Das öffentliche Bekennen des eigenen Glaubens

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Das öffentliche Bekennen des eigenen Glaubens ist ein grundlegendes Recht des Menschen

Intervention vor dem 3. Komitee der 43. Generalverammlung der UNO
von Erzbischof Renato Martino, Ständiger Beobachter des Heiligen Stuhls bei der UNO.

am 26. November 1988

(Quelle: Der Apostolische Stuhl 1988, S. 1877-1879)

Herr Präsident!

Indem sich der Heilige Stuhl an das Komitee wendet, das die mit den Menschenrechten in Zusammenhang stehenden Probleme behandelt, möchte er nochmals zum Ausdruck bringen, wie sehr die Katholische Kirche die eifrigen Bemühungen der Internationalen Gemeinschaft schätzt, die eine immer größere Achtung der fundamentalen Rechte und Freiheiten des Menschen garantieren will.

Da sie - nach den Worten Johannes Paul II. - die religiöse Freiheit "als wesentliche Forderung der Würde eines jeden Menschen und als Eckstein der Struktur der Menschenrechte (WDPM 88)" betrachtet, nimmt die Delegation des Heiligen Stuhls diese Gelegenheit gern wahr, um die Aufmerksamkeit der erlauchten Mitglieder des Komitees auf dieses Problem zu lenken.

Johannes Paul II. hat seine Botschaft zum Welttag des Friedens am 1. Januar 1988 dem Thema "Die Religionsfreiheit als Bedingung für das friedliche Zusammenleben" gewidmet. In seiner Botschaft unterstreicht Johannes Paul II., dass wir "40 Jahre nach der weltweiten Erklärung der Menschenrechte, deren im nächsten Dezember gedacht wird, feststellen müssen, dass Millionen von Menschen an verschiedenen Orten der Erde immer noch aufgrund ihrer religiösen Überzeugungen leiden, dass sie Opfer repressiver und unterdrückender Gesetzgebungen sind, zuweilen offener Verfolgung, häufiger einer subtilen Praxis der Diskriminierung als Gläubige und als Gemeinschaft". Abschließend stelle der Papst fest: "Dieser Zustand ist schon in sich untragbar, und er stellt eine negative Hypothek für den Frieden dar."

Das Recht auf Religionsfreiheit, d. h. die Möglichkeit, auf der Suche nach der Wahrheit den Forderungen des eigenen Gewissens nachzugehen und als Angehöriger einer organisierten religiösen Gemeinschaft öffentlich den eigenen Glauben zu bekennen, bildet die Basis aller anderen grundlegenden Menschenrechte. "Es gehört zur menschlichen Würde, auf der Suche nach der Wahrheit dem moralischen Gebot des eigenen Gewissens folgen zu können."

"Obschon das Bekenntnis einer Religion vornehmlich in inneren geistigen Akten besteht, schließt es doch die gesamte Erfahrung des menschlichen Lebens - und auch alle seine äußeren Kundgebungen - mit ein." Auf diese Weise sind die Gläubigen dazu aufgerufen, wirksam zur öffentlichen Moral, zur Solidarität unter den Menschen und zum Frieden unter den Völkern beizutragen. "Ihrerseits hört die Katholische Kirche nicht auf, ihre Solidarität all denjenigen zu bezeugen, die aufgrund ihres Glaubens Diskriminierungen und Verfolgungen erleiden, und sie ist dafür tätig, ... dass solche Situationen überwunden werden." Wenn sie dies tut, ist sie sich bewusst, durch die Verteidigung der Würde des Menschen der Menschheit zu dienen.

Da die Religionsfreiheit, so wie alle grundlegenden Menschenrechte, nicht von außen her bewilligt werden kann und ihren Ursprung in der tiefsten Natur des Menschen hat, kann nichts und niemand sie zerstören, und kein äußerer Zwang kann sie beiseite schieben. Die Freiheit des einzelnen, die Wahrheit im Bekenntnis des Glaubens zu suchen, der seinen religiösen Überzeugungen entspricht, muss im Bereich der rechtlichen Struktur der Gesellschaft ausdrücklich garantiert werden; d. h., sie muss von den bürgerlichen Gesetzen als persönliches und unveräußerliches Recht anerkannt und geschützt werden, damit sie von jedwedem Zwang bewahrt bleibt, der von Einzelpersonen, sozialen Gruppen oder jeder Art menschlicher Macht herrührt (vgl. Dignitatis humanae, Nr. 2).

Die Pflichten des Staates in Bezug auf die religiöse Freiheit ist an die eindeutige und schwerwiegende Verantwortung der Gläubigen, Männer und Frauen, gegenüber dem Wohl der Gesellschaft gebunden, der sie auf der steten Suche nach Gerechtigkeit und Frieden angehören.

Der Heilige Stuhl möchte den Vereinten Nationen nochmals seine Hochachtung zum Ausdruck bringen: nicht nur für die feierliche Verkündigung der Menschenrechte - und insbesondere des Rechtes auf religiöse Freiheit - sondern auch dafür, dass sie dank der Verträge, Abkommen und Erklärungen, aufgrund derer jeder Mitgliedsstaat ganz eindeutige Verpflichtungen eingegangen ist, die Basis für ihren rechtlichen Schutz gelegt haben. Infolge der im Jahre 1981 verkündeten Erklärung über die Abschaffung aller Formen von Intoleranz und religiöser Diskriminierung, die auf der Religion und dem Glaubensbekenntnis beruhen haben einige maßgebende Stimmen die Ausarbeitung eines zusätzlichen verbindlichen internationalen Mittels gefordert, das im Bereich der Religionsfreiheit aufeinander abgestimmtes Handeln erleichtert.

