Ad-limina-Ansprache von Johannes Paul II. an die ÖBK am 19. Juni 1987

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Ansprache von Papst Johannes Paul II. an die Österreichische Bischofskonferenz beim Ad-limina-Besuch am 19. Juni 1987

(Quelle: Die deutsche Fassung auf der Vatikanseite; auch in: DAS 1987, S. 1981-1988)
(Offizieller deutscher Text: AAS 80 [1988] 17-25)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Liebe Brüder im Bischofsamt !

1. In der Jesu Christi, unseres Herrn und Meisters, grüße ich Euch, denen der Hirtendienst für die Kirche in Österreich aufgetragen ist. Die Begegnung mit Euch anläßlich Eures Ad-limina-Besuches erinnert mich mit Freude an meinen Pastoralbesuch in Eurem Land im Jahre 1983. Viele Zeichen der Lebendigkeit Eurer Kirche haben wir damals erleben dürfen. Mögen die Begegnungen jener Tage und unsere gemeinsame Besinnung auf die Sendung der Kirche in der Welt von heute das religiöse Leben in Euren Gemeinden weiter geistig prägen und Eure Gläubigen in der christlichen Hoffnung bestärken. Herzlich danke ich Euch für die brüderliche Einladung zu einem weiteren Pastoralbesuch. Ich freue mich schon darauf und bitte Euch, den Katholiken und allen Menschen in Eurer Heimat meine Grüße zu überbringen.

Sodann gedenke ich bei dieser Begegnung des verehrten Herrn Kardinals König, der seit Eurem letzten Ad-limina-Besuch aus Altersgründen um die Entpflichtung von der Leitung der Erzdiözese Wien gebeten hat. Auch an dieser Stelle möchte ich ihm noch einmal aufrichtig für das langjährige bischöfliche Wirken im Dienst der Ortskirche und des Heiligen Stuhles danken. Zugleich grüße ich sehr herzlich seinen Nachfolger, den Herrn Erzbischof Hans Hermann Groer, und erbitte ihm für seinen verantwortungsvollen bischöflichen Dienst, den er mit großer seelsorglicher Hingabe aufgenommen hat, Gottes besonderen Beistand und Segen. Ebenso gilt mein herzlicher Gruß und Segenswunsch dem neuen Militärbischof Msgr. Kostelecky sowie dem neuen Weihbischof der Erzdiözese Wien, Msgr. Krenn.

2. Liebe Mitbrüder! Der Ad-limina-Besuch der Bischöfe ist von seinem geschichtlichen Ursprung her an erster Stelle ein Akt der Frömmigkeit, ein Pilgerbesuch an den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus in der Ewigen Stadt. Er entspricht Eurer Berufung als Nachfolger der Apostel und ist somit eine geistige Rückkehr und Besinnung auf den Ursprung und das Wesen Eurer bischöflichen Sendung. Von hier sollt Ihr neu gestärkt, mit neuem Mut und mit neuer Zuversicht zu Euren Hirtenaufgaben zurückkehren. Die erneute Bindung an die im Miteinander von Petrus und Paulus sichtbar werdende Einheit der Kirche war notwendigerweise von Anfang an im Besuch ”ad limina“ mitgemeint, zumal dieser niemals nur ein Besuch bei Gräbern, bei Toten war, sondern zugleich eine Begegnung mit dem lebendigen Träger des Petrusamtes einschloß. So entwickelte sich diese Pilgerfahrt allmählich mit innerer Konsequenz zu einem kanonisch vorgeschriebenen regelmäßigen Zusammentreffen der Bischöfe aus allen Ländern mit dem Bischof von Rom, dem Nachfolger Petri, den das II. Vatikanische Konzil als das ”immerwährende, sichtbare Prinzip und Fundament für die Einheit der Vielheit von Bischöfen und Gläubigen“ bezeichnet (Lumen Gentium, 23). Die innere Gemeinschaft in Hirtenauftrag und Lehre mit den Aposteln, deren Nachfolger die Bischöfe sind, schließt notwendig ihre volle Einheit mit dem jeweiligen Nachfolger des Apostels Petrus ein, dem der Herr in besonderer Weise aufgetragen hat, die Herde Gottes zu weiden und die Brüder zu stärken (Joh 21, 15-18; Lk. 22, 32)).

