Ansprachen Papst Pius' XII., welche in den AAS veröffentlicht sind

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Ansprachen Papst Pius' XII., welche in den Acta Apostolicae Sedis veröffentlicht sind. Diese werden chronologisch dargeboten. Quelle ist vor allem die Soziale Summe Pius' XII.. Sie ist jeweils angegeben. Ansprachen zu Grundfragen der ärztlichen Ethik sind dort aufzusuchen. In diesem Artikel weggelassene Ansprachen bilden die Weihnachtsansprachen Pius' XII. oder sehr lange bzw. wichtige Ansprachen z. B. Vegliare con sollecitudine oder Der ideale Film, die gewöhnlich intern verlinkt sind..

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Cover des 1. Bandes der Acta Apostolicae Sedis

Inhaltsverzeichnis

22. Mai 1941

Ansprache
Viva gioia

an Mädchen der Katholischen Aktion Italiensn
Frauenmode und Sittlichkeit
(Offizieller italienischer Text: AAS XXXIII [1941] 184-191)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 704-714; Nrn. 1420-1435)

Einleitung

1420 Mit lebhafter Freude, liebe Töchter, segnen Wir in Euch erneut den « Kreuzzug der Reinheit», den Ihr so zeitgemäß unternommen und so tapfer fortführt unter dem mächtigen Schutz der allerreinsten und Unbefleckten Jungfrau Maria. Der würdige und glückliche Name « Kreuzzug », den Ihr gewählt und Eurem schönen und großen Kampfe beigelegt habt, erinnert an das Kreuz, diesen Leuchtturm des Heils für die Welt, und weckt Erinnerungen an die glorreiche Geschichte der Kreuzzüge der christlichen Völker, an heilige Feldzüge und Schlachten, die unter den heiligen Feldzeichen unternommen und geschlagen wurden zugleich für die Eroberung der heiligen Stätten wie für die Verteidigung katholischer Länder gegen die Einfälle und Bedrohungen durch die Ungläubigen. Auch Ihr wollt katholisches Land verteidigen, das Land der Reinheit, und jene Lilien erobern und schirmen, die ihren Duft als Wohlgeruch Christi verbreiten in den Familien, in freundschaftlichen Zusammenkünften, auf den Straßen, in den Versammlungen, im Theater, bei öffentlichen und privaten Belustigungen. Es ist ein Kreuzzug gegen die Feinde der christlichen Moral, gegen die Gefahren, welche die mächtigen Fluten der Unsittlichkeit gegen den ruhigen Lauf der guten Sitte im Volke heraufbeschwören, einer Unsittlichkeit, die alle Straßen der Welt überschwemmt und alle Lebensverhältnisse erfasst.

1. Die allgemeine Gefahr der Unsittlichkeit auf der Welt

1421 Die Tatsache, dass heute überall eine solche Gefahr besteht, wird nicht nur von der Kirche immer wieder betont, nein, auch unter Menschen, die dem christlichen Glauben ferne stehen, machen die klarsehendsten und um das Gemeinwohl besorgtesten Geister laut auf die erschreckenden Bedrohungen für die soziale Ordnung und die Zukunft der Völker aufmerksam, deren Lebenswurzeln das gegenwärtige Anwachsen der Verlockungen zur Unreinheit vergiftet. Dabei lockerte eine Nachsicht, die besser völlige Unbekümmertheit hieße, von Seiten eines immer größeren Teiles des öffentlichen Gewissens, das blind ist gegen die verwerflichsten sittlichen Unordnungen, die Zügel des Bösen immer mehr.

1422 Ist diese Unsittlichkeit heute größer als in vergangenen Zeiten? Es wäre vielleicht unklug, dies zu behaupten, und auf jeden Fall ist es eine müßige Frage. Schon zu seiner Zeit schrieb der Verfasser des « Predigers » die Mahnung: « Sage nicht: Wie kommt es doch, dass die früheren Zeiten besser waren als die jetzigen? Denn eine solche Frage ist töricht. Alle Dinge sind schwierig. Was ist das, was gewesen ist? Eben das, was wieder sein wird. Was ist das, was geschehen ist? Eben das, was wieder geschehen wird. Es gibt nichts Neues unter der Sonne! » (Pred.7, 11; 1,8-10).

2. Die besondere Unsittlichkeit der modernen Zeit

1423 Das Leben des Menschen auf Erden ist auch in christlichen Jahrhunderten immer ein Kriegsdienst. Wir müssen unsere Seelen und die Seelen unserer Brüder retten in unserer Zeit. Zweifellos ist heute die Gefahr größer geworden, denn die zu andern Zeiten auf enge Kreise begrenzten Künste, die Leidenschaften zu erregen, haben sich heute außerordentlich vermehrt: der Fortschritt der Presse, billige Ausgaben wie Luxusausgaben, die Photographie, die Bilderherstellung, die künstlerischen Wiedergaben in jeder Form und Farbe und Preislage, das Kino, das Variete und hundert andere listigheimliche Mittel und Wege verbreiten den Anreiz zum Bösen und sind jedermann zur Hand, Groß und Klein, Frauen und Mädchen. Oder ist etwa nicht vor aller Augen eine gewagte Mode, die sich für ein christlich erzogenes Mädchen nicht geziemt? Und lässt etwa nicht das Kino Vorstellungen darbieten, die früher sich in Gehege flüchteten, in die man sich nie unterstanden hätte, seinen Fuß zu setzen?

3. Maßnahmen gegen die Unsittlichkeit

1424 Angesichts solcher Gefahren hat die öffentliche Gewalt in nicht wenigen Ländern gesetzliche oder verwaltungsmäßige Maßnahmen ergriffen, die das Überfluten der Unsittlichkeit eindämmen sollen. Auf sittlichem Gebiete vermögen jedoch die bloß äußeren Vorkehrungen des Staates, seien sie auch noch so nachhaltig, lobenswert, nützlich und notwendig, für sich allein nichts, um jene aufrichtigen und heilsamen Erfolge zu erzielen, welche die Seelen gesund machen. Auf diese müssen Kräfte höherer Art einwirken.

Und es ist Aufgabe der Kirche, auf die Seelen einzuwirken, und in ihrem Dienste der Katholischen Aktion, Eurer Aktion, in enger Verbindung und unter der Leitung der kirchlichen Hierarchie! Sie nimmt den Kampf auf gegen die Gefahren der Unsittlichkeit, die sie bekämpft auf allen Gebieten, die für Euch in Frage kommen: auf dem Gebiet der Mode, der Kleidung und Toilette, auf dem Gebiet der Hygiene und des Sports, auf dem Gebiet der gesellschaftlichen Beziehungen und Unterhaltungen. Eure Waffen sind Euer Wort und Euer Beispiel, Eure Höflichkeit und Eure Haltung, Waffen, die auch anderen ein Benehmen bezeugen und möglich und lobenswert erscheinen lassen, das Euch und Eure Tätigkeit ehrt.

4. Grundsätze des Verhaltens

1425 Es ist nicht Unsere Absicht, das traurige und allzu bekannte Bild zu zeichnen, das sich Euren Augen darbietet: spärliche Bekleidung oder solche, die eher dazu angetan erscheint zu betonen, was sie verhüllen sollte; sportliche Betätigung in einem gewissen Dress, Schaustellungen und Kameradschaftlichkeiten, - alles unvereinbar selbst mit weitgehendstem Verstehen; Tänze, Theater, Hörspiele, Lektüre, Bebilderungen und Dekorationen, worin die Unterhaltungs- und Vergnügungssucht schwerste Gefahren anhäuft. Wir wollen lieber Euch jetzt die Grundsätze des christlichen Glaubens in Erinnerung rufen und vor Euer geistiges Auge stellen, die in diesen Dingen Euer Urteil erleuchten, Eure Schritte und Euer Benehmen führen, Euren geistigen Kampf beseelen und stützen sollen.

Die gefallene Menschennatur fordert sittlichen Kampf

1426 Es handelt sich wahrhaft um einen Kampf. Die Reinheit der Seelen, ihr Leben in der Gnade der Übernatur, wird niemals ohne Kampf bewahrt und bewahrt werden. Glücklich Ihr, die Ihr in Euren Familien, am Morgen Eures Lebens, schon in der Wiege ein noch viel höheres Leben empfinget, ein göttliches Leben in der heiligen Taufe! Als Kinder wart Ihr einer so großen Gabe und Seligkeit unbewusst und hattet damals nicht zu kämpfen für die Gewinnung eines so hohen Gutes wie reifer gewordene und weniger vom Glück begünstigte Seelen als Ihr kämpfen müssen. Doch auch Ihr werdet diesen Schatz nicht bewahren ohne Kampf. Die Erbsünde ist zwar wohl in Eurer Seele durch die reinigende und heiligende Gnade getilgt worden, die Euch mit Gott versöhnte als angenommene Kinder und Erben des Himmels, aber sie hat doch in Euch das traurige Erbe Adams hinterlassen: den Verlust des inneren Gleichgewichtes, den Widerstreit, den selbst der große Apostel Paulus empfand, der zwar seinem inneren Menschen nach sich am Gesetze Gottes freute und doch auch ein anderes Gesetz der Sünde in seinen Gliedern erfahren musste (Vgl. Röm. 2, 22 f): das Gesetz der Leidenschaften und ungeordneten Neigungen, die nie ganz gebändigt werden, mit denen sich als Verbündeter des Fleisches und der Welt ein Engel Satans verschwört, der die Seelen mit Versuchungen belästigt. Dies ist der Krieg zwischen Fleisch und Geist, von dem die Offenbarung Gottes so eindeutig spricht, dass (mit Ausnahme der allerseligsten Jungfrau) es ein törichter Gedanke wäre, es könne ein Menschenleben geben, das rein bliebe ohne Wachsamkeit und ohne Kampf. Täuscht Euch nicht mit der Einbildung, Eure Seele sei dem Anreiz gegenüber gefühllos und unbesieglich gegenüber den Verlockungen und Gefahren! Zwar gelingt es der Gewohnheit tatsächlich oft, den Geist zu stählen gegenüber diesen Einflüssen, zumal wenn er sich von ihnen fernhält und seine Kräfte von einer höheren beruflichen oder geistigen Tätigkeit völlig in Anspruch genommen werden. Sich jedoch einzureden, alle Seelen, die doch für das Gefühl so leicht empfänglich sind, könnten sich unempfindlich machen gegenüber dem Reiz, der ausgeht von Bildern und Farben verführerischer Anziehungskraft getaucht sind, um die Aufmerksamkeit anzulocken und zu fesseln, würde ja die Annahme und den Glauben bedeuten, das Zusammenspiel der Bosheit könnte je verschwinden oder sich auch nur vermindern, das besteht zwischen diesen aufreizenden Nachstellungen und den Neigungen der gefallenen und ungeordneten Menschennatur.

Sinn des gemeinsamen Kampfes

1427 Ihr werdet mit christlichem Mut diesen unvermeidlichen Kampf aufnehmen. Wenn auch der Sinn Eures gemeinsamen Strebens nicht sein kann, ihn jemals gänzlich auszuschalten, so werdet Ihr doch zu erreichen suchen, dass dieses notwendige geistige Ringen der Seelen nicht noch schwerer und gefährlicher gemacht werde durch äußere Umstände und durch die Atmosphäre, in der jene Herzen, die seinen Ansturm spüren, ihn aufnehmen und austragen müssen. Auf den Schlachtfeldern der Kirche, wo sich Tugend und Laster begegnen, werdet Ihr immer einigen Charakteren begegnen, die Gott zu unerschrockenen Helden geformt hat, die, getragen von der Gnade, weder wanken noch weichen vor irgendwelchem Ansturm und sich offenen Antlitzes rein und unverdorben zu bewahren wissen mitten im Schmutz, der sie umgibt, gleichsam als guter Sauerteig der Erneuerung für jene größere Zahl von Seelen, die, erlöst vom Blute Christi, sich um sie scharen. Das Ziel Eures Kampfes besteht darin, dass die christliche Reinheit, diese Voraussetzung der Rettung für die Seelen, weniger schwer werde für alle, die guten Willens sind, so dass die Versuchungen, die aus den äußeren Verhältnissen entstehen, die Grenzen jener Widerstandskraft nicht übersteigen, die mit der Gnade Gottes die mittelmäßige Energie vieler Seelen einzusetzen hat.

Kampf gegen die Tyrannei der Modeströmungen

1428 Um ein so heiliges Tugendziel zu erreichen, muss man auf jene Ideenkreise und Gedankenstimmungen einzuwirken trachten, denen gegenüber eine gemeinschaftliche Aktion viel vermag, wo aber eine individuelle und isolierte Aktion wenig oder nichts ausrichten würde. Einheit macht stark, und nur die Geschlossenheit einer möglichst zahlreichen Gruppe entschiedener und furchtloser christlicher Geister wird, wenn ihr Gewissen spricht und fordert, das Joch gewisser Gesellschaftskreise zu brechen vermögen und sich der heute stärker als je geltend machenden Tyrannei entwinden, die ausgeht von Modeströmungen jeder Art in Kleidung, Gewohnheiten und Lebensbeziehungen.

5. Sittliche Bewertung der Kleidermode

1429 Eine Modeströmung ist in sich nicht schlecht: unwillkürlich entspringt sie der menschlichen Geselligkeit, die den Menschen geneigt macht, sich an seinesgleichen und an die Gewohnheiten von Personen anzupassen, mit denen man zusammenlebt. Gott verlangt von Euch nicht, außerhalb Eurer Zeit zu leben und Euch durch die Unbekümmertheit um die Forderungen der Mode lächerlich zu machen durch eine Kleidung, die dem Geschmack und dem allgemeinen Brauche Eurer Zeitgenossinnen widerspricht und sich gar nichts daraus macht, was ihnen gefällt. Deshalb sagt auch der engelgleiche hl. Thomas, dass in den äußeren Dingen, die der Mensch gebraucht, keine Sünde ist, sondern dass die Sünde vom Menschen stammt, der sich ihrer maßlos bedient oder sie im Vergleich zu den Sitten jener, mit denen er zusammenlebt, in seltsamer Gegensätzlichkeit benützt oder sie nach Gewohnheit oder außer Gewohnheit anderer mit ungeordneter Neigung gebraucht, in übermäßigem Aufwand reich geschmückter Kleidung, in der man sich gefällt oder die man in ungesunder Sucht begehrt, wo doch Demut und Einfachheit genügen würden zur Bestreitung des nötigen Aufwands (S. Th. lI-lI q. 169 a. 1). Der gleiche heilige Lehrer spricht sogar von der Möglichkeit eines Tugendverdienstes im fraulichen Schmuck, wenn er in Art und Maß der Person entspräche und von rechter Absicht beseelt sei, und die Frauen sollen geziemenden Schmuck tragen wie es sich für ihren Stand und ihre Würde schickt, sie sollen maßvoll sein in dem, was sie nach den heimatlichen Gebräuchen tun: dann ist auch der Schmuck ein Akt jener Tugend der Bescheidenheit, welche die Art und Weise bestimmt im Gehen und Stehen, in der Kleidung und im ganzen äußeren Gehaben (Vgl. Expositio in Isaiam Prophetam, cap. 3 in fine).

Über der Mode stehen höhere Gesetze

1430 Auch im Befolgen der Mode steht die Tugend in der Mitte. Gott verlangt von Euch, sich stets daran zu erinnern, dass die Mode nicht die oberste Regel Eures Verhaltens ist und sein kann, dass über der Mode und ihren Forderungen höhere und gebieterische Gesetze stehen, übergeordnete, unveränderliche Grundsätze, die auf keinen Fall dem Belieben des Gefallens und der Willkür geopfert werden können und vor denen die flüchtige Allmacht der Göttin Mode sich zu beugen wissen muss. Diese Grundsätze wurden verkündet von Gott, von der Kirche, von heiligen Männern und Frauen, von der Vernunft, von der christlichen Sittenlehre. Sie stecken Grenzen ab, jenseits welcher weder Rosen noch Lilien wachsen oder blühen und keine Reinheit und Sittsamkeit, keine weibliche Anmut und keine Frauenehre Wohlgeruch verbreiten, sondern eine ungesunde Luft von Leichtsinn, zweideutigen Reden, frecher Oberflächlichkeit und Eitelkeit des Geistes wie der Toilette weht und herrscht. Es handelt sich um die Grundsätze, die der hl. Thomas von Aquin für den fraulichen Schmuck aufzeigt (S. Th. lI-I! q. 169 a.2) und an die er erinnert in seinen Darlegungen über die rechte Ordnung unserer Liebe und unserer Neigungen (S. Th. lI-lI q. 26 a. 4-5) : das Wohl unserer Seele hat dem Wohl unseres Leibes voranzugehen, und das Wohl der Seele unseres Nächsten müssen wir dem Wohlergehen unseres eigenen Leibes vorziehen. Seht Ihr also nicht, dass es eine Grenze gibt, die von keinem Einfall der Mode überschritten werden darf, weil sonst die Mode zum Verderben für die eigene Seele und für die der anderen wird?

Soziale Wirkung der Mode

1431 Vielleicht werden einige Mädchen einwenden, ein bestimmter Kleiderschnitt sei bequemer und sogar hygienischer. Aber wenn er eine schwere und nächste Gefahr für das Heil der Seele wird, kann er sicher nicht hygienisch sein für Eure Seele: Ihr habt dann die Pflicht, darauf zu verzichten. Der Gedanke an das Heil ihrer Seelen ließ Märtyrinnen zu Heidinnen werden wie die heiligen Agnes und Cäcilia, mitten in der Pein und Marter ihres jungfräulichen Leibes. Solltet Ihr, als ihre Schwestern im Glauben, in der Liebe zu Christus, in der Hochschätzung der Tugend, im Grunde Eurer Seele nicht den Mut und die Kraft aufbringen, ein wenig Bequemlichkeit zu opfern und auch sogar auf einen körperlichen Vorteil zu verzichten, um das Leben Eurer Seelen heil und rein zu bewahren? Ihr habt nicht das Recht, um eines einfachen eigenen Vergnügens willen die leibliche Gesundheit der andern zu gefährden, - wie sollte es da erlaubt sein, das Wohl, ja sogar das Leben ihrer Seelen aufs Spiel zu setzen? Wenn, wie einige vorgeben, eine gewagte Mode keinerlei schlimmen Eindruck auf sie macht, was wissen sie denn über den Eindruck, den andere dabei empfinden? Wer gibt ihnen Sicherheit dafür, dass andere nicht böse Verlockungen dabei verspüren? Ihr kennt nicht die ganze menschliche Gebrechlichkeit und das verdorbene Blut jener Wunden, welche die Schuld Adams in der menschlichen Natur zurückließ mit der Unwissenheit des Verstandes, mit der Bosheit des Willens, mit der Sucht nach dem Vergnügen und mit einer solchen Schwäche im mühsamen Streit mit den Leidenschaften der Sinne, dass der Mensch, wie Wachs so weich dem Bösen gegenüber, « das Bessere sieht und es billigt und doch dem Bösen folgt » (Vgl. Ovid, Metamorphosen VII 20-21), kraft jenes Gewichtes, das ihn wie Blei in die Tiefe zieht.

Besondere Verantwortung der Mütter

1432 Wie richtig ist doch die Bemerkung: wenn einige Christinnen eine Ahnung hätten von Versuchung und Fall, die sie bei anderen verschulden durch Kleidung und Vertraulichkeiten, denen sie in ihrem Leichtsinn so wenig Bedeutung beimessen, sie würden erschrecken vor ihrer Verantwortung! Wir zögern nicht, dem hinzuzufügen: christliche Mütter, wenn ihr wüsstet, welche Zukunft innerer Nöte und Gefahren, schlecht verstandener Zweifel und schlecht verhaltenen Errötens ihr euren Söhnen und Töchtern bereitet mit eurer Unklugheit, sie an ein Leben leichter Bekleidung zu gewöhnen, durch das der angeborene Sinn für Schicklichkeit verloren geht, dann würdet ihr selber erröten und erschrecken vor der Schmach, die ihr euch selber antut, und vor dem Schaden, den ihr euren Kindern zufügt, die euch der Himmel zu christlicher Erziehung anvertraut hat. Und was Wir den Müttern sagen, wiederholen Wir nicht wenigen gläubigen und auch frommen Frauen, die im Befolgen dieser oder jener gewagten Mode durch ihr Beispiel die letzten Hemmungen zu Fall bringen, die bisher noch viele ihrer Mitschwestern, die von jener Mode nichts wissen wollten, zurückhielten, einer Mode, die ihnen ein Anlass zu geistigem Verderbnis werden kann. Solange gewisse freche Toiletten das traurige Vorrecht von Frauen zweifelhaften Rufes bleiben und gleichsam ihre Erkennungsmarke, wagt man es nicht, sie zu tragen. Sobald sie jedoch von Personen übernommen werden, deren Ruf über jedem Zweifel steht, zögert man nicht mehr, diesem Strome zu folgen, einem Strom, der wahrscheinlich schlimmste Fälle nach sich ziehen wird.

Pflege des sittlichen Urteilsvermögens

1433 Jede christliche Frau muss den Mut aufbringen, so schweren sittlichen Verantwortungslosigkeiten die Stirne zu bieten. Ihr jedoch, geliebte Töchter, habt den Ruhm, um des lebendigen Gefühles willen, das Ihr aus Eurem Glauben und der Schönheit der Tugend geschöpft habt, Euch zusammengeschlossen zu haben als Vorkämpferinnen der Reinheit in Eurem heiligen Kreuzzug. Wäre jede auf sich selbst gestellt, so würde Euer Unterfangen wenig vermögen gegen das Vordringen des Bösen um Euch herum, doch eng zusammengeschlossen zu einer Schar seid Ihr eine starke Legion, die wohl imstande ist, den Rechten christlicher Schicklichkeit Achtung zu verschaffen. Das, was in Mode, Brauch und gesellschaftlicher Gepflogenheit, mit denen Ihr zu tun habt, durchaus annehmbar ist, was nur geduldet werden kann und was gänzlich abgelehnt werden muss, wird Euch Euer katholisches Mädchengefühl im Lichte des Heiligen Geistes Gottes und mit Hilfe seiner Gnade sehen und unterscheiden lassen. Dieses Gefühl, verfeinert und getragen von der Weisheit des Glaubens und der bewussten Praxis eines echten Frömmigkeitslebens, werdet Ihr erlangen durch das Gebet und mit Hilfe des Rates von denen, die unser Herr Euch als Führer und Lehrer zur Seite gestellt hat. Die klare, tief erfasste Kenntnis Eurer Pflicht wird Euch mutig und frei machen in der gegenseitigen Unterstützung, um sie ohne Zaudern zu erfüllen, mit einer Entschlossenheit, die Eurer jugendlichen Begeisterung würdig ist.

Kreuzzug des guten Beispiels

1434 Schön ist die Tugend der Reinheit, süß die Anmut, die in Werken und auch im Wort hervorleuchtet, das nie das Maß der Würde und der Höflichkeit vergisst, das auch eine Bemerkung und eine Mahnung mit Liebe würzt. Aber ebenso sehr leuchtet in seiner Anmut vor Gott und den Menschen das keusche Geschlecht jener, die in Tagen der Prüfung, der Leiden, der Opfer, strenger Pflichterfüllung, wie wir sie durchleben, sich nicht fürchten, mit all ihrer Kraft sich auf die Höhe jener schweren Bindungen zu erheben, welche die Vorsehung auferlegt. Heute ist der Kreuzzug für Euch, geliebte Töchter, nicht ein Kreuzzug des Schwertes, des Blutes und des Martyriums, sondern ein Kreuzzug des Beispiels, des Wortes und der Ermahnung. Gegen Eure Energie und Euren Vorsatz steht der Geist der Unlauterkeit und sittlichen Zügellosigkeit als Hauptfeind. Erhebt Eure Augen zum Himmel, von wo Christus und seine unbefleckte jungfräuliche Mutter Euch zuschauen. Seid stark und unbeugsam in der Erfüllung Eurer Christen pflichten. Zieht gegen die Verderbnis, welche die Jugend entnervt, ins Feld zur Verteidigung der Reinheit. Leistet damit Eurer lieben Heimat einen unbezahlbaren Dienst, durch Eure wirksame Mitarbeit, in den Seelen immer mehr Reinheit und Glanz zu verbreiten, die sie immer klüger, wachsamer, aufrechter, stärker und hochherziger machen können!

Schlussworte

1435 Die Königin der Engel, welche die Nachstellungen der Schlange überwand, ganz rein und ganz stark in ihrer Reinheit, stütze und leite Eure Anstrengungen in diesem Kreuzzug, den sie Euch eingegeben hat! Sie segne Euer Banner und kröne es mit den leuchtenden Zeichen Eurer Siege! Wir bitten sie darum, indes Wir im Namen ihres göttlichen Sohnes Euch und allen, die zu Euch gehören oder sich mit Euch vereinigen werden in Eurem mutigen Feldzug, von ganzem Herzen unseren Apostolischen Segen erteilen.

1. Oktober 1942

Ansprache
Il vedervi intorno

an die Mitglieder der Sacra Romana Rota
Von der moralischen Gewissheit im kirchlichen Eheprozess
(Offizieller italienischer Text: AAS 34 [1942] 338-341)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 483-490; Nrn. 980-994)

Einführung

980 Dass Wir Euch, geliebte Söhne, zur Eröffnung des neuen Gerichtsjahres um Uns versammelt sehen, betrachten Wir als einen Glückwunsch und einen Trost nicht allein dessentwegen, was die sorgfältige und weisheitsvolle Ansprache Eures höchst würdigen Dekans Uns über Eure Arbeit und die zahlreichen behandelten Fälle eröffnet hat, sondern mehr noch deshalb, weil dieser Bekundung kindlicher Ehrfurcht die andächtige liturgische Bitte um die Charismen des Heiligen Geistes vorangegangen ist, jenes Geistes, der vom Vater (Joh. 14, 26) und vom Sohn (Joh. 16, 7) gesandt wurde, das Antlitz der Erde zu erneuern (Ps. 103, 30). O wenn doch das Antlitz der Erde unter dem Einfluss dieses lebendig machenden Geistes, der im Urbeginn über den Wassern schwebte, auch heute sich erneuern würde! O wenn doch die Welt der Menschheit, die durch den unheilvollen Zusammenprall der Völker und Nationen in eine furchtbare Unruhe versetzt ist, sich in einem Frühling der Gerechtigkeit und des Friedens erneuern würde! Gewiss aber erneuert der Geist Gottes, der in Uns die Freude, zu Euch zu sprechen, erneuert, in Euch das Leben und die Kraft für die einsichtsvollen Bemühungen, die Euch zum Schutz des Rechtes und der Gerechtigkeit im christlichen Volk obliegen werden, während Unser Wort die Würde und die Gewalt bestätigt, gleichsam um auch sie zu erneuern, die Unsere Vorgänger dem Gerichtshof der Sacra Romana Rota übertragen und anvertraut wissen wollten.

981 Der Geist Christi, des Erlösers der Menschheit, der durch seine Frohbotschaft den Glauben und den Kult des wahren Gottes zur höchsten Vollkommenheit erhoben hat, erneuerte auch die Sittlichkeit des Menschen und der menschlichen Ehe, indem er die Ehe wieder herstellte in ihrer Einheit und Unauflöslichkeit, die nach dem Zeugnis der Tatsachen im größten Ausmaß den Gegenstand Eurer Gerichtsentscheidungen bilden. Die Kirche mit ihrer vom göttlichen Stifter empfangenen und im Römischen Papst allerhöchst personifizierten Amtsgewalt ist die Schützerin und Verteidigerin der zur Gültigkeit der Ehe notwendigen Bedingungen, der Hindernisse und der Wirkungen des Ehebandes, wobei Wir von der Zuständigkeit des Staates bezüglich der rein bürgerlichen Wirkungen absehen.

Die verschiedenen Gewissheitsgrade

982 1. In den Prozessen, die sich auf die psychische oder körperliche Unfähigkeit zur Ehe beziehen, wie in jenen, bei denen es um die Nichtigkeitserklärung der Ehe oder - es handelt sich um ein paar bestimmte Fälle - um die Auflösung des gültig geknüpften Ehebandes geht, ist die moralische Gewissheit erforderlich, wie Wir in der letztes Jahr vor Euch gehaltenen Ansprache bemerkt haben. Die Wichtigkeit des Gegenstandes lässt es Uns zweckdienlich erscheinen, diesen Begriff genauer zu untersuchen. Denn gemäß Can. 1869, § 1, wird die moralische Gewissheit über den Tatbestand des zu beurteilenden Falles verlangt, damit der Richter zur Fällung des Urteils fortschreiten kann. Nun aber lässt diese Gewissheit, die sich auf die bleibende Gültigkeit der Gesetze und der das menschliche Leben beherrschenden Gewohnheiten stützt, verschiedene Grade zu.

983 Es gibt eine absolute Gewissheit, bei der jeder mögliche Zweifel an der Wahrheit des Tatbestandes und am Nichtvorhandensein des Gegenteils ganz und gar ausgeschlossen ist. Diese absolute Gewissheit ist jedoch nicht notwendig, um das Urteil zu fällen. Oftmals ist es den Menschen nicht möglich, sie zu erreichen. Sie dennoch zu fordern, hieße vom Richter und von den Parteien etwas Unvernünftiges verlangen. Es hieße, die Rechtsprechung über ein erträgliches Maß hinaus erschweren. Ja, es würde ihr auf weite Strecken den Weg verlegen.

984 Im Gegensatz zu diesem höchsten Gewissheitsgrad bezeichnet der allgemeine Sprachgebrauch nicht selten eine Kenntnis als sicher, die streng genommen diese Bezeichnung nicht verdient, sondern größere oder kleinere Wahrscheinlichkeit genannt werden müsste. Denn sie schließt nicht jeden vernünftigen Zweifel aus und lässt eine begründete Furcht vor dem Irrtum bestehen. Diese Wahrscheinlichkeit oder Quasi-Gewissheit bietet keine genügende Grundlage für ein richterliches Urteil über die objektive Wahrheit des Tatbestandes.

985 In diesem Fall, das heißt wenn die mangelnde Gewissheit bezüglich des zu beurteilenden Tatbestandes daran hindert, ein positives Urteil über die Rechtssache an sich auszusprechen, geben das Gesetz und im besonderen die Prozessordnung dem Richter bindende Regeln über die Art vorzugehen an die Hand, in denen die « praesumptiones iuris » (Rechtsvermutung) und die « favores iuris» (Rechtsgunst) eine entscheidende Rolle spielen. Über diese Rechts- und Prozessvorschriften darf sich der Richter niemals hinwegsetzen. Doch müsste man es als eine übertriebene und verkehrte Anwendung dieser Regeln und als eine falsche Deutung der Absicht des Gesetzgebers betrachten, wenn der Richter zu ihnen greifen wollte in Fällen, in denen nicht nur eine Quasi-Gewissheit, sondern eine Gewissheit im eigentlichen und wahren Sinn vorhanden ist. Gegen die Wahrheit und gegen die sichere Kenntnis gibt es weder Rechtsvermutung noch Rechtsgunst.

986 Zwischen der absoluten Gewissheit und der Quasi-Gewissheit oder Wahrscheinlichkeit, diesen beiden äußersten Gegensätzen, steht jene moralische Gewssßheit, um die es sich für gewöhnlich bei den Eurem Gericht vorgelegten Fällen handelt und von der Wir hauptsächlich sprechen wollen. Positiv betrachtet ist sie dadurch gekennzeichnet, dass sie jeden begründeten oder vernünftigen Zweifel ausschließt und sich in dieser Beziehung wesentlich von der erwähnten Quasi-Gewissheit unterscheidet. Negativ betrachtet lässt sie die absolute Möglichkeit des Gegenteils bestehen und unterscheidet sich dadurch von der absoluten Gewissheit. Die Gewissheit, von der Wir jetzt sprechen, ist notwendig und genügend, um ein Urteil zu fällen, auch wenn es in dem besonderen Einzelfall möglich wäre, auf unmittelbare oder mittelbare Weise eine absolute Gewissheit zu erlangen. Nur so ist eine geregelte und geordnete Rechtsprechung möglich, die ohne unnütze Verzögerungen und ohne übermäßige Belastung sowohl des Gerichts als auch der Parteien arbeitet.

Woraus ergibt sich die moralische Gewissheit?

987 2. Mitunter ergibt sich die moralische Gewissheit nur aus einer Anzahl von Indizien und Beweisen, die, einzeln für sich genommen, nicht stark genug sind, um eine wahre Gewissheit zu begründen, die aber in ihrer Gesamtheit bei einem Menschen von gesundem Urteil keinen vernünftigen Zweifel mehr aufkommen lassen. Auf diesem Weg vollzieht sich durchaus nicht ein Übergang von der Wahrscheinlichkeit zur Gewissheit durch eine bloße Häufung von Wahrscheinlichkeiten - das würde einen unrechtmäßigen Übergang von einer Wesensart zu einer anderen bedeuten: εις αλλο γενος μεταβασις (Arist. De coelo I 1), sondern es handelt sich um die Erkenntnis, dass das gleichzeitige Vorhandensein all dieser einzelnen Indizien und Beweise einen genügenden Grund nur haben kann im Vorhandensein einer gemeinsamen Quelle oder Ursache, der sie entstammen: nämlich in der objektiven Wahrheit und Wirklichkeit. Folglich fließt die Gewissheit in diesem Fall aus der weisen Anwendung eines absolut sicheren und allgemeingültigen Prinzips, das heißt aus dem Prinzip vom hinreichenden Grund. Wenn also der Richter bei der Begründung seines Urteils erklärt, die angeführten Beweise könnten, einzeln für sich betrachtet, nicht als ausreichend bezeichnet werden, böten jedoch zusammengenommen, sozusagen mit einem einzigen Blick umfasst, alle notwendigen Bestandteile, um zu einem sicheren Schluss zu gelangen, so muss man zugeben, dass ein solches Beweisverfahren grundsätzlich gerecht und gesetzmäßig ist.

Die moralische Gewissheit fußt auf objektiven Indizien

988 3. Jedenfalls wird diese Gewissheit als objektive, das heißt auf objektiven Gründen beruhende Gewissheit verstanden, nicht als eine rein subjektive Gewissheit, die sich auf das Gefühl oder auf die nur subjektive Meinung von diesem oder jenem, vielleicht sogar auf persönliche Leichtgläubigkeit, Unbesonnenheit oder Unkenntnis stützt. Eine solche objektiv begründete moralische Gewissheit ist nicht vorhanden, wenn für die Tatsache des Gegenteils Gründe vorliegen, die ein gesundes, ernsthaftes und zuständiges Urteil wenigstens in gewissem Sinn für beachtenswert erklärt und die folglich bewirken, dass sich das Gegenteil nicht nur als absolut möglich, sondern darüber hinaus als irgendwie wahrscheinlich erweisen muss.

989 Um die Objektivität dieser Gewissheit sicherstellen zu können, hat das Prozessrecht sehr genaue Vorschriften für das Untersuchungs- und Beweisverfahren festgelegt. Danach sind bestimmte Beweise oder Beweisstützen erforderlich. Andere dagegen werden als ungenügend bezeichnet (Vgl. C. 1. C. N, 1, 10. De probationibus, can. 1747-1836, sowie verschiedene Sondervorschriften des Kriminal- und Eherechts). Es werden eigene Ämter und Personen bestellt, die während des Verfahrens beauftragt sind, bestimmte Rechte oder Tatsachen vor Augen zu führen, zu bestätigen und zu verteidigen (Vgl. Can. 1585-1590). Ist das aber nicht doch nur ein richtiggehender Rechtsformalismus, der diesmal mehr die materielle, ein andermal mehr die formelle Seite des Prozesses oder des Gerichtsfalles betrifft?

990 Die gewissenhafte Beobachtung solcher Regeln ist eine Pflicht des Richters. Trotzdem muss er bei ihrer Anwendung im Auge behalten, dass sie nicht Selbstzweck sind, sondern Mittel zum Zweck, nämlich zu dem Zweck, eine objektiv begründete moralische Gewissheit, dass etwas wirklich geschehen ist, herbeizuführen und sicherzustellen. Es darf nicht dazu kommen, dass das, was nach dem Willen des Gesetzgebers eine Hilfe und eine Bürgschaft für die Entdeckung der Wahrheit sein soll, im Gegenteil zu einem Hindernis wird. So oft die Beobachtung des formalen Rechtes sich in eine Ungerechtigkeit oder in einen Mangel an Billigkeit verwandelt hätte, wäre jederzeit die Berufung an den Gesetzgeber möglich.

« Gerichtsformalismus» und «freie Bewertung der Beweise »

991 4. Daraus erseht Ihr, dass im modernen Gerichtsverfahren - auch im kirchlichen - nicht der Grundsatz des richterlichen Formalismus, sondern die freie Bewertung der Beweise an die erste Stelle gesetzt ist. Der Richter muss, ohne wegen der erwähnten Prozessvorschriften voreingenommen zu sein, nach seinem eigenen Wissen und Gewissen darüber entscheiden, ob die vorgebrachten Beweise und die angeordnete Untersuchung genügend oder ungenügend sind (Vgl. Can. 1869, § 3), das heißt ob sie zur Erzeugung der notwendigen moralischen Gewissheit über die Wahrheit und Wirklichkeit des zu entscheidenden Falles ausreichen.

992 Ohne Zweifel können mitunter Spannungen zwischen dem « Gerichtsformalismus » und der «freien Bewertung der Beweise» eintreten. Doch handelt es sich meistens nur um scheinbare Fälle, die sich deshalb in der Regel auch nicht schwer lösen lassen. Weil es nur eine objektive Wahrheit gibt, kann die objektiv bestimmte moralische Gewissheit auch nur eine sein. Es ist also nicht zulässig, dass ein Richter erklärt, er habe persönlich auf Grund der Gerichtsakten die moralische Gewissheit über die Wahrheit des zu beurteilenden Tatbestandes gewonnen, und zu gleicher Zeit als Richter vom Standpunkt des Prozessrechtes ein und dieselbe objektive Gewissheit leugnet. Solche Widersprüche sollten ihn vielmehr zu einer weiteren und genaueren Untersuchung des Falles bewegen. Sie kommen nicht selten daher, dass manche Seiten der Frage, deren volle Bedeutung und Tragweite erst in der Gesamtschau hervortreten, nicht richtig bewertet worden sind oder dass die formalrechtlichen Regeln ungenau ausgelegt oder gegen die Auffassung und die Absicht des Gesetzgebers angewandt worden sind. Auf jeden Fall fordert das Vertrauen, das die Gerichte beim Volk genießen, dass solche Spannungen zwischen der amtlichen Auffassung der Richter und dem gesunden Empfinden des Publikums, zumal des gebildeten, wann immer es irgendwie möglich ist, vermieden oder gelöst werden.

Die Voraussetzungen für ein Urteil auf Grund moralischer Gewissheit

993 5. Weil aber die moralische Gewissheit, wie Wir gesagt haben, verschiedene Grade zulässt, erhebt sich die Frage: welchen Grad darf und muss der Richter verlangen, um in der Lage zu sein, zur Verkündigung des Urteils zu schreiten? Erstens muss er sich in allen Fällen vergewissern, ob in Wirklichkeit eine objektive moralische Gewissheit vorliegt, das heißt, ob jeder vernünftige Zweifel an der Wahrheit ausgeschlossen ist. Sobald einmal dies feststeht, darf er in der Regel nur dann einen höheren Gewissheitsgrad verlangen, wenn das Gesetz, hauptsächlich wegen der Wichtigkeit des Falles, ihn vorschreibt (Vgl. Can. 1869, § 1 und Can. 1791, § 2. ). Manchmal kann aber auch die Klugheit es ratsam erscheinen lassen, dass der Richter, selbst wenn keine ausdrückliche Gesetzesvorschrift besteht, in Fällen, die größere Bedeutung haben, sich nicht mit dem untersten Gewissheitsgrad zufrieden gibt. Wenn jedoch nach ernster Überlegung und Prüfung eine den gesetzlichen Vorschriften und der Wichtigkeit des Falles entsprechende Sicherheit vorhanden ist, soll man nicht darauf bestehen, dass unter beträchtlicher Belastung der Parteien neue Beweise herbeigebracht werden, um einen noch höheren Gewissheitsgrad zu erreichen. Es besteht kein gerechter Grund und muss abgelehnt werden, die größtmögliche Sicherheit zu fordern, obwohl die angemessene Gewissheit schon vorhanden ist.

Schlussgedanke: die Wahrheit ist das Gesetz der Gerechtigkeit

994 Wir haben Unsere Gedanken über einen so schwierigen Punkt des Richteramts dargelegt, um in Euch die weisen Mitglieder dieses erlauchten Kollegiums und Gerichtes der christlichen Rechtswissenschaft zu begrüßen, sie zu loben und ihnen zu danken; in Euch, die Ihr nicht nur das geflügelte Wort des Doctor Angelicus wohl kennt, sondern auch in die Tat umsetzt: «Unusquisque debet niti ad hoc, quod de rebus iudicet, secundum quod sunt» - «Ein jeder muss darauf Wert legen, dass er die Dinge beurteilt nach dem, was sie sind» (S. Th. II-II q. 60 a. 4 ad 2.). Denn die Wahrheit deckt sich mit dem Sein und der Wirklichkeit. Deshalb entnimmt unser Verstand, der das Wissen den Dingen entnimmt, ihnen auch das Gesetz und das Maß, nach denen die Dinge sind oder nicht sind, so dass die Wahrheit das Gesetz der Gerechtigkeit ist (Vgl. S. Th. I q.21 a.2). Die Welt braucht die Wahrheit, die Gerechtigkeit ist, und jene Gerechtigkeit, die Wahrheit ist. Denn die Gerechtigkeit ist, wie schon der große Philosoph von Stagira sagte « et in bello et in pace utilis »: και εν τολεμω και εν ειρηνη χρησιμος; - « sowohl im Krieg als auch im Frieden nützlich» (Arist. Rhetorik I 9). Die ewige Sonne der Gerechtigkeit spende Licht der Erde und ihren Beherrschern. In Euch aber gewahre sie jeden Schritt, den Ihr zur Ehre Gottes, der Kirche und des christlichen Volkes tut auf der Suche nach der Wirklichkeit jenes Wahren, das in der moralischen Gewissheit das Antlitz der Gerechtigkeit befriedigt.

Während Wir nun mit diesem heiligen Wunsch für Euch alle miteinander und für jeden einzelnen von Euch die lichtvollsten Gunsterweise der göttlichen Weisheit erflehen, spenden Wir Euch aus überfließendem väterlichem Herzen Unseren Apostolischen Segen.

2. Oktober 1942

Ansprache
Gradtissimo torna llánimo nostro

an die italienische Gesellschaft für den Fortschritt der Wissenschaften
Wissenschaftliche Forschung im Dienst der Gesellschaft
(Offizieller italienischer Text: AAS XXXIV [1942] 343-345)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 909-912-; Nrn. 1807-1813)

Der Wissenschaftler auf den « Spuren Gottes »

1807 Höchst willkommen ist es Unserem Geist, erlauchte Männer der Wissenschaft, dass Wir Sie hier um Uns wieder vereint sehen, sozusagen zur Krönung Ihres weisen « Kongresses zum Fortschritt der Wissenschaften », die mit neuen Ausgangspunkten, auf neuen Wegen und Gebieten neuen Zielen entgegengehen. Ihre Gegenwart und Ihre Versammlung hervorragender Erforscher des Weltalls erheben Unseren Geist über den Fortschritt der Wissenschaften hinaus zum allwissenden Gott, dem « Deus scientiarum Dominus» - « Gott, dem Herrn der Wissenschaften» (1 Kön. 2, 3), der bei der Erschaffung der Welt mit seinem Allmachtswort beim Entstehen der Dinge auf den Fortschritt hindeutete in jenen großen Tagen, deren Beginn und Ende Sie im Inneren und auf der Oberfläche der Erde zu entdecken suchen. Der Mensch, als Letzter erschienen auf dieser Erde, die dem Menschengeschlecht gegeben wurde, damit es auf ihr sein Brot ernten könne, ist der Vergangenheit gegenüber fremd und geht nur widerwillig den Weg zurück in die Vergangenheit, indem er in Gottes Werk dessen Spuren sucht und untersucht, die in den Zielstrebigkeiten der vernunftlosen Dinge und in den Entwicklungsabschnitten des Erdballs hinterlassen sind als Gesetz seiner göttlichen Weisheit, von der sich jede menschliche Wissenschaft, jede Forschung und Eroberung, jede Aneignung und Ausnutzung der physischen Welt herleitet. Als Eroberer des adlerbeherrschten Luftreichs, als Bezwinger der Ozeanfluten, als Erforscher des erkalteten Erdenschoßes wird der Mann der Wissenschaft zum Stolz und Ruhm des Menschengeschlechtes, das « sich glücklich preist, ihn in seiner Mitte zu sehen », und in ihm einen Förderer seiner Größe und Kultur bewundert.

Die Wissenschaft im Dienst der staatlichen Gemeinschaft

1808 Das Sprichwort « Inter arma silent Musae », eine Abwandlung des wohlbekannten Satzes Ciceros : « Im Kriege schweigen die Musen » (Pro Milone 4, 10), hat heutzutage mehr denn je nur einen eingeschränkten Sinn. Denn die moderne Kriegführung stützt sich in hohem Maß auf die Wissenschaft und stellt sie in ihren Dienst. Ohne Zweifel ist das von den gewaltigen Wundern der Technik geförderte Voranschreiten der Wissenschaften zu neuen Zielen in sich selbst ein Fortschritt des Lichts auf den verborgenen Wegen Gottes, um daraus Nutzen, Frucht und Hilfe zu ziehen für das bürgerliche Leben, für die Macht des Vaterlandes und für die Rettung und Verteidigung in den öffentlichen Gefahren. Deshalb freuen Wir Uns, in Ihnen die hohe Wissenschaft zu begrüßen, in Ihnen, die Sie auf Ihrem Kongress auch Forschungen und Erkenntnisse behandelt haben, die über die Zeit, die vergeht, und über den Augenblick, der enteilt, hinausgreifen; Forschungen und Erkenntnisse, die jenen geistigen Anstoß geben, der Sie neuen, jenseits des Sichtbaren liegenden Horizonten entgegen treibt.

1809 Die emsige Verwirklichung des Wahlspruchs « Vitam impendere vero» - « das Leben für das Wahre einsetzen » (Juvenal, Sat. IV 91), die unermüdliche Hingabe im Dienst der Wissenschaft, der unverdrossene Kampf zur Eroberung immer vollkommenerer Erkenntnisse und ihre planmäßige Auswertung für die stündlich wachsenden Erfordernisse und Notwendigkeiten des Lebens, und zwar nicht nur des materiellen und wirtschaftlichen, sondern genau so des sittlichen und religiösen, stellen eine Sendung dar, der sich die führenden Kreise auf dem Feld der Wissenschaft nicht entziehen können, ohne ihrem Land und Volk nie wieder gut zu machenden Schaden zuzufügen.

Das Bewusstsein der Verantwortung für diese ebenso ehrenhafte wie schwere Aufgabe sowohl im Kreise derer, die mit Ihnen wissenschaftlich tätig sind, als auch im Volk wach zu halten, war eines der höchsten Ziele Ihres Kongresses.

1810 Indem die italienischen Denker und Forscher, die Erfinder und Konstrukteure, die Schriftsteller und Philosophen, die Juristen und Historiker mit kühnem Scharfsinn und Mut vorangingen und mit anderen Nationen auf dem mannigfaltigen Kampffeld der wissenschaftlichen Forschung wetteiferten, haben sie ihren Namen mit goldenen Buchstaben in die Geschichte der Menschheit eingeschrieben.

Der Einsatz der Wissenschaft für den Frieden

1811 Wir hegen die volle Zuversicht, dass es den gegenwärtig lebenden Pflegern der Wissenschaft, die heute hier bei Uns so würdig vertreten sind, in einer nicht fernen Zukunft vergönnt sein wird, die ganze Kraft ihres Verstandes, die ganze Begeisterung ihres Herzens dafür einsetzen zu können, dass nach dem schrecklichsten aller Kriege in fruchtbarer Zusammenarbeit mit den Gutgesinnten aller Länder eine neue Ordnung der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt zustande komme; eine Ordnung, aus der alles Überspannte, Ruchlose und Ungerechte verbannt ist; eine Ordnung, die auch das italienische Volk aus der Tiefe seines Glaubens, seines Denkens und Fühlens begrüßen kann als das, was seinen ruhmreichsten religiösen und staatsbürgerlichen Überlieferungen entspricht.

1812 Der Tag, an dem die Wissenschaft mit all den Neuerungen, Erfindungen und Erfahrungen, die ihr die Jahre des gräßlichen Ringens außerordentlich zahlreich gebracht haben, in der Lage sein wird, ihre Kriegsleistungsfähigkeit in Friedensleistungsfähigkeit zu verwandeln und am riesenhaften Wiederaufbauwerk zum Segen der großen Menschheitsfamilie mitzuarbeiten, - dieser Tag wird für alle wahren Jünger der Wissenschaft ein Tag reiner und unaussprechlicher Freude sein.

Kirche und Wissenschaft

1813 Die Kirche, die Freundin der Wahrheit, ist nicht und kann nicht sein Feindin oder Gegnerin des wahren Fortschritts der Wissenschaften, der nie dem Glauben an Christus zuwiderlaufen oder ihn angreifen kann. Die Kirche bedient sich ja sogar der Erforschung des Sternenhimmels, der mathematischen Berechnungen, der physikalischen und industriellen Erfindungen, der Errungenschaften der Genies, alles dessen, was das menschliche Wort vervielfältigt, die Zeit und den Raum überwindet, der Spekulationen der Philosophie und des Rechtes. Als Stellvertreter Christi, « in dem alle Schätze der Weisheit und Wissenschaft verborgen sind » (Kol. 2, 3), wünschen Wir nun jedem von Ihnen, an erster Stelle Ihrem höchst würdigen Präsidenten, einer Leuchte der Rechtsgelehrtheit, jene Fülle von Gnaden, die beim Voranschreiten auf den Pfaden des Erkennens Sie erleuchte, führe und begleite. Auf Sie, auf alle, die Ihnen lieb und teuer sind, auf Ihre Studien, auf Ihre Bemühungen zum Fortschritt der Wissenschaften rufen Wir den Segen Gottes in überfließendstem Maße herab.

24. April 1943

Ansprache
La letizia, Che brilla nei vostri occhi

an die « Weibliche Jugend der Katholischen Aktion Italiens»
Soziale Aufgaben der weiblichen Jugend
(Offizieller italienischer Text: AAS XXXV [1943] 134-143)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 735-747; Nrn. 1471-1491)

Einleitung

1471 Wie die Freude, die aus Euren Augen strahlt und in Euren Stimmen widerhallt, liebe Töchter, eine jugendfrische Kundgebung Eurer Herzen darstellt, so erscheint sie Uns zugleich wie eine Ausstrahlung dieses Tages, den der Herr gemacht, ein Echo des Alleluja, das die Kirche heute singt: « Haec est dies, quam fecit Dominus, exultemus et laetemur in ea » - « Das ist der Tag, den der Herr gemacht, lasst uns frohlocken und uns an ihm freuen» (Ps. 117, 24). Ihr frohlockt und jubelt, und Ihr habt dieser Freude nach der Art großer und hochherziger Seelen Ausdruck verleihen wollen: sie wäre Euch nicht als gänzlich vollendet erschienen, wenn Ihr nicht gekommen wäret, Uns auch noch Eure Gaben darzubringen aus ganz aufrichtigem und freudeerfülltem Herzen, so dass jede von Euch das Wort wiederholen kann: « In simplicitate cordis mei laetus obtuli universa » - « In der Einfalt meines Herzens habe ich froh alles dargebracht» (Vgl. 1 Chron. 29,17). Wir sind Euch lebhaft dankbar dafür. Wir wissen wohl, dass diese Gaben, die Frucht Eurer Verzichtleistungen, Eurer ausdauernden Anstrengungen, Eures heiligen Fleißes, noch viel mehr ein Sinnbild sind für das Geschenk Eurer selbst an Gott in der Ergebenheit gegenüber dem Statthalter Christi und in der Hingabe an den Dienst der Kirche.

Diese jubelnde Versammlung bei Uns ist auch Euer eigenes Alleluja, das Ihr gesungen im beschwingten Hymnus Eures fünfundzwanzigjährigen Jubiläums, mit dem Ihr voll herzlicher Freude die Feier des fünfundzwanzigjährigen Jubiläums Eurer Zentralpräsidentin verbindet, deren unermüdlicher und vielseitiger Tätigkeit, von Gott und den Päpsten gesegnet, hauptsächlich die blühende Entwicklung und das Wachstum Eurer Vereinigung zu verdanken ist. Ihr und allen denen, die mit ihr an diesem guten Werk gearbeitet - einige seit dem Beginn -, gilt heute der Dank und das Lob des gemeinsamen Vaters. Unter ihrer Führung seid Ihr heute zu Uns gekommen und wünscht von Uns am Ende der ersten fünfundzwanzig Jahre Eurer großen Familie und zu Beginn der nächsten fünfundzwanzig Unsere väterliche Ermunterung und Unseren Segen.

1472 Das Datum der Jubiläen wird vom unerbittlichen Lauf der Jahre bestimmt, der Jahre und Zeiten, die sich nach der Folge der Ereignisse und der inneren Verhältnisse der Völker und Nationen unterscheiden. So hätte der freudige Anlass des Jubiläums Eurer Vereinigung, die aus dem Volke erwächst und sich in ihm ausbreitet, die an seinem Leben teilnimmt, seine Freuden und Leiden, Unruhe und Ruhe, Vergangenheit und Zukunft teilt, in eine ruhige und friedliche Zeit fallen können, ohne ein Aufruf und ein Ansporn zu außerordentlichem Einsatz sein zu müssen. Statt dessen ist es in eine Stunde großer Entschlüsse und umfassender Aufgaben gefallen, von Entschlüssen und Aufgaben, die auch Euch angehen, liebe Töchter, die Ihr die Schwere eben dieser Stunde und die ungeheure Dringlichkeit der Mitarbeit aller kennt und fühlt. In solchen Lagen drängt Uns sowohl Euer kindlicher Wunsch wie auch Unser eigenes persönliches Bedürfnis, zu Euch ein Wort zu sprechen, das Euch führen und stärken, ermahnen und stützen möge.

Unsere Gedanken stoßen naturgemäß zuerst auf den Krieg und die Nachkriegszeit, zwei Zeitabschnitte, die in höchstem Maße Eure bereitwillige Sorge und Hochherzigkeit, Eure Fähigkeiten, Eure Arbeit, Eure Liebe und Eure Selbstverleugnung fordern. Hat nicht schon Euer Programm für das Vereinsjahr 1943-1944 in reichem Maße das Feld Eurer Arbeit und jenes Beitrages zum Gemeinwohl bezeichnet, den die Wechselfälle des Krieges und der darauffolgenden Zeit von Euch erheischen werden? Ohne Zweifel will Unser Herz sich der Hoffnung nicht verschließen und erfleht vom Himmel die baldige Rückkehr des gerechten Friedens in der Welt und das Ende des blutigen und zerstörenden Konfliktes. Anderseits drängt sich Uns bezüglich dieses Arbeitsbereiches eine Überlegung besonders lebhaft auf.

1. Wert und Notwendigkeit der christlichen Jungfräulichkeit

1473 Im Laufe der Geschichte geschah es selten, dass die Kirche mit gleicher Sorge wie heute unter ihren Söhnen und Töchtern die Phalanx derer suchen musste, die freiwillig aus Liebe zu Christus auf die irdische Hochzeit verzichten und alle ihre Kräfte dem Dienste der Seelen, der christlichen Jugenderziehung, der Liebes- und Missionstätigkeit weihen. Es ist dies das hohe Ideal der Kirche, erkoren bei ihrer Gründung von Christus, dem Sohn Gottes, und von einer jungfräulichen Mutter, das Ideal, das inmitten des christlichen Volkes gegenüber dem Traum eines heidnischen Roms um den Tempel der Vesta die glühende Sehnsucht nach dem Martyrium und nach jungfräulicher Heiligkeit weckte, als in den Amphitheatern und Arenen die christlichen Jungfrauen, unerschrocken gegen die Marter, errötend vor den Blicken, die blühende Anmut ihrer Person vor sich selbst verbargen und mit ihrem Blut verhüllten. Ihr wisst sehr gut um die Opfer, die die Familien ihren in Seminarien, Klöstern und religiösen Genossenschaften weilenden Söhnen und Töchtern bringen, wo das Herz sich weitet, um die christliche und heidnische Welt zu umfassen und um ihr dort Vater und Mutter in Jungfräulichkeit des Leibes und der Seele zu sein, einzig auf das Heil und Wohl der durch Christi Blut erlösten Seelen bedacht.

1474 Von hier aus könnt Ihr begreifen und erwägen, wie heute unter so vielen geistigen Gefahren und Ruinen der kirchliche Zölibat und die religiöse Jungfräulichkeit besonderer Wertschätzung sich erfreuen und von dringlicher Notwendigkeit für Wirken und Ziel der Kirche sind. Sie sind es einerseits wegen ihrer mystischen Bedeutung als freiwilliger Verzicht in der Vereinigung mit dem Opfer des Erlösers, in einer Zeit, da alle sich unsagbar schweren Entbehrungen unterziehen müssen, anderseits um des apostolischen Wirkens und des sozialen Beitrages willen zur Bereitstellung geeigneter und ausdauernder Kräfte für das "große Werk" (2 Esdr. 6, 3) der Verbreitung des Glaubens in der Welt und für den Triumph der christlichen Zivilisation, eine Aufgabe, die der Herr durch die Zeichen der Zeit seiner Kirche anvertraut. « Qui potest capere, capiat » « Wer es fassen kann, der fasse es » (Matth. 19, 12), möchten Wir den katholischen Jungmännern und Jungfrauen zurufen und die Worte Christi im Sinne der Einladung und Ermutigung aussprechen.

II. Umgestaltung des Frauenlebens

1475 Von der Betrachtung der Schwere der Stunde, in der sich Euer Jubiläum erfüllt, müssen Wir die Gedanken über den Krieg hinaus einer Tatsache der gesellschaftlichen Entwicklung zuwenden, einer zwar von den Kriegsumständen begünstigten und beschleunigten Entwicklung, die aber schon vor einiger Zeit begonnen hat und in jeder Weise die aufmerksame Wachsamkeit und das Eingreifen der Kirche mit ihren geistigen Kräften erheischt: einer Entwicklung von großer religiöser und sittlicher Bedeutung, nämlich der Veränderung oder Umgestaltung des Lebens der Frau im Volke.

1. Das Leben der Frau in den vergangenen Zeiten

1476 Lebensart und Bildungsgang der Frau waren gemäß ältester Überlieferung von ihrem natürlichen Instinkt geordnet, der ihr als ihr eigenes Reich und Arbeitsfeld die Familie zuwies, wenn sie nicht aus Liebe zu Christus der Jungfräulichkeit den Vorzug gab. Fern dem öffentlichen Leben und außerhalb der öffentlichen Berufe, war das Mädchen wie eine wachsende Blume bewacht und bewahrt, bestimmt für ihren Beruf als Gattin und Mutter. An der Seite der Mutter lernte es die fraulichen Arbeiten, die Besorgung der häuslichen Geschäfte, nahm teil an der Erziehung der jüngeren Geschwister und entwickelte so seine Kraft und seinen Geist und schulte sich in der Kunst und Führung des Haushaltes. Manzoni stellt uns in der Gestalt der Luzia den erhabensten und lebendigsten literarischen Ausdruck dieser Auffassung dar. Die einfachen und natürlichen Formen, in denen das Leben des Volkes sich abspielte, die innige und tatkräftige religiöse Erziehung, die bis weit ins 19. Jahrhundert hinein alles beseelte, der Brauch, früh zu heiraten, wie es unter jenen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen noch möglich war, die vorherrschende Stellung der Familie im Volksleben, all das und noch andere Umstände, die sich inzwischen grundlegend geändert haben, begründeten und unterstützten jene Lebensart und Kultur der Frau.

2. Die Stellung der Frau im modernen Leben

1477 Heute dagegen ist diese alte Frauengestalt in rascher Umbildung begriffen. Ihr seht die Frau und vor allem das Mädchen die stille Zurückgezogenheit verlassen und in fast alle Berufe eintreten, die bis dahin Lebens- und Wirkungskreis einzig des Mannes waren. Schon seit längerer Zeit hatte sich diese Entwicklung gezeigt, zuerst in schüchternem Beginnen, dann in immer kühnerem Fortschreiten, hauptsächlich verursacht durch die Entfaltung der Industrie im Zeichen des modernen Fortschritts. Aber seit einigen Jahren scheint die Frauenschar wie eine Flut, die nach Durchbruch der Dämme jeden Widerstand überwindet, in den ganzen Bereich des Volkslebens eingedrungen zu sein. Wenn diese Flut sich auch noch nicht in gleicher Weise überallhin ergossen hat, so kann man doch unschwer ihr Strömen auch im entferntesten Bergdörflein verspüren, während im Labyrinth der Großstädte wie in den Werkstätten und der Industrie alte Sitte und Lebensart bedingungslos der modernen Bewegung den Weg räumen muss.

3. Erwägungen zur neuen sozialen Lage der Frau

1478 Was musste die Kirche der neuen sozialen Stellung der Frau gegenüber tun? Konnte sie die Tatsache leugnen oder übersehen und sich nicht darum kümmern? Bei anderer Gelegenheit haben Wir ihre sittliche Seite erwogen und auf die Folgen hingewiesen, die sich für das Tugendleben der Einzelperson daraus ergeben. Wir sagten, dass eine solche neue Lebensart kein Übel an sich sei, aber für gewöhnlich nicht ohne Gefahren bleibe. Diese Gefahren können Wir nicht übersehen noch als gering erscheinen lassen, auch wenn Wir, wie Wir es heute tun, die moderne Lage der Frau in dem Betracht untersuchen wollen, der das Gemeinwohl und die sittliche Entwicklung im eigenen Lande und bei anderen Völkern betrifft.

Die heutige Struktur der Gesellschaft, die auf der fast völligen Gleichheit von Mann und Frau aufbaut, stützt sich auf eine trügerische Voraussetzung. Wahr ist, dass Mann und Frau hinsichtlich der Persönlichkeit gleich sind in Ehre und Würde, Wert und Achtung. Aber nicht in allem sind sie gleich. Bestimmte natürliche Gaben, Neigungen und Veranlagungen sind nur dem Mann oder nur der Frau eigen oder finden sich in verschiedenem Grad und Wert, die einen mehr beim Mann, die anderen mehr bei der Frau, wie die Natur ja auch beiden verschiedene Arbeits- und Aufgabenbereiche zugewiesen hat. Es geht hier nicht um Fähigkeiten oder Naturanlagen zweiten Ranges, wie etwa Neigung oder Eignung für Literatur, Kunst oder Wissenschaft, sondern um Gaben von wesentlicher Wirksamkeit im Leben von Familie und Volk. Und wer wüsste nicht, dass die Natur, auch wenn sie mit Gewalt verjagt wird, doch immer wieder zurückkehrt, « tamen usque recurret»? Es bleibt also zu sehen und abzuwarten, ob sie nicht zu gegebener Zeit eine Korrektur an der heutigen gesellschaftlichen Struktur anbringen wird.

1479 Man könnte vielleicht sagen, dass ein solcher Mangel zwar eine Gefahr bedeute, aber nur auf weite Sicht, eine Gefahr, die die Gesellschaft nicht bedroht und sich auch nicht unmittelbar auswirke, besonders nicht in Einzelfällen, eine Gefahr, auf die man, vor allem mit Rücksicht auf die schwierige heutige Zeitlage, einen flüchtigen Blick wirft und darüber hinweggeht. Was aber nachdenklich stimmt, ist die Betrachtung der Umstände, unter denen Umsturz und Umformung von Eigenart und Leben der Frau sich abspielen. Einerseits befindet sich die Menschheit bei den meist zivilisierten Völkern seit einigen Jahrzehnten auf einer in der Geschichte vielleicht beispiellos hohen Stufe materieller Kultur und Leistung. Wenn ·auch wirklich andere Zeiten herrliche Tage glänzender materieller Größe sahen, wie es in der ersten christlichen Zeit beim Römischen Reich der Fall war, als dieses den Höhepunkt seiner Größe erreicht hatte, so sieht doch jeder, dass sich jene Jahrhunderte mit unserer Zeit gar nicht vergleichen lassen. Durch die Entdeckungen der letzten zweihundert Jahre, durch den Fortschritt auf wissenschaftlichem, politischem und wirtschaftlichem Gebiet hat sich in normalen Zeiten - Wir wollen jetzt natürlich nicht von dem heutigen Ausnahmezustand des Krieges sprechen - eine durchschnittliche Lebenshaltung und ein Zustand allgemeiner Wohlfahrt entwickelt, den man sich in früheren Zeiten nicht hätte ausdenken oder erträumen können. Anderseits hat sich gleichzeitig, zwar nicht aus innerer Notwendigkeit, aber jedenfalls als geschichtliche Begleiterscheinung eine Schwächung des religiösen Sinnes, der Glaubenskraft, der Aufnahmebereitschaft für das Übernatürliche und der Sorge für die Seele bemerkbar gemacht. Diese zwei Bestrebungen haben sich gegenseitig bei ihrer Begegnung gestärkt. Gewiss nicht bei allen, denn wahrlich eine große Schar von hochherzigen Seelen erhebt sich dagegen und beantwortet die materielle Überkultur mit einer noch tieferen religiösen Überzeugung. Aber viele scheinen vom berückenden Glanz des Wissens und des materialistischen Wohlergehens so geblendet zu sein, dass ihre innere geistige Schau für alles Übersinnliche und Übernatürliche immer schwächer wird und zunehmend schwindet. Die geistige Leere und den geistigen Abgrund, der sich in ihnen öffnet, suchen sie mit den alltäglichen Vorführungen und Schaustellungen irdischer Kultur und einer erträumten Philosophie auszufüllen, mit allem, was die Welt, selbst in der heute so schweren Zeit, noch immer an Zerstreuungen, an Luxus, an Vergnügungen und Freuden bietet.

4. Eine dreifache Gefahr

1480 Von hier aus begreift Ihr die dreifache Gefahr, die unsere Zeit kennzeichnet:

a) Vor allem eine Gefahr für die Frau. Wir wollen sie gleich in ihrer extremsten Form aufzeigen. Ihr kennt das Los der Mädchen, die, besonders in den Großstädten, kaum der Schule entwachsen, die Familie verlassen, um sich eine Stelle zu suchen. Die Vorspiegelung ist verlockend: Unabhängigkeit von jeder Autorität, die Möglichkeit, mit Luxus zu prunken, Freiheit ohne Schranken, die Leichtigkeit, Freundschaften zu schließen, Kinos zu besuchen, sich dem Sport zu widmen, samstags in froher Gesellschaft auszufahren und erst montags heimzukehren und so immer den Augen der Familienangehörigen zu entschlüpfen. Der hohe Lohn, dessen sie sich oft erfreuen, ist häufig der Preis für den Verlust ihrer Unschuld und Reinheit. Womit enden dann die Kräfte der Natur, die in ihnen zum späteren Aufbau einer Familie aufgespeichert lagen? In Vergnügungen und Schuld werden sie verschleudert. Natürlich gibt es neben dieser Schar schlecht beratener und unglücklicher Mädchen eine Reihe anderer, die weniger von diesem großen Übel erfasst werden, bis hin zu jenen, die mitten in allen Gefahren sich rein und stark zu behaupten wissen. Es wäre aber eine Täuschung, wollte man glauben, jene extreme Schar fände sich nur in fernen Gegenden und Städten der Welt. Unglücklicherweise kann man sie auch inmitten unseres guten Volkes finden und den Weg ins Verderben gehen sehen.

1481 b) Hieraus entsteht dann eine andere Gefahr: die Gefahr für die Ehe. Junge Mädchen, wie die zuerst geschilderten, werden für gewöhnlich nicht zur Ehe gewählt, geschweige denn für eine Ehe nach dem Gesetze Christi. Oft lehnen sie sie auch selber als eine Fessel ab. Wie viele andere sind vom gleichen Übel angesteckt, wenn auch in geringerem Grade! Wie könnte anderseits auch ein Mann, der in der Kraft seiner Jugend ein zügelloses Leben geführt hat, dann später in ehelicher Treue eine heilige und « keusche Ehe» - « Casto connubii » (Enzyklika Pius' XI. vom 31. Dezember 1930) führen? Ihr kennt das Ideal der christlichen Ehe, das Wir selber die Neuvermählten, die zu Uns kommen, zu lehren suchen. Wie könnte dieses Ideal ausstrahlen und Glück bringen, wenn seine Voraussetzung, die christliche Prägung des Lebens und der Kultur, immer mehr zu schwinden droht?

1482 c) Die dritte Gefahr endlich trifft das Volk, das zu aller Zeit seine Kraft, sein Wachstum, seine Ehre aus der gesunden und tugendhaften Familie geschöpft hat. Wenn diese in ihren religiösen und sittlichen Grundlagen zerstört ist, ist der Weg den schlimmsten Schäden für die Gesellschaft und auch für das Vaterland freigemacht.

III. Erhaltung und Verteidigung der christlichen Familie

Dringlichkeit dieses Zieles

1483 Ihr erwartet nun, geliebte Töchter, ein Wort des Statthalters Christi für die folgenden fünfundzwanzig Jahre der « Weiblichen Jugend der Katholischen Aktion Italiens ». Nach allem, was Wir gesagt haben, kann dieses Wort nur ein Aufruf sein zur Bewahrung, Behütung und Verteidigung der christlichen Familie. Eure Tätigkeit kann sehr wohl eine ganze Menge verschiedener anderer Ziele umfassen und sich bemühen, sie zu erreichen. Aber die erste Sorge muss jetzt der Familie zugewandt werden, wie Ihr selber es in Eurem Programm anzeigt. Es ist dies eine dringliche und zugleich hoffnungsvolle Aufgabe. Das italienische Volk besitzt mächtige religiöse Kräfte und im hohen Grade religiöses Wollen und katholisches Empfinden. Von diesem Gedanken gestützt und geführt, muss es Euer Stolz, muss es für Euch lebhafter Ansporn sein, in Eurem Vaterland mitzuarbeiten an der Erhaltung und Kräftigung einer gesunden, lebensstarken Familie.

Christliche Erziehung der Jugend

1484 Aber wie und wo anfangen? Der Anfang ist schon angezeigt in Euren Plänen für die nächsten fünfundzwanzig Jahre. Der Anfang muss gemacht werden mit der christlichen Erziehung der Kinder, der Frucht und Wurzel der Familie. Können Wir noch zögern in ungewissem Zuwarten, ob die gesunden Kräfte der Natur und die soziale Entwicklung ein ideales Gleichgewicht finden zwischen der alten Form fraulichen Lebens und ihrem heutigen extremen Gegensatz? Man muss sich im Gegenteil bemühen, auf die bestmögliche Weise der Größe der christlichen Familie und ihren wesentlichen und nach alter katholischer Überlieferung unersetzlichen Elementen auch unter den neuen Lebensbedingungen ihre Wirkkraft zu erhalten. Genügt es zu diesem Zweck vielleicht, den Brautleuten anlässlich ihrer Hochzeit Sinn und Würde der christlichen Ehe und die Pflichten katholischer Eheleute aufzuzeigen und zu erläutern? So wichtig und wirksam auch ein solcher Dienst und ein solcher Unterricht sein mögen, so werden sie doch nur dann tiefen und dauernden Nutzen bringen, wenn die Jugend rechtzeitig angeleitet und erzogen wird zu lebendigem Glauben, zu sittlicher Reinheit und zur Selbstbeherrschung.

1485 a) Erziehung zuerst zum Glauben, zum lebendigen Glauben! Wir verstehen dieses Wort in einem doppelten Sinn. Zunächst einmal im Sinn eines bewussten und erlebten Glaubens. Aber die Betätigung und der Einsatz des Glaubens können wie bei den Menschen so auch in den verschiedenen Zeiten und je nach der Verfassung der Gesellschaft verschieden sein. Zu Eurer Väter Zeit wurde jedermann vom breiten Strom des religiösen Lebens gleichsam getragen und getrieben, sich offen als Katholik zu bekennen und als solcher zu handeln. Heute ist, wenn auch nicht in jedem Land und jeder Gegend - besonders nicht in unserem Italien mit seinen tiefen und überaus ehrwürdigen katholischen Überlieferungen vielerorts der Einfluss des Glaubens auf die Öffentlichkeit geschwächt. Deshalb darf die Jugend im Glauben nicht unbewandert, sondern sie muss von ihm durchdrungen sein und voll bewusst die Würde empfinden, katholisch zu sein und zu leben, damit sie im reifen Alter sagen könne: « Scio, cui credidi » - « Ich weiß, wem ich geglaubt habe ».

1486 Aber darüber hinaus muss der Glaube, besonders bei der Jugend, lebendig sein, lebendig durch die Hoffnung, lebendig durch die Liebe, mit der er wirkt. Das ist der zweite Sinn, in dem Wir das Wort « Glaube » nehmen. Wer ein ganz katholisches Leben führen will, muss im Stande der Gnade, dem Gebet ergeben und in engster Verbindung mit Christus sein. Ist es nicht der Hauch des Heiligen Geistes, der heute in der Christenheit den Eifer für das Gebet fühlbar neu erweckt und belebt, die Gläubigen aufruft und anspornt, zu den eucharistischen Gnadenquellen zu eilen, die die Kraft geben, den Gärstoff der aufsteigenden Leidenschaften zu reinigen und zu meistern und die Wurzeln jeglicher Tugend zu nähren? Euer erzieherisches Wort sei einladend und anspornend, auf dass von Kindheit an die Heranwachsenden die Übung des Gebetes als Freude des Herzens empfinden, die aus schwerer, täglich zu erfüllender Pflicht hervorquillt.

1487 b) Aus dem Glauben, wenn es ein lebendiger Glaube ist, muss die sittliche Reinheit erwachsen. Bezüglich des Geheimnisses des neuen Lebens und dessen natürlicher Quellen erziehe man die Jugend zu stets heiligem Denken, in der Erinnerung, dass es des Schöpfers Werk ist, und in der Erwägung, dass Christus, wie er die Ehe zur Würde eines Sakramentes erhob, so auch durch sein Verweilen im Schoß der Jungfrau die Mutterschaft geheiligt und ihr einen so hohen Adel verliehen hat. Daraus könnt Ihr schließen, welches die starke, tatkräftige und beständige Haltung des katholischen Mädchens sein muss gegenüber Veröffentlichungen und Vorstellungen, in deren Verlauf nichts als freche Sinnlichkeit, Handlungen von Verletzung ehelicher Treue, zweideutige Redensarten, wenn nicht gar offene szenische Aufdringlichkeit zutage treten. Gegen solche Darbietungen, die wenigstens in vielen Fällen gleichzeitig eine Übertretung vorsorgender staatlicher Gesetze bilden, gibt es eine stets wirksame Waffe: absolutes Fernbleiben! Wenn Euer Arbeiten und Euer Apostolat an der Jugend, Euer Eifer und Eure Klugheit das erreichen könnten, wäre ein großer Sieg die Krönung Eures Wirkens und Eurer Bemühungen um den Schutz und die Heiligkeit der Ehe und damit auch um das wahre Wohl Eures Landes.

1488 Erzieht also die katholische weibliche Jugend zu dieser hohen und heiligen Würde, die einen so sicheren und dauerhaften Schutz körperlicher und geistiger Unversehrtheit bildet. Dieser tugendhafte und unbesiegbare stolze Freimut ist ein großer geistiger Wert, der sich nicht versklaven lässt, der die sittliche Kraft der Frau stählt, dass sie sich unberührt nur ihrem Gatten zur Gründung einer Familie oder Gott schenkt, und der als seinen Ruhm und seine Ehre die übernatürliche, ewige Berufung proklamiert, wie schon der hl. Paulus den ersten Christen schrieb: « Ihr seid um teuren Preis erkauft. Verherrlicht also und traget Gott in eurem Leibe! » (1 Kor. 6,20).

1489 Würde und Freiheit der Frau, die sich auch nicht zur Sklavin der Mode erniedrigt! Ein heikles, aber dringliches Arbeitsfeld, auf dem Eure unablässige Tätigkeit gute Erfolge erwarten darf. Doch soll Euer Eifer gegen ungeziemende Kleider und Haltungen nicht nur ablehnen, sondern auch schöpferisch gestalten, indem Ihr der Frauenwelt praktisch zeigt, wie ein Mädchen in seiner Kleidung und Haltung gar wohl die höheren Gesetze der Tugend mit den Vorschriften der Hygiene und Eleganz verbinden kann. Es ist zu erwarten, dass ein nicht kleiner Teil der italienischen Frauenwelt, nämlich diejenigen (und es sind doch deren viele), die gesundes Denken und Empfinden sich bewahrt haben, ohne Zögern gern Eurem Beispiel folgen.

