Iucunda semper expectatione (Wortlaut)

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Enzyklika
Iucunda semper expectatione

von Papst
Leo XIII.
durch göttliche Vorsehung Papst
an die Ehrwürdigen Brüder. die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe
der katholischen Welt, die in Gnade und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle stehen
Der Rosenkranz als Verbindung von Betrachtung und Gebet
8. September 1894

(Offizieller lateinischer Text: ASS XXVII [1894-1995] 178-182)

(Quelle : Rundschreiben Leo XIII., Vierte Sammlung, Lateinischer und deutscher Text, Herder´sche Verlagsbuchhandlung, übersetzt durch den päpstlichen Hausprälaten Professor Hettinger, Freiburg im Breisgau 1904, in Fraktur abgedruckt. Die Nummerierung ist der englischen Fassung angeglichen. Die Überschriften sind aus: Rudolf Graber: Die marianischen Weltrundschreiben der Päpste in den letzten hundert Jahren, Echter Verlag Würzburg 1954, 2. Auflage; Mit kirchlicher Druckerlaubnis; auch in: Leo XIII., Lumen de coelo - Bezeugt in seinen Allocutionen, Rundschreiben, Constitutionen, öffentlichen Briefen und Akten, Verlag "St. Norbertus" Buch- und Kunstdruckerei Wien 1903, Buch VI, S. 62-711; in Fraktur abgedruckt)

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Rosenkranz als Herz.jpg
Ehrwürdige Brüder,
Gruß und Apostolischen Segen

Inhaltsverzeichnis

Vertrauen auf das Rosenkranzgebet

1 In stets freudiger Erwartung und gehobener Hoffnung sehen Wir der Wiederkehr des Monats Oktober entgegen, der infolge Unserer Mahnung und Vorschrift der allerseligsten Jungfrau Maria geweiht ist und schon eine Reihe von Jahren unter den katholischen Völkern im Blütenflor der einmütigen und lebendigen Rosenkranzandacht prangt. Schon wiederholt haben Wir die Ursache angegeben, welche Uns zu dieser Mahnung bestimmte. Denn da die wechselvollen Schicksalsschläge, welche Kirche und Staat trafen, durchaus die dringende Hilfe Gottes erforderten, so dachten Wir diese gerade durch die Fürbitte seiner Mutter erflehen und vornehmlich durch jene Gebetsweise erwirken zu sollen, deren Kraft und Segenswirkung das christliche Volk jederzeit im höchsten Maße erfuhr. Ja diese Segenswirkung hat es gleich beim Entstehen des Marianischen Rosenkranzes erfahren, teils durch Sicherstellung seines heiligen Glaubens gegenüber den ruchlosen Angriffen der Häretiker, teils durch entsprechende Tugendübung, welche bei dem herrschenden Sittenverderbnis der Zeit der Hebung und Stütze bedurfte. Ferner erfuhr er diese Segenskraft im privaten und öffentlichen Leben durch eine ununterbrochene Reihe von Gnadenerweisen, deren Andenken sogar durch hochberühmte Anstalten und Denkmäler allenthalben seine Weihe erhielt. In gleicher Weise hat unser Zeitalter, das an mancherlei Gefahren und Drangsalen leidet, daraus heilsamen Nutzen geschöpft. Dem gedenken Wir mit freudigem Dank. Gleichwohl seht ihr selbst, Ehrwürdige Brüder, wenn Ihr Umschau haltet, dass diese Gründe noch fortdauern, ja an Gewicht noch zunehmen, weswegen auch in diesem Jahre der Eifer, die Himmelkönigin mit Bitten zu bestürmen, Unserer Mahnung zufolge, des Ansporns bei Euren Herden bedarf. - Wenn Wir ferner das Wesen und die Beschaffenheit des Rosenkranzes im Geiste erwägen, so steigert sich im gleichen Grade, wie Uns seine Vorzüge und seine Vorteile in strahlenderem Lichte erscheinen, unsere Sehnsucht und Hoffnung, es möge Unsere Empfehlung so mächtig sein, dass eben diese hochheilige Gebetsübung und Andacht, tiefer im Geiste erfasst, in weiteren Kreisen Übung finde so das größte Wachstum erfahre.

