Heiligenverehrung

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Inhaltsverzeichnis

Gemeinschaft der Heiligen

Die Heiligenverehrung hängt eng mit dem Begriff der „Gemeinschaft der Heiligen“ zusammen, die alle Christen im Apostolischen Glaubensbekenntnis bezeugen. Unter „Gemeinschaft der Heiligen“ (Communio Sanctorum) versteht man zwei Dinge: Zum einen genießen die Glieder des Leibes Christi Gemeinschaft in den „heiligen Dingen“ wie zum Beispiel dem Glauben, den Sakramenten, der Liturgie. Zum andern haben sie eine reale Gemeinschaft mit Christus und untereinander in der Taufe, so dass das, was ein jeder in und für Christus erduldet oder tut, allen zu gute kommt. Diese Einheit in der Kirche als Leib Christi geht über Zeit und Raum hinaus und endet nicht mit dem Tod.

Die Bibel gibt uns die Zusage, dass die im Herrn verstorbenen im Himmel von Gott Ehre erhalten: „Kostbar ist in den Augen des Herrn das Sterben seiner Frommen“ (Ps 116,15 EU). Dies dürfen wir als Aufruf verstehen, sie ebenfalls zu ehren. Und gerade weil sie im Leben ihre Treue zu Gott bewiesen haben können sie uns als Vorbilder und Ratgeber auf unserem Weg zur Vollendung beistehen. In der Verehrung der Heiligen übt die Katholische Kirche eine Tradition aus, die in ihren Anfängen selbst begründt liegt; schon den ersten Christen war diese Einheit eben "heilig" und stets gegenwärtig:

Als zum Beispiel im Jahr 150 n.Chr. Polykarp, der Bischof von Smyrna, den Märtyrertod erlitt, wurde ein Brief über dieses Martyrium an alle Kirchen versandt. Darin heißt es: „Denn ihn (Jesus Christus) beten wir an, weil er der Sohn Gottes ist. Den Märtyrern aber erweisen wir als (den) Schülern und Nachahmern des Herrn gebührende Liebe wegen ihrer unübertrefflichen Zuneigung zu ihrem König und Lehrer.“ (MartPolk 17) Die Gemeinschaft der Heiligen drückt sich hier sehr schön in einer Gemeinschaft der Liebe aus. „Keiner von uns lebt sich selber und keiner stirbt sich selber.“ (Röm 14,7 EU)

In der Verehrung der Märtyrer und Heiligen verwirklicht sich das, was Paulus in 1 Kor 12,26 EU schreibt: „Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle andern mit ihm. Ihr aber seid der Leib Christi, und jeder einzelne ist ein Glied an ihm.“ Folglich können wir die Heiligen nicht ignorieren, sondern müssen ihnen die “gebührende Liebe“ erweisen.

Tote Heilige?

Offensichtlich gibt es unterschiedliche Vorstellungen über den Zustand der Verstorbenen. Der hl. Paulus schreibt: „Euch aber lasse der Herr wachsen und reich werden in der Liebe zueinander und zu allen, wie auch wir euch lieben, damit euer Herz gefestigt wird und ihr ohne Tadel seid, geheiligt vor Gott, unserem Vater, wenn Jesus, unser Herr, mit allen seinen Heiligen kommt.“ (1 Thess 3,12 f EU; siehe auch Jud 14 EU; Sach 14,5 EU) Diese Stelle bezeugt, dass die Heiligen schon vor der Wiederkunft Christi in Gemeinschaft mit Ihm leben.

Dass die Seelen der vollendeten Gerechten tatsächlich seit der Zeit des Neuen Testaments im Himmel sind bezeugt uns mit aller Deutlichkeit der Hebräerbrief. Dort wir im 12. Kapitel die enge gottesdienstliche Gemeinschaft der Christen mit Gott, mit den Engeln und mit den „Geistern der vollendeten Gerechten“ beschrieben: „Ihr seid [bereits] vielmehr zum Berg Zion hinzugetreten, zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, zu Tausenden von Engeln, zu einer festlichen Versammlung und zur Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind; zu Gott dem Richter aller, zu den Geistern der schon vollendeten Gerechten, zum Mittler eines neuen Bundes, Jesus, und zum Blut der Besprengung, das mächtiger ruft als das Blut Abels.“ (Heb 12,22-24 EU)

Totenbeschwörung?

