Col cuore

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Weihnachtsrundfunkansprache
Col cuore

unseres Heiligen Vaters
Pius XII.
über das soziale und menschliche Leben in Christus
24. Dezember 1955
(Offizieller italienischer Text: AAS 48 [1956] 26-41)

(Quelle: Herder-Korrespondenz, Herder Verlag, 10. Jahrgang 1955/56; Viertes Heft, Januar 1956, S. 175-181)
Allgemeiner Hinweis: Die in der Kathpedia veröffentlichen Lehramtstexte dürfen nicht als offizielle Übersetzungen betrachtet werden, selbst wenn die Quellangaben dies vermuten ließen. Nur die Texte auf der Vatikanseite können als offiziell angesehen werden (Schreiben der Libreria Editrice Vaticana vom 21. Januar 2008).


Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen guten Willens. (Lk 2,14 EU)

Inhaltsverzeichnis

Einleitend

Das Herz für die Aufnahme der sanften Freude geöffnet, mit der die Geburt des Erlösers wiederum die Seelen der Gläubigen erfüllen wird, möchten Wir euch, geliebte Söhne und Töchter der Christenheit, und ohne Unterschied allen Menschen Unsere väterlichen Wünsche aussprechen. Ihr Inhalt soll, wie in den vergangenen Jahren, das unaussprechliche Geheimnis des Lichtes und der Gnade sein, das von der Wiege des Kindes in der Heiligen Nacht und zu Bethlehem ausging und dessen Glanz nie erlöschen wird, solange auf Erden die schmerzvollen Schritte derer widerhallen, die zwischen den Dornen den Pfad des wahren Lebens suchen,

Wie sehr wünschten Wir, dass alle Menschen über die Kontinente hin in den Städten, Dörfern, Tälern, Wüsten, Steppen, in den Weiten des Eises und der Meere, auf dem ganzen Erdball, die Stimme des Engels, der das Geheimnis der göttlichen Größe und unendlichen Liebe verkündet, der Liebe, die eine Vergangenheit voll Finsternis und Verdammung abschließt und ein Reich der Wahrheit und des Heils eröffnet, wie an jeden einzelnen gerichtet aufnähmen! "Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die allem Volke widerfahren wird. Heute ist euch in der Stadt Davids der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr" (Lk 2,10-11), Wir wünschten, dass die Menschen von heute ebenso wie die einfachen Hirten, die zuerst in schweigender Anbetung die Heilsbotschaft empfingen, von einem Staunen überwältigt würden, das jedes menschliche Wort erstickt und den Geist zu betrachtender Anbetung treibt, da sich ihren Augen eine unausdenkbare Herrlichkeit offenbart: die des fleischgewordenen Gottes.

I. Die Haltung des modernen Menschen gegenüber Weihnachten

Die Bewunderer der äußerlichen menschlichen Macht

Doch muss man sich mit Bangen fragen, ob der moderne Mensch noch bereit ist, sich von dieser übernatürlichen Größe beeindrucken und von ihrer innerlichen Freude erfüllen zu lassen: dieser Mensch neigt unter dem Eindruck des Wachsens seiner Macht dazu, seine eigene Größe an der Macht seiner Instrumente, seiner Organisationen, seiner Waffen, an der Genauigkeit seiner Berechnungen, an der Zahl seiner Produkte, an der Entfernung, die er mit seinem Wort, seinem Blick, seinem Einfluss erreichen kann, zu messen; dieser Mensch, der jetzt mit Stolz von einem Zeitalter bequemen Wohlstandes spricht, als liege dies schon in Reichweite; der, da er seiner selbst und seiner Zukunft sicher zu sein glaubt, alles wagt, den seine schrankenlose Kühnheit treibt, der Natur ihr letztes Geheimnis zu entreißen, ihre Kräfte seinem Willen zu unterwerfen, und der darauf brennt, mit der eigenen leiblichen Gegenwart auch in die interplanetarischen Räume vorzustoßen.

In Wirklichkeit müsste der moderne Mensch, gerade weil er im Besitz all dessen ist, was Menschengeist und Menschenarbeit im Laufe der Zeit hervorgebracht haben, um so deutlicher den unendlichen Abstand zwischen seinem unmittelbaren Werk und dem des unermesslichen Gottes erkennen.

Aber die Realität ist eine ganz andere. Denn die falschen oder begrenzten Welt- und Lebensanschauungen, denen die modernen Menschen anhängen, hindern sie nicht nur daran, aus den Werken Gottes und insbesondere aus der Menschwerdung des Wortes ein Gefühl von Staunen und Freude zu schöpfen, sondern sie nehmen ihnen auch die Fähigkeit, darin das unerlässliche Fundament anzuerkennen, das den menschlichen Werken erst Bestand und Harmonie gibt. Viele lassen sich geradezu blenden von dem beschränkten Glanz, den diese ausstrahlen, und sperren sich gegen den geheimen Antrieb, deren Quell und Krönung außerhalb und über der Welt der Wissenschaft und der Technik zu suchen.

Wie die Erbauer des Turms zu Babel träumen sie von einer wesenlosen "Vergöttlichung des Menschen", die allen Bedürfnissen des leiblichen und geistigen Lebens angemessen sein und genügen würde. In ihnen ruft die Menschwerdung Gottes und sein "Wohnen unter uns" (vgl. Joh 1, 14) kein tiefes Interesse, keine fruchtbare Ergriffenheit hervor.

Weihnachten hat für sie keinen anderen Inhalt, keine andere Sprache, als was eine Wiege ausdrücken kann: mehr oder weniger lebendige, aber rein menschliche Gefühle, wenn nicht auch diese von lärmenden weltlichen Bräuchen erstickt werden, die auch den einfachen ästhetischen oder familiären Wert profanieren, der wie ein ferner Widerschein noch von der Größe des Weihnachtsgeheimnisses ausstrahlt.

