Graves de communi (Wortlaut)

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Enzyklika
Graves de communi

von Papst
Leo XIII.
an alle Ehrwürdigen Brüder, die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe der katholischen Welt,
welche in Gnade und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle stehen
über die Katholische Aktion und die christliche Demokratie
18. Januar 1901

(Offizieller lateinischer Text: ASS XXXIII [1900-1901] 385-396)

(Quelle : Die katholische Sozialdoktrin in ihrer geschichtlichen Entfaltung, Eine Sammlung päpstlicher (sozialer) Dokumente vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart, Originaltext mit Übersetzung, herausgegeben von Professor Dr. Arthur Utz OP und Dr. Birgitta Gräfin von Galen, Scientia humana Institut Aachen 1976, VI 32-53, S. 1050-1073, lateinischer und deutscher Text; Imprimatur Friburgi Helv., die 2 decembris 1975 Th. Perroud, V.G.; Die Nummerierung folgt der englischen Fassung; in Fraktur auch in: Sämtliche Rundschreiben, erlassen von Unserem Heiligsten Vater Leo XIII., Fünfte Sammlung, Herder´sche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau 1904; oder in: Leo XIII. - Lumen De Caelo. Erweiterte Ausgabe des "Leo XIII. der Lehrer der Welt". Praktische Ausgabe der wichtigsten Rundschreiben Leo XIII. und Pius XI., Herausgegeben von Carl Ulitzka, Päpstlicher Hausprälat, Ratibor 1934, S. 242-253, Mit kirchlicher Druckerlaubnis)

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Ehrwürdige Brüder,
Gruß und Apostolischen Segen !

Inhaltsverzeichnis

Einleitung: Die soziale Frage, die bisherigen Bemühungen des Papstes um ihre Lösung

1 Die ernsten Auseinandersetzungen über die soziale Frage, die in vielen Völkern seit langem die Geister entzweien, greifen täglich mehr um sich und werden so heftig, dass unvermeidlicherweise auch die erfahrenen Geister ratlos und mit Sorge erfüllt werden. Trügerische Ansichten, die sowohl im philosophischen Denken wie im praktischen Leben Anklang fanden, haben diese Auseinandersetzungen provoziert. Die neuen Hilfsmittel technischer Art, welche unser Zeitalter erfand, die Erleichterungen eines raschen Verkehrs, die Ersparnis an Arbeit und die Vermehrung des Gewinns durch Maschinen aller Art haben dann den Streit verschärft. Schließlich wussten aufwühlende Geister in schlechter Absicht, den Kampf zwischen den Begüterten und den Besitzlosen zu entfachen. Auf diese Weise haben sich die Verhältnisse so zugespitzt, dass die Staaten mehrfach unter Aufständen litten und sich von unheimlichen Verheerungen bedroht sehen.

2 Schon zu Beginn Unseres Pontifikates erkannten Wir die Gefahren, die der bürgerlichen Gesellschaft drohten, und Wir hielten es für Unsere Pflicht, die Katholiken öffentlich vor dem in den Lehrsätzen des Sozialismus versteckten schweren Irrtum und dem großen Unheil zu warnen, das dieser nicht nur den äußern Gütern des Lebens, sondern auch der Sittlichkeit und Religion bringt. Diesem Zwecke diente die Enzyklika Quod Apostolici muneris, die Wir am 28. Dezember 1878 veröffentlichten. - Als sich aber die Gefahren zum täglich wachsenden Schaden der Einzelnen und der Allgemeinheit mehrten, haben Wir wiederum und um so nachdrücklicher Uns bemüht, Vorsorge zu treffen. In dem Sendschreiben Rerum novarum vom 15. Mai 1891 haben Wir ausführlich über die Rechte und Pflichten gesprochen, auf Grund derer die beiden gesellschaftlichen Klassen, die Arbeitgeber und Arbeitnehmer, sich untereinander verständigen sollten. Zugleich haben Wir in den Geboten des Evangeliums die Heilmittel aufgezeigt, die Wir in erster Linie für dienlich erachten, die Sache der Gerechtigkeit und der Religion zu retten und jeglichen Streit zwischen den Klassen der Bevölkerung im Staate zu schlichten.

Die Früchte der päpstlichen Ermahnungen bei den Katholiken

3 In der Tat erwies sich Unser Vertrauen mit Gottes Hilfe als berechtigt. Haben doch selbst Nichtkatholiken der Wahrheit die Ehre gegeben und es als ein Verdienst der Kirche anerkannt, dass sie ihre Fürsorge allen Schichten und ganz besonders jenen zuwende, die sich in beklagenswerter Lage befinden. Und die Katholiken haben von Unseren Belehrungen reichliche Früchte geerntet. Denn sie wurden durch dieselben nicht nur zur Schaffung vortrefflicher Institutionen ermuntert und gestärkt, sondern empfingen auch jene willkommene Erleuchtung, der sie die zielsichere und erfolgreiche wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Fragenkomplex verdanken. Dies führte unter ihnen teilweise bereits zur Beilegung von Meinungsverschiedenheiten, teilweise zur Milderung der Auseinandersetzungen. Der praktische Erfolg aber zeigte sich in der planmäßigen Gründung neuer und im nützlichen Ausbau zahlreicher bestehender Wohlfahrtseinrichtungen zum Vorteile der Besitzlosen zumal an Orten, wo deren Lebensbedingungen besonders schlecht waren. Zu diesen Einrichtungen gehören z. B. die so genannten Volkssekretariate zum Zweck der Beratung und Rechtshilfe, die ländlichen Darlehenskassen, Genossenschaften zur gegenseitigen Unterstützung und zur Hilfe in Notlagen, die Arbeitervereine und andere derartige Genossenschaften und Einrichtungen zur Förderung der Arbeiterschichten.

