Dialog und Verkündigung

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Überlegungen und Orientierungen
Dialog und Verkündigung

Päpstlicher Rat für den interreligiösen Dialog
Kongregation für die Evangelisierung der Völker
im Pontifikat von Heiligen Vaters
Johannes Paul II.
zum Interreligiösen Dialog und zur Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi
19. Mai 1991

(Quelle: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, Nr. 102; auch in: DAS 1991, S. 1489-1523)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

Einführung

25 Jahre nach "Nostra Aetate"

1. Es ist 25 Jahre her, daß Nostra aetate, die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, veröffentlicht wurde. Das Dokument unterstrich die Bedeutung des interreligiösen Dialogs. Gleichzeitig brachte es in Erinnerung, daß die Kirche dazu verpflichtet ist, Christus, den Weg, die Wahrheit und das Leben, in dem alle Menschen ihre Erfüllung finden, unablässig zu verkünden (vgl. NA 2).

folgt einem Dokument zu Dialog und Mission

2. Um den Dialog zu fördern, richtete Papst Paul VI. 1964 das Sekretariat für die Nichtchristen ein, das kürzlich umbenannt wurde in "Päpstlicher Rat für den Interreligiösen Dialog". Gemäß dem Beschluß der Vollversammlung von 1984 gab das Sekretariat ein Dokument mit dem Titel: "Die Haltung der Kirche gegenüber den Anhängern anderer Religionen: Gedanken und Weisungen" heraus. Dieses Dokument stellt fest, daß der Evangelisierungsauftrag der Kirche eine "einheitliche, aber komplexe und ausgeprägte Wirklichkeit" darstellt. Es weist auf die wesentlichen Elemente dieser Mission hin: Präsenz und Lebenszeugnis; Einsatz im Dienst an sozialer Entwicklung und menschlicher Befreiung; liturgisches Leben, Gebet und Kontemplation; interreligiöser Dialog und schließlich Verkündigung und Katechese.[1] Verkündigung und Dialog werden beide, je an ihrem Ort, als sich ergänzende Elemente und authentische Formen des einen Evangelisierungsauftrages der Kirche betrachtet. Sie wollen beide die Heilswahrheit mitteilen.

ein Dokument über Dialog und Verkündigung.

3. Das vorliegende Dokument stellt weitere Überlegungen zu den eben genannten Elementen an. Es führt zuerst die Charakteristika beider auf und betrachtet dann ihr Verhältnis zueinander. Wenn der Dialog zuerst behandelt wird, geschieht das nicht, weil ihm im Vergleich mit der Mission Priorität zukäme, sondern weil der Dialog das primäre Anliegen des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog ist, der die Erarbeitung dieses Dokuments veranlaßt hat. Tatsächlich wurde das Dokument schon auf der Vollversammlung des Sekretariats im Jahre 1987 diskutiert. Deren Anmerkungen und weitere Konsultationen führten zu diesem Text, der von der Vollversammlung des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog im April 1990 fertiggestellt und angenommen wurde. Während dieser Phase arbeiteten der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog und die Kongregation für die Evangelisierung der Völker eng zusammen, und es sind diese beiden Einrichtungen, die ihre Überlegungen der Gesamtkirche zur Verfügung stellen.

Das Thema ist von Belang

4. Unter den Gründen, die das Verhältnis von Dialog und Verkündigung zu einem relevanten Studienthema machen, sind folgende hervorzuheben:

in einer pluralistischen Welt,

a) In der Welt von heute, die von der Schnelligkeit der Kommunikationsmöglichkeiten, der Mobilität der Menschen und den gegenseitigen Abhängigkeiten geprägt ist, entsteht ein neues Bewußtsein von der Pluralität der Religionen. Religionen existieren nicht bloß oder überleben einfach. In einigen Fällen geben sie ein deutliches Zeichen ihres Wiederauflebens. Sie begeistern und beeinflussen weiterhin das Leben von Millionen ihrer Anhänger. Zumal angesichts des gegenwärtigen religiösen Pluralismus kann die wichtige Rolle, die die religiösen Traditionen spielen, nicht übersehen werden.

in der dem Dialog mit Zurückhaltung begegnet wird

b) Der interreligiöse Dialog zwischen Christen und Anhängern anderer religiöser Traditionen, wie ihn sich das Zweite Vatikanische Konzil vorgestellt hatte, trifft nur allmählich auf entsprechendes Verständnis. Seine konkrete Umsetzung verzögert sich vielerorts. Die Situation ist von Land zu Land verschieden. Sie kann abhängen von der Größe der christlichen Gemeinde, auf die andere religiöse Traditionen einwirken, aber auch von verschiedenen anderen kulturellen, sozialen und politischen Umständen. Eine weitere Untersuchung der Frage könnte dazu beitragen, den Dialog zu beflügeln.

und Fragen gestellt werden.

c) Die konkrete Umsetzung des Dialogs wirft im Bewußtsein vieler Menschen Probleme auf. Da sind auf der einen Seite diejenigen, die irrtümlicherweise scheinen glauben zu wollen, innerhalb der heutigen kirchlichen Mission solle der Dialog einfach die Verkündigung ersetzen. Auf der anderen Seite sehen manche Menschen überhaupt nicht den Wert des interreligiösen Dialogs. Andere wiederum sind verwundert und fragen: Wenn der interreligiöse Dialog so bedeutsam geworden ist, hat dann die Verkündigung der Botschaft des Evangeliums ihre Dringlichkeit verloren? Ist das Bemühen, Menschen der Gemeinschaft der Kirche zuzuführen, zweitrangig oder sogar überflüssig geworden? Daher bedarf es einer lehramtlichen und pastoralen Orientierungshilfe, zu der dieses Dokument einen Beitrag leisten möchte, ohne den Anspruch erheben zu wollen, die vielen komplexen Fragen, die in diesem Zusammenhang auftauchen, vollständig zu beantworten. Als sich dieser Text in der Schlußphase der Redaktion befand, wandte sich der Heilige Vater, Papst Johannes Paul II., mit seiner Enzyklika Redemptoris missio an die Kirche, worin er diese und andere Fragen ansprach. Das vorliegende Dokument führt die Lehre der Enzyklika über den Dialog und seine Beziehung zur Verkündigung (vgl. RM 55-57) detaillierter aus. Es sollte daher im Licht dieser Enzyklika gelesen werden.

Der Gebetstag um Frieden in Assisi

5. Der Weltgebetstag um Frieden in Assisi, der am 27. Oktober 1986 auf Initiative von Papst Johannes Paul II. stattfand, bildet einen weiteren Anhaltspunkt der Überlegung. Der Heilige Vater erläuterte die Bedeutung der Feier von Assisi sowohl an jenem Tag selbst als auch später, insbesondere in seiner Botschaft an die Kardinäle und die Römische Kurie im Dezember 1986. Er unterstrich die grundlegende Einheit der Menschheit in ihrem Ursprung und ihrer Bestimmung sowie die Rolle der Kirche als ein wirksames Zeichen dieser Einheit. Er stellte eindrucksvoll die Bedeutung des interreligiösen Dialogs heraus, während er gleichzeitig die Pflicht der Kirche, der Welt Jesus Christus zu verkündigen, betonte.[2]

und die Ermutigung durch Papst Johannes Paul II.

6. Im folgenden Jahr erklärte Papst Johannes Paul II. in seiner Grußbotschaft an die Mitglieder der Vollversammlung des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog: "Gerade weil der interreligiöse Dialog ein Element der Mission der Kirche darstellt, bildet die Verkündigung vom Heilshandeln Gottes in unserem Herrn Jesus Christus ein weiteres Element ... Es kann daher keine Rede davon sein, das eine zu tun und das andere zu vernachlässigen oder gar abzulehnen."[3] Der Hinweis des Papstes ermutigt uns, dem hier gestellten Thema weitere Aufmerksamkeit zu widmen.

sind weitere Anreize, das Thema aufzugreifen.

7. Dieses Dokument richtet sich an alle Katholiken, besonders an jene, die eine führende Position in der Gesellschaft innehaben oder die in der Bildungsarbeit engagiert sind. Es bietet sich auch jenen Christen zur Erwägung an, die anderen Kirchen oder kirchlich verfaßten Gemeinschaften angehören und die selbst schon über diese vom Dokument angesprochenen Fragen nachgedacht haben.[4] Es ist zu hoffen, daß ihm auch Anhänger anderer religiöser Traditionen Aufmerksamkeit schenken.

Begriffe werden geklärt:

Bevor der weitere Gedankengang entwickelt wird, erscheint es sinnvoll, die Begriffe, die in diesem Dokument gebraucht werden, zu klären.

Evangelisierung,

8. Der Begriff "Evangelisierungsauftrag" oder einfacher "Evangelisierung" bezieht sich auf die Mission der Kirche in ihrer Gesamtheit. In dem Apostolischen Schreiben Evangelii nuntiandi wird der Begriff Evangelisierung in verschiedener Weise benutzt. Er bedeutet, "die Frohbotschaft in alle Bereiche der Menschheit zu tragen und sie durch deren Einfluß von innen her umzuwandeln und die Menschheit selbst zu erneuern" (EN 18). Durch die Evangelisierung also "sucht die Kirche allein durch die göttliche Kraft der Botschaft, die sie verkündet, zugleich das persönliche und kollektive Bewußtsein der Menschen, die Tätigkeit, in der sie sich engagieren, ihr konkretes Leben und jeweiliges Milieu umzuwandeln" (ebd., 18). Die Kirche vervollständigt ihren Evangelisierungsauftrag durch eine Reihe von Aktivitäten. Es liegt also ein ausführliches Konzept von Evangelisierung vor. Gerade in dem besagten Dokument wird Evangelisierung auch in seiner engeren Bedeutung der "klaren und eindeutigen Verkündigung des Herrn Jesus Christus" (EN 22) verstanden. Das Schreiben stellt fest, daß "die Verkündigung - Predigt oder Katechese - in der Evangelisierung einen solchen Platz einnimmt, daß sie oft mit ihr gleichbedeutend geworden ist, während sie tatsächlich nur einer der Aspekte von Evangelisierung ist" (EN 22). In dem vorliegenden Dokument wird der Begriff Evangelisierungsauftrag für Evangelisierung im weiteren Sinn gebraucht, während die engere, spezifischere Bedeutung sich in dem Begriff der Verkündigung ausdrückt.

Dialog,

9. Der Dialog kann auf verschiedene Weise verstanden werden. Zunächst meint er auf rein menschlicher Ebene reziproke Kommunikation, die zu einem gemeinsamen Ziel oder, noch tiefer verstanden, zu zwischenmenschlicher Gemeinschaft führt. Zum zweiten kann Dialog als eine Haltung des Respekts und der Freundschaft aufgefaßt werden, eine Haltung also, die all jene Tätigkeiten durchdringt oder durchdringen sollte, welche den Evangelisierungsauftrag der Kirche wesentlich mittragen.

Diese Haltung kann zu Recht als "Geist des Dialogs" bezeichnet werden. Zum dritten meint Dialog, und dies nun besonders im Kontext eines religiösen Pluralismus, alle "positiven und konstruktiven interreligiösen Beziehungen mit Personen und Gemeinschaften anderen Glaubens, um sich gegenseitig zu verstehen und einander zu bereichern" (DM 3), und zwar im Gehorsam gegenüber der Wahrheit und im Respekt vor der Freiheit. Dies beinhaltet sowohl gegenseitige Zeugnisgabe wie auch die Entdeckung der jeweils anderen religiösen Überzeugungen. In dieser dritten Bedeutung benutzt das vorliegende Dokument den Begriff Dialog, um so eines der wesentlichen Elemente des Evangelisierungsauftrages der Kirche zu kennzeichnen.

Verkündigung,

10. Verkündigung ist die Weitergabe der Botschaft des Evangeliums, des Geheimnisses des von Gott für alle in Jesus Christus durch die Kraft des Heiligen Geistes gewirkten Heiles. Sie ist eine Einladung, sich durch den Glauben an Jesus Christus zu binden und durch die Taufe in die Gemeinschaft der Gläubigen, in die Kirche, einzutreten. Diese Verkündigung kann feierlich und öffentlich geschehen, wie z. B. am Pfingsttag (vgl. Apg 2,5-41), oder als eine einfache, privat vollzogene Bekehrung (vgl. Apg 8,30-38). Sie führt in jedem Fall zur Katechese, die auf die Vertiefung des Glaubens hinzielt. Die Verkündigung ist Grundlage, Zentrum und Höhepunkt der Evangelisierung (vgl. EN 27).