Die Sucher eines falschen inneren Lebens

Andere wieder gelangen auf entgegengesetztem Weg zu einer Verkennung der Werke Gottes und versperren sich so den Zugang zu der geheimnisvollen Freude des Weihnachtsfestes. Von den harten Erfahrungen der letzten beiden Dezennien belehrt, die, wie sie sagen, die Brutalität der modernen Gesellschaft im humanen Gewand erwiesen haben, klagen sie den äußeren Glanz ihrer Fassade bitter an, geben dem Menschen und seinen Werken keinerlei Kredit mehr und verbergen den tiefen Ekel nicht, den ihnen die maßlose Begeisterung für diese einflößt. Sie wünschen, dass der Mensch auf den fieberhaften äußerlichen Dynamismus, zumal den technischen, verzichtet und sich in sich selbst zurückzieht, wo er den Reichtum eines ganz ihm gehörigen, ausschließlich menschlichen inneren Lebens finden würde, das jedes nur mögliche Bedürfnis befriedigen soll.

Doch diese rein menschliche Innerlichkeit ist unfähig, das Versprechen zu erfüllen, das man ihr zuschreibt, nämlich allen Bedürfnissen des Menschen zu genügen. Sie ist vielmehr eine hochmütige, fast verzweifelte Einsamkeit aus Furcht und aus dem Unvermögen, sich eine äußere Ordnung zu geben, und hat nichts mit der echten vollständigen, dynamischen und fruchtbaren Innerlichkeit gemein.

In dieser nämlich ist der Mensch nicht allein, sondern lebt mit Christus zusammen und teilt seine Gedanken und sein Wirken, ist in ihm als Freund, Jünger und fast als Mitarbeiter verbunden und wird von ihm in der Begegnung mit der äußeren Welt getragen und gestützt gemäß den göttlichen Weisungen; denn er ist "der Hirt und Hüter unserer Seelen" (vgl. 1 Petr 2, 25).

Die Gleichgültigen und Unempfänglichen

Zwischen diesen beiden Gruppen, die durch ihre irrige Auffassung von der Welt und vom Leben dem bestimmenden und heilsamen Einfluss des fleischgewordenen Gottes entzogen werden, steht die breite Schicht derer, die weder Stolz auf den äußeren Glanz der heutigen Menschheit empfinden noch sich in sich selbst zurückziehen wollen, um allein von dem, was der Geist geben kann, zu leben. Es sind die, die sich zufrieden erklären, wenn es ihnen gelingt, vom Augenblick zu leben, und die sich für nichts anderes interessieren, nichts anderes wünschen, als sich eines möglichst ausgedehnten Gebrauchs äußerer Güter zu versichern und nicht befürchten zu müssen, dass sie im nächsten Augenblick ihre Lebenshaltung herunterschrauben müssten. Weder die Größe Gottes noch die Würde des Menschen, beide im Weihnachtsgeheimnis so wunderbar und sichtbar verherrlicht, machen auf diese armen Geister Eindruck, die unempfänglich und unfähig geworden sind, ihrem Leben einen Sinn zu geben.

Der moderne Mensch, der auf diese Weise die Gegenwart des menschgewordenen Gottes nicht anerkennt oder ablehnt, hat sich eine Welt konstruiert, in der die Wunder sich mit den Jämmerlichkeiten mischen, voll von Widersprüchen, wie ein Weg ohne Ausgang oder wie ein Haus, das mit allem versehen ist, das aber, weil ihm das Dach fehlt, seinen Bewohnern nicht die ersehnte Sicherheit gewähren kann. Bei einigen Völkern schwelt und verbreitet sich in der Tat trotz der gewaltigen Entwicklung des äußeren Fortschritts und obwohl für alle Bevölkerungsschichten der materielle Bestand gesichert ist, ein Gefühl unbestimmten Unbehagens, eine ängstliche Erwartung von irgend etwas, was kommen muss. Das erinnert an die Erwartung der einfachen Hirten auf den Feldern von Bethlehem, die jedoch mit ihrer Empfänglichkeit und Bereitschaft die hochmütigen Menschen des 20. Jahrhunderts belehren können, wo das zu suchen ist, was fehlt: "Auf, lasset uns nach Bethlehem gehen" - sagen sie - "und sehen, was geschehen ist und was der Herr uns kundgetan hat" (Lk 2, 15). Das Geschehnis, das schon seit zweitausend Jahren der Geschichte angehört, dessen Wahrheit und Einfluss jedoch wieder ihren Platz in den Gewissen einnehmen müssen, ist das Kommen Gottes in sein Haus und Eigentum (vgl. Joh 1, 11). Nun kann aber die Menschheit nicht ungestraft das Kommen und Wohnen Gottes auf Erden zurückweisen und vergessen, denn dieses ist in der Heilsökonomie wesentlich, um die Ordnung und Harmonie zwischen den Menschen und seinen Dingen, zwischen diesen und Gott herzustellen. Der hl. Apostel Paulus beschrieb die Totalität dieser Ordnung in einer wunderbaren Synthese: "Alles ist euer, ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes" (1 Kor 3, 23). Wer aus dieser unzerstörbaren Ordnung Gott und Christus herausfallen lassen wollte und von den Worten des Apostels nur das Recht des Menschen über die Dinge zurückbehielte, würde einen entscheidenden Bruch im Plane Gottes herbeiführen. Der hl. Paulus selber würde sich dagegen mit der Mahnung erheben: "Niemand rühme sich eines Menschen" (1 Kor 3, 22). Wer sähe nicht, wie aktuell diese Mahnung für die Menschen unserer Zeit ist, die so stolz auf ihre Erfinder und Entdecker sind, die nicht mehr, wie einst so häufig, das harte Los der Vereinsamung zu tragen haben, sondern im Gegenteil die Phantasie der Menge und auch die wachsame Aufmerksamkeit der Staatsmänner beschäftigen? Es ist jedoch etwas anderes, zu ihrer gerechten Ehrung beizutragen, als von ihnen und ihren Entdeckungen die Lösung des grundlegenden Lebensproblems zu erwarten. Denn der Reichtum und die Werke, die Pläne und Erfindungen, Stolz und Qual der modernen Zeit, müssen in ihrem Verhältnis zum Menschen, dem Ebenbild Gottes, betrachtet werden. Wenn daher das, was man Fortschritt nennt, nicht in Übereinstimmung mit den göttlichen Gesetzen der Weltordnung steht, so ist es gewiss nicht gut und kein wirklicher Fortschritt, sondern ein Weg zum Untergang. Vor dem unvermeidlichen Ende werden dann weder die vervollkommnete Kunst der Organisation noch die weitentwickelten Rechenmethoden retten, denn sie haben nicht die Macht, das innere Heil des Menschen zu fördern, geschweige denn, es zu ersetzen.

