Jacques Maritain

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Jacques Maritain (re.) mit Charles Journet

Jacques Maritain (* 18. November 1882; † 28. April 1973 in Toulouse) war Philosoph. Er wurde am 11. Juni 1906 auf dem Montmartre in der Kirche St. Johannes Evangelist getauft.

Inhaltsverzeichnis

Biografie

Jacques Maritain war protestantisch getauft, aber nicht religiös erzogen worden. Er wandte sich der Philosophie zu. Spinoza und Nietzsche können nur vorübergehend den Wahrheitsdurst stillen. Vorlesungen von Henri Bergson(1859-1941) helfen weiter: Bergson führt ihn und seine Frau Raissa endgültig aus dem Materialismus heraus. Sie lesen Plotin, Pascal und Plato. Der Durchbruch zum Glauben selber kommt erst nach der Begegnung mit Leon Bloy. Nach seiner Konversion studiert Jacques Maritain zunächst in Heidelberg; 1910 entdeckt er Thomas von Aquin: "Ich, der ich mit soviel Enthusiasmus durch alle Lehren der modernen Philosophie gegangen war und dort nichts als Enttäuschung (...) gefunden hatte, erlebte damals so etwas wie eine Erleuchtung der Vernunft" (In:Le Philosophe dans la cité, 1960). Im Jahr 1914 wird er Professor für Philosophie am Institut catholique in Paris.

Maritain entwickelt sich zu einem der bedeutendsten Thomisten des 20. Jahrhunderts. Sein Haus wird zu einem Treffpunkt bedeutender Philosophen und Künstler. Zu einer Begegnung mit der hl. Edith Stein kommt es am 14. September 1932. Maritain schreibt später: "Raïssa und ich haben niemals diesen Besuch vergessen, weder das Feuer noch die geistige Klarheit und Schärfe, welche vom Antlitz Edith Steins ausgingen."

Im Laufe der Jahre verfasst Maritain über 60 Werke zu fast allen großen Themen der Philosophie. Er entwirft eine Philosophie als christliche Antwort auf die Totalitarismen der Zeit, schlagwortartig als humanisme integral bezeichnet ("ganzheitlicher Humanismus"). Von Papst Paul VI. wird er sehr geschätzt, wodurch er zum mittelbaren Urheber der Wortprägung von der civiltà dell'amore (18. Mai 1975) wird, der "Zivilisation der Liebe", die zum Schlüsselwort des Pontifikats Johannes Paul II. werden wird.

In einem Buch von 1966 ("Der Bauer von der Garonne") kritisiert Maritain jedoch die nachkonziliare Krise der Kirche. Das Werk wird auch von Dietrich von Hildebrand und Jean Guitton (Silence sur l'essentiel, 1986) für bewunderungswürdig erachtet. Zitat: "Also sollte ein kluger Prediger von drei Dingen auf keinen Fall reden, und er sollte auch möglichst wenig an sie denken, selbst wenn er jeden Sonntag das Credo spricht. Das erste, was man offensichtlich im Dunkel lassen muß, ist das Jenseits, denn das gibt es nicht. Das zweite, wovon er nicht reden soll, ist das Kreuz, denn das ist nur ein Symbol für die Opfer, die der Fortschritt im Augenblick noch von uns fordert. Das dritte, was er auslassen, vergessen muß, ist die Heiligkeit" (Der Bauer von der Garonne, S. 65).

Maritain, der zeitweilig Botschafter der frz. Republik beim Hl. Stuhl war, überdies Konzilsbeobachter (und am 8. Dezember 1965 die Botschaft des Konzils an die Wissenschaftler empfing, s.u.) stirbt am 28. April 1973 in Toulouse. Seine "kongeniale" Ehefrau Raïssa war bereits am 4. November 1960 verstorben; seither lebte Maritain bewusst mönchsähnlich, ein Leben des Gebets und des Opfers.

Wirkung

Maritain gilt als einer der Wegweiser des Neuthomismus im 20. Jahrhundert - und das, obgleich er sich stets dagegen wehrte, als „Neuthomist“ bezeichnet zu werden (auch in Abgrenzung zum "Ordnungsdenken" eines Charles Maurras). Er hat durch seine Arbeit maßgeblich die Philosophie des französischen Personalismus beeinflusst.