1490 c) Aus dem lebendigen Glauben und der sittlichen Reinheit muss jene Selbstbeherrschung sprießen und wachsen, die Uns bei verschiedenen Gelegenheiten Kinder, Jungen und Mädchen, oft ganze Klassen oder Institute, in stolzem Wettstreit bewiesen haben, als sie Uns als reichen geistlichen Schatz ihre kleinen Entsagungen und Abtötungen darboten, Entsagungen und Abtötungen, die, oft geschildert mit Worten kindlicher Hingabe und Liebe, Uns im Grunde der Seele bewegt haben. Diese Kinder hatten, in weiser christlicher Erziehung aufgewachsen, gelernt, wie man gegen sich selbst kämpft und sich selbst besiegt in seinen kleinen Wünschen und Begierden, Neigungen und Anhänglichkeiten, und wie man so die Palme erringt, die stärkt zum Fortschritt im Guten und in der Tugend, um mit Hilfe der nie mangelnden Gnade zu wachsen und zu einer in Vorsatz und Tat hochgemuten und standfesten Persönlichkeit zu werden, treu gegen Gott, der Kirche ergeben, dem Vaterland und der Familie zum Nutzen. Ohne Opfer erreicht man nichts Großes. Feige und Kleinmütige erringen den Himmel nicht. « Göttliche Gaben werden », so ruft der hl. Ambrosius aus, « nicht den Schlafenden gegeben, sondern denen, die wach sind! » - « Non enim dormientibus divina beneficia, sed observantibus deferentur» (S. Ambrosii Expos. in Luc. 1. IV, n. 49; Migne PL XV, 1711) !

Rückblick und Ausblick

1491 Zum Schluss, liebe Töchter, blickt von diesem Erziehungsprogramm aus auf die Vergangenheit und in die Zukunft. Was seht Ihr in Eurer Vergangenheit? Wahrhaftig, ein Strom von Kraft, während fünfundzwanzig Jahren aus besten Zielsetzungen, echtem Wollen, hochherzigen Entsagungen, reicher Wirksamkeit, herrlichen Erfolgen hervor fließend, ergießt sich über Euch. Aus diesem Strom werdet Ihr mit Euren Erinnerungen, mit der Verehrung für jene, die Euch vorangegangen, und für das, was sie geleistet, mit der Treue zu Euren Vorsätzen und Idealen - aus diesem Strom werdet Ihr Kraft schöpfen und Euer reiches und wohltuendes frauliches Wirken befruchten.

Eine solche Wirksamkeit wendet sich der Zukunft zu und weist Euch dorthin. Schaut unerschrocken in diese Zukunft, mag sie auch noch so dunkel und geheimnisvoll erscheinen. In allem Dunkel strahlt eines doch im hellsten Licht: die Sendung, die Ihr zu erfüllen habt. Jede von Euch gehe mit gutem Beispiele voran, stehe den anderen helfend und anspornend zur Seite! Nicht jede von Euch kann alles tun, und nicht alle können im gleichen Maße und mit gleichem Erfolg wirken. Aber jede von Euch besitzt jene bezaubernde und mächtige Kunst, die Seelen für die gute Sache zu erobern, für die Sache Jesu Christi!

Geht also mit Eifer Euren Weg weiter im Namen des Herrn. Christkönig und die Unbefleckte Jungfrau sind mit Euch. Habt Vertrauen! Christus hat die Welt besiegt. Möge er in Eure Herzen in überfließender Fülle Trost, Mut, Kühnheit, unverzagte Siegeshoffnung gießen, diese herrlichen lebenspendenden Gaben seiner glorreichen Auferstehung, die umso beruhigender wirken, je mehr die trübe Zeit die ganze Menschheit aufregt und beunruhigt. In solchem Vertrauen erteilen Wir Euch als Unterpfand der Fülle himmlischer Gnaden in väterlicher Liebe Unseren Apostolischen Segen.

13. Juni 1943

Ansprache
La vostra gradita presenza

an etwa 20 000 italienische Arbeiter, die dem Heiligen Vater zum 25. Bischofsjubiläum gratulierten
über die Lösung der Arbeiterfrage in Eintracht und Ordnung
(Offizieller italienischer Text: AAS 35 [1943] 171-179)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 317-328; Nrn. 679-701)

Die Freude des Vaters der Christenheit beim Anblick der Arbeiter

Eure willkommene Gegenwart, geliebte Söhne und Töchter, die Ihr Eure Stunden und Tage bei der Arbeit zum Erwerb des Brotes für Euch und Eure Familie zubringt, weckt in Uns einen großen Gedanken und ein großes Geheimnis: den Gedanken, dass die Arbeit von Gott dem ersten Menschen nach dem Sündenfall auferlegt wurde, um der Erde mit dem Schweiß seines Antlitzes das Brot abzuringen; das Geheimnis, dass der Sohn Gottes zur Erlösung der Welt vom Himmel herabstieg, Mensch wurde und sich selbst diesem Gesetze der Arbeit unterwarf, seine Jugend in Nazareth verbrachte, zusammen mit seinem Pflegevater in mühevollem Schaffen, sodass man in ihm den «Sohn des Zimmermanns» sah und ihn so nannte 1. Erhabenes Geheimnis, dass er zuvor arbeitete, dann lehrte, zuvor unbeachtet unter dem schaffenden Volke leben, dann erst Lehrmeister aller Völker sein wollte 2.

Ihr seid zu Uns gekommen, zu Eurem Vater, der um so lieber mit seinen Söhnen sich unterhält, je härter und pausenloser ihr tägliches Mühen ist, je schwieriger und sorgenvoller ihr Leben verläuft. Ihr seid zu Uns gekommen, zum Stellvertreter Christi, der in sich vermöge unaussprechlicher Teilnahme an der göttlichen Vollmacht für immer jenes Gefühl des Verständnisses und Erbarmens dem Volk gegenüber empfindet, das unsern Erlöser eines Tages zum Ausruf bewog: « Misereor super turbam » - « es erbarmt mich des Volkes» 3. Ihr seid zu Uns gekommen, zum Hirten, der auf Euch und über Euch hinaus seinen Blick richtet auf jenen weit größeren Teil der ihm von Gottes Liebe anvertrauten Herde, zum Hirten, dem Ihr Eure Anhänglichkeit und Eure Ergebenheit als treue Stellvertreter der Gefühle, der Wünsche und der Liebe so vieler Söhne aus weiter Ferne entgegenbringt.

Von ganzem Herzen danken Wir Euch für die innige Freude, die Ihr Uns bereitet und womit Ihr Uns Gelegenheit gebt, ein Wort herzlichen Wohlwollens und des Trostes an Euch zu richten, ein Wort, das Euch Führung sein möge, Aufrichtung und Stärke in diesen von Sorge und Leid gequälten Tagen.

Dringlichkeit der Arbeiterfrage

Die große Schar der Arbeiter fühlt den Druck und die Not der harten Gegenwartslage mehr als andere. Sie leidet allerdings nicht allein. Jede Bevölkerungsschicht hat ihre Last zu tragen, bald mehr, bald minder fühlbar und drückend. Nicht nur die soziale Lage der Arbeiter und Arbeiterinnen fordert Abhilfe und Neuordnung, sondern der ganze verwickelte Aufbau der Gesellschaft, der in seinem Gefüge tiefgehend erschüttert ist, heischt neue Ausrichtung und Besserung. Doch wer könnte verkennen, dass die Arbeiterfrage infolge der Schwierigkeit und Mannigfaltigkeit der mit ihr gegebenen Probleme und infolge der gewaltigen Zahl der von ihr Betroffenen von solcher Art, Dringlichkeit und Wichtigkeit ist, dass sie aufmerksamere, wachsamere und weitblickendere Sorge verlangt? Eine heikle Frage wie kaum eine, sozusagen der neuralgische Punkt am Gesellschaftskörper, bisweilen freilich auch ein schwankender, unsicherer Boden für Wahngebilde und eitle, wirklichkeitsfremde Hoffnungen von Menschen, welche die vom Gesetz Gottes und von der Stimme der Kirche verkündete Lehre von Gerechtigkeit, Billigkeit und Liebe, von Rücksichtnahme und Gemeinschaftsgeist nicht zum Richtpunkt ihres Denkens und Wünschens machen.

Die Kirche als Beschützerin der gerechten Forderungen des arbeitenden Volkes

Es ist Euch sicher wohlbekannt, liebe Söhne und Töchter, dass die Kirche Euch innig liebt. Nicht erst seit heute beschäftigt sie sich mit Eifer, mit mütterlichem Herzen, und mit wachem Wirklichkeitssinn mit den Fragen, die Euch besonders berühren. Unsere Vorgänger und Wir selbst haben keine Gelegenheit vorübergehen lassen, um mit wiederholtem Lehrwort bei allen Menschen Verständnis für Eure Bedürfnisse, Eure persönlichen Nöte und die Eurer Familien zu wecken. Wir haben als grundlegende Forderungen sozialer Gerechtigkeit jene Erwartungen aufgestellt, die Euch so sehr am Herzen liegen: einen Lohn, der die Existenz der Familie gewährleistet, der den Eltern die Erfüllung ihrer naturrechtlichen Pflicht, eine gesunde Nachkommenschaft zu ernähren, zu kleiden und zu erziehen, ermöglicht, eine Wohnung, die der Würde der menschlichen Persönlichkeit entspricht, die Möglichkeit, den Kindern eine ausreichende Bildung und angemessene Erziehung zu verschaffen, endlich weitblickende Vorsorge für die Zeiten der Not, der Krankheit und des Alters. Diese Vorbedingungen sozialer Fürsorge müssen verwirklicht werden, sofern man will, dass die menschliche Gesellschaft nicht bei jedem Wechsel durch geheime Gärstoffe und gefährliche Zuckungen erschüttert werde, sondern sich beruhige und fortschreite zu Eintracht, Frieden und gegenseitiger Liebe.

Gewiss, lobenswert sind gar manche Vorkehrungen und Zugeständnisse der öffentlichen Hand, sowie die Gefühle der Menschlichkeit und Freigebigkeit, von denen nicht wenige Arbeitgeber beseelt sind. Doch wer könnte in Wahrheit behaupten und beweisen, dass solche Absichten überall schon verwirklicht worden seien?

Warnung vor Überstürzung

Die Arbeiter und Arbeiterinnen, die sich ihrer großen Verantwortung gegenüber dem Gemeinwohl bewusst sind, fühlen das ganze Gewicht ihrer Verpflichtung, den Druck der außergewöhnlichen Schwierigkeiten, dem sich die Völker ausgesetzt sehen, nicht noch dadurch zu vermehren, dass sie ihre Ansprüche in dieser Stunde allgemeiner gebieterischer Notwendigkeiten etwa mit lauten Kundgebungen und übelberatenen Aufzügen geltend machen. Sie bleiben bei ihrer Arbeit und harren darin in Selbstzucht und Ruhe aus. Sie leisten damit einen unschätzbaren Beitrag zur Beruhigung und zum Vorteil für alle im sozialen Zusammenleben. Solch Frieden bringender Eintracht spenden Wir Unsere Anerkennung und bitten und mahnen Euch, dabei in Festigkeit und Würde zu verharren. Dadurch möge sich jedoch, wie Wir schon in Unserer letzten Weihnachtsbotschaft erklärten, niemand zur Annahme verleiten lassen, als sei nun schon jegliche soziale Frage als gelöst zu betrachten.

Die falschen Propheten

Die Kirche als Hüterin und Lehrerin der Wahrheit bejaht und vertritt mutvoll die Rechte des schaffenden Volkes. Dabei musste sie jedoch schon wiederholt irrigen Auffassungen entgegentreten und davor warnen, sich von dem Blendwerk verlockender und oberflächlicher Anschauungen und Aussichten auf künftiges Glück täuschen zu lassen, von jenen trügerischen Lockspeisen und Reizmitteln falscher sozialer Glückspropheten, die das Schlechte gut und das Gute schlecht nennen, sich auf ihre Liebe zum Volk berufen und dabei doch nichts wissen wollen von jener gegenseitigen Verständigung zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, die allein die soziale Eintracht zum Fortschritt und zum Nutzen des Gemeinwohls verbürgen und fördern. Solche «Volksfreunde» habt Ihr kennengelernt auf den öffentlichen Plätzen, in den Klubs und auf Kongressen. Ihr habt ihre Verheißungen auf den Flugblättern gelesen, habt sie gehört in ihren Gesängen und Liedern. Doch wann haben je ihren Worten die Taten entsprochen, wann die Wirklichkeit den lächelnden Hoffnungen? Trug und Enttäuschung haben Völker und Einzelmenschen erfahren, die ihnen glaubten und auf Wegen gefolgt sind, welche anstatt zu einer Verbesserung nur zu einer Verschlimmerung und Erschwerung der Lebensbedingungen und des materiellen und moralischen Fortschritts führen konnten. Solch falsche Hirten wollen glauben machen, das Heil müsse von der Revolution kommen, die den sozialen Bestand umstürze und dabei vielleicht noch nationalen Charakter trage.

Warnung vor sozialer Revolution

Die soziale Revolution pocht darauf, die Arbeiterklasse zur Macht zu bringen. Eitle Rede, hohler Schein einer unmöglichen Wirklichkeit! In Wahrheit seht Ihr ja, dass das schaffende Volk gebunden, unterjocht und verschrieben bleibt der Macht des Staatskapitalismus. Dieser erdrückt und unterwirft sich alle, die Familien wie die Gewissen, und verwandelt die Arbeiterschaft in eine ungeheure Arbeitsmaschine. Genau wie andere Sozialsysteme und Einrichtungen, die er zu bekämpfen vorgibt, formt er alles mit Zwang zu einem einzigen schauerlichen Werkzeug des Krieges, das nicht bloß das Blut und die Gesundheit, sondern auch die Güter und den Wohlstand des Volkes verschlingt. Wenn ihre Leiter stolz sind auf den oder jenen Vorteil oder Fortschritt im Bereich der Arbeit, den sie mit lautem Lärm prahlerisch verkünden, so kann solch materieller Gewinn nie einen gleichwertigen Ersatz für die dem einzelnen aufgezwungenen Verzichtleistungen bedeuten, die die Persönlichkeitsrechte verletzen: die Freiheit in der Leitung der eigenen Familie, in der Ausübung des Berufes, in der bürgerlichen Stellung und ganz besonders in der Ausübung der Religion, ja der innersten Gewissenspflichten.

Nein, nicht in der Revolution liegt Euer Heil, liebe Söhne und Töchter. Wenn man auch nur an den eigenen materiellen Vorteil, der jedoch immer unsicher bleibt, denkt, ist dies klar.

Es widerspricht aber auch dem echten und aufrechten Christenbekenntnis, auf eine Revolution hinzusteuern, deren Ausgangspunkt Ungerechtigkeit und Auflehnung gegen den Staat ist, und sich traurige Mitschuld aufzuladen am Blut der eigenen Mitbürger und an der Vernichtung des allgemeinen Wohlstandes. Wehe dem, der vergisst, dass eine wahrhaft nationale Gemeinschaft die soziale Gerechtigkeit mit einschließen muss und eine gerechte und billige Beteiligung aller an den Gütern des Landes verlangt. Sonst müsste schließlich, das seht Ihr, das Wort Nation zur sentimentalen Schminke, zum leeren Vorwand, zum Deckmantel einzelner Schichten werden, womit man sich den zur Erreichung des Gleichgewichts und Friedens der Gemeinschaft unumgänglichen Opfern entziehen möchte. Dann würdet Ihr sehen, wie nach Untergrabung der gottgeschenkten Würde, die sich mit dem Begriff der nationalen Gemeinschaft verbinden muss, die innern Kämpfe und Fehden für alle zur furchtbaren Gefahr würden.

Vielmehr Entwicklung in Eintracht und Ordnung

Nicht im Umsturz, sondern in der Entwicklung in Eintracht liegt Heil und Gerechtigkeit. Gewalt hat immer nur niedergerissen, nie aufgebaut, die Leidenschaften entfacht, nie beruhigt. Sie hat Menschen und Klassen immer nur in die harte Notwendigkeit gestürzt, nach leidvollen Prüfungen auf den Ruinen der Zwietracht zum mühevollen Wiederaufbau zu schreiten. Nur eine fortschreitende, planvolle Entwicklung, die mutig und naturgemäß sich weisen und leiten lässt von den heiligen Normen christlicher Gerechtigkeit und Billigkeit, kann zur Erfüllung der berechtigten Wünsche und Bedürfnisse des Arbeiters führen.

Nicht zerstören also, sondern bauen und festigen! Nicht das Privateigentum abschaffen, das Grundlage für den Bestand der Familie ist, sondern bedacht sein, es auszuweiten als Frucht gewissenhaften Schaffens jedes Arbeiters und jeder Arbeiterin. Dann werden gerade durch den Privatbesitz allmählich die Massen der Unruhigen und Verwegenen sich mindern, die bald aus finsterer Verzweiflung, bald aus blindem Trieb von jedem Wind trügerischer Lehren oder von den heimtückischen Kniffen verantwortungsloser Hetzredner sich hin- und hertreiben lassen.

688 Nicht das Privatkapital zerreißen, sondern auf dessen klug überwachte Planung bedacht sein als Mittel und Halt zur Erreichung und Förderung des wahren Gesamtwohls des Volkes.

Die Industrie nicht erdrücken und nicht ausschließlich bevorzugen, sondern ihre harmonische Abstimmung herbeiführen mit dem Handwerk und mit der Landwirtschaft, die dem Boden der Nation seine vielfältigen und unentbehrlichen Schätze abringt.

Beim Streben nach technischem Fortschritt nicht einzig auf den größtmöglichsten Gewinn abzielen, sondern mit seinen Ergebnissen dazu beitragen, die persönliche Lage des Arbeiters zu heben, sein Schaffen weniger mühevoll und hart zu gestalten, die Arbeiterfamilie in ihrem Zusammenhalt zu stärken durch den Boden, auf dem sie wohnt, die Arbeit, von der sie lebt.

Nicht auf völlige Abhängigkeit des Lebens der Einzelmenschen von der Willkür des Staates hinarbeiten, sondern vielmehr bestrebt sein, dass der Staat, dessen Pflicht die Förderung des Gemeinwohls ist, mit sozialen Einrichtungen wie Versicherungen und sozialen Hilfswerken aushelfend, unterstützend und ergänzend die Tätigkeit der Arbeiterverbände kraftvoll fördere, ganz besonders hinsichtlich der Familienväter und -mütter, die mit ihrer Hände Arbeit für sich und die Ihrigen den Lebensunterhalt sicherstellen.

Der Glaube an Christus und die Treue zur Kirche, die Wurzeln wahrer Verbrüderung

Vielleicht wendet Ihr ein, das sei ja ein recht herrliches Bild künftiger Wirklichkeit, doch wie es in die Tat umsetzen und wie es lebendig werden lassen im Volke? - Not tut vor allem große Redlichkeit des Wollens und vollkommene Aufrichtigkeit des Planens und Handeins im Gang und in der Führung des öffentlichen Lebens, von Seiten der einzelnen wie von Seiten der Obrigkeit. Not tut, dass wahre Brudergesinnung und Eintracht alle beseele, Vorgesetzte und Untergebene, Leiter und Arbeiter, Große und Kleine, mit einem Wort alle Klassen des Volkes.

Euer Erscheinen vor Uns, geliebte Söhne und Töchter, dem die Tatsache besondere Weihe verleiht, dass Ihr von Euren verschiedenen Arbeitsgebieten als Vertreter aller Arbeitergruppen hierher ins gemeinsame Vaterhaus gekommen seid, zeigt und beweist Uns, dass Ihr erkennt, versteht und begreift, wo die Wurzeln liegen für die gottgewollte echte soziale Gesinnung von « Brüdern, die gebunden sind an den gleichen Vertrag », « alle geschaffen nach dem Bilde des Einzigen», « Söhne alle eines einzigen Loskaufs». Jene Wurzeln liegen in der gemeinsamen heiligen Religion, demselben Bekenntnis des Glaubens an den Erlöser aller Menschen Jesus Christus, in der gleichen Treue gegen seine heilige Kirche und seinen Stellvertreter auf Erden. Wir senden Unser glühendes Flehen zu Gott, das ganze gewaltige Volk der Arbeiter und Arbeiterinnen möge teilhaben an Eurem Glauben, auf dass mit Gottes Gnade durch all die Verschiedenheiten in Meinungen und Mitteln ein Weg sich bahne in Gerechtigkeit und Liebe zu jenem friedlichen und wohltätigen Fortschritt, den Wir so heiß ersehnen, dass der Herr Italien glücklich und stark mache in unerschütterlicher und christlicher Ordnung.

Antwort auf unerhörte Verleumdungen

Aber Wir wissen es wohl - und Ihr selbst habt die Erfahrung machen können -, wie in diesen drückenden und für das häusliche und öffentliche Leben so schwierigen Zeiten die menschlichen Leidenschaften die Gelegenheit wahrnehmen, um ihr Haupt zu erheben und durch Verdächtigung und Entstellung von Worten und Taten Unheil zu wirken. So verbreitet eine religionsfeindliche Propaganda unter dem Volke, vor allem in der Arbeiterklasse, der Papst habe den Krieg gewollt, der Papst erhalte den Krieg aufrecht und gebe das Geld zu seiner Fortsetzung, der Papst tue nichts für den Frieden. Niemals wurde vielleicht eine so ungeheuerliche und sinnlose Verleumdung ausgestreut wie diese! Wer weiß denn nicht, wer sieht denn nicht und wer kann sich nicht selbst davon überzeugen, dass niemand so nachdrücklich wie Wir auf jede nur mögliche Weise sich dem Ausbruch des Krieges und dann seiner Fortsetzung und Ausbreitung entgegengestellt haben, dass niemand mehr als Wir unaufhörlich gebeten und gemahnt hat: Friede, Friede, Friede! dass niemand mehr als Wir seine Schrecken zu mildern gesucht haben? Die Geldsummen, die Uns die Liebe der Gläubigen zur Verfügung stellt, sind nicht dafür bestimmt und dienen nicht dazu, um den Krieg zu schüren, sondern um die Tränen von Witwen und Waisen zu trocknen, um Familien zu trösten, die angstvoll um ihre fernen oder vermissten Angehörigen bangen, um die Leidenden, die Armen und Hilfsbedürftigen zu unterstützen. Zeugen all dessen sind Unser Herz und Unser Mund, die sich nicht einander widersprechen, denn Wir verleugnen nicht durch die Tat, was Wir mit dem Munde sagen, und Wir haben das Bewusstsein von der Falschheit all dessen, was die Feinde Gottes auf hinterhältige Weise verbreiten, um die Arbeiter und das Volk zu verwirren und aus den Mühen des Lebens, die sie ertragen, Stoff zu Anschuldigungen gegen den Glauben und gegen die Religion zu ziehen. Und doch ist die Religion die einzige Tröstung und die einzige Hoffnung, die den Menschen in Schmerz und Unglück auf Erden aufrecht erhält.

Nein! Unsere Ansprachen und Unsere Botschaften wird niemand in ihrer Absicht und in ihrem wesentlichen Gehalt auszulöschen oder zu verdrehen imstande sein. Alle haben sie hören können als Wort der Wahrheit und des Friedens, als machtvolle Äußerungen Unseres Bemühens um den Frieden der Welt und die Erleuchtung der Machtinhaber. Sie sind unwiderlegliche Zeugnisse der heißen Wünsche, die sich Unserem Herzen entringen, damit auf dieser Erde, die dem Menschen als Herberge für den Übergang zu einem besseren und unvergänglichen Leben gegeben wurde, Ordnung und Eintracht herrsche im ganzen Menschengeschlecht.

Die Kirche fürchtet nicht das Licht der Wahrheit, weder für die Vergangenheit noch für die Gegenwart noch für die Zukunft. Wenn die Zeitverhältnisse und die menschlichen Leidenschaften die Herausgabe von heute noch unveröffentlichter Dokumente über die beständige Friedenstätigkeit des Heiligen Stuhles, der sich während dieses entsetzlichen Krieges auch durch Weigerungen und Widerstände nicht einschüchtern ließ, gestatten oder erfordern werden, dann wird klarer als im hellsten Tageslicht die Torheit solcher Anklagen erscheinen. Diese haben ja ihren Ursprung weniger in Unwissenheit als vielmehr in jener Religionslosigkeit und Verachtung der Kirche, die nur Wurzeln fasst in einigen Menschenherzen, die leider mehr dazu geneigt und bereit sind, die rechten und gütigen Absichten, von denen die Braut Christi beseelt ist, zu verdrehen, als das Volkswohl zu fördern, die Lebensschwierigkeiten zu mindern und zu mildern und die Geister inmitten der schwierigen Verhältnisse der gegenwärtigen Stunde zu unterstützen. Sagt den Verleumdern der Kirche, dass die Wahrheit siegreich leuchten wird, wie sie jetzt schon leuchtet in Euren Herzen und in all denen, die vernünftig sich dem beugen, was sie als gut erkennen, und der Lüge und Verleumdung keinen Glauben schenken. Durch die offensichtliche Wirklichkeit der Tatsachen und durch Unser Werk werden alle die beschämt werden, die durch ihr verführerisches Gerede sich bemühen, auf den Papst die Verantwortlichkeit abzuwälzen für all das Blut der Schlachten zu Lande, der Trümmerhaufen in den Städten, der Kämpfe in der Luft und in den Abgründen der Meere.

Aufmunterung zur Pflege des religiösen Lebens

Christliche Arbeiter und Arbeiterinnen, erhebt Euch mit dem Denken Eures Geistes und dem Fühlen Eures Herzens im heiligen Glauben, stärkt und erneuert Euch in der Tröstung des Gebetes, das Euren Arbeitstag beginnen, heiligen und schließen möge. Solches Denken und Fühlen möge Euch erleuchten und erwärmen, besonders in der Ruhe der Sonn- und Festtage, sie mögen Euch begleiten und führen bei der Feier der heiligen Messe. Auf dem Altar, dem unblutigen Calvaria, erneuert unser Heiland - der sich in seinem irdischen Leben zu einem Arbeiter gemacht hat gleich Euch und der bis zu seinem Tode gehorsam war gegenüber dem Vater - ständig das Opfer seiner selbst zum Heile der Welt. Dort macht er sich zum Spender der Gnaden und des Lebensbrotes für die Seelen, die ihn lieben und in ihren Mühseligkeiten zu ihm hineilen, um erquickt zu werden. Vor dem Altar, in der Kirche, möge jeder christliche Arbeiter seinen Willen erneuern, zu arbeiten im Gehorsam gegen das göttliche Gesetz der Arbeit, welcher Art diese auch sein mag, Geistes- oder Handarbeit, er möge seinen Willen erneuern, mit seinen Mühen und Entsagungen das Brot für seine Lieben zu beschaffen, nach dem sittlichen Ziel des Lebens hienieden und nach der ewigen Seligkeit im Jenseits zu streben, seine Absichten mit denen des Heilands in Einklang zu bringen und seine Arbeit zu einem Lobgesang auf Gott zu gestalten.

Sittliche Sauberkeit in den Fabriken

In jeder Sache und zu jeder Zeit, geliebte Söhne und Töchter, schützt und bewahrt Eure persönliche Würde! Der Stoff, den Ihr bearbeitet, ist von Gott am Anfang der Welt geschaffen und durch die Tätigkeit der Jahrhunderte von ihm im Inneren und an der Oberfläche der Erde durch Überschwemmungen, Gärungen, Ausbrüche und Umbildungen gestaltet worden, um für den Menschen und seine Arbeit die geeignete Stätte zu bereiten. Dieser Stoff sei Euch eine beständige Erinnerung an die Schöpferhand Gottes und erhebe Euer Gemüt zu ihm, dem höchsten Gesetzgeber, dessen Anordnungen auch im Fabrikleben zu beobachten sind.

Vielleicht arbeiten an Eurer Seite und zusammen mit Euch Jungen und Mädchen. Denkt daran, dass den Kindern und Unschuldigen eine große Ehrfurcht gebührt und dass Christus von dem, der ihnen Ärgernis gibt, erklärt hat, es wäre besser für ihn, wenn ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde. Väter und Mütter, welche Ängste begleiten nicht die Schritte Eurer Söhne und Töchter zu den Arbeitsstätten, welche Besorgnisse! Ihr Arbeiter vertretet deren Stelle in der schützenden Wacht über die Unschuld und Reinheit jenes jugendlichen Alters, wenn es durch den Beruf und die Not der Familie gezwungen wird, sich vom liebevollen Blick der Eltern zu entfernen. Von den Älteren und ihrem Beispiel, von dem festen und entschlossenen Willen der Fabrikleitung in der Forderung einer anständigen Disziplin hängt es ab, ob die Jugend sich auf der Arbeitsstätte körperlich und moralisch gesund erhält oder ob sie, durch Sittenlosigkeit, Genusssucht und Verschwendung verdorben, selbst das Wohl der kommenden Generation aufs Spiel setzt. Kein Wort, kein Witz, keine Neuigkeit komme über Eure Lippen, die das Ohr Eurer jugendlichen Zuhörer beleidigen könnte. Im Klerus, in den weiblichen Ordensgenossenschaften, in den Mitgliedern der Katholischen Aktion möge die Arbeiterjugend ihre Helfer finden, die in Zusammenarbeit mit den leitenden Stellen und mit dem ganzen Aufwand ihrer physischen und moralischen Kraft sich für sie einsetzen, auch in dem täglichen Leben auf den Arbeitsstätten. Doch möge auch die gegenseitige Zuneigung und Hochachtung, das gute Beispiel, das mahnende und ermutigende Wort und die, wenn auch bescheidene, gegenseitige Hilfe unter den Arbeitern selbst niemals erlahmen.

Arbeiten in der Kraft der Gnade Gottes

Gestattet denn zum Schluss, dass Unser Wort wieder dort anknüpfe, wo es seinen Ausgang genommen hat, und Euch von neuem auf das göttliche Vorbild des christlichen Arbeiters hinweise, auf Christus, den Zimmermann in der Werkstatt von Nazareth, den Sohn Gottes und Wiederbringer der durch Adam verlorenen Gnade. Er möge über Euch jene Kraft, jene Geduld und jene Tugend ausgießen, die Euch groß macht vor ihm, dem erhabensten Bild des Arbeiters, das Ihr bewundern und anbeten dürft. Auf Euren Werkstätten und Arbeitsplätzen, am hellen Sonnenlicht auf den Feldern und im Zwielicht der Gruben, zwischen den Gluten der Hochöfen und in der Kälte der Eiskeller, überall, wohin das Wort des Arbeitsleiters, Euer Handwerk oder das Bedürfnis der Mitmenschen, des Vaterlandes, des Friedens, Euch rufen, möge auf Euch herabsteigen die Fülle der Gnaden von ihm, der Euch Hilfe, Rettung und Trost sei und die harte Arbeit, in der Ihr hienieden Euer Leben verzehrt und hinopfert, umforme zum Verdienst für ein jenseitiges Glück. Zweifelt nicht daran: Christus ist immer bei Euch! Denkt daran, ihn zu sehen an den Stätten Eurer Arbeit, wie er mitten unter Euch wandelt, Eure Mühen beobachtet, Eure Reden hört, Eure Herzen tröstet, Eure Unstimmigkeiten ausgleicht, und Ihr werdet sehen, wie sich die Arbeitsstätte verwandelt in das Heiligtum von Nazareth und wie auch unter Euch jenes Vertrauen, jene Ordnung und Eintracht herrschen, die ein Abglanz der Segnung des Himmels sind, der Segnung, die hier auf Erden die Gerechtigkeit und den guten Willen begründet und aufrecht erhält, in Menschen, die stark sind im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe Gottes.

Indem Wir den göttlichen Schutz herabrufen auf Euch, liebe Arbeiter und Arbeiterinnen, auf Eure Familien, auf alle, die Euch in der Arbeit leiten und führen, selbst auf Eure Arbeitsstätte, damit sie der Herr vor jeder Gefahr und jedem Schaden bewahre, erteilen Wir Euch aus ganzem Herzen als Unterpfand der auserkorensten Gnaden Unsern väterlichen Apostolischen Segen.

17. Juni 1945

Radio-ansprache
Nous sones de cour au mileu de vous

am Ende des ersten französischen Herz-Jesu-Kongresses, auf dem sich dreihundert Familienväter dem heiligsten Herzen Jesu weihten
Die soziale Auswirkung der Weihe der Familien an das Herz Jesu
(Offizieller französischer Text: AAS 37 [1945] 189-192)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 621-626; Nrn. 1268-1282)

Einleitung

1268 Mit Unserem Herzen sind Wir mitten unter Euch, Ihr Familien Frankreichs, die Ihr soeben Eure Weihe an das heiligste Herz Jesu erneuert habt. Eine Million Familien dem Herzen Christi geweiht, das die Franzosen liebt: wie herrlich, wie machtvoll! Welche Verantwortung aber auch, denn in Euren Händen liegt das Wohl Eures Vaterlandes, allerdings nur unter der zweifachen Bedingung, dass Ihr, stolz auf die Zugehörigkeit zu Christus und im Bewusstsein der Kraft, die er Euch verleiht, mit unerschütterlicher Treue zu dieser Zugehörigkeit steht und dass Ihr jene Kraft mutig gebraucht.

1. Das Ideal der Christus geweihten Familien

Die organische Gemeinschaft der sittlich gesunden Familie als Aufbauelement der Gesellschaft

1269 Wert und Wohlfahrt eines Volkes beruhen keineswegs in der blinden Tätigkeit einer zusammengeworfenen Menge, sondern in der richtigen Ordnung gesunder und zahlreicher Familien unter der geachteten Autorität des Vaters, unter der klugen und wachsamen Fürsorge der Mutter und in der innigen und zusammenwirkenden Einheit der Kinder. Jede Familie breitet sich aus und erweitert sich in der Verwandtschaft, welche die Bande des Blutes einigen. Dazu fügen noch, durch ihre harmonischen Verknüpfungen, die Verbindungen unter den Familien Masche an Masche zu einem ganzen Netz zusammen, dessen Beweglichkeit und Festigkeit Gewähr bieten für die lebensvolle Einheit einer Nation, der großen Familie am großen Herd, der das Vaterland ist.

1270 Dieses Netz ist in solchem Grade vollkommen und empfindlich, dass jede Masche, die reißen oder sich lockern würde, die Gefahr mit sich brächte, außer der Unversehrtheit des Netzes das ganze Gefüge der Gesellschaft aufs Spiel zu setzen. Dieses Zerreißen oder diese Lockerung, diese Schwächung oder diese Entartung der Familie geschieht mit ihren verderblichen Folgeerscheinungen jedes Mal, wenn ein Angriff gegen die Heiligkeit und Unauflöslichkeit der Ehe, gegen die Treue oder die eheliche Fruchtbarkeit unternommen wird, jedes Mal, wenn die Autorität des Vaters, sei es durch das Versagen der Eltern, sei es durch die Unbotmäßigkeit der Kinder, ausgeschaltet ist. Zerbrochene und zerfallene Familientrümmer sind ebenso wenig geeignet für den Aufbau einer gesunden und dauerhaften Gesellschaft wie die gestaltlose Anhäufung einzelner, von der Wir neulich sprachen (Weihnachtsbotschaft 1944).

Das Leben in Christus schafft das machtvolle Heer sittlich hochstehender Familien

1271 Groß fürwahr und edel und rein ist das Glück eines patriarchalischen Herdes, der ebenso tadellos ist in seiner Ganzheit wie in seiner Würde. Jedoch - wer wagte es zu leugnen? - dieses Glück ist der Preis der Hingabe an strenge Pflichten, des Sieges über Hindernisse oder Verlockungen, über die ungeordneten Leidenschaften oder die Versuchungen des Fleisches oder des Herzens. Da braucht es Mut, hochherzigen Mut, und vor allem einen aushaltenden, ununterbrochenen auf Jahre, auf die ganze Lebenszeit hin. Will man nicht in ahnungsloser Weise die menschliche Schwäche verkennen und hartnäckig die Augen vor eindeutigen Tatsachen verschließen, so muss man unbedingt anerkennen, dass ein solcher Mut sich weder aus dem bloßen Ergebnis einer kalten Verstandesüberlegung erheben noch, viel weniger, sich davon aufrecht erhalten kann.

1272 Es sind die unverdorbene Lehre, die hohe Sittlichkeit, die ewigen Hoffnungen des christlichen Glaubens, die mächtig dazu beitragen, ihn zu erzeugen, doch ist es nicht in erster Linie ihre Wirksamkeit nach außen, die der Religion Christi diesen heilsamen Einfluss verleiht, diese wunderbare Tugendhaft, die Reinheit und die Heiligkeit der Ehe und der Familie inmitten einer verdorbenen und verderbenden Pseudozivilisation zu bewahren. Christus wirkt in den Seelen durch das Eingießen seiner Gnade noch mehr als durch seine Lehren, seine Ermahnungen, seine Versprechungen; vor allem ist er es selbst, durch sein Altarssakrament, die « Quelle des Lebens und der Heiligkeit » (Herz-Jesu-Litanei).

1273 Zu welch hehrem Tempel wird der häusliche Herd, wo Vater, Mutter und Kinder genährt und getränkt vom Fleisch und Blute Gottes zusammenleben!

Wenn eine Familie auf solche Weise von Christus lebt, dass sie durch die Weihe an das Herz Jesu ihre Einheit mit dem bekundet, der die Welt überwunden, und sich der Liebe, dem Dienst und dem Königtum dieses Herzens ergeben hat, dass ihr sein Reich als das begeisternde Ideal erscheint, auf das alle ihre Wünsche hinauslaufen; wenn mehrere Familien, die vom gleichen Geist beseelt sind und dem gleichen Ideal nachstreben, sich in der festen Einheit des geheimnisvollen Leibes des Gottmenschen zusammenschließen, wenn diese Familien in die Tausende gehen, in die Hunderttausende, wenn eine Million Väter und Mütter, wenn Millionen und Millionen Kinder mit leidenschaftlicher Hingabe alle ihre Kräfte einsetzen, um die Sache und das Reich Christi voranzutragen, wer wird dann die Macht eines solchen Heeres unter einem solchen Führer ermessen können?

1274 Furchtsamkeit, Zögern und Mangel an Vertrauen schlagen Euren Mut nieder und würden durch Lähmung Eurer Schwungkraft Eure Anstrengungen zur Unfruchtbarkeit verurteilen. Und aus diesem Grunde wiesen Wir Euch hin auf das Hochgefühl Eurer Zugehörigkeit zu Christus und auf das Bewusstsein Eurer alles in ihm, unter seiner Führung und in seinem Reiche umgestaltenden Kraft, ein Hochgefühl und ein Bewusstsein, ohne welche die wunderbaren Wirkungen jener Kraft unmöglich zu Tage treten können.

1275 Mut denn, christliche Familien, französische Familien des heiligsten Herzens! Eure Reihen sind zahlreich und stark genug um voll sicherer Zuversicht voranzuschreiten. Und dennoch, schaut hin! Seht Ihr um Euch herum nicht andere Familien, bedeutender an Zahl noch als Ihr selbst, die ihre Augen auf Euch heften und nur auf eine Anregung Eurerseits warten, um mit Euch zusammen zu marschieren?

2. Sittliche Folgen und Forderungen, die sich aus der Weihe an das Herz Jesu für die Familie ergeben

Die Wohnung ist heilige Wohnung

1276 Eure Weihe an das Herz Jesu besiegelt einen Pakt zwischen ihm und Euren Familien. Er hat hierfür den Anstoß gegeben durch sein Versprechen: « Ich werde sie segnen», sagte er zur hl. Margareta-Maria (Margareta-Maria Alacoque 1647-1690). Ihr Eurerseits habt mit der ganzen Feierlichkeit, die Eure Mittel Euch erlaubten, unter dem Segen des Priesters, seines Stellvertreters, sein Bild an den Ehrenplatz in Eurem Heim gestellt, zu dessen Herrn Ihr ihn ausrieft, indem Ihr öffentlich die Verpflichtung übernahmt, ihn als solchen zu betrachten und durch die Tat anzuerkennen. Er wird von seinem Worte niemals lassen: ist er doch der getreue Gott. Lasst auch Ihr nicht von dem Euren! Lasset ihn herrschen bei Euch und um Euch!

1277 Eure Wohnung ist als geweihte also bestimmungsgemäß von nun an eine geheiligte Wohnung: nichts darf dort die Augen, die Ohren, das Herz Jesu beleidigen. Er ist darinnen König: er muss dort von Eurer Treue eine ununterbrochene Huldigung der Ehrfurcht, der Hochachtung, der Liebe empfangen. Als über alles gütiger Herr Eures Heimes ist er innig mit dessen ganzem Leben verbunden, und es kann dort kein Leid, keine Freude, keine Befürchtung und keine Hoffnung geben, an der Ihr ihn nicht teilnehmen ließet. Das bedeutet Christi Königreich: es ist geheiligt.

Verteidigung der Heiligkeit und Einheit der Ehe sowie der Freiheit des Christentums im öffentlichen Leben

1278 Es wäre nur eitle und unfruchtbare Selbstgefälligkeit oder vielmehr nur ein erniedrigender Widerspruch, Eure Kraft ins Bewusstsein zu rufen, wenn Ihr nicht gehalten wäret, sie für die Aufrechterhaltung, die Verteidigung und die Wiedergewinnung der Rechte des Herzens Jesu zu gebrauchen, die auch Eure Rechte sind, die Rechte Eurer Familie und Eures Vaterlandes. Ihr christlichen Familienväter, die Ihr die Ehre und die Lebenskraft Frankreichs seid, Eure Sache ist es, und Ihr habt die Pflicht, im Namen Eurer Familien und im Namen Frankreichs zu reden, jenes Frankreichs, das nach dem schmerzlichen Zusammenbruch auf die Stirnseite Eurer Basilika auf dem Montmartre die ergreifende Demut seiner Reuegesinnung, die Glut seiner Liebe und seiner Gottergebenheit eingrub: « Poenitens et devota» ! (Das « büßende und gottergebene» (Frankreich); nach der kriegerischen Niederlage von 1870/71)

1279 Im Namen Eurer Familien also und Frankreichs verteidigt die Heiligkeit der Ehe und die Einheit des häuslichen Herdes, die durch die Ehescheidung schwerstens getroffen sind; verteidigt die Autorität der Eltern und ihre Freiheit, ihre Kinder ohne Schaden auf christliche Weise zu erziehen; verteidigt die Kindheit und die Jugend gegen gottlose und schamlose Propaganda, gegen die Verführung durch ärgerniserregende Schaustellungen, gegen die verderbliche Zügellosigkeit einer Presse und eines Rundfunks ohne Hemmungen.

1280 Im Namen Eurer Familien und Frankreichs fordert für Eure Städte die Anständigkeit und Würde der Straßen sowie der öffentlichen Plätze, das Recht freier Religionsausübung für alle Eure Mitbürger, für Euren Klerus, Eure Ordensmänner und Ordensfrauen das Recht, den Kleinen, den Unwissenden, den Armen, den Kranken und Sterbenden Gutes zu tun.

1281 Im Namen Eurer Familien und Frankreichs trefft Vorbereitungen und Anstrengungen für die Ankunft des Reiches Gottes und des Herzens Jesu in Eurem Vaterland und für die Anerkennung seiner göttlichen Majestät in der Heilighaltung der Sonn- und Feiertage, in der Ausübung des öffentlichen Gottesdienstes, in der Betätigung der sozialen Gerechtigkeit und Liebe, der christlichen Brüderlichkeit zwischen allen Franzosen durch gegenseitige Versöhnung, in der Einhaltung von Ruhe und Ordnung, mit einem Wort: im Frieden.

Schluss

1282 Ihr habt soeben wieder einmal Euren Glauben an die christliche Berufung Frankreichs zum Ausdruck gebracht. Der diese erhabene Berufung weckte ist getreu: « Fidelis Deus, per quem vocati estis » - « Getreu ist Gott, durch den ihr berufen seid » (1 Kor. 1,9). Möge ihr seinerseits Frankreich durch Euch, christliche, dem Herzen Jesu geweihte Familien, in Aufrichtigkeit entsprechen.

In diesem Vertrauen erteilen Wir Euch allen, allen Euren geliebten Landsleuten, insonderheit der Jugend, des Vaterlandes Hoffnung, aus ganzem Herzen Unseren Apostolischen Segen.

2. Oktober 1945

Ansprache
Dacché piaque al Signore

anläßlich der Eröffnung des neuen Gerichtsjahres der Sacra Rota Romana
(Offizieller italienischer Text: AAS XXXVII [1945] 256-262)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band II, S. 1343-1351, Nrn. 2702-2723)


Einleitung

Seitdem es dem Herrn, dem höchsten Richter aller menschlichen Gerichtsbarkeit, gefallen hat, Uns hienieden zu seinem Stellvertreter zu bestellen, können Wir heute zum ersten Male - nachdem Wir den umfassenden und gelehrten Jahresbericht dieses Eures heiligen Gerichtshofes aus dem Munde Eures so würdigen Dekans vernommen haben - Euch, geliebte Söhne, Unseren Dank aussprechen und Euch Unsere Gedanken zum Ausdruck bringen, ohne dass das Getöse der Waffen mit seinem unheilvollen Rollen Unsere Stimme übertönt. Dürfen Wir etwa schon sagen, es sei Friede? Leider noch nicht! Gebe Gott, dass wenigstens seine Morgenröte angebrochen sei. Wenn einmal die Gewalttätigkeit der Schlachten aufgehört hat, dann schlägt die Stunde der Gerechtigkeit, deren Werk darin besteht, mit ihren Gerichten die umgekehrte und gestörte Ordnung wieder herzustellen. Welch gewaltige Würde und Macht des Richters, der, erhaben über alle Leidenschaften und Vorurteile, die Gerechtigkeit Gottes selber widerstrahlen soll, ob es nun darum geht, Streitigkeiten zu schlichten oder Delikte einzudämmen!

Das ist in Wahrheit der Gegenstand eines jeden Urteils, die Sendung jeder richterlichen Gewalt, kirchlicher wie bürgerlicher. Ein nur flüchtiger und oberflächlicher Blick in die Gesetze und die richterliche Praxis könnte glauben machen, die kirchliche und die bürgerliche Prozessordnung würden nur geringfügige Unterschiede aufweisen, ungefähr wie jene, die sich in der Verwaltung der Gerechtigkeit zwischen zwei bürgerlichen Ämtern ein und derselben Rechtsfamilie auftun. Auch im unmittelbaren Ziel scheint die kirchliche und die bürgerliche Gerichtsordnung auf ein und dasselbe hinauszulaufen: Verwirklichung und Sicherung des durch die Gesetze aufgestellten Rechts, jedoch in einem besonderen, angefochtenen oder verletzten Falle mittels des gerichtlichen Urteils oder auch mittels eines Erlasses von Seiten der zuständigen Autorität im Einklang mit den Gesetzen. Die verschiedenen Stufen der richterlichen Instanzen finden sich gleicherweise in beiden. Das Vorgehen zeigt bei beiden dieselben hauptsächlichen Elemente: Gesuch zur Einleitung des Verfahrens, Vorladung, Vernehmung der Parteien, Abschluss des Prozesses, Urteilsverkündigung, Appellationsrecht.

Trotz alledem darf diese weitschichtige äußere und innere Ähnlichkeit die tiefen Unterschiede, die erstens im Ursprung und im Wesen, zweitens im Gegenstand und drittens im Ziele bestehen, nicht Übersehen werden.

Wir beschränken Uns heute darauf, zu Euch vom ersten dieser drei Punkte zu sprechen, indem Wir die Behandlung der zwei anderen für kommende Jahre, so es Gott gefällt, zurückstellen.

I. Verschiedene Auffassungen über die staatliche Gewalt und deren Ähnlichkeit mit der kirchlichen Gewalt

Der Streit um die Erklärung des Ursprungs der staatlichen Gewalt

Die richterliche Gewalt ist ein wesentlicher Teil und eine notwendige Funktion der Gewalt der zwei vollkommenen Gesellschaften, der kirchlichen und der staatlichen. Deshalb ist die Frage nach dem Ursprung der richterlichen Gewalt die gleiche wie die nach dem Ursprung der Gewalt überhaupt.

Aber gerade deshalb hat man geglaubt, außer den schon angedeuteten Ähnlichkeiten noch andere tiefere Ähnlichkeiten aufzeigen zu können. Eigentümlicherweise haben sich Anhänger ganz verschiedener moderner Auffassungen vom Ursprung der staatlichen Gewalt zur Bekräftigung und Stützung ihrer Meinungen auf eine angebliche Ähnlichkeit mit der kirchlichen Gewalt berufen. Dies gilt nicht weniger vorn sogenannten Totalitarismus und Autoritarismus, als auch von ihrem Gegenpol, der modernen Demokratie. Aber in Wirklichkeit bestehen diese behaupteten tieferen Ähnlichkeiten in keinem der drei Fälle, wie eine kurze Prüfung leicht beweisen wird.

Der Totalitarismus

Es ist unbestreitbar, dass eine der Lebensnotwendigkeiten für jede menschliche Gesellschaft, also sowohl für die Kirche wie für den Staat, darin besteht, die Einheit in der Verschiedenheit ihrer Glieder dauernd zu wahren. Nun kann aber der Totalitarismus diesem Erfordernis niemals Genüge leisten, denn er gibt der staatlichen Gewalt eine ungebührliche Ausdehnung, bestimmt und umschreibt die Betätigung auf allen Gebieten menschlichen Tuns nach Inhalt und Form und preßt so jedes rechtmäßige Eigenleben - das persönliche, örtliche und berufliche - unter dem Stempel der Nation, der Rasse oder der Klasse in eine mechanische Einheit oder Kollektivität.

Wir haben schon in Unserer Radiobotschaft von Weihnachten 1942 die traurigen Folgen aufgezeigt, die besonders für die richterliche Gewalt aus dieser Auffassung und Praxis sich ergeben, die die Gleichheit aller vor dem Gesetze unterdrückt und die Gerichtsurteile zum Spielball eines unbeständigen kollektiven Instinktes macht.

Wäre es übrigens überhaupt denkbar, dass ähnliche irrtümliche und gewalttätige Rechtsauffassungen den Ursprung des kirchlichen Rechts hätten bestimmen und die kirchliche Gerichtspraxis beeinflussen können? Das war nicht der Fall und wird nie möglich sein können, denn es stände im Widerspruch mit dem Wesen der sozialen Gewalt der Kirche, wie wir gleich sehen werden.

Der Autoritarismus

Dieser grundlegenden Forderung genügt aber auch keineswegs die zweite Auffassung der staatlichen Gewalt, die als Autoritarismus bezeichnet werden kann, da sie die Bürger von jeder wirksamen Teilnahme und jedem Einfluss bei der Bildung des sozialen Willens ausschließt. Dieser « Autoritarismus » trennt darum die Nation in zwei Kategorien, die der Herrschenden und die der Beherrschten, deren gegenseitige Beziehungen unter der Herrschaft der Macht rein mechanische werden oder ausschließlich biologisch begründet sind.

Wer sieht nun nicht, dass auf solche Weise die wahre Natur der Staatsgewalt zutiefst umgekehrt wird? Die Staatsgewalt muss in der Tat aus sich selbst und in der Ausübung ihres Amtes dahin streben, dass der Staat eine wahre Gemeinschaft sei, innigst geeint im letzten Ziel, dem Gemeinwohl. Aber in diesem System wird der Begriff des Gemeinwohls so unbeständig und offenbart sich so klar als ein trügerisches Mäntelchen für das einseitige Interesse der herrschenden Klasse, dass ein zügelloser gesetzgeberischer «Dynamismus» jede Rechtssicherheit ausschließt und so ein grundlegendes Element jeder wahren richterlichen Ordnung unterdrückt.

Niemals könnte ein solcher falscher Dynamismus in der Kirche die wesentlichen Rechte, die den einzelnen physischen Ursprung und Wesen kirchlicher und staatlicher Gerichtsbarkeit und juristischen Personen zuerkannt sind, unterdrücken und beiseite schieben. Die kirchliche Gewalt hat ihrer Natur nach mit diesem «Autoritarismus» nichts gemein. Es kann ihm deshalb in keinem Punkte eine Beziehung zur hierarchischen Verfassung der Kirche zuerkannt werden.

Die demokratische Auffassung

Es bleibt noch die demokratische Form der staatlichen Gewalt zu untersuchen, in der manche eine engere Verwandtschaft mit der Verfassung der Kirche finden möchten. Ohne Zweifel erfüllt eine wahre theoretische und praktische Demokratie jene Lebensnotwendigkeit einer jeden gesunden Gemeinschaft, von der wir gesprochen haben. Aber diese erfüllt sich, oder kann sich wenigstens unter gleichen Bedingungen auch In andern rechtsmässigen Regierungsformen erfüllen.

Das christliche Mittelalter, das besonders vom Geiste der Kirche erfüllt war, hat mit seinem Reichtum blühender demokratischer Gemeinwesen klar gezeigt, wie der christliche Glaube eine wahre, eigentliche Demokratie zu schaffen versteht und sogar die einzige dauerhafte Grundlage für sie ist. Denn eine Demokratie ohne Einheit der Geister, wenigstens in den hauptsächlichsten Grundsätzen des Lebens, vor allem, was die Rechte Gottes und die Würde der menschlichen Person, die Achtung der ehrbaren persönlichen Tätigkeit und Freiheit, auch in politischen Angelegenheiten, betrifft, eine solche Demokratie wäre mangelhaft und ohne festen Halt. Wenn also das Volk sich vorn christlichen Glauben entfernt oder ihn nicht entschlossen zur Grundlage des bürgerlichen Lebens macht, dann verfälscht sich auch die Demokratie leicht, sie gerät aus den Fugen und droht mit der Zeit dem «Totalitarismus », dem «Autoritarismus» einer einzigen Partei zu verfallen.

Wenn man sich andererseits die Hauptthese der Demokratie vor Augen hält, dass der ursprüngliche Träger der von Gott kommenden staatlichen Gewalt das Volk (nicht etwa die «Masse») ist - eine These, die hervorragende christliche Denker zu allen Zeiten verfochten haben -, dann stellt sich der Unterschied zwischen der Kirche und dem Staat, auch dem demokratischen, immer klarer heraus.

II. Der Unterschied zwischen der kirchlichen und der staatlichen Gewalt

Die Kirche ist nicht natürlichen Rechts

Tatsächlich ist die kirchliche Gewalt, und folglich auch die richterliche Gewalt in der Kirche, von der staatlichen wesentlich verschieden.

Der Ursprung der Kirche ist im Gegensatz zu dem des Staates nicht natürlichen Rechtes. Selbst die umfassendste und genaueste Zergliederung des Begriffs der menschlichen Person bietet gar keinen Anhaltspunkt für den Schluss, dass die Kirche gleichwie die bürgerliche Gesellschaft auf natürliche Weise entstanden sein und sich entwickelt haben musste. Die Kirche entspringt einem eigenen Wollen Gottes neben und über der natürlichen sozialen Veranlagung des Menschen, wenn auch in vollkommener Harmonie mit ihr. Darum ist die kirchliche Gewalt, und dementsprechend auch die dazugehörende richterliche Gewalt, aus dem Willensakt geboren worden, durch den Christus seine Kirche gegründet hat. Das schließt nicht aus, dass, nachdem einmal die Kirche als vollkommene Gesellschaft durch den Erlöser gegründet war, aus deren innerster Natur nicht wenige Elemente hervorgingen, die der Struktur der staatlichen Gesellschaft ähnlich sind.

Kirchliche Rechtsbildung: von oben nach unten

In einem Punkt fällt aber der grundlegende Unterschied zwischen Staat und Kirche besonders klar auf. Die Gründung der Kirche als Gesellschaft vollzog sich im Gegensatz zum Ursprung des Staates nicht von unten nach oben, sondern von oben nach unten. Das will besagen: Christus, der in seiner Kirche das Reich Gottes auf Erden, das von ihm verkündet und für alle Menschen aller Zeiten bestimmt wurde, verwirklicht hat, hat die vom Vater zum Heil des Menschengeschlechtes empfangene Sendung als Lehrer, Priester und Hirte nicht der Gemeinschaft der Gläubigen anvertraut, sondern sie einem Kollegium von Aposteln oder Gesandten übertragen und verliehen, die von ihm selber ausgewählt wurden, damit sie durch ihre Predigt, durch den priesterlichen Dienst und die soziale Gewalt ihres Amtes die Scharen der Gläubigen zum Eintritt in die Kirche bewegen sollten, um sie zu heiligen, zu erleuchten und zur Vollreife in der Nachfolge Christi zu führen.

Überdenkt die Worte, mit denen er ihnen seine Gewalten übertrug: die Gewalt, im Andenken an ihn das Opfer darzubringen (Lk 22,19), die Gewalt, Sünden nachzulassen (Joh 20, 21-23), Verheißung und Verleihung der höchsten Schlüsselgewalt an Petrus und seine Nachfolger in persönlicher Weise (Mt 16, 19; Joh 21, 15-17), Mitteilung der Gewalt, zu binden und zu lösen, an alle Apostel (Mt 28, 18-20; Joh 20, 21). Bedenkt schließlich die Worte, mit denen Christus vor seiner Auffahrt eben diesen Aposteln die allgemeine Sendung übertrug, die er vorn Vater erhalten hatte (Mt 28, 18-20; Joh 20, 21). Findet sich in all dem etwas, das Anlass zu Zweifeln oder Missverständnissen geben könnte? Die ganze Geschichte der Kirche, von ihrem Anfang bis auf unsere Tage, ist ein ununterbrochenes Echo dieser Worte und gibt dasselbe Zeugnis mit einer Klarheit und einer Bestimmtheit, die keine Spitzfindigkeit stören oder verhüllen kann. So verkünden alle diese Worte und Zeugnisse einhellig, dass das Wesentliche, der Mittelpunkt in der Gewalt der Kirche nach dem ausdrücklichen Willen Christi und deshalb nach göttlichem Recht die Sendung ist, die er seinen Dienern im Heilswirken an der Gemeinschaft der Gläubigen und am ganzen Menschengeschlecht verliehen hat.

Der Can. 109 des kirchlichen Rechtsbuches hat dieses wunderbare Rechtsgebäude ins helle Licht gestellt und sagt in Worten, die wie gemeißelt sind: «Wer in die kirchliche Hierarchie aufgenommen wird, wird es nicht auf Grund der Zustimmung oder der Berufung von Seiten des Volkes oder der weltlichen Macht, sondern in den Graden der Weihegewalt durch die heilige Weihe, zum höchsten Pontifikat durch das göttliche Recht selbst nach Erfüllung der rechtmäßigen Wahl und deren Annahme, in den übrigen Graden der Jurisdiktion durch die kanonische Sendung».

«Nicht auf Grund der Zustimmung oder der Berufung des Volkes oder der weltlichen Macht»: das gläubige Volk oder die staatliche Gewalt können im Laufe der Jahrhunderte wohl oft bei der Benennung jener mitgewirkt haben, denen kirchliche Ämter verliehen werden sollten - übrigens können zu diesen Ämtern, eingeschlossen die Papstwürde, sowohl der Sprössling vornehmen Geschlechts wie der Sohn der einfachsten Arbeiterfamilie gewählt werden. In Wirklichkeit aber erhielten und erhalten die Glieder der kirchlichen Hierarchie ihre Autorität immer von oben und sind in der Ausübung ihres Amtes nur entweder unmittelbar Gott, dem der römische Pontifex allein untersteht, oder in den andern Graden ihren hierarchischen Obern gegenüber verantwortlich, aber sie haben durchaus keine Rechenschaft zu geben weder dem Volke noch der bürgerlichen Gewalt, wobei natürlich das Recht eines jeden Gläubigen gewahrt bleibt, in gebührender Form der zuständigen kirchlichen Autorität oder auch unmittelbar der höchsten Gewalt der Kirche, seine Gesuche und Rekurse einzureichen, besonders, wenn der Bittsteller oder Rekurrent von Gründen bewogen wird, die seine persönliche Verantwortung für sein eigenes oder anderer Seelenheil betreffen.

Schlussfolgerungen

Aus unseren Ausführungen ergeben sich hauptsächlich zwei Schlussfolgerungen:

1. Anders als im Staat ist in der Kirche der ursprüngliche Träger der Gewalt, die höchste richterliche Gewalt, die höchste Appellationsinstanz niemals die Gemeinschaft der Gläubigen. Es gibt also in der Kirche, wie sie von Christus gegründet wurde, kein Volksgericht und keine richterliche Gewalt, die vom Volke herflösse, und kann es in ihr nicht geben.

2. Die Frage der Ausdehnung und der Größe der kirchlichen Gewalt stellt sich ebenfalls ganz anders als beim Staate. Für die Kirche gilt in erster Linie der ausdrückliche Wille Christi, der ihr nach seiner Weisheit und Güte größere und geringere Machtbefugnisse verleihen konnte, stets unter Wahrung des Minimums, das durch ihr Wesen und ihr Ziel notwendigerweise erfordert ist. Die Gewalt der Kirche umfaßt den ganzen Menschen, den inneren und den äußeren, in Hinordnung auf die Erreichung des übernatürlichen Zieles, insofern der Mensch gänzlich dem Gesetze Christi untersteht, zu dessen Hüter und Vollstrecker, sowohl im äußeren Rechtsbereich wie im inneren oder Gewissensbereich, die Kirche von ihrem göttlichen Stifter bestellt worden ist. Es ist somit eine volle und vollkommene Gewalt, obgleich fremd jenem «TotaIitarismus», der eine würdige Berufung auf die klaren und unverjährbaren Forderungen des eigenen Gewissens nicht zuläßt und nicht anerkennt und die Gesetze des individuellen und sozialen Lebens vergewaltigt, jene Gesetze, die da eingeschrieben sind ins Menschenherz (Vgl. Röm 2,15). Die Kirche zielt in der Tat mit ihrer Gewalt nicht darauf, die menschliche Persönlichkeit zu vergewaltigen, sondern deren Freiheit und Vervollkommnung sicherzustellen, indem sie dieselbe vor den Schwachheiten, den Irrtümern und Irrwegen des Geistes und Herzens schützt, die früher oder später stets in Ehrlosigkeit oder Versklavung enden.

Ermahnung und Segen

Der heilige Charakter, den die kirchliche Rechtssprechung aus ihrem göttlichen Ursprung und aus ihrer Zugehörigkeit zur hierarchischen Gewalt empfängt, soll Euch, geliebte Söhne, eine recht hohe Achtung vor Eurem Amte einflößen und Euch anspornen, seinen strengen Verpflichtungen mit lebendigem Glauben, mit unwandelbarer Rechtschaffenheit und anhaltend wachsamem Eifer nachzukommen. Welch ein Glanz offenbart sich anderseits unter dem Schleier dieser Strenge dem Auge dessen, der in der richterlichen Gewalt die Majestät der Gerechtigkeit zu sehen versteht, die in all ihrer Wirksamkeit die Kirche erscheinen lassen will, die Braut Christi, «heilig und makellos» vor ihrem göttlichen Bräutigam und den Menschen (Eph 5, 27).

An diesem Tage der Eröffnung Eures neuen Gerichtsjahres erflehen wir Euch, geliebte Söhne, die Gnade und Hilfe des Vaters des Lichtes und Jesu Christi, dem er das ganze Gericht übertragen hat (Joh 5, 22), und des Geistes des Verstandes, des Rates und des Starkmutes und der Jungfrau Maria, des Spiegels der Gerechtigkeit und des Sitzes der Weisheit, indem Wir aus ganzem Herzen Euch allen, die Ihr anwesend seid, Euren Familien, allen denen, die Euch teuer sind, Unseren väterlichen Apostolischen Segen erteilen.

21. Oktober 1945

Ansprache
Questa grande vostra adunata

an Leiterinnen der Katholischen Aktion Italiens
Die Pflichten der Frau im sozialen und politischen Leben unserer Zeit
(Offizieller italienischer Text: AAS 37 [1945] 284-295)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 658-673; Nrn. 1344-1374)

1344 Eurer zahlreiches Erscheinen bei Uns, geliebte Töchter, gewinnt unter den gegenwärtigen Umständen eine besondere Bedeutung, denn wenn es Uns auch jederzeit Freude bereitet, Euch zu empfangen, Euch zu segnen und Euch Unsern väterlichen Rat zu erteilen, so kommt in diesem Augenblick das Bedürfnis hinzu, auf Eure dringenden Bitten hin über einen Gegenstand von großer Tragweite und erstrangiger Wichtigkeit für unsere Tage zu Euch zu sprechen, nämlich: von den Pflichten der Frau im sozialen und politischen Leben. Wir haben selber eine solche Gelegenheit mit Sehnsucht erwartet, denn die fieberhafte Aufgeregtheit einer qualvollen Gegenwart und mehr noch die hastige Sorge um die ungewisse Zukunft haben die Stellung der Frau zum Mittelpunkt des Interesses sowohl der Freunde wie der Feinde Jesu Christi und der Kirche gemacht.

Die Frauenfrage - Die Würde der Frau

1345 Sagen Wir es gleich, dass für Uns das Problem der Frau als Ganzes wie in jedem einzelnen seiner vielfältigen Gesichtspunkte einzig und allein in der Erhaltung und Vermehrung der Würde besteht, die die Frau von Gott empfangen hat. Daher ist es für Uns nicht ein Problem rein rechtlicher oder wirtschaftlicher, pädagogischer oder biologischer, staats- oder bevölkerungspolitischer Ordnung, sondern es geht bei aller Vielfalt des Problems allein um die Frage: Wie kann man diese Würde der Frau erhalten und stärken, zumal heute, unter den Verhältnissen, in die die Vorsehung uns gestellt hat? Das Problem anders sehen, es einseitig unter nur einem der eben erwähnten Gesichtspunkte betrachten, hieße, ihm ausweichen ohne Gewinn für irgend wen, am wenigsten für die Frau selber. Löst man es von Gott, von der weisen Anordnung des Schöpfers und seinem allerheiligsten Willen, so verkennt man den Kernpunkt der Frage, d. h. die wahre Würde der Frau, die Würde, die sie nur von Gott und in Gott hat.

1346 Daraus folgt, dass jene Systeme, die Gott und sein Gesetz aus dem sozialen Leben ausschalten und den Vorschriften der Religion höchstens einen bescheidenen Platz im Privatleben des Menschen einräumen, nicht imstande sind, die Frauenfrage richtig zu sehen.

Eben darum verachtet Ihr die tönenden und leeren Worte, mit denen gewisse Leute über die Ziele der Frauenbewegung urteilen, und habt Ihr Euch in lobenswerter Weise als katholische Frauen und junge Mädchen zusammengeschlossen und vereinigt, um den natürlichen Forderungen und dem wahren Interesse Eures Geschlechts in der richtigen Art zu dienen.

1. Die Würde der Frau und ihre Gefährdung in der heutigen sozialen Ordnung

Besonderheiten der beiden Geschlechter und ihre gegenseitige Zuordnung

1347 Worin besteht nun diese Würde, die die Frau von Gott empfangen hat? Fragt die menschliche Natur, wie sie der Herr erschaffen, erhoben und durch das Blut Christi losgekauft hat.

In ihrer persönlichen Würde als Kinder Gottes sind Mann und Frau völlig gleich, wie auch hinsichtlich des letzten Zieles des menschlichen Lebens, das in der ewigen Vereinigung mit Gott in der Seligkeit des Himmels besteht. Es ist der unvergängliche Ruhm der Kirche, diese Wahrheit ins Licht gestellt und zu Ehren gebracht zu haben und die Frau aus einer erniedrigenden Knechtschaft befreit zu haben, die der Natur widerspricht. Aber der Mann und die Frau können diese ihre gleiche Würde nicht erhalten und vervollkommnen, wenn sie nicht die besonderen Eigenschaften, die die Natur jedem von ihnen gegeben hat, achten und in die Tat umsetzen, unveränderliche körperliche und geistige Eigenschaften, deren Ordnung nicht umgestürzt werden kann, ohne dass die Natur selber immer wieder dazwischentritt, um sie wiederherzustellen. Diese besonderen Merkmale, die die beiden Geschlechter unterscheiden, zeigen sich mit solcher Klarheit vor aller Augen, dass nur eine verbohrte Blindheit oder ein ebenso unheilvoller wie utopischer Doktrinarismus ihre Bedeutung in der gesellschaftlichen Ordnung verkennen oder außer acht lassen kann.

Mehr noch: die beiden Geschlechter sind gerade durch ihre besonderen Eigenschaften so aufeinander hingeordnet, dass diese gegenseitige Zuordnung all die vielfältigen Ausdrucksformen des menschlichen Gesellschaftslebens beeinflusst.

Wir beschränken Uns darauf, Euch um ihrer besonderen Wichtigkeit willen nur an zwei dieser Lebensformen zu erinnern: den Ehestand und den Stand der freiwilligen Ehelosigkeit nach dem Rat des Evangeliums.

Der Ehestand

1348 Frucht einer wirklichen ehelichen Gemeinschaft sind nicht nur die Kinder, wenn Gott sie den Ehegatten schenkt, und die materiellen und geistigen Güter, die das Familienleben dem Menschengeschlecht darreicht. Die gesamte Kultur in allen ihren Zweigen, die Völker und die Gemeinschaft der Völker, selbst die Kirche, kurz alle wahren Güter der Menschheit erfahren ihren segensreichen Einfluss überall dort, wo dieses eheliche Leben in der richtigen Ordnung blüht, überall, wo die Jugend daran gewöhnt wird, es als ein heiliges Ideal anzusehen, zu ehren und zu lieben.

1349 Umgekehrt ist das Gemeinwohl der menschlichen Gesellschaft sowohl in der geistigen wie in der zeitlichen Ordnung überall da aufs schwerste bedroht, wo die beiden Geschlechter jene innige, von Gott gewollte und eingesetzte Harmonie vergessen und sich einem falschen Individualismus hingeben, wo sie füreinander nur noch Gegenstand von Selbstsucht und Gier sind, wo sie nicht mehr in gegenseitiger Übereinstimmung im Dienste der Menschheit nach den Vorschriften Gottes und der Natur zusammenwirken, wo die Jugend, unbekümmert um ihre Verantwortung und leichtfertig und oberflächlich in ihrem Geist und ihrem Betragen sich um die sittliche und leibliche Eignung für das heilige Leben der Ehe bringt. Selbst die Kirche Gottes bangt da, zwar nicht um ihr Bestehen - denn sie hat die göttlichen Verheißungen -, wohl aber um die reichlichen Früchte ihrer Sendung unter den Menschen.

Die freiwillige Ehelosigkeit nach dem Rat des Evangeliums

1350 Aber da verzichten seit fast zwei Jahrtausenden in allen Generationen Tausende und Tausende von Männern und Frauen gerade unter den besten freiwillig, um dem Rat Christi zu folgen, auf eine eigene Familie, auf die heiligen Pflichten und geheiligten Rechte des ehelichen Lebens. Ist dadurch das Gemeinwohl der Völker und der Kirche vielleicht gefährdet? Ganz im Gegenteil! Diese hochherzigen Seelen erkennen die Verbindung der beiden Geschlechter in der Ehegemeinschaft als ein hohes Gut an. Aber wenn sie sich vom üblichen Weg, von dem gebahnten Pfad entfernen, so entziehen sie sich damit keineswegs dem Dienst an der Menschheit, sondern weihen sich ihm mit der vollkommensten Loslösung von sich selbst und ihren eigenen Interessen in einer unvergleichlich weiteren, ganzheitlichen und umfassenderen Wirksamkeit. Betrachtet diese Männer und Frauen: Seht, wie sie sich dem Gebet und der Buße weihen, sich dem Unterricht und der Erziehung der Jugend und der Unwissenden widmen, sich über das Lager der Kranken und Sterbenden neigen mit einem allem Elend und aller Schwäche geöffneten Herzen, um sie aufzurichten, zu trösten, ihnen Linderung zu bringen, sie zu heiligen.

Die unfreiwillige Ehelosigkeit

1351 Wenn man an die jungen Mädchen und die Frauen denkt, die freiwillig auf die Ehe verzichten, um sich einem höheren Leben der Betrachtung, des Opfers und der christlichen Liebe zu weihen, so drängt sich sogleich ein leuchtendes Wort auf die Lippen: Berufung! Es ist das einzige Wort, das auf ein so erhabenes Gefühl passt. Diese Berufung, dieser Anruf voller Liebe macht sich in den verschiedensten Formen vernehmlich, so wie die Art und Weise der göttlichen Stimme unendlich vielfältig ist: unwiderstehliche Einladungen, liebevoll drängende Eingebungen, sanfte Antriebe. Doch auch die junge Christin, die gegen ihre Absicht unverheiratet bleibt, die aber fest an die Vorsehung des himmlischen Vaters glaubt, erkennt inmitten der Wechselfälle des Lebens die Stimme des Meisters: «( Magister adest et vocat te» - « Der Meister ist da und ruft dich!» (1 Joh. 11,28) Sie antwortet, sie verzichtet auf den süßen Traum ihrer zarten Jugend, einen treuen Lebensgefährten zu haben, eine Familie zu gründen! Und in der Unmöglichkeit zu einer Ehe erfasst sie ihre Berufung, und nun weiht auch sie sich ganz, mit gebrochenem, aber ergebenem Herzen, vollkommen den vielfältigen Werken der Wohltätigkeit.

Die Mutterschaft als natürliche Aufgabe der Frau

1352 Sowohl im einen wie im anderen Stand erscheint die Funktion der Frau klar vorgezeichnet durch die charakteristischen Züge, Veranlagungen und Begabungen ihres Geschlechts. Sie arbeitet an der Seite ihres Mannes, aber auf die Art, die ihr ihrer natürlichen Veranlagung nach eigen ist. Nun ist aber die Aufgabe der Frau, ihre Wesensart, ihre eingeborene Veranlagung die der Mutterschaft. Jede Frau ist dazu bestimmt, Mutter zu sein, Mutter im körperlichen Sinne des Wortes oder in einem mehr geistigen, erhabeneren, doch nicht minder wirklichen Sinne.

1353 Auf dieses Ziel hat der Schöpfer das ganze eigentümliche Wesen der Frau angelegt, ihren Organismus und mehr noch ihren Geist und vor allem ihr feines Gefühlsleben. Daher kann die Mutter, die wirklich Mutter ist, im Grunde alle Probleme des menschlichen Lebens nur unter dem Gesichtspunkt der Familie betrachten und verstehen. Eben darum weckt das verfeinerte Gefühl ihrer Würde jedes Mal ihre Besorgnis, wenn die soziale oder politische Ordnung ihre Sendung als Mutter und das Wohl der Familie zu benachteiligen droht.

Gerade dazu sind heute die sozialen und politischen Verhältnisse nur zu sehr angetan. Und sie könnten wohl noch unsicherer für die Heiligkeit des häuslichen Herdes und folglich auch für die Würde der Frau werden. Eure Stunde hat geschlagen, katholische Frauen und junge Mädchen. Das öffentliche Leben braucht Euch. Jeder einzelnen von Euch kann man zurufen: « Tua res agitur ! » - « Es geht um deine Sache! » (Horaz, Ep. I 18, 84)

Die ungünstigen sozialen und politischen Verhältnisse für die Heiligkeit der Familie und die Würde der Frau

1354 Dass schon seit langem die öffentlichen Ereignisse eine Wendung genommen, die dem Wohl der Familie und der Frau nicht günstig ist, ist eine unleugbare Tatsache. Verschiedene politische Bewegungen bemühen sich, die Frau für ihre Sache zu gewinnen. Gewisse totalitäre Systeme spiegeln ihr wunderbare Versprechungen vor: Gleichberechtigung mit dem Manne, Schutz der schwangeren Frau und der Wöchnerinnen, Garküchen und andere öffentliche Einrichtungen, die sie von der Last der häuslichen Sorgen befreien sollen, öffentliche Kindergärten und andere Einrichtungen, die vom Staat und der Gemeinde unterhalten und verwaltet werden sollen und die sie von ihren Pflichten als Mutter ihren eigenen Kindern gegenüber befreit, unentgeltliche Schulen, Beistand in Krankheit.

1355 Die Vorteile, die die eine oder andere dieser sozialen Vorkehrungen bringen, sind nicht zu leugnen, wenn man sie im rechten Maße einsetzt. Vielmehr haben Wir selber bei anderer Gelegenheit bemerkt, dass die Frau bei der gleichen Arbeit und der gleichen Leistung den gleichen Lohn erhalten muss wie der Mann. Doch der wesentliche Punkt der Frage, auf den Wir schon hingewiesen haben, bleibt: Hat sich die Lage der Frau dadurch gebessert?

1356 Die Gleichberechtigung mit dem Manne hat die Frau mit ihrer Wegführung aus dem Heim, wo sie Königin war, der gleichen Arbeitslast und Arbeitszeit unterworfen. Man hat sich um ihre wahre Würde, die sichere Grundlage aller ihrer Rechte, nämlich den eigentlichen Charakter ihres Frauentums und die innige Zuordnung der beiden Geschlechter zueinander nicht gekümmert. Man hat das Ziel aus den Augen verloren, das der Schöpfer zum Wohl der menschlichen Gesellschaft und besonders der Familie gewollt hat. Die Zugeständnisse, die man der Frau gemacht hat, lassen weniger die Rücksicht auf ihre Würde und ihre Sendung erkennen als vielmehr die Absicht, die wirtschaftliche und militärische Macht des totalitären Staates, dem alles unerbittlich untergeordnet sein muss, zu steigern.

