrag von der Hierarchie (vgl. EC 71).

1036 f) Die Familie ist in erster Linie verantwortlich für die Erziehung. Jede Erziehung muss sie dazu befähigen, dieser Aufgabe gerecht zu werden.

1037 g) Die Kirche fordert die Freiheit des Unterrichts, nicht, um Privilegien oder privates Gewinnstreben zu begünstigen, sondern als ein Recht auf den Wahrheitsanspruch einzelner Personen oder ganzer Gemeinschaften (vgl. GE 6; EC 11). Zur gleichen Zeit ist die Kirche bereit, auf dem Bildungssektor unserer pluralistischen Gesellschaft mitzuarbeiten (vgl. EC 14).

1038 h) Auf der Grundlage der beiden letztgenannten Prinzipien sollte der Staat seine Haushaltsmittel gleichmäßig auf die übrigen nicht-staatlichen Bildungsdienste verteilen, damit die Eltern, die ebenfalls ihren finanziellen Beitrag leisten, die Bildungsauswahl für ihre Kinder frei treffen können.

Pastorale Vorschläge

1039 – Gemeinsam mit den Trägern der Familienpastoral muss die Verantwortung der Familie, insbesondere der Eltern, hinsichtlich aller Aspekte des Erziehungsprozesses gefördert werden. 1040 – Ohne die übrigen Aufgaben der Kirche auf dem Bildungsgebiet außer acht zu lassen, muss in wirksamer Weise die Bedeutung der katholischen Schule auf allen Ebenen hervorgehoben werden, indem ihre Demokratisierung gefördert wird und sie auf der Grundlage des Dokuments der Heiligen Kongregation für das katholische Bildungswesen

– zu einer wirksamen Instanz für die kritische, systematische und integrierende Assimilierung des Wissens und der Allgemeinbildung wird,

– der Ort wird, der für den Dialog zwischen Glauben und Wissenschaft am förderlichsten ist;

– ein günstiger Nährboden wird, der das Wachsen im Glauben fördert und anregt, was nicht nur von dem im Lehrplan vorgesehenen Religionsunterricht abhängt (vgl. EC 50);

– zu einer gültigen Alternative zum Pluralismus im Erziehungswesen wird.

1041 – Den Ordensmännern und Ordensfrauen, die in der Erziehung tätig sind, insbesondere den jungen Ordensleuten ist zu helfen, den pastoralen Sinn ihrer Arbeit in der Schule im Rahmen ihres eigenen Charismas wieder zu entdecken und zu vertiefen, indem ihnen bei dieser schwierigen Aufgabe Unterstützung zuteil wird.

1042 – Der christliche Erzieher, insbesondere der Laie, muss unterstützt werden, damit er seine Zugehörigkeit und seinen Standort in der Kirche im Sinne einer Berufung annimmt, auf dem Gebiet der Erziehung an der Evangelisierungsaufgabe der Kirche mitzuwirken.

1043 – Auf dem Gebiet der Erziehung ist den zahlreichen armen Gruppen unserer Bevölkerung Vorrang zu geben, die ein materielles und kulturelles Randdasein führen, indem sich die Dienste und Mittel der Kirche für die Erziehung vorzugsweise an diese Gruppen wenden in Übereinstimmung mit dem jeweiligen Ortsordinarius.

1044 – Vorrangig ist auch die Erziehung von Führungspersönlichkeiten und Trägern des Wandels.

1045 – Die Alphabetisierung der Randgruppen ist mit Erziehungsaktionen zu begleiten, die ihnen dabei behilflich sind, sich wirksam mitzuteilen, sich ihrer Pflichten und Rechte bewusst zu werden, die Situation zu verstehen, in der sie leben, und deren Gründe zu erkennen, sie zu befähigen, sich im zivilen und politischen Bereich und in ihrer Arbeitswelt zu organisieren, damit sie auf diese Weise vollen Anteil an den sie betreffenden Entscheidungsprozessen erhalten.

1046 – Ohne die gegenwärtigen Verpflichtungen in der Schulerziehung außer acht zu lassen, ist es erforderlich, großzügig und einfühlsam eine Antwort auf die Herausforderung zu finden, vor denen die Kirche Lateinamerikas heute und in Zukunft steht. Diese neuen Formen der Erziehungstätigkeit können nicht Ergebnis spontaner Eingebungen oder Improvisationen sein, sondern sie erfordern die hinlängliche Vorbildung der Träger und müssen sich auf die objektive Diagnose des Bedarfs stützen, ebenso aber auf eine Bestandsaufnahme und die Bewertung der eigenen Mittel. Ratsam wäre die Verwendung der Methoden, die auf der Mitbeteiligung beruhen.

1047 – Die Volkserziehung (informelle Erziehung) ist zu fördern, um unsere Volkskultur wieder zu beleben, indem Versuche gefördert werden, mit Bild und Ton die zutiefst christlichen Werte und Symbole der lateinamerikanischen Kultur sichtbar zu machen.

1048 – Die bürgerliche Gemeinschaft in all ihren Schichten ist anzuregen, wozu ein offener und aufnahmebereiter Dialog begründet werden muss, damit diese bürgerliche Gemeinschaft ihre Verantwortung auf dem Erziehungssektor annimmt und zusammen mit ihren Institutionen und Mitteln zu einer echten „Stätte der Erziehung“ wird.

1049 – Die Koordinierung von Aufgaben, Trägern und Institutionen des Erziehungsbereichs in der pastoralen Tätigkeit der Teilkirche ist durch ein dem Bischof unter stelltes Organ zu fördern, zu dessen Aufgaben Planungs- und Bewertungsfunktionen gehören. Erforderlich ist eine objektive Bewertung von Tätigkeiten, Werken und Situationen, die zu einer besseren Verwendung der Mittel führen kann, indem sie Institutionen oder Programme ändert, abschafft oder neu begründet.

1050 – Insbesondere auf der Ebene der bischöflichen Kommissionen ist die Lehre oder Theorie der christlichen Erziehung auszuarbeiten, deren Grundlage die Lehren der Kirche und die pastorale Erfahrung sind. Eine solche Lehre erlaubt eine Überprüfung der objektiven Grundsätze und Methoden der gegenwärtigen Erziehungssysteme, um sie in angemessener Weise zu deuten und kritisch ihre Ergebnisse zu bewerten. Auf der Grundlage dieser Theorie ist die Erarbeitung eines christlichen Bildungsplanes (vgl. EC 4) auf nationaler Ebene oder für den gesamten Kontinent vordringlich, an dem sich dann die konkreten Programme der verschiedenen Erziehungseinrichtungen orientieren müssen.

Universitäten

1051 In den letzten zehn Jahren war eine ungeheure Nachfrage nach einer akademischen Ausbildung zu verzeichnen, große Massen von jungen Lateinamerikanern traten, meist aufgrund der beschleunigten Entwicklung unserer Länder, in die Universitäten ein. Diese Tatsache hat das schwere Problem der Unfähigkeit des Erziehungs- und gesellschaftlichen Systems offengelegt, die gesamte Nachfrage zu befriedigen. Diese Unfähigkeit verursacht bei Tausenden von jungen Menschen Enttäuschung, denn viele von ihnen erhalten keinen Zugang zur Universität und viele Universitätsabsolventen finden keinen Arbeitsplatz.

1052 Die Verweltlichung der Kultur, die Fortschritte der Technologie sowie der anthropologischen und gesellschaftlichen Studien werfen eine Anzahl von Fragen auf über den Menschen, über Gott und über die Welt. Dies führt zu Konfrontationen zwischen Wissenschaft und Glauben, zwischen der Technik und dem Menschen, insbesondere für die Gläubigen.

1053 Die herrschenden Ideologien sind sich der Tatsache bewusst, dass die Universitäten ein günstiges Feld für ihr Eindringen und für die Beherrschung der Kultur und der Gesellschaft bieten.

1054 Die Universität muss echte Führungspersönlichkeiten heranbilden, die eine neue Gesellschaft gestalten können. Dies fordert von der Kirche, die Botschaft des Evangeliums in diesem Bereich zu verbreiten und dies auch auf wirksame Weise unter Achtung der akademischen Freiheit zu tun. Dabei muss sie deren kreative Funktion inspirieren, in der politischen und gesellschaftlichen Erziehung ihrer Glieder präsent sein, und die wissenschaftliche Forschung erleuchten.

1055 Von daher ergibt sich, dass wir alle dem intellektuellen und universitären Bereich unsere Aufmerksamkeit widmen müssen. Man kann sagen, dass es sich um eine Schlüsselfunktion der Evangelisierung handelt, denn andernfalls würden wir einen entscheidenden Ort, an dem wir am Strukturwandel mitwirken können, aufgeben.

1056 Da die Resultate nicht kurzfristig meßbar sein werden, könnte der Eindruck des Scheiterns und der Wirkungslosigkeit entstehen. Doch darf dies nicht die Hoffnung und das Engagement der Christen vermindern, die im Universitätsbereich arbeiten, denn trotz aller Schwierigkeiten wirken sie mit am Verkündigungsauftrag der Kirche.

1057 Wichtig ist die Evangelisierung der Universität (Professoren, Wissenschaftler und Studenten) durch geeignete Kontakte und Dienste der pastoralen Belebung in nicht-kirchlichen Institutionen des Hochschulbereichs.

1058 Besonders hervorzuheben ist, dass die katholische Universität als Vorhut der christlichen Botschaft im Hochschulbereich dazu berufen ist, der Kirche und der Gesellschaft einen vorrangigen Dienst zu leisten.

1059 In einer pluralistischen Welt ist es nicht leicht, seine Identität zu bewahren. Als katholische Universität wird die Universität ihre Aufgabe erfüllen, wenn sie „ihre eigentliche und.tiefste Bedeutung in Christus findet, in seiner Heilsbotschaft, die dem gesamten Menschen gilt“ (Johannes Paul II., Ansprache an die Mitglieder der Universität, 2 AAS LXXI S. 236). Als Universität soll sie mit der ihr eigenen wissenschaftlichen Ernsthaftigkeit dafür Sorge tragen, sich in der Verpflichtung zur Wahrheit, in der Vorbereitung sachkundiger Absolventen für die Arbeitswelt und bei der Suche nach Lösungen für die drängendsten Probleme Lateinamerikas auszuzeichnen.

1060 Ihre vorrangige erzieherische Aufgabe besteht in der Förderung einer umfassenden Kultur, die in der Lage ist, Menschen auszubilden, die sich durch ihre gründlichen wissenschaftlichen und humanistischen Kenntnisse, durch ihr „Zeugnis des Glaubens in der Welt“ (GE 10), durch ihre aufrichtig gelebte christliche Moral und durch ihre Engagement für die Schaffung eines neuen, gerechteren und brüderlicheren Lateinamerikas auszeichnen. So wird sie aktiv und wirksam zur Schaffung und Erneuerung unserer Kultur beitragen, die durch die Kraft des Evangeliums gewandelt ist und in der das nationale, das menschliche und das christliche Element zur höchsten Harmonie finden.

1061 Neben dem Dialog der verschiedenen Disziplinen untereinander und besonders mit der Theologie, neben der Suche nach der Wahrheit als gemeinsamer Arbeit von Professoren und Studenten, neben der Integration und der Beteiligung aller am Leben und Wirken der Universitäten, wobei einem jeden nach seiner Sachkenntnis sein Platz zukommt, muss die katholische Universität selbst ein Beispiel lebendigen und tätigen Christentums sein. In ihrem Bereich müssen alle Mitglieder auf den verschiedenen Ebenen – auch jene, die, ohne Katholiken zu sein, diese Ideale akzeptieren und achten – eine „Universitätsfamilie“ bilden (Johannes Paul II., Ansprache an die Mitglieder der Universität, 3 AAS LXXI S. 237).

1062 Im Rahmen dieser Aufgabe muss die katholische Universität sich einer ständigen Selbstanalyse unterziehen und ihre Arbeitsstruktur flexibel gestalten, um auf die Herausforderung der jeweiligen Region oder Nation durch das Angebot kurzer Fachausbildungen, der ständigen Erwachsenenbildung, der Ausdehnung der Universität mit dem Angebot an Chancen und Diensten für Randgruppen und arme Bevölkerungsschichten eine Antwort zu geben.

Gesellschaftliche Kommunikation

1063 Die Evangelisierung, als Ankündigung des Reiches, ist Kommunikation. Daher müssen die Medien hinsichtlich aller Aspekte der Verbreitung der Frohen Botschaft in Betracht gezogen werden. 1064 Die Kommunikation entsteht als lebenswichtiges soziales Geschehen zusammen mit dem Menschen selbst und wurde in der modernen Zeit durch mächtige technologische Hilfsmittel vervielfacht. Daher kann die Evangelisierung in der heutigen Zeit nicht auf die Kommunikationsmittel verzichten (vgl. EN 45; CP 1).

Die Situation

Sicht der lateinamerikanischen Realität

1065 Die gesellschaftliche Kommunikation stellt eine umfassende und tiefreichende Dimension der menschlichen Beziehungen dar, durch die der Mensch sich individuell und kollektiv in dem Maße, wie er in Beziehung zu seiner Umwelt tritt, dem Einfluß der audiovisuellen Zivilisation und der Ansteckung durch die „flimmernde Umweltverschmutzung” aussetzt (vgl. CP 8).

1066 Durch die Verschiedenartigkeit der bestehenden Medien (Rundfunk, Fernsehen, Kino, Presse, Theater usw.), die gleichzeitig und massiv wirken, beeinflußt die gesellschaftliche Kommunikation das gesamte Leben des Menschen und übt auf ihn bewusst oder unbewusst einen entscheidenden Einfluß aus (vgl. CP 6).

1067 Die gesellschaftliche Kommunikation wird durch die sozio-kulturelle Realität unserer Länder bedingt, und sie ist ihrerseits einer der bestimmenden Faktoren für diese Realität.

1068 Wir erkennen an, dass die gesellschaftlichen Kommunikationsmittel Elemente der Gemeinschaft sind und zur lateinamerikanischen Integration sowie zur Expansion und Demokratisierung der Kultur beitragen. Sie tragen ebenfalls zur Zerstreuung der Menschen bei, insbesondere derer, die außerhalb der Städte leben. Sie stärken die Aufnahmefähigkeit, da sie für Auge und Gehör einen Anreiz bilden und die Sinne durchdringen.

1069 Ungeachtet dieser positiven Aspekte müssen wir anprangern, dass diese Medien von den politischen und wirtschaftlichen Mächten kontrolliert und ideologisch manipuliert werden, die danach trachten, den „status quo“ aufrechtzuerhalten und eine neue Ordnung der Abhängigkeit-Herrschaft zu schaffen oder aber, im Gegensatz dazu, diese Ordnung umstürzen wollen, um eine andere Ordnung unter entgegengesetztem Vorzeichen aufzubauen. Die Ausbeutung der Leidenschaften, der Gefühle, der Gewalt und des Geschlechtlichen zu Konsumzwecken stellt eine offenkundige Verletzung der individuellen Rechte dar. Desgleichen die wahllose Vermittlung von Nachrichten, die ständig wiederholt werden oder an das Unterbewusstsein appellieren, wobei die Sphäre des einzelnen und der Familie wenig geachtet wird.

1070 Die Journalisten verhalten sich nicht immer objektiv und ehrenhaft bei der Weitergabe von Nachrichten, so dass sie es selbst sind, die zuweilen die Information manipulieren, indem sie deren Inhalt verschweigen, verändern oder neu erfinden, wodurch die öffentliche Meinung in beträchlichem Maße verwirrt wird.

1071 Das Informationsmonopol, das teils die Regierungen, teils die Privatinteressen besitzen, erlaubt die willkürliche Verwendung der Medien und führt zur Manipulierung der Nachrichten in Übereinstimmung mit den Interessen bestimmter Gruppen. Besonders schwerwiegend ist die Manipulierung der Information, die transnationale Unternehmen und Interessen über unsere Länder oder an unsere Länder gerichtet vornehmen.

1072 Die Programme, die zu einem großen Teil aus dem Ausland stammen, führen zu einem Wandel der Kultur, dem die Mitbeteiligung abgeht und sogar zu einer Zerstörung der autochthonen Werte. Das Werbesystem in seiner gegenwärtigen Form und der Missbrauch des Sports als Ablenkungselement machen diese zu Faktoren der Entfremdung. Der massive und zwingende Druck kann zur Isolierung und sogar zur Auflösung der Familiengemeinschaft führen.