II. Christus im geschichtlichen und sozialen Leben der Menschheit

Nur Jesus Christus gibt dem Menschen dieses innere Heil. - "Als die Fülle der Zeiten gekommen war" (GAL 4,4), stieg das Wort Gottes in dieses irdische Leben herab und nahm eine wirkliche menschliche Natur an, und so trat es auch in das geschichtliche und soziale Leben der Menschheit ein, auch hierin "den Menschen gleich" (Phil 2, 7), wenn schon Gott von Ewigkeit her. Sein Kommen beweist damit, dass Christus sich auch in der Geschichte und der Gesellschaft zum Führer der Menschen und zu ihrer Stütze setzen wollte. Dass der Mensch sich in der gegenwärtigen technischen und industriellen Ära eine bewundernswürdige Macht über die organischen und anorganischen Dinge der Welt erworben hat, gibt ihm kein Recht, sich der Pflicht zu entziehen, Christus, dem König der Geschichte, zu dienen, und es verringert nicht das Bedürfnis des Menschen, von ihm gestützt zu werden. In der Tat ist ja auch die Angst um die Sicherheit immer größer geworden.

Die heutige Erfahrung beweist gerade, dass das Vergessen und Vernachlässigen der Gegenwart Christi in der Welt das Gefühl der Verlorenheit und des Fehlens von Sicherheit und Stabilität hervorgerufen hat, das das technische Zeitalter kennzeichnet. Das Vergessen Christi hat dazu geführt, auch die Wirklichkeit der menschlichen Natur, wie Gott sie zum Fundament des Zusammenlebens in Raum und Zeit gesetzt hat, zu verkennen.

Die Prinzipien der echten menschlichen Natur als Grundlage der menschlichen Sicherheit

In welcher Richtung soll man also die Sicherheit und innere Festigkeit des Zusammenlebens suchen, wenn nicht, indem man die Geister wieder dazu bringt, die Prinzipien der wahren menschlichen Natur, wie Gott sie wollte, zu hüten und neu zu erwecken? Denn es gibt eine Naturordnung, wenn ihre Formen sich auch mit den geschichtlichen und sozialen Entwicklungen wandeln; aber die wesentlichen Linien waren und sind immer die gleichen: Familie und Eigentum als Grundlage persönlicher Vorsorge; dann, als ergänzende Faktoren der Sicherheit, lokale Körperschaften und Berufsverbände, und schließlich der Staat.

An diesen Prinzipien und Normen inspirierten sich bis heute in der Theorie und der Praxis die vom Christentum gestärkten Männer, um, soweit es in ihrer Macht stand, die Ordnung zu schaffen, die die Sicherheit garantiert. Doch zum Unterschied von den Heutigen wussten unsere Vorfahren - auch auf Grund der Irrtümer, von denen ihre konkreten Verwirklichungen nicht frei waren -, dass die menschlichen Kräfte zur Schaffung von Sicherheit wesensmäßig begrenzt sind; darum nahmen sie ihre Zuflucht zum Gebet, um eine ungleich höhere Macht zu bewegen, ihre Unzulänglichkeit zu ergänzen. Die Entwöhnung vom Gebet in der so genannten industriellen Ära dagegen ist eines der bezeichnendsten Symptome des angeblichen Selbstgenügens, dessen sich der moderne Mensch rühmt. Allzu viele beten heute nicht mehr um die Sicherheit, weil sie glauben, die Technik habe die Bitte, die der Herr den Menschen auf die Lippen gelegt hat, überflüssig gemacht: »Gib uns heute unser tägliches Brot" (Mt 6, 11), oder sie wiederholen sie mechanisch, ohne innerlich von ihrer fortdauernden Notwendigkeit überzeugt zu sein.

Falsche Anwendung der modernen wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften zur Sicherheit

Aber kann man wirklich behaupten, der Mensch habe volles Selbstgenügen errungen oder sei im Begriff, es zu erringen? Die gewiss bewundernswürdigen modernen Errungenschaften der wissenschaftlichen und technischen Entwicklung können dem Menschen wohl eine ausgedehnte Herrschaft über die Kräfte der Natur, die Krankheiten und selbst über Anfang und Ende des menschlichen Lebens geben; aber es ist auch gewiss, dass diese Herrschaft die Erde nicht in ein Paradies sicheren Genusses verwandeln wird. Wie soll man also vernünftigerweise alles von den Kräften des Menschen erwarten können, wenn schon die Tatsache neuer falscher Entwicklungen und auch neuer Krankheiten den einseitigen Charakter eines Denkens beweist, das das Leben allein auf der Grundlage quantitativer Analyse und Synthese beherrschen will? Seine Anwendung auf das soziale Leben ist nicht nur falsch, sondern auch eine praktisch gefährliche Vereinfachung sehr komplizierter Vorgänge. Bei dieser Sachlage hat es auch der moderne Mensch nötig zu beten, und wenn er verständig ist, ist er sehr bereit, auch um die Sicherheit zu beten.

