Il tempo è compiuto

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Il tempo è compiuto

unseres Heiligen Vaters
Johannes Paul II.
an den Präsidenten des Zentralkomitees für das Marianische Jahr, Kardinal Luigi Dadaglio
Maria Vorbild für die Kirche
22. Mai 1988

(Quelle: Der Apostolische Stuhl 1988, S. 1130-1132; siehe: Die italienische Fassung auf der Vatikanseite)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Dem verehrten Mitbruder Herrn Kardinal Luigi Dadaglio
Präsident des Zentralkomitees für das Marianische Jahr

1. "Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium" (Mk 1,15). Mit diesen Worten, die Jesus am Anfang seines öffentlichen Auftretens sprach, wende ich mich an Sie und an die geliebten Söhne und Töchter, die an der internationalen Tagung zum Studium des lehramtlichen Inhalts und der seelsorglichen Ausblicke der Enzyklika Redemptoris mater teilnehmen. Diese von der Päpstlichen Internationalen Marianischen Akademie veranstaltete und vom Zentralkomitee für das Marianische Jahr gewollte Begegnung reiht sich in die zahlreichen Initiativen zur Vorbereitung der Kirche und der Menschheit auf das christologische Jubiläum des Jahres Zweitausend ein, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Kenntnis des Geheimnisses Marias immer mehr zu vertiefen (vgl. Enz. Redemptoris mater, Nr. 4).

2. Im neutestamentlichen Sprachgebrauch fällt die "Fülle der Zeit" zusammen mit dem Kommen des Reiches Gottes in der Person und im Werk Jesu Christi, dem das gesamte Gottesvolk mit gläubiger Treue entsprechen muss. Diese vielstimmige Antwort findet ihren Bezugs- und Höhepunkt in Maria, die mit dem "fiat" der Verkündigung und ihres ganzes Lebens zum Vorbild eines vollkommen frei gegebenen "Ja" und einer bedingungslosen Verfügbarkeit wurde. Ohne ihre Annahme der göttlichen Initiative hätte die Heilsgeschichte nicht den Lauf genommen, den wir kennen.

Auf dem Weg der Gemeinschaft der Gläubigen durch die Geschichte kommt der Mutter des Herrn eine besondere Rolle zu; sie war berufen, den ewigen Sohn Gottes in die Zeit zu gebären. Sie stellt jedoch kein Parallelprinzip zu Christus und der Kirche dar, sie ist vielmehr mit Christus und mit der Kirche Zeugnis des Heilswirkens Gottes in der Geschichte, Ort der Begegnung von Göttlichem und Menschlichem, von Gnade und Glaube; sie ist das Musterbeispiel menschlichen Verhaltens Gott gegenüber: Mit ihrer Lebensgeschichte - obwohl einzigartig und unwiederholbar -lädt Maria uns ein zu Verhaltensweisen der Kindschaft, der Jüngerschaft und der Öffnung gegenüber dem Geist.

3. Auf diese Weise wird sie zu einer "gelebten Exegese" des Evangeliums. Ihr Geheimnis könnte auch erklärt werden, indem man von dem schon erwähnten programmatischen Ausspruch Jesu ausgeht: "Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium" (Mk 1,15).

"Kehrt um" - In der Unbefleckten Empfängnis Marias wirkt Gottes Heilswille, um den ursprünglichen Zustand der Gerechtigkeit wieder herzustellen. Vom Anfang ihres Seins an war die Mutter des Erlösers in der erlösenden und heiligenden Liebe Gottes geborgen.

Ihre Erwählung ist Gnadengabe: in ihr manifestiert sich auf einmalige Weise die wunderbare Initiative des Vaters, das heiligende Wirken des Heiligen Geistes und die vollkommene, von Christus vollbrachte Erlösung. Wenngleich auch sie zu der Schar der Erlösten gehört, heilsbedürftig wie alle Menschen (vgl. Lumen gentium, Nr. 53), kannte sie keinen Augenblick der Gottesferne. So wurde sie duch die Gnade zum Abbild der neuen Menschheit, zum Bild der künftigen Kirche "ohne Flecken und Falten" (Eph 5,26) geläutertes und durchscheinendes Geschöpf vor Gott. Alles an ihr ist nichts als Gnade, nur Gnade ("sola gratia").

"Glaubt an das Evangelium" - als Jungfrau sprach Maria ihr "Ja" zur Mutterschaft. Der Glaube ist der tiefe Grund ihrer Jungfräulichkeit: aus dem jungfräulichen Glauben und demjungfräulichen Schoß trat der Sohn Gottes in die Geschichte der Menschheit. Durch diesen Glauben empfing Maria den "Sohn der Verheißung" und ihr Schoß wurde der Ort, wo die menschliche Armseligkeit befähigt wurde, sich dem Göttlichen zu öffnen und so am eigenen Heil mitzuwirken. Ihr Glaube ist gleichzeitig verantwortliche Zustimmung und vertrauende Hingabe an das göttliche Wirken. "Für Gott ist nichts unmöglich" (Lk 1,37) :

Ein aktiver Glaube in seiner Passivität, passiv in seiner Aktivität ("sola fides").

Wenn Glauben bedeutet, sich dem Wort Gottes zu "überantworten", wohl wissend, "wie unergründlich seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege sind" (Röm 11,23), "verhält sich Maria, die sich nach dem ewigen Willen des Höchsten sozusagen im Mittelpunkt jener "unerforschlichen Wege" und jener "unergründlichen Entscheidungen" Gottes befindet, im Halbdunkel des Glaubens entsprechend, indem sie mit offenem Herzen alles voll und ganz annimmt, was in Gottes Plan verfügt ist" (Redemptoris mater, Nr. 14).

