L´inesaurabile mistero (Wortlaut)

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Weihnachtsrundfunkansprache
L´inesaurabile mistero

von Papst
Pius XII.
23. Dezember 1956
(Offizieller italienischer Text: AAS 49 [1957] 5-22)

(Quelle: Herder-Korrespondenz, Herder Verlag, 11. Jahrgang 1956/57; Viertes Heft, Januar 1957, S. 173-180)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen guten Willens. (Lk 2,14 EU)

Inhaltsverzeichnis

Hintergrund

Da der 23. Dezember im eben abgelaufenen Jahr ein Sonntag war, hat der Heilige Vater seine Botschaft an die ganze Welt zum Weihnachtsfest 1956 schon an diesem Tag (nicht, wie üblich, am 24., dem Weihnachtsvigiltag) über den Rundfunk an die Welt gerichtet. Wegen der Länge der Botschaft konnte der Heilige Vater nur ihren ersten und dritten Teil über den Rundfunk sprechen.

Einleitend

Das unausschöpfbare Geheimnis der Geburt Christi soll wieder einmal den Menschen der Erde verkündet werden, die sich heute vielleicht mehr denn je nach Wahrheit und Sicherheit sehnen. Der geheimnisvolle Glanz, der von der ärmlichen Wiege des Sohnes Mariens in die heilige Nacht hinaus strahlte, und die Engelchöre, die Frieden verkündigten und die nun durch die Pracht und die Melodien der heiligen Riten in den Seelen wieder lebendig werden, richten erneut an die heutige, von so vielen fehlgeschlagenen Hoffnungen enttäuschte Menschheit die göttliche Aufforderung, im Geheimnis Gottes die Klarheit und in seiner Liebe das Leben zu suchen. Möchten doch alle Menschen die himmlische Einladung annehmen und mit der vertrauensvollen Einfalt der Hirten, denen das Weihnachtsgeheimnis zuerst offenbart wurde, zueinander sagen: "Lasst uns nach Bethlehem gehen und schauen, was geschehen ist und was der Herr uns kundgetan hat" (Lk 2, 15). Dann würden die heutigen Generationen, wie die anderen vor ihnen, denen ebenfalls die Qual der nicht erkannten Wahrheit und die Angst vor furchtbaren Ereignissen nicht erspart blieben, von der Wiege des Erlösers zurückkehren und Gott loben, weil auch für sie Christus der einzige Retter ist.

Darum sei dies, geliebte Söhne und Töchter, der Weihnachtswunsch, den Unser kummervolles, doch nicht entmutigtes Vaterherz euch in diesem Jahr zusprechen möchte, in dem neue gefährliche Stürme die Zukunft des Friedens bedrohen. Die aufs neue entsetzten Menschen, die in der Nacht nach einem Schimmer von Licht und klarem Himmel ausschauen, der ihren von den tiefen Widersprüchen des gegenwärtigen Jahrhunderts geängstigten Geist beruhigen könnte, weisen Wir auf die göttliche Krippe von Bethlehem hin, von der immer noch die Verheißung der sicheren Hoffnung herüber tönt: "Was krumm ist, soll gerade, und was uneben ist, soll ebener Weg werden" (Lk 3, 4).

Der Widerspruch, der auf der heutigen Menschheit lastet

Zweifellos lastet der Druck eines offenkundigen Widerspruchs auf der Menschheit des 20. Jahrhunderts und verwundet sie gleichsam in ihrem Stolz: auf der einen Seite steht die zuversichtliche Erwartung des modernen Menschen, des Schöpfers und Zeugen der "zweiten technischen Revolution", er könne eine Welt der Fülle an Gütern und Werken schaffen, in der es Armut und Unsicherheit nicht mehr gebe; auf der anderen Seite steht die bittere Wirklichkeit der langen Jahre von Leid und Zerstörung und in deren Gefolge die in diesen letzten Monaten noch gesteigerte Angst, es werde nicht gelingen, auch nur einen bescheidenen Beginn von dauerhafter Eintracht und Befriedung grundzulegen. Etwas ist also im gesamten modernen Lebenssystem nicht in Ordnung, ein grundlegender Irrtum muss an seinen Wurzeln nagen. Aber wo verbirgt er sich? Wie und von wem kann er behoben werden? Mit einem Wort, wird es dem modernen Menschen vor allem im eigenen Innern gelingen, den beängstigenden Widerspruch zu überwinden, dessen Urheber und Opfer zugleich er ist?

Die Haltung der Christen gegenüber diesem Widerspruch

Die Christen sind überzeugt, diesen Widerspruch überwinden zu können, wenn sie fest auf dem Boden der Natur und des Glaubens stehenbleiben, und zwar durch ebenso mutige wie vorsichtige Überprüfung der fraglichen Werte, vor allem der innerlichen. Ihr Realismus, der sich auf das gesamte Dasein erstreckt und die Erfahrungen der Vergangenheit nicht vernachlässigt, gibt ihnen die Überzeugung, dass sie sich nicht in ungünstigeren Verhältnissen befinden als ihre Vorfahren, denen es ebenfalls im Glauben gelungen ist, innerlich die Widersprüche ihrer Zeit zu überwinden. Sie sind überzeugt, dass eben der heutige Widerspruch den Beweis für einen tiefen Bruch zwischen dem Leben und dem christlichen Glauben liefert und dass es vor allem gerade dieses übel zu heilen gilt.

Die Haltung der Glaubenslosen

Sehr verschieden davon ist dagegen die Auffassung vieler anderer, die zwar verzweifelt sind über den Widerspruch, aber nicht auf den Traum von der Allmacht des Menschen verzichten wollen und die auch jene Werte einer Prüfung unterziehen möchten, die nicht in ihrer Macht stehen und die sich der menschlichen Freiheit entziehen, wie die Religion und die Naturrechte. Im Grunde glauben und lehren sie, dass der grundlegende Widerspruch unserer Zeit vom Menschen selber ohne Gott und ohne Religion gelöst werden kann. Er kann, sagen sie, nicht gelöst werden, solange der moderne Mensch, zugleich Schöpfer und Geschöpf des technischen Zeitalters, seinen neuen Weg nicht bis zum Ende geht. Und, so fügen sie hinzu, er muss in dem einmal begonnenen Werk, seine Macht über das Sein auszubreiten, fortfahren, ohne sich Grenzen zu ziehen und ohne Rücksicht. auf die Religion und das Menschen- und Weltbild, das sich auf diese stützt. Für sie liegt darin, dass man auf halbem Weg stehenbleibt und irgendeinen Kompromiss zwischen Religion und technischem Geist sucht, die Wurzel des heutigen Widerspruchs. Mit anderen Worten, sie lehnen die Einladung des Himmels ab, sich nach Bethlehem aufzumachen, wo der Mensch - und nirgends sonst - lernen kann, "was geschehen ist und was der Herr uns kundgetan hat", nämlich unsre ganze, objektive Wirklichkeit.