Das will jedoch nicht besagen, dass der Mensch auf neue Formen verzichten sollte, dass er die oben erwähnte Ordnung, die die wahre menschliche Natur widerspiegelt, zu seiner Sicherheit nicht den neuen Verhältnissen anpassen sollte. Nichts hindert, dass die Sicherheit hergestellt wird, indem die Ergebnisse der Technik und Industrie benutzt werden. Man muss jedoch der Versuchung widerstehen, Ordnung und Sicherheit nur auf die eben erwähnte rein quantitative Methode zu gründen, die die Naturordnung in keiner Weise mit in Rechnung setzt, wie es diejenigen wollen, die das ganze Geschick des Menschen der gewaltigen industriellen Potenz des gegenwärtigen Zeitalters anvertrauen. Sie glauben, jede Sicherheit auf die immer wachsende Produktivität und den ununterbrochenen Ablauf der immer größeren und fruchtbareren Produktion der Volkswirtschaft gründen zu können. Diese wird, so sagen sie, auf der Grundlage eines vollen und immer vollkommeneren automatischen Produktionssystems und gestützt auf die besten Produktions- und Kalkulationsmethoden allen Werktätigen einen beständigen und sich steigernden Arbeitsertrag garantieren. In einer folgenden Phase wird dieser so groß werden, dass er durch die Fürsorgemaßnahmen der Gemeinschaft zur Sicherheit auch derer ausreichen wird, die noch nicht oder nicht mehr arbeitsfähig sind, Kinder, Alte und Kranke. Um die Sicherheit zu festigen, so schließen sie, wird es darum nicht mehr notwendig sein, sich auf Eigentum zu stützen, sei dies nun privat oder kollektiv, bestehe es aus Naturalien oder Kapitalien.

Nun: diese Art, für die Sicherheit zu sorgen, ist nicht eine der Formen der Anpassung der Naturgesetze an die neue Entwicklung, sondern fast ein Attentat auf den Kern der natürlichen Beziehungen des Menschen zu seinesgleichen, zur Arbeit, zur Gesellschaft. In diesem allzu künstlichen System wird die Sicherheit des Menschen hinsichtlich seines Lebens in gefährlicher Weise von den Anlagen und Energien zur Ordnung der Gemeinschaft, die in der wahren Menschennatur liegen und die allein eine wirkliche Gemeinschaft der Menschen möglich machen, getrennt. Irgendwie müssen, wenn auch mit der notwendigen Anpassung an die Zeit, Familie und Eigentum unter den Grundlagen der freien persönlichen Lebensgestaltung bestehen bleiben. Irgendwie müssen die kleineren Gemeinschaften und der Staat als komplementäre Sicherheitsfaktoren eingreifen können.

So erweist sich denn aufs neue, dass eine noch so vervollkommnete quantitative Methode die gesellschaftliche und geschichtliche Wirklichkeit des menschlichen Lebens weder beherrschen kann noch darf. Der ständig wachsende Lebensstandard, die ständig sich vervielfältigende technische Produktivität sind keine Kriterien, die an sich dazu berechtigen, zu behaupten, dass eine echte Besserung des wirtschaftlichen Lebens eines Volkes vorliege. Nur eine einseitige Sicht der Gegenwart und vielleicht auch der nächsten Zukunft kann sich mit einem solchen Kriterium begnügen, weiter reicht es nicht. Daraus entspringt manchmal auf lange Zeit ein unvernünftiger Verbrauch der Reserven und Naturschätze und leider auch der vorhandenen menschlichen Arbeitskraft; dann auch allmählich ein immer größeres Missverhältnis zwischen der Notwendigkeit, die Bebauung des nationalen Bodens in vernünftiger Anpassung an alle seine produktiven Möglichkeiten zu erhalten, und einer übermäßigen Zusammenballung der Arbeiter. Dazu kommt noch der Zerfall der Gesellschaft, und insbesondere der Familie, in einzelne getrennte Arbeits- und Konsumsubjekte, die steigende Gefährdung der Sicherung des Lebensbedarfs, die sich auf Einkünfte aus Besitz in jeder Form gründet, der ja jeder Geldentwertung so ausgesetzt ist, und das Wagnis, diese Sicherung ausschließlich auf den laufenden Ertrag der Arbeit zu gründen.

Wer in dieser industriellen Epoche dem Kommunismus mit Recht vorwirft, die Völker, die er beherrscht, ihrer Freiheit beraubt zu haben, dürfte nicht versäumen, zu bemerken, dass auch in der anderen Hälfte der Welt die Freiheit nur ein sehr zweifelhafter Besitz sein wird, wenn die Sicherheit des Menschen nicht mehr von Strukturen abgeleitet werden kann, die seiner wahren Natur entsprechen.

Der irrige Glaube, der das Heil in den ständig wachsenden Fortschritt der Sozialproduktion verlegt, ist ein Aberglaube, vielleicht der einzige unserer rationalistischen industriellen Zeit, aber auch der gefährlichste, weil er anscheinend Wirtschaftskrisen für unmöglich hält, die immer die Gefahr einer Rückkehr zur Diktatur in sich bergen.

Überdies ist dieser Aberglaube auch nicht imstande, ein festes Bollwerk gegen den Kommunismus zu errichten, weil er vom kommunistischen Block und auch von nicht wenigen auf nichtkommunistischer Seite geteilt wird. In diesem irrigen Glauben treffen sich die beiden Parteien, so dass sich eine schweigende Übereinkunft bildet, die die scheinbaren Realisten des Westens zu dem Traum einer möglichen echten Koexistenz verführt.

Die Auffassung der Kirche vom Kommunismus

In der Weihnachtsbotschaft des vergangenen Jahres haben Wir die Gedanken der Kirche zu diesem Argument dargelegt, und heute wollen Wir diese nochmals bestätigen. Wir lehnen den Kommunismus als Gesellschaftsordnung kraft der christlichen Lehre ab, und Wir müssen dabei insbesondere die Prinzipien des Naturrechts unterstreichen. Aus dem gleichen Grund lehnen Wir die Auffassung ab, der Christ müsse heute den Kommunismus als ein Phänomen oder eine Etappe im Ablauf der Geschichte betrachten, gleichsam als ein notwendiges Entwicklungsmoment derselben, und er müsse ihn daher fast als etwas von der göttlichen Vorsehung Bestimmtes annehmen.

