Auspicato concessum (Wortlaut)

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Enzyklika
Auspicato concessum

von Papst
Leo XIII.
durch göttliche Vorsehung Papst
an alle Ehrwürdigen Brüder, Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe
der katholischen Welt, welche in Gnade und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle stehen
über den heiligen Franz von Assisi und dessen III. Orden
17. September 1882

(Offizieller lateinischer Text: ASS 15 [1882] 143-153)

(Quelle: Rundschreiben Leo XIII., Herder & Co. G.m.b.H.Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau 1904, Zweite Sammlung, Lateinischer und deutscher Text; in deutscher Sprache auch in: Leo XIII., Lumen de coelo II., - Bezeugt in seinen Allocutionen, Rundschreiben, Constitutionen, öffentlichen Briefen und Akten, Buch und Verlag Rudolf Brzezowsky & Söhne Wien 1890, S. 97-111, beide in Fraktur abgedruckt)

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Ehrwürdige Brüder !
Gruß und apostolischen Segen
Die heiligen Patrone des dritten Ordens des heiligen Franziskus

1 Dem christlichen Volke ward das Glück beschieden, innerhalb eines kurzen Zeitraumes das Gedächtnis zweier Männer zu feiern, welcher nach ihrer Aufnahme in den Himmel, wo sie den ewigen Lohn für ihre Heiligkeit empfangen haben, eine herrliche Schar von Jüngern auf Erden zurückließen, in denen ihre Tugenden gewissermaßen immer von neuem auflebten. Nachdem wir nämlich die Säkularfeier festlich begangen zum Andenken an den heiligen Benediktus, den Vater und Gesetzgeber der Mönche des Abendlandes, steht uns in Ehren des heiligen Franziskus von Assisi nach Ablauf von siebenhundert Jahren nach seiner Geburt eine gleiche Jubelfeier bevor. Wahrhaftig, nicht ohne Grund dürfen wir hierin besondere Gnade der göttlichen Vorsehung erblicken. Denn indem uns Anlass gegeben wird, den Geburtstag solcher Väter zu feiern, ist es, als wolle Gott die Menschen mahnen, dass sie ihre so großen Verdienste sich erinnern und zugleich erkennen, wie groß das Unrecht war, die religiösen Orden, die jene einst gegründet, so schmählich zu schädigen, besonders in jenen Ländern, für deren höhere Bildung und Ruhm durch ihre rastlose Arbeit und den Geist ihrer Genossenschaft sie so vieles geleistet haben. – Wir vertrauen, dass diese Festfeier gute Früchte für das christliche Volk bringen wird; denn dieses weiß recht gut, warum es die Ordensleute immer als seine Freude betrachtet; wie es darum den Namen des heiligen Benediktus mit großer Verehrung und dankbarem Andenken feierte, so wird es nun auch das Gedächtnis des heiligen Franziskus durch festlichen Gottesdienst eifrigst erneuern und seiner Freude in verschiedener Weise Ausdruck geben. Und nicht bloß in dem Lande, in welchem dieser hochheilige Mann geboren ist, wird man sich gegenseitig zu übertreffen suchen in Äußerungen der Liebe und Dankbarkeit und in den angrenzenden Gegenden, die er durch seine Gegenwart geweiht hat, sondern auch auf der ganzen weiten Erde, wohin immer sein Name gedrungen ist und seine Stiftungen blühen.

2 Diese Begeisterung für eine so heilige Sache gereicht Uns besonders zur höchsten Befriedigung, namentlich deswegen, weil Wir von früher Jugend an gewöhnt waren, den heiligen Franziskus zu bewundern und besonders zu verehren, und uns auch rühmen dürfen, ein Mitglied der Franziskanergemeinschaft zu sein. Mehr als einmal haben Wir freudig und keine Mühe scheuend den heiligen Berg Alvernia bestiegen, auf dem, wohin immer das Auge blicken mag, das Bild dieses Heiligen uns entgegentritt und in jener an Erinnerungen so reichen Einsamkeit der Geist in stille Betrachtung sich versenkt. – Doch, so lobenswert dieser Eifer sein mag, so ist damit noch nicht alles getan. Denn wir müssen überzeugt sein, dass die Huldigungen, die wir dem heiligen Franziskus darbringen, ihm dann am meisten genehm sind, wenn sie jenen auch zum Nutzen gereichen, die sie ihm widmen. Die echte und unvergängliche Frucht ist aber diese, dass man seine hervorragende Tugend nicht bloß bewundert, sondern ihm ähnlich zu werden sucht und durch seine Nachfolge vollkommener. Wo man dieses mit Gottes Gnade eifrigst anstrebt, wahrhaftig, da hat man die angemessene und höchst wirksame Arznei für die Schäden der Gegenwart gefunden. An Euch, Ehrwürdige Brüder, wollen Wir darum in diesem Schreiben Uns wenden, nicht nur um Unserer Verehrung für den heiligen öffentlich Zeugnis zu geben, sondern auch um Eure Liebe anzueifern, zum Heile der Seelen dieses von Uns erwähnte Mittel anzuwenden.