1357 Kann die Frau anderseits ihr wahres Glück von einer überwiegend kapitalistischen Gesellschaftsordnung erwarten? Wir brauchen Euch die wirtschaftlichen und sozialen Folgen, die sich aus dieser Ordnung ergeben, nicht erst zu beschreiben. Ihr kennt ihre Merkmale und Ihr leidet selbst unter ihrem Druck: übermäßige Zusammendrängung der Bevölkerung in den Städten, fortschreitendes und Überhandnehmendes Wachstum der großen Betriebe, schwierige und unsichere Lage der übrigen Gewerbe, ganz besonders des Handwerks und noch mehr der Landwirtschaft, beunruhigendes Anwachsen der Arbeitslosigkeit.

Der Sendung der Frau und der Mutter am häuslichen Herd soweit wie möglich wieder zu Ehren zu bringen, das ist die Losung, die wie ein Alarmruf von allen Seiten ertönt, als ob die Welt erwache, gleichsam erschreckt von den Früchten eines materiellen und technischen Fortschritts, auf den sie bislang so stolz war.

Betrachten wir die wirkliche Lage der Dinge.

Traurige Folgen der Abwesenheit der Mutter vom häuslichen Herde

1358 Da ist die Frau, die, um das Einkommen ihres Mannes zu steigern, ebenfalls in die Fabrik arbeiten geht und ihr Haus während ihrer Abwesenheit allein lässt. Dieses, das vielleicht schon düster und eng ist, wird durch den Mangel an Pflege noch elender. Die Mitglieder der Familie arbeiten getrennt an den vier Enden der Stadt und zu verschiedenen Stunden. Sie treffen sich beinahe nie: weder zum Essen, noch um sich nach den Mühen des Tages zu erholen, noch weniger zum gemeinsamen Gebet. Was bleibt da vom Familienleben noch übrig? Und welchen Reiz kann es noch für die Kinder haben?

Unter diesen Folgen ist die beklagenswerteste die sittliche Verwahrlosung der heranwachsenden Tochter

1359 Zu diesen schmerzlichen Folgen der Abwesenheit der Frau und Mutter vom häuslichen Herd kommt noch eine beklagenswertere hinzu. Sie betrifft die Erziehung, besonders die des jungen Mädchens und seine Vorbereitung auf die Wirklichkeit des Lebens. Daran gewöhnt, die Mutter immer außer Hauses und das Heim selbst so trostlos verlassen zu sehen, wird es nicht imstande sein, an ihm irgendeinen Reiz zu entdecken. Es wird nicht den geringsten Geschmack an den ernsten häuslichen Beschäftigungen finden. Es wird ihren Adel und ihre Schönheit nicht verstehen, noch darnach verlangen, sich ihnen eines Tages als Gattin und Mutter zu widmen.

1360 Das trifft für alle Gesellschaftsschichten und alle Lebensverhältnisse zu. Die Tochter der mondänen Frau, die sieht, wie die ganze Leitung des Haushalts fremden Händen überlassen wird, während ihre Mutter sich mit leichtfertigen Beschäftigungen und flüchtigen Zerstreuungen die Zeit vertreibt, wird ihrem Beispiel folgen und sich so bald als möglich freimachen wollen, um, wie ein trauriges Wort es ausdrückt, « ihr Leben zu leben». Wie könnte sie auf den Wunsch kommen, einmal eine wirkliche « Herrin» zu werden, d. h. eine Hausfrau in einer glücklichen, blühenden und würdigen Familie?

1361 Was die Arbeiterklasse anbetrifft, die genötigt ist, sich das tägliche Brot zu verdienen, so könnte die Frau bei gutem Nachdenken vielleicht erkennen, wie der Zusatz zum Verdienst, den sie durch ihre Arbeit außer dem Hause einbringt, nicht selten durch andere Ausgaben und auch durch Verschwendungen, die die wirtschaftliche Lage der Familie vernichten, leicht verschlungen wird. Wie sollte das junge Mädchen, das ebenfalls außerhalb des Hauses in einer Fabrik, einem Betrieb, einem Büro arbeitet, betäubt von der erregten Welt, in deren Mitte es lebt, geblendet vom Glanz eines falschen Luxus, begierig geworden nach verdächtigen Vergnügungen, die zerstreuen, aber weder Erholung bieten noch ausruhen lassen, bei « Revuen» und in Tanzsälen, wie sie überall aufschießen, häufig mit parteipropagandistischen Absichten, und die Jugend verderben, zur « Klassenfrau », zur Verächterin der alten Sitten des « neunzehnten Jahrhunderts » geworden, - wie sollte dieses junge Mädchen das bescheidene Heim nicht ungastlich und noch düsterer finden, als es in Wirklichkeit ist? Wenn es sich dort wohlfühlen, wenn es wünschen sollte, sich selber dort eines Tages für dauernd niederzulassen, müsste es imstande sein, diesen natürlichen Eindruck durch den Ernst seines geistigen und sittlichen Lebens, durch die Kraft seiner religiösen Erziehung und seines übernatürlichen Ideals aufzuwiegen. Aber welche religiöse Bildung hat es unter derartigen Verhältnissen empfangen?

1362 Das ist noch nicht alles. Ihre vor der Zeit gealterte, von den ihre Kräfte übersteigenden Anstrengungen, von Tränen und Sorgen verbrauchte und zermürbte Mutter wird sie in späteren Jahren sehr spät abends erst heimkommen sehen und so, anstatt in ihr eine Hilfe und Unterstützung zu haben, gezwungen sein, bei der Tochter, die in den häuslichen, weiblichen Arbeiten ganz unerfahren und unbrauchbar ist, alle Arbeiten einer Dienstmagd zu verrichten. Nicht besser ist das Los des Vaters, wenn er ins vorgeschrittene Alter kommt und Krankheiten, Gebrechlichkeit, Arbeitslosigkeit ihn zwingen, sich für seinen armseligen Unterhalt in die Abhängigkeit von dem guten oder schlechten Willen seiner Kinder zu begeben. Die erhabene, heilige Autorität von Vater und Mutter ist so all ihrer Majestät entkleidet.

II. Die Frau im öffentlichen Leben

Die Pflicht der Frau, am öffentlichen Leben teilzunehmen

1363 Müssen wir nun daraus folgern, dass Ihr, katholische Frauen und junge Mädchen, Euch der Bewegung, die Euch, ob Ihr wollt oder nicht, in den Kreis des sozialen und politischen Lebens hineinreißt, entziehen sollt? Gewiss nicht!

Angesichts der Theorien und Methoden, die auf verschiedene Weise die Frau von ihrer eigentlichen Aufgabe losreißen und sie mit Hilfe der Trugbilder einer zügellosen Freiheit oder durch die Wirklichkeit eines hoffnungslosen Elendes ihrer persönlichen Würde, ihrer Würde als Frau berauben, haben Wir den Angstschrei gehört, der nach Möglichkeit die tätige Gegenwart der Frau am häuslichen Herd wieder zurückverlangt.

1364 Nun ist ja die Frau in Wirklichkeit nicht nur der beanspruchten Freiheit wegen dem Heim entzogen, sondern oft auch um der Lebensnotdurft, des andauernden Kampfes um das tägliche Brot willen. Man wird also umsonst ihre Rückkehr zum Herde predigen, solange die Verhältnisse andauern, die sie in vielen Fällen zwingen, ihm fernzubleiben. Und hier zeigt sich nun der erste Gesichtspunkt Eurer Aufgabe im sozialen und politischen Leben, die sich vor Euch auftut.

Euer Eintritt in dieses öffentliche Leben hat sich plötzlich vollzogen als Folge der sozialen Umwälzungen, deren Augenzeugen Wir sind. Das tut nichts! Ihr seid aufgerufen, daran teilzunehmen. Wollt Ihr vielleicht denen, die sich als Vorkämpferinnen und Genossinnen der Zerstörung des häuslichen Herdes zusammengetan haben, das Monopol des Aufbaus der Gesellschaft überlassen, deren wichtigstes Element die Familie in ihrer wirtschaftlichen, rechtlichen, geistigen und sittlichen Einheit ist? Das Schicksal der Familie und das Schicksal der menschlichen Gesellschaft stehen auf dem Spiel. Sie liegen in Eurer Hand: tua res agitur! Jede Frau hat also ohne Ausnahme, beachtet es wohl, die Pflicht, die strenge Gewissenspflicht, sich nicht abseits zu stellen, zu handeln (in den Formen und auf die Art, die den Anlagen jeder einzelnen entsprechen), um die Ströme, die das Heim bedrohen, einzudämmen, um die Lehren, die seine Grundlagen erschüttern, zu bekämpfen, um seine Wiederherstellung vorzubereiten, zu lenken und zu vollenden.

1365 Zu diesem Beweggrund, der die katholische Frau dazu drängt, den Weg zu beschreiten, der sich heute ihrer Tatkraft öffnet, kommt noch ein anderer: ihre Würde als Frau. Sie muss mit dem Manne zum Wohl der « civitas », in der sie ihm an Würde gleichsteht, mitarbeiten. Jedes der bei den Geschlechter soll den Teil übernehmen, der ihm seiner Natur, seinen Eigentümlichkeiten, seinen physischen, geistigen und sittlichen Anlagen nach entspricht. Alle beide haben das Recht und die Pflicht, zum Gesamtwohl der Gesellschaft und des Vaterlandes beizutragen. Aber es ist klar, dass, wenn der Mann sich durch sein Temperament zu den äußeren Geschäften, den öffentlichen Angelegenheiten hingezogen fühlt, die Frau im allgemeinen einen größeren Scharfsinn und feineren Takt besitzt, die heiklen Probleme des Haus- und Familienfebens, der Grundlage des ganzen gesellschaftlichen Lebens, zu verstehen und lösen, was nicht hindert, dass einige von ihnen auch auf jedem anderen Gebiet öffentlicher Wirksamkeit Beweise großer Geschicklichkeit zu erbringen vermögen.

1366 Das alles ist nicht so sehr eine Frage der Verteilung der Obliegenheiten als der Art der Urteilsbildung und des konkreten und praktischen Vorgehens. Nehmen wir den Fall der bürgerlichen Rechte: sie sind heute für beide die gleichen. Aber wie viel angemessener und wirksamer werden sie ausgewertet werden, wenn Mann und Frau es dazu bringen, sich gegenseitig zu ergänzen! Das der Frau eigene feine Empfindungsvermögen, das sie im Gefühl ihrer Eindrücke hinreißen und so in Gefahr bringen könnte, der Klarheit und Weite der Sicht, der Unbefangenheit des Urteils, der Voraussicht der entfernteren Folgen zu schaden, sind im Gegenteil eine kostbare Hilfe, um die Erfordernisse, die Bestrebungen und die Gefahren auf dem Gebiet des häuslichen Lebens, der Fürsorge und der Religion im richtigen Licht zu sehen.

Das weite Gebiet der Wirksamkeit der Frau im gegenwärtigen bürgerlichen und politischen Leben

1367 Das Wirken der Frau entfaltet sich zum großen Teil in den Arbeiten und Beschäftigungen des häuslichen Lebens, die einen größeren und wertvolleren Beitrag zum wahren Wohl der sozialen Gemeinschaft liefern, als man gewöhnlich denkt. Aber die Wahrung dieser Belange erfordert außerdem eine Schar von Frauen, die über mehr Zeit verfügen, um sich ihr unmittelbarer und ohne Einschränkung widmen zu können.

1368 Wer könnte das besser sein, als ganz besonders (Wir wollen sicherlich nicht sagen ausschließlich) jene Frauen, von denen Wir soeben gesprochen haben, denen durch die Macht der Verhältnisse jene geheimnisvolle « Berufung » vorgeschrieben worden ist und die durch den Lauf der Dinge zu einer Einsamkeit gezwungen worden sind, die nicht in ihren Plänen und Bestrebungen lag und sie zu einem selbstsüchtig unnützen, ziellosen Leben zu verurteilen schien? Statt dessen zeigt sich ihnen heute eine so vielfältige, kämpferische, alle ihre Kräfte anspannende Aufgabe, dass nur wenige der andern Frauen, die durch die Angelegenheiten ihrer Familie und der Erziehung ihrer Kinder in Anspruch genommen oder dem heiligen Joch der Ordensregel unterworfen sind, imstande wären, sie zu erfüllen.

1369 Bisher haben sich einige dieser Frauen mit einem oft bewundernswürdigen Eifer den Arbeiten in der Pfarrei gewidmet. Andere haben sich mit stets wachsendem Weitblick Werken sozialer und sittlicher Fürsorge von großer Bedeutung gewidmet. Ihre Zahl ist infolge des Krieges und des Elends, das er mit sich gebracht hat, beträchtlich angewachsen. Viele wertvolle Männer sind in dem schrecklichen Kriege gefallen. Andere sind krank zurückgekommen. Zahlreiche junge Frauen werden infolgedessen umsonst auf den Gatten, auf das Aufblühen neuen Lebens in ihrer einsamen Wohnung warten. Doch zu gleicher Zeit sind durch den Eintritt der Frau in das bürgerliche und politische Leben neue Bedürfnisse entstanden und verlangen nach ihrer Mitarbeit. Ist das etwa nur ein sonderbares Zusammentreffen, oder müssen wir darin nicht das Walten der göttlichen Vorsehung erblicken?

1370 Derart weit ist das Arbeitsfeld, das sich heute der Frau bietet. Und es kann, je nach Fähigkeit und Charakter einer jeden, geistiger oder mehr praktischer Art sein. Den Ort und die Aufgabe der Frau in der Gesellschaft, ihre Rechte und Pflichten studieren und verkünden, Erzieherin und Führerin der eigenen Schwestern werden, Begriffe zurechtrichten, Vorurteile zerstreuen, Klarheit in die Verwirrung bringen, die Lehre der Kirche erklären und verbreiten, um dadurch um so sicherer den Irrtum, die Täuschung und die Lüge zu zerstören, um die Taktik der Gegner des Dogmas und der katholischen Sittenlehre wirksamer zu vereiteln: eine gewaltige Aufgabe von dringlicher Notwendigkeit, ohne die aller Apostolatseifer nur spärliche Erfolge zeitigen würde. Doch auch der unmittelbare Einsatz ist unerlässlich, wenn man nicht will, dass die gesunden Lehren und festen Überzeugungen, wenn nicht völlig platonisch, so doch arm an praktischen Ergebnissen bleiben.

1371 Diese unmittelbare Teilnahme, diese wirksame Mitarbeit am sozialen und politischen Leben ändert nichts am besonderen Charakter des normalen Wirkens der Frau. An der Seite des Mannes wird sie sich auf dem Gebiet der bürgerlichen Einrichtungen doch hauptsächlich den Dingen zuwenden, die Takt, Feingefühl und mütterlichen Instinkt erfordern, weniger denen, die Strenge in der Verwaltung verlangen. Wer kann besser als sie verstehen, was die Würde der Frau, die Unbescholtenheit und Ehre des jungen Mädchens, der Schutz und die Erziehung des Kindes erfordern ? Und wie viele Fragen in all diesen Bereichen verlangen die Aufmerksamkeit und das Eingreifen der Regierenden und der Gesetzgeber! Einzig die Frau wird z. B. bei der Unterdrückung der Ausschweifung die Strenge durch ihre Güte zu mildern verstehen, ohne dass dadurch die Wirksamkeit aufgehoben würde. Sie allein wird die Wege finden können, um die moralisch verwahrlosten Kinder aus ihrer Erniedrigung zu retten und zur Ehrbarkeit und zu den religiösen und bürgerlichen Tugenden zu erziehen. Sie allein wird das Werk der Betreuung und der gesellschaftlichen Wiedereingliederung der aus dem Gefängnis Entlassenen und der gefallenen Mädchen fruchtbar gestalten. In ihrem Herzen allein findet der Schrei der Mütter ein Echo, denen ein totalitärer Staat, mit welchem Namen er sich auch schmücken mag, die Erziehung ihrer Kinder nehmen möchte.

Schlussbetrachtungen über die Pflichten der Frau

a) bezüglich der Vorbereitung und Ausbildung für das soziale und politische Leben

1372 So zeichnet sich das Programm der Pflichten der Frau deutlich ab, deren praktisches Ziel ein Doppeltes ist: ihre Vorbereitung und Ausbildung für das soziale und politische Leben und die Entwicklung und Entfaltung dieses sozialen und politischen Lebens auf privatem und öffentlichem Gebiet.

Es ist klar, dass die so verstandene Aufgabe der Frau sich nicht aus dem Stegreif lösen lässt. Der mütterliche Instinkt ist bei ihr ein menschlicher Instinkt, der von der Natur nicht bis in alle Einzelheiten seiner Anwendung bestimmt ist. Er wird von einem freien Willen geleitet, und dieser seinerseits wird vom Verstand geführt. Daher sein sittlicher Wert und seine Würde, doch auch seine Unvollkommenheit, die durch Erziehung ausgeglichen und abgelöst werden muss.

1373 Die frauliche Erziehung des jungen Mädchens - und nicht selten auch der erwachsenen Frau - ist also eine notwendige Bedingung seiner Vorbereitung und Ausbildung für ein seiner Würde entsprechendes Leben. Das Ideal wäre zweifellos, dass diese Erziehung schon in der Kindheit begänne, in der Innerlichkeit eines christlichen Heims unter dem Einfluss der Mutter. Doch ist das nicht immer der Fall, noch auch immer möglich. Immerhin kann man diesen Mangel wenigstens teilweise ausgleichen, indem man dem jungen Mädchen, das außer Hauses zu arbeiten gezwungen ist, eine jener Beschäftigungen verschafft, die in gewisser Hinsicht eine Probezeit oder Vorschule für jenes Leben bilden, für das es bestimmt ist. Diesen Zweck verfolgen auch jene Haushaltungsschulen, deren Ziel es ist, das Kind und junge Mädchen von heute zur Frau und Mutter von morgen heranzubilden.

Wie lobenswert und aller Ermutigung würdig sind doch solche Einrichtungen! Sie stellen eine der Formen dar, in denen sich Euer mütterliches Empfinden und Euer mütterlicher Eifer weitgehend üben und ergießen kann, und zwar eine der lobenswertesten Formen, weil das Gute, das Ihr dort tut, sich ins Unendliche fortpflanzt, indem es Eure Schülerinnen instand setzt, anderen, in der Familie oder außerhalb, das Gute zu tun, das Ihr ihnen selbst getan habt. Was soll man noch von den vielen anderen Werken sagen, mit denen Ihr den Familienmüttern sowohl für ihre geistige und religiöse Bildung wie in traurigen oder schwierigen Umständen ihres Lebens zu Hilfe kommt?

b) bezüglich der praktischen Verwirklichung des sozialen und politischen Lebens der Frau

1374 Doch bei Eurer sozialen und politischen Wirksamkeit hängt sehr vieles von der Gesetzgebung des Staates und der Verwaltung der Gemeinde ab. Darum ist der Wahlzettel in der Hand der katholischen Frau ein wichtiges Mittel, um ihre strenge Gewissenspflicht zumal in der gegenwärtigen Zeit zu erfüllen. Der Staat und die Politik haben in der Tat gerade die Aufgabe, den Familien jeder Gesellschaftsschicht die nötigen Voraussetzungen zu schaffen, damit sie als wirtschaftliche, rechtliche und sittliche Einheiten bestehen und sich entfalten können. Dann wird die Familie wirklich die Lebenszelle von Menschen sein, die ehrenhaft für ihr irdisches und ewiges Wohl sorgen. All das versteht die Frau, die wirklich Frau ist. Was sie jedoch nicht versteht, noch verstehen kann, ist, dass man unter Politik die Herrschaft einer Klasse über die anderen, das ehrgeizige Streben nach immer weiterer Ausdehnung wirtschaftlicher und nationaler Herrschaft verstehen soll, unter welchem Beweggrund immer sie angeblich gesucht wird. Denn die Frau weiß, dass eine solche Politik verstecktem oder offenem Bürgerkrieg, einer durch die Rüstung stetig anwachsenden Belastung und der ständigen Kriegsgefahr den Weg bahnt. Sie weiß aus Erfahrung, dass eine solche Politik auf jeden Fall zum Schaden der Familie ist, die sie mit ihrem Hab und Gut und mit ihrem Blut teuer bezahlen muss. Daher erklärt sich keine einsichtige Frau für eine Politik des Klassenkampfes oder des Krieges. Ihr Weg zur Wahlurne ist ein Friedensweg. Die Frau wird diesen Weg im Interesse und zum Wohl der Familie beschreiten und ihre Stimme jeglicher Bestrebung, von welcher Seite sie auch ausgehen mag, verweigern, die den inneren und äußeren Frieden des Volkes selbstsüchtigen Herrschaftsgelüsten unterordnen will.

Mut also, Ihr katholischen Frauen und jungen Mädchen! Arbeitet unermüdlich, ohne Euch je durch die Schwierigkeiten und Hindernisse entmutigen zu lassen! Seid unter dem Banner Christi, des Königs, unter dem Schutz der wunderbaren Mutter, der Königin aller Mütter, die Retterinnen des häuslichen Herdes, der Familie, der Gesellschaft! Die göttliche Gnade möge reichlich auf Euch herabkommen! Als ihr Unterpfand erteilen Wir Euch aus der überströmenden Liebe Unseres väterlichen Herzens den Apostolischen Segen.

2. Juni 1947

Ansprache
Ancora una volta

an das Kardinalskollegium, anlässlich der Glückwünsche zu seinem Namenstag
über die hauptsächlichsten sozialen Anliegen der heutigen Welt
(Offizieller italienischer Text: AAS 39 [1947] 258-266)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 232-241; Nrn. 523-548)

Einleitung: Das Jahr 1947

Schon wieder bietet uns die Feier des Festes Unseres heiligen Vorgängers und himmlischen Patrons Gelegenheit zu einer kurzen Aussprache mit Euch, ehrwürdige Brüder, über die großen Fragen und das gewaltige Geschehen der gegenwärtigen Stunde wie über die der ganzen Welt drohenden Gefahren. Dieses Eröffnen Unseres Denkens und Empfindens wie die ihm entsprechenden Gedanken und Gefühle, die Euer verehrter Dekan Uns so wohltuend bekundet hat, mögen für jeden von Euch, Unsere engsten Berater und treuen Mitarbeiter, und für Uns selber ein Ansporn sein, mit erneutem Vertrauen, mit verdoppelter Spannkraft, mit beschwingter Hingabe das Werk des Apostolates weiterzuführen, das heute mehr denn je auf allen Arbeitern im Weinberg des Herrn, auf allen Dienern des Heiligtums lastet.

Das Jahr 1947! Wie wird das Urteil lauten, das die kommenden Zeiten darüber fällen werden? Es ist beinahe zur Hälfte abgelaufen, und bis zur Stunde, bis zu diesem Augenblick, da Wir zu Euch sprechen, hat es da vielleicht der Welt etwas anderes beschert als den scheinbar unversöhnlichen Zwiespalt zwischen der beängstigenden Anhäufung der zu lösenden Probleme, in denen es versinkt und sich verstrickt, und der beschämenden Armseligkeit ihrer Lösungen?

Das Urteil der Geschichte wird den Ergebnissen entsprechen, welche die Ereignisse und Beratungen in den noch restlichen Monaten des Jahres hervorbringen werden.

Die zukünftigen Geschlechter werden es segnen oder verwünschen, je nachdem es für die große Menschheitsfamilie darstellen wird entweder den Ausgangspunkt zum Wiedererwachen eines Brudersinns, der sich in einer menschenwürdigen, allen heilsamen und für alle erträglichen Rechts- und Friedensordnung auswirkt, oder aber ein fortschreitendes Abgleiten in die sumpfigen Gewässer der Zwietracht und Gewalt, aus deren Schlamm nur die pestartige und verderbliche Giftluft neuen und unberechenbaren Unheils aufsteigen kann.

Zuverlässige Sicherung vor kommendem Krieg, Mahnung an die Siegerstaaten

Die durch den Krieg verursachten Wunden sind noch nicht vernarbt; im Gegenteil haben sich bestimmte von ihnen vertieft und verschärft.

Hat man je so viel von der allgemeinen Sicherheit gesprochen, die die Frucht des Sieges sein sollte? Wo ist sie? Ist der Eindruck der Unsicherheit, die Furcht vor dem Kriege vielleicht verschwunden oder wenigstens vermindert? Wenn man die Dinge betrachtet, wie sie in Wirklichkeit sind, muss man zugeben, dass es auch beim besten Willen nicht möglich ist, jetzt schon jene Sicherheit zu schaffen, die die Menschheit so heiß ersehnt.

Aber dann treffe man doch nicht Nachkriegs- und Friedensmaßnahmen, die nichts zu tun haben mit der Bestrafung der Kriegsverbrecher, die aber doch bitterste Enttäuschung hervorrufen gerade bei jenen, die keine Verantwortung tragen für die Schuld vergangener Systeme, die von diesen im Gegenteil selbst verfolgt und bedrückt wurden! Oder glaubt man vielleicht, den Aufbau der allgemeinen Sicherheit zu fördern, indem man in ihrem Unterbau weithin Ruinen anhäuft, nicht nur materielle, sondern auch von lebenden Menschen? Wie könnte sich ein Europa sicher fühlen, dessen Glieder der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung preisgegeben wären, diesen dunklen und düsteren Mächten der Zersetzung, deren sich leicht die Verführer von morgen zu ihren Zwecken bedienen werden, wie es die von gestern getan haben?

Wir kennen leider den Umfang und die Schwere des namenlosen Grauens und der Verwüstung, womit das Antlitz Europas von einem besiegten System bedeckt worden ist, und Wir wollen die Anhäufung von dessen Schuld gewiss nicht verkleinern. Aber wie können die siegreichen Völker ihrerseits die Methoden des Hasses und der Gewalt anwenden oder dulden, aus denen jenes System lebte und handelte; wie können sie Waffen gebrauchen, deren Benützung durch andere ihre gerechte Entrüstung hervorrief? Und wer könnte je vernünftigerweise im Zusammenbruch und in der Verelendung des Nachbarn eine Garantie für die eigene dauerhafte Sicherheit suchen?

Deshalb möchten Wir die Völker noch einmal mahnen und warnen: Die Sicherheit kann, so weit sie überhaupt in dieser Welt erreichbar ist, keine andere zuverlässige Grundlage haben als physische und sittliche Volkskraft, geordnete innerstaatliche Verhältnisse und nach außen normale gutnachbarliche Beziehungen. Nun ist es auch nach dem zweiten Weltkrieg immer noch möglich, solche normale Beziehungen wieder anzuknüpfen. Mögen die Staatslenker die Gelegenheit sich nicht entgehen lassen: sie könnte (wolle Gott es verhüten) die letzte sein.

Wohlstand der einzelnen Nation ohne Rücksicht auf die andern Volkswirtschaften nicht möglich

Man hat auch so viel von der allgemeinen Prosperität gesprochen, die ebenfalls als Frucht des Sieges reifen sollte. Wo ist sie? Ganz gewiss gibt es Länder, in denen die Maschinen ohne Unterbrechung auf hohen Touren laufen. Produktion über Produktion! Der Zauberschlüssel zum Sesamgold, das Geheimnis, die Untaten des Krieges bis zur letzten Spur auszumerzen, alle die Abgründe auszufüllen, die er hinterlassen hat! Aber der Wohlstand der Völker kann nicht zuverlässig gesichert sein, wenn er nicht das gemeinsame Los aller ist. Und so könnte es kommen, dass die Arbeitslosigkeit und mangelnde Tauschfähigkeit, zu denen sich bestimmte Völker verurteilt sehen, in nicht allzu ferner Zukunft Wirtschaftskrisen und Arbeitslosigkeit auch bei den anderen mit sich bringen.

Die Freiheit, die wahre Demokratie

Man hat dann so viel gesprochen von der Ordnung der Freiheit, die ebenfalls die edle Frucht des Sieges sein werde, Freiheit, die triumphieren sollte über Willkür und Gewalt. Aber Freiheit kann nur gedeihen, wo Recht und Gesetz herrschen und die Achtung vor der Würde des einzelnen wie der Völker wirksam sichern.

Unterdessen wartet die Welt noch darauf und verlangt, dass Recht und Gesetz für die einzelnen und die Gesellschaft feste Verhältnisse schaffen; unterdessen leben immer noch Millionen von Menschen unter Willkür und Zwang. Nichts ist ihnen sicher: Weder ihr Heim noch ihre Habe, weder ihre Freiheit noch ihre Ehre; so erlischt in ihnen der letzte Rest von Daseinsfreude, der letzte Funke des Willens zum Leben.

In Unserer Weihnachtsansprache von 1944 haben Wir Uns an eine Welt gewandt, die ganz begeistert war für die Demokratie und sie überall verbreiten wollte. Wir legten darauf an, die sehr hohen sittlichen Anforderungen einer richtigen und gesunden demokratischen Ordnung auseinanderzusetzen. Heute fürchten nicht wenige, das Vertrauen in eine solche Ordnung möchte gemindert sein infolge des verletzenden Gegensatzes zwischen der «Demokratie in Worten» und der nackten Wirklichkeit. Wenn Wir in diesem Augenblick Unsere Stimme erheben, so geschieht es nicht, um all den guten Willen zu entmutigen, der sich schon ans Werk gemacht hat, oder um das minder zu bewerten, was bereits erreicht worden ist; es geschieht nur aus dem Verlangen, beizusteuern, soweit es an Uns liegt, zu einer Besserung der gegenwärtigen Lage. Es ist noch nicht zu spät dazu, dass die Völker der Erde in gemeinsamem Bemühen die Bedingungen schaffen, die unerlässlich sind für wahre Sicherheit, für allgemeinen Wohlstand oder wenigstens für die Sicherung einer erträglichen Lebenshaltung, sowie für eine segenbringende Ordnung der Freiheit.

Jugend in Not

Ein Wert allererster Ordnung macht solch gemeinsames Bemühen einfachhin notwendig: Es ist das Wohl der Jugend und der Familie ...

Die Kirche als besorgte Mutter ist es aber nicht allein, die um das Wohl der Jugend zu fürchten hat. In einer Reihe von Ländern leiden die jugendlichen Generationen von frühen Jahren, von der Kindheit an, unter Verelendung, unter körperlicher und seelischer Blutleere als Folge leiblicher Armut mit allen ihren traurigen Begleiterscheinungen, als Folge ungenügenden oder gänzlich fehlenden Familienlebens, mangelhafter Erziehung und Ausbildung oder endlich als Folge vielleicht langer Jahre der Gefangenschaft und Fremde. In den dagegen besser gestellten Völkern bedrohen Gefahren anderer Art - oft gerade aus übersteigertem Wohlleben und Vergnügungssucht heraus, und um wie viel trauriger! - die leibliche und sittliche Gesundheit des jungen Menschen. Was aber noch ernster ist und das Übel noch schwerer heilbar macht: Das unbestimmt lange Andauern der verworrenen allgemeinen Lage mit den Zerrüttungen, die sie hervorruft, mit der verhängnisvollen Ungewissheit um die Zukunft, die sie mit sich bringt, pflanzt in die Herzen der heranwachsenden Jugend das Misstrauen gegen die ältere Generation, die sie für all die Übel, an denen sie leidet, verantwortlich macht; sie pflanzt in sie den Zweifel an allen von der letzteren so hoch gepriesenen und überlieferten Grundsätzen und Werten.

Es besteht ernste Gefahr, dass viele Jugendliche, angesteckt von diesen Krankheitskeimen, schließlich einem reinen Nihilismus verfallen. Wehe den Völkern, wenn eines Tages in ihrer Jugend das heilige Feuer des Glaubens, der Ideale, der Opferwilligkeit, der einsatzbereiten Hingabe erlischt ! Wenn eine solche Lage der Dinge auch nur kurze Zeit andauert - was mag ihr Ende sein?

Die Familie in schwerster Gefahr

In einem ähnlichen Zustand völliger Unsicherheit, einem Zustand, der sich verewigen zu wollen scheint, schwebt auch die Familie, diese naturgemäße Pflanz- und Bildungsstätte, in der der Mensch von morgen heranwächst und sich aufs Leben vorbereitet. Was wird ihr Schicksal sein? Herzzerreißend sind die Berichte, die aus den am schwersten heimgesuchten Gebieten an Uns gelangen über die Frau. Erschütternd ist vor allem die Lage jener Familien - wenn man herumirrende Menschengruppen überhaupt so nennen kann -, auf welche die Treue der Gatten zu Gottes Gebot den Segen einer reichen Kinderschar herabgezogen hatte. Nach ihren im Vergleich zu andern sehr oft besonders schweren Blutopfern im Kriege müssen sie nun noch den allgemeinen Mangel an Wohnung und Nahrung mit seinen Folgen ganz besonders spüren.

Nun wird Gott zu seinem Worte stehen, ganz im Gegensatz zu dem, was die höhnischen Bemerkungen der Egoisten und Lebemänner unterstellen; aber Unverstand, Herzlosigkeit, Übelwollen von außen machen den Helden der Ehepflichten das Leben fast unerträglich schwer. Tatsächlich kann nur ein wahres, von der göttlichen Gnade getragenes Heldentum in den Herzen der jungen Gatten das Verlangen nach einer zahlreichen Kinderschar und die Freude an ihr erhalten. Aber welche Erniedrigung liegt für die Welt darin, so tief gefallen zu sein in soziale Verhältnisse, die dermaßen naturwidrig sind! Vor Gott und vor der schmerzlichen Wahrheit der Tatsachen rufen Wir mit all Unserer Kraft um beschleunigte Abhilfe; Wir vertrauen darauf, dass Unser Notruf bis an die Grenzen der Erde gehört werde und ein Echo bei denen finde, die das öffentliche Leben verantwortlich leiten und wissen müssen, dass ohne die gesunde und lebenstüchtige Familie Volk und Nation verloren sind. Es gibt vielleicht nichts, was so dringend die Befriedung der Welt verlangt wie die unsagbare Not der Familie und der Frau!

Überwindung der Furcht aus christlichen Vertrauen

Wie sieht es in Wirklichkeit aus? Wer wagte zu behaupten, dass die beiden seit der Beilegung der Feindseligkeiten verflossenen Jahre bemerkenswerte Schritte vorwärts auf dem Wege der Wiederherstellung und der sozialen Aufwärtsentwicklung zu verzeichnen gehabt hätten? Bei diesem Sich-Hinziehen einer Reihe ununterbrochener oder verschobener Verhandlungen verlieren die in ihrer Sehnsucht nach Ordnung, Frieden und Wiederaufbau enttäuschten Völker schließlich das Vertrauen und die Geduld.

Wir wollen nicht anklagen. Wir haben ein höheres Ziel vor Augen als über die Vergangenheit ein Urteil zu fällen. Was Wir erstreben, ist neuen und noch schwereren Übeln in der nächsten oder einer ferneren Zukunft vorzubeugen.

In Zeiten tiefer Verwirrung der Geister und der Verhältnisse setzen Wir all Unser Vertrauen in Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus, den Herrn der Herrschenden (2 Kor. 1,3; 1 Tim. 6, 15), und nach Gott in die Gläubigen der ganzen Welt. Daher richten Wir an sie das Wort, das der göttliche Meister so oft an seine Jünger richtet: Habt keine Furcht!

Wenn heute etwas zu fürchten ist, so ist es die Furcht selbst. Sie ist die schlechteste Beraterin, besonders in Lagen wie der gegenwärtigen. Sie taugt zu nichts als zu verwirren, blind zu machen, von dem rechten und sicheren Weg der Wahrheit und Gerechtigkeit abgleiten zu lassen.

Propheten des Irrtums tragen mit List und Gewalt Welt- und Staatsauffassungen vor, die, weil naturwidrig, widerchristlich und gottlos, von der Kirche verurteilt worden sind, besonders in der Enzyklika Quadragesimo anno Unseres großen Vorgängers Pius XI. Lasst Euch weder durch die augenblicklichen Schwierigkeiten noch durch das Trommelfeuer jener Propaganda einschüchtern oder verleiten!

Die Furcht, die sich vor sich selber schämt, weiß sich ausgezeichnet zu tarnen. Manchmal hüllt sie sich in das trügerische Gewand angeblicher Liebe zu den Unterdrückten; als ob den notleidenden Völkern mit Unwahrheit und Ungerechtigkeit, mit demagogischer Taktik und mit nie einlösbaren Versprechungen gedient wäre!

Ein anderes Mal hüllt sie sich in den Schein der christlichen Klugheit und bleibt unter diesem Vorwand stumm, wenn die Pflicht es verlangt, den Reichen und Mächtigen unerschrocken « Es ist nicht erlaubt » zu sagen, sie offen zu mahnen:

Es ist nicht erlaubt, aus Gewinn- oder Herrschsucht abzuweichen von der geraden Linie der für das soziale und politische Leben entscheidenden christlichen Grundsätze, welche die Kirche wiederholt und mit aller Deutlichkeit der Menschheit von heute verkündet hat. An Euch vor allem ist der Aufruf gerichtet, rückhaltlos mitzuarbeiten an der Herbeiführung einer Gesellschaftsordnung, die einen möglichst hohen Grad wirtschaftlicher Gesundheit und sozialer Gerechtigkeit verwirklicht, so dass den Ausbeutern der Klassengegensätze die Möglichkeit genommen wird, die Enttäuschten und Enterbten dieser Welt anzulocken, dadurch, dass sie den christlichen Glauben und die katholische Kirche nicht als freundschaftlichen, sondern als feindlichen Faktor darstellen.

Der Einsatz des Katholiken für den Frieden

Gegenüber der traurigen Wirklichkeit der unheilvollen und mannigfaltigen Gegensätze, die so bitter die Welt von heute zerfleischen und ihr den Zugang zum Frieden verbauen, wäre es Gleicherweise unverantwortlich, die Augen zu schließen, um nicht zu sehen, oder die Arme zu kreuzen, um nicht zu handeln, mit der Entschuldigung, dass ja doch nichts mehr zu machen sei. Nichts mehr zu machen? Wo doch gerade die Christen der zermürbenden und lähmenden Unentschlossenheit jene Furchtlosigkeit entgegensetzen können, die mehr als die glückliche Überfülle einer reichen Natur der Ausfluss einer übernatürlichen, aus den göttlichen Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe genährten Kraft ist. Diese Kraft wird eine mächtige Strömung reiner Luft durch die Welt leiten und so die Atmosphäre von Panik und Katastrophenstimmung, die sie zu vergiften droht, verflüchtigen. Die Augen werden sich der klaren Erkenntnis der Wahrheit und Gerechtigkeit weit öffnen. Die Ausweglosen werden, wenn sie nur ehrlichen und guten Willens sind, den Weg entdecken, um aus einer fast unerträglich gewordenen Lage herauszufinden und zum Ausgleich der scheinbar unüberwindlichen Gegensätze zu gelangen. Denn für jene, welche die Dinge im Lichte der göttlichen Weltordnung sehen, besteht kein Zweifel, dass es auch für die schwersten menschlichen und staatlichen Interessenkämpfe einen friedlichen Ausgleich gibt.

Liegt nicht vielleicht hier die Sendung des Christen, des Katholiken in die sozialen und politischen Wirren der Gegenwart hinein? Gerade deshalb nähren ja alle jene, die von den Gegensätzen und von der Zwietracht leben und sie noch eigens schüren, einen solchen Hass gegen die Kirche. Sie spüren wohl instinktiv, dass die Kirche, der von Gott gesetzte Hort der Brüderlichkeit und des Friedens, sich nicht vertragen kann mit denen, deren Götze die rohe Gewalt, der innere und äußere Machtkampf ist.

Diese Beobachtung müsste genügen, um Euch Katholiken mit heiligem Stolz zu erfüllen, denn der Hass, mit dem die Kirche verfolgt wird, zeugt für ihre geistige und sittliche Größe und die Größe ihrer Leistung zum Wohle der Menschheit.

Seid Euch dieser Größe bewusst! Sie bedeutet Sendung, Aufgabe, Verantwortung! Nicht umsonst hat die göttliche Vorsehung es gefügt, dass heute vielleicht tiefer als je zuvor das Bewusstsein der machtvollen Zusammengehörigkeit in demselben mystischen Leib alle Glieder der Kirche auf dem weiten Erdenrund erfüllt. Mag heute auch weltweit das Wühlen der dunklen Mächte der Zersetzung, der Entzweiung und der Zerstörung sein, um so überwältigender sollen sich der Einsatz der Christen, ihre Kräfte der Einheit, der Ordnung und des Friedens auswirken.

Wie könnte ein echter Katholik glauben, sich einer so dringenden Aufgabe entziehen zu dürfen? Geht also alle mit innerer Glut ans Werk. Furchtlos unter den Furchtsamen, gläubig unter den Glaubenslosen, hoffend unter den Hoffnungslosen, liebend unter den Liebeleeren.

Aufruf zu christlicher Liebe

Eure Liebe ist stark und weit wie die Welt. Wir kennen sie aus Erfahrung und können sie in etwa ermessen aus der bewunderungswürdigen Hochherzigkeit, mit der die Katholiken der wohlhabend gebliebenen Länder beitragen, um der Not der mehr verelendeten Volksmassen zu steuern. Ja, sie haben unvergleichlich mehr gegeben als die in gewissen Ländern veröffentlichten Zahlen erkennen lassen. Mit dem erneuten Ausdruck Unserer Dankbarkeit gegenüber allen Gebern verbinden Wir auch diesmal Unseren inständigen Ruf: Lasst Eure Liebe nicht erkalten, sondern zu neuer Tat ausholen!

Es gibt noch viele Gebiete, von denen ein Not- und Hilfeschrei zum Himmel steigt. Der Himmel hört diesen Notschrei, aber er will ihn erhören durch Euer Liebeswerk. Das Wort Christi « Was immer ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan » (Mt. 25, 40) gilt auch umgekehrt: Das Gute, das jeder von Euch dem notleidenden Mitbruder getan hat, hat Christus getan. Christus selbst hilft in Euch und durch Euch den Armen und Verlassenen.

In der beseligenden Gewissheit, dass Christus in jedem von uns lebt und wirkt, rufen Wir allen Unseren Söhnen und Töchtern über die Welt hin zu: Resistite fortes in fide! Widersteht stark im Glauben! Die Zukunft gehört den Glaubenden, nicht den Ungläubigen und Zweiflern.

Die Zukunft gehört den Mutigen, die stark hoffen und handeln, nicht den Kleinmütigen und Unentschlossenen. Die Zukunft gehört den Liebenden, nicht den Hassenden. Die Sendung der Kirche in die Welt, weit davon entfernt beendet zu sein, geht neuen Bewährungen und Zielen entgegen.

Die Euch von der Vorsehung in dieser entscheidungsvollen Stunde gestellte Aufgabe ist nicht, einen faulen Angstfrieden mit der Welt zu schließen, sondern einen vor dem Angesicht Gottes und der Menschheit wahrhaft würdigen Frieden für die Welt zu schaffen.

Diesen Frieden - den die Menschheit aus ihren eigenen Kräften nicht erreichen kann - von der göttlichen Barmherzigkeit der zerrissenen und zerquälten Erde zu erflehen, ist eine Pflicht, der alle, Hirten und Herde, mit brennendem Eifer obliegen müssen, besonders in diesem dem Herzen des Erlösers geweihten Monat.

Beseelt von einem unerschütterlichen Vertrauen auf die Kraft dieses Bittflehens und als Unterpfand seiner Wirksamkeit erteilen Wir Euch, ehrwürdige Brüder, und allen Unseren geliebten Söhnen und Töchtern über dem Erdenrund hin aus der Fülle des Herzens den Apostolischen Segen.

7. September 1947

Ansprache
Conforto, letizia e giusto

an die Männer der Katholischen Aktion Italiens anläßlich des 25jährigen Jubiläums der Vereinigung
Die religiös-sozialen Aufgaben des katholischen Mannes
(Offizieller italienischer Text: AAS 39 [1947] 425-431)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 132-140; Nrn. 301-329)

Einleitung

Trost, Freude und berechtigte Genugtuung erfüllen Unser Herz, geliebte Söhne, da Wir Euch heute hier in gedrängten Scharen vor Uns versammelt sehen; eine eindrucksvolle Schar, gleich einem wogenden Meer, dessen Wellen bis an den Vorraum des größten Tempels der Christenheit branden.

Uns, die Wir Euch mit väterlicher Freude grüßen, erscheint Ihr wie die Personifizierung eines Rufes der Dankbarkeit, der aus der Tiefe Eures Herzens zum allmächtigen Gott emporsteigt für all das Gute, das er in den letzten fünfundzwanzig Jahren vermittels der Männer der Katholischen Aktion gewirkt hat. Es genügt ein schneller Blick auf die Ziele Eurer Vereinigung: religiöse und sittliche Vervollkommnung der Mitglieder und deren soziale und staatsbürgerliche Schulung gemäß den Lehren der Kirche, Förderung des christlichen Lebens und Verteidigung der Kirche in allen ihren Äußerungen, Wiederherstellung des Reiches Christi in der Familie, in der Schule, in den öffentlichen Einrichtungen, im ganzen wirtschaftlichen und sozialen Leben. Ein solcher Blick, sagen Wir, auf Euer Programm genügt, um die Erinnerung wachzurufen an all das, was Ihr im Geiste lebendigen Glaubens unter Überwindung von Schwierigkeiten und unter Auseinandersetzungen mit Widerwärtigkeiten gewagt, geschafft und erreicht habt.

Euer Dank gilt nächst Gott auch Euren Führern sowohl aus der kirchlichen Hierarchie wie aus dem Laienstande, vor allem Unserem unvergesslichen Vorgänger Pius XI., dem Gründer und Vater Eurer Organisation, dann auch den andern, den Lebenden und hier Gegenwärtigen nicht minder wie den bereits Verstorbenen. Ihr kennt ihre Namen, welche die Annalen der Katholischen Aktion immer ehrenvoll festhalten werden und die mit den drei Euch so wohlbekannten Worten gekennzeichnet sind: Männer des « Gebetes », des reichen religiösen Innenlebens, Männer der « Tat », des unermüdlichen Einsatzes für die katholische Sache, Männer des « Opfers », der hochherzigen Hingabe an Christus, an die Kirche, an das Papsttum.

Aber mehr noch als die Bezeugung Eurer Dankbarkeit und Eurer Genugtuung für das schon Erreichte ist diese Eure Zusammenkunft der Ausdruck eines zähen Willens, hart wie Granit, einer Bereitschaft, welche Gegenwart und Zukunft umfasst und aus starken Grundsätzen, klarer Sicht, festen Entschlüssen hervor wächst. Euer fünfundzwanzigster Jahrestag ist für Euch nicht bloß ein erreichtes Ziel, das zu befestigen ist, sondern eine Schwelle zu neuem Vorwärtsschreiten, einem weiteren und umfassenderen Gesichtskreise entgegen. Ein solcher Wille ist wahrhaft notwendig in der gegenwärtigen Stunde.

Wir haben vor fünf Jahren, ebenfalls im Monat September, ausführlich über den Mann der Katholischen Aktion und seine Mitarbeit an der religiösen Wiedergeburt der Gesellschaft, über seinen Einfluss auf die Familie, auf das Berufsleben und auf die Außenwelt gesprochen. Die Pflichten, die Wir damals behandelten, stellen sich Euch auch heute mit einer Dringlichkeit, die man sich schwerlich größer vorstellen könnte. Jede dieser Pflichten - und es sind nicht wenige - drängt gebieterisch und fordert ihre gewissenhafteste Erfüllung, nicht selten durch wahrhaft heldenmütige Taten. Es ist keine Zeit zu verlieren.

Die Zeit des Überlegens und des Planens ist vorüber. Die Stunde des Handelns hat geschlagen. Seid Ihr bereit?

Die einander gegenüberstehenden Fronten auf religiösem und sittlichem Gebiet zeichnen sich immer klarer ab. Die Stunde der Bewährung ist da. Der harte Wettstreit, von dem der hl. Paulus spricht, ist entbrannt. Die Stunde verlangt die Anspannung aller Kräfte. Selbst wenige Augenblicke können den Sieg entscheiden. Schaut auf Euer Mitglied Gino Bartali, ein Mitglied der Katholischen Aktion: Schon wiederholt hat er das begehrte « Band » errungen. Laufet auch Ihr in diesem Wettstreit der Ideen so, dass Ihr einen viel edleren Siegespreis erkämpfet: « Sic currite, ut comprehendatis » - « Laufet so, dass ihr ihn erlangt » (1 Kor. 9, 24).

I. Die fünf wichtigsten Punkte der Bewährung des Mannes in der Zeit

Welches sind für Euch Männer der Katholischen Aktion die wichtigsten Punkte in dieser Bewährung, die hauptsächlichen Kampfplätze Eures Wirkens? Wir glauben vor allem folgende fünf kurz angeben zu sollen:

1. Religiöse Bildung

Tiefe, gediegene Kenntnis des katholischen Glaubens, seiner Wahrheiten, seiner Geheimnisse und seiner göttlichen Kräfte. Man hat den Ausdruck von der « Blutarmut des religiösen Lebens » geprägt. Er ertönt wie ein Alarmruf. Diese Blutarmut, die in allen Schichten herrscht, sowohl bei den Gebildeten wie bei den Handarbeitern, rührt in erster Linie von einer häufig vollständigen Unkenntnis in religiösen Dingen her. Diese Unkenntnis muss bekämpft, ausgerottet und überwunden werden. Diese Aufgabe kommt vorzüglich dem Klerus zu, und deshalb beschwören Wir Unsere ehrwürdigen Brüder im Episkopat, nichts zu unterlassen, damit die Priester einer so schweren Verpflichtung gerecht werden.

Aber dann ist es auch Eure Sache, geliebte Söhne, die Kirche bei dieser Arbeit zu unterstützen. Nähret vor allem selbst Geist und Herz mit der wesentlichen Nahrung des katholischen Glaubens, so wie er sich Euch darbietet in der ganzen lebendigen Lehre der Kirche, in den Heiligen Schriften, deren Urheber der Heilige Geist selbst ist, in der heiligen Liturgie, in den approbierten Andachten und in der gesamten gesunden religiösen Literatur. Tragt also die Wahrheit dieses Glaubens hinaus und verbreitet sie in jeder Stadt, in jedem Dorf, in jedem, auch dem entlegensten Winkel Eures schönen Landes, so wie die Luft des Lebens, die überall hindringt und alles umfasst und umhüllt. Verbreitet sie besonders unter denen, die durch unglückliche Umstände in Unglauben gefallen sind.

2. Heiligung der Sonn- und Feiertage

Der Sonntag muss wieder der Tag des Herrn, der Anbetung und der Verherrlichung Gottes, des heiligen Messopfers, des Gebetes, der Ruhe, der Sammlung und der Besinnung, des heiteren Zusammenseins im Familienkreise werden. Eine schmerzliche Erfahrung hat gezeigt, dass für nicht wenige, auch unter denen, die während der ganzen Woche ehrlich und unverdrossen arbeiten, der Sonntag zum Tag der Sünde geworden ist.

Macht Euch demnach mit allen Euren Kräften für die Abwehr stark, damit ein grober Materialismus, die Sucht nach weltlichen Vergnügungen, die roheste sittliche Verderbnis in Schriften und Darbietungen sich nicht des Sonntags bemächtigen, um von seinem Antlitz das göttliche Siegel auszulöschen und die Seelen in Sünde und Irreligiosität zu stürzen. Wahrhaftig, der Ausgang des Kampfes zwischen dem Glauben und dem Unglauben wird großenteils davon abhängen, was die eine und die andere der widerstreitenden Fronten aus dem Sonntag zu machen verstehen. Wird er weiter auf seiner Stirn klar und leuchtend den heiligen Namen des Herrn tragen oder wird er gottlos verdunkelt und vernachlässigt werden? Hier wartet Euer ein weites Arbeitsfeld. Geht tapfer ans Werk und tragt dazu bei, den Sonntag Gott, Christus, der Kirche, dem Frieden und dem Glück der Familie wiederzugeben.

3. Die Rettung der christlichen Familie

Italien muss das erhalten werden, was immer sein Stolz und seine Kraft war die christliche Mutter. Die christliche Erziehung der Jugend muss erhalten bleiben und folglich auch die christliche Schule. Gewahrt bleiben muss das christliche Heim, der Fels der Gottesfurcht, der unverbrüchlichen Treue, der Zucht, der Liebe und des Friedens, wo jener Geist herrscht, von dem in Nazareth das Haus Josephs, Eures himmlischen Patrons, erfüllt war.

Die christliche Familie retten, das gerade ist die vorwiegende Sendung des katholischen Mannes. Vergesst nicht: von dem, was er ist und von dem, was er will, hängt nicht weniger als von der Frau selbst, das Schicksal der Mutter und der italienischen Familie ab.

4. Soziale Gerechtigkeit

Wir bekräftigen das, was Wir noch jüngst darüber gelegentlich ausgeführt haben. Für die Katholiken ist der Weg, den sie bei der Lösung der sozialen Frage zu befolgen haben, klar von der Lehre der Kirche vorgezeichnet und der Segen Gottes wird auf Eurer Arbeit ruhen, wenn Ihr Euch keinen Schritt von diesem Wege entfernt. Ihr habt es nicht nötig, Scheinlösungen zu ersinnen und mit leicht hingeworfenen und hohlen Phrasen Scheinerfolgen nachzujagen. Wonach Ihr aber streben müsst und könnt, ist eine gerechtere Verteilung des Reichtums. Das ist und bleibt ein programmatischer Punkt der katholischen Soziallehre.

Gewiss bringt der natürliche Lauf der Dinge es mit sich, - und das ist weder wirtschaftlich noch sozial anormal -, dass die Güter der Erde innerhalb gewisser Grenzen ungleich verteilt sind. Aber die Kirche widersetzt sich einer Anhäufung dieser Güter in den Händen von verhältnismäßig wenigen übermäßig Reichen, während weite Kreise des Volkes zu Armut und zu einer menschenunwürdigen wirtschaftlichen Lage verurteilt sind.

Eine gerechtere Verteilung des Reichtums ist deshalb ein hohes soziales Ziel, würdig Eurer Anstrengungen. Seine Erreichung setzt jedoch voraus, dass die einzelnen und die Gemeinwesen für die Rechte und Bedürfnisse der anderen das gleiche Verständnis zeigen, das sie für ihre eigenen Rechte und Bedürfnisse besitzen. Diesen Sinn in Euch zu pflegen und auch bei den anderen zu erwecken, ist eine der vornehmsten Aufgaben der Männer der Katholischen Aktion.

5.

Im gleichen Geiste muss ein anderes sittliches Empfinden seine Erneuerung erfahren: Die Rechtschaffenheit und Wahrhaftigkeit im menschlichen Zusammenleben, das Bewusstsein der Verantwortung für das Gemeinwohl. Es ist beunruhigend zu sehen, bis zu welchem Grade als Folge der unglaublichen Erschütterungen des Krieges und der Nachkriegszeit Treue und Glauben im wirtschaftlichen und sozialen Leben verloren gegangen sind. Was sich auf diesem Gebiete zeigt, ist nicht nur ein äußerlicher Charakterfehler, sondern eine schwere innere Krankheit, eine geistig-sittliche Vergiftung, die auch großenteils die Ursache der religiösen Blutarmut ist.

Das wirtschaftliche und finanzielle Chaos, das von jeder großen Katastrophe hervorgerufen wird, hat die Gier nach Gewinn, die zu üblen Machenschaften und Spekulationen zum Schaden der ganzen Bevölkerung führt, angereizt und verschärft. Wir haben stets solche Machenschaften, woher sie auch kommen mochten, getadelt und verurteilt, ebenso wie jeden unerlaubten Handel, jede Fälschung, jede Nichtbeachtung der gerechten, vom Staat zum Besten des Gemeinwohls erlassenen Gesetze.

Es ist deshalb Aufgabe der Männer der Katholischen Aktion, an der Heilung dieses Übels mit Wort und Beispiel mitzuarbeiten, vor allem durch das persönliche Beispiel und dann auch durch stärkere Beeinflussung der öffentlichen Meinung.

II. Weisungen für die Zukunft

Wir glauben, diese Eure Absichten, für deren Durchführung Ihr schon mit Eifer arbeitet, nicht besser zusammenfassen zu können als mit dem Leitspruch, den Ihr Euch selbst erwählt habt: « Kirche, Familie, Arbeit », ein Motto, das Euch in den nächsten fünfundzwanzig Jahren Eurer Verbandstätigkeit und darüber hinaus begleiten wird. Inzwischen prägt bei Beginn dieser zweiten Periode Euren Herzen die nachfolgenden Mahnungen ein:

1. Seid großherzig! Wo immer Ihr einem aufrichtigen guten Willen, Tätigkeit, Einsicht, Eignung für die Sache Christi und der Kirche begegnet, sei es in Euren eigenen Reihen, sei es außerhalb der Katholischen Aktion, auch wenn sie unter neuen, aber gesunden Formen des Apostolates erscheinen, freut Euch daran, hindert sie nicht, sondern haltet gute Freundschaft mit ihnen und unterstützt sie, wo immer Eure Unterstützung möglich und erwünscht ist oder erwartet wird. Die Bedürfnisse, für welche die Kirche in der Gegenwart sorgen muss, sind so zahlreich und dringend, dass jede Hand willkommen ist, die ihre edelmütige Mitarbeit anbietet.

2. Tragt stets lebendig in Geist und Herz das Ideal, dessen Größe aus dem kraftvollen Rhythmus Eures « Hymnus » widerklingt: Nicht nur Verteidigung, sondern auch Eroberung. Zweifellos ist der Schutz und die Erhaltung des augenblicklichen Bestandes der katholischen Kräfte in Eurem Volk schon an sich ein verdienstliches Unternehmen. Man pflegt indessen zu sagen, dass derjenige, der sich nur immer auf die Verteidigung beschränkt, langsam verliert. Und in der Tat will die Katholische Aktion mehr als ein bloßer Zusammenhalt der treuen Katholiken sein. Ihr letztes Ziel ist, das Verlorene wiederzugewinnen und auf neue Eroberungen auszugehen. Ihr dürft Euch deshalb nicht zufrieden geben, bis die Kreise der Gebildeten und der Teil der Arbeiter, die durch unglückliche Umstände sich von Christus und der Kirche entfernt haben, den Weg der Heimkehr gefunden haben.

Schließt Euch also nicht innerlich ab, sondern dringt vor in fremde Reihen, um die Augen der Irregeleiteten und Betrogenen für die Reichtümer des katholischen Glaubens zu öffnen. Bisweilen trennen nur Missverständnisse, häufiger aber noch eine vollständige Unwissenheit sie von Euch. Nicht wenige unter ihnen erwarten vielleicht von Euch ein liebevolles Herz, eine offene Klärung, ein befreiendes Wort. In der Kunst der Menschengewinnung könnt Ihr auch von Euren Gegnern einiges lernen. Besser noch, lernet von den Christen der ersten Jahrhunderte ! Nur so, durch stets neue Methoden des Eindringens in die Heidenwelt, konnte die Kirche aus kleinen Anfängen wachsen und fortschreiten, manchmal unter unaussprechlichen Mühsalen und Martyrien, dann wieder durch Jahrzehnte größerer oder geringerer Ruhe und mehr oder minder freien Aufatmens, bis sich nach drei Jahrhunderten das mächtige Imperium besiegt erklären und mit der Kirche Frieden schließen musste.

Das ist wohl wahr, wird mancher sagen, aber die Kirche war damals jung. - Die Kirche ist stets jung ! Sie, die Macht und Kraft Gottes, die immerwährende Hüterin und Ausspenderin des Göttlichen in der Welt, kann nicht im Laufe der Zeiten dem Alter erliegen, sondern sie lebt, unbefleckt von jedem Irrtum, ein unzerstörbares Leben und gewinnt stets von neuem nach dem Willen und mit der Gnade desjenigen, der ihr bis zur Vollendung der Zeiten zur Seite steht, ihre Jugendkraft wieder.

Aber die unsterbliche Jugend der Kirche offenbart sich in wunderbarer Weise besonders im Leiden. Sie ist « Blutbraut » (Vgl. Ex. 4, 25). Im Blute liegen ihre Kinder und Diener, verleumdet, eingekerkert, getötet und hingemetzelt. Wer hätte es je in diesem Jahrhundert nach so großen Fortschritten der Zivilisation, nach so vielen Erklärungen der Freiheit für möglich gehalten, dass es so viele Unterdrückungen, so viele Verfolgungen, so viele Gewalttaten geben würde? Aber die Kirche hat keine Furcht. Sie will Blut- und Leidensbraut sein, um das Bildnis ihres göttlichen Bräutigams in sich abzubilden, um zu leiden, zu kämpfen und zu triumphieren mit ihm.

Schlusswort

Ihr wollt, geliebte Söhne, die Menschen für Christus und die Kirche zurückgewinnen. - Für Christus: Es hat keinen Mann gegeben, der dem Erlöser durch häusliche Bande, durch täglichen Umgang, in seelischer Harmonie und durch das göttliche Leben der Gnade so nahe gestanden hat wie Joseph, aus dem Stamme Davids und doch nur ein einfacher Handarbeiter. - Für die Kirche: Er ist der Patron der allgemeinen Kirche. Wie hättet also auch Ihr ihn nicht zu Eurem himmlischen Beschützer erwählen sollen? Ihr habt vor Uns das Banner Eures Verbandes entfaltet. Wir vertrauen Euch und Eure Arbeit, Eure Bewährungsproben und Eure Hoffnungen der väterlichen Liebe des heiligen Joseph an, nicht minder wie der machtvollen Fürbitte seiner Braut, der reinsten Jungfrau und Gottesmutter Maria.

Wir empfehlen gleichzeitig Euch und Eure Zukunft Euren beiden Landsleuten an, die Wir im vergangenen Frühjahr unter die Seligen aufgenommen haben, Contardo Ferrini und Maria Goretti. Contardo Ferrini ist das Vorbild des katholischen Mannes unserer Tage. Mafia Goretti hat das Herz des Volkes gewonnen, nicht nur der Frauen und der jungen Mädchen, sondern gleichzeitig auch der Männer und der Jünglinge, ohne Zweifel auch deshalb, weil ihr kurzes irdisches Leben das Los von Millionen braver Italiener widerspiegelt ein Los, das man wiederum in drei Worte zusammenfassen kann: Kirche, Familie, Arbeit; vor allem aber deshalb, weil sie mit ihrem eigenen Blute ihre Treue zu Gottes Gebot und ihre Liebe zu Christus besiegelt hat. Möge die jugendliche Märtyrin für Euch Mut, Standhaftigkeit und Sieg in dieser schweren und entscheidungsvollen Stunde erflehen.

Der Fürbitte der Gottesmutter und der Heiligen vertrauen Wir endlich jenes Gut an, nach dem sich alle, das ganze italienische Volk und die große Familie der Nationen mit so innigem und sorgenvollem Verlangen sehnen: den Frieden. Nicht nur einen scheinbaren und juristischen Frieden, sondern den wirklichen und gerechten Frieden. Wir selbst haben stets - so sehr auch die Feinde des Papsttums, denen dennoch Unsere Liebe und Unser Segenswunsch gilt, Unsere Absichten und Unsere Worte entstellen - der Sache des wahren Friedens gedient und werden ihr immer dienen bis zum letzten Atemzug. Werdet auch Ihr, Männer der Katholischen Aktion, Vorkämpfer dieser heiligen Sache. Dem Frieden dienen heißt der Gerechtigkeit dienen. Dem Frieden dienen heißt den Interessen des Volkes, besonders der einfachen Leute und der Enterbten des Schicksals dienen. Dem Frieden dienen heißt sicheren und festen Auges in die Zukunft schauen. Dem Frieden dienen heißt den Tag beschleunigen, an dem alle Völker ohne Ausnahme ihre Rivalitäten und ihre Streitigkeiten begraben und sich brüderlich vereinigen. Dem Frieden dienen heißt die Zivilisation retten, heißt die menschliche Familie vor unsäglichem neuen Unglück bewahren. Dem Frieden dienen heißt die Geister zum Himmel erheben und sie der Herrschaft des Satans entreißen. Dem Frieden dienen heißt das überragende Gesetz Gottes, das ein Gesetz der Güte und der Lieb ist, verwirklichen.

Mit diesem Wunsche erteilen Wir Euch, geliebte Söhne und allen Männern der Katholischen Aktion, Euren Familien und denen, die Eurer Fürsorge anvertraut sind, aus der Fülle Unseres Herzens Unseren Apostolischen Segen.

11. September 1947

Ansprache
Voss vous présentez à Nous

an die Kongressteilnehmerinnen des « Internationalen Verbandes der katholischen Frauenvereine »
Die Aufgaben der katholischen Frauen
(Offizieller französischer Text: AAS 39 [1947] 480-488)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 640-651; Nrn. 1303-1328)

Einleitung

1303 Ihr stellt Euch Uns, liebe Töchter, unter dem stolzen und kühnen Namen « Internationaler Verband der katholischen Frauenvereine » vor. Es freut Uns, Euch in dieser Eigenschaft willkommenheißen und einige Worte der Ermutigung und des Rates an Euch richten zu dürfen. Dieser Name spricht wahrhaftig den kämpferischen und umfassenden Charakter Eurer Vereinigung und die harmonische und wohlgeordnete Spannfähigkeit Eurer Zusammenarbeit aus.

1304 Katholische Frauen und Mädchen, Ihr hättet wohl früher niemals an etwas anderes gedacht, als Eure geheiligte und fruchtbare Aufgabe in der Führung eines gesunden, starken und segensreich ausstrahlenden Haushaltes zu erfüllen, oder Ihr hättet Euer Leben vielleicht in der Zurückgezogenheit eines Klosters oder in den Werken des Apostolates und der Caritas dem Dienste Gottes geweiht. Ein schönes Ideal, worin die Frau an ihrem wahren Ort und von ihrem wahren Ort aus ohne Aufsehen einen mächtigen Einfluss auf ihre ganze Umgebung ausübt! Heute aber tretet Ihr draußen auf, seid Ihr in die Arena hinabgestiegen, um am Kampf teilzunehmen.

Ihr habt ihn weder gesucht noch herausgefordert, aber Ihr nehmt ihn mutig auf, nicht als ergebene Opfer oder nur in einem vielleicht heftigen, aber noch rein defensiv bleibenden Widerstand, sondern Ihr versteht sehr wohl, den Sieg im Auge, zum Gegenangriff überzugehen.

1305 Das wird aus all den wesentlichen Aufzeichnungen ersichtlich, in denen sich die klar gezogenen, großen Linien des Programms enthüllen und worin die innere Haltung dieser römischen Tage und Eures Kongresses eindeutig zum Ausdruck kommt. Diese reichhaltigen Dokumente geben wie in einem Spiegel die heutige Situation, ja man muss leider sagen, das Drama der weiblichen Welt wieder. In ihrem Mittelpunkte treffen sich alle Linien der Wirksamkeit der Frau im sozialen und politischen Leben, der Wirksamkeit, deren Gegenstand vor allem ist: Schutz des Mädchens, der Ehefrau, der Mutter, Bewahrung von Heim, Haus und Kind als erstrangiger Aufgaben im Gesamtwirken der Frau, Schutz der Vorrechte der Familie und Einsatz aller Kräfte, um darin das Kind in der Obhut der Eltern zu sichern.

1306 Wir selber haben vor kurzem dieses Hauptthema über die Frau in ihrem sozialen und politischen Leben behandelt. Das war vor zwei Jahren. Zwei Jahre: für die Entwicklung der gesamten sozialen Ordnung, und gerade für die Entwicklung eines so umfangreichen und wichtigen Gebiets wie das der Frauenfrage, ist das ein sehr kurzer Zeitraum, unzureichend, wie es scheinen möchte, um abschätzbare Wandlungen feststellen zu lassen, sei es nun im wirklichen Verlauf der Dinge oder in der Meinungsbildung. Und dennoch, öffnet die Augen und betrachtet die Tatsachen! Wir hatten drohende Gefahren angezeigt, und zwar hatten Wir damals besonders das ins Auge gefasst, was man die Säkularisation, die Materialisierung, die Versklavung der Frau, alle die Attentate gegen ihre Würde und ihre Rechte als Person und als Christin nennen könnte. Die Gefahren sind täglich schwerer und die Bedrohung ist täglich drängender geworden. Aber zum Ausgleich dafür sind, anstatt abzunehmen, die Anstrengungen für die Verteidigung stetig gewachsen. Eure Versammlung in Rom, Euer Besuch hier bei Uns wollen eine feierliche und ernsthafte Bezeugung dieser Anstrengungen und ihrer Wirksamkeit für diese Verteidigung sein.

Wir ergreifen daher gerne die Gelegenheit, um, gestützt auf die Erfahrung der letzten Jahre und nach rascher Lesung der wichtigsten Punkte Eures Programms, das, was Wir damals zu den katholischen Frauen Italiens sagten, zu vervollständigen.

I. Die schweren Probleme in der Frauenfrage

Die schweren seelischen Belastungen der Frau

1307 Die Jahre des zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit boten und bieten noch für ganze Völkergruppen, ja fast für die ganze Breite der Welt, ein beispiellos tragisches Bild. Niemals, so glauben Wir, niemals im Laufe der Menschheitsgeschichte haben die Geschehnisse von der Frau so viel Initiative und Kühnheit, soviel Verantwortungsbewusstsein, soviel Treue, sittliche Kraft, Opfergeist, Standhaftigkeit in jeder Art von Leiden, mit einem Wort, soviel Heldenhaftigkeit gefordert. Die Berichte und die Briefe, in denen Uns Frauen von ihrem eigenen Los und vom Los ihrer Familien in diesen grausamen Zeiten von damals und von heute erzählen, sind so erschütternd, dass man sich fast fragen muss, ob man nicht der Spielball eines Schreckbildes ist und wie solche Dinge in unserer Zeit und in der Welt, in der wir leben, überhaupt geschehen konnten. Während dieser schrecklichen Jahre hat die Frau und hat das Mädchen oft mehr als männliche Tugenden üben müssen, und zwar in einem Grade, wie sie auch vom Manne nur in Ausnahmefällen verlangt werden.

1308 Wer wollte behaupten, dass alles, alles Menschenmögliche getan worden wäre, um die Frau in den Stand zu setzen, aus dem christlichen Glauben und der christlichen Erziehung die Energie, die Beständigkeit, die Ausdauer, die übernatürlichen Kräfte zu schöpfen, die notwendig sind, um ohne Fehl unter den Schlägen von endlosen Prüfungen ihre eheliche Treue und ihre mütterliche Sorgepflicht zu bewahren? Von Seiten der Kirche, der Seelsorge, der Werke der Caritas ist viel geschehen und viel verwirklicht worden. Trotz seltener Fälle einzelnen Versagens kann man in dieser Hinsicht dem stets strengen Urteil der Geschichte mit erhobenem Haupte und ohne Erröten entgegensehen. Auf der anderen Seite haben die Tatsachen in Tausenden von Fällen in erschütternder Weise bewiesen und beweisen es noch, wie selbst in den Elendsvierteln die Liebe der Mutter und der Eltern für ihre Kinder wahrhaft grenzenlos ist.

1309 Das Tragischste aber ist: woher soll die Frau ohne Glauben, ohne christliche Erziehung, der Hilfe der Kirche entzogen, in ihrer Verlassenheit den Mut nehmen, den sittlichen Forderungen gegenüber, die die rein menschlichen Kräfte übersteigen, nicht zu versagen? Und das noch unter den Stößen eines gegen die christlichen Grundlagen der Ehe, der Familie, des ganzen persönlichen und sozialen Lebens gerichteten heftigen Ansturms von Feinden, die die Sorgen und die Schrecken des Elends, die die arme Frau und das arme Mädchen unter allen Formen quälen, gegen diese geschickt auszunutzen verstehen? Wer könnte da hoffen, dass sie mit den rein natürlichen Kräften immer standhalten?

Ach, wie viele halten nicht stand. Gott allein weiß die Zahl dieser armen, verzweifelten, entmutigten oder in traurigem Zustand infolge des Schiffbruchs ihrer Reinheit und ihrer verlorenen Ehre zurückgelassenen Wesen.

Die Tränen kommen einem in die Augen und die Schamröte steigt einem ins Antlitz, wenn man feststellen und bekennen muss - und man muss es -, dass bis in die katholischen Kreise hinein die verkehrten Lehren über die Würde der Frau, über die Ehe und die Familie, über die eheliche Treue und Scheidung, selbst über Leben und Tod unmerklich in die Geister eindringen und gleich einem nagenden Wurm das christliche Leben der Familie und der Frau an seinen Wurzeln angreifen.

Falsche Empfindsamkeit und ihre sittlichen Folgen

1310 Es scheint Uns an der Zeit, hier die « Gefahren des Herzens» aufzuzeigen, denen in unserer Zeit die Frau in besonderem Maße ausgesetzt ist, weil ihre scheinbare Harmlosigkeit die unheilbringenden Folgen verschleiert. Wir denken an jene großmütige Bereitschaft, die Gefühle des Mitmenschen wie die eigenen zu erleben, mit seinen Ängsten mitzuleiden, an seinen Schmerzen, seinen Freuden, seinen Hoffnungen teilzunehmen. So sagte der hl. Paulus: « Wer wird da schwach und ich würde es nicht auch? Wer erleidet Ärgernis, ohne dass ich brennenden Schmerz empfinde?» (2 Kor. 11,29) Und wie empfiehlt er uns, in uns die Gesinnung zu haben, von der auch Christus durchdrungen war (Phil. 2, 5). Was müsste nun ein solches Herz fürchten? Schwer durchschaubare Täuschungen. Es genügt nicht, dass das Herz gut, empfindsam und großmütig ist. Es muss auch weise und stark sein. Nachsichtige Schwäche macht die Eltern blind und schlägt zum Unheil ihrer Kinder aus.

1311 In der gesellschaftlichen Ordnung verblendet eine solche Empfindsamkeit den Geist und führt ihn dazu, in seinem Denken ungeheuerliche Ansichten zu vertreten und unsittliche und unheilvolle Lebenshaltungen zu predigen. Gehört hierzu nicht jenes falsche Mitleid, das die Euthanasie zu rechtfertigen und den Menschen von dem - übrigens reinigenden und verdienstvollen - Leiden nicht durch liebevollen und lobenswerten Trost zu erlösen sucht, sondern durch einen Tod, wie man ihn einem Tiere ohne Vernunft und Unsterblichkeit gibt? Gehört dazu nicht auch jenes in seinen Schlüssen zu weit gehende Mitleid gegenüber unglücklichen Ehegatten, für die man die Ehescheidung rechtfertigen will? Gehört dazu nicht ferner auch jenes Abweichen von einer gerechten Fürsorge für die Opfer der sozialen Ungerechtigkeit, das im Rausch eitler und hohler Versprechungen sie den mütterlichen Armen der Kirche entreißt, um sie den Krallen eines gottlosen Materialismus, der ihr Elend auf gemeine Weise ausbeutet, zuzuwerfen ?

1312 Aus allen Teilen der Welt berichten Uns Tag für Tag Unsere Brüder im Bischofsamt brieflich oder in Besuchen in herzzerreißender Weise über ihre Sorgen wegen der sittlichen und geistigen Not der Mädchen und Frauen. Und während einer nach dem andern die Traurigkeit seines eigenen Herzens in Unser Herz ergießt, bedrückt die Last aller dieses Unser Herz, das vor Gott die Verantwortung des Oberhirten trägt, « sollicitudo omnium ecclesiarum » - « die Sorge für alle Gemeinden» (2 Kor. 11,28). Deswegen haben Wir auch zu verschiedenen Malen im Laufe dieser Jahre - und kürzlich noch am 2. Juni dieses Jahres in Unserer Ansprache an das Heilige Kollegium - alle Christen, alle ehrlichen Seelen, besonders diejenigen, in deren Händen die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten liegt, gewarnt, gebeten und angefleht, ihre Aufmerksamkeit dem Zerstörungswerk zuzuwenden, das der Krieg und die Nachkriegszeit zum schweren Schaden der Frau und der Familie zuwege gebracht hat. In diesem Augenblick nun empfinden Wir Trost und Erleichterung, dass Wir Euch, liebe Töchter, die Ihr aus der ganzen katholischen Welt hier versammelt seid, Unsere Sorgen darlegen und Unseren Aufruf mitteilen können, da Wir wohl wissen, mit welchem Geist des Glaubens und der Liebe Ihr ihn hört und mit welchem Eifer Ihr ihn überall hintragen werdet.

II. Die Forderungen des Christentums an die Frau in unserer Zeit

1313 Als Zeugen einer so schweren Krise können Wir Uns nicht damit begnügen, sie zu beklagen oder unfruchtbare Wünsche auszusprechen. Es kommt hauptsächlich darauf an, alle lebendigen Kräfte zur Rettung der christlichen Erziehung der Frau und der Familie zusammenzufassen und anzuspannen. Das gerade ist auch der Zweck Eures Kongresses hier in Rom, dem Mittelpunkt der Christenheit. Ihr habt gewünscht, von Uns einige Richtlinien für die praktische und wirksame Durchführung Eurer Entschließungen zu erhalten. Wir fassen sie unter den folgenden Überschriften zusammen:

1. Ein lebendiger und übernatürlicher Glaube

Christlicher Glaube gegen den Atheismus

1314 Vor allem ein stolzer, wachsamer, unerschrockener, fester und lebendiger Glaube an die Wahrheit und den Sieg der katholischen Lehre.