Vertrauen auf Mariens Gnadenvermittlung

Zu diesem Zwecke wollen wir nicht auf jene Gedanken zurückkommen, welche Wir hierfür in früheren Jahren auf mannigfache Art entwickelt haben; vielmehr wollen Wir die Erhabenheit des göttlichen Ratschlusses zum Gegenstande der Erwägung und Belehrung machen, wie nämlich mittels des Rosenkranzes einerseits das Vertrauen auf Erhörung den lieblichsten Einfluss auf die Beter übe, und wie andererseits dementsprechend die mütterliche Erbarmung der hehren Jungfrau über die Menschen bei ihrer ausgezeichneten Herzensgüte zur Hilfeleistung bereit sei.

2 Der tiefste Grund, warum wir den Schutz Marias durch das Gebet zu gewinnen suchen, liegt sicherlich in ihrem Amte als Vermittlerin der göttlichen Gnade, dessen sie unablässig bei Gott waltet, da sie nach Würde und Verdiensten sein höchstes Wohlgefallen besitzt und alle Heiligen des Himmels an Macht weit überragt. Dieses Mittleramt aber tritt wohl in keiner Gebetsform so klar und ausdrücklich zu Tage als im Rosenkranze. Denn hierin kehren die Anteilnahme und Dienste, welche der allerseligsten Jungfrau zum Werke der Erlösung des Menschengeschlechtes zukamen, in der Art wieder, als ob sie sich vor unsern Augen gegenwärtig und tatsächlich entfalteten. Das aber bringt der Frömmigkeit absonderliche Förderung teils durch die aufeinanderfolgende Betrachtung der heiligen Geheimnisse teils durch fromme mündliche Gebetswiederholungen.

Die freudenreichen Geheimnisse

Zuerst begegnen uns die freudenreichen Geheimnisse. Denn Gottes ewiger Sohn lässt sich zu den Menschen herab, ist Mensch geworden, da Maria einwilligt und vom Heiligen Geiste empfängt. Sodann wird Johannes im Mutterschoße durch ein ausgezeichnetes Gnadengeschenk geheiligt und durch erlesene Gaben ausgerüstet, dem Herrn die Wege zu bereiten. Das jedoch vollzieht sich infolge der Begrüßung Marias, welche ihre Verwandte auf Gottes Antrieb besuchte. Endlich wird Christus zur Welt geboren, er die Erwartung der Völker, von der Jungfrau geboren. Zu seiner Krippe eilen frommen Sinnes die Hirten und Magier, die Erstlinge des Glaubens, und finden das Kind mit Maria, seiner Mutter. Ferner will Jesus selbst, um sich Gott dem Vater nach öffentlichem Brauche das Opfer dazubringen, in den Tempel gebracht werden; durch die Dienstleistung seiner Mutter nun wird er daselbst dem Herrn dargestellt. Auch beim geheimnisvollen Verluste des Knaben sucht sie hin und her voll Angst und Kummer und findet ihn wieder zur unermesslichen Freude.