An derselben Stelle der Dogmatischen Konstitution Lumen Gentium nennt das Konzil auch die einzelnen Bischöfe selbst ”Prinzip und Fundament der Einheit in ihren Teilkirchen, die nach dem Bild der Gesamtkirche gestaltet sind“ (Lumen Gentium, 23). Das Petrusamt und das Bischofsamt stehen wesentlich im Dienst der Einheit der Kirche mit ihrem Ursprung und der Einheit der Teilkirchen und der Gläubigen untereinander. Gerade heute, da sich die Teilkirchen in zunehmendem Maße ihrer eigenen Geschichte und Kultur bewußt werden und diese noch mehr in das kirchliche Leben integrieren möchten, kommt diesem Dienst an der Einheit eine um so größere Bedeutung zu. Darum die eindringliche Mahnung des II. Vatikanischen Konzils: ”Alle Bischöfe müssen . . . die Glaubenseinheit und die der ganzen Kirche gemeinsame Disziplin fördern und schützen sowie die Gläubigen anleiten zur Liebe zum ganzen mystischen Leib Christi . . . Indem sie ihre eigene Kirche als Teil der Gesamtkirche recht leiten, tragen sie wirksam bei zum Wohl des ganzen mystischen Leibes, der ja auch der Leib der Kirche ist“ (ebd.). Somit ist der Ad-limina-Besuch für die einzelnen Bischöfe und Bischofskonferenzen auch der geeignete Anlaß, sich über ihr Wirken in den Ortskirchen Rechenschaft zu geben und ihre Hirtenaufgaben am Maßstab der Gesamtkirche und des obersten Lehramtes neu auszurichten.

3. Ihr habt mir, liebe Brüder, in Euren Gesprächen von geistlichen Freuden, aber auch von Sorgen berichtet, die Euch bewegen. Ich danke mit Euch Gott, dem Geber alles Guten, für die Treue so vieler Priester und Ordensleute in ihrem Dienst, die Bereitschaft einer großen Zahl von Laienchristen zum Mittragen in der Kirche, für die Strahlkraft apostolischer Gruppen und Bewegungen, die Solidarität mit den Armen in der Heimat und im Ausland, zumal in den Ländern der Dritten Welt, den Einsatz für die Weltmission. Ihr begegnet aber in der Kirche und Gesellschaft Eures Landes auch großen Sorgen und Problemen: Arbeitslosigkeit, die besonders junge Menschen belastet; Gefährdung der Natur als dem menschlichen Lebensraum, Gefährdung von Ehe und Familie, vieltausendfache Angriffe gegen das ungeborene Leben, Schwund des religiösen Lebens, Rückgang von Priester- und Ordensberufen, eine wachsende Zahl von Kirchenaustritten.

Gewiß, viele Probleme in der Kirche und Gesellschaft Österreichs gleichen denen in nicht wenigen anderen Ländern. Doch darf dieser Umstand natürlich Eure Anstrengungen für eine Erneuerung durch einen verstärkten pastoralen Einsatz in keiner Weise mindern. Im Gegenteil! Angesichts der um sich greifenden Glaubenslosigkeit und Säkularisierung in der heutigen Welt, die das Leben und Wirken der Kirche zunehmend erschweren und es dadurch geradezu herausfordern, ist jeder Christ und die ganze kirchliche Gemeinschaft zu einem um so überzeugenderen Zeugnis für Christus und seine Frohe Botschaft aufgerufen. Aber auch hier gilt für die Glaubwürdigkeit dieses Zeugnisses gegenüber der Welt als Voraussetzung die Forderung nach einer Einmütigkeit, die sich vom Ganzen her und auf das Ganze hin versteht, jener wahrhaft theologischen Einheit, um die der Herr am Abend vor seinem Leiden gebetet hat: ”Alle sollen eins sein: Wie Du, Vater, in mir bist und ich in Dir bin, sollen sie eins sein, damit die Welt glaubt, daß Du mich gesandt hast“ (Joh 17, 21).

