Liber vitae meritorum

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Visionärin und Kirchenlehrerin Hildegard von Bingen mit ihrem Sekretär Volmar (Liber Scivias)

Liber vitae meritorum (lat.; dt.: Das Buch der Lebensverdienste[1] ist eine von Gott visionär-eingegebene Schrift, die Hildegard von Bingen in lateinischer Sprache durch ihren Sekretär Volmar aufgezeichnet hat. Sie entstand um 1158 bis 1163. Die Schrift ist Hildegards ethisches und zweites theologisches Werk. In dichterischen Wechselgesprächen werden 35 heilsame Tugenden und krankmachende Laster in ihrem wechselseitigen Verhältnis aufgezeigt,[2] eine Auseinandersetzung von Gut und Böse. Es ist ein Mahnbuch für ein gottgefälliges Leben[3] und gleichsam die Psychotherapie Hildegards.

Der selige Zisterzienser-Papst Eugen III. las persönlich auf der Synode von Trier 1147/1148 den anwesenden Kardinälen, Bischöfen und Theologen aus der Schrift Scivias vor, ermunterte Hildegard zu weiteren Aufzeichnungen ihrer Visionen und erkannte sie als Privatoffenbarungen an.[4]

Inhaltsverzeichnis

Kurzbeschreibung

Bild aus dem Werk "Liber divinorum operum"

Im Mittelpunkt der Schau steht ein Mann. Mit jedem der sechs Akte dreht er sich in eine der Himmelsrichtungen und endlich rund um das All. Dieser Mann reicht leibhaftig vom Gipfel des Äthers bis hinunter in die Tiefe des Abgrundes. Dieser Mann ist Gott, wobei Hildegard vermutlich auf die Stelle bei Jesaja 42,13 EU zurückgreift, wo jener Mann Gott bedeutet, von dem der Prophet sagt: "Der Herr zieht aus wie ein Held," des Kosmos Gestalt nimmt er an, um mit den kosmischen Kreisen das Universum als Schöpfung zu repräsentieren. In einer Lichtwolke erscheinen vor ihm Sonne und Mond, in einer Sturmwolke die Schar der Seligen, die auf ihre ewige Heimat warten, in einer Feuerwolke der Chor der Feuergeister, der dem lasterhaften Trubel der Welt die himmlische Antwort gibt.

Inmitten des Kosmos und der Geschichte steht der Mensch im Kampf zwischen Gut und Böse, den er in seinem Leben als eine Auseinandersetzung zwischen Tugenden (Gotteskräften) und Lastern erfährt. Der Kosmos ist das Werk des liebenden Schöpfers und der Zeitenablauf das Heilshandeln Gottes am Menschen, das ihn zur Umkehr und zur Liebe bewegen soll, das allein ein vollendetes, geglücktes Dasein ermöglicht.[5]

Damit ist der Ort der dramatischen Handlung vorgezeichnet, die Bühne erleuchtet, auf der die grotesken Erscheinungen zu Worte kommen, aber auch schon die heilsdramaturgische Struktur der verschiedenen Akte aufgewiesen. Eine ungemein geschlossene Architektonik zeigt ein lebhaft inszeniertes und äußerst turbulent ablaufendes Drama einer kämpferischen Auseinandersetzung zwischen Lastern und Tugenden wie auch weitschweifige moralistische Ausdeutungen. Der systematische Charakter des Werkes ist ebenso rational durchgezogen wie mystisch unterbaut.[6] Es begegnet dem Leser 35 monströser Mischwesen, die teilweise menschlich, teilweise tierisch aussehen: z.B. wird dort eine Menschengestalt mit Hasenohren und dem Körper eines Wurmes beschrieben; bei anderen Gestalten erscheinen die Hände als Bärentatzen oder Geierklauen, die Füße als die einer Heuschrecke; dann verdichtet sich der Rauch zu einer Figur; wiederum eine andere Gestalt dreht sich rastlos, eingeklemmt in einem Rad.[7]