Die schmerzhaften Geheimnisse

3 Ebenso deutlich sprechen die schmerzhaften Geheimnisse. Im Garten Getsemane, wo Jesus zittert und betrübt ist bis zum Tode, und im Hause des Richters, wo er mit Geißeln geschlagen, mit der Dornenkrone verwundet und zum Tod verurteilt wird, ist Maria zwar nicht anwesend, aber all dies hat sie längst erkannt und geschaut. Denn schon damals, wo sie sich Gott als Magd zum Mutterdienste darbot, oder sich mit ihrem Sohne im Tempel gänzlich zum Opfer weihte, war ihr infolge dieser beiden Handlungen das gleiche Los der mühsalvollem Sühne für das Menschengeschlechte beschieden wie ihm. Daher hat sie bei der bittersten Todesangst und qualvollen Marter ihres Sohnes zweifellos den größten Schmerz mit ihm geteilt. Übrigens sollte in ihrer Gegenwart und vor ihren Augen jenes göttliche Opfer vollbracht werden, für das sie hochherzig das Opferlamm an ihrer Brust genährt hatte. Bei diesen Geheimnissen aber stellt sich uns als letzte und tränenreiche Wahrnehmung dar: Neben dem Kreuze Jesu stand Maria, seine Mutter. Ergriffen von unermesslicher Liebe zu uns hat sie selbst, um Kinder zu gewinnen, ihren eigenen Sohn freiwillig der göttlichen Gerechtigkeit dargebracht, indem sie mit ihm starb im Herzen, vom Schwerte der Schmerzen durchbohrt.

Die glorreichen Geheimnisse

4 In den nun folgenden glorreichen Geheimnissen erhält ebendies so gütige und in der Tat noch reichere Gnadengeschenk der erhabenen Jungfrau seine Bestätigung. Die Herrlichkeit ihres über den Tod triumphierenden Sohnes kostet sie in stiller Wonne. Ihn, der zu den himmlischen Wohnungen heimkehrt, begleitet sie in mütterlicher Liebe; doch wird sie, obwohl des Himmels würdig, noch auf Erden festgehalten als beste Trösterin und Lehrerin der aufsprossenden Kirche, sie, welche den tiefsten Abgrund der göttlichen Weisheit weiter, als man glauben möchte, durchdrungen hat.[1] Weil aber das Geheimnis der Erlösung nicht eher vollständig wird, als bis der von Christus verheißene Heilige Geist angekommen ist, schauen wir sie im denkwürdigen Speisesaale, wo sie in Gemeinschaft mit den Aposteln und im Gebete für sie, in unsagbaren Seufzen, die Fülle eben dieses Trösters für die Kirche beschleunigt, als letzte Gabe Christi, als Schatz, der zu keiner Zeit schwinden wird. Aber mit überschwänglicher, immer dauernder Gunstbezeigung will sie unsere Sache durch ihr Flehen vertreten, nachdem sie zur unsterblichen Welt emporgestiegen ist. Wir erblicken sie nämlich aus dem Tränentale in die heiligen Stadt Jerusalem entrückt, von Engelchören umschwebt, und verehren sie, über die Herrlichkeit der Heiligen erhoben, wie sie, mit einem Sternendiadem von ihrem göttlichen Sohn geziert, bei ihm thront als Königin und Herrscherin des Weltalls.

5 In all dem, Ehrwürdige Brüder, gibt sich Gottes Ratschluss kund, der Ratschluss der Weisheit, der Ratschlusses der Liebe[2], und zugleich springen die überaus großen Verdienste der Jungfrau Maria gegen uns ins Auge. All dies muss jedermann mit Freude erfüllen, indem uns die zuversichtliche Hoffnung beseelt, mit Hilfe Marias die göttliche Milde und Erbarmung zu erlangen.

Das mündliche Gebet

Dem gleichen Zwecke dient das mündliche Gebet, welches mit den Geheimnissen trefflich zusammenstimmt. Voraus geht ganz angemessen das Gebet des Herrn zum himmlischen Vater. Nach seiner Anrufung in den herrlichen Bitten wendet sich unser Flehen von dem Throne seiner Majestät zu Maria hin, natürlich nur in der besagten Form der Vermittlung und Fürbitte, von welcher der hl. Bernhardin von Siena mit den Worten spricht: Alle Gnade, welche dieser Welt mitgeteilt wird, nimmt einen dreifachen Fortgang. Sie wird nämlich in schönster Ordnung von Gott an Christus, von Christus an die Jungfrau, von der Jungfrau an uns übermittelt.[3] Hiermit haben wir gleichsam Grade und Stufen, die freilich an Beschaffenheit unter sich verschieden sind; bei der letzten Stufe beharren wir der Einrichtung des Rosenkranzes gemäß am liebsten und längsten, indem wir den englischen Gruß je zehnmal wiederholen, um gewissermaßen mit jener Zuversicht zu den übrigen Stufen, d. h. durch Christus zu Gott dem Vater emporzustreben. In dieser Weise richten wir denselben Gruß so oft an Maria, damit unser mangelhaftes und schwaches Gebet mit dem notwendigen Vertrauen gestützt werde, indem wir sie bestürmen, sie wolle durch ihre Bitten gleichsam in unserem Namen Gott für uns bewegen.