1073 Die Medien sind häufig zum Propagandaträger des herrschenden pragmatischen Materialismus geworden, der das Konsumdenken fördert. Sie erwecken in unserem Volk falsche Erwartungen, fiktive Bedürfnisse, schwere Enttäuschungen und ein ungesundes Konkurrenzstreben.

Sicht der Realität in der Kirche Lateinamerikas

1074 Innerhalb der Kirche Lateinamerikas existiert ein gewisses Bewusstsein hinsichtlich der Bedeutung der gesellschaftlichen Kommunikation– doch wird diese nicht in ihrem Gesamtzusammenhang wahrgenommen, der alle menschlichen Beziehungen und die Pastoral selbst beeinflußt – sowie hinsichtlich der Bedeutung der spezifischen Sprache der Medien.

1075 Die Kirche hat sich in ihrer Lehre über die gesellschaftlichen Kommunikationsmittel durch die Veröffentlichung zahlreicher Dokumente deutlich geäußert, wenngleich sie gezögert hat, diese Lehren in der Praxis zu verwirklichen.

1076 Die Kirche hat die Möglichkeiten der Kommunikation, die ihr in fremden Medien zur Verfügung stehen, unzulänglich genutzt und sie hat sich der eigenen Medien oder der von ihr beeinflußten Medien unvollständig bedient. Außerdem sind ihre eigenen Medien weder koordiniert noch in die Gesamtpastoral integriert.

1077 Abgesehen von wenigen Ausnahmen bemüht sich die Kirche in Lateinamerika noch nicht wirklich darum, das Gottesvolk im Bereich der gesellschaftlichen Kommunikation zu bilden, es zu einer kritischen Haltung gegenüber dem massiven Einfluß der „Massenmedien“ zu befähigen und dem Druck der verfremdenden, ideologischen, kulturellen und Reklamenachrichten entgegenzuwirken. Diese Situation wird dadurch erschwert, dass die in diesem Bereich veranstalteten Kurse wenig genutzt werden, dass den Medien für die Tätigkeit der Evangelisierung nur geringe Mittel zugewiesen werden und dass den Eigentümern und Fachkräften der Medien nicht die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet wurde.

1078 An dieser Stelle muss auf ein sehr positives Phänomen hingewiesen werden, das in der schnellen Entwicklung der Medien der Gruppenkommunikation (MCG) und der kleinen Medien besteht, die in ständig wachsendem Umfang Material für die Evangelisierung herstellen sowie auf die zunehmende Verwendung dieser Möglichkeit durch die Pastoralträger, wodurch die Fähigkeit zum Dialog und zum Kontakt in der richtigen Weise gefördert wird.

1079 Die Kirche Lateinamerikas hat in den letzten Jahren viele Anstrengungen zugunsten einer besseren Kommunikation in ihrem Inneren unternommen. In vielen Fällen jedoch entspricht das bisher Geleistete nicht in vollem Umfang den Erfordernissen der Zeit. Der Austausch legitimer Auffassungen und Erfahrungen als Ausdruck von Meinungen innerhalb der Kirche ist nur sporadisch und daher unzulänglich und hat so wenig Einfluß auf die Gesamtheit der kirchlichen Gemeinschaft.

Optionen

Kriterien

1080 a) Die Kommunikation muss in die Gesamtpastoral integriert werden.

1081 b) Innerhalb der auf diesem Gebiet zu verwirklichenden Aufgaben muss die Ausbildung der Öffentlichkeit sowie die der Pastoralträger aller Ebenen in gesellschaftlicher Kommunikation Vorrang genießen.

1082 c) Die Freiheit der Meinungsäußerung und deren Korrelativ, die Freiheit der Information, die wesentliche Voraussetzungen der gesellschaftlichen Kommunikation und ihrer Funktion in der Gesellschaft sind, müssen im Rahmen der Berufsethik und in Übereinstimmung mit dem Lehrschreiben „Communio et Progressio“ respektiert und gefördert werden.

Pastorale Vorschläge

Im Lichte der lateinamerikanischen Problematik und in Anbetracht des Phänomens der gesellschaftlichen Kommunikation und seiner Auswirkungen auf die Evangelisierung werden folgende Vorschläge für die Pastoral formuliert:

1083 a) Es ist dringend erforderlich, dass wir als Mitglieder der Hierarchie und Pastoralträger im allgemeinen gründlicher das Phänomen der gesellschaftlichen Kommunikation kennenlernen, verstehen und erproben, damit die pastoralen Antworten dieser neuen Realität angepaßt werden und wir die Kommunikation in die Gesamtpastoral integrieren.

1084 b) Wenn die Verbindung der Pastoral des Kommunikationswesens mit der organischen Pastoral wirksam sein soll, so ist es erforderlich, dort, wo dies bisher nicht existiert, eine Stelle oder ein besonderes Organ für die gesellschaftliche Kommunikation zu schaffen (auf Landesebene oder Diözesanebene) oder, wo ein solches bereits besteht, es zu stärken und es in die Tätigkeit aller pastoralen Bereiche einzugliedern.

1085 c) Die Aufgabe der Ausbildung auf dem Gebiet der gesellschaftlichen Kommunikation ist vordringlich. Daher ist es unbedingt erforderlich, auf diesem Gebiet alle Träger der Evangelisierung auszubilden. Hinsichtlich der Kandidaten für das Priesteramt und für das Ordensleben ist es erforderlich, diese Ausbildung in die Studienpläne und die Pläne für die Pastoralausbildung einzugliedern. Für Priester, Ordensmänner, Ordensfrauen, Pastoralträger und für die Leiter der nationalen und Diözesanorgane für die Pastoral der gesellschaftlichen Kommunikation müssen Systeme für eine ständige Weiterbildung erarbeitet werden. Besondere Aufmerksamkeit erfordern diejenigen, die beruflich im Medienbereich tätig sind. Auf die bessere Ausbildung derjenigen, die religiöse Nachrichten vermitteln, ist zu achten.

1086 d) Die Teilkirchen sollen im Rahmen der liturgischen Normen die angemessene Form festlegen, um in die Liturgie, die in sich Kommunikation ist, die Mittel des Tons und des Bildes, die Symbole und Ausdrucksformen einzuführen, die für die Darstellung der Beziehung zu Gott am besten geeignet sind, damit eine stärkere und angemessenere Mitwirkung an den liturgischen Handlungen erleichtert wird.

1087 Eine sorgfältige Handhabung technischer Tonanlagen an den Stätten der Gottesdienste ist zu empfehlen.

1088 e) Die Öffentlichkeit, die die Sendungen empfängt, ist zu einer kritischen Haltung gegenüber ideologischen, kulturellen und Reklamesendungen, die ständig auf uns eindringen, zu erziehen, damit den negativen Auswirkungen der Manipulation und der Vermassung Einhalt geboten wird.

1089 Den kirchlichen Organen, die auf der Ebene des Kontinents tätig sind (UNDA, OCIC, UCLAP), wird empfohlen, der Bildung der Öffentlichkeit, an die die Sendungen gerichtet sind, sowie der der genannten Personen besondere Aufmerksamkeit zu widmen.

1090 f) Ohne die dringend notwendige Präsenz der Massenmedien außer acht zu lassen, ist es unbedingt erforderlich, die Verwendung der Medien der Gruppenkommunikation (MCG) zu intensivieren, die nicht nur weniger kostspielig und leichter zu handhaben sind, sondern auch die Möglichkeit des Dialogs bieten. Sie sind geeigneter für eine Evangelisierung von Mensch zu Mensch, wodurch die Hinwendung und das Engagement des einzelnen geweckt werden (vgl. EN 45, 46).

1091 g) Um eine größere Effizienz bei der Verbreitung der Botschaft zu erreichen, muss die Kirche eine aktualisierte, konkrete, unmittelbare, klare und zugleich sorgfältige Sprache verwenden. Diese Sprache muss der Realität des Volkes, seiner Mentalität und seiner Religiosität nahestehen, so dass sie leicht aufgefaßt werden kann. Zu diesem Zweck ist es erforderlich, die Systeme und Mittel der audiovisuellen Sprache zu beachten, die den Menschen von heute eigen sind.

1092 h) Um durch das Evangelium das tägliche Geschehen zu erleuchten und den lateinamerikanischen Menschen auf der Grundlage der Kenntnis seines täglichen Tuns und der Ereignisse, die ihn beeinflussen, zu begleiten, muss sich die Kirche um eigene Informations- und Nachrichtenkanäle bemühen, die die Kommunikation und den Dialog mit der Welt sicherstellen. Dies ist um so dringlicher, als die Erfahrung uns über die ständigen Verzerrungen der Gedanken und der Taten der Kirche durch die Agenturen belehrt.

1093 Die Gegenwart der Kirche in der Welt der gesellschaftlichen Kommunikation erfordert bedeutende Finanzmittel, die von der christlichen Gemeinschaft beschafft werden müssen.

1094 i) Angesichts der Armut, der Abseitsstellung, der Ungerechtigkeit, der große lateinamerikanische Massen ausgesetzt sind, und angesichts der Verletzung der Menschenrechte muss die Kirche bei der Verwendung ihrer eigenen Medien immer mehr zur Stimme der Besitzlosen werden, trotz des Risikos, das damit verbunden ist.

1095 j) Die Beschränkungen, die wir auf unserem Kontinent erlebt haben, zwingen uns dazu, das gesellschaftliche Recht auf Information mit den damit verbundenen Verpflichtungen innerhalb des ethischen Rahmens, der den Respekt vor der Privatsphäre der Person und vor der Wahrheit fordert, zu betonen. Diese Grundsätze gelten um so mehr innerhalb der Kirche.

Kapitel IV: Dialog für die Gemeinschaft und Mitbeteiligung

1096 Der ökumenische Dialog zwischen den Religionen und mit den Nicht-Gläubigen im Hinblick auf die Gemeinschaft ist zu verstärken, und Gebiete der Beteiligung für die universale Heilsverkündigung sind zu suchen.

Einführung

1097 Die Evangelisierung ist universal und hat keine Grenzen „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet der gesamten Schöpfung das Evangelium“ (Mk 16, 15). Die evangelisatorische Kirche, die die Bewahrerin der Frohen Botschaft ist, beginnt damit, sich selbst nach dem Evangelium auszurichten (vgl. EN 15). Dieser an alle Christen gerichtete Auftrag des Herrn bringt ein gemeinsames Bemühen hervor, angetrieben durch den Heiligen Geist, „vor allen Völkern“ (vgl. UR 12) Zeugnis abzulegen für unsere Hoffnung. Angesichts der der Evangelisierung innewohnenden Verantwortung öffnet sich die katholische Kirche dem Dialog der Gemeinschaft, indem sie Bereiche des Zusammenwirkens bei der universalen Heilsverkündigung sucht.

1098 Dies setzt voraus, dass Evangelisierung und Dialog in enger Verbindung zueinander stehen. Die Bereiche des Austausches, die sich der Kirche eröffnen, sind zahlreich und vielfältig, hier jedoch haben wir uns in Übereinstimmung mit dem Konzil und der Enzyklika „Ecclesiam suam“ (vgl. Nr. 60 ff.) auf drei konkrete Bereiche beschränkt; die nicht-katholischen Christen, die Nicht-Christen, die Nicht-Gläubigen. 1099 Der lateinamerikanische Kontinent wurde seit seiner Entdeckung im katholischen Glauben evangelisiert. Hieraus ergibt sich ein Grundzug der Identität und Einheit des Kontinents und zugleich eine ständige Aufgabe. Aus verschiedenen Gründen ist heute ein wachsender religiöser und ideologischer Pluralismus festzustellen.

Die Situation

1100 Zur katholischen Kirche gehört in Lateinamerika die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung, was nicht nur eine soziologische, sondern auch eine theologisch höchst relevante Tatsache ist.

1101 Neben der katholischen Kirche existieren östliche sowie westliche Kirchen und kirchliche Gemeinschaften.

1102 Außerdem gibt es die „freien religiösen Bewegungen“, wie sie heute genannt werden (volkstümlich: „Sekten“), von denen einige innerhalb eines im Grunde christlichen Glaubensbekenntnisses angesiedelt sind, was für andere hingegen nicht zutrifft.

1103 Das Judentum ist mit der ihm eigenen Vielfalt von Strömungen und Tendenzen vertreten.

1104 Weiterhin begegnen wir dem Islam und anderen nicht-christlichen Religionen.

1105 Ebenso sind religiöse oder parareligiöse Formen mit sehr unterschiedlichen Haltungen zu beobachten, die eine höhere Realität akzeptieren („Geister“, „verborgene Kräfte“, „Gestirne“ usw.), mit der sie angeblich in Verbindung treten, um Hilfe und Normen für das Leben zu erhalten.

1106 Die „Nichtgläubigkeit“ ist ein Phänomen, das ganz verschiedene Realitäten bezeichnet. Sie manifestiert sich in der ausdrücklichen Ablehnung des Göttlichen – als extremster Form –, jedoch häufiger in Verzerrungen der Vorstellung von Gott und der Religion, die als entfremdend interpretiert werden. Dies ist häufig unter Intellektuellen und im Universitätsbereich zu beobachten, ebenso unter Jugendlichen und Arbeitern. Andere stellen die Religionen einander gleich und beschränken sie auf den privaten Bereich. Schließlich wächst die Zahl jener, die das Religiöse jedenfalls im praktischen Leben beiseite lassen.

Positive und negative Aspekte

1107 Insbesondere nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist das Interesse für die Ökumene unter uns gewachsen. Beweise hierfür sind die gemeinsame Bemühung um Verbreitung, Kenntnis und Wertschätzung der Heiligen Schrift sowie um das private und öffentliche Gebet, um die Einheit, die besonders in der diesem Zweck gewidmeten Woche gepflegt wird, die interkonfessionellen Begegnungen und Meditationsgruppen, die gemeinsame Arbeit zur Förderung des Menschen, der Schutz der Menschenrechte und die Begründung von Gerechtigkeit und Frieden. Mancherorts sind zweiseitige oder mehrseitige Kirchenräte auf verschiedenen Ebenen geschaffen worden.

1108 Weiterhin bestehen jedoch bei vielen Christen Unkenntnis oder Mißtrauen gegenüber der Ökumene. Das Mißtrauen rührt in unseren Gemeinschaften zum großen Teil von Proselytentum her, das ein ernsthaftes Hindernis für die wirkliche Ökumene ist. Eine weitere, sich für die Ökumene negativ auswirkende Tatsache, ist die Existenz verfremdender Tendenzen in manchen religiösen Bewegungen, die den Menschen von seiner Verpflichtung gegenüber dem Nächsten abhalten. Unter dem angeblichen Wirken für die Ökumene wird jedoch auch der eigene Vorteil genutzt oder wird diese zu einem politischen Instrument gemacht; ein solches Verhalten nimmt dem Dialog seine Kraft.

1109 Die „freien religiösen Bewegungen” äußern häufig den Wunsch nach Gemeinschaft, nach Mitbeteiligung, nach erlebter Liturgie, und diesem Wunsch muss Rechnung getragen werden. Trotzdem dürfen wir bei diesen Gruppen weder den betonten Proselytismus, noch den biblischen Fundamentalismus oder die strikte Auslegung der eigenen Doktrinen übersehen.

1110 Auf der Ebene des Kontinents, insbesondere in einigen Nationen, ist der Dialog mit dem Judentum aufgenommen worden. Doch sind das Fortbestehen einer gewissen Unkenntnis der bleibenden Werte des Judentums sowie Haltungen festzustellen, die auch das Konzil beklagt (vgl. NA 4).

1111 Der islamische Monotheismus, seine Suche nach dem Absoluten und nach Antworten auf die Rätsel des menschlichen Herzens – dies sind Merkmale der großen nicht-christlichen Religionen – stellen Punkte der Annäherung für einen Dialog dar, der an einigen Orten im Entstehen begriffen ist.

1112 In den übrigen religiösen oder para-religiösen Formen ist die Suche nach Antworten auf die konkreten Bedürfnisse des Menschen, der Wunsch nach Kontakt zur Welt des Transzendenten und des Geistigen festzustellen. Doch wird in ihnen neben einem ausgeprägten Proselytismus der Versuch sichtbar, die geistige Transzendenz des Menschen in pragmatischer Weise zu unterjochen.