Hildegard erblickt die verschiedenen Laster zunächst in leibhaftiger Gestaltung und hört sie in einer auffallend banalen irdischen Diktion daherreden. Ihnen antworten jeweils die Tugenden mit körperloser Stimme. Alsdann gibt eine Stimme von oben die Erklärung der Figuren samt ihrer allegorischen Attribute. Schließlich werden noch einmal in strenger Folge die Laster nachgezeichnet, wobei diesmal das Wesen des Lasters, die jenseitigen Läuterungsmittel, aber auch die diesseitigen Bußdisziplinen im Mittelpunkt stehen. Das sechste und letzte Buch kennt keine Laster mehr und weist lediglich auf die Orte der Verdammnis wie auch der endgültigen Beseligung hin.[8]

Die Physica erweist sich als eine Art Lexikon, mit dessen Hilfe man die bildhafte Sprache Hildegards und die theologischen Auslegungen der bildlichen Darstellungen im Buch der Lebensverdienste fundierter nachvollziehen kann.[9]

Inhaltsverzeichnis

  • Erster Teil: Der Mann schaut nach Osten und Süden
  • Zweiter Teil: Der Mann schaut nach Westen und Norden
  • Dritter Teil: Der Mann schaut nach Norden und Osten
  • Vierter Teil: Der Mann schaut nach Süden und Westen
  • Fünfter Teil: Der Mann blickt rundum ins All
  • Sechster Teil: Der Mann bewegt sich mit den vier Zonen der Erde[10]

Tabellarischer Überblick der Laster und Tugenden

Nr. Laster
Lateinisch
Laster
Deutsch
Tugend
Lateinisch
Tugend
Deutsch
Bereich am Leib des Mannes
1. Amor saeculi Weltliebe Amor caelestis Liebe zum Himmlischen/Himmelsliebe oberhalb der Schultern ↓
2. Petulantia Ausgelassenheit/Frechheit Disciplina Zucht/Disziplin
3. Joculatrix Vergnügungssucht/Spaßmacherei Verecundia Schamhaftigkeit/Ehrfurcht
4. Obduratio Herzenshärte/Verhärtung Misericordia Barmherzigkeit
5. Ignavia Feigheit Divina victoria Gottes Sieg
6. Ira Zorn Patientia Geduld
7. Inepta laetitia Ausschweifung/Törichte Freude Gemitus ad Deum Sehnsucht nach Gott/Seufzen vor Gott
8. Ingluvies ventri Schlemmerei/Völlerei Abstinentia Enthaltsamkeit Brust- und Rückenbereich ↓
9. Acerbitas Engherzigkeit/Bitterkeit Largitas Freigebigkeit
10. Impietas Gottlosigkeit Pietas Frömmigkeit
11. Fallacitas Lüge/Falschheit Veritas Wahrheit
12. Contentio Streitsucht/Streit Pax Friede
13. Infelicitas Schwermut/Unglückseligkeit Beatitudo Seligkeit
14. Immoderatio Maßlosigkeit Discretio Maß/Unterscheidung
15. Perditio animarum Verstocktheit/Verdammnis der Seelen Salvatio animarum Seelenheil/Erlösung der Seelen
16. Superbia Hochmut Humilitas Demut von den Schenkeln bis zu den Knien ↓
17. Invidia Missgunst/Neid Charitas Liebe
18. Inanis gloria Ruhmsucht/Eitle Ruhmsucht Timor Domini Gottesfurcht
19. Inobedientia Ungehorsam Obedientia Gehorsam
20. Infidelitas Unglaube Fides Glaube
21. Desperatio Verzweiflung Spes Hoffnung
22. Luxuria Wollust/Lüsternheit Castitas Keuschheit
23. Injustitia Ungerechtigkeit Justitia Gerechtigkeit Waden- und Fußbereich ↓
24. Torpor Stumpfsinn Fortitudo Tapferkeit
25. Oblivio Dei Gottvergessenheit Sanctitas Heiligkeit
26. Inconstantia Unbeständigkeit Constantia Beständigkeit
27. Cura terrenorum Sorge für das Irdische/Welsorge Caeleste desiderium Sehnsucht nach Himmlischem/Himmelsverlangen
28. Obstinatio Verschlossenheit/Hartnäckigkeit Compunctio cordis Zerknirschung/Herzenszerknirschung
29. Cupiditas Habsucht/Begierede Contemptus mundi Weltverachtung
30. Discordia Zwietracht Concordia Eintracht
31. Scurrilitas Spottsucht/Albernheit Reverentia Ehrfurcht/Ehrerbietung unter den Fußsohlen ↓
32. Vagatio Umherschweifen/Unstetigkeit Stabilitas Stetigkeit/Beständigkeit
33. Maleficium Magische Kunst/Zauberei Cultus Dei Gottesdienst
34. Avaritia Geiz/Habsucht Sufficientia Genügsamkeit/Zufriedenheit
35. Tristitia saeculi Weltschmerz/Welttrauer Coeleste gaudium Himmlische Freude/Himmelsfreude [11]