Ermahnungen an die Christen in der heutigen industriellen Ära

Doch Wir ermahnen zu gleicher Zeit die Christen der industriellen Ära aufs neue und im Geiste Unserer letzten Vorgänger im höchsten Hirten- und Lehramt, sich nicht mit einem· Antikommunismus zu begnügen, der sich nur auf das Schlagwort und auf die Verteidigung einer inhaltlosen Freiheit stützt; Wir ermahnen sie, vielmehr eine Gesellschaft aufzubauen, in der die Sicherheit des Menschen auf jener sittlichen Ordnung beruht, deren Notwendigkeit und deren Auswirkungen Wir schon mehrmals dargelegt haben und die die wahre Menschennatur widerspiegelt.

Die Christen, an die Wir Uns hier insbesondere wenden, müssten besser als alle anderen wissen, dass der menschgewordene Sohn Gottes der einzige sichere Halt der Menschheit auch im sozialen und geschichtlichen Leben ist und dass Er, indem Er die Menschennatur annahm, deren Würde als Grundlage und Regel dieser sittlichen Ordnung bestätigt hat. Es ist also ihre vornehmliche Aufgabe, dafür zu arbeiten, dass die moderne Gesellschaft in ihren Strukturen zu den Quellen zurückkehrt, die das menschgewordene Wort Gottes geheiligt hat. Wenn die Christen je diese ihre Aufgabe vernachlässigten, indem sie, soweit es an ihnen liegt, die Ordnungskraft des Glaubens für das öffentliche Leben brachliegen ließen, würden sie einen Verrat an dem Gottmenschen begehen, der sichtbar unter uns in der Krippe von Bethlehem erschienen ist. Und das mag genügen, um den Ernst und den tiefen Grund des christlichen Einsatzes in der Welt zu bezeugen und zugleich jeden Verdacht angeblicher irdischer Machtziele von seiten der Kirche zu zerstreuen. Wenn sich also die Christen zu diesem Zweck in verschiedenen Institutionen und Organisationen zusammenschließen, so setzen sie sich kein anderes Ziel als den gottgewollten Dienst zum Nutzen der Welt. Aus diesem Grund, und nicht aus Schwäche, schließen die Christen sich zusammen. Aber sie - und gerade sie - bleiben jedem gesunden Unternehmen und jedem echten Fortschritt geöffnet und ziehen sich nicht in geschlossene Bezirke zurück, als wollten sie sich vor der Welt bewahren. Bestrebt, dem gemeinsamen Vorteil zu dienen, verachten sie die anderen nicht, die übrigens, wenn sie dem Lichte der Vernunft gehorchen, von der christlichen Lehre zum mindesten das, was sich auf das Naturrecht gründet, annehmen könnten und müssten.

Hütet euch vor jenen, die diesen christlichen Dienst an der Welt verachten und ihm ein so genanntes "reines", "geistiges" Christentum entgegenstellen. Sie haben jene göttliche Institution nicht begriffen, angefangen mit ihrem Fundament: Christus, dem wahren Gott, aber auch wahren Menschen. Der Apostel Paulus lässt uns den vollen, integralen Willen des Gottmenschen erkennen, der auch diese irdische Welt ordnen will; darum gibt er Ihm zwei beredte Ehrentitel: "Mittler" und "Mensch" (1 Tim 2,5). Ja, Mensch, wie auch jeder seiner Erlösten es ist.

III. Notwendige Integration und Festigung jedes menschlichen Lebens in Christus

Jesus Christus ist nicht nur der sichere Halt der Menschheit im sozialen und geschichtlichen Leben, er ist auch der Halt jedes einzelnen Christen, so dass, wie "alles durch Ihn gemacht und nichts ohne Ihn ist" (Joh 1, 3), auch niemand je irgend etwas der göttlichen Weisheit und Herrlichkeit Würdiges schaffen kann ohne Ihn. Die Idee der notwendigen Einordnung und Festigung jedes Lebens in Christus wurde den Gläubigen von den frühesten Zeiten der Kirche an eingehämmert: vom Apostel Petrus, als er im Vorhof des Tempels von Jerusalem Christus als den "Urheber des Lebens" (Apg 3, 15) verkündete, und vom Völkerapostel, der häufig darauf hinwies, welches das Fundament des neuen Lebens sein müsse, das in der Taufe empfangen wird: Ihr gründet - so schreibt er - euer Leben nicht auf das Fleisch, sondern auf den Geist, wenn wirklich der Geist Gottes in euch wohnt. Denn wenn einer nicht den Geist Christi hat, gehört er nicht Gott (vgl. Röm 8, 9). Daher befindet sich jeder Erlöste, wie er in Christus "wiedergeboren" wird, durch Ihn auch "in Sicherheit im Glauben" (vgl. Joh 3, 3; 1 Petr 1,5).

Grenzen der menschlichen Macht

Wie könnte im übrigen auch der nichtchristliche einzelne, wenn er sich selber überlassen ist, vernünftigerweise an die eigene Autonomie, Vollständigkeit und Heilheit glauben, wenn die Wirklichkeit ihn von allen Seiten auf die Grenzen hinweist, in die die Natur ihn einschließt und die wohl erweitert, aber niemals vollständig niedergelegt werden können? Das Gesetz der Begrenzung ist dem Leben auf Erden eigentümlich, und auch Jesus Christus selber hat sich seiner Herrschaft nicht entzogen, insofern er Mensch war, dessen Handeln von dem unerforschlichen Ratschluss Gottes und in Übereinstimmung mit dem geheimnisvollen Zusammenwirken der göttlichen Gnade mit der menschlichen Freiheit Grenzen gezogen waren. Doch während Christus der Mensch in der Begrenzung seines irdischen Lebens uns in unsrer Begrenztheit tröstet und bestätigt, flößt uns Christus der Gott höheren Wagemut ein, weil er die Fülle der Weisheit und Macht hat. Auf der Grundlage dieser Wirklichkeit wird der Christ, der sich mit Eifer und mit allen natürlichen und übernatürlichen Mitteln anschickt, eine Welt gemäß der von Gott gewollten natürlichen und übernatürlichen Ordnung zu bauen, ständig den Blick zu Christus erheben und sein Handeln in den von Gott gesetzten Grenzen halten. Wer das verkennte, würde eine Welt gegen die göttliche Absicht wollen, die daher auch für das soziale Leben verhängnisvoll werden müsste.