4. In diesem von Christus beschworenen Geist einer wahrhaft katholischen Einheit, in der von dort kommenden Bereitschaft zum gegenseitigen Verstehen und Verzeihen sind auch jene Schwierigkeiten und Konflikte zu lösen, die sich in letzter Zeit in der Kirche von Österreich im Zusammenhang mit einigen Bischofsernennungen ergeben haben. Nicht nur ihr Auftreten als solches, sondern vor allem unser christlicher Umgang mit ihnen verlangt unsere besondere Sorge und Umsicht als Hirten und Gläubige, Bischöfe, Priester und Laien. Ich bitte Euch, die tieferen Ursachen dieser Konflikte zu ergründen und Eure geistliche Kraft zu ihrer Überwindung einzusetzen.

Ihr dürft keinen Zweifel an dem Recht des Papstes zur freien Ernennung der Bischöfe aufkommen lassen, das sich im Ringen um die Freiheit, die Einheit und die Katholizität der Kirche im Lauf der Geschichte in oft schmerzlichen Prozessen immer klarer herausgebildet hat und–unbeschadet einzelner partikularkirchlicher Sonderregelungen – entsprechend den Leitlinien des II. Vatikanischen Konzils vom neuen kirchlichen Gesetzbuch ausdrücklich unterstrichen wurde (Codex Iuris Canonici, can. 376; Christus Domini, 20). Dieser geschichtlichen Entwicklung wird nicht gerecht, wer sie einfach unter Kategorien der Macht interpretiert. Sie ist letztlich von der Verantwortung für das gemeinsame Zeugnis des einen Glaubens bestimmt. Tatsächlich zeigt die Geschichte, daß diese Regelung die Kirche vor Parteienbildung und vor Gruppenherrschaft schützt und Ernennungen sicherstellt, die nur vom geistlichen Auftrag des Amtes und vom Gemeinwohl der Kirche geleitet sind. Die letzten Jahrzehnte haben überdies eindrucksvoll sichtbar werden lassen, daß gerade diese Praxis wahrhaft volksverbundene und zugleich weltkirchlich herausragende Bischofsgestalten möglich gemacht hat. Die klar bekundete Einmütigkeit aller Bischöfe mit dem Heiligen Stuhl in dieser Frage wird der sicherste Weg sein, um die Polarisierungen zu überwinden, die sich in den Auseinandersetzungen der letzten Monate gezeigt haben. Darüber hinaus habt Ihr Euch selbst zum Ziel gesetzt, das Gespräch über mögliche Mängel oder gar Fehlentwicklungen im kirchlichen Leben Eures Landes in diesem Geiste zu suchen und fortzuführen. Schon die Begegnungen mit den verschiedenen Dikasterien des Heiligen Stuhles während Eures jetzigen Ad-limina-Besuches werden Euch hilfreiche Anstöße zur Klärung der entstandenen Fragen bieten.

5. Das vom II. Vatikanische Konzil aufgestellte Programm für die Erneuerung der Kirche bleibt die vordringliche pastorale Aufgabe der Kirche am Ende dieses zweiten christlichen Jahrtausends. Dabei geht es vor allem um eine innere Erneuerung zur Verlebendigung und Vertiefung des geistlichen Lebens der Gläubigen in Treue zu Christus und seinem Evangelium. Euch als Oberhirten im Volke Gottes obliegt die Pflicht, in Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri die Lehren des Konzils authentisch darzulegen, Mißverständnissen und falschen Schlussfolgerungen zu wehren und die Konzilsbeschlüsse mit Umsicht und Geduld in Euren Diözesen und Gemeinden durchzuführen.