Die Bewegung der "Christlichen Demokratie"

4 So begannen also die Katholiken unter der Leitung der Kirche, sich zu gemeinsamem Vorgehen zu verbinden und Institutionen zu gründen zum Schutz der sowohl von Ausbeutung und Risiken wie auch von Not und Mühsalen bedrängten Volksschicht. Diese Maßnahmen für die Wohlfahrt des Volkes pflegten anfangs keine eigene und unterscheidende Bezeichnung zu tragen. Der Name "Christlicher Sozialismus", den manche einführten, wie auch die von ihm abgeleiteten Benennungen sind zurecht wieder aufgegeben worden. Darauf fand die verschiedentlich gebrauchte Bezeichnung "Christliche Bewegung für Volkswohlfahrt" mit Recht Anklang. In manchen Gegenden heißen die Vertreter dieser Bestrebung "Christlich-Soziale"; andern Orts nennt man die Bewegung sogar "Christliche Demokratie" und ihre Anhänger "Christliche Demokraten" im Gegensatz zur Sozialdemokratie, für die die Sozialisten eintreten. - Von diesen beiden letztgenannten Bezeichnungen hat nun aber, wenn auch nicht so sehr die erstere, "christlich-sozial", so jedenfalls die letztere, "Christliche Demokratie" bei gutgesinnten Leuten mehrfach Anstoß erregt, da sie ihnen einen zweideutigen und gefährlichen Beigeschmack zu haben scheint. Aus mehr als einem Grunde befürchten sie, dass unter dieser Benennung das Bestreben nach der Volksherrschaft im Staat heimlich gefördert oder der Volksherrschaft der Vorzug vor den andern politischen Formen gegeben würde; dass ferner die Wirksamkeit der christlichen Religion auf die Förderung des niederen Volkes unter Hintansetzung der anderen Volksschichten eingeschränkt scheinen möchte, ja dass schließlich unter der Maske dieser Bezeichnung sich etwa der Plan verbergen könnte, jegliche rechtmäßige Autorität, die bürgerliche wie die kirchliche, zu schwächen. - Da die öffentlich geführte Diskussion dieser Angelegenheit schon zu weite Verbreitung gefunden hat und zuweilen leidenschaftlich geführt wird, drängt Uns das Bewusstsein Unserer Pflicht, mäßigend auf die Erörterung der strittigen Frage einzuwirken, indem Wir bestimmen, was die Katholiken davon zu halten haben; außerdem beabsichtigen Wir, einige Anweisungen zu geben, welche ihre Bewegung zu größerer Ausbreitung führen und zu viel größerem Heile für den Staat wenden soll.

I. Der Begriff "Christliche Demokratie"

Der Unterschied zwischen "Sozialdemokratie" und "Christliche Demokratie"

5 Was die Sozialdemokratie will, und was die christliche Demokratie wollen muss, darüber kann keinerlei Zweifel bestehen. Die erste von beiden wird, mag man das mehr oder weniger überbetont zum Ausdruck bringen, von vielen in Umkehrung der Werte so weit getrieben, dass über dem Menschlichen nichts Höheres anerkannt wird, die materiellen Güter des Lebens in der Weise als Ziel gelten, dass ihr Erwerb und Genuß als das Glück des Menschen betrachtet wird. Daher möchte man die Regierungsgewalt im Staate bei der großen Masse wissen, so dass unter Aufhebung aller sozialen Unterschiede und bei Gleichheit aller Bürger auch die Gleichheit des Besitzes durchgeführt werde. Deshalb soll das Eigentumsrecht abgeschafft werden, und was ein jeder an Gütern besitzt mit Einschluss der Produktionsgüter, soll in Gemeingut übergehen.

6 Die Christliche Demokratie hingegen muss sich, schon weil sie christlich heißt, auf die vom göttlichen Glauben gegebenen Grundsätze als auf ihr Fundament stützen. Auf dieser Grundlage muss sie für das Wohl der untersten Schichten so besorgt sein, dass sie die Vervollkommnung des auf das Ewige hin geschaffenen Geistes im Auge behält. Darum darf ihr nichts heiliger sein als die Gerechtigkeit; das Erwerbsund Besitzrecht muss sie für unantastbar erklären; sie muss die Vielfalt sozialer Stufen aufrecht erhalten, die für ein geordnetes Staatswesen natürlich ist; für das gesellschaftliche Leben der Menschen endlich soll sie jene Form und Beschaffenheit anstreben, die der göttlichen Sinngebung entspricht. So ist es klar, dass die Sozialdemokratie und die Christliche Demokratie nichts miteinander gemein haben; denn sie sind voneinander ebenso sehr verschieden wie die sozialistische Lehre und das Bekenntnis zum christlichen Gesetz.