Bekehrung,

11. Die Vorstellung von Bekehrung umfaßt immer eine allgemeine Hinwendung zu Gott, "eine demütige und reuevolle Umkehr des Herzens zu Gott, in dem Verlangen, ihm das eigene Leben hochherziger zu unterstellen" (DM 37). Genauer kann sich die Bekehrung auch auf den Wechsel der Religionszugehörigkeit beziehen und noch spezieller die Annahme des christlichen Glaubens meinen. Wird der Begriff in diesem Dokument benutzt, so zeigt der Kontext den beabsichtigten Inhalt an.

Religionen und religiöse Traditionen.

12. Die Begriffe Religionen und religiöse Traditionen sind hier in einem allgemeinen und analogen Sinne verwendet. Sie meinen jene Religionen, welche, wie das Christentum, gewöhnlicherweise auf den Glauben Abrahams[5] zurückgeführt werden, daneben aber ebenso die religiösen Traditionen Asiens, Afrikas und anderer Regionen.

13. Der interreligiöse Dialog sollte auf alle Religionen und deren Anhänger ausgeweitet werden. Dieses Dokument wird jedoch nicht den Dialog mit den Anhängern neuer religiöser Bewegungen zum Thema haben, und zwar aufgrund der unterschiedlichen Situationen, welche diese Bewegungen erkennen lassen, sowie der notwendigen Unterscheidung von humanen und religiösen Werten, die eine jede dieser Bewegungen beinhaltet.[6]

I. Interreligiöser Dialog

A. Ein christlicher Zugang zu den religiösen Traditionen

Religiöse Traditionen werden positiv gesehen

14. Eine gerechte Würdigung der anderen religiösen Traditionen setzt normalerweise den engen Kontakt mit ihnen voraus. Dies beinhaltet neben der theoretischen Kenntnis praktische Erfahrung im interreligiösen Dialog mit den Anhängern dieser Traditionen.

Nichtsdestoweniger ist es ohne Zweifel richtig, daß eine korrekte theologische Wertung dieser Traditionen, zumindest im großen und ganzen, eine notwendige Voraussetzung des interreligiösen Dialogs darstellt. Diesen Traditionen hat man sich mit großem Einfühlungsvermögen und unter Berücksichtigung der geistlichen und menschlichen Werte, die sie umfassen, zu nähern. Sie fordern unseren Respekt, denn sie geben über die Jahrhunderte hinweg Zeugnis von dem Bemühen, Lösungen zu finden "für die tiefen Rätsel des menschlichen Daseins" (NA 1) und sie haben der religiösen Erfahrung und den Belangen von Millionen ihrer Anhänger Ausdruck verliehen und tun es noch heute.

durch das Zweite Vatikanische Konzil,

15. Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Richtlinien für eine solch positive Einschätzung gesetzt. Die genaue Bedeutung dessen, was das Konzil bekräftigt, muß sorgfältig und genau sichergestellt werden. Das Konzil bekräftigt die überkommene Lehre der Tradition, gemäß der die Erlösung in Jesus Christus in geheimnisvoller Weise eine Wirklichkeit darstellt, die allen Menschen guten Willens offensteht. Ihren klaren Ausdruck findet diese grundlegende Überzeugung des Zweiten Vatikanischen Konzils in der Konstitution Gaudium et spes. Das Konzil lehrt, daß Christus, der Neue Adam, durch das Geheimnis seiner Inkarnation, seines Todes und der Auferstehung, in jedem Menschen am Werk ist, um die innere Erneuerung zu bewerkstelligen.

"Das gilt nicht für die Christgläubigen, sondern für alle Menschen guten Willens, in deren Herzen die Gnade unsichtbar wirkt. Da nämlich Christus für alle gestorben ist, und da es in Wahrheit nur eine letzte Berufung des Menschen gibt, die göttliche, müssen wir festhalten, daß der Heilige Geist allen die Möglichkeit anbietet, diesem österlichen Geheimnis in einer Gott bekannten Weise verbunden zu sein" (GS 22).

das in ihnen Spuren der Gnade Gottes findet,

16. Das Konzil geht noch weiter. Indem es sich Sicht und Terminologie einiger früher Kirchenväter zu eigen macht, spricht es in Nostra aetate davon, daß diese Religionen "nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet" (NA 2). Ad gentes erkennt "Saatkörner des Wortes an und verweist auf die "Reichtümer, die der freigebige Gott unter den Völkern verteilt hat" (AG 11). Lumen gentium wiederum bezieht sich auf den "Samen des Guten" nicht nur "in Herz und Geist", sondern auch "in den Riten und Kulturen der Völker" (LG 17).

als Handeln des Heiligen Geistes,

17. Diese wenigen Zitate mögen genügen, um zu zeigen, daß das Konzil ganz offensichtlich nicht nur im religiösen Leben einzelner Gläubiger dieser Religionen positive Werte anerkennt, sondern auch in den religiösen Traditionen selbst, denen sie angehören. Es leitet diese Werte aus der tätigen Gegenwart Gottes in seinem Wort ab, nicht ohne auf das universale Handeln des Geistes hinzuweisen: "Ohne Zweifel", bekräftigt Ad gentes, "wirkte der Heilige Geist schon in der Welt, ehe Christus verherrlicht wurde" (AG 4). Daraus wird ersichtlich, daß jene Elemente, indem sie gleichsam auf das Evangelium vorbereiten, eine providentielle Rolle innerhalb der göttlichen Heilsökonomie spielten und noch spielen. Diese Erkenntnis zwingt die Kirche zu "Dialog und Zusammenarbeit" (NA 2; GS 92-93): "Deshalb mahnt sie ihre Söhne, daß sie mit Klugheit und Liebe, durch Gespräch und Zusammenarbeit mit den Bekennern anderer Religionen sowie durch ihr Zeugnis des christlichen Glaubens und Lebens jene geistlichen und sittlichen Güter und auch die sozio-kulturellen Werte, die sich bei ihnen finden, anerkennen, wahren und fördern" (NA 2).

und dazu die Rolle kirchlichen Handelns betont.

18. Das Konzil war sich der Notwendigkeit des missionarischen Handelns in der Kirche, das auf die Vervollkommnung dieser Elemente der anderen Religionen in Christus hinzielt, wohl bewußt. Das Konzil stellt sehr deutlich fest: "Was immer aber an Wahrheit und Gnade schon bei den Heiden sich durch eine Art von verborgener Gegenwart Gottes findet, befreit sie von der Ansteckung durch das Böse und gibt es ihrem Urheber Christus zurück, der die Herrschaft des Teufels zerschlägt und die vielfältige Bosheit üblen Tuns in Schranken hält. Was an Gutem in Herz und Sinn der Menschen oder auch in den jeweiligen Riten und Kulturen der Völker keimhaft angelegt sich findet, wird folglich nicht bloß nicht zerstört, sondern gesund gemacht, über sich hinausgehoben und vollendet zur Herrlichkeit Gottes, zur Beschämung des Satans und zur Seligkeit des Menschen" (AG 9).

Die Geschichte der göttlichen Heilstaten

19. Das Alte Testament bezeugt, daß von Anbeginn der Schöpfung Gott mit allen Völkern einen Bund schloß (vgl. Gen 1-11). Das beweist, daß es nur eine Heilsgeschichte für die ganze Menschheit gibt. Der Bund mit Noah, dem Mann, der "seinen Weg mit Gott" ging (Gen 6,9), steht symbolisch für den göttlichen Eingriff in die Geschichte der Völker. Nicht-israelitische Personen des Alten Testamentes werden im Neuen Testament als zu dieser einen Heilsgeschichte gehörend betrachtet. Abel, Henoch und Noah werden als Vorbilder im Glauben herausgestellt (vgl. Hebr 11,4-7). Sie wußten um Ihn, sie beteten Ihn an und glaubten an den einen, wahren Gott, der identisch ist mit dem Gott, der sich Abraham und Moses offenbarte. Der heidnische Hohepriester Melchisedek segnet Abraham, den Vater aller Glaubenden (vgl. Hebr 7,1-17). Diese Heilsgeschichte sieht in Jesus Christus, in dem der neue und unwiderrufliche Bund für alle Völker geschlossen wurde, ihre endgültige Erfüllung.

dehnt sich über den Kreis des erwählten Volkes aus auf alle Nationen.

20. Das religiöse Bewußtsein Israels wird durch die tiefe Überzeugung von seinem einzigartigen Status als Gottes auserwähltem Volk charakterisiert. Diese Wahl, die begleitet wird von einem Prozeß der Erziehung und der fortwährenden Ermahnung zur Reinerhaltung des Monotheismus, begründet seine Mission. Die Propheten bestehen unaufhörlich auf der vom Glauben getragenen Treue zum einen, wahren Gott und verkünden den prophezeiten Messias. Und gerade diese Propheten eröffnen zumal in der Exilzeit die universale Sicht, in der Gottes Rettung über und durch Israel übergreift auf alle Völker. So prophezeit Jesaia, daß am Ende der Tage die Nationen zum Hause Gottes strömen werden und sagen werden: "Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs. Er zeige uns seine Wege, auf seinen Pfaden wollen wir gehen" (Jes 2,3). Es wird auch gesagt, "alle Enden der Erde sehen das Heil unseres Gottes" (Jes 52,10). Auch in der Weisheitsliteratur, die vom kulturellen Austausch Israels mit seinen Nachbarn Zeugnis gibt, wird das Handeln Gottes im gesamten Kosmos klar bekräftigt. Es geht über die Grenzen des erwählten Volkes hinaus, um sowohl die Geschichte der Völker als auch das Leben des einzelnen zu berühren.

Jesu universale Sendung

21. Im Neuen Testament bekannte sich Jesus dazu, "zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt" zu sein (Mt 15,24), und er verbot seinen Jüngern zunächst, sich den Heiden zuzuwenden. Nichtsdestoweniger entwickelte er eine offene Haltung gegenüber den Männern und Frauen, die nicht zum auserwählten Volk Israel gehörten. Er trat mit ihnen ins Gespräch und anerkannte das Gute in ihnen. Er staunte über die Bereitschaft des römischen Hauptmanns zu glauben und äußerte, daß er bei niemandem in Israel solchen Glauben gefunden habe (vgl. Mt 8,5-13). Er wirkte Wunderheilungen an Fremden (vgl. Mk 7,24-30) zum Zeichen für das Kommen des Reiches Gottes. Er unterhielt sich mit der Samariterin und sprach zu ihr über eine Zeit, in der die Anbetung Gottes nicht mehr auf einen bestimmten Ort begrenzt sein wird, sondern "die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit" (Joh 4,23). Jesus hat uns folglich über der rein örtlichen eine neue Sichtweise eröffnet, hin zu einer gleichermaßen christologischen wie pneumatologischen Universalität. Somit ist der neue Tempel jetzt der Leib des Herrn (vgl. Joh 2,21), den der Vater in der Kraft des Geistes auferweckt hat.

kündigte Gottes Herrschaft an,

22. Jesu Botschaft schließlich, die von seinem Leben bezeugt wird, lautet, daß in seiner Person das Reich Gottes in dieser Welt anbrechen wird. Zu Anfang seines öffentlichen Wirkens, in Galiläa, kann er sagen: "Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe." Und er nennt auch die Bedingungen für den Eintritt in dieses Reich: "Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!" (Mk 1,15). Diese Botschaft ist nicht allein auf jene beschränkt, die zum auserwählten Volk gehören. Jesus kündigte in der Tat ausdrücklich an, daß auch die Heiden in das Reich Gottes (vgl. Mt 8,10-11; 11,20-24) eingingen, in ein Reich, das gleichzeitig geschichtlich und endzeitlich zu verstehen ist. Es ist sowohl das Reich des Vaters, für dessen Anbruch gebetet werden muß (vgl. Mt 6,10), als auch Jesu eigenes Reich, insofern sich Jesus selbst öffentlich zum König erklärt hat (vgl. Joh 18,33-37). So erhalten wir in der Tat in Jesus Christus, dem menschgewordenen Sohn Gottes, die Fülle der Offenbarung und der Rettung und die Erfüllung der Sehnsüchte der Völker.

die alle Völker umfaßt.

23. Zitate aus dem Neuen Testament bezüglich des religiösen Lebens und der religiösen Tradition der Heiden mögen widersprüchlich erscheinen, können aber auch als einander ergänzend angesehen werden. Da ist einerseits das Verdikt des Römerbriefs über jene Menschen, die Gott nicht in seiner Schöpfung erkennen und der Götzenanbetung und sittlichen Verdorbenheit verfallen sind (vgl. Röm 1,18-32). Anderseits bezeugt die Apostelgeschichte die positive und offene Haltung des Paulus gegenüber den Heiden, und zwar sowohl in seiner Rede an die Leute aus Lykaonien (vgl. Apg 14,8-18) wie auch in seiner Areopagrede in Athen, in der er ihren religiösen Geist pries und ihnen den, den sie unwissend als den "unbekannten Gott" verehrten, ankündigte (vgl. Apg 17,22-34). Es sollte auch nicht vergessen werden, daß die weisheitliche Tradition im Neuen Testament auf Jesus Christus als der Weisheit Gottes angewandt wird, insofern Christus als das Wort Gottes jeden Menschen erleuchtet (vgl. Joh 1,9) und durch seine Inkarnation sein Zelt unter uns aufgeschlagen hat (vgl. Joh 1,13).