1113 Um eine angemessene klare Unterscheidung des Phänomens der Nichtgläubigkeit im Hinblick auf einen wirksamen Dialog festzulegen, ist es erforderlich, die Vielfalt der Ursachen und Gründe für diese Nichtgläubigkeit zu erfassen, wie etwa die tiefgreifenden Beziehungen zwischen der Objektivierung der Sünde im wirtschaftlichen, sozialen, politischen und ideologisch-kulturellen Bereich, aber auch die Ambivalenz zu begreifen, die jeder aufrichtigen Suche nach der Wahrheit, nach der Förderung der Freiheit zu eigen ist. Vielleicht darf sich die Kirche selbst hier nicht als schuldlos betrachten (vgl. GS 19). Nicht selten zeichnen sich die Nichtgläubigen durch eine Verwirklichung menschlicher Werte aus, die auf der Linie des Evangeliums liegen. Doch sind unserer Zeit nicht die Formen eines militanten Atheismus und einer Vorstellung vom Menschen fremd, die die umfassende Entwicklung des Menschen verhindern.

Theologische Kriterien

1114 Evangelisierung und Dialog

In aller Evangelisierung hallt das Wort Christi wider, das seinerseits Wort des Vaters ist. Dieses Wort sucht die Antwort des Glaubens (vgl. Lk 8, 12). Aber auch das Wort selbst, das von der Kirche verkündet wird, will in einen fruchtbaren Austausch eintreten mit den religiösen und kulturellen Ausdrucksformen, die unsere heutige pluralistische Welt kennzeichnen (vgl. ES 60 ff.). Dies ist der Dialog, der stets den Charakter des Zeugnisses hat, da er den anderen Menschen und die Identität des Gesprächspartners achtet. Der Dialog erfordert von beiden Seiten Fairneß und Integrität. Er steht nicht der Universalität der Verkündigung des Evangeliums entgegen, sondern er vervollständigt sie auf andere Weise und hält stets die Verpflichtung der Kirche aufrecht, das Evangelium mit allen zu teilen (vgl. EN 53 ff.). An dieser Stelle muss daran erinnert werden, dass durch die Gnade des Geistes im vorigen Jahrhundert gerade im Bereich der Mission die Sorge um die Ökumene entstand (vgl. UR 1). Wir können nicht einen geteilten Christus predigen (vgl. Joh 17, 21 und EN 77).

1115 Da dies so ist, ermutigt die Kirche auf dem Konzil Hirten und Gläubige, „die Zeichen der Zeit zu erkennen und mit Eifer an dem ökumenischen Werk teilzunehmen“, um „die Wiederherstellung der Einheit unter allen Christen zu fördern“, die „eines der vordringlichsten Ziele des Konzils“ ist (UR 4) (vgl. SC 1).

1116 Hinsichtlich des Judentums erinnert das Zweite Vatikanische Konzil „an das Band, wodurch das Volk des Neuen Bundes mit dem Stamme Abrahams geistlich verbunden ist“ und will daher „die gegenseitige Kenntnis und Achtung zwischen den Gläubigen beider Religionen fördern“ (NA 4).

1117 Der universale Heilswille Gottes umfaßt alle Menschen (vgl. 1 Tim 2, 4). Da Christus für alle gestorben ist und die letzte Berufung des Menschen eine einzige, d.h. eine göttliche ist, ist die Kirche davon überzeugt, dass der Heilige Geist allen die Möglichkeit anbietet, auf eine Weise, die nur Gott kennt, mit dem österlichen Geheimnis verbunden zu sein (vgl. GS 22; 10). Da der persönliche Glaube ein freier Willensakt ist, muss sich die Kirche im Dialog den Nichtgläubigen unter Achtung ihrer persönlichen Freiheit nähern und sich bemühen, ihre Motivationen und Gründe zu verstehen. Im übrigen ist die Nichtgläubigkeit eine Aufgabe und Herausforderung für die Treue und Glaubwürdigkeit der Gläubigen und der Kirche (vgl. GS 19).

Pastorale Aspekte

1118 Zu fördern ist eine einfachere, bescheidenere und selbstkritischere Haltung der Kirche und der Christen als Vorbedingung für einen fruchtbaren religiösen Dialog.

1119 Auf den verschiedenen Ebenen und in den Bereichen, in denen der Dialog entsteht, ist das entscheidende und gemeinsame Engagement für den Schutz und die Förderung der Grundrechte eines jeden und aller Menschen, insbesondere der Bedürftigsten, zu ermutigen, indem wir am Aufbau einer neuen, gerechteren und freieren Gesellschaft mitwirken.

1120 Sorge zu tragen ist für eine angemessene Darlegung der katholischen Lehre, die eine gerechte „Hierarchie der Wahrheiten“ (UR 11) anbieten und eine gültige Antwort auf die Fragestellungen geben muss, die sich für sie aus der konkreten lateinamerikanischen Situation ergeben. Sorge zu tragen ist ebenfalls für die notwendige Erziehung, Ausbildung und Information hinsichtlich der Ökumene und des religiösen Gesprächs im allgemeinen und insbesondere bei den Pastoralträgern.

1121 Mit Blickrichtung auf die Ökumene ist das gemeinsame Zeugnis zu fördern durch das Gebet, die Woche für die Einheit, die gemeinsame Bibelaktion, durch Studien- und Meditationsgruppen und, wo es möglich ist, durch interkonfessionelle Kommissionen und Räte auf verschiedenen Ebenen.

1122 Das Phänomen der „ freien religiösen Bewegungen“ sowie die Ursachen für deren schnelles Anwachsen sind sorgfältig zu untersuchen, damit wir uns in unseren kirchlichen Gemeinschaften den Bestrebungen und Fragen stellen können, auf die diese Bewegungen eine Antwort geben wollen. Hierhin gehören z. B. eine lebendige Liturgie, erfahrene Brüderlichkeit und aktive missionarische Mitwirkung.

1123 Der religiöse Dialog mit den Juden ist zu fördern, wobei die Prinzipien und Anhaltspunkte zu beachten sind, die in den „Richtlinien“ und Vorschlägen für die Anwendung der Erklärung „Nostra Aetate“ enthalten sind.

1124 Unsere Gemeinschaften sind auf der Grundlage eines klaren Urteils über die oben beschriebenen religiösen oder para-religiösen Formen sowie über die Verzerrungen aufzuklären und zu orientieren, die diese für das Erleben des christlichen Glaubens mit sich bringen.

1125 Eine entschiedenere Präsenz ist zu fördern in den Zentren, wo gültige kulturelle Ausdrucksformen entstehen und neue Leitbilder sichtbar werden. In diesem Sinne ist eine organische Pastoral der Kultur, der Arbeiterbewegung und der Jugend erforderlich.

1126 Das Bewusstsein für die Realität und Ausdehnung des Phänomens der Nichtgläubigkeit ist mit dem Ziel der Läuterung des Glaubens der Gläubigen zu stärken; ebenso soll auf diese Weise die Übereinstimmung zwischen Leben und Glauben und die Mitwirkung „in wirklichem Frieden, für die Erbauung der Welt“ (GS 92) bewirkt werden.

1127 Schließlich muss die ökumenische Dimension sowie die Bereitschaft zum Dialog mit der nicht-christlichen Welt und den Nichtgläubigen weniger als Teilaufgabe, sondern vielmehr als eine globale Perspektive der Evangelisierungsarbeit begriffen werden.

TEIL IV: DIE MISSIONIERENDE KIRCHE IM DIENST DER EVANGELISIERUNG IN LATEINAMERIKA

1128 Der Geist des Herrn bewegt das Gottesvolk in der Geschichte dazu, die Zeichen der Zeit zu unterscheiden und in den tiefsten menschlichen Sehnsüchten und Problemen den Plan Gottes für die Berufung des Menschen zur Erbauung einer Gesellschaft zu erkennen, die menschlicher, gerechter und brüderlicher werden soll.

1129 So ist in Lateinamerika die Armut spürbar, die das Brandmal der großen Mehrheiten ist, die zur gleichen Zeit nicht nur für die Seligpreisungen und die besondere Liebe des Vaters offen sind, sondern auch für die Möglichkeit, in Wahrheit eine führende Rolle in ihrer eigenen Entwicklung zu übernehmen.

1130 Die Evangelisierung der Armen war für Jesus eines der messianischen Zeichen und soll auch für uns ein Zeichen der Wahrhaftigkeit im Geist des Evangeliums sein.

1131 Zudem will die lateinamerikanische Jugend eine bessere Welt erbauen und sucht, oft ohne es zu wissen, die Werte des Evangeliums, die da Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe heißen. Die Evangelisierung der lateinamerikanischen Jugend wird nicht nur deren umfassendes Streben nach Selbstverwirklichung erfüllen, sondern auch die Bewahrung eines kraftvollen Glaubens auf unserem Kontinent garantieren.

1132 Die Armen und die jungen Menschen sind also der Reichtum und die Hoffnung der Kirche in Lateinamerika und daher ist ihre Evangelisierung vorrangig.

1133 Die Kirche ruft auch alle ihre übrigen Kinder im Rahmen ihrer jeweiligen besonderen Verantwortung dazu auf, Sauerteig in der Welt zu sein und beim Aufbau einer neuen Gesellschaft auf nationaler und internationaler Ebene mitzuwirken. Insbesondere auf unserem Kontinent, der mehrheitlich christlich ist, müssen die Menschen Keim, Licht und Kraft der Veränderung sein.

Kapitel l Vorrangige Option für die Armen

Von Medellin bis Puebla

1134 Mit erneuerter Hoffnung auf die belebende Kraft des Geistes machen wir uns wieder die Auffassung der 2. Vollversammlung zu eigen, die eine klare und prophetische, vorrangige und solidarische Option für die Armen zum Ausdruck brachte, trotz der Abweichungen und Deutungen, mit denen manche dem Geist von Medellin seine Kraft nahmen, trotz der Unkenntnis und sogar der Feindseligkeit anderer (vgl. Johannes Paul II., Eröffnungsansprache Einführung, AAS LXXI S. 187). Wir bestätigen die Notwendigkeit der Umkehr der gesamten Kirche im Sinne einer vorrangigen Option für die Armen mit Blickrichtung auf deren umfassende Befreiung.

1135 Die überwiegende Mehrheit unserer Brüder lebt weiterhin in Armut und sogar im Elend, das noch zugenommen hat. (Hierauf bezogen wir uns in Nr. 15 ff., doch wir erinnern daran, dass sie der elementarsten materiellen Güter entbehren im Gegensatz zu der Anhäufung von Reichtum in den Händen einer Minderheit, was häufig um den Preis der Armut vieler geschieht. Die Armen entbehren nicht nur der materiellen Güter, sondern auf der Ebene der menschlichen Würde entbehren sie der vollen gesellschaftlichen und politischen Mitbeteiligung. Dies trifft insbesondere für unsere Urbevölkerung, die Landbevölkerung, die Arbeiter, die Randgruppen in den Städten und in starkem Maße für die Frau in diesen sozialen Schichten aufgrund ihrer Unterdrückung und ihrer Randstellung zu.) Wir wollen uns dessen bewusst werden, was die lateinamerikanische Kirche seit der Konferenz von Medellin für die Armen getan oder nicht getan hat, um somit einen Ausgangspunkt für die Suche nach wirksamen Wegen in unserer Tätigkeit der Evangelisierung in der Gegenwart und in der Zukunft Lateinamerikas zu erhalten.

1136 Wir stellen fest, dass das Engagement für die Armen seitens der nationalen Episkopate und zahlreicher Kreise von Laien, Ordensmännern, Ordensfrauen und Priestern tiefgreifender und realistischer geworden ist. Dieses im Entstehen begriffene, jedoch reale Zeugnis veranlasste die lateinamerikanische Kirche dazu, die schweren Ungerechtigkeiten anzuklagen, die aus den Mechanismen der Unterdrückung herrühren.

1137 Die Armen, die ihrerseits von der Kirche ermutigt wurden, haben begonnen, sich zu Organisieren, um ihren Glauben in seiner Fülle zu leben und ihre Rechte zu fordern.

1138 Die prophetische Anklage der Kirche und ihre konkreten Verpflichtungen gegenüber den Armen haben ihr in nicht wenigen Fällen Verfolgungen und Bedrängnisse verschiedener Art eingetragen. Die Armen selbst waren die ersten Opfer dieser Bedrängnisse.

1139 All dieses hat Spannungen und Konflikte innerhalb und außerhalb der Kirche hervorgerufen. Häufig hat man die Kirche beschuldigt, entweder auf der Seite der sozio-ökonomischen und politischen Mächte zu stehen oder sich auf den gefährlichen Irrweg der marxistischen Ideologie zu begeben.

1140 Nicht alle haben wir uns in der Kirche Lateinamerikas in ausreichendem Maße für die Armen engagiert; nicht immer sorgen wir uns um sie und nicht immer sind wir solidarisch mit ihnen. Der Dienst an den Armen erfordert in der Tat eine ständige Umkehr und Läuterung aller Christen, damit eine immer vollständigere Identifizierung mit Christus, der arm war, und mit den Armen verwirklicht wird.

Theologische Reflexion

Jesus evangelisiert die Armen

1141 Das evangelische Engagement der Kirche muss, wie der Papst sagte, wie das Engagement Christi sein. Es muss das Engagement für die Bedürftigsten sein (vgl. Lk 4, 18-21; Eröffnungsansprache III, 3). Daher muss die Kirche auf Christus schauen, wenn sie sich fragt, welcher Art ihr evangelisatorisches Wirken sein soll. Der Sohn Gottes bewies die Größe dieser Verpflichtung dadurch, dass er Mensch wurde, denn er identifizierte sich mit den Menschen, indem er einer von ihnen wurde, mit ihnen solidarisch war und durch seine Geburt, in seinem Leben und vor allem in seinem Leiden und Sterben, wo er die Armut am stärksten zum Ausdruck brachte, die Situation der Menschen annahm (vgl. Phil 2, 2-5; LG 8; EN 30; Medellin, Gerechtigkeit 1, 3).

1142 Allein aus diesem Grunde haben die Armen ein Anrecht auf besondere Fürsorge, ungeachtet ihrer moralischen und persönlichen Situation. Geschaffen nach dem Bilde Gottes und ihm ähnlich (vgl. Gen 1, 26-28), damit sie seine Kinder seien, ist dieses Ebenbild doch verdunkelt und wird verhöhnt. Daher übernimmt Gott ihren Schutz, und er liebt sie (vgl. Mt 5, 45; St 2, 5). So geschieht es, dass sich die Sendung zunächst an die Armen richtet (vgl. Lk 4, 18-21) und ihre Evangelisierung ist in besonderer Weise Zeichen und Beweis der Sendung Jesu (vgl. Lk 7, 21-23).

1143 Dieser zentrale Aspekt der Evangelisierung wurde von Seiner Heiligkeit Johannes Paul II. unterstrichen: „Ich habe diese Begegnung herbeigesehnt, weil ich mich mit euch solidarisch fühle und weil ihr durch eure Armut ein Recht auf meine besondere Zuneigung habt. Ich nenne euch auch gleich den Grund: der Papst liebt euch, weil ihr von Gott besonders geliebt seid. Gott selber wollte bei der Gründung seiner Familie, der Kirche, als Armer und Hilfsbedürftiger unter den Menschen sein. Um die Menschen zu erlösen, sandte Gott seinen Sohn, der arm geboren wurde und unter den Armen lebte, um uns durch seine Armut reich zu machen (vgl. 2 Kor 8, 9)“ (Ansprache Stadtteil Santa Cecilia AAS LXXI S. 220).

1144 Von Maria, die in ihrem Gesang des Magnifikat (vgl. Lk 1, 46-55) aussagt, dass die Erlösung Gottes zu tun hat mit der Gerechtigkeit gegenüber den Armen, „geht ebenfalls der echte Einsatz für die Mitmenschen, unsere Brüder, zumal für die ärmsten und verlassensten unter ihnen, auch der Einsatz für den notwendigen Wandel der Gesellschaft aus“ (Johannes Paul II., Homilie Zapopán 4–AAS LXXI S. 230).

Der Dienst an den Armen, unseren Brüdern

1145 Wenn wir uns dem Armen nähern, um ihn zu begleiten und ihm zu dienen, so tun wir, was Christus uns lehrte, als er, arm wie wir, unser Bruder wurde. Daher ist der Dienst an den Armen vorrangiger, wenn auch nicht ausschließlicher Bestandteil unserer Nachfolge Christi. Der beste Dienst an unserem Bruder ist die Evangelisierung, die ihn befähigt, sich als Kind Gottes zu verwirklichen, die ihn von der Ungerechtigkeit befreit und die ihn umfassend fördert.

