Die echte marianische Spiritualität verstehen

Aus Kathpedia
Wechseln zu: Navigation, Suche
Instruktion
Die Enzyklika "Redemptoris mater" und die orientalischen Kirchen im Marianischen Jahr

Kongregation für die Orientalischen Kirchen
unseres Heiligen Vaters
Johannes Paul II.
7. Juni 1987

(Quelle: Der Apostolische Stuhl 1987, S. 2109-2019)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Mit dem Pfingstfest beginnt das Marianische Jahr, das Papst Johannes Paul II. als eine Zeit verstärkten Bemühens um Bekehrung und Gebet verkündet hat, um an der Schwelle des dritten Jahrtausends Gnade zu erflehen. Gerade zur Vorbereitung auf den Beginn des dritten Jahrtausends wollte die Enzyklika [[Redemptoris mater]] im christlichen Volk die Verehrung der Muttergottes wieder beleben und die rechte Art und Weise für die Feier des ihr geweihten Jahres empfehlen.

2. Aus den Worten des Papstes ergeben sich klar einige Perspektiven und Wegweisungen:

- Es geht darum, einen geistlichen Weg zurückzulegen, der die Kirche dahin führen soll, besonders bewusst ihre Weihe an Christus, den Herrn, und ihre Treue zu ihm zu leben.

- In der Tat kann der nahende Anbruch des dritten Jahrtausends passend als ein Anruf verstanden werden, die Bedeutung der Zeit zu verstehen, die sich nie der Herrschaft Christi entziehen kann, und die, alles auf seine Verherrlichung ausrichtend, bestimmt ist, in ihm zusammengefasst zu werden

- Auf diesem Weg durch die Jahrhunderte und die Zeitalter ist Maria die "Feuersäule", die den Weg der Glaubenden hell macht, die Koryphäe, welche die immer neu zum Haus des Bräutigams aufbrechenden Generationen anführt: "So weiß sich die Kirche in ihrem ganzen Leben mit der Mutter Christi durch ein Band verbunden, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Heilsgeheimnisses umfasst, und verehrt Maria als geistliche Mutter der Menschheit und Fürsprecherin der Gnade" ([[Redemptoris mater]], Nr. 47).

- Es handelt sich um einen Weg, der gekennzeichnet sein soll durch ein vertieftes Wissen um die Gegenwart Mariens und deren lebendige, liebende Erfahrung in der persönlichen Geschichte der Menschen, um eine marianische Dimension des christlichen Lebens ([[Redemptoris mater]], Nr. 45).

- Deshalb muss die erste Aufgabe dieser heiligen Zeit darin bestehen, ins Licht zu stellen, was die echte "marianische Spiritualität" verlangt. Das wird nur möglich sein, wenn man vom Schatz der Überlieferung ausgeht, in der sich das gläubige und betende Empfinden der Generationen ausdrückt. Vom Heiligen Geist angeregt, haben diese das "depositum fidei" dankbar aufgenommen und es unerschöpflich neu in den verschiedenen Zeiten und geschichtlichen Verhältnissen inkarniert. Dieses durch den Dienst der Kirche uns übermittelte Geschenk Gottes in Treue und schöpferisch neu leben, heißt auch, die echte marianische Frömmigkeit wieder entdecken und überprüfen, ob sie imstande ist, im Gebet jener Spiritualität Ausdruck zu geben, welche "eine überaus reiche Quelle in der geschichtlichen Erfahrung der Personen und der verschiedenen christlichen Gemeinschaften (findet), die unter den verschiedenen Völkern und Nationen auf der ganzen Erde leben" (Redemptoris mater, Nr. 48).

3. Im Rahmen dieser klaren und unerschöpflichen Reichtümer, in denen die Erkenntnisse und die Spiritualität des Gottesvolkes ihren Ausdruck finden, nimmt der christliche Osten eine Stellung von besonderer Würde ein, denn dessen Überlieferung in Lehre und Liturgie, vor allem auf marianischem Gebiet, erheben sich zu unvergleichlichen Höhen.