Es gibt Gruppen, die weniger ein Problem in der Verehrung als vielmehr in der Anrufung der Heiligen sehen. Dabei wird oft das Buch Deuteronomium angeführt, wo es heisst: „Es soll bei dir keinen geben, der seinen Sohn oder seine Tochter durchs Feuer gehen lässt, keinen, der Losorakel befragt, Wolken deutet, aus dem Becher weissagt, zaubert, Gebetsbeschwörungen hersagt oder Totengeister befragt, keinen Hellseher, keinen, der Verstorbene um Rat fragt“ (Dtn 18,10 f EU). Ist das Anrufen der Heiligen Totenbeschwörung?

Gott verbietet hier die Beschwörung von Toten im Rahmen von okkulten Praktiken, um Auskünfte aus dem Jenseits zu erhalten. Das Volk Gottes soll so etwas nicht tun, sondern sich ganz auf Gott verlassen und auf die von Ihm gesandten Propheten hören. „Du sollst ganz und gar bei dem Herrn, deinem Gott, bleiben. Denn diese Völker, deren Besitz du übernimmst, hören auf Wolkendeuter und Orakelleser. Für dich aber hat der Herr, dein Gott, es anders bestimmt. Einen Propheten wie mich wird dir der Herr, dein Gott, aus deiner Mitte, unter deinen Brüdern, erstehen lassen. Auf ihn sollt ihr hören (Dtn 18,13 ff EU).

Es gibt also einen klaren qualitativen Unterschied zwischen der okkulten Handlung und der Anrufung der Heiligen: Im einen will sich der Mensch stolz Zugang zu Informationen verschaffen, die vor ihm verborgen sind. Er umgeht also die von Gott gesetzte Ordnung und handelt gegen dessen Willen. Im anderen nimmt de Mensch demütig Zuflucht zu einer geliebten Person, damit diese bei Gott Fürsprache einlege. Hier spielt sich also alles innerhalb der von Gott gewollten "Gemeinschaft der Heiligen" ab, die sich ja auch schon in diesem Leben einsetzen, miteinander zur christlichen Vollendung zu gelangen. In diesem Kontext ist auch Mt 17,1-9 EU zu verstehen, wo Jesus selbst auf dem Berg der Verklärung mit den propheten Mose und Elija redet.

„Himmlische Gebetsgemeinschaft“

Von der Bibel erfahren wir, dass die irdische und die himmlische Welt nicht völlig voneinander getrennt sind; so bezeugt sie zum Beispiel die Anteilnahme der Engel an unserem Schicksal, wenn Jesus sagt: „Ich sage euch: Ebenso herrscht auch bei den Engeln Gottes Freude über einen einzigen Sünder, der umkehrt.“ (Lk 15,10 EU)

Ebenso finden sich Bibelstellen, in denen die Fürbitte der Engel bei Gott ausdrücklich beschrieben wird: „Da sagte der Engel des Herrn: Herr der Heere, wie lange versagst du noch Jerusalem und den Städten Judas dein Erbarmen, denen du nun siebzig Jahre grollst? Der Herr antwortete dem Engel, der mit mir redete, in freundlichen Worten, Worten voll Trost.“(Sach 1,12.13 EU)

...oder ähnlich: „ Wenn dann ein Engel ihm [dem Todkranken] zur Seite steht, / ein Mittler, einer von den Tausenden, / dem Menschen zu verkünden, was recht ist, wenn dieser sich erbarmt und spricht: / Erlös ihn, dass er nicht ins Grab absteige, / Lösegeld hab ich für ihn gefunden! [...]“ (Ijob 33,23.24 EU)

Im Buch Tobit finden wir einen weiteren Anhaltspunkt: „Ich bin Raphael, einer von den sieben heiligen Engeln, die das Gebet der Heiligen emportragen und mit ihm vor die Majestät des heiligen Gottes treten.“ (Tob 12,15 EU);

In der Offenbarung des Johannes kehrt dieses Bild zurück: „Und ein anderer Engel kam und trat mit einer goldenen Räucherpfanne an den Altar; ihm wurde viel Weihrauch gegeben, den er auf dem goldenen Altar vor dem Thron verbrennen sollte, um so die Gebete aller Heiligen vor Gott zu bringen. Aus der Hand des Engels stieg der Weihrauch mit den Gebeten der Heiligen zu Gott empor.“ (Offb 8,3-5 EU)

Die Engel und Heiligen im Himmel verbinden sich also mit den Gebeten der irdischen Christen (den in der Taufe geheiligten) und verstärken diese durch ihr eigenes Gebet.