3 Jesus Christus, der Erlöser des Menschengeschlechtes, ist die unversiegbare und immerfließende Quelle aller Güter, die durch Gottes Erbarmen uns zu Teil werden; wie er einmal die Welt errettet hat, so wird er sie fort und fort durch alle Jahrhunderte erretten. Denn es ist kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, in den sie können selig werden.[1] Wenn darum infolge der sündigen Natur oder durch eigene Schuld das Geschlecht sinkt, und es einer besonders rettenden Macht bedarf, so müssen wir alle unsere Zuflucht zu Jesus Christus nehmen, wo wir unsere sicherste und beste Hilfe finden. Denn seine Gottesmacht ist so groß und so gewaltig, dass sie alle Gefahren abzuwenden und alle Übel zu heilen vermag. Und diese Heilung wird gewiss nicht ausbleiben, wenn nur das menschliche Geschlecht zum Bekenntnis des christlichen Glaubens und zur evangelischen Lebensordnung zurückkehrt. Wenn nun solche Übel schwer auf dem Geschlechte lasten, dann lässt Gott, ist die Stunde des Trostes gekommen, die er in seiner Vorsehung bestimmt hat, einen außergewöhnlichen, hochbedeutsamen und in seiner Art einzigen Mann auf Erden erscheinen, in dessen Hand er die Besserung der Volkszustände legt. So ist es geschehen nicht lange nach Ausgang des zwölften Jahrhunderts, und der heilige Franziskus war es, der dieses Werk vollbracht hat.

4 Der Charakter jener Zeit, im Guten wie im Bösen, ist bekannt. Tief im Gemüte wohnte der Glaube, und einen herrlichen Anblick boten die vielen, die, von heiliger Begeisterung entflammt, nach Palästina eilten, fest entschlossen, zu siegen oder zu sterben. Doch die Sitten im Volke waren gelockert, und eine Neubelebung des christlichen Geistes tat durchaus Not. Die christliche Tugend fordert aber vor allem ein hochherziges Gemüt, das auch das Schwerste und Härteste zu dulden vermag, und gern mit Christus, unserem Vorbilde, das Kreuz auf die Schultern nimmt. Wer von dieser Gesinnung durchdrungen ist, der ist vor allem der Welt abgestorben und ihrer Lust; strenge sich selbst beherrschend, weiß er alle Widerwärtigkeiten leicht und mit Gleichmut zu ertragen. Über allen Tugenden aber steht, einer Königin gleich gebietend, die Liebe zu Gott und dem Nächsten; wo sie wohnt, da macht sie die Mühsale in Erfüllung unserer Pflichten leicht, und alle, wenn auch so große Anstrengungen nicht bloß erträglich, sondern auch süß.

5 An diesen Tugenden war das zwölfte Jahrhundert arm; nur zu viele, hingegeben an das Irdische, strebten in wahnsinniger Gier nach Ehren und Reichtümern, oder brachten ihr Leben in Lust und Üppigkeit zu. Einige wenige waren in dem Besitze der Gewalt, die sie fast nur zur Unterdrückung des armen und verachteten Volkes missbrauchten; und selbst jene, welche den übrigen als Muster eines sittlichen Lebens hätten voranleuchten sollen, hielten sich von solchen Fehlern nicht rein. Und das die Liebe vielfach erloschen war, nahm das Verderben wie eine Pestseuche überhand; allenthalben herrschte Neid, Eifersucht, Hass; so entfremdet gegenseitig und feindselig waren die Gemüter, dass wegen geringer Ursachen benachbarte Städte sich gegenseitig in verheerenden Kämpfen aufrieben und blutige Bürgerkriege geführt wurden.