Die Kirchenväter

24. Auch die nachbiblische Tradition enthält widersprüchliche Hinweise. Negative Urteile über die religiöse Welt ihrer Zeit können leicht aus allen Schriften der Kirchenväter zusammengestellt werden. Dennoch zeigt gerade die frühe Zeit eine bemerkenswerte Offenheit. Eine Reihe der Kirchenväter greift die Tradition der Weisheitsliteratur, die sich im Neuen Testament widerspiegelt, wieder auf. Insbesondere die Autoren des zweiten Jahrhunderts und der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts, wie Justin, Irenäus und Clemens von Alexandrien, sprechen entweder ausdrücklich oder in gleichbedeutender Weise vom "Samen", den das Wort Gottes in die Völker gesät hatte.[7] So kann behauptet werden, daß sich ihrer Meinung nach Gott schon vor und unabhängig von christlichem Zeugnis geoffenbart hat, wenngleich auch in unvollständiger Weise. Diese Offenbarung des Logos ist ein schemenhafter Hinweis auf die volle Offenbarung in Jesus Christus, auf die sie hinzielt.

entwickelten eine Theologie der Geschichte,

25. In der Tat entwickelten die frühen Kirchenväter schon so etwas wie eine Theologie der Geschichte. Geschichte wird zur Heilsgeschichte, insofern sich Gott durch sie stetig offenbart und mit den Menschen ins Gespräch tritt. Dieser Prozeß göttlicher Offenbarung und Kommunikation erreicht seinen Höhepunkt in der Menschwerdung des Gottessohnes in Jesus Christus. Deshalb unterscheidet Irenäus vier "Bundesschlüsse" Gottes mit den Menschen: in Adam, in Noah, in Mose und in Jesus Christus.[8] Derselbe Gedanke der Väterzeit, dessen Bedeutung nicht zu unterschätzen ist, vollendet sich, so kann man sagen, in Augustinus, der in seinem Spätwerk die universale Gegenwart und den Einfluß des Geheimnisses Christi sogar vor der Menschwerdung hervorhob. In Erfüllung seines Heilsplans erreichte Gott in seinem Sohn die ganze Menschheit. Auf diese Weise gab es in gewissem Sinne das Christentum schon "mit dem Beginn der Menschheit".[9]

die vom Lehramt weitergeführt wurde.

26. Auf diese frühchristliche Sichtweise der Geschichte bezog sich das Zweite Vatikanische Konzil. Das Lehramt, besonders unter Papst Johannes Paul II., schritt nach dem Konzil auf diesem Weg voran. Zunächst anerkennt der Papst ausdrücklich die wirksame Gegenwart des Heiligen Geistes im Leben der Mitglieder anderer religiöser Traditionen, so, wenn er in Redemptor Hominis von ihrem "festen Glauben" als einer "Wirkung des Geistes der Wahrheit, der über die sichtbaren Grenzen des mystischen Leibes hinaus wirksam ist" (RH 6), spricht. In Dominum et vivificantem geht er einen Schritt weiter, indem er die Tatsache des universalen Handelns des Geistes in der Welt vor jedem christlichen Zeugnis unterstreicht und an das Wirken dieses Geistes heute, selbst außerhalb des sichtbaren Leibes der Kirche, erinnert (vgl. DeV 53).

Papst Johannes Paul II.

27. In seinem Grußwort an die Römische Kurie nach dem Weltgebetstag für den Frieden in Assisi unterstrich Papst Johannes Paul II. einmal mehr die universale Gegenwart des Heiligen Geistes, indem er betonte, daß "jedes echte Gebet durch den Heiligen Geist hervorgerufen wird, der im Herzen jedes Menschen geheimnisvoll zugegen ist", sei er nun Christ oder nicht. Aber wieder ging der Papst im weiteren Verlauf seiner Rede über die individuelle Perspektive hinaus und nannte die wichtigsten Gesichtspunkte.

lehrt das Geheimnis der Einheit der Menschheit

28. An erster Stelle steht die Tatsache, daß die gesamte Menschheit aufgrund des gemeinsamen Ursprungs aller Menschen, die von Gott nach seinem Bild geschaffen wurden, eine Familie bildet. Dementsprechend sind alle zu einer gemeinsamen Bestimmung, der Fülle des Lebens in Gott, berufen. Darüber hinaus gibt es nur einen einzigen Heilsplan für die Menschheit, dessen Zentrum Jesus Christus ist, der sich in seiner "Menschwerdung gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt" (RH 13; GS 22,2) hat. Schließlich muß die wirkmächtige Gegenwart des Heiligen Geistes im religiösen Leben der Anhänger anderer religiöser Traditionen erwähnt werden. Daraus nun schließt der Papst auf ein "Geheimnis der Einheit", das in Assisi "trotz der Unterschiede in den religiösen Bekenntnissen" augenscheinlich wurde.[10]

und der Einheit des Heils.

29. Aus dem Geheimnis der Einheit folgt, daß alle erlösten Menschen, wenngleich in Verschiedenheit, dennoch an dem einen und selben Geheimnis der Erlösung in Jesus Christus durch den Heiligen Geist teilhaben. Christen wissen das durch ihren Glauben, während anderen unbewußt bleibt, daß Jesus Christus die Quelle ihres Heiles ist. Das Heilsgeheimnis umfaßt auch sie in einer Weise, die nur Gott kennt, und zwar durch die unsichtbare Tätigkeit des Geistes Christi. Konkret heißt das: Die Anhänger anderer Religionen antworten immer dann positiv auf Gottes Einladung und empfangen sein Heil in Jesus Christus, wenn sie in ehrlicher Weise das in ihren religiösen Traditionen enthaltene Gute in die Tat umsetzen und dem Spruch ihres Gewissens folgen. Dies gilt sogar für den Fall, daß sie Jesus Christus nicht als ihren Erlöser erkennen oder anerkennen (vgl. AG 3;9;11).

Unterscheidung ist nötig,

30. Die Früchte des Geistes im persönlichen Leben des einzelnen, ob Christ oder nicht, sind leicht voneinander zu unterscheiden (vgl. Gal 5,22). Aber in anderen religiösen Traditionen die Spuren der Gnade zu identifizieren, die die Antwort ihrer Anhänger auf Gottes Anruf unterstützt, ist sehr viel schwieriger. Dies verlangt eine Unterscheidung, für die die Kriterien erst erarbeitet werden müssen. Manche aufrichtigen, geisterfüllten Menschen haben sicherlich schon ihren Beitrag zur Entwicklung ihrer jeweiligen religiösen Traditionen beigetragen. Das heißt aber noch nicht, daß alles in ihnen gut ist.

31. Zu sagen, daß andere religiöse Traditionen Spuren der Gnade enthalten, heißt noch nicht, daß alles in ihnen Ergebnis dieser Gnade ist. Da die Sünde in der Welt am Werk ist, spiegeln religiöse Traditionen, ungeachtet ihrer positiven Werte, die Begrenzungen der Menschlichkeit wider und tendieren manchmal zum Bösen. Eine offene und positive Hinwendung zu anderen religiösen Traditionen darf die Widersprüche, die zwischen ihnen und der christlichen Tradition bestehen können, nicht übersehen. Eine solche Hinwendung muß, wenn nötig, erkennen, daß einige grundlegende Aussagen der christlichen Religion und einige Aspekte gewisser Traditionen miteinander unvereinbar sind.

und im Dialog sind alle herausgefordert.

32. Dies bedeutet, daß Christen mit einer offenen Einstellung in den Dialog mit den Anhängern anderer Religionen treten und diese im friedvollen Geist immer im Blick auf den Inhalt ihres Glaubens herausfordern sollen. Aber auch Christen müssen sich selbst befragen lassen. Ungeachtet der Erfüllung von Gottes Offenbarung in Jesus Christus mag die Art und Weise, wie Christen manchmal ihre Religion verstehen und praktizieren, der Läuterung bedürfen.

B. Der Ort des interreligiösen Dialogs in der Sendung der Kirche

Die Kirche ist das allumfassende Heilssakrament,

33. Die Kirche ist gottgewollt und von Christus eingesetzt, um in der Fülle der Zeit Zeichen und Werkzeug des göttlichen Heilsplans (vgl. LG 1), die Mitte des Geheimnisses Christi zu sein. Sie ist das "allumfassende Heilssakrament" (LG 48), sie ist "zum Heile notwendig" (LG 14). Der Herr Jesus selbst setzt den Anfang ihrer Mission, "indem er frohe Botschaft verkündigte, die Ankunft nämlich des Reiches Gottes" (LG 5).

Same und Beginn des Reiches Gottes,

34. Die Beziehung zwischen der Kirche und dem Reich Gottes ist geheimnisvoll und vielfältig. Wie das Zweite Vatikanische Konzil lehrt, "wird dieses Reich (vor allem) offenbar in der Person Christi selbst". Daher stellt die Kirche, die vom Herrn Jesus Christus den Auftrag zur Verkündigung des Reiches Gottes erhalten hat, "Keim und Anfang dieses Reiches auf Erden" dar. Zugleich "wächst die Kirche allmählich zur Reife heran und streckt sich verlangend aus nach dem vollendeten Reich" (LG 5). So "ist das Reich Gottes von der Kirche nicht zu trennen, weil beide von Person und Werk Jesu untrennbar sind. Es ist deshalb unmöglich, die Kirche vom Reich zu trennen, als ob erstere ausschließlich zur unvollkommenen Geschichte gehörte, während zweiteres die eschatologische Erfüllung des göttlichen Heilsplans sei".[11]

und auf sie hin sind alle bezogen.

35. Auf die Kirche als dem Sakament, in dem das Reich Gottes geheimnisvoll anwesend ist, sind hingeordnet (ordinantur, vgl. LG 16) die Anhänger anderer religiöser Traditionen, die, insofern sie auf Gottes Ruf, den sie in ihrem Gewissen empfangen, antworten, in Jesus Christus gerettet werden und somit schon in gewisser Weise an der Wirklichkeit, die Reich genannt wird, teilhaben. Es ist der Auftrag der Kirche, für das "Reich unseres Herrn und seines Gesalbten" (Offb 11,15), zu dessen Dienst sie bestellt ist, Sorge zu tragen. Teilweise besteht ihre Aufgabe darin zu erkennen, daß dieses Reich auch außerhalb der Grenzen der Kirche, wenn auch unvollständig, verwirklicht sein kann, z. B. in den Herzen der Anhänger anderer religiöser Traditionen, insofern sie Werte des Evangeliums leben und für das Wirken des Geistes offen sind. Es soll dennoch daran erinnert werden, daß dies tatsächlich eine unvollständige Verwirklichung ist, die ihrer Ergänzung durch die Anbindung an das Reich Christi bedarf, das schon jetzt in der Kirche gegenwärtig ist und dennoch erst in der künftigen Welt vollständig verwirklicht werden wird.