Doch der Mensch der "zweiten technischen Revolution" kann den Ruf Gottes nicht zurückweisen, ohne den Widerspruch und seine Auswirkungen zu verschärfen. Die Einladung zur Wahrheit und die Verheißung des "Friedens auf Erden" gilt auch für ihn. Wenn er sich in Anbetung vor der Wiege des Gottmenschen beugt, wird er die ganze Wahrheit und also auch die Harmonie seiner Welt sehen. Im menschgewordenen Gottessohn wird er wohl die Würde der menschlichen Natur erkennen, aber ebenso ihre Grenzen; er wird erkennen, dass der tiefste Sinn des menschlichen Lebens und der Welt nicht in errechneten Formeln und Gesetzen liegt, sondern in der freien Tat des Schöpfers; er wird sich überzeugen, dass er nur dann wirklich "Licht" und "Leben" besitzen wird, wenn er sich an die Wahrheit als an etwas Absolutes bindet, das zum ersten Male in seiner Fülle in Bethlehem aufleuchtete. Über diese dreifache Anerkennung wollen Wir jetzt zu euch sprechen.

I. Würde und Grenzen der menschlichen Natur

Erkenntnis und Annahme der menschlichen Wirklichkeit

Der erste Schritt zur inneren Überwindung des heutigen Widerspruchs geht von der Erkenntnis und Annahme der menschlichen Wirklichkeit in ihrer ganzen Breite aus. Auf dem Weg zur Gewinnung dieser Wahrheit, um die sich das antike Denken schmerzlich gemüht hat, schreitet der Gläubige müheloser voran, weil der Glaube ihm den Weg ebnet und ihm Vorurteile und Hemmungen, wie das Misstrauen des Skeptikers oder den kurzen Atem des Rationalisten, wegräumt, die jeden Fortschritt auf das Licht hin behindern. Mit freiem und für jede mögliche Größe offenem Geist braucht der Christ sich nur vor der Krippe von Bethlehem zu neigen, um die Wahrheit über die menschliche Natur zu erfahren, die wie in einer sichtbaren Synthese im neugeborenen Gottessohn zusammengefasst ist. Der Ursprung, das Wesen, die Bestimmung und die Geschichte des Menschen sind an dieses Kind gebunden, gerade an die Tatsache seiner Geburt unter uns. Seine kindlichen Laute sind wie die Erzählung unsrer Geschichte, ohne deren Kenntnis die Natur des Menschen ein undurchdringliches Rätsel bliebe.

In der Tat erkennt der Gläubige vor der Wiege des Erlösers die eingeborene Güte und Kraft des Menschen, das unverdiente Gnadengeschenk in der Seligkeit des Paradieses; er gedenkt aber auch seiner Schwäche, die sich sogleich in dem Sündenfall der Stammeltern zeigte und dann zu dem schmerzlichen Erbteil wurde, das ihn mit dem immer neuen Zustrom anderer Sünden auf dem ganzen weiteren Weg über eine Erde begleitete, die ihm fast feindlich geworden war.

Der Sündenfall

Wenn der Christ noch weiter über seine Macht nachdenkt, weiß er, dass die Herrschaft des Menschen über die Dinge und die Kräfte der Natur, wiederum durch göttliche Gnade, durch ihn allein zum Wohl und nicht zur Gefährdung der menschlichen Gesellschaft hätte ausgeübt werden sollen und dass deren Geschichte, wiederum durch Gnade, ohne den Druck der Angst und des Elends ihren Anfang genommen hätte, in freier Entfaltung der Kräfte und unter für den ausgedehntesten und höchsten Fortschritt günstigen Bedingungen. Doch der Anbeter des neugeborenen Gottessohnes weiß auch, dass der Sündenfall und seine Folgen den Menschen zwar nicht der Herrschaft über die Erde, wohl aber der Sicherheit in deren Ausübung beraubt hat, und er weiß ebenfalls, dass mit dem Fall, der auf die erste Sünde folgte, nicht die Fähigkeiten und die Bestimmung des Menschen, Geschichte zu bilden, zerstört wurden, wohl aber dass sein Weg sich mühsam vorwärtsarbeiten würde in einer Mischung von Vertrauen und Angst, Reichtum und Elend, Aufstieg und Niedergang, Leben und Tod, Sicherheit und Unsicherheit, bis zur letzten Entscheidung an den Pforten der Ewigkeit.

Das Werk der Erlösung

An der Krippe des neugeborenen Gottessohnes entdeckt der Gläubige nicht nur seine Vergangenheit und die gegenwärtigen Verhältnisse seiner Natur, sondern er erfährt auch seine neue Bestimmung, Werk einer unendlichen Liebe, und wie er die verlorenen Höhen wiedergewinnen kann. Er weiß, dass in jener Krippe der menschliche und göttliche Retter, sein Erlöser, liegt, der unter den Menschen erschienen ist, um die tödlichen Wunden zu heilen, die die Sünde ihren Seelen zugefügt hat, um ihnen die Würde der Gotteskindschaft zurückzugeben und ihnen die Kräfte der Gnaden zu vermitteln, damit sie, wenn auch nicht immer äußerlich, so doch wenigstens innerlich die allgemeine Unordnung überwinden können, die durch den Sündenfall hervorgerufen und durch die persönlichen Sünden verschlimmert worden ist.

Die Würde der menschlichen Natur und ihre Grenzen

Auch diese innere Überwindung, zu der die göttliche Gnade unerlässlich ist, vollzieht der Christ mit Hilfe der Kenntnis der wahren, von Christus erlösten menschlichen Natur, ihrer Würde und ihrer Grenzen.

Seht ihn am Werk und wie er sich dieser Kenntnis als einer "Wahrheit, die die Menschen frei macht" (vgl. Joh 8, 32), und als Halt im Leben bedient, selbst wenn schwierige, ja tödliche Verhältnisse ihn an deren äußerer Überwindung hindern. Ein Christ in einer Situation, die andere leicht zur Revolte gegen das Leben selber verführen mag, wird von Gott nichts erbitten noch wünschen, was er nicht der absoluten Weisheit und Güte des göttlichen Willens unterstellt. Und während er es vernünftig und gerecht findet, dass Gott nicht verpflichtet ist, die beste aller Welten zu schaffen, schöpft er Trost aus dem Gedanken, dass der gleiche Gott als liebevoller Vater sich das Maß der Gnade und der anderen Hilfen, die er dem Menschen angedeihen lässt, durch nichts als die unendliche Heiligkeit und Gerechtigkeit seines immer gütigen Willens vorschreiben lässt, dessen Ziel es ist, dass alle Menschen in Freiheit ihrer ewigen Bestimmung folgen können.