Geistige und politische Kräfte, die mehr oder weniger vom Atheismus durchtränkt sind, sind am Werke, die christliche Kultur auszurotten. Ihnen gegenüber sehen Wir die zahlreiche Schicht derjenigen, für die die wesentlich religiösen Grundlagen dieser christlichen Kultur schon längst vergangen und daher ohne objektiven Wert sind, die aber trotzdem ihren äußeren Glanz bewahren möchten, um eine staatliche Ordnung, die sie nicht entbehren könnte, aufrecht zu erhalten. Körper ohne Leben und von Lähmung befallen, haben sie selber den umstürzlerischen Kräften des Atheismus nichts entgegenzusetzen.

1315 Wie anders seid Ihr dagegen. Sicherlich wird die Schlacht, und gerade die Schlacht für die Rechte der Familie, für die Würde der Frau, für das Kind und die Schule, hart sein. Aber Ihr habt auf Eurer Seite die gesunde Natur und darum auch die geraden und verständigen Geister, die trotz allem die Mehrheit bilden. Ihr habt vor allem Gott für Euch. Sorget also dafür, dass der Gedanke des hl. Paulus recht behält: « Euer Glaube hat aus euch Helden im Kampfe gemacht» (Hebr. 11,33 ff).

Kompromissloser katholischer Glaube

1316 Wir nennen einen festen Glauben einen absoluten Glauben ohne Abstriche und ohne Rückhalte, einen Glauben, der vor den äußersten Folgerungen der Wahrheit nicht strauchelt, der nicht zurückweicht vor seinen härtesten Anforderungen. Lasst Euch auch nicht wie so viele andere nach tausend unglückseligen Erfahrungen durch den hohlen Gedanken betören, dass Ihr den Gegner dadurch für Euch gewinnen könntet, dass Ihr in seinem Schlepptau geht und ihn Euch zum Muster nehmt. Eure junge Generation drückt in ihrem Programm die Hoffnung aus, « in Euren Grundsätzen die weibliche Jugend der ganzen Welt zu vereinen, die als Grundlage das Naturgesetz anerkennt, dessen Quelle in Gott ist, vor allem aber alle diejenigen, die als Christen an Christus den Erlöser glauben». Wir spenden Eurem Schwung, Eurem jugendlichen Optimismus Beifall, und Wir loben Eure Absicht. Aber achtet darauf: das große Geheimnis, die andern zu gewinnen, besteht vor allem darin, ihnen den Beweis zu erbringen, dass für den Katholiken sein Glaube eine feste und erfüllte Wirklichkeit ist.

Glaube mit Gebet und Opfer

1317 Wir nennen endlich einen festen und lebendigen Glauben einen Glauben, der sich Tag für Tag durch Demut, Gebet und Opfer in die Tat umsetzt. Gerade weil Ihr vorhabt, den totalitären widerchristlichen Mächten eine Schlacht zu liefern, ist erste Bedingung dafür, dass Ihr ihnen das von Euch frei, freudig und in seiner ganzen Fülle bejahte und in Eurem Leben befolgte Gesetz Gottes entgegenhaltet. Diese Bedingung leicht zu nehmen, bedeutete soviel wie Einwilligung in beklagenswerten Leichtsinn und unheilvolle Unbeständigkeit. Vergesst nicht - und Wir wenden Uns in diesem Augenblick an diejenigen, die durch ihr Alter und wegen des Milieus, in dem sie leben, diesen Gefahren besonders ausgesetzt sind: - so gut Eure Absichten auch sein mögen, so teilt Ihr doch mit den anderen die Schwäche der gefallenen Natur. Selbst die verfluchte Schlange hält sich nicht für besiegt. Wie im Paradies versucht sie immer noch die Frau zu betören, um sie zu Fall zu bringen, und sie findet in ihr nur zu viel Neigungen und Lockungen, auf deren Mithilfe sie sich bei ihrer Verführung verlassen kann. Ihr kennt, liebe Töchter, die heutige Welt gut genug, um Euch Rechenschaft darüber geben zu können, dass Ihr, die Ihr darin lebt, Kraft und Mut braucht, um jedes Mal über die Versuchungen, über die verführerische Kraft Eurer eigenen Neigungen durch ein energisches Nein Herr werden zu können. Wie aber wollt Ihr dieses Nein sprechen, wie es unaufhörlich, ohne zu ermüden, wiederholen, wenn Ihr nicht demütig vor Gott begreift und anerkennt, dass Ihr als menschliche Geschöpfe ohnmächtig seid und dass Ihr der Gnade Gottes bedürft? Mit dieser Gnade aber könnt Ihr ohne Gebet und Opfer nicht rechnen.

Da Ihr - und das ist alles Lobes würdig - ein apostolisches Leben führen wollt, jede in ihren persönlichen Lebensverhältnissen, könnt Ihr die Welt nicht derartig verkennen, dass Euch in Eurem Kampf gegen die heutige Ungläubigkeit und Unsittlichkeit das grundsätzliche Ungenügen aller natürlichen Kräfte und aller rein menschlichen Mittel nicht klar wäre. Ihr bedürft unbedingt einer innigen Vereinigung mit Christus, und diese innige Vereinigung setzt ihrerseits Gebet und Opfer voraus.

1318 Jeder Schritt, den Ihr in diesen Tagen in Rom getan habt, muss in Eurem Geist und in Eurem Herzen einen tiefen Eindruck hinterlassen haben, indem er durch die Erinnerung in Euch die Christen der ersten Jahrhunderte des Christentums wieder aufleben ließ. Die Christen jener Zeit waren Männer und Frauen des Opfers, sonst wäre es ihnen unmöglich gewesen, über den Hass, die Gottlosigkeit, die Unzucht jene glänzenden Siege davonzutragen, deren Erzählung allein Euch zur Bewunderung hinreißt und die selbst die Ungläubigen mit Staunen erfüllen. Ist die heutige Lage so sehr verschieden von der damaligen? Man hat mit Recht gesagt, wenn man heute durch die Straßen der großen Städte gehen wolle, ohne an der Unversehrtheit seines Glaubens Schaden zu nehmen und ohne die Reinheit seines Lebens beschmutzen zu lassen, brauche man keine geringere Heldenhaftigkeit, als ob man für sie das Blutzeugnis ablegen müsste.

2. Kein falscher Spiritualismus

1319 Wenn Wir diese Frage berühren, so nicht deshalb, weil Wir es für notwendig halten, Euch über diesen Punkt zur Wachsamkeit aufzurufen. Wir sind hierin um Euch, Gott sei Dank, ohne jede Sorge.

Unter dem Vorwand, die Kirche gegen die Gefahr zu verteidigen, sich ins Gebiet des «Zeitlichen» zu verirren, beansprucht immer noch eine bereits vor Jahrzehnten ausgegebene Losung in der Welt Geltung: Zurück zum rein « Religiösen ». Man will sie damit auf das Gebiet der dogmatischen Unterweisung im strengen Sinn, auf die Darbringung des heiligen Opfers und die Verwaltung der Sakramente beschränken und ihr jede Einwirkung, ja selbst das Recht, sich mit dem öffentlichen Leben zu beschäftigen, jeden Eingriff in die bürgerliche oder soziale Ordnung absprechen.

1320 Als wenn das Dogma auf den verschiedenen Gebieten des menschlichen Lebens nichts zu suchen hätte, als wenn die Geheimnisse des Glaubens mit ihren übernatürlichen Reichtümern das Leben der einzelnen nicht stützen und stärken und darum in logischer Folge das öffentliche Leben nicht mit dem Gesetz Gottes in Einklang bringen, es nicht mit dem Geiste Christi durchdringen dürften! Eine derartige Zerstückelung ist ganz einfach antikatholisch.

1321 Die Losung muss ganz im Gegenteil sein: überall, wo Lebensinteressen in Frage stehen, wo es sich um Gesetze handelt, die den Gottesdienst, die Ehe, die Familie, die Schule, die soziale Ordnung betreffen, überall, wo durch die Erziehung die Seele eines Volkes geschmiedet wird, für den Glauben, für Christus, in jeder nur möglichen Weise dabei zu sein. Leider muss man nur allzu oft das Fehlen der katholischen Organisationen beklagen. Deshalb ist die Verantwortlichkeit eines jeden, sei es Mann oder Frau, der das politische Wahlrecht besitzt, groß, vor allen Dingen dort, wo religiöse Interessen auf dem Spiele stehen. Das Abseitsstehen ist in diesem Fall, man merke es sich wohl, an sich eine schwere und verhängnisvolle Unterlassungssünde. Von diesem Rechte Gebrauch und zwar guten Gebrauch zu machen, das heißt im Gegenteil für das wahre Wohl des Volkes arbeiten, das heißt als treue Verteidiger der Sache Gottes in der Kirche wirken.

3. Treue zum sozialen Programm der Kirche in der sozialen Arbeit

1322 Wir haben in der letzten Zeit diesen Rat zu wiederholten Malen nachdrücklich betont. Sogar bis in die Reihen der Katholiken haben sich gewisse Bestrebungen bemerkbar gemacht, die die Lehre der Kirche Theorien angleichen wollten, die mit dem christlichen Denken unvereinbar sind.

1323 Wenn die Kirche die Trennungslinie zwischen der christlichen Auffassung und derartigen Theorien aufrecht erhält, so hat sie immer das wahre Wohl des ganzen Volkes, das wahre Gemeinwohl im Auge. Sobald es sich um gerechte soziale Ansprüche handelt, steht sie immer in der ersten Linie ihrer Vorkämpfer. Und gerade jene Forderung, die Ihr, liebe Töchter, in Eurem Programm ausdrücklich hervorgehoben habt: eine gerechtere Verteilung des Reichtums, ist immer eines der Hauptziele der katholischen Soziallehre gewesen und wird es immer bleiben. Dasselbe können Wir von der « Gleichheit des Lohnes bei gleicher Arbeit und gleicher Leistung für Mann und Frau » sagen, eine Forderung, die die Kirche seit langem zu der ihren gemacht hat.

4. Ort und Rolle der Frau im politischen Leben

1324 Es bleibt schließlich noch der Bereich des politischen Lebens. Wir haben bei vielen Gelegenheiten schon bestimmte Punkte berührt. Auf diesem Gebiet ist Verschiedenes zu berücksichtigen: die Wahrung und Beachtung der geheiligten Interessen der Frau mit Hilfe einer Gesetzgebung und einer Herrschaftsform, die ihre Rechte, ihre Würde und ihre gesellschaftliche Funktion achtet, - und die Teilnahme einiger Frauen am politischen Leben für das Wohl, das Heil und den Fortschritt aller.

1325 Die Euch zufallende Rolle besteht hier im allgemeinen darin, daran zu arbeiten, dass die Frau sich immer mehr bewusst werde ihrer geheiligten Rechte, ihrer Pflichten und ihrer Macht, die sie über die öffentliche Meinung im täglichen Leben oder über die öffentlichen Gewalten und die Gesetzgebung durch den guten Gebrauch ihrer bürgerlichen Rechte besitzt.

1326 Das ist Eure gemeinsame Aufgabe. Es handelt sich in Wirklichkeit nicht darum, dass Ihr massenweise in die politische Laufbahn und in die Parlamente eintretet. Ihr, oder wenigstens die Mehrzahl von Euch, werdet das Beste Eurer Zeit und Eures Herzens der Sorge für das Haus und die Familie widmen. Wir übersehen nicht, dass der Aufbau eines Heimes, in dem sich alle glücklich und wohl fühlen, dass die Erziehung der Kinder in Wirklichkeit einen Beitrag von erstrangigem Wert zum gemeinen Wohl darstellt, einen beachtlichen Dienst im Interesse des ganzen Volkes. Und Wir finden einen starken Grund zur Freude in der Tatsache, die Ihr selber mit Recht feststellt, dass in der ländlichen Familie, d. h. also in einem großen Teile der Menschheit, das Wirken der Frau am häuslichen Herde noch in der glücklichsten Weise mit ihrer Mitarbeit in der Familien- und Volkswirtschaft zusammenfällt.

Diejenigen unter Euch, die, freier in der Verfügung über ihre Person und fachlich besser vorgebildet, diese schweren Aufgaben des allgemeinen Interesses übernehmen werden, werden Eure Vertreter und gleichsam Eure Delegierten sein. Schenkt ihnen Vertrauen. Versteht ihre Schwierigkeiten, ihre Mühen und die Opfer ihrer Hingabe, unterstützt sie, helft ihnen.

Zusammenfassung

1327 Ein Wort möge zum Schluss genügen, um das zu unterstreichen, was Wir zu Beginn den umfassenden Charakter, die harmonische und wohlgeordnete Spannkraft Eurer Zusammenarbeit genannt haben. Sie ist umfassend ohne Unterschied der Nation, der Klasse, der Lebensbedingungen. Sie ist spannkräftig und harmonisch, weil sie in einem Wettbewerb der verschiedenartigsten Werke, Organisationen und Einrichtungen besteht, von denen jede ihren eigentümlichen Charakter, ihre eigentümliche Arbeitsweise, ihre Selbständigkeit und ihr Arbeitsfeld bewahrt, ohne dass die eine die andere aufsaugen oder beherrschen wollte und ohne dass sich eine der anderen unterwerfen müsste, alle vereinigt durch das Band eines in Freiheit angenommenen Bundes, um das gemeinsame Wirken ordnungsgemäß abzustimmen. Nichts könnte Unseren Absichten besser entsprechen.

Diesen Beitrag einer jeden in der allgemeinen Zusammenarbeit steigert Ihr noch, festigt Ihr im Gesamtgefüge und vervielfältigt Ihr in seiner Wirksamkeit noch durch Euer Auskunftsbüro, eine glückliche Einrichtung, die gewiss denen, die damit betraut sind, eine erhebliche, aber zweifellos sehr fruchtbringende Arbeitslast auferlegt.

1328 Vor drei Tagen feierten wir das Geburtsfest derjenigen, deren Ankunft für die ganze Welt die Morgenröte der Freude war. Morgen werden wir ihr glorreiches Namensfest und das Andenken an die Siege feiern, die sie über die Feinde der Christenheit davongetragen hat. Möge Maria, die Hilfe der Christen, Eure Kraft sein im Kampf für die Erneuerung einer gesunden und blühenden Gesellschaft, für den Triumph Gottes und der Kirche. Das erbitten Wir für Euch und geben Euch allen, allen denen, die mit Euch vereint sind, Euren Werken und Einrichtungen, Euren Familien und allen, die Euch teuer sind, aus ganzem Herzen Unseren Apostolischen Segen.

12. September 1948

Ansprache
Nel vedere

An die Jungmänner der Katholischen Aktion Italiens anlässlich des 80jährigen Jubiläums der Jugendorganisation der Katholischen Aktion Italiens
Dreifache Aufgabe des katholischen Jungmannes im geistigen Ringen der heutigen Welt
(Offizieller italienischer Text: AAS 40 [1948] 409-414)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 141-147; Nrn. 330-348)

Einleitung

Der Anblick Eurer gewaltigen Scharen, über die der Himmel sein strahlendes Lächeln ausgießt, erfüllt Uns, geliebte Söhne, mit größter Freude. Dieser Glanz strahlt aus Euren Augen wider, in denen das Feuer berechtigter Freude und jugendlicher Begeisterung glüht. War aber vielleicht die Kundgebung der Mädchenjugend, Eurer Schwestern, am vergangenen Sonntag, bei wolkenbedecktem Himmel und bei strömendem Regen, weniger schön und glanzvoll? Oberflächliche und kurzlebige Stimmungen weichen und vergehen, sobald sich die ersten Wolken zeigen. Die Scharen zerstreuen sich und lassen den Führer allein, wie schon der alte lateinische Dichter gesungen: « Tempora si fuerint nubila, solus eris » - « Wenn sich der Himmel mit Wolken bedeckt, bleibst du allein » (Ovid. Trist. I 9, 6). Aber jene braven Töchter haben ausgehalten, ohne zu bewegen oder unruhig zu werden. Manche von ihnen knieten sogar auf dem nassen Pflaster des Petersplatzes. Sie wollten das Wort des gemeinsamen Vaters anhören und ihm mit einer solchen spontanen Begeisterung antworten, dass sich Unsere Rede gegen Ende in ein vom Glauben getragenes Zwiegespräch verwandelte. Wir zweifeln keinen Augenblick daran, dass auch Ihr unter ähnlichen Verhältnissen das gleiche Schauspiel dargeboten hättet. Eure Schwestern haben wirklich durchgehalten und es gereicht ihnen zur Ehre, zur Freude und zum Segen.

Aus ganzem Herzen grüßen Wir Euch, liebe Jungmänner der Katholischen Aktion, anlässlich der achtzigsten Jahresfeier Eurer Vereinigung. Aus Euren Reihen, denen sich zahlreiche Vertreter vieler Länder angeschlossen haben, erhebt sich ein mächtiger Ruf. Er dringt hinaus in alle Welt, über Länder und Meere, Täler und Berge, gleich einem Schwur, der aufsteigt zum Himmel: Wir bekennen uns als katholische Jugend! Es ist die Äußerung eines machtvollen Willens und einer eisernen Entschlossenheit: Wir wollen unser Leben nach dem katholischen Glauben gestalten, wir wollen, dass unserer Heimat die christliche Zivilisation erhalten bleibe.

Ihr habt in den vergangenen Jahren schon wiederholt Beweise Eures Ernstes und der Festigkeit Eures Bekenntnisses und Eures Willens an den Tag gelegt. Wir sind Euch dafür dankbar. Ihr seid Unsere Freude und Unser Stolz. Wir können Euch nur in Euren frommen Vorsätzen bestärken, indem Wir Euch die goldenen Worte des Apostels Johannes ins Gedächtnis rufen: « Dies ist der Sieg, der die Welt überwindet, euer Glaube » ( 1 Joh. 5, 4).

Ein dreifacher Sieg ist notwendig

Dreifach soll dieser Sieg sein:

1. Er muss ein Sieg über die Gottlosigkeit sein und diese aus der Welt vertreiben.

In den religiösen Auseinandersetzungen unserer Zeit handelt es sich nicht mehr, wie in der Vergangenheit, um die eine oder andere Glaubenswahrheit, den einen oder anderen Artikel des katholischen Credos. Heute werden die funda-mentalen Grundlagen der Religion, die Kirche, das Gottmenschentum Christi, Gott selber angegriffen und geleugnet.

Es mag unverständlich und absurd erscheinen, dass es so ist. Hat es je eine Zeit gegeben, in der die Gegenwart Gottes sich der menschlichen Vernunft so eindringlich - man könnte fast sagen: so sichtbar - bezeugt hat wie in der Gegenwart? Die Naturwissenschaften machen erstaunliche Fortschritte und jede ihrer Entdeckungen nötigt dem Menschen den Ausruf ab: hier ist ein Schöpfer am Werk.

Die wachsende Kenntnis des periodischen Systems der chemischen Elemente, die Entdeckung der korpuskulären Strahlung der radioaktiven Elemente, unsere Kenntnisse über die kosmischen Strahlen und den Verlust der freien Energie des Atoms in der Elektronensphäre und im Kern, das alles und noch vieles andere beweist mit einer kaum Überbietbaren Klarheit die Veränderlichkeit des Kosmos, des Universums als solchen bis zu den subatomarischen Konstituentien des Atomkerns. Die Welt ist gezeichnet mit dem Zeichen der Veränderlichkeit, des Anfangs und des Endes der Zeit, und verkündet mit mächtiger und unüberhörbarer Stimme einen Schöpfer, der von der Welt selber vollkommen verschieden und seiner innersten Natur nach unveränderlich ist. Daher waren Wir nicht erstaunt zu lesen, dass kürzlich einer der führenden nichtkatholischen Wissenschaftler, Max Planck, kurz vor seinem Tode erklärt hat, dass die Welt der Physik ihn zur Anerkennung eines persönlichen Gottes geführt habe.

Und hat es je eine Zeit gegeben, da die katholische Kirche so sehr wie heute als « signum levatum in nationes» (Jes. 11, 12) erschienen ist? Wir sind heute Zeugen ungeheurer Umwälzungen, vielleicht folgenschwerer als der Untergang des alten Römischen Reiches. Die politischen Kräfte haben sich von Grund auf gewandelt, sowohl innerhalb der einzelnen Völker wie in ihren Beziehungen untereinander. Viele alte Dynastien sind eine nach der anderen verschwunden. Diktatoren, die von einer Weltherrschaft für ein Jahrtausend geträumt haben, sind gestürzt worden; ganze Kontinente befinden sich im Niedergang oder im Aufstieg. Die gesellschaftlichen Ordnungen machen tiefgehende Umwälzungen durch. Aber eine Institution bleibt unverändert, immer sich selber gleich und doch immer neu und der Wirklichkeit jeder Zeit angepasst: die Kirche Christi in der Kraft der Wahrheit und Gnade, deren Hüterin, Verkünderin und Ausspenderin sie ist, in der Unerschütterlichkeit des Glaubens und der Standhaftigkeit ihrer Kinder.

Katholische Jungmänner, Ihr wollt wirklich und im vollen Sinn des Wortes Katholiken sein. Der Irreligiosität und Ungläubigkeit, von der Ihr umgeben seid, stellt Ihr Euren festen lebendigen, tätigen Glauben entgegen. Fest und leuchtend kann Euer Glaube nur dann sein, wenn Ihr ihn kennt und zwar nicht nur oberflächlich und verworren, sondern klar und gründlich. Lebendig ist er, wenn Ihr nach seinen Vorschriften lebt und die Gebote Gottes beobachtet. Der junge Mann, der trotz aller Schwierigkeiten und Mühen die Festtage heiligt, der oft zum Tisch des Herrn geht, der aufrichtig und zuverlässig, hilfsbereit gegenüber den Bedürftigen ist, der das junge Mädchen und die Frau achtet und die Kraft besitzt, Augen und Herz vor alldem zu schließen, was in Büchern, Bildern Filmen unrein ist, der beweist wirklich, dass er einen lebendigen Glauben hat. Und beachtet wohl, dass der Glaube, wenn er nicht lebendig ist, auch nicht wirksam sein kann. Wenn sich andere oft die größte Mühe bei den Unternehmungen des Bösen geben, wie viel größer muss dann Euer Eifer für die Sache Gottes, Christi und der Kirche sein!

2. Euer Sieg muss ein Sieg über die Materie sein, um diese mit dem Geist zu versöhnen.

Man pflegt unsere Zeit das «Jahrhundert der Technik» zu nennen. Mit dem Fortschritt der Naturwissenschaften dräng die Technik, deren Wesen zur Anwendung und zur Benutzung der Naturkräfte bestimmt ist, in rascher und unwiderstehlicher Bewegung dazu, Raum und Zeit immer mehr zu überwinden und ihre Eroberungen in jeder Richtung immer mächtiger auszugestalten. Kein Wunder daher, dass sie nur zu oft das Auge besonders der Jugend blendet, einer Jugend, die ihrem Zauber ganz erliegt und so Gefahr läuft, Blick und Sinn für alles, was geistig, übersinnlich und innerlich, für alles, was religiös, übernatürlich und ewig ist, zu verlieren.

Und doch haben gerade die Menschen des Jahrhunderts der Technik die schützenden und ausgleichenden Kräfte der Religion mehr denn je nötig. Denkt an das Feuer. Gezähmt und gelenkt ist es eine Wohltat, eine unentbehrliche Hilfe für den Menschen. Ist es aber einmal seiner Herrschaft entronnen, so bringt es in zerstörerischer Feuersbrunst Vernichtung und Tod in Stadt und Land. Das gleiche gilt von der Technik. Von Natur ein Geschenk Gottes, wird die Übermächtige heutige Technik in den Händen von gewalttätigen Menschen, von Parteien, die mit der Brutalität der Gewalt herrschen, von allmächtigen Unterdrückerstaaten ein furchtbares Werkzeug von Ungerechtigkeit, Sklaverei, Grausamkeit und steigert in den modernen Kriegen die Schmerzen und Qualen der Völker bis ins Unerträgliche. Wird sie dagegen von einer menschlichen Gesellschaft, die Gott fürchtet, seine Gebote erfüllt und die geistigen, sittlichen und ewigen Werte unvergleichlich höher als die materiellen schätzt, gehalten und geleitet, so kann sie jene Wohltaten spenden, zu denen sie nach den Plänen des Schöpfers berufen ist.

Hört also, geliebte Söhne, den Ruf, der sich von allen Seiten zu den jungen Generationen erhebt: Ihr sollt in das Leben, in das Ihr eintretet, in den Staat, an dessen Gestaltung Ihr mitarbeiten sollt, eine solche Energie wahren religiösen Glaubens mitbringen, dass die von Gott, dem Schöpfer und Erlöser, gesetzte Ordnung der Werte, der zufolge die Materie nicht herrscht, sondern dient, gewissenhaft beobachtet und die Technik gemäß dem göttlichen Willen der Würde und Freiheit, dem Frieden und dem irdischen, vor allem aber dem ewigen Glück der Menschen untergeordnet werde.

3. Euer Sieg muss ein Sieg über das soziale Elend sein und dieses durch die Kraft der Gerechtigkeit und der Liebe Überwinden.

Die soziale Frage, geliebte Söhne, ist zweifellos auch eine wirtschaftliche Frage, aber doch weit mehr noch eine Frage, welche die geregelte Ordnung des menschlichen Zusammenlebens betrifft und im tiefsten Grunde eine sittliche und darum auch eine religiöse Frage. Als solche kann man sie folgendermaßen umreißen: Besitzen die Menschen - vom einzelnen über das Volk bis zur Gemeinschaft der Völker - die sittliche Kraft, solche öffentliche Verhältnisse zu schaffen, dass im sozialen Leben kein einzelner und kein Volk bloßes Objekt ist, das heißt ohne jedes Recht und der Ausbeutung durch andere ausgeliefert, sondern dass vielmehr alle auch Subjekt sind, das heißt rechtmäßig teilnehmen an der Gestaltung der sozialen Ordnung und dass alle entsprechend ihrem Handwerk oder ihrem Beruf ruhig und glücklich leben können mit hinreichenden Mitteln zum Unterhalt, wirksam geschützt gegen die Übergriffe einer egoistischen Wirtschaft, in einer nur vom Gemeinwohl begrenzten Freiheit und in einer menschlichen Würde, die jeder in den andern ebenso achtet wie bei sich selbst?

Wird die Menschheit imstande sein, die sittliche Kraft für die Verwirklichung einer solchen sozialen Ordnung aufzubringen? Eines ist sicher: diese Kraft kann nur aus einer Quelle geschöpft werden, aus dem katholischen Glauben, wenn er bis zu seinen letzten Folgerungen gelebt und von den übermenschlichen Strömen der Gnade gespeist wird, die der göttliche Erlöser mit dem Glauben selber der Menschheit spendet. Nur ein Geschlecht, das so glaubt, kann der Menschheitsfamilie den ersehnten Frieden schenken. Das sei Euer Stolz, katholische Jungmänner !

Schluss

Ihr habt nun, geliebte Söhne, drei große Aufgaben und Pflichten des Katholiken in der gegenwärtigen Zeit vor Augen.

Ihr werdet diese Pflichten, auch insofern sie das irdische Leben betreffen, nur dann erfüllen, wenn Ihr Menschen übernatürlichen Geistes seid, für die die Vereinigung mit Christus, die glorreiche Auferstehung und das ewige Leben mehr sind als alle menschlichen Dinge. Die katholische Welt trägt in sich eine unerschöpfliche Quelle von Wohlfahrt und Glück auch für das irdische Leben, gerade weil sie das Ewige schlechthin über das Zeitliche stellt. Wäre es nicht mehr so, dann wäre ihre Kraft erloschen.

Ihr werdet diese Pflichten nur erfüllen, wenn Ihr betet. In der Tat, nur wenn Ihr betet, seid Ihr imstande, im Glauben fest zu bleiben und gemäß dem Glauben in allen Lebenslagen zu handeln. Nur eine Schar von Betern kann in dem gegenwärtigen erbitterten Kampf zwischen Wahrheit und Irrtum, zwischen Gut und Böse, zwischen Gottesglaube und Gottesleugnung den Sieg erringen. Nur eine Schar von Betern kann den sozialen Frieden bringen.

Ihr werdet diese Pflichten nur mit einer großen Liebe erfüllen können. Macht Front gegen den Hass, den nationalen ebenso wie den Klassenhass. Der Hass kann nur zerstören. Die Liebe baut auf. An den Kräften der Geduld und der Liebe, die aus dem Glauben an Christus und der Liebe zu ihm entspringen, werden die Gottlosigkeit, der brutale Egoismus und der Klassenhass endlich zerschellen.

In unserer Zeit hat die Menschheit die Botschaft von der Umwertung aller Werte gehört. Diese Botschaft hat sich weitgehend im Bereiche der rein irdischen Werte bewahrheitet.

Aber auch nicht weiter. Gerade in diesen Jahren wirtschaftlicher und sozialer Umwälzungen haben die religiösen und ewigen Werte machtvoll ihre absolute Unzerstörbarkeit bewiesen: Gott und sein Naturgesetz; Christus und sein Reich der Wahrheit und Gnade; die sich stets gleichbleibende Familie, immerdar Rückgrad und Richtmaß jeder wirtschaftlichen und öffentlichen Ordnung; die beseligende und sichere Hoffnung auf das Jenseits, auf die Auferstehung und das ewige Leben.

Ihr kennt, geliebte Söhne, die geheimnisvollen Reiter, von denen die Apokalypse spricht. Der zweite, der dritte und der vierte sind der Krieg, der Hunger und der Tod. Wer ist der erste Reiter auf dem weißen Rosse? « Auf ihm saß einer, der einen Bogen führte und es wurde ihm ein Kranz gegeben und er zog als Sieger aus » (6, 2). Es ist Jesus Christus. Der Seher-Evangelist sah nicht nur die von Sünde, Krieg, Hunger und Tod geschaffenen Ruinen. Er sah an erster Stelle den Sieg Christi. Und in der Tat ist der Weg der Kirche durch die Jahrhunderte zwar wohl ein Kreuzweg. Aber er ist in jeder Zeit auch ein Triumphzug. Die Kirche Christi, die Menschen des Glaubens und der christlichen Liebe sind immer die, welche der Menschheit ohne Hoffnung das Licht, die Erlösung und den Frieden bringen: « Jesus Christus, gestern und heute, er auch in Ewigkeit » (Hebr. 13, 8).

Christus ist Euer Führer von Sieg zu Sieg. Folget ihm. Dass Ihr ihm immer treu bleibt, spenden Wir Euch, der ganzen katholischen Jugend Italiens und der Welt, aus ganzem Herzen Unseren väterlichen Apostolischen Segen.

6. Oktober 1948

Radioansprache
Entre los graves y múltiples cuidados

an die Teilnehmer des Interamerikanischen Erziehungskongresses in La Paz
Katholische Erziehungsgrundsätze
(Offizieller spanischer Text: AAS 40 [1948] 465-468.)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 802-807; Nrn. 1589-1605)

Einleitung

1589 Ehrwürdige Brüder, geliebte Söhne! Unter den schweren und vielfältigen Aufgaben, welche Unsere universale Vaterschaft Uns auferlegen, schien es Uns stets eine der wichtigsten zu sein, Unser Augenmerk auf alles zu richten, was sich in irgendeiner Weise auf die Jugend bezieht.

1590 So war es Unser Wunsch, besonders an Euch einige Worte zu richten, an Euch, die Erzieher der künftigen Geschlechter eines ganzen Kontinentes, der berufen ist, in unseren stürmischen Zeiten eine so wichtige Rolle zu spielen, an Euch, die Ihr Euch in einer Versammlung zusammengefunden habt, die wegen der großen Zahl der vertretenen Länder, wegen der hervorragenden Eigenschaften der Teilnehmer und wegen des Zieles, das sie sich gesetzt hat, schon jetzt als der grundlegende Markstein in der Geschichte der katholischen Erziehung in der Neuen Welt betrachtet werden kann.

1591 Mögen Unsere innigsten Bitten bis zum Throne des Allerhöchsten gelangen, damit durch diesen Kongress jene Vereinigung endgültig werde, deren Zweck es sein soll, die Erziehung der Jugend aller amerikanischen Länder bewusst und wirksam durchzuführen in Übereinstimmung mit der Weisheit und Erfahrung, welche die Kirche in Erziehungsfragen gesammelt hat, und besonders mit den Richtlinien, welche der Apostolische Stuhl veröffentlicht hat. Dadurch erlangt Ihr jene Würde und jenen Glanz, wodurch die Regierungen und Bürger Eurer jeweiligen Länder bewogen werden, die Freiheit der Erziehungsanstalten der katholischen Kirche anzuerkennen und ihnen jene Hochachtung entgegenzubringen, auf die sie ein Anrecht haben.

Eure Versammlung übt jedoch noch eine andere, besondere Anziehungskraft aus: es ist das Thema, welches Ihr so weise für Eure Besprechung ausgewählt habt: « Die Erziehung und die moderne Umwelt ».

Erziehung und Religionsunterricht in den Schulen

1592 Das Wesen und das Ziel der Erziehung - Wir benutzen die Worte Unseres unmittelbaren Vorgängers - bestehen in der Mitarbeit mit der göttlichen Gnade in der Ausbildung des echten und vollkommenen Christen.

In dieser Vollkommenheit ist eingeschlossen, dass der Christ als solcher fähig ist, die Schwierigkeiten zu bekämpfen und zu besiegen und den Forderungen der Zeit, in welcher er leben muss, gerecht zu werden. Das will besagen: die Erziehungsarbeit, welche in einer bestimmten Umwelt und für ein bestimmtes Milieu durchgeführt wird, muss sich beständig den Bedingungen dieses Milieus und dieser Umwelt anpassen, von der sie ihre Vollendung empfängt und worauf sie hingeordnet ist. Ihr müsst also den gefährlichen Bestrebungen, welche die Religion vollständig von Erziehung und Schule trennen möchten oder doch wenigstens die Erziehung auf eine rein natürliche Grundlage stellen wollen, das Ideal einer Erziehungsarbeit entgegenstellen, welche mit dem unermesslichen Schatz eines bewussten und durch die Gnade unseres Herrn Jesus Christus belebten Glaubens bereichert ist.

1593 Sorget also dafür, dass Eure Kinder und jungen Leute mit dem Fortschritt ihrer Lebensjahre auch eine immer weitere und tiefgegründetere religiöse Bildung erhalten, ohne außer acht zu lassen, dass das volle und tiefe Erfassen der religiösen Wahrheiten wie auch die Zweifel und Schwierigkeiten sich im allgemeinen während der letzten Jahre der höheren Studien einzustellen pflegen. Dies trifft besonders zu, wenn sich der Studierende, was heute schwer zu vermeiden ist, in Berührung befindet mit Personen oder mit Lehren, die dem Christentum feindlich gesinnt sind. Aus diesem Grunde verlangt die religiöse Ausbildung mit Recht einen Ehrenplatz auf den Programmen der Universitäten und sonstigen höheren Lehranstalten.

Erziehung zu religiöser Selbständigkeit

1594 Traget Sorge dafür, dass mit dieser religiösen Bildung die heilige Gottesfurcht, die Gewohnheit, sich im Gebete zu sammeln, und die volle und bewusste Teilnahme am liturgischen Jahre der heiligen Mutter Kirche, der Quelle zahlloser Gnaden, innigst verbunden sei. Jedoch müsst Ihr an diese Aufgabe mit Vorsicht und Klugheit herangehen, damit der Jüngling selbständig stets mehr und mehr suche und selbständig handelnd lerne, sein Glaubensleben zu beleben und zu verwirklichen.

1595 Dem Mangel an Grundsätzen dieses Jahrhunderts, welches alles nur nach dem Erfolge misst, stellt eine Erziehung entgegen, welche den jungen Menschen fähig macht, zwischen Wahrheit und Irrtum, Gut und Böse, Recht und Unrecht zu unterscheiden, indem Ihr zutiefst in seine Seele die reinen Gefühle der Liebe, der Brüderlichkeit und der Treue einpflanzt. Wenn heutzutage die gefährlichen Filme, die einzig und in übertriebener Einseitigkeit zu den Sinnen sprechen, die Gefahr mit sich bringen, in den Seelen einen Zustand der Oberflächlichkeit und mutlosen Passivität hervorzurufen, so kann das gute Buch das ersetzen, was hier fehlt, indem es in der Erziehungsarbeit eine immer wichtigere Rolle spielt.

Körperkultur

1596 Der übertriebenen Bedeutung, welche man heutzutage allen rein technischen und materiellen Dingen zuschreibt, könnt Ihr mit einer Erziehung entgegentreten, die stets und an erster Stelle die geistigen und moralischen Werte - die natürlichen und ganz besonders die übernatürlichen - anerkennt. Ohne Zweifel heißt die Kirche die Körperkultur, wenn sie das rechte Maß einhält, gut. Dieses rechte Maß bleibt gewahrt, wenn sie keinen Körperkult treibt, wenn sie dazu dient, den Körper zu stärken, und nicht, seine Kräfte zu vergeuden, wenn sie gleichzeitig der Erholung des Geistes dient und nicht die Ursache seiner Schwächung und geistiger Roheit ist, wenn sie neue Impulse gibt für das Studium und die Berufsarbeit, ohne dazu zu verleiten, diese zu verlassen oder zu vernachlässigen oder den Frieden zu stören, welcher im Heiligtum der Familie herrschen soll.

Erziehung zu straffer Pflichterfüllung

1597 Einer maßlosen Vergnügungssucht und einer sittlichen Hemmungslosigkeit - die auch in die Reihen der katholischen Jugend einzudringen versucht und sie vergessen lässt, dass sie eine gefallene Natur besitzt und mit dem traurigen Erbe der Erbsünde belastet ist - stellt die Erziehung zur Selbstbeherrschung, zum Opfer und zur Entsagung, welche mit dem Unscheinbaren beginnt, um dann zum Größeren aufzusteigen, entgegen. Es handelt sich um die Erziehung zur treuen Pflichterfüllung, Aufrichtigkeit, Heiterkeit und Reinheit, besonders in jenen Jahren, die zur Reife führen. Niemals darf man vergessen, dass man dieses Ziel nicht erreichen kann ohne die mächtige Hilfe der Sakramente der Buße und des Altares, deren übernatürlichen Erziehungswert man niemals hoch genug einschätzen kann.

Weckung des sozialen Sinnes

1598 Entwickelt in den Seelen der Kinder und der jungen Leute einen Sinn für Rangordnungen (espirítu jerárquico) - ohne dabei jeder Altersstufe die ihr gebührenden Entfaltungsmöglichkeiten zu verweigern -, um dadurch nach Möglichkeit jene Atmosphäre der Unabhängigkeit und übertriebenen Freiheit, welche die Jugend heutzutage genießt und welche sie dahin führen würde, jede Autorität und jeden Zwang abzulehnen, zu zerstreuen, sucht das Verantwortungsbewusstsein zu wecken und erinnert daran, dass die Freiheit nicht der einzige menschliche Wert, wenn auch einer der wichtigsten, ist, sondern dass sie ihre Begrenzung findet, innerlich an den unauslöschlichen Normen der Ehrenhaftigkeit, äußerlich an den Rechten der andern, sowohl jedes einzelnen als auch der Gesellschaft als ganzer.

Zusammenwirken der Erziehungsfaktoren

1599 Da aber die Erziehung des Kindes und der Jugend das Ergebnis der Bemühungen vieler aufeinander abgestimmter Einzelelemente sein soll, so legt allen gebührenden Nachdruck auf die Zusammenarbeit und das gute Einvernehmen zwischen den Eltern und der Schule und jenen Einrichtungen, die ihre Arbeit unterstützen und nach der Schulentlassung weiterführen, wie die Katholische Aktion, die Marianischen Kongregationen, die Studienzentren und andere ähnliche Institutionen. Besondere Aufklärung benötigen nicht selten jene Familienväter, die oft nicht die nötige Vorbereitung haben, um ihren Erziehungspflichten nachkommen zu können. Im allgemeinen hängt vom guten Einvernehmen mit ihnen der Erfolg der Erziehung ab, selbst wenn die Schulen gut sind und die Lehrer noch besser.

Mitwirkung des Staates

1600 Wir benutzen die Gelegenheit, geliebte Söhne, um Unserer väterlichen Freude Ausdruck zu geben über die ernsten Fortschritte, die Ihr auf dem Wege zu Eurem Ideal gemacht habt, und mit Freude stellen Wir allen jene Länder als Beispiel und zur Nacheiferung vor, welche in der christlichen Erziehung der Jugend an der Spitze stehen. Gleichzeitig geben Wir Unserer Hoffnung Ausdruck, dass die Regierungen Eurer Länder immer mehr den Wert und mehr noch den unersetzlichen Charakter Eurer Erziehungs- und Unterrichtsarbeit anerkennen, indem sie Euch willig alle Möglichkeiten und Erleichterungen gewähren, damit Ihr einen guten Stamm von Lehrern und Lehrerinnen, die treue Katholiken und ausgezeichnete Fachleute sind, von Ordensleuten und Laien, ausbilden könnt. Gleichzeitig vertrauen Wir, dass die öffentlichen Autoritäten in enger Zusammenarbeit mit Euch alles aus der Presse und von der Leinwand entfernen, was Ursache des Ärgernisses und der Gefährdung für die Jugend sein könnte.

1601 Auf diese Weise verbindet sich das Ideal der christlichen Erziehung mit den modernsten Fortschritten der Psychopädagogik, indem sie dieselbe mit einem Licht umgibt, das sie vollendet, und die Erziehungsarbeit und die einheitliche und fruchtbare Entwicklung der Persönlichkeit erleichtert.

Schlussgedanken

1602 Euer Kongress hat in La Paz, « der edlen, tapferen und gläubigen », der « ausgezeichneten und mutigen Stadt» stattgefunden und zugleich mit dem so bedeutsamen Datum der Vierhundertjahrfeier ihrer Gründung. La Paz ! (= der Friede).

1603 Gebt Euch, teuerste Kongressteilnehmer der « Friedensstadt », dem Werk der Erziehung hin und erzieht für den Frieden! In Euren Händen sind die Seelen Eurer Schüler wie bildsames Wachs; macht ganze und bewusste Christen aus ihnen! Dadurch werdet Ihr auf die bestmögliche Weise für den zukünftigen Frieden arbeiten.

1604 Erhebt die Augen zu den weißen Gipfeln des Illimani, die zum Himmel weisen; betrachtet dieses ruhige, heitere und üppige Tal, in dem La Paz wie in einem kleinen Paradiese liegt; bewundert die flinken Wasser des Choqueyapu, die frisch von den Bergen ins Meer hinab fließen; lasst Eure Seelen sich zutiefst erfüllen von diesen Gefühlen der Erhebung, der Heiterkeit, der Liebe und des Friedens und bringt diese dann in Eure Institute, in Eure Unterrichtsstunden, zu Euren großen und kleinen Schülern, damit sie besser werden als ihre Brüder von gestern und so endgültig in der Welt die Nächstenliebe und Eintracht herrschen möge.

1605 Mit diesen Gefühlen und Wünschen segnen wir Euch als Ausdruck Unserer väterlichen Liebe, damit die Sanftmut und Güte der allerseligsten Jungfrau und die glühende Liebe des heiligsten Herzens Jesu alle Anwesenden erfüllen möge, in ganz besonderer Weise diejenigen, die zu dem erhabenen Lehramte berufen sind, damit ihr Wille gestärkt und ihr Verstand erleuchtet werde auf dem langen, manchmal rauen Wege ihrer entsagungsvollen Tätigkeit.

22. Januar 1949

Ansprache
All'alba della storia desila Chiesa

An die italienischen Frauen der christlichen Wiedergeburt
über die Aufgaben des Apostolates

(Offizieller italienischer Text AAS 39 [1947] 58-63)

(Quelle: Pius XII., Ruf an die Frau, Aus den Rundschreiben, Ansprachen, Briefen und Konstitutionen des Heiligen Vaters, Zusammengestellt von Dr. Käthe Seibel-Royer, Mit kirchlicher Druckgenehmigung des bischöflichen Seckauer Ordinariates zu Graz am 20. August 1956, Zl. 4082, und Segen Pius XII., Styria Verlag Österreich 1956, S. 155-160; 2. Auflage; fast die ganze Ansprache)

Hintergrund

Am 22. Jänner 1947 empfing Pius XII. die italienischen Frauen der "Renovatio Christiana" (Christliche Wiedergeburt) in Audienz und sprach zu ihnen über die Aufgaben des Apostolats. Im Jahre 1943 hatten Damen des römischen Adels diese Bewegung der "Renovatio Christiana" gegründet, die dem modernen Heidentum Kampf ansagte und in der Einstellung der Katholischen Aktion sich der echten christlichen Nächstenliebe widmete. Die kleine Gruppe von geistig und religiös tief gebildeten Damen stellt an sich selbst hohe Anforderungen und versucht durch "Liebe und Dienen" Einfluss auf die religiöse Vertiefung ihrer Umwelt zu erlangen. Die Ansprache zeigt ganz besonders lehrreich, wie der Papst sich ein wirksames Apostolat gebildeter Frauen erhofft; die Rede soll daher nahezu vollständig wiedergegeben werden.

Die Ansprache

,In den Zeiten, in denen es Gegenstand des Hasses der Welt ist, bedarf das Christentum nicht überzeugender Worte, sondern der Größe.' (ad Romanos 3, 3)

Heute bedarf es der Größe eines in seiner Fülle und unerschütterlichen Beharrlichkeit gelebten Christentums; es bedarf der mutigen und tüchtigen Schar derer, die, seien es nun Männer oder Frauen, mitten in der Welt leben, aber jeden Augenblick bereit sind, für ihren Glauben, für das Gesetz Gottes, für Christus zu kämpfen. Ihre Augen müssen sich fest auf ihn als das Vorbild richten, das sie nachahmen, als den Führer, dem sie in ihrer Arbeit und ihrem Apostolat folgen wollen. Diese Norm habt ihr, geliebte Töchter, euch gesetzt.

Vor allem anderen wollt ihr Seelen von vollem und uneingeschränktem katholischem Glauben sein. Es ist dem Christentum kürzlich auch der Rat gegeben worden, wenn es noch eine gewisse Bedeutung behalten, wenn es den toten Punkt überwinden wolle, sich dem modernen Leben und Denken, den wissenschaftlichen Entdeckungen und der außerordentlichen Macht der Technik anzupassen, denen gegenüber seine geschichtlichen Formen und seine alten Dogmen nur noch der Nachglanz einer fast erloschenen Vergangenheit seien. Welch ein Irrtum und wie sehr enthüllte er die eitle Selbsttäuschung oberflächlicher Geister! Sie wollen die Kirche in den engen Rahmen rein menschlicher Organisationen wie in ein Prokrustesbett pressen. Als ob die neue Auffassung von der Welt, der gegenwärtige Bereich der Wissenschaft und der Technik, das ganze Feld beherrschte und keinen freien Raum mehr übrig ließe für das übernatürliche Leben, das nach allen Seiten darüber hinausgeht! Sie ist nicht imstande, es zu vernichten oder zu absorbieren: vielmehr bezeugen die wunderbaren wissenschaftlichen Entdeckungen (die die Kirche fördert und begünstigt) nur noch kraftvoller und wirksamer als früher die ,ewige Macht Gottes' (Röm 1, 20). Aber das moderne Denken und Leben müssen zu Christus zurückgeführt und wiedererobert werden. Christus, seine Wahrheit, seine Gnade sind der Menschheit unserer Zeit nicht weniger notwendig als derjenigen von gestern und vorgestern und aller vergangenen und zukünftigen Jahrhunderte. Die einzige Quelle des Heils ist der katholische Glaube; aber nicht ein verstümmelter, blutloser, versüßlichter Glaube, sondern ein Glaube in seiner ganzen Fülle, Reinheit und Kraft. Gewiss können manche Leute diesen Glauben für eine ,Torheit' halten; das ist nichts Neues; es war schon zur Zeit des Apostels Paulus so. Für euch dagegen ist er ,Kraft Gottes' (1 Kor 1, 18), und es drängt euch dazu, ihn eurem Jahrhundert mitzuteilen in demselben Glauben an den Sieg, der die Herzen der ersten Christen erfüllte. Wir loben eure Absichten. Möge der Herr sie durch die Fülle seines Segens fruchtbar machen. Mit der Unerschütterlichkeit des Glaubens vereint ihr den Mut, die Beobachtung der Gebote Gottes und des ganzen Gesetzes Christi und seiner Kirche ernst zu nehmen. In der Tat ist das kein geringes Verdienst, zumal unter den gegenwärtigen Umständen. Wenn man die Verhältnisse, unter denen ihr lebt, die modernen Ideen und Lebensgewohnheiten, die moderne Welt mit ihrem Elend und Unglück, doch auch mit ihrer Verführung und ihrem fast diabolischen Zauber, dem tyrannischen Druck von Organisationen mit einer ungeheuerlichen Macht ernstlich ins Auge fasst, so muss man zugeben, dass es, um immer und überall ohne Rückhalt und Kompromiss den Geboten Gottes treu zu bleiben, tatsächlich einer Selbstbeherrschung, einer unausgesetzten Anstrengung, einer Selbstüberwindung bedarf, die sich oft bis zu jenem Heldentum steigert, dessen charakteristischstes Zeichen das Blutzeugnis ist.

Wir haben gesagt: ohne Rücksicht und ohne Kompromiss; denn wer könnte behaupten, dass eine Seele treu Gott dient, wenn sie bei der Erfüllung der christlichen Praxis einen offenkundig weltlichen Sinn verrät, wenn sie ihre Gedanken der Selbstsucht, der Eitelkeit, der Sinnlichkeit mit in die Kirche bringt; wenn sie glaubt, sie könne ein oberflächliches und profanes Leben rechtfertigen und heiligen, indem sie ein paar Übungen einer völlig oberflächlichen Frömmigkeit einschiebt, wenn es nicht sogar kindische und abergläubische Andachtsübungen sind. Mit Recht fragt ihr darum gerade heraus: Gilt das Wort Christi: ,Wenn einer mir nachfolgen will, dann verleugne er sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach' (Lk 9, 23) auch heute noch ebenso wie früher? Ja? Dann muss es für uns zur Lebensregel werden. Und ist der Mensch, die Frau ebenso wohl wie der Mann, in seiner Lebensführung, sowohl in privater Hinsicht wie in sozialen Beziehungen, vielleicht frei, sich selber willkürlich und nach eigenem Gutdünken zu regieren? Oder muss er vielleicht in jedem Bereich anerkennen, dass es Fragen gibt, deren Lösung immer von den unveränderlichen Geboten Gottes abhängt? In diesem Falle weg mit allem Kleinmut, aller unnützen Furcht! Wenn Gott befiehlt, versäumt er nie, mit der Vorschrift zugleich auch die Hilfe zu verleihen, sie zu erfüllen. Daher euer Entschluss: den Weg des Herrn zu bereiten, seinem Willen einen geraden Pfad; vor allem in eurem eigenen Leben, dann aber auch in dem des Nächsten. Wir segnen eure Absicht! Gott möge sie mit dem himmlischen Tau seiner Gnaden beleben.

Doch die Festigkeit des Glaubens, der Mut des HandeIns genügen euren Wünschen noch nicht; vielmehr soll sich in eurem Herzen eine leuchtende und glühende Flamme des Eifers entzünden. Da ihr entschlossen seid, in eurem Leben als junge Mädchen, als Ehefrauen, als Mütter das heilige Gesetz Gottes in seinem ganzen Umfange zu verwirklichen, sollt ihr daran mitarbeiten, in dem Bereich und unter den Umständen, die die Vorsehung euch bereitet und in die sie jede einzelne von euch gestellt hat, die Seelen zu dem einzigen Herrn und Meister zurückzuführen, ihnen in der Unterwerfung unter den göttlichen Willen, in der Aufnahmebereitschaft für die unfehlbare Lehre, in der Heiligung durch die Gnade die einzige wahre Freiheit zu bringen, die sie von der erniedrigenden Knechtschaft des Irrtums und des Bösen befreit. Das ist der Sinn des ganzen Erlösungswerkes, und jedes Apostolat, in welcher Form es auch ausgeübt wird, ist nur eine Teilnahme am Erlösungswerk Christi ...

Bei eurem Apostolat befolgt ihr die Worte des göttlichen Meisters: ,Das Reich Gottes kommt nicht so, dass ,es die Blicke auf sich zieht' (Lk 17, 20); ihr wollt nicht durch Zurschaustellung öffentlicher Kundgebungen wirken; überhaupt soll im allgemeinen alles, was die Organisation anbetrifft, bei euch im Schatten bleiben und sich auf das Allernotwendigste beschränken. Wir haben zu Beginn von euch als von einer Sturmtruppe gesprochen, aber eure Gegenoffensive wird nicht mit Lärm und Aufregung vorbereitet und ausgeführt, sondern in Ruhe und Sammlung, im stillen Gebet, durch Beispiel, durch das nachdrückliche Bekenntnis eurer festen Überzeugungen und der christlichen Grundsätze im Kreise von Personen, die anders denken und handeln, durch eine langsame, ständig fortschreitende Einwirkung auf diese, um sie ganz allmählich zu Christus zurückzuführen. Zweifellos kann kein Werk, was es auch sei, ohne ein Minimum von Organisation Festigkeit und Dauer haben. Immerhin bleibt diese, so unerlässlich sie auch ist, doch immer nur ein Mittel des Apostolates, und nichts weiter. Ebenso haben öffentliche Kundgebungen ihren Wert, ja in gewissen Fällen können sie notwendig sein, zumal da, wo sich der Gegner ihrer mit einem großen Apparat zu Propagandazwecken bedient. Doch um das Ziel zu erreichen, das sich eure Bewegung gesetzt hat, habt ihr die schlichte Methode der Arbeit gewählt; der Weg, den ihr eingeschlagen habt, ist sicher, und ihr könnt ihn mit Vertrauen weiter beschreiten. Die Bescheidenheit, die Unaufdringlichkeit, mit der ihr euren Eifer betätigt, sind keineswegs mit Passivität oder ermüdender Eintönigkeit gleichzusetzen. Im Gegenteil! Jede von euch, die sich dem gemeinsamen Werk einordnet, muss sich doch mit ihrem eigenen Charakter, mit ihrem eigenen Temperament, ihren Gaben, ihren persönlichen Mitteln einsetzen. Gerade das Zusammentreffen dieser so verschiedenen Eigenschaften gibt eurer freundschaftlichen Zusammenarbeit ihre Harmonie und ihre besonderen Merkmale. Ihr alle könnt und sollt das Apostolat eines vorbildlichen Lebens, des Gebets und des Opfers zur Geltung bringen. Aber gerade hier bleibt jenseits dessen, was für jeden Gläubigen streng verpflichtend ist, ein weites Gebiet, in dem die physischen Möglichkeiten, die bei jeder einzelnen ganz verschieden sind, und die Großmut des Herzens, mit der ihr - immer ein gesundes Urteil und die gute Absicht vorausgesetzt - dem Antrieb der Gnade antwortet, das richtige und angemessene Maß eures Handelns bestimmen müssen.

Diese Verschiedenheiten im Maß und in der Form des Mutes finden ihre Anwendung sowohl auf materiellem wie auf geistigem Gebiet. Denen von euch, denen die wirtschaftlichen Verhältnisse oder andere günstige Umstände oder eine besondere Freigiebigkeit es erlauben, das Apostolat der Liebe gegenüber dem Notleidenden auszuüben, sagen Wir mit dem hl. Paulus ,Lasst euch nicht besiegen durch das Böse, sondern besiegt das Böse durch das Gute' (Röm 12, 21). Dem Geist der Verleumdung, des niedrigen Klatsches, des Neides, des Hasses, der Grausamkeit, der Unterdrückung sollt ihr unermüdlich Güte und Liebe entgegensetzen, die Liebe des Herzens und des Wortes, die Liebe der Werke eurer Hände ...

Wir müssen noch das Apostolat im genauen Wortsinn betrachten, das Apostolat der persönlichen, unmittelbaren Einwirkung auf den Nächsten, um ihn für Christus zu gewinnen. Das ist nicht etwas, was jedem liegt. Dazu gehören besondere Eigenschaften, eine Vorbereitung, eine Ausbildung, die nur das Privileg einer Elite sein können. Doch auch dann ist die Befähigung zu einem solchen religiösen Apostolat je nach der Person sehr verschieden. Bemüht euch also, euch selber zu erkennen, um, jede nach ihrer Art, Bote Gottes zu werden. Aber welches auch die Art und Weise und sozusagen der persönliche Zug jeder einzelnen sein wird, das beherrschende Merkmal, das ihr euch allen aufdrücken müsst, ist jene geistige Größe, die der Märtyrer Ignatius so herrlich gepriesen hat. "

24. Juli 1949

Ansprache
Per quanto legittima

an Frauen der Katholischen Aktion Italiens
Die Not der christlichen Ehe und Familie in der modernen Zivilisation
(Offizieller italienischer Text: AAS XLI [1949] 415-421)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 491-499; Nrn. 995-1027)

Einleitung

995 So berechtigt Eure Freude ist, geliebte Töchter, das Gedächtnis der ersten vierzig Jahre Eurer Vereinigung zu feiern, so habt Ihr Euch doch mit noch höheren Einstellungen und Gesinnungen um Uns versammelt. Ihr wolltet eine Etappe Eures Weges kennzeichnen, oder, wie man zu sagen pflegt, einen Punkt markieren, d. h. einen Blick werfen auf den zurückgelegten Weg und ruhigen Auges die Verhältnisse prüfen, denen Ihr Euch heute gegenüberseht. Und nun möchtet Ihr von Uns erfahren, welche Pflichten sie Euch auferlegen und welche Ratschläge Wir Euch zu geben gedenken. Mit einem Wort: Ihr wünscht, heute den Plan und das Programm für Eure nächste Etappe festzulegen.

996 Im Verlaufe dieser vierzig Jahre seid Ihr tapfer vorwärtsgeschritten; aber auch die Welt ist weitergegangen, und zwar mit einer schwindelerregenden Schnelligkeit. Es handelt sich daher in erster Linie darum zu sehen, ob Ihr Schritt zu halten wusstet und Euch nicht überholen ließet oder heillos zurückgeblieben seid. Wichtiger ist jedoch die Feststellung, ob Ihr, stark genug, um Euch vom Zuge der Zeit nicht mitreißen zu lassen, im Gegenteil auf irgendeine, wenn auch noch so bescheidene Weise dazu beigetragen habt, ihn zu lenken, zu zügeln oder zu beschleunigen, mit einem Worte: ihm durch Euren regulierenden Einfluss größere Festigkeit und Beständigkeit zu geben.

1. Der Einzug der italienischen Frau in das moderne öffentliche Leben

997 Ja, die Welt ist weiter vorangeschritten. Doch Wir wollen nicht nur von den großen Ereignissen sprechen, die ihrer Geschichte denkwürdige Tatsachen eingezeichnet haben, besonders von den zwei Weltkriegen, die - der zweite unvergleichlich mehr als der erste - auch der italienischen Frau unerhörte und übermenschliche Opfer auferlegten. Wir haben vor allem die Entwicklung im Auge, die sich in diesem Zeitabschnitt auf Euren Lebensgebieten vollzog, eine Entwicklung, die man viel eher eine vollständige Umwälzung nennen müsste.

998 Als Eure Vereinigung entstand, hatte diese Wandlung vielleicht schon an einigen Punkten eingesetzt. Heute ist sie vollendet. Die italienische Frau, und an erster Stelle das junge Mädchen, ist herausgetreten aus der Zurückhaltung und Verborgenheit des häuslichen Lebens und in weitem Ausmaße in Posten, Ämter, Verantwortlichkeiten und Rechte eingerückt, die vorher ausschließlich dem Manne vorbehalten waren. Die italienische Frau hat - und das gereicht ihr zur Ehre - diesen Schritt ins öffentliche Leben der Nation nicht leichten Herzens getan. Mündig geworden, unabhängig und gleichberechtigt steht sie heute wie der Mann in der Wirtschaft und in der Arbeit, in der Wissenschaft und in der Kunst, in den freien Berufen, in den öffentlichen Ämtern und nimmt Anteil an den politischen und verwaltungstechnischen Entscheidungen des Staates und der Gemeinden.

999 Schon mehrmals hatten Wir Gelegenheit, die Folgen dieser Umwandlung darzulegen und die sich daraus ergebenden Verpflichtungen herauszustellen. Wir taten dies bei den verschiedensten Anlässen, bei Versammlungen italienischer Frauen, bei internationalen Kongressen katholischer Frauen, bei Audienzen von Jungfrauen und Neuvermählten. Wir behandelten diesen Gegenstand bald im allgemeinen, bald entsprechend den besonderen Ständen der Frau als Arbeiterin, Angestellte, Lehrerin, Teilnehmerin am öffentlichen Leben. Was könnten Wir also den so bedeutsamen Fragen noch hinzufügen, über die Wir Uns schon so oft geäußert haben?

Trotzdem fühlen Wir Uns gedrängt, nochmals zu Euch zu sprechen, Frauen der Katholischen Aktion, um Euch mit erneuter Eindringlichkeit die Nöte der Familie und der Jugend ans Herz zu legen.

2. Dank an die Frauen der Katholischen Aktion für ihre segensreiche Tätigkeit

1000 Vor allem aber müssen Wir aus innerstem Herzen dem allmächtigen Gott demütig Dank sagen für das große Werk, das Ihr in den verflossenen vier Jahrzehnten vollbringen konntet : wie viel guter Wille, wie viel Hingabe, wie viel christliches Heldentum! Euer Wahlspruch « Fortes in fide » - « Tapfer im Glauben» ist Euer Lob geworden. Wie viel verdankt die Bewahrung des Glaubens und des christlichen Lebens im italienischen Volke Eurem Apostolat! Wie umfangreich war Eure Liebestätigkeit in Frieden und Krieg für alle Kreise des Volkes! Die Hand Gottes hat Euch geführt. Die Gnade Gottes hat Euch stark gemacht. Ihm sei Lob und Ehre!

Wir danken Euch sodann, geliebte Töchter, in besonderer Weise dafür, dass Ihr eine Aufgabe von großer Wichtigkeit bewältigt habt: die Erziehung und Führung der italienischen Frau zur Erfüllung der schweren Pflichten vor Gott und dem eigenen Gewissen, die ihr zugewachsen sind. Es war dies eine mühsame und entsagungsreiche Arbeit, die Ihr für die Sache Gottes und die höchsten Güter der Nation, für seine christliche Kultur, getan habt. Und Gott hat Euer Werk gesegnet.

3. Die Bedrohung der Ehe und Familie

1001 Und nun, geliebte Töchter, lasst Uns Unsern Gegenstand etwas näher ins Auge fassen, denn vieles bleibt noch zu tun, und vieles erwartet die Kirche noch von Eurem unermüdlichen Eifer.

1002 Immer lauter und durchdringender erheben sich vom europäischen Boden und von jenseits der Meere die Hilferufe zu Gunsten der notleidenden Familie und der jungen Generation. Dass der Krieg einen großen Teil der Schuld daran trägt, ist wohlbekannt. Er hat vor allem die gewaltsame und unheilvolle Trennung von Millionen von Ehegatten und Familien verschuldet sowie die Zerstörung ungezählter Wohnungen.

Der materialistische Zeitgeist

1003 Doch ebenso sicher ist, dass der wahre und eigentliche Grund für eine so große Not viel tiefer liegt. Man muss ihn in dem suchen, was man mit einem umfassenden Ausdruck «Materialismus» nennt, d. h. in der Verneinung oder wenigstens in der Vernachlässigung und in der Verachtung alles dessen, was Religion, Christentum, Unterwerfung unter Gott und sein Gesetz, zukünftiges Leben und Ewigkeit heißt. Wie ein Pesthauch durchdringt der Materialismus immer mehr alle Seinsbereiche und bringt seine unheilvollsten Früchte in der Ehe, in der Familie und bei der Jugend hervor.

Die zerstörenden Mächte im besonderen

1004 Allgemein ist, so kann man sagen, die Ansicht, dass sich die Sittlichkeit so vieler Jugendlicher in fortschreitendem Zerfall befindet, und zwar nicht allein der Jugend in den Städten; auch auf dem Lande, wo früher eine gesunde und starke Sittsamkeit herrschte, ist der moralische Abstieg kaum geringer, und zugleich hat viel von dem, was in den Städten zu Luxus und Vergnügen drängt, freien Einlaß auch im Dorf gefunden.

1005 Es ist überflüssig darauf hinzuweisen, wie sehr das Radio und das Kino gebraucht und missbraucht wurden zur Verbreitung dieses Materialismus und wie sehr das schlechte Buch, die liederliche Illustrierte, das schamlose Theater, der unsittliche Tanz, das ausgelassene Strandleben dazu beigetragen haben, die Oberflächlichkeit, die Weltlichkeit, die Sinnlichkeit der Jugend zu vermehren. Die Berichte, die aus den verschiedensten Gegenden einlaufen, weisen auf diese Gelegenheiten hin als Zentren der religiösen und sittlichen Verlorenheit der Jugendlichen. Doch an erster Stelle ist der Zerfall der Ehen verantwortlich, als dessen Anzeichen und unselige Folge der sittliche Abstieg der Jugend genannt werden kann.

1006 Es ist wohl möglich, dass dieses traurige Bild nicht in gleichem Maße für alle Länder gilt und dass Italien noch zu den gesünder gebliebenen Gebieten zählt. Und in der Tat haben Wir selber sehr oft die frischen Reihen einer prächtigen Jugend bewundert, rein, stark, kühn, bereit zu jedem Opfer für die Verteidigung des Glaubens und der Tugend. Trotzdem wurde auch in Eurer Heimat die junge Generation hart angeschlagen.

4. Die Rettung der Familie; drei Forderungen

1007 Wir wissen nicht, für welche Ziele die Kirche all ihre Kräfte mehr einsetzen müsste als für die Rettung der Familie und der Jugend. Und deswegen zählt sie besonders auf Euch, christliche Frauen und Mütter! Ihr habt schon seit langer Zeit an diesem Ziele gearbeitet und es zum Gegenstand Eures Meinungsaustausches gemacht. Die Entschließungen Eures Kongresses bezeugen die edle und apostolische Mühe, die Bedürfnisse der christlichen Hausgemeinschaft den heutigen Verhältnissen anzupassen.

1008 Unsererseits möchten Wir Eure Aufmerksamkeit auf drei Punkte hinlenken:

1. Gesunde Sozialpolitik

1009 1. Wir schicken voraus, dass alles, was zu einer gesunden Sozialpolitik für das Wohl der christlichen Familie und Jugend beiträgt, immer mit der wirksamen Unterstützung der Kirche rechnen kann.

1010 Was Wir vor zwei Jahren den Männern der Katholischen Aktion sagten, wiederholen Wir Euch: die katholische Kirche unterstützt nachdrücklich die Forderungen der sozialen Gerechtigkeit.

Sozialer Wohnungsbau

1011 Zu diesen Forderungen gehört die Bereitstellung der nötigen Wohnungen für das Volk, vor allem für jene, die eine Familie gründen wollen oder schon im Begriffe stehen, sie zu gründen. Könnte man sich eine vordringlichere soziale Aufgabe denken? Wie schmerzlich ist doch der Anblick von Jugendlichen, die in einem Alter, wo die Natur am meisten zur Ehe drängt, nur aus Wohnungsmangel Jahre und Jahre lang warten müssen, mit der Gefahr, dass sie schließlich in diesem entnervenden Warten moralisch eingehen! Fördert daher für Euren Teil mit Eurer Propaganda und Eurer Aktion den Bau von Häusern, auf dass die Würde der Ehe und die christliche Erziehung der Kinder unter einem solchen Mangel nicht zu leiden haben.

Ausbildungsstiitten für die zukünftige Haus- und Ehefrau

1012 Wir segnen auch Eure Hauswirtschaftsschulen und allgemein alles, was die Schulung und Bildung der Frau fördern will für die Leitung des Hauses, für die Ausstattung der eigenen Wohnung, für die Pflege und Erziehung der Kinder; alles, was nicht nur der physiologischen, sondern vor allem der geistigen und sozialen Vorbereitung auf die Ehe dient; alles, was Ihr für den Gedanken der Wahl und Ausbildung des künftigen Berufes leistet.

Weckung weiblicher Ordensberufe

1013 Vergesst aber nicht, dass es unter den Frauenberufen auch den Ordensberuf gibt, den Stand der gottgeweihten Jungfrauschaft. Diese Bemerkung ist heute um so angebrachter, weil sich in die sehr berechtigte Hochschätzung apostolischer Tätigkeit inmitten der Welt kaum bemerkbar ein Schatten von Naturalismus einschleichen könnte, der imstande wäre, die Schönheit und den fruchtbaren Wert zu verschleiern, welcher der Ganzhingabe des Herzens und des Lebens an Gott eigen sind. Man kann heute das Apostolat der Kirche kaum denken ohne die Mitwirkung der Ordensfrauen in den Werken der Caritas, der Schule, in der Unterstützung des priesterlichen Dienstes, in den Missionen. Es liegt deshalb an den italienischen Frauen, für Italien die notwendigen Berufe sicherzustellen. Gebt Euch Mühe, sie zu wecken! Ihr wisst schon, dass deren segensreiches Schaffen in vielfacher Weise von den gottgeweihten Jungfrauen auf die Familien selber zurückfließt.

2. Festigung des christlichen Glaubenslebens

1014 2. Wenn Wir die ganze Bedeutung einer gesunden Sozialpolitik für die Rettung der Familien und der christlichen Jugend anerkennen, so ist sie dennoch nur eine erste Voraussetzung. Sonst dürfte ja die Familie in den sozial besser gestellten Klassen nicht in gleicher Weise (wie es jedoch tatsächlich zutrifft) und vielleicht sogar noch mehr der Gefahr des Verfalls ausgesetzt sein als in den sozial gedrückteren Schichten.

1015 Die Krebskrankheit der Familie wie der Jugend ist die Schwächung des Glaubens und der Gottesfurcht, der Frömmigkeit und der Gewissenhaftigkeit, das Einsickern des Materialismus nicht nur im Denken und Urteilen, sondern auch in der Lebensführung, und dies auch bei nicht wenigen, die treue Gläubige sein und bleiben wollen.

1016 Gegen dieses Übel gibt es nur ein Heilmittel: Glaubensfestigkeit bei den Eltern, die, verbunden mit dem Beispiel, mit der religiösen Unterweisung und mit der sittlichen Erziehung, auch in den Kindern einen unerschütterlichen Glauben erzeugt.

1017 Glaubensfestigkeit! Also keine Oberflächlichkeit, keine Form ohne Inhalt und auch keine bloße Gefühlsfrömmigkeit. Die frommen Gebräuche, die in den christlichen Familien überkommen sind, angefangen vom Kreuz und den Heiligenbildern, müssen ohne Zweifel in höchster Ehre gehalten werden. Doch sie haben ihren wahren Sinn nur dann, wenn sie in einem innerlich festen Glauben gründen, in dessen Mittelpunkt sich die großen religiösen Wahrheiten befinden. Welch unermesslichen Wert hat zum Beispiel der Gedanke an die Allgegenwart Gottes für den tätigen und gläubigen Menschen, welch unvergleichliche Hilfe bedeutet er für die Erziehung der Kinder!

1018 Das Beispiel der Eltern! Wer kennt nicht seine unersetzliche Wirkung? Das gemeinsame Gebet des Vaters und der Mutter mit den Kindern; die gewissenhafte Treue in der Heiligung der Festtage; das ehrfürchtige Wort, wenn es um Religion und Kirche geht, Ruhe und Umsicht, einwandfreie, redliche, untadelige Lebensführung!

1019 Die religiöse Unterweisung der Kinder. Sie ist in deren ersten Lebensjahren süße Aufgabe der Mutter. Ihr Mütter habt dann die Kinder in Euren Händen. Aber die Zeit, die man damals verloren hätte, könnte man nur sehr schwer wieder einholen, und was man damals in ihre Seelen gesät, könnte man schwerlich ganz wieder ausreißen. Darin liegt Euer vielversprechender Erfolg, christliche Mütter, aber auch Eure Verantwortung!

3. Sittliche Erziehung der Jugend

1020 3. Die sittliche Erziehung der Jugend. Sie ist von einer solchen Wichtigkeit, dass sie, obwohl eingeschlossen in den obigen Punkten, besondere Betrachtung verdient.

1021 Ehemals verdoppelte die Familienmutter, wenn sie bei ihren Kindern die ersten Anzeichen der Reife beobachtete, ihre Wachsamkeit und Sorge, um ihre Unschuld zu schützen, um ihre Tugend zu festigen in den entscheidungsvollen Jahren, und fühlte ihre Unruhe schwinden, wenn sie sie treu zu ihren religiösen Pflichten, zur Heiligung der Sonn- und Feiertage stehen sah.

1022 Freilich ist heute die Beobachtung des Sonntagsgebotes keine sichere Bürgschaft mehr für das sittliche Verhalten des Mädchens. Diese Trennung von Religion und Sittlichkeit ist sehr bezeichnend; Denn diese zwei Elemente bilden, wenn sie echt sind, eine unzertrennliche Einheit. Zweifellos hat es schon immer moralische Versager gegeben. Solange jedoch das religiöse Leben gesund und fest war, bildete es auch das private und öffentliche Gewissen.

1023 Auch hier gibt es nur ein Heilmittel. Haltet dem Kinde von den ersten Jahren an die Gebote Gottes vor Augen und gewöhnt es daran, sie zu erfüllen. Die Jugend von heute ist nicht weniger als die vergangener Zeiten bereit und willig, sich gut zu halten und Gott zu dienen. Aber sie muss dazu erzogen werden.

1024 Stellt der Gier nach Luxus und Vergnügen die Erziehung zu Echtheit und Einfachheit entgegen. Die Jugend muss wieder lernen, sich zu beherrschen und Verzichte auf sich zu nehmen. Es darf nicht vorkommen, dass sie die Eltern immer mehr belastet mit Forderungen, welche diese unmöglich erfüllen können. Einfaches Leben und Sparsamkeit waren zu allen Zeiten die besonderen Tugenden des italienischen Volkes. So muss es bleiben. Selbst die Volkswirtschaft fordert das.

1025 Erzieht die Jugend zur Reinheit. Helft ihr, wo ein aufklärendes Wort, ein Rat, eine Führung nottut. Vergesst aber nicht, dass eine gute Erziehung, die das ganze Leben umfasst, besonders die Gewöhnung an Selbstbeherrschung, auch auf diesem Gebiet die beste Erziehung ist.

1026 Erzieht sie zum Gehorsam und zur Ehrfurcht gegenüber der Autorität. Eine leichte Sache ist dies, wenn sich der Mensch Gott unterwirft und die unbedingte Gültigkeit seiner Gebote anerkennt. Für den Glaubenslosen, für den Gottesleugner kann es keine wahre, gerechte und geordnete Autorität geben, denn « es gibt keine Gewalt außer von Gott» (Röm. 13,1). Er kann nur mit Furcht und Gewalt regieren und regiert werden.

Das alles sind gewisse elementare Wahrheiten. Aber gerade sie werden allzu oft vergessen und vernachlässigt. Und doch kann die Wiedergesundung nur kommen, wenn diese grundlegenden Forderungen treu erfüllt werden.

'Schlussgedanken

1027 Geht daher, geliebte Töchter, ans Werk oder besser: führt es eifrig weiter mit klarer Erkenntnis des Zieles, dem Ihr zustrebt: die Rettung der christlichen Ehe, der Familie und der Jugend. Die Anstrengungen und Prüfungen, die Ihr auf Euch nehmt, sind wirklich für die Sache Gottes und der Kirche wie zugleich für die höchsten Anliegen Eures Volkes und Eurer Heimat. Denn es gilt der Grundsatz: ein Volk, in dem Ehe und Familie zerfallen, ist früher oder später dem Untergang geweiht.

Der Herr sei mit Euch. Er gebe Euch « das Wollen und vollbringen, wie es ihm wohlgefällt » (Phil. 2, 13). Seine allerheiligste Mutter Maria, Euer Leben, Euer Trost und Eure Hoffnung, erhalte in Eurer Gemeinschaft den Geist gegenseitiger Hochschätzung, des Vertrauens, der Liebe, des apostolischen Eifers. Zum Unterpfand dessen erteilen Wir Euch allen von Herzen Unseren väterlichen Apostolischen Segen.

25. September 1949

Ansprache
De grand coeur

an die Teilnehmer des Internationalen Kongresses für humanistische Studien
über das Naturgesetz als Grundnorm
(Offizieller französischer Text: AAS 41 [1949] 555-556)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 152-155; Nrn. 356-361)

Begrüßung. Notwendigkeit richtiger Philosophie für die Gestaltung der Welt

Von Herzen gerne beantworten Wir, meine Herren, Ihre auserlesene Ehrung mit einem warmen Willkommgruß. Und es bedeutet dieser Gruß mehr als ein einfaches Zeichen allgemeinen Wohlwollens und Dankes für Ihr Kommen. Ihre Zusammenkünfte haben in Unserem Geiste tatsächlich ein lebhaftes Interesse geweckt. Wenn es wahr ist - wie man es treffend gesagt hat - dass die Gedanken - gute oder schlechte - die Welt regieren, so darf man daraus auf die Bedeutung des Meinungsaustausches unter den Philosophen schließen, um einen Lichtstrahl auf eine so große Anzahl von aktuellen Fragen zu werfen, über die viele Leute - vor allem die am wenigsten zuständigen - mit Sicherheit und Entschiedenheit reden. Man bräuchte sich daran nicht zu kehren, wenn die Folge davon nicht Verwirrung der Geister und Verbreitung von Irrtümern wäre, vor allem bei dieser herrlichen intellektuellen Jugend, die berufen ist, morgen die heraufkommende Generation zu führen.