Der rein soziale Charakter der "Christlichen Demokratie"

7 Vollends soll vermieden werden, dem Namen "Christliche Demokratie" einen politischen Sinn beizumischen. Das Wort "Demokratie" bedeutet allerdings etymologisch und im philosophischen Sprachgebrauch Volksherrschaft. Im vorliegenden Fall ist es jedoch so zu verstehen, dass jede politische Vorstellung ausgeschlossen ist und es nichts anderes bezeichnet als eben die helfende christliche Bewegung für die Volkswohlfahrt. Denn die Gebote des Naturgesetzes und des Evangeliums müssen von jeder Form staatlicher Verfassung unabhängig sein, weil ihr Rechtscharakter über die Wechselfälle des menschlichen Lebens erhaben ist; aber sie müssen auch mit jeder Staatsform vereinbar sein, soweit diese nicht der Sittlichkeit und Gerechtigkeit widerstreitet. Sie sind und bleiben jenseits des Treibens der Parteien und der wechselnden Ereignisse, so dass die Bürger unter jeder Staatsverfassung sich an diese Gebote halten können und müssen, die ihnen Gott über alles und den Nächsten wie sich selbst zu lieben befehlen. Das war von jeher der Grundsatz der Kirche. Nach ihm haben die römischen Päpste stets mit allen Staaten ohne Unterschied der Regierungsform verhandelt. Demgemäß kann auch der Katholik bei seinen Bemühungen für das Wohl der Besitzlosen seine Absicht und sein Handeln nicht darauf ausrichten, eine bestimmte Staatsform einer andern vorzuziehen und ihr zum Durchbruch zu verhelfen.

Die Christliche Demokratie und die klassenlose Gesellschaft

8 In der gleichen Weise muss sich die Christliche Demokratie gegenüber einer anderen Kritik abdecken, nämlich gegenüber dem Vorwurf, sie verwende für das Wohl der niederen Schichten eine solche Sorgfalt, dass die höhern Stände vernachlässigt erscheinen; sind doch die Leistungen dieser letzteren für die Erhaltung und Vervollkommnung des Staatswesens von nicht geringerer Bedeutung. Diesem Fehler beugt, wie schon gesagt, das christliche Gesetz der Liebe vor. Es umfasst alle Menschen aller Schichten als die Glieder einer und derselben Familie, als Söhne desselben gütigen Vaters, von demselben Erlöser erkauft und zu derselben ewigen Erbschaft berufen. Man gedenke nur der Lehre und Mahnung des Apostels: "Ein Leib und ein Geist, sowie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung, die dem Rufe entspricht. Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der da ist über alle und durch alles und in uns allen" (Eph 4, 4-6) Wegen der natürlichen Einheit der niederen Schichten mit den übrigen, die durch die christliche Brüderlichkeit noch verstärkt wird, übt alle Sorgfalt, die auf die Hebung der niederen Schicht verwandt wird, notwendigerweise auch einen Einfluss auf die andern aus, dies um so mehr, als diese zur Erreichung eines guten Erfolges zur Mitarbeit an dem Werke heranzuziehen sind, wovon Wir unten sprechen werden.

Die Christliche Demokratie und die Pflicht der Unterordnung

9 Ebenso möge niemand dem Namen "Christliche Demokratie" die Absicht unterschieben, das joch jeden Gehorsams abzuwerfen und die gesetzmäßige Obrigkeit beiseite zu schieben. Wie das Naturgesetz, so verlangt das christliche Gesetz jenen Respekt vor den Autoritätsträgern des Staates, der ihrem Rang entspricht, und ebenso Gehorsam gegenüber ihren gerechten Befehlen. Und soll die Erfüllung dieser Pflicht eines Menschen und Christen würdig sein, so muss sie aus innerem Pflichtgefühl kommen, das heißt aus dem Gewissen, gemäß der Mahnung des Apostels: ,Jeder unterwerfe sich der obrigkeitlichen Gewalt." (Röm 13, 1.5) Es würde aber dem Bekenntnis zum christlichen Leben völlig widersprechen, wenn jemand den unterwürfigen Gehorsam gegen jene verweigern wollte, die in der Kirche als Träger der Gewalt einen höheren Rang einnehmen, vor allem gegen die Bischöfe, die der Heilige Geist, unbeschadet der Machtvollkommenheit des römischen Papstes über die Gesamtkirche, "dazu eingesetzt hat, die Kirche Gottes zu regieren, die er mit seinem Blute erkauft hat" (Apg 20, 28). Wer anders denkt oder handelt, liefert den klaren Beweis, dass er das strenge Gebot desselben Apostels vergessen hat: "Gehorchet euren Vorstehern und seid ihnen untertan; denn sie wachen über eure Seelen als solche, die Rechenschaft ablegen werden" (Hebr 13, 17). Diese bedeutsamen Worte sollten alle Gläubigen tief in die Seele einprägen und sie zur Richtschnur im gesamten praktischen Leben machen. Die Diener des Heiligtums sollten sie gleichfalls auf das sorgfältigste erwägen und nicht nur mit Ermahnungen, sondern vor allem durch ihr Beispiel die andern davon zu überzeugen suchen.