6 Denn unsere Gebete gewinnen bei ihm an großer Gnade und Kraft, wenn sie durch die Fürbitte der Jungfrau Empfehlung finden, an die er selbst die liebkosende Einladung richtet: Es töne deine Stimme in meinen Ohren; denn deine Stimme ist süß.[4] Gerade deshalb kehren ihre von uns gerühmten, zur Erhörung geeigneten Ehrentitel so oft wieder. Wir begrüßen sie als die, welche Gnade bei Gott gefunden, insbesondere als die gnadenvolle, deren Gnadenfülle auf alle ausströmen sollte. Wir rufen sie an als die, mit welcher der Herr in möglichst inniger Verbindung steht, als die Gebendeite unter den Weibern, welche allein den Fluch hinwegnahm und den Segen brachte,[5] die gebenedeite Frucht ihres Leibes, in welcher gesegnet werden sollen alle Völker der Erde, endlich als die Mutter Gottes. Was könnte sie gemäß dieser erhabenen Würde für uns Kinder nicht mit Gewissheit erflehen, was sollen wir nicht hoffen während unseres ganzen Lebens und im Todeskampfe beim letzten Atemzuge?

7 Wer sich in solche Gebete und Geheimnisse mit aller Sorgfalt und Zuversicht versenkt, der muss gewiss zur Bewunderung der göttlichen Ratschlüsse betreffs der großen Jungfrau, die zum allgemeinen Heile der Völker dienen, hingerissen werden. Ja er wird vom Verlangen beseelt sein, sich mit lebhaftem Vertrauen in ihren Schutz und Schoß zu flüchten, etwa mit der flehenden Bitte des hl. Bernardus: Gedenke, o mildreiche Jungfrau Maria, dass es noch niemals erhört worden ist, dass du jemanden verlassen hättest, der zu dir seine Zuflucht nahm, deine Hilfe anrief und um deine Fürbitte dich anflehte.

Der Rosenkranz erwirbt uns die Gunst Mariens

Dieselbe Kraft, welche der Rosenkranz besitzt, um das Vertrauen auf Erhörung bei den Betenden zu erwecken, kommt ihm auch zu, um das Herz Marias zur Erbarmung über uns zu bewegen. Offenbar verursacht es ihr die größte Freude, uns zu sehen und zu hören, wie wir die ehrenvollsten Bittgebete und schönsten Lobsprüche förmlich zum Kranze winden. Denn wenn wir bei dieser Gebetsweise Gott die schuldige Ehre zollen und gezollt wünschen; wenn wir seinen Wunsch und Willen einzig und allein zu vollziehen begehren; wenn wir seine Güte und Mildtätigkeit preisen, indem wir ihn Vater nennen und bei aller Unwürdigkeit um die besten Gaben bitten: so findet Maria hieran ein außerordentliches Wohlgefallen und lobpreiset den Herrn in Wahrheit ob unserer Frömmigkeit. In würdiger Gebetsformel reden wir ja zu Gott, wenn wir mit dem Gebete des Herrn zu ihm reden. – Die Bitten, welche wir hierbei stellen, sind schon an sich in hohem Grade richtig, geordnet und im Einklang mit dem christlichen Glauben, der Hoffnung und der Liebe; ein großes Gewicht aber erhalten sie durch eine der Jungfrau höchst angenehme Empfehlung. Denn mit unserer Stimme vereinigt sich augenscheinlich die Stimme ihres Sohnes Jesus selbst, der eben diese Gebetsformel ursprünglich verfasst, in bestimmte Worte gekleidet und zum Gebrauche vorgeschrieben hat, indem er sagte: So also sollt ihr beten.[6] Wenn wir diese Vorschrift in der Rosenkranzandacht beobachten, wird sie uns ohne Zweifel mit größter Geneigtheit ihre liebevolle und besorgte Dienstbeflissenheit zuwenden. Diese geheimnisvollen Gebetskränze aber wird sie mit wohlgefälligem Blicke annehmen und mit überaus reichlichen Gnadengeschenken belohnen.