Die pilgernde Kirche

36. Die Kirche ist auf Erden immer auf Pilgerschaft. Obwohl durch göttliche Einsetzung heilig, sind ihre Glieder nicht vollkommen, sie tragen das Zeichen menschlicher Begrenzungen. Folglich ist ihre Transparenz als Sakrament des Heils beschattet. Das ist der Grund, warum die Kirche selbst, "soweit sie menschliche und irdische Einrichtung ist", und nicht bloß ihre Glieder einer dauernden Reform und Erneuerung bedürfen (UR 6).

nähert sich der Fülle der göttlichen Wahrheit

37. Mit Blick auf die göttliche Offenbarung lehrte der Rat, daß "die Tiefe der durch diese Offenbarung über Gott und über das Heil des Menschen erschlossenen Wahrheit uns in Christus aufleuchtet, der zugleich der Mittler und die Fülle der ganzen Offenbarung ist" (DV 2). In Treue zum Gebot, das sie von Christus selbst empfangen hatten, gaben die Apostel die Offenbarung weiter. Nun kennt "die apostolische Überlieferung in der Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes einen Fortschritt: Es wächst das Verständnis der überlieferten Dinge und Worte" (DV 8). Dies ereignet sich in Studium und in spiritueller Erfahrung, ebenso wie durch die Unterweisung der Bischöfe, die ein zuverlässiges Charisma der Wahrheit erhalten haben. So geschieht es, daß "die Kirche im Gang der Jahrhunderte ständig der Fülle der göttlichen Wahrheit entgegenstrebt, bis an ihr sich Gottes Worte erfüllen" (DV 8). Das widerspricht in keiner Weise der göttlichen Einsetzung der Kirche, noch der Fülle der göttlichen Offenbarung in Jesus Christus, die ihr anvertraut worden ist.

in einem Dialog des Heils

38. Auf diesem Hintergrund fällt es leichter einzusehen, warum und in welchem Sinne der interreligiöse Dialog ein integraler Bestandteil des Evangelisierungsauftrages der Kirche ist. Die Grundlage für den Beitrag der Kirche zum Dialog ist nicht allein und in erster Linie anthropologischer Art, sondern von theologischem Charakter. Gott schenkte und schenkt weiterhin in einem Jahrhunderte währenden Dialog der Menschheit sein Heil. In gläubigem Vertrauen auf das göttliche Handeln muß auch die Kirche in den Heilsdialog mit allen Menschen eintreten.

mit Menschen anderer Religionen,

39. Papst Paul VI. lehrte dies eindeutig in seiner ersten Enzyklika Ecclesiam suam. Auch Papst Johannes Paul II. betonte den Auftrag der Kirche zum interreligiösen Dialog und begründete ihn auf dieselbe Weise. Als er sich 1984 an die Vollversammlung des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog wandte, erklärte der Papst: "Der (interreligiöse) Dialog ist grundlegend für die Kirche, die mit ihren Möglichkeiten, unter den Menschen zugegen zu sein, ihnen Achtung und Liebe entgegenzubringen, zur Mitarbeit am Plan Gottes aufgerufen ist." Er fuhr fort und richtete die Aufmerksamkeit auf ein Zitat aus Ad gentes: "Die Jünger Christi hoffen, durch die enge Verbindung mit den Menschen in ihrem Leben und Arbeiten ein wahres Zeugnis abzulegen und auch da zu deren Heil beizutragen, wo sie Christus nicht ganz verkünden können" (AG 12). Dem voran stellte er fest: "Der Dialog hat seinen Platz im Heilsauftrag der Kirche; deshalb ist er ein Heilsdialog".[12]

der zu einem höheren Einsatz

40. In diesem Heilsdialog sind Christen und Nichtchristen dazu aufgerufen, mit dem Geist des Auferstandenen, der allgegenwärtig wirkt, zusammenzuarbeiten. Der interreligiöse Dialog hat nicht nur gegenseitiges Verständnis und freundschaftliche Beziehungen zum Ziel. Er erreicht die viel tiefere Ebene des Geistes, auf der Austausch und Teilhabe im gegenseitigen Glaubenszeugnis und der gemeinsamen Erforschung der jeweiligen religiösen Überzeugung bestehen. Im Dialog sind Christen und Nichtchristen dazu eingeladen, ihren religiösen Einsatz zu vertiefen und mit zunehmender Ernsthaftigkeit auf Gottes persönlichen Anruf und seine gnadenvolle Selbsthingabe, die, wie uns unser Glaube sagt, sich durch die Vermittlung Jesu Christi und das Werk des Geistes ereignet, zu antworten.

und zur Bekehrung zu Gott führen wird.

41. Unter dieser Zielperspektive, nämlich einer tieferen Bekehrung zu Gott hin, besitzt der interreligiöse Dialog seinen eigenen Wert. In diesem Bekehrungsprozeß "kann sich die Entscheidung ergeben, eine frühere geistliche oder religiöse Situation aufzugeben, um sich einer anderen zuzuwenden" (DM 37). Aufrichtiger Dialog schließt einerseits die gegenseitige Akzeptanz der Unterschiede oder gar der Widersprüche und andererseits die Achtung vor der freien, persönlichen Entscheidung gemäß dem Spruch des Gewissens mit ein (vgl. DH 2). Nichtsdestoweniger muß an die Lehre des Konzils erinnert werden: "Alle Menschen sind ihrerseits verpflichtet, die Wahrheit, besonders in dem, was Gott und seine Kirche angeht, zu suchen und die erkannte Wahrheit aufzunehmen und zu bewahren" (DH 1).

C. Arten des Dialogs

Die Arten des Dialogs

42. Es gibt verschiedene Arten des interreligiösen Dialogs. Es mag sinnvoll sein, jene, die das 1984 veröffentlichte Dokument des Päpstlichen Rates für Interreligiösen Dialog erwähnte, in Erinnerung zu rufen. Dieses Dokument sprach von vier Arten des Dialogs, ohne jedoch in Anspruch zu nehmen, eine Rangordnung unter diesen vier Formen aufzustellen.

a) Der Dialog des Lebens, in dem Menschen in einer offenen und nachbarschaftlichen Atmosphäre zusammenleben wollen, indem sie Freud und Leid, ihre menschlichen Probleme und Beschwernisse miteinander teilen.

b) Der Dialog des Handelns, in dem Christen und Nichtchristen für eine umfassende Entwicklung und Befreiung der Menschen zusammenarbeiten.

c) Der Dialog des theologischen Austausches, in dem Spezialisten ihr Verständnis ihres jeweiligen religiösen Erbes vertiefen und die gegenseitigen Werte zu schätzen lernen. d) Der Dialog der religiösen Erfahrung, in dem Menschen, die in ihrer eigenen religiösen Tradition verwurzelt sind, ihren spirituellen Reichtum teilen, z. B. was Gebet und Betrachtung, Glaube und Suche nach Gott oder dem Absoluten angeht.

sind miteinander verknüpft

43. Man sollte diese Bandbreite der Möglichkeiten des Dialogs nicht aus dem Auge verlieren. Wollte man ihn auf den theologischen Austausch beschränken, dann könnte der Dialog schnell zu einer Art Luxus innerhalb der Sendung der Kirche werden, zu einer Domäne gleichsam, die den Spezialisten vorbehalten ist. Im Gegenteil: Vom Papst und den Bischöfen angeleitet, sind alle Ortskirchen und alle Glieder dieser Kirchen zum Dialog aufgerufen, wenngleich auch nicht alle in der gleichen Weise. Darüber hinaus läßt sich feststellen, daß die verschiedenen Formen des Dialogs miteinander verknüpft sind. Kontakte im täglichen Leben oder angesichts gemeinsamer Handlungsfelder werden normalerweise die Tür zur Zusammenarbeit in der Förderung menschlicher und geistlicher Werte öffnen; sie mögen unter Umständen auch zu einem Dialog der religiösen Erfahrung in Beantwortung der großen Fragen, die die Lebensumstände den Menschen aufgeben, führen (vgl. NA 2). Der Austausch auf der Ebene religiöser Erfahrung kann die theologische Diskussion beleben. Diese wiederum kann Erfahrungen beleuchten und zu engeren Kontakten ermutigen.

und betreffen die Befreiung des Menschen

44. Es muß die Bedeutung des Dialogs für eine umfassende Entwicklung, soziale Gerechtigkeit und die Befreiung des Menschen unterstrichen werden. Die Ortskirchen sind in der Zeugenschaft Christi dazu aufgerufen, sich in dieser Weise uneigennützig und unvoreingenommen einzusetzen. So ist es notwendig, für die Menschenrechte einzutreten, die Forderung nach Gerechtigkeit zu erheben und die Ungerechtigkeit anzuprangern, und dies nicht nur, wenn die eigenen Mitglieder als Opfer betroffen sind, sondern unabhängig von der religiösen Zugehörigkeit der Opfer dieser Zustände. Es ist ebenso notwendig, gemeinsam die Lösung der großen Probleme in Gesellschaft und Welt ebenso wie in der Erziehung zu Gerechtigkeit und Frieden anzugehen.

und seine Kultur.

45. Ein anderer Bereich, in dem der interreligiöse Dialog heutzutage dringend nötig zu sein scheint, ist jener der Kultur. Der Begriff Kultur ist breiter anzusetzen als derjenige der Religion. Folgt man einem Interpretationsmodell, so kann Religion als die transzendente Dimension der Kultur, gewissermaßen als deren Seele, aufgefaßt werden. Die Religionen haben sicherlich zur Entwicklung der Kultur und zum Aufbau einer menschlicheren Gesellschaft beigetragen. Ebenso hatte jedoch die religiöse Praxis in manchen Fällen auch einen entfremdenden Einfluß auf bestimmte Kulturen. Heutzutage kann eine autonome und säkulare Kultur eine kritische Rolle in Hinsicht auf negative Elemente einzelner Religionen spielen. Die Fragestellung ist jedenfalls komplex, denn mehrere religiöse Traditionen können innerhalb ein und desselben kulturellen Horizontes nebeneinander bestehen, während umgekehrt dieselbe Religion in verschiedenen kulturellen Kontexten ihren Ausdruck finden kann. Außerdem können religiöse Unterschiede dazu beitragen, Kulturen eines Gebietes voneinander zu trennen.

46. Die christliche Botschaft unterstützt viele Werte, die in der Weisheit und dem reichen Erbe der Kulturen begründet sind und gelebt werden, aber sie darf auch kulturell akzeptierte Werte in Frage stellen. Ein aufmerksamer Dialog schließt auch das Erkennen und Anerkennen von kulturellen Werten, welche die Menschenwürde und deren transzendente Bestimmung respektieren, mit ein. Dennoch mag es vorkommen, daß einige Aspekte traditioneller christlicher Kulturen durch lokale Kulturen anderer religiöser Traditionen herausgefordert werden (vgl. EN 20). In diesen verschränkten und komplexen Beziehungen zwischen Kultur und Religion erhält der interreligiöse Dialog auf der Ebene der Kultur eine bemerkenswerte Bedeutsamkeit. Sein Ziel muß es sein, Spannungen und Konflikte und mögliche Auseinandersetzungen durch ein besseres Verständnis unter den verschiedenen religiösen Kulturen eines Gebietes abzubauen. Er kann so dazu beitragen, Kulturen von menschenunwürdigen Elementen zu reinigen, so daß er zum Motor der Umwandlung wird. Er kann auch helfen, gewisse traditionelle kulturelle Werte, die von der Moderne und einer allgemeinen, durch eine ununterschiedene Internationalisierung möglicherweise noch geförderte Nivellierung bedroht sind, aufrechtzuerhalten.

D. Voraussetzungen für den interreligiösen Dialog und seine Früchte

Der Dialog verlangt Ausgewogenheit,

47. Der Dialog verlangt sowohl von seiten der Christen als auch von seiten der Anhänger anderer Religionen eine ausgewogene Haltung. Sie sollten weder zu arglos noch zu kritisch sein, aber offen und aufnahmebereit. Selbstlosigkeit und Unparteilichkeit, Annahmebereitschaft von Unterschieden und möglichen Widersprüchen, wurden schon erwähnt. Der Wille, gemeinsam zur Wahrheitsfindung beizutragen, und die Bereitschaft, sich selbst durch die Begegnung verwandeln zu lassen, sind weitere erforderliche Voraussetzungen.

religiöse Überzeugung

48. Dies bedeutet nicht, daß die Dialogpartner mit dem Beginn der Begegnung ihre religiöse Überzeugung beiseite legen sollen. Das Gegenteil ist richtig: Die Aufrichtigkeit des interreligiösen Dialogs verlangt, daß jeder mit der ganzen Integrität seines Glaubens in den Dialog eintritt. Während Christen weiterhin von ihrem Glauben, daß in Jesus Christus, dem einzigen Mittler zwischen Gott und dem Menschen (vgl. 1 Tim 2,4-6), die Offenbarung erfüllt ist, überzeugt bleiben, müssen sie sich auch daran erinnern, daß sich Gott in gewisser Weise auch den Anhängern anderer religiöser Traditionen gezeigt hat. Folglich haben sie sich den Überzeugungen und Werten anderer Menschen mit aufnahmebereitem Sinn zu nähern.

und Offenheit für die Wahrheit,

49. Zudem gibt die in Jesus Christus geschenkte Fülle der Wahrheit nicht jedem einzelnen Christen die Garantie, daß er in deren Vollbesitz sei. Letztendlich wissen wir, daß die Wahrheit nicht einer Sache gleicht, die wir besitzen, sondern eine Person ist, der wir zugestehen müssen, von uns Besitz zu ergreifen. Dies ist ein nicht endender Prozeß. Ohne ihre Identität zu verlieren, müssen Christen dazu bereit sein, von und durch andere Menschen die positiven Werte ihrer Traditionen kennenzulernen und zu empfangen. Der Dialog kann sie dazu bewegen, verwurzelte Vorurteile aufzugeben, vorgefaßte Meinungen zu revidieren und manchmal sogar einer Reinigung ihres Glaubensverständnisses zuzustimmen.

verspricht aber auch reiche Belohnung.