4. Die Enzyklika Redemptoris mater zählt es zu ihren Hauptzielen, die Kirche zum unermüdlichen Suchen nach der Einheit der Christen anzuregen:

"Der Weg der Kirche - so lesen wir darin - ist vor allem in unserer Epoche vom Ökumenismus gekennzeichnet" (Redemptoris mater, Nr. 29). Auch in dieser Hinsicht wollte der heilige Vater bei der Lehre, dem liturgischen Gottesdienst, der Frömmigkeit und der marianischen Spiritualtität aller und der einzelnen Ortskirchen verweilen (Redemptoris mater, Nr. 29, 31-34). So wird von maßgeblichster Stelle für dieses marianische Jahr die Richtung zu einer vertieften Kenntnis der Gaben gewiesen, mit denen der christliche Osten die Kirche bereichert hat, damit alle sie dankbar annehmen, sorgfältig bewahren und mit Liebe leben können.

In dieser Hinsicht kommt den Ostkirchen offensichtlich eine Aufgabe von erstrangiger Bedeutung zu: In erster Linie werden sie es sein, die sich des Erbes bewußt werden müssen, das ihnen in besonderer Weise anvertraut wurde und an dem vor allem durch sie die ganze Kirche immer mehr wird Anteil erhalten können.

5. Im christlichen Osten gibt es verschiedene Weisen, wie man an die Gestalt Mariens herantritt - was übrigens auch von allen Inhalten des Glaubensschatzes gilt: es handelt sich um einen bestimmten Gesichtspunkt und einen besonderen und kennzeichnenden "Stil". Diese müssen aufmerksam in Betracht gezogen und genau erfaßt werden, denn sie sind nicht eine einfache Einkleidung der Wahrheit, sondern formen und kennzeichnen deren innerstes Wesen.

Mit Sorgfalt wird die Sprache zu bewerten sein, in der die marianischen Titel und theologischen Formulierungen Ausdruck finden, ja selbst die literarischen Arten, die fast immer betont doxologisch sind. Besondere Aufmerksamkeit wird man den Quellen (die Glaubensbekenntnisse, die Konzilien, die Väter, die Liturgie) widmen, in die sie wie in einen lebendigen Zusammenhang eingefügt sind. Mit Aufmerksamkeit und Andacht wird man die Botschaft prüfen, die in zwei äußerst ausgeprägten Weisen Ausdruck findet, nämlich in der Hymnodie und der Ikonographie. In diesen wird das Mysterium auf eine Art besungen, welche auch jeden Aspekt des menschlichen Empfindens bedient. Man wird nicht vergessen, welche Vorliebe der Osten für die so reiche und starke Aussagekraft des Symbols hegt, um das ganze Universum zur Kontemplation Gottes, der Mensch wird, zusammenzurufen, und um die tiefe Spannung zwischen Zeit und Ewigkeit, Sinnbild und Wirklichkeit zum Ausdruck zu bringen und um durch die Kraft des Paradoxon die Herablassung eines Gottes kundzutun, der die Geschichte annimmt und sie rettet, indem er das, was der Vernunft heterogen und unvereinbar erscheint, in geheimnisvoller Fülle verschmilzt.

Erster Teil

A) Bekenntnis des Glaubens

6. Die östliche Tradition stellt die Gestalt und die Rolle der "Theotokos" in das organische Ganze des Heilsgeheimnisses und der Heilsgeschichte. Sie hebt nicht so sehr ein gesondertes Kapitel hervor, das die Verdienste und Privilegien der heiligen Jungfrau zusammenfasste und enthielte, vielmehr nimmt jene Überlieferung Bezug auf Maria und betrachtet ihr Geheimnis in einer Perspektive, die gleichzeitig christologisch (Erstlingsfrucht unter den Erlösten) und folglich anthropologisch (das neue Geschöpf), eschatologisch (der Prototyp der endzeitlichen Herrlichkeit der Heiligen) und ekklesiologisch (die neue Eva, Mutter der Lebendigen) ist und in ganz besonderer Weise pneumatologisch (das von Geist befruchtete Erdreich).

