C'est un geste (Wortlaut)

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Apostolischer Brief
C'est un geste

von Papst
Pius XII.
an den Präsidenten der « Sozialen Wochen Frankreichs », Ch. Flory, anlässlich der Studientagung in Straßburg
Die Freiheit als Grundlage des Gemeinschaftslebens und die Gefahren unterschiedsloser Verstaatlichung
10. Juli 1946

(Offizieller französischer Text: AAS 38 [1946] 315-318)

(Quelle: Arthur Fridolin Utz OP, Joseph-Fulko Groner O.P, Hrsg.: Aufbau und Entfaltung des gesellschaftlichen Lebens, Soziale Summe Pius' XII. (1939-1958), Übersetzerkollegium: Herausgeber und Franz Schmal u. H. Schäufele, Paulus Verlag Freiburg/Schweiz 1954; Imprimatur Friburgi Helv., die 5. Maii 1954 N. Luyten O.P. Imprimatur Friburgi Helv., die 29. Junii 1954 R. Pittet, v.g.; Band I, S. 158-162; Nrn. 365-373)

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

In rührend kindlicher Weise haben Sie anlässlich Ihrer letzten Reise nach Rom Uns den Bericht der « Sozialen Woche von Toulouse » überreicht. Das Werk, das Sie unmittelbar nach dem Krieg wieder aufgenommen haben, ging nicht ohne Schwierigkeiten vonstatten. Doch Wir wussten um den Eifer und die Bedeutung der katholischen Sozialwissenschaftler, die in der Metropole der Languedoc um den tapferen Prälaten, den Wir mit eigener Genugtuung zur Kardinalswürde erheben durften, versammelt waren, und indem Wir in diesem bedeutsamen Sammelband Ihrer Toulouser Arbeiten blättern, stellen Wir fest, dass Unsere Hoffnungen, die Wir in Sie und Ihre Kollegen gesetzt haben, alles andere als trügerisch waren, so dass Wir Sie alle freudig beglückwünschen und erneut segnen.

Wir erblicken in den Arbeiten Ihrer neuen Studientagung, die dieses Mal in der elsässischen Hauptstadt stattfinden werden, die abschließende Fortsetzung der Sozialen Woche von Toulouse, in einem Kreis und einer Atmosphäre, in der sich die gerechten gesellschaftlichen Reformpläne erfüllen und die zur größeren Wahrung der echten Freiheit erforderlichen Vorkehrungen entfalten mögen.

Sie studieren also die verschiedenen Probleme der nationalen Gemeinschaft, die Sie nicht, wie es gewisse Philosophen positivistischer und antiintellektualistischer Richtung wollen, im Sinn einer Gesamtheit verstehen, in der das Triebhafte und die Herdeninstinkte die rationalen, rechtlichen und sittlichen Kennzeichen jeder wahren Gemeinschaft verdunkeln, sondern einzig, um alles das besser herauszustellen, was ein Land besonders, wenn es sich um ein Land wie Frankreich handelt und um ein Volk wie die « nobilissima Gallorum gens » - an berechtigten Verschiedenheiten innerhalb seiner notwendigen Einheit, an Ursprünglichkeit und freier Übereinkunft, an gegenseitigem Geben im Schoße dieser erweiterten und Übergreifenden Familie, die das Vaterland ist, umfasst. Hat dieser Begriff der Gemeinschaft in diesem Sinne nicht auch einen ausgesprochen christlichen Charakter und hat ihn die Urkirche selbst nicht geheiligt? Muss man schließlich nicht in der von unserem Herrn Jesus Christus gegründeten göttlichen Einrichtung ein unvergleichliches Vorbild sehen, so dass die Gesellschaften menschlicher Ordnung nichts Besseres tun können, als ihren Geist in sich aufzunehmen? Daran ist nichts Erstaunliches, denn die Kirche ist eben deshalb das Muster alles sozialen Lebens, weil sie den wirklichen Wert der menschlichen Person aus der Entwürdigung gerettet hat, zu der die heidnischen Philosophien und Sitten sie verurteilt hatten, und weil sie in eben dieser menschlichen Person, die nach dem Bilde Gottes geschaffen ist, die Wurzel und das Ziel alles sozialen Lebens erkennt und verteidigt.

Keine Kompromisse mit den Vertretern des Kollektivismus !

Sie können diese großen Wahrheiten, die dem Aufbau des Gesellschaftskörpers zugrunde liegen müssen, nicht stark genug herausstellen und verkündigen, gerade jetzt, da wiederum Systeme erbittert das Haupt erheben, die die totalitären Ansprüche auf alle Gebiete ausdehnen und kein anderes Ideal als den kollektiven Egoismus und keine andere Ausdrucksform als die staatliche Allgewalt kennen, die sich die Menschen wie Figuren eines politischen Schachspiels und wie Zahlen in der wirtschaftlichen Berechnung unterjocht. Es ist für einen Christen unzulässig, sich auch nur im geringsten mit dem Irrtum selbst einzulassen und wäre es zum Zwecke, um in Berührung mit denen zu bleiben, die im Irrtum sind. Diese Berührung wird sich übrigens zwischen den Christen, die sich rechtschaffen und demütig des Vorrechts der Wahrheit bedienen und den andern, die die Wahrheit rechtschaffen und demütig suchen, von selbst herstellen und erhalten.