In eine besonders schwere Verantwortung nimmt Euch Euer Dienst an der Einheit des Glaubens, zumal in einer Zeit, ”in der man die gesunde Lehre nicht erträgt, sondern sich nach eigenen Wünschen immer neue Lehrer sucht, die den Ohren schmeicheln“ (2 Tm 4, 3). Die Förderung und Formung der christlichen Familien ist und bleibt Grundlage aller weiteren pastoralen Arbeit. Die wesentlichen Maßstäbe dafür sind in dem auf der Bischofssynode von 1980 fußenden Apostolischen Schreiben Familiaris Consortio verbindlich dargestellt, das zu den Fragen der Sexual- und Ehemoral die von Paul VI. in der Enzyklika Humanae Vitae von der ganzen Tradition des Glaubens der gefällten Entscheide aufnimmt und entfaltet. An der Gültigkeit der dort dargestellten sittlichen Ordnungen darf kein Zweifel gelassen werden. Wenn im ersten Augenblick der Veröffentlichung der Enzyklika noch eine gewisse Ratlosigkeit verständlich war, die sich auch in manchen bischöflichen Erklärungen niedergeschlagen hat, so hat der Fortgang der Entwicklung die prophetische Kühnheit der aus der Weisheit des Glaubens geschöpften Weisung Pauls VI. immer eindringlicher bestätigt. Immer deutlicher zeigt sich, daß es unsinnig ist, etwa die Abtreibung durch Fördern der Kontrazeption überwinden zu wollen. Die Einladung zur Kontrazeption als einer vermeintlich ”gefahrlosen“ Weise des Umgangs der Geschlechter miteinander ist nicht nur eine verkappte Leugnung der sittlichen Freiheit des Menschen. Sie fördert ein entpersonalisiertes, rein auf den Augenblick gerichtete Verständnis der Sexualität und fördert damit letztlich wieder jene Mentalität, aus der die Abtreibung stammt und von der sie dauernd genährt wird. Im übrigen ist Euch gewiß nicht unbekannt, daß bei neueren Mitteln die Obergänge zwischen Kontrazeption und Abtreibung weithin fließend geworden sind.

Ebenso muss um der Menschen willen die Unauflöslichkeit der Ehe, die Endgültigkeit des aus der Liebe kommenden Ja, deutlich gewahrt bleiben. Das Nein der Kirche zum Sakramentenempfang der wiederverheirateten Geschiedenen ist nicht Ausdruck von Unbarmherzigkeit, sondern Verteidigung der Liebe und Verteidigung der Treue. Im übrigen darf nicht nur dieses Nein herausgestellt werden. Wenn auf der sakramentalen Ebene unverrückbar das Nein gilt, so wird um so wichtiger die seelsorgliche Zuwendung zu diesen in schwierigen Situationen lebenden Mitgliedern unserer Gemeinden, die ganz konkret fühlen müssen, daß sie um so mehr von der Liebe der Kirche getragen werden. ”Wenn ein Glied leidet, leiden die anderen mit“ (1 Kor 12, 26). Dann und nur dann werden diese Christen auch den Kommunionausschluss verstehen und von innen her annehmen können (Familiaris Consortio, 84).

6. Von großer Bedeutung ist sodann der Religionsunterricht in den Schulen und die Katechese auf allen Ebenen. Ich vertraue darauf, daß Ihr sie mit großer Wachsamkeit und Liebe begleitet und alles tut, damit der heranwachsenden Generation der unverfälschte Glaube der Kirche vermittelt wird. Es steht zu hoffen, daß der in Vorbereitung befindliche Weltkatechismus dafür eine wertvolle Hilfe leisten wird.