Der Rosenkranz verhilft zu einem guten beten

Dass wir aber hierbei ihre Güte und Freigebigkeit um so gewisser in Aussicht haben, dafür liegt ein nicht unbedeutender Grund in der eigenartigen Anlage des Rosenkranzes selbst, die zum rechten Gebete vorzüglich geeignet ist. Viele und mannigfache Umstände pflegen den Betenden gemäß der menschlichen Schwäche von Gott abzulenken und seinen aufrichtigen Vorsatz zu vereiteln. Doch wer die Sache gehörig erwägt, der wird sofort die erfolgreiche Wirksamkeit, die jenem innewohnt, erkennen, um einerseits den Geist zu spannen und die Schlaffheit des Herzens zu beseitigen, anderseits heilsamen Schmerz über die begangenen Fehler zu erwecken und den Geist zu himmlischen Dingen zu erheben. Denn wie bekannt, besteht der Rosenkranz aus zwei Stücken, die bei aller Verschiedenheit doch miteinander verbunden sind: aus der Betrachtung der Geheimnisse und der Verrichtung des mündlichen Gebetes. Aus diesem Grunde nimmt die Rosenkranzandacht die besondere Aufmerksamkeit des Menschen in Anspruch, sofern sie nicht bloß den Geist irgendwie auf Gott hinlenkt, sondern bei Erwägung und Betrachtung der Begebenheiten in der Art verweilt, dass er auch Belehrung zur Besserung des Lebens und Nahrung für jegliche Frömmigkeit gewinnt. Denn es gibt nichts Größeres und Bewunderungswürdigeres als diese Begebenheiten, um die sich der Hauptinhalt des christlichen Glaubens bewegt.

8 Durch das Licht und die Kraft derselben hat die Wahrheit, die Gerechtigkeit und der Friede in Neugestaltung der Verhältnisse auf Erden mit dem erfreulichsten Erfolge Fortgang genommen. – Hiermit hängt der Umstand zusammen, auf welche Art diese Geheimnisse den Betern des Rosenkranzes vorgeführt werden, in der Art nämlich, wie dies den Geistesanlagen selbst der Ungebildeten entspricht und angemessen ist. Denn er ist so angelegt, nicht als ob die Hauptpunkte der Glaubenslehre zur Erwägung vorgestellt würden, sondern vielmehr wie wenn die Tatsachen vor den Augen wieder ausgeführt und erneuert werden sollten. Denn wenn diese fast mit denselben Örtlichkeiten, Zeiten und Personen, wie sie sich zugetragen haben, vorgeführt werden, so fesseln sie den Geist desto mehr, und desto nützlicher ist ihr Eindruck. Weil sie aber gewöhnlich von zarter Jugend an der Seele eingepflanzt und eingeprägt worden sind, so kommt es, dass jeder wahrhaft Gebetseifrige sofort beim Aussprechen der einzelnen Geheimnisse ohne alle Anstrengung der Einbildungskraft sie in Geist und Herz leicht durcheilt und den Tau der himmlischen Gnade durch die Güte Marias in reicher Fülle einsaugt.