50. Wenn Christen eine solche Offenheit kultivieren und es zulassen, selbst geprüft zu werden, werden sie die Früchte des Dialogs ernten können. Sie werden mit Bewunderung feststellen, daß sich Gottes Handeln durch Jesus Christus in seinem Geist vollendet und noch fortfährt, sich in der Welt und innerhalb der gesamten Menschheit zu vollenden. Weit davon entfernt, ihren eigenen Glauben zu schwächen, wird der echte Dialog ihn vielmehr vertiefen. Sie werden ihre christliche Identität immer mehr verstehen und die unterscheidenden Merkmale der christlichen Botschaft immer klarer wahrnehmen. Ihr Glaube wird neue Dimensionen dazu gewinnen, sobald sie nur die wirkmächtige Gegenwart des Geheimnisses Jesu Christi jenseits der sichtbaren Grenzen der Kirche und der christlichen Gemeinschaft entdecken.

E. Hindernisse des Dialogs

Schwierigkeiten im Dialog können auftreten

51. Schon auf der rein menschlichen Ebene ist es nicht einfach, einen Dialog zu führen. Der interreligiöse Dialog ist noch um einiges schwieriger. Es ist wichtig, sich der möglicherweise auftauchenden Hindernisse bewußt zu sein. Einige betreffen gleichermaßen die Anhänger aller religiösen Traditionen und behindern den Erfolg des Dialogs. Andere können einige religiöse Traditionen besonders betreffen und den Beginn eines Dialogs erschweren. Einige der gewichtigsten Hindernisse sollen hier genannt werden:

aufgrund verschiedener menschlicher Umzulänglichkeiten,

52. a) Ungenügende Verwurzelung im eigenen Glauben.

b) Ungenügende Kenntnis von und fehlendes Verständnis für Glaube und Praxis anderer Religionen, was zu einem Mangel an Wertschätzung für deren Bedeutung und manchmal sogar zu völlig falschen Vorstellungen führt.

c) Kulturelle Differenzen, die von unterschiedlichen Ausbildungsniveaus herrühren mögen oder vom Gebrauch verschiedener Sprachen.

d) Sozio-politische Faktoren oder geschichtsbedingte Belastungen.

e) Falsches Verständnis der Bedeutung von Begriffen wie Bekehrung, Taufe, Dialog usw.

f) Selbstzufriedenheit und Mangel an Offenheit, was zu einer defensiven oder gar aggressiven Haltung führt.

g) Fehlende Überzeugung vom Wert des interreligiösen Dialogs, den manche vielleicht als eine für Spezialisten reservierte Aufgabe betrachten und andere als ein Zeichen von Schwäche oder sogar als Verrat des Glaubens.

h) Mißtrauen gegenüber den Motiven der Dialogpartner.

i) Eine im Ausdrücken religiöser Überzeugungen sich zeigende polemische Gesinnung.

j) Intoleranz, die oft durch die Vermischung mit politischen, wirtschaftlichen, rassischen und ethnischen Faktoren verschlimmert wird; ein Mangel an dialogischer Gegenseitigkeit, der oft zu Enttäuschung führen kann.

k) Gewisse Charakteristika des gegenwärtigen religiösen Klimas, wie z. B. der wachsende Materialismus, religiöse Gleichgültigkeit und die Vielfalt der religiösen Sekten, die Verwirrung stiften und neue Probleme schaffen.

53. Viele dieser Hindernisse entstehen durch einen Mangel an Verständnis vom wahren Wesen und vom Ziel des interreligiösen Dialogs. Diese müssen also ständig wieder erklärt werden. Viel Geduld wird erforderlich sein. Es soll daran erinnert werden, daß der Beitrag der Kirche zum Dialog nicht vom Erfolg abhängt, was das gegenseitige Verständnis und die gegenseitige Bereicherung angeht; vielmehr entspringt er der göttlichen Initiative, mit der Menschheit in Dialog zu treten und dem Beispiel Jesu Christi, dessen Leben, Tod und Auferstehung dem Dialog seinen letztgültigen Ausdruck verliehen hat.

die nie unüberwindlich sind.

54. Sosehr wir auch diesen Hindernissen ausgesetzt sind, sollten sie uns nicht dazu verführen, die Möglichkeiten des Dialogs zu unterschätzen oder die schon erreichten Ergebnisse zu übersehen. Das gegenseitige Verständnis ist gewachsen, und die Zusammenarbeit hat zugenommen. Der Dialog hat bereits einen positiven Einfluß auf die Kirche selbst ausgeübt. Auch andere Religionen wurden durch den Dialog zur Erneuerung und zu größerer Offenheit geführt. Der interreligiöse Dialog hat es der Kirche ermöglicht, die Werte des Evangeliums mit anderen Menschen zu teilen. Daher wird die Kirche ihren Einsatz im Dialog allen Schwierigkeiten zum Trotz unwiderruflich aufrechterhalten.

II. Die Verkündigung Jesu Christi

A. Der Auftrag des auferstandenen Herrn

Jesus sandte seine Jünger aus, das Evangelium zu verkünden,

55. Der Herr gab seinen Jüngern den Auftrag, das Evangelium zu verkünden. Das berichten die Evangelien und auch die Apostelgeschichte, wenngleich mit gewissen feinen Unterschieden. Bei Matthäus sagt Jesus zu seinen Jüngern: "Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt" (Mt 28,18-20). Markus überliefert uns den Befehl bündiger: "Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen! Wer glaubt und sich taufen läßt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden" (Mk 16,15 f.).

Lukas drückt sich weniger direkt aus: "Er sagte zu ihnen: So steht es in der Schrift: Der Messias wird leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen, und in seinem Namen wird man allen Völkern, angefangen in Jerusalem, verkünden, sie sollen umkehren, damit ihre Sünden vergeben werden. Ihr seid Zeugen dafür" (Lk 24,46-48).

In der Apostelgeschichte wird die umfassende Weite dieser Zeugenschaft noch unterstrichen: "Ihr aber werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde" (Apg 1,8).

Bei Johannes finden wir den Sendungsauftrag noch einmal anders ausgedrückt: "Wie Du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt" (Joh 17,18); "Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch" (Joh 20,21). Die Frohe Botschaft allen zu verkünden, Zeugnis zu geben, Jünger zu sammeln, zu taufen und zu lehren, all das sind Aspekte, die zum Evangelisierungsauftrag der Kirche gehören und die jetzt im Licht der von Jesus selbst vollendeten Mission betrachtet werden müssen. Es ist der Missionsauftrag, den er vom Vater erhalten hat.

das er selbst verkündet hatte

56. "Jesus verkündete das Evangelium Gottes: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!" (Mk 1,14 f.). Dieser Satz faßt den Dienst Jesu zusammen. Jesus verkündet die Frohe Botschaft nicht allein durch Worte, sondern durch seine Taten, seine Haltung und seine Meinung, schließlich durch sein ganzes Leben schlechthin und ebenso durch seinen Tod und seine Auferstehung. Seine Gleichnisse, seine Wunder und die von ihm gewirkten Dämonenaustreibungen sind alle auf das Reich Gottes, das er ankündigte, bezogen. Dieses Königreich ist außerdem nicht etwas, was gepredigt wird ohne den Bezug zur eigenen Person. Jesus macht deutlich, daß durch ihn und in ihm die Herrschaft Gottes in der Welt anbricht (vgl. Lk 17,20-22), daß in ihm das Reich schon auf uns zugekommen ist, selbst wenn es immer noch zu seiner Fülle hin wachsen muß.[13]

und das er mit seinem Leben bezeugte.

57. Seine Lehre wird durch sein Leben bestätigt. "Aber wenn ich sie vollbringe, dann glaubt wenigstens den Werken, wenn ihr mir nicht glaubt" (Joh 10,38). In ähnlicher Weise erklären sich seine Taten durch die Worte, die er im Bewußtsein der Einheit mit dem Vater spricht. "Amen, amen, ich sage euch: Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, wenn er den Vater etwas tun sieht" (Joh 5,19). Im Verhör vor Pilatus sagt Jesus, daß er in die Welt gekommen sei, "um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen" (Joh 18,37). Auch der Vater legt Zeugnis für ihn ab, sowohl im vom Himmel aus gesprochenen Wort wie auch in machtvollen Taten, und zwar als Zeichen, die Jesus selbst zu vollbringen ermächtigt ist. Es ist der Geist, der Jesu Zeugnis "besiegelt" und es als wahr beglaubigt (vgl. Joh 3,32-35).

B. Die Rolle der Kirche

Die Verkündigung der Kirche

58. Auf diesem Hintergrund muß der Auftrag, den der Auferstandene der Apostolischen Kirche gegeben hat, verstanden werden. Die Sendung der Kirche besteht darin, das Reich Gottes, das auf Erden in Jesus Christus, durch sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung als Gottes endgültiges und allgemeines Heilsangebot an die Welt grundgelegt ist, zu verkünden. Aus diesem Grund "gibt es keine wirkliche Evangelisierung, wenn nicht der Name, die Lehre, das Leben, die Verheißungen, das Reich, das Geheimnis von Jesus von Nazaret, des Sohnes Gottes, verkündet werden" (EN 22). Es besteht eine strikte Kontinuität zwischen der Predigt Jesu vom Reich und der Verkündigung des Christusgeheimnisses durch die Kirche.

setzt die Verkündigung Jesu fort.

59. Ausgehend von der Sendung Jesu, ist die Kirche "Same" und "Anfang" des Reiches (LG 5). Sie steht im Dienste des Reiches und "gibt Zeugnis" davon. Dies schließt das Zeugnis des Glaubens an Christus, den Heiland, ein, insofern dies die eigentliche Herzmitte des der Kirche eigenen Lebens und Glaubens ist. In der Kirchengeschichte waren alle Apostel "Zeugen" des Lebens, Sterbens und der Auferstehung Christi.[14] Zeugnis wird durch Worte und Werke gegeben, die nicht als Gegensätze gegeneinandergestellt werden können. Das Werk bestätigt das Wort, aber ohne das Wort kann das Werk mißverstanden werden. Das Zeugnis der Apostel, sowohl in Wort wie auch in Zeichen, ist dem Heiligen Geist, der vom Vater gesandt ist, das Zeugnis zu vollenden, untergeordnet.15 [15]

C. Der Inhalt der Verkündigung

Petrus verkündete den auferstandenen Christus.

60. Am Pfingstmorgen kam in Erfüllung des Versprechens Christi der Heilige Geist auf die Jünger herab. Zu jener Zeit "wohnten in Jerusalem Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel" (Apg 2,5), deren Aufzählung in der Apostelgeschichte die universale Tragweite dieses ersten kirchlichen Ereignisses unterstreicht.

Im Namen der Elf wandte sich Petrus an die Versammelten und verkündete Jesus, der von Gott mit Wundern und Zeichen bestätigt, vom Menschen gekreuzigt, doch von Gott zum Leben wieder erweckt wurde. Schließlich faßte er zusammen: "Mit Gewißheit erkenne also das ganze Haus Israel: Gott hat ihn zum Herrn und Messias gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt" (Apg 2,36). Daran anschließend forderte er seine Zuhörer auf zu bereuen, in der Taufe auf Jesu Namen zur Vergebung der Sünden seine Jünger zu werden und somit die Gabe des Heiligen Geistes zu empfangen. Nur wenig später legte Petrus vor dem Hohen Rat Zeugnis ab von seinem Glauben an den auferstandenen Christus, indem er bekannte: "Und in keinem anderen ist das Heil zu finden. Denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen" (Apg 4,12).

Das universale Wesen der christlichen Heilsbotschaft wird noch einmal mehr deutlich in der Bekehrung des Kornelius. Als Petrus Zeugnis gab vom Leben und Wirken Jesu, von den Anfängen in Galiläa bis zur Auferstehung, "kam der Heilige Geist auf alle herab, die das Wort hörten", so daß die, die mit Petrus gekommen waren, sich wunderten, "daß die Gabe des Heiligen Geistes auch über die Heiden ausgegossen worden war" (Apg 10,44-45).

Paulus verkündete das von Ewigkeit her verborgene Geheimnis.

61. Aus diesem Grund bezeichnen sich die Apostel seit dem Pfingstereignis als die Zeugen der Auferstehung Christi (vgl. Apg 1,22; 4,33; 5,32-33) oder, kurz und bündig, als seine Zeugen (vgl. Apg 3,15; 13,31). Das wird nirgendwo deutlicher als bei Paulus, "berufen zum Apostel, auserwählt, das Evangelium Gottes zu verkündigen" (Röm 1,1), der von Jesus Christus "Gnade und Apostelamt empfangen hat, um in seinem Namen alle Heiden zum Gehorsam des Glaubens zu führen" (Röm 1,5). Paulus predigt die Frohbotschaft, "die er im voraus durch seine Propheten in den heiligen Schriften verheißen hat" (Röm 1,2), das "Evangelium von seinem Sohn" (Röm 1,9). Er predigt "Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit" (1 Kor 1,23), "denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist" (1 Kor 3,11). Paulus' Botschaft ist in seiner feierlichen Erklärung an die Epheser zusammengefaßt: "Mir, dem geringsten unter allen Heiligen, wurde diese Gnade geschenkt: Ich soll den Heiden als Evangelium den unergründlichen Reichtum Christi verkündigen und enthüllen, wie jenes Geheimnis Wirklichkeit geworden ist, das von Ewigkeit her in Gott, dem Schöpfer des Alls, verborgen war. So sollen jetzt die Fürsten und Gewalten des himmlischen Bereichs durch die Kirche Kenntnis erhalten von der vielfältigen Weisheit Gottes, nach seinem ewigen Plan, den er durch Christus Jesus, unseren Herrn, ausgeführt hat" (Eph 3,8-11). Derselben Botschaft begegnen wir in den Pastoralbriefen. Gott "will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Denn einer ist Gott und einer ist Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst als Lösegeld für alle hingegeben hat" (1 Tim 2,4-6). Dieses "Geheimnis unseres Glaubens", das ganz gewiß "groß ist", findet seinen Ausdruck in einem liturgischen Fragment: "Er wurde geoffenbart im Fleische, gerechtfertigt im Geiste, geschaut von den Engeln, verkündet unter den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit" (1 Tim 3,16).