Der Inhalt und seine geistliche Deutung

Schöpfung und Heilsgeschichte

Das Weltall, Vision aus dem Liber Scivias

Das Buch der Lebensverdienste besteht aus einer einzigen Vision, die Hildegard in sechs Teilen entfaltet. Im Mittelpunkt der Schau steht eine Mannesgestalt, die sowohl durch ihre den ganzen Kosmos überragende Größe als auch durch die Bezeichnung "vir" ("Mann") eine vollständige Vitalität ausstrahlt und damit letztlich Gott selbst versinnbildlicht: Gott ist der Ursprung aller Lebenskraft ("vis") und Grünkraft ("viriditas"), aus ihm kommt alles Leben ("vita") und er gibt jene Kräfte ("virtutes") in Fülle, die den Sieg des Guten vollbringen. Wie die Visionsgestalt des Mannes über sich hinaus auf den unbegreiflichen Gott verweist, so sprengt auch der Kosmos, der den Mann in Hildegards Schau umhüllt, den Rahmen des geschaffenen Weltalls. Die Schichten des Universums, von den höchsten Wolken des Himmels bis hinab in den Abgrund, werden als die Epochen der Heilsgeschichte gedeutet, die von vor dem Anfang bis zum unergründlichen Ende der Welt reicht und das Zeitalter des Alten Gesetzes und das Zeitalter der im Neuen Gesetz wandelnden Kirche umfasst. Dadurch entsteht in dieser Vision eine komplexe Zusammenschau von Raum und Zeit, Kosmos und Heilsgeschichte, leiblicher und seelischer Wirklichkeit im Angesicht Gottes. Das Buch der Lebensverdienste bietet eine Kosmologie und Anthropologie in mächtiger Bildersprache und theologischer Reflexion.

Das Buch gliedert sich dadurch in sechs Teile, dass sich der Mann von der Mitte aus in je andere Himmelsrichtung wendet: nach Osten (I. Teil), nach Westen (II. Teil), nach Norden (III. Teil), nach Süden (IV. Teil), dann über den ganzen Erdkreis (V. Teil), bis er schließlich mit den vier Weltregionen in Bewegung kommt (VI. Teil). In jedem der Teile konzentriert sich die Schau auf eine je andere Schicht des Kosmos (z.B. Äther, unter dem Himmelsgewölbe, Erde, Wasser des Abgrunds) und damit auf den entsprechenden Bereich am Leib des Mannes (oberhalb der Schultern, Brust- und Rückenbereich, von den Schenkeln bis zu den Knien, Waden- und Fußbereich, unter den Fußsohlen). Ausgehend von diesen bildlichen Vorgaben erhält jeder Teil einen eigenen thematischen Schwerpunkt mit geistlicher Bedeutung.