Wir haben soeben auf die schädlichen Folgen hingewiesen, die aus der irrigen Überschätzung des menschlichen Vermögens und aus der Verachtung der objektiven Wirklichkeit entspringen, die in einer Gesamtheit von Prinzipien und Normen - religiösen, sittlichen, wirtschaftlichen, sozialen - Grenzen setzt und die richtige Richtung des menschlichen Handelns anzeigt. Die gleichen Irrtümer mit ähnlichen Folgen wiederholen sich nun im Bereich der menschlichen Arbeit und insbesondere der Arbeit und Produktion in der Wirtschaft.

Angesichts der überraschenden Entwicklung der Technik und häufiger noch infolge von Gedanken, die man ihm suggeriert hat, fühlt sich der arbeitende Mensch als absoluter Herr und Meister seiner Existenz, fähig, schlechthin alle Ziele zu erreichen, alle seine Träume zu verwirklichen, indem er in der sinnlich wahrnehmbaren Natur die ganze Wirklichkeit sieht, glaubt er in der Dynamik des Produzierens den Weg zu sehen, immer vollkommener Mensch zu werden. Die produzierende Gesellschaft, die sich dem Arbeitenden dauerhaft als die lebendige und einzige Wirklichkeit und als die Macht, die alles erhält, präsentiert, gibt seinem ganzen Leben das Maß; daher ist sie seine einzige feste Stütze für Gegenwart und' Zukunft. In ihr lebt er, bewegt er sich und ist; sie wird schließlich für ihn ein Religionsersatz, So entsteht - denken viele ein neuer Menschentyp, der die Arbeit mit der Aureole des höchsten ethischen Werts umgibt und die Arbeitergesellschaft mit einer Art religiöser Glut verehrt.

Der hohe sittliche Wert der Arbeit

Wir fragen uns aber, ob die schöpferische Kraft der Arbeit wirklich den festen Halt des Menschen, unabhängig von anderen, nicht rein technischen Werten, bilden kann, so dass sie verdient, von den modernen Menschen fast vergöttlicht zu werden. Gewiss, nicht, wie es auch keine andere Kraft oder Tätigkeit wirtschaftlicher Natur kann. Auch im Zeitalter der Technik bleibt die von Gott geschaffene, von Christus erlöste menschliche Natur in ihrem Sein und ihrer Würde erhoben, und daher haben ihre schöpferische Kraft und ihr Werk einen weit erhabeneren Halt. So unterbaut, ist auch die menschliche Arbeit ein hoher sittlicher Wert und die arbeitende Menschheit eine Gesellschaft, die nicht nur Gegenstände produziert, sondern Gott verherrlicht. Der Mensch kann seine Arbeit als ein echtes Werkzeug der eigenen Heiligung auffassen, weil er arbeitend in sich das Ebenbild Gottes vervollkommnet, seine Pflicht erfüllt, das Recht ausübt, sich und den Seinen den notwendigen Unterhalt zu verschaffen, und sich zum nützlichen Element der Gesellschaft macht. Die Verwirklichung dieser Ordnung wird ihm die Sicherheit und zugleich den "Frieden auf Erden" verschaffen, den die Engel verheißen haben.

Die Friedensfrage

Und doch wird gerade ihm, dem frommen christlichen Mann, von manchen vorgeworfen, er sei ein Hindernis für den Frieden und durchkreuze das friedliche Zusammenleben der Menschen, der Völker, der verschiedenen Systeme, weil er seine religiösen Überzeugungen nicht stillschweigend im Innern seines Gewissens zurückhalte, sondern sie auch in traditionellen und mächtigen Organisationen in allen Tätigkeitsbereichen des privaten und öffentlichen Lebens zur Geltung bringen wolle. Man behauptet, dass ein solches Christentum den Menschen anmaßend, parteilich, allzu sicher und selbstzufrieden mache; dass es ihn dazu verführe, Positionen zu verteidigen, die- keinerlei Sinn mehr haben, anstatt für alles und alle offen zu sein und das Vertrauen zu haben, dass in einer allgemeinen Koexistenz der innere lebendige Glaube als "Geist und Liebe" wenigstens im Kreuz und Opfer der gemeinsamen Sache einen entschiedenen Beitrag liefern würde. Haben wir in dieser irrigen Auffassung von Religion und Christentum nicht wiederum jenen falschen Kult des menschlichen Subjekts und seiner konkreten Vitalität, auf das übernatürliche Leben übertragen, vor uns? Gegenüber Meinungen und Systemen, die der wahren Religion entgegengesetzt sind, ist der Mensch immer noch durch die Grenzen gebunden, die Gott ihm in der natürlichen und übernatürlichen Ordnung gesetzt hat. In der Achtung vor diesem Prinzip kann unser Friedensprogramm keine unterschiedslose Koexistenz mit allen um jeden Preis billigen - ganz gewiss nicht um den Preis von Wahrheit und Gerechtigkeit. Diese unverrückbaren Grenzen fordern in der Tat genauste Beobachtung. Wo diese vorliegt, ist die Religion auch heute in der Friedensfrage vor jedem Missbrauch von politischer Seite geschützt; während, wo sie auf das rein innerliche Leben beschränkt wird, die Religion dieser Gefahr viel mehr ausgesetzt ist.