Johannes gab Zeugnis vom Wort des Lebens.

62. Wenn wir uns dem Apostel Johannes zuwenden, müssen wir feststellen, daß er sich selbst vor allem als Zeuge versteht, als jemand, der Jesus gesehen hat und sein Geheimnis entdeckt hat (vgl. Joh 13,23.25; 21,24). "Was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch" - vom Wort des Lebens - "damit auch ihr Gemeinschaft habt mit uns" (1 Joh 1,3). "Und wir haben gesehen und bezeugen, daß der Vater den Sohn gesandt hat als den Retter der Welt" (1 Joh 4,14). Die zentrale Botschaft des Johannes ist die Menschwerdung: "Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit" (Joh 1,14). Durch Jesus also sehen wir den Vater (vgl. Joh 14,9); er ist der Weg zum Vater (vgl. Joh 14,6). Am Kreuz erhöht, zieht er alle Völker an sich (vgl. Joh 12,32). Er ist "wirklich der Retter der Welt" (Joh 4,42).

Das Wort, das die Kirche verkündet, ist voller Macht.

63. "Verkündige das Wort" schreibt Paulus an Timotheus (2 Tim 4,2). Der Inhalt dieses Wortes wird auf verschiedene Weise ausgedrückt: Es ist das Reich (vgl. Apg 20,25), die Frohe Botschaft vom Reich (vgl. Mt 24,14) und die Heilsbotschaft Gottes (vgl. Mk 1,14; 1 Thess 2,9). Doch diese verschiedenen Begriffe meinen alle das gleiche: Jesus zu verkündigen (vgl. Apg 9,20; 19,13) und Christus zu verkündigen (vgl. Apg 8,5). Ebenso wie Jesus Gottes Wort sprach, so verkündigen die Apostel Gottes Wort, denn Jesus, den sie verkündigen, ist das Wort. Die christliche Botschaft ist deshalb machtvoll und soll aufgenommen werden als das, was sie wirklich ist, "nicht als Menschenwort, sondern als Gottes Wort" (1 Thess 2,13). Im Glauben angenommen, wird das Wort voll Leben und voller Kraft und "schärfer als jedes zweischneidige Schwert" (Hebr 4,12). Es wird zu einem reinigenden Wort (vgl. Joh 15,3), zu einer Quelle befreiender Wahrheit (vgl. Joh 8,31-32). Das Wort wird verinnerlicht und gegenwärtig: "Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen" (Joh 14,23). Das ist das Wort Gottes, das die Christen verkündigen sollen.

D. Gegenwart und Kraft des Heiligen Geistes

Die Kirche stützt sich auf die Gegenwart

64. Bei der Verkündigung dieses Wortes weiß die Kirche, daß sie sich auf den Heiligen Geist stützen kann, der sowohl die Verkündigung vorantreibt wie auch die Hörerschaft zum Glaubensgehorsam führt.

"Es ist der Heilige Geist, der heute wie in den Anfängen der Kirche in all jenen am Werk ist, die das Evangelium verkünden und sich von ihm ergreifen und führen lassen; er legt ihnen die Worte in den Mund, die sie allein niemals finden könnten, und bereitet zugleich die Seele des Hörers auf den Empfang der Frohbotschaft und der Verkündigung des Gottesreiches vor" (EN 75).

und die Kraft des Geistes

65. Die Kraft des Geistes wird durch die Tatsache bezeugt, daß das machtvollste Zeugnis oft genau dann erbracht wird, wenn sich der Jünger besonders hilflos, unfähig zu Wort und Werk erlebt und dennoch vertrauend glaubt. Wie Paulus sagt: "Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt. Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht, alle Mißhandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark" (2 Kor 12,9 f.). Das Zeugnis, durch das der Geist Männer und Frauen zur Kenntnis Jesu als des Herrn führt, ist kein menschliches Verdienst, sondern allein Gottes Werk.

E. Die Dringlichkeit der Verkündigung

zur Erfüllung ihrer Pflicht,

66. Papst Paul VI. sagte in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii nuntiandi: "Die Verkündigung des Evangeliums ist für die Kirche nicht etwa ein Werk, das in ihrem Belieben stünde. Es ist ihre Pflicht, die ihr durch den Auftrag des Herrn Jesus Christus obliegt, damit die Menschen glauben und gerettet werden können. Diese Botschaft ist in der Tat notwendig. Sie ist einzigartig und unersetzbar. Sie erlaubt weder Gleichgültigkeit noch Vermischungen mit anderen Lehren oder falsche Anpassungen. Es geht hierbei nämlich um das Heil des Menschen" (EN 5). Auf die Dringlichkeit wies Paulus hin: "Wie sollen sie nun den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt? ... So gründet der Glaube in der Botschaft, die Botschaft im Wort Christi" (Röm 10,14 ff.).

"Dieses Gesetz, das einst vom Apostel Paulus aufgestellt wurde, behält auch heute noch seine ganze Kraft ... es ist das vernommene Wort, das zum Glauben führt" (EN 42). Hier mag es angebracht erscheinen, noch ein anderes Wort des Paulus anzuführen: "Wenn ich nämlich das Evangelium verkünde, kann ich mich deswegen nicht rühmen; denn ein Zwang liegt auf mir. Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!" (1 Kor 9,16).

das Heil in Jesus zu verkünden.

67. Die Verkündigung ist die Antwort auf das menschliche Streben nach Erlösung.

"Überall, wo Gott eine Tür für das Wort auftut, das Geheimnis Christi zu verkünden, da muß allen Menschen mit Freimut und Festigkeit der lebendige Gott verkündet werden und der, den er zum Heil aller gesandt hat, Jesus Christus, auf daß die Nichtchristen glaubend, mit einem Herzen, das ihnen der Heilige Geist geöffnet hat, sich frei zum Herrn bekehren und ihm aufrichtig anhangen, da er als ,der Weg, die Wahrheit und das Leben' (Joh 14,5) all ihr geistliches Sehnen erfüllt, ja es unendlich überragt" (AG 13).

F. Die Art der Verkündigung

Die Kirche folgt der Führung des Geistes,

68. Indem sie die Botschaft Gottes in Jesus Christus verkündet, muß sich die evangelisierende Kirche immer bewußt sein, daß sie ihre Aufgabe nicht im luftleeren Raum erfüllt. Denn der Heilige Geist, der Geist Christi, ist zugegen, und er wirkt unter den Hörern der Frohen Botschaft schon bevor die Evangelisierungsbemühungen der Kirche einsetzen (vgl. RH 12; DeV 53). Sie mögen in vielen Fällen schon implizit auf Gottes Heilsangebot in Jesus Christus geantwortet haben; ein Zeichen dafür mag die aufrichtige Praxis der je eigenen religösen Traditionen sein, und zwar insofern diese echte religiöse Werte enthalten. Sie mögen schon vom Geist berührt worden sein und in gewisser Weise unbewußt dem österlichen Geheimnis Jesu Christi verbunden sein (vgl. GS 22).

die Verkündigung zu erlernen,

69. Eingedenk dessen, was Gott in diesen Adressaten der Evangelisierung bereits vollbracht hat, strebt die Kirche danach, den rechten Weg zur Verkündigung der Frohen Botschaft zu finden. Sie läßt sich dabei von der göttlichen Pädagogik leiten. Das heißt, sie lernt von Jesus selbst und beachtet die Chronologie des Geistes. Jesus offenbarte seinen Hörern nur schrittweise die Bedeutung des Reiches und des göttlichen Heilsplans. Nur schrittweise und mit unendlicher Sorgfalt enthüllte er ihnen die Folgen seiner Botschaft, seiner Identität als Sohn Gottes und des Skandals des Kreuzes. Selbst die Jünger, die ihm am nächsten standen, kamen erst zum vollen Glauben an ihren Meister durch die Ostererfahrung und die Gabe des Heiligen Geistes. Jene, die heute Jesu Jünger werden wollen, werden den gleichen Suchprozeß durchmachen. Demgemäß muß die Verkündigung der Kirche in Geduld weiterentwickelt werden, mit den Hörern der Botschaft Schritt halten, ihre Freiheit und auch die "Schwäche ihres Glaubens" (EN 79) achten.

mit Eigenschaften, die aus dem Evangelium abgeleitet sind

70. Noch weitere Eigenschaften müssen kennzeichnend sein für die Verkündigung der Kirche. Es sollten sein:

a) Vertrauen in die Kraft des Geistes und Gehorsam gegenüber dem Auftrag des Herrn.[16]

b) Zuverlässigkeit in der Überlieferung der Lehre, die die Kirche von Christus erhalten und bewahrt hat, insofern sie sich als Hüterin der zu verkündigenden Botschaft (vgl. EN 15) betrachtet. "Die Treue gegenüber der Botschaft, deren Diener wir sind, ... ist der Kernpunkt der Verkündigung" (EN. 4). "Evangelisierung ist niemals das individuelle und isolierte Tun eines einzelnen, es ist vielmehr ein zutiefst kirchliches Tun" (EN 60).

c) Demut aus dem Bewußtsein des Geschenkcharakters (vgl. Eph 3,2) der Fülle der Offenbarung in Jesus Christus und der Fehlbarkeit der Glaubensboten.

d) Achtung vor der Gegenwart und der Wirkmächtigkeit des Geistes Gottes in den Herzen derer, die die Botschaft hören, und zwar aus der Erkenntnis, daß der Geist der "Erstbeweger der Evangelisierung" (EN 75) ist.

e) Dialogfähigkeit, denn vom Hörer des Wortes kann nicht erwartet werden, daß er nur passiv empfängt. Der "Samen des Wortes", der schon in das Herz des Hörers gesät ist, muß zum vollen Verständnis des Heilsgeheimnisses in Jesus Christus wachsen. Die Kirche muß den Prozeß der Läuterung und der Erleuchtung, in dem der Geist Gottes Sinn und Herz des Hörers für den Glauben öffnet, anerkennen.

f) Inkulturation, Inkarnation in die Kultur und die geistliche Tradition der Adressaten der Verkündigung, so daß die Botschaft für sie nicht nur einsichtig ist, sondern als Antwort auf ihr innerstes Streben, als wahrhaft Frohe Botschaft, nach der sie sich gesehnt hatten, angenommen wird (vgl. EN 20,62).

in enger Verbundenheit mit Christus.

71. Um diese Eigenschaften zu entwickeln, muß die Kirche nicht nur die Lebensumstände und die religiöse Erfahrung der Adressaten im Auge behalten. Sie muß auch im ständigen Dialog mit ihrem Herrn und Meister durch Gebet und Buße stehen, durch Besinnung und liturgisches Leben, vor allem in der Eucharistiefeier. Nur so werden sowohl die Verkündigung wie auch die Feier der Botschaft des Evangeliums zu vollem Leben gelangen.

G. Widerstände der Verkündigung

Die Verkündigung trifft auf Widerstände

72. Die kirchliche Verkündigung der Frohen Botschaft stellt ernsthafte Anfragen an die evangelisierende Kirche und diejenigen ihrer Glieder, die in der Evangelisierung engagiert sind, und schließlich auch an jene, die von Gott zum Glaubensgehorsam berufen sind. Die Aufgabe ist nicht leicht. Einige der hauptsächlichen Widerstände, denen die kirchliche Verkündigung begegnen kann, seien hier aufgezähit:

von seiten der Christen

73. Innere Schwierigkeiten:

a) Es kann passieren, daß sich das christliche Zeugnis nicht immer mit dem Glauben deckt; es besteht dann eine Kluft zwischen Wort und Werk, zwischen der christlichen Botschaft und der christlichen Lebensweise.

b) Christen können scheitern in der Verkündigung des Evangeliums, sei es durch Nachlässigkeit, Umzulänglichkeit oder eine solche Scham, die der heilige Paulus als "Schamesröte für das Evangelium" bezeichnet, oder auch aus falschen Vorstellungen über den göttlichen Heilsplan (vgl. EN 80).

c) Christen, denen die Wertschätzung und der Respekt für andere Gläubige und ihre religiösen Traditionen fehlt, sind schlecht auf die Verkündigung des Evangeliums vorbereitet.

d) Die von manchen Christen zur Schau getragene Haltung der Überlegenheit, die sich auf der kulturellen Ebene zeigen kann, kann zu der Vermutung Anlaß geben, daß eine einzelne Kultur mit der christlichen Botschaft verknüpft sei und auf ihre Konvertiten übertragen werden müsse.

und von außerhalb der christlichen Gemeinschaft.