7. Maria wird vor allem in Beziehung zum trinitarischen Mysterium begriffen. In dieser Perspektive, die von dem unerschöpflichen Austausch und der unendlichen Lebensgemeinschaft zwischen den göttlichen Personen ausgeht, steht Maria

- zum Vater, dem Ursprung des trinitarischen Lebens und der Quelle der Gnade und der Herrlichkeit, in der Beziehung als Tochter und Braut;

- in einer zentralen Stellung im Hinblick auf das Heilsmysterium, das vom Sohn gewirkt wird: Ort des Austauschs zwischen Gottheit und Menschheit, "Werkstätte der Vereinigung der Naturen", bevorzugte Zeugin und diejenige, die am innigsten am österlichen Geheimnis des Leidens und der Verherrlichung Anteil hat;

- als Schrein des Geistes in voller, freier, bewusster und freudiger Annahme seines göttlichen Wirkens, welches in ihr das Geheimnis der makellosen Fleischwerdung des Wortes vollbringt.

8. Die Theotokos steht im übrigen ganz in der Gemeinschaft der Heiligen. Nie erscheint sie isoliert oder getrennt von der Versammlung der Erlösten, sondern - "blutsverwandt mit Gott" - erscheint sie immer als die Erste der Heiligen, in der Gott in überragender Weise seine Wunder kundgetan hat: aus reiner Gnade der Erwählung, die ihr zuvorkam, geheiligt, mit der wunderbaren und unerhörten Fruchtbarkeit, die daraus folgte, und mit der Macht ihrer liebevollen Fürsprache für die Brüder.

9. Maria, die in majestätischer und bezwingender Gestalt in den Sakralbauten vieler östlicher Traditionen an zentraler Stelle thront, ist der Ort der Begegnung zwischen Himmel und Erde. Sie hat den Vorrang einzigartiger Würde unter allen Freunden Gottes, den Aposteln, Märtyrern, Patriarchen, Propheten und Heiligen.

10. In Maria wird nicht nur die menschliche Wirklichkeit von der Gnade verklärt, sondern die materielle Schöpfung selbst wird in das Heilsgeheimnis eingeschlossen, da sie ja mit der Heilsökonomie verbunden wird, am Weg der Erlösung und der Herrlichkeit in Jesus, dem Herrn, teilnimmt, der im Schoß der Jungfrau die stoffliche Beschaffenheit angenommen und sie verwandelt hat, indem er sie "theophorisch", d. h. zur Gottesträgerin und daher fähig machte, sakramental zum Ort der Heilsübermittlung und in den liturgischen Lobpreis der Gläubigen aufgenommen zu werden.

11. Der Glaube, den der christliche Osten bekennt, fasst also in unauflöslicher Gnadeneinheit Gott, den Schöpfer, und die erschaffene Welt zusammen, die auf ihrer Pilgerschaft zum Heil ihren Brennpunkt in Christus und in Maria den Anfang der Verklärung findet, zu der sie in der Kirche berufen ist von der Liebe des Vaters in der wirkenden Macht des Geistes. Hier sei auf die kräftige Aufforderung der Enzyklika verwiesen: "Warum also nicht alle zusammen auf sie als unsere gemeinsame Mutter schauen, die für die Einheit der Gottesfamilie betet und die allen vorangeht an der Spitze des langen Zuges von Zeugen für den Glauben an den einen Herrn, der Sohn Gottes ist und durch den Heiligen Geist in ihrem jungfräulichen Schoß empfangen wurde?" (Redemptoris mater, Nr. 30).

