Benutzer:Otterbeck/Weltjugendtag (Überblick)

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Der Weltjugendtag. Überblick über Konzept-Ziel-Erfolg. Ein Hintergrundbericht.

Inhaltsverzeichnis

Der „Weltjugendpapst“: Auf dem Weg nach Sydney

von Franz Norbert Otterbeck*

Wer könnte Papst Johannes Paul II. je vergessen? Sein Bild ist global präsent: Wie er Kinder herzt, wie er den Gekreuzigten seines Bischofsstabes umfängt, wie er die Welt segnet. „Er“ hat vor allem, die Chronik der Weltjugendtage bezeugt es, von 1984 an aus Rom einen globalen Dialog mit der Jugend provoziert, aber kein Palaver. Der Papst hat „das Wort“ verkündet; und überaus vielstimmige Antwort gefunden. Manche Experten im Reich der Jugendpastoral, darunter auch klerikale Instanzen, nicht nur nördlich der Alpen, gönnten Johannes Paul II. diesen Erfolg nur zögernd. Man war durchaus überzeugt von „neuen“ Konzepten, die fast allesamt Muster ohne Wert waren. Seit Köln 2005 ist der Weltjugendtag wohl allgemein anerkannt. Aber schon seit 1987, dem marianischen Jahr also, ging dieser Tag der Jugend seiner weltweiten Bestimmung entgegen. Er geht um die Welt und erreicht 2008 die „Enden der Erde“, in Australien.

Zwischen Buenos Aires 1987 und Manila 1995 entfaltete sich das heute bekannte Konzept. Wahrscheinlich nicht zufällig sind diese beiden Stationen spanisch beeinflusst, wenn auch in enormer Differenz. Auch die argentinische Situation war im 20. Jahrhundert keineswegs idyllisch. Buenos Aires machte immerhin den Weltjugendtag 1987 bereits zu einem wahrhaft internationalen Ereignis, wenn auch nur als ein weiterer „kleiner" Anfang. Bischof Renato Boccardo gibt im Blick zurück den Folgetreffen in Compostela und Tschenstochau eine besondere Bedeutung für Europa. Aber der „Durchbruch“ für den heutigen Weltjugendtag, das sei das Ereignis von Denver 1993 gewesen. Denn die Medien in den USA waren völlig überwältigt, dass es eine derart fröhliche und gewaltfreie Jugendbegegnung in einer ganz und gar nicht katholischen Metropole überhaupt geben kann. Das Treffen von Manila 1995, das Andreas Englisch so subtil in seinem ersten Papstbuch beschrieben hat, führte dann die wohl größte Menschenmenge zusammen, die sich je auf diesem Planeten versammelt hat (ca. 4 Mio.; vielleicht noch übertroffen durch die Pilgerströme zum Papstbesuch in Guadalupe 2002; oder beim Abschied 2005 in Rom, wenn man mitzählen darf, dass sich die Millionen dort auf mehrere Tage verteilten). Papst Johannes Paul II. hat Massen bewegt, der alte Glaube hat Berge versetzt. Vielleicht gab uns Manila 1995 sogar eine erste Ahnung davon, dass es in Asien eine Zukunft des Christentums geben wird? Was sind die Wirkungen solcher Ereignisse? Sie sind messbar erst einmal „minimal“. Das ist christlich.

Salz der Erde

Denn nicht maximale Rekorde, sondern der Vorzug für das Allergeringste entspricht dem Wort und der Tat Jesu, die als „Ereignis“ erst einmal einem Senfkorn gleicht. Weniger als 20.000 junge Leute waren am Palmsonntag im Heiligen Jahr 1975 in Rom dabei, einem Vorläufer des ersten Treffens 1984, Hunderttausende schon 1984 in Rom, auch 1985 und beim ersten offiziellen WJT am 23. März 1986. Selbst ein Treffen mit Millionen junger Leute ist auf dieser so betagten und belasteten Erde mit einer Milliarden-Bevölkerung wieder nur ein kleiner und zaghafter Anfang. Das zu sehen gebietet die Wahrhaftigkeit. Aber sogar in Paris 1997 überraschte die Zahl der begeisterten Teilnehmer, in Köln nicht weniger. Wehe uns, hätte es diese Begebenheiten nicht gegeben! Vielleicht erreicht das Wort des Evangeliums inmitten dieser Massen zunächst nur einige, wenige Herzen und viele wenden sich wieder ab, wenn sie in den Alltag überwechseln müssen; in den reichen und auch in den armen Ländern, die geprägt sind von Strukturen des Bösen. Aber wehe, wenn uns diese Lichtblicke fehlen.