Zusammenfassende Würdigung des echten Verständnisses der "Christlichen Demokratie"

10 Damit haben Wir in großen Zügen das besprochen, was Wir früher schon gelegentlich im einzelnen behandelt haben. Wir hoffen, es sei nun jegliche Meinungsverschiedenheit bezüglich des Namens "Christliche Demokratie" ausgeräumt und auch jede Gefahr ausgeschlossen, die sich in dem so benannten Sachverhalt verbergen könnte. Und Wir hoffen dies gewiss mit Recht. Denn nachdem nun die verschiedentlich vertretenen Übertreibungen und Irrtümer bezüglich Einfluss und Bedeutung der Christlichen Demokratie zurückgewiesen sind, wird nun sicherlich niemand mehr eine Bewegung tadeln wollen, deren einziges Ziel im Anschluss an das natürliche und göttliche Gesetz darin besteht, jenen, welche mit ihrer Hände Arbeit den Lebensunterhalt verdienen, erträglichere Lebensbedingungen zu verschaffen und sie allmählich in den Stand zu setzen, für sich selbst zu sorgen; ihnen die Möglichkeit zu bieten, im häuslichen und öffentlichen Leben den sittlichen und religiösen Pflichten ungehindert nachzukommen; in ihnen das Bewusstsein zu hegen, dass sie nicht Tiere, sondern Menschen, nicht Heiden, sondern Christen sind, und so ihnen das Streben nach jenem einen und notwendigen, dem höchsten Gut, für das wir geboren sind, zu erleichtern und sie in diesem Eifer zu unterstützen. Das ist also das Ziel, das ist das Werk jener, welche das Volk im christlichen Geiste zeitgemäß gehoben und von dem Verderben des Sozialismus bewahrt wissen wollen.

II. Würdigung der Sozialarbeit

Die soziale Frage als sittlich-religiöses Problem

11 Mit Absicht haben Wir soeben auf die sittlichen und religiösen Pflichten hingewiesen. Denn es herrscht da und dort die Meinung, und sie ist auch ins Volk hinaus gedrungen, dass die soziale Frage nur eine wirtschaftliche Frage sei, während es doch unzweifelhaft wahr ist, dass in ihr in erster Linie eine sittliche und religiöse Frage vorliegt, die demgemäß hauptsächlich nach dem Sittengesetz und von der Religion aus entschieden werden muss. Denn mag der Lohn der Arbeitnehmer sich verdoppeln, mag man die Arbeitszeit verkürzen, mögen auch die Lebensmittel billig sein, so werden dennoch Arbeitseifer und Verdienst des Arbeiters zerrinnen, wenn er, wie es zu geschehen pflegt, den Lehren und Beispielen folgt, die dazu verführen, die Gottesfurcht aus der Seele zu bannen und ein unsittliches Leben zu führen.

12 Versuche und Beobachtungen haben dargetan, dass auch bei kürzerer Arbeitszeit und reichlicherem Lohne die Mehrzahl der Arbeiter doch in elenden und beschränkten Verhältnissen lebt, weil sie sich sittlichen Verirrungen hingeben und ohne religiöse Betätigung dahinleben. Nimm den Seelen die Gesinnung, welche die christliche Weisheit einpflanzt und nährt, nimm den Sinn für Vorsorge, Bescheidenheit, Sparsamkeit, Ausdauer und die übrigen guten, unserer Natur entsprechenden Angewohnheiten, und du wirst trotz größter Anstrengungen umsonst versuchen, sie zum Glücke zu führen. Das ist der wahre Grund, weshalb Wir niemals katholische Männer zur Gründung von Wohltätigkeitsvereinen und ähnlichen Institutionen ermahnt haben, ohne zugleich zu fordern, dass dies unter Leitung der Religion, unter ihrer Mitwirkung und in Verbindung mit ihr geschehe.