Im Rosenkranz bekunden wir unsere Dankbarkeit

Außerdem gibt es noch einen andern Vorzug, der diese Kränze bei der erhabenen Jungfrau noch wohlgefälliger und verdienstvoller macht. Denn wenn wir die dreifache Ordnung der Geheimnisse in frommer Erinnerung wiederholen, so erhält dadurch das Gefühl unserer Dankbarkeit gegen sie klarere Bezeugung, da wir hiermit offen bekennen, dass wir in Erinnerung an die Wohltaten nie gesättigt werden, durch die sie selbst unser Heil in unersättlicher Liebe umfasst hat. Das vor ihren Augen häufig und sorgfältig gefeierte Gedächtnis an diese großen Geheimnisse erfüllt ihre heilige Seele stets mit unbegreiflicher neuer Wonne und Freude, sowie mit unbeschreiblichen Gefühlen mütterlicher Fürsorge und Wohltätigkeit. Ja infolge solcher Erinnerungen wird unser Hilferuf sogar heftigerer Glut angefacht und gewinnt die Kraft der Inständigkeit, so zwar, dass, so oft die Geheimnisse sich einzeln wiederholen, ebenso viele Beweisgründe inständiger Bitte vorhanden sind, die gewiss bei der Jungfrau überaus viel gelten und wirken. Ja, zu dir fliehen wir, heilige Gottesmutter, verschmähe nicht uns arme Kinder Evas! Dich bitten wir, gleich mächtige und gütige Vermittlerin unseres Heiles; dich flehen wir inständig an, bei der Süßigkeit der Freuden, die du aus deinem Sohne Jesus geschöpft, bei der Gemeinschaft mit seinen unaussprechlichen Schmerzen, bei der Herrlichkeit seiner auf dich überströmenden Glorie; wohlan, höre und erhöre uns Unwürdige gnädig!

Die Modernen Angriffe auf die Kirche

9 So werde es Euch also, Ehrwürdige Brüder, bei der Erwägung der Erhabenheit des Marianischen Rosenkranzes auch in der doppelten Beziehung, in der Wir sie geschildert haben, um so klarer, warum Wir ihn unablässig mit aller Sorgfalt einschärfen und befördern. Die Welt bedarf, wie anfangs gesagt, der Hilfe des Himmels von Tag zu Tag in höherem Maße, zumal bei den weitverbreiteten zahlreichen Bedrängnissen der Kirche, welche ihrem Rechte und ihrer Freiheit Abbruch tun, sowie bei den zahlreichen Ursachen, welche das Glück und den Frieden der christlichen Staaten von Grund aus erschüttern. Um nun diese Hilfe zu verdienen, Wir gestehen es wiederholt und ausdrücklich, haben Wir Unsere größte Hoffnung auf den Rosenkranz gesetzt. O wenn nur dieser heiligen Andacht überall die Ehre seiner Bestimmung gemäß gezollt würde; sie soll in Städten und Dörfern, in Familien und Werkstätten, bei Vornehmen und Niederen liebgewonnen und gepflegt werden, gerade wie ein vorzügliches Erkennungszeichen Glaubens und als bestes Schutzmittel zur Versöhnung der göttlichen Erbarmung.