Der erste Teil bietet einen grandiosen Überblick über Gottes Heilshandeln in Schöpfung, Menschwerdung und Kirche bis über das Ende der Welt hinaus, er klärt aber auch über die Herkunft der Laster auf: Der Teufel, den Hildegard oft "die alte Schlange" nennt, spuckt einen Nebel aus, der die ganze Erde verhüllt und aus dem die Laster hervorkommen. Die Laster ("vitia") nehmen in den ersten fünf Teilen einen großen Raum ein, indem Hildegard ihre Gestalten beschreibt und auslegt und ihnen die Gotteskräfte entgegenstellt. Besonders die Auseinandersetzung zwischen Lastern und Gotteskräften verleiht dem Buch der Lebensverdienste seinen spezifischen Charakter.

Im zweiten Teil befasst sich Hildegard mit den Erscheinungsformen der Offenbarung, den "Mitteln des Alten und des Neuen Testamentes", die dem Menschen in seinem Daseinskampf als Hilfe geschenkt worden sind: das Gesetz, die Prophetie, die Menschwerdung Gottes und die Auslegung des Alten und des Neuen Testamentes.

Im dritten Teil erheben die Elemente der irdischen Sphäre ihre Stimme zu einer Klage, weil sie sich in ihren eigenen Bestimmungen durch den Missbrauch des Menschen verhindert und zerstört fühlen. Daraufhin befasst sich die Vision mit den Gründen und den Konsequenzen der Ausbeutung der Natur: Der Mensch, statt seinen Schöpfungsauftrag als Mitarbeiter Gottes zu verwirklichen, verhält sich inmitten der Welt als ein Rebell, wodurch er die Schöpfungsordnung in Unordnung verkehrt.

Der vierte Teil betrachtet die Erde und damit die Materialität, die sich in der Leiblichkeit des Menschen manifestiert. Die Erde ist die Materie, aus der der Mensch geformt wurde, der Leib des Menschen ist aber wiederum jene Materie, aus der der Gottessohn seine Menschennatur angenommen hat. Der menschgewordene Gottessohn führt die menschlichen Werke zur Vollendung, indem er die Tugenden, die den Menschen selig machen, und die Heiligkeit, die das wahre Dasein beinhaltet, in seinem Leben darlegt und weiterschenkt.

Der fünfte Teil erläutert die elementare Kraft des Wassers, das alles zu reinigen, alles mit Flüssigkeit zu versorgen und dadurch alles am Leben zu erhalten vermag. Aus dieser natürlichen Wirksamkeit des Wassers leitet Hildegard seine Heilskraft ab, die in der Taufe begründet ist.

Im sechsten Teil erscheint an den Knien des Mannes ein Einhorn. Dieses Einhorn symbolisiert den menschgewordenen Gottessohn, der in seiner heiligen Menschheit und Jungfräulichkeit den Teufel besiegt und die Macht des Gerichtes von Gott dem Vater empfangen hat. So weist dieser letzte Teil auf die endzeitliche Vollendung hin. Sie wird damit beginnen, dass Gott im Menschen all seine Kräfte vervollständigt, um das Böse endgültig zu beseitigen. Durch diese Freisetzung wird die Welt in ihren Elementen geläutert, so dass Himmel und Erde in einer neuen Existenz aufleuchten. Der Mensch erfährt des Weiteren eine Reinigung, die ihn fähig macht, am Glück teilzuhaben: Er wird in unversehrter Gottesbeziehung leben und die vollkommene Freude empfangen. Da der Teufel seiner Macht beraubt werden wird und die alte Welt einer neuen Schöpfung weicht, gibt es in diesem Teil keine Laster mehr. Stattdessen betrachtet Hildegard die himmlischen Freuden der Seligen.

In der Gesamtschau der kosmologischen und der heilsgeschichtlichen Dimensionen bilden sich zwei Brennpunkte heraus, die Hildegards Theologie tragen: Schöpfung und Inkarnation. In der Erschaffung der Welt, als Gott alles Leben aus sich hervorgehen ließ, und in seiner Menschwerdung, als er das Menschsein ganz angenommen hat, offenbart Gott sein Wesen als Liebe.