6 In dieses Jahrhundert fiel das Leben des heiligen Franziskus. Mit wunderbarer Standhaftigkeit und ebenso großem Starkmut unternahm er es, durch Wort und Tat der alternden Welt das echte Bild christlicher Vollkommenheit zur Betrachtung vorzuhalten. In der Tat, wie der heilige Dominikus Gusman in jener Zeit einstand für die Reinheit der himmlischen Lehren, und durch das Licht der christlichen Weisheit die verderblichen Irrtümer der Ketzer zerstreute, so gelang es dem heiligen Franziskus, von Gott zu Großem geführt, die Christen zur Tugend anzueifern und jene, welche sich lange und weit verirrt hatten, zur Nachfolge Christi hinzuführen. Sicherlich war es kein Zufall, dass er in seiner Jugend den evangelischen Ausspruch hörte: Weder Gold noch Silber noch Geld sollt ihr in eueren Gürteln tragen, auch keine Tasche auf dem Weg, noch zwei Röcke, noch Schuh, noch Stab.[2] Und: Wenn du willst vollkommen sein, so gehe hin, und verkaufe, was du hast, und gib es den Armen und komme und folge mir nach.[3] Ihm dünkte, es seien diese Worte ihm persönlich gesagt, und der entäußerte sich alsbald gänzlich; er änderte seine Gewänder und wählte für sein ganzes zukünftiges Leben die Armut zu seiner Genossin und Begleiterin, und wollte, dass diese Tugenden, welche er selbst hochherzig und starkmütig umfasst hatte, das Fundament seines künftigen Ordens seien. Von jener Zeit an ging er hindurch durch die weichliche Welt, welche die ausgesuchtesten Genüsse bot, in rauem und abschreckendem Gewande; seine Nahrung heischte er von Tür zu Tür, und, was als das Härteste gilt, den Spott des törichten Volkes nahm er nicht bloß hin in Geduld, sondern er empfand dabei eine wunderbare Freudigkeit. Er hatte eben die Torheit des Kreuzes Christi in sich aufgenommen, und in ihr die höchste Weisheit erkannt, und als sein betrachtender Geist immer tiefer in dessen Geheimnisse eingedrungen war, da ward es ihm klar, dass er nur hier wahren Ruhm finden könne. Zugleich mit der Liebe zum Kreuz war das Herz des Heiligen von heftiger Liebe entflammt, die ihn trieb, den Namen Christi mutig überall zu verkünden und dabei auch offenbare Todesgefahr nicht zu scheuen. Alle Menschen umfasste er in heißer Liebesglut, besonders aber die Armen und Verachteten, derart, dass er gerade mit denen am liebsten Umgang pflegte, welche die anderen flohen und vornehm zurückwiesen. So hat er sich verdient gemacht um jene wahre Brüderlichkeit, welche Jesus Christus wiederhergestellt und vervollkommnet hat, zu welcher das ganze Menschengeschlecht gehört, das nur eine Familie bildet unter der Oberherrlichkeit des gemeinsamen Vaters, Gottes.

