Edmund Husserl

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Edmund Husserl (* 8. April 1859 in Proßnitz, Mähren, † 27. April 1938 in Freiburg im Breisgau) war ein Philosoph und Mathematiker. Der Geburt nach Österreicher, erwarb Husserl 1896 die preußische Staatsangehörigkeit.

Husserl gilt als Begründer der Phänomenologie, mit deren Hilfe er die Philosophie als strenge Wissenschaft (Titel einer programmatischen Schrift von 1910/11) zu begründen suchte. Er ist einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts.

Er war Doktorvater von Dietrich von Hildebrand und von Edith Stein.

Die Bedeutung Edmund Husserls für die christliche Philosophie

Edith Stein begann ihr Philosophiestudium, weil sie als Atheistin die Wahrheit erkennen wollte und der Ansicht war, dass es in der Philosophie darum gehen sollte. Sehr bald merkte sie aber, dass die Philosophen an ihrer Universität keineswegs so sehr an der Wahrheit interessiert waren wie sie:

Wenn wir die Frage nach dem Sein als das Beherrschende sowohl im griechischen wie im mittelalterlichen Denken ansehen können, als das Unterscheidende aber, dass den Griechen diese Frage angesichts der natürlichen Gegebenheit der geschaffenen Welt aufging, dass sie sich aber den christlichen Denkern [...] erweitert durch die Übernatürliche Welt der Offenbarungstatsachen, so ist das von der Überlieferung gelöste neuzeitliche Denken dadurch gekennzeichnet, dass es anstelle der Seinsfrage die Erkenntnisfrage in den Mittepunkt stellte und die Verbindung mit dem Glauben und der Theologie wieder löste. [...] es führte zur Spaltung der Philosophie in zwei Heerlager, die getrennt marschierten, verschiedene Sprachen redeten und gar nicht mehr bemüht waren, einander zu verstehen: die moderne Philosophie und die katholische Schulphilosophie.“ (Stein, Edith: „Endliches und ewiges Sein“, ESW II; S. 5)

Während die katholische Philosophie also zum Stillstand kam und durch ihr Festhalten am Überlieferten von den modernen Philosophen belächelt wurde als „ein starres Begriffsystem, das als toter Besitz von Geschlecht zu Geschlecht weitergegeben wurde“, (Stein, Edith: „Endliches und ewiges Sein“, ESW II; S. 5) vergrub sich die moderne Philosophie immer mehr in das Problem, ob und wie wir überhaupt etwas erkennen können. Descartes hatte festgestellt, dass alle Erkenntnis unsicher und nur das eigene Bewusstsein und daher die eigene Existenz sicher sei („Ich denke, also bin ich“- cogito ergo sum).

Auch die Vernunftkritik des Immanuel Kant zweifelt an der Erkenntnisfähigkeit des Menschen, wenn auch nicht so konsequent wie Descartes. Für Kant bildet die Vernunft eine ständig vorgegebene, nicht abnehmbare „Brille“ zur Erfassung der Wirklichkeit. Daraus ergibt sich die kantische Skepsis: Das „Ding an sich“ bleibe unerkennbar, erkannt werde nur das „Ding für uns“ in der Wiedergabe unseres Bewusstseins. Bis zu einem gewissen Grad hält Kant an der Erkenntnisfähigkeit in der materiellen Welt fest, während man seiner Meinung nach über Übernatürliches nichts aussagen kann.

Geprägt durch diese zwei Denker war und ist die moderne Philosophie von Skeptizismus und Materialismus geprägt. Die Beschäftigung mit Dingen außerhalb des eigenen Ichs, außerhalb des eigenen Bewusstseins, hielt man für wenig sinnvoll, da man sich derer Existenz gar nicht sicher sein konnte. Die Hauptfrage seit Kant war: Wie erscheint etwas?

Das Verdienst von Edmund Husserl war es, einen Weg aufzuzeigen, wie man aus der Sackgasse der Erkenntnisphilosophie herausfinden und sich wieder den Dingen zuwenden konnte, ohne dabei Kant und Descartes zu negieren. Edith Stein erklärt das später so:

Schon Descartes [...] hat es gesehen: Wenn wir an allem zweifeln können, was natürliche Erfahrung und Wissenschaft lehren, so bleibt doch eins als unbezweifelbarer Rest bestehen: der Zweifel selbst. Und nicht nur der Zweifel, sondern auch die Wahrnehmung, deren Zuverlässigkeit angezweifelt wird, als Erlebnis des zweifelnden Subjekts, und so jedes Erlebnis überhaupt, die ganze Domäne des Bewusstseins. [...] Wenn wir einen Vogel im Flug wahrzunehmen meinen und bei näherem Zusehen bemerken, dass es sich um ein herabfallendes Blatt handelt, so ist unsere Wahrnehmung als Täuschung entlarvt. [...] Daß wir aber die Wahrnehmung eines fliegenden Vogels hatten, dieser Tatbestand ist unaufhebbar und kann durch keine neue Erfahrung angetastet werden. Und alles, was zu diesem ‚Phänomen’: Wahrnehmung des fliegenden Vogels gehört, kann beschrieben werden, und diese Beschreibung bleibt wahr, auch wenn die Wahrnehmung sich als trügerisch herausgestellt hat.“ (Stein, Edith: „Einführung in die Philosophie“, ESW XIII; S. 17f)

Jedes Wahrnehmungserlebnis ist also auf ein Objekt gerichtet, das man zu erkennen meint. Und um das Wahrnehmungsphänomen vollständig zu beschreiben, genügt es nicht, die Subjektseite, also die Wahrnehmung an sich, alleine zu beschreiben. Man muss auch das vermeintlich wahrgenommene Objekt mitbeschreiben. Die Hauptfrage der modernen Philosophie bleibt also unangetastet, nur die Betonung wird verändert: Wie erscheint etwas?

Es ergibt sich daraus, dass die ganze Gegenstandswelt, die uns durch die Ausschaltung der natürlichen Erfahrung zu entschwinden drohte, mit veränderten Vorzeichen in die phänomenologische Betrachtung einbezogen wird: nicht als seiende Welt, wie die natürliche Erfahrung sie ansetzt, sondern als Erlebniskorrelat. Wie es mit der Existenz der Welt steht, das lassen wir vorerst dahingestellt. Wir leugnen sie nicht, indem wir von der natürlichen Erfahrung keinen Gebrauch machen, wir üben nur Urteilsenthaltung. [...] Wir haben ein Feld absoluter Erkenntnis gesucht, und wir haben es gefunden: es ist das Gebiet der Phänomene, d. h. der reinen Erlebnisse mit allem, was dazugehört, und zu diesem Bereich der Phänomene gehört die Welt selbst.“ (Stein, Edith: „Einführung in die Philosophie“, ESW XIII; S. 19)

Für Husserl war die Phänomenologie eine strenge Wissenschaft, in der, aufbauend auf die Vernunft und die absolute Sicherheit der Phänomene, außerordentlich systematisch und zielgerichtet das Wesen der Dinge ergründet wurde. Darin erkannte auch die junge Studentin Edith Stein das ideale Denksystem, um bei ihrer Suche nach der Wahrheit voranzukommen. Im Kreis der Phänomenologen um Husserl herrschte eine große Offenheit für die Wirklichkeit und allen Problemstellungen ihr gegenüber. Husserl ermunterte seine Schüler, ohne Vorbehalte und ohne jedes Vorurteil jedes nur erdenkliche Phänomen zu untersuchen.

So ist es auch zu erklären, dass einige seiner Schüler und Weggefährten sich nicht nur religiösen Phänomenen zuwandten, da ja auch das Religiöse ein Phänomen ist, sondern auch ganz konkret über den Glauben nachdachten und schließlich sogar Gläubige wurden. Nicht nur Edith Stein fand vom Judentum über den Atheismus zur Katholischen Kirche. Schon vor ihr war Max Scheler, ebenfalls jüdischer Herkunft, Katholik geworden, trat aber 1922 wieder aus der Kirche aus. Dietrich von Hildebrand (später einer der wichtigsten Warner vor dem Nationalsozialismus) wurde vom agnostischen Protestanten zum Katholiken und verstand es, die Philosophie mit seinem Glauben zu verbinden. Das Ehepaar Reinach, wie Edith Stein jüdischer Herkunft, ließ sich protestantisch taufen, ebenso und Theodor Martius und Hedwig Conrad-Martius. Martin Heidegger hingegen näherte sich, von der Katholischen Kirche kommend, dem Protestantismus. Edmund Husserl war zwar selbst protestantisch getaufter Jude, stand dieser Entwicklung aber eher skeptisch gegenüber. Allerdings ließ sich später auch seine Witwe im Exil katholisch taufen.

Der spätere Papst Johannes Paul II lernte in seiner Studienzeit den polnischen Philosophen und Husserlschüler Roman Ingarden kennen, von dem er in seiner philosophieschen Entwicklung entscheidende Impulse erhielt. Die Lehre Johannes Pauls II über die menschliche Liebe wurde von einem andern Husserlschüler, Dietrich von Hildebrand, entscheidend vorbereitet. Von Edith Stein wiederum übernahm Johannes Paul II wesentliche Anregungen für seine Lehre über die Frau.

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