Kein Gegensatz zwischen Humanismus und Christentum

« Humanismus und Wissenschaft der Politik », so lautet das Thema Ihrer Arbeiten. Der Humanismus steht heute auf der Tagesordnung. Ohne Zweifel ist es schwierig, aus dem Verlauf seiner geschichtlichen Entwicklung einen klaren Begriff von seiner Natur abzuleiten und zu umreißen. Jedenfalls aber steht es zum wenigsten fest - obwohl der Humanismus lange behauptet hat, ausdrücklich mit dem vorangegangenen Mittelalter in Widerspruch zu stehen -, dass sein ganzer Gehalt an Wahrheit, an Gutem, an Großem und Ewigem der geistigen Welt des größten mittelalterlichen Geistes angehört, des heiligen Thomas von Aquin. In seinen Grundzügen bleibt sich der Begriff von Mensch und Welt, so wie er in der christlichen und katholischen Denkrichtung in Erscheinung tritt, im Wesentlichen gleich: so beim hl. Augustinus wie beim hl. Thomas oder bei Dante. Ebenso auch in der zeitgenössischen christlichen Philosophie. Die Unklarheit einiger philosophischer und theologischer Fragen, die allmählich im Lauf der Jahrhunderte erhellt und gelöst wurden, tut der Wirklichkeit dieser Tatsache keinen Abbruch.

Ohne auf Tagesmeinungen einzugehen, die in verschiedenen Zeitaltern hervortraten, hat die Kirche den Wert dessen, was menschlich und der Natur entsprechend ist, bejaht: ohne Zögern suchte sie ihn zur Entfaltung zu bringen und ins Licht zu rücken. Sie gibt nicht zu, dass der Mensch vor Gott nichts anderes sei als Verderbnis und Sünde. Im Gegenteil! In ihren Augen hat die Erbsünde seine Veranlagungen und Kräfte nicht im Innern getroffen, sie hat sogar das natürliche Licht seines Verstandes und seine Freiheit wesentlich unangetastet gelassen. Der mit dieser Natur begabte Mensch ist durch die drückende Erbschaft einer gefallenen und seiner übernatürlichen und außernatürlichen Gaben beraubten Natur zweifelsohne verwundet und geschwächt; es bedarf großer Anstrengung, um das Naturgesetz zu beobachten - und dies mit Hilfe der allmächtigen Gnade Christi - und um so zu leben, wie es die Ehre Gottes und die eigene Würde als Mensch verlangen.

Das Naturgesetz als Fundament der kirchlichen Soziallehre

Das Naturgesetz! Dies ist das Fundament, auf dem die Soziallehre der Kirche ruht. Gerade ihr christlicher Begriff von der Welt hat die Kirche im Aufbau dieser Lehre auf einem solchen Fundament angeregt und gestützt. Die Kämpfe, die sie führt, um ihre eigene Freiheit zu erlangen oder zu verteidigen, sind ebenso geführt für die wahre Freiheit und für die Grundrechte des Menschen. In ihren Augen sind diese grundlegenden Rechte so unverletzlich, dass gegen sie keine Staatsraison, kein Vorwand des Gemeinwohls in die Waagschale geworfen werden kann. Sie stehen geschützt hinter einer unüberschreitbaren Schranke. Diesseits davon kann das Gemeinwohl nach Wohlgefallen seine Gesetzgebung ausüben; jenseits nicht. An diese Rechte darf es nicht rühren, denn sie gehören zum Kostbarsten im Gemeinwohl. Würde man diesen Grundsatz beachten, wie viel tragischen Katastrophen und drohenden Gefahren wäre dann Einhalt getan! Er allein könnte das soziale und politische Gesicht der Erde erneuern. Doch wer wird diese bedingungslose Achtung vor den Menschenrechten haben, wenn nicht der, welcher bewusst unter den Augen eines persönlichen Gottes handelt?

Die gesunde Menschennatur vermag vieles, wenn sie sich der ganzen Fülle des christlichen Glaubens öffnet. Sie kann den Menschen vor dem Zwang der « Technokratie » und des Materialismus retten.

Schlussgedanken

Wir gedachten, meine Herren, Ihnen diese Gedanken zur Betrachtung vorzulegen. Wir wünschen, sie könnten Ihre Forschungen und Ihre philosophische Lehrtätigkeit in eine ähnliche Richtung leiten. Nein, die Bestimmung des Menschen besteht nicht im « Geworfensein » - im « Délaissement » « Aufgegebensein ». Der Mensch ist Geschöpf Gottes: er lebt dauernd unter der Führung und Wachsamkeit seiner väterlichen Vorsehung. Arbeiten wir daran, in der neuen Generation das Vertrauen in Gott zu entfachen, in ihr selbst, in der Zukunft, um das Kommen einer erträglicheren und glücklicheren Ordnung der Dinge möglich zu machen.

Möge Gott, der Anfang und das Ende aller Dinge, das Alpha und das Omega, Ihr Bemühen segnen und ihm eine wohltätige Fruchtbarkeit verleihen!

6. November 1949

Ansprache
Con felice pensiero

an katholische Juristen Italiens,
anlässlich des Nationakongresses der Gesellschaft italienischer Juristen in Rom
über Richter und Recht
(Offizieller italienischer Text: AAS 41 [1949] 597-604)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 170-179; Nrn. 392-410)

Begrüßung

Ein glücklicher Gedanke bewog Sie, geliebte Söhne, anderen Städten Italiens, die Sie würdig hätten aufnehmen können, Rom als Sitz des ersten Nationalkongresses der « Unione Giuristi Cattolici Italiani » (« Vereinigung der katholischen Juristen Italiens ») vorzuziehen. Sie haben Ihrer Vereinigung in diesen Tagen, wo Sie ihre Statuten berieten und guthießen und ihren Präsidenten wählten, der nach den unter Ihnen vereinbarten Grundregeln ihre Entwicklung fördern und ihre Tätigkeit lenken soll, die endgültige Form und die innere Verfassung gegeben. Während Wir Sie darum beglückwünschen zum vollendeten Werk, möchten Wir unbedingt hervorheben, dass es Ihr Wunsch und Ihre Sorge als wahre und echte katholische Juristen war, die Wiege Ihrer Vereinigung mit einem doppelten Glanz zu krönen: der eine leuchtet vom ewigen Rom, der andere entspricht dem Namen, den Sie sich gegeben haben.

Einleitung: Rom und Recht

Sie sind in der Tat an erster Stelle Juristen, Pfleger jener edlen Wissenschaft, welche die Normen, auf die sich Ordnung und Friede, Gerechtigkeit und Sicherheit des bürgerlichen Zusammenlebens der einzelnen, der Gemeinschaften und der Nationen gründen, studiert, regelt und anwendet, und Rom hat den Ruhm, die große Mutter des Rechtes zu sein. Wurden andere Völker in der Antike berühmt wegen des Glanzes der Künste, wegen der Tiefe der philosophischen Spekulation, wegen der Überfeinerung ihrer Kultur, so steht das römische Volk keinem nach wegen seines tiefen Sinnes für das Recht, wegen des Aufbaues jener wundervollen Rechtsinstitute, mit denen es die damals bekannte Welt einte und eine Tradition hinterließ, die dem nagenden Zahn der Zeit widerstanden hat.

Sie sind aber nicht nur Juristen, Sie sind und bekennen sich als katholische Juristen, und Rom ist kraft göttlicher Anordnung der immer strahlende Leuchtturm des Glaubens an Christus, der Mittelpunkt der sichtbaren Einheit der Kirche, der Sitz des obersten Lehramtes der Seelen, wo die Katholizität besondere Kraft und Größe zeigt und greifbarer ist als in anderen Ländern der Welt, weil alle Völker hinströmen zum Lehrstuhl und zum Grabe Petri. Als das Reich der Caesaren unter dem vordringenden Einbruch der Völker zusammengebrochen war, Überlebten zwei Dinge den Verfall der größten und erhabensten Stadt, welche die Geschichte kennt: das eine war ihr « Corpus Iuris »; es wurde zum Rechte für das ganze zivilisierte Europa und lebt noch heute in vielen seiner Teile in Institutionen der Gegenwart und ist heute noch Gegenstand eifrigen Studiums. Es ist wie ein lebendiger Stamm, dessen Saft mit dem Laufe der Jahre nicht austrocknete und besitzt immer noch die einigende Kraft, die es im langsamen Werdeprozess entfaltete. Das andere ist der neue Glaube, den Petrus und Paulus dorthin brachten, der neue Thron der Wahrheit, den das erste sichtbare Haupt der Kirche, von Christus selber erwählt und ausgestattet mit der obersten Schlüsselgewalt, dort für immer errichtete, indem er die [ewige] Stadt zu seinem Sitz erwählte. Die Jahrhunderte sind dahingegangen und haben sich vor seinem granitenen Block verneigt, ohne ihn zu ritzen. Die Ereignisse häuften sich, um ihn zu erschüttern und umzustürzen, jedoch umsonst. Und Sie sehen ihn immer noch heil und unversehrt, hoch über den Völkern als sichtbares Zeichen der ewigen Dauer von Christi Werk.

Es war so, dass in Rom und in der von seiner Zivilisation schon durchdrungenen Welt sich die zwei lebenskräftigsten Realitäten begegneten und innig verschmolzen: die eine, Frucht der juristischen Weisheit eines Volkes und daher menschlichen Ursprungs; die andere, Ausstrahlung der Offenbarungswelt, verkündet vom Mensch gewordenen Sohne Gottes und daher überweltlichen und göttlichen Ursprungs. Das Recht Roms, durchdrungen vom neuen Lichte, das ausstrahlte von der christlichen Botschaft, wandelte sich stufenweise geistig um, erhöhte seine Begriffe, vervollkommnete sich in vielen seiner Institute, bereicherte sich in seinen Bestimmungen, indem es nach und nach die höheren Grundsätze, Ideen und Forderungen der neuen Lehre in sich aufnahm. Das gesetzgeberische Werk der christlichen Kaiser entsprang diesem fruchtbaren Bund zwischen menschlicher und göttlicher Weisheit, der unzerstörbare Spuren hinterließ zum Beweis für die moderne Welt, dass zwischen der wahren Rechtswissenschaft und der Lehre des christlichen Glaubens kein Gegensatz, sondern Übereinstimmung herrscht. Denn der Glaube kann gar nicht anders, als mit seinem Siegel die Wahrheit bekräftigen, die der menschliche Geist findet, erwägt und ordnet.

I. Der Berufsadel der katholischen Juristen

Deshalb sagten Wir, ein glücklicher Gedanke habe Sie geleitet, Rom zum Sitz Ihres ersten Kongresses zu wählen. Gleichzeitig sagt Ihnen diese Wahl aber auch, wie edel und erhaben Ihr Beruf ist und welche Forderungen bei seiner Ausübung die besondere Bezeichnung, deren Sie sich rühmen, einem jeden von Ihnen auferlegt.

1. Der Adel, den das Rechtsobjekt verleiht

Das entfernte Rechtsobjekt: religiöse Gegebenheiten

Der Adel Ihres Berufes wurde herrlich umschrieben von Ulpian, der die Rechtswissenschaft definierte als «divinarum atque humanarum rerum notitia, iusti atque iniusti scientia » - « Kenntnis der göttlichen und menschlichen Dinge, das Wissen von Recht und Unrecht» (Liv. x D, 1, 1). Welch vornehmes Objekt weist er in dieser Definition der Rechtswissenschaft zu, und wie hoch erhebt er sie über andere Zweige des menschlichen Wissens! Das Auge des Juristen, der dieses Namens würdig ist, umspannt einen sehr ausgedehnten Gesichtskreis, dessen Weite und Vielgestaltigkeit von den Dingen selber bestimmt wird, denen er seine Aufmerksamkeit und seine Studien zuwenden muss. Er soll vor allem die göttlichen Dinge kennen, « divinarum rerum notitia », nicht nur, weil im menschlichen Zusammenleben die Religion den ersten Platz einnehmen muss und das praktische Verhalten des Gläubigen leiten soll, dem auch das Recht seine Bestimmungen vorschreiben wird; nicht nur, weil einige der hauptsächlichsten Institute, wie etwa die Ehe, einen heiligen Charakter besitzen, den das Recht nicht übersehen darf, sondern vor allem, weil ohne diese höhere Kenntnis der göttlichen Dinge das Gesamt der menschlichen Dinge, welches das zweite und unmittelbarere Objekt darstellt - « humanarum rerum notitia » -, mit dem sich der Geist des Juristen befassen muss, ohne jene Grundlage bliebe, die alle menschlichen Ereignisse in Zeit und Raum überdauert und im Absoluten ruht, in Gott.

Zweifellos ist der Jurist nicht dazu bestellt, sich von Berufes wegen der theologischen Spekulation zu widmen, um das Objekt seines Studiums kennenzulernen. Wenn er sich aber nicht zur Sicht auf die höchste und überweltliche Wirklichkeit zu erheben weiß, aus deren Willen die Ordnung des sichtbaren Alls und jenes kleinen Teiles herkommt, den das menschliche Geschlecht mit seinen immanenten und moralisch notwendigen Gesetzen bildet, dann wird es ihm unmöglich sein, in ihrer wunderbaren Einheit und in ihren letzten geistigen Tiefen die Verflechtung der sozialen Beziehungen zu erfassen und deren leitende Normen, die vom Recht geregelt werden. Wenn nach dem Ausspruch des großen römischen Rechtsgelehrten und Redners «natura iuris ... ab hominis repetenda (est) natura» - «Die Natur des Rechts ist von der Natur des Menschen abzuleiten » (Cicero, De Leg. L. I cap. 5 § 17), die Natur oder das Wesen des Rechts nur von der menschlichen Natur abgeleitet werden kann, und anderseits diese Natur nicht einmal annäherungsweise in ihrer Vollkommenheit, Würde und Erhabenheit und in den Zielsetzungen, die ihre Handlungen lenken und sich unterordnen, ohne den Seinszusammenhang erkannt werden kann, kraft dessen sie ihrer transzendenten Ursache verbunden ist, dann wird es klar, dass der Jurist unmöglich einen gesunden Rechtsbegriff zu gewinnen und eine systematische Ordnung aufzurichten vermag, wenn er nicht darauf verzichtet, den Menschen und die menschlichen Dinge außerhalb jenes Lichtes zu sehen, das aus der Gottheit überreich herabströmt, um ihm den Weg seiner mühevollen Forschung zu erhellen.

Der Irrtum des modernen Rationalismus bestand gerade darin, dass er das System der menschlichen Rechte und die allgemeine Rechtstheorie aufstellen wollte, indem er die Natur des Menschen als ein für sich bestehendes Sein ohne irgendeine notwendige Beziehung zu einem höheren Wesen betrachtete, von dessen schöpferischem und ordnendem Willen es in seinem Wesen und seiner Tätigkeit abhängt. Sie wissen, in welch unentwirrbares Labyrinth von Schwierigkeiten der zeitgenössische Rechtsgedanke sich verstrickt sah wegen dieser anfänglichen Abirrung, und wie der Jurist, der sich dem vom sogenannten Positivismus aufgestellten Kanon unterwirft, seiner Aufgabe nicht nachkommt, weil er mit der richtigen Erkenntnis der menschlichen Natur auch den gesunden Begriff des Rechtes verliert, dem jene zwingende Kraft im Gewissen des Menschen fehlt, die seine erste und hauptsächlichste Wirkung darstellt. Die göttlichen und menschlichen Dinge, die nach der Definition Ulpians das allgemeinste Objekt der Jurisprudenz bilden, sind so innig miteinander verquickt, dass man die ersteren nicht missachten kann, ohne das genaue Werturteil über die letzteren zu verlieren.

Das spezifische Rechtsobjekt: das Recht als Ausdruck göttlicher Ordnung

Dies ist um so wahrer, als das mehr spezifische Objekt der Rechtswissenschaft in dem besteht, was Recht und Unrecht ist: « iusti atque iniusti scientia », d. h. in der Gerechtigkeit in ihrer hohen Funktion des Ausgleichens zwischen den individuellen und sozialen Forderungen im Schoße der menschlichen Familie. Die Gerechtigkeit ist nicht nur ein abstrakter Begriff, ein äußeres Ideal, dem sich die Institutionen anzugleichen haben soweit dies möglich ist in einem gegebenen geschichtlichen Augenblick, sondern sie ist auch und vor allem etwas dem Menschen, der Gesellschaft, ihren grundlegenden Institutionen Innerliches, auf Grund jener Summe praktischer Grundsätze, die sie vorschreibt und auferlegt, jener allgemeinsten Gesetze des Verhaltens, die zur objektiven menschlichen und bürgerlichen, vom höchsten Geist des ersten Schöpfers festgelegten Ordnung gehören. Die Wissenschaft vom Recht und Unrecht setzt daher eine höhere Weisheit voraus, die in der Erkenntnis der geschaffenen Ordnung und folglich ihres Ordners besteht. Das Recht; so lehrt der Aquinate, « est objectum iustitiae » - « ist das Objekt der Gerechtigkeit» (Summa Theol. II-II q.57 a.1), ist die Norm, in der sich die große und fruchtbare Idee der Gerechtigkeit zu greifbarer Wirklichkeit verdichtet, und wenn sie als solche zu Gott führt, der in seinem Wesen ewigen und unwandelbaren Gerechtigkeit, so empfängt sie auch von Gott Licht und Klarheit, Kraft und Macht, Sinn und Gehalt.

2. Der Adel, den das Rechtssubjekt verleiht

Der Jurist bewegt sich daher in der Ausübung seines Berufes zwischen dem Unendlichen und dem Endlichen, zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen, und in dieser notwendigen Bewegung besteht der Adel der Wissenschaft, die er pflegt. Die anderen Titel, die ihn vor der menschlichen Gemeinschaft auszeichnen, können als Folge des schon Erwähnten betrachtet werden. Wenn die juristischen Normen das Objekt seiner Forschung bilden, so ist das Subjekt, für das sie bestimmt sind, der Mensch, die menschliche Person, die dadurch in den Bereich seiner Zuständigkeit gelangt. Und man beachte wohl, nicht der Mensch nach seiner niederen und weniger edlen Seite, die von anderen, auch nützlichen und bewunderungswerten Wissenschaften studiert wird, sondern der Mensch nach seiner höheren Seite, in seiner spezifischen Eigenschaft als handelndes Vernunftwesen. Soll dieses die Gesetze seiner Vernunft befolgen, so muss es sich bei seinem Handeln leiten lassen von irgendwelchen Verhaltungsmaßregeln, die ihm entweder direkt von seinem Gewissen, dem Reflex und dem Herold eines übergeordneten Gesetzes, auferlegt oder von der menschlichen Autorität vorgeschrieben werden, der Leitungsgewalt des Gemeinschaftslebens. Wohl ist wahr, dass der Mensch dem Auge des Juristen nicht immer den besseren Anblick seiner vernünftigen Natur darbietet, sondern seinem Studium oft die weniger schätzenswerten Seiten zeigt, seine schlechten Neigungen, seine schlimmen Entartungen, die Schuld und das Verbrechen. Dennoch muss der echte Jurist auch unter dem verdunkelten Glanze seiner Vernunft immer den menschlichen Hintergrund sehen, aus dem Schuld und Verbrechen nie das Siegel auszulöschen vermögen, das die Hand des Schöpfers darauf geprägt hat.

Wenn Sie alsdann das Rechtssubjekt mit den Augen des christlichen Glaubens anschauen, welch leuchtende Krone werden Sie da über seinem Haupte sehen, eine Krone, womit es die Erlösung Christi gekrönt hat, das für seinen Loskauf vergossene Blut, das übernatürliche Leben, dem sie es wiederschenkte und dessen sie es teilhaft machte, und das ihm bestimmte Endziel als Abschluss seiner irdischen Laufbahn. In der neuen Heilsordnung ist das Rechtssubjekt nicht der Mensch allein in seiner reinen Natur, sondern der von der Gnade des Erlösers zur übernatürlichen Ordnung erhobene Mensch, der eben dadurch, zwar nur anteilhaft, mit der Gottheit in Verbindung gebracht wurde durch ein neues Leben, welches das Leben Gottes selber ist. So nimmt seine Würde den unendlichen Verhältnissen entsprechend zu, und daher wächst auch im gleichen Verhältnis der Adel des Juristen, der ihn zum Gegenstande seiner Wissenschaft macht.

II. Richtlinien für Konfliktsfälle, die sich aus dem Gegensatz zwischen Rechtspositivismus und christlichem Rechtsdenken ergeben

Die unlöslichen Widersprüche zwischen dem hohen Begriff vom Menschen und vom Recht gemäß den christlichen Prinzipien, die Wir kurz darzulegen suchten, und dem Rechtspositivismus können im Berufsleben eine Quelle tiefer Bitterkeit werden. Wir wissen wohl, geliebte Söhne, dass nicht selten im Herzen des katholischen Juristen, welcher der christlichen Auffassung vom Rechte treu bleiben möchte, Gewissenskonflikte entstehen können, besonders wenn er sich in die Lage versetzt sieht, ein Gesetz anwenden zu sollen, das sein Gewissen als ungerecht verurteilt. Gott sei Dank ist Ihre Aufgabe hier fühlbar erleichtert schon durch die Tatsache, dass in Italien die Ehescheidung - die Ursache so vieler innerer Bedrängnisse auch für den Beamten, der das Gesetz anwenden muss - kein Bürgerrecht hat. Tatsächlich haben sich jedoch seit dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts, besonders in jenen Gegenden, wo die Verfolgung der Kirche wütete, die Fälle vervielfacht, in denen sich die katholischen Beamten vor dem qualvollen Problem der Anwendung ungerechter Gesetze gestellt sehen. Darum ergreifen Wir die Gelegenheit dieser Ihrer Zusammenkunft bei Uns, um das Gewissen der katholischen Juristen durch die Vorlegung einiger grundlegender Richtlinien zu erleuchten:

1. Für jedes Urteil gilt der Grundsatz, dass der Richter die Verantwortung seiner Entscheidung nicht einfach und schlechthin von sich abwälzen kann, um sie völlig dem Gesetz und seinen Urhebern zur Last zu legen. Gewiss sind diese die Hauptverantwortlichen für die Auswirkungen eines solchen Gesetzes. Aber der Richter, der es durch seinen Urteilsspruch auf einen Einzelfall anwendet, ist Mitursache und deshalb mitverantwortlich für die Folgen.

2. Der Richter darf nie jemanden mit seiner Entscheidung zu irgendeiner innerlich schlechten Handlung verpflichten, d. h. zu einer Handlung, die ihrer Natur nach dem Gesetz Gottes oder der Kirche widerspricht.

3. Er darf in keinem Fall das ungerechte Gesetz ausdrücklich anerkennen und billigen (das übrigens nie die Grundlage eines im Gewissen und vor Gott gültigen Urteils bilden könnte). Er darf deshalb kein Strafurteil fällen, das einer solchen Billigung gleichkäme. Seine Verantwortung wäre noch schwerer, wenn sein Urteilsspruch öffentliches Ärgernis erregen würde.

4. Allerdings bedeutet nicht jede Anwendung eines unrechten Gesetzes seine Anerkennung oder seine Billigung. In diesem Falle kann der Richter - manchmal muss er es vielleicht - dem ungerechten Gesetz seinen Lauf lassen, wenn dies das einzige Mittel ist, um ein viel größeres Übel zu vermeiden. Er kann eine Strafe für die Übertretung eines ungerechten Gesetzes verhängen, wenn sie so beschaffen ist, dass derjenige, welcher davon betroffen wird, vernünftigerweise bereit ist, sie auf sich zu nehmen, um jenen Nachteil zu vermeiden oder um ein viel wichtigeres Gut zu sichern, und wenn der Richter weiß oder mit Recht annehmen kann, dass eine solche Sanktion vom Übertreter um höherer Beweggründe willen gerne angenommen werden wird. In Zeiten der Verfolgung ließen sich Priester und Laien ohne Widerstand zu leisten auch von katholischen Beamten oft zu Bußen oder Freiheitsstrafen verurteilen wegen der Übertretung ungerechter Gesetze, wenn es auf diese Weise möglich war, dem Volke eine ehrenhafte Beamtenschaft zu erhalten und von der Kirche und den Gläubigen viel furchtbareres Unheil fernzuhalten.

Je schwerer die Folgen eines richterlichen Urteilsspruches sind, desto wichtiger und allgemeiner muss natürlich das Gut sein, das geschützt, oder der Schaden, der vermieden werden soll. Es gibt jedoch Fälle, wo der Gedanke des Ausgleichs durch die Erreichung der höheren Güter oder der Abwendung der größeren Übel keine Anwendung findet, wie bei der Todesstrafe. Insbesondere kann der katholische Richter nur aus sehr gewichtigen Beweggründen das Urteil einer zivilen Ehescheidung (wo sie existiert) für eine vor Gott und der Kirche gültige Ehe verfügen. Er darf nicht vergessen, dass ein solches Urteil praktisch nicht nur die bürgerlichen Auswirkungen berührt, sondern in Wirklichkeit zur irrigen Meinung führt, das vorhandene Band sei als gelöst und das neue als gültig und verbindlich zu betrachten.

Schluss'

Ihnen, geliebte Söhne, wünschen Wir daher von ganzem Herzen, die Vorsehung Gottes gebe Ihnen die Möglichkeit, Ihr Amt immer im Rahmen einer gerechten Gesetzgebung auszuüben, die den berechtigten gesellschaftlichen Forderungen entspricht. Geben Sie sich auf jede Weise Mühe, in sich das vollkommene Ideal des Juristen zu verwirklichen, der wegen seines Könnens, seiner Weisheit, seiner Gewissenhaftigkeit und seiner Redlichkeit die Achtung und das Vertrauen aller verdient und erwirbt.

Mit diesem Wunsche und als Unterpfand der reichsten göttlichen Gnaden erteilen Wir Ihnen sowie Ihrer jungen und schon so viel versprechenden Vereinigung Unseren Apostolischen Segen.

13. November 1949

Ansprache
Con vivo compiacimento

an die S. Romana Rota anlässlich der Eröffnung des neuen Gerichtsjahres
Der Rechtspositivismus und das richtige Recht
(Offizieller italienischer Text: AAS 41 [1949] 604-608)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 163-169; Nrn. 374-391)

Begrüßung

Mit lebhafter Freude begrüßen Wir Euch, geliebte Söhne, die Ihr wiederum um Uns versammelt sind. Wir haben aus dem Munde Eures verehrten Dekans den Bericht über Eure Tätigkeit während des Rechtsjahres 1948/49 vernommen, ein Bericht, der mit der nüchternen und zugleich leuchtenden Beredsamkeit der Tatsachen zu den vielen anderen einen neuen Beweis für den hohen Wert und die untadelige Geradheit dieses Gerichtshofes erbringt.

Die Arbeit der Sacra Romana Rota, die Wir im Verlaufe des letzten Jahrzehntes unmittelbarer verfolgen konnten, hat Uns in die Lage versetzt, ihre rückhaltlose Achtung vor der Wahrheit der Tatsachen und vor den Gesetzen des göttlichen Rechtes geziemend zu schätzen, besonders in dem, was die Heiligkeit der Ehe und die Begründung der Familie angeht. Sie flößt Uns auch gleichzeitig die feste Zuversicht ein, dass alle ihre Mitglieder immer treu die schon von Uns verkündeten Normen beobachten, die Wir in Erfüllung der Pflichten Unseres apostolischen Lehramtes, besonders in den Ansprachen vom 3. Oktober 1941, vom 1. Oktober 1942 und vom 2. Oktober 1944 angegeben haben. Das ist ein um so größerer Trost für Uns in den gegenwärtigen Verhältnissen, die sicherlich nicht überall, aber doch in weitem Ausmaße - in der Handhabung der Justiz das Schauspiel einer Krise bieten, welche das übliche Versagen des christlich-sittlichen Gewissens übersteigt.

Die Ursachen der Krise in der weltlichen Justiz

Die unmittelbaren Ursachen dieser Krise müssen in erster Linie im Rechtspositivismus und im Staatsabsolutismus gesucht werden, zwei Erscheinungen, die ihrerseits auseinander hervorgehen und voneinander abhängen. Wenn dem Recht die Grundlage entzogen wird, die es im göttlichen natürlichen und positiven Recht besitzt und die eben darum unveränderlich ist, bleibt in der Tat nichts anderes übrig, als es auf das Gesetz des Staates als eine oberste Norm zu gründen und damit ist das Prinzip des absoluten Staates aufgestellt. Umgekehrt wird dieser absolute Staat notwendig versuchen, alle Dinge seiner Willkür zu unterwerfen und besonders das Recht seinen eigenen Zwecken dienstbar zu machen.

Der Rechtspositivismus und der Staatsabsolutismus haben das edle Antlitz der Justiz, deren wesentliche Grundlagen das Recht und das Gewissen sind, verändert und entstellt. Diese Tatsache ruft eine Reihe von Erwägungen hervor, die sich auf zwei Punkte zurückführen lassen: die objektiven Normen des Rechts und ihre subjektive Auffassung. Für heute wollen Wir Uns darauf beschränken, von dem ersten Punkt zu sprechen, während Wir das Studium des zweiten auf eine andere Gelegenheit verschieben, so es dem Herrn gefällt.

DIE OBJEKTIVEN NORMEN DES RECHTS

Die Frage nach dem richtigen Recht

In der Rechtswissenschaft wie in der Rechtspraxis kehrt ständig die Frage nach dem wahren und gerechten Recht wieder. Gibt es also auch ein anderes? Ein falsches und illegitimes Recht? Zweifellos stoßen und widersprechen sich wesentlich diese beiden Termini (= Ausdrücke) in der Zusammenstellung. Darum ist es jedoch nicht weniger wahr, dass der von ihnen bezeichnete und zu ihnen gehörende Begriff im Rechtsempfinden, selbst dem der klassischen Heiden immer lebendig war. Keiner von ihnen hat ihm wohl einen tieferen Ausdruck verliehen als Sophokles in seiner Tragödie Antigone (v. 23-24). Er lässt seine HeIdin sagen, dass Eteokles auf Bemühen Kreons begraben wurde σύν δίχη δίχία (Mit gerechtem Recht). Δίκαιος (Gerecht) ist derjenige, welcher seine Pflicht gegen Gott und gegen die Menschen erfüllt, der gerecht, fromm, ehrbar, rechtschaffen, menschlich ist. δίχη δίκαιίκαι entspricht daher dem, was wir wahres und gerechtes Recht nennen, während χειροδίκης; oder χειροδίκαιος (Das Faustrecht anwendend) den Gewalttätigen bezeichnet, welcher das Recht des Stärkeren anwendet und den Menschen des falschen und ungerechten Rechtes verrät.

Die ganze Krise, auf die Wir hingewiesen haben, lässt sich in den Antagonismus zwischen dem wahren und dem falschen Recht zusammenfassen. Das Interesse, mit dem sich ernste und scharfsinnige Juristen dem Studium dieser Frage gewidmet haben, scheint Uns ein glückliches Vorzeichen für die Lösung der Krise. Aber dazu muss man den Mut haben, ihre Wurzeln klar zu sehen und ehrlich anzuerkennen.

Wo also sollen Wir diese suchen, wenn nicht im Gebiet der Rechtsphilosophie ?

Der ordnende Wille Gottes als Erstursache des Rechts

Es ist unmöglich, die körperliche und geistige, physische und moralische Welt aufmerksam zu betrachten, ohne von Bewunderung ergriffen zu sein bei dem Schauspiel der Ordnung und Harmonie, die auf allen Stufen der Leiter des Seins herrscht. Im Menschen werden diese Ordnung und diese Harmonie bis zu jener Grenzlinie, an die seine unbewusste Aktivität reicht und bei der sein bewusstes und freies Handeln beginnt, streng nach den Gesetzen verwirklicht, die der Schöpfer in das existierende Sein gelegt hat. Jenseits jener Linie gilt noch der ordnende Wille Gottes; jedoch sind seine Verwirklichung und seine Entfaltung der freien Entscheidung des Menschen überlassen, welche dem göttlichen Wollen entsprechend oder widersprechend sein kann.

In diesem Bereich des bewussten menschlichen Handelns, des Guten und des Bösen, der Vorschriften, des Erlaubten und des Verbotenen, bekundet sich der ordnende Wille des Schöpfers vermittels des sittlichen, in der Natur und in der Offenbarung niedergelegten Gebotes Gottes, wie auch vermittels der Vorschrift oder des Gesetzes der rechtmäßigen menschlichen Autorität in der Familie, im Staat und in der Kirche. Wenn das menschliche Handeb sich an diese Normen hält und sich nach ihnen richtet, so bleibt es von selbst in Einklang mit der allgemeinen, vom Schöpfer gewollten Ordnung.

Die bloße Tatsache genügt nicht als Norm

Hierin findet die Frage nach dem echten und dem falschen Recht ihre Antwort. Die bloße Tatsache, dass etwas von der gesetzgebenden Macht zur verpflichtenden Norm des Staates erklärt worden ist, genügt allein und an sich noch nicht, um wahres Recht zu schaffen. Das «Kriterium der bloßen Tatsache» genügt nur bei dem, der der Urheber und die oberste Norm alles Rechts ist, Gott. Es auf den menschlichen Gesetzgeber ohne Unterscheidung und endgültig zu übertragen, als ob sein Gesetz die oberste Norm des Rechts ausmachte, das ist der Irrtum des Rechtspositivismus im eigentlichen und technischen Sinn des Wortes; ein Irrtum, der dem Staatsabsolutismus zugrunde liegt und der einer Vergöttlichung des Staates gleichkommt.

Die folgenschwere Entwicklung des Rechtspositivismus

Das neunzehnte Jahrhundert trägt die schwere Verantwortung für den Rechtspositivismus. Wenn seine Folgen in ihrer ganzen Schwere sich nur langsam in der Gesetzgebung fühlbar gemacht haben, so ist dies der Tatsache zu verdanken, dass die Kultur noch von der christlichen Vergangenheit durchdrungen war und dass die Vertreter des christlichen Denkens noch fast überall ihre Stimme in den gesetzgebenden Versammlungen zu Gehör bringen konnten. Es musste erst der totalitäre Staat antichristlicher Prägung kommen, der Staat, der grundsätzlich oder wenigstens tatsächlich jede Zügelung durch ein oberstes göttliches Recht sprengte, um vor der Welt das wahre Gesicht des Rechtspositivismus zu enthüllen.

Muss man wohl weit in der Geschichte zurückgehen, um ein sogenanntes « gesetzliches Recht » zu finden, das dem Menschen jede persönliche Würde nimmt, das ihm jedes Grundrecht auf Leben und Unantastbarkeit seiner Glieder entzieht und das eine wie das andere der Willkür der Partei und des Staates ausliefert, das dem Individuum das Recht auf Ehre und guten Namen nicht zuerkennt, das den Eltern das Recht über ihre Kinder und die Verpflichtung zu deren Erziehung abspricht, das vor allem die Anerkennung Gottes, des obersten Herrn, und die Abhängigkeit des Menschen von ihm als für den Staat und für die menschliche Gemeinschaft belanglos betrachtet? Dieses « gesetzliche Recht » im eben dargelegten Sinn hat die vom Schöpfer errichtete Ordnung umgestürzt, hat die Unordnung Ordnung, die Tyrannei Autorität, die Sklaverei Freiheit und das Verbrechen vaterländische Tugend genannt.

Solcher Art war und ist noch, Wir müssen es sagen, an einigen Orten das « gesetzliche Recht ». Wir alle sind Zeuge gewesen, wie einige, die nach diesem Recht gehandelt hatten, dann zur Rechenschaft vor der menschlichen Justiz gezogen worden sind. Die Prozesse, die sich so abgewickelt haben, haben nicht nur wirkliche Verbrecher ihrem verdienten Los zugeführt, sie haben auch die unerträgliche Lage offen dargelegt, in die eine staatliche Gesetzgebung, die durch und durch vom Rechtspositivismus beherrscht ist, einen öffentlichen Beamten bringen kann, der sonst seiner Natur gemäß und wenn er frei seinem Empfinden hätte folgen können, ein rechtschaffener Mann geblieben wäre.

Man hat festgestellt, wie auf Grund der Grundsätze dieses Rechtspositivismus diese Prozesse mit ebensoviel Freisprechungen hätten enden müssen, auch in Fällen von Verbrechen, die das menschliche Empfinden anwidern und die Welt mit Abscheu erfüllen. Die Angeklagten waren sozusagen vom « geltenden Recht » gedeckt. Wessen waren sie wirklich schuldig, wenn nicht, dass sie das getan hatten, was dieses Recht vorschrieb oder erlaubte?

Wir wollen gewiss die wahren Schuldigen nicht entschuldigen. Aber die größere Verantwortung fällt auf die Propheten, die Vorkämpfer, die Schöpfer einer Kultur, einer Staatsmacht und einer Gesetzgebung zurück, die Gott und seine obersten Rechte nicht anerkennt. Wo immer diese Propheten am Werk waren und noch sind, muss mit der Erneuerung und der Wiederherstellung des wahren rechtlichen Denkens begonnen werden.

Erneute Einschärfung des wahren Kriteriums echten Rechts: des Gesetzes Gottes

Die rechtliche Ordnung muss sich wieder an die sittliche Ordnung gebunden fühlen und darf sich nicht erlauben, deren Grenzen zu überschreiten. Nun ist aber die sittliche Ordnung wesentlich in Gott begründet, in seinem Willen, in seiner Heiligkeit, in seinem Sein. Auch die tiefste und scharfsinnigste Rechtswissenschaft könnte kein anderes Kriterium aufzeigen, um die ungerechten Gesetze von den gerechten, das bloß gesetzliche Recht vom wahren Recht zu unterscheiden, als jenes, das schon mit dem bloßen Licht der Vernunft aus der Natur der Dinge und des Menschen selbst wahrnehmbar ist, das Kriterium des vom Schöpfer in das Herz des Menschen geschriebenen (Vgl. Röm. 2, 14-15) und durch die Offenbarung ausdrücklich bestätigten Gesetzes. Wenn das Recht und die Rechtswissenschaft nicht auf den Führer verzichten wollen, der einzig imstande ist, sie auf dem rechten Weg zu bewahren, dann müssen sie die « ethischen Verpflichtungen » als objektive, auch für die Rechtsordnung gültige, Normen anerkennen.

Das Recht der katholischen Kirche

Die rechtliche Organisation der katholischen Kirche ist niemals durch eine solche Krise gegangen und ist auch nicht in Gefahr, jemals hindurchzugehen. Wie könnte es anders sein? Ihr Alpha und Omega ist das Wort des Psalmisten: « In Ewigkeit, Herr, gilt dein Wort, fest gegründet wie der Himmel. «Beständigkeit ist deines Wortes Eigenart, und ewig gilt jede Weisung deiner Gerechtigkeit» (« In aeternum, Domine, est verbum tuum, stabile ut caelum ... Verbi tui caput constantia est, et aeternum est omne decretum iustitiae tuae.» Ps. 118, 89.160). Dies gilt für das ganze göttliche Recht, ebenfalls für jenes, welches der Gottmensch zum Fundament seiner Kirche gemacht hat. In der Tat hat er von Anfang an, bereits in seinen ersten großen Verheißungen (Mt. 16, 16-20) seine Kirche als eine rechtliche Gesellschaft eingesetzt. Blind müsste wahrhaft der sein, der vor dieser Wirklichkeit die Augen verschlösse.

Die Wissenschaft und die Praxis des kanonischen Rechts anerkennen selbstverständlich kein gesetzliches Recht, das nicht zugleich auch wahres Recht wäre; ihr Amt ist es, in den vom göttlichen Recht festgesetzten Grenzen das rechtliche System der Kirche stets voll und ganz auf das Ziel der Kirche selber, das im Heil und im Wohl der Seelen besteht, auszurichten. Diesem Ziel dient in vollkommener Weise das göttliche Recht. Diesem Ziel muss auch das kirchliche Recht in bestmöglicher Weise zustreben.

Froh im Wissen, dass Ihr, geliebte Söhne, als einzelne und als Gesamtheit, Euer hohes Richteramt in diesem Geiste ausübt, erteilen Wir Euch zum Unterpfande der reichsten himmlischen Gnaden von Herzen Unseren Apostolischen Segen.

10. April 1950

Ansprache
Les multiples et pressants devoirs

an französische Hochschulprofessoren und andere Lehrer sowie zahlreiche Studierende
Das verantwortungsvolle Amt des Lehrers
(Offizieller französischer Text: AAS XLII [1950] 395-397)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 831-834; Nrn. 1652-1662)

Einleitung

1654 Die zahlreichen und dringenden Verpflichtungen, die mit dem Ablauf des Heiligen Jahres verknüpft sind, legen Uns, um alle zu befriedigen, eine sorgsame Bemessung Unserer Zeit auf, und oft lassen sie Uns zu Unserem lebhaften Bedauern keine andere Wahl übrig, als verschiedene Gruppen in einer Sammelaudienz zusammenzufassen. Bisweilen jedoch wird das Bedauern wett gemacht, durch glückliche Vorteile, und das ist wohl auch heute der Fall, wo Wir die Freude haben, gleichsam als breiten und eindrucksvollen Durchschnitt der ganzen erzieherischen und wissenschaftlichen Tätigkeit Frankreichs das staatliche Schulwesen, das freie Schulwesen, das Schulwesen aller Grade, angefangen von den bescheidensten Volksschulen bis zu den Fakultäten der großen Universitäten in Ihnen zu sehen sowie Studierende, die sich freudig um ihre Lehrer scharen.

'Kirche - Wissenschaft - Glaube

1655 Gruß Ihnen zuerst, Professoren und Studenten der Universitäten Frankreichs. Seit den frühen Tagen des Mittelalters, wo der Ruf der Universität von Paris, der « Mutter der Wissenschaften », über die Landesgrenzen hinauseilte und sie jenseits der Alpen bis in unsere Tage hinein berühmt machte, spiegelt die Geschichte der Entwicklung und des Fortschritts der Universitätsinstitute Ihres Vaterlandes in lebendiger Weise die umfassende und tiefgreifende Bewegung einer Umgestaltung wider, die auch heute noch in vollem Gange ist. Mag man die aufeinanderfolgenden Abschnitte dieser Evolution, ihre Licht- und Schattenseiten, ihre segensreichen oder fragwürdigen Auswirkungen beurteilen, wie man will, eines ist sicher: nirgendwo in der Welt könnte der machtvolle Antrieb, könnten die wahren Werte und die genialen Erfindungen, die das französische Universitätsleben und die französische Wissenschaft dem gemeinsamen Kulturerbe Europas und der Menschheit geschenkt haben, so sehr geschätzt werden als hier, im Mittelpunkt und im Herzen der Christenheit, hier, wo die Gründungsurkunden Ihrer ehrwürdigsten Universitäten geschrieben, gesiegelt und von Unseren Vorgängern auf dem Stuhl des hl. Petrus mit reichen Privilegien ausgestattet wurden.

1656 In Ihrer persönlichen Anwesenheit hier und in der prachtvollen Ehrengabe von 350 Werken von Gelehrten und Schriftstellern sehen Wir die Bestätigung - für Sie eine Ehre und für Uns ein inniger Trost- für die vielfältige und unlösbare Übereinstimmung Ihres Bemühens um menschliches Wissen und wissenschaftlichen Fortschritt mit der tiefen Achtung für die göttliche Wahrheit, deren Lehre, Verteidigung, Bewahrung und Ausdeutung der Kirche Christi anvertraut ist.

1657 Es gibt nämlich zwischen den sicheren Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschungen und den Gegebenheiten des Glaubens keinen unauflöslichen Widerspruch, und es kann nie einen solchen geben. Gelegentliche Abweichungen muss man Irrtümern zuschreiben, denen die menschlichen Urteile gar leicht unterworfen sind, aber sie sind niemals auf einen objektiven und unversöhnlichen Gegensatz zwischen Wissenschaft und Glauben zurückzuführen.

1658 Nein, meine Herren, von Seiten des Glaubens haben die Rechte der Vernunft und der Fortschritt des Wissens keine Bedrohung zu befürchten. Gott ist nicht ihr Feind, ihre Feinde sind vielmehr diejenigen, die auf die eine oder andere Weise Gott geleugnet oder verworfen haben, um an seine Stelle einen Götzen zu setzen. Und wer wagte es wohl zu leugnen, dass unsere Zeit in gefährlicher Weise auf einer schiefen Ebene hinab gleitet, die sie zur Verehrung falscher Gottheiten führt, deren Dienst unvereinbar ist mit der sittlichen Freiheit und der Würde des Gelehrten ?

1659 Ihre Anwesenheit hier bedeutet zugleich eine Bestätigung Ihres Wissens um das geistige Erbe, welches das christliche Rom der ganzen Welt weitergegeben hat. Kehren Sie in Ihr schönes Vaterland zurück mit dieser tief in Ihrem Geist und Herzen eingegrabenen Überzeugung. Bleiben Sie ihm treu auf Ihren Lehrkanzeln wie auch auf dem Feld Ihrer Forschungen. Möge es wie ein gemeinschaftbildendes Fluidum aus Ihrer Seele in die Ihrer Universitätsjugend fließen, die sich der Aufnahme Ihrer Lehre mit ganzer Aufmerksamkeit hingibt. Lehrer und Schüler, seien Sie beide die vornehme Elite, die geistige Vorhut Frankreichs, eines Frankreichs, auf das Europa, die Menschheit und die Christenheit mit neuer Hoffnung, mit einem stets wachsenden Vertrauen seine Augen heften kann.

Der opferreiche, doch ideale Beruf des Volks- und Mittelschullehrers

1660 Ein zweiter, nicht weniger herzlicher Gruß gilt Ihnen, Vertreter des katholischen Unterrichtswesens Frankreichs, Ihnen, Direktoren, Lehrer und Schüler.

Den Geist des Kindes und des Heranwachsenden, der zum Leben erwacht, allmählich zu erschließen, zu weiten, zu erleuchten und zu bereichern; die aufnahmebereite, eifrige und in gesunder Weise nach der Entdeckung der Wahrheit begierige Jugend anzuleiten, die danach drängt, von allen Zweigen des Wissens die Früchte dieser Wahrheit zu pflücken, - gibt es eine schönere, größere, in ihrer wunderbaren Einheit vielfältigere Aufgabe als diese? Denn letzten Endes hat man in allen Lebensaltern und auf allen Gebieten des Studiums dieses eine im Auge: die Aneignung und den Besitz eines immer volleren, immer reineren Lichtes, um es zu lieben und zu verkosten, um es zu verteidigen und zu verbreiten, um es allen zu geben, jedem nach seiner Fähigkeit, und um seine Segnungen zu mehren und überallhin zu verbreiten.

1661 Wir beglückwünschen Sie also, katholische Lehrer, Sie, deren Sendung sehr schwer ist und deren Aufgabe bisweilen undankbar erscheinen würde, wären Sie nicht getragen von Ihrem Ideal. Ohne dieses Ideal, ohne das höchste Ideal, wer hätte noch den Mut, ja wer hätte noch das Recht, scheinbar so viel zu opfern: die Forschungen und Schöpfungen eines intellektuellen Lebens, dessen Reichtum und Überfluss er in sich spürt, die glänzenden Eroberungen eines apostolischen Lebens, das ihn durchbebt, begierig sich im Dienste der Kirche und der Seelen zu verströmen, die Freuden eines Familienlebens in den vielleicht sehr kurzen Stunden der Muße und in einer häufig bescheidenen, aber des morgigen Tages doch sicheren Häuslichkeit? Wer hätte den Mut, wer hätte das Recht, all dies zu opfern, um sich ohne Zögern und Zaudern dem Unterricht der Kinder von anderen zu widmen, von Kindern, die in einem noch leichtsinnigen Lebensalter stehen, wo Erfolg und Fortschritt noch kaum in Erscheinung treten oder sich gerade erst in dem Augenblick erahnen lassen, wo es in die nächste Klasse geht? Und bei jedem fragt man sich: « Was wird wohl aus diesem Kinde werden? » (Luk. 1, 66) So häufig täuscht man sich! So oft und so bitter sind die Verluste! Doch während Ihre Stimme des Sprechens müde wird, während Ihre Augen müde werden vom Entziffern und Korrigieren der Schulaufgaben, erhebt sich, Gott sei Dank, Ihre Seele zu Gott, zu Christus, zu dem Sie diese Kinder führen wollen, die er Ihnen anvertraut hat. Eine schöne Anzahl schuldet Ihnen, auch wenn sie Sie vergessen, die Kraft und die Klarheit ihres christlichen Lebens, die meisten der Versager werden in der letzten Stunde sich der Überzeugungen und Gefühle ihrer Kindheit erinnern. Schon der heidnische Dichter hat gesagt: « Quo semel est imbuta recens, servabit odorem testa diu» « womit einmal ein neuer Krug gefüllt, danach riecht er noch lange Zeit » (Horaz, Ep. 12,69-70). Doch um wie viel mehr gilt dies von der christlichen Jugend !

Schluss

1662 Mit der Hoffnung und im Vertrauen, dass Sie durch die Gnade des Heiligen Geistes unter dem Schutz der Unbefleckten Königin, dem « Thron der Weisheit », täglich mehr zu « brennenden und leuchtenden Lampen» (Vgl. Joh. 5,35) werden, erteilen Wir Ihnen allen, Ihren Familien, Ihren Kollegen und Ihren Schülern Unseren Apostolischen Segen.

6. August 1950

Ansprache
A Nos chers Fils et chères Filles

An Unsere geliebten Söhne und Töchter beim Weltkongress der Pax Romana!
Akademiker und Studenten werden zu eifriger Mitarbeit in der apostolischen Arbeit aufgerufen

(Offizieller französischer Text AAS 42 [1950] 635-637)

(Quelle: Pius XII., Ruf an die Frau, Aus den Rundschreiben, Ansprachen, Briefen und Konstitutionen des Heiligen Vaters, Zusammengestellt von Dr. Käthe Seibel-Royer, Mit kirchlicher Druckgenehmigung des bischöflichen Seckauer Ordinariates zu Graz am 20. August 1956, Zl. 4082, und Segen Pius XII., Styria Verlag Österreich 1956, S. 210-214; 2. Auflage)

Hintergrund

Vom 19. bis 27. August 1950 tagte in Amsterdam der XXI. Weltkongress der Pax Romana. Papst Pius XII. sandte den Teilnehmern am 6. August ein Schreiben, worin er die Akademiker und die Studenten zu eifriger Mitarbeit in der apostolischen Arbeit aufruft.

Die Ansprache

Mit Freuden kommen Wir zu euch, geliebte Söhne und Töchter, die ihr euch unter dem Vorsitz des Kardinal-Erzbischofs von Utrecht in der altehrwürdigen Stadt Amsterdam zum XXI. Weltkongress der Pax Romana versammelt habt. Unser erstes Wort möchte die übervollen Gnaden des Lichtes und der Kraft auf euer feierlich begonnenes Werk herab rufen.

In der heutigen Zeit lastet in der Tat auf euch als katholischen Studenten und Akademikern eine Verantwortung wie noch selten im Verlauf der Geschichte. Aus diesem Grund ermahnen Wir euch, in friedlichem Kampf um die Verteidigung und die Ausstrahlung der Wahrheit nach den Worten des Apostels ,auszuharren im selben Geiste, gemeinsam und einmütigen Herzens für den Glauben der Frohbotschaft zu streiten, ohne euch einschüchtern zu lassen durch Widersacher' (Phil 1, 27.28). Wenn es hierzu noch eines Beweises bedürfte, so würde Uns das Programm eurer verschiedenen Zusammenkünfte Zeugnis dafür sein, dass ihr euch weder den Problemen verschließt, die sich dem modernen Denken aufdrängen, noch den besonderen Aufgaben, die den christlichen Denkern zur Lösung gestellt sind. Nehmt hierfür Unsere Segenswünsche entgegen; und diese Wünsche eures gemeinsamen Vaters mögen euch Unterpfand sein zu einer brüderlichen und fruchtbaren Arbeit.

In der Einheit eurer beiden internationalen Verbände (M. I. I. C. [Mouvement International des Intellectuels Catholiques] und M. I. E. C. [Mouvement International des Etudiants Catholiques]) seid ihr in Unseren Augen nicht nur ein Sinnbild für die Vielfalt der wissenschaftlichen Berufe, die sich zur Gesamtheit geistiger Tätigkeit zusammenfügen, sondern auch für den Reichtum ehrwürdiger Überlieferung, die einem jeden Lande eurer Herkunft eigen sind. Allein schon eure Gegenwart bezeugt die beharrlichen Anstrengungen so vieler Priester und Laien, die in jeder Stadt, in jeder Universität diese Gruppen katholischer Aktion aufgebaut haben, deren Lebenskraft Bedingung und Garantie bleibt für die Bedeutung eures Kongresses. Bei diesem Gruß an den Kongress der Pax Romana sehen Wir auch an eurer Seite die unermessliche Zahl Unserer Söhne schreiten, der katholischen Studenten und der Akademiker aus aller Welt; wie euch so erinnern Wir sie alle an die gebieterische Forderung dieser beiden Aufgaben: Offensein für das Denken der Zeit und Dienst an der Kirche.

So seid denn überall dabei, an der vordersten Front des geistigen Kampfes, zu einer Stunde, in der die Wissenschaft sich anschickt, die Frage nach den Menschen und nach der Natur in nunmehr völlig neuen Ausmaßen zu stellen. Sicher täuscht sich niemand über die mannigfachen Klippen, die heute dem menschlichen Geist in der unendlichen Weite der aufgeworfenen Probleme drohen. Und dennoch, können die Söhne der Kirche vom Suchen und geistigen Bemühen ablassen, wenn gerade die ungeordnete Anwendung der Wissenschaft und der falsche Glanz des philosophischen Relativismus in schwankenden und unruhigen Geistern die grundlegendsten Gesetze und die wesentlichsten Werte erschüttern ?

Möge eure Gegenwart auf diesem Schauplatz geistigen Kampfes im Gegensatz dazu Zeugnis ablegen von Festigkeit und Klugheit. Der wissenschaftliche Fortschritt als solcher kann keine Verwirrung stiften unter den Gläubigen, die ihm vielmehr zu dienen wünschen und die in jeder Entdeckung eine überzeugende Kundgebung der Weisheit und Größe des Schöpfers begrüßen. Aber angesichts der verführerischen neuen Systeme ist es gerade für die Zukunft des geistigen Schaffens mehr denn je notwendig, die Grundlagen einer gesunden Philosophie zu sichern und die Überzeitlichkeit der Wahrheit zu bekräftigen; andernfalls kann sich die menschliche Vernunft nur in Ratlosigkeit verlieren, wenn sie nicht gar sich selbst zum höchsten Gesetz erhebt und dabei die Herrscherrechte Gottes missachtet.

Möge eure Gegenwart auf diesem Schauplatz geistigen Kampfes auch ein Zeugnis der Liebe und der Einheit sein. Ohne Zweifel verlangt die Fülle des heutigen Wissens künftighin ein Zusammenwirken, das allein schon im technischen Bereich leider zu oft durch Überlegungen gelähmt wird, die dem Suchen nach Wahrheit fremd sind. Aber mehr noch, die drängenden menschlichen Probleme, die sich unserer Generation stellen, rufen alle rechtschaffenen und ehrlichen Geister auf zu gemeinschaftlichem Bemühen in gegenseitigem Verständnis. Studenten aus allen Ländern, katholische Akademiker aus allen Berufen, vervielfacht unter euch und um euch den fruchtbaren Austausch und die Beziehungen, die dem Frieden dienen!

Solches Handeln und solches Zeugnis von Katholiken, die sich ob ihres fachlichen Könnens und ihrer gewissenhaften Arbeit allgemeiner Achtung erfreuen, ist in der Tat schon echter Dienst an der Kirche.

Doch werdet ihr diesen Dienst noch viel besser erfüllen, wenn ihr durch eure Erfahrungen und eure Bildung im Rahmen eures Berufes zur notwendigen Ausbreitung des christlichen Gedankengutes beitragt. In der heutigen Stunde müssen die katholischen Theologen auf unsere Söhne zählen können, seien sie Forscher oder Ingenieure, Philosophen oder Juristen, Historiker, Soziologen oder Ärzte, damit ihr Wirken durch erprobtes profanes Wissen unterstützt und ergänzt wird. Das ist eure besondere Sendung im Schoße der Kirche und in eurer Eigenschaft als Akademiker.

Und deshalb werdet ihr diesen Dienst erfüllen im Wissen um eure Verantwortung, aber auch mit ergebenem Herzen und offenem Vertrauen. Die Lehren, die euch die Kirche gibt, die Weisungen, die sie euch erteilt, die Klugheit, die sie manchmal von euch fordert, bedeuten für euer Bemühen eine unerschöpfliche Quelle der Fruchtbarkeit, eine zuverlässige Gewähr der Sicherheit, eine feste Bürgschaft wahrer Freiheit. Wir wünschen aus ganzem Herzen, dass ihr bei der Erfüllung eurer beruflichen Pflichten täglich besser erkennt, mit welcher Hochschätzung und Aufmerksamkeit die mütterliche Kirche eure Anstrengungen in diesen schweren Zeiten unterstützt.

Unter diesen Voraussetzungen werdet ihr, christliche Studenten und Akademiker, gemäß eurer ureigenen Berufung am Werk der Erlösung teilnehmen, in einer Welt, die vor unseren Augen im Werden ist. In der Tat, verlangt nicht die Mitwirkung an diesem Werk des Heiles - dem ihr das Hauptthema eures Kongresses gewidmet habt -, dass ihr euch mitten hineinstellt in den geistigen Kampf unserer Zeit, nach dem Vorbild Christi, der uns, außer der Sünde, in allem ähnlich ist? Und verlangt sie nicht ebenso, dass ihr erfüllt seid von den fruchtbringenden Heilsgnaden Christi, des einzigen Erlösers, dessen Leben uns in der Kirche mitgeteilt wird?

Setzt also eure Anstrengungen fort, beseelt vom selben Geiste, gestärkt von derselben Hoffnung, in sicherem Wissen um das Vertrauen, das euch die Kirche und ihr Oberhaupt schenken. Als Unterpfand Unseres väterlichen Wohlwollens und Unserer Segenswünsche spenden Wir euch aus vollem Herzen Unseren reichen Apostolischen Segen, Quelle übervoller Gnaden für euch und euer Wirken."

16. August 1950

Ansprache
Ihr findet euch

an die Gläubigen der deutschen Sprache im Heiligen Jahr
über den Materialismus und das Gebet

(Offizieller lateinischer Text: AAS 42 [1950] 729-734; deutsch in: Soziale Summe Pius' XII., Band I.: S. 92-97; Nr. 213-218)

Geliebte Söhne und Töchter des katholischen Deutschlands!

Ihr findet euch in wenigen Tagen zu eurer jährlichen Heerschau in der altehrwürdigen Bischofsstadt Passau ein. Mit Betonung sprechen Wir von der « altehrwürdigen Bischofsstadt ». Die Stadt ist so alt wie das Christentum, wenn nicht noch älter. Das Bistum Passau schaut auf eine schon mehr als zwölfhundertjährige Geschichte zurück und kann sich rühmen, einstmals die spätere Kaiserstadt Wien in seinen Grenzen eingeschlossen zu haben. Die Stadt selbst wie das umgebende Land — Wir denken besonders an die herrlichen Ufer der Donau gen Regensburg zu — sind reich an Kirchen und anderen Stiftungen, wo lebendige Frömmigkeit und feinster Sinn für das Edle und Schöne sich zusammengetan haben, um Kulturwerke hohen Wertes zu schaffen, die heute um so kostbarer sind, als an vielen anderen Orten vergleichbares Kulturgut der Vernichtung durch den Krieg anheimfiel.

Es besteht jedoch kaum die Gefahr, dass die reiche Geschichte des Bodens, auf dem ihr tagt, euren Blick banne und der Vergangenheit so sehr verhafte, dass ihr die graue Wirklichkeit übersähet. Die beiden voraufgehenden Katholikentage in Mainz und Bochum mit ihren ausführlichen und umfassenden Entschliessungen haben bewiesen, dass ihr euch eurer Gegenwartsaufgabe sehr wohl und sehr lebendig bewusst seid. Und wenn ihr dieses Jahr in ausgesprochen ländlicher Kultur tagt, so wisst ihr doch, dass auch auf dem Land sich die Verhältnisse von Grund aus geändert haben.

Aber ebenso seid ihr euch bewusst, dass ohne die befruchtenden Wasser des Gebets und des persönlichen Opfers die sorgsam gestreute Saat nicht Wurzel fassen und aufspriessen kann. Ihr seid euch bewusst,. dass alle guten Ansätze verkümmern, dass alles Wollen und Tun wie gelähmt und wie tot bleiben muss, wenn nicht die Gnade Jesu Christi und das machtvolle Wehen des Heiligen Geists Leben, Kraft und tiefgehende Wirkung verleihen. Ihr seid euch bewusst, dass, so notwendig Organisation ist, mit dem Organisieren allein noch nicht viel getan ist, dass das Entscheidende vielmehr der persönliche, fest im Glauben,, stehende und aus dem Glauben handelnde Christ ist.

Deshalb wolltet ihr die Tage in Altötting und Passau dem religiösen Leben und der inneren Erneuerung weihen. Es sollte ganz der Katholikentag des Heiligen Jahres, des Jahres der inneren Einkehr, des Gebets und der Busse sein. Wir loben euren Entschluss und möchten zu dessen Förderung euch drei Erwägungen ans Herz legen :

1) Ihr könnt das Los, das euer Vaterland getroffen •— Wir denken in erster Linie an die Millionen der Ostvertriebenen, wenn auch nicht an sie allein — seelisch nicht meistern, wenn ihr es nicht schaut in gläubigem Aufblick zur göttlichen Vorsehung. Was in den verflossenen Jahrzehnten, vor allem im letzt verflossenen vor sich gegangen, ist, hoch über allen, wenn auch noch so sehr Antwort heischenden Fragen von Recht und Gerechtigkeit, eine jener Heimsuchungen Gottes, eine jener Abrechnungen, die auf die Geschichte und die Verstrickungen, auch die schuldbeladenen, ganzer Jahrhunderte zurückgreifen. Tragt euer Los in demütiger Hinnahme. Gebt ihm ein christliches Gepräge, indem ihr jenes Los von Gott entgegennehmt als Sühne, wenn nicht für eigene Schuld, so für die schwere, in ihren Auswirkungen erschütternd unheilschwangere Schuld anderer des eigenen Volks und fremder Völker. Bleibt aber auch dabei nicht stehen. Schicksalswendungen solchen Ausmasses sind, ganz unabhängig von dem Auf und Ab der weltlichen Geschichte eines Volks, immer Heimsuchungen Gottes im eigentlichen Sinn des Wortes, also Zeiten weit gespannter Möglichkeiten für das Reich Gottes, Zeiten stärksten Anrufs der Wahrheit und Gnade an alle Kinder und Schichten des Volks, aber nicht ohne euer Zutun und euer Mitwirken, geliebte Söhne und Töchter. Und der Kern, die innere Kraft eures Mitwirkens möge die bereitwillige Hinnahme eures Loses sein, wie es der Herrgott gefügt hat und wie er es fügen wird, als Sühne, als Busse, als Opfer, aus dem, in Vereinigung mit dem Opfer Jesus Christi, eurem Volk und anderen Völkern Erbarmen, Segen und Heil werden möge, vielleicht auf Wegen, die euch augenblicklich unausdenkbar sind, die aber immer zum Guten führen werden ; denn « die Gesamtheit dessen, was Gott geschaffen hat, lenkt und leitet Er durch seine Vorsehung, vom einen Ende zum anderen alles machtvoll erfassend und aufs beste anordnend. Liegt doch alles bloss und offen vor seinen Augen auch die zukünftigen freien Handlungen seiner Geschöpfe » (Conc. Vat., Sess. III, e. 1; Denz. 17S4. Cfr. Sap., S, 1; Hebr.., 4, 33.).

2) Ihr habt auf das Programm eurer Tagung den Kampf gegen den Materialismus gesetzt. Der Materialismus ist fortschreitendes Abwerten und Absetzen des Übersinnlichen und Überirdischen, Geistigen und Religiösen bis zur ausgesprochenen Gottlosigkeit; er lässt nur gelten was das Experiment, die Erfahrung der Sinne bestätigt, was mit Mass, Zahl und Gewicht erfassbar ist. Die unerhörten, sich überstürzenden Entdeckungen der Naturwissenschaften, die in Wahrheit ebensoviele Offenbarungen Gottes sind, und die Fortschritte der Technik missbraucht der Materialismus, um die Menschen zu blenden, dass sie das Übersinnliche, Übernatürliche und Ewige daneben übersehen und vergessen, und er erfüllt sich im Kult des « Stoffes », des Leibes und der Leibeskraft, des Geldes und der Macht. Kaum eine Zeit hat so wie die gegenwärtige das Wort der Schrift wahr gemacht, dass alles in der Welt (1 Io., 2, 16.) « Fleischeslust, Augenlust und Hoff art des Lebens » ist. Die organisierte und in der Rüstung politischer Macht einherschreitende Gottlosigkeit wäre weniger gefährlich, wenn sie nicht als Rückhalt und Zukunftshofrnung alle die vielen für sich buchen könnte, die, ohne sich zu ihr zu bekennen, ja vielleicht vermeinend, noch gläubige Menschen und Christen zu sein, in der Wirklichkeit des Alltags ganz so leben, als ob es keinen Herrgott gäbe.

Einen Damm gegen den Materialismus zu bilden ist Aufgabe der Katholiken auf der ganzen Welt. Diese Aufgabe ist nicht hoffnungslos. Die Katholiken zählen gleichfalls nach Hunderten von Millionen und stellen auch eine Macht dar. Es ist nicht wahr und kann lediglich aus einseitiger zu eng begrenzter Erfahrung erklärt werden, was vor kurzem geäussert wurde, dass nämlich die Katholiken nur noch zu einer nicht bedeutenden Minderheit mit innerer Freude ihrem Glauben anhangen. Die Erfahrung der Weltkirche ist eine andere. Und mit den Katholiken steht, Wir wagen es zu sagen, immer noch auf Seiten Gottes die Mehrzahl der Menschen. Es gibt Länder, die gleichfalls nach Hunderten von Millionen zählen und deren Volk vor allem Religiösen eine Ehrfurcht hat, dass sie selbst manchen Katholiken beschämen könnte. « Gott ist der Herr auch unserer Zeit ». Wenn wir an die Christen der ersten Jahrhunderte denken, so ist der Kampf gegen den Materialismus, vielleicht wie keine der Kirche inzwischen gewordene Aufgabe, jener vergleichbar, vor die sie sich gestellt sahen : die alte heidnische Weltanschauung und Lebensordnung zu überwinden. Wie damals verlangt ein solcher Kampf den vollen Einsatz des katholischen Menschen, den geistigen und sittlichen.

Den geistigen: Nur solche, die den katholischen Glauben wirklich erfasst haben und seine Kenntnis dem Grad ihrer intellektuellen Reife entsprechend immer wieder vertiefen, denen der Glaube also persönliches Eigentum geworden ist, werden unter euren Verhältnissen sich und andere vor der Ansteckung durch den Religionsschwund bewahren. Das katholische Deutschland konnte sich seinerzeit der zuverlässigen religiösen Schulung rühmen, die es seinen Söhnen und Töchtern mit auf den Weg ins Leben gab. Lasst dies auch heute euren Stolz sein. Beachtet dabei ein Doppeltes : Haltet euch in dem, was ihr über die Welt des Religiösen sagt und schreibt, immer auf dem Weg, der durch die sichere katholische Glaubenslehre abgegrenzt wird. Nur so seid ihr geschützt vor Verirrung und vor dem Absturz in die Tiefe. Was sodann Glaube und Wissen angeht, ist erkenntnismässig ein Widerspruch zwischen ihnen innerlich unmöglich. Die damit aufgeworfenen Fragen hat die katholische Wissenschaft eingehend behandelt und wird sie weiter eingehend behandeln. Nur sollen dann auch ihre Ergebnisse Gemeingut der Gläubigen, besonders jener der führenden Berufe werden. Alle, welche die Jugend in die Glaubenswahrheiten einführen; diejenigen, welche die zukünftigen Priester und führenden Laien ausbilden; die Priester, die das Wort Gottes verkünden; endlich die Männer und Frauen des gesamten katholischen Schrifttums erinnern Wir eindringlich an die überaus schwere Verantwortung, die ihnen heute der Be- ruf der Glaubensverkündigung auferlegt.

Der Kampf gegen den Materialismus fordert den sittlichen Einsatz des katholischen Menschen. In den Schlusskapiteln seiner Briefe, da wo der Völkerapostel von der Praxis des christlichen Lebens spricht, stellt er an den gewöhnlichen Gläubigen Anforderungen, die für Heilige bemessen scheinen. Aber nicht allein die Grösse der damals zu meisternden Aufgabe, schon das « Christ sein » an sich verlangte eine solche Höhe des sittlichen Strebens. Das galt immer ; nur hat der Kampf gegen den Materialismus die Gläubigen von heute besonders hellsichtig dafür gemacht. Ein jeder fühlt, dass er den Materialismus erst einmal in sich selber überwinden muss. In seinen Grundsätzen und in seinem Handeln, am Tag des Herrn wie im Alltag, im häuslichen Kreis wie im Beruf, allein wie in der Gemeinschaft und im öffentlichen Leben, ob ledig oder in der Ehe, in Vergnügen und Sport, beim Griff zur Presse, zur Illustrierten und zum Buch, beim Besuch der Bühne und des Films, immer und überall steht der Katholik unter dem Gebot Gottes und dem Gesetz Christi. Niemand kann ihn davon entbinden. Der Gegensatz gegen den Materialismus hat im Christen das Bewusstsein geschärft, dass Gott im Mittelpunkt alles Seins steht, Gott, der einzig unbedingte Wert, an dem alles Geschaffene zu messen ist. Wo der Christ dies unterlässt, hat er sich schon auf die Seite des Gegners gestellt.

Christ sein verlangt also gebieterisch Tugend und Opfer. Es hat sie immer verlangt, es verlangt sie aber heute ganz besonders und nicht selten heroische Tugend und heroische Opfer. Wer den Kampf gegen den Materialismus aufnehmen will, darf vor dieser Tatsache, dieser Folgerung nicht einen Augenblick zurückschrecken.

3) Ihr habt, geliebte Söhne und Töchter, den diesjährigen Katholikentag eingetaucht in die begnadigende Atmosphäre des Gebetes. Ihr habt gut daran getan. Denn wenn das, was heute vom katholischen Menschen verlangt wird, fast übermenschlich erscheint — das Gebets- leben gibt die Kraft, es zu meistern.

Die deutschen Katholiken haben sich immer ausgezeichnet durch Organisation und Leistung auf den verschiedensten Gebieten des kirchlichen Lebens. Mögen sie sich ebenso auszeichnen als ein Volk von Betern.

Wir rufen den Priestern zu : Betet. Betet mehr. Seid euren Gläubigen das Vorbild frommer Beter!

Wir rufen den Familien in Stadt und Land zu : Pflegt nach Vätersitte das Gebet im häuslichen Kreis! Es bringt Segen, stärkt den Glauben, schafft Gottesfurcht und Gottvertrauen, gegenseitige Ehrfurcht und Liebe und Starkmut in schweren Tagen.

Wir rufen eurer Jugend zu : Lernt beten — nicht nur in der Gemeinschaft, sondern ebenso jeder und jede für sich, damit ihr auch auf euch selbst gestellt in der Gefahr zu bestehen vermögt und auf jeden Ruf Gottes bereit seid.

Wir rufen den katholischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu : Tragt die Fragen und Schwierigkeiten, die zwischen euch liegen, auch im Gebet aus. Wir wissen, wie verwickelt die Verhältnisse oft liegen und wie schwer Lösungen zu finden sind. Aber Programme, Gesetze und Schiedssprüche allein schaffen überhaupt noch nicht den sozialen Frieden. Selbst hervorragende Arbeiterführer in anderen Lagern gestehen, dass er letztlich nur werden kann aus christlichem Geist und christlicher Liebe der Beteiligten auf beiden Seiten. Betet viel um diesen Geist und diese Liebe!

Euch allen rufen Wir zu: Hebt die Herzen und Hände zu Gott empor! Die Zukunft ist unsicher und dunkel. Betet, dass Gott in gnadenvoller Vorsehung alles zum Besten lenke.

Ihr habt eure Tagung unter den Schutz der Mutter Gottes von Altötting gestellt. Im segensvollen Zeichen ihres Gnadenbilds entfalten sich eure Beratungen am Gnadenort selbst und vollziehen sich eure Kundgebungen in Passau. In wehmütig froher Erinnerung gedenken Wir der Stunden, da Wir selbst am Altöttinger Gnadenaltar das heilige Opfer darbrachten und uns erbauten an der Inbrunst, mit der die frommen Pilger Maria ihre Hingabe erzeigten und ihre Bitten vortrugen. Drei kostbare Güter haben Deutschlands Katholiken die Jahrhunderte hindurch besonders treu gehütet und gepflegt : den tiefen Glauben an das Heiligste Sakrament des Altars, die innige Verehrung der Gottesmutter und die lebendige Verbindung mit dem Stellvertreter Christi auf Erden, die jetzt im Heiligen Jahr wieder so selbstverständlichen Ausdruck gefunden hat. Mögen eure Priester sich der hohen Verantwortung bewusst bleiben, diese drei Quellen religiöser Kraft ihren Gläubigen in voller Reinheit und Stärke zu erhalten.

Als Unterpfand dessen erteilen Wir, den ganzen Reichtum der Gnade Jesu Christi und der mütterlichen Liebe Marias auf euch herabflehend, den in Passau anwesenden Oberhirten, Unseren Ehrwürdigen Brüdern, dem Klerus und den Gläubigen, allen Unseren Söhnen und Töchtern in deutschen Landen und eurem ganzen Volk aus der Fülle des Herzens den Apostolischen Segen.

21. September 1950

Ansprache
En vous souhaitant la bienvenue

an Studenten und Professoren des Institut Catholique de Paris
Die Rolle der katholischen Universität
(Offizieller französischer Text: AAS XLII [1950] 735-738)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 927-930; Nrn. 1843-1849)

1843 Indem Wir Sie willkommen heißen, geliebte Söhne der katholischen Institute Frankreichs, die Sie gekommen sind, um hier das Heilige Jahr zu feiern, begrüßen Wir zugleich mit tiefer Ergriffenheit und mit glühendem Stolz das Dreivierteljahrhundert Ihrer heldenmütigen Geschichte. Ergriffenheit und Stolz, jawohl !, denn es ist eine Geschichte großer Opfer und großer Hingabe, die sich durch so viele Wechselfälle hindurch, bald durch glänzende, bald durch düstere, immer jedoch beschwerliche, abgespielt hat.

1844 Es wäre wohl nicht vernünftig, sein Gut, seine Mühe und sein Leben für den Dienst an einer überflüssigen oder bedeutungslosen Sache hinzugeben. Was jedoch von Ihnen und von der vorausgegangenen Generation geleistet wurde, setzt die Überzeugung voraus, dass ein grundwichtiges Interesse auf dem Spiele steht. Welches ist dies nun?

1845 Gott sei Dank, handelt es sich nicht mehr, wie am Ende des letzten und zu Beginn dieses Jahrhunderts, um eine Verteidigungspolemik oder Gegenoffensive. Wir selbst hatten manchmal die Gelegenheit, ausgezeichnete Vertreter der intellektuellen Welt zu empfangen oder anzureden, vor allem solche großer Universitäten, die Uns Zeugnis ablegten von ihrer Ehrerbietung und ihrem rechtschaffenen Wollen.

1846 Worin besteht also augenblicklich die Daseinsberechtigung und die Zweckmäßigkeit der « Katholischen Institute », gegen die man, selbst sogar in bestgesinnten Kreisen, bisweilen einigen Zweifel zu erheben scheint? Man könnte zunächst eine Frage der Würde für die Kirche sehen in der Aufrechterhaltung eines mehr als tausendjährigen Werkes, das ihr sein Entstehen, seine Entwicklung sowie seinen außerordentlichen und fruchtbaren Einfluss verdankt. Doch genügt eine reine Betrachtung der Würde, der verehrungswürdigen geschichtlichen Überlieferung, um einen solchen Aufwand an Geld und Anstrengung zu rechtfertigen? Es gibt Unserer Ansicht nach noch einen triftigeren und lebenswichtigeren Grund dafür. Die dauernde gegenwartsnahe Bedeutung der « Katholischen Institute » oder Universitäten besteht in der Nützlichkeit und Notwendigkeit, einen wohlgeordneten und soliden Lehrkörper zu schaffen und ein ganzes Milieu spezifisch katholischer Kultur ins Leben zu rufen. Ein in allen Wissenszweigen noch so untadeliger Unterricht, der sogar ergänzt wird durch eine nebenher abgehaltene, höhere Unterweisung in religiösen Fragen, genügt nicht. Alle Wissensgebiete haben direkt oder indirekt einen Bezug zur Religion, nicht allein die Theologie, die Philosophie, die Geschichte und Literatur, sondern auch die anderen Wissenschaften: Rechtswissenschaft, Medizin, Physik, Naturwissenschaft, Kosmologie, Paläontologie, Philologie. Wollte man so tun, als hätten sie keinerlei Beziehung zu Fragen der Glaubenslehre und christlichen Sittlichkeit, so gerieten sie wohl dennoch häufig in Widerspruch zu diesen. Der Lehrer muss also, selbst wenn der Unterricht die religiöse Wahrheit oder das religiöse Gewissen nicht unmittelbar berührt, ganz von der Religion, von der katholischen Religion durchdrungen sein.