Lob der christlichen Liebe

13 Dieser entschlossenen Initiative der Katholiken zum Wohl der Besitzlosen muss um so höheres Lob gespendet werden, als sie sich auf dem gleichen Felde entfaltet, auf dem die christliche Nächstenliebe vom gütigen Geist der Kirche entfacht, den jeweiligen Zeitverhältnissen entsprechend sich mit Eifer betätigte und auch erfolgreich bewährte. Das Gesetz der gegenseitigen Liebe, welches gemeinsam die Vollendung des Gesetzes der Gerechtigkeit ist, befiehlt uns, nicht nur jedem das Seine zu geben und niemand an der Ausübung seiner Rechte zu hindern, sondern auch "nicht nur mit Wort und Zunge, sondern in Tat und Wahrheit" (1 Joh 3,18) einander zu helfen, eingedenk der Worte, die Christus so liebevoll an die Seinen gerichtet hat: "Ein neues Gebot gebe ich euch: ihr sollt einander lieben, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander liebt. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe habt gegeneinander" (Joh 13, 34-35). Wenn dieser Eifer in der Nächstenliebe sich in erster Linie auf das unvergängliche Gut der Seele richten soll, so darf er doch keineswegs außer acht lassen, was für dieses Leben nötig und förderlich ist.

14 In diesem Zusammenhang verdient Beachtung die Antwort Christi auf die Frage der Jünger des Täufers: "Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?" Den Grund seiner Sendung, die ihm unter den Menschen zugedacht war, nahm Christus aus dem Bereich der Liebe, indem er sich auf die Worte Isaias berief: "Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf, Armen wird das Evangelium gepredigt." (Mt 11, 5). Ferner hat Christus, als er vom Jüngsten Gericht und den Belohnungen und Strafen sprach, diedort bestimmt werden, erklärt, dass er dabei ganz besonders in Betracht ziehen werde, wie die Menschen einander Liebe erwiesen haben. Und man ist überrascht davon, dass Christus in dieser Rede die geistlichen Werke der Barmherzigkeit stillschweigend übergeht und nur die leiblichen Werke derselben erwähnt, die er als ihm selbst erwiesen betrachtet: "Ich war hungrig, und ihr habt mich gespeist; ich war durstig, und ihr habt mich getränkt; ich war ein Fremdling, und ihr habt mich beherbergt; ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen" (Mt 25, 35-36).

15 Diese Forderungen der Liebe, die in den doppelten Werken der leiblichen und seelischen Wohltätigkeit sich bewähren soll, hat Christus, wie alle wissen, mit seinem persönlichen Beispiel in eindringlicher Weise bekräftigt. Mit innerer Rührung erinnert man sich hier seiner aus väterlichem Herzen kommenden Worte: "Mich erbarmt des Volkes" (Mk 8, 2) und jener diesen Worten entsprechenden Offenbarung seines Willens, zu helfen selbst durch Wundermacht. Sein Erbarmen wird in den Worten gepriesen: "Er ist umhergezogen und hat Gutes getan und alle geheilt, die vom Teufel überwältigt waren" (Apg 10, 38). - Das Gebot der Liebe haben zuerst die Apostel von ihm empfangen und es gewissenhaft und unverdrossen erfüllt. In der Folgezeit haben jene, die den christlichen Glauben annahmen, viele und mannigfaltige Einrichtungen ins Leben gerufen, um den Menschen Linderung in den Bedrängnissen und Leiden des Lebens zu schaffen. Diese Einrichtungen, die stetig ausgedehnt und vervollkommnet wurden, bilden den eigenen, hervorragenden Ruhm des Christentums und der von ihm ausgegangenen Gesinnung echter Menschlichkeit. Urteilsfähige Menschen können sie nicht genug bewundern, mit Recht, da es doch sonst eine so gewöhnliche Erscheinung ist, dass jeder auf seinen eigenen Vorteil achtet und den anderer hintansetzt.

Der bleibende Wert des Almosens

16 Aus der Reihe dieser Werke des Wohltuns darf man auch die kleinen Geldspenden in Form des Almosens nicht streichen. Auf dieses bezieht sich das Wort Christi: "Von dem, was euch übrig ist, gebt Almosen" (Lk 11, 41). Die Sozialisten tadeln dasselbe freilich und möchten es abgeschafft wissen, denn es sei der natürlichen Würde des Menschen abträglich. Wo jedoch das Almosen nach der Vorschrift des Evangeliums (Mt 6,2-4) und in christlicher Art gegeben wird, wird es weder den Stolz des Gebers nähren, noch den Empfängern zur Beschämung gereichen. Weit entfernt etwas für den Menschen Ungeziemendes zu sein, fördert es vielmehr die gesellschaftliche Verbindung unter den Menschen, indem es die auf gegenseitiger Verpflichtung ruhenden Beziehungen fördert. Es ist ja kein Mensch so reich, dass er nicht der Hilfe eines andern bedürfte, und niemand ist so arm, dass er sich seinen Mitmenschen nicht irgendwie nützlich machen könnte. Vertrauensvoll beieinander Hilfe zu suchen und gutwillig sie zu leisten, ist dem Menschen natürlich. -So halten Gerechtigkeit und Liebe, innig verbunden auf dem Boden des wohlabgewogenen und milden Rechts Christi, das Gefüge der menschlichen Gesellschaft wunderbar zusammen und leiten jedes Glied weise zum Besten des Einzelnen und der Allgemeinheit.