1146 Es ist von höchster Bedeutung, dass dieser Dienst an unserem Bruder in Übereinstimmung mit der Grundlinie erfolgt, die das 2. Vatikanische Konzil festlegt: „Zuerst muss man den Forderungen der Gerechtigkeit Genüge tun, und man darf nicht als Liebesgabe anbieten, was schon aus Gerechtigkeit geschuldet ist. Man muss die Ursachen der Übel beseitigen, nicht nur die Wirkungen. Die Hilfeleistung sollte so geordnet sein, dass sich die Empfänger, allmählich von äußerer Abhängigkeit befreit, auf die Dauer selbst helfen können“ (AA 8).

1147 Das Engagement für die Armen und Unterdrückten und das Entstehen der Basisgemeinschaften haben der Kirche dazu verholfen, das evangelisatorische Potential der Armen zu entdecken, da sie die Kirche ständig vor Fragen stellen, indem sie sie zur Umkehr aufrufen, und da viele von ihnen in ihrem Leben die Werte des Evangeliums verwirklichen, die in der Solidarität, im Dienst, in der Einfachheit und in der Aufnahmebereitschaft für das Geschenk Gottes bestehen.

Die christliche Armut

1148 Für das Christentum ist der Begriff „Armut“ nicht nur Ausdruck der Entbehrung und Abseitsstellung, von der wir uns befreien müssen. Er bezeichnet auch eine Lebensform, die bereits im Alten Testament unter den „Armen Jahves“ (vgl. Sot 2, 3; 3, 12-20, Jesaja 49, 13; 66, 2; Psalm 74, 19; 149, 4) in Blüte stand und durch Jesus als Seligpreisung (vgl. Mt 53; Lk 6, 20) gelebt und verkündet wurde. Der Heilige Paulus konkretisiert diese Lehre, wenn er sagt, dass die Haltung des Christen dahin gehen muss, dass er die Güter dieser Welt (deren Struktur vergänglich ist) verwendet, ohne sie zu verabsolutieren, denn sie sind nur Mittel, um zum Reich zu gelangen (vgl. 1 Kor 7, 29-31). Diese Form des Lebens in Armut wird im Evangelium von allen gefordert, die an Christus glauben, und daher können wir sie „evangelische Armut“ (vgl. Mt 6, 19-34) nennen. Die Ordensleute leben diese Armut, die von allen Christen gefordert ist, in der strengsten Form, indem sie sich durch ihr Gelübde verpflichten, die evangelischen Räte zu leben (vgl. Nr. 733-735).

1149 Die evangelische Armut verbindet die Haltung der vertrauensvollen Öffnung gegenüber Gott mit einem einfachen, bescheidenen und zurückgezogenen Leben, das die Versuchungen der Habsucht und des Stolzes von sich weist (vgl. 1 Tim 6, 3- 10).

1150 Die evangelische Armut wird auch in der Gemeinschaft und im Miteinanderteilen der materiellen und spirituellen Güter in die Praxis umgesetzt, nicht durch Zwang, sondern durch die Liebe, damit der Überfluß der einen die Bedürftigkeit der anderen lindere (vgl. 2 Kor 8, 1-15).

1151 Die Kirche freut sich, bei vielen ihrer Kinder, insbesondere in der bescheideneren Mittelschicht, das konkrete Nachleben dieser christlichen Armut zu sehen.

1152 In der Welt von heute ist diese Armut eine Herausforderung für den Materialismus und öffnet die Pforten für Alternativlösungen zur Konsumgesellschaft.

Pastorale Richtlinien

Zielsetzung

1153 Das vorrangige Eintreten für die Armen hat als Ziel die Verkündigung Christi, des Erlösers, der ihnen ihre Würde kundtut, ihnen bei ihren Bemühungen um die Befreiung von allen Nöten hilft und sie zur Gemeinschaft mit dem Vater und den Brüdern durch das Erleben der evangelischen Armut hinführt. „Jesus Christus ist gekommen, um unser menschliches Dasein mit seinem Leiden, mit seinen Nöten und seinem Tod zu teilen. Bevor er ihr tägliches Leben ändern wollte, hat er zu den Herzen der Armen gesprochen, sie von der Sünde befreit, ihre Augen einem strahlenden Horizont geöffnet und sie mit Freude und Hoffnung erfüllt. Dasselbe tut Jesus Christus heute, der in euren Kirchen, euren Familien, euren Herzen und in eurem ganzen Leben gegenwärtig ist“ (Johannes Paul II., Ansprache vor Arbeitern in Monterrey 8, AAS LXXI S. 244).

1154 Dieses Eintreten, das durch die ärgerniserregende Realität des wirtschaftlichen Ungleichgewichts in Lateinamerika notwendig wird, muss dazu führen, ein würdiges und brüderliches menschliches Zusammenleben herzustellen und eine gerechte und freie Gesellschaft aufzubauen.

1155 Der notwendige Wandel der ungerechten gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen kann nicht wirklich und umfassend sein, wenn er nicht von einem Wandel in der Mentalität des einzelnen und der Gesellschaft hinsichtlich des Ideals eines menschenwürdigen und glücklichen Lebens begleitet ist, das seinerseits zur Umkehr bereit macht (vgl. Medellin, Gerechtigkeit 1. 3; EN 30).

1156 Die Forderung des Evangeliums nach Armut als Solidarität mit dem Armen und als Ablehnung der Situation, in der die Mehrheit der Bevölkerung des Kontinents lebt, schützt den Armen davor, in seinem Leben Individualist zu sein und sich von dem falschen Ideal einer Konsumgesellschaft anziehen und verführen zu lassen. Auf die gleiche Weise kann das Zeugnis einer armen Kirche die Reichen evangelisieren, die ihr Herz an den Reichtum gehängt haben, indem es sie zur Umkehr veranlasst und sie von dieser Knechtschaft und ihrem Egoismus befreit.

Mittel

1157 Um die Forderung der christlichen Armut zu leben und sie zu verkünden, muss die Kirche ihre Strukturen und das Leben ihrer Glieder, insbesondere der Pastoralträger, mit der Ausrichtung auf eine wirksame Umkehr überprüfen.

1158 Diese Umkehr beinhaltet die Forderung nach einem einfachen Lebensstil und einem völligen Vertrauen auf den Herrn, denn bei ihrer Evangelisierung zählt die Kirche mehr auf das Sein und die Kraft Gottes und seiner Gnade, als auf das „Mehrhaben“ und die weltliche Gewalt. So wird sie das Bild der echten Armut bieten, sie wird für Gott und den Bruder offen und immer bereit sein, und in ihr werden die Armen die Möglichkeit einer wirklichen Beteiligung haben und in ihrem Wert anerkannt werden.

Konkrete Aktionen

1159 In unserer Verpflichtung gegenüber dem Armen verurteilen wir – als gegen den Geist des Evangeliums gerichtet– die äußerste Armut, von der zahlreiche Gruppen auf unserem Kontinent betroffen sind.

1160 Wir bemühen uns darum, die Mechanismen zu erkennen und anzuklagen, die diese Armut hervorrufen.

1161 In Anerkennung der Solidarität der übrigen Kirchen verbinden wir unsere Anstrengungen mit denen der Menschen, die guten Willens sind, um die Armut an der Wurzel zu beseitigen und eine gerechtere und brüderlichere Welt zu errichten. 1162 Wir unterstützen die Bestrebungen der Arbeiter und Landarbeiter, die als freie und verantwortliche Menschen behandelt werden wollen, die dazu berufen sind, an den Entscheidungen mitzuwirken, die ihr Leben und ihre Zukunft betreffen, und wir ermutigen alle, sich selbst zu vervollkommnen (vgl. Johannes Paul II., Ansprache Oaxaca; Ansprache an die Arbeiter in Monterrey. AAS LXXI S. 207, 240).

1163 Wir verteidigen ihr Grundrecht, „in Freiheit Organisationen zur Verteidigung und Förderung des Gemeinwohls zu gründen“ (Johannes Paul II., Ansprache an die Arbeiter in Monterrey 3, AAS LXXI S. 242).

1164 Die autochthonen Kulturen haben unbestreitbare Werte, sie sind der Reichtum der Völker. Wir verpflichten uns dazu, ihnen mit Achtung und Sympathie gegenüberzutreten und sie zu fördern, denn wir wissen, „wie wichtig die Kultur als Übermittlerin des Glaubens ist, damit der Mensch in der Erkenntnis Gottes fortschreitet. Hier kann es keinen Unterschied zwischen den einzelnen Rassen und Kulturen geben“ (Johannes Paul II., Ansprache Oaxaca 2, AAS LXXI S. 208).

1165 Mit ihrer vorrangigen, aber nicht ausschließlichen Liebe zu den Armen war die in Medellin gegenwärtige Kirche, wie es der Heilige Vater zum Ausdruck brachte, ein Aufruf zur Hoffnung auf christlichere und menschlichere Ziele (vgl. Ansprache an die Arbeiter in Monterrey). Die 3. Bischofskonferenz von Puebla will diesen Aufruf lebendig erhalten und der Hoffnung neue Horizonte eröffnen.

Kapitel II Vorrangige Option für die Jugendlichen

1166 Den jungen Menschen ist der lebendige Christus als der einzige Erlöser nahe zu bringen, damit sie, selbst evangelisiert, evangelisieren und mit einer Antwort der Liebe zu Christus beitragen zur umfassenden Befreiung des Menschen und der Gesellschaft, indem sie ein Leben der Gemeinschaft und Mitbeteiligung führen.

Lage der Jugend

1167 Merkmal der Jugend ist, dass sie nicht nur eine Personengruppe bestimmten Alters umfaßt. Jugend ist auch eine Haltung gegenüber dem Leben in einem Abschnitt, der nicht endgültig, sondern ein Übergang ist. Er hat sehr charakteristische Merkmale:

1168 Nonkonformismus, der alles in Frage stellt; Risikofreude, die zu radikalen Verpflichtungen und Situationen führt; schöpferische Kraft mit neuen Antworten auf die sich verändernde Welt, die die Jugend als Zeichen der Hoffnung ständig verbessern will. Ihre spontanste und stärkste persönliche Bestrebung gilt der Freiheit, die sich jeder äußeren Vormundschaft entzieht. Die Jugend ist das Zeichen für Freude und Glück. Sie ist sensibel gegenüber gesellschaftlichen Problemen. Sie fordert Echtheit und Einfachheit und lehnt rebellisch eine Gesellschaft ab, die von Heuchelei und Fehlwerten gekennzeichnet ist.

1169 Diese lebendige Kraft befähigt sie, die Kulturen zu erneuern, die andernfalls dem Alterungsprozess ausgesetzt wären.

Die Jugend im gesellschaftlichen Gefüge

1170 Die normale Rolle der Jugend in der Gesellschaft besteht darin, das soziale Gefüge mit Leben zu erfüllen. Sind die Erwachsenen nicht aufrichtig und offen für den Dialog mit den Jugendlichen, so verhindern sie, dass die schöpferische Lebenskraft der Jungen das gesellschaftliche Gefüge fördert. Fühlen die Jungen sich nicht ernst genommen, so wenden sie sich anderen Wegen zu: Entweder werden sie von unterschiedlichen Ideologien, insbesondere den radikalen, aufgehetzt, denn da sie aufgrund ihres natürlichen Idealismus diesen zugänglich sind, verfügen sie nicht immer über die ausreichende Vorbildung für ein klares Unterscheidungsvermögen, oder sie stehen dem herrschenden System indifferent gegenüber oder passen sich ihm unter Schwierigkeiten an und verlieren die dynamische Kraft.

1171 Was den Jugendlichen am meisten verwirrt, ist die Bedrohung, der seine Forderung nach Glaubwürdigkeit durch die Erwachsenenwelt ausgesetzt ist, welche zum großen Teil widersprüchlich und manipulativ ist. Als bedrohlich empfindet er aber auch den Generationenkonflikt, die vom Konsum bestimmte Zivilisation, eine gewisse Pädagogik des Instinkts, die Drogen, den Sexualismus und die Versuchungen des Atheismus.

1172 Heute wird die Jugend insbesondere im politischen Bereich manipuliert, ebenso aber auch bei der Beschäftigung in der „Freizeit“. Ein Teil der Jugend hegt berechtigte politische Sorgen und ist sich seiner gesellschaftlichen Kraft bewusst. Der Mangel an Vorbildung auf diesem Gebiet sowie das Fehlen einer abgewogenen Beratung führt sie zu Radikalisierung oder Enttäuschungen. Der junge Mensch beschäftigt sich während eines großen Teils seiner „Freizeit“ mit Sport und der Benutzung der sozialen Kommunikationsmittel. Für manche sind dies Mittel zur Bildung und einer gesunden Erholung; für andere sind sie Werkzeuge der Entfremdung.

1173 Die Familie ist das primäre gesellschaftliche Gefüge, in dem die Jugend entsteht und erzogen wird. Von ihrer Stabilität, ihrer Art der Beziehungen zur Jugend, der Art, wie sie erlebt wird und sich gegenüber den Werten der Jugendlichen öffnet, hängt zu einem großen Teil das Scheitern oder der Erfolg der Verwirklichung dieser Jugend in der Gesellschaft oder in der Kirche ab (vgl. Johannes Paul II., Homilie Puebla. AAS LXXI S. 182).

1174 Die weibliche Jugend befindet sich aufgrund der herrschenden Verwirrung über die Aufgabe der Frau in der Gegenwart in einer Identitätskrise. Die negativen Elemente der Befreiung der Frau sowie ein gewisser, fortbestehender „machismo“ verhindern eine gesunde Förderung der Frau als unverzichtbares Element beim Aufbau der Gesellschaft.

Die Jugend Lateinamerikas

1175 Die Jugend Lateinamerikas darf nicht abstrakt gesehen werden. Es gibt eine große Vielfalt von Jugendlichen, die durch ihre soziale Lage oder durch die gesellschaftspolitischen Erfahrungen gekennzeichnet sind, denen ihre jeweiligen Länder ausgesetzt sind.

1176 Beschäftigen wir uns mit ihrer sozialen Situation, so stellen wir fest, dass es neben jenen, die sich aufgrund ihrer wirtschaftlichen Lage normal entwickeln, viele Jugendliche der Urbevölkerung, unter den Landarbeitern, Bergarbeitern, Fischern und Arbeitern gibt, die sich aufgrund ihrer Armut gezwungen sehen, wie Erwachsene zu arbeiten. Neben Jugendlichen, die ohne Sorgen leben, gibt es Studenten, insbesondere in den städtischen Randgebieten, die schon heute in der Unsicherheit hinsichtlich ihres zukünftigen Arbeitsplatzes leben oder die infolge einer fehlenden Berufsberatung ihren Weg nicht gefunden haben.

1177 Andererseits ist nicht zu bestreiten, dass es Jugendliche gibt, die sich durch den Mangel an Glaubwürdigkeit mancher ihrer Führer betrogen fühlen oder die der Zivilisation des Konsums überdrüssig geworden sind. Andere wiederum wollen als Antwort auf die vielfältigen Formen des Egoismus eine Welt des Friedens, der Gerechtigkeit und der Liebe erbauen. Schließlich stellen wir fest, dass nicht wenige die Freude der Hingabe an Christus gefunden haben, trotz der vielfältigen und harten Anforderungen, die sein Kreuz stellt.

Die Jugendlichen und die Kirche

1178 Die Kirche sieht in der Jugend eine große Kraft der Erneuerung, die Symbol der Kirche selbst ist. Sie hat diese Sicht aufgrund ihrer Berufung, nicht aufgrund einer Taktik, da sie ja „dazu berufen ist, sich ständig selbst zu erneuern, d. h. sie ist zu einer ständigen Verjüngung berufen“ (Johannes Paul II., Ansprache an die Jugend 2. AAS LXXI S. 218). Dieser Dienst an der Jugend, der in Demut vollbracht wird, muss in der Kirche dazu führen, dass sich jedwede Haltung des Mißtrauens oder der Inkohärenz gegenüber den Jugendlichen ändert.

1179 In der Gegenwart sehen die Jugendlichen die Kirche jedoch auf verschiedene Weise: Einige lieben sie spontan, so wie sie ist, als Sakrament Christi, andere stellen sie in Frage, damit sie glaubwürdig werde und schließlich gibt es manche, die einen lebendigen Christus ohne seinen Leib suchen, der die Kirche ist. Es gibt eine indifferente Masse, die sich passiv der Zivilisation des Konsums oder anderen Substraten angepaßt hat und gegenüber der Forderung des Evangeliums desinteressiert ist.