Ein ganz entscheidender Punkt ist ferner auch die theologische Ausbildung der Priesteramtskandidaten und generell die Arbeit der theologischen Hochschulen und Fakultäten in Forschung und Lehre. Auch heute beruft der Herr wie zu allen Zeiten und nicht weniger als früher Menschen in seinen besonderen priesterlichen Dienst. Aber damit dieser Ruf zur Reifung komme, muss er sorgsam gehütet und begleitet werden. Darin liegt die fast erschreckend große Verantwortung aller, die an der Bildung und Ausbildung der Priesteramtskandidaten beteiligt sind. Laßt Euch diese Aufgabe, an der die Zukunft der Kirche in Eurem Land wesentlich hängt, ganz besonders angelegen sein, und tut alles, damit diese Ausbildung in einem wahrhaft katholischen Geist geschieht.

Endlich möchte ich Euch in diesem Zusammenhang die Sorge um die Mitte der Kirche, das heiligste Sakrament der Eucharistie, und um das Bußsakrament ans Herz legen. Die Eucharistie darf niemals der Beliebigkeit willkürlicher Gestaltung ausgeliefert werden. Sie erhält ihre Größe nicht durch Gestaltungen, sondern durch das, was sie ist. Sie ist dann und nur dann recht gestaltet, wenn Priester und Gemeinde nicht nach Eigenem suchen, sondern sich ganz in den inneren Anspruch der Liturgie der Kirche selbst hineingeben und versuchen, ihm ihrerseits von innen her zu entsprechen. Das Bußsakrament ist in ganz besonderem Maß ”personalistisch“ strukturiert: Es ist die höchst persönliche Begegnung eines jeden einzelnen mit dem richtenden und richtend-verzeihenden Herrn. Es ist nicht nur der unersetzliche Ort der Formung und Reinigung des Gewissens; es schenkt jene ganz persönliche Vergebung, die der Mensch braucht, um Schuld zu überwinden, die immer persönlich ist und gerade darum die Gemeinschaft trifft.

Alles dies weist wieder auf den Punkt hin, von dem wir ausgegangen sind: auf die Einheit der Kirche, die als Gemeinschaft der Heiligen Träger der sakramentalen Vollmacht und der gültigen Auslegung von Gottes Wort im Heute ist. Die Einheit in der Kirche ist Einheit in der Wahrheit und Einheit in der Liebe, was eine grundlegende Einheit in der Disziplin miteinschließt. Der Dienst an der Fülle der Wahrheit ist in einer besonderen Weise den Bischöfen in Gemeinschaft mit dem Papst aufgetragen. Die Fülle der Wahrheit ist nicht dem einzelnen verheißen, sondern der ganzen Kirche in Einheit mit den Aposteln, mit Petrus. Deshalb können auch die schwerwiegenden pastoralen Fragen, die sich der Kirche heute stellen, nur in dieser Einheit eine tragfähige und gültige Antwort Enden.

7. Eure Hirtensorge in der Leitung Eurer Diözesen hat in einer ganz besonderen Weise Euren Priestern zu gelten, die Eure unmittelbaren Mitarbeiter im Heilsauftrag der Kirche sind. Stärkt und führt sie in ihren vielfältigen Seelsorgeaufgaben und bemüht Euch zusammen mit ihnen durch geeignete Initiativen um genügend neue Priester- und Ordensberufe. Setzt Euch mit Ihnen zugleich dafür ein, daß auch die Laien sich ihres christlichen Auftrages immer stärker bewußt werden und ihn in ihren jeweiligen Lebensverhältnissen zu verwirklichen suchen. Auch sie sind ja als getaufte und gefirmte Christen nicht nur Empfänger unserer Seelsorge, sondern ebenfalls zur Mitverantwortung und aktiven Mitwirkung in der Kirche berufen. Die kommende Bischofssynode wird uns helfen, ihre Stellung und Aufgabe in der Sendung der Kirche noch deutlicher zu erfassen. Dabei kann es sich weder um eine Konkurrenzstellung zum Klerus noch um eine Klerikalisierung der Laien handeln, sondern vor allem um die ihnen angemessene, spezifische Teilnahme am besonderen Weltauftrag der Kirche unter der Leitung der von Gott bestellten Hirten.