Wie soll sich nun also der Gläubige gegenüber dem schmerzlichen Widerspruch verhalten, der auf der modernen Welt lastet und von dem Wir eben sprachen. Obwohl er im glücklichen Besitz aller Elemente ist, die ihm die Beherrschung des eigenen Inneren ermöglichen, kann und darf er sich nicht der Aufgabe entziehen, auch zu dessen äußerer Lösung beizutragen. Daher ist es die erste Pflicht des Christen, den modernen Menschen davon zu überzeugen, dass er die menschliche Natur weder mit systematischem Pessimismus noch mit billigem Optimismus betrachten darf, sondern dass er die wirklichen Maße seiner Macht anerkennen muss. Weiter soll er sich bemühen, den Zeitgenossen der "zweiten technischen Revolution" verständlich zu machen, dass sie sich nicht von der Last der Religion frei zu machen brauchen, um den Widerspruch zu überwinden und ihn nicht mehr zu empfinden. Im Gegenteil, gerade der christliche Glaube rückt den Widerspruch in jenes Licht, das das Wahre vom Falschen scheiden und allen jenen, die unter dem Zwiespalt leiden, den einzigen Weg zeigen kann, um ohne Erschütterung und Zerstörung aus ihm herauszugelangen.

Falsche Auffassung von der Sünde und deren Folgen

Um diese Pflicht in erleuchteter Liebe zu erfüllen, ist es den Christen nützlich, die alles andere als realistische Denkweise des modernen Menschen über die Sünde konkreter kennenzulernen. Diejenigen, die in ihrem Weltbild den Begriff der Erbschuld und der persönlichen Sünde mit ihren Folgen nicht ertragen und die doch anderseits die Erfahrung nicht leugnen können, dass der Mensch auch sittlich zum Fall prädisponiert ist, schreiben die verkehrten Neigungen bloßer Krankhaftigkeit, funktioneller Schwäche zu, die an sich heilbar sein soll. Sie versichern, sobald die Gesetze, denen der Mensch in seinem Verhalten zur Umwelt und bis in die tiefsten Tiefen seiner Seele hinab untersteht, völlig erkannt wären, würde man auch zu einer völligen Heilung der gegenwärtigen Schwächen gelangen. Man muss daher, so fügen sie hinzu, den Tag abwarten, wo aus der vollständigen Kenntnis des inneren Mechanismus des Menschen die therapeutische Kunst erwächst, die seine krankhaften sittlichen Anlagen zu heilen vermag. Wie die moderne Macht über die äußere Natur, Frucht der vertieften Kenntnis der sie beherrschenden Gesetze, jede technische Konstruktion ermöglicht, so besteht kein Grund, zu bezweifeln, dass sich ein entsprechender Erfolg in der Regelung des moralischen Komplexes des Menschen erreichen lässt. Warum sollte, so fragen sie, einzig der Mensch eine unbesiegbar falsche und nicht in Ordnung zu bringende Konstruktion bleiben?

… im Begriff von Verbrechen und Strafe

Schon jetzt ernten wir die beklagenswerten Folgen dieser Art, die Wirklichkeit zu verfälschen. Die allgemein beklagte Verweichlichung bei der Erziehung, die übertriebene Nachsicht gegenüber dem Verbrechen, das Schweigen über die Schuld und die Abneigung gegen die Strafe, auch die gerechte, sind die unmittelbaren Folgen einer Menschenauffassung, bei der alles an sich gut ist und alle Mängel, wie man behauptet, davon herrühren, dass man den Menschen nicht richtig an das Zahnradwerk der Funktionen anzupassen weiß, denen er mitsamt seiner Umwelt unterliegt.

… in den Fragen des sozialen und staatlichen Lebens

Das gleiche Schema wird von denselben Menschen genauso auf die Fragen des sozialen Lebens angewandt. Bei den beängstigenden Problemen der modernen Demokratie ist es ihrer Meinung nach falsch, das Gewissen und das sittliche Gefühl der Menschen zu beschuldigen, sondern vielmehr ihre zeitweise konstruktive Unfähigkeit, die ihrerseits auf Unkenntnis und auf der Weigerung beruht, die Güte des Menschen in ernsthafte Erwägung zu ziehen, die schließlich und endlich doch allen eignet. Wenn man daher, so fügen sie hinzu, die Kenntnis der natürlichen Normen, die den Menschen und seine Welt beherrschen, immer mehr vertieft, so werden die guten Eigenschaften aller wirklich zur Geltung gebracht, und Autorität und Verantwortlichkeit verteilen sich auf viele, ja geradezu auf alle. Immerhin, wie soll man sich gegenüber den Mängeln des gegenwärtigen sozialen und politischen Lebens verhalten, wie etwa der Anonymität der Macht, der Aufsaugung des einzelnen durch die Masse, dem unsicheren Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Kräften der Gesellschaft? Die Jünger des so genannten Realismus versichern, dass es zur Vermeidung solcher Misslichkeiten genügen würde, das Prinzip der persönlichen Verantwortlichkeit und des Gleichgewichts der Energien in den gewissermaßen mechanischen und rein funktionellen Prozess des vergesellschafteten Lebens einzuschalten. Und sie wiederholen: wie die verbreitetere Kenntnis der Gesetze und Funktionen der äußeren Natur die kühnsten technischen Verwirklichungen zur Folge gehabt hat, so würde auch auf dem Gebiet der sozialen Strukturen eine gesteigerte Kenntnis der Gesetze, die ihren Mechanismus regeln, genügen, um zu einer vollkommenen Gesellschaft zu gelangen.

Der wahre christliche Realismus

Aber lassen sich wirklich die Erwartungen rechtfertigen, die sich auf eine Auffassung stützen, die sich zwar rühmt, realistisch zu sein, aber tatsächlich die wahre Natur des Menschen nicht kennt? Ist es wirklich wahr, dass seine so genannten Anlagen zum Bösen weiter nichts sind als heilbare Defekte eines normalen Ablaufs, ähnlich wie Fehler einer Maschine oder eines Apparats, die sich durch gesteigertes technisches Wissen ausmerzen lassen? Auch wenn man wahrheitsgemäß zugibt, dass der Mensch den Antrieb vieler natürlicher Abläufe und funktioneller Komplexe spürt, so bleibt er ihnen doch ganz anders als die Materie, die Pflanze oder das Tier überlegen, und während er ihren Sinn und ihre Bedeutung anerkennt, wird er doch immer ihr Herr bleiben, der sie in freier Kausalität in dieser oder jener Weise in den Ablauf der Ereignisse einordnet. Der Mensch beherrscht jene Abläufe und Komplexe, weil er vor allem ein geistiges Wesen, eine Person, ein Subjekt freier Handlung oder Unterlassung ist und nicht nur ein Kreuzungspunkt im Ablauf natürlicher Prozesse. Darin besteht seine Würde, aber auch seine Grenze. Darum ist er fähig, das Gute zu tun, aber auch das Böse, fähig, alle positiven Möglichkeiten und Anlagen seiner Natur zu verwirklichen, jedoch auch sie in Gefahr zu bringen. Gerade diese Probe nun, die auf Grund der großen Werte, die im Spiel sind, im 20. Jahrhundert gewaltige Ausmaße angenommen hat, schafft und erklärt den angstvollen Widerspruch, den die Zeitgenossen wahrnehmen. Es gibt kein anderes Heilmittel, ihn zu überwinden, als die Rückkehr zum wahren Realismus, zum christlichen Realismus, der mit der gleichen Sicherheit die Würde des Menschen, jedoch auch seine Grenzen, seine Fähigkeit, sich zu überwinden, aber auch die Wirklichkeit der Sünde erfasst.