Freiheit, Gleichheit .und Brüderlichkeit nur im christlichen Sinn!

Ein gesunder Gemeinschaftsgeist muss also die Glieder der nationalen Gesamtheit erfüllen, so wie er natürlicherweise auch die Glieder der Mutterzelle, nämlich der Familie, erfüllt. Nur dann wird man in ihr die großen Grundsätze der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit blühen sehen, die die modernen Demokratien für sich beanspruchen, die aber, wenn sie nicht furchtbar entstellt werden sollen, selbstverständlich so aufgefasst werden müssen, wie sie das Naturrecht, das Gesetz des Evangeliums und die christliche Überlieferung auffassen, die gleichzeitig ihre Urheber und zwar einzigen Urheber und ihre eigentlichen Interpreten sind.

Warnung vor der Verstaatlichung der Betriebe

Diese Bemerkung bezieht sich z. B. auch auf den besonderen Fall, der Sie in diesem Augenblick beschäftigt, die Verstaatlichung der Betriebe. Unsere Vorgänger und Wir selbst haben mehr als einmal die moralische Seite dieser Maßnahme berührt. Es ist ganz offenkundig, dass diese Verstaatlichung, selbst dort, wo sie zulässig ist, den mechanischen Charakter des gemeinsamen Lebens und Arbeitens nicht mildert, sondern vielmehr dazu neigt, diesen mechanischen Charakter noch zu steigern und dass darum der Vorteil, den sie zu Gunsten einer wahren Gemeinschaft, wie Sie sie verstehen, einbringen soll, mit großer Vorsicht betrachtet werden muss. Wir sind der Meinung, dass die Einrichtung von korporativen Verbänden oder Einheiten (Associations ou unités corporatives. Vgl. hierzu den Brief vom 18. Juli 1947) in allen Zweigen der nationalen Wirtschaft weit vorteilhafter für das Ziel ist, das Sie verfolgen und weit vorteilhafter auch zur Hebung des Ertrags der Betriebe. Auf jeden Fall gilt das bestimmt überall dort, wo der Zusammenschluss der Unternehmen und das Verschwinden der kleinen selbständigen Erzeuger bisher nur dem Kapital und nicht der sozialen Wirtschaft zugute gekommen ist. Kein Zweifel zudem, dass unter den gegenwärtigen Umständen die korporative Gestaltung des sozialen und besonders des wirtschaftlichen Lebens praktisch die christliche Lehre über die Persönlichkeit, die Gemeinschaft, die Arbeit und das Privateigentum fördert.

Es ist daher nicht überflüssig, heute weniger denn je, eine Bestandsaufnahme der Bedingungen einer solchen lebendigen und starken nationalen Gemeinschaft vorzunehmen, die gewiss die rechtmäßige Selbstbestimmung nicht ausschließt oder einebnet, aber auch auf alle Rechte achtet und sich jener größeren Gemeinschaft öffnet, die in der Menschheit besteht.

Schluss

Straßburg, wo das universitäre und katholische Leben stets einen Ehrenplatz eingenommen hat und dessen geographische Lage gerade dazu angetan ist, seinen segensreichen Einfluss in jene Länder und Völker, die der Rhein bespült, hineinwachsen zu lassen, - Straßburg ist in besonderer Weise der Ort für diese licht- und friedenbringende Lehrverkündigung. Es scheint uns bei dieser Gelegenheit bis in die Turmspitze der berühmten Kathedrale hinauf als der Punkt, in dem sich alle Menschen guten Willens vereinen zur Erarbeitung einer gerechten und friedlichen nationalen und internationalen Gemeinschaft.

Die Soziale Woche von Straßburg wird unter der Führung eines Bischofs, in dem die Charakterfestigkeit und die Herzensgüte des verehrten Bischofs Ruch selig neu erstehen, wirksam dazu beitragen, in dieser Hinsicht wieder Ordnung in die Geister und Liebe in die Herzen zu bringen. Elsaß, das Land gesunden Menschenverstandes und guter Sitten, verdient gar wohl, dieses Denkmal christlicher Weisheit auf seinem er-giebigen Boden erstehen zu sehen, wo sich bei dieser Gelegenheit ein « Siebengestirn» von Professoren und Technikern, von Männern der Politik und der Arbeit treffen werden. Wir senden Ihnen und Ihren zahlreichen brennend eifrigen Schülern, wie vor allem der ganzen Kommission der « Sozialen Wochen von Frankreich » und den Mitgliedern der Hierarchie, die im Hinblick auf ein solch bedeutendes Thema mit ihren wertvollen Ratschlägen nicht sparsam umgehen werden, als Unterpfand fruchtbarer Arbeit und übernatürlichen Erfolges den Apostolischen Segen.

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