Unterdessen betont der Heilige Stuhl noch einmal, dass die zahlreichen Opfer religiöser Intoleranz nicht jahrelang darauf warten sollen, ihre Rechte beachtet zu sehen. Alles, was zur Erreichung dieses Zieles nötig wird, ist der politische Wille der Staaten, die bestehenden Mittel aufzugreifen und anzuwenden und sie in der eigenen Gesetzgebung und in der Praxis wirksam zu machen.

Die Delegation des Heiligen Stuhls fühlt sich dazu verpflichtet, öffentlich ihren tiefen Kummer über den ungebührlichen Druck zu äußern, der in einigen Ländern auf die Gläubigen aller Religionen ausgeübt wird. Das Recht der Einzelperson und der Gemeinschaften, den eigenen Glauben im privaten und öffentlichen Bereich auszuüben, unterliegt in einigen Regionen immer noch repressiven Gesetzgebungen und Praktiken. Das Recht der Eltern, ihren Kindern die Wahrheit und die Werte der eigenen religiösen Überzeugungen zu vermitteln, trifft immer noch auf Ablehnung und Missbilligung. Die Unabhängigkeit und die innere Verwaltung der Gemeinschaften der Gläubigen, welche von den oben erwähnten Vereinbarungen und Erklärungen bekräftigt werden, sind durch ungerechtfertigtes Einschreiten immer noch ernstlich eingeschränkt, wenn es sich darum handelt, die eigenen Leiter zu wählen oder die Anwärter auf ihr Amt oder den Dienst vorzubereiten. In einigen Ländern wird Fremdarbeitern immer noch das Recht verweigert, sich zur Teilnahme an Gottesdiensten zu versammeln, während sich in anderen Ländern Flüchtlinge, deren Das ein bereits tragisch genug ist, des gerechtfertigten Trostes beraubt sehen, ihren religiösen Glauben auszuüben.

Die Delegation des Heiligen Stuhls will die Aufmerksamkeit der Internationalen Gemeinschaft auf diese und ähnliche Missbräuche lenken und richtet einen Aufruf an alle Staaten, damit diese innerhalb ihrer eigenen Grenzen die freie Ausübung und den Schutz des fundamentalen Rechtes auf religiöse Freiheit garantieren. Der Heilige Stuhl beschränkt seine Forderung nicht nur auf die Mitglieder der katholischen Kirche. In seiner Sorge um die Gerechtigkeit bittet der Heilige Stuhl um volle Achtung der religiösen Überzeugungen jedes einzelnen und um die Freiheit aller, sie im privaten und öffentlichen Bereich gemeinsam mit denen, die denselben Glauben teilen, auszuüben.

Einige ermutigende Zeichen und Ereignisse der letzten Monate sind vom Heiligen Stuhl gebührend zur Kenntnis genommen worden. Ihre volle Tragweite und ihre spürbaren Ergebnisse werden sich im Lauf der Zeit zeigen, doch verdienen sie respektvolle Aufmerksamkeit und kluge Ermunterung.

Unter diesen Ereignissen erinnert der Heilige Stuhl insbesondere an die Tausendjahrfeier des Christentums in Russland und an das entsprechende Treffen der politischen und religiösen Führer auf hoher Ebene. Bei dieser Gelegenheit hielt Kardinal- Staatssekretär Agostino Casaroli im Bolshoitheater von Moskau eine Rede. Er sagte unter anderem:

"Es ist ein Grund zur Befriedigung und zum Vertrauen auf die Zukunft, dass die Stellung und die Rolle der Kirche in der Gesellschaft nach der Oktoberrevolution vom Jahre 1917 nmt dem Herannahen der Tausenjahrfeier der Taufe der Kiewer Rus öffentliche und positive Anerkennung gefunden haben. Die Bedeutung dieses Ereignisses ist der öffentlichen Meinung, die in vieler Hinsicht aufgrund zahlreicher vorausgegangener Erfahrungen noch unsicher und skeptisch ist, nicht entgangen. In unseren Augen nimmt dieses Ereignis eine Bedeutung an, die über die russisch-orthodoxe Kirche hinausgeht, mit der wir uns gemeinsam von Herzen freuen. Sie lässt Raum für die Hoffnung, dass ein neuer Lebenshauch alle Beziehungen zwischen dem sowjetischen Staat und der Religion im allgemeinen beseelen möge, in Übereinstimmung mit der Ankündigung, dass ,ein neues Gesetz über die Freiheit der Wissenschaft, welche auch die Interessen religiöser Organisationen berücksichtigt, zur Zeit bearbeitet wird' (Erklärung des Generalsekretärs Mikhail Gorbaciov an den Patriarchen von Moskau und ganz Russland, 29. April 1988, vgl. Novosti XXII. Jahr, Nr. 41, 6. Mai 1988).

Die Erkenntnis, dass die Religion eine Tatsache ist, die nicht ignoriert werden darf, und die Bestätigung, dass ,die Gläubigen das volle Recht haben, ihre eigene religiöse Überzeugung mit Würde zum Ausdruck zu bringen', kann als ein erster Schritt zum Beginn eines Dialogs zwischen den Gläubigen und dem Staat angesehen werden; ein Weg, der nicht unbedingt leicht, aber, auf lange Zeit gesehen, verheißungsvoll ist.

Natürlich wird weitaus mehr erhofft, und dies erfordert fleißige Arbeit und konstanten guten Willen. Die volle Ausübung der religiösen Freiheit bedroht niemanden. Sie trägt ganz im Gegenteil entschieden dazu bei, Bürger zu formen, die wirklich frei sind, da ihnen geholfen wird, in aller Fülle die eigene Würde kennenzulernen und mit größerer Verantwortung ihre Pflichten zu übernehmen."

Danke, Herr Präsident.
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