B) Feier des Glaubens

12. Die Liturgie spielt im christlichen Osten eine absolut bevorzugte Rolle. Sie vermag die Gläubigen zu einer intensiven und sehr tiefen Teilnahme am Geheimnis zu erheben, ohne den vollen Einsatz der menschlichen Erfahrung davon zu trennen. Ja, sie verwandelt die Alltäglichkeit, indem sie die innerste Berufung zum Heil und zur Ewigkeit offenbart. Und so wird diese Berufung, weit davon entfernt, in Vergessenheit zu geraten, gestärkt und gefestigt. In der Liturgie offenbart das Geschaffene seine eucharistische Berufung, das Menschliche und das Göttliche durchdringen sich gegenseitig, die Kirche erkennt sich als Gemeinschaft, die zum Lobpreis in der Liebe zusammengerufen ist in der Teilnahme an der himmlischen Liturgie, die von den Engeln unaufhörlich vor dem Thron Gottes gefeiert wird.

13. Die Liturgie im Osten hat sich durch das weise Zusammenspiel aller Seiten des menschlichen Seins - wobei die Glaubenslehre zu Zauber, Bild, Duft und Farbe wird als echte Teilnahme an der von der Gnade verklärten Welt als unersetzlicher Ort für eine andauernde Katechese erwiesen, die im Symbol zugänglich und gleichsam erfahrbar wird. Gerade aufgrund dieser Eigenart des Gottesdienstes in der östlichen Tradition ist die Gestalt der heiligen Jungfrau, die in ihr einen Platz erstes Ranges einnimmt, in der Liturgie durch theologische Tiefe und hohe lyrische Erhabenheit ausgezeichnet, so dass es keines Ausgleichs oder keiner Integration bedarf.

14. Eine Rolle von erstrangiger Bedeutung spielt daher die Gegenwart Mariens in der Göttlichen Liturgie der Eucharistie. In dem Geheimnis, das die Glaubenden zu "Blutsverwandten" Christi macht, wie es die Theotokos ist, wird der Jungfrau im Glaubensbekenntnis gedacht als derjenigen, durch die Gott sich zu unserem Erlöser gemacht hat, und als bevorzugtes Glied der betenden Versammlung tritt sie unaufhörlich fürsprechend ein, damit die Anrufungen der Gläubigen Aufnahme finden. In besonderer Weise wird in den Anaphoren der Heilsereignisse gedacht, in denen Maria im Herzen der Geschichte und als Pforte des Himmels erscheint.

15. Die Gegenwart der heiligen Jungfrau ragt auch im liturgischen Jahr besonders hervor. Über die zahlreichen Feste hinaus, die ihre Größe verherrlichen, aber immer im Licht der Geheimnisse Christi, ist ihr Gedächtnis manchmal an einige Tage der Woche gebunden, die ihr besonders geweiht sind. Ferner darf die tägliche Erinnerung an die Muttergottes innerhalb der "Liturgie des Lobpreises" nicht unerwähnt bleiben. In ihr wird die Gestalt der ganz Heiligen wie zu einer Zusammenfassung der Wunder, die Gott zum Heil der Welt gewirkt hat, von den Vorbildern im Alten Bund an bis zur Fülle der Zeit und zur endzeitlichen Vollendung. Einen ganz besonderen Reichtum bieten auch die Laudes des göttlichen Offiziums, in denen die Gegenwart Mariens von größter Bedeutung ist, immer eng an die Geheimnisse ihres Herrn gebunden und tief verschmolzen mit dem Gedächtnis und der Anrufung der Heiligen, im Zusammenhang mit dem Geheimnis der Heiligsten Dreifaltigkeit und der ganzen Heilsgeschichte.

16. Einen ganz besonderen und angestammten Platz nimmt in nicht wenigen östlichen Überlieferungen die Ikone ein, auf der die Muttergottes unter verschiedenen Bedeutungen dargestellt ist. So hat auch der Heilige Vater in der Enzyklika Redemptoris mater bei diesem Aspekt verweilen wollen (Redemptoris mater, Nr. 33).

Das 7. Ökumenische Konzil von Nizäa (i. J. 787), dessen 1200-Jahr-Feier dieses Jahr begangen wird, bestätigte feierlich - gegen die Irrlehre der Bilderstürmer - die ganz und gar wirkliche, rettende und vergöttlichende Tatsache der Menschwerdung des Wortes Gottes, die sich in der Geschichte vollzog. Vorausverkündigt und vorausdeutend dargestellt im Alten Bund und voll offenbart im Neuen Bund, zeigt sie sich im Bild in gemalter Darstellung seiner göttlichen und menschgewordenen Person.