7 Ausgerüstet mit solchen Tugenden und besonders durch sein raues Leben, suchte nun der Heilige sich, so viel er konnte, Christo ähnlich zu machen. Und das Walten der göttlichen Vorsehung gab auch dadurch deutlich sich zu erkennen, dass auch sein äußeres Leben eine gewisse Ähnlichkeit mit seinem göttlichen Vorbilde gewann. - So wurde auch er, wie Jesus, im Stalle geboren, und ein gleiches Lager hatte er als Kind, wie einst Christus, nämlich auf der Erde ausgebreitetes Stroh; in der Luft schwebende Engelchöre, die liebliche Weisen sangen, wie die Sage erzählt, machten die Ähnlichkeit vollständig. Ebenso wählte er, wie Christus, seine Jünger aus und nahm sie auf in seine Gesellschaft; sie sollten durch die Länder wandern als Boten des Friedens und ewigen Heiles. Von allem entblößt, verspottet und geschmäht, von den Seinen verstoßen, ist er auch dadurch Christus ähnlich geworden, dass er nicht so viel sein eigen haben wollte, wo er sein Haupt hätte anlehnen können. Das letzte Zeichen dieser Ähnlichkeit empfing er, da er auf dem Gipfel des Berges Alvernia, der für ihn gewissermaßen ein Kalvarienberg geworden ist, an seinem Leibe durch Gottes Fügung die Wundmale sich einprägten, und er so gleichsam gekreuzigt wurde, eine bis dahin neue Gnadenerscheinung. – Das alles erwähnen Wir hier, weil es, seit Jahrhunderten gepriesen, ein besonders wunderbares Ereignis bildet. Da er nämlich eines Tages tief versunken war in Betrachtung des Leidens Christi, dessen Bitterkeit mitempfand und gleichsam begierig mitleidend in sich aufnahm, erschien ihm mit einem Male ein Engel vom Himmel; plötzlich ging eine geheimnisvolle kraft wie ein Lichtstrahl von ihm aus, und es fühlte der heilige Franziskus seine Hände und Füße wie durchbohrt von Nägeln und seine Seite wie von einer spitzen Lanze durchstochen. Hierauf empfand er in seiner Seele ein außerordentliches Liebesfeuer und trug an seinem Leibe die ganze übrige Zeit hindurch lebendig eingeprägt das Bild der Wunden Jesu Christi.

8 Solch wunderbare Vorgänge, die nicht Menschen, sondern Engel preisen sollten, tun zur Genüge dar, wie groß der Heilige war und wie würdig, dass Gott ihn zur sittlichen Erneuerung seiner Zeitgenossen bestimmte. In der Tat, es war eine mehr als menschliche Stimme, die dem Heiligen in der Kirche des heiligen Damian zurief: Gehe, stütze mein wankendes Haus. Ebenso wunderbar ist das Gesicht, welches Papst Innozent III. wurde, als ihm Franziskus erschien, wie er mit seinen Schultern die wankenden Mauern der Laterankirche stützte. Der Sinn und die Bedeutung dieser wunderbaren Erscheinungen ist klar; sie sollten andeuten, dass die christliche Kirche im heiligen Franziskus einen mächtigen Schutz und Beistand finden würde. Und in der Tat säumte er nicht, rüstig ans Werk zu gehen. Jene zwölf Jünger, welche zuerst sich unter seine Leitung begeben hatten, bildeten das geringe Samenkorn, aus dem mit Gottes mächtiger Hilfe und unter Gutheißung des Papstes in kürzester Zeit eine so reiche Saat emporwuchs. Nach Christi Beispiel teilt er ihnen nun, nachdem sie hinlänglich gebildet waren, die verschiedenen Gegenden Italiens und Europas zu, um das Evangelium daselbst zu verkünden und einige unter ihnen sandte er selbst nach Afrika hinüber. Unverweilt gehen diese ans Werk; arm, ungelehrt, ohne höhere Bildung unternehmen sie es doch, vor das Volk hinzutreten; auf den Straßen und freien Plätzen, an ganz gewöhnlichen Orten, und ohne Redeschmuck fangen sie an, das Volk zu mahnen, die irdischen Dinge zu verachten und an die Ewigkeit zu denken. Es ist zum Staunen, welchen Erfolg diese, wie es schien, so ungeeigneten Prediger hatten. Haufenweise strömte die Menge ihnen zu, begierig, sie zu hören; schmerzlich beweinte man die begangenen Sünden, man vergaß zugefügte Beleidigung, Feinde versöhnten sich wieder und schlossen Frieden miteinander. Es ist unglaublich, wie gewaltig und fast unwiderstehlich der heilige Franziskus das Volk hinriss. Wo er immer wandelte, scharte das Volk sich um ihn; häufig kamen aus den Flecken und größeren Ortschaften die Bewohner ihm entgegen mit der Bitte, sie unter die Seinen aufzunehmen. – So entstand der dritte Orden; der Heilige gründete ihn, um Menschen jeden Standes, jeden Alters, jeden Geschlechtes in denselben aufzunehmen zu können, ohne dass sie ihre Familie und ihr Hauswesen zu verlassen hätten. Und die Gesetze, die er ihm in seiner Weisheit gab, waren nichts Besonderes, sondern ganz dem Evangelium entnommen, die darum dem Christen nicht allzu schwer erscheinen können. Dies war nämlich ihr kurzer Inhalt: Gottes Geboten und seiner heiligen Kirche sollten sie gehorsam sein, sich fern halten vor aller Streit- und Parteisucht, fremdes Eigentum heilig halten, nur zum Wohle der Kirche und des Vaterlandes die Waffen tragen, Mäßigkeit bewahren in Nahrung und Kleidung, allen Luxus, gefährliche Tänze und Schauspiele meiden.