Wenn Hildegard die Beziehung des Schöpfers zu seiner Schöpfung mit einem Vergleich aus der menschlichen Erfahrungswelt auszudrücken versucht, greift sie auf die eheliche Verbindung zurück: In der stärksten und elementarsten Form der Liebe, die Mann und Frau zueinander zieht, sieht Hildegard jene Leidenschaft abbildhaft eingeschrieben, mit der Gott seine Schöpfung umarmt. Hildegard betrachtet die Welt demgemäß nicht als ein bloß metaphysisches Seinsprinzip, sondern als ein Beziehungsgeschehen zwischen Gott und seiner Schöpfung. Diese Überzeugung spiegelt sich auch in den Worten etlicher Gotteskräfte wider, die die Schönheit der Natur als Ausdruck göttlicher Liebe wahrnehmen, worin sich die gottgewollte Verbundenheit zwischen Schöpfer und Welt verwirklicht.

Dieses Liebesverhältnis Gottes zu seinem Geschöpf gipfelt in der Menschwerdung. Gottes zärtliche Hinwendung zum Menschen bewegt ihn dazu, Fleisch anzunehmen und das Menschsein in all seinen Konsequenzen auszutragen. Um die Vereinigung Gottes mit dem Menschen in der Inkarnation zu preisen, wählt Hildegard wiederum die Liebessprache: Der Gottessohn jubelt bei seiner Menschwerdung wie der Bräutigam, der die Braut "im Gemach seines Herzens aufnimmt". Da aber im Buch der Lebensverdienste das menschliche Dasein besonders als ein Kampf im Vordergrund steht, unterstreicht Hildegard die siegreiche, befreiende Kraft der Menschwerdung Gottes. Indem der Gottessohn das Böse schon besiegt und den Menschen aus der Macht der Sünde befreit hat, kann auch der Mensch gegen die Anfechtungen der Laster zuversichtlich kämpfen und auf die wahre Glückseligkeit hoffen.[12]

Laster und Gotteskräfte

In diesem heilsgeschichtlich-kosmologischen Rahmen sind die Laster ("vitia") und ihnen gegenüber die Gotteskräfte ("virtutes") verortet. Einen beachtlichen Teil im Buch der Lebensverdienste bilden die Beschreibungen der Lastergestalten, ihre Reden, die Antworten der Gotteskräfte und schließlich die Auslegungen der Lastergestalten auf das sittliche Leben hin. Das Modell der Gegenüberstellung von Lastern und Tugenden veranschaulicht einen geistlichen Prozess, der sich in jedem Menschenleben vollzieht.

Um diese Auseinandersetzung zu verstehen, besinnt sich Hildegard auf den Ursprung der Laster und damit des Bösen und bringt diese theologischen Wirklichkeiten in einer bildhaften Sprache zum Ausdruck. Hildegard betont ausgehend von der Heiligen Schrift, dass Gott ursprünglich alles gut geschaffen hat. Mit besonderer Aufmerksamkeit beschreibt sie die Erschaffung des Engelfürsten, Luzifers, den Gott mit den schönsten Gaben beschenkt hat. Luzifer aber zerstörte durch Stolz seine Beziehung zu Gott, indem er auf sich blickte und seine geschöpfliche Abhängigkeit nicht anerkennen wollte. Damit stürzte er in die Finsternis. Luzifer genügte es jedoch nicht, dass er selbst gestürzt war und eine große Schar seiner Anhänger mit in den Sturz gerissen hatte, sondern er trachtete danach, auch den Menschen ins Verderben zu ziehen. Durch List gelang es ihm, den Menschen zu Fall zu bringen, wodurch der Mensch seine integrale Beziehung zu Gott, zu sich selbst, zu seinen Mitmenschen und zur Schöpfung verloren hat. Zerrissenheit, Gespaltenheit und Versuchbarkeit bestimmen seitdem den personalen Kern des Menschen. Gerade das sind die Laster: die Gefährdung des verletzten Menschseins.