In der Ikone betrachtet deshalb die Kirche das Antlitz Christi, des Herrn und Allherrschers, der uns im Heilsgeheimnis seiner Passion und seiner Auferstehung das erhabene Antlitz der unteilbaren und wesensgleichen Dreifaltigkeit, Gott in drei Personen darbietet. Die Anbetung, die durch Christus zum Vater emporsteigt und sich im gleichen Akt an die drei göttlichen Personen wendet, wird augenscheinlich gemacht und sichtbar verkündet in seinem Bild, dessen Verehrung das göttliche Urbild erreicht.

In den Bilderzyklen der byzantinischen Ostkirchen nimmt das Bild der Theotokos, Thron Gottes, "größer als die Himmel", einen hervorragenden Platz in der Mitte der Apsiswölbung ein, genau an dem heiligen Ort, an dem die Kirche unaufhörlich fortfährt, das Gedächtnis des Heilsgeheimnisses in der Feier der eucharistischen Göttlichen Liturgie zu begehen: die Ikone der Theotokos ist in der Tat im besten Sinne des Wortes die Illustration der Wirklichkeit der Menschwerdung des Wortes und der unersetzbaren Rolle, die Maria in der Heilsökonomie ausübt, da sie den Herrn hervorbringt und ihn den Menschen schenkt.

17. In der Liturgie erkennen und erleben die Gläubigen des Ostens also in Unmittelbarkeit die Wunder wieder, die Gott in seiner Magd gewirkt hat. Sie betrachten sie als Heilsereignisse, in denen Maria und die Menschheit immer eng verbunden sind. Diese Integration der Gestalt Mariens in eine Liturgie, die Gedächtnis der ganzen Heilsökonomie ist, stellt ein Vorrecht von unendlichem Wert dar und ist in aufmerksamer Erwägung zu halten.

C) Das Leben des Glaubens

18. Die erlöste Menschheit findet auf jenem Weg, auf dem sie in demütigem und treuem Gehorsam Christus folgt und der durch seine äußerste Güte zur Vergöttlichung führt, in der Muttergottes einen sicheren Anhaltspunkt, sei es durch ihren eigenen geistlichen Weg, sei es durch ihre Anregung zu einem Leben der Liebe. Der christliche Osten bezeugt und verwirklicht einige Haltungen, die aus seiner Berufung herrühren, Hüter dessen zu sein, was die Überlieferung der geeinten Kirche durch die Väter und die Konzilien ausgesprochen hat. Das geistliche Leben des östlichen Christen schöpft vor allem aus seinem liturgischen Gebet, und dieses bringt im Ritus einige Konstanten zum Ausdruck, die die östliche Seele kennzeichnen und eindrucksvoll beschreiben.

19. Besonders gilt das vom steten Wahrnehmen der eigenen Sünde und der Solidarität mit der Schuld der Brüder. Dieses führt zum Aufruf zur Buße und zum vertrauensvollen und unaufhörlichen Gebetsruf um Erbarmen und Vergebung. Hier hat die Übung der Buße ihren Platz, die auch mit der Feier der großen marianischen Feste verbunden und oft nicht ohne Bezug auf die Gestalt der heiligen Jungfrau ist. Von Bedeutung ist auch in diesem Rahmen die Anrufung Marias als der Barmherzigen, ganz Heiligen. Sehr verbreitet ist in verschiedenen Traditionen der Brauch, den Namen Marias zusammen mit dem ihres Sohnes in kurzen Anrufungen zu wiederholen, bis diese sich mit dem Atem und dem Herzschlag verschmelzen.