Schule für wahre « Universitas » der Wissenschaften

1847 Dies ist nicht alles. Gänzlich äußere Umstände brachten es mit sich, dass man in gewissen Ländern anstelle des Namens « katholische Universität » andere Bezeichnungen verwenden muss. Der Name an sich konnte verschwinden, doch der bisherige Charakter bleibt und muss bleiben. « Universitas » besagt nicht nur Nebeneinander von Fakultäten, die miteinander nichts zu tun haben, sondern Synthese aller Wissensobjekte. Keines ist vom anderen abgetrennt durch einen dichten Verschluss, alle müssen hinstreben auf die Einheit eines lückenlosen Erkenntnisfeldes. Und der moderne Fortschritt, die immer mehr vorangetriebene Spezialisierung, machen diese Synthese notwendiger denn je. Sonst besteht die große Gefahr der Alternative zwischen einem übertriebenen Unabhängigkeitsstreben, einer Loslösung dieser Spezialisierung vom Ganzen zum Schaden der Kultur und der allgemeinen Werte, und andererseits der Entwicklung einer mehr oberflächlichen als tiefgründigen Allgemeinbildung zum Schaden der Genauigkeit, der Exaktheit, der eigenen Entscheidungsfähigkeit. Es ist die Aufgabe der Universität, diese Synthese selbst, soweit wie irgend möglich, zu verwirklichen; sie bis zu ihrer Wesensmitte, bis zum Gewölbeschlussstein des Gebäudes zu verwirklichen, selbst über die natürliche Ordnung hinaus, ist die Aufgabe einer katholischen Universität.

Wissenschaftliche Arbeit im Geiste katholischer Glaubensüberzeugung

1848 Haben die Zeitumstände ihre Ausführung auch gelähmt oder verlangsamt, so ist das Bemühen um sie doch keineswegs unfruchtbar. Ihre «Katholischen Institute » in Frankreich können stolz sein auf ihr « Goldenes Buch »! Ohne von überragenden Meistern in allen Wissenschaftszweigen zu reden, von Professoren, Schriftstellern, Erfindern, Bahnbrechern, deren Namen unter den berühmtesten der zeitgenössischen Geschichte stehen, welch eine Schar von Männern, die sich ebenso auszeichnen durch die Qualität in ihrem Beruf wie durch ihren Glauben und ihr christliches Leben, haben sie der Kirche und der Gesellschaft geschenkt !

1849 Schreiten Sie fort auf Ihrem Wege, teure Söhne, den Blick gerichtet auf das Ideal, das Sie sich als Männer der Wissenschaft und des Glaubens als Ihren Leitstern erwählt haben. Gehen Sie voran in seinem Licht; unvergänglich glänzt es am Himmel. Sollte es je einmal in Ihren Augen verblassen, so kennen Sie den Führer, dem Christus Sie anvertraut hat.

Um Ihnen beim sicheren Vorwärts schreiten in seinem Lichte zu helfen, haben Wir Ihnen Unser neuestes Rundschreiben Humani generis in die Hand gegeben. Studieren Sie es, seien Sie in wirksamer Weise empfänglich für seine Lehren, setzen Sie es in die Tat um! Tun sie es mit jenem Mut, den Ihnen die berühmtesten Gelehrten, Denker und Führer zu allen Zeiten der Kirchengeschichte beispielhaft gezeigt haben. Weder Überraschungen, die durch die Entdeckungen der Wissenschaft bereitet wurden, noch die brennenden Aufgaben ihrer Zeit konnten sie jemals auch nur einen Augenblick aus der Fassung bringen. In der festen Überzeugung, dass zwischen Wissenschaft und Glaube, zwischen den endgültigen Schlussfolgerungen jener und den Glaubenssätzen keinerlei Widerspruch, kein unauflöslicher Gegensatz bestehen könne, lebten sie in der ruhigen Gewissheit, dass der katholische Glaube, ohne dass an ihm etwas geschminkt oder verschwiegen werde, immerdar, in der Gegenwart so gut wie zu der Apostel Zeiten, die Arche des Heils bleibe. Derart muss er im Denken und im Fühlen der Menschheit sein.

Damit keine Anstrengung Sie entmutige, dass keine Verständnislosigkeit Sie ängstige noch ermüde, haben Sie auf Ihrer Seite den göttlichen Beistand, als Unterpfand dessen Wir Ihnen allen, Ihren «Instituten », Ihren Kollegen, Ihren Schülern, allen Ihren Lieben, Unseren Apostolischen Segen erteilen.

14. Oktober 1950

Ansprache
Perquam laeto

an die Teilnehmer des Internationalen Katechetenkongresses
Gedanken zur religiösen Unterweisung des Menschen von heute
(Offizieller lateinischer Text: AAS XLII [1950] 816-820)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 869-876 ; Nrn. 1731-1743)

1. Thema und Bedeutung des Kongresses

1731 Mit überaus froher Zuversicht empfangen Wir Euch, ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, die Ihr aus allen Nationen zur Förderung der Katechese in Rom einen Kongress abgehalten habt. Dass dieser keinem der vergangenen, die jüngst in der erhabenen Stadt durchgeführt wurden, nachsteht, lässt sich mit Recht aus den Tatsachen ersehen, die seine Bedeutung und sein Gewicht ins Licht rücken. Wir brauchen nur zu bedenken, wer ihn angesagt hat, wer dazu eingeladen und was auf ihm behandelt worden ist. Die Heilige Kongregation, der die Disziplin des Klerus und des Volkes obliegt, hat ihn einberufen. Seine Teilnehmer sind durch Amt und Fähigkeit höchst hervorragende Männer aus vielen Bistümern der katholischen Welt. Der Gegenstand der Erwägungen aber war die katholische Lehre in dem ganzen Umfang, in dem sie bekannt ist und insofern sie den einzelnen Schichten der menschlichen Gesellschaft vermittelt werden soll.

1732 Euer Wille aber war es, dass der abgehaltene Kongress in das jetzt seinem Ende zuneigende Heilige Jahr fallen sollte, das sowohl für Eure Zusammenkünfte als auch für Eure Unternehmungen die günstigste Zeit gewähren würde. Euer Entschluss konnte nicht segensreicher und lobenswerter sein. Der Name « Heiliges Jahr» wäre für diese Zeitspanne nur teilweise passend, wenn sie lediglich den Bösen die göttliche Gnade, die sie verloren hatten, wiederbrächte, sie « zur Sühne für ihre Sünden und zur Besserung des Lebens» führte (Vgl. Ankündigung des allgemeinen Jubiläums. AAS XLI (1949) 257), wenn sie lediglich zur Übung und Vermehrung von Werken der Frömmigkeit und der Nächstenliebe antriebe. Mit Fug und Recht erwarten Wir vom Heiligen Jahr etwas Größeres: Wir erwarten von ihm nämlich die Erneuerung und Steigerung des religiösen Lebens, eines Lebens, durch das dessen Ziele offen zutage treten. Wir drängen darauf, dass alle sich befleißen und anstrengen, « die Tugend und die Heiligkeit zu erlangen» (Ebd.).

2. Die rechte Verkündigung der katholischen Lehre

Feindliche Mächte

1733 Welches sind nun aber die Hindernisse, die diesem hocherhabenen Werk entgegenstehen? Welches sind die Hilfsmittel, die es aus ihrem Wesen heraus fördern?

Über die Hindernisse haben Wir soviel gesprochen, dass ihre Nennung und Aufzählung nicht schwer zu fallen scheint. Es sind solche, die im Innern, und solche, die in der Außenwelt entstehen. Im Innern sind es die ungeordneten Triebe des menschlichen Geistes, der Hochmut, die Wollust und der Abscheu und die Flucht vor dem Leiden. Außen sind es die Anfechtungen der bösen Geister, das Getändel und der Zauber der unreinen Welt, heute jedoch zumeist die weitverbreiteten Irrtümer, die bis zum Bekenntnis des offenen Atheismus gehen, um von den Einrichtungen zu schweigen, die nicht davor zurückschrecken, selbst der Jugend, ja sogar den Kindern irrige Lehren mit Gewalt und Zwang beizubringen. Diese Hindernisse können nicht ohne Wirkung bleiben, wenn das nötige feste und genügend breite Fundament gänzlich fehlt oder unzulänglich gelegt worden ist.

Keine Sittlichkeit ohne Lehre

1734 Vielleicht sagt jemand, dieses Fundament seien die Gesetze und Vorschriften, die Gebräuche und gesetzmäßigen Riten. Wenn auch alle diese Dinge für gut gehalten werden, so sind sie doch nur die Zweige. Sie sind nicht die Wurzel. Nur dann bringen sie den ursprünglichen Nutzen, wenn daraus die in die Tat umgesetzte Lehre der Wahrheit hervorströmt. Diese Lehre umfasst das Dogma, die Gebote und die Gottesdienstvorschriften. Wenn die lehrmäßige Unterlage fehlt, schwirrt all jenes (d. h. die erwähnten Gesetze, Vorschriften usw.) herrenlos umher, als ob es an die Wolken gehängt wäre. Wird jedoch die Lehre mit höchstem Eifer gepflegt und ist sie reich an Werken, dann wird die Wirkung der Übel, die Wir soeben beklagt haben, falls sie nicht gänzlich verschwindet, was leider sehr selten vorkommt, wenigstens gemindert und lässt den Menschen, Wir sagen, den christlichen Menschen, leichter Fortschritte machen.

Keine Wirkung der Lehre ohne würdige Darbietung des Stoffes

1735 Der katholische Glaube und die christliche Unterweisung vermögen jedoch aus dem Geist der Menschen kaum segensreiche Früchte hervorzubringen, wenn sie nicht von deren Verkündern und Lehrern mit der gebührenden und dringend geforderten Fülle und Würde, Frische und Anstrengung dargeboten werden. Euer Kongress hat es sich zum Ziel gesetzt, diese Fragen zu beantworten und für die etwa vorhandenen Fehler die notwendigen Hilfsmittel aufzuzeigen.

3. Die große apostolische Aufgabe des katechetischen Unterrichtes

1736 Wir aber benützen freudig die Gelegenheit, Euch, die Ihr hier anwesend seid, und allen, die der religiösen Erziehung eifrig ihre Kräfte leihen, Unseren väterlichen Beifall und ausgezeichnetes Lob zu spenden für die beinahe unübersehbare Arbeit, die Ihr allüberall auf Erden geleistet habt und noch leistet, um die Jugend mit den Schätzen der Weisheit und Wissenschaft des christlichen Glaubens zu bereichern und auszurüsten sowie die an Alter Fortgeschrittenen in derselben Belehrung zu bestärken nicht ohne gewaltigen Nutzen und Fortschritt der ganzen heiligen Kirche Gottes. Euer Amt erscheint manchen bescheiden. Es ist groß und wird mit Recht unter die apostolischen Aufgaben gezählt, die am schwersten sind und den ersten Platz einnehmen. Wenn auch der Priestermangel gebieterisch fordert, dass jedes Jahr mehr Laien Männer und Frauen - zur Erteilung eben dieses Unterrichts ausgesucht, vorbereitet und eingesetzt werden, so ist es dennoch sehr zu wünschen, dass die Priester dieses Amt selbst ausüben, besonders auch deshalb, weil die Erfahrung lehrt, dass der Religionsunterricht, den ein von Glaubenseifer und Liebesglut entflammter Priester erteilt, ein sehr wirksames Mittel ist, die Kinder mit dem Priestertum und der Kirche innig zu verbinden.

4. Die einzelnen Faktoren eines vollkommenen Religionsunterrichtes

1737 Was aber Euren Kongress angeht, so kann man sagen, dass das, was Euch in Euren Versammlungen vorgetragen wurde, in seiner umfassenden Fülle alles enthält oder wenigstens berührt, was die Katechese betrifft: nämlich die allen Lebensaltern, den Kindern, der Jugend und den Erwachsenen zu erteilende religiöse Unterweisung, die Plätze und die Räume, die für diese Lehrtätigkeit herzurichten sind. Außerdem wurde gesprochen von den Pfarreien, von den Schulen aller Art, von den darin Unterrichtenden, von ihren einzelnen Ämtern, von ihrer allgemeinen, pfarrlichen oder schließlich diözesanen Leitung, von den Priestern und ihren Laienhelfern, von den Hilfsmitteln, die ihnen allen zur Verfügung stehen, Gelehrte Fachleute lösten Fragen. Es folgte eine freie, gut geführte Aussprache, die vor allem das Ziel im Auge hatte, für das Leben nützliche Richtlinien und Entschlüsse festzulegen. Deshalb sind Wir überzeugt, dass Euer Kongress vorzügliche und dauerhafte Früchte bringen wird.

5. Besondere Hinweise des Papstes

'Vorzügliche Themen der Erwachsenenkatechese

1738 Wie Wir aber gemahnt haben, soll die religiöse Unterweisung sich auf all das erstrecken, was zur Lehre der Kirche gehört: auf das Dogma, die Moral und den Gottesdienst. Besonders bei der religiösen Unterweisung der älteren Leute ist es sehr wichtig, dass der erste Platz der Lehre von Gott, von Christus und seiner Gottheit, von der Kirche, der Stiftung Christi, eingeräumt wird. Wenn diese drei Wahrheiten in den Geistern fest und tief haften, und zwar sowohl im Bereich der Schulen als auch im Getriebe des öffentlichen Lebens, so werden die übrigen Glaubenslehren viel geringere Schwierigkeiten verursachen.

Angleichung der Lehrweise an die Fassungskraft und das Bedürfnis der jeweiligen Zuhörer

1739 Es ist selbstverständlich, dass diese zwar schwierigen Gegenstände nichtsdestoweniger dem Alter, dem Verständnis und der Bildung der Zuhörer entsprechend vorgetragen werden sollen. Bei den heranreifenden Menschen und besonders in den höheren Schulen können und müssen sogar manchmal zusätzlich gestellte, für das Leben nützliche Fragen sowie Lehren der christlichen Philosophie behandelt werden. Auch Fragen, die zwischen der Heiligen Schrift, der Naturwissenschaft und der Geschichte auftauchen. Bezüglich der Art, die christliche Lehre zu erteilen, ist ohne Zweifel die Klarheit im Darlegen und das wachsame Maßhalten im Erzählen nützlich.

Der Vortrag überzeugt die Zuhörer, wenn er lebendig, frisch, bilderreich, durch Beispiele veranschaulicht und mit schönen Vergleichen ausgestattet ist. Auf diesem Gebiet und Weg sind zwei Klippen zu vermeiden: einerseits muss verhütet werden, dass in der Absicht, den Geist zu ergötzen und zu entspannen, die den heiligen Gegenständen gebührende Ehrfurcht, Weihe und innerste Überzeugung verletzt wird und dass Bilder und Geschichten im Denken und im Gedächtnis haften bleiben, während die Hauptsache zum Nachteil [der Lehre] in den Schatten gedrängt wird. Andererseits muss vermieden werden, dass der zu lehrende Stoff nach dem Gutdünken, dem Wunsch oder dem wandelbaren Urteil der Schüler bestimmt werde und heute wie zu Zeiten des Propheten Isaias der Ruf erschalle: « Redet, was uns gefällt! (Is. 30, 10) »

6. Das Idealbild der Katecheten

Seine persönliche Haltung

1740 Aus dem, was Wir bisher gesagt haben, ist leicht zu entnehmen, was den Lehrer betrifft, wie er sein soll. Weil er ein Amt ausübt, das sowohl seinem Wesen als auch seinem Ziel nach übernatürlich ist, soll er einen starken Glauben und Gebetseifer besitzen (wenn Wir dies noch weiter betonten, käme es Uns vor, als würden Wir ihm Unrecht tun), zuversichtlich handeln und alles mit heiligem Sinn zum Guten wenden. Er möge die Fassungskraft selbst der Kinder und Ungebildeten nicht verachten und geringschätzen. Er möge nicht weniger gebührend wertschätzen ihre hochherzige Gesinnung, das übernatürliche Geschenk des eingegossenen Glaubens, die Gnade, die Gott allen in reichem Maße verleiht, nämlich das Licht der überirdischen Weisheit und die Neigung der Seelen zum Himmlischen.

Seine fachliche Tüchtigkeit

1741 Noch etwas muss man wissen: der Katechet würde sich völlig täuschen und erbärmlich in die Irre gehen, wenn er meinte, dem ungebildeten Geist der Zuhörer genüge eine mangelhafte und dürftige Kenntnis der Dinge. Doch ohne Zweifel ist das Gegenteil wahr. Denn er hat die Pflicht, sowohl sämtliche wichtigen Abschnitte des Glaubens vorzutragen, als auch sie den stumpfen Geistern und unvorbereiteten Herzen mundgerecht zu machen. Deshalb muss er die Lehre der Psychologie gründlich kennen, um die Fassungskraft seiner Zuhörer richtig beurteilen zu können. Er muss auch große Mühe darauf verwenden, sich gebührend zu ihren Bedürfnissen herabzubeugen. Nicht weniger wertvoll ist das, was Wir zuletzt sagen: im höchsten Maß ist erforderlich, dass der Lehrende lerne, und zwar ohne jede Unterbrechung lerne. Nicht bequemlich, nicht nachlässig, nicht unbekümmert soll er seinen Unterricht sowohl in Bezug auf den Inhalt als auch auf die Form fleißig vorbereiten und durch glückliche und unglückliche Versuche erreichen, dass er dies zum Fortschritt in der Kunst der Katechese wende. Alles aber, was er plant und tut, soll die Liebe beseelen, der Glaubenseifer beleben und das Gebet befruchten.

7. Besonderes Mahnwort an die Religionslehrer der höheren Schulen

1742 Dies alles, ja noch vieles andere haben in der Religionslehre und Katechese beschlagene und erfahrene Männer ausgiebig beleuchtet. Es sei Uns gestattet, auf einen Punkt aufmerksam zu machen: alle, besonders die Priester, die an höheren Schulen unterrichten, ermahnen Wir, sehr oft daran zu denken, dass sie Gott für ihre Schüler einmal strenge Rechenschaft ablegen müssen. Unser Geist wird erschüttert, wenn aus den öffentlichen Nachforschungen, die jetzt nach Alter, Geschlecht und Schulart angestellt zu werden pflegen, klar hervorgeht, dass die Mehrzahl derer, die vom Glauben abgefallen sind, wegen des Versagens oder der Schuld der Priester bis zum höchst traurigen Schiffbruch kamen. Jene dagegen, die in einer Stadt oder in einem Land Ämter von hohem Einfluss und Rang bekleidet haben und noch bekleiden, soweit sie dem katholischen Glauben treu blieben und ihn nach Kräften unterstützten, sind sehr oft der Bildung und dem Frohsinn eines Priesters und seinem höchst ehrenhaften Tugendbeispiel zu verdanken.

'8. Allgemeine Ermunterung und Segen

1743 Wenn Ihr nach Hause, nämlich in Eure Bistümer zurückgekehrt seid, sorgt dafür, dass Ihr die in diesen Tagen gesammelten Schätze an Eure Landsleute austeilt, die in verschiedenem Auftrag der religiösen Unterweisung eifrig ihre Hilfe leihen! Sorgt dafür, dass sie, durch Euren Eifer entflammt, dieses heilige und segensreiche Amt immer höher schätzen lernen! Helft ihnen, dass sie die ihnen auferlegten Pflichten geschickt, fleißig und fruchtbar erfüllen!

Von dieser Hoffnung beseelt, segnen Wir von Herzen gern Euch, Eure Mitarbeiter und alle, die aus Eurem Munde die heiligen Wahrheiten vernehmen.

2. November 1950

Ansprache
Penitus commoto animo

an das Kardinalskollegium
über die feierliche dogmatische Definition der Aufnahme Mariens in den Himmel mit Leib und Seele
(Offizieller lateinischer Text: AAS 42 [1950] 784-792)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 242-254; Nrn. 549-571)

26. März 1951

Ansprache
De quel Sceptisme

an Mitglieder der französischen « Union catholique de l'enseignement publique » (Katholische Lehrervereinigung)
Der katholische Lehrer In der profanen öffentlichen Schule
(Offizieller französischer Text: AAS XLIII [1951] 209-213)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 863-868; Nrn. 1715-1730)

Begrüßung

1715 Welche Spottfigur für bisweilen sogar beleidigenden Skeptizismus wäre am Ausgang des letzten und zu Beginn dieses Jahrhunderts der Wagemutige gewesen, der damals schon vorausgesagt hätte, dass Rom eines Tages, eines nicht mehr fernen Tages, die katholischen Mitglieder des öffentlichen Unterrichtswesens Frankreichs in großer Zahl zu sich eilen sähe!

Und dennoch! Siehe, da seid Ihr, geliebte Söhne und Töchter, in diesem Augenblick fast zu drei Tausend um Uns geschart wie Kinder voll Vertrauen und Liebe um ihren Vater.

Die Entwicklung des französischen Schulwesens unter dem Einfluss des atheistischen Geistes

1716 Die Universität Frankreichs! Sie nahm einen so schönen Platz ein in der Geschichte der Kirche und der Nation! Sie beteiligte sich so schön am Fortschritt der Zivilisation und des christlichen Humanismus! Man führte mit den Namen großer Männer, großer Schöpfer und Gründer und großer Heiliger, die sie bilden half, das ruhmreichste « Goldene Buch »! Und während dieses Gute an der Sorbonne und an andern großen und berühmten Fakultäten mit aufsehenerregendem Glanze wuchs, wuchs es still und auf andere Weise auch in den bescheidensten öffentlichen Schulen durch den hingebenden Eifer der « magisters » de village (« Dorfschulmeister »).

1717 Wer könnte sich verwundern, dass die Gegner der Kirche in Verkennung des wahren Wohles Frankreichs eine Spaltung hervorzurufen suchten, die sich nach ihren Absichten allmählich verbreitern und vertiefen sollte? Durch das Fehlen von genauen und festen Lehrgrundsätzen war die intellektuelle Welt, besonders seit dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts, schlecht in der Lage, das gefährliche Einsickern zu entdecken und sich gegen sein unmerkliches Voranschreiten zu erheben. Selbst ohne gewollte Feindseligkeit, ohne eigentliche Absicht, ohne dass man sich davor geschützt hätte, mussten der schwankende Geist selbst der berühmtesten Lehrer sowie die Unschlüssigkeit und die Verschwommenheit des Denkens sich unausweichlich in ihren Auswirkungen auch im Unterricht und in der höheren, mittleren und niederen Erziehung bemerkbar machen, Auswirkungen, die bei jeder Generation immer mehr in die Breite und Tiefe wuchsen.

1718 Mit der Absicht, sie auszubeuten, beobachtete und dirigierte die bewusste Gottlosigkeit ihrerseits die Entwicklung oder genauer die Verbiegung der großen doppelsinnigen Worte von « Neutralität » und « Laizität ». In der Verblendung durch ihre Erfolge war sie nicht mehr imstande, den unter der Asche glimmenden und zwangsweise fast zum Ersticken gebrachten Funken christlichen Lebens, christlicher Innigkeit und christlichen Eifers zu sehen, der weiterhin in den Herzen der hervorragendsten Gelehrten und Geistesmänner und in den Herzen der heldenmütigen Lehrer der Kinder aus dem Volke brannte und glühte.

Die machtvolle intellektuelle und religiöse Erneuerung der katholischen Lehrerschaft Frankreichs

1719 Eben damals begannen im Schoß des öffentlichen Unterrichts aller Grade Lehrer und zukünftige Lehrer, die damals noch Schüler der Volksschulen waren, in ergreifender Geschlossenheit sich im hellen Licht zu zeigen. Sie trugen ihren Glauben öffentlich zur Schau und verschafften ihm Achtung. Immer weniger wagte man seine Gegnerschaft zu Wissenschaft und Religion kundzutun, und die sich darauf einließen - man findet auch heute noch solche -, setzten sich der Gefahr aus, rückständige Figuren zu werden.

1720 Außerhalb Eurer Reihen zögerte der Großteil der echten Wissenschaftler und gewissenhaften Erzieher, die Eure Überzeugungen und Euren Eifer nicht teilten, keineswegs, Euch ihre Achtung zu bezeugen, und es gibt darunter solche, die Uns bei Gelegenheit Zeichen ihrer aufrichtigen Hochachtung erweisen. Wir konnten im Lauf des Heiligen Jahres genug Beispiele dieser Art erleben. Wie sollten Wir Uns darüber nicht freuen, wo Wir wissen, dass diese Wendung, die so bescheiden begann und so umfassend wurde, zum großen Teil Euer und Eurer Vorgänger Verdienst ist? Soll man noch die schlichte, aber tiefgehende und allmählich wachsende Wirksamkeit des « Bulletin national des instituteurs et des institutrices catholiques de l'enseignement public », des kleinen « Bulletin vert », wie man damals sagte, in Erinnerung rufen und den Einfluss der ersten Gruppen, die sich unter verschiedenen Namen und Schattierungen herausbildeten und die sich vermehrten und ausrichteten auf eine strenge und starke Einheit für ein gemeinsames, beständiges und wohlorganisiertes Vorgehen?

1721 Was auf Uns bei Eurem Anblick einen besonders lebhaften Eindruck macht, ist die Vielgestalt Eurer Kundgebung: eine Vielgestalt durch die umfassende Mannigfaltigkeit Eurer Versammlung von Lehrern und zukünftigen Lehrern aller Zweige und aller Grade, eine Vielgestalt wegen des Zieles, das Ihr im Auge habt, denn Ihr macht Eure Vereinigung nicht einzig und allein zu einem stolzen und öffentlichen Zeugnis Eurer Zugehörigkeit zur Kirche und Eurer Treue zu ihrer Lehre und Lebensordnung und zu Eurer kindlichen Ergebenheit gegen den Statthalter Jesu Christi: Ihr macht daraus vor allem ein brüderliches Zusammentreffen, das bestimmt ist, gemeinschaftlich das innerliche Leben des Glaubens, des Gebetes, des apostolischen Eifers und der liturgischen und kontemplativen Frömmigkeit, der Seele Eurer Berufstätigkeit, zu fördern, zu entwickeln und zu vervollkommnen, wobei Ihr Eure « Journées universitaires » (« Universitätstage ») weder als Kongress noch als bloße Wallfahrt auffasst, sondern nach einer glücklichen und ausdrucksvollen Formulierung als eine Art von großen Exerzitien.

1722 Mit vollstem Recht habt Ihr vor allem andern Euren geistlichen Fortschritt und Eure geistliche Vervollkommnung im Auge. Es ist ja Euer persönlicher - menschlicher und christlicher - Wert, der nicht nur die Grundlage, sondern auch die Kraftquelle jeden erfolgreichen Wirkens sein muss, und zwar ebenso sehr für die Heiligung von Euch selbst, wie auch für Euer Apostolat. Denn schließlich geht Eure missionarische Kraft sichtbar von dem Beispiel aus, das Ihr mit Eurem Glauben und mit Eurer hervorragend christlichen Lebensführung gebt; unsichtbar strahlt sie aus von dem Reichtum Eures übernatürlichen Innenlebens, der sich allen Seelen mitteilt, in erster Linie denen, die Euch am nächsten stehen, die Euch zu einem guten Teil anvertraut sind.

Die großen Schwierigkeiten für apostolisches Wirken bei den augenblicklichen Schulverhältnissen Frankreichs

1723 Ihr habt auch durchaus recht, wenn Ihr Euch darum bemüht, durch Eure Unterrichtstätigkeit einen direkteren Einfluss auszuüben, und gerade darin zeigt sich die heikle Seite Eures Apostolats.

1724 Sie war bei Beginn Eurer Bewegung von unbezweifelbarer Wichtigkeit. Die immer noch sehr begrenzte Wandlung des Denkens im letzten halben Jahrhundert hat es in seiner Bedeutung nicht verringert, trotz des unermüdlichen Eifers und des Nachdrucks, mit dem die Kirche die christlichen Eltern über die vordringliche Pflicht belehrt, ihren Kindern eine Erziehung zu geben, in der das religiöse Element, sowohl das rein glaubensmäßige wie das sittlich-praktische, nicht von dem Unterricht in den rein profanen Fächern getrennt ist, sondern ihn aufs innigste durchdringt. Wohl ermutigte sie die aktiven Mitglieder, die in selbstloser Weise große Mühen und Opfer auf sich nehmen, um die ausgesprochen katholische Schule zu fördern, doch ist es eine Tatsache, dass eine gewaltige Anzahl von Kindern infolge oft unvermeidlicher Umstände von diesen Schulen nicht erfasst werden, etwa wenn keine Schule, wie man sie wünscht, in erreichbarer Nähe ist, oder aus Gleichgültigkeit und Nachlässigkeit der Familien, oder wegen weltlicher Interessen. Sollen diese jungen Seelen nun auf die christliche Bildung, die sie mit strengem Recht beanspruchen dürfen, völlig verzichten müssen?

1725 Auf den ersten Blick möchte es scheinen, dass viele Hindernisse Euren guten Willen lähmen: das Verbot, das sogenannte konfessionelle Gebiet zu betreten, das missbräuchlich gar oft auf den ganzen religiösen Bereich ausgedehnt wird; die unendliche Mannigfaltigkeit der Schüler, Zöglinge und Studenten, die aus den verschiedensten Lebensverhältnissen herkommen und schon durch ein Grundgepräge gekennzeichnet sind, an dem man die Formen einer seltsam zusammenhanglosen Erziehung oder das Fehlen jeglicher Erziehung feststellt; die Zurückhaltung, die jungen Menschen gegenüber notwendig ist, von denen die einen den seltsamsten religiösen Richtungen angehören und die anderen leider überhaupt keine Religion haben.

1726 Trotz alle dem glaubt Ihr, ohne gesetzlich verbotene oder auch nur unberechtigte Eingriffe einer großen Zahl dieser jungen Seelen Gutes tun zu können und zu müssen. Könntet Ihr das ohne diesen stillen Einfluss der überströmenden Gnade, von der Wir gesprochen haben, und ohne das Gebet?

1727 Der heilige Apostel Paulus öffnet in seinem Brief an die Römer vor Euren Augen einen sehr weiten Ausblick, wenn er schreibt: « Das unsichtbare Wesen Gottes, seine ewige Macht und Göttlichkeit lassen sich seit der Erschaffung der Welt durch seine Werke mit dem Auge des Geistes wahrnehmen» (Röm. 1, 20). Braucht man unter diesen « Werken » einzig die materiellen oder die unmittelbar sinnlich wahrnehmbaren Schöpfungswerke zu verstehen? Oder darf man mit Sicherheit nicht auch die großen allgemeinen Gesetze dazurechnen, die den Weltenlauf regieren und die sich selbst beim Fehlen von Offenbarung und Glaube der ehrlichen und aufmerksamen Vernunft enthüllen?

1728 Alle Zweige des menschlichen Wissens offenbaren nun dem Verstand die Werke Gottes, seine ewigen Gesetze und ihre Anwendung auf den physischen, sittlichen und sozialen Gang der Welt. Noch unmöglicher ist es, irgend jemandem die Geschichte der Ereignisse und Einrichtungen umfassend und unparteilich darzulegen, ohne dass darin, auch ohne dogmatische oder apologetische Darstellung oder Färbung, das Licht Christi und seiner Kirche mit übermenschlicher Leuchtkraft aufglänzt.

Schluss: väterliche Ermunterung

1729 Mut, Vertrauen, Ausdauer, geliebte Söhne und Töchter! Eure Aufgabe ist zu schön, zu sichtlich von Gott gesegnet, als dass man daran zweifeln könnte, dass sie durch die Prüfungen und Schwierigkeiten hindurch, die Euch niemals fehlen werden, und auch durch die Erfolge hindurch, die Ihr immer wieder erfahrt, wenn nicht zu vollkommenem Siege, so doch wenigstens zu glänzenden Ergebnissen führen wird. Der Segen der davon für Euer Vaterland selber ausgeht, wird gewiss die Augen vieler öffnen, wird Eurem Werk das Wohlwollen von mehr als einem erwerben, die es in gutem Glauben noch mit einem gewissen Gedanken des Misstrauens und der Zurückhaltung betrachten.

1730 Das ist das Ziel Unserer teuersten Wünsche, Unseres innigsten Gebetes, und zur Beschleunigung seiner Verwirklichung flehen Wir die Gunst dessen auf es herab, der « Lehrer » schlechthin genannt wird, in dessen Namen Wir aus der Fülle Unseres väterlichen Herzens Euch, Euren Kollegen, Euren Schülern, Euren Familien und allen, die Euch teuer sind, Unseren Apostolischen Segen erteilen.

5. August 1951

Radioansprache
O maximo interesse

an die Teilnehmer des vierten Interamerikanischen Kongresses für katholische Erziehung in Rio de Janeiro
Leitsätze zur katholischen Jugenderziehung
(Offizieller portugiesischer Text: AAS XLIII [1951] 594·598)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 813-819; Nrn. 1616-1635)

Einleitung

1616 Mit größtem Interesse verfolgen Wir seit Beginn der Vorbereitungen Euren Kongress in dieser wunderbaren Hauptstadt. Und nun drängt es Uns noch einmal, zum glücklichen Ende der Arbeiten Unser Wort an Euch zu richten, um den Kongress zu krönen und zu segnen im Namen dessen, der allein unser Lehrer ist - « Unus est Magister vester » -, denn Ihr seid ja und wollt es immer mehr sein die treuen Verwirklicher und Apostel seiner Erziehungskunst.

1617 Als Ihr vor Tagen, von allen Breitegraden des amerikanischen Kontinents aufbrechend, in diese herrliche Hauptstadt Brasiliens kamt, schien es, als sähen Wir den göttlichen Erlöser, wie er von der Höhe des granitenen Felsens, von wo aus er die Stadt beherrscht, weit seine Arme ausbreite, Euch zum Empfang und zum Gruße mit den Worten, welche die Welt umgewandelt haben: « Lasset die Kleinen zu mir kommen, denn dieser ist das Himmelreich». Er war gegenwärtig in Euren Sitzungen, er wohnte Euren Arbeiten bei, und ganz sicher hat er Euch in Euren Entschlüssen erleuchtet. In ihm und durch ihn möge Unser Wort an Euch vor allem Glück- und Segenswunsch, aber auch Mahnung und Ermunterung sein.

1618 Glück- und Segenswunsch, in Anbetracht des überaus augenfälligen Wachstums und der erfolgreichen Bedeutung, die Euer Verband gewinnt, wie es zur Genüge der gegenwärtige Kongress beweist, sowohl durch die Teilnehmerzahl als auch durch die auserlesene Schar der Mitarbeiter.

Glück- und Segenswünsche, wenn Wir die große Arbeit ins Auge fassen, die bereits geleistet wurde zu Gunsten des erhabenen Werkes der Erziehungswissenschaft, die letzten Endes die überaus heilige Sache des Gottesreiches ist. Die beim Kongress von La Paz vor drei Jahren angenommenen Entschlüsse beginnen trostreiche Wirklichkeit zu werden. Und die inzwischen erreichten Ergebnisse versprechen nicht nur mit Sicherheit noch größere Erfolge, sondern sind eine machtvolle Mahnung zu fortgesetztem Streben nach immer höheren Zielen.

1619 Und kann es ein erhabeneres Ziel geben als die endgültige und allgemeine Verwirklichung des vom Kongress behandelten Themas? Erlaubt, dass Wir darauf zu sprechen kommen, nicht, um es nochmals zu entwickeln, nachdem es von so vielen und so zuständigen Fachleuten gründlich untersucht wurde, sondern um seine Erhabenheit und Zeitnähe hervorzuheben, die zwar wichtig ist zu allen Zeiten, jedoch ganz besonders wichtig für unsere Tage.

1. Die Erhabenheit des christlichen Erziehungsideals

1620 Gibt es im Leben der Menschheit etwas Bedeutsameres als die Erziehung? Das Kind, der heranwachsende Mensch (so wurde schon behauptet und mit Recht), ist « eine Hoffnung»: eine verheißungsvolle Hoffnung der Familie, des Vaterlandes und für die ganze menschliche Gesellschaft; nicht weniger aber ist er eine kostbare Hoffnung für die Kirche, den Himmel, ja Gott selbst, nach dessen Bild und Ähnlichkeit er geschaffen wurde und dessen Sohn er ist oder sein soll. Damit diese Hoffnung aber nicht vereitelt werde, sondern sich in ihrem ganzen Umfange verwirkliche, ist es notwendig, die Jugend gut zu erziehen. Die körperliche Erziehung soll die Kräfte des Leibes entwickeln; Zweck der intellektuellen Erziehung ist die Ausbildung und Bereicherung der Fähigkeiten des Geistes. Vor allem aber geht es um die sittliche und religiöse Erziehung, die den Verstand erleuchtet und leitet, den Willen bildet und stärkt, die Sitten ordnet und heiligt, und nur sie bringt im Bilde Gottes die Ähnlichkeit mit dem göttlichen Vorbilde hervor, die es würdig macht, einst in den ewigen Wohnungen zu verweilen.

1621 Die Erziehung ohne Moral und ohne Religion entbehrt ihres größten und besten Teils, vernachlässigt die edelsten Fähigkeiten des Menschen, sieht ab von den wirksamsten und lebenskräftigsten Anlagen und endet in Misserziehung, weil sie Unsicherheit und Irrtum mit der Wahrheit, Laster mit Tugend und Schlechtes mit Gutem vermischt. Heute sehen und fühlen das die Besten unter den Erziehern und bemühen sich, vergangene Mängel zu beheben, indem sie die Methoden verbessern und sich die größte Mühe um eine neue Erziehung geben. Aber die wahre Moral und die wahre Religion sind nur eine, wie auch die Wahrheit nur eine ist: grundlegend und wesentlich: Gott; geoffenbart: Jesus Christus; bewahrt und gelehrt ohne Irrtum und Lücke: die katholische Kirche.

Ein nichtkatholischer Denker hat gesagt: « Der Katholizismus ist die größte und heiligste Schule der Ehrfurcht, die die Welt jemals gesehen hat » (Guizot; bei Dupanloup, L'Education, I 112).

1622 Der Verband für katholische Erziehung war also gut beraten, als er dem Studium der Kongressteilnehmer ein so weit über Alltagsfragen hinausreichendes Thema vorlegte, um Eure Überzeugungen zu festigen und sie allen einzuschärfen und weiterzugeben, die sich für Eure Bewegung interessieren, angefangen von den Kindergärtnerinnen bis zu den Universitätsdozenten, um sie über den ganzen Kontinent zu verbreiten und damit die vielen edlen Bemühungen zu entfachen, zu lenken, zu korrigieren und zu vervollkommnen, die sich heute auf dem weiten Gebiet der Pädagogik hervortun.

2. Die besondere Dringlichkeit des Erziehungswerkes heute Versagen der Familienerziehung

1623 Wenn das behandelte Thema zu allen Zeiten wichtig war, so ist es in der unsrigen von brennender Lebensnähe und zwingender Notwendigkeit, vor allem, weil es eine beklagenswerte und sich immer noch vertiefende Lücke auszufüllen hat.

1624 Die Erziehung des Menschen beginnt in der Wiege, und die erste und unersätzliche Schule ist der häusliche Herd. « So früh man auch anfängt, es ist nie zu früh, um den Charakter und die Sitten des Kindes zu bilden», sagte schon die heidnische Weisheit (Ps.-Plutarch, über die Erziehung der Kinder, n. 5). Wie in den Wissenschaften, so hängt im Leben alles von den ersten Anfängen ab.

1625 Wenn es heute auch noch christliche Familien gibt, die musterhaft sind und in denen man die große Verantwortung einer guten Kindererziehung fühlt, die auf Grund des Naturgesetzes den Eltern zukommt, so ist doch « der beklagenswerte Verfall der Familienerziehung » Wahrheit, traurige Wahrheit. Unser unsterblicher Vorgänger hat sie in der Enzyklika Divini illius Magistri in sehr ernsten Worten beklagt: « Für die Anstellungen und Berufe des zeitlichen und irdischen Lebens werden lange Studien und sorgfältige Ausbildung verlangt; aber auf die grundlegende Aufgabe und Pflicht der Erziehung der Kinder bereiten sich heute viele Eltern nur wenig oder gar nicht vor, denn sie sind viel zu sehr in die Sorge für das Zeitliche verstrickt» (AAS XXII (1930) 74).

Erziehungsfeindliches Milieu

1626 Es ist heute die erste und wichtigste Aufgabe, die dem christlichen Erzieher obliegt, das Versagen der Familienerziehung auszugleichen. Doch die weiteren Aufgaben sind gegenwärtig nicht minder ernst, ja noch viel ernster.

1627 Das nicht erzogene oder verzogene Kind wird der öffentlichen Schule übergeben, wo der staatliche neutrale Unterricht den Geist nicht bildet und nur zu oft verbildet, wo das Milieu erschreckend oft wenig heilsam ist; ganz zu schweigen von den anderen Gelegenheiten für die unbesonnene Jugend, moralischen und religiösen Schiffbruch zu erleiden, besonders durch religionslose oder sittenlose Bücher, durch Filmvorstellungen, durch Radiosendungen, wie Unser Vorgänger in der angeführten Enzyklika sagt (S. 81).

1628 Im Kampf gegen alle diese Schwierigkeiten hat die Erziehung Eurer Jugend das Bild des Schöpfers nach dem Urbild des Erstgeborenen der ganzen Schöpfung bleibend einzuprägen und ihr so starke Widerstandskraft zu geben, dass sie nicht im Wirbel des heutigen bürgerlichen und sozialen Lebens entartet, sondern sich vielmehr vervollkommnet, und das in einer Atmosphäre, die in allen Richtungen von geschickt angelegter Propaganda und gegnerischen Interessen durchkreuzt wird, die das Rechte und Ehrbare nicht vom Unehrbaren und Unrechten unterscheiden. Daher hört man so oft die unsinnigsten Irrtümer, die im Grundsatz des Lebensgenusses ihren Ursprung haben; daher reisst das immer eiligere Lebenstempo den Menschen fort und fesselt ihn an die materiellen Interessen des flüchtigen Augenblicks, ohne ihm Zeit zu lassen, zum Himmel aufzuschauen, sich über die Richtung seines Lebens Rechenschaft zu geben, an die ewigen Belange zu denken.

1629 Wenn der junge Mensch nach Beendigung der Erziehung nicht seinen festen Standpunkt hat, wenn das Bild Gottes noch nicht über eine weiche, nachgiebige Formung hinaus gediehen ist, erscheint es unmöglich, dass es unter entgegen gesetztem Druck und inmitten so vieler Zusammenstöße nicht binnen kurzem völlig entstellt wird.

1630 Noch schlimmer ist es, wenn der junge Mensch die Kräfte der Entartung in den ungezügelten Trieben, den unbezwungenen und ungeregelten Leidenschaften in sich selber trägt.

Dann würden gar bald Ordnungswidrigkeit und Laster wuchern, « wie die Statuen aus Myrten, die man in fürstlichen Gärten sieht » - dieses Gleichnis gebrauchte der Fürst Eurer Redner - : « sobald der Gärtner die Hand wegnimmt und sie sich selbst überlässt, verlieren sie in vier Tagen ihre Form und werden wieder formloses Buschwerk, wie sie früher waren ».

3. Die zeitgemäße Verwirklichung der katholischen Erziehungsgrundsätze

1631 Eure Erziehertätigkeit muss dem Bild Gottes die bronzene oder die granitene Härte Eurer Berge verleihen, dann werden die ständigen Widerwärtigkeiten, die unvermeidlichen Stöße des modernen Lebens es nicht entstellen, ihm vielmehr Glätte verleihen und es vervollkommnen, und es wird « ein immer vollkommenerer Mensch erscheinen und vielleicht ein Heiliger, der auf den Altar gestellt werden kann » (Vgl. Antonio Vieira, Sermoes Bd. m, 1683, S. 404. 420).

1632 Eine überaus mühevolle und schwere Aufgabe, die nur glücklich durchgeführt werden kann durch eine christlichkatholische Ausbildung, die es versteht, die Fortschritte der Erziehungswissenschaft auszunützen, mit kritischem Blicke jedoch, um echtes Gold von falschem zu unterscheiden; die direkt auf die besten Kräfte des Menschen einwirkt, indirekt aber auch die Ausbildung und selbst die Hygiene beeinflusst, sie mit neuem Geiste beseelt, sie erhöht und vor unheilvollen Abwegen und schädlichen Irrtümern bewahrt; welche die natürlichen Hilfsmittel mit den übernatürlichen verbindet; die den geordneten Kräften des Verstandes und des Willens das Licht des Glaubens und die Kräfte der Gnade hinzufügt, denn nur in Verbindung mit diesen wird möglich, was menschlich gesprochen unmöglich scheint (Vgl. Luk. 18, 27).

1633 Als Brasilien noch im Anfang seiner nationalen Entwicklung stand, waren es im Wesentlichen dieselben Kräfte, welche dieses Land formten (Wir nennen nur diese große Nation, die Gastgeberin dieses großen Kongresses). Da waren Seite an Seite Kirche und Schule der Mittelpunkt, um den sich die Städte bildeten. Sie waren es, die dem Antlitz Brasiliens jene charakteristischen Züge verliehen, die das Land unter den andern Nationen auszeichnen, wie es die größten Namen unter den Kundigen ihrer Geschichte und Erziehungswissenschaft bezeugen. Sie waren es auch, die Kirche und Vaterland die verdienstvollsten Bürger schenkten, angefangen von den ersten « Graduierten », die im Jahre 1575 mit den akademischen Graden ausgezeichnet wurden, « die bis dahin seit allen Jahrhunderten noch niemand in Brasilien erreicht hatte », wie uns in naiver Überhebung der Chronist aus alten Zeiten überliefert (Seraphim Leite, Paginas da História do Brasil-Brasiliana vol. XCIII S. 25).

1634 Die auf solche Weise zeitgemäß gestaltete und vervollkommnete Erziehungskunst wird Eure Nationen wohlhabender machen und bewirken, dass sich die Hoffnungen erfüllen, die dort bereits wie in einem herrlichen Frühling erblühen. Sie wird Euch vor den vielen Gefahren beschützen, die den Glauben, die Sitten und selbst die soziale Ordnung bedrohen, sodass Ihr sicher auf den Pfaden des wahren Fortschrittes wandelt, den erhabenen Zielen entgegen, die Euch die Vorsehung bestimmt hat.

Schluss

1635 Dies ist die so überaus hohe und lebensnahe Bedeutung des Themas, das auf diesem vierten Interamerikanischen Kongress für katholische Erziehungswissenschaft behandelt wurde. Somit ist nur noch zu wünschen, dass mit dem Segen des Erlösers und göttlichen Erziehers und durch Eure unermüdliche Mitarbeit diese eingehend studierte Lehre schnellstens verwirklicht werde und als wohltätiger Sauerteig des Guten vollständig und segensreich die Jugenderziehung Eures ausgedehnten amerikanischen Kontinents durchdringe.

Beseelt von diesen Wünschen geben Wir Euch und allen Mitgliedern des Interamerikanischen Verbandes der katholischen Jugenderziehung als Zeichen Unseres besonderen Wohlwollens den Apostolischen Segen.

29. Oktober 1951

Ansprache
Vegliare con sollecitudine

an den Verband katholischer Hebammen Italiens während einer Audienz
über die christliche Ehe und Mutterschaft
(Offizieller italienischer Text: AAS 43 [1951] 835-854)

(Quelle : Herder-Korrespondenz, Herder Verlag, Sechster Jahrgang 1951/52; Drittes Heft, Dezember 1951, S. 112-119; auch in : Soziale Summe Pius' XII., Band I.: S. 507-533)

18. September 1951

Ansprache
Un pèlerinage de pêters de familie

an französische Familienväter
Rechte und Pflichten der Familie
(Offizieller französischer Text: AAS 43 [1951] 730-734)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 615-620; Nrn. 1253-1267)

Einführung

1253 Eine Wallfahrt von Familienvätern! Welche Freude für Unser Herz! Schon so oft haben Wir bei der Behandlung der verschiedenen Fragen auf die Heiligkeit der Familie hingewiesen, auf ihre Rechte, auf ihre Aufgabe als Urzelle der menschlichen Gemeinschaft. Gerade deswegen bedeutet ihr Leben, ihre Gesundheit, ihre Kraft, ihre Wirksamkeit ganz selbstverständliche Sicherung des Lebens, der Gesundheit, der Kraft, der Wirksamkeit der ganzen Gemeinschaft. Weil die Familie ihr Dasein und ihre Würde, ihre soziale Funktion von Gott erhält, ist sie auch vor Gott verantwortlich. Ihre Rechte und Privilegien sind unveräußerlich, unantastbar. Sie hat die Pflicht - in erster Linie vor Gott, und erst dann vor der Gesellschaft -, diese Rechte und Privilegien wirksam zu verteidigen, zu fordern und zu fördern, und dies nicht nur zu ihrem eigenen Vorteil, sondern zur Ehre Gottes und zum Wohl der Gesamtheit.

1254 Wie oft hat man Loblieder auf die Mutter gesungen, sie gegrüßt als Herz, als die Sonne der Familie! Ist aber die Mutter ihr Herz, dann ist der Vater ihr Haupt, und darum hängen Gesundheit und Tüchtigkeit der Familie in erster Linie vom Wert, vom Können und von der Wirksamkeit des Vaters ab.

1255 Ihr habt dies verstanden, geliebte Söhne, und die Notwendigkeit für den Vater, seine Aufgabe und seine Pflichten als denkender, als sozialer und christlicher Mensch zu verstehen, hat Euch hier zusammengeführt, und in dieser Absicht seid Ihr gekommen, um vom gemeinsamen Vater, dem Haupt der großen Menschheitsfamilie, Rat und Segen zu erbitten.

1. Erste Pflicht des Familienvaters: Sorge für die körperliche, geistige und sittliche Gesundheit der Familie

1256 Es ist klar, dass Eure erste Pflicht im Heiligtum des häuslichen Herdes die ist - bei Erhaltung und bei jeder menschenmöglichen Vervollkommnung seiner Unangetastetheit, seiner Einheit und der natürlichen Hierarchie, die seine Glieder miteinander verbindet -, für die Bewahrung und die körperliche, geistige, sittliche und religiöse Gesundheit der Familie zu sorgen. Diese Pflicht schließt offenkundig auch die ein, ihre heiligen Rechte zu verteidigen und zu fördern, besonders das Recht, ihre Pflichten Gott gegenüber zu erfüllen und eine christliche Gesellschaft in des Wortes voller Bedeutung zu bilden: ihre Rechte zu verteidigen gegen alle äußeren Vergewaltigungen oder Einflüsse, welche die Reinheit, den Glauben, die geheiligte Festigkeit der Familie bedrohen könnten; eben diese Rechte zu fördern, indem von der bürgerlichen, politischen und kulturellen Gesellschaft zum mindesten die unerlässlichen Mittel zu ihrer freien Ausübung verlangt werden.

2. Die Rechtsansprüche der Familie gegenüber dem Staat

1257 Für den Christen gibt es eine Regel, die ihm erlaubt, mit Sicherheit das Maß der Rechte und der Pflichten der Familie in der Gemeinschaft des Staates festzusetzen. Sie lautet so: die Familie ist nicht für die Gesellschaft da; die Gesellschaft ist vielmehr für die Familie da. Die Familie ist die grundlegende Zelle, das bildende Element der staatlichen Gemeinschaft, denn um die Ausdrücke Unseres Vorgängers Pius' XI. seligen Angedenkens zu gebrauchen: « Der Staat ist, was die Familien und die Menschen, aus denen er so gebildet ist wie der Körper aus seinen Gliedern, aus ihm machen» (Enzyklika Casti cannubi, 31. Dezember 1930. AAS XXII (1930) 554. ). Der Staat sollte also geradezu sozusagen aus Selbsterhaltungstrieb das erfüllen, was wesentlich und nach dem Plan Gottes, des Schöpfers und Erlösers, seine erste Pflicht ist, nämlich bedingungslos die Werte schützen, die der Familie Ordnung, Menschenwürde, Gesundheit und Glück sichern. Diese Werte, welche die Elemente des Gemeinwohles selber sind, dürfen niemals irgend etwas geopfert werden, was als ein Gemeinnutz erscheinen könnte. Weisen Wir beispielshalber nur auf einige hin, die heute in größter Gefahr sind: die Unauflöslichkeit der Ehe; der Schutz des Lebens vor der Geburt; die angemessene Wohnung für die Familie nicht nur mit einem oder zwei Kindern, oder selbst ohne Kinder, sondern für die normale, zahlreichere Familie; die Arbeitsbeschaffung, denn die Arbeitslosigkeit des Vaters ist die bitterste Not für die Familie; das Recht der Eltern über ihre Kinder gegenüber dem Staat; die volle Freiheit der Eltern, ihre Kinder im wahren Glauben zu erziehen, und folglich auch das Recht der katholischen Eltern auf die katholische Schule; die Verhältnisse des öffentlichen Lebens und besonders einer öffentlichen Moral, die so beschaffen sein sollte, dass die Familien und besonders die Jugend nicht mit moralischer Gewissheit durch sie verdorben werden.

1258 In diesem Punkt und in manchen anderen, die das Familienleben im Innersten betreffen, gibt es unter den Familien keinen Unterschied; in anderen, wirtschaftlichen und politischen Fragen dagegen können sie sich in sehr verschiedenen, voneinander abweichenden und gelegentlich auch sich widersprechenden Verhältnissen befinden. Hier muss man sich bemühen - und die Katholiken müssen dabei ein Beispiel geben -, das Gleichgewicht im Hinblick auf den inneren Frieden und eine gesunde Wirtschaft, selbst um den Preis von Opfern von Sonderinteressen, herzustellen.

3. Der Kampf der Familie um ihre Rechte

1259 Doch was die wesentlichen Rechte der Familie betrifft, so werden sich die wahren Gläubigen der Kirche bis zum letzten einsetzen, um sie zu erhalten. Es wird hie und da vorkommen können, dass man sich in dem einen oder anderen Punkt genötigt sieht, vor der Überlegenheit der politischen Kräfte zurückzuweichen. Aber in diesem Fall kapituliert man nicht, sondern man wartet geduldig. Außerdem muss in einem solchen Fall die Lehre unangetastet bleiben und alle wirksamen Mittel müssen eingesetzt werden, um allmählich dem Ziel näher zu kommen, auf das man nicht verzichtet.

1260 Unter diesen wenn auch erst auf lange Sicht wirksamen Mitteln ist eines der mächtigsten der Zusammenschluss der Familienväter, die in den gleichen Überzeugungen und demselben Willen feststehen. Ihre Anwesenheit hier ist ein Beweis dafür, dass dies Ihre Überzeugung ist.

1261 Ein anderes Mittel, das, selbst vor der Erreichung des beabsichtigten Zieles niemals unfruchtbar ist, das in Ermangelung oder in Erwartung des Erfolges, dem man weiterhin nachstrebt, immer schon seine Früchte trägt, ist die Bemühung dieser Verbindung von Familienvätern, an der Aufklärung der öffentlichen Meinung mitzuarbeiten, um diese nach und nach dazu zu bringen, dem Triumph der Wahrheit und Gerechtigkeit zu dienen. Keine Mühe, auf sie einzuwirken, darf verachtet oder vernachlässigt werden.

4. Stellungnahme zu abwegiger katholischer Literatur über sexuelle Fragen

1262 Es gibt ein Gebiet, auf dem diese Erziehung der öffentlichen Meinung und ihre Berichtigung mit tragischer Dringlichkeit notwendig ist. Sie ist auf diesem Gebiet durch eine Propaganda irregeführt worden, die man nur verhängnisvoll nennen kann, obwohl sie dieses Mal aus katholischer Quelle stammt und auf Katholiken wirken will und obwohl die, die sie ausüben, nicht zu ahnen scheinen, dass sie, ohne es zu wissen, vom Geist des Bösen getäuscht worden sind.

Wir wollen hier von den Schriften, Büchern und Artikeln sprechen, welche die sexuelle Aufklärung betreffen und die heute häufig einen riesigen Buchhändlererfolg haben und die ganze Welt überschwemmen, wobei sie die Jugend erfassen, die heranwachsende Generation mit sich fortreißen und die Verlobten und jungen Eheleute verwirren.

1263 Mit dem ganzen Ernst, der ganzen Aufmerksamkeit und Würde, die der Gegenstand verlangt, hat die Kirche die Frage einer Erziehung auf diesem Gebiet behandelt, wie sie sowohl die normale physische und psychische Entwicklung der Jugend wie auch die Einzelfälle in den verschiedensten Verhältnissen nahe legen und erheischen. Die Kirche kann sich das Zeugnis ausstellen, dass sie in der tiefsten Ehrfurcht vor der Heiligkeit der Ehe in Theorie und Praxis den Eheleuten Freiheit lässt in allem, was der Drang einer gesunden und ehrenhaften Natur ohne Beleidigung des Schöpfers verlangt.

1264 Man ist entsetzt angesichts der unerträglichen Schamlosigkeit einer solchen Literatur; während doch sogar das Heidentum vor dem Geheimnis der ehelichen Intimität sich offenbar ehrfürchtig zurückgehalten hat, müssen wir nun erleben, dass das Geheimnis vergewaltigt und dem großen Publikum, ja selbst der Jugend sinnlich und gelebt zur Schau gestellt wird.

Hier muss man sich in der Tat fragen, ob die Grenze zwischen dieser sogenannten katholischen Aufklärung und der erotischen und obszönen Presse und Illustration noch gewahrt ist, die mit voller Absicht auf die Verderbnis hinarbeitet oder aus niedriger Gewinnsucht die untersten Instinkte der gefallenen Natur schmählich ausnützt.

1265 Das ist noch nicht alles. Diese Propaganda bedroht das katholische Volk noch mit einer doppelten Geißel, um keinen stärkeren Ausdruck zu gebrauchen. In erster Linie übertreibt sie die Wichtigkeit und Bedeutung des sexuellen Elementes im Leben über jedes Maß. Geben wir zu, dass diese Autoren vom rein theoretischen Gesichtspunkt aus noch die Grenzen der katholischen Moral einhalten; es ist darum nicht weniger wahr, dass ihre Art, das sexuelle Leben darzustellen, so beschaffen ist, dass es im Geist des Durchschnittslesers und in seinem praktischen Urteil den Sinn und den Wert eines Selbstzwecks annimmt. Sie führt dazu, dass der wahre erste Zweck der Ehe, die Erzeugung und Erziehung des Kindes, und die schwere Pflicht der Eheleute gegenüber diesem Zweck, den alle diese Schriften, von denen wir sprechen, nur zu sehr im Dunkeln lassen, nicht mehr gesehen wird.

1266 In zweiter Linie scheint diese Literatur, wenn Wir sie so nennen wollen, die allgemeine Erfahrung von gestern, heute und immer - weil auf der Natur begründet - nicht in Rechnung zu stellen, die Erfahrung nämlich, dass in der sexuellen Erziehung weder Aufklärung noch Unterricht an sich einen Vorteil darstellen, sondern diese im Gegenteil höchst ungesund und unratsam ist, wenn sie nicht fest verbunden wird mit einer unablässigen. Zucht, einer kraftvollen Selbstbeherrschung, besonders aber mit dem Gebrauch der übernatürlichen Kräfte des Gebets und der Sakramente. Alle katholischen Erzieher die Ihres Namens würdig sind, kennen gut die hervorragende Rolle der übernatürlichen Kräfte in der Heiligung des Menschen, des jungen wie des erwachsenen, des unverheirateten wie des verheirateten. Davon flüstert man in diesen Schriften kaum ein Wort, wenn es nicht ganz und gar mit Stillschweigen übergangen wird. Selbst die Grundsätze, die Unser Vorgänger, Pius XI., in seiner Enzyklika Divini illius magistri hinsichtlich der sexuellen Erziehung und der damit verbundenen Fragen so weise ans Licht gestellt hat, werden - trauriges Zeichen der Zeit - mit leichter Hand oder mit einem Lächeln beiseite geschoben : Pius XI., sagt man, schrieb das vor zwanzig Jahren für seine Zeit. Seitdem hat man Fortschritte gemacht!

Schluss

1267 Ihr Familienväter, die Ihr hier zugegen seid: es gibt auf der ganzen Welt, in allen Ländern viele andere Christen, Familienväter wie Ihr, die Eure Gefühle teilen; schließt Euch mit ihnen zusammen - selbstverständlich unter der Leitung Eurer Bischöfe; ruft alle katholischen Frauen und Mütter auf, Euch ihren mächtigen Beistand zu leihen, um gemeinsam ohne Scheu und ohne Menschenfurcht zu kämpfen, um diese Angriffe zu brechen und aufzuhalten, auf welchen Namen und auf welches Patronat sie sich auch berufen. Nicht ohne Grund habt Ihr Eure Wallfahrt unter den besonderen Schutz des großen eucharistischen Papstes, des seligen Pius X., gestellt. Habt Vertrauen auf die Hilfe der Unbefleckten Jungfrau, der ganz reinen Mutter, der ganz makellosen Mutter, der « Hilfe der Christen »; Vertrauen auf die Gnade Christi, die Quelle aller Reinheit, der niemals verlässt, wer für das Kommen und Erstarken seines Reiches arbeitet und kämpft. In der lebendigen Hoffnung, dass Eure Mühen und Gebete den Sieg dieses Reiches beschleunigen werden, geben Wir Euch, all Euren Familien, allen christlichen Vätern, die mit Euch im Geist, im Gebet und im Handeln vereinigt sind, Unseren Apostolischen Segen.

26. November 1951

Ansprache

an den Kongress "Front der Familie"
über Fragen der Familienmoral und der Nachkommenschaft

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 534-541; Grundfragen der ärztlichen Ethik, Nr. 5)

Die Bedeutung der Familie

1. In der Ordnung der Natur, unter den sozialen Schöpfungen gibt es keine, die der Kirche mehr am Herzen läge, als die Familie. Die Wurzel der Familie, die Ehe, hat Christus zur Würde eines Sakramentes erhoben. Die Familie hat in allem, was ihre unverletzlichen Rechte, ihre Freiheit und die Ausübung ihrer hohen Aufgabe angeht, in der Kirche immer Verteidigung, Schutz und Hilfe gefunden.

2. Es erfüllt Uns daher, geliebte Söhne und Töchter, mit besonderer Freude, den Nationalkongress der "Front der Familie" und der kinderreichen Familien hier bei Uns zu begrüßen und euch Unsre Befriedigung auszusprechen über eure Anstrengungen auf die Ziele hin, die zu erreichen ihr euch zur Aufgabe gestellt habt. Unsere väterlichen Wünsche begleiten ihre glückliche Durchführung.

Ziele der Familienbewegung

3. Eine Familienbewegung, die wie die eure sich dafür einsetzt, die Idee der christlichen Familie im Volk voll und ganz zu verwirklichen, wird sich immer unter dem Antrieb der sie beseelenden inneren Kraft wie auch der Bedürfnisse des Volkes, in dessen Mitte sie lebt und wächst, in den Dienst jenes bekannten dreifachen Zieles stellen, das den Gegenstand eurer Bestrebungen bildet: des Zieles, Einfluss auszuüben auf die Gesetzgebung in dem weiten Bereich, der mittelbar oder unmittelbar die Familie berührt; des Zieles der Solidarität der christlichen Familien untereinander; des Zieles einer christlichen Familienkultur. Dieses dritte Ziel ist das eigentliche; die beiden anderen sollen zusammenwirken, es zu unterstützen und zu fördern.

Bedrohung der Familie

4. Wir haben oft und bei den verschiedensten Gelegenheiten zugunsten der christlichen Familie gesprochen. In den meisten Fällen taten Wir es, um ihr zu helfen oder andere zu ihrer Hilfe aufzurufen; um sie aus schwerster Not zu erretten; insbesondere um sie in den Nöten des Krieges zu unterstützen. Die durch den ersten Weltkrieg verursachten Schäden waren noch lange nicht geheilt, als der zweite noch furchtbarere Weltkrieg hereinbrach, um sie ins Unermeßliche zu steigern. Viel Zeit und viel menschliches Mühen und noch größeren göttlichen Beistand wird es brauchen, bis die tiefen Wunden, die diese bei den Kriege der Familie geschlagen haben, wirklich vernarbt sind. Ein anderes Übel, das teilweise ebenso in den Kriegszerstörungen, darüber hinaus aber auch in Übervölkerung oder in verkehrten oder selbstsüchtigen Tendenzen seinen Grund hat, ist die Wohnungsnot. Alle diejenigen, Gesetzgeber, Staatsmänner, Mitglieder sozialer Werke, die sich mühen, hier Abhilfe zu schaffen, erfüllen, sei es auch nur in indirekter Weise, ein Apostolat von größter Bedeutung.

5. Dasselbe gilt für den Kampf gegen die Geißel der Arbeitslosigkeit, für die Sicherstellung eines hinreichenden Familieneinkommens, damit die Mutter nicht gezwungen ist, wie es leider häufig der Fall ist, außerhalb des Hauses Arbeit zu suchen, sondern sich mehr dem Mann und den Kindern widmen kann.

6. Die Arbeit zugunsten der religiösen Schule und Erziehung bedeutet ebenfalls einen wertvollen Beitrag zum Wohle der Familie, ebenso die Pflege einer gesunden Natürlichkeit und anspruchslosen Lebensart in der Familie, die Stärkung ihrer religiösen Überzeugungen, die Schaffung einer Atmosphäre christlicher Reinheit in ihr, die geeignet ist, sie von den schädlichen äußeren Einflüssen wie von all jenen krankhaften Erregungen freizuhalten, die in der Seele des Jugendlichen ungeordnete Leidenschaften wecken.

7. Aber es gibt noch eine tiefergreifende Not, vor der man die Familie bewahren muss, nämlich die entwürdigende Versklavung, zu der sie eine Denkart herabwürdigt, die sie zu einem bloßen Organismus im Dienste der sozialen Gemeinschaft macht, um für diese eine hinreichende Masse von "Menschenmaterial" zu schaffen.

Die Erschütterung der Ehemoral

8. Noch ein anderes Übel bedroht die Familie, freilich nicht erst seit gestern, sondern schon seit langer Zeit. Dieses Übel wächst jedoch zur Zeit zusehends und kann der Familie zum Verhängnis werden, weil es ihre Wurzel angreift: Wir meinen die Erschütterung der Ehemoral in ihrer ganzen Ausdehnung.

9. Wir haben im Lauf der letzten Jahre jede Gelegenheit wahrgenommen, um den einen oder anderen wesentlichen Punkt der Ehemoral aufzuzeigen, und erst kürzlich legten Wir sie in ihrem großen Zusammenhang dar. Wir haben nicht nur die Irrtümer zurückgewiesen, die sie untergraben, sondern hellten auch positiv den Sinn der Ehemoral auf, ihre Aufgabe, ihre Bedeutung, ihren Wort für das Glück der Ehegatten, der Kinder und der ganzen Familie, für den Bestand und die Forderung des sozialen Wohles vom häuslichen Herd bis zu Staat und Kirche.

Schutz des werdenden Lebens

10. Im Mittelpunkt dieser Lehre wurde die Ehe als eine Einrichtung im Dienste des Lebens hervorgehoben. In enger Anlehnung an diese Grundlage haben Wir im Sinne der steten Lehre der Kirche einen Satz herausgestellt, der eine der wesentlichen Grundlagen nicht nur der Ehemoral, sondern überhaupt der Sozialethik im allgemeinen ist, dass nämlich der direkte Angriff auf schuldloses menschliches Leben als Mittel zum Zweck - im vorliegenden Fall zum Zweck der Erhaltung eines anderen Lebens - unerlaubt ist.

Das schuldlose menschliche Leben, ganz gleich in welchem Zustand es sich befindet, ist vom ersten Augenblick seiner Existenz an jedem direkten absichtlichen Angriff entzogen.

11. Dies ist ein Fundamentalrecht der menschlichen Persönlichkeit und nach christlicher Lebensauffassung von allgemeiner Gültigkeit, ebenso gültig für das Leben, das noch verborgen im Mutterschoß ruht, wie für das schon zur Welt gekommene Leben; ebenso gültig gegen die direkte Abtreibung wie gegen die direkte Tötung des Kindes vor, während und nach der Geburt. Wie begründet auch die Unterscheidung zwischen diesen verschiedenen Entwicklungsmomenten des geborenen oder noch nicht geborenen Lebens sein mag im profanen wie kirchlichen Recht und für gewisse bürgerliche und strafrechtliche Folgen, - nach dem Sittengesetz handelt es sich in all diesen Fällen um ein schweres und unerlaubtes Attentat auf das unverletzliche menschliche Leuen.

Leben des Kindes und Leben der Mutter

12. Dieser Grundsatz gilt ebenso für das Leben des Kindes wie für das Leben der Mutter. Niemals und in keinem Fall hat die Kirche gelehrt, dass das Leben des Kindes jenem der Mutter vorzuziehen sei. Es ist irrig, die Frage mit dieser Alternative zu stellen: entweder das Leben des Kindes oder das Leben der Mutter. Nein! Weder das Leben der Mutter noch das Leben des Kindes dürfen einem Akt direkter Vernichtung unterzogen werden. Für den einen wie für den anderen Teil kann nur die eine Forderung bestehen: alles aufzubieten, das Leben beider zu retten, der Mutter und des Kindes (vgl. Pius XI. Enzyklika "Casti connubii", 31. Dezember 1930 - Acta Apostolica Sedis, vol. 22, pag. 562-563).

13. Es ist eine der schönsten und edelsten Bestrebungen der Medizin, immer neue Wege zu suchen, um das Leben beider sicherzustellen. Wenn aber trotz aller Fortschritte der Wissenschaft noch Fälle übrig bleiben, jetzt und auch in Zukunft, in denen man mit dem Tode der Mutter rechnen muss, wenn diese die Geburt des Lebens, das sie in sich trägt, zu Ende führen und es nicht unter Verletzung des Gebotes Gottes: Du sollst nicht töten! zerstören will, so bleibt dem Menschen, der sich bis zum Letzten mühen wird, zu helfen und zu retten, nichts übrig, als sich in Ehrfurcht vor den Gesetzen der Natur und dem Walten der göttlichen Vorsehung zu beugen.

14. Aber - so wendet man ein - das Leben der Mutter, und insbesondere der Mutter einer kinderreichen Familie, ist ein unvergleichlich höherer Wert als das eines noch nicht geborenen Kindes. Die Anwendung der Güterabwägungstheorie auf den Fall, der uns gegenwärtig beschäftigt, hat schon in juristischen Erörterungen Aufnahme gefunden. Die Antwort auf diesen viele bedrückenden Einwand ist nicht schwer. Die Unverletzlichkeit des keimenden Lebens eines Schuldlosen hängt nicht von seinem größeren oder geringeren Wert ab. Bereits vor mehr als zehn Jahren hat die Kirche die Tötung des als "wertlos" erachteten Lebens in aller Form verurteilt. Wer die traurigen Ereignisse kennt, die diese Verurteilung hervorriefen, wer die verhängnisweiten Folgen zu erwägen weiß, zu denen man gelangen würde, wollte man die Unantastbarkeit schuldlosen Lebens nach seinem Wert bemessen, der weiß sehr wohl die Beweggründe zu schätzen, die zu jenem Entscheid geführt haben.

15. Wer kann übrigens beurteilen, welches von den beiden Leben das kostbarste ist? Wer kann wissen, welchen Weg jenes Kind gehen wird, zu welcher Höhe der Leistung und der Vollkommenheit es gelangen wird ? Hier werden zwei Größen miteinander verglichen, von denen man die eine gar nicht kennt.

Ein Opfer und seine Frucht

16. Wir möchten hier ein Beispiel anführen, das vielleicht einigen von euch schon bekannt ist, das aber deswegen nichts von seinem eindrucksvollen Wert einbüßt. Es geht auf das Jahr 1905 zurück. Da lebte eine junge Frau adliger Abstammung, noch adliger jedoch von Gesinnung. Sie war schwächlicher Konstitution und von zarter Gesundheit. Als Mädchen hatte sie eine kleine Rippenfellentzündung gehabt, die jedoch geheilt zu sein schien. Als sie sich glücklich verheiratet hatte und fühlte, wie sich in ihrem Schoß neues Leben regte, musste sie sehr bald feststellen, wie ein eigenartiges Übel ihre Gesundheit untergrub, das die beiden tüchtigen Ärzte, die mit liebender Sorge ihre Gesundheit überwachten, sehr beunruhigte. Die frühere Rippenfellerkrankung mit ihrem schon ausgeheilten Infektionsherd war wieder aufgebrochen. Nach Meinung der Ärzte war keine Zeit zu verlieren. Das einzige Mittel, die zarte Frau zu retten, bestand darin, ohne Aufschub die medizinische Abtreibung einzuleiten. Auch der Gemahl begriff seinerseits die Schwere des Falles und gab sein Einverständnis zum peinlichen Eingriff. Als jedoch der behandelnde Gynäkologe ihr sehr taktvoll die Entscheidung der Ärzte mitteilte und ihr nahelegte, derselben beizupflichten, antwortete sie fest und entschieden: "Ich danke Ihnen für Ihre teilnehmenden Ratschläge; ich kann jedoch nicht das keimende Leben meines Kindes töten! Ich kann und kann es nicht! Ich spüre schon seinen Herzschlag in meinem Schoß; das Kind hat das Recht zum Leben; von Gott kommt es und es muss Gott kennenlernen, um ihn zu lieben und in ihm glücklich zu werden." Auch der Gemahl bat und flehte sie an; sie blieb unbeugsam und erwartete ruhig den Ausgang. Ein Mädchen kam gesund zur Welt; sofort nach der Geburt verschlechterte sich jedoch der Gesundheitszustand der Mutter. Der Infektionsherd in der Lunge erweiterte sich; der Verfall des Organismus schritt voran. Zwei Monate später lag sie im Sterben; sie sah noch einmal die Kleine, die gesund bei einer kräftigen Amme heranwuchs; die Lippen bewegten sich noch einmal zu seligem Lächeln, dann starb sie friedlich. Viele Jahre gingen dahin. Man konnte in einem Schwesternheim eine junge Ordensfrau sehen, die ganz der Pflege und Erziehung verlassener Kinder hin gegeben war und sich mit Augen voll mütterlicher Liebe Über die kleinen Kranken neigte, wie wenn sie ihnen Leben schenken wollte. Das war sie, das Kind des Opfers, die jetzt mit ihrem edlen Herzen so viel Gutes wirkte unter der verlassenen Jugend. Der unerschrockene Heroismus der Mutter ist wahrlich nicht umsonst gewesen! (Vgl. Andreas Majocchi, rera bistori e forbici, 1940, S. 21 ff.). Wir fragen jedoch: Ist denn das christliche, ja auch nur das menschliche Empfinden schon so sehr geschwunden, dass kein Verständnis mehr da ist für das wunderbare Opfer der Mutter und für die sichtbare Führung der göttlichen Vorsehung, die aus diesem Opfer eine so edle Frucht hervorwachsen ließ?

Wann ist ein ärztlicher Eingriff erlaubt?

Wir haben absichtlich immer den Ausdruck gebraucht "direkter Angriff auf das Leben eines Schuldlosen, direkte Tötung". Denn wenn z. B. die Rettung des Lebens der zukünftigen Mutter, unabhängig von ihrem Zustand der Schwangerschaft, dringend einen chirurgischen Eingriff oder eine andere therapeutische Behandlung erfordern würde, die als keineswegs gewollte oder beabsichtigte, aber unvermeidliche Nebenfolge den Tod des Kindes im Mutterleib zur Folge hätte, könnte man einen solchen Angriff nicht als einen unmittelbaren Angriff auf schuldloses Leben bezeichnen. Unter solchen Bedingungen kann die Operation erlaubt sein, wie andere vergleichbare ärztliche Eingriffe immer vorausgesetzt, dass ein hohes Gut, wie es das Leben ist, auf dem Spiele steht, dass der Eingriff nicht bis nach der Geburt des Kindes verschoben werden kann und kein anderer wirksamer Ausweg gangbar ist.

Erlaubte Geburtenregelung

18. Da also die erste Aufgabe der Ehe im Dienste am Leben besteht, gilt Unser besonderes Wohlgefallen und Unser väterlicher Dank jenen Ehegatten, die aus Liebe zu Gott und im Vertrauen auf ihn mutig eine zahlreiche Familie gründen und aufziehen. Andererseits fühlt die Kirche Teilnahme und Verständnis für die wirklichen Schwierigkeiten des Ehelebens in unserer heutigen Zeit. Deshalb haben Wir in Unserer letzten Ansprache über die Ehemoral die Berechtigung und zugleich die tatsächlich weit gesteckten Grenzen für eine Regulierung der Nachkommenschaft herausgestellt, die - im Gegensatz zur sogenannten "Geburtenkontrolle" - mit dem Gesetz Gottes vereinbar ist. Man kann sogar hoffen -- doch überläßt hier die Kirche das Urteil natürlich der medizinischen 'Wissenschaft -, dass es gelingt, diesem erlaubten Verhalten eine genügend sichere Grundlage zu geben, und die neuesten Berichte scheinen eine solche Hoffnung zu bestätigen.