1180 Es gibt Jugendliche, die sich um die Gesellschaft sorgen, jedoch von den Regierungssystemen unterdrückt werden. Diese suchen die Kirche als Freiraum, um sich ohne Manipulationen ausdrücken und ihren gesellschaftlichen und politischen Protest äußern zu können. Einige wiederum wollen die Kirche als Mittel des Protestes benutzen. Schließlich lehnt eine sehr aktive Minderheit, die durch ihre Umwelt oder durch materialistische und atheistische Ideologien beeinflußt ist, das Evangelium ab und bekämpft es.

1181 Die Jugendlichen, die sich in der Kirche zu verwirklichen trachten, können sich getäuscht fühlen, wenn es an einer guten Planung und pastoralen Leitung fehlt, die der historischen Realität entspricht, in der sie leben. Ebenso leiden sie unter dem Mangel an ausgebildeten Beratern, obgleich in nicht wenigen Jugendgruppen und - bewegungen solche Berater tätig sind, die sachkundige und opferbereite Arbeit leisten.

Pastorale Kriterien

1182 Auf die Lage der Jugend wollen wir mit den drei Kriterien der Wahrheit eine Antwort geben, die von Seiner Heiligkeit Johannes Paul II. dargelegt wurden: die Wahrheit über Jesus Christus, die Wahrheit über die Sendung der Kirche und die Wahrheit über den Menschen (vgl. Eröffnungsansprache, AAS LXXI S. 178).

1183 Die Jugend geht, ohne sich dessen bewusst zu sein, auf die Begegnung mit einem Messias, Christus, zu, der seinerseits auf die jungen Menschen zugeht (vgl. Paul VI.). Nur er macht den jungen Menschen in Wahrheit frei. Dies ist der Christus, der der Jugend als der umfassende Befreier dargestellt werden muss (vgl. Gal 5, 1. 13; 4, 26. 31; Kor 7, 22; 2 Kor 3, 17). Es ist der Christus, der durch den Geist der Seligpreisungen jedem jungen Menschen die Eingliederung in einen Prozess der ständigen Umkehr anbietet. Er versteht seine Schwächen und bietet ihm eine sehr persönliche Begegnung mit ihm und der Gemeinschaft in den Sakramenten der Versöhnung und der Eucharistie an. Der Jugendliche muss Christus als persönlichen Freund erfahren, der nie enttäuscht, der der Weg der völligen Selbstverwirklichung ist. Mit ihm und aufgrund des Gesetzes der Liebe geht er dem gemeinsamen Vater und den Brüdern entgegen. So fühlt er sich in Wahrheit glücklich.

Der Jugendliche in der Kirche

1184 Die jungen Menschen müssen fühlen, dass sie die Kirche sind, indem sie die Kirche als Stätte der Gemeinschaft und Mitwirkung erfahren. Daher akzeptiert die Kirche ihre Kritik, denn sie kennt die Grenzen ihrer Glieder und führt sie zur allmählichen Verantwortung bei ihrem eigenen Aufbau hin, bis sie sie als Zeugen und Missionare, insbesondere zur großen Masse der Jugendlichen, aussendet. In ihr fühlen sich die Jugendlichen als neues Volk, als das Volk der Seligpreisungen, das keine andere Sicherheit besitzt als Christus. Sie fühlen sich als ein Volk mit dem Herzen des Armen, das sich der Kontemplation widmet, das bereit ist, zu hören und im Geist des Evangeliums zu unterscheiden, das den Frieden erbaut, das Träger der Freude und Träger des Vorhabens der umfassenden Befreiung, insbesondere seiner jugendlichen Mitbrüder ist. Die Jungfrau Maria in ihrer Güte, die getreue Gläubige, erzieht den jungen Menschen dazu, Kirche zu sein.

1185 Der Jugendliche, der sich die Haltung Christi zu eigen macht, fördert und schützt die Würde des Menschen. Durch die Taufe ist er Kind des einzigen Vaters und Bruder aller Menschen. Er trägt zum Aufbau der Kirche bei. Immer mehr fühlt er sich als „universaler Bürger“ und als Werkzeug bei der Schaffung der lateinamerikanischen und universalen Gemeinschaft.

Pastorale Optionen

Vorrangige Option

1186 Die Kirche vertraut auf die Jugend (vgl. EN 72). Sie ist die Hoffnung der Kirche. Die Kirche sieht in der Jugend Lateinamerikas ein wirkliches Potential ihrer Evangelisierung in der Gegenwart und der Zukunft . Da die Jugend das gesellschaftliche Gefüge und insbesondere das kirchliche Gefüge mit echter Lebenskraft erfüllt, tritt die Kirche vorrangig für die Jugendlichen hinsichtlich ihrer evangelisatorischen Sendung auf dem Kontinent ein (vgl. Medellin, Jugend 13).

1187 Daher wollen wir eine umfassende pastorale Leitlinie anbieten. In Übereinstimmung mit der differenzierten und organischen Pastoral muss eine Jugendpastoral entwickelt werden, die der gesellschaftlichen Realität der Jugendlichen auf unserem Kontinent Rechnung trägt, die für die Vertiefung und das Wachsen des Glaubens, für die Gemeinschaft mit Gott und den Menschen Sorge trägt, die die Jugendlichen bei ihrer Berufswahl orientiert, die ihnen Mittel bietet, um zu Elementen des Wandels zu werden und die ihnen wirksame Möglichkeiten für eine aktive Mitwirkung in der Kirche und für die Wandlung der Gesellschaft anbietet (vgl. Arbeitsdokument 770).

Konkrete Anwendung Gemeinschaft und Engagement

1188 Die evangelisatorische Kirche richtet einen kraftvollen Aufruf an die Jugendlichen, damit diese in ihr die Stätte ihrer Gemeinschaft mit Gott und den Menschen suchen und finden, um die „Zivilisation der Liebe“ zu errichten und den Frieden auf der Grundlage der Gerechtigkeit zu verwirklichen. Sie fordert die Jugendlichen auf, sich wirksam der evangelisatorischen Tätigkeit, die sich an alle ohne Ausnahme richtet, in Übereinstimmung mit der sie umgebenden Situation und unter besonderer Hinwendung zu den Armen zu verpflichten.

1189 Die Integration in die Kirche erfolgt insbesondere über die Jugendbewegungen oder Jugendgemeinschaften, die in die Gesamtpastoral auf diözesaner oder nationaler Ebene mit der Blickrichtung auf eine lateinamerikanische Integration eingegliedert werden müssen. Diese Eingliederung erfolgt insbesondere durch

– die Familienpastoral;

– die Pastoral der Diözesan- und Pfarrkirche in ihren verschiedenen Aspekten der Katechese, Erziehung, Berufungen usw.;

– den Zusammenhang zwischen den verschiedenen Jugendbewegungen oder - gemeinschaften, wobei deren konkrete gesellschaftliche Situation in Betracht zu ziehen ist: Oberschüler, Studenten, Arbeiter, Landarbeiter, die eigene charakteristische Merkmale besitzen und besondere Anforderungen an den evangelisatorischen Prozess stellen und daher eine spezifische Pastoral erfordern.

1190 Diese Pastoral der Bewegungen und Gemeinschaften muss die Jugendlichen in einem fruchtbaren Zusammenhang sehen, da diese Gruppen das Ferment in der Gesamtheit sein sollen und eine umfassende Evangelisierung fördern sollen.

1191 Aufnahme und Betreuung der Jugendlichen ist vorzusehen, die aus verschiedenen Gründen zeitweilig oder auf Dauer zur Auswanderung gezwungen sind und die Opfer der Einsamkeit, der Entwurzelung und der Abseitsstellung usw. werden.

Ausbildung und Mitbeteiligung

1192 Die Eingliederung in die Kirche und das wirksame Engagement bei der Schaffung der neuen Zivilisation der Liebe und des Friedens stellt hohe Anforderungen und macht eine umfassende Ausbildung und verantwortungsbewusste Mitbeteiligung notwendig.

1193 Die Jugendpastoral mit dem Ziel der Evangelisierung muss ein echter Prozess der Glaubenserziehung sein, der zur Umkehr des einzelnen und zu einem evangelisatorischen Engagement hinführt.

1194 Die Grundlage einer solchen Erziehung besteht darin, dem Jugendlichen den lebendigen Christus, der Gott und Mensch ist, nahezubringen, der ein Vorbild an Glaubwürdigkeit, Einfachheit und Brüderlichkeit ist, der der einzige ist, der durch die Befreiung von aller Sünde und ihren Folgen erlöst und zur aktiven Befreiung der Brüder durch gewaltlose Mittel verpflichtet.

1195 Die Jugendpastoral muss danach streben, dass der junge Mensch in einer echten und apostolischen Spiritualität wächst, auf der Grundlage des Geistes des Gebets und der Kenntnis des Gotteswortes und der kindlichen Liebe zur Allerheiligsten Maria, die, indem sie ihn mit Christus verbindet, ihn mit seinen Brüdern solidarisch werden lässt.

1196 Die Jugendpastoral wird auch dazu beitragen, die Jugendlichen schrittweise für das sozio-politische Wirken und für den Wandel von weniger menschlichen zu menschlicheren Strukturen in Übereinstimmung mit der Soziallehre der Kirche heranzubilden.

1197 In den jungen Menschen muss eine kritische Einstellung gegenüber den Medien und entgegengesetzten kulturellen Wertvorstellungen ausgebildet werden, welche ihm die verschiedenen Ideologien, insbesondere die liberal-kapitalistische und die marxistische nahebringen wollen. Auf diese Weise werden Manipulationen verhütet werden.

1198 Eine einfache und pädagogisch angepaßte Sprache ist zu verwenden, die den psychologischen Unterschieden zwischen jungen Männern und Mädchen Rechnung trägt und die von gegenseitigem Vertrauen und gegenseitiger Achtung geprägt ist. Die Sprache muss auch dem Lebenskreis entsprechen, in dem der junge Mensch lebt und wirkt, damit auf diese Weise seine dynamische evangelisatorische Sendung einen Mittelpunkt erhält.

1199 Die schöpferische Fähigkeit der Jugendlichen ist anzuregen, damit sie selbst die verschiedensten Mittel ersinnen und finden, die geeignet sind, auf konstruktive Art die Sendung sichtbar zu machen, die ihnen in der Gesellschaft und in der Kirche zukommt. Zu diesem Zweck sind ihnen die Möglichkeiten und Bereiche zugänglich zu machen, in denen sie ihrer Verpflichtung nachkommen können. Insbesondere wird die missionarische Präsenz der Jugendlichen an Orten empfohlen, die deren am meisten bedürfen.

1200 Es ist dafür Sorge zu tragen, den Jugendlichen eine gute spirituelle Orientierung zu vermitteln, damit sie in ihrer Berufswahl zur Reifung gelangen können, sei es nun, dass sie sich für den Laienstand, für das Ordensleben oder das Priestertum entscheiden.

1201 Es wird empfohlen, allen jenen Mitteln besondere Beachtung zu widmen, die die Evangelisierung und das Wachsen im Glauben fördern: Exerzitien, Studientage, Begegnungen, Kurse, Tage des Zusammenlebens usw.

1202 Als besonders wichtiger Zeitabschnitt für die Reifung im Glauben – die notwendigerweise zu einer apostolischen Verpflichtung führt – ist die bewusste und aktive Feier des Sakraments der Firmung hervorzuheben, der eine sorgfältige Katechese in Übereinstimmung mit den Richtlinien des Heiligen Stuhls und den Bischofskonferenzen vorausgehen muss.

1203 Besonderes Augenmerk ist auf die vorrangige Ausbildung von qualifizierten Jugendleitern (animadores) zu verwenden (Priester, Ordensleute oder Laien), die Führer und Freunde der Jugend sein sollen und unter Wahrung ihrer eigenen Identität diesen Dienst mit menschlicher und christlicher Reife versehen.

1204 Die Jugend darf nicht abstrakt gesehen werden, noch als eine isolierte Gruppe innerhalb des gesellschaftlichen Gefüges. Daher bedarf sie einer gegliederten Pastoral, die eine wirksame Kommunikation zwischen den verschiedenen Phasen der Jugend und die Kontinuität der Ausbildung und Verpflichtung der späteren Erwachsenen erlaubt.

1205 Die Jugendpastoral soll die Pastoral der Freude und der Hoffnung sein, die die freudige Botschaft von der Erlösung einer Welt verkündet, die häufig traurig, unterdrückt und ohne Hoffnung ist bei der Suche nach ihrer Befreiung (vgl. Johannes Paul II., Ansprache an die Jugend. AAS LXXI S. 217).

Kapitel III Mitwirkung der Kirche am Aufbau einer pluralistischen Gesellschaft in Lateinamerika

1206 Durch die Verkündigung der Frohen Botschaft und vermittels einer radikalen Umkehr zur Gerechtigkeit und zur Liebe hilft die Kirche, von innen her die Strukturen der pluralistischen Gesellschaft zu verändern, die die Würde des Menschen achten und fördern sollen und ihm die Möglichkeit eröffnen, seine höchste Berufung der Gemeinschaft mit Gott und der Menschen untereinander zu erlangen (vgl. EN 18, 19, 20).

Die Situation

Als eine Art von Synthese der Fragen, die an verschiedenen Stellen behandelt wurden, betrachten wir hier nur einige Aspekte, die in unmittelbarer Weise eine Herausforderung für unser pastorales Wirken darstellen.

1207 Insbesondere seit der Konferenz von Medellin sind zwei eindeutige Tendenzen festzustellen:

a) Einerseits ist dies die Tendenz zur Modernisierung, die von einem starken Wirtschaftswachstum, einer wachsenden Verstädterung des Kontinents, der Technisierung der wirtschaftlichen, politischen, militärischen und sonstigen Strukturen begleitet ist.

b) Andererseits ist eine Tendenz zur Verarmung und zum wachsenden Ausschluss großer lateinamerikanischer Mehrheiten vom produktiven Leben zu beobachten. Das arme Volk Lateinamerikas ersehnt daher eine Gesellschaft, die von mehr Gleichheit, Gerechtigkeit und Mitbeteiligung auf allen Ebenen gekennzeichnet ist.

1208 Diese widersprüchlichen Tendenzen begünstigen die Tatsache, dass eine privilegierte Minderheit sich eines großen Teiles des Reichtums sowie der Gewinne bemächtigt, die durch Wissenschaft und Kultur geschaffen wurden. Andererseits begünstigen diese Tendenzen die Armut einer großen Mehrheit, die sich ihres Ausgeschlossenseins und der Behinderung ihrer wachsenden Bestrebungen nach Gerechtigkeit und Mitbeteiligung bewusst ist. Allerdings stellen wir auch fest, dass die Mittelschicht in vielen Ländern Lateinamerikas wächst.

1209 So entsteht ein schwerwiegender Strukturkonflikt: „Der wachsende Reichtum einiger weniger geht Hand in Hand mit dem wachsenden Elend der Massen“ (Johannes Paul II., Eröffnungsansprache III, 4 AAS LXXI S. 200).

Theologische Kriterien

1210 Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft mit unterschiedlichen Religionen, philosophischen Auffassungen, Ideologien und Wertsystemen. Sie haben in verschiedenen historischen Bewegungen Gestalt angenommen und sich das Ziel gesetzt, die Gesellschaft der Zukunft zu schaffen, indem sie die Bevormundung durch jedwede Instanz ablehnen, die nicht in Frage gestellt werden darf.

1211 Wir wissen, dass die Kirche, auch wenn sie einen wertvollen Beitrag zur Errichtung der Gesellschaft leistet, nicht die Zuständigkeit für sich in Anspruch nimmt, Alternativmodelle vorzuschlagen (vgl. GS 42 und 76). Daher legen wir folgende theologische Kriterien fest.

1212 a) Wir beanspruchen keinerlei Privileg für die Kirche; wir achten die Rechte aller und die Aufrichtigkeit aller Überzeugungen in vollem Respekt vor der Autonomie der irdischen Realitäten.

1213 b) Wir fordern jedoch für die Kirche das Recht, Zeugnis für ihre Botschaft ablegen und ihr prophetisches Wort der Verkündigung und der Anklage im Sinne des Evangeliums aussprechen zu können, wenn es um die Richtigstellung falscher Bilder von der Gesellschaft geht, die nicht mit der christlichen Sicht vereinbar sind.