20. Ein anderer besonders hervortretender Aspekt der östlichen Spiritualität ist jener der Kontemplation, die vom Geschaffenen ausgeht und sich zur Vereinigung mit der sich durch ihre göttlichen "Energien" mitteilenden heiligsten Dreifaltigkeit erhebt. Im christlichen Osten steht das Bewusstsein von Grenze und Schuld nicht im Gegensatz, vielmehr fördert es Gewissheit, mit Gott verbunden zu sein, und dies fördert ihrerseits die höchsten positiven Bestrebungen und die kühnsten Hoffnungen und treibt dazu an, den, der die Liebe ist, mit überströmender Freude zu verkünden. Maria ist es, die mit ihrem Loblied, dem Magnifikat - dem wunderbaren Siegeshymnus -, alle Generationen diese Kontemplation und diesen Lobpreis lehrt. Sie ist ihrerseits ein bevorzugter Ort, die "wunderbaren Taten Gottes" zu erwägen, und ein besonderer Beweggrund zum Dank an Gott, dem sie in Liebe verbunden ist. Daher kommt es, dass in der ganzen östlichen Hymnodie sich biblische Ausdrücke wie "Freue dich!", "Gesegnet bist du", "Selig bist du" wiederholen. Auch durch diese Erfahrungen der Kontemplation und eines Lobpreises, der sich an Maria richtet und durch sie zu Gott aufsteigt, dringt man "verehrend in das erhabene Geheimnis der Menschwerdung tiefer ein" (Lumen gentium, Nr. 65), in dieses Geheimnis, das der Höhepunkt der Werke Gottes ist, die Quelle jeder Gnade und erster Gegenstand der Eucharistie, der Danksagung des priesterlichen Volkes.

21. Eine dritte Weise der besonderen Gegenwart der Gottesmutter in der Spiritualität und im christlichen Leben des Ostens ist gegeben durch die Werke der Barmherzigkeit an den Ärmsten und Unglücklichsten. Hier offenbaren der Name und die Gegenwart der Theotokos eine ganz außergewöhnliche Kraft: Was im Namen Mariens von einem Bedürftigen erbeten wird, darf nicht verweigert werden.

22. Nicht nur in den monastischen Gemeinschaften, sondern im ganzen christlichen Volk - das vor allem im Osten immer stark vom Mönchtum beeinflusst war und das auf verschiedene Weise die höchsten und wesentlichsten Ideale des Mönchtums zu leben sucht - pflegt man seit altersher auf Maria als vollendetes Vorbild des asketischen und kontemplativen Lebens zu schauen, das seine Nahrung aus dem Schweigen, der Armut, der Demut und dem Gehorsam zieht, aus der heiligen Lesung und dem ausgedehnten Lobpreis Gottes, aus Nachtwachen und Fasten und unaufhörlichem Gebet.

Weiterhin ist die heilige Jungfrau - wie es auch aus dem Sinn der liturgischen Feier ihrer Darstellung im Tempel sichtbar wird - das Urbild und das inspirierende Vorbild des jungfräulichen gottgeweihten Lebens.

Zweiter Teil: Praktische Hinweise

23. Aufgrund der theologischen und geistlichen Erwägungen, die im Vorstehenden dargelegt wurden, möchte dieses Dikasterium nun einige Linien zur praktischen Verwirklichung aufzeigen, die dieses Marianische Jahr zu einem wahrhaft gnadenvollen Anlaß für die christlichen Ostkirchen machen können. Dieses wendet sich an die Gemeinschaften, die in voller Einheit mit der Kirche Roms stehen, möchte aber auch ein besonderes Gedenken voll Bewunderung und Dankbarkeit an die Ostkirchen richten, mit denen zusammen es auf dem Weg nach der Suche der vollen Einheit ist. Als treue Hüter der gemeinsamen Glaubensüberlieferung in der Lehre und im Leben, können die einen wie die anderen Kirchen in dieser heiligen Zeit einen Anlass sehen, immer mehr hoch zu schätzen und konkret auszuwerten, was in der gleichen Verehrung der Mutter Christi die gegenseitigen Bande der Brüderlichkeit festigen kann, denn vor allem vor ihr können wir sagen, dass wir uns "als wahre Brüder und Schwestern innerhalb jenes messianischen Volkes fühlen, das dazu berufen ist, eine einzige Gottesfamilie auf der Erde zu sein" (Redemptoris mater, Nr. 50).