Atomwaffen und Rüstungskontrolle

Dieser Gedanke führt Uns von selbst zu der immer akuten Frage des Friedens, der die ständige Sorge Unsres Herzens bildet. Ein Teilproblem dieser Frage verlangt in diesem Augenblick besondere Beachtung. Wir meinen einen kürzlich gemachten Vorschlag, der darauf abzielt, durch internationale Abmachungen die Versuche mit Kernwaffen einzustellen. Man hat auch davon gesprochen, durch weitere Schritte zu Konventionen zu kommen, kraft deren auf den Gebrauch dieser Waffen verzichtet und alle Staaten einer echten Rüstungskontrolle unterworfen werden sollen. Es würde sich also um drei Maßnahmen handeln: Verzicht auf die Experimente mit Kernwaffen, Verzicht auf die Verwendung solcher Waffen, allgemeine Rüstungskontrolle.

Die äußerste Wichtigkeit dieser Vorschläge erscheint in tragischem Licht, wenn man in Betracht zieht, was die Wissenschaft über so schwerwiegende Geschehnisse sagen zu können glaubt: Wir halten es für nützlich, das hier kurz zu wiederholen.

Was die Experimente mit Atomexplosionen betrifft, so scheint es, dass die Meinung derjenigen immer mehr Anhang findet, die besorgt sind wegen der Folgen, die ihr häufigeres Stattfinden haben könnte. Es könnte mit der Zeit tatsächlich eine Anhäufung von radioaktiven Produkten in der Atmosphäre bewirken, deren Verteilung von Ursachen abhängt, die sich menschlicher Macht entziehen, und so könnten für das Leben zahlloser Lebewesen sehr gefährliche Verhältnisse entstehen.

Was die Verwendung betrifft: eine Kernexplosion entwickelt in äußerst kurzer Zeit eine ungeheure Energiemenge, gleich mehreren Milliarden Kilowatt; sie besteht aus Strahlungen elektromagnetischer Natur von höchster Dichte, die sich auf eine weite Ausdehnung von Wellenlängen bis zu den durchdringendsten Strahlen erstreckt, und aus fast mit Lichtgeschwindigkeit herausgeschleuderten Korpuskeln, die aus Kernzerfallsprozessen stammen. Diese Energie teilt sich der Atmosphäre mit, und im Nu von Tausendstelsekunden steigert sie die Temperatur der umgebenden Luftmassen um Hunderte von Graden. Das bewirkt deren gewaltsame Fortbewegung, die sich mit Lautgeschwindigkeit vollzieht. Auf der Erdoberfläche finden in einer Ausdehnung von vielen Quadratkilometern Prozesse von unvorstellbarer Gewaltsamkeit statt, mit Pulverisierung von Materialien und völliger Zerstörung durch direkte Strahleneinwirkung, Hitze, mechanische Einwirkung, während eine ungeheure Menge von radioaktiven Materialien verschiedener mittlerer Lebensdauer mit ihrer Aktivität die Vernichtung vollenden und fortsetzen.

Das ist also das Schauspiel, das sich dem entsetzten Blick als Folge dieser Anwendung bieten würde: ganze Städte, auch die an Geschichte und Kunst reichsten und größten, vernichtet; eine schwarze Todeswolke über der pulverisierten Materie, die unzählige Opfer mit verbrannten, verrenkten, zerstreuten Gliedern bedeckt, während andere im Todeskampf stöhnen. Inzwischen hindert das Gespenst der radioaktiven Wolke jede barmherzige Hilfe der Überlebenden und rückt unerbittlich vorwärts, um das Übriggebliebene Leben zu vernichten. Es wird kein Siegesgeschrei geben, sondern nur die untröstliche Klage der Menschheit, die trostlos die durch den eigenen Wahnsinn erzeugte Katastrophe betrachtet.

Was die Kontrolle betrifft: man hat Kontrollen durch speziell geeignete Flugzeuge zur Überwachung weiter Gebiete in Hinsicht auf Atomexplosionen vorgeschlagen. Andere könnten vielleicht an die Möglichkeit eines weltweiten Netzes von Beobachtungszentren denken, deren jedes von Gelehrten aus verschiedenen Ländern unterhalten und durch feierliche internationale Verpflichtungen gesichert wäre. Solche Zentren müssten mit wertvollen genauen meteorologischen und seismographischen Beobachtungsinstrumenten, Instrumenten zur chemischen Analyse, Massenspektrographie und dergleichen ausgerüstet werden und würden eine wirkliche Kontrolle über zahlreiche Betätigungen - wenn auch leider nicht über alle - ermöglichen, die vorher auf dem Gebiet der Experimente mit Atomexplosionen verboten worden sein müssten.

Wir zögern nicht, auch im Sinne Unserer früheren Ansprachen, zu bestätigen, dass diese drei Maßnahmen zusammen als Gegenstand internationaler Verständigung eine Gewissenspflicht der Völker und ihrer Regierungen darstellen. Wir haben gesagt: diese drei Maßnahmen zusammen, denn ein Motiv ihrer moralischen Verpflichtung ist auch die Herstellung gleicher Sicherheit für alle Völker. Wenn dagegen nur der erste Punkt zur Ausführung käme, ergäbe sich eine Sachlage, die diese Bedingung nicht erfüllen würde, um so mehr als man dann berechtigten Grund hätte, daran zu zweifeln, dass man wirklich auch zum Abschluss der anderen beiden Konventionen kommen wolle. Wir sprechen so offen, weil die Gefahr ungenügender Vorschläge in der Frage des Friedens zum großen Teil von dem gegenseitigen Misstrauen abhängt, das häufig die Beziehungen zwischen den interessierten Mächten trübt, die sich gegenseitig, wenn auch in verschiedenem Maße, bloßer Taktik, ja mangelnder Loyalität anklagen bei einer Sache, die für das Schicksal des gesamten Menschengeschlechts grundlegend ist.

Präventivbefriedung

Im übrigen dürfen die Bemühungen um den Frieden nicht nur in Maßnahmen bestehen, deren Ziel die Beschränkung der Möglichkeit, Krieg zu führen, ist, sondern mehr noch darin, beizeiten den Gegensätzen zwischen den Völkern, die ihn hervorrufen könnten, vorzubeugen oder sie zu mildern oder auszurotten.