"Das Reich Gottes ist nahe" - Als Gebärerin des Sohnes Gottes schenkt Maria der Welt Ihn, der das Reich Gottes in Person ist. Der Gottessohn wird Menschensohn auch dank dem Mitwirken einer Frau, die Mutter wird, Mutter des Sohnes Gottes, "geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt" (GaI4,4). In der zeitgebundenen Ordnung der Vorsehung ist der fleischgewordene Gott nicht ohne die Jungfrau Maria denkbar. Aber ihre Mutterschaft geht über die rein biologische Sphäre hinaus, weil es eine durch den Glauben möglich gewordene Mutterschaft ist, eine geheimnisvolle Mutterschaft, in der Gott sich der Menschheit als Vater offenbart. Maria schenkt der Menschheit den Erlöser, von dessen Erlösung sie selbst abhängig ist, weil niemand sich aus eigener Kraft erlöst: Christus ist der Erlöser aller ("solus Christus").

"Die Zeit ist erfüllt" - In Jesus Christus hat Gott die Fülle aller Dinge gelegt, und er hat zu seiner Zeit alle Zeiten und alle Generationen an sich aufgenommen. Auch in der in den Himmel aufgenommenen Jungfrau begegnet sich das "schon jetzt" des Heils mit dem "noch nicht" der Fülle; die Erwählung durch den Gott bedeutet das vollkommene Heil. Dort, wo die Fülle der Gnade ist, ist auch die Fülle des Heils: In Maria begegnen sich so die Gnade und die Herrlichkeit. Und weil Gnade und Glaube überreich waren, so war auch die Verherrlichung überreich. Das Leben Marias war die vollkommene Antwort auf den Heilsplan Gottes und gerade durch diese gänzliche und bedingungslose Verfügbarkeit Marias ist das Wort in die Geschichte getreten, die so Heilsgeschichte wurde ("totus Christus") .

4. Maria - im Licht des programmatischen Wortes Jesu (vgl.Mk 1,15) betrachtet, stellt sich uns dar als die gläubige Frau, die beispielhafte Jüngerin Christi. Maria ist das vollkommene Bild des Antlitzes Gottes nicht der Natur nach, wie ihr Sohn (vgl. Kor 1, 15), sondern der Gnade nach als "Magd des Herrn" (Lk 1,38). In Maria, der unbefleckt Empfangenen und in den Himmel Aufgenommenen besingt die Kirche den umfassenden Sieg der Gnade, und in ihrer einzigartigen Heiligkeit erkennt sie sich wieder als unbefleckte Braut des Lammes (vgl. Apg 19,7). Mit ihr, Jungfrau und Mutter, feiert die Gemeinschaft der Christen den Sieg des Glaubens und manifestiert sich als Sakrament, Zeichen und Werkzeug des Heils, Berührungspunkt zwischen Gott und Menschheit.

Sowohl die Kirche wie Maria stehen im Dienst des Heils, doch nicht Seite an Seite, sondern in einer Wechselbeziehung. Und da die Kirche von dem gerechten Abel an besteht (vgl. Lumen gentium, Nr. 2) so stand auch Maria nie außerhalb von ihr. Die Kirche versteht sich als Gemeinschaft der Gläubigen, und im Neuen Testament erscheint die Mutter des Herrn als Gläubige im vollsten Sinn des Wortes: "Selig ist die, die geglaubt hat" (vgl. Lk 1,45). Die Kirche als messianische Heilsgemeinschaft findet in Maria ein hervorragendes Beispiel des Glaubens und der Liebe, und von Maria wird ihr Auftrag inspiriert:

"Wie Maria im Dienst des Geheimnisses der Menschenwerdung steht, so bleibt die Kirche im Dienst des Geheimnisses der Annahme an Kindes Statt durch die Gnade" (Redemptoris mater, Nr. 43).

Das vorbildliche Leben der Mutter Jesu wird zum Musterbeispiel für die Kirche, die in ihr ein Modell des Glaubens, der Hoffnung und der vollkommenen Einheit mit Christus findet (vgl. Lumen gentium, Nr. 58). Die bedingungslose Verfügbarkeit Marias zur Erfüllung des göttlichen Willens ist Vorbild für die eschatologische Gemeinschaft, die berufen ist, kompromisslos Christus auf seinem ganzen Lebensweg nachzufolgen: von der Krippe bis Golgotha, zur Auferstehung, zur Herrlichkeit.

So ist Maria für alle Christen eine Gestalt, die Hoffnung erweckt und erneuert, die die befreiende Kraft der Gnade zusichert, die den Zustand des Menschen erleuchtet und ihn anregt, sich vertrauensvoll Gott zu schenken und sich von seiner unendlichen Liebe aufnehmen zu lassen.

Diese Gedanken möchte ich allen Gelehrten vorlegen, die zu diesem internationalen Treffen versammelt sind, und wünsche von Herzen, dass ihre Überlegung für die gesamte Kirche einen wirksamen Beitrag zur immer tieferen Kenntnis des Geheimnisses Marias, der Mutter des Erlösers und Vorbildes der Treue für die Gläubigen, erbringt.

Mit diesen Wünschen erteile ich Ihnen, Herr Kardinal, und allen Teilnehmern an dieser Begegnung den Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, 22. Mai 1988
Joannes Paulus PP II.
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