Die Hilfe übernatürlicher Kraftquellen

19. Im übrigen helfen zur Überwindung der vielfachen Prüfungen des ehelichen Lebens vor allem ein lebendiger Glaube und regelmäßiger Empfang der heiligen Sakramente. Daraus erwachsen Kraftquellen, von denen sich jene, die außerhalb der Kirche leben, nur schwer eine Vorstellung machen können. Und mit diesem Hinweis auf die höheren übernatürlichen Kraftquellen möchten Wir schließen. Auch euch, geliebte Söhne und Töchter, könnte es eines Tages geschehen, dass ihr euren Mut wanken fühlt unter dem wuchtigen Sturm, der um euch, oder noch viel gefährlicher, innerhalb der Familie ausgebrochen ist, durch die Lehren nämlich, welche die gesunde und normale Auffassung der christlichen Ehe zu unterhöhlen drohen. Habt Vertrauen! Die Kräfte der Natur, vor allem aber jene der Gnade, die der Herrgott im Sakrament der Ehe in eure Seelen gesenkt hat, sind wie ein starker Fels, an dem die brandenden Wogen des stürmischen Meeres sich brechen. Und wenn Katastrophen wie Krieg und Nachkrieg der Ehe und Familie Wunden geschlagen haben, die auch heute noch bluten, so haben doch gerade in jenen Jahren die Treue und Standhaftigkeit der Ehegatten und die bis zu unvorstellbaren Opfern bereite Mutterliebe in ungezählten Fällen wahre und leuchtende Triumphe davongetragen.

20. Setzt daher zäh und mutig eure Arbeit fort, voll Vertrauen auf die göttliche Hilfe, als deren Unterpfand Wir euch und euren Familien aus übervollem Herzen Unseren väterlichen Apostolischen Segen erteilen.

23. März 1952

Rundfunkansprache
La famiglia è la culla

zum »Tag der Familie» der Katholischen Aktion Italiens

über das Wesen des christlichen Gewissens, seine Bedeutung und Stellung innerhalb der christlichen Moral und über die Gewissenserziehung

24. April 1952

Ansprache
Certi, come siamo, del grande contributo

an die Teilnehmerinnen des Weltkongresses der katholischen Frauenorganisationen
Die Mitarbeit der Frau für den Frieden
(Offizieller italienischer Text: AAS XLIV [1952] 420-424)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 685-692; Nrn. 1394-1404)

Einleitung

1394 Des großen Beitrags gewiss, den die Frauen der Sache des Friedens geben können, richten Wir heute Unsere väterliche Botschaft an Euch, Mütter, Frauen und Mädchen aller Nationen, und vor allem an Euch, katholische Frauen. Ist Uns doch Eure kindliche Liebe zum Stellvertreter Christi bekannt und durch ihn zu Christus selbst, der im Laufe seines Erdenlebens so viele edle Beweise fraulicher Frömmigkeit erfahren hat.

Immer besorgt, das Werk des Friedens mit allen Uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu fördern bis zum Tag, an dem er auf Erden endgültig Heimat gefunden hat, vertrauen Wir Euch, geliebte Töchter, das schwierige und zugleich erhabene Amt an, für den Frieden zu arbeiten. Ihr wisst vielleicht besser als andere, den Wert der Ruhe und Ordnung zu schätzen, da er ja die Grundbedingung jeden gesunden fraulichen Lebens ist.

Gerade in Rom, das der Friedenskönig der Menschheitsfamilie zu seiner Stadt machte, um gleichsam jenen allgemeinen Frieden zu befestigen und zu erheben, den das Reich des Augustus sich vorgestellt und auf seine Weise verwirklicht hat, ist ein Kongress einberufen worden, auf dem die gesamte katholische Frauenwelt vertreten ist. Ihr wollt damit Eure Sehnsucht nach Frieden feierlich bekunden, dem Willen Ausdruck geben, den Frieden von denen zu fordern, die die Gewalt haben, ihn hier auf Erden zu verwirklichen, die konkreten Mittel erforschen und Eure Mitarbeit an seiner Verwirklichung anbieten. Dies alles wollt Ihr, gegründet auf Gott und auf das Fundament christlicher Grundsätze.

1. Die Frau und der Krieg

Die Frau sein bedauernswertestes Opfer

1395 Euer Ruf ist in der Tat nicht neu und auch nicht der letzte unter so vielen, die von überall her nach dem Frieden verlangen; sicherlich aber ist er ganz aufrichtig, und Wir haben Grund zu hoffen, dass er fruchtbar sei. Wer könnte an der Aufrichtigkeit der Frau zweifeln, wenn sie Frieden erfleht, dessen Segen sie doch als erste erfährt, oder wenn sie den Krieg verabscheut, dessen bemitleidenswertestes Opfer sie doch wäre? So war es immer. Die alte Sage der leidenden Andromache, die vorn verhängnisvollen Krieg zu den Tränen der Witwenschaft, der Verwaisung und dann der Verbannung und Versklavung verurteilt wurde, bleibt, wenn sie auch nur eine epische Legende ist, die Personifizierung der ungeheuren Tragödien, in welche die Kriege jeder Zeit die Frau mit sich fortreißen, und jener noch entsetzlicheren, die ihr von den totalen Konflikten unserer Zeit noch vorbehalten sind.

Die Schreckensbilder des letzten Weltbrandes stehen noch Millionen Männern und Frauen, die ihn glücklich überlebt haben, lebhaft vor Augen. Mütter, mit ihren Kindern auf den Armen, begraben unter den Trümmern ihrer Häuser, von Wunden zerrissen; andere von Schmerz erstarrt über einen unvorhergesehenen Verlust, der geradezu einen Teil ihres eigenen Lebens jäh hinweg riss. Anderswo sind jene, denen ihr Haus und Hof ein und alles bedeutete, gezwungen, in unzählbaren Scharen von Ort zu Ort herumzuirren, getrieben durch die Armeen, verfolgt vom Schrecken, mit ihren vor Hunger und Krankheit weinenden Kindern. Mütter und Frauen, lange Jahre hindurch im Ungewissen über das Los ihrer Lieben; einige sogar, durch die unglaubliche Herzenshärte der Staatslenker, deren Taten allzu verschieden von ihren Worten sind, verharren bis heute in angstvollem Zweifel: wird mein Sohn leben? Jungfrauen der Schande ausgesetzt; Familien ohne jegliche Stütze; Mädchen, denen für immer der Traum ihres Lebens zerbrochen wurde. Das ist die Frau in Kriegszeiten !

Appell an die Männer

1396 Haben die Staatsmänner nie mit dem Herzen eines Sohnes an solche Schrecknisse gedacht, jene Staatsmänner, von denen Wir nicht sagen möchten, dass sie Kriegspläne oder Kriegsabsichten hegen, die aber eine Lage schaffen und aufrecht erhalten, die eine Kriegsgefahr heraufbeschwören kann, wobei ungerecht unterdrückten Völkern vielleicht der Krieg schrecklich, es zu sagen! - als letzte Hoffnung ihrer Befreiung sogar erwünscht sein könnte? Aber auf wen fällt die Verantwortung eines solch verzweifelten Wunsches?

Der Mann, für den es Ruhm bedeutet, sich in solchen Widerwärtigkeiten zu bewähren, gewöhnt sich zwar auf irgend eine Weise an solche von einem Krieg herbeigeführten Lebensumstände, wie Entbehrungen, Härten, ungeahnte Schrecken, ungewohnte Verhältnisse jeder Art; für die Frau indessen zeitigen sie oft physisch und moralisch verheerende Folgen.

Nun treibt die Furcht, ein solches Unheil könnte erneut ausbrechen - und Gott möge es verhüten! -, die Frauen der ganzen Welt dazu, mit glühendem Herzen den Frieden zu erflehen. Diesen Flehruf haben Wir als Euer gemeinsamer Vater oft von Euren Lippen vernommen, und heute wollen Wir ihn zu dem Unseren machen, um denen, bei welchen die schwerwiegende Wahl zwischen Krieg und Frieden liegt, zuzurufen: Schaut mit den Augen eines Sohnes auf die Ängste so vieler Mütter und Frauen, unter denen auch die Euren sind. Sorgt dafür, dass die Wagschale Eurer Erwägungen sich nicht neige auf die Seite reiner Prestigegründe, unmittelbarer Vorteile oder sogar wirklichkeitsfremder Theorien, die in der wahren Natur des Menschen und der Dinge kein Fundament haben. Fordert von den Frauen keinen unnützen Heroismus. Denn schon so viele üben ihn in ihrem täglichen Leben zum Wohl des Vaterlandes und der Familie.

2. Die Wirksamkeit der Frau für den Frieden

Verbreitung brüderlicher Liebe

1397 Das Empfinden jedoch, das die Frau den Krieg verabscheuen lässt, nützt niemandem, noch hat es irgendwelchen wirksamen Einfluss auf die Sache des Friedens, wenn es nicht zu dem heißen Verlangen wird, überall die Brüderlichkeit wiederherzustellen. Dieses Empfinden muss getragen sein vom Wissen um die höhere Pflicht der Liebe, die gestärkt ist von der Bereitschaft, im eigenen Wirkungskreis die Gerechtigkeit zu verwirklichen, die den Frieden schafft. Dies alles würde, kurz gesagt, nichts nützen, wenn das Empfinden nicht Tat wird, die ausgerichtet ist nach den christlichen Grundsätzen. In Unserer letzten Weihnachtsbotschaft über die Friedensaufgabe der Kirche haben Wir im einzelnen ausgeführt, welches diese Grundsätze sind und wie sie das Handeln der Kirche und der Katholiken bestimmen.

Hierin, geliebte Töchter, unterscheidet sich Euer Ruf nach Frieden deutlich von dem anderer Frauen, dessen Aufrichtigkeit Wir durchaus nicht in Zweifel ziehen. Oft aber sehen Wir ihn entweiht und anderen Zwecken dienstbar gemacht, wenn er nicht ganz in ein Geschrei der Verbitterung und des Hasses übergeht. Jedenfalls ist es sicher, dass jeglicher Ruf nach Frieden, dem man das Fundament der christlichen Weltanschauung entzieht, dazu verurteilt ist, in der Öde verbitterter Herzen ungehört zu verhallen wie ein Schrei Schiffbrüchiger auf offenem Meer.

Der besondere Beitrag der Frau für den Frieden

1398 Darum seid Ihr, katholische Frauen, schon durch den Namen selber, mit dem Ihr Euch schmückt, Botinnen und Vorkämpferinnen des Friedens; denn katholisch ist in gewisser Weise schon gleichbedeutend mit friedfertig. Und wenn auch Eure Pflicht als Bürgerinnen Eures Vaterlandes von Euch die unverzügliche Bereitschaft verlangt, Euch für das Vaterland zu opfern, wenn dieses wirklich ungerecht angegriffen und in seinen Lebensrechten bedroht ist, so seid Ihr doch von Natur und mit größerem Eifer bereit, Euren Beitrag zur Schaffung jener inneren und äußeren Umstände zu liefern, die Ruhe und Ordnung garantieren.

Diese Tat, die darauf gerichtet ist, die Hassgefühle zu beseitigen, die Völker brüderlich miteinander zu verbinden, die materiellen Ursachen für Konflikte - wie etwa Elend, Arbeitslosigkeit, Auswanderungshindernisse und ähnliches - aufzuheben, erwarten die Kirche und die Menschen von Euch.

Psychologisch klug den Boden für das Christentum bereiten

1399 Es handelt sich um eine doppelte Tätigkeit. Auf der einen Seite um eine psychologische und sittenfördernde, die Ihr besser als andere durch Euren feinen Takt ausüben könnt: es gilt, die Menschen zum Verständnis der übernatürlichen Güter hinzuführen, sie milde zur Lebensstrenge oder wenigstens zum Lebensernst und zur Sittsamkeit zu lenken, in alle Bereiche einen Geist der Milde, der Brüderlichkeit zwischen allen Kindern Gottes, das Bewusstsein der Verpflichtung, auf ungerechte Reichtümer zu verzichten, auszustrahlen, indem Ihr selber als erste auf einen luxuriösen Lebensstandard verzichtet; und vor allem müsst Ihr, gleichsam als Zusammenfassung und Krönung Eures geistigen Wirkens, die Jugend christlich erziehen auf Grund der christlichen Weltanschauung, die der Erlöser uns geoffenbart hat. Wem kommt praktisch die erste Weitergabe der Botschaft des Evangeliums zu, wenn nicht den Müttern? O Weisheit und Güte der Vorsehung Gottes! Sie hat es so gefügt, dass jede Generation in ihrer frühesten Jugend durch die milde Schule der Frau gehe, der sich unsere gemeinsame Mutter, die Kirche, zugesellt, wo sie stets von neuem Güte, Milde und Frömmigkeit schöpfen soll, alles Vorzüge, die der Frau eigen sind. Ohne diese immer neue Rückkehr zur Quelle verfiele die Menschheit binnen kurzer Zeit, indem sie vor der Härte und dem schweren Kampf des Lebens das Feld räumt, einer höchst beklagenswerten Verwilderung! Ihr, die Ihr von Natur und durch göttlichen Auftrag dazu bestimmt seid, die Seelen der Jugend zu bilden, lenkt also die neue Generation zum Bewusstsein der allgemeinen Brüderschaft und zum Abscheu gegenüber der Gewalt hin. Das ist ein Vorgehen auf zu weite Sicht, wird vielleicht der eine oder andere sagen. Nein; es ist ein Wirken in die Tiefe und darum grundlegend und dringend. Wie die Kriege, zum mindesten die modernen, nicht von heute auf morgen ausbrechen, sondern jahrelang in den Herzen keimen, so blüht auch der wahre, beständige, gerechte Friede nicht beim ersten Sonnenstrahl eines Gefühls oder eines Aufrufs auf.

Äußere Wirksamkeit im öffentlichen Leben

1400 Daneben gibt es noch eine äußere Wirksamkeit; denn wenn zu anderen Zeiten sich das Wirken der Frau auf das Haus und seinen Umkreis beschränkte, so erstreckt es sich heute (wie immer wir uns dazu stellen) auf immer weitere Bezirke: auf das soziale und öffentliche Leben, die Parlamente, die Gerichtshöfe, den Journalismus, die freien Berufe, die Welt der Arbeit. Möge die Frau in alle diese Bereiche ihr Friedenswerk tragen. Wenn nun wirklich jede Frau aus dem ihr eigenen Empfinden, mit dem sie den Krieg verabscheut, zur konkreten Tat schreiten würde, um ihn zu hindern, dann wäre es unmöglich, dass die Gesamtheit solch starker Kräfte, die sich eben für das einsetzen, was die Persönlichkeit bildet, nämlich die Frömmigkeit und Liebe, - dann wäre es unmöglich, so sagen Wir, dass sie ihren Zweck verfehlte.

Das Gebet der Frau für den Frieden

1401 Dazu soll, um diese Kräfte zu befruchten, die Hilfe Gottes mitwirken, die Wir im Gebet herab rufen. Die Frau, die von Natur aus fromm ist, richtet für gewöhnlich ihr Gebet mit größerer Beharrlichkeit zu Gott. Wie die Fürbitte der Gottesmutter auf der Hochzeit zu Kana, voll Sorge und Unruhe über die Verwirrung der Brautleute, Jesus zu bewegen wusste das Wasser in Wein zu verwandeln - in Wein, « den die Feinschmecker die Seele der Mahlzeit nennen» (Bossuet, Sermon pour le deuxieme dimanche apres I'Epiphanie. ) -, so wandelt auch Euer Flehen in Nacheiferung der allerseligsten Jungfrau Maria das Wollen der Menschen aus Hass in Liebe und aus Habgier in Gerechtigkeit.

3. Die Frau durch das Christentum zur Trägerin der Kultur und des Fortschritts geformt

'Die Frau und das Christentum

1402 Geliebte Töchter! Ihr wisst, wie viel die Frau dem Christentum verdankt. Als es in die Zeit eintrat, hat die heidnische Kultur die Frau oft nur wegen äußerer und kurz dauernder Gaben oder wegen ihrer feinfühligeren Art hoch geschätzt.

Diese ästhetische Schau und dieses tiefe Gefühl bildeten sich zu Formen höchster Feinfühligkeit aus. Die Verse ausgesuchtester Dichtkunst in den unsterblichen Dichtungen des augusteischen Zeitalters sind durchpulst von leidenschaftlichem Pathos; Götterstatuen, herrliche Schöpfungen der Kunst, zierten Straßen und Plätze, Tempel und Hallen prachtvoller Paläste. Und doch war all das leer und oberflächlich. Athen und Rom, die Leuchten der Kultur, die doch so viel natürliches Licht auf die Familienbande warfen, brachten es weder mit den hohen Gedankengängen der Philosophie noch mit der wahrhaft weisen Gesetzgebung zustande, die Frau zu der ihrer Natur entsprechenden Höhe zu erheben. Erst das Christentum und es allein - gewiss nicht in Verkennung jener äußeren und tief reichenden Vorzüge - hat in der Frau Sendung und Beruf entdeckt und gepflegt, welche die wahre Grundlage ihrer Würde bilden und ihr somit eine würdige RangsteIlung einräumen. Auf diese Weise entstehen neue Typen der Frau, und diese behaupten sich in der christlichen Zivilisation, so jene der Märtyrin für ihre Religion, so jene der Heiligen, der Glaubensbotin, der Jungfrau, der Schöpferin weitgespannter Reformen, der Helferin in allen Leiden, der Erzieherin und Retterin verlorener Seelen. Wie allmählich neue soziale Bedürfnisse reifen, so dehnt sich auch ihre lebenspendende Sendung auf neue Aufgabenkreise aus, und die christliche Frau wird, wie es heute ganz zu Recht besteht, nicht weniger als der Mann ein notwendiger Träger der Kultur und des Fortschrittes.

Die große Chance der Frau heute

1403 Gerade in dieser Schau sehen Wir Euer heutiges friedenbringendes Wirken, vielleicht das größte, das Euch die Vorsehung zugedacht hat, als das am meisten soziale und heilbringende, das Ihr je innehattet. Nehmt es in Angriff als einen Auftrag von Gott und der Menschheit; weiht ihm Eure eifrigsten Bemühungen und befolgt jene Weisungen, die ein ausgewählter Kreis von Euch auf dem Internationalen Kongress der katholischen Frauenorganisationen studiert und fördert. Seid davon überzeugt, dass Ihr für das Heil Eurer Heimatländer und Eurer Kinder nichts Segensreicheres tun könnt. Das entspricht auch ganz Unserem Wunsch als dem Stellvertreter Christi.

Segen

1404 Über Euch alle, geliebte Töchter, auf der weiten Welt, und besonders über Euch, katholische Frauen, wie auch auf jede einzelne Teilnehmerin dieses Kongresses hier in Rom, erflehen Wir vom allmächtigen Gott Licht und Gnade. Als Unterpfand dessen erteilen Wir Euch aus väterlichem Herzen den Apostolischen Segen.

6. Juni 1952

Ansprache
Nous avez choisi Rome

an die Teilnehmer des ersten Internationalen Pfadfinderführertreffens
Die Vorbereitung des Pfadfinders auf das Laienapostolat
(Offizieller französischer Text: AAS XLIV [1952] 578-580)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 824-827; Nrn. 1641-1647)

1. Das Laienapostolat in der Kirche

1641 Ihr habt, geliebte Söhne, Rom als Tagungsort der internationalen Konferenz der katholischen Pfadfinder gewählt, und es ist das erste Mal, dass sich Eure nationalen Leiter in der Ewigen Stadt versammeln. Ihr hattet übrigens dabei ein Thema zu behandeln, das Euch ganz selbstverständlich in die Nähe des Statthalters Jesu Christi rief: « Das Apostolat im und durch das Pfadfindertum ». Bedacht darauf, dem dringenden Aufruf nachzukommen, den Wir an alle Katholiken gerichtet haben, wollt Ihr die ganze Verantwortung übernehmen, die Euch im Apostolat der Kirche zufällt, ein vornehmer und hochherziger Entschluss, der ganz dem Geiste des Pfadfinderturns entspricht.

1642 Jeder weiß in der Tat, dass vom Anfang an die Religion bei Euch den ersten Platz eingenommen hat. Ihr wisst aber ebenso, was der Katholizismus an Kraft und Bestimmtheit zum Erziehungswerk, dem Ihr Euch hingebt, beiträgt. Es handelt sich für Euch nicht nur darum, bessere, tatkräftige und für das allgemeine Wohl des irdischen Gemeinwesens treuergebene Bürger heranzubilden, - es gilt auch, sie zu besseren Söhnen der Kirche zu erziehen. Nun steigt in der katholischen Kirche die apostolische Sendung von der Hierarchie zu den Gläubigen hinab, und heutzutage sind alle Gläubigen entsprechend ihren Mitteln zur Mitarbeit an diesem Apostolat berufen.

2. Die Vorbereitung auf das Apostolat bei den Pfadfindern

Die erzieherischen Leistungen. Ideale des Pfadfindertums

1643 Offen gestanden: Jugendliche sind noch nicht reif zur Entfaltung eines organisierten Apostolates, aber sie müssen darauf vorbereitet werden.

Die Erfahrung von etwa dreißig Jahren hat den erzieherischen Wert des Pfadfindertums glänzend bewiesen. Wie viel schöne Gestalten großer Christen, von Helden und Führern, wie viele Berufe für das Ordensleben und das Priestertum sind nicht in Euren Reihen groß geworden! Wachsam im Kampfe gegen mögliche Abirrungen habt Ihr beständig die Methoden verbessert und die Grundsätze in Erinnerung gebracht. Wenn der Pfadfinder die Natur liebt, ist er kein Egoist oder Stümper oder nur einer, der sich des weiten Raumes, der reinen Luft, des Schweigens und der Schönheit der Landschaft erfreuen will. Findet er Gefallen an der Einfachheit oder an einer gesunden Herbheit im Gegensatz zu dem künstlichen Leben der Städte und der Sklaverei der mechanisierten Zivilisation, dann geschieht dies nicht, um den Verpflichtungen des bürgerlichen Lebens zu entgehen. Pflegt er hervorragende Freundschaften in einer erlesenen Gruppe, so macht er dies nicht, um Fühlungnahme und Dienstleistungen zu verschmähen, sondern im Gegenteil. Nichts würde seinem Ideal mehr zuwiderlaufen. Liebt er die konkrete Wirklichkeit, so keineswegs aus Verachtung für die Ideen und die Bücher. Er ist bedacht auf eine vollständige und ausgeglichene Kultur entsprechend seinen Talenten und den Notwendigkeiten der augenblicklichen Stunde.

1644 Um diesen Zweck zu erreichen, ist das Versprechen, mit der Gnade Gottes das Gesetz des Pfadfindertums zu beobachten, eine mächtige Kraft, welche die Jugend über die Schwächen und Versuchungen empor trägt. Das auf dem Naturgesetz beruhende Gesetz des Pfadfindertums ruft mit seiner Erziehung zur Anstrengung, mit seiner täglichen Praxis freiwilliger guter Werke zur Rechtschaffenheit und Treue auf, Tugenden, nach denen die Jugend ein so großes Verlangen hat und bei deren entschiedener Beobachtung sie sich gerne helfen lässt. Es impft ihr Abscheu ein vor Betrug, Lüge und Heuchelei. Die Jugend, die ihre Kräfte in sich wachsen fühlt, ist von Natur aus edelmütig. Sie will kämpfen, sich mit Schwierigkeiten messen. Sie empfindet das Bedürfnis zu geben und sich zu geben, sich zu übertreffen und findet im Leben unter freiem Himmel und im Bemühen um Geschicklichkeit der Hände etwas, das so recht für die Bildung ihres Lebensalters passt. Die Reinheit, die durch ein solches sittliches Klima begünstigt wird, ist für sie auch klar bestimmt und verleiht ihrer Energie christliche Feinheit und Zurückhaltung.

Wer könnte die Notwendigkeit einer solchen Erziehung in einer Kultur leugnen, wo die Eigensucht, das Misstrauen, die Feigheit und die zügellose Vergnügungssucht herrschen?

Die engere Vorbereitung auf das Apostolat

1645 Das erste Apostolat für Pfadfinder ist das Beispiel in ihrer Gruppe. Wenn sie sich persönlich und gemeinsam heranbilden, befinden sie sich bereits im Dienste der Kirche und arbeiten am Werkzeug ihres künftigen Apostolates. Je breiter und tiefer die Fundamente gelegt sind, um so fester und großartiger wird das Gebäude ihres christlichen Lebens sein; je mehr die Ausstrahlung ihrer guten Eigenschaften zunimmt, umso mehr wird man sich zum Ruhme Gottes und zur Ehre der Kirche an ihre fachmännische Zuständigkeit wenden.

1646 Aber diese Bildung muss von jungen Jahren an durch geeignete konkrete Methoden der Beobachtung und des Nachdenkens für die sozialen, natürlichen und übernatürlichen Wirklichkeiten geöffnet sein. Sie müssen lernen, in der modernen Gesellschaft zu leben und darum in kluger Weise über deren Verfassung, deren Eigenschaften und Mängel unterrichtet werden. Vor allem müssen sie sich vorbereiten, um in ihrer Umwelt und in ihrer Pfarrgemeinde den Anteil an Einfluss und Verantwortung zu gewinnen, soweit sie dafür fähig sind. Aufs Ganze gesehen muss die Charakterbildung, die das Hauptziel des Pfadfindertums ist, eine großzügige soziale und apostolische Orientierung haben. Sie muss auf den Dienst am Nächsten vorbereiten sowohl durch persönliche Fühlungnahme als auch durch die bürgerlichen und kirchlichen Einrichtungen.

Die Liebe, welche die Pfadfinder für die göttliche Person des großen Führers immer gehegt haben, der da der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, muss ihr Licht und ihr Halt bei ihren täglichen Bemühungen bleiben.

Segen

1647 Das ist es, was Wir von ihm von ganzem Herzen erbitten, damit er sie am Tage der Verantwortung stets bereit finde. Mögen von heute an über alle hier Anwesenden, über alle nationalen Gruppen, die Ihr vertretet, über die Leiter, die Kapläne und über alle Pfadfinder die Gnaden herabsteigen, die Unser Apostolischer Segen erfleht.

15. Juni 1952

Ansprache
Di vivo gradimento al Nostro cuore

an Studenten und Professoren der Universität von Rom
Das dreifache Leitgestirn der studentischen Jugend als der geistigen Elite der Gesellschaft
(Offizieller italienischer Text: AAS XLIV [1952] 581-586)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 913-921; Nrn. 1814-1834)

Begrüßung. Die vom Papst gestiftete Universitätskapelle

1814 Lebhaft willkommen ist Unserem Herzen Eure Gegenwart, geliebte Söhne des « Studium Urbis » (Universität von Rom), die Ihr unter Führung des geehrten Herrn Ministers für Öffentlichen Unterricht, des Rektors Magnificus und der geschätzten Professoren des ruhmreichen Athenaeums (Bezeichnung für « Hochschule ») zu Uns gekommen seid, gleichsam um in einem öffentlichen Bekenntnis des Glaubens und der Verehrung des Statthalters Christi die Mühen des akademischen Jahres, d. h. eines weiteren Schrittes auf dem Weg zum kulturellen Fortschritt, dem ersehnten Ziel Eurer wie jeder anderen Universität, zu besiegeln.

Schon lange Zeit hattet Ihr das Verlangen, hierher zu kommen, um Uns Eure kindliche Liebe zu bezeugen, doch dringende Geschäfte Unseres Hirtenamtes haben Uns gezwungen, die gewünschte Begegnung bis auf diesen Tag zu verschieben.

1815 Ihr wisst übrigens wohl um die unverdrossene Aufmerksamkeit, mit der Wir das Universitätsleben, seine Fortschritte, seine Probleme und seine Kämpfe verfolgen, wie Ihr auch nicht die Bekundungen Unserer Vorliebe verkennt, vornehmlich jene, die Ihr wie ein aus dem tiefsten Inneren Unseres Herzens kommendes Geschenk betrachten möget : die Universitätskapelle, die von Euch lebhaft gewünscht und mit Jubel als geistiger Mittelpunkt und Krönung der Universitätsstadt begrüßt wurde.

1816 Und welch besseres Geschenk konnten Wir der römischen Universitätsjugend darbieten als dieses Gotteshaus, das ein unvergängliches Denkmal unserer Liebe bleibt, das aber mit seinem zum Gottesdienst bestimmten Raum, mit der dem frommen Gedächtnis der jungen Gefallenen geweihten Krypta, mit seiner Weihe an die göttliche Weisheit auch das Heiligtum sein soll, wo die Jugend Nahrung für jene dreifache Fackel finden kann, die ihren Lebensweg beschwingen und erhellen muss: das Vaterland - gleichsam die erweiterte Familie -, die Wissenschaft und die Religion, die da die drei Eckpfeiler einer wohlgeordneten menschlichen Gesellschaft sind!

1. Das Vaterland: die Verantwortung des Studenten für die kulturelle Zukunft seiner Nation

1817 Ihr seid in Eurem Vaterland zwar nicht ausschließlich, aber bevorzugt vor jeder anderen Gruppe von Jugendlichen die Zukunft, weil es die freien Künste oder Berufe sind, die unter den kulturellen Tätigkeiten am meisten den Ton für das Leben der Nation angeben und seinen Ablauf kennzeichnen. Die Leitung der Gesellschaft von morgen ruht hauptsächlich im Geist und Herzen der Universitätsstudenten von heute. Und weil Ihr zu Uns gekommen seid, um einen heilsamen Gedanken mitzunehmen, so glauben Wir Euch sagen zu können: vertieft in Euch auf jede Weise das Bewusstsein, zukünftige Führer der Nation zu sein, und zugleich das besondere Verantwortungsgefühl gegenüber dem Vaterland in den einzelnen Berufen, denen Ihr Euch nach glücklicher Beendigung Eurer Studien hingeben wollt.

1818 Die Zukunft des Vaterlandes unter den modernen und zivilisierten Völkern hängt demnach in erster Linie von der Universitätsjugend ab. Deshalb schauen alle Klassen von Bürgern auf ihre Scharen mit einer zitternden Hoffnung und pflegen sie nach alter Sitte mit einer festlichen Sympathie zu umgeben; deshalb verfolgen die Berufsgruppen der Älteren aufmerksam die Entwicklung; deshalb sparen die Staaten nicht an Opfern, um, soweit möglich, für die Sicherung und Förderung der Hochschule zu sorgen. Und das Vaterland vertraut sich Euch an, nicht nur in außergewöhnlichen Verhältnissen, z. B. wenn es - was Gott verhüten möge - in schwerer Gefahr schweben sollte, weil es schon gewöhnt ist, auf die edlen Regungen der Universitätsjugend zu zählen, die auf jeden Anruf hin stets bereit ist und alle anderen jugendlichen Seelen mit sich zieht, sondern auch im normalen Ablauf des nationalen Lebens, das Ihr durch tägliche Ausübung Eures Berufes in Gang halten werdet.

1819 Ein Gefühl innerlicher Ergriffenheit überkommt Uns, wenn Wir Euch jetzt so jung und kühn sehen und gleichzeitig daran denken, dass binnen weniger Jahre, die schnell dahingehen, so viele Menschen, Eures Rates, Eurer Hilfe und Eurer Hand bedürftig, sich vertrauensvoll an Euch wenden werden; wenn Wir daran denken, dass von Euren Entschließungen das Leben so vieler Kranker, der Frieden so vieler Familien, der Sieg der Gerechtigkeit, die Erziehung so vieler Kinder, das Wohl so vieler Arbeiter abhängen wird; dass von Eurer Tüchtigkeit der Fortschritt des Landes bestimmt wird, der umsichtige Einsatz seiner Hilfsquellen, das Wachstum der Industrien, die Verkehrsverbindungen, die Straßen, die Schiffahrt, die Maschinen, die Sicherung gegen Unglücksfälle, das öffentliche Gesundheitswesen, die Wirtschaft und die Erscheinung der Nation nach außen. Und von wem anderes, wenn nicht von Euch und von Eurer Intelligenz kann sie die neuen Ergebnisse der Wissenschaft erwarten, den Segen der Entdeckungen, die nützlichen Erfindungen, mit einem Wort jenen technischen und wissenschaftlichen Fortschritt, der das Volk ehrt, das ihn fördert? Wahrlich, Ihr seid die Intelligenz des Vaterlandes, vor allem aber seid Ihr sein Herz, weil von Euch zum großen Teil das Wohl des Volkes, die Heiligkeit der Gesetze, die Ehrbarkeit der Sitten, die politische Rechtschaffenheit, das gute Einvernehmen mit den Nachbarvölkern und der arbeitsame Frieden abhängt.

1820 Dies wünschten Wir Euch in Erinnerung zu bringen, nicht weil Ihr, verlockt vom Hochmut, Euch vom Volke gleichsam als privilegierte Kaste absondert, sondern weil Ihr in die schweren sozialen Verantwortlichkeiten gründlich eindringt, die von jetzt ab mit einer angemessenen Vorbereitung aufgenommen werden müssen. Gerade in diesen Jugendjahren, in denen der Geist lebendiger und aufgeschlossener ist, wo die Beanspruchungen des Lebens gewöhnlich noch geringer sind und die Zeit leichter zur Verfügung steht, entwickelt sich der Arzt, der nicht irrt, der Jurist, der nicht schwankt, der sichere und genaue Techniker, der Literat, der neue Wege öffnet, der weitschauende und weise Staatsmann.

1821 Eure Vaterlandsliebe, Eure wissenschaftlichen und beruflichen Ideale mögen deshalb von jetzt ab Gestalt gewinnen im emsigen und methodischen Studium, das eine mehr frei gewollte als auferlegte Disziplin verlangt, Lebensernst, beständige Sammlung und eine Lauterkeit der Sitten, welche die stärkste Grundlage für einen wirklichen wissenschaftlichen Erfolg bedeutet.

2. Die Wissenschaft

1822 Die andere Fackel, die Euren Weg erleuchten wird, sei die Wissenschaft selbst in ihren vielfältigen Zweigen, die Ihr - wie Ihr wohl fühlt - unablässig pflegen müsst. Die späteren Jahre werden Euch darüber belehren, wie dankbar Ihr Gott sein müsst, der Euch auf die Pfade der Wissenschaft gewiesen hat, welche zum Lohn für viele Mühen, die sie verlangt, ihren Dienern unaussprechliche Genugtuung und echte Adelstitel zu verleihen weiß, die mit Ausnahme der Kunst keine Arbeit so vergeben kann. Welch wunderbare Zierde der Person ist die gründliche Wissenschaft, die da besessen und für das Wohl des Nächsten eingesetzt wird! Wie viel lebhafte innere Freude, Wir wollen nicht sagen der Eigenliebe, aber der ursprünglichen menschlichen Neigung zum Wissen und zu seiner umfassenden Schau! Wie wenig andere irdische Güter können in Bezug auf die Vervollkommnung des Menschen mit der Wissenschaft gleichgestellt werden!

1823 Indessen, wenn Ihr auch ihren Zauber voll auf Euch wirken lasst, glaubt nicht, sie könne Euch ganz befriedigen. Eine solche Erwartung würde außer, dass sie einen Irrtum der Überbewertung ihrer vervollkommnenden Macht darstellt, an dem Tage bittere Enttäuschungen hervorrufen, an dem die wahre Reife des Geistes in Euch das Bewusstsein der tieferen und der totaleren menschlichen Werte entstehen lässt, - erwirbt ja der Mensch nur stufenweise das Bewusstsein von seinem ganzen Wesen. An jenem Tage wird nicht einmal die Philosophie, die der Dolmetsch der Natur und der natürlichen Erkenntnis und so in gewisser Weise die Norm des Lebens ist, auf alle Probleme und Schwierigkeiten antworten können. Man wird zu höheren Quellen emporsteigen müssen, zu denen die aufrichtige Liebe zur Wahrheit und ihr sicherer Besitz hinführen: Wir meinen zu den Quellen der übernatürlichen Religion.

3. Die Religion Das Glaubensproblem der studentischen Jugend

Bewusstmachung des ererbten Glaubens

1824 Unser Thema hat Uns zum dritten Punkt geführt, den Wir berühren wollten, nämlich zum christlichen Glauben, dieser Fackel, die den Lebensweg erleuchtet, dieser Gewissheit, die in jeder Lebenslage Trost und Mut verleiht, « diese liebe Freude, auf die eine jegliche Tugend sich gründet» (Dante, Göttliche Komödie, Paradies 24, 89-90). Er wurde Euch in der Taufe eingegossen und von zartester Kindheit an genährt und gepflegt mit Gebet und Sakramenten, mit Katechismusunterricht und - wie Wir hoffen - mit dem guten Beispiel Eurer Umgebung. Jetzt, da Ihr erwachsen seid und in die Jahre gekommen, wo Ihr selber wählen und entscheiden sollt, müsst Ihr den Schatz des katholischen Glaubens und den Reichtum der Wahrheit und Gnade, den Jesus Christus Euch durch seine Erlösung und durch seine Kirche geschenkt und dessen Keim er Euch schon in der Wiege in die Seele eingepflanzt hat, gleichsam zu Eurem persönlichen Besitz machen, den Ihr immer tiefer versteht und intensiver lebt.

Es ist dies unsere höchste Lebensaufgabe, deren Erfüllung den Einsatz des ganzen Menschen verlangt: Herz und Sinn, die innere Überzeugung und die Kraft des Willens.

Das Phänomen des Glaubensabfalls

1825 Eine einfache Erfahrung muss Euch zum Nachdenken anregen: woher kommt es, dass dieser oder jener Kamerad aus Eurer Umgebung, der zuerst gläubig und fromm war, nachdem er die Schwelle der Universität überschritten hatte, in eine Krise gerät, die allmählich zum religiösen Indifferentismus oder zu anderen mehr oder weniger eindeutigen Formen des Atheismus führt? Ihr könnt nicht erwarten, geliebte Söhne, dass Wir in wenigen Worten ein so heikles Thema behandeln. Anderseits jedoch liegt Eure Zukunft und Ihr selbst Uns so sehr am Herzen, dass Wir es nicht unterlassen können, Euch eine kurze Erwägung in dieser Materie vorzulegen.

Notwendigkeit echter religiöser Betätigung

1826 Lassen Wir die Frage beiseite, wie beim Entstehen dieser Krisen intellektuelle Schwierigkeiten und andere Umstände zusammenwirken, die, anstatt im Bereich des reinen Verstandes, in den Urwäldern der ungezügelten Leidenschaften und der sittlichen Verirrungen zu suchen sind oder vielleicht auch auf dem treulosen Feld der Zugeständnisse, die man für eine heißersehnte Karriere unbedingt machen zu müssen glaubte. Jedenfalls, eines ist gewiss: es gibt keine Religion und folglich kein persönliches religiöses Leben ohne Gottesdienst. Dieser Gottesdienst ist aber nicht ein bloßer kalter intellektueller Akt; er ist Gotteslob, Dienst Gottes, vertrauensvolle Hingabe an Gott von ganzem Herzen und von ganzer Seele (Vgl. Matth. 22, 37). Ebenso bedeutet auch « Glauben » gewiss in erster Linie Annahme der von Jesus Christus geoffenbarten Wahrheiten und nach Kräften Eindringen in sie, aber auch das hochherzige Aufsichnehmen der Folgerungen, die sich daraus für das sittliche Leben ergeben. Wenn also jemand meinen sollte, es genüge für ihn die kleine halbe Stunde der Sonntagsmesse, wie dürfte er hoffen, dass er das Schwinden und Erstarren seines religiösen Lebens vermeiden könnte?

Überwindung des intellektuellen Infantilismus auf religiösem Gebiet

1827 Bedenkt außerdem, dass Euch die religiösen Wahrheiten im Kindesalter und in der Schule in einer Form nahe gebracht wurden, die dem Verständnis des Kindes und Halbwüchsigen entsprach. Die geistige Reife, die erlaubt, Probleme und Zusammenhänge tiefer zu erfassen, ist erst mit den Jahren gekommen, und erst jetzt habt Ihr sie vollständig erreicht. Wenn Ihr also in den Profanwissenschaften von Stufe zu Stufe voranschreitet, jedoch in den religiösen Kenntnissen und im geistlichen Leben keine ähnlichen Fortschritte macht, könnt Ihr Euch dann wundern, dass Ihr Opfer solcher Krisen werdet? Erkennt daher Eure Verantwortung: vervollkommnet immer mehr das intellektuelle Verständnis Eures Glaubens und bemüht Euch nach den Gesetzen der großen christlichen Tugenden zu leben.

1828 Die Wissenschaft von der Natur als scheinbare Widersacherin der Übernatur Noch ein Wort zum Thema des angeblichen Gegensatzes zwischen Glaube und Naturwissenschaften. Die Versöhnung beider miteinander setzt zwei Grundsätze voraus. Der erste: die naturwissenschaftlichen Methoden gelten nur für den Bereich, in dem sie wirklich zuständig sind, d. h. für den der Sinne; der zweite: über die physischen Erkenntnisse und Wirklichkeiten hinaus gibt es andere Wirklichkeiten, die metaphysischen Wirklichkeiten - z. B. die Kausalität -, die nicht von den Gegebenheiten der Sinne abhängen, sondern von den allgemeinen Gesetzen der Ontologie. Diese sind keineswegs den Gesetzen der sinnlichen Natur an Gewissheit unterlegen, sondern ihnen vielmehr überlegen, denn sie gelten für jegliches Sein als solches. Nun aber sind gerade sie es, die mit unwiderstehlicher Kraft zur natürlichen Gotteserkenntnis führen.

1829 Es ist wirklich verhängnisvoll, dass mit der erstaunlichen Entwicklung der Naturwissenschaft die metaphysischen Wahrheiten im Geist eines Teils der Wissenschaftler fast gleichzeitig in Vergessenheit geraten sind. Gewiss nicht bei allen; man findet in jedem Zweig der Naturwissenschaften Vertreter unter den größten Meistern, die zugleich Menschen von religiöser Innigkeit waren. Auch dem Geist eines Agnostizisten wie Darwin war die Frage der Existenz eines weisen Schöpfers bis ans Lebensende gegenwärtig. Er gab zu, dass jener Gedanke « often comes over me with overwhelming force» - « oft mit einer überwältigenden Macht über mich kommt» (Francis Darwin, The life and letters of Charles Darwin, London 1887, vol. I, S.316) und dass das Weltall nicht das Werk des Zufalls ist. Wir selbst glaubten in Unserer letzten Ansprache an die Akademie der Wissenschaften feststellen zu können, dass man heute unter den Wissenschaftlern eine wachsende Rückbewegung zum Schöpfungsgedanken bemerkt.

Ein modernes soziologisches Glaubensmotiv

1830 Über die religiöse Krise wollen Wir jetzt nur noch ein Wort anfügen. Man darf die Glaubensschwierigkeiten nicht allein betrachten, sondern muss sie im Zusammenhang des Problems Religion und Welt sehen. Einzelfragen haben schon oder werden eines Tages ihre Lösung finden, seid dessen gewiss; aber unter den Tatsachen, die sich dem Geist angesichts der Menschheit in ihrer alten und neuen Geschichte, angesichts der Gegebenheiten der Soziologie, vor allem der zeitgenössischen, darbieten, erweist sich ein Gesetz unserem Blick mit zwingender Evidenz: ein der menschlichen Würde angemessenes Leben ist nur möglich, wenn die einzelnen wie die Gemeinschaft und die öffentlichen Autoritäten sich auf das Fundament der Religion stützen, wenn sie den persönlichen Gott anerkennen, seine Ordnung und seine Gebote. « Massen » ohne Gott lassen sich auf die Dauer nur mit Terror zusammenhalten. Dieses Gesetz galt schon immer, doch keine Generation hat seine Bedeutung tragischer an sich selbst erfahren müssen als die gegenwärtige. Ist dies nicht für jeden unvoreingenommenen Geist ein mächtiges Zeugnis für die Existenz Gottes?

Schluss: Treue gegen Gott. Das Profil des Universitätsstudenten. Segen

1831 Mit Gott im Geiste, mit Gott im Herzen, mit Gott im Munde und in rückhaltloser Übereinstimmung mit seinem weisen Gesetz und seinen liebevollen, manchmal geheimnisvollen Anordnungen werdet Ihr imstande sein, ruhigen Gemütes der schweren Fahrt entgegenzusehen, die Euch bevorsteht. Ohne ihn wären auch die Berufstätigkeiten und vor allem jene, die mit dem menschlichen Geist besonders eng verbunden sind wie die Philosophie, der Unterricht, die Jurisprudenz, die Medizin, die Politik, in ihrer Kraft geschwächt.

1832 Seid gewiss, dass die beste Art und Weise, unnötigen Schiffbruch zu vermeiden und die Fackel des Glaubens leuchtend hochzuhalten, darin besteht, seine Vorschriften zu halten mit der gleichen Reinheit, mit der Ihr die göttlichen Gebote auf den Knien Eurer Mutter und gleichsam unter ihren Augen gelernt habt, und dies gilt vor allem für Euch, die Ihr, so fern der Heimat, bisweilen das Gefühl habt, als wäret Ihr von der großen Stadt verschlungen und gleichsam zu namenlosen Wesen gemacht und darum umso mehr den Verlockungen des Bösen ausgesetzt.

1833 So denn, geliebte Söhne, möchten Wir gerne die liebe Universitätsjugend sehen: bewusst ihrer schweren sozialen Verantwortung, eifrig in der Vorbereitung darauf, großherzig im Streben nach dem Höchsten, bewandert in den Wissenschaften, stark im Glauben, ergeben dem Vaterland, hochhaltend die edlen Traditionen des Römischen Athenäums, das der Kirche und Italien schon so viele ausgezeichnete Männer geschenkt hat. Möge sich das Reich Gottes, das Harmonie ist von Himmel und Erde, von menschlichen Werken und sittlichen Tugenden, von Ruhe in der Zeit und ewiger Glückseligkeit, in Euren Seelen festigen.

1834 Mit diesen Wünschen erteilen Wir von Herzen Euch, Euren hochverehrten Lehrern und den Familien, deren kostbarer Schatz Ihr seid und bleibt, für Euer augenblickliches Leben, für den glücklichen Erfolg in Euren Studien und den bevorstehenden Prüfungen sowie für Eure Zukunft Unseren väterlichen Apostolischen Segen.

19. März 1953

Ansprache
Siamo ben felici

an Lehrer und Schüler italienischer Volksbildungsschulen
Erwachsenenbildung
(Offizieller italienischer Text: AAS XLV [1953] 230-238)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 889-900; Nrn. 1771-1791)

Einleitung: Volksbildung und Kirche

1771 Wir schätzen Uns glücklich, geliebte Söhne und Töchter, am Fest des glorreichen heiligen Patriarchen Joseph, des reinsten Bräutigams der allerseligsten Jungfrau, des Nährvaters und Beschützers Jesu, des Patrons der ganzen Kirche, eine so zahlreiche Schar von Erziehern und erwachsenen Schülern, die von der verdienten « Vereinigung der katholischen Lehrer Italiens » zusammengerufen wurden, zu empfangen, und gern ergreifen Wir diese Gelegenheit, um Euch das lebhafte Interesse zu bekunden, das die Kirche an Eurer Arbeit hat.

1772 Mannigfaltige Unternehmungen haben in unserem Jahrhundert das Anliegen der Erwachsenenbildung gefördert, und vor allem konnte man nach dem letzten Weltkrieg ein Anwachsen der Schulungskurse für diejenigen feststellen, die das schulpflichtige Alter schon überschritten haben oder auS verschiedenen Gründen die allgemeinen Schulen nicht besuchen konnten. Besonders Italien besitzt schon ein großartiges Netz von Volksschulungskursen, an denen gegenwärtig ungefähr eine halbe Million Schüler teilnimmt. Zahlreiche private und öffentliche Einrichtungen nationalen oder örtlichen Charakters bemühen sich, zu diesem Werk ihren Teil beizutragen, sei es durch Kurse für Allgemeinbildung, sei es durch Unterricht für die Vervollständigung auf Einzelgebieten der Berufsschulung.

1773 Die « Vereinigung der katholischen Lehrer » wollte da nicht zurückbleiben noch ihr Ideal verleugnen. Wir wünschen ihr von Herzen Glück zur tätigen Mitarbeit an einem Werk, dessen soziale Bedeutung nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Es kommt für Euch tatsächlich darauf an, auf diesem Gebiet des Apostolats einen hervorragenden Platz einzunehmen, denn die Kirche hat schon immer die Erziehung nicht nur als äußerst wichtig, sondern auch als eine ihrer Hauptpflichten betrachtet. Sie war die große Erzieherin der Völker, ob sie nun diese Aufgabe durch ihre Priester und Ordensleute ausübte oder Einrichtungen von Laien anregte und leitete. Sie bewahrte die antike Kultur auch in den dunkelsten Jahrhunderten; im Mittelalter erfüllte sie ihr Amt als Lehrerin in jeder nur möglichen Weise; in der Neuzeit gründete sie die ersten öffentlichen Schulen, und in den Missionsländern bringt sie mit dem Evangelium auch die weltliche Kultur. Hat sie etwa nicht die Aufgabe, den Menschen zur vollen Entwicklung seines Wesens zu führen, zur Erlangung seines irdischen und himmlischen Lebenszieles ?

1774 Wenn nun die Kirche auf Grund ihres eigenen Amtes sich in besonderer Weise der Erziehung widmet, so versteht man leicht, mit welcher Sorge sie sich den Nöten zuwendet, die in unseren Tagen die Schar jener offensichtlich macht, die in ihrer Kindheit und in der Jugend keine ihren Bedürfnissen oder ihren Wünschen entsprechende Erziehung haben konnten. Diese Nöte werden jetzt umso lebhafter fühlbar, da die schnelle Entwicklung der modernen Gesellschaft einen tiefgreifenden Einfluss auf das Familien-, das Gemeinschafts- und das Berufsleben ausübt. Vor den vielfachen und schwierigen Aufgaben der gegenwärtigen Zeit sehen sich viele ungewappnet. Einerseits erkennen sie ihre Verantwortung, andererseits fehlen ihnen jedoch die Mittel, um ihr nachzukommen; wegen eigener oder ihrer Familien Nachlässigkeit oder auch wegen unfreiwilliger Umstände besitzen sie nicht einmal die Volksschulbildung; oft möchten sie Vergessenes wieder auffrischen und vertiefen, ergänzen, auf den Stand der gegenwärtigen Zeit bringen oder auch von jenen, die besser geschult sind, erfahren, über welche Anlagen sie verfügen und wie diese besser nutzbar gemacht werden können. Dies sind also die Nöte, denen die Volkserziehung abhelfen will, und nun möchten Wir Euch einige Richtlinien geben, die Euch in Euren Bemühungen leiten und Euch helfen sollen, Eurem Unternehmen eine größere apostolische Wirksamkeit zu verleihen.

1. Schulung für das Ehe- und Familienleben

1775 Die Bedeutung der Politik und die Ausdehnung der Wirtschaft in der gegenwärtigen Welt regen selbstverständlich die Lehrer in der Erwachsenenbildung an, vorzugsweise diese Materie zu behandeln. Aber hat man vielleicht nicht zu oft vergessen, dass die Grundlage der Gesellschaft, der erste Raum jeder Erziehung und Kultur die Familie ist? Kommt nicht gerade von dieser Verkennung her jene « Entpersönlichung » der gesellschaftlichen Beziehungen, die Wir in Unserer letzten Weihnachtsbotschaft beklagt haben? Der Arbeiter ist nicht in erster Linie ein Produzent oder ein Wähler, sondern ein menschliches Wesen, das dürstet nach Liebe und Hingabe, das sich danach sehnt, die innersten Schätze seines Herzens und nicht allein die Arbeit seiner Hände anderen zu schenken. Glaubt man etwa heute nicht, dass es notwendig ist, die höchste Kunst der Leitung der Familiengemeinschaft zu lernen, in welcher der Mann im weitesten Maße alle seine Herzens- und Geistesfähigkeiten, alle seine Gaben und Möglichkeiten ausübt? Das Versagen nicht weniger Ehen, die Entgleisungen unglücklicher Jugendlicher, die von ihrer Familie vernachlässigt wurden, beweisen das Gegenteil. Es ist also wesentlich, dass die Volkserziehung die Bedeutung der Vorbereitung der Jugend auf die Ehe und die schweren Pflichten des Familienvaters und der Familienmutter nicht aus dem Auge verliert. Bevor sich die Jugendlichen in das Leben einordnen, müssen sie die Wahl ihres Berufes und ihres Wohnsitzes den Richtlinien der menschlichen und christlichen Klugheit unterwerfen, ihre physischen, wirtschaftlichen und geistigen Möglichkeiten überschauen und berechnen und dürfen nicht bloß auf gut Glück einen so großen und wichtigen Schritt unternehmen. Die Volkserziehung muss ihnen helfen und sie aufklären über die Anforderungen und Schwierigkeiten des Ehelebens und die Gründung einer häuslichen Gemeinschaft.

1776 Wenn sich der Arbeiter der Größe seines Vaterberufes bewusst ist, wenn sich die Mutter, geleitet von einer entsprechenden Unterweisung, ihrer Erziehungsaufgabe widmet, so wird die Lebenszelle der Gesellschaft gesund und stark sein. Dazu ist aber erforderlich, dass die Mütter sich die notwendigen Grundkenntnisse für die Führung der Familie erwerben, die Kunst, ein Haus in Ordnung zu halten, die Ausgaben angemessen zu gestalten; sie müssen die nötigen Kenntnisse in der Kinderpflege und vor allem ein genügendes Wissen über die Erziehungsregeln besitzen. Sie sollen sich Erfahrungen anderer zunutze machen und sich nicht zu sehr nur auf ihren mütterlichen Instinkt verlassen, der sie aus sich allein nicht immer und mit Sicherheit vor schädlichen Irrtümern bewahren wird.

1777 Was den Familienvater betrifft, so besteht zweifelsohne eine seiner Hauptaufgaben darin, für Frau und Kinder die für das Leben unentbehrlichen finanziellen Mittel zu beschaffen. Oder ist er nicht vor allem der erleuchtete und kluge Führer, der sich auf seine persönliche Erfahrung stützt, ein Kenner der großen Lebensgesetze, aber auch der verborgenen Wünsche und Schwierigkeiten der Seinen, denen er einen geistigen Halt bietet, der viel kostbarer und notwendiger ist als jeder materielle Schutz? Wenn die Volkserziehungsschulen dies erreichen, dass sie nämlich ihre Schüler richtig in die Erziehungskunst einführen, welch kostbaren Dienst leisten sie dann der Familie, der Gesellschaft und der Kirche!

2. Vorbereitung für das staatsbürgerliche Leben Erziehung zur politischen Reife

1778 Obwohl die Familie die erste Grundlage jeder menschlichen Kultur bildet, so muss sie sich doch im Rahmen der Gemeinschaft entfalten. Damit wollen alle gesellschaftlichen und rechtlichen Beziehungen bezeichnet sein, die den Menschen mit seinen Mitmenschen und mit der staatlichen Autorität verbinden. In unseren Tagen erstrecken sich solche Beziehungen weit über die politischen Grenzen hinaus. Eine internationale Gemeinschaft bildet sich, in der jeder den Platz kennen muss, den er einnimmt, und die Aufgabe, die er erfüllen muss. Diese Aufgabe wird gewöhnlich bestimmt im Hinblick einerseits auf die Pflichten, andererseits auf die Rechte und Freiheiten, die der Bürger verlangen kann, die jedoch sehr oft mehr oder weniger bloße Theorie bleiben. Die Unwissenheit der Massen und ihre Unfähigkeit liefern sie schutzlos der Gewalt gewandter Agitatoren oder skrupelloser Politikaster aus. Einer intensiven, wenn auch durch und durch lügnerischen Propaganda gelingt es immer wieder, eine hohe Zahl von Leuten zu überzeugen, die bar sind jeden, auch des elementarsten kritischen Sinnes und folglich unfähig eines persönlichen Urteils, mit dem sie die wirklichen Verhältnisse einschätzen und sachgerechte Behauptungen von unausführbaren Versprechungen unterscheiden könnten.

Einführung in die sozialen Fragen

1779 Das Wahlrecht im besonderen, das allen die gleiche Möglichkeit der Einflussnahme auf das öffentliche Leben gibt, verlangt von dem, der es ausübt, eine wenigstens grundlegende Kenntnis der politischen Prinzipien und ihrer Anwendung im nationalen wie übernationalen Raum. Das gleiche gilt von den sozialen Fragen. Die Gruppen und Verbände, die es auf sich genommen haben, die Interessen der Arbeiter zu verteidigen, eine Hebung ihres Lebensstandards zu sichern, ihnen im Krankheits- oder Unglücksfall zu helfen, haben sich vermehrt, und wahrlich nicht ohne Nutzen. Ihre richtige Wirksamkeit jedoch setzt bei den Mitgliedern voraus, dass sie ihren Anteil an Initiative und Verantwortung auch behalten. Vor kurzem noch haben Wir den übermäßigen Einfluss von anonymen und mechanisierten Einrichtungen auf das gesellschaftliche Leben missbilligt. Es geht nicht nur darum, die Menschen in das theoretische Funktionieren dieser Einrichtungen einzuführen, sondern sie auch zum Schutz ihrer wahren Interessen und vor allem ihres Gewissens anzuleiten.

1780 Der Volkserzieher muss es also verstehen, in einer klaren und den Umständen angepassten Weise die Lehre der Kirche auf diesem Gebiet darzulegen. Er wird, indem er aus den vielfältigen Tatsachen des täglichen Lebens Nutzen zieht, die Gründe ihres guten oder schlechten Gelingens analysieren, wird darauf ausgehen, die Bedeutung und die Funktion der verschiedenen Faktoren zu unterscheiden, wird zeigen, wie das theoretische Prinzip seine Anwendung gefunden hat. Das Wesentliche ist, die Kunst der Unterscheidung des Wahren vom Falschen beizubringen, den Sinn für politische und wirtschaftliche Realitäten in Übereinstimmung mit der christlichen Lebensauffassung zu wecken, die in gleicher Weise den Materialismus und den egoistischen Individualismus ablehnt und den Menschen in seiner ganzen Wirklichkeit betrachtet, nämlich zugleich als Leib und Seele, als Einzelperson und Glied der Gesellschaft, als Erdenbürger und Erwählten des Himmels. Nur diese Zusammenschau kann dann zum rechten Verständnis der Einzelprobleme führen. Möge doch die Volkserziehung dazu beitragen können, das schwierige Gleichgewicht zu sichern zwischen der konstruktiven Tätigkeit der einzelnen im Dienst der sozialen Wohlfahrt einerseits und der notwendigen Schutz- und Verteidigungsaufgaben der Organisationen anderseits, die das Handeln der einzelnen unterstützen, jedoch nicht ersticken sollen.

3. Berufsausbildung und berufsethische Bildung

1781 Wir erachten es als überflüssig, Uns über den Segen der Volkserziehung für die berufliche Ausbildung zu verbreiten. Der Mensch übt seinen Beruf nicht allein um des Gewinnes willen aus, sondern auch, um seine physischen, sittlichen und geistigen Kräfte zum Nutzen der Gemeinschaft einzusetzen. Jenen zu helfen, die den gänzlichen oder teilweisen Ausfall der Lehrzeit nachzuholen wünschen; eine Berufswahl zu ermöglichen, die ihren Anlagen oder ihrem Geschmack mehr entspricht; ihnen eine Stütze zu verschaffen für den Tag, an dem Arbeitslosigkeit sie in ihrem Hauptberuf trifft: dies alles sind ernsthafte Vorteile, deren sich schon zahlreiche Schüler erfreuen. Sie wären jedoch noch ungenügend, wenn man nicht einem jeden dazu verhelfen würde, seine Arbeit nicht wie ein blindes Werkzeug oder wie ein einfaches Rad eines ausgeklügelten Mechanismus auszuführen, sondern als Mensch, der in seiner Arbeit selber eine Freude findet, die träge Materie zu beherrschen und zwar mit Verstand und Geschick, um sie in den Dienst nützlicher Ziele für die menschliche Gesellschaft zu stellen.

4. Vermittlung allgemein menschlicher und christlicher Kultur

1782 Die Volksbildungsschule muss darum nicht nur Unterricht vermitteln, sondern auch eine Erziehung, eine Kultur. Sie muss, ohne sich damit zu begnügen, positive Normen, technische und methodische Kenntnisse zu bieten, sich auch mit ausgesprochen menschlichen Problemen geistiger Art befassen. Viele Arbeiter sind heutzutage schon imstande, ein menschenwürdiges Dasein zu führen: Verminderung der Arbeitsstunden, bessere Löhne, gesicherte Freizeit erlauben ihnen, nach Erledigung ihrer beruflichen Pflichten, sich einer Weiterentfaltung ihrer menschlichen Fähigkeiten zu widmen. Sind nicht jene Stunden die kostbarsten, in denen sie ohne sich von ihrem Heim zu entfernen und ohne ihre Familienpflichten zu vernachlässigen, ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen und sich mit anderen zusammenfinden, um mannigfache kulturelle und karitative Tätigkeiten auszuüben, die alle bestimmt sind, ihre Sehnsucht nach dem Guten und Schönen zu stillen und ihnen außer der Größe der Schöpfung und des menschlichen Geistes vor allem jene ihrer eigenen übernatürlichen Berufung aufgehen lassen?

1783 In der Tat, um die eigenen Pflichten als Mensch zu erfüllen, muss man wissen um den Sinn seiner individuellen und sozialen, natürlichen und übernatürlichen Bestimmung. Alle die großen Fragen, die Wir hier angeführt haben, die das Einschlagen der Berufslaufbahn, die Frage der Ehe und Kindererziehung, die politische Reife, den Beitrag zu sozialen Unternehmungen betreffen, setzen die Lösung des Grundproblems der menschlichen Bestimmung, der Bedeutung von Freud und Leid, von Schwierigkeiten, von Erfolg und Misserfolg voraus. In den vergangenen Zeiten fand der Mensch die Erklärung dieser tiefgründigen Tatsachen des Lebens in der christlichen Familientradition, die sich auf die Erfahrungen der Vorfahren stützte. Heute bringen die Industrieverhältnisse eine Entwurzelung des einzelnen und der Familie mit sich, die sich dann an angeblich neue, schon fertige Systeme anklammern, denen aber in Wirklichkeit eine kurzsichtige und materialistische Auffassung vom Menschen und seinem Wesen zugrunde liegt. Die Volksschulung muss deshalb, falls sie nicht in ihrer Zielsetzung fehlgehen will, sich bemühen, diese Verirrten in Berührung zu bringen mit der lebendigen Tradition, besonders mit jener der Kirche, mit der so einfachen Lehre des Katechismus, der Heiligen Schrift, der christlichen Feste. Der Volksbildungslehrer wird auch nicht den Reichtum des vaterländischen und heimatlichen Volkserbes unberücksichtigt lassen, das oft so bunt und anziehend ist, reich an jahrhundertealter Weisheit. Indem man so den Menschen wieder mit seiner menschlichen und religiösen Vergangenheit in Verbindung bringt, gibt man ihm die Sicherheit zurück, sich selbst zu führen und den anderen Leuchte zu sein. Er wird leichter die Last seiner Verantwortung tragen, wenn er weiß, dass sein Handeln über die Grenzen seines persönlichen Lebens hinausgeht und für die Zukunft den Weg bahnt zu einer Welt, die erhellt ist von der christlichen Hoffnung.

5. Richtlinien für die Volksbildungsschulen

Die Unterrichtsmethode

1784 Um eine solche Aufgabe, die Eures hochherzigen Bemühens würdig ist, zu erfüllen, setzt Ihr die Notwendigkeit einer methodischen und längeren Vorbereitung voraus. Deshalb möchten Wir jetzt Eurem Geist einige Hinweise geben über die Vorbedingungen der Erwachsenenerziehung und die Eigenschaften, die sie bei den Lehrern verlangt.

1785 Der Name « Erwachsenenerziehung » enthält, wie Ihr wohl wisst, verschiedene Stufen des Unterrichts und der Bildung. Wenn wir die gesamte Menschheit ins Auge fassen, so finden wir einen beträchtlichen Teil von Analphabeten. Es handelt sich also vor allem darum, Millionen von Menschen das Lesen und Schreiben beizubringen. Die zweite Stufe der Erwachsenenerziehung bildet die Ergänzung des unvollständigen oder schlecht mitgemachten Volksschulunterrichts. Die weitaus größere Zahl der Personen, die zur Zeit Volkserziehung in Italien genießen, gehört zu dieser Kategorie. Wir freuen Uns, dass auch die dritte Stufe schon zahlreiche Schüler erfasst, die eine noch nützlichere Vorbildung erlangen möchten, um sich so in ihrem Beruf zu vervollkommnen und der menschlichen Gesellschaft noch bessere Dienste leisten zu können.

1786 Wir müssen überdies bemerken, dass die Erwachsenen freiwillige Schüler sind. Deshalb muss man sie zunächst sehr oft vom wahren Nutzen der Fortbildung überzeugen; sodann muss man ihre Aufmerksamkeit in Spannung halten, ihr Interesse wecken, um so ihre Ausdauer zu festigen, ohne die ja ein erfolgreiches Arbeiten nicht möglich ist. Der erste Einwand, der beseitigt werden muss, ist die Meinung, der Erwachsene sei nicht mehr fähig, einen wirklichen Nutzen aus der Schule zu ziehen. Nun haben aber zahlreiche Erfahrungen bewiesen, dass der Erwachsene zwischen fünfundzwanzig und fünfundvierzig Jahren im vollen Besitz seiner Lernfähigkeit ist; dass er einen größeren freiwilligen Fleiß aufbringen kann; dass er mehr schätzt, was er lernt; dass er seine Kenntnisse besser ordnet und sie klüger auszunützen versteht. Der Drang nach Wissen findet sich in jeder Altersstufe, und wer die Nachteile der Unwissenheit erfahren hat, wird sich immer freuen, wenn man seinem Mangel abhilft. Es ist wohl wahr, dass der Wissensdrang durch die tägliche Beschäftigung bei vielen Erwachsenen erstickt oder durch Trägheit eingeschläfert wird; so stumpfen dann die geistigen Fähigkeiten ab, und es bildet sich die falsche Meinung, die Erwachsenen seien zum Lernen wie zum Behalten des Gelernten nicht mehr in der Lage. Andererseits beweisen jedoch die Tatsachen, dass viele Schulen für Erwachsene eine bemerkenswert hohe Zahl von Hörern festzuhalten vermögen. Hier ist es Aufgabe des Lehrers, die Gründe zu erforschen, weshalb der einzelne nach Fortbildung strebt und wie dieses Streben als Grundlage sowohl für die Vervollkommnung der Persönlichkeit wie für eine tiefere Schau der Dinge dienen könnte.

Die ideale Lehrerpersönlichkeit der Volksbildungsschule

1787 Selten sind tatsächlich die Erwachsenen, die den Mut aufbringen, sich selbst fortzubilden, und diese Methode führt oft genug auch zu gefährlichen Missbildungen. Die Gegenwart des Lehrers und der lebendige Kontakt mit ihm ist, allgemein gesprochen, für den Erwachsenen Gleicherweise unersetzlich wie für das Kind, weil der Erwachsene sich langsam anpasst und das Bedürfnis hat, seine Kenntnisse zu diskutieren und zu erörtern. Der Lehrer muss seinen Unterricht verlebendigen, zum Nachdenken anregen, einem jeden seiner Schüler die Talente aufdecken, über die er verfügt. Er wird ihn in engere Berührung mit sich selbst, mit der Natur, mit der Familie, mit den Mitbürgern, mit der Kirche, der Gemeinschaft der Kinder Gottes, und mit Gott, dem Ursprung und Ziel jeglichen Lebens, bringen. Um das zu erreichen, bedarf er weder einer höheren Intelligenz noch einer großen Gelehrsamkeit, sondern eines achtunggebietenden, großmütigen und selbstlosen Charakters. Die Art, sich auszudrücken, sich zu benehmen, mit den Schülern zu verkehren, auf ihre Fragen zu antworten, sie zu fragen, zu loben, ihre Aufmerksamkeit anzuregen, all dies bildet eine Lektion, die sie nie vergessen werden. Für den guten Erfolg braucht der Erzieher nicht einzig und allein auf sich selbst zu zählen. Es gibt Methoden und Arten der Unterrichtstechnik für Erwachsene, die sich schon gut bewährt haben. Die Hör- und Sehmittel spielen dabei eine besonders große Rolle. Es sind Bücher zur Einführung verfasst worden, die der Bildungsstufe derer, die eine Erwachsenenschule besuchen, angepasst sind; sie unterstützen den Lehrer, der jedoch stets Berater bei der Lektüre seiner Schüler sein muss.

1788 Aber er muss sein Ziel höher stecken und den Erwachsenen an der Erarbeitung des Lernstoffes teilnehmen lassen durch Übungen des Nachdenkens und des Ausdrucks, die in kleinen Gruppen an Hand konkreter Themen ausgeführt werden sollen, damit der Schüler lerne, den unermesslichen Schatz der täglichen Erfahrung in lebendiges Wissen umzugestalten. Der Erwachsene muss im Rahmen des Möglichen instand gesetzt werden, seine eigene Freiheit zu bewahren; das will jedoch nicht besagen, dass er sich absondern und seine Mithilfe versagen soll wo man ihn braucht. Man muss ihm die Einflüsse, denen er täglich von allen Seiten her ausgesetzt ist, zum Bewusstsein bringen: Reklame, Presse, Radio, Kino; und man muss ihn fähig machen, sich in acht zu nehmen vor allem, was ihn bewusst oder unbewusst dazu bringen kann, gegen seinen eigenen Willen zu handeln, seine persönliche Überzeugung aufzugeben, seine Zustimmung zu erpressen oder sein Geld herauszulocken; mit einem Wort, er muss gefeit werden gegen all jene Faktoren der « Entpersönlichung », die Wir bereits erwähnt haben.

6. Außerschulische Faktoren der Volksbildung

1789 Aus allem, was Wir hier dargelegt haben, folgt selbstverständlich, dass eine wirksame und allgemeine Erziehung des Volkes nicht das Werk einer einzigen Einrichtung sein kann, sondern das Ergebnis einer Vielheit von Unternehmungen, die ausgehen von Leuten, die irgend wie eine Autorität im Volke besitzen. Wer immer sich aus irgend einem Grund an die Öffentlichkeit wendet, hat auch Anteil an der Verantwortlichkeit für die Volkserziehung; dies können sein: Zeitungsredakteure, Rundfunkleiter, Kinobesitzer und Theaterdirektoren, Leiter des Reklamewesens, Buchverleger und Buchhändler.

Aber auch die Beamten, die Vertreter des Staates und die öffentlichen Angestellten haben hier ihre Verantwortung; denn es gibt eine Art und Weise erzieherisch zu wirken im Organisieren der Arbeit, im Gestalten der Volksfeste, in der Festsetzung und Beobachtung der Vorschriften und im Dienste am Gemeinwohl. In gewissem Sinn kann man sagen, dass die Volkskultur eines Landes dessen Charakter widerspiegelt: die Jahrhunderte haben dazu beigetragen; die Einrichtungen, die Sprache und die Bräuche sind zugleich ihre Frucht und ihre Werkzeuge, da sie den Geist der Zeitepoche, in der sie entstanden sind, zum Ausdruck bringen und zugleich dazu helfen, ihn zu erhalten. Man braucht nur von einem Land ins andere zu reisen, um sich über die manchmal sehr beträchtlichen Unterschiede zu vergewissern, die selbst benachbarte Völker voneinander trennen. Hinter der Vielfalt der einzelnen findet man ein gemeinsames Kulturgut, ein gemeinsames künstlerisches, literarisches und folkloristisches Erbe, an dem alle mehr oder weniger teilhaben. Wir brauchen Euch nicht zu sagen, wie reich dieser Schatz in Eurem schönen Vaterland ist und welche Anerkennung jene verdienen, die ihn Euch überliefert haben.

Schlussgedanken : das Apostolat der Volksbildung. Ermunterung für Lehrer und Schüler. Segen

1790 Ihr habt, geliebte Söhne und Töchter, die Ihr Euch der Erziehung der Erwachsenen widmet, die Bedeutung dieser Tätigkeit, aber auch ihre Kompliziertheit und die vielseitigen Anforderungen, die sie an Euch stellt, erfasst. Möget Ihr mit Mut aushalten und eine große Zahl von Nachahmern finden. Es handelt sich ja nicht nur darum, einen gewinnbringenden Beruf auszuüben, sondern um ein wirkliches Apostolat, das zugleich ein menschliches und ein christliches ist, für Euch eine Quelle innerer Freude im Bewusstsein, einen Dienst von ganz hohem Wert zu leisten. Und so sind Euch die Bewunderung und die Zuneigung Eurer Schüler gewiss; denn sie sind froh, nicht nur das Geschenk Eures Wissens, sondern vor allem das Eurer Seele und Eures Herzens erhalten zu haben.

1791 Und Euch, die Ihr Euch als Lernende für diese Volkserziehungskurse gemeldet habt, beglückwünschen Wir zu Eurem Verlangen nach Fortbildung, zu Eurem Wunsch, besser ausgerüstet zu sein für die Erfüllung all jener Pflichten und Verantwortung, die unser Zeitalter Euch auferlegt. Eure Ausdauer wird die Belohnung nicht nur in Eurer persönlichen Vervollkommnung finden, sondern in dem Fortschritt, der dadurch Eurer Familie wie dem ganzen sozialen Bereich, in dem ihr lebt, zukommen wird.

Mit diesen Wünschen und als Unterpfand der überströmenden himmlischen Gnaden spenden Wir Euch, Euren Familien sowie allen, die Euch teuer sind, in väterlicher Liebe Unseren Apostolischen Segen.

1. Mai 1953

Ansprache
Ci mancano

an italienische Arbeitergruppen
über die Arbeitslosigkeit
(Offizieller italienischer Text: AAS 45 [1953] 290-293)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 336-340; Nrn. 717-723)

1. Begrüßung verschiedener Arbeitergruppen

Geliebte Söhne! Fast fehlen Uns die Worte, um Euch auszudrücken, wie bewegt Unser Inneres ist, und welche Freude Unser väterliches Herz bei dem einzigartigen Schauspiel empfindet, das Ihr Unseren Augen bietet.

Die allerseligste Jungfrau Maria, die gegen Uns immer so voll mütterlicher Güte ist, hat Uns am ersten Tag dieses ihr geweihten Monats ein Geschenk machen wollen, das Uns eines der liebsten ist: sie hat Uns durch Euren Besuch, geliebte Arbeiter, erfreut, die Ihr aus den verschiedensten Gegenden Italiens nach Rom gekommen seid.

Euch alle heißen Wir herzlich willkommen, die einzelnen Personen und die kleineren Gruppen, die Ihr die Gelegenheit wahrgenommen habt, um Euch um Uns zu scharen und Unseren Segen zu empfangen. Unser erster Gruß aber gilt den zweitausend Arbeitern, die zum Großteil aus der starken und christlichen Erde von Frosinone stammen.

Als Wir erfuhren, dass zu Gunsten der schlimmsten Notstandsgebiete Süditaliens ein großzügiges Arbeitsprogramm geplant sei, waren Wir darüber sehr erfreut, und zwar nicht allein, weil man damit ein konkretes und mutiges Werk zur Wiedergeburt jener Gebiete durch Urbarmachung, Verbesserung der Güter, Staubecken im Gebirge, Wasserleitungen und Straßen begann, sondern ebenso wegen der sich daraus ergebenden besseren Beschäftigungsmöglichkeit, die mit der Arbeit Zufriedenheit und Wohlstand in Eure Familien bringen würde.

Nur Gott kennt Unsere Sorgen und Wir möchten fast sagen Unsere bis zum Tod gehende Trauer, die Wir bei dem Gedanken empfinden, dass so vielen Unserer arbeitslosen Söhne das fehlt, was sie für einen angemessenen Unterhalt nötig hätten!

Einen weiteren Sondergruß möchten Wir sodann an die fünfzehnhundert Arbeiter aus Reggio Emilia richten. In diesem Land, das Unserem Herzen besonders teuer ist - das so viele Märtyrer des Blutes und des Schweigens zu den Seinen rechnet - und wo es gewiss nicht an dunklen Schatten fehlt, dort leuchtet heute ein Licht christlicher Wiedergeburt durch das Wirken mutiger und einträchtig zusammenarbeitender Priester und Gläubigen. Sie bebauen mit glühendem Eifer jene Teile des Weinberges Christi, die so sehr durch kalte Gleichgültigkeit und dornenreiche Gegensätzlichkeit bedroht werden, wo man aber auch schon neue kraftvolle Ansätze durchbrechen sieht, deren verheißungsvolle Entwicklung auch kein gegnerisches Unwetter mehr wird aufhalten können.