Ebenso finden wir in der Schrift die bereits bei Gott vollendeten Heiligen die für das Gottesvolk beten. So sieht etwa Judas der Makkabäer in einer Vision, wie zwei verstorbene alttestamentliche Heilige fürbittend bei Gott für die Juden eintreten: „Er hatte folgendes gesehen: Ihm war der frühere Hohepriester Onias erschienen, ein edler und gerechter Mann, bescheiden im Umgang, von gütigem Wesen und besonnen im Reden, von Kindheit an in allem aufs Gute bedacht; dieser breitete seine Hände aus und betete für das ganze jüdische Volk. In gleicher Haltung erschien dann ein Mann mit grauem Haar, von herrlicher Gestalt; der Glanz einer wunderbaren, überwältigenden Hoheit ging von ihm aus. Onias begann zu reden und sagte: Das ist der Freund seiner Brüder, der viel für das Volk und die heilige Stadt betet, Jeremia, der Prophet Gottes.“ (2 Makk 15,11-16 EU).

Auch Jeremia selbst geht davon aus, dass Fürbitte der Heiligen für die Juden möglich ist. So schreibt er: "Doch der Herr sprach zu mir: Selbst wenn Mose und Samuel vor mein Angesicht träten, würde sich mein Herz diesem Volk nicht mehr zuneigen. Schaff sie mir aus den Augen, sie sollen gehen." (Jer 15,1 EU).

Auch im Neuen Testament finden wir die Fürbitte der bei Gott Vollendeten: „Als es das Buch empfangen hatte, fielen die vier Lebewesen und die 24 Ältesten vor dem Lamm nieder; alle trugen Harfen und goldene Schalen voll von Räucherwerk; das sind die Gebete der Heiligen.“ (Offb 5,8 EU;6,9-10 EU) Offenbar sind sich die 24 Ältesten (ein Bild für die vollendeten Gerechten, die überwunden und den Siegeskranz erhalten haben, (Offb 4,4 EU) unserer Gebete bewusst und treten fürbittend für uns ein.


Katholische Christen sind der Auffassung, dass wir engste Gemeinschaft nicht nur mit Gott, Jesus und dem Heiligen Geist haben, sondern auch mit den Heiligen im Himmel. Sowohl die noch kämpfende Kirche auf der Erde als auch die triumphierende Kirche im Himmel gehören zu dem einen ungeteilten Leib Christi. In ihm sind sie eins. Innerhalb dieser engen Gemeinschaft ist es selbstverständlich, dass die Heiligen an unserem Leben Anteil nehmen bzw. wir sie um Fürbitte anrufen.

Ein Mittlerproblem?

Es ist ein häufig genannter Einwand gegen die Anrufung der Heiligen, dass durch sie die alleinige Mittlerschaft Christi (1 Tim 2,5 EU) beeinträchtigt würde.

Die Heilige Schrift bezeichnet jedoch sogar die Engel als „Mittler“ (siehe dazu Ijob 33,23 EU). Dehalb scheint dieser Einwand unangebracht.

Zum einen kommt Christus eine einzigartige Stellung als Mittler zu, weil er alleine zugleich Gott und Mensch ist; Er ist die einzige Brücke zwischen beiden, der Gott-Mensch Jesus.

Zum andern ist Christus der Mittler des Neuen Bundes (siehe dazu Hebr 9,15; 12,24) und als solcher einzig, genau wie Mose der Mittler des alten Bundes war (Gal 3,19-20 EU).

Jemanden zu bitten für einen zu beten verletzt die Mittlerschaft Christi nicht. In 1 Tim 2,1-4 EU ruft Paulus dazu auf, für einander zu beten und bezeichnet dies als recht und Gott wohlgefällig. Die Katholische Kirche lehrt, dass Gott allein die Quelle allen Segens und aller Gnade ist, der Geber aller guten und vollkommenen Gaben. Sie lehrt, dass aller Einfluss, den die Heiligen besitzen, von Gott kommt und auf ihn zurückzuführen ist. Wie der Mond sein Licht von der Sonne borgt, so „borgen“ sich die Heiligen ihr Licht von der Sonne der Gerechtigkeit, Jesus Christus. Auch die Heiligen bitten den Vater, durch den Sohn, im Heiligen Geist.

In den offiziellen liturgischen Gebeten wird das sehr deutlich: Eine Anrufung der Heiligen wird stets begleitet von einem Gebet um Erhörung zum Vater, das mit den Worten endet: „Durch Christus unseren Herrn“.

Die Heiligen um Fürbitte anzurufen ist gemäß der Lehre der Katholischen Kirche „gut und nützlich“, nicht jedoch verpflichtend oder gar heilsnotwendig.

Warum nicht nur direkt zu Jesus beten?