Cor unum. Die Menschen können eines Herzens sein. Auch das zeigt uns der Weltjugendtag. Er ist ein Tag des Friedens. Der Herr geht vorüber, mal im Sturm, mal als ein kaum merklicher Lufthauch. Aber einmal "Luft schnappen" von seinem Geist, das kann in sich schon die Rettung tragen für viele, wenn der so Erinnerte das Wort weitergibt. Christus begegnet den Seinen. Wir kennen Tag und Stunde nicht, aber wunderbar sind die Werke des Herrn an allen seinen Heiligen; auch bei den ganz kleinen, den noch ganz unbekannten Mittätern der Liebe Gottes, die mitten in der "Stadt ohne Gott" leben.

Jubiläum der Jugend: 2000

Das Millennium insbesondere war ein christliches Datum. Der polnische Primas Stefan Wyszynski hatte es seinem jüngeren Kardinalskollegen aus Krakau schon 1978 gesagt: Du wirst die Kirche in das 21. Jahrhundert führen. Vor Weihnachten 1999 öffnete der Papst also die Heilige Pforte, nach 1983/84 zum zweiten Mal in seinem Pontifikat (zweimal, wie vor ihm nur Pius XI. 1925 und 1933) und so schritt der alte Mann über die Schwelle der apostolischen Hoffnung. Karol der Große: Seine beiden Jubeljahre verbinden die Weltjugendtage.

Das Große Jubiläum des bereits erkrankten Brückenbauers der Jahrtausendwende eröffnete zugleich die überaus wichtigen, letzten fünf Folgejahre seines Werks, die Aufstieg und Ausklang zugleich waren. Im kanadischen Toronto 2002 verabschiedet sich JP 2 bereits von „seiner“ Jugend. Denn der Papst sagt erstmals nicht mehr „Auf Wiedersehen!“ In den Jahren seit 2000 wurde Karol Wojtyla erst als Leitbild einer Generation wahrgenommen. Gibt es schon Schlussfolgerungen, die dauerhaft sind? Die jeunesse papale ist bis auf weiteres eine krasse Minderheit inmitten ihrer Lebenswelt, aber doch trägt sie eine starke Hoffnung für Kirche und Zukunft weiter. Bereits im Jahr 1985 hatte der Papst gesehen: Jugend und Frieden sind wirklich „zusammen“ unterwegs auf dieser Erde. Das war sein Leitwort im Internationalen Jahr der Jugend, gesprochen nur vier Jahre vor dem großen Umbruch, dem Frieden entgegen.

Wer war damals 19 und schrieb kühn in seinen Abituraufsatz: „Die Mauer bleibt nicht..“? Rom sprach uns eine Hoffnung aus, die sich so bald erfüllte. Hat der Friede Christi also die Welt vor dem ganz großen Krieg gerettet? 1950? 1962? 1984? Im Jahr 2000 wagte es die seit 1965 klug geführte Glaubenskongregation präzise festzuhalten: Die „Botschaft von Fatima“ gehöre bereits der Vergangenheit an. (Wer weiß, vielleicht gilt das schon seit 1942?) Entwarnung! Das ist aber ein Sieg ohne Triumphzug. Denn „der Sieger“, im Namen des Herrn, trat vor den Augen der Welt einen Leidensweg an, der ihn 2004 noch einmal nach Lourdes führte, gleichsam bereits am Vorabend jenes 2. April 2005, des heraufziehenden Sonntags der Barmherzigkeit A.D. MMV. Maria Mater Verbi, erlöst erblicken wir mit Dir das Vaterhaus.

Der erste Weltjugendpapst

Jugend und Frieden, zusammen unterwegs: Wojtyla wird Marx „bekehren“, schrieb ich tagebuchartig bereits im Februar 1986. Wir wollen heute aber nicht rechthaberisch sein. Denn es geht immer noch, und immer wieder, um nicht weniger als um die Überlebensfrage unserer gesamten Zivilisation. Spätestens seit Hiroshima, dem 6. August 1945, bleibt uns armen Christen, angesichts der schnellen Entwicklung der Welt, diese Samariterpflicht auferlegt, wie Papst Paul VI. zum Schluss des II. Vatikanums sinngemäß sagte. Denn seither geht es ohne Unterlass immer „ums Ganze“, um den Fortbestand der unter die Räuber gefallenen Menschheit.