1214 c) Wir verteidigen im Rahmen des Subsidiaritätsprinzips die Rechte der Organe der mittleren Ebene, auch derer, die von der Kirche bei der Mitwirkung an allem, was sich auf das Gemeinwohl erstreckt, geschaffen wurden.

Pastorale Kriterien

Wir treten ein für:

1215 a) die Überwindung der Differenzierung zwischen der Pastoral für die Eliten und der Volkspastoral. Es gibt nur eine Pastoral. Sie durchdringt die evangelisatorischen „Kader“ oder „Eliten“. Sie umfaßt alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, sie erfüllt das Leben der Gesellschaft mit Kraft und stellt sich zur gleichen Zeit in ihren Dienst;

1216 b) die besondere Verantwortung der Laien bei der Errichtung der zeitlichen Gesellschaft, wie in „Evangelii Nuntiandi“ hervorgehoben wird (vgl. EN 70);

1217 c) das besondere Bemühen um den Schutz und die Förderung der Rechte der Armen, der Randgruppen und der Unterdrückten;

1218 d) das besondere Bemühen der Kirche um die Jugendlichen; sie sieht in ihnen die Kraft, die die Gesellschaft verändert;

1219 e) die nicht zu ersetzende Verantwortung der Frau, deren Mitwirkung unerläßlich ist für die Humanisierung der Wandlungsprozesse. Ihre Verantwortung ist Garantie dafür, dass die Liebe eine Dimension des Lebens und der Veränderung ist, denn ihre Lebensauffassung ist im Rahmen einer vollständigen Darstellung der Bedürfnisse und Hoffnungen des Volkes unersetzbar.

Optionen und Richtlinien

Allgemeine Prinzipien des pastoralen Wirkens

1220 Wir wissen, dass das Volk in seiner Gesamtheit und in seinen besonderen Ausdrucksformen durch die ihm eigenen Organisationen die pluralistische Gesellschaft erbaut. Angesichts dieser Herausforderung sind wir uns dessen bewusst, dass die Sendung der Kirche sich nicht darauf beschränken kann, die verschiedenen gesellschaftlichen und beruflichen Gruppen dazu zu ermahnen, eine neue Gesellschaft für das Volk und mit dem Volk aufzubauen. Auch handelt es sich nicht nur darum, alle diese Gruppen aufzufordern, ihren besonderen Beitrag nach ihrem Vermögen und ihrer Kompetenz zu leisten, sondern es geht auch darum, dass sie das Bewusstsein aller für die allgemeine Verantwortung angesichts einer Herausforderung wecken, die die Mitbeteiligung aller erfordert.

1221 Wir sind uns dessen bewusst, dass die Veränderung der Strukturen äußerer Ausdruck der inneren Umkehr ist. Wir wissen, dass diese Umkehr bei uns selbst beginnt. Ohne das Zeugnis einer gewandelten Kirche wären unsere Worte, die wir als Hirten sprechen, inhaltlos (vgl. EN 41).

1222 Wir gehen von der Notwendigkeit einer organischen Pastoral in der Kirche aus, die eine kraftspendende Einheit sein soll. Damit diese Kraft ihre ständige Wirkung behält, muss die Pastoral u. a. beinhalten: Leitprinzipien, Zielsetzungen, Optionen, Strategien, praktische Initiativen usw.

Leitlinien für das pastorale Wirken

Orientierungsgrundsätze

1223 Der Schutz und die Förderung der unveräußerlichen Würde des Menschen;

1224 die universale Bestimmung der von Gott geschaffenen und von den Menschen hervorgebrachten Güter; die Menschen dürfen nicht vergessen, dass „auf allem privaten Vermögen eine soziale Hypothek lastet“ (Johannes Paul II., Eröffnungsansprache III, 4. AAS LXXI S. 200);

1225 der Rückgriff auf die Quelle der göttlichen Kraft, die im ständigen Gebet besteht, im Meditieren über das Wort Gottes, das stets eine Herausforderung bedeutet und die Teilnahme derer an der Eucharistie, die die Gesellschaft gestalten, denn sie sind in ihrer großen Verantwortung Versuchungen ausgesetzt, die sie dazu führen, im Bereich der irdischen Realitäten zu verharren, ohne sich den Forderungen des Evangeliums zu öffnen;

1226 die christliche Gemeinschaft muss unter Führung des Bischofs die Brücke des Kontakts und des Dialogs zu den Verantwortlichen der zeitlichen Gesellschaft schlagen, um sie aus der Sicht des Christentums zu erleuchten, sie mit Zeichen setzenden Taten zu ermutigen und sie mit wirksamen Maßnahmen zu begleiten (vgl. OT 4);

1227 bei diesem Kontakt und Dialog muss die Problematik aufgegriffen werden, die sie aus ihrem eigenen zeitlichen Bereich mitbringen, wobei alle aufrichtig und aufnahmebereit bemüht sein müssen, den anderen zuzuhören. Auf diese Weise werden wir imstande sein, die Kriterien, Normen und Wege zu finden, durch welche die Soziallehre der Kirche vertieft und aktualisiert werden kann im Sinne der Erarbeitung einer Sozialethik, die christliche Antworten auf die großen Probleme der zeitgenössischen Kultur geben kann (vgl. OA 4). Wir ermahnen alle, gegen die wirtschaftliche Korruption auf den verschiedenen Ebenen zu kämpfen, sowohl in der öffentlichen Verwaltung wie auch in der Privatwirtschaft, denn durch die Korruption entsteht ein schwerer Schaden für die große Mehrheit.

1228 Dieser Dialog erfordert Initiativen, die die Begegnung und enge Beziehung zu allen ermöglichen, die am Aufbau der Gesellschaft mitarbeiten, so dass sie entdecken, wo sie einander ergänzen und wo sie übereinstimmen. Aus dem gleichen Grunde ist bei diesem Wirken vorrangig mit denen zusammenzuarbeiten, die die Entscheidungsbefugnis haben. Dies schließt nicht die Anerkennung des konstruktiven Wertes sozialer Spannungen aus, die im Rahmen der Forderung nach Gerechtigkeit dazu beitragen, die Freiheit und die Rechte, insbesondere der Schwächsten, sicherzustellen.

Ziele, Optionen und Strategien

1229 In den verschiedenen pastoralen Bereichen sind Menschen auszubilden, die in der Lage sind, auf diesen Gebieten als Ferment der Evangelisierung eine führende Rolle zu übernehmen.

1230 Zusammen mit den Menschen aus diesen Bereichen sind christliche Verhaltensnormen zu erarbeiten, die Gegenstand der Reflexion sind und angewendet sowie ständig überprüft werden.

1231 Zu fördern sind Begegnungen zwischen Personen aus den verschiedenen Pastoralbereichen, um ihre Erfahrungen auszutauschen und ihre Tätigkeit auf das gemeinsame Ziel auszurichten.

1232 Anzuregen ist die Erarbeitung realisierbarer Alternativen für die Tätigkeit der Evangelisierung, deren Ziel die christliche Erneuerung der gesellschaftlichen Strukturen ist.

1233 Zu fördern ist die Ausbildung von Priestern, spezialisierten Diakonen und Laien, denen die neuen Ämter anvertraut werden, die sich den pastoralen Erfordernissen des jeweiligen Bereichs anpassen müssen.

1234 Zu entwickeln sind besondere Bewegungen, die die für die Evangelisierung der eigenen Umwelt notwendigen Faktoren vereinen.

1235 Zu erkennen ist der Wert bescheidener, einfacher, volkstümlicher und auch kunsthandwerklicher Mittel für die Verbreitung der Botschaft.

1236 Zu schützen sind die von Gott für alle Menschen geschaffenen natürlichen Ressourcen, damit sie an die zukünftigen Generationen als bereicherndes Erbe weitergegeben werden können.

Praktische Initiativen

1237 Voller Zuneigung und uneingeschränkt richtet die Kirche ihr Wort auch an jene, von denen sie weiß, dass sie die Kirche erwarten und ihrer Orientierung oder Ermutigung bedürfen, an jene, die Ideen, Werte und Entscheidungen erarbeiten, verbreiten und in die Tat umsetzen; d. h.

1238 Politikern und Führenden in der Regierung rufen wir die Worte des Zweiten Vatikanischen Konzils ins Gedächtnis: „Gott allein ist die Quelle eurer Autorität und das Fundament eurer Gesetze“ (Zweites Vatikanisches Konzil, Botschaft an die Menschheit, Nr. 2, an die Regierenden) durch die Vermittlung des Volkes. Wir betonen den Adel und die Würde des Engagements im Rahmen einer Tätigkeit, die dazu bestimmt ist, die innere Eintracht und die äußere Sicherheit zu festigen. Wir ermutigen das einsichtsvolle und kluge Wirken des Politikers, das auf die bestmögliche Leitung des Staates, auf die Schaffung des Gemeinwohls und auf die wirksame Versöhnung von Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit in einer echten, von der Mitbeteiligung bestimmten Gesellschaft gerichtet ist. „Die politische Gemeinschaft und die Kirche sind auf je ihrem Gebiet voneinander unabhängig und autonom. Beide aber dienen, wenn auch in verschiedener Begründung, der persönlichen und gesellschaftlichen Berufung der gleichen Menschen. Diesen Dienst können beide zum Wohl aller um so wirksamer leisten, je mehr und besser sie rechtes Zusammenwirken miteinander pflegen; dabei sind jeweils die Umstände von Ort und Zeit zu berücksichtigen“ (GS 76).

1239 Die Welt der Intellektuellen und die Mitglieder der Universitäten erinnern wir daran, in geistiger Freiheit zu handeln, ihre schöpferische Funktion glaubwürdig zu erfüllen, bereit zu sein für eine politische Erziehung, die sich von einer bloßen Politisierung unterscheidet, und der inneren Logik der Reflexion und der wissenschaftlichen Redlichkeit Genüge zu tun, denn von dieser Welt werden gründliche theoretische Vorhaben und Leitlinien für die Erbauung der neuen Gesellschaft erwartet (vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Botschaft an die Menschheit, an die Menschen des Denkens und der Wissenschaft).

1240 Die Kirche richtet ihr Wort an die Wissenschaftler, Techniker und führenden Persönlichkeiten der technologischen Gesellschaft, den wissenschaftlichen Geist mit der Liebe zur Wahrheit zu erfüllen, um die Rätsel des Universums zu erforschen und die Erde zu beherrschen, die negativen Auswirkungen einer hedonistischen Gesellschaft und die Versuchung, die in der Herrschaft der Technik liegt, zu vermeiden, vielmehr die Kraft der Technologie für die Schaffung von Gütern und das Erfinden von Mitteln zu verwenden, die den Menschen von seiner Unterentwicklung befreien. Von ihnen werden insbesondere Studien und Forschungen in Richtung auf die Synthese zwischen Wissenschaft und Glauben erwartet. Alle denkenden Menschen, die sich des Wertes der Weisheit bewusst sind, deren erste und letzte Quelle der Logos ist, und die sich um die Schaffung eines neuen Humanismus bemühen, ermahnen wir, sich die große Aussage von „Gaudium et spes“ vor Augen zu halten: „Das zukünftige Geschick der Welt ist in Gefahr, wenn nicht Menschen herangebildet werden, die von dieser Weisheit in stärkerem Maße erfüllt sind“ (Nr. 15). Hierfür ist eine nachhaltige Bemühung um den interdisziplinären Dialog zwischen Theologie, Philosophie und den Naturwissenschaften zugunsten neuer Synthesen erforderlich.

1241 Die Kirche richtet ihr Wort an diejenigen, die für die Kommunikationsmittel verantwortlich sind, und fordert sie auf, einen ethischen Kodex der Information und der Kommunikation zu erarbeiten und zu respektieren, sich dessen bewusst zu werden, dass die instrumentale Neutralität der Medien diese für das Gute oder für das Böse verfügbar macht, der Wahrheit, der Objektivität, der Erziehung und der hinlänglichen Kenntnis der Realität zu dienen.

1242 Die Kirche fordert die in der Kunst Schaffenden auf, die Ziele des Menschen zu sehen, Krisen vorauszuahnen und zu deuten, die ästhetische Dimension des menschlichen Lebens offenzulegen und zur Personalisierung des einzelnen beizutragen.

1243 Die Kirche fordert die Juristen auf, auf der Grundlage ihres Fachwissens den Wert des Gesetzes im Verhältnis zwischen Regierenden und Regierten und zur Verwirklichung einer gerechten Disziplin der Gesellschaft zu verfechten. Sie fordert die Richter auf, ihre Unabhängigkeit nicht aufs Spiel zu setzen, auf der Grundlage der Billigkeit und ihrer Einsicht zu urteilen und durch ihre Urteile zur Erziehung der Regierenden und Regierten hinsichtlich der Erfüllung der Verpflichtungen und der Kenntnis ihrer Rechte beizutragen.

1244 Die Kirche richtet ihr Wort auch an die Arbeiter. In einer Welt, die dem Verstädterungs- und Industrialisierungsprozess ausgesetzt ist, gewinnt die Rolle der Arbeiter „als der wesentlichen Urheber der wunderbaren Veränderungen, die die heutige Welt kennt“ (Zweites Vatikanisches Konzil, Botschaft an die Arbeiter, Nr. 6) an Bedeutung. Zu diesem Zweck müssen sie ihre Erfahrung in den Dienst der Suche nach neuen Ideen stellen, sich selbst erneuern und auf noch entschiedenere Weise dazu beitragen, das Lateinamerika von morgen zu erbauen. Sie mögen nicht vergessen, was ihnen der Papst in der gleichen Rede sagte: Es ist das Recht der Arbeiter, „in Freiheit Organisationen zu schaffen, um ihre Interessen zu schützen und zu fördern, und um verantwortlich zum Gemeinwohl beizutragen“ (Johannes Paul II., Ansprache an die Arbeiter in Monterrey, 3. AAS LXXI S. 241).

1245 Die Kirche richtet ihr Wort an die Landarbeiter: Ihr seid die belebende Kraft beim Aufbau einer Gesellschaft, die von mehr Mitbeteiligung getragen wird. Sich zu eurem Anwalt machend, richtete der Papst die folgenden Worte an diejenigen, die in eurem Bereich die Macht innehaben: „Was euch, Verantwortliche der Völker und einflußreiche Bevölkerungsschichten betrifft, die ihr manchmal Landflächen, die das vielen Familien fehlende Brot bergen, brachliegen lasst: das menschliche Gewissen, das Gewissen der Völker, der Schrei der Hilflosen und vor allem die Stimme Gottes, die Stimme der Kirche, wiederholen mit mir: es ist nicht gerecht, es ist nicht menschlich, und es ist nicht christlich, bestimmte Situationen aufrechtzuerhalten, die ganz klar Unrecht sind. Auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene müssen wirklich tiefgreifende Maßnahmen vorgenommen werden, die in der weitgespannten, von der Enzyklika Mater et Magistra (3. Teil) vorgezeichneten Richtung liegen „... Geliebte Brüder und Schwestern, Söhne und Töchter! Arbeitet für euren menschlichen Aufstieg!“ (Johannes Paul II., Ansprache Oaxaca 9, AAS LXXI S. 210).

1246 An die Wirtschaft richtet die Kirche ihr Wort, damit die Wirtschaftler mit kreativen Gedanken dazu beitragen, schnelle Antworten auf die Grundforderungen des Menschen und der Gesellschaft zu geben, damit die Unternehmer, eingedenk der sozialen Funktion des Unternehmens, dieses nicht nur als Element der Produktion und des Gewinns sehen, sondern als eine Gemeinschaft von Menschen und als Element einer pluralistischen Gesellschaft, die nur dann lebensfähig ist, wenn keine übermäßige Konzentration der wirtschaftlichen Macht besteht.

1247 Für die Militärs gilt: Wir erinnern sie in Übereinstimmung mit der Konferenz von Medellin daran, „dass sie die Aufgabe haben, die politischen Freiheiten der Bürger zu garantieren, statt ihnen Hindernisse in den Weg zu stellen“ (Pastoral der Führungsschichten, 20). Sie mögen sich ihrer Aufgabe bewusst sein, den Frieden und die Sicherheit aller zu gewährleisten. Mögen sie niemals die Macht missbrauchen! Vielmehr sollen sie die Kraft des Rechtes schützen. Sie sollen das freie und pluralistische Zusammenleben fördern, das von der Mitbeteiligung getragen ist.