74. Äußere Schwierigkeiten:

a) Die Last der Geschichte macht die Verkündigung dann um so schwieriger, wenn gewisse Methoden der Evangelisierung in der Vergangenheit Angst und Mißtrauen auf seiten der Anhänger anderer Religionen hervorgerufen haben.

b) Die Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften könnten befürchten, daß die Evangelisierung der Kirche in der Zerstörung ihrer eigenen Religion und Kultur enden könne.

c) Unterschiedliche Auffassungen von den Menschenrechten oder deren mangelhafte Anwendung in der Realität können in eine Einschränkung der religiösen Freiheit münden.

d) Verfolgung kann die kirchliche Verkündigung besonders erschweren oder nahezu unmöglich machen. Es soll dennoch daran erinnert werden, daß das Kreuz Quelle des Lebens ist; "das Blut der Märtyrer ist der Same der Christen".

e) Die Gleichsetzung einer bestimmten Religion mit einer nationalen Kultur oder einem politischen System schafft ein Klima der Intoleranz.

f) Mancherorts ist die Konversion durch Gesetz verboten, oder es sehen sich die Konvertiten zum Christentum mit ernsthaften Problemen konfrontiert, wie der Verbannung aus der ursprünglichen Religionsgemeinschaft und dem sozialen und kulturellen Umfeld.

g) Im Kontext des Pluralismus, der Gefahr der Nivellierung von Unterschieden, des Relativismus oder des religiösen Synkretismus entstehen Widerstände gegenüber der Verkündigung des Evangeliums.

H. Die Verkündigung als Teil des Evangelisierungsauftrages der Kirche

In der Evangelisierung der Kirche

75. Der Evangelisierungsauftrag der Kirche wurde manchmal einfach als Einladung, Jünger Jesu und der Kirche zu werden, verstanden. Allmählich entwickelte sich eine weitere Sicht der Evangelisierung, in der die Verkündigung des Christusgeheimnisses trotzdem Mittelpunkt blieb. Das Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Missionstätigkeit der Kirche erwähnt in diesem Zusammenhang die gegenseitige Verantwortung, den Dialog und die Zusammenarbeit, bevor es auf das Zeugnis und die Predigt des Evangeliums zu sprechen kommt (vgl. AG 11-13). Die Bischofssynode von 1974 und das Apostolische Schreiben Evangelii nuntiandi, das ihr folgte, verstanden Evangelisierung in einem weiten Sinne. In die Evangelisierung ist die gesamte Persönlichkeit des Evangelisierenden miteinbezogen, seine Worte, Werke und das Lebenszeugnis (vgl. EN 21-22). Somit dehnt sich auch ihre Zielvorstellung aus auf alles, was den Menschen betrifft, insofern sie menschliche Kultur und Kulturen in der Kraft des Evangeliums verändern will (vgl. EN 18-20). Schon Papst Paul VI. machte ziemlich deutlich, daß "die Evangelisierung auch immer - als Grundlage, Zentrum und zugleich Höhepunkt ihrer Dynamik - klar wird verkünden müssen, daß in Jesus Christus, dem menschgewordenen, gestorbenen und auferstandenen Sohn Gottes, das Heil einem jeden Menschen angeboten ist als ein Geschenk der Gnade und des Erbarmens Gottes selbst" (EN 27). In diesem Sinn hat 1984 der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog die Verkündigung unter den verschiedenen Elementen des kirchlichen Evangelisierungsauftrags genannt (vgl. DM 13).

ist die Verkündigung eine heilige Pflicht.

76. Es scheint immer noch notwendig zu sein zu wiederholen, daß die Verkündigung des Namens Jesu und die Einladung, sein Jünger zu werden, eine für die Kirche heilige, vorrangige und nicht zu vernachlässigende Pflicht ist. Evangelisierung wäre ohne sie unvollständig (vgl. EN 22), so wie ohne diese Herzmitte die anderen Elemente, wenngleich sie auch eigenständiger Ausdruck der kirchlichen Mission sind, ihren Zusammenhalt und ihre Lebenskraft verlieren würden. Deshalb ist es klar, daß in Situationen, in denen aus politischen oder anderen Gründen die Verkündigung als solche praktisch unmöglich ist, die Kirche ihren Evangelisierungsauftrag nicht nur durch ihre Anwesenheit und ihr Zeugnis ausführt, sondern auch durch ihre Werke, wie die Arbeit an einer umfassenden menschlichen Entwicklung und dem Dialog. Anderseits ist die Kirche in anderen Situationen, wo die Menschen bereit sind, die Botschaft des Evangeliums zu hören und die Möglichkeit haben, darauf zu antworten, an die Pflicht gebunden, auf diese Erwartung zu reagieren.

III. Interreligiöser Dialog und Verkündigung

A. Aufeinander bezogen, aber nicht austauschbar

Die Mission der Kirche

77. Interreligiöser Dialog und Verkündigung finden sich zwar nicht auf derselben Ebene, sind aber doch beide authentische Elemente des kirchlichen Evangelisierungsauftrags. Sie sind eng aufeinander hingeordnet, aber nicht gegeneinander austauschbar: Wahrer interreligiöser Dialog setzt von seiten der Christen den Wunsch voraus, Jesus Christus besser bekannt und anerkannt zu machen und die Liebe zu ihm zu wecken; die Verkündigung Jesu Christi muß im dialogischen Geist des Evangeliums erfolgen. Die beiden Vollzüge bleiben voneinander unterschieden, aber es kann, wie die Erfahrung zeigt, ein und dieselbe Ortskirche, ein und dieselbe Person an beiden in verschiedener Weise beteiligt sein.

muß den Umständen angepaßt sein.

78. Vor Ort hängt die Erfüllung der Mission der Kirche von den jeweiligen Umständen der einzelnen Ortskirche, des jeweiligen Christen ab. Sie beinhaltet immer eine gewisse Einfühlsamkeit in die sozialen, kulturellen, religiösen und politischen Bedingungen der Situation, ebenso wie die Aufmerksamkeit für die "Zeichen der Zeit", durch die der Geist Gottes spricht, lehrt und leitet. Eine solche Einfühlsamkeit und Aufmerksamkeit wird durch eine Spiritualität des Dialogs entwickelt. Diese erfordert eine im Gebet erworbene Einsicht und theologische Reflexion über die Bedeutung des göttlichen Plans mit den verschiedenen religiösen Traditionen und die Erfahrungen mit jenen, die in diesen ihre geistliche Nahrung finden.

B. Die Kirche und die Religionen

Die Mission der Kirche erstreckt sich auf alle

79. In Erfüllung ihres Auftrags kommt die Kirche mit Menschen anderer religiöser Traditionen im Kontakt. Einige werden Jünger Jesu Christi in seiner Kirche nach einer tiefgreifenden Bekehrung und ihrer eigenen freien Entscheidung. Andere fühlen sich von der Person Jesu und seiner Botschaft angezogen, treten aber aus verschiedensten Gründen seiner Gemeinde nicht bei. Wieder andere zeigen nur wenig oder kein Interesse an Jesus. Wie auch immer, der Auftrag der Kirche erstreckt sich auf alle. Auch in bezug auf die Religionen, denen sie angehören, kann die Kirche im Dialog eine prophetische Rolle erhalten. Indem sie Zeugnis von den Werten des Evangeliums gibt, wirft sie für diese Religionen Fragen auf. Genauso mag sich die Kirche, insofern sie selbst den menschlichen Begrenzungen unterliegt, herausgefordert sehen. Indem sie also diese Werte im Eifer für und der Achtung vor dem Geheimnis Gottes fördern, finden sich die Mitglieder der Kirche und die Anhänger der anderen Religionen gegenseitig als Gefährten auf dem gemeinsamen Weg der Humanität. Am Ende des Gebets- und Fasttages der Pilgerfahrt für den Frieden nach Assisi sagte Papst Johannes Paul II.: "Laßt uns darin eine Vorwegnahme dessen sehen, was Gott von der geschichtlichen Entwicklung der Menschen gern verwirklicht sehen möchte: eine brüderliche Wanderung, auf der wir uns gegenseitig begleiten zum transzendeten Ziel, das er uns gesetzt hat."[17]

im Dialog

80. Die Kirche ermutigt zum interreligiösen Dialog und fördert ihn nicht nur zwischen ihr und den anderen religiösen Traditionen, sondern auch zwischen diesen Traditionen selbst. Das ist eine Art, wie sie ihre Rolle als "Sakrament, d. h. Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott für die Einheit der ganzen Menschheit" (LG 1) erfüllt. Sie ist vom Geist getrieben, allen religiösen Einrichtungen und Bewegungen zu begegnen, mit ihnen in Zusammenarbeit zu treten und sie zu läutern, um Wahrheit und Leben, Heiligkeit, Gerechtigkeit, Liebe und Frieden, jene Auswirkungen des Reiches, das am Ende der Zeiten Christus seinem Vater übergeben wird (vgl. 1 Kor 15,24), zu fördern. Somit ist der interreligiöse Dialog wahrhaft Teil des von Gott ausgehenden Heilsdialogs.[18]

C. Jesus Chrisius verkündigen

und der Verkündigung

81. Verkündigung zielt einerseits darauf, die Menschen zu einer genauen Kenntnis dessen, was Gott für alle Menschen in Jesus Christus getan hat, zu führen, und sie dazu einzuladen, Jünger dieses Jesus durch ihre Mitgliedschaft in der Kirche zu werden. Wenn die Kirche im Gehorsam gegenüber dem Gebot des auferstandenen Herrn und den Eingebungen des Geistes ihre Aufgabe der Verkündigung erfüllt, wird sie das oft in einer fortschreitenden Weise tun müssen. Eine Unterscheidung muß gemacht werden je nach der Weise, wie Gott in der persönlichen Geschichte jedes einzelnen gegenwärtig ist. Die Anhänger anderer Religionen, ebenso wie Christen, mögen entdecken, daß sie schon viele Werte miteinander teilen. Das kann zu einer Herausforderung für die Art des Zeugnisses der christlichen Gemeinschaft oder der persönlichen Glaubenspraxis führen, in welchen die volle Wirklichkeit Jesu demütig bekannt wird. Dann, zum rechten Zeitpunkt, kann Jesu entscheidende Frage gestellt werden. "Wer sagst du, daß ich bin?" Die wahre Antwort auf diese Frage kann nur aus dem Glauben kommen. Die Predigt und das Bekenntnis unter dem Einfluß der Gnade, daß Jesus von Nazaret der Sohn Gottes, des Vaters, der auferstandene Herr und Heiland ist, bedeutet die letzte Stufe der Verkündigung. Jemand, der offen diesen Glauben bekennt, ist eingeladen, Jesu Jünger in seiner Kirche zu werden und seine Verantwortung in ihrem Auftrag zu übernehmen.

D. Die Verpflichtung des Sendungsauftrags

als zwei Weisen des einen Sendungsauftrags.

82. Alle Christen sind dazu aufgerufen, sich an der doppelten Aufgabe der Kirche des einen Sendungsauftrags in Dialog und Verkündigung zu beteiligen. Die Art, in der sie das tun können, wird von den Umständen und vom Grad der Vorbereitung abhängen. Sie müssen dennoch immer im Auge behalten, daß der Dialog, wie bereits gesagt, nicht den gesamten Sendungsauftrag der Kirche umfaßt, daß er nicht einfach die Verkündigung ersetzen kann, sondern immer auf die Verkündigung hin bezogen bleibt, insofern der Prozeß der Evangelisierung der Kirche in ihr seinen Höhepunkt und seine Fülle erreicht. Wenn sie sich im interreligiösen Dialog engagieren, entdecken sie die "Saatkörner des Wortes", die in die Herzen der Menschen ebenso wie in deren religiöse Traditionen gesät sind. Um so mehr sie das Christusmysterium zu würdigen lernen, werden sie befähigt, die positiven Werte in der menschlichen Suche nach dem unbekannten oder unvollständig erkannten Gott zu unterscheiden. Durch die verschiedenen Stadien des Dialogs hindurch spüren die Gesprächspartner die Notwendigkeit des Informationsaustauschs, Erklärungen zu geben und zu hören, sich gegenseitig zu befragen. Christen, die sich um den Dialog bemühen, haben die Pflicht, auf die Erwartungen ihrer Gesprächspartner in bezug auf die Inhalte des christlichen Glaubens zu antworten, von diesem Glauben Zeugnis zu geben, sobald dies erforderlich ist, und Rechenschaft abzulegen über die Hoffnung, die in ihnen lebt (vgl. 1 Petr 3,15). Um sich darauf vorzubereiten, sollten Christen ihren Glauben vertiefen, ihre Haltung läutern, sich einer klaren Sprache bedienen und ihren Gottesdienst immer noch aufrichtiger ausführen.