Wir wissen, dass auch Euer verehrter Oberhirte großzügig auf Unsere Aufforderung zur Mithilfe am Aufbau der ersehnten Erneuerung der Welt geantwortet hat und sprechen daher ihm wie allen, die mit ihm an diesem Werk der Erneuerung und Rettung mittätig sein wollen, von ganzem Herzen Unseren Dank aus. Mit nicht geringerer Genugtuung begrüßen Wir die Wiederaufnahme der Arbeit in den Werkanlagen von Reggio, die für Eure Industriestadt eine Quelle von Arbeitsmöglichkeit und Wohlstand bedeutet.

2. Sinngehalt des ersten Mai («Fest der Arbeit»)

Die Welt feiert heute am ersten Mai das «Fest der Arbeit». Wer wäre mehr dazu berufen, diesem Tag einen tiefen Sinn zu geben als der wahre Christ? Für ihn ist es ein Tag, an dem er nur um so glühender den Gottmenschen, unseren Herrn Jesus Christus, verehrt und anbetet, der, um unser Vorbild, unser Trost und unsere Heiligung zu sein, den größten Teil seines Lebens in der Ausübung eines Handwerks wie ein einfacher Arbeiter zubrachte (Vgl. Mt. 13, 55; Mk. 6, 3). Es ist der Tag, an dem alle, denen es vergönnt ist, durch ihre Arbeit sich und den Ihrigen ein ruhiges und friedliches Leben zu sichern, Gott Dank sagen; es ist der Tag, an dem sich der Wille bezeugt, Klassenkampf und Klassenhass zu besiegen durch die Kraft, die aus der Verwirklichung der sozialen Gerechtigkeit, aus der gegenseitigen Achtung und dem brüderlichen Wohlwollen um der Liebe Christi willen hervorgeht; es ist schließlich der Tag, an dem die gläubige Menschheit feierlich verspricht, durch die Arbeit ihres Geistes und ihrer Hände eine Kultur zur Ehre Gottes zu schaffen, eine Kultur, die den Menschen keineswegs von Gott entfernt, sondern ihn vielmehr ihm näher und näher bringt.

3. Die Arbeitslosigkeit

Problem ganz Europas

Doch darf das «Fest der Arbeit» nicht dazu verleiten, das Problem der Arbeit selbst aus dem Blickfeld zu verlieren. Nur zu viele sind immer noch von der Geißel der Arbeitslosigkeit betroffen, und viele, die zwar augenblicklich beschäftigt sind, leben doch in ständiger Furcht davor. Wir dürfen auch die nicht vergessen - sie sind besonders zahlreich unter den Tagelöhnern -, die unter ihrem Zustand der Halbbeschäftigung leiden, die mit der begrenzten Zahl oder dem Rückgang der Arbeitsstunden dem Arbeiter nicht genügend Lohn einbringt, um die notwendigsten Bedürfnisse für sich und seine Familie zu befriedigen. Gerne erkennen Wir die zahlreichen Maßnahmen an, die in jüngster Zeit zum Nutzen der Arbeiter ergriffen wurden, doch wie viel bleibt noch zu tun! Und Wir möchten Euch, geliebte Söhne, sagen können, in welchem Maße Wir an Euren und an den Sorgen Eurer Lieben teilnehmen !

Doch wenn Italien schwer unter der Arbeitslosigkeit leidet, so ist diese, und besonders die ständige Bedrohung durch sie, kein Übel, das nur Italien trifft, sondern es lastet mehr oder weniger auf allen Völkern Europas. Und es ist auch jedem unvoreingenommenen Beobachter klar, dass der Mangel an Arbeit, zum mindesten im gegenwärtigen Augenblick, nicht nur vom bösen Willen oder vom Missbrauch der Macht derjenigen abhängt, die etwas dagegen unternehmen könnten. Das ist um so wahrer, als einige wichtige Bedingungen, die während mehr als hundert Jahren der wirtschaftlichen Entwicklung günstig gewesen waren, sich heute vollständig gewandelt haben.

Europäische Lösung

Gewiss, die Kirche bleibt auch heute wie immer auf der Seite des Arbeiters, wenn er unter einem ungerechten Arbeitsvertrag leidet, oder wenn Kollektivverträge nicht eingehalten werden, oder wenn seine rechtliche, wirtschaftliche und soziale Lage ohne Schaden für die Rechte eines anderen verbessert werden könnte. Heute jedoch ist das Problem der Arbeit eine umfassendere Frage geworden, in der ganz Europa solidarisch ist. Die gegenwärtigen Bemühungen, Europa zu einer Einheit zu formen - wie immer das geschehen mag, wenn es sich nur als wirksam erweist -, erfordern auch die Schaffung neuer Bedingungen für seinen wirtschaftlichen Fortschritt; nur dann kann man hoffen, das Problem der Arbeit zu lösen. Wer glaubt, den Interessen des Arbeiters mit den alten Methoden des Klassenkampfes zu dienen, befindet sich im Irrtum, und es täuscht sich noch mehr, wer zudem noch meint, seine darauf abzielenden Bemühungen rechtfertigen zu müssen, als seien sie das einzige Mittel, noch einen religiösen. Einfluss auf die Welt der Arbeit ausüben zu können.

Zweifellos besteht der Vorteil einer europäischen Wirtschaft nicht einfach in der Vereinheitlichung eines ausgedehnten Raumes, in dem der sogenannte Marktmechanismus die Produktion und den Konsum regeln würde. Noch wichtiger ist es, dass innerhalb der Konkurrenz zugleich mit dem Aufbau der europäischen Wirtschaft die Stabilisierung eines wirklich sozialen Lebens, die gesunde Entwicklung der Familie von Generation zu Generation angestrebt wird, und dass in dieser Hinsicht und mit diesem Ziel die natürlichen Kriterien einer Organisierung der Produktion in Raum und Zeit und eines vernünftigen Konsums zur Geltung gebracht werden.

Das ist die einzige Art und Weise, in der Völker mit einer großen Anzahl von kinderreichen Familien, wie Italien, für die europäische Wirtschaft den wichtigen Beitrag ihres Reichtums an Arbeitskräften und ihrer Konsumkraft leisten können.

Schlusswort: Vertrauen auf Gottes Vorsehung

Ehe Wir Euch entlassen, geliebte Söhne, möchten Wir Euch noch ein Wort sagen, das Uns am Herzen liegt. Wir entnehmen es dem Evangelium, das Wir in der heutigen heiligen Messe gelesen haben.

Nach dem letzten Abendmahl sagte Jesus zu seinen Aposteln, und Wir wiederholen es Euch allen gegenüber: « Euer Herz lasse sich nicht verwirren » (Joh. 14, 1).

Wenn Ihr in Ängsten seid um Euch selbst; wenn Ihr an das Los Eurer Lieben denkt; wenn in Euch die Besorgnis darüber aufsteigt, was in der Welt geschehen könnte: « Non turbetur cor vestrum ! » - « Euer Herz verzage nicht!» Es sieht wohl so aus, als ob der Wille von ein paar Mächtigen und Anmaßenden die Geschicke der Menschen beherrsche und die Dinge und Ereignisse lenke; doch in Wahrheit liegt alles in den Händen Gottes, und nichts kann sich seiner starken und väterlichen Vorsehung entziehen. Gewiss sind die Zeiten, welche die Welt mitmacht, nicht so, dass sie denen Ruhe geben könnten, die ohne einen lebendigen Glauben ihr ganzes Vertrauen auf die Menschen und menschliche Berechnungen setzen. Anders jedoch Ihr, geliebte Söhne! Zwar müsst Ihr mit Fleiß und Mut arbeiten, und zuweilen seid Ihr gezwungen zu kämpfen, um Euer Recht auf Leben und Arbeit zu verteidigen. Aber das darf die Heiterkeit Eures Geistes nicht trüben, denn immer werdet Ihr auch bei den täglichen Sorgen und Nöten Euer Vertrauen auf den Vater setzen, der im Himmel ist.

19. Juli 1953

Ansprache
C'est avec

an folkloristische Gruppen aus verschiedenen Ländern
über die soziale Bedeutung des Brauchtums
(Offizieller französischer Text: AAS 45 [1953] 503-505)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 209-213; Nrn. 485-492)

Begrüßung der verschiedenen Volkstumsgruppen

Mit ganz besonderem Interesse begrüßen Wir heute die Gruppen, die nach ihrer Teilnahme an den internationalen Festveranstaltungen für Folklore hierher gekommen sind, um Uns ihre ergebene Huldigung zu erweisen.

Internationale Kongresse religiösen, sozialen oder wissenschaftlichen Charakters kann man in dieser Stadt Rom nicht gerade selten erleben, und sonst begegnet man hier aus allen Teilen der Erde Pilgern, die je nach Zusammentreffen diese oder jene Seite ihres Herkunftslandes darbieten. Man hat jedoch weniger Gelegenheit, jener Art von Kundgebungen beizuwohnen, zu der Sie eingeladen sind. Weckt eine derartige Festveranstaltung - vor allem wo sie von den « Etats-Généraux du Folklore» organisiert wird - nicht den Gedanken an eine wirklich angenehme Begegnung zwischen den so verschiedenen Völkern und Stammesgruppen, die stolz sind auf ihre an geschichtlicher und kultureller Vergangenheit so reichen nationalen oder regionalen Überlieferungen? Man kann dann bewundern, was die Volkskunst an Ursprünglichstem und bisweilen an Tiefstem sowie an Meisterwerken der Feinheit und Anmut hervorgebracht hat zur Freude und zum Nutzen der Teilnehmer oder mehr noch jener, die ihren aktiven Beitrag dazu leisten.

So bringen Sie nach Rom einige der besten Traditionen des kulturellen Erbes von England, den Antillen, von Spanien, Frankreich, der Französischen Union und Italien. Wir beglückwünschen Sie dazu, weil Sie Uns so viele Völker vor Augen führen, die Uns teuer sind, und weil Sie sich keine Mühe gespart haben, Ihrem Vaterland alle Ehre zu erweisen.

Die volkstumsfeindliche moderne Zivilisation

Kommt die Rede auf das Thema Brauchtum, so denken viele nur an ein gewisses Überleben alter Zeiten, das zwar schon ohne Zweifel würdig sei, bei außerordentlichen Anlässen in seiner Bedeutung unterstrichen zu werden, für das jedoch das Leben von heute kein großes Interesse besitze. Dass eine derartige Auffassung so weitgehend verbreitet ist, kennzeichnet nur eine der bedauerlichsten Folgeerscheinungen der Zivilisation unseres Jahrhunderts. Zu oft reißt die moderne Gesellschaft den Menschen aus seiner natürlichen Umgebung heraus, um ihn in die Stadt zu verpflanzen oder aus seiner Heimat zu vertreiben. Sie stellt ihn den ungeheuren Industrieunternehmungen oder dem Riesenbetrieb der Verwaltung zur Verfügung. Sie versetzt ihn in unorganische Menschenansammlungen, je nach der örtlichen Lage der Produktionsmittel. Selbst wenn sie die Familie nicht zerstückelt, nimmt sie sie aus dem Boden, in den die vorangegangenen Generationen sie hineingesenkt hatten.

Folklore als Ausdruck inneren Reichtums

Zweifellos handelt es sich hier um eine Wirklichkeit, mit der sich die Gesellschaft, vorläufig wenigstens, abfinden muss. Wir haben jedoch schon zu Beginn dieses Jahres in Unserer Ansprache an die Schüler der Volksbildungsanstalten betont, dass der Beruf und seine Anforderungen nicht allein das Wesentliche der menschlichen Betätigung ausmachen. Über den Beruf hinaus gibt es andere Aufgaben, die Anforderungen an den persönlichen Reichtum von Geist und Herz stellen und die tiefsten Gefühle ansprechen, die mit den großen Ereignissen des Menschenlebens und auch mit jenen Freuden und Leiden verbunden sind, deren Wechsel den Episoden unserer täglichen Mühen ihren Rhythmus geben. Diese Gefühle drängen danach, sich nach außen kundzutun, sich der Gemeinschaft mitzuteilen. Doch die Zivilisation, die dem Menschen die Gesetze der Maschine auferlegt, droht auch den normalen Lauf seiner Freizeit zu vergewaltigen; sie schafft zu leicht das künstliche, egoistische, banale Vergnügen, das gebrauchsfertige Vergnügen, das keine Anstrengung, keinen Unternehmungsgeist erfordert, und bei dem sich der einzelne in sich selbst zurückzieht, anstatt sich der Gemeinschaft hinzugeben.

Die soziale Bedeutung des Volkstums

Hier nun erhält die Folklore ihre wahre Bedeutung. In einer Gesellschaft, welche die gesundesten und fruchtbarsten Traditionen vergessen hat, bemüht sie sich, eine nicht von außen aufgedrängte, sondern aus der tiefsten Seele der Generationen entsprungene Kontinuität lebendig zu erhalten, in der die Generationen den Ausdruck ihrer eigenen Sehnsüchte, Überzeugungen, Wünsche und Trauer, die glorreichen Erinnerungen der Vergangenheit und die Zukunftshoffnungen wiedererkennen. Der innerliche Reichtum eines Volkes pflanzt sich ganz natürlich im Gesamt seiner Bräuche, in Erzählungen, Legenden, Spielen und Aufzügen fort, wo sich die Pracht der Kleider und die Originalität der Gruppen und Gestalten entfaltet. Die Seelen, die in dauernder Berührung mit den harten Forderungen des Lebens stehen, besitzen häufig instinktmäßig einen künstlerischen Sinn, der aus einfachem Material großartige Leistungen herauszuholen vermag. Bei diesen Volksfesten, wo das gediegene Brauchtum seinen gebührenden Platz einnimmt, freut sich ein jeder des gemeinsamen Erbes und bereichert sich dabei noch mehr, wenn er sich dazu versteht, seinen Teil beizutragen.

Brauchtum und Religion

Wir dürfen aber nicht vergessen, dass in den christlichen oder ehemals christlichen Ländern der religiöse Glaube und das Volksleben eine Einheit bildeten, die man mit der Einheit von Leib und Seele vergleichen kann. Wo diese Einheit sich heute aufgelöst hat, wo der Glaube schwach geworden ist, können da die volkstümlichen Überlieferungen, die ihres Lebensprinzips beraubt sind, sich erhalten oder künstlich wiederbelebt werden? In den Gegenden, in denen diese Einheit noch besteht, ist das Brauchtum aber kein merkwürdiges Überbleibsel einer vergangenen Zeit, sondern eine Äußerung des Lebens von heute, das erkennt, was es der Vergangenheit schuldet, und es zu bewahren und der neuen Lage geschickt anzupassen versucht. Dank der Tätigkeit folkloristischer Gruppen werden kostbare Bräuche erhalten oder neu belebt. Und Wir können die nur loben, die sich mit Fachkenntnis und Hingabe bemühen, ihnen zu helfen, ihre Bemühungen zu leiten, ihren Unternehmungsgeist anzuspornen sowie alle, die einen unmittelbaren Beitrag dazu leisten. Möchten Sie doch die ganze Tragweite Ihrer sozialen Rolle erkennen: den von den so häufig falschen, mechanisierten Vergnügungen übersättigten Menschen den Geschmack an Entspannungen wiederzugeben, die reich an ursprünglichsten menschlichen Werten sind.

Volksverbindende Kraft der Folklore

Ohne Zweifel erfordert dies ein wirkliches und andauerndes Bemühen. Doch ist dies nicht das Mittel, in die Fülle und den Reichtum Ihrer örtlichen oder nationalen Überlieferungen einzudringen? Sie helfen so dazu, den durch die geduldige Arbeit Ihrer Vorgänger angesammelten Schatz zum größten Nutzen Ihrer Zeitgenossen zu vermehren und zu verbreiten. Sie halten die Seele Ihres Volkes wach, indem Sie sie vor kultureller Trägheit bewahren, diesem Zerfallszeichen eines sozialen Organismus. Zugleich stärken Sie sich Ihre Fähigkeit, die Eigenformen anderer Kulturen zu schätzen, in ihnen den tiefen Sinn zu erahnen und ihren ursprünglichen Wert zu erkennen. Die gegenseitige Achtung, die aus einer solchen Haltung hervor wächst, wird sicherlich die Anstrengungen jener mächtig fördern, welche die Einheit der Völker durch wirtschaftliche, soziale und politische Verträge und Abmachungen sicherzustellen suchen.

Die göttliche Vorsehung walte schützend über Ihnen und Ihren Unternehmungen, über Ihren Familien und allen, die Ihnen teuer sind.

3. Oktober 1953

Ansprache
Nous croyons

an die Teilnehmer des sechsten Internationalen Kongresses für Strafrecht
Internationale Vereinheitlichung des Strafrechts
(Offizieller französischer Text: AAS 45 [1953] 730-744)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 188-208; Nrn. 432-484)

8. Oktober 1953

Ansprache
Nous vous saluons

an die Teilnehmer am XXVI. Kongress der italienischen Urologenvereinigung
Der Arzt im Dienst der Ehe
(Offizieller französischer Text: AAS 45 [1953] 673-679)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII. I, Nr. 2315-2336)

5. Januar 1954

Ansprache
Le « Giornata Nazionali»

an Mitglieder des Verbandes der katholischen MitteIschullehrer Italiens
Der christliche Lehrer im Dienst der Familie
(Offizieller italienischer Text: AAS XLV [1954] 50-54)

(Quelle: Soziale Summe Pius' XII., Band I, S. 844-851; Nrn. 1680-1694)

Einleitung

1680 Die nationale Studientagung, die der Verband katholischer Mittelschullehrer (« Unione Cattolica Italiana Insegnanti Medi ») in diesen Tagen abgehalten hat, boten Uns, geliebte Söhne und Töchter, die Möglichkeit, alle ihre Leiter um Uns versammelt zu sehen. Mit dieser nationalen Versammlung wollte Euer Verband die Kundgebungen aus Anlass des beendeten ersten Lebensjahrzehnts Eures blühenden und mächtigen Verbandes beginnen, der sich nach seiner Gründung in Rom im Juni 1944 so schnell in ganz Italien ausgebreitet hat.

1. Bemerkungen zum Besoldungsproblem der italienischen Lehrerschaft

1681 Diese zehn Jahre wurden klug und fruchtbringend verwandt, und das umfangreiche Programm, das sich Euer Verband vorgenommen hatte, ist in den einzelnen « Sektionen » kraftvoll durchgeführt worden zum wahren Nutzen der italienischen Schule. Die Lehrer, die sich zu Eurem Ideal bekennen, bilden in den verschiedenen nationalen Organisationen die Mehrheit und konnten bei den Wahlen innerhalb der einzelnen Standesgruppen ihre Denkrichtung klar zum Ausdruck bringen. Dieses glückliche Ergebnis hätte nicht erreicht werden können ohne die große Kraft der Organisation, die von der obersten Leitung Eures Verbandes geschaffen wurde, aber auch nicht ohne hochherzige Mitarbeit so vieler untergeordneter Leiter. Dies - so wollen Wir hoffen - wird es ermöglichen, die Forderungen Eures wirtschaftlichen Programms mit gutem Erfolg durchzusetzen. Wir wissen in der Tat sehr wohl, dass das Gehalt des größten Teils der Lehrer ihnen bei weitem nicht jene finanzielle Sicherung und freie Zeit ermöglicht, die nötig sind für die persönliche Geistespflege und ihre pädagogische Weiterbildung, und kaum genügt für den täglichen Lebensbedarf, vor allem für solche, die den Mut hatten, die Last einer Familie auf sich zu nehmen.

1682 Außerdem kann dieses Gehalt nicht als angemessener Ausgleich für ihre schwere soziale Verantwortung angesehen werden. Eine Gesellschaft, der etwas an den geistigen und sittlichen Werten gelegen ist, eine Gesellschaft, die nicht in jenen Materialismus abgleiten will, zu dem es das immer mehr mechanisierte Leben der technischen Kultur kraft des eigenen Gewichts hinzieht, muss die Hochschätzung beweisen, die sie für den Lehrberuf hat, und ihm ein Auskommen bewilligen, das seiner sozialen Stellung entspricht. Wir dürfen nicht vergessen, dass auch die Arbeit, die geistige Werte schafft, wahre Arbeit ist, ja sogar in ihrer Art höher steht als die Handarbeit. Auch dieser Gesichtspunkt muss bei der Berechnung des gerechten Entgelts ins Auge gefasst werden.

1683 Es gibt auf Eurem Berufsweg zu viele Unsicherheitsmomente, die jedes Jahr und ohne Aussicht auf eine ruhige Zukunft neu aufgeworfen werden, und dies zum großen Schaden für den ruhigen Verlauf des Unterrichts und für die persönliche Vervollkommnung. Wenn man den geringen Posten betrachtet, den die Gehälter für die Lehrer im nationalen Finanzhaushalt ausmacht, regt sich der Wunsch, es möchten nach Möglichkeit in dieser Sparte die verhältnismäßig bescheidenen Summen festgelegt werden, welche die materielle Lage der Lehrerschaft heben und so weit ausreichend sind, dass das gesamte Unterrichtswesen und damit der Kulturstand im ganzen Land eine Besserung erfahren kann.

2. Die geistigen Anliegen des katholischen Mittelschullehrerverbandes Italien

Treue zu den geistigen Werten in einer materialistischen Welt

1684 Doch bedeutet Euer Bemühen um die wirtschaftliche Lage nicht den Hauptzweck Eures Verbandes. Er hat vor allem zum Ziel, « die sittliche und berufsmäßige Ausbildung der Mitglieder mit Rücksicht auf ihre besondere Aufgabe als Erzieher zu fördern und zu verwirklichen ». Wir hatten am 14. September 1949 Gelegenheit, den Teilnehmern Eures zweiten Nationalkongresses den Adel und die Bedeutung Eurer hohen Sendung als Erzieher auseinanderzusetzen, und darum brauchen Wir heute nicht mehr ausführlich auf dieses Thema zurückzukommen. Wir haben auch nicht vergessen, wie Ihr gegen Ende des Heiligen Jahres (4. November 1950) Uns einen Lehrthron überreichen wolltet, um Eure glühende und unerschütterliche Anhänglichkeit an den Stuhl Petri, den Thron der Wahrheit (« Cattedra di Pietro, Maestra di Verità »), zum Ausdruck zu bringen, jener Wahrheit, von der Ihr gelernt habt und durch die Ihr mit Tat und Beispiel lehrt, was das Wichtigste für den Menschen auf Erden ist.

1685 Während dieser zehnjährigen Tätigkeit Eures Verbandes, deren Ihr gedenken wollt, um einen neuen Antrieb für das innerliche Leben und für methodisches Vorgehen zu entfachen, haben sich drei Kongresse und zwanzig nationale Tagungen mit zahlreichen Fragen pädagogischer, sozialer und schultechnischer Art abgegeben; sie haben eine entsprechende Regsamkeit gefördert und beachtenswerte Ergebnisse gezeitigt. Das Bewusstsein ihrer apostolischen Verantwortung wurde bei vielen Mittelschullehrern gesteigert, und das christliche Denken hat wieder angefangen, einige Lehren und Organisationen zu durchdringen, deren Einfluss sicher nicht unbedeutend ist.

1686 Wir haben also allen Grund, dem Herrn für das geleistete Gute zu danken. Doch die Eifrigsten unter Euch werden mit dem hl. Paulus auszurufen wissen: « Ich habe gepflanzt, Apollo hat begossen, das Wachstum aber hat Gott verliehen » (1 Kor. 3, 6), und werden mit ihm hinzufügen: « Ich vergesse, was hinter mir liegt, und lange nach dem aus, was vor mir liegt » (Phil. 3, 13). Es wäre tatsächlich eine Versuchung zur Trägheit, wollte man sich mit der Freude an Zahlen und Beweisen zufriedengeben, während es noch so viel Arbeit zu tun gibt, um den heutigen Materialismus, über den Wir neulich in Unserer Weihnachtsbotschaft sprachen, zu dämmen und abzuweisen. Ein jeder muss beständig und entschieden in sich selbst und im sozialen Berufsleben gegen die Gleichgültigkeit und den Mangel an übernatürlichem Glauben kämpfen. Das in unseren Tagen so lebhafte Streben, zum praktischen und unmittelbaren Vorteil zu kommen, könnte Euren Verband in eine der vielen Gewerkschaften verwandeln, deren Ziel, wirtschaftliche Forderungen zu stellen, das einzig wirkliche ist, während Ihr in Eurer Vereinigung für Euch selbst und für alle Mitglieder ein höheres, dauerhaftes und herrlicheres Gut suchen müsst.

Bildung der eigenen Persönlichkeit mit Hilfe der religiösen Kräfte

1687 Die Mitgliedschaft in Eurem Verband bedeutet vor allem den Willen, « nach der eigenen sittlichen und geistigen Vollkommenheit zu streben », d. h. mit Gebet, der Anwendung der Lehre der Kirche auf die eigene Person und der Kraft des inneren Lebens zu jener Vereinigung mit Gott und jener Würde zu gelangen, die Eurem Benehmen und Euren Urteilen den Wert eines Zeugnisses für Euren Glauben verleihen, und Eure Autorität achtenswerter und wirksamer machen, nicht nur in der Schule und während der Zeit, wo die Schüler unter Eurer Gewalt stehen, sondern auch im öffentlichen Leben, in den Familien und bei der Jugend, die nach der schulischen Ausbildung bei Euch das ganze Leben hindurch das stolze Bewusstsein bewahren werden, Euch einmal als Lehrer gehabt zu haben.

Vervollkommnung des beruflichen Könnens

1688 Die Vertiefung Eures christlichen Lebens wird für Euch ganz natürlich eine höhere Auffassung von Eurer erzieherischen Aufgabe und ein gesteigertes Berufsbewusstsein zur Folge haben, d. h. einen noch mehr entschlossenen Willen Euch in Eurem Stand jede nur mögliche Fachautorität in Dingen des theoretischen Wissens und des praktischen Unterrichts zu verschaffen.

1689 Um sein Amt vollgültig auszuüben muss der Lehrer der dieses Namens würdig ist, vor allem seine Schüler kennenlernen, d. h. die Jugendlichen eines bestimmten Alters im allgemeinen, so wie sie ihm eine gesunde christliche Pädagogik darstellt, und dann noch die seiner Klasse oder seines Instituts im besonderen, wie sie die Familie vorbildet.

1690 Ohne Zweifel wurden in der experimentellen Psychologie und in der pädagogischen Medizin riesige Fortschritte gemacht. Man hat, nicht ohne guten Erfolg, gesucht, die Bedeutung der verschiedenen Elemente zu ermessen, welche die Aneignung des Lernstoffes mit Hilfe des Gedächtnisses und des Verstandes des Schülers bedingen, angefangen von den materiellen Faktoren wie der Möblierung, der Beleuchtung, den Buchstabentypen der Bücher, der Zusammenstellung der Bilder und der Töne bis zu den geistigen Voraussetzungen im eigentlichen Sinn wie den mannigfaltigen Interessemittelpunkten entsprechend den Umständen des Ortes sowie der Zeit und den Assoziationen des Gedächtnisses, die eine geeignete Erziehung fördert. Ein moderner Lehrer wäre nicht zu entschuldigen, wollte er sich über die Arbeiten, die auf diesem Gebiet herausgekommen sind, nicht informieren, und Wir wissen, dass Eure pädagogischen Zirkel sich in außerordentlicher Welse dafür interessieren.

Das Glaubenswissen im Dienst der Pädagogik

1691 Ein christlicher Lehrer dürfte sich jedoch mit der Technik des Unterrichts allein nicht zufrieden geben. Er weiß aus seinem Glauben - und die Erfahrung bestätigt es leider um die Bedeutung der Sünde im Leben des jungen Menschen; anderseits kennt er auch den Einfluss der Gnade. Die Hauptsünden haben an sich mit der Medizin nichts zu tun. Gewiss spielen bei der Trägheit und anderen Fehlerscheinungen Veranlagung und Gesundheit eine gewisse Rolle, immer aber auch die Erbsünde. Der christliche Erzieher wird sich darum nicht damit begnügen, der Natur ihren Lauf zu lassen oder sie einfach nur zu pflegen nach der Art, wie ein Landwirt die Früchte der Erde besorgt. Er will nichts anderes sein als ein Helfer der Gnade und wie sie zugleich heilen und erheben. Er kämpft gegen die niederen Triebe und bemüht sich, die höheren zur Entfaltung zu bringen. Er geht mit Geduld und Entschlossenheit gegen die Fehler seiner Schüler an und übt sie in ihren Tugenden. Er leistet Aufbau- und Verbesserungsarbeit. Auf diese Weise nimmt die christliche Erziehung teil am Geheimnis der Erlösung und leistet für sie einen wirksamen Beitrag. Hierauf beruht die Größe Eures Wirkens, dem man eine gewisse Ähnlichkeit mit der priesterlichen Tätigkeit nicht absprechen kann.

3. Das Verhältnis von Schule und Elternhaus

1692 Die Jugendlichen, mit denen Ihr zu tun habt, sind nicht abstrakte Wesen, sondern Kinder von bestimmten Familien. Weshalb bringen die großen Anstrengungen der Lehrer - soviele Unterrichtsstunden und so lange Jahre unablässiger Hingabe - bisweilen nur so spärliche Früchte hervor, wenn nicht deshalb, weil die Familie mit ihrer mangelhaften Erziehung, ihren pädagogischen Missgriffen und ihrem schlechten Beispiel Tag für Tag zunichte macht, was der Lehrer mühsam aufzubauen sich bemüht? Hat er deshalb der Familie nicht etwas zu sagen? Hat er nichts ins Werk zu setzen, um sie aufzuklären, ihr zu helfen, ihr das Bewusstsein ihrer vielseitigen und inhaltsreichen Aufgabe nahe zu bringen, ihr richtige erzieherische Kenntnisse beizubringen, ihre Missgriffe abzustellen und ihren Eifer zu steigern? Man darf nicht hingehen lassen, dass so viele Familien glauben, ihren Pflichten gegen ihre Kinder nachgekommen zu sein, wenn sie sie in die Schule geschickt haben, ohne sich um eine enge Mitarbeit mit den Lehrern zu kümmern, auf die sie, wie sie irrtümlich meinen, einen großen Teil ihrer Pflichten abwälzen zu können glauben. Dies trifft vor allem für die Volksschulklassen zu, aber auch für die Klassen der Mittelschulen, denn in dieser Zeit fängt die heranwachsende Jugend an, sich der Unterordnung unter die Eltern zu entziehen, und es kommt häufig vor, dass sie den Lehrer zum Vater und die Schule zum Elternhaus in Gegensatz bringen. Viele Eltern stehen dann machtlos vor der sonderbaren Laune ihrer Kinder, und gewisse Fehler, die in diesen Jahren dann begangen werden, können sich für das innere Gleichgewicht des Heranwachsenden verheerend auswirken. Es ist dies nur ein Punkt unter vielen anderen, der zeigt, dass die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern dauernd und tief sein muss. Darum untersuchte eine Eurer Tagungen (November 1951) das Thema: « Die Schule als Erziehungsgemeinschaft », und Wir stehen gerne hinter allen Bemühungen, welche die Zusammenarbeit zwischen Schule und Familie erleichtern und immer enger gestalten sollen. Die Familie wählt sich ja den Lehrer aus zur Vorbereitung des Jugendlichen auf sein Leben als Erwachsener in Kirche und Staat. Die Familie darf und kann auf ihre Aufgabe als Erziehungsleiterin nicht verzichten. Die Zusammenarbeit ist natürlich und notwendig, sie setzt jedoch, um fruchtbar zu sein, gegenseitiges Sich-kennen-Iernen, dauernde Beziehungen, Einheit der Gesichtspunkte und jeweilige Richtigstellungen voraus. Nur dann werden die Lehrer ihr Ideal mit Erfolg verwirklichen können. Die Familie muss die zuverlässigste Stütze des Lehrers auf jeder Ebene sein, der örtlichen, der körperschaftlichen und der nationalen. Der Lehrer ist an erster Stelle der Beauftragte der Familie und dann erst, falls es sein soll, der öffentliche Beamte oder der Angestellte des Staates oder der Lehrervereinigung.

4. Der Lehrer als Mitgestalter der Zukunft eines Volkes

1693 In jeder bedeutenden Vereinigung, zumal wenn sie sich über ein großes Gebiet ausbreitet, ist die Verantwortung der leitenden Persönlichkeiten außerordentlich groß. Sie sind in Wahrheit die Seele der Bewegung. Ihre Aufgabe ist es sozusagen, die Statuten zum Leben zu bringen, in jedes Mitglied den Geist der Organisation einzuhauchen. Die nationale Studientagung, die Euch hier zusammengeführt hat, muss einen entschlossenen Schritt im Leben des Verbandes bedeuten. Hunderttausende von Jugendlichen werden Euch während ihrer schwierigen Entwicklungsjahre anvertraut. Mit der Ausbildung der italienischen Jugend ist Euch eine schwere Verantwortung aufgebürdet und Ihr leistet einen bedeutenden Beitrag für eine bessere Zukunft Eures Landes. Als Christen könnt Ihr dem nicht gleichgültig gegenüberstehen; als Lehrer habt Ihr die Freude, machtvoll an der religiösen Erneuerung Eurer Generation mitzuwirken. Darum wollten Wir Euch ja Mut einflößen und Euch das Vertrauen bekunden, das Wir in Eure edel gesinnte Vereinigung haben. Ihr sollt es alle wissen, und sagt es Euren Kollegen, dass der Papst gar sehr mit dem Verband der katholischen Mittelschullehrer Italiens rechnet.

Segen

1694 Jedem von Euch, die Ihr zugegen seid, allen Mitgliedern des Verbandes, Euren Schülern und Euren Familien erteilen Wir als Unterpfand fruchtbarer himmlischer Gnaden von Herzen Unseren väterlichen Apostolischen Segen.

8. September 1954

Ansprache
C'est une grande joie

an den Weltkongress der Marianischen Kongregationen
Um die innere Erneuerung der Marianischen Kongregationen

(Offizieller französischer Text: AAS 46 [1954] 529-536)

(Quelle: Pius XII., Ruf an die Frau, Aus den Rundschreiben, Ansprachen, Briefen und Konstitutionen des Heiligen Vaters, Zusammengestellt von Dr. Käthe Seibel-Royer, Mit kirchlicher Druckgenehmigung des bischöflichen Seckauer Ordinariates zu Graz am 20. August 1956, Zl. 4082, und Segen Pius XII., Styria Verlag Österreich 1956, S. 155-160; 2. Auflage; mit Auslassungen)

Hintergrund' Einen der Höhepunkte des Marianischen Jahres bildete Anfang September 1954 der Weltkongress der Marianischen Kongregationen. Am 8. September richtete Papst Pius XII. eine Ansprache an die Teilnehmer, in der er zum Thema des Kongresses Stellung nimmt und über das dreifache Ziel, nämlich sorgfältigere Auswahl der Mitglieder, stärkere Bindung an die Hierarchie und eine größere Zusammenarbeit mit anderen apostolischen Verbänden spricht:

'Die Ansprache*

" ... Eure Pilgerfahrt ist nicht nur ein Akt kindlicher Liebe, sondern sie beweist darüber hinaus euren Willen, immer mehr auf dem Wege zur christlichen Vollkommenheit, nach der ihr strebt, voranzukommen; auch erwartet ihr von Uns Ermutigung und Richtlinien, um euer Ideal der Liebe und des Apostolates besser zu verwirklichen.

Der Kongress, welcher heute eröffnet wird, muss in der Tat der Ausgangspunkt einer geistlichen Erneuerung für alle Kongregationen der Welt werden. Sein Thema lautet: ,Der größte Ruhm Gottes durch eine sorgfältige Auswahl, stärkere Bindung an die Hierarchie und eine größere Zusammenarbeit mit anderen apostolischen Verbänden.' ...

Wir werden heute nur auf die drei Punkte des Programms eingehen, die Wir soeben erwähnt haben: ...

1. Sorgfältigere Auswahl

Der erste Punkt ist wesentlich für die Sicherung der erwünschten Erneuerung. Die Kongregationen sind nicht einfach fromme Vereinigungen, sondern Schulen der Vollkommenheit und des Apostolates. Sie wenden sich an Christen, die nicht damit zufrieden sind, etwas mehr als notwendig zu tun, sondern die sich entschlossen haben, den Anregungen der Gnade großherzig zu entsprechen und gemäß ihrem Lebensstand ganz nach dem Willen Gottes zu suchen und ihn zu erfüllen. Deshalb sollte niemand aufgenommen werden nur aus irgendeiner Tradition, um der Kongregation Ehre anzutun oder selbst durch sie zu Ansehen und Würde zu kommen. Es zählt nur das Verlangen nach größerer Vervollkommnung und nach einem christlichen Leben, das von persönlicher apostolischer Glut erfüllt ist. Die Räte, die zur Abgabe ihres Urteils berufen sind, und besonders der Direktor, der allein die Verantwortung für die Aufnahme trägt, mögen diese wesentlichen Punkte ernsthaft betrachten.

Die Eignung des Kandidaten wird sich in seiner Treue beim Besuch der Versammlungen, seiner Liebe zum Gebet, sei-nem Eifer im Empfang der Sakramente der Buße und der Eucharistie erweisen, mit einem Wort, in seinem Bemühen um das unaufhörliche Wachstum in der Liebe zu Gott, der Grundlage des Seeleneifers. Dieser bedarf wirklich einer übernatürlichen Tugend, um Bestand zu haben und Früchte zu bringen. Nun sind aber weder der Glaube noch die Hoffnung noch die Liebe nur das Ergebnis einer glücklichen Charakterveranlagung oder eines willkürlichen Tuns. Sie sind Gaben Gottes, die man demütig und beharrlich erflehen und sorgfältig pflegen muss.

Wer danach trachtet, ein Kongreganist zu sein, der dieses Namens würdig ist, verpflichtet sich eindeutig zum Kampf gegen seine minder guten Neigungen. Er ist entschlossen, sich vollständig von der Herrschaft der Sünde zu befreien, und fasst die immer treuere Nachahmung Jesu, des sanften und demütigen Menschensohnes, ins Auge. Gleich ihm brennt er darauf, die geringsten Wünsche seines Vaters zu erfüllen und ihm in allem und trotz allem zu gefallen. Möge dieses verlockende und strenge Ideal für jeden von euch, liebe Söhne und Töchter, zur Quelle wirklicher geistlicher Erneuerung werden und zur Grundlage für ein Streben, das still und langsam ist wie das Leben, aber unaufhaltsam wie das Wirken Gottes.

2. Der Anschluss an die Hierarchie

Die Vereinigung mit der Hierarchie, das sichtbare Zeichen der aufrichtigen Anhänglichkeit an Christus, wird auch der Prüfstein für die Reinheit des Seeleneifers sein. Wenn Wir Wert darauf legten, die Marianischen Kongregationen, wie sie die Konstitution ,Bis saeculari' definiert, unter die eigentlichsten Formen der Katholischen Aktion einzureihen, geschah es deshalb, weil sie ausdrücklich darauf hinarbeiten, ihre Mitglieder in den Geist der Kirche, das ,Sentire cum Ecclesia', einzuführen. Diese Haltung ist die einzig angemessene, wenn man beansprucht, mit dem Apostolat der Hierarchie zusammenzuarbeiten. Aus der Verantwortung für die Ehre Gottes auf Erden und als Treuhänderin der göttlichen Gewalten weist die Hierarchie jedem, der sich freiwillig anbietet, um das Werk Christi fortzusetzen, seine Aufgabe zu.

Um ihr wirksam zu helfen, genügt es nicht, eine jede bestehende Einrichtung oder neue Initiative ihrer Billigung zu unterstellen. Man muss sich ihren Geist zu eigen machen, ihre Absichten verstehen, ihren Wünschen zuvorkommen. Das setzt Demut und Gehorsam, Hingabe und Selbstverleugnung voraus, echte Tugenden, die die ernste Bildung von Kongregationen nicht zu entwickeln versäumt. Weil die Kongregationen von dem Willen beseelt sind, um jeden Preis zu dienen, machen sie niemals den Versuch, sich zu isolieren oder gewisse Bereiche für sich allein zu beanspruchen, sondern sie sind im Gegenteil dazu bereit, da zu arbeiten, wohin die Hierarchie sie sendet. Sie dienen der Kirche nicht wie einer fremden Macht, nicht einmal wie einer menschlichen Familie, sondern wie der Braut Christi, die vom Heiligen Geist selbst beseelt und geführt wird und deren Interessen auch diejenigen Jesu sind. Der Apostel Paulus litt schon darunter, dass er feststellen musste, dass einige - alle, sagte er bitter -, ,alle ihre eigenen Interessen und nicht diejenigen Jesu Christi verfolgen' (Phil 2, 21). Möge eine solche Bemerkung euch wachhalten. Vergesst euch selbst, seid bereit, jede enge Sicht von euch zu weisen, und nehmt die Ratschläge der Kirche hin, als kämen sie von eurem göttlichen Oberhaupt. So werdet ihr mit dem Apostel sprechen können: ,Am Tage Christi ... werden mein Laufen und meine Bemühungen nicht vergeblich gewesen sein.' (Phil 2, 16).

3. Zusammenarbeit mit anderen apostolischen Vereinigungen

Das Thema eures Kongresses fasst auch eine größere Zusammenarbeit mit den anderen apostolischen Vereinigungen ins Auge. Außer seiner praktischen Seite ist dieser Zusammenschluss der Kräfte ein eindeutiges Zeichen der Gegenwart Christi inmitten derer, die in der Aktion wie im Gebet der gleichen Eingebung gehorchen. ,Dass sie eins seien', bat Jesus in seinem hohepriesterlichen Gebet inständig seinen Vater, ,wie Du, Vater, in mir und ich in Dir bin, dass sie eins in Uns seien, damit die Welt glaube, dass Du mich gesandt hast' (Joh 17, 2 1). Das Apostolat hat in gewisser Weise an der göttlichen Sendung Jesu Anteil. Es offenbart den Menschen die Liebe des Vaters und des Sohnes in der Gabe ihres einzigen Geistes. Ihr erinnert euch zweifellos, wie die Apostelgeschichte, diese wunderbare Frucht des Heiligen Geistes, an dem Tage nach Pfingsten hervorhebt: ,Die Menge der Gläubigen hatte nur ein Herz und eine Seele. Niemand nannte das, was ihm gehörte sein, sondern sie hatten alles miteinander gemeinsam. Mit großer Macht legten die Apostel Zeugnis ab von der Auferstehung des Herrn Jesus, und sie standen alle in großem Ansehen' (Apg 4, 32-34). Die außerordentliche apostolische Strahlungskraft in der ersten christlichen Gemeinde hat sich in den verschiedensten Formen in der Geschichte der Kirche wiederholt, besonders in kritischen Stunden, wo nur die lebendige Wucht junger Kräfte von ungebrochener Überzeugung in gewaltigem Aufschwung anscheinend unüberwindliche Hindernisse zu beseitigen vermochte. Ist es nicht ein Zeugnis von dieser Art, das die gegenwärtige Zeit ganz besonders von euch erwartet? So viele edle Unternehmungen verzetteln sich auf auseinanderstrebenden Gleisen, wissen nichts voneinander und geraten leider manchmal sogar in Gegensatz zueinander. Unterdessen schreitet das Böse ohne Waffenruhe in seiner Eroberung fort, und, mangels guten Einvernehmens und Zusammenarbeitens der Guten, dringt es überall ein.

Wie in den Anfängen der Kirche die mächtige Fürbitte Mariens der Gemeinde von Jerusalem die vollkommene Eintracht in der Liebe verdiente, so wünschen Wir lebhaft, dass die Königin der Apostel euch alle, liebe Söhne und Töchter, die ihr hier versammelt seid, und alle eure Mitsodalen aus der ganzen Welt, die ihr hier bei uns vertretet, mit einem Geist aufrichtiger Zusammenarbeit erfülle. Möge man von euch in Abwandlung des Wortes des hI. Paulus, das Wir soeben zitierten, sagen können: ,Niemand verfolgte seine eigenen Interessen, sondern einzig die von Jesus Christus.' ... "

Bezüglich der Schlussworte des Papstes

Der Papst beschließt seine Ansprache mit dem Wunsch, alle Kongressteilnehmer möchten die Erinnerung an einen "Pfingsthauch" in ihre Heimat mitnehmen und den Willen, großherzig auf so viele Gnaden, die sie unter der Schutzherrschaft der Unbefleckten Jungfrau empfingen, durch die Tat zu antworten.

11 . September 1954b

Ansprache

an die Teilnehmer des Kongresses für Poliomyelitis
über Probelem der spinalen Kinderlähmung

(Offizieller französischer Text: AAS 46 [1954] 533-536)

(Quelle: Grundfragen der ärztlichen Ethik, Nr. 16, Die Übersetzung aus dem Französischen erfolgte durch Hubert Dobers aus dem Osservatore Romano vom 12. September 1954, Inhaltsangabe und Gliederung wurden durch das St. Lukas-Institut hinzugefügt)

Zunehmende Verbreitung und Gefahr der Kinderlähmung

1. Meine Herren! Um die Bedeutung Ihrer Anwesenheit in Rom und zugleich die wahre Tragweite der "Dritten Internationalen Konferenz über die Kinderlähmung" ermessen zu können, braucht man nur einen kurzen Blick auf das aktuelle Ergebnis des Kampfes gegen diese schreckliche Krankheit zu werfen. Einstmals beschränkte sie sich auf die gemäßigten Zonen, trat selten auf und war nur für die Kinder eine Gefahr; nun aber ist sie in alle Breiten eingefallen, tritt viel häufiger auf und vermag sogar den Erwachsenen zu schaden. Bar aller durchschlagenden Heilmittel steht die Medizin diesem Einbruch, der von Jahr zu Jahr bedrohlicher wird, voller Angst machtlos gegenüber. Wenn man sich überdies die wachsende Last vergegenwärtigt, die die Einrichtungen der Heilbehandlung und der Sozialfürsorge für die Invaliden der Gesellschaft auferlegen, versteht man den großen Nutzen dieser internationalen Treffen anerkannter Gelehrter; denn hierbei werden durchgeführte Versuche und daraus gewonnene Ergebnisse ausgetauscht, was dazu beiträgt, schneller den von allen ersehnten Zeitpunkt herbeizuführen, da die Kinderlähmung endlich besiegt werden kann.

Würdigung des Kampfes gegen die Kinderlähmung in Praxis und Forschung

2. Deshalb, meine Herren, versichern Wir Sie und zugleich auch alle diejenigen Unserer ganzen Hochachtung, deren Tätigkeit mit bewundernswürdiger Hingabe ausschließlich darin besteht, die Kranken mit der zartfühlendsten Wachsamkeit zu umgeben und ihre Versuche zu erleichtern, mit verringerten körperlichen Fähigkeiten wieder ein Leben zu führen, das dem des gesunden Menschen so sehr wie möglich ähnelt. Wieviel Geduld, wieviel Scharfsinn hat man nicht aufgewandt und wendet man noch auf, um, wenn eben möglich, die trostlosen Folgen dieser Krankheit zu beseitigen! Wenn sich auch die Aufmerksamkeit gern auf die Fortschritte der Therapie und der Nachbehandlung richtet, so steht doch außer Zweifel, dass auch die wissenschaftliche Forschung der Bewunderung und Anerkennung würdig ist, auch wenn sie weniger augenscheinlich und den Uneingeweihten weniger zugänglich ist. Mag es sich um epidemiologische Untersuchungen handeln, darum, neue Methoden der Virus-Züchtung herauszustellen, oder um Immunisierungs- Versuche -, die Ergebnisse zeugen von unermüdlicher Arbeit, denn unaufhörlich werden neue Versuche durchgeführt trotz Misserfolgen und Verwicklungen, die sich bisweilen einstellen und bereits aufgestellte Theorien umstürzen.

Probleme der Epidemiologie und der Immunität

3. Wenn das Programm Ihrer Konferenz die Hauptgesichtspunkte des Gegenstandes erfasst, so bietet das Studium der Epidemiologie und der Immunität ein ganz besonderes Interesse und zeigt die größten Schwierigkeiten. Um der Kinderlähmung wirksam vorbeugen zu können, wäre es unerlässlich, genau genug den Ursprung des Virus, seine Existenzbedingungen und sein Verhalten in der Außenwelt zu kennen; es müsste möglich sein, es schnell genug zu entdecken, um bestimmen zu können, wie es sich unter der Bevölkerung verbreitet. Aber die Arbeiten der Forscher stoßen hier auf Tatsachen, die augenscheinlich widerspruchsvoll und bisweilen völlig irreführend sind. So muss man feststellen, dass die systematische Anwendung der Regeln der klassischen Prophylaxe unwirksam bleibt und sogar die Entwicklung der Krankheit zu begünstigen scheint.

4. Die Probleme, die die Immunität betreffen, weisen ebenso seltsame Tatsachen auf. Bemerkt man nicht, dass das Virus sich mit Vorliebe an gesunde und gut genährte Menschen heranmacht, dass es sich in der Umgebung des Kranken im akuten Stadium der Infektion nicht verbreitet, sondern dass der Genesende, ja selbst der Kerngesunde gefährlichste Bakterienträger sind? Welches sind also die Faktoren, von denen die Widerstandsfähigkeit des Menschen gegen das Virus abhängt? Warum entwickelt sich die Krankheit am häufigsten kaum wahrnehmbar, wobei sie völlig das Zentralnervensystem schont? Auf diese Fragen hat man bis heute nur mit Vermutungen antworten können. Von größerem Interesse sind noch die zahlreichen Versuche, die bis zum heutigen Tage angestellt worden sind, um die Immunität mit Hilfe von Impfstoffen, Seren oder mittels Chemotherapie herbeizuführen. Jedoch in keinem Verfahren gelang es bisher noch, das Ziel in zufrieden stellender Weise zu erreichen. Indessen ist die Hoffnung bald am Ziel anzukommen, lebendiger und berechtigter als zuvor, und kürzlich erst konnte man erleben, mit welcher Begeisterung die Kinder der Vereinigten Staaten sich einem neuen Versuch unterzogen. Wir wünschen von ganzem Herzen, dass ein klarer Erfolg möglichst bald das hartnäckige Bemühen der Gelehrten krönt und dass die Medizin zu ihren übrigen Ruhmesmitteln den des Triumphes über ein furchtbares Rätsel hinzufügen kann.

Fortschritte in der Behandlung und Nachbehandlung

5. Zwar sind im Kampf gegen den verantwortlichen Überträger der Kinderlähmung die wesentlichen Ziele noch zu erobern; aber die praktische Behandlung der Kranken hat zahlreiche Versuche geduldig angehäuft, durch die unaufhörlich die Heilmethoden verbessert und vervollkommnet werden, um verschiedene neurovegetative Störungen zu heilen, Deformationserscheinungen zu verhindern und den Muskeln so weit wie möglich die Unversehrtheit ihrer Funktion zurückzugehen. Wenn auch das zerstörte Nervengewebe nicht mehr zu heilen ist, so verzeichnet doch eine erfahrene und sorgfältige Praxis der Nachbehandlungs-Übungen gewöhnlich sehr beträchtliche Ergebnisse; hierbei kann man noch die Geschmeidigkeit und die wunderbare Anpassungsfähigkeit des menschlichen Körpers und seine Möglichkeiten, geschwundene Funktionen zu ersetzen, bewundern.

Psychologische und religiöse Probleme der Schwergeschädigten

6. Unglücklicherweise bleiben Fälle zurück, wo die durch das Virus bewirkten Zerstörungen zu ausgedehnt sind, als dass eine wahrnehmbare Wiedererlangung der Kräfte erwartet werden könnte. Bei dem Schwergeschädigten, dessen Gesundheit und infolgedessen sein Beruf und seine wirtschaftliche und soziale Lage endgültig gefährdet sind, wird das medizinische Problem sowohl für den Betroffenen wie für seine Umgebung schnell zu einem psychologischen. Der Mensch kann nicht plötzlich seine Aussichten für die Zukunft und die meisten der natürlichen Reize, die ihn die schweren Belastungen eines jeden Tages ertragen lassen, schwinden sehen, ohne dabei völlig umgewandelt zu werden, ohne sich, zu Tode geängstigt, nach dem, Sinn seines Lebens, nach dessen Wert und Ziel zu fragen. Und da diese Fragen den Menschen in der Tiefe berühren, erheben sie sich über die rein physischen Schwierigkeiten. Vielleicht wurde man sich nicht immer ihrer Bedeutsamkeit für die Haltung des Menschen gerade in seinen täglichen und scheinbar banalsten Gegebenheiten bewusst. So bedingen sie das Verhalten des Kranken gegenüber seiner Umwelt. Er entwickelt sich nach und nach und fast unbewusst zu einem Egoisten, der danach strebt, nur sich selbst zu dienen, der die geringste Mühe scheut, der sich selbst gefällt, um dadurch seine Minderwertigkeitsgefühle zu kompensieren. Nun wäre es irrig zu glauben, man könne leichter sein moralisches und psychologisches Gleichgewicht als das Spiel der Muskelkräfte wiederfinden. Abgesehen von Ausnahmefällen erwartet der Mensch, den die Katastrophe brutal überfiel, eine Hilfe, um positiv und normal darauf antworten, aus eigener Kraft wieder leben und dieses Leben noch einmal nach einem neuen Plan gestalten zu können.

Mögen die Schädigungen auch noch so ausgedehnt sein, der Kranke bleibt ein Mensch, der nicht frei ist von moralischer Verantwortlichkeit gegenüber seinem eigenen Gewissen und der Gesellschaft, der zu lieben fähig und zur Hingabe seiner selbst, zur Hochherzigkeit und Uneigennützigkeit gerufen ist. Auch wenn er einen viel geringeren Beruf ausüben muss als den, den er erträumte, auch wenn er sich fast nicht mehr bewegen kann, es hindert ihn nichts daran, die höchsten Tugenden sich zu eigen zu machen. In einem vernichteten Körper kann eine in die Größe verliebte Seele in sich die auserlesensten Eigenschaften vereinen. Die Prüfung selbst wird ihm zum Sprungbrett: sie verschließt ihm die nur mittelmäßige Bahn des sittlichen Fortschritts, sie zwingt ihn, sich schneller und höher emporzuheben und einen menschlichen Wert zu erreichen, nach dem er unter normalen Umständen vielleicht niemals getrachtet hätte. Aber es ist sehr oft nicht leicht, diese höhere Plattform zu ersteigen. Es erfordert die Mitarbeit all derer, die dem Gelähmten durch Bande des Blutes oder durch ihre medizinische Aufgabe verbunden sind. Es ist für diesen Menschen wichtig, nicht zu vergessen, dass das religiöse Empfinden eine der wirksamsten Triebfedern sittlichen Tuns ist und dass es, als besonders wirksame Faktoren, nicht nur den Glauben an ein besseres Leben im Jenseits trägt, sondern auch und vor allem die Überzeugung von dem Verdienst und der Nützlichkeit des Leidens aus der übernatürlichen Sicht der Erlösung her gesehen.

Notwendigkeit auch eines umfassenden Verständnisses des Menschen in der Behandlung

7. Sie ahnen, meine Herren, wieviel Ihr Einfluss dadurch gewinnt, dass er sich von dem Gebiet der Therapie bis auf das der allgemein menschlichen Probleme erstreckt. Hier wie auf dem eigentlichen Gebiete der Wissenschaft wartet auf Sie eine große Aufgabe. Wieviele Kranke sind doppelt heimgesucht, in ihrem Körper und in ihrem Inneren; sie leben ohne Hoffnung, ohne Mut und sehen keinen Sinn mehr in ihrem Leben! Das, was sie von Ihnen erwarten, ist nicht nur eine unzweifelhafte berufliche Kompetenz, sondern vielleicht mehr noch ein umfassendes Verständnis des Menschen und der geistigen Bedingungen seines Lebens. Das heißt, auch wenn ihre Erwartung niemals klar zum Ausdruck kommt, sie verlangen nach einem taktvollen und verstehenden Rat, nach einer Aufforderung, nicht unnütz den Gütern nachzutrauern, die sie nicht halten können, sondern sich auf andere dauerhaftere und festere Wirklichkeiten zu stützen; auf Wirklichkeiten, die für sie bisher kaum von Wichtigkeit waren, die sie aber plötzlich entdecken, jedoch noch ohne sich ihnen ganz überlassen zu wollen als einem wahren Rettungsanker des Heiles.

Abschluss und Segen

8. So möge Gott Ihnen bei Ihren Arbeiten helfen. Er möge sie krönen mit Erfolg. Ihnen selbst, Ihren ergebenen Mitarbeitern und Ihren Familien gewähre er Seinen allmächtigen Schutz und die kostbarsten Gaben des Geistes und des Herzens. Als deren Unterpfand geben Wir Ihnen in Unserer ganzen väterlichen Sorge Unseren Apostolischen Segen.

17. September 1954

Ansprache

an die Teilnehmer des 14. internationalen Kongresses für Geschichte der Medizin
zur Geschichte der Medizin
(Offizieller lateinischer Text: AAS 46 [1954] 577-580)

(Quelle: Grundfragen der ärztlichen Ethik, Nr. 17, sie wurde übersetzt von Hubert Dobers; Die Gliederung wurde durch das Lukas-Institut hinzugefügt)

Begrüßung

1. Unter den zahlreichen Kongressen, die am Ende dieses Sommers in Rom stattfinden, werden mehrere von Ärzte-Vereinigungen veranstaltet, um sich mit Fragen zu beschäftigen, die unmittelbar die gegenwärtige Praxis dieses edlen Berufes betreffen. Um den ursprünglichen Rahmen Ihres Vorhabens zu erweitern, wollten Sie, meine Herren, auch einige Themen allgemeinerer Bedeutung auf das Programm Ihres 14. internationalen Kongresses der Geschichte der Medizin setzen, die es wert sind, die Aufmerksamkeit eines jeden an kulturellen Problemen Interessierten auf sich zu ziehen. Auch Wir sind sehr glücklich darüber, SIe bei dieser Gelegenheit zu empfangen, um Sie zu beglückwünschen und den Wunsch auszusprechen, dass dieses Treffen reichste Frucht trage.

Aufgabe des Kongresses: Das Bild der Geschichte der Medizin abzurunden und zu erhellen

2. Dem erstaunlich schnellen Rhythmus, der seit mehr als 100 Jahren die Entwicklung der Wissenschaften mit sich fortreißt, blieb es nicht versagt, die glücklichsten Ergebnisse auf dem Gebiete der Heilkunst zu erzielen. In derselben Zeit, da sich im letzten Jahrhundert das Wissen um den menschlichen Körper, über seine Struktur und seine Funktionen vertiefte, drängte die aufkommende Mikrohiologie die Medizin auf den Weg solch radikalen Fortschritts, dass man kaum mehr die Gedanken und Praktiken der Ärzte versteht, die in einer weniger begünstigten Zeit lebten. Und doch stellen die modernen Auffassungen in der Anatomie, in der Physiologie und Pathologie sowie die Genauigkeit der modernen Forschungsmethoden nur das Ergebnis langen Tastens dar, sind sie nur die Fortsetzung eines besonders schwierigen Weges. Das großartige Bild der Geschichte der Medizin abzurunden, dabei die dunklen Punkte aufzuhellen, diesen oder jenen Zug der Gestalten im Vordergrund oder bescheidenerer Schüler zu präzisieren, die die Ahnungen der Meister als richtig bewiesen, auch die ungenauen Erklärungen zu berichtigen, die die Wirklichkeit entstellen. - Das, meine Herren, ist Ihre Aufgabe, der Sie sich unterziehen wollen.

Die Gegenwart kann aus der Vergangenheit lernen

3. Aber vergessen Sie nicht, dass die Lehren der Vergangenheit den Menschen der Jetztzeit dienen, sie belehren, sie daran hindern müssen, gewissen Irrtümern wieder zu verfallen oder aussichtslose Wege einzuschlagen. In der Medizin, wie in den anderen Wissenszweigen, ist es nicht selten, dass gut begründete Prinzipien sich allmählich zu verdunkeln beginnen, dass sie oftmals Opfer einer Routine wurden, der ihre Bedeutung verfälschte, um sie schließlich zu entstellen und so zum Verschwinden zu verurteilen. Indes, es kommt der Tag, an dem die Wahrheit wieder lebendig wird. Wenn man die Alten wieder einmal liest, bemerkt man, dass schon sie den Weg geöffnet und weise Vorschriften erlassen haben. Denen, die am eifrigsten sich mit der Geschichte der Medizin beschäftigen, kommt es zu, den vergessenen Schätzen nachzuspüren und sich wieder zur Geltung zu bringen. Deshalb liegt es Uns so sehr am Herzen, dass die Themen der gemeinsamen Beziehungen, die in Ihren Sitzungen behandelt werden wie: die Medizin als Mittel der Einigung unter den Völkem, ihr Beitrag zum Fortschritt der Zivilisation, die Schule von Salerno und die medizinische Welt vor der Gründung der Universitäten, dass diese Themen auf gewisse Erscheinungen der Vergangenheit ein neues Licht werfen, das geeignet ist, die Zeitgenossen zu interessieren und zu belehren.

Die Bedeutung der Schriften des Hippokrates

4. Die Medizin als Wissenschaft und Kunst zugleich nimmt in der Zivilisation einen wirklich einzigartigen Platz ein: ihre Wichtigkeit für den Einzelnen wie für die Gesellschaft, die Qualität, die von dem gefordert wird, der sie ausübt, das geheiligte Wesen des menschlichen Lebens, über das sie verfügt, bedingten von alters her den Eingriff des Gesetzgebers, der besorgt ist, ihre Ausübung zu überwachen.

2 Jahrtausende v. Chr. setzt der berühmte Kodex des Hamurabbi die Strafen fest, wo das medizinische Eingreifen misslang und die Belohnungen, wo es von Erfolg gekrönt war. Indessen bedurfte eine so umfassende und heikle Tätigkeit zur Orientierung der Lehren eines Meisters, der sich sowohl der technischen Erfordernisse als auch seiner sittlichen Verantwortlichkeit bewusst war. Der griechische Genius, auf allen Gebieten der Kultur so fruchtbar, sollte auch hier zeigen, was er zu leisten vermochte. Die Schriften von Hippokrates sind ohne jeden Zweifel edelster Ausdruck eines beruflichen Gewissens, das besonders die Achtung vor dem Leben und die Aufopferung für den Kranken gebietet und persönliche Faktoren berücksichtigt: Selbstbeherrschung, Würde, Zurückhaltung. Er wusste die sittlichen Normen aufzuweisen und sie in ein genügend umfassendes und harmonisches Lehrsystem einzufügen, wodurch er der Zivilisation ein Geschenk machte, das großartiger ist als das derjenigen, die Weltreiche eroberten.

Die Hauptrolle der Medizin in Zeiten der Not

5. Wir können nicht vergessen, dass die Medizin, getreu diesem Ideal, bestimmt war und bestimmt bleibt, dann eine Hauptrolle zu spielen, wenn die schrecklichen Geisseln der Kriege und Epidemien sich entfesseln, die selbst die Existenz der Völker bedrohen. In den Ängsten und in der Not solcher Zeiten erschließt sie sich unvermutet neue Hilfsquellen sowohl durch Erfindungen und den Einsatz neuer Heilmethoden als auch durch die heldenhafte Hingabe der Ärzte, die so ihrem Heilsauftrag gerecht zu werden suchen.

Die Schule von Salerno

6. Aus der Geschichte der Schule von Salerno erhellt sich vortrefflich die internationale Aufgabe der Medizin und ihr Beitrag zur Zivilisation. Als die einfallenden Barbaren das römische Reich überschwemmten, gelang es der Kirche, in ihren Klöstern das Wesentlichste der griechisch-lateinischen Kultur und besonders die Schriften der wichtigsten medizinischen Schriftsteller zu retten. Aber überdies befleißigten sich die Mönche, treu der Übung christlicher Nächstenliebe, den Kranken und Siechen beizustehen, und bewahrten so die lebendigen Überlieferungen, woraus im 11. Jahrhundert die medizinische Schule hervorging, die die berühmteste des Mittelalters vor der Gründung der Universitäten war. Salerno wird bald danach auf ganz Europa ausstrahlen und überall die Schüler hinschicken, die sie ausgebildet hat.

Fortschritt der Zivilisation durch die Medizin

7. Heute verfügt die medizinische Wissenschaft dank der Vielfalt der Mittel zur Verbreitung des Wissens im höchsten Grade über die Vorteile internationaler Zusammenarbeit. Zahlreiche Vereinigungen schließen die einzelnen Sondergebiete zusammen und führen über die Grenzen hinweg zu einem fruchtbaren Austausch. Die Medizin vermag so wirksam den Fortschritt der Zivilisation voranzutreiben und trägt jedes Jahr sozusagen den einen oder anderen bedeutenden Sieg davon. Welch mächtiger Anreiz, um mit Leidenschaft die Geschichte einer Kunst zu studieren, die zuinnerst mit dem intellektuellen und sittlichen Wachstum der Völker verbunden ist, die an ihrem ganzen Schicksal teilhat, die alle Wechselfälle ihres Fortschrittes oder Niederganges widerstrahlt !

Der echte Arzt kann die Botschaft Christi nicht überhören

8. Wenn der Arzt dem Problem der Krankheit die Stirn bietet, so muss er, ob er will oder nicht, auch vor der Bestimmung des Menschen Stellung beziehen. Wenn er nichts jenseits der biochemischen Erscheinungswelt anerkennt, gesteht er nicht dadurch -- und gerade dadurch - die Nutzlosigkeit all seiner Bemühungen? Das aber ist eine Haltung, gegen die sich nicht nur das innerste Empfinden jedes einzelnen wendet, sondern auch dieser ganze lange Weg durch die Jahrhunderte und dieses mutige und zähe Voranschreiten, welcher die Geschichte der Medizin ausmacht. Der Mensch des Herzens, der seine ganzen Kräfte im Kampf gegen die Krankheit einsetzt, kann nicht die Botschaft dessen ignorieren, der sich Herr über Leben und Tod nannte und der diese Behauptung durch zahlreiche Wunder bewies, vor allem durch das seiner eigenen Auferstehung. Bestimmt aber kann er nicht darüber hinwegsehen, dass Christus allen Menschen, die sein Wort befolgen, verspricht, sie eines Tages an seinem endgültigen Triumph teilnehmen zu lassen.

Segen

9. Es ist Unser Wunsch, meine Herren, dass diese so tröstliche Wahrheit Sie in Ihrer täglichen, ernsten und anspruchsvollen Arbeit trägt, deren unermessliche Wohltaten die Welt unaufhörlich erfährt. Die göttliche Vorsehung schenke Ihnen dabei Erfolg und gewähre Ihnen die Erfüllung Ihrer besten Wünsche. Als dessen Unterpfand geben Wir Ihnen aus ganzem Herzen Unseren Apostolischen Segen.

8. Januar 1956

Ansprache vom 8. Januar 1956 über die schmerzlose Geburt

an Ärzte und Gynäkologen
über die schmerzlose Geburt und der christliche Glaube

(Quelle: Herder-Korrespondenz, Neunter Jahrgang 1954/55, Zweites Heft, November 1954, S. 76-79). Papst Pius XII. sprach am 30. September 1954 vor den Teilnehmern des 8. ärztlichen Weltkongresses auf ihre Bitte über grundsätzliche Fragen des ärztlichen Gewissens, besonders hinsichtlich des ABC-Krieges und des Experimentes am Menschen. Eigene Übersetzung)

14. Mai 1956

Ansprache vom 14. Mai 1956

an Mitglieder des Italienischen Verbandes der Hornhautspender,
des italienischen Blindenvereins,
berühmter Augenärzte und Gerichtsmediziner
über die Integrität des menschlichen Leibes im Leben und im Tod

(Quelle: Herder-Korrespondenz, Zehnter Jahrgang 1955/56, Zehntes Heft, Juli 1956, S. 465-467)

24. Februar 1957

Ansprache vom 24. Februar 1957 über Anästhesie

über die Anwendung der Anästhesie in der Medizin
24. Februar 1957
(Offizieller lateinischer Text: AAS 49 [1957] 129-147)

(Quelle: Herder-Korrespondenz, Elfter Jahrgang 1956/57; Achtes Heft, Mai 1957, S. 372-379)

10. November 1957

Ansprache

an die Teilnehmer des Ersten Internationalen Kongresses der europäischen Privatschulen
über die Rolle der Privatschule in Europa

(Quelle: Herder-Korrespondenz, Zwölfter Jahrgang 1957/58; Viertes Heft, Januar 1958, S. 156-158)

Papst Pius XII. empfing am 10. November die Teilnehmer des Ersten Internationalen Kongresses der europäischen Privatschulen, der Anfang November in Rom tagte. Dieser Kongress ist hervorgegangen aus der Erfahrung, die eine Gruppe italienischer Schüler von Privatschulen (und das heißt: von katholischen Schulen) in Wien gemacht hat, wo sie im entsprechenden österreichischen Milieu herzlichste Aufnahme fand, da die gleichen menschlichen, geistigen und religiösen Interessen sie verbinden. Direktoren, Dozenten und Lehrer zogen daraus die Folgerung, dass die privaten, d. h. häufig: die katholischen Schulen in den verschiedenen europäischen Ländern die gleichen Interessen kultureller, wirtschaftlicher und auch politischer Art zu vertreten haben und dass diese Interessen durch eine Organisation am besten genutzt werden könnten. Der Heilige Vater, der an den Fragen christlicher Erziehung lebhaftesten Anteil nimmt, sagte zu ihnen, nach einleitenden Worten:

"Man kann ohne Bedenken behaupten: Das Statut, das ein Land der Privatschule einräumt - Wir benutzen diesen Ausdruck in dem Sinne, in dem Sie selber ihn verwenden, nämlich für die Schule, die nicht vom Staat geleitet wird -, spiegelt ziemlich genau das geistige und kulturelle Niveau dieses Landes wider. Ein Staat, der ausschließlich sich selber die Aufgabe der Erziehung vorbehält und unabhängigen einzelnen oder Gruppen verbietet, auf diesem Gebiet irgendwelche eigene Verantwortung zu übernehmen, erhebt einen Anspruch, der mit den grundlegenden Forderungen der menschlichen Person unvereinbar ist. Daher wird die Idee der Schulfreiheit von allen politischen Regierungsformen anerkannt, die die Rechte des Einzelnen und der Familie bejahen. In der Praxis allerdings sind alle Grade von Freiheit möglich. Manchmal verhält sich der Staat mehr oder weniger gleichgültig gegenüber der Privatinitiative, unterstützt sie nicht finanziell und behält sich selber das Recht vor, sämtliche akademischen Titel zu verleihen; manchmal wiederum erkennt er unter gewissen Bedingungen den Wert des privaten Unterrichtswesens an und billigt ihm Unterstützung zu; doch wichtiger noch als die materielle Stütze oder die rechtliche Anerkennung der Diplome ist die prinzipielle Einstellung der Regierungen gegenüber dem privaten Schulwesen. Oft bleibt die theoretisch bewilligte Freiheit tatsächlich begrenzt und sogar bekämpft; sie ist nur gerade geduldet, wenn der Staat sich auf dem Gebiet des Unterrichts als Träger eines regelrechten Monopols betrachtet.

Nun zeigt aber eine ernstliche Analyse der historischen und philosophischen Grundlagen der Erziehung, dass die Schule ihren Auftrag nicht allein vom Staat erhält, sondern in erster Linie von der Familie und danach von der sozialen Gemeinschaft, der sie gehört. Die Ausbildung der menschlichen Persönlichkeit ist vor allem Sache der Familie, und da die Schule in weitgehendem Maße das gleiche Ziel erstrebt, setzt sie nur deren Wirksamkeit fort und empfängt von ihr die zu diesem Zweck notwendige Autorität. Der Primat des Familienmilieus in der Erziehung zeigt sich übrigens auch in der häufigen Unfähigkeit des Schulmilieus, allein schweren familiären Mängeln entgegenzuwirken. Anderseits hängt die Schule in dem Maße, als sie Wissen, eine Gesamtheit von auf die äußere Wirksamkeit des einzelnen hingeordneten Kenntnissen, die vor allem auch dem Beruf dienen, vermittelt, auch von der Gemeinschaft, den Überlieferungen und Bedürfnissen, von dem kulturellen Niveau der Gemeinschaft und der Ausrichtung ihrer Tendenzen ab. Die Forderungen der Gemeinschaften werden im Bereich der Schule durch Einzelne, organisierte Gruppen, kulturelle und religiöse Institutionen interpretiert, die sich eben das Ziel setzen, die Jugend auf ihre künftigen Aufgaben vorzubereiten. Der Staat, die politische Macht als solche, sollte nur eingreifen, um eine ergänzende Rolle zu spielen und der Tätigkeit der einzelnen die nötige Breite und Intensität zu sichern. Man darf also keineswegs die Privatschule als völlig der politischen Macht unterstellt ansehen, sondern muss ihr eine echte Unabhängigkeit im Bereich ihrer eigenen Funktionen und das Recht zuerkennen, sich an den Familiengrundsätzen zu inspirieren, die das Wachstum und die Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit leiten, ohne dabei die vom sozialen Milieu gestellten Forderungen zu vernachlässigen.

Der Verwaltungsapparat der modernen Staaten ist tatsächlich maßlos angeschwollen, indem er immer weitere Gebiete des öffentlichen Lebens und insbesondere das der Schule in sich aufsaugt. Sosehr dieser Eingriff auch berechtigt bleibt, wenn die Tätigkeit der einzelnen versagt und die Bedürfnisse der Gesamtheit nicht befriedigen kann, so schädlich wird er, wenn er mit Absicht die zuständige Privatinitiative ersetzt. Sie haben also recht, die Vorrangstellung der Privatschule vor derjenigen, deren Leitung von den öffentlichen Mächten abhängt, und die hervorragenden Dienste, die sie überall dort geleistet hat, wo man ihr eine hinreichende Handlungsfreiheit gelassen hat, zu betonen.

Die Privatschule im Dienste übernationaler Zusammenarbeit

Sie haben sich auf diesem Kongress vorgenommen, ein europäisches Zentrum zur Verteidigung der spirituellen Güter der Privatschule zu gründen: dieses Ziel benötigt heute eine ständige Aufmerksamkeit und ein energisches Eingreifen von seiten all derer, die an ihre unersetzliche Funktion glauben. Bei den meisten modernen Nationen muss sie unglücklicherweise noch schwer darum ringen, ihre wohlerworbenen Rechte zu bewahren und ihr Bestehen in wirtschaftlicher Hinsicht zu sichern. Aber da sie nicht den Abhängigkeiten unterworfen ist, die auf allen staatlichen Einrichtungen lasten, besitzt sie eine größere Leichtigkeit, sich den neuen Bedingungen des internationalen Lebens anzupassen. Daher haben Sie ein Recht, darauf zu hoffen, dass die Verständigung zwischen den privaten Schulen die Bildung der jungen Generationen erleichtern wird, die begierig sind, sich aus der Enge eines oft übertriebenen und durch die Tatsachen überholten Nationalismus zu befreien und den wachsenden Verantwortlichkeiten zu begegnen, die sie in einem Europa mit umfassenderen Strukturen auf sich nehmen müssen. In den Diskussionen, in denen die für die Privatschulen Verantwortlichen ihre Ansichten austauschen, ist es normal, dass die Probleme der Organisation und der Methoden einen breiten Raum einnehmen, wenn sie völlig auf der Höhe der heutigen Fortschritte der Pädagogik bleiben wollen; aber es ist wichtig, dass vor allem der Geist der Privatschulen geachtet wird, ihre Auffassung vom Menschen und von der Erziehung, das selbstlose Ideal derer, die sich ihr widmen; manchmal haben die Leiter von Privatschulen in einem falsch verstandenen Wetteifer in ihren Methoden und bei der Zusammenstellung ihres Programms das Beispiel eines Unterrichtssystems befolgt, das von anderen Sorgen bestimmt worden ist und sich weniger darum bemüht, die wahren Werte der Person zu bewahren. Es wird Ihnen, Wir zweifeln daran nicht, am Herzen liegen, diese Klippe zu vermeiden, die Ihnen gefährlicher werden kann als die Angriffe von außen.

Diejenigen, die morgen die erste Rolle im öffentlichen Leben spielen, werden, davon sind Wir überzeugt, aus den Schulen hervorgehen, die vor allem das Ideal der Freiheit und der persönlichen Initiative ehren und nicht zögern, in den Mittelpunkt ihres Unterrichts feste moralische und religiöse Grundsätze zu stellen, zumal die des christlichen Glaubens, der durch die Jahrhunderte hin nicht aufgehört hat, die Seele der Völker des Abendlandes zu formen.

Die europäische Gesellschaft, die sich gegenwärtig bildet, wird ihr inneres Gleichgewicht nicht finden und ihren Platz inmitten der anderen Weltmächte nicht halten können, wenn sie nicht eine Elite besitzt, die von den besten menschlichen und christlichen Überlieferungen durchdrungen und vor allem vom Vorrang des Geistigen auch über die durchdachtesten Formen technischer Organisation überzeugt ist. Es ist Ihre Aufgabe, meine Herren, an der Ausbildung und der Ausbreitung dieser Elite zu arbeiten und so den Völkern des Abendlands die lebendigen Kräfte zu vermitteln, die ihnen helfen werden, ein gemeinsames Schicksal in Frieden und brüderlicher Zusammenarbeit zu verwirklichen."

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