Die Bedeutung der sozialen Institutionen

17 Gleiches Lob verdient die Nächstenliebe dafür, dass sie sich nicht auf gelegentliche Unterstützung des notleidenden Volkes beschränkt, sondern für ständige Einrichtungen zu seinem Schutze gesorgt hat. Um so sicherer und wirksamer wird sie dadurch für die Notleidenden tätig sein. Noch mehr muss die Absicht, die Handwerker und Lohnarbeiter zur Sparsamkeit und Sorge für die Zukunft anzuleiten und sie allmählich in den Stand zu setzen, wenigstens teilweise für sich selber zu sorgen, mit Lob bedacht werden. Ein solches Vorgehen erhöht nicht nur die Wirksamkeit der Begüterten zum Segen der Besitzlosen, sondern ehrt auch diese selber. Indem man diese anregt, sich selbst bessere Lebensbedingungen zu schaffen, schützt man sie gegen Risiken, unterwirft ihre Begierden der Maßhaltung und gewinnt sie für die Übung der Tugend. Der vielfältige Segen und die Ausrichtung auf die Bedürfnisse der Zeit machen dieses Vorgehen zum geeigneten Mittel gutgesinnter Menschen, der dienstbeflissenen und besonnenen Nächstenliebe Ausdruck zu verleihen.

18 Die Bestrebungen der Katholiken zur Linderung und Hebung der Lage der niederen Volksschicht stehen also mit dem Geiste der Kirche durchaus im Einklang und entsprechen aufs beste dem Beispiel, das die Kirche zu allen Zeiten gegeben hat. Das darf nicht bezweifelt werden. Ob nun die Veranstaltungen zur Erreichung dieses Zieles mit dem Namen "christliche Bewegung für Volkswohlfahrt" bezeichnet werden oder mit dem Namen "Christliche Demokratie", darauf kommt es wenig an, wenn nur die von Uns gegebenen Belehrungen ohne Ausnahme in schuldigem Gehorsam beachtet werden. Dagegen liegt sehr viel daran, dass die Katholiken in einer so bedeutungsvollen Angelegenheit einig sind in der Zielsetzung und in der Ausführung. Nicht minder wichtig ist es, die Bewegung zu erweitern und zu vertiefen durch Vermehrung der engagierten Persönlichkeiten und auch der materiellen Hilfsmittel.

19 Man wird sich besonders um die wohlwollende Mitwirkung derer bemühen, die durch ihre Stellung, ihr Vermögen, ihr Wissen und ihren Charakter größeres Ansehen in der Gesellschaft genießen. Fehlt die Unterstützung dieser Kreise, so wird sich kaum etwas erreichen lassen, was für die angestrebte Hebung der Volkswohlfahrt von Wert ist. Um so kürzer und sicherer wird der Weg zu diesem Ziel sein, je opferwilliger und zahlreicher die angeseheneren Bürger mitwirken. Dabei mögen sie bedenken, dass es nicht in ihrem Belieben steht, sich um das Los der unteren Schichten zu kümmern, dass dies vielmehr ihre Pflicht ist. Denn niemand lebt im Staate nur seinem eigenen Vorteil, sondern auch für das Gesamtwohl. Wenn die einen ihren Teil zur Verwirklichung der allgemeinen Wohlfahrt nicht leisten können, dann müssen die andern, denen das möglich ist, dies durch reichlichere Leistungen ersetzen. Wie schwerwiegend diese Pflicht ist, lässt sich ablesen am Wert und Umfang der Güter, die einer empfangen hat. Dementsprechend wächst die Pflicht zur Rechenschaft vor Gott, dem höchsten Geber. Auch die Gefahr, dass das Böse, entsprechend seiner natürlichen Tendenz sich ausbreitet, muss das Pflichtbewusstsein wachrufen. Wenn nicht zur rechten Zeit Abhilfe geschaffen wird, sind auch die anderen Stände vor Verheerungen nicht mehr sicher. Wer es also versäumt, sich um das Notleidende Volk anzunehmen, versündigt sich durch seinen Leichtsinn an sich selbst und am Staat.

20 Der Aufschwung und die Verbreitung dieser im christlichen Sinne verstandenen sozialen Bewegung wird keineswegs dazu führen, dass die übrigen Institutionen, die der religiöse Sinn und die Fürsorge der Vorfahren ins Leben gerufen und zur Blüte gebracht haben, verdorren oder von den neuen Einrichtungen gleichsam aufgesogen werden und verschwinden. Diese wie jene verdanken ihre Entstehung dem gleichen Geist der Religion und der Nächstenliebe, auch besteht bezüglich ihres Gegenstandes kein Widerspruch, folglich können sie bequem nebeneinander bestehen und, passend aufeinander abgestimmt werden, dass den täglich wachsenden schweren Nöten und Gefahren der niederen Volksschichten durch vereinte Kräfte um so rascher gewehrt werden kann.