Daher der große Dank am 8. April 2005: Die Jugend der Welt, und mit ihr fast 200 Staatsmänner (auch wenige „Staatsfrauen“), dazu viele ehrwürdige Religionsvertreter, seine Schwestern und Brüder, also ein echtes Friedenskonzil betender Abermillionen, bereiteten „ihm“ (und einer Welt, die nicht mehr dieselbe ist), eine auf Erden nie da gewesene Ehre. Wir sind uns im April 2005 ein bisschen sicherer geworden: Unser kleines Biotop ist nicht kontaminiert, sondern ein blauer Planet der Hoffnung, solange unsere Welt ein betender Planet bleibt. «Mon Dieu, je vous aime!» Welche geheimnisvollen „Spuren Gottes“ kündigen sich da an? Er sieht mir doch eher schon nach Vorfrühling aus, der Glaube in „winterlicher Zeit“. Der Betrachter darf seine eigene Frustration nicht mit dem Wetterbericht verwechseln. Die Temperatur steigt, das Herz schlägt höher. Das Marienfeld von Köln war schon der Ausblick auf ein neues Europa, das uns blühen wird. Es hat noch einen Weg vor sich! Obzwar downunder, am Ende der Welt: Sydney 2008 wird wiederum ein globales Leuchtfeuer entfachen. Auch aus dem jetzt "winterlichen" Süden kann neuer Segen kommen. Vor kühnen Prognosen wird gern gewarnt. Die australische Etappe des Wegs ist ein Wagnis. Aber wir werden ja sehen: In der Ferne so nah. Der Weltjugendtag hört nicht mehr auf. Er ist längst der immer wieder wiederkehrende Morgenstern, der zumindest „je gerade genug“ junge Menschen anleiten wird, ihr Bestes zu geben.

Civiltà dell’amore

Versuchen wir eine Ortsbestimmung. Denn der Weltjugendtag 2008 gibt nicht nur Anlass zu einem Rückblick. Das Projekt einer Zivilisation der Liebe bekommt damit schärfere Konturen. Es bezeichnet keine Utopie.

Der Weltjugendtag hat petrinische Wurzeln und er hat seit 1986 auch Folgen für das Papsttum. Schon am 24. März 2006 sagte Papst Benedikt XVI. demgemäß zu seinen neuen Kardinälen, er wolle die Zivilisation der Liebe** fördern. Tutti venite alla civiltà dell’ amore (so Paul VI. an Pfingsten, dem 18. Mai 1975); dieser Aufruf zielt auf eine Kultur der Liebe, die den Kampf der Kulturen überwinden wird. „Wir haben der Liebe geglaubt. So kann der Christ den Grundentscheid seines Lebens ausdrücken“, schreibt Benedikt zu Beginn seiner viel gelesenen Enzyklika über die Liebe. Er bezeugt das immer wieder, auch in Brasilien. Die Jugend von Sao Paolo feiert mit ihm den Ursprung des christlichen Anspruchs im Mai 2007, die Jugend in Loreto im September 2007. Das Pontifikat wird den Charakter dieser, der fundierten Hoffnung weiter verdeutlichen und die vielen Zuhörer des Papstes begreifen es bereits. Hoffnung stiftende Lebensräume wird die Kirche schaffen. Mithin gewinnt das Papsttum offenkundig Freiwillige hinzu, die seinen geistlichen Anspruch stützen. Wir gehen jedoch damit keiner katholischen „Renaissance“ entgegen und sollten das nicht einmal wünschen. Abgesehen davon, dass auch die Renaissance nur partiell ein Aufblühen war (sie war auch die Epoche des modernen Hexenwahns, der Alchemie und der Astrologie):

Ein konfessionelles Regime wird aus der neuen Weltjugend nicht: Denn der milde Renouveau catholique, der nun an Kraft gewinnt, taugt nicht dazu, als separates Segment in der Gesellschaft mitzuspielen, nur inszeniert, um konfessionelle Interessen durchzusetzen. Sondern er will „alle“ anziehen. Viele werden von dieser mehr und mehr werbenden Zivilisation der Liebe angezogen werden, aber nicht alle. Damit beginnt das Zeugnis: Nicht nur mürrisch "dulden", dass andere Menschen andere Wege gehen, so sehr das schmerzt, sondern sogar "wollen", dass diese Pluralität unumkehrbar ist. Nur das Beispiel zieht zum Guten: Es geht fortan mehr um das Zeugnis als um die Belehrung. Diese Zivilisation hat also Zentren, bildet aber keine geschlossene Gesellschaft.

Was aber hat das jetzt mit dem Weg nach Sydney zu tun? Mancher argwöhnte, dass der nächste Weltjugendtag im fernen Australien, noch dazu erst drei Jahre nach Köln, bereits ein Abklingen der Weltjugendtagsbewegung begünstigt. Das sehe ich anders, obwohl so lange Pausen und große Distanzen nicht ungefährlich für die Mission christlicher Freude sind. Vielleicht ist eine Besinnung auf ihre tragfähige Struktur nötig. Aber diese Bewegung zu Christus hört nicht mehr auf. Sie ist die bisher am ehesten Erfolg versprechende Methode zum Aufbau der zukünftigen Zivilisation. Denn diese benötigt a priori Liebende! Denn sie ist keine Ideologie und wird es nie sein.