24. Was den Gesichtspunkt "Bekenntnis des Glaubens" angeht, ist diese Kongregation der Meinung, es sollten konkrete Wege angegeben werden, aufgrund deren auf jede Weise eine Vertiefung des spezifischen östlichen Beitrags zur marianischen Theologie begünstigt werden kann.

Das wird in besonderer Weise der Beteiligung der theologischen Fakultäten, der Seminarien, der Noviziate und Studentate der Ordensinstitute fordern; es sollte aber auch in den einzelnen Diözesen und Pfarreien im Rahmen von Studienveranstaltungen und Katechese für Laien fruchtbar gemacht werden. Auf diesem Gebiet soll jede verlegerische Initiative, die einen wirksamen Beitrag leisten könnte, auf jede nur erdenkliche Weise ermutigt werden.

25. Was die Feier des Glaubens angeht, ist es von vorrangiger Bedeutung, dass die katholischen Ostkirchen aus dieser providentiellen Gelegenheit Nutzen ziehen, um die liturgischen Schätze wieder zu entdecken, welche in ihrer eigenen marianischen Frömmigkeit enthalten sind, indem sie diese im Licht der Treue gegenüber der Heiligen Schrift, der Feier des Mysteriums und der gemeinsamen Tradition prüfen, welche wir mit jenen Brüdern im Osten teilen, mit denen noch keine volle Gemeinschaft besteht. Es geht also darum, festzustellen, ob das einzigartige eigene Erbe, das zum liturgischen Gebet der spezifisch eigenen Tradition gehört, genügend ausgewertet wird, ehe man sich anderen Formen der Frömmigkeit zuwendet, die auch ehrwürdig, aber fremder Herkunft sind.

Das Marianische Jahr kann eine günstige Zeit sein, solche Feiern neu zu beleben und zu verbreiten und sie den Gläubigen in geeigneter Weise schätzenswert zu machen.

Es versteht sich, dass besondere Sorgfalt und großer Eifer auch darauf verwendet werden soll, die im liturgischen Kalender der einzelnen Kirchen vorgesehenen Marienfeste mit besonderer Feierlichkeit vorzubereiten und zu begehen.

Im Hinblick auf den meist sehr großen Zustrom von Gläubigen bei solchen Gelegenheiten wird gebührende Aufmerksamkeit darauf verwendet werden, alles so vorzusehen - und in besonderer Weise die Verkündigung und Erläuterung des Wortes Gottes -, dass diese Feste auch kostbare Gelegenheit für eine echte Katechese darstellen.

26. Es ist ratsam, auch die marianischen Heiligtümer, die es in den jeweiligen Gebieten gibt, wieder zu entdecken und zu versuchen, die tiefsten und am meisten zum christlichen Leben beitragenden Dimensionen der Pilgerfahrt in ihrer Realität als Opfer, als Ausdruck der Gemeinschaft und als unaufhörliches, demütiges und freudvolles Gebet zu beleben.

Es darf nicht vergessen werden, dass die Gläubigen bei solchen Gelegenheiten besonders dafür aufgeschlossen sind, die Botschaft des Evangeliums aufzunehmen, und dass sie sich lebhaft einbezogen fühlen in die geistliche Atmosphäre des Augenblicks und des Ortes.

Falls, wie es häufig im Osten vorkommt, das Heiligtum auch von der Frömmigkeit der Christen einer anderen Konfession oder selbst von Nichtchristen geschätzt wird, wird man es nicht versäumen, die katholischen Gläubigen auf die entsprechende Begegnung und Aufnahme vorzubereiten, indem man, wenn das Gotteshaus katholischen Gemeinden gehört, für die notwendigen Einrichtungen der Gastfreundschaft sorgt und keine Mühe unterlässt, um ein Klima tiefer und echter Brüderlichkeit zu schaffen.