Liebe will geteilt werden

83. Wie könnte man, bei diesem dialogischen Zugang, nicht hoffen und wünschen, die Freude zu teilen, Jesus Christus, den Herrn und Erlöser zu kennen und ihm zu folgen? Wir stoßen hier auf die Mitte des Geheimnisses der Liebe. Insofern die Kirche und die Christen den Herrn Jesus Christus aus tiefem Herzen lieben, liegt der Wunsch, ihn mit anderen zu teilen, nicht einfach im Gebot des Herrn begründet, sondern in dieser Liebe selbst. Es sollte gar nicht überraschen, sondern völlig normal sein, daß die Anhänger der anderen Religionen auch das Bedürfnis haben, ihren Glauben zu teilen. Jeder Dialog schließt Gegenseitigkeit ein und zielt darauf ab, Furcht und Gewalttätigkeit abzubauen.

unter der Führung des Geistes

84. Christen müssen sich des Einflusses des Heiligen Geistes immer bewußt und bereit sein, dorthin zu gehen, wohin auch immer sie der Geist nach Gottes Vorsehung und Bestimmung führen mag. Es ist der Geist, der die Evangelisierung der Kirche leitet. Es ist Sache des Geistes, sowohl die Verkündigung der Kirche als auch den Glaubensgehorsam zu entfachen. Wir haben auf die Eingebungen des Geistes aufmerksam zu achten. Ob Verkündigung möglich sei oder nicht, die Kirche verfolgt ihren Auftrag in voller Achtung vor der Freiheit, im Dialog, in Zeugnis und Mitteilung der Werte des Evangeliums. Auf diese Weise schreiten die Dialogpartner in ihrer Antwort auf den göttlichen Anruf, dessen sie sich bewußt sind, voran. Alle, Christen und die Anhänger anderer religiöser Traditionen, sind von Gott selbst dazu eingeladen, in das Geheimnis seiner Beständigkeit einzudringen, als Menschen nach seinem Licht und seiner Wahrheit zu streben. Nur Gott kennt die Zeiten und Etappen der Vervollkommnung dieser langen, dem Menschen eigenen Suche.

E. Jesus, unser Vorbild

und entsprechend dem Beispiel Jesu,

85. In diesem Zustand der Erwartung und des Hörens betreiben die Kirche und die Christen die Verkündigung und den interreligiösen Dialog getreu dem Geist des Evangeliums. Sie sind sich bewußt, "daß Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt" (Röm 8,28). Durch die Gnade haben sie erfahren, daß er der Vater aller ist und daß er sich in Jesus Christus offenbart hat. Ist nicht Jesus ihr Vorbild und ihre Leitfigur in ihrem Beitrag zu Dialog und Verkündigung? Ist nicht er der Einzige, der auch noch heute zu einem aufrichtig Gläubigen sagen kann: "Du bist nicht fern vom Reich Gottes" (Mk 12,34).

der sich für die gesamte Menschheit hingab.

86. Christen wollen Jesus nicht nur nachahmen, sie wollen mit ihm vereint sein. Er lud seine Jünger und Freunde ein, sich ihm in seiner einzigartigen Hingabe für die gesamte Menschheit anzuschließen. Brot und Wein, über die er den Dank sprach, versinnbildlichten die ganze Schöpfung. Sie wurden zu seinem Leib, den er hingab, und zu seinem Blut, das er vergoß, zur Vergebung der Sünden. Durch das Amt der Kirche wird die eine Eucharistie von Jesus in jedem Zeitalter und an jedem Ort seit der Zeit seines Leidens, Sterbens und der Auferstehung in Jerusalem durch Jesus zum Opfer gebracht. Hier vereinen sich die Christen mit Christus in seinem Opfer zum Heil der ganzen Welt (IV. Euchar. Hochgebet). Ein Gebet dieser Art findet Gefallen vor Gott, der will, "daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen" (1 Tim 2,4). So bringen sie Dank für alles "was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist" (Phil 4,8). Hieraus ziehen sie die Gnade der Unterscheidung, die Fähigkeit, die Zeichen der Gegenwart des Geistes zu lesen und den geeigneten Moment und die rechte Weise der Verkündigung Jesu Christi zu erkennen.

Schlussbemerkung

Besondere Aufmerksamkeit für jede Religion

87. Das Ziel dieser Überlegungen zum interreligiösen Dialog und der Verkündigung war, Grundlegendes klarzustellen. Dennoch ist daran zu erinnern, daß sich die verschiedenen Religionen voneinander unterscheiden. Deshalb sollte den Beziehungen zu den Anhängern jeder dieser Religionen je besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden.

erfordert Studium

88. Es ist wichtig, daß spezielle Studien über die Beziehung zwischen Dialog und Verkündigung unternommen werden, die jeder Religion innerhalb ihres geographischen Bereiches und soziokulturellen Kontextes Rechnung tragen.

Bischofskonferenzen könnten solche Studien den zuständigen Kommissionen und den theologischen und pastoralen Instituten anvertrauen. Aufgrund der Ergebnisse dieser Studien könnten die Institute spezielle Kurse und Studientagungen organisieren, um Mitarbeiter an Dialog und Verkündigung auszubilden. Besondere Aufmerksamkeit sollte man den jungen Menschen zuwenden, die in einer pluralistischen Umgebung leben, wo sie auf Anhänger anderer Religionen in der Schule, bei der Arbeit, in Jugendorganisationen und an deren Vereinigungen und selbst in der eigenen Familie treffen.

und Gebet.

89. Dialog und Verkündigung sind schwierige Aufgaben und noch dazu absolut notwendig. Alle Christen sollten gemäß ihrem Vermögen dazu ermutigt werden, sich selbst zu rüsten, um diese doppelte Aufgabe besser erfüllen zu können. Mehr als zu erfüllende Aufgaben stellen Dialog und Verkündigung Gnadengaben dar, die im Gebet zu suchen sind. Mögen alle beständig die Hilfe des Heiligen Geistes erflehen, so daß er der "entscheidende Inspirator ihrer Pläne, ihrer Initiativen und ihrer Verkündigungstätigkeit" (EN 75) sein möge.

Francis Kardinal Arinze

Präsident des Päpstlichen Rats für den Interreligiösen Dialog

Jozef Kardinal Tomko
Präfekt der Kongregation für die Evangelisierung der Völker

Pfingsten, 19. Mai 1991

Abkürzungen

AG "Ad gentes" II. Vat. Konzil: Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche

DeV "Dominum et vivificantem" Johannes Paul II.: Enzyklika über den Heiligen Geist im Leben der Kirche und der Welt

DH "Dignitatis humanae" II. Vat. Konzil: Erklärung über die Religionsfreiheit

DM "Dialog und Mission" Päpstliches Sekretariat für die Nichtchristen: Gedanken und Weisungen über die Haltung der Kirche gegenüber den Anhängern anderer Religionen

DV "Dei Verbum" II. Vat. Konzil: Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung

EN "Evangelii nuntiandi" Paul VI.: Apostolisches Schreiben über die Evangelisierung in der Welt von heute

GS "Gaudium et spes" II. Vat. Konzil.: Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute

LG "Lumen gentium" II. Vat. Konzil: Dogmatische Konstitution über die Kirche

NA "Nostra aetate" II. Vat. Konzil: Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nicht-christlichen Religionen

RH "Redemptor hominis" Johannes Paul II.: Antrittsenzyklika über die Würde des Menschen in Christus

RM "Redemptoris missio" Johannes Paul II.: Enzyklika über die fortdauernde Gültigkeit des missionarischen Auftrages

UR "Unitatis redintegratio" II. Vat. Konzil: Dekret über den Ökumenismus

Anmerkungen

  1. Dialog und Mission: Gedanken und Weisungen über die Haltung der Kirche gegenüber den Anhängern anderer Religionen. In: OR dt., 14, 1984, 34/35, S. 10 f. Im folgenden mit DM abgekürzt.
  2. Insegnamenti di Giovanni Paolo II, Vol. IX, 2, 1986, S. 1249-1273; 2019-2029. Vgl. Bulletin Secretariatus pro non Christianis, 1987, 1, Nr. 64, in deutscher Sprache finden sich die Ansprachen des Papstes zum Weltgebetstag für den Frieden in Assisi in: OR dt., 16, 1986, 44 bzw.16, 1986, 45, Beilage XXIX.
  3. Insegnamenti di Giovanni Paolo II, Vol. X, 1, 1987, S. 1449-1452; vgl. Bulletin, 1987, 3, Nr. 66, S. 223-225.
  4. Guidelines on Dialogue with people of Living Faiths and Ideologies. World Council of Churches: Genf, 1979; Mission and Evangelism - an Ecumenical Affirmation. In: International Review of Mission, 1982, 71, S. 427-451.
  5. Aufgrund des umfänglichen den Christen und Juden gemeinsamen geistlichen Erbes hat der Dialog zwischen Christen und Juden seine eigenen, besonderen Erfordernisse. Auf sie wird in diesem Dokument nicht eingegangen; des genaueren vgl.: Richtlinien für die religiösen Beziehungen mit Juden. 1. 12. 1974; Anmerkungen zu einer angemessenen Darstellung der Juden und des Judentums in der katholischen Predigt und Katechese. 24. 6. 1985.
  6. Die Frage der neuen religiösen Bewegungen wurde in einem kürzlich von den Päpstlichen Räten zur Förderung der Einheit der Christen, für den Interreligiösen Dialog, für den Dialog mit den Nichtglaubenden und für die Kultur gemeinsam veröffentlichten Dokument behandelt. Vgl. für das franz. Original: La documentation Catholique. 1. 6. 1986, 1919.
  7. Justin spricht von den "Samenkörnern" die vom Logos in die Religionen gesät sind. Durch die Inkarnation vervollständigt sich die Manifestation des Logos (1 Apol. 46,1-4; 2 Apol. 8,1; 10,1.3; 13,4-6). Für Irenäus hat sich der Sohn, die sichtbare Manifestation des Vaters, der Menschheit von Anbeginn an offenbart; dennoch bringt die Inkarnation etwas vollständig Neues. (Adv. Haer, 4,6,5-7; 4,7,2; 4,20,6-7). Clemens von Alexandrien erklärt, daß die Philosophie den Griechen von Gott wie ein "Vertrag", wie ein "Sprungbrett hin zur Philosophie, die mit Christus übereinstimmt", wie ein "Lehrer", der den hellenistischen Geist zu ihm bringt, gegeben worden sei. (Stromata 1,5; 6,8; 7,2).
  8. Adv. Haer, 3,11,8.
  9. Retract., 1,13,3; vgl. Ennar. in Ps. 118, (Sermo 29,9) 142,3.
  10. Insegnamenti di Giovanni Paolo II, Vol. IX, 2, 1986, S. 2019-2029; s. a. D.A.S., 1986, S. 1670 ff.
  11. Johannes Paul II., Discourse to Indian Bishops on "ad limina" visit, 14. 4. 1989, AAS, Vol. LXXXI, S. 1126, und Bulletin Nr. 71, 1989, S. 149.
  12. Insegnamenti di Giovanni Paolo II, Vol. VII, 1, 1984, S. 595-599.
  13. Die frühen Christen identifizierten das Reich Gottes mit der Herrschaft Christi (vgl. Eph 5,5). Vgl. Origenes, In Mt 14,7; Hom. in Lc. 36, wo er Christus autobasileia nennt und Tertullian, Adv. Marc. IV, 33,8: "In evangelio est Dei Regnum, Christus ipse".
  14. Vgl. Apg 2,32 EU; 3,15; 10,39; 13,31; 23,11.
  15. Vgl. Joh 15,26 ff. EU; 1 Joh 5,7-10 EU; Apg 5,32 EU.
  16. 1 Thess 2,2 EU; 2 Kor 3,12 EU; 7,4 EU; Phil 1,20 EU; Eph 3,12 EU; 6,19 f. EU; Apg 4,13.29.31 EU; 9,27 f. EU etc.
  17. Insegnamenti di Giovanni Paolo II, Vol. IX, 2, 1986, S. 1262.
  18. Ecclesiam suam, Nr. 3; Insegnamenti di Giovanni Paolo II, Vol. VII, 1, 1984, S. 598.
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