9 Es ist nicht schwer zu erkennen, welch großen Segen diese Einrichtung bringen musste, an sich schon, besonders aber zu jener Zeit, für welche sie so ganz angemessen war. – Es beweisen dieses hinlänglich die Verbrüderungen ähnlicher Art, welche der Dominikaner- und andere Orden gegründet haben, sowie deren Erfolg. Allenthalben beeilte man sich, Hoch wie Niedrig, voll Eifer und Hingebung in diesen Orden einzutreten. Nach dieser Ehre verlangte vor allem Ludwig IX., König von Frankreich, und Elisabeth, aus dem Geschlechte der ungarischen Könige; ihnen folgte im Lauf der Zeit mehrere Päpste, Kardinäle, Bischöfe, Könige und Herren, welche alle es nicht unter ihrer Würde fanden, die Abzeichen des Ordens zu tragen. – Die Mitglieder des dritten Ordens bewiesen in der Verteidigung der katholischen Religion ebensoviel Frömmigkeit als Mut. Wohl waren sie wegen ihrer Tugenden den Bösen verhasst, aber das Lob der Weisen und Gerechten hat ihnen dagegen nie gefehlt, was doch das Ehrenvollste und allein Begehrenswerte ist. Ja, Unser Vorfahre Gregor IX. wünschte öffentlich ihnen Glück ob ihres Glaubens und ihres Mutes, nahm sie unter seinen besonderen Schutz und hielt es nicht für einen übertriebenen Lobspruch, wenn er sie Krieger Christi und neue Makkabäer nannte. – In der Tat, diese Lob hatten sie auch verdient. Der dritte Orden trug nicht wenig bei zur öffentlichen Wohlfahrt; indem seine Mitglieder den Tugenden ihres Stifters nachstrebten und seinen Regeln gehorchten, wirkten sie, soviel an ihnen lag, dahin, dass die christliche Sitte in ihrer vollen Schönheit wieder im öffentlichen Leben sich darstellte. Sicher ist es, dass durch ihr Wort und Beispiel das Parteiwesen, wenn nicht gänzlich ausgerottet, doch gemildert, die Anlässe zu Streit und Hader entfernt, die Armen und Verlassenen getröstet, die Genusssucht, diese Quelle der Armut und das Werkzeug des Verderbens, gemäßigt wurden. So sind häuslicher Friede und öffentliche Ruh, Sanftmut und Sittenreinheit, der rechte Gebrauch und die Bewahrung des Vermögens – das alles, worauf wie auf einem festen Grunde alle echt menschliche Bildung ruht, aus dem Franziskanerorden wie aus ihrer Wurzel herausgewachsen, und Europa dankt die Erhaltung dieser Güter zum großen Teile dem heiligen Franziskus.

10 Mehr aber als jedes andere Land hat Italien ihm zu verdanken; hier war vorzugsweise der Schauplatz seiner Tugenden, ihm hat er darum auch am meisten Wohltaten gespendet. – In der Tat, in jener Zeit, da von vielen Seiten Gewalttätigkeit geübt wurde, ward er nicht müde, den Gebeugten und Bedrückten seine helfende Hand zu reichen; reich mitten in äußerster Armut, hörte er nicht auf, sich selbst vergessend, anderer Not zu steuern. Aus seinem Munde hören wir das liebliche Lallen der neuen Sprache Italiens, seine Gesänge, welche das Volk auswendig lernen sollte, waren der Ausdruck liebevollster Poesie und werden heute noch mit Recht von der gelehrten Nachwelt bewundert. Die Erscheinung des heiligen Franziskus ging dahin durch das Geschlecht wie ein höherer Lebensodem, und begeisterte unsere größten Meister zu wunderbaren Schöpfungen auf dem Gebiete der Malerei, Bildhauerei und Geschmeidekunst, in welchen die ersten Künstler bei Darstellung seines Lebens wetteiferten. - Den heiligen Franziskus hat Dante Alighieri besungen in seiner so großartigen und so lieblichen Dichtung; Cimabue und Giotto haben in ihren Bildern voll leuchtender Farbenpracht ihm Unsterblichkeit verliehen, berühmte Baumeister verherrlichten ihn durch großartige Werke, sei es über dem Grabe des Ärmsten, sei es in der Kirche Mariä von den Engeln, wo so viele und so große Wunder gewirkt worden sind. Zu diesen Kirchen pflegen die Völker von allen Weltgegenden herbeizuströmen, um den Vater der Armen aus Assisi zu verehren, dem in demselben Maße die reichen Schätze der göttlichen Gnade zu Teil wurden, als er sich aller irdischen Güter vollständig entäußerte.