Die große Anerkennung, die sich Maritain in den USA erwarb, dokumentiert sich in dem an der University of Notre Dame in South Bend, Indiana, USA bestehenden Jacques Maritain Center.

Dem christlichen Denken von Maritain wird großer Einfluss auf die katholische Kirche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zugebilligt, da sein integraler Humanismus (Buchtitel von 1936) den Dialog mit der Moderne vorbereitet habe, den das II. Vatikanum der Kirche zur Aufgabe gemacht hat.


Maritain im Einzelnen

Beginn

In seiner vorthomistischen Phase (1882-1910) wandte sich Maritain, da er nach Lebenssinn stiftender absoluter Wahrheit suchte, vom liberal-relativistischen Protestantismus seiner Familie ab und ließ sich 1906 mit seiner Frau Raïssa (1883-1960) mit Léon Marie Bloy als Pate in die katholische Kirche aufnehmen. Zunächst frustriert durch die positivistischen und antimetaphysischen Strömungen an der Sorbonne, an der er von 1900-1906 Philosophie und Naturwissenschaften studierte, fand er in der Philosophie von H. Bergson einen grundsätzlichen Zugang zum Absoluten. Als er dessen anti-intellektuellen Ansatz durchschaute, kam ihm ein Stipendium der Biologie sehr entgegen, das ihm 1906-1908 in Heidelberg bei Hans Driesch die Möglichkeit bot, die Philosophie fürs Erste ruhen zu lassen. Dies änderte sich schlagartig, als Maritain ab dem Herbst 1910 mit dem Studium der Summa Theologiae begann.

Kritik an Bergson

Mit dem Übereifer eines Bekehrten zeigte Maritain 1914 mit seinem ersten Buch („La Philosophie bergsonienne“) schonungslos die Widersprüche in Bergsons Denken durch eine Gegenüberstellung mit der thomistischen Philosophie auf. Von da an versuchte Maritain einerseits, die Grundbegriffe des hl. Thomas und der klassischen Metaphysik in verschiedenen Bereichen fruchtbar zu machen, so u.a. in der Philosophiegeschichte („Antimoderne“ 1922; „Trois Réformateurs“ 1925), in der Ästhetik („Art et Scolastique“ 1920; „Frontières de la poésie“ 1926), in Fragen der Spiritualität („De la vie d’oraison“ 1925; so wie das wirkungsstarke Werk „Primauté du spirituel" von 1927). Gleichzeitig stand Maritain in intensivem Austausch mit Schriftstellern, Künstlern und Denkern verschiedenster Couleur (viele Briefwechsel, u.a. mit Julien Green 1926-1972, „Réponse à Jean Cocteau“ 1926). Maritains geistiges Interesse, verstärkt durch seine Professur für moderne Philosophiegeschichte ab 1914 am Institut Catholique, führte zunächst zu einem völligen Aufgehen im Universum der Ideen. Das brachte nach dem Urteil seiner Frau Raïssa eine gewisse Weltfremdheit mit sich.

Thomismus und Maurras

Im Thomismus fand er nicht nur „eine realistische Philosophie des Begriffes“, sondern auch eine metaphysische Waffe, die er vehement gegen Modernismus und Liberalismus einsetzte. Seine blauäugige Sympathie mit der Action Française, forciert durch seinen Beichtvater H. Clérissac, seine Äußerungen gegen den „Demokratismus“ und die „egalitäre Utopie“ führten dazu, dass man ihn nicht nur zur extremen Rechten zählte, sondern auch als „Sprecher der kirchlichen Lehre“ sah. Das änderte sich deutlich nach dem Verbot der restaurativ-royalistischen Action Française durch Pius XI. 1926. Indem Maritain Roms Position verteidigte („Le sens de la condamnation“ 1927; „Clairvoyance de Rome“ 1929), distanzierte er sich zunehmend von konservativen philosophischen wie auch streng kirchlichen Kreisen.

In „Les Degrés du savoir“ (1932) zeigte Maritain dann, wie die verschiedenen Erkenntnisarten aus Naturwissenschaft, Mathematik, Metaphysik und Mystik aufeinander aufbauen und einander ergänzen. Nicht nur an Maritains Werken ab 1933 lässt sich ablesen, dass seine dritte Schaffensphase unter dem Primat der Freiheit stand. Denn zunächst suchte er persönlich gegenüber der katholischen Hierarchie eine eigenständigere Position „als christlicher und weniger als apologetischer Philosoph“ einzunehmen. Dabei scheute er sich auch nicht, für das politisch linke Spektrum einzutreten. Er unterstützte den Aufbau der liberalkatholischen Zeitschrift „Sept“ sowie als freier Mitarbeiter die 1935 entstehende linke Wochenzeitung „Vendredi“, die sich rühmte, die bekanntesten Köpfe der Linken zu vereinen. Philosophisch richtete Maritain sein Augenmerk verstärkt auf die Ontologie, d.h. er untersuchte neben der Essenzordnung intensiv die von ihm bis dahin eher vernachlässigte Existenzordnung („Sept leçons sur l’être“ 1934; „De Bergson à Thomas d’Aquin“ 1944).

Bekenntnis zu Demokratie und Humanismus

Mehr und mehr wandte er sich konsequent der praktischen Philosophie zu und beschäftigte sich mit Fragen der Ethik („Science et Sagesse“ 1935; „Saint Thomas et le problème du mal“ 1942) sowie mit den Grundlagen der Politik.

Seine Studien prägte ein klares Bekenntnis zur Demokratie und gipfelten bereits 1936 in „Humanisme intégral“, dem Meisterwerk seiner zweiten Phase. Darin legte Maritain die Grundidee für eine Gesellschaftsordnung vor, deren humanistische Grundwerte dem Geist des Evangeliums entsprachen, zugleich aber ohne eine konfessionelle Bindung der Macht auskamen. Weitere Werke zum Schutz der demokratischen Freiheit und zur Vermeidung von Totalitarismus und Diktatur folgten („Les Droits de l’homme et la loi naturelle“ 1942; „Christianisme et démocratie“ 1943; „Principes d’une politique humaniste“ 1944). nicht zuletzt darum bemüht, vom Naturgesetz her die Rechte der Person allgemein verbindlich definieren und ihre unantastbare Würde durch einen theozentrischen Humanismus schützen zu können.

Seit Mitte der zwanziger Jahre wurde Maritain europaweit zu Vorträgen eingeladen, 1933 zu ersten Gastvorlesungen nach Toronto und Chicago. Nachdem seine Tätigkeit als Gastprofessor in den USA stetig zunahm, verlegte er (nicht zuletzt aufgrund der Kriegswirren) seinen Wohnsitz ab 1940 nach New York, von wo aus er durch mehr als 100 Artikel und Radioansprachen den Kampf gegen das NS-Regime unterstützte. Maritains letzte Schaffensphase (1947-1973), von vielen Maritain-Kritikern einfach übergangen, war geprägt durch die Erarbeitung eines kohärenten Personalismus. Obwohl Maritain auf Drängen von Charles de Gaulle 1945-1948 das Amt des Botschafters am Heiligen Stuhl in Rom übernommen hatte, nutzte er jede freie Minute, um die verschiedenen Erkenntnisformen seiner vorigen Phase – die Maritains Meinung nach für den Philosophen konstitutive Seins- bzw. Existenzintuition („Sept leçons sur l’être“ 1934), die Erkenntnis durch natürliche Mystik („Quatre essais sur l’esprit“ 1939) sowie die moralischen Entscheidungen vorausgehende Einsicht in die moralische Ordnung („De Bergson à Thomas d’Aquin“ 1944) – weiter zu entfalten und in einem umfassenden System zusammen zu führen.

Umfassend, weil für ihn bislang nur Erkenntnisformen brauchbar schienen (obwohl er um andere wusste), die zur Essenzebene gehörten und als begriffliche Erkenntnis den verschiedenen Abstraktionsgraden zugeordnet werden konnten. Indem er nun beim menschlichen Erkennen verschiedene Arten konnaturaler Einsichten unterschied, konnte er auch die Erkenntnisformen in seine Epistemologie integrieren, die auf der Existenzebene stattfinden. Damit gelang Maritain der Durchbruch in der metaphysischen Grundlegung der Person („Court traité“ 1947; „Raison et raisons“ 1947), die nicht länger als suppositum, als Träger der Fakultäten von Intellekt und Wille gesehen wurde. Indem Maritain die Subsistenz nicht mehr als passiven Status der Unabhängigkeit, sondern als aktive und autonome Ausübung des Existenzaktes definierte, konnte er die Person als neue subsistierende Dimension umschreiben, die um sich selbst weiß (Selbstinnerlichkeit) und über sich selbst verfügt (Selbststand). Selbstand meint für ein geistbegabtes Subjekt, dass es sich nicht in mentalen Operationen erschöpft, sondern einer nie versiegenden Quelle gleicht, die sich in Akten von Erkenntnis und Liebe verströmt. Darum prägte Maritain den Begriff „geistige Überexistenz“, um damit das Zentrum der Person zu umschreiben, das im Letzten auf unerschöpflichen interpersonalen Austausch angelegt ist.

Mitwirkung an der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte

Bevor er sich weiteren Studien zuwenden konnte, wurde ihm eine andere wichtige Aufgabe übertragen: Er sollte die Leitung der Delegation übernehmen, die Frankreich bei den UNESCO-Sitzungen in Mexiko-Stadt vertrat, wo es einen Entwurf für einen global geltenden Katalog von Menschenrechten auszuarbeiten galt. In den Diskussionen konnte Maritain auf seinen philosophisch fundierten Katalog von 26 Menschenrechten zurückgreifen („Les Droits de l’homme et la loi naturelle“ 1942) und damit gleichermaßen eine präzise wie übergreifende Bestimmung der eigentlichen personalen Rechte vorlegen. Sein Einfluss in Mexiko kam schließlich darin zum Ausdruck, dass sich 22 der 26 von ihm vorgeschlagenen Rechte in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (verlesen zu Paris von Eleanor Roosevelt) wiederfanden, die die Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 verabschiedeten. Bereits im Frühjahr 1948 bat Maritain um seine Entlassung aus dem diplomatischen Dienst und kehrte aus Rom in die USA, seine Wahlheimat, zurück. Indem er in Princeton als Professor emeritus den eigens für ihn eingerichteten Lehrstuhl für Moralphilosophie annahm, war es ihm nun wieder möglich, weitere Aspekte des Existentialismus und Personalismus zu erarbeiten. Dazu gehörten zunächst Ausführungen zum Freiheitsbegriff, zur intuitiven Einsicht in moralische Normen und zum aus moralischem Handeln resultierenden Seinswachstum („La loi naturelle“ 1950; „Neuf leçons sur la philosophie morale“ 1951; „Approches de Dieu“ 1953).

Vor und nach dem II. Vatikanum

Mit diesen Grundlagen konnte er 1953 in seinem Meisterwerk dieser Phase, „L’Intuition créatrice dans l’art et dans la poésie“, anhand der detaillierten Untersuchung dessen, was sich im Künstler von der auslösenden Inspiration bis zum fertigen Kunstwerk abspielt, ein dynamisches Seelenmodell vorlegen. Darin sind sämtliche Aspekte konnaturaler Erkenntnis, innerpsychischer Vorgänge, schöpferisch-personaler Selbständigkeit und ontologischer Seinsmächtigkeit kohärent integriert. So kann Maritain sich später auch noch an die Untersuchung der Person Jesu und seiner beiden Naturen wagen („De la grâce et de l’humanité de Jésus“ 1967). Der Lehrstuhl in Princeton ließ Maritain genügend Freiraum für internationale Vorträge, v.a. in den aufstrebenden Demokratien Lateinamerikas, für Kongresse wie auch für eine Reihe weiterer verschiedenartigster Veröffentlichungen ("Pour une philosophie de l’éducation" 1953; "Le Péché de l’Ange" 1956; "Pour une philosophie de l’histoire" 1957; "Liturgie et contemplation" 1959; "La Philosophie morale" 1960). Durch den Tod seiner Schwägerin Véra (1959), die seit 1907 den gemeinsamen Haushalt versorgt hatte, sowie durch den Tod seiner Frau (1960) geriet Maritain in eine schwere Krise. Er ließ sich im März 1961 in Toulouse nieder, wo er bis zu seinem Tod bei den von Charles de Foucauld gegründeten Petits Frères de Jésus eine neue geistige Heimat fand und sich eigentlich nur ungestört auf das Sterben vorbereiten wollte.

Wider Erwarten fand er zu neuen Kräften und begann erneut zu publizieren. Auf die persönlichen Aufzeichnungen seiner Frau („Journal de Raïssa“ 1962) folgten seine eigenen Memoiren („Carnet de notes“ 1964). In der Folgezeit ergänzte er viele seiner Werke und Gedanken durch eine Fülle weiterer Artikel und Vorträge („Approches sans entraves“ 1973 posthum). Ebenso präsentierte er eine Zusammenfassung seiner Gedanken, indem er sie unguten Veränderungen in Kultur, Kirche und Politik kritisch gegenüber stellte („Le Paysan de la Garonne“ 1966 (dt. 1969)). Vor diesem Hintergrund kann Maritains letzte Schaffensphase kaum als Rückfall ins rechte Lager bezeichnet werden, sondern ist als eigenständiges Streben nach einem kohärenten personalistischen Ansatz zu werten. Offizielle Anerkennung erntete er dafür u.a. durch die Gründung des Jacques Maritain Center an der Notre Dame University in Indiana (USA) 1958, des Cercle d’études Jacques et Raïssa Maritain in Kolbsheim (Frankreich) 1962, des Institut International Jacques Maritain 1964 in Rom sowie durch die Verleihung des „Grand Prix de Littérature“ im Juni 1961 und des „Grand Prix National des Lettres“ 1963 seitens der Académie française.

Am 8. Dezember 1965 durfte er mit großer Freude zum Abschluss des II. Vaticanums, zusammen mit Jean Guitton, aus der Hand seines langjährigen Freundes Papst Paul VI. die Botschaft an die Welt der Geisteswissenschaften in Empfang nehmen. Sein Werk hatte großen Einfluss auf die Grunhaltungen des Konzilspapstes. Maritain lieferte auch einen Entwurf für das Credo des Gottesvolkes von 1968, den Charles Journet (siehe Bild oben) -- unabgesprochen -- unverändert dem Papst zusandte. Dieser erkannte in dem Entwurf den angemessenen Ausdruck des sensus fidelium (Glaubenssinnes der Gläubigen) und legte den Entwurf weitgehend seinem verbindlichen Credo zugrunde. Auf Maritains offiziellen Eintritt ins Noviziat der Kleinen Brüder am 1. Oktober 1970 folgten bereits ein Jahr später die Ewige Profess, in deren Gemeinschaft der „Pilger des Absoluten“ 1973 starb.

Der Maritain-Thomismus

Maritain vertrat einen „lebendigen Thomismus“, der unvoreingenommen „mit den geistigen Anstrengungen der Moderne sympathisiert und wie der hl. Thomas über aktuelle Probleme nachdenkt“. Für ihn war der Thomismus „heute noch wie im Mittelalter aktiv, eroberungslustig und als einziger in der Lage – unter der Bedingung, dass die Integrität seiner Prinzipien erhalten bleibt –, auf die gegenwärtigen Schwierigkeiten zu antworten“. Darum Maritains viel zitiertes „Weh mir, wenn ich nicht Thomas treibe!“ Ausführlich präsentierte Maritain sein Verständnis des Thomismus in „Le Docteur angélique“ (1930, 22-25), wo er thesenhaft u.a. darauf hinweist, dass es „eine thomistische Philosophie, aber keinen Neothomismus gibt“. Denn der Thomismus „erhebt den Anspruch, die Vernunft für die Unterscheidung von richtig und falsch zu gebrauchen. Er will das moderne Denken nicht vernichten, sondern es reinigen und alles integrieren, was seit Thomas als wahr entdeckt wurde.“ So gesehen „ist der Thomismus eine Weisheit“, denn seine Prinzipien und seine Struktur „basieren einzig auf der Erfahrung und der Vernunft“. Damit ist er zwar „von den Grundgegebenheiten des Glaubens unabhängig“, aber offen für dessen Anregungen. Bereits wenige Jahre zuvor schrieb M., dass der Thomismus „nicht die Philosophie eines Einzelnen ist oder ein System unter anderen, sondern vielmehr die beständig sich weiter entwickelnde Philosophie der Menschheit. Als Seinsphilosophie vertraut sie der Vernunft mit mehr Kühnheit als alle anderen Philosophien, steht jedoch im Dialog mit ihnen und greift deren Beiträge auf.“

Mit dieser Auffassung grenzte sich Maritain unweigerlich von vielen (Neo-)Thomisten ab, die mehr an einer nach innen gerichteten Systematisierung des Thomismus interessiert waren. Nach deren Verständnis entsprach der philosophia perennis ein geschlossenes System, da nur so gegenüber den Veränderungen der Moderne und deren Prinzip der Geschichtlichkeit, das alles zu relativieren schien, überzeitliche Gültigkeit garantiert werden konnte. Dazu stand Maritains kreativer Ansatz in gewissem Gegensatz, da dieser zwar einen vertrauten Umgang mit den Texten des hl. Thomas voraussetzte, allerdings nicht im Sinne der Forschung, die ein Historiker betreibt. Vielmehr sollten aktuelle Fragen und Probleme im Licht des Denkens und der Prinzipien des Aquinaten betrachtet werden. Für Maritain war Thomas „der Apostel der Moderne; unsere Aufgabe hingegen ist es, für die neuen Materialien und Probleme die wertvollen Werkzeuge der Weisheit, die Denkmittel einzusetzen, mit denen er uns ausgerüstet hat.“ – Maritains Verständnis des Thomismus ist durchweg von großer Kreativität geprägt, so dass Étienne Gilson, trotz seiner andersartigen Thomas-Interpretation, von „begnadeten charismatischen Einsichten“ spricht. „Es gab wohl keine Frage, egal wo sie gestellt wurde, die Maritain nicht begriff und auf die er keine Antwort gab.“

Damit verweist Gilson auf das Phänomen, dass sich Maritains Schriften mit fast sämtlichen Bereichen der Geisteswissenschaften beschäftigten: Neben den verschiedenen Disziplinen der Philosophie wie Ontologie, Epistemologie, Metaphysik, Logik, Philosophiegeschichte, Anthropologie und Ethik befasste er sich u.a. mit Fragen der Kunst, Politik, Pädagogik, Spiritualität, Theologie. Wenn es einem Schüler des hl. Thomas im 20. Jahrhundert gelungen ist, den Thomismus und seine Prinzipien über philosophisch interessierte Zirkel hinaus fruchtbar ins Gespräch zu bringen, dann ist es Maritain verständlich, dass sich Papst Johannes Paul II. nicht scheute, ihn „neben die Meister der antiken Philosophie zu stellen“. Denn Maritain hat sich typisch neuscholastischen Katalogisierungsbemühungen erfolgreich widersetzt und in kreativer Eigenständigkeit viele offene Fragen des Thomismus beantwortet oder vorangebracht. So u.a. eine auf konnaturale Einsichten aufbauende Epistemologie; eine gleichermaßen die Essenz- wie die Existenzordnung berücksichtigende Ontologie; ein von den Kategorien Freiheit und Liebe ausgehender analoger Personbegriff; ein dynamisches Seelenmodell, das nicht nur Erkenntnisse der modernen Psychologie aufnimmt, sondern auch Anforderungen und Konsequenzen ethischen Handelns in einer modernen Anthropologie integriert.

Sein kohärenter Personalismus ermöglicht es außerdem dem späten Maritain, das neuzeitliche Prinzip der Geschichtlichkeit nicht als Faktor einer Relativierung überzeitlicher Wahrheiten, sondern als Ausdruck menschlicher Freiheit und Verantwortung zu sehen. Der Mensch ist zu Erkenntnis und Handeln in Freiheit und Liebe geschaffen und kann zur Vermenschlichung der Welt sowie zu ihrer Vergöttlichung mit Hilfe der Gnade beitragen – ganz im Sinne eines integralen Humanismus. Diese Interaktion mit der Welt und ihren Geschöpfen beeinflusst einerseits den Lauf der Geschichte, muss aber andererseits an überzeitlichen Prinzipien gemessen werden können, die darüber entscheiden, ob das Wechselspiel der Freiheiten, das die Grundlage der Geschichte bildet, eine zu- oder abnehmende Humanisierung des Menschen und seiner Welt (Seinswachstum oder -minderung) bewirkt. Gilsons Urteil: „Maritain ist der einzige Thomist unserer Tage, dessen Denken sich bewahrheitet hat als hochstehend, kühn, kreativ und fähig, sich mit den drängendsten Problemen auseinander zu setzen.“ Schließlich näherte sich auch "Nicht-Thomist" Jean Guitton, der in seinem philosophischen Werk stets mehr historisch als spekulativ argumentierte, mit Dieu et la science 1991 einem "geläuterten Thomismus" an, ohne dass er je Maritain offen applaudiert hätte.

Werke

  • Der Bauer von der Garonne. München 1969.
  • Beiträge zu einer Philosophie der Erziehung. Paderborn 1966
  • Wege zur Gotteserkenntnis. Colmar 1955
  • Die Stufen des Wissens oder durch Unterscheidung zur Einung. Mainz 1954
  • Christlicher Humanismus. Politische und geistige Fragen einer neuen Christenheit, Heidelberg 1950 (orig. frz. Humanisme integral, 1936).
  • Christentum und Demokratie (Abendländische Reihe Band 11) Johann Wilhelm Naumann Verlag 1949 (78 S.)

Zitate

"Am 25. Juni 1905 stiegen zwei junge Menschen von zwanzig Jahren die endlose Treppe hinauf, die zum Sacré-Coeur führt. Sie trugen in sich jene Bedrängnis, die das einzige ernsthafte Produkt der modernen Kultur ist, und eine Art aktiver Verzweiflung, nur erhellt, sie wußten nicht warum, von der inneren Sicherheit, dass ihnen eines Tages die Wahrheit gezeigt würde, nach die sie hungerten und ohne die es ihnen fast unmöglich war, das Leben anzuerkennen. Eine gewisse ästhetische Moral hielt sie gerade noch aufrecht, um der Idee des Selbstmordes nicht zu erliegen. Belehrt durch Bergson hatten sie ihren Verstand geläutert vom wissenschaftlichen Aberglauben, mit dem sie die Sorbonne genährt hatte, doch waren sie sich bewußt, dass die 'Intuition' von Bergson nur eine schwache Zuflucht gegen den Skeptizismus bot, dieser logischen Folge aller modernen Philosophien. Da sie ihnen durch falsche Vorurteile und den falschen Schein vieler sogenannter gutdenkender Kirchgänger verborgen war, hielten sie die Kirche für das Bollwerk der Mächtigen und Reichen, welche ein Interesse daran hatten, weitgehend die Anschauungen des 'finsteren Mittelalters' zu erhalten. Sie schritten einem sonderbaren Bettler entgegen, einem Verächter der Philosophie, der von den Dächern die göttliche Wahrheit verkündete, einem bis zum letzten gehorsamen Katholiken, der seine Zeit und diejenigen, welche hier unten ihre Seligkeit finden, mit mehr Freiheit verurteilte, als es alle Revolutionäre der Welt tun. (...) Kaum hatten sie die Schwelle seines Hauses überschritten, wurden alle ihre bisherigen Werte wie durch eine unsichtbare Macht auf den Kopf gestellt. Man wusste oder erahnte es: Es gibt nur eine Traurigkeit, nämlich jene, kein Heiliger zu sein."

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