Kirchliche Bedeutung der Marienheiligtümer

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Schreiben
Kirchliche Bedeutung der Marienheiligtümer

des Vorsitzenden des Zentralkomitees für das Marianische Jahr, Kardinal Luigi Dadaglio
unseres Heiligen Vaters
Johannes Paul II.
an die Diözesanbischöfe
über die kirchlichen Aufgaben der Marienheiligtümer
8. September 1987

(Quelle: Der Apostolische Stuhl 1987, S. 2212-2222)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Exzellenz!

Inhaltsverzeichnis

Einleitend

Der Heilige Vater bezeichnete in seiner Ansprache vom 1. Januar 1987 und in der Enzyklika Redemptoris mater (Nr. 28) die Marienheiligtümer sozusagen als eine "eigene ,Geographie' des Glaubens und der marianischen Frömmigkeit", als die bevorzugten Orte für die Feier des Marianischen Jahres. Das Zentralkomitee war bestrebt, schon in seinem ersten Schreiben vom 27. März 1987 diese Bezeichnung des Heiligen Vaters hervorzuheben. Nunmehr, nachdem die Feier des Marianischen Jahres bereits ihren Anfang genommen hat, erschien es uns angebracht, diesen Aspekt zu vertiefen, indem wir den Bischöfen einige Punkte zur Reflexion vorlegen, die sie an die Direktorien und an die Verantwortlichen der Marienwallfahrtsorte weitergeben mögen.

Wir nehmen dabei ausdrücklich auf die Instruktion der Kongregation für den Gottesdienst, Orientamenti e Proposte per I´Anno Mariano (Richtlinien und Vorschläge für das Marianische Jahr, Vatikan. Verlagsbuchhandlung 1987) Bezug, die fortan mit der Abkürzung OP bezeichnet wird; ferner auch auf die Instruktion der Kongregation für die Orientalische Kirchen, L'Enciclica Redemptoris mater e le Chiese Orientali nell' Anno Mariano (Die Enzyklika RM und die orientalischen Kirchen im Marianischen Jahr, Vatikan. Verlagsbuchhandlung, 1987), die mit der Abkürzung IO zitiert wird, sowie auf den Kalender des Marianischen Jahres, Calendario dell' Anno Mariano (Vatikan. Verlagsbuchhandlung 1987).

Spezifischer Zweck des Wallfahrtortes - durch die Gegenwart des Herrn geheiligt und gleichsam Hafen des pilgernden und büßenden Volkes Gottes sind die Anbetung Gottes, das Bekenntnis des Glaubens, die liturgische Feier der Heilsgeheimnisse Christi und das gemeinschaftliche und persönliche Gebet. Jeder Wallfahrtsort ist, ebenso wie jede Kirche, Abbild (Ikone) des Weilens Gottes unter den Menschen in der kirchlichen Gemeinschaft und Abbild jedes einzelnen Jüngers Christi als Tempel des Heiligen Geistes.

Auch dem Marienwallfahrtsort ist diese Bedeutung eigen. In ihm wird Maria den Gläubigen zur Verehrung vorgestellt, im Geheimnis der Menschwerdung, als Wohnung Gottes, als Thron der Weisheit und lebendiger Tempel des Heiligen Geistes; sie verkörpert somit auf konkrete und geheimnisvolle Art den vorzüglichen Weg zu einer Begegnung mit dem Herrn.

Aus der vielfältigen Bedeutung der Marienwallfahrtsorte im Leben der Kirche und jedes einzelnen Christen ergeben sich die Richtlinien und Vorschläge, von denen nun die Rede sein wird.

Die Marienwallfahrtsorte sind - ihrem Anspruch nach - der Erinnerung an ein als außerordentlich betrachtetes Ereignis gewidmet, das Ausdrucksformen der Verehrung und der Frömmigkeit hervorgerufen und im Volk Gottes das Verlangen nach wiederholten Pilgerfahrten geweckt hat; aufgrund der zahlreichen Zeichen der mütterlichen Hilfe und Fürbitte Marias, die dort sichtbar geworden sind, stellen die Wallfahrtsorte in den Augen des Glaubens bevorzugte Orte ihrer Gegenwart und ihrer mütterlichen Mittlerschaft dar; dank des sakramentalen Lebens, das sich dort entfaltet, sind sie Orte der Gnade und der Stärkung des Glaubens, Zielpunkte der menschlichen Hoffnung und wirksamer Ansporn für die Entfaltung der Nächstenliebe und für eine durch die Nachfolge Christi geprägte Existenz (vgl. OP, Nr. 73-79).

Im Licht dieser Bedeutungen werden hier fünf fundamentale Punkte betont, wodurch die Wallfahrtsorte tiefe Bedeutung für den Weg der Kirche in diesem Maria geweihten Jahr und in den anderen Jahren erlangen sollen, die uns noch von der Zweitausendjahrfeier der Geburt Christi trennen.

I. Das Marienheiligtum als Ort von Gottesdiensten

In jedem Marianischen Wallfahrtsort nimmt das Volk für gewöhnlich an den liturgischen Feiern und besonders an den Andachten lebhaften Anteil. Fast immer sind sie der Hauptzweck der Pilgerfahrt. Sie müssen sich daher durch vorbildlichen Stil, die Sorgfalt in den Riten, lebendige Teilnahme und Vielfalt auszeichnen (vgl. OP, Nr. 6-11; vgl. IO, Nr. 25).

Den Richtlinien des Hl. Vaters gemäß wird das Kirchenjahr der natürliche Rahmen sein, in den sich das Programm zur Feier des Marianischen Jahres in den Wallfahrtsorten einfügt (vgl. OP, Nr. 1-5; vgl. IO, Nr. 15; vgl. die historischen, liturgischen und pastoralen Hinweise des Kalenders für das Marianische Jahr).

Der Höhepunkte der Liturgie ist zweifellos die Feier der Sakramente, insbesondere der Eucharistie und der Buße. In der Pastoral der Marienwallfahrtsorte sind diese bei den Sakramente, die das Gnadenleben des Volkes Gottes nähren, von besonderer und nachhaltiger Bedeutung.

Die Eucharistie

Der Hl. Vater hat die Rolle Marias im Zusammenhang mit der Eucharistie hervorgehoben: "Maria führt die Gläubigen zur Eucharistie." (Redemptoris mater, Nr. 44). Zugleich erinnert er daran, dass die Frömmigkeit des christlichen Volkes immer die Verbindung wahrgenommen hat, die zwischen der Marienverehrung und dem eucharistischen Kult besteht (vgl. ebd.), eine Verbindung, welche "der Wirklichkeit des Wortes Gottes und der einmaligen Rolle entspringt, die Maria in der Heilsökonomie innehat, indem sie den Herrn gebiert und den Menschen schenkt" (IO, Nr. 16). In der Eucharistie vergegenwärtigt sich das Gedächtnis des Pascha des Herrn, man feiert die Gemeinschaft der Heiligen, unter denen die Jungfrau Maria den ersten Platz einnimmt und es ist der Ort, an dem die Kirche durch das Wirken des Heiligen Geistes Wirklichkeit in der Gemeinschaft mit dem auferstandenen Christus wird.

In den Marienwallfahrtsorten müssen die Eucharistiefeiern ihren ganzen christologischen und österlichen Reichtum, die ekklesiale Dimension und die bedeutungsvolle und wirksame Gegenwart Marias zeigen (vgl. OP, Nr. 12-21, 81; vgl. IO Nr. 14).

Auch der eucharistische Kult der öffentlichen und privaten Anbetung muss in entsprechender Weise gefördert werden; dieser ist nämlich ein ausgezeichnetes Mittel zur Belebung des Glaubens an die Realpräsenz des Herrn (vgl. OP, Nr. 29-31).

Die Eucharistie muss daher, mit ihrer Verbindung zur Gottesmutter, im Mittelpunkt des gottesdienstlichen Lebens der Marienwallfahrtsorte stehen; demnach ist eine spezifische Katechese zu intensivieren, wobei besonders der rituelle Ausdruck vervollkommnet und der Heilsinhalt wie auch die Verpflichtung für das Leben verinnerlicht werden müssen.

Die Buße

Das Sakrament der Wiederversöhnung bringt den Reichtum des göttlichen Erbarmens zum Ausdruck und teilt ihn mit; auch bedingt es die volle Gemeinschaft mit der Kirche. Darüber hinaus wird das Erbarmen als marianisches Vorrecht erfahren, wird doch die Mutter Gottes unablässig als Mutter der Barmherzigkeit angerufen. Die Marienwallfahrtsorte haben tatsächlich die Aufgabe, die Güte Gottes kundzutun; davon sind die Gläubigen überzeugt und diese Überzeugung des Volkes drängt die Menschen aller Art zu den Marienheiligtümern.

Während dieses Jahres mögen sich die Priester unter dem mütterlichen Blick Marias mit Liebe, Geduld und brüderlicher Einfühlungsgabe in den Dienst der Wiederversöhnung stellen. Sie sollen den Brüdern und Schwestern die Überzeugung einflößen, dass das Bußsakrament sich nicht im Sündenbekenntnis und in der Lossprechung erschöpft, sondern im Vorsatz andauert, in der Neuheit des Lebens zu wandeln (vgl. OP, Nr. 32-34, 82).

Die Volksfrömmigkeit

Die Marienheiligtümer sind auch als Orte gesucht, an denen die marianische Volksfrömmigkeit zum Ausdruck kommt. Schon der Wallfahrtsort als solcher ist sozusagen ein Denkmal, das die Volksfrömmigkeit der Mutter Gottes errichtet hat. Die für das Leben des Heiligtums Verantwortlichen müssen den vielfältigen Ausdrucksformen dieser Volksfrömmigkeit entsprechend Rechnung tragen, sie leiten und einfühlsam mit der Liturgie in Übereinstimmung bringen (vgl. OP, Nr. 51-57, 83-90).

Die Wallfahrten

Ein typischer Ausdruck der Marienverehrung ist das Pilgern zu den Wallfahrtsorten. Dabei ist wünschenswert, dass die Pilger, über ihre unmittelbaren und persönlichen Beweggründe hinaus, den Besuch am Wallfahrtsort in seiner Bedeutung für ihren Lebensweg erkennen: als Loslösung vom Alltäglichen, um eine tiefere Erfahrung des Geheimnisses, des Weges zur Bekehrung zu machen, der zur vollen Begegnung mit dem Herrn führt. Dieser Weg geht im Glauben den Weg Marias während ihres Erdendaseins nach ihrem Beispiel und mit ihrer Hilfe als Leben in gläubigem Gehorsam: ein Bild der Ausdauer auf dem Weg zur ewigen Heimat, wobei der Blick unablässig auf Jesus, den Urheber und Vollender des Glaubens gerichtet ist (vgl. Hebr 12,12; vgl. OP, Nr. 77-79; vgl. JO, Nr. 26).

II. Das Marienheiligtum als Ort der Kultur

Der Marienwallfahrtsort ist nicht nur dem Gottesdienst gewidmet, sondern er ist auch ein Kulturzentrum, das auf die menschliche Entfaltung einen positiven Einfluss ausüben sollte. Die Geschichte, die Tradition und die künstlerische Gestaltung der einzelnen Wallfahrtsorte sind Zeugen einer Kultur, die die Wechselwirkung zwischen dem Heiligtum und dem Leben der Bevölkerung in seiner Umgebung widerspiegelt.

In dieser Hinsicht können die Marienwallfahrtsorte als eine wahre und echte "via pulchritudinis" zur Betrachtung der Schönheit Gottes und des Geheimnisses Marias hinführen. Es ist wünschenswert, dass die Pilger an allen Wallfahrtsorten historisch, künstlerisch und didaktisch wertvolle Hilfsmittel vorfinden, die es ihnen ermöglichen, auch aus der ästhetischen Betrachtung der heiligen Orte Nutzen zu ziehen (vgl. OP, Nr. 92-94).

Der wichtigste "kulturelle" Aspekt bleibt jedoch das vertiefte Verständnis und die Verbreitung der Konzilsaussagen über die Jungfrau Maria, sei es hinsichtlich der sie betreffenden Glaubenswahrheiten, sei es hinsichtlich des Glaubenslebens (vgJ. Redemptoris mater, Nr. 48). Die Marienwallfahrtsorte sind die natürlichen Zentren der mariologischen Katechese und Bildung, wobei sie sich der Mittel bedienen sollen, welche die religiösen Kenntnisse der Pilger bereichern. Zu diesen Mitteln zählen vor allem Erklärungen, wissenschaftliche Kongresse, Studientagungen, Vorträge zu speziellen Themen, Bibliotheken mit einer entsprechenden Auswahl marianischer Bücher, Zeitschriften, audiovisuelle Mittel, künstlerische und dichterische Veranstaltungen, Aufführungen religiösen Inhalts, Konzerte, Ausstellungen usw. (vgJ. IO, Nr. 24). Nicht alle Wallfahrtsorte werden die Möglichkeit haben, diese Mittel in ihrer Gesamtheit anzubieten; dennoch soll die kulturelle Förderung, durch die jeder Wallfahrtsort, seinen Möglichkeiten entsprechend, belebt werden soll, eindrucksvoll und prophetisch sein (vgl. OP, Nr. 91).

Es ist demnach klar, dass die Priester, Ordensleute und Animatoren der Wallfahrtspastoral darauf bedacht sein sollten, ihre Kenntnisse über Maria im Geheimnis Christi und der Kirche im Lichte von Lumen gentium zu vertiefen (vgl. ebd. Nr. 8); das gleiche gilt für die Kenntnis des liturgischen Kultes und der Andacht gemäß des Apostolischen Schreibens Marialis cultus, wie auch für die lebendige Gegenwart Marias auf dem Glaubensweg des Volkes Gottes und für die Bedeutung des Marianischen Jahres im Licht der Enzyklika Redemptoris mater. Die kulturelle Ausstrahlung der Wallfahrtsorte auf den Geist und die Herzen der Gläubigen wird der theologischen Ausbildung derer entsprechen, die den Geist der Wallfahrtsorte prägen.

III. Das Marienheiligtum als Ort des Angebots einer Berufung

Im Licht des Glaubens betrachtet, ist jede Berufung ein beglückender Ruf Gottes und eine bewusste und verantwortete Zustimmung des Menschen. In dieser glücklichen und geheimnisvollen Beziehung zwischen der innerlich vernehmbaren Stimme Gottes und der Antwort des Menschen begegnet man fast immer der Gegenwart eines Zeichens. Der Wallfahrtsort bietet auch den Rahmen für die Verkündigung und die Feier des Geheimnisses der Berufungen in der Kirche. In der Verborgenheit ihres Hauses in Nazareth empfängt Maria die Botschaft des Engels und gibt ihre Zustimmung: dieses Fiat wird zum Vorbild jeder Berufung in der Kirche.

An Maria, eine demütige und arme Frau, ergeht von Gott der Ruf, seine erste Mitarbeiterin am Heilswerk zu werden. Sie ist eine restlos, mit Leib und Seele Gott geweihte Jungfrau. In ihr, der Frau und Mutter, der erhabenen Tochter Zions, erfüllen sich die Verheißungen, die Gott seinem Volk gegeben hat. Im Licht dieser Werte, von Maria zum Ausdruck gebracht und an den Wallfahrtsorten den Gläubigen neuerlich für ihren Weg im Glauben vor Augen geführt, erscheinen diese als Orte des Angebots einer Berufung an die Frau und die Familie zum gottgeweihten Leben.

Die Berufung der Frau

In den Marienheiligtümern verehrt man eine Frau, die heilige Jungfrau Maria. Ihr Bild ist von Ehrfurcht, Lob und Frömmigkeit umgeben; erhabene Gefühle des Vertrauens, der Freude und der Liebe gehen von ihm aus und leiten dazu an, die Frau zu ehren. Die Marienwallfahrtsorte haben daher auch die Aufgabe, konkret mit den Lehraussagen der Kirche über die Frau bekanntzumachen. Die letzten Päpste habe die Marienverehrung in engen Zusammenhang mit der Achtung für die Frau gebracht; sie haben Maria als das Symbol der Weiblichkeit in Erscheinung treten lassen. Paul VI. bezeichnete Maria in Marialis cultus als die "neue Frau und vollkommene Christin, die in sich, weil Jungfrau, Frau und Mutter, die bezeichnendste Situationen des Frauenlebens umschließt" (vgl. ebd. Nr. 36). Johannes Paul II. hat in Redemptoris mater neuerlich betont, dass "die marianische Dimension im christlichen Leben ( ... ) einen eigenen Akzent im Blick auf die Frau und ihre Lebenslage erhält" (vgl. ebd. Nr. 46).

Die Berufung der Frau wird selbstverständlich an den Marienwallfahrtsorten eine erneuernde und entscheidende Kraft finden, einen Ansporn und eine wirksame Einladung, sich für die Befreiung und Entfaltung des Menschen einzusetzen (vgI. IO, Nr. 28).

Die Berufung der Familie

Die Marienheiligtümer sind das Ziel nicht nur individueller, sondern auch gemeinschaftlicher Pilgerfahrten von Ehepaaren und Verlobten, die ihre Liebe und ihr Versprechen der himmlischen Mutter weihen und vor ihr bekräftigen. Auch kommen Familien, die als Hauskirchen dem Beispiel Marias folgen möchten; sie beseelte einst die Heilige Familie und nun legen sie ihre Hoffnungen, Leiden und Schwierigkeiten zu ihren Füßen nieder und erbitten ihren Schutz. Diese Familiengruppen erfahren am Wallfahrtsort eine Vertiefung des christlichen Sinnes der Liebe, die die wahre, göttliche Dimension des Menschen ist; darüber hinaus wird ihnen eine bessere Kenntnis des gesellschaftlichen und ekklesialen Wertes der Familie zuteil, der in der zeitgenössischen Welt nach und nach zerfällt, sowie des sakralen Charakters der Ehe, der heute immer mehr infrage gestellt und beleidigt wird, jedoch nach dem hl. Paulus der vorzügliche Weg zum Einswerden mit Gott in Jesus Christus ist (vgl. Kol 3,18-21). Die Huldigung welche die Brautleute Unserer Lieben Frau nach der Trauung darbringen, sowie die Hochzeitsfeier an einem Marienwallfahrtsort müssen die Gelegenheit für tiefere religiöse Wertschätzung des Ehesakraments in der Familie bieten und auch eine erste Begegnung mit der Berufung zur Familie ermöglichen.

Die für das Leben und die Sendung der Wallfahrtsorte Verantwortlichen müssen sich ganz besonders und mit großer Sorgfalt für eine entsprechende Darstellung der Berufung zur Familie einsetzen und für geeignete Hilfsmittel für die Festigung und Entwicklung dieser Berufung Sorge tragen (vgl. OP, Nr. 42-45).

Die Berufung des gottgeweihten Lebens

Die Orte, welche der Verehrung jener Frau gewidmet sind, die sich in immerwährender Jungfräulichkeit, in der Armut des Lebens und im Gehorsam des Glaubens rückhaltlos dem Dienst Christi und seiner Kirche weihte, sind ihrer Natur nach Einladung, Verkündigung und Stärkung der Berufung zum Priestertum und zum gottgeweihten und missionarischen Leben. Es ist bekannt, dass vielfältige und große Berufungen dieser Art an Marienwallfahrtsorten keimten, dort reiften und von dort auch ihre Kraft empfingen.

Im gegenwärtigen Augenblick der Krise der Priester- und Ordensberufe müssen die Wallfahrtsorte neuerlich der Wahrnehmung des göttlichen Rufes und der großzügigen Antwort des menschlichen Herzens förderlich sein, indem sie dem Beispiel Marias folgen und auf ihre mütterliche Hilfe vertrauen. Der Dienst am Wort und das Beispiel der am Wallfahrtsort Tätigen bringen die Voraussetzungen für eine qualifizierte Katechese hinsichtlich dieser Art von Berufungen mit. Sorgfältig vorbereitete liturgische Feiern müssen auch geeignet sein, die Gabe der Berufung wünschenswert erscheinen zu lassen und vom Herrn durch die Fürbitte seiner Magd Maria diese Gnade und die Treue zur Berufung zu erflehen. Darüber hinaus werden auch die dem gottgeweihten Leben geltenden Feiern - z. B. die Profess oder deren Jahrestage -, die in Wallfahrtsorten stattfinden, zu Verkündigung, Zeugnis und Gebet, also zu kostbaren Elementen für das Keimen oder die Festigung solcher Berufungen. Die Gegenwart und die Fürbitte Marias und das Lebensideal, das von ihr ausgeht, bleiben die Grundlage und das eindrucksvollste Vorbild für Berufungen gottgeweihten Lebens, für jene Männer und Frauen von heute, die an das Heil glauben und sich zu einer vollkommenen Hingabe ihrer selbst im Dienst der Kirche gedrängt fühlen.

IV. Das Marienheiligtum als Ort der Nächstenliebe

Jedes Marienheiligtum strahlt schon als solches, da es die Gegenwart, die Vorbildlichkeit und die Fürbitte der Jungfrau des Magnifikat feiert, das Licht und die Wärme der Nächstenliebe aus. Dies geht aus den Worten und aus dem Inhalt hervor, denen Maria in ihrem Hymnus Ausdruck verleiht, es entspricht der Haltung der immer auf die Nöte der Bedürftigen aufmerksamen Mutter Jesu (vgl. Joh 2,2-10) und wird dank der mütterlichen Gegenwart der "Frau" unter dem Kreuz des Sohnes und Erlösers vertieft, die mit ihm im Liebeswerk der Erlösung verbunden ist.

"Caritas" im ursprünglichen Sinn bedeutet die im Namen Gottes geübte Liebe, deren konkrete Ausdrucksformen Erbarmen, Solidarität, Gemeinsamkeit, Aufnahmebereitschaft, Hilfe und Geschenk sind. Die von den Gläubigen an den Marienwallfahrtsorten großmütig hinterlassenen Spenden haben zu allen Zeiten nicht nur deren Einrichtung, Erhaltung, künstlerische Ausgestaltung und Gastlichkeit ermöglicht, sondern auch Hilfswerke geschaffen, die konkret den nie versiegenden Glauben der Kirche, gemeinsam mit ihrem Erbarmen und ihrer Nächstenliebe kundtun. Deshalb sind die Marienwallfahrtsorte auch ein Zeichen, das für die Mittlerschaft zwischen der Liebe Gottes und den Nöten des Menschen Zeugnis ablegt, im Namen und mit der Fürbitte der Mutter der Barmherzigkeit.

Viele Wallfahrtsorte in allen Teilen der Welt haben entsprechende Werke der Nächstenliebe geschaffen und erhalten sie auch: z. B. Krankenhäuser, Erziehungs- und Bildungsinstitute für bedürftige Kinder, Altenheime usw. Als Einzelne oder in Gruppen müssen die Kranken im Marienwallfahrtsort zuhause sein. In jedem werden die Kranken - dessen sind wir sicher - besondere Feiern, solidarische Unterstützung und wirksame Dienstleistungen vorfinden. Es wäre auf jeden Fall wünschenswert, wenn für dieses Marianische Jahr und auch für die kommenden Jahre jeder einzelne Wallfahrtsort und mehrere Wallfahrtsorte gemeinsam neue, entsprechende Strukturen schaffen oder die bereits bestehenden verbessert würden, um so den großen Übeln der zeitgenössischen Gesellschaft entgegentreten zu können, etwa der neu auftretenden Krankheit Aids, der immer weiter um sich greifenden Verbreitung der Rauschgifte, der dringenden Notwendigkeit der Assistenz für alte Menschen und dem so aktuellen Problem der Obdachlosen.

Dieses Komitee lädt alle Diözesanbischöfe herzlich ein, über die spezieIlen Initiativen auf diesem Gebiet zu berichten, da es in nächster Zukunft die Frage des karitativen Engagements anläßlich des Marianischen Jahres eingehender behandeln möchte (vgl. OP, Nr. 76, 89).

V. Das Marienheiligtum als Ort ökumenischen Einsatzes

Wenn für eine nicht geringe Anzahl von Christen, die nicht in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche leben, die Marienverehrung und die Orte, in denen sie einen besonderen Ausdruck findet, ein Element der Gemeinsamkeit und des ökumenischen Dialogs darstellen, so sind sie für andere Ursachen von Uneinigkeit und Polemik. Die historische und doktrinäre Spaltung der Kirchen ist ein großer Skandal, wenn man sie jener Einheit gegenübersteHt, für die der Sohn Gottes sein Opfer und sein Gebet dargebracht hat (vgl. Redemptoris mater, Nr. 29-31; vgl. Unitatis redintegratio, Nr. 1). Deshalb stellte das ökumenische Anliegen eine der grundlegenden Dimensionen des II. Vatikanischen Konzils dar, inspirierte ständig das Wirken Pauls VI. und leitete die Sensibilität Johannes Pauls II. in seiner Enzyklika Redemptoris mater und bei der Ankündigung des Marianischen Jahres.

Diese Sensibilität muss auch die Marienwallfahrtsorte rühren: Die Rolle Marias in der Heilsgeschichte und ihre Verehrung im Frömmigkeitsleben der Kirche sind eine der Ursachen für die Auseinandersetzung und die Uneinigkeit mit den getrennten Brüdern des Westens. Gerade deshalb müssen die Marienwallfahrtsorte Zentren der Begegnung und des Gebets werden und mutig eine ökumenische Rolle übernehmen. Die Mutter Christi und aller Menschen, die ihnen den Sohn Gottes geschenkt und diesem als erste und vollkommenste Jüngerin nachgefolgt ist, sollte nicht Ursache von Spaltungen und Uneinigkeiten unter ihren Brüdern sein. Dennoch muss jeder Wallfahrtsort den komplexen Weg der Wahrheit mit wacher Aufmerksamkeit verfolgen, um den richtigen Beitrag zum Fortschritt der Ökumene zu leisten.

Mit den orthodoxen Christen und den Altorientalen sind wir eng in der eifrigen Verehrung der Gestalt Marias vereint. Es wäre daher durchaus angebracht, wenn überall, wo dazu die Möglichkeit besteht, Katholiken und Orthodoxe zum gemeinsamen Gebet bei Maria zusammenfinden können, die letztere als "Beschützerin" der Christen anrufen.

Was die Anglikaner betrifft - die Maria ebenso lieben wie wir und ihr auch die gleiche Verehrung darbringen - so sind gemeinsame Gebete und Pilgerfahrten vor allem zu jenen Heiligtümern zu fördern, die sowohl von den Katholiken als auch von den Anglikaner verehrt werden.

Unseren evangelischen Brüdern gegenüber ist - wegen ihrer besonderen Sensibilität - großes Taktgefühl erforderlich, wenn man sie einladen will, sich uns Katholiken im Gebet und im Dialog an einem Marienwallfahrtsort anzuschließen, wobei zu berücksichtigen ist, dass sie Maria zwar als Vorbild im Glauben und im christlichen Leben bewundern, es jedoch ablehnen, sie direkt anzurufen, da sie befürchten, auf diese Weise die einzige, erlösende Mittlerschaft Christi zu verdunkeln.

An den Marienwallfahrtsorten muss also den Gläubigen eine korrekte Katechese über die Rolle Marias im Heilsgeheimnis zuteil werden, d. h. über ihre Beziehung zu Christus und zur Kirche, besonders im Licht der Heiligen Schrift und von Lumen gentium (vgl. ebd. Nr. 8) sowie der liturgischen und patristischen Tradition. An vielen Wallfahrtsorten ist es darüber hinaus möglich, Initiativen Raum zu bieten, die dem Studium, der Forschung und der Diskussion über die Gestalt Marias und der Mariologie bei den Christen verschiedener Konfessionen gelten, von der gemeinsamen Absicht getragen, aufgrund eines echten ökumenischen Dialogs Erklärung, Verständnis und gegenseitige Bereicherung zu finden.

Die gemeinsamen Gebetsgottesdienste können wichtige und fruchtbare Augenblicke der Einheit darstellen. Man darf nicht vergessen, dass es liturgische Formulierungen gibt, die dem gemeinsamen Erbe angehören und für die verschiedenen christlichen Konfessionen annehmbar sind, so dass sie besonders an einem Marienwallfahrtsort, in Gegenwart Marias, der betenden Frau des Evangeliums, eine Begegnung im gemeinschaftlichen Gebet ermöglichen können.

Jede ökumenische Feier muss sorgfältig vorbereitet und die dazu eingeladenen Christen anderer Konfessionen müssen auch zu ihrer Vorbereitung herangezogen werden.

Bei den gemeinschaftlichen Gebetsformeln muss die Feier des Wortes Gottes Vorrang genießen, das neben den großen Wahrheiten des Glaubens auch die Gegenwart Marias im Geheimnis Christi und der Kirche verkündet. Wenn die Marienwallfahrtsorte häufiger solche ökumenischen Gebete veranstalten, die sich am Wort Gottes inspirieren und ihnen besondere Bedeutung verleihen, leisten sie der Sache der Einheit einen mutigen Dienst.

Die Marienheiligtümer sind daher Orte des Gebets für die Einheit der Christen. Es wäre wünschenswert, dieses Gebet mehr und mehr gemeinsam mit den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften zu verrichten. Dabei würde es sich immer um einen weiteren Schritt auf dem Weg der Ökumene, um ein konkretes Beispiel der Einheit handeln.

In diesem Marianischen Jahr, in dem die orientalischen Völker und Kirchen der 1200 Jahre seit dem II. Konzil von Nicäa und der 1000 Jahre seit der Bekehrung der Völker der antiken Rus gedenken, muss in den Marienwallfahrtsorten jenen Feierlichkeiten besondere Bedeutung beigemessen werden, welche die Gemeinsamkeit im Glauben und im Gebet mit eben diesen Völkern und Kirchen zum Ausdruck bringen.

Diese Themen sind mit reichlicher Begründung in der erwähnten Instruktion der Kongregation für die Orientalischen Kirchen dargelegt.

Der Heilige Vater selbst möchte den verschiedenen Kirchen seine betende Teilnahme vorbildhaft mittels besonderer Feierlichkeiten kundtun, wie aus dem Calendario dell´ Anno Mariano (Kalender des Marianischen Jahres, S. 59) hervorgeht.

Exzellenz, die Grundsätze, Richtlinien und Vorschläge, von denen hier die Rede war, gelten einerseits den Pilgern, welche die Heiligtümer besuchen, und andererseits vor allem deren Animatoren, um sie zu Begeisterung, Eifer und Einsatz für die Kirche aufzurufen. Das Marianische Jahr muss für sie eine geistliche und kulturelle Bereicherung darstellen und sie zu hochherzigem Dienst für die Brüder und Schwestern anspornen, und das auch für die folgenden Jahre. So wird das Marianische Jahr eine Marienverehrung fördern, die in einem echten Bekenntnis des Glaubens, in der Liturgie und in der Nachahmung der Tugenden Marias, der Mutter Christi und der Kirche verwurzelt ist. Mit Freude nehme ich diese neuerliche Gelegenheit wahr, um Eurer Exzellenz meine herzlichsten Wünsche zum Ausdruck zu bringen.

Rom, den 8. September 1987

Luigi Kardinal Dadaglio
Vorsitzender
Mariano De Nicolo

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