11 Aus dem Gesagten ist ersichtlich, welch unermessliche Wohltaten Kirche und Staat diesem Heiligen zu danken haben. Weil aber der Geist des heiligen Franziskus durchaus und in ganz besonderer Weise der Geist des Christentums ist, darum ist er für alle Orte und Zeiten geeignet, und niemand mag bezweifeln, dass jene Stiftungen auch für unsere Zeit höchst segensvoll sind, und dies um so mehr, als ihr Charakter mit jenem Jahrhundert in verschiedener Beziehung Ähnlichkeit hat. – Wie im zwölften Jahrhundert, so ist auch in der Gegenwart die Liebe vielfach erkaltet, und das christliche Leben teils aus Unwissenheit, teils aus Nachlässigkeit in nicht geringem Verfalle. In gleichen Gesinnungen und Bestrebungen bringen die meisten ihr Leben zu, in der Sucht nach irdischen Gütern, in der hastigen Jagd nach Genuss. Dem Wohlleben ganz ergeben, verschleudern sie das Ihrige und suchen fremdes Gut sich anzueignen; sie reden viel von der Gleichheit aller Menschen, doch es sind nur Worte, wobei die Taten fehlen; voll von Selbstsucht wird die echte Liebe gegen die Durstigen und Armen immer seltener. – Damals beunruhigte der versteckte Irrtum der Albigenser die bürgerliche Gesellschaft ebenso wie die Kirche; gegen diese hatte er die Menge aufgestachelt und einer Art von Sozialismus den Weg gebahnt. Heutzutage sind in ähnlicher Weise die Anhänger und Lehrer des Naturalismus aufgetreten. Hartnäckig verweigern diese der Kirche den Gehorsam, und folgerecht, allmählich weiterschreitend, erkennen sie auch die bürgerliche Gewalt nicht mehr an; sie versuchen es, das Volk zu Gewalttat und Aufruhr aufzustacheln, wollen eine neue Verteilung der Ländereien, schmeicheln den Lüsten der Besitzlosen und untergraben die Fundamente des häuslichen wie öffentlichen Lebens.

12 Im Hinblick auf diese so vielen und so großen Übelstände müsst Ihr erkennen, Ehrwürdige Brüder, dass Wir mit gutem Grund von den Stiftungen des heiligen Franziskus Abhilfe erwarten können, wenn diese im Geiste ihres Begründers erneuert werden. – Wenn diese blühten, müsste auch Glaube, Frömmigkeit und das christliche Tugendleben rühmlich aufblühen, müsste nachlassen diese maßlose Gier nach dem Vergänglichen und die Bezähmung der Leidenschaften durch die Tugend, was den meisten eine so große und unerträgliche Last dünkt, würde nicht mehr so abschreckend erscheinen. Geeint durch das Band brüderlicher Liebe würden die Menschen sich untereinander gern haben und den Armen und Unglücklichen, die das Ebenbild Christi sind, Ehrfurcht erweisen. – Außerdem haben jene, welche von der christlichen Religion wahrhaft durchdrungen sind, eine feste Überzeugung von der Pflicht des Gehorsams gegenüber der rechtmäßigen Gewalt und der Unverletzbarkeit des Rechtes eines jeden; eine solche Gesinnung aber bewahrt vor allen Sünden, welche in dieser Hinsicht begangen werden: Gewalttat, Ungerechtigkeit, Neuerungssucht, Feindschaft zwischen den verschiedenen Ständen der Gesellschaft, die zum Sozialismus führen und deren dieser sich als Waffe bedient, - Auch die soziale Frage, welche die einsichtvollen Staatsmänner so viel beschäftigt, findet ihre Lösung, wenn die Überzeugung allgemein geworden, dass die Armut keine Schande sei, dass der Reiche barmherzig und mildtätig, der Arme mit seinem Los und seiner Arbeit zufrieden sein soll, und da beide nicht für den Genuss dieser vergänglichen Güter bestimmt sind, der eine durch Geduld, der andere durch Freigebigkeit in den Himmel kommen soll.