Euer Land hat schon eine lange und sehr fruchtbare Tradition des Laienapostolates mit einer Vielzahl von Formen. Da sind zum einen jene bewährten Formen, die sich häufig mit der Katholischen Aktion verbinden. Diese Gruppen haben maßgeblichen Anteil an der Mitgestaltung der Gesellschaft aus dem Geist des Evangeliums und an der Bereitschaft der österreichischen Katholiken für ihr eindrucksvolles Sozialengagement. Zu diesen Vereinigungen kommen in jüngster Zeit solche Bewegungen und Gruppen, die der Vertiefung des Glaubens und der Frömmigkeit vor dem Weltauftrag der Laien bewußt den Vorrang geben. Es liegt auf der Hand, daß die unterschiedlichen Konzepte des Laienapostolates ihre Berechtigung, ja ihre Notwendigkeit und einen sich gegenseitig ergänzenden Charakter haben. Wir sollten sie deshalb gleichermaßen fördern und diejenigen geistlich begleiten, die in ihnen Verantwortung tragen.

Bei der Vielfalt und Verschiedenheit der Vereinigungen und Gemeinschaften kommt der Gemeinsamkeit der kirchlichen Sendung eine hohe Bedeutung zu. Glaubwürdigkeit der Verkündigung hängt nicht zuletzt von der Sinnheit des Geistes ab. der zwischen den verschiedenen Wegen des Apostolates herrscht. Die Ordnung des Miteinander ist nicht als Einebnung berechtigter Unterschiede zu verstehen, noch kann sie durch administrative Disziplinierung erreicht werden. Einheit ist vielmehr in der Vielheit möglich, wenn alle Christen sich als Glieder am Leib Christi verstehen und jeder lernt, auch Gaben am Werk zu sehen. Selbstverständlich gelingt den unterschiedlichen Laiengruppen dieses vom Geist Christi selbst geordnete Miteinander um so leichter, je deutlicher wir Amtsträger uns von der ”communio affectiva et effectiva“ leiten lassen und auch in unserem Miteinander sich der Wille zur Einheit bekundet.

8. Liebe Mitbrüder! Indem ich Euch zu Eurem Ad-limina-Besuch diese Überlegungen anvertraue, begleite ich Euer weiteres Wirken in Euren Diözesen mit meinen besten Segenswünschen und mit meinem Gebet. Zum Auftrag der Bischöfe gehört immer wieder auch der Mut, öffentlichem Meinungsdruck zu widerstehen und ihm, auch zum Wohl der Gesellschaft, das Maß des Glaubens entgegenzustellen, von dem her sich eine authentische kirchliche Öffentlichkeit als lebendige Kraft bildet. Dazu wird auch das offene brüderliche Gespräch helfen, das Gegensätze nicht auszuklammern braucht, weil sie von der tieferen Einheit des gemeinsamen Glaubens unterfangen sind. So wächst dann Bereitschaft zur vielgestaltigen verantwortlichen Zusammenarbeit im Heilsauftrag der Kirche, entsprechend der jeweiligen Berufung; so wächst eine reiche und tiefe Einmütigkeit im Glauben zwischen Bischöfen, Priestern und Laien. Und so bleibt dann in Euren Ortskirchen jene Einheit des Geistes erhalten, in der ”alte einander in brüderlicher Liebe zugetan sind und sich in gegenseitiger Achtung übertreffen“ (Röm 12, 10).

Ich weiß um Euren großen Einsatz, um Euer Mühen und Sorgen, und ich danke Euch dafür. ”Petrus, liebst du mich?“ hat Christus den Apostel gefragt, an dessen Grab Ihr in diesem Tagen betet. Christus fragt uns alle. Laßt uns in brüderlicher Eintracht antworten: Her, du weißt alles; du weißt auch, dass wir dich lieben. Auf dein Wort hin wollen wir erneut das Netzt auswerfen zu einer mutigen und geduldigen Evangelisierung Österreichs und ganz Europas. Dafür erteile ich Euch, Euren Priestern und allen Eurer Hirtensorge anvertrauten Gläubigen in der Liebe Christi von Herzen meinen besonderen Apostolischen Segen.

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