1248 Die Kirche fordert die Beamten auf, ihre Tätigkeit als Dienst zu verwirklichen, denn die Würde der Tätigkeit und die des öffentlichen Lebens beruhen auf der Tatsache, dass dieses Wirken für die Gesellschaft bestimmt ist und insbesondere für diejenigen, die am wenigsten haben und am meisten vom guten Funktionieren der öffentlichen Hand abhängen. 1249 Schließlich fordern wir alle auf, zu einem normalen Funktionieren der Gesellschaft beizutragen, die Mitglieder der freien Berufe, die Kaufleute, ihre Aufgabe im Geist des Dienstes am Volke zu übernehmen, das von ihnen den Schutz seines Lebens, seiner Rechte und die Förderung seines Wohlstands erwartet.

Schlussfolgerung

1250 Unter den gegenwärtigen Umständen in Lateinamerika kann der Wandel schnell und tiefgreifend zum Wohl aller stattfinden, insbesondere der Armen, da sie am meisten betroffen sind, und der Jugendlichen, die in kurzer Zeit die Geschicke des Kontinents in ihre Hand nehmen werden.

1251 Zu diesem Zweck schlagen wir die Mobilisierung aller Menschen vor, die guten Willens sind. Sie mögen sich mit neuen Hoffnungen bei dieser ungeheuren Aufgabe vereinen. Wir wollen ihnen mit lebendigem Einfühlungsvermögen zuhören, wir wollen mit ihnen bei ihrer Arbeit des Aufbaus zusammenstehen.

1252 Mit unseren Brüdern, die sich zum gleichen Glauben an Christus bekennen, obgleich sie nicht der katholischen Kirche angehören, hoffen wir, unsere Kräfte zu vereinen, indem wir eine ständige und wachsende Übereinstimmung herstellen, die die Ankunft des Reiches Gottes beschleunigt.

1253 Den Söhnen der Kirche, die in der Vorhut tätig sind, wollen wir unser Vertrauen auf ihr Wirken übermitteln, indem wir sie zu Boten unserer Hoffnungen machen. Wir wissen, dass sie danach streben, im Evangelium, im Gebet und in der Eucharistie die Quelle für eine ständige Überprüfung ihres Lebens, aber auch die Kraft Gottes für ihr auf die Veränderung gerichtetes Wirken zu finden.

Kapitel IV Wirken der Kirche für den Menschen in der nationalen und internationalen Gesellschaft

Einführung

1254 Die menschliche Würde ist ein Wert des Evangeliums; daran hat Johannes Paul II. erinnert, und die Synode von 1974 hat uns gelehrt, dass die Förderung der Gerechtigkeit integrierender Bestandteil der Evangelisierung ist (Anmerkung: „Doch wäre das Werk der Verkündigung nicht vollkommen, wenn es nicht dem Umstand Rechnung tragen würde, dass sich im Lauf der Zeit das Evangelium und das konkrete, persönliche und gemeinschaftliche Leben des Menschen gegenseitig fordern. Darum gehört zur Evangelisierung eine ausführliche Botschaft, die den verschiedenen Situationen jeweils angepaßt und dadurch stets aktuell ist, über die Rechte und Pflichten jeder menschlichen Person, über das Familienleben, ohne das kaum eine persönliche Entfaltung möglich ist, über das Zusammenleben in der Gesellschaft, über das internationale Leben, den Frieden, die Gerechtigkeit, die Entwicklung; eine Botschaft über die Befreiung, die in unseren Tagen besonders eindringlich ist” (EN 29). „Wenn die Kirche in der Verteidigung und Förderung der Menschenwürde gegenwärtig wird, so tut sie dies im Rahmen ihrer Sendung, die immer einen religiösen Charakter hat – und nicht einen sozialen oder politischen – und die die Kirche beim Menschen in der Ganzheit seines Wesens nicht weniger berücksichtigen muss. Der Herr unterstrich im Gleichnis vom Barmherzigen Samariter das Modell der Beachtung aller menschlichen Bedürfnisse (Lk 10, 29 ff.) und erklärte, er werde sich am Jüngsten Tag mit den Schwachen identifizieren – mit den Kranken, den Gefangenen, den Hungernden, den Einsamen –, denen er die Hand ausgestreckt habe (Mt 25, 31 ff.). Die Kirche hat auf diesen und anderen Seiten der Frohen Botschaft begriffen (vgl. Mk 6, 35-44), dass ihr Auftrag der Evangelisation als unentbehrlichen Bestandteil auch den Einsatz für die Gerechtigkeit und die Aufgaben der Förderung des Menschen enthält (vgl. das Schlussdokument der Bischofssynode, Oktober 1971) und dass zwischen Evangelisation und Förderung des Menschseins sehr starke Bindungen in anthropologischer, theologischer und karitativer Hinsicht bestehen“ (vgl. EN 31). (Johannes Paul II., Eröffnungsansprache, AAS III 2 S. 199).

Diese Würde und diese Förderung der Gerechtigkeit muss ebenso auf nationaler wie auf internationaler Ebene stattfinden.

1255 Wenn wir uns mit der Realität auf nationaler und internationaler Ebene befassen, so tun wir dies in einer Haltung des Dienstes als Hirten, nicht aber von wirtschaftlichen, politischen oder rein soziologischen Gesichtspunkten aus. Wir streben nach mehr Gemeinschaft unter den Menschen und mehr Mitbeteiligung an den Gütern aller Art, die Gott uns gegeben hat.

1256 Deshalb wollen wir die Situation der menschlichen Würde und der Förderung der Gerechtigkeit in unserer lateinamerikanischen Realität in der Weise sehen, dass wir über diese im Licht unseres Glaubens und der Prinzipien nachdenken, die sich auf die menschliche Natur selbst gründen, um die Kriterien und die Dienste zu entwickeln, die unsere pastorale Aktion heute und in der nächsten Zukunft leiten sollen.

Die Situation

Auf nationaler Ebene

Wir erinnern an einige Punkte, die bereits in anderen Teilen dieses Dokuments behandelt wurden:

1257 Der lateinamerikanische Mensch lebt in einer gesellschaftlichen Situation, die im Widerspruch zu der Tatsache steht, dass er der Bewohner eines mehrheitlich christlichen Erdteils ist. Die Widersprüche, die zwischen den ungerechten gesellschaftlichen Strukturen und den Forderungen des Evangeliums bestehen, sind offensichtlich.

1258 Vielfältig sind die Ursachen dieser Situation der Ungerechtigkeit, aber an der Wurzel aller steht die Sünde, sowohl die des einzelnen als auch die, welche den Strukturen selbst innewohnt.

1259 Mit tiefem Schmerz stellen wir fest, dass sich die Situation der Gewalt verschärft hat, die man als institutionalisiert bezeichnen kann (sie ist subversiver oder repressiver Art), in der die Würde des Menschen sogar in seinen fundamentalsten Rechten verletzt wird.

1260 Insbesondere müssen wir darauf hinweisen, dass seit den fünfziger Jahren trotz erreichter Fortschritte die umfassenden Hoffnungen auf eine Entwicklung gescheitert sind und die Abseitsstellung der großen Mehrheiten und die Ausbeutung der Armen zugenommen haben.

1261 Die mangelnde Verwirklichung des Menschen in seinen Grundrechten beginnt schon vor seiner Geburt durch den Anreiz, die Empfängnis zu verhüten oder sie sogar durch die Abtreibung zu unterbrechen, sie setzt sich fort mit der Unterernährung des Kindes, weiterhin durch die Tatsache, dass Eltern ihre Kinder vorzeitig verlassen, durch den Mangel an ärztlicher Hilfe, an Erziehung und an Wohnungen, wodurch eine ständige Unordnung gefördert wird, in der die Ausbreitung von Kriminalität, Prostitution, Alkoholismus und Drogensucht nicht verwunderlich ist.

1262 Wenn in dieser Lage der Zugang zu den gesellschaftlichen Gütern und Dienstleistungen und zu den politischen Entscheidungen verwehrt wird, so werden die Angriffe auf die Meinungsfreiheit, auf die Religionsfreiheit und auf die physische Unversehrtheit schwerwiegender. Die Morde, das Verschwinden von Menschen, willkürliche Haft, Terrorakte, Entführungen, auf dem ganzen Kontinent verbreitete Foltern zeigen einen totalen Mangel an Achtung vor der Würde des Menschen. Manche suchen dies sogar als Erfordernisse der nationalen Sicherheit zu rechtfertigen.

1263 Niemand kann die Konzentration des Unternehmensvermögens und des ländlichen und städtischen Besitzes in den Händen weniger leugnen, wodurch die Forderung nach wirklichen Agrar- und städtischen Reformen dringend notwendig wird, auch ist die Machtkonzentration durch die zivilen und militärischen Technokratien nicht zu leugnen, die die Forderungen nach Mitbeteiligung und Garantien für einen demokratischen Staat zum Scheitern verurteilen.

Auf internationaler Ebene

1264 Der lateinamerikanische Mensch sieht sich einer Gesellschaft gegenüber, die in ihrem Zusammenleben immer ungleichgewichtiger wird. Es gibt „Mechanismen, die, da sie nicht von einem authentischen Humanismus, sondern vom Materialismus geprägt sind, auf internationaler Ebene die Reichen immer noch reicher machen, auf Kosten der Armen, die immer ärmer werden“ (Johannes Paul II., Eröffnungsansprache AAS III, 4). Solche Mechanismen treten in einer Gesellschaft auf, die häufig vom Egoismus gesteuert wird, in der Manipulation der öffentlichen Meinung, in der nicht sichtbaren Enteignung und in neuen Formen der supranationalen Herrschaft, denn der Abstand zwischen den reichen und den armen Nationen wächst. Es muss außerdem hinzugefügt werden, dass in vielen Fällen die Macht der multinationalen Unternehmen die Ausübung der Souveränität der Nationen und die volle Herrschaft über ihre natürlichen Ressourcen behindert.

1265 Als Folge der neuen Manipulierungsart und der Ausbeutung durch die Organisationssysteme der Wirtschaft und der internationalen Politik kann die Unterentwicklung der Hemisphäre zunehmen und sogar zu einem ständigen Phänomen werden. Daher sehen wir das Ideal der lateinamerikanischen Integration bedroht, und diese beklagenswerte Tatsache ist zu einem großen Teil auf die nationalistischen wirtschaftlichen Ambitionen, auf die Lähmung der großen Pläne für die Zusammenarbeit und auf die neuen internationalen Konflikte zurückzuführen.

1266 Das sozio-politische Ungleichgewicht auf nationaler und internationaler Ebene führt zur Entwurzelung zahlloser Menschen, wie der Auswanderer, deren Zahl in der nächsten Zukunft zu ungeahnten Größenordnungen heranwachsen kann. Zu diesen sind jene hinzuzurechnen, die aus politischen Gründen entwurzelt sind, wie die Asylsuchenden, die Flüchtlinge, die Ausgewiesenen sowie diejenigen, die aus den verschiedensten Gründen keine Ausweispapiere besitzen. In einer Situation der völligen Vernachlässigung befinden sich die Alten, die Behinderten, die Menschen ohne feste Bleibe und die großen Massen von Landarbeitern und Indios, die „fast immer auf einem unwürdigen Lebensniveau belassen und zuweilen betrogen und mit Härte ausgebeutet werden“ (Paul VI., Ansprache an die Landarbeiter, Bogota, 23. August 1968).

1267 Schließlich kann bei diesem komplexen sozialen Problem nicht der Anstieg der Rüstungskosten sowie die künstliche Schaffung überflüssiger Bedürfnisse verwundern, die den armen Ländern von außerhalb aufgezwungen werden (vgl. Nr. 67).

Kriterien

In der nationalen Gesellschaft

1268 Die Verwirklichung des einzelnen geschieht durch die Ausübung seiner Grundrechte, die in wirksamer Weise anerkannt, geschützt und gefördert werden. Aus diesem Grunde muss die Kirche, die mit Fragen der Menschlichkeit besonders vertraut ist, die Stimme derer sein, die keine Stimme haben (des einzelnen, der Gemeinschaft gegenüber der Gesellschaft, der schwachen Staaten gegenüber den mächtigen) und dabei obliegt es ihr, zu lehren, anzuklagen und ihren Dienst für die Gemeinschaft und Mitbeteiligung zu leisten.

1269 Angesichts der Situation der Sünde ergibt sich für die Kirche die Pflicht, anzuklagen, doch muss diese Anklage objektiv, mutig und im Sinne des Evangeliums erfolgen; ihre Anklage soll nicht verdammen, sondern Schuldige und Opfer zu retten versuchen. Eine solche Anklage, die nach vorherigem Einvernehmen unter den Hirten erfolgt, ruft zur Solidarität innerhalb der Kirche und zur Kollegialität auf.

1270 Die Verkündigung der Grundrechte des Menschen heute und in der Zukunft ist ein unverzichtbarer Bestandteil ihrer evangelisatorischen Sendung und wird es auch in Zukunft sein. Die Kirche fordert u. a. die Verwirklichung folgender Rechte:

1271 Individuelle Rechte: das Recht auf Leben (das Recht, geboren zu werden und sich in verantwortlicher Weise fortzupflanzen), auf die physische und psychische Integrität, auf gesetzlichen Schutz, auf Religionsfreiheit, auf Meinungsfreiheit, auf die Beteiligung an Gütern und Dienstleistungen, das Recht, das eigene Schicksal zu gestalten, das Recht des Zugangs zum Eigentum und „ein gewisses Maß an Verfügungsmacht über äußere Güter“ zu besitzen (GS 71).

1272 Gesellschaftliche Rechte: das Recht auf Erziehung, das Recht, sich zusammenzuschließen, das Recht auf Arbeit, auf Wohnung, auf Gesundheit, auf Erholung, auf Entwicklung, auf eine gute Regierung, auf soziale Freiheit und Gerechtigkeit, auf die Mitwirkung bei Entscheidungen, die das Volk und die Nationen betreffen.

1273 Hieraus entstehende Rechte: das Recht auf die Ausdrucksmöglichkeit der eigenen Person, auf guten Ruf, auf die Privatsphäre, auf objektive Information und Ausdrucksmöglichkeit, auf Gewissensfreiheit, „soweit die gerechten Erfordernisse der öffentlichen Ordnung nicht verletzt werden“ (DH 4), sowie das Recht auf eine eigene Weltanschauung.

1274 Die Kirche lehrt jedoch auch, dass die Anerkennung dieser Rechte stets von „dem Menschen, der sie besitzt, entsprechende Pflichten fordert: Rechte und Pflichten leiten ihren Ursprung, ihre Kraft und Autorität vom Naturgesetz her“ (PT 28).

In der internationalen Gesellschaft

1275 Sowohl das Ungleichgewicht der internationalen Gesellschaft wie auch die Notwendigkeit, den transzendenten Charakter der menschlichen Person in einer neuen internationalen Ordnung zu schützen, veranlassen die Kirche dazu, dringend die Verkündigung und die Bemühung um die Verwirklichung gewisser Rechte zu fordern. Zu diesen gehören:

1276 Das Recht auf ein gerechtes internationales Zusammenleben der Nationen unter voller Achtung ihrer wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Selbstbestimmung.

1277 Das Recht einer jeden Nation, die eigenen Interessen gegenüber den transnationalen Unternehmen zu schützen und zu fördern, wobei auf internationaler Ebene die Erarbeitung eines Statuts erforderlich wird, das die Tätigkeit dieser Unternehmen regelt.

1278 Das Recht auf eine neue internationale Zusammenarbeit, die die ursprünglichen Bedingungen dieser Zusammenarbeit überprüft.

1279 Das Recht auf eine neue internationale Ordnung, die von den menschlichen Werten der Solidarität und der Gerechtigkeit geprägt ist.

1280 Diese neue internationale Ordnung wird es verhindern, dass eine Gesellschaft auf der Grundlage des Neo-Malthusianismus entsteht. Sie wird sich vielmehr auf die berechtigten sozialen Bedürfnisse des Menschen gründen. Sie wird einen gesunden Pluralismus mit einer angemessenen Vertretung der Minderheiten und der größeren Gruppen akzeptieren, damit diese Ordnung nicht zu einem geschlossenen Kreis von Nationen wird. Sie wird das gemeinsame Erbe der Menschheit und insbesondere die Weltmeere erhalten.

1281 Schließlich müssen die wirtschaftlichen Überschüsse, die durch die Abrüstung entstehenden Ersparnisse und jedweder andere Reichtum, auf dem auch auf internationaler Ebene die „soziale Hypothek“ lastet, auf soziale Weise genutzt werden, in dem der unmittelbare und freie Zugang der Schwächsten zu einer umfassenden Entwicklung sichergestellt wird.