Die Reden der Laster im Buch der Lebensverdienste wirken jedoch zumeist sehr verlockend. Das Böse hat ja immer etwas Verführerisches an sich. Was aber sich hinter diesen propagierenden Worten verbirgt, wird durch ihre abschreckenden Gestalten anschaulich. Um vor der Gefahr der Laster zu warnen, antwortet ihnen je eine entsprechende Gotteskraft.

Die Gotteskräfte kommen von Gott her - im visionären Bild sendet der kosmische Mann aus einer trompetenförmigen Wolke Winde aus, von denen einer jene "stürmische Wolke" trägt, aus denen heraus die Gotteskräfte sprechen. Sie erscheinen im Buch der Lebensverdienste nicht mehr in ihren sichtbaren Gestalten, weil sie bereits aus Scivias bekannt sind. Sie lassen aber ihre Stimme aus einer Wolke vernehmen. In ihren Antworten widerlegen sie die Laster und rüsten so den Menschen zum Kampf gegen das Böse aus. Aber sie offenbaren auch ihr eigenes Wesen, meistens durch bildhafte Vorstellungen, die im Vergleich zu ihren geschilderten Gestalten in Scivias neue Aspekte aufdecken. Trotz ihrer Unsichtbarkeit vermitteln sie also anschauliche und lebhafte Formen der Gottesbeziehung, aus der heraus sie leben, und ermutigen den Menschen, in seiner Leib-Seele-Einheit dem Guten jeweils konkret Gestalt zu geben. Dies zeigt sich in verschiedenen Haltungen, für die der landläufige Sprachgebrauch das Wort "Tugend" verwendet: die Tugend der Liebe, der Geduld, der Barmherzigkeit usw.

In den Auseinandersetzungen zwischen Lastern und Tugenden, wie das Buch der Lebensverdienste sie darstellt, wird die Realität menschlichen Daseins ausgedrückt: Durch seine Freiheit hat der Mensch die Wahl zwischen Gut und Böse und es ist ihm aufgegeben, die Entscheidung gegen das Böse und für das Gute immer neu zu treffen.

Wenn Hildegard im Buch der Lebensverdienste 35 Tugenden und Laster vorstellt, so ist dies kein bloßes Aufzählen von zwei Reihen negativer und positiver Haltungen. Durch die Gestalten zeichnet sich eher ein Weg ab, dem eine innere Logik innewohnt: Der eine Schritt folgt aus dem anderen, von der Weltliebe bis zur Welttrauer in die eine Richtung, von der Himmelsliebe bis zur Himmelsfreude in die andere Richtung. Der Mensch wird in eine Dynamik einbezogen, aber keineswegs determiniert. Selbst die Tatsache, dass in der großen Vision Hildegards die Laster und die ihnen antwortenden Gotteskräfte auf fünf Gruppen verteilt sind, zeigt, dass immer wieder Neuanfänge gesetzt werden können, mit denen der Mensch sich wieder aufrichten und nach dem Guten ausrichten kann. Außerdem sind es gerade die Tugenden, die in jedem Moment lasterhaften Verhaltens heilende Kräfte anbieten. Die Schilderung des Prozesses kommt aus dem Leben und drängt nach Leben. Verwirklichung findet statt beim Nachvollzug guter Motivationen, die mit erfinderischer Wachsamkeit den eigenen Umständen angepasst werden müssen.