Schlimme Vorkommnisse in letzter Zeit

Darauf müssen alle tagtäglich angelegentlicher dringen, weil die rasende Verkehrtheit der Ruchlosen auf alle möglichen Anschläge und Wagnisse dringt, um den Zorn Gottes zu reizen und das Gewicht echter Strafe über das Vaterland herabzuziehen. Denn abgesehen von andern Ursachen, das beklagen alle Gutgesinnten mit uns, gibt es im Schoß der katholischen Völker nur zu viele, die sich über jede Art Religionsverhöhnung freuen und bei der unglaublichen schrankenlosen Pressefreiheit sich sogar darauf zu verlegen scheinen, die heiligsten Dinge und das erprobte Vertrauen auf den Schutz Marias der Verachtung und dem Spotte der Menge aufzusetzen. In den allerletzten Monaten hat man nicht einmal die erhabenste Person unseres Heilandes JESU Christi geschont. Man hat sich nicht gescheut, diese auf die lockere Bühne, die schon allenthalben mit Lastern besudelt ist, zu zerren und sie der eigentümlichen Majestät der göttlichen Natur beraubt darzustellen. Nimmt man diese hinweg, so muss es notwendig selbst die Erlösung des Menschengeschlechtes fallen. Man hat sich sogar nicht gescheut, den Verräter Christi, den Verbrecher, welcher der abscheulichsten Treulosigkeit und unerhörter Rohheit schuldig ist, von seiner ewigen Schmach zu reinigen. – Über diese schandvollen, in italienischen Städten ausgeführten oder in Aussicht genommenen Darstellungen ist allgemeine Entrüstung entstanden, indem man es bitter beklagte, dass das heiligste Recht der Religion verletzt wird und zwar bei dem Volke verletzt und unterdrückt sei, das sich des katholischen Namens an erster Stelle und mit Recht rühmt. Jetzt entbrannte nach Gebühr die bekümmerte Sorgfalt wachsamer Bischöfe. Sie richteten ihre gerechten Beschwerden an jene, für die es heilige Pflicht sein muss, die Würde der vaterländischen Religion zu schützen, und machten ihre Herden nicht bloß auf die Schwere der Gefahr aufmerksam, sondern forderten sie auch auf, die ruchlose, unserm liebevollsten Erlöser zugefügte Schmach mit besondern religiösen Andachten zu führen.

10 Dieser mannigfach glänzend bekundete Eifer der Gutgesinnten fand Unsere volle Gutheißung und trug dazu bei, dem hierüber im innersten Herzen empfundenen Kummer zu lindern. Bei dieser günstigen Gelegenheit aber, zu Euch zu sprechen, können Wir die Stimme Unseres Oberhirtenamtes nicht mehr unterdrücken und verbinden mit den Beschwerden der Bischöfe und Gläubigen die Unsrigen auf das nachdrücklichste. Mit denselben apostolischen Eifer und Gefühle, mit welchem Wir die religiöse Freveltat beklagen und verfluchen, richten Wir Unsere Aufforderung eindringlich an die christlichen Völker, namentlich an die Italiener, dass sie die angestammte Religion als ihr reichstes Erbe unverbrüchlich bewahren, wacker schützen und durch sittliche und fromme Handlungen unablässig vermehren. – Daher sollen auch aus diesem Grunde, so wünschen Wir, die einzelnen Gläubigen und die Bruderschaften in regsamer Tätigkeit wetteifern, den Monat Oktober zu Ehren der großen Mutter Gottes, der mächtigen Helferin der christlichen Sache, der glorreichen Königin des Himmels, zu weihen. Wir aber bestätigen mit aller Bereitwilligkeit die früher hierfür verliehenen heiligen Ablässe.

Zuflucht zur Himmelskönigin

11 Nun möge, Ehrwürdige Brüder, der uns in seiner allgütigen Erbarmung und Vorsehung eine solche Mittlerin gegeben hat,[7] und der uns alles durch Maria verleihen wollte,[8] durch ihre Fürbitte und Gnade unsere gemeinsamen Wünsche erfüllen und die Hoffnungen krönen. Hiermit verbinde sich als Unterpfand der Apostolische Segen, den Wir Euch, Eurem ganzen Klerus und Volke von ganzem Herzen im Herrn erteilen.

Gegeben zu Rom bei St. Peter, den 8. September des Jahres 1894,
dem siebzehnten Unseres Pontifikates
Leo XIII. PP.

Anmerkungen

  1. S. Bernardus, De XII praerogativ. B. M. V. n. 3.
  2. S. Bernardus, Serm. in Nativ. B. M. V. n. 6.
  3. S. Bernardus, Serm. VI in festis B. M. V. de Annunt. A. I, e. 2.
  4. Hld 2,14 EU
  5. S. Thomas, Op. VIII, Super salut. Angel. n. 8.
  6. Mt 6,9 EU
  7. S. Bernardus, De XII praerogativ. B. M. V. n. 2.
  8. S. Bernardus, Serm. in Nativ. B. M. V. n. 7.

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