27. Vom Gesichtspunkt der persönlichen und der Familienspiritualität aus wird es gut sein, das Lesen und Betrachten des Gotteswortes einzuschärfen, weil dieses eine Nahrung ist, auf die der Glaube nicht verzichten kann, und zugleich ein Beitrag zum Zusammenhalt der Familie. Es sollen jene Gebete, persönliche und gemeinsame, gelehrt und geübt werden, welche den Ruhm der östlichen Traditionen bildet. Angefangen von den ältesten bis zu den mehr ausgeformten, reich an Lehrgehalt und Poesie, und bis hin zu den einfachsten Stoßgebeten, die so sehr geeignet sind, das gewöhnliche Leben der Gläubigen zu begleiten. Wo es Brauch ist, soll die Verehrung der Marienikonen in den Häusern und an Orten der Begegnung betont und auch das Verständnis von deren reicher symbolischer Bedeutung auf jede Weise gefördert werden, indem man vor allem an jenes spontane Empfinden der Verbundenheit mit dem Mysterium appelliert, welches vielen Christen des Ostens eigen ist.

28. Im Namen Marias, der Jungfrau von der Fürsorge und der Barmherzigkeit, wird man weiterhin allen Eifer daransetzen, die Gastfreundschaft zu pflegen, die - in der Hl. Schrift mit solchem Nachdruck eingeschärft - im Osten noch immer so heilig gehalten wird und von so großer Bedeutung ist, um die Aufmerksamkeit gegenüber den Armen und dem Fremdling, dem Flüchtling und dem Pilger lebendig zu halten und ein wirklich brüderliches Zusammenleben zu fördern.

Die Gestalt der Theotokos wird den Söhnen und Töchtern des christlichen Ostens natürlich auch die Sorge für die Kranken, die Verlassenen, die Waisen ans Herz legen. Wenn nach einer notwendigen geistlichen Vorbereitung Initiativen zur Erleichterung von Leiden und Armut und zur Hälfte für die am Rand der Gesellschaft Lebenden gefördert werden, wird dies ein Mittel sein, um wirksam den dramatischen Situationen entgegenzutreten, welche aus vielfachen Gründen in so vielen Ostgebieten herrschen; auf diese Weise wird man auch begreiflich machen können, welch enges Band den Glauben des Christen mit dem konkreten Einsatz und mit dem Mühen der Bruderliebe verbindet. Maria wird sodann das ideale Vorbild sein, um der Reflexion über die Gestalt der Frau in der Gesellschaft und in der Kirche förderlich zu sein, damit überall deren Rechte geschützt und ihre unersetzlichen Beiträge aufgewertet werden: in ihr wird in der Tat sichtbar, zu welch wunderbaren Höhen Gott das Kleinsein erhoben hat und welche Herrlichkeit er der Demut vorbehalten hat, indem er ihr eine Heilssendung zu erfüllen gab, die an Weite und Größe keiner anderen gleichkommt.

29. Die hier aufgezählten Anregungen sind einfach als Hinweise anzusehen. Sie wollen eben, soweit möglich, die äußerst reiche und gegliederte Wirklichkeit der Kirchen des Ostens in ihrer Vielgestaltigkeit übersichtlich umreißen. Nun werden sie den einzelnen katholischen Ostkirchen anvertraut, damit sie von Seelsorgern und Gläubigen studiert werden und jeder Kirche die Maßnahmen eingeben, welche den verschiedenen Situationen entsprechen, in die die göttliche Vorsehung die einzelnen Kirchen gestellt hat.

Die Patriarchalsynoden, die Bischofskonferenzen der östlichen Regionen und die Hirten der ostkirchlichen Gemeinden, zerstreut in der Welt, werden somit dafür Sorge tragen, genauer zu bestimmen, welche der Tradition und den Gaben der einzelnen Kirchen entsprechende Initiativen sie glauben anregen zu sollen.

Kongregation für die Orientalischen Kirchen, Vatikanstadt, Pfingsten, 7. Juni 1987

Dr. Simon Kard. Lourdusamy,
Präfekt
Erzbischof Miroslav S. Marusyn,

Sekretär
Meine Werkzeuge