I. Teil: Wo es anfängt - Entscheidung und Ordnung der Liebe: Die Weichen, die die Richtung des Weges bestimmen, werden gleich zu Beginn im ersten Tugend-Laster-Paar gestellt: in der Himmelsliebe und in der Weltliebe. An diesem Anfangspunkt obliegt es dem Menschen, sich zu entscheiden, worauf er seine Liebe ausrichtet. Aus dieser inneren Einstellung erwachsen dann die nachfolgenden Haltungen. Augustinus spricht in seinem großen Werk Der Gottesstaat von zweierlei Liebe: von der bis zur Verachtung Gottes gesteigerten Selbstliebe und von der bis zur Verachtung seiner selbst gehenden Gottesliebe. Beide gründen ihren Staat, die eine den Weltstaat, die andere den himmlischen Staat. Ähnlich setzt auch Hildegard an. Die Weltliebe erscheint in ihrer Vision als ein Äthiopier, der auf einen Baum voller Blüten klettert und diese an sich reißt. Auf diese Weise zieht die Weltliebe die ganze Reihe der Laster hinter sich her. In diesem Anfangszustand ist es der Mensch, der handelt. Nachdem er aber den Weg der Laster bis zum Ende gelaufen sein wird, wird das Laster es sein, das ihn festhält. Am Ende, im fünften Teil der Vision, sehen wir den Baum wieder, allerdings vertrocknet und ohne Blätter, der jetzt den Menschen umschlingt, so dass er sich nicht mehr wehren kann.

Die Himmelsliebe demgegenüber ist voller Verheißung. Sie nennt sich Spiegel aller Gotteskräfte. Wie der Spiegel das Licht sammelt und in gesteigerter Intensität zurückwirft, so enthält die an Gott entfachte Liebe in sich die Fülle der Gotteskräfte und strahlt diese in kräftiger Vitalität aus. In der Entscheidung für die selbstlose Liebe werden große Energien freigesetzt. Dieser leidenschaftlichen Glut folgt die Disziplin, weil jene erste große Liebe eine Form der Zucht braucht, um sich auf Dauer zu bewähren. Die Disziplin zwingt jedoch kein Korsett auf, sondern ordnet als "Gürtel der Heiligkeit" die wallende Leidenschaft der Liebe. Wie man sich in einem weit fallenden Kleid erst an die Arbeit machen kann, wenn man es mit einem Gürtel bindet, so rüstet auch die Disziplin die Himmelsliebe zum alltäglichen Dienst. Ohne Zucht und Ordnung wäre unsere Liebe nur Illusion. In der Disziplin findet sie jedoch ihre geordnete Form und tragfähige Kraft, die zur Barmherzigkeit, Geduld und weiteren Tugenden führt.

II. Teil: Abschreiten des Weges - Haltende Kraft: Durch seine Geschöpflichkeit ist der Mensch in die Schöpfungsordnung hineingestellt und durch die Unterscheidung ("discretio") soll er sich mit Vernunft und Willen in diese Ordnung einfügen. Was bei den unvernünftigen Wesen von Natur aus vorgegeben ist, braucht beim Menschen einen persönlichen Akt, um mit- und nachvollzogen werden zu können. Die geschöpfliche Abhängigkeit bestimmt einerseits die Beziehung zum Schöpfer, die sich in Wort, Antwort und Verantwortung entfaltet, andererseits wirkt sie sich im Umgang mit den anderen Geschöpfen auf verschiedenen Seinsebenen aus als Urverbundenheit und Verwiesenheit. Da ist ein gegenseitiges Geben und Empfangen im Spiel, das die "discretio" in Gleichgewicht und Bewegung hält. Ohne die willentliche und vernunftbezogene Entscheidung für die unterscheidende Maßhaltung gerät der Mensch in die Maßlosigkeit, die wie ein Wolf alles an sich reißt, unfähig zur Enthaltsamkeit und zum Verzicht, zur Veränderung und zum Wandel, zur Verbindlichkeit und Beziehung - zu all dem, was das Leben fördert. So endet diese Reihe der Laster bezeichnenderweise mit der Verdammnis der Seelen.

Die Unterscheidung hilft vor allem dabei, unsere Grenzen zu erkennen, die uns in unserem Geschöpfsein mitgegeben sind, und damit bewahrt sie uns zugleich vor der Überschreitung der Grenzen. Ihre positive Optik zeigt die Fähigkeiten, mit denen jeder einzelne auf ganz persönliche Art begabt ist, und lässt erkennen, wie ein jeder seine Talente für andere einsetzen kann. Wenn wir lernen, unsere Gaben nach dem richtigen Maß zu gebrauchen, eröffnen sich neue Perspektiven. Schließlich bedeutet Maßhalten nicht Mittelmäßigkeit und Ängstlichkeit vor Weite und Größe. Vielmehr fordert sie wagende Schritte zuerst in den menschlichen Bereichen, wodurch dann auch geistliche Horizonte aufgehen können. So kann sich der Menschen dem Empfang der Erlösung, der abschließenden Gotteskraft in diesem Teil, öffnen.

