Ganzheitliche Pädagogik

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Pestalozzi Denkmal in Zürich

Ganzheitliche Pädagogik ist die Bezeichnung für ein handlungsorientiertes, integratives Lernkonzept. Es wurde im Rahmen einer Bewegung von Reformpädagogen entwickelt, deren Bestreben es war, die engen Grenzen der bisherigen Unterrichtskonzepte zu überwinden und den Lernvorgang durch vielfältige Herangehensweisen, die die Erfahrungsebenen von Gesichtssinn, Hörsinn und Tastsinn gleichermaßen berücksichtigen, zu erleichtern und effizienter zu gestalten.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Erste Ansätze für eine ganzheitliche Pädagogik finden sich in Johann Heinrich Pestalozzis (1746–1827) Idee der Elementarbildung, dem Lernen mit Kopf, Herz und Hand die er im Rahmen der damaligen Anschauungspädagogik entwickelte. Pestalozzi und sein Zeitgenosse Johann Friedrich Herbart (1776 - 1841) entwickelten neue Präsentationsformen des Lehrstoffes. Pestalozzis Kerngedanke war das Schrittweise Voranschreiten, ausgehend von elementaren Lerninhalten, die miteinander zu komplexeren Sachverhalten verknüpft wurden, ein Verfahren, dass er sowohl im sprachlichen, als auch im mathematischen Bereich anwandte und das sich als so erfolgreich erwies, dass amerikanische Pädagogen nach Europa reisten, um Pestalozzis Lernmodelle vor Ort zu studieren. Das ganzheitliche Lernen geht von der Reformpädagogik aus und betont neben den in der herkömmlichen Pädagogik vorherrschenden kognitiv-intellektuellen Aspekten auch körperliche sowie affektiv-emotionale Aspekte; das Lernen mit allen Sinnen, mit Verstand, Gemüt und Körper. Es bezieht die Schüler durch praktisches Handeln in Experimenten ein und macht so beispielsweise die Idee des Archimedes zur Feststellung des Goldgehaltes in der Krone des Heron durch Wasserverdrängung konkret nachvollziehbar.[1]

Das ganzheitliche pädagogische Modell ergänzt die zuvor präferierten handlungsorientierten, lernorientierten und prozessorientierten Konzepte. Die psychologisch fundierte experimentelle Didaktik hat ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert. Sie arbeitet mit den natürlichen Rhythmen von Anstrengung und Entspannung und legt Wert auf Motivation sowohl auf sprachlicher Ebene als auch durch nonverbale Interaktion. Wesentliches Merkmal der Reformpädagogik ist der tolerante Umgang der Lehrenden mit Fehlern. Ziel der ganzheitlichen Pädagogik ist das Gewinnen von Einsichten innerhalb des individuell zu gestaltenden Lernprozesses, während die herkömmliche Pädagogik vor allem den Lernfortschritt im Blick hatte und auf dem Auswendiglernen von Regeln bestand. Die ganzheitliche Pädagogik arbeitet eher mit Imitation und bezieht praktische Elemente ein. Sie ist daher besonders, aber nicht ausschließlich für den Unterricht in der vorpubertären Zeit als auch in lernschwachen Gruppen sowie in der musikbezogenen Arbeit geeignet. In der Heil- und Sonderpädagogik bezieht sich der Terminus Ganzheitlichkeit als Fachbegriff sowohl auf anthropologische, methodische als auch auf leistungsrechtliche Aspekte.[2]

Ganzheitliche Pädagogik orientiert sich an der individuellen Persönlichkeit der Lernenden. Zugleich berücksichtigt es die schulischen Gegebenheiten und den zu vermittelnden Stoff, der durch mehrdimensionale Ansätze anders, aber deshalb nicht weniger vollständig sondern vielmehr nachhaltig vermittelt wird.

Beispiel für das mehrdimensionale Lernen sind heute gängige Formen des projektorientierten, fächerübergreifenden Unterrichts.[3]

Maria Montessori

Maria Montessori auf einem 1000 Lire Schein

Maria Montessori (1870–1952) ientwickelte auf der Grundlage der Reformkonzepte der ganzheitlichen Pädagogik ein eigenes Lernkonzept, das von der individuellen Persönlichkeit der einzelnen Kinder ausgeht und die didaktischen Techniken dem Entwicklungsstand des jeweils zu fördernden Kindes anpasst. Das Motto der nach der 1870 in Italien geborenen Katholikin und promovierten Medizinerin genannten Pädagogik ist "Hilf mir, es selbst zu tun". Montessori wurde durch die Arbeit mit geistig behinderten Kinden auf die Idee der individuellen Förderung gebracht. Es hatte sich herausgestellt, dass die Kinder, mit denen sie arbeitete, nicht geistig unterentwickelt, sondern nicht ihrer Persönlichkeit entsprechen gefördert worden waren.

Maria Montessori verwendete streng genommen keine Methode, sondern unterrichtete Menschen entsprechend ihrer Begabung und ihrer Persönlichkeit. Mit der ganzheitlichen Pädagogik ist die Montessori-Pädagogik insofern verbunden, als sie sogenanntes Sinnesmaterial zur Verfügung stellt, das es ermöglicht, einen Lerngegenstand sowohl optisch als auch akustisch und haptisch wahrzunehmen. Damit konkretisiert sich in der Pädagogik erstmals der Ansatz, die Hierarchie der Sinne ernst zu nehmen, die besagt, dass jeder Mensch einen Sinn bevorzugt anwendet. Damit steht Montessori im Gegensatz zur derzeitigen Pädagogik, die eine Vielzahl optischer aber kaum haptische und nahezu keine akustischen Lernhilfen anbietet.[4]

Literatur

  • Günter Ammon: Der mehrdimensionale Mensch. Pinelverlag, Berlin 1995, 2. Auflage, ISBN 3-922-109-10-1.
  • Franz Michael Konrad: Geschichte der Schule. Von der Antike bis zur Gegenwart, Beck Wissen, München, 2007.
  • Winfried Böhm: Geschichte der Pädagogik. Von Platon bis zur Gegenwart, Beck Wissen, München, 2007.
  • Corinna Weber: Interdependenzen zwischen Emotion, Motivation und Kognition in Selbstregulierten Lernprozessen: Befähigung zum lebenslangen Lernen durch Mehrdimensionalität der Lehr-Lernkonzeptionen. Diplomica, Hamburg 2012, ISBN 978-3-8428-7317-9.

Anmerkungen

  1. Winfried Böhm: Geschichte der Pädagogik. Von Platon bis zur Gegenwart. München, 2007.
  2. Günter Ammon: Der mehrdimensionale Mensch. Berlin 1995.
  3. Corinna Weber: Interdependenzen zwischen Emotion, Motivation und Kognition in Selbstregulierten Lernprozessen: Befähigung zum lebenslangen Lernen durch Mehrdimensionalität der Lehr-Lernkonzeptionen. Hamburg 2012.
  4. Ingeborg Hedderich: Einführung in die Montessori-Pädagogik. Theoretische Grundlagen und praktische Anwendung. Reinhardt, München, 2005.
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