Also kann sie nur von Menschen aufgebaut werden, die eine Mühsal dafür auf sich nehmen; also ein Leben des Gebets und des Opfers, altmodisch gesagt. Die Kirche nimmt ja seit jeher die Welt in den Blick. Sie widerspricht bisweilen ihrem Gegenüber, belästigt sogar. Sie verteidigt nämlich stur ihren Anspruch, allen etwas zu sagen zu haben. Aber sie will auch hören, um selber zu lernen! Das Amt der Kirche ist dann aus eigenem Recht zuverlässig, auch in diesen, seinen jüngeren Arbeitsformen, zugunsten eines ganzheitlichen Humanismus.

[**Siehe auch: Predigt (dt.) vom 20. Juli 2008 (Sydney); Caritas in veritate, Nr. 13, 33]

Konzil der Jugend

Gott hat ein Wort für die Zeit. Vielleicht wird der weite Weg des Weltjugendtagskreuzes nach Sydney das noch deutlicher machen: Gott sei Dank konnte „das Planetarium“, das „System“, uns den Himmel nicht ersetzen. Wir können also für die Zukunft der Zivilisation der Liebe, der Carl Anderson von den Knights of Columbus jüngst ein ganzes Buch widmete, doch schon einige Eckpunkte nennen: Diese humane Zivilisation wurzelt im Evangelium, sie lebt aus der sakramentalen Gegenwart der Liebe Christi. Sie ist freiwillig aufmerksam für das katholische Amt, das uns Wegweisung anbietet, aber bewusst auf die Anwendung jeder Art von Zwang verzichtet. Ihr Begriff der Freiheit führt weiter! Die Zivilisation der Liebe ist keine politische Ideologie, die in Konkurrenz zu anderen tritt. Sie ist stets fähig, jedes „System“ näher an Gerechtigkeit und Frieden heranzuführen. Sie leistet Beiträge zur Gesellschaft und zur Kultur des Lebens, ohne deshalb die Wege der Andersdenkenden zu verachten. Sie dient mit Freude auch da, wo andere verzweifeln. Die Wirkungsbreite solcher zivilisatorischen Neuanfänge hängt in jeder neuen Situation aber ab von der Überzeugungskraft im Dialog. Der neue Weg fordert also auch Anstrengung. Mit Rückschritten und Verlusten kann der Christ leben, nicht aber mit einem Rückfall in die Kultur des Todes. Diese Zivilisation verteidigt das Leben und will es weitergeben. Ihre Gestalt und ihr Erfolg hängt auch am Mittun vieler.

Katholisches Bewusstsein. Kirchliche Erneuerung. Mut im Dialog. Ecclesiam suam: Die Weltjugendtagsbewegung als ganze ist auch ein permanentes Konzil der Jugend, um einen Begriff von Roger Schutz (Taizé) zu zitieren Es mahnt uns zu fröhlicher Geduld und besonnenem Eifer gleichermaßen. Die Bischöfe als Lehrer des Glaubens, sie lernen längst von dieser Jugend für das Leben. Diese junge Bewegung ist daher für die Kirche ein modern fortgeführtes aggiornamento und ein integres approfondissement zugleich. Nur so nämlich verläuft das development in der Kirchengeschichte, lehrte bereits John Henry Newman. Die wirkliche Geschichte Gottes mit den Menschen ist Entwicklung im Dialog, nicht Dialektik im Kampf. Der alte Mann und das Meer? Petrus hat inmitten der schwersten Krise der Menschheit ein junges Menschenmeer für Jesus gewonnen. Petrus kam über das Wasser, in Köln über den Rhein. Sydney erreicht er über den Ozean. Wieder wird die Jugend der Welt mit dem ersten, dem ältesten Zeugen der Auferstehung Jesu das Leben feiern. Nicht zuletzt deshalb hält der immerwährende Weltjugendtag auch das Gedächtnis an Papst Johannes Paul II. jung. Dafür wird „Papa Benedetto“ gern sorgen, forever young, in Sydney und dann auch wieder anderswo, zum Beispiel in Madrid.


[*Der Verfasser dieses nur geringfügig abgeänderten Beitrags vom 9. Juli 2008, Dr. Franz Norbert Otterbeck, lebt und arbeitet freiberuflich in Köln-Deutz. Letzte Korrektur: 30. Juli 2008 (bzw. 5. Aug. 2009).]

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