III. Teil: Gottes Weg und unser Weg - Die Geheimnisse des menschgewordenen Gottes und des gottförmigen Menschen: Gott nähert sich auf vielen Wegen den Menschen, die er nicht nur als Mitarbeiter, sondern als Mitliebende erschaffen hat, wie Hildegard immer wieder zum Ausdruck bringt. Um eine liebende Begegnung möglich zu machen, hat Gott die Welt geschaffen. Den unmittelbarsten Weg zu den Menschen hat er in der Menschwerdung eingeschlagen. Der Gehorsam, der zugegen gewesen war, als Gott sein "Fiat! - Es werde!" sprach und die Schöpfung aus diesem Wort entstand, war ebenfalls die Haltung der Jungfrau Maria, als sie zur Menschwerdung des Gottessohnes ihr "Fiat! - Es werde!" sagte. So wird verständlich, dass im Leben Jesu Christi, durch den die Welt geworden und der Mariens Sohn ist, der Gehorsam besonders zum Tragen kommt. Die Demut und die Liebe bilden ebenso die Herzmitte des Christusmysteriums. Sie bewegen Gott dazu, Mensch zu werden. In seinem irdischen Leben hat Jesus den Menschen Gottes Liebe und Demut immer wieder konkret aufgezeigt und die Menschen eingeladen, Gehorsam, Liebe und Demut in ihrem menschlichen Sein umzusetzen.

Die menschliche Liebe nimmt die Haltungen der Gottesfurcht, des Glaubens und der Hoffnung ein. Der Gottesfürchtige ist in seinem ganzen Wesen eine liebende Aufmerksamkeit und strebt so zu sein, wie es dem Geliebten gefällt. Die liebende Person ist empfindlich gegen alles, was ein Hindernis sein könnte zwischen ihr und dem Geliebten. Deshalb ist die Sünde in den Augen der Gottesfurcht keine moralische Kategorie, sondern eine Verletzung der Liebe Gottes, wovor sie sich hüten will. Als Glaubender und Hoffender bekommt der Gottesfürchtige die Kraft, sich in vertrauender Hochgemutheit nach den göttlichen Dimensionen auszustrecken.

IV. Teil: Die Symphonie des Weges - Gerechtigkeit und Heiligkeit: Wenn es um Formung und Bildung geht, ist zunächst der einzelne Mensch gefragt. Ohne Zweifel ist er der verantwortliche und tatkräftige Verwalter der Tugenden. Man kann nicht die ganze Welt gerecht machen, wohl aber sein eigenes Herz. Das bedeutet aber nicht, dass Tugendleben ohne Gemeinschaft gelingen kann. Der Mensch gehört in die Gemeinschaft hinein - in die Familie, das Volk, den Freundeskreis, das Arbeitsteam, die Klostergemeinschaft. Die Wahrhaftigkeit der Herzensbildung erweist sich in der Gemeinschaft. Die wichtigste Tugend für das gemeinsame Leben ist die Gerechtigkeit. Sie setzt die Anerkennung der von Gott eingerichteten Ordnung voraus, die sich wiederum im Respekt ausdrückt. Der Respekt vor der Schöpfung ist die Verantwortung. Der Respekt vor dem anderen Menschen ist die Achtung und die Ehrfurcht. Der Respekt vor Gott ist der Dienst und die Anbetung. Diese Haltung ermöglicht, dass der Mensch jedem Seienden sein Sein, Dasein und Sosein lässt. Er nimmt sich nicht vor, die anderen formen zu wollen, sondern bejaht sie so, wie sie