13 Darum war es schon lange Unser sehnlichster Wunsch, dass ein jeglicher strebe, dem heiligen Franziskus nachzuahmen. – Schon vordem haben wir dem Franziskanerorden Unsere besondere Fürsorge gewidmet; nun aber, durch Gottes Barmherzigkeit zum obersten Hirtenamte berufen, da jetzt die günstige Gelegenheit sich bietet, ermahnen Wir alle Christen, in dieses heilige Kriegsheer Jesu Christi einzutreten. Es sind schon sehr viele überall und jeden Geschlechts, die freudigen Mutes den Fußspuren des Seraphischen Vaters folgten; Wir loben ihre Bestrebungen und billigen sie vollständig, wünschen aber, dass durch Euere Bemühungen, Ehrwürdige Brüder, immer mehr und immer eifrigere Nachfolger sie finden. Worauf wir aber ganz besonders Nachdruck legen, ist dies, dass alle jene, welche die Abzeichen der Buße anlegen, dies tun im Hinblicke auf die heiligen Stifter und ihm ähnlich zu werden suchen; denn im entgegengesetzten Falle wäre kein günstiger Erfolg davon zu erwarten. Bemühet Euch darum, dass der dritte Orden dem Volke bekannt und von ihm in der Tat hochgeachtet wird; treffet auch dafür Vorsehung, dass die Seelsorger fleißig die ihnen Anvertrauten über das Wesen desselben belehren, darauf hinweisen, wie leicht der Eintritt ist für einen jeden, wie viele Privilegien zum Heile der Seelen damit verbunden sind, wie viel Segen er für das Privat- wie öffentliche Leben bringt. Und um so eifriger ist dahin zu wirken, da die Mitglieder des ersten und zweiten Ordens des heiligen Franziskus in der Gegenwart hart heimgesucht sind und Schweres leiden. Gebe Gott, dass durch die Fürbitte ihres heiligen Stifters sie bald nach so vielen Stürmen wieder in neuer Kraft auflebten! Gebe Gott, dass die christlichen Völker ebenso eifrig und zahlreich dem dritten Orden wieder zuströmten, wie sie ehedem dem Heiligen selbst in frommem Wettstreite sich hingaben! – Viel dringender aber finden Wir dies und mit größerem Recht hoffen Wir es von den Bewohnern Italiens, die durch die Bande des gemeinsamen Vaterlandes und die größeren Wohltaten, die sie von ihm empfangen, in ganz besonderer Weise dem Heiligen zugetan und zum Danke verpflichtet sein müssen. So wäre es in der Tat nach sieben Jahrhunderten den Völkern Italiens und der ganzen Christenheit beschieden, in dem Heiligen von Assisi den zu erkennen, durch welchen sie aus den Stürmen wieder zum Frieden, aus dem Verderben zum Heile gelangten. Darum wollen wir in gemeinsamem Gebete zum heiligen Franziskus besonders in diesen Tagen flehen; darum die Jungfrau und Gottesmutter anrufen, welche die fromme Verehrung und Treue ihres Dieners mit ihrem himmlischen Schutze und ganz besonderen Gnadengaben belohnt hat.

14 Unterdessen erteilen wir als Unterpfand himmlischer Gaben und zum Zeugnis Unseres Wohlwollens Euch, Ehrwürdige Brüder, dem gesamten Klerus, und dem einem jeden von Euch anvertrauten Volke den Apostolischen Segen im Herrn.

Gegeben zu Rom bei St. Peter, den 17. September des Jahres 1882,
dem fünften Unseres Pontifikates
Papst Leo XIII.

Anmerkungen

  1. Apg 4,12 EU.
  2. Mt 10,9-10 EU.
  3. Mt 19,21 EU.

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