1282 In besonderer Anerkennung der Tatsache, dass den lateinamerikanischen Völkern so viele Werte, Bedürfnisse, Schwierigkeiten und Hoffnungen gemeinsam sind, muss eine legitime Integration gefördert werden, die Egoismus und engstirnigen Nationalismus überwindet und die legitime Autonomie eines jeden Volkes, seine territoriale Integrität usw. achtet und die Selbstbeschränkung der Rüstungskosten fördert.

Dienste

1283 Die Kirche muss außer ihrer Verkündigung der Würde der menschlichen Person, ihrer Rechte und Pflichten und der Anklage gegenüber den Angriffen auf den Menschen einen Dienst erfüllen, der integrierender Bestandteil ihrer evangelisatorischen und missionarischen Sendung ist. Sie muss gemeinsam mit allen Menschen, die glauben und guten Willens sind, ein ethisches Bewusstsein für die großen internationalen Probleme wecken. Daher

1284 – legt sie ein evangelisches Zeugnis für Gott ab, der in der Geschichte gegenwärtig ist, und erweckt im Menschen eine Haltung, die für die Gemeinschaft und Mitbeteiligung offen ist;

1285 – begründet sie in ihrem Bereich Organe für eine soziale Tätigkeit und menschliche Förderung;

1286 – ersetzt sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten die Lücken und das Fehlen der öffentlichen Gewalt und der gesellschaftlichen Organisationen;

1287 – ruft sie die menschliche Gemeinschaft dazu auf, die internationalen Einrichtungen zu überprüfen und ihnen neue Richtlinien zu geben und neue Formen des Schutzes auf der Grundlage der Gerechtigkeit zu entwickeln, die die echte menschliche Förderung der wachsenden Masse von Schutzlosen garantieren.

1288 Die Zusammenarbeit zwischen den Bischofskonferenzen beim Studium der pastoralen Probleme – insbesondere was das Problem der Gerechtigkeit angeht –, die über die nationale Ebene hinausgehen, wird empfohlen.

1289 Es gehört insbesondere zum Wirkungsbereich der Kirche, die Namenlosen in der Gesellschaft aufzunehmen und ihnen zu helfen, ihre Würde und ihr menschliches Antlitz wieder herzustellen, „denn wenn ein Mensch in seiner Würde verletzt wird, leidet die gesamte Kirche“ (Paul VI., Januar 1977).

1290 Die Kirche muss sich darum bemühen, dass diese entwurzelten Menschen gesellschaftlich wieder eingegliedert werden, ohne dass sie ihre eigenen Werte verlieren. Sie muss über die völlige Wiederherstellung ihrer Rechte wachen. Sie muss dabei mitwirken, dass diejenigen, die, rechtlich gesehen, nicht existieren, in den Besitz der notwendigen Ausweispapiere gelangen, damit alle Zugang zu einer umfassenden Entwicklung erhalten, wie sie der Würde des Menschen entspricht, der das Kind Gottes ist. So wird die Kirche dazu beitragen, dem Menschen eine würdige Existenz zu garantieren, die ihn befähigt, sich im Innern der Familie und der Gesellschaft zu verwirklichen.

1291 Das Wirken der Kirche ist auch dafür erforderlich, dass die Entwurzelten und die heute am Rand der Gesellschaft lebenden Menschen nicht auf Dauer zu Bürgern zweiter Klasse werden, denn sie sind Rechtssubjekte mit berechtigten sozialen Bestrebungen und haben Anspruch auf eine angemessene pastorale Betreuung im Sinne der päpstlichen Dokumente und der Leitlinien, die auf den lateinamerikanischen Zusammenkünften hinsichtlich der Pastoral der Nichtseßhaften vorgeschlagen wurden.

1292 Die Kirche richtet einen eindringlichen Appell an das Gewissen der Völker und ebenso an die humanitären Organisationen,

– das Asylrecht als eine echt lateinamerikanische Institution (Vertrag von Rio de Janeiro, 1942) zu stärken und allgemein auszudehnen, da es die gegenwärtige Form des Schutzes ist, der früher von der Kirche gewährt wurde;

– die Aufnahmequoten der Länder für Flüchtlinge und Emigranten zu erhöhen und die Durchführung der Vereinbarungen und einschlägigen Mechanismen für die Integrierung hierbei flexibler zu handhaben;

– das Beschäftigungsproblem mit einer spezifischen Politik in bezug auf Landbesitz, Produktion und Vermarktung an der Wurzel anzugehen, so dass die dringenden Bedürfnisse der Bevölkerung befriedigt und die Arbeiter seßhaft werden;

– die brüderliche Hilfe der Nationen in Katastrophenfällen zu ermutigen;

– die Amnestie als Zeichen der Versöhnung zur Erlangung des Friedens zu ermöglichen, in Übereinstimmung mit der Aufforderung Pauls VI. anläßlich der Verkündigung des Heiligen Jahres 1975;

– Organe für den Schutz der menschlichen Person zu schaffen, die mit der Zielsetzung arbeiten sollen, „dass die Barrieren der Ausbeutung abgebaut werden, die oft ein unannehmbarer Egoismus gegen jene errichtet, die ihre besten Kräfte dem Aufstieg opfern“ (Johannes Paul II., Ansprache Oaxaca 5).

1293 Allen Bedrängten und denen, die unter der Verletzung ihrer Rechte leiden, gilt unser Wort des Verständnisses und der Ermutigung. Wir ermahnen diejenigen, die für das Gemeinwohl verantwortlich sind, sich mit entschiedenem Willen dafür einzusetzen, die Ursachen zu beseitigen, die zu diesen Situationen führen, und die Voraussetzungen zu schaffen, die für ein wirklich menschliches Zusammenleben erforderlich sind.

TEIL V: UNTER DER DYNAMISCHEN KRAFT DES GEISTES: PASTORALE OPTIONEN

1294 Der Geist des auferstandenen Jesus wohnt in seiner Kirche. Er ist der Herr und Spender des Lebens. Er ist die Kraft Gottes, die seine Kirche zur Fülle hin ermutigt; er ist seine Liebe, die Gemeinschaft und Reichtum schafft; er ist der Zeuge Jesu, der uns mit der Kirche als Missionare aussendet, um unter den Menschen von ihm Zeugnis abzulegen.

1295 Gegenüber dieser Kraft und dieser Liebe wollen wir aufnahmebereit sein. Von ihm veranlasst, suchen wir daher die Gemeinschaft, wollen wir Diener des Menschen sein, die ausgesandt sind in die Welt, um sie mit den Gaben Gottes zu verändern.

1296 Wenn wir an unsere pastoralen Aufgaben und Pläne denken, wünschen wir uns die Schöpferkraft und die Dynamik des Geistes, um den lateinamerikanischen Menschen zu einem neuen Menschen nach dem Bilde des auferstandenen Christus zu machen, zu einem Menschen, der der Überbringer einer neuen Hoffnung für seine Brüder ist.

Pastorale Optionen

1297 Die Untersuchung der vorher genannten Themenschwerpunkte hat uns die großen Herausforderungen vor Augen geführt, die der lateinamerikanische Kontinent an die Evangelisierung in Gegenwart und in Zukunft stellt.

1298 Welche Antwort sollen wir Christen auf diese Realität geben? Welches sind die Richtlinien und Kriterien für eine wahre und authentische Evangelisierung Lateinamerikas? Welches sind die pastoralen Grundeinstellungen, damit das Evangelium mit seiner gesamten Kraft und ursprünglichen Stärke zu einem aktuellen Ereignis wird?

1299 Die pastoralen Optionen sind der Prozess der Auswahl, der durch die Abwägung und Analyse der positiven und negativen Gegebenheiten im Lichte des Evangeliums erlaubt, die pastorale Antwort auf die Herausforderungen für die Evangelisierung auszuwählen und zu finden.

1300 Die Kommissionen haben in ihren verschiedenen Themenbereichen bereits eine Antwort gegeben. Es ist unnötig, sie zu wiederholen. In diesem letzten Teil wollen wir lediglich als eine Art Schlussfolgerung die großen Linien und Schlüsselentscheidungen darlegen. Vor allem handelt es sich um den Geist, der die Evangelisierung auf unserem von Grund auf christlichem Kontinent prägen muss, auf dem jedoch der Glaube als umfassende Lebensform und Lebensnorm nicht die Bedeutung hat, die im persönlichen und gesellschaftlichen Verhalten vieler Christen zu wünschen wäre. Die Formen der Ungerechtigkeit, die unser gesellschaftliches Zusammenleben schwächen und ihm Gewalt antun und die insbesondere in der äußersten Armut, in der Verletzung der Würde des Menschen und der Menschenrechte zum Ausdruck kommen, machen deutlich, dass der Glaube unter uns noch nicht zu seiner völligen Reife gelangt ist. Die auf dem Kontinent lebendigen Kulturen und die neue Zivilisation, die sich durch den Einfluß der technisch- wissenschaftlichen Welt bildet und eine in starkem Maße säkularistische Tendenz aufweist, fordern ein stärker vom Evangelium geprägtes Engagement der Christen und eine Haltung des ständigen Dialogs.

1301 Daher müssen wir Christen in Lateinamerika, die wir ausgesandt sind, in unserer Eigenschaft als Gottesvolk beständiges Samenkorn der Einheit, der Hoffnung und der Erlösung zu sein (vgl. LG 9), heute und in der Zukunft auf unserem Kontinent eine Gemeinde sein, die die Gemeinschaft der Dreifaltigkeit lebt und Zeichen und Gegenwart des gestorbenen und auferstandenen Christus ist, der die Menschen mit dem Vater im Geist, die Menschen untereinander und die Welt mit ihrem Schöpfer versöhnt. „Alles gehört euch; ihr aber gehört Christus, und Christus gehört Gott“ (1. Kor 3, 23). „Wenn ihm dann alles unterworfen ist, wird auch er, der Sohn, sich dem unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott herrscht über alles in allem“ (1. Kor 15, 28).

Wir entscheiden uns für:

1302 eine Kirche, die das Sakrament der Gemeinschaft ist (vgl. LG 1), die in einer von Konflikten gekennzeichneten Geschichte unersetzliche Kräfte bereithält, um die Versöhnung und die solidarische Einheit unserer Völker zu fördern;

1303 eine dienende Kirche, die mit ihren verschiedenen Ämtern und Charismen durch die Zeiten hindurch Christus als den Diener Jahves (vgl. Mt 3, 17; Jesaja 42) verkörpert;

1304 eine missionierende Kirche, die freudig dem Menschen von heute verkündet, dass er Kind Gottes in Christus ist; sie engagiert sich für die Befreiung des ganzen Menschen und aller Menschen (der Dienst am Frieden und an der Gerechtigkeit ist eine wesentliche Aufgabe der Kirche) und sie fügt sich solidarisch in die apostolische Tätigkeit der Universalkirche in einer innerlichen Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri ein. Missionar und Apostel zu sein, ist Aufgabe des Christen.

1305 Diese Grundhaltungen des pastoralen Seins unserer Kirchen auf dem Kontinent erfordern eine Kirche, die sich in einem ständigen Evangelisierungsprozess befindet, eine evangelisierte Kirche, die auf das Wort hört, es vertieft und verlebendigt, und eine evangelisatorische Kirche, die dieses Wort Gottes, das Evangelium und Jesus Christus im Leben bezeugt, verkündet und feiert, und die dazu beiträgt, eine neue Gesellschaft in völliger Treue zu Christus und zum Menschen im Heiligen Geist zu erbauen, indem sie die Situationen der Sünde anklagt, zur Umkehr aufruft und die Gläubigen zur Veränderung der Welt verpflichtet.

Pastorale Planung

1306 Der praktische Weg für die konkrete Verwirklichung dieser pastoralen Grundeinstellungen der Evangelisierung ist der einer geplanten Pastoral.

1307 Die geplante pastorale Aktion ist die spezifische, bewusste und beabsichtigte Antwort auf die Erfordernisse der Evangelisierung. Sie muss in einem Prozess der Mitwirkung auf allen Ebenen der Gemeinschaften und beteiligten Menschen verwirklicht werden, indem diese in der Analyse der Realität ausgebildet werden sowie dazu, über diese Realität auf der Grundlage des Evangeliums nachzudenken; sie müssen für die Entscheidung über die geeignetsten Ziele und Mittel und deren rationellste Verwendung in der Tätigkeit der Evangelisierung herangebildet werden.

Der neue Mensch

1308 Es ist erforderlich, im lateinamerikanischen Menschen ein gesundes moralisches Gewissen, einen kritischen Sinn im Geiste des Evangeliums gegenüber der Realität, Gemeinschaftsgeist und soziales Engagement zu wecken. All dieses wird eine freie und verantwortliche Mitwirkung in brüderlicher und dialogbereiter Gemeinschaft für den Aufbau einer neuen Gesellschaft ermöglichen, die in Wahrheit menschlich und von den Werten des Evangeliums durchdrungen ist. Sie muss geformt werden in der Gemeinschaft des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes und muss eine Antwort darstellen auf die Leiden und Wünsche unserer Völker, die voller Hoffnung sind, eine Hoffnung, die nicht enttäuscht werden darf (vgl. Röm 5,5).

Zeichen der Hoffnung und Freude

1309 Gott sei Dank gibt es gegenwärtig auf unserem Kontinent eine Fülle von evangelisatorischer Lebenskraft:

– die kirchlichen Basisgemeinschaften in Gemeinschaft mit ihren Hirten;

– die Bewegungen des Laienapostolats, die auf der Grundlage von Familie, Jugend und weiteren Gruppen organisiert sind;

– das geschärfte Bewusstsein der Laien für ihre Identität und kirchliche Sendung; – die neuen Ämter und Dienste;

– die intensive gemeinschaftliche pastorale Aktion von Priestern, Ordensmännern und Ordensfrauen in den ärmsten Gebieten;

– die vermehrte und von wachsender Einfachheit gekennzeichnete Anwesenheit der Bischöfe unter dem Volk;

– die im verstärkten Maße gelebte bischöfliche Kollegialität;

– der Hunger nach Gott und das Suchen nach ihm im Gebet und in der Betrachtung, gleich wie es Maria tat, die die Worte und Taten ihres Sohnes in ihrem Herzen bewahrte;

– das wachsende Bewusstsein für die Würde des Menschen im Rahmen der christlichen Sicht;

- das alles sind Zeichen der Hoffnung und Freude für den, der vom österlichen Geheimnis Christi durchdrungen ist und weiß, dass nur das gelebte und verkündigte Evangelium, wie Christus es lebte und verkündigte, zu einer wirklichen und umfassenden Befreiung der Menschheit führt: „Denn es ist den Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen“ (Apg 4, 12).

1310 Er ist die Fülle allen Seins (vgl. Kol 1, 2). Nur in Christus findet der Mensch seine Freude in Fülle (vgl. Joh 17, 13).

Abkürzungen

AA II. Vatikanisches Konzil, Dekret Apostolicam Actuositatem AAS Acta Apostolicae Sedis

AG II. Vatikanisches Konzil, Dekret Ad Gentes

CD II. Vatikanisches Konzil, Dekret Christus Dominus

CELAM Lateinamerikanischer Bischofsrat

CP Paul VI., Apostolisches Sendschreiben Communio et progressio

DIM Pius XI., Enzyklika Divini illius magistri

DV II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Dei Verbum

EC Heilige Kongregation für das katholische Bildungswesen über die katholische Schule

EN Paul VI., Apostolisches Sendschreiben Evangelii nuntiandi

ET Paul VI., Apostolisches Sendschreiben Evangelica testificatio

GE II. Vatikanisches Konzil, Erklärung über die christliche Erziehung der Jugend

GS II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et Spes

LG II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen Gentium

MC Paul VI., Apostolisches Sendschreiben Marialis cultus

MR Mutuae relationes – Leitlinien über die Beziehungen zwischen Bischöfen und Ordensleuten in der Kirche

NA II. Vatikanisches Konzil, Erklärung Nostra Aetate

OA Paul VI., Apostolisches Schreiben Octogesima adveniens

OT II. Vatikanisches Konzil, Dekret Optatam Totius

PC II. Vatikanisches Konzil, Dekret Perfectae Caritatis

PO II. Vatikanisches Konzil, Dekret Presbyterorum Ordinis

PP Paul VI., Enzyklika Populorum progressio

PT Johannes XXIII., Enzyklika Pacem in terris

SC II. Vatikanisches Konzil, Konstitution Sacrosanctum Concilium, über die Liturgie

UR Unitatis Redintegratio

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