Dieser Art Präventivbefriedung müssen sich die Staatsmänner mit kluger Wachsamkeit und in einem Geist unparteilicher Gerechtigkeit und auch Großzügigkeit, wenn auch in den Grenzen eines gesunden Realismus, widmen. In der Weihnachtsbotschaft des vorigen Jahres haben Wir bereits auf die Streitigkeitsherde hingewiesen, die sich in den Beziehungen zwischen den europäischen und den außereuropäischen Völkern, die nach voller politischer Unabhängigkeit drängen, bemerken lassen. Darf man zusehen, wie die Gegensätze sozusagen ihren Lauf nehmen, der deren Bedeutung leicht verschärfen kann, in die Seelen Furchen von Hass eingräbt und die so genannten traditionellen Feindschaften schafft? Käme nicht vielleicht ein Dritter, um Vorteile daraus zu ziehen, ein Dritter, den keiner der beiden anderen Gruppen im Grunde will und wollen kann? Jedenfalls darf jenen Völkern eine gerechte und fortschreitende politische Freiheit nicht verweigert und hintertrieben werden. Europa allerdings müssen sie das Verdienst ihres Fortschritts zuerkennen; Europa, ohne dessen auf allen Gebieten wirksamen Einfluss sie von einem blinden Nationalismus in einen Abgrund von Sklaverei und Chaos hinabgerissen werden könnten.

Andrerseits dürften die Völker des Abendlandes und insbesondere Europas in dem Komplex der angedeuteten Fragen nicht passiv in unnützem Der-Vergangenheit-Nachweinen oder im gegenseitigen Vorwurf von Kolonialismus verharren. Sie müssten sich statt dessen konstruktiv ans Werk machen, um dorthin, wo es noch nicht geschehen ist, die echten Werte Europas und des Westens zu tragen, die in anderen Kontinenten so viele gute Früchte hervorgebracht haben. Je mehr sie nur auf dies bedacht sein werden, um so mehr werden sie den jungen Völkern eine Hilfe zu echter Freiheit sein, und sie selber werden von den Versuchungen des falschen Nationalismus bewahrt bleiben. Dieser ist in Wirklichkeit ihr eigentlicher Feind, der sie eines Tages gegeneinander aufhetzen könnte zum Nutzen Dritter. Diese nicht unbegründete Voraussicht sollte von denen nicht übergangen oder vergessen werden, die ihre Probleme auf Kongressen behandeln, auf denen leider eine äußerliche und vorwiegend negative Einigkeit glänzt. Bei solchen Betrachtungsweisen und bei dieser Art des Vorgehens würde sich Unsrer Meinung nach eine kostbare Sicherung des Friedens ergeben, in gewisser Hinsicht bedeutender als eine unmittelbare Verhinderung des Krieges.

Schluss

Geliebte Söhne und Töchter!

Wenn die Geburt Christi auch heute Strahlen von Freude in die Welt aussendet und tiefe Bewegung in den Herzen weckt, so darum, weil in der einfachen Krippe des menschgewordenen Gottessohnes die unendlichen Hoffnungen des Menschengeschlechts eingeschlossen sind.

In Ihm, mit Ihm und durch Ihn das Heil, die Sicherheit, das zeitliche und ewige Geschick der Menschheit. Allen und jedem ist der Weg geöffnet, um zur Krippe heranzutreten, aus der Lehre, den Beispielen, der Freigebigkeit des Gottmenschen seinen Teil an Gnaden und Gütern zu schöpfen, wie sie zum gegenwärtigen und zum zukünftigen Leben notwendig sind. Wo dies aus eigener Trägheit oder durch andere Hinderungsgründe unterbliebe, wäre es umsonst, sie anderswo zu suchen, denn überall lastet die Nacht des Irrtums, des Egoismus, der Leere und der Schuld, der Enttäuschung und der Ungewissheit. Die missglückten Erfahrungen der Völker, der Systeme, der einzelnen menschlichen Wesen, die nicht bei Christus den Weg, die Wahrheit und das Leben suchen wollten, müssten von allen denen ernstlich betrachtet und bedacht werden, die glauben allein auszukommen. Die heutige gebildete, mächtige, dynamische Menschheit hat vielleicht einen größeren Anspruch auf irdisches Glück in Sicherheit und Frieden; aber sie wird ihn nicht in die Wirklichkeit überführen können, bis sie in ihre Berechnungen, Pläne und Diskussionen nicht den höchsten und entscheidenden Faktor einsetzt: Gott und seinen Gesalbten. Möge der Gottmensch unter die Menschen zurückkehren als anerkannter König, dem alles gehorcht, wie er geistigerweise jedes Weihnachtsfest wiederkehrt, um sich in die Krippe zu legen und sich allen anzubieten. Das ist der Wunsch, den Wir heute der großen Menschenfamilie gegenüber aussprechen in der Gewissheit, ihr den Weg des Heils und des Glücks zu weisen.

Möge das göttliche Kind Unser inständiges Gebet aufnehmen, auf dass seine Gegenwart fast spürbar wahrgenommen werde, wie in den Tagen seines Weilens auf Erden so auch in der heutigen Welt. Lebendig inmitten der Menschen, möge es die Herzen erleuchten und den Willen derer stärken, die die Völker regieren; diesen möge es Gerechtigkeit und Frieden sichern, die eifrigen Apostel seiner ewigen Botschaft ermutigen, es möge die Guten stützen und die Verirrten an sich ziehen; es möge die, die Verfolgung leiden um seiner Kirche und seines Namens willen, trösten, den Armen und Unterdrückten beistehen, die Leiden der Kranken, der Gefangenen und Flüchtlinge lindern und allen einen Funken seiner göttlichen Liebe schenken, auf dass allerorts auf Erden sein friedliches Reich triumphiere. Amen.