Natürlich sollte man vor allem direkt zu Jesus beten. Wenn aber mehrere für die selbe Sache beten kann das ein Erweis dafür sein, dass es um eine für die Beter wichtige Angelegenheit geht. Die Fürsprache der Heiligen im Himmel soll dies noch verdeutlichen und zudem die Macht des Gebetes erhöhen.

Gott beantwortet insbesondere das Gebet der Gerechten. Dies bezeugt Jak 5,16-18 EU: "[...]betet füreinander, damit ihr geheiligt werdet. Viel vermag das inständige Gebet eines Gerechten." Die bereits bei Gott Vollendeten sind wahrhaft gerecht und stehen direkt in Gottes Gegenwart, so dass ihre Gebete zu Recht als besonders kraftvoll angesehen werden.

Zeugnisse der Alten Kirche

Unterhalb des Petersdoms sind bei archäologischen Ausgrabungen sehr alte Graffiti-Inschriften gefunden worden, die auf die Zeit zwischen Mitte des 2. und des 3. Jahrhunderts datiert werden können. In einem Buch von Umberto M. Fasola „Spuren auf dem Felsen - Petrus und Paulus in Rom, 1980, S. 136“ heißt es dazu: „Man kann die vier ersten Buchstaben des griechischen Namen Petros und Reste einer an ihn gerichteten Anrufung lesen.“ Ähnlich hat man nach 258 n. Chr. in der Sebastianskatakombe in Rom eine Vielzahl von Graffiti-Inschriften gefunden, in denen sowohl Petrus als auch Paulus angerufen werden.

Die früheste schriftlich fixierte Heiligenanrufung findet man jedoch bei Hippolyt († 235), der sich in seinem Danielkommentar an die drei Gefährten Daniels mit der Bitte wendet: „Gedenket meiner, ich bitte, damit auch ich mit euch dasselbe Los des Martyriums erlange.“ (In Dan II, 30)

Die Erzählung eines christlichen Mädchens, das in seiner Bedrängnis zuerst Gott Vater und Christus um Hilfe bittet, dann aber auch Maria anruft, findet sich bei Gregor von Nazianz (+ 390): „Als jene aber das Böse gewahrte und die Nachstellung erkannte …was tut sie, welche Gegenlist wendet sie an gegen den Urheber der Bosheit? An allem anderen verzweifelnd nimmt sie zu Gott ihre Zuflucht und wählt zum Beschützer gegen das verhasste Begehren ihres Bräutigams …Christus, welcher auch Geistern gebietet und die Versinkenden hält und auf dem Meer wandelt und die Legion Geister in die Tiefe sendet …die Jungfrau Maria fleht sie an, der bedrohten Jungfrau beizustehen.“(Oratio XXIV/PG 35, 1181)

Ambrosius (+397) erklärt: „Die Engel sollen angerufen werden, die uns zum Beistand gegeben sind, angerufen werden sollen die Märtyrer, auf deren Schutz wir sozusagen, wie es uns scheint, einen leiblich verbürgten Anspruch erheben dürfen. Sie können für unsere Sünden bitten, die sich im eigenen Blut gewaschen haben …“(De viduis, IX, 55/PL 16, 264)

Auch der Märtyrer und Bischof Johannes Chrysostomos (+407) bezeugt die altkirchliche Heiligenanrufung. In seiner 1. Homilie zum 1. Thessalonicherbrief schreibt er: „Da wir nun dieses wissen, so lasst uns weder die Fürbitte der Heiligen gering achten, noch auch unsere ganze Hoffnung auf dieselbe bauen: dieses, damit wir uns nicht der Trägheit hingeben und leichtfertig in den Tag hineinleben; jenes damit wir uns nicht eines großen Nutzen verlustig machen. Nein, wir wollen sie anrufen, damit sie für uns beten und uns die hilfreiche Hand reichen mögen; zugleich aber uns selbst der Tugend befleißigen …“ Und in seiner 5. Homilie heißt es: „Damit will ich aber nicht sagen, dass wir die Heiligen nicht anrufen sollen, sondern nur, dass wir nicht gleichgültig werden sollen und uns nicht gehen lassen, dass wir nicht einschlafen und nicht ausschließlich anderen die Sorge um unser Seelenheil überlassen dürfen.“

Diese und ähnliche Zeugnisse sind uns durch die Tradition der Kirche in grosser Zahl überliefert.

Fazit

Die Verehrung und Anrufung von Engeln und Heiligen zwecks Fürbitte bei Gott steht nicht in Widerspruch zur Heiligen Schrift und ist seit den Anfängen des Christentums gut bezeugt. 75% der gesamten Christenheit (Katholiken, Orthodoxe, Ostkirchen, teilweise Anglikaner) bauen auf diese Tradition.

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