21 Die herrschenden Zustände rufen wahrhaftig laut genug nach unternehmenden Geistern und Einigung der Kräfte. Allzu groß ist fürwahr das Feld des Elendes, das sich vor unsern Augen auftut. Und das furchtbare Verhängnis verderblichen Umsturzes ist unter dem wachsenden Einfluss besonders der Sozialisten bedrohlich nahe. Auf schlaue Weise verstehen sie es, zu Einfluss im öffentlichen Leben zu gelangen. Im Dunkel verborgener Versammlungen und im Lichte der Öffentlichkeit, bald durch Wort, bald durch Schrift reizen sie die Massen zur Empörung auf. Die religiöse Lebensweise weisen sie verächtlich von sich, von den Pflichten reden sie nicht, nur die Rechte werden betont. Täglich wachsen die Scharen der Verführten aus der ärmeren Klasse, die in ihrer Bedrängnis sich leichter betrügen lassen und in den Irrtum fortgerissen werden. - Staat und Religion sind gleichmäßig in Gefahr. Alle Gutgesinnten müssen es als ihre heilige Pflicht betrachten, beide in ihrer Ehre zu schützen.

22 Soll diese Übereinstimmung der Bestrebungen in erwünschter Weise zustande kommen, so gilt es auch, strittige Fragen, deren Erörterung zu Verstimmung und Zwietracht führt, ruhen zu lassen. Man möge darum in Tagesblättern und Volksversammlungen schweigen von jenen spitzfindigen und praktisch fast nutzlosen Fragen, deren Behandlung schon nicht leicht und deren Verständnis besondere entsprechende geistige Durchbildung und mehr als gewöhnliche Kenntnisse voraussetzt. Zweifel und Meinungsverschiedenheit sind nun einmal in so vielen Dingen menschliche Erscheinungen. Männer, die aufrichtig die Wahrheit suchen, mögen mit verständiger Gelassenheit und gegenseitiger Achtung noch strittige Fragen erörtern, damit die zwiespältigen Meinungen nicht auch zum Zwiespalt im Handeln führen. Wofür immer man sich in einer diskutablen Frage gerne entscheiden möchte, stets möge man innerlich bereit sein, gewissenhaft auf den Ausspruch des Apostolischen Stuhles zu hören.

Zentrale Organisation der katholischen Aktion

23 Dieses Unternehmen der Katholiken wird, in welcher seiner möglichen Formen es auch immer ausgestaltet werden mag, um so größeren Erfolg erzielen, wenn alle katholischen Vereine unbeschadet der besondern Satzungen eines jeden sich in ihrer Aktion einer einheitlichen und obersten Leitung unterstellen und ihrer Anregung folgen. In Hinsicht auf die Aufgaben, die Wir in Italien ihnen stellen, dürfte dies jene Institution sein, die von den katholischen Kongressen und Versammlungen und auch häufig von Uns lobend anerkannt wurde und der Unser Vorgänger und Wir selbst die Führung der gemeinsamen katholischen Aktion in Unterordnung unter die Weisung und Leitung der Bischöfe zugeteilt haben. Dasselbe möge bei den übrigen Völkern geschehen, wenn eine solche besondere Vereinigung besteht, der diese Aufgabe von zuständiger Autorität übertragen worden ist.

Die geistige Führung der katholischen Aktion durch den Klerus

24 Den Dienern des Heiligtums fällt sodann bei dieser ganzen Angelegenheit, die mit den Interessen der Kirche und des christlichen Volkes so eng verknüpft ist, eine offensichtlich wichtige Aufgabe zu, die zudem ein vielseitiges Bemühen um Wissenschaft, praktische Lebenserfahrung und Übung in der Nächtenliebe erfordert. Mehr als einmal haben Wir bei Ansprachen an den Klerus es für gut befunden, zu sagen, wie zweckmäßig es bei den heutigen Verhältnissen sei, wenn er unter das Volk gehe und dort Gutes tue. Noch öfter haben Wir in Schreiben an die Bischöfe und andere Angehörige des geistlichen Standes, auch noch in einem Schreiben der letzten Jahre (An den Generalminister des Minoritenordens, 25. November 1888), diese liebevolle Fürsorge für das Volk lobend anerkannt und sie als eine standesgemäße Tätigkeit des Welt- und Ordensklerus bezeichnet. Jedoch muss dieser bei der Erfüllung dieser Aufgaben vorsichtig und klug zu Werke gehen und sich an das Vorbild der Heiligen halten. Der arme und demütige Franziskus von Assisi, Vinzenz von Paul, der Vater der Heimgesuchten, und viele andere, deren überall in der Kirche gedacht wird, pflegten ihre eifrige Sorge für das Volk so zu ordnen, dass sie von derselben nie über Gebühr in Anspruch genommen wurden, noch sich selbst vergaßen, sondern mit gleichem Eifer ihr eigenes sittliches Leben allseitig vervollkommneten.

25 Auf einen Punkt möchten Wir hier besonders hinweisen. Nicht nur die Diener des Heiligtums, sondern alle, die die Sache der niederen Volksschichten vertreten, können ohne große Mühe sich auf das beste um dieses Anliegen verdient machen, wenn sie besorgt sind, bei Gelegenheit in brüderlichem Zuspruch dem Volk bestimmte Mahnungen eindringlich nahezulegen. Es sind folgende: Hütet euch doch ja vor Empörung und vor Aufrührern; verletzt nicht die Rechte anderer, wer immer es sei; erweist willig den Vorgesetzten die gerechte Achtung und leistet den rechtmäßig geforderten Dienst; unterschätzt nicht das häusliche Leben in der Familie und seine vielfachen Segnungen; pflegt vor allem das religiöse Leben und sucht in ihm in den Bitterkeiten des Daseins sicheren Trost. Diese Grundsätze werden gewiß ihre Verwirklichung in der Praxis finden, wenn man an das herrliche Beispiel der heiligen Familie zu Nazareth erinnert und Vertrauen auf ihren Schutz erweckt, die Vorbilder jener vor Augen führt, die gerade das Schicksal der Armut zum Gipfel der Tugend geführt hat, und die Hoffnung stärkt auf den Lohn in einem bessern, ewigen Leben.

Unterordnung unter die kirchliche Autorität

26 Zum Schluss erneuern und verschärfen Wir Unsere Mahnung, dass sowohl die Einzelnen wie die Vereine bei allen Initiativen auf diesem Gebiet sich dessen bewusst bleiben, dass in allem den Weisungen der Bischöfe gefolgt werden muss. Es möge sich keiner durch übereifrige Nächstenliebe irreführen lassen. Wo der Eifer zur Verletzung des schuldigen Gehorsams verleitet, ist er nicht rein, da schafft er keinen wahren Nutzen, ist er auch nicht gottgefällig. An jenen hat Gott Freude, die ihre eigene Meinung hintansetzen und von den kirchlichen Vorgesetzten die Anweisungen gehorsam hinnehmen, als kämen sie von Gott selbst; ihnen steht er hilfreich auch in den schwierigsten Unternehmungen bei und pflegt ihr Beginnen zum erwünschten Ziel zu führen. - Es sei auf entsprechende Beispiele tugendhaften Verhaltens hingewiesen, Beispiele, in denen der Christ dasteht als Feind der Trägheit und der Genusssucht, als wohlwollender Verwalter von Reichtum zum Nutzen der Mitwelt, in Drangsalen standhaft und ungebeugt. Solche Beispiele sind häufig genug, um das Volk für die sittlich-religiösen Dinge anzuregen, und zwar dann um so mehr, wenn sie im Leben der angeseheneren Bürger strahlende Wirklichkeit geworden sind.

Schlussermahnung zu gemeinsamer Arbeit in Einheit mit der Kirche

27 Diese Vorkehrungen, Ehrwürdige Brüder, in Übereinstimmung mit den jeweiligen persönlichen und örtlichen Bedürfnissen klug und unverdrossen zu treffen und auf Euren üblichen Zusammenkünften über sie gemeinschaftlich zu beraten, dies ist Unsere Mahnung an Euch. Wachet sorgsam darüber und macht Euern Einfluss durch Leitung, Mäßigung und Einspruch dafür geltend, dass nicht unter dem Schein der Förderung irgendeiner guten Sache die Kraft der heiligen Zucht erlahme und nicht die von Christus für seine Kirche gegebene Ordnung gestört werde. - Die Eintracht und der rechte Fortschritt im Wirken aller Katholiken mögen den klaren Beweis bringen, dass der ruhige Bestand der Ordnung und das Gedeihen bei den Völkern am vorzüglichsten erblüht unter der Leitung und dem Segen der Kirche. Es ist ihr heiliges Amt, jeden an der Hand der christlichen Gesetze an seine Pflichten zu erinnern, die Begüterten und die Armen in brüderlicher Liebe zu einen und die Gemüter in den Drangsalen des menschlichen Lebens aufzurichten und zu stärken.

28 Mögen die Mahnworte des heiligen Apostels Paulus an die Römer Unsere Vorschriften und Wünsche bekräftigen, jene Worte voll apostolischer Liebe: "Ich bitte euch ... Wandelt euch um in Erneuerung eures Sinnes ... wer gibt, (gebe) in Schlichtheit; wer vorsteht, (tue es) mit Eifer; wer Barmherzigkeit übt, (tue es) mit Fröhlichkeit. Die Liebe sei ungeheuchelt. Hasset das Böse und hanget dem Guten an. Liebet einander mit brüderlicher Liebe; mit Achtung kommt einander zuvor. Seid nicht träge im Eifer. Erfreuet euch in der Hoffnung, seid geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet, den Heiligen kommt zu Hilfe in ihren Nöten, pflegt eifrig die Gastfreundschaft. Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. Seid einander gegenüber gleichgesinnt. Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Tut das Gute nicht nur vor Gott, sondern auch vor allen Menschen… (Röm 13, 17)

Segen

29 Als Unterpfand dieser Güter empfanget den Apostolischen Segen, den Wir Euch, Ehrwürdige Brüder, Eurem Klerus und Volk voll Liebe im Herrn erteilen.

Gegeben zu Rom bei Sankt Peter am 18. Januar 1901,
im dreiundzwanzigsten Jahr Unseres Pontifikates
Leo XIII. PP.
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