Die Anwendung des falschen Realismus auf die private und öffentliche Moral im Bereich der Erziehung

Anders jener falsche Realismus, auf dessen unselige Anwendungen in einigen Punkten Wir jetzt noch hinweisen möchten. Es ist klar, dass er die Wurzeln der privaten und öffentlichen Moral untergräbt, indem er die Begriffe Gewissen und Verantwortlichkeit jedes positiven Wertes entleert und den der Willensfreiheit schwächt. Ebenso schädlich sind die Folgen auf erzieherischem Gebiet, wie man schon heute dort wahrnehmen kann, wo sich in der Erziehung mehr oder weniger verdeckt der Einfluss des falschen Realismus auswirkt: Schulen, die sich überhaupt nicht oder nur in zweiter Linie ein erzieherisches Ziel stecken; Eltern, die moralisch unfähig sind, ihre Kinder recht durch Beispiel und eigenes Vorangehen zu erziehen; alles das ist in noch größerem Ausmaß an dem heute öffentlich beklagten Versagen der Erziehung schuld als die ebenfalls nicht zu vernachlässigenden Fehler und Irrtümer der Jugend selber. Wie der reife Mensch, so müssten auch die Erzieher und die Kinder, die sich aufs Leben vorbereiten, wieder die Wirklichkeit der Sünde und der Gnade bekennen und dürften nicht auf das Gerede von bloßen Anlagen hören, von denen sie die Medizin oder die Psychologie heilen könnte.

… in der heutigen demokratischen Struktur

Eine noch ausgedehntere Anwendung findet der falsche Realismus in der heutigen demokratischen Struktur, deren Mangelhaftigkeit, wie Wir schon andeuteten, von bloßen Mängeln der Einrichtungen abhängen soll, die man der noch fehlerhaften Kenntnis der natürlichen Abläufe und des Komplexes der Funktionen des sozialen Mechanismus zuschreibt.

Nun hängt aber auch der Staat und seine Form von dem moralischen Charakter der Bürger ab, ganz besonders heute, wo der moderne Staat im hohen Gefühl der technischen und organisatorischen Möglichkeiten nur zu sehr geneigt ist, durch öffentliche Einrichtungen dem einzelnen das Denken und die Verantwortung für sein Leben abzunehmen. Eine so beschaffene moderne Demokratie muss also fehlgehen, sobald sie sich nicht mehr an die einzelne sittliche Verantwortlichkeit der Bürger wendet oder wenden kann. Doch selbst wenn sie wollte, wäre sie dazu oft nicht mehr mit positivem Ergebnis imstande, weil sie überall dort keine Antwort fände, wo der Sinn für die wahre menschliche Wirklichkeit, das Bewusstsein der Würde der menschlichen Natur und ihrer Grenzen im Volk nicht mehr lebendig sind. Man versucht, der Lage abzuhelfen, indem man große institutionelle Reformen unternimmt, häufig auf zu weiter Basis oder auf falschen Grundlagen; aber die Reform der Institutionen ist nicht so dringlich wie die der Sitten. Diese ihrerseits kann jedoch nur auf der Grundlage der wahren Wirklichkeit des Menschen vollzogen werden, und diese erlernt man in gläubiger Demut vor der Krippe in Bethlehem. Auch im Leben der Staaten haben die sittliche Kraft und Schwäche der Menschen, die Sünde und die Gnade einen ausschlaggebenden Anteil. Die Politik des 20. Jahrhunderts kann das nicht außer acht lassen, und sie kann auch nicht ertragen, dass sie sich in den Irrtum verrennt, Staat und Religion voneinander getrennt zu halten im Namen eines Laizismus, den die Tatsachen nicht haben rechtfertigen können.

II. Die freie Tat und die menschliche Wirklichkeit

Der zweite Irrtum des so genannten realistischen Denkens, das die Wurzel des heutigen Widerspruchs bildet, besteht in dem Anspruch, eine ganz neue Gesellschaft zu schaffen, ohne sich um die geschichtliche Wirklichkeit des Menschen, geschweige denn um den freien Akt zu kümmern, der diese bestimmt, oder um den Glauben, der diese Freiheit nährt und schützt. Es ist unmöglich, alle Folgen dieses Irrtums vorauszusehen; aber die unmittelbarste wird die Vernichtung jener schon so labilen Sicherheit sein, die die Welt so glühend ersehnt.

Das Überbordwerfen der drei Werte: geschichtliche Wirklichkeit, freies Handeln und Religion, wie Ballast, der das Schiff des modernen Fortschritts auf seiner Bahn hindert und verlangsamt, ist eine Folge der erwähnten Haltung des realistischen Denkens, der keine Grenzen für die Macht des Menschen anerkennt, alles nach der technischen Methode behandelt und volles Vertrauen in das technische Wissen setzt.

Der Mensch als unabhängiger Schöpfer einer neuen Gesellschaft nach technischen Methoden

Die Vorzugsstellung der Menschheit des gegenwärtigen technischen Zeitalters besteht, so wird behauptet, in der Macht, die Gesellschaft nach Maßgabe des fortschreitenden technischen Wissens und ohne die Notwendigkeit, bei der Vergangenheit in die Schule zu gehen, immer neu schaffen zu können. Im Gegenteil, die Vergangenheit würde mit ihren Vorurteilen aller Art, zumal aber den religiösen, nur das Vertrauen schwächen und den konstruktiven Impuls abkühlen. Der moderne Mensch schreibt sich im stolzen Bewusstsein, in dieser Welt wie in einem von ihm und von ihm allein gebauten Haus zu wohnen, die Funktion des Schöpfers zu. Was früher war, interessiert ihn nicht und hält ihn nicht auf. Die ganze Welt wird für ihn ein Laboratorium, wo er in streng mathematischer Verknüpfung die Kräfte der Natur immer von neuem bindet, sie verteilt und dosiert und die Ereignisse formt und vorausbestimmt. Gewiss gibt es noch Reaktionen; es gibt noch Tatbestände, in denen die Natur dem Willen und den Plänen des Menschen zu widerstehen scheint und auf ein Ganzes hinweist, das nur mit schwerwiegenden Folgen, wenn nicht geradezu unter Kataklysmen, in seine letzten Elemente auseinander gelegt werden kann.

Daher ist es nicht zu verwundern, dass der moderne Mensch, wenn er sich dem sozialen Leben zuwendet, dies als Techniker tut, der zuerst eine Maschine in ihre allerkleinsten Teile auseinandernimmt und sich dann anschickt, sie nach seinem eigenen Modell wieder zusammenzusetzen. Aber da es sich um soziale Wirklichkeiten handelt, trifft sein Eifer, etwas ganz Neues zu konstruieren, auf unüberwindliche Hindernisse, nämlich auf die menschliche Gesellschaft selber mit ihren von der Geschichte geheiligten Ordnungen. Das soziale Leben ist in der Tat etwas, das langsam ins Leben getreten ist, unter vielen Mühen und gleichsam durch aufeinanderfolgende Ablagerungen der positiven Beiträge, die die voraufgehenden Generationen geleistet haben. Nur wenn sich die neuen Fundamente auf diese festen Schichten stützen, ist es möglich, noch etwas Neues zu bauen. Die Herrschaft der Geschichte über die sozialen Wirklichkeiten der Gegenwart und der Zukunft kann darum nicht bestritten und von denen vernachlässigt werden, die es in Angriff nehmen wollen, sie zu verbessern oder sie den neuen Zeiten anzupassen. Doch die angeblichen Realisten wenden in der Absicht, um jeden Preis den Widerstand der geschichtlichen Wirklichkeit zu brechen, ihren Zerstörungsdrang gegen die Religion, der sie vorwerfen, die ganze Vergangenheit geschaffen zu haben und am Leben erhalten zu wollen, ganz besonders ihre wertlosesten Formen; der sie vor allem vorwerfen, die sozialen Gedanken des Menschen auf absolute, das heißt unwandelbare Schemata festzulegen. Sie stellt daher ein Hindernis auf dem Weg in die Zukunft dar und muss darum abgeschafft werden. Ohne Zweifel anerkennt und respektiert die christliche Religion die Herrschaft der Geschichte über die Gegenwart und Zukunft der menschlichen Gesellschaft, weil der Gläubige alles, was echte Wirklichkeit ist, nicht übergehen oder ablehnen kann. Er weiß, dass nicht ein Geschehnis, das sich nach mechanischen Gesetzen entfaltet, an der Wurzel der menschlichen Wirklichkeit und Gesellschaft steht, sondern die freie und stets gütige Tat Gottes und das freie Handeln der Menschen, ein von Liebe und Treue getragenes Handeln, wo immer die Menschen der Ordnung Gottes folgen. So wird in der Wiege von Bethlehem der tiefste Sinn der Geschichte des Menschen, Vergangenheit und Zukunft, wirklich Leib und umfasst auch seine Gegenwart, mag sie noch so traurig sein, und der Christ tritt ihr mit der tröstlichen Überzeugung der Geborgenheit entgegen.

Die Sicherheit und ihre Grundlagen

Die Sicherheit! Die leidenschaftlichste Sehnsucht der Zeitgenossen! Sie suchen sie bei der Gesellschaft und ihrer Ordnung. Aber die angeblichen Realisten dieses Jahrhunderts haben bewiesen, dass sie nicht imstande sind, sie zu geben, gerade weil sie sich an die Stelle des Schöpfers setzen und sich zu Richtern über die Ordnung in der Schöpfung machen wollen.

Die Religion und die Wirklichkeit der Vergangenheit lehren dagegen, dass die sozialen Strukturen, wie Ehe und Familie, Gemeinde und berufliche Gemeinschaft und persönliches Eigentum als Grundlage des sozialen Zusammenhalts, wesentliche Zellen sind, die die Freiheit des Menschen und damit seine Rolle in der Geschichte sichern. Sie sind daher unantastbar, und ihr wesentlicher Kern kann keiner willkürlichen Revision unterworfen werden.

Die menschliche Gesellschaft und ihr höchster Ordner

Wer wirklich Freiheit und Sicherheit sucht, muss die Gesellschaft ihrem wahren und höchsten Ordner zurückgeben in der Überzeugung, dass allein die Idee einer von Gott stammenden Gesellschaftsordnung ihn bei seinen wichtigsten Unternehmungen schützt. Der theoretische oder auch der praktische Atheismus derer, die die Technik und den mechanischen Fortschritt des Geschehens anbeten, gelangen mit Notwendigkeit schließlich dahin, Feinde der wahren menschlichen Freiheit zu werden, weil sie mit dem Menschen wie mit unbelebten Dingen in einem Laboratorium umgehen.

Diese Überlegungen sind weniger abstrakt und fern von der konkreten Wirklichkeit, als es scheinen könnte. Wir wünschen nur, dass sie dort vernommen werden, wo man an die Erschließung wenig entwickelter Gebiete, der so genannten unterentwickelten Länder, denkt. Gewiss ist der Eifer, die bestehenden sozialen Strukturen, die der Verbesserung fähig sind, zu heben, lobenswert; aber es wäre ein Irrtum, den Menschen unter dem Einfluss der Technik und der modernen Organisation aus allen seinen Überlieferungen herauszureißen. Wie Pflanzen, die man aus ihrem Erdreich reißt und in ein feindliches Klima umpflanzt, würden sich diese Menschen grausam isoliert fühlen, um dann vielleicht Ideen und Tendenzen zur Beute zu fallen, die im Grunde niemand wollen kann. Auf diese Weise ist die Achtung gegenüber dem, was die Geschichte hervorgebracht hat, das Zeichen eines ursprünglichen Willens zur Reform und die Garantie für deren glücklichen Erfolg. Das gilt für die Geschichte als jenes Reich menschlicher Wirklichkeit, in der der soziale Mensch sich nicht nur mit den Kräften der Natur, sondern auch mit sich selbst beschäftigen muss. Verantwortlich gegenüber denen, die waren, wie denen, die sein werden, wurde ihm der Auftrag gegeben, unablässig am Gemeinschaftsleben zu formen, in dem stets eine dynamische Entwicklung durch persönliches freies Handeln stattfindet, doch ohne die Sicherheit zu zerstören, die man in der Gesellschaft und durch die Gesellschaft besitzt, und wo andrerseits immer ein gewisser Grundbestand von Überlieferung und Statik bleibt, der die Sicherheit erhält, ohne doch von seiten der Gesellschaft das freie persönliche Handeln des einzelnen unmöglich zu machen.

Auf diese Weise webt der Mensch seine Geschichte, vielmehr wirkt er mit Gott mit an der Verwirklichung einer Wirklichkeit, die ihres Gegenstandes und zugleich des Planes des Schöpfers würdig ist. Es ist eine ebenso erhabene wie schwierige Aufgabe, die nur der, der begreift, was Geschichte und Freiheit ist, glücklich erfüllen kann, indem er die Dynamik der Reformen in Harmonie bringt mit der Statik der Überlieferungen, die freie Tat mit der allgemeinen Sicherheit. Der Christ, der sich vor der Wiege von Bethlehem niederwirft, versteht diese Notwendigkeit in ihrem Ernst vollkommen, aber die gleiche Wiege gibt ihm Licht und Kraft, um die hohe Aufgabe würdig auszuführen.

III. Die absolute Wahrheit, Licht und Leben des Menschen

Die persönliche Freiheit und Verantwortlichkeit, die Vergesellschaftung und soziale Ordnung, der wohl verstandelle Fortschritt sind also menschliche Werte, weil der Mensch sie verwirklicht und seinen Vorteil daraus zieht; sie sind jedoch auch religiöse, göttliche Werte, wenn man ihren Ursprung bedenkt.

Gegensätze im religiösen Bereich

Das innerste Fundament dieser Werte nun hat man auch im Abendland in der modernen Zeit zerstören und bei der Gesellschaft im Namen des Laizismus, der eitlen Selbstgenügsamkeit des Menschen, in Vergessenheit fallenlassen wollen. So ist die sonderbare Lage zustande gekommen, dass nicht wenige Männer des öffentlichen Lebens, die selber kein lebendiges religiöses Gefühl besitzen, zugunsten des Gemeinwohls jene Grundwerte verteidigen wollen und müssen, die doch nur in der Religion und in Gott ihren Bestand haben.

Die angeblichen Realisten wollen dies nicht zugeben, im Gegenteil, sie machen der Religion den Vorwurf, in Religionsstreit zu verwandeln, was nur Gegensatz auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet ist. Sie malen den Schrecken und die Grausamkeit der alten Religionskriege mit lebhaften Farben, um glauben zu machen, dass die heutigen Konflikte zwischen Orient und Okzident demgegenüber harmlos sind und dass nur von beiden Seiten ein wenig mehr praktischer Sinn nötig wäre, um zu einer Beruhigung der wirtschaftlichen Interessen und zu konkreten Beziehungen politischer Macht zu gelangen. Die Berufung auf absolute Werte verfälscht, so erklären sie, den wahren Stand der Dinge in verhängnisvoller Weise, erhitzt dieLeidenschaften und erschwert den Weg zu einer praktischen und vernünftigen Verständigung.

Wir Unsererseits als Haupt der Kirche haben es in der gegenwärtigen Stunde ebenso wie in früheren Fällen vermieden, die Christenheit zu einem Kreuzzug aufzurufen. Wir können jedoch volles Verständnis für die Tatsache verlangen, dass, wo die Religion ein lebendiges Erbe der Väter ist, die Menschen den Kampf, der ihnen vom Feind zu Unrecht aufgedrängt wird, auch als einen Kreuzzug auffassen. Was Wir aber angesichts des Versuchs, gewisse Tendenzen als harmlos hinzustellen, für alle betonen möchten, ist, dass es sich um Fragen handelt, die absolute Werte des Menschen und der Gesellschaft betreffen. Es ist Unsre schwere Verantwortung, nicht zuzulassen, dass dies sich im Nebel von Zweideutigkeiten verbirgt.

Gespräche und Begegnungen

Mit tiefem Kummer müssen Wir in dieser Beziehung die Unterstützung beklagen, die von einigen Katholiken, Klerikern und Laien, der Vernebelungstaktik geleistet worden ist und die zu Folgen führt, die sie selber nicht wollen. Wie kann man nur immer noch nicht sehen, dass das der Zweck all jener unaufrichtigen Umtriebe ist, die unter dem Namen "Gespräche" oder "Begegnungen" laufen? Wozu im übrigen miteinander reden ohne gemeinsame Sprache, oder wie soll es möglich sein, sich zu begegnen, wenn die Wege auseinanderführen, d. h., wenn von der einen der Parteien hartnäckig gemeinsame absolute Werte abgelehnt und geleugnet werden und daher jede "Koexistenz in der Wahrheit" unmöglich ist? Schon aus Achtung vor dem christlichen Namen muss es aufhören, dass sich Christen zu diesen Taktiken hergeben, weil es, wie der Apostel sagt, unvereinbar ist, sich an den Tisch des Herrn und an den seiner Feinde setzen zu wollen (vgl. 1 Kor 10,21). Und gäbe es trotz dem schmerzlichen Zeugnis eines Jahrzehnts der Grausamkeiten noch unentschiedene Geister, so müsste doch das jüngst vergossene Blut und das Opfer so vieler Leben, das ein gemartertes Volk dargebracht hat, sich endlich überzeugen. Es sei aber gut, so bemerkt man, die Brücken nicht abzubrechen, sondern die gegenseitigen Beziehungen aufrechtzuerhalten. Doch dafür genügt völlig das, was die verantwortlichen Männer in Staat und Politik an Kontakten und Beziehungen für nötig befinden, um den Frieden der Menschheit zu erhalten, nicht um besonderer Interessen willen. Es genügt, was die zuständige kirchliche Autorität durchführen zu müssen glaubt, um die Anerkennung der Rechte und der Freiheit der Kirche zu erhalten.

Die Sache des Friedens

Wenn die traurige Wirklichkeit Uns zwingt, mit klaren Worten die Ziele des Kampfes festzustellen, kann niemand ehrlicherweise gegen Uns den Vorwurf erheben, zu einer Versteifung der gegnerischen Fronten beizutragen, und noch weniger den, Uns irgendwie von jener Friedensmission entfernt zu haben, die Unserm apostolischen Amt entspringt. Würden Wir schweigen, so müssten Wir das Gericht Gottes wohl viel mehr fürchten. Wir bleiben der Sache des Friedens fest verbunden, und Gott allein weiß, wie sehr Wir wünschten, ihn ganz und freudig mit den Engeln der Heiligen Nacht ankündigen zu können. Aber eben um ihn vor den gegenwärtigen Bedrohungen zu retten, müssen Wir aufweisen, wo sich die Gefahr verbirgt, welches die Schachzüge des Feindes sind und was sie als solche kennzeichnet. Ebenso hat doch der neugeborene Gottessohn, der ja auch die unendliche Güte selber ist, nicht gezögert, klare Trennungslinien zu ziehen und selbst den Tod für die Wahrheit auf sich zu nehmen.

Wir sind überzeugt, dass auch heute gegenüber einem Feind, der entschlossen ist, allen Völkern so oder so eine besondere und unerträgliche Lebensform aufzuerlegen, nur der einhellige und starke Zusammenhalt aller, die die Wahrheit und das Gute lieben, den Frieden retten kann und retten wird. Es wäre ein verhängnisvoller Irrtum, zu wiederholen, was unter ähnlichen Verhältnissen in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg geschah, als jede der bedrohten Nationen, und nicht nur die kleinsten, sich auf Kosten der anderen zu retten versuchte, indem sie diese gleichsam als Schild benutzte, ja sogar versuchte, aus der gefährdeten wirtschaftlichen und politischen Lage der anderen sehr zweifelhafte Vorteile zu ziehen. Das Nachspiel bestand darin, dass alle zusammen in den Weltbrand mit hineingerissen wurden.

Die Solidarität Europas als eines der Mittel für den Frieden der Welt

So besteht denn eine der konkreten Forderungen dieser Stunde, eines der Mittel, der ganzen Welt den Frieden und ein fruchtbares Erbe an Hab und Gut zu sichern, eine Kraft, die auch die Völker Asiens und Afrikas, des Mittleren Orients und Palästinas mit den Heiligen Stätten einbezieht, darin, dass die Einheit Europas gefestigt wird. Sie kann jedoch nicht gestärkt werden, solange nicht jede der ihr angehörigen Nationen versteht, dass die politischen und wirtschaftlichen Niederlagen der einen auf die Dauer in keinem Teil der Welt einen wirklichen Gewinn für die anderen darstellen können. Sie wird nicht fester hinsichtlich der Bildung der öffentlichen Meinung, wenn in der Stunde der gemeinsamen Gefahr die Kritik an den Handlungen der einen, auch wenn sie berechtigt ist, von den andern unter so einseitigen Gesichtspunkten zum Ausdruck gebracht wird, dass man daran zweifeln könnte, ob noch irgendein Band zwischen ihnen besteht. Niemals kann man gute Politik allein aus dem Gefühl machen; noch weniger eine echte Politik von heute aus den Gefühlen von gestern und vorgestern. Unter solchem Einfluss wäre es nicht möglich, über gewisse wichtige Fragen richtig zu urteilen, z. B. über die des Militärdienstes, der Waffen, des Krieges.

Der Militärdienst, die Waffen, der Krieg

Die heutige Lage, die nicht ihresgleichen in der Vergangenheit hat, sollte dennoch allen klar sein. Es ist jetzt nicht mehr angebracht, sich den Kopf zu zerbrechen, welche Absichten und Methoden hinter den Panzer wagen stehen, wenn diese lärmend und todbringend über die Grenze einbrechen, um zivilisierte Völker zu einer Lebensform zu zwingen, die sie ausdrücklich verabscheuen; wenn gleichsam die Etappen möglicher Verhandlungen und Vermittlungen verbrannt werden und mit der Verwendung von Atomwaffen gedroht wird, um konkrete Forderungen durchzusetzen, ob diese nun berechtigt oder unberechtigt sind. Es ist klar, dass sich unter den gegenwärtigen Umständen für eine Nation der Fall ergeben kann, wo nach dem Scheitern aller Bemühungen, den Krieg zu vermeiden, dieser zur wirksamen Verteidigung und in der Hoffnung auf glücklichen Ausgang gegenüber ungerechtem Angriff nicht als unerlaubt betrachtet werden könnte. Wenn also eine Volksvertretung oder eine durch freie Wahl zustande gekommene Regierung in äußerster Not mit den legitimen Mitteln der Außen- und Innenpolitik Verteidigungsmaßnahmen beschließt und die ihrem Urteil nach notwendigen Dispositionen dazu trifft, so handelt auch sie nicht unmoralisch, so dass ein katholischer Bürger sich nicht auf sein Gewissen berufen kann, um den Kriegsdienst zu verweigern und die vom Gesetz festgelegten Pflichten nicht zu erfüllen. Hierin fühlen Wir Uns in voller Übereinstimmung mit Unsern Vorgängern Leo XIII. und Benedikt XV., die jene Verpflichtung niemals leugneten, wohl aber das zügellose Wettrüsten und die moralischen Gefahren des Kasernenlebens zutiefst beklagten und als wirksames Heilmittel, wie auch Wir es getan haben, eine allgemeine Abrüstung vorschlugen (vgl. Leonis XIII. Acta vol. XIV, Romae 1895, S. 210; Arch. degli Affari Eccl. Straord., Nota deI Card. Gasparri, Staatssekretär Benedikts XV., an den Ministerpräsidenten des Vereinigten Königreichs, 28. Sept. 1917).

Die moralischen Normen und die Forderungen des Gewissens

Es gibt also Fälle und Augenblicke im Leben der Nationen, in denen nur die Rückwendung auf die höchsten Prinzipien die Grenzen zwischen Recht und Unrecht, zwischen dem Erlaubten und dem Unmoralischen klar bestimmen und das Gewissen gegenüber schweren Entscheidungen beruhigen kann. Es ist darum tröstlich, dass in verschiedenen Ländern in den heutigen Debatten die Männer vom Gewissen und von dessen Forderungen sprechen. Sie beweisen, dass sie nicht vergessen haben, dass das soziale Leben genauso weit vor dem Chaos gerettet werden kann, als es sich nach absoluten Normen richtet und einem absoluten Ziel gehorcht; sie verurteilen damit implicite jene, die die Fragen des menschlichen Zusammenlebens auf der Grundlage guter äußerer Formen und mit einem praktischen Blick lösen zu können glauben, dessen Ziel ist, je nachdem, wo sich im einzelnen Fall Interesse und Macht befinden, zu handeln. Obwohl das Programm, das den Vereinten Nationen zugrunde liegt, sich die Verwirklichung der absoluten Werte im Zusammenleben der Völker zum Ziel setzt, hat die jüngste Vergangenheit doch gezeigt, dass der falsche Realismus bei nicht wenigen seiner Mitglieder die Oberhand gewonnen hat, auch wenn es sich darum handelt, die Achtung vor eben jenen Werten der menschlichen Gesellschaft durchzusetzen, die offen mit Füßen getreten werden. Die einseitige Einstellung, die die Tendenz hat, unter den verschiedenen Umständen nur im Hinblick auf Interesse und Macht zu handeln, führt dazu, dass die Klagefälle wegen Friedensbruch sehr verschieden behandelt werden und dass das verschiedene Gewicht, das diesen Fällen, einzeln betrachtet, im Lichte der absoluten Werte zukommt, sich ohne weiteres in sein Gegenteil verkehren kann.

Die Autorität der Vereinten Nationen

Niemand erwartet oder verlangt das Unmögliche, auch nicht von den Vereinten Nationen; aber man hätte erwarten dürfen, dass ihre Autorität ihr Gewicht zum mindesten durch Beobachter an den Stellen äußerster Gefährdung der wesentlichen Werte des Menschen hätte einsetzen können. Wie anerkennenswert es auch sein mag, dass die UN schwere Vergewaltigungen der Menschenrechte und ganzer Völker verdammt, so hätte man doch wünschen mögen, dass in ähnlichen Fällen Staaten, die sogar die Zulassung von Beobachtern ablehnen und damit eine Auffassung von der Souveränität des Staates beweisen, die die Fundamente der UN selber untergräbt, eine weitere Ausübung ihrer Rechte als Mitglieder dieser Organisation versagt würde. Diese müsste auch das Recht und die Macht haben, jedem unter irgendeinem Vorwand beabsichtigten militärischen Eingriff eines Staates in einem anderen zuvorzukommen, und ebenso, mit ausreichenden Polizeikräften den Schutz der Ordnung in dem bedrohten Staat zu übernehmen.

Die allgemeine Abrüstung und die neuen Kontrollmethoden

Wenn Wir auf diese mangelhaften Seiten hinweisen, so geschieht dies, weil Wir die Autorität der UN gesteigert sehen möchten, zumal um die allgemeine Abrüstung durchzusetzen, die Uns so sehr am Herzen liegt und über die Wir schon bei anderen Gelegenheiten gesprochen haben. In der Tat kann nur im Rahmen einer Einrichtung wie der Vereinten Nationen die Verpflichtung der einzelnen Nationen, ihre Rüstung herabzusetzen und insbesondere auf die Verwendung bestimmter Waffen zu verzichten, beschlossen und zu einer strikten Pflicht internationalen Rechts gemacht werden. Ebenso sind gegenwärtig nur die Vereinten Nationen imstande, die Befolgung dieser Pflicht zu verlangen, indem sie die tatsächliche Kontrolle über die Rüstungen der einzelnen, ohne irgendeine Ausnahme, übernehmen. Deren Ausübung durch Luftbeobachtung würde einerseits die Unannehmlichkeiten vermeiden, die die Anwesenheit fremder Kommissionen an Ort und Stelle verursachen könnte, und anderseits einen tatsächlichen Einblick in die Waffenproduktion und die militärischen Bestände auf verhältnismäßig einfache Weise gestatten. Tatsächlich grenzt es ans Wunderbare, was die Technik auf diesem Gebiet erreichen konnte.

Wenn man über Objektive von hinreichender Winkelöffnung und Lichtstärke verfügt, ist es heute möglich, aus mehreren Kilometern Höhe Gegenstände, die sich auf der Erdoberfläche befinden, mit ausreichenden Einzelheiten zu photographieren. Dem wissenschaftlichen Fortschritt, der modernen mechanischen und photographischen Technik ist es gelungen, Aufnahmeapparate zu konstruieren, die eine in jeder Hinsicht ungewöhnliche Vollendung erreicht haben; die Filme sind zu einem so hohen Grad von Empfindlichkeit und Feinkörnigkeit entwickelt worden, dass vielhundertfache Vergrößerungen nach ihnen möglich sind. Wenn solche Apparate auf Flugzeuge aufmontiert werden, die fast mit Tongeschwindigkeit fliegen, können automatisch Tausende von Aufnahmen gemacht werden, so dass Hunderttausende von Quadratkilometern in verhältnismäßig kurzer Zeit erforscht werden.

Die Experimente auf diesem Gebiet haben Ergebnisse von außerordentlicher Bedeutung gezeitigt, die es gestatten, Fabriken, Maschinen, einzelne Personen und Gegenstände, die auf dem Erdboden, und wenigstens indirekt auch solche, die unter der Erde existieren, hervorzuheben. Die Gesamtheit der durchgeführten Untersuchungen hat gezeigt, wie schwierig es ist, eine Truppenbewegung oder Verschiebung von Panzerwaffen, große Waffenlager und kriegswichtige Industriekomplexe zu tarnen. Wenn die Suche dauernden und systematischen Charakter haben könnte, so würden sich auch ganz winzige Einzelheiten hervorheben lassen, so dass dies einen zuverlässigen Schutz gegen etwaige Überraschungen bieten würde.

Die Kontrolle annehmen, das ist der entscheidende Punkt, an dem jede Nation ihren ernsthaften Friedenswillen beweisen kann.

Der Friedenswille

Der Friedenswille, höchster Ruhm des freien Menschen, unschätzbares Gut des gegenwärtigen Lebens, ist die Frucht menschlicher Bemühungen, doch auch ein kostbares Geschenk Gottes! Der Christ weiß es, denn er hat es an der Krippe des neugeborenen Gottessohnes gelernt, auf dessen Wahrheit und auf dessen Gebote als höchste absolute Werte jede Ordnung gegründet ist, die auch von diesen gehütet und in Werken des Fortschritts und der Zivilisation fruchtbar gemacht wird.

===Das Licht und das Leben des Weihnachtsgeheimnisses.
Die Hilfeleistungen an das unterdrückte Ungarn ===

Man gestatte Uns schließlich eine letzte Ermahnung. Es ist Uns ein großer Trost, an die bewegte und hochherzige Haltung all Unsrer geliebten Kinder, der Hilfsorganisationen, ganzer Nationen und auch der ehrenhaften Presse gegenüber dem unterdrückten Ungarn zu denken. Wir sind auch überzeugt, dass alle rechtschaffenen Menschen nicht aufhören werden, zu beten und zu opfern, um die traurigen Zustände des gemarterten Volkes zu erleichtern. Viele auf Erden haben in den verworrenen Ereignissen der letzten Jahrzehnte schon am eigenen Leibe erfahren, was Elend bedeutet. Wie könnten sie angesichts der Not anderer gleichgültig sein? Und wie könnten die, die in Behagen leben, gefühllos gegenüber der Armut ihres Nächsten bleiben? Doch zugleich mit eurer barmherzigen Liebe möge über die Unglücklichen vor allem das "Licht" und das "Leben" des Weihnachtsgeheimnisses widerhallen. Beide sind in Christus gegeben, und diese Gnade, dieser Friede, dieses Vertrauen auf Gott, das alle Gerechtigkeit wiederherstellen und jedes Opfer lohnen wird, kann ihnen von keiner menschlichen Macht genommen werden.

Und nun möge auf alle, die Uns hören, insbesondere auf die Leidenden, die Demütigen, die Armen, auf die, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen (vgl. Mt 5, 10), als Unterpfand der göttlichen Gnaden Unser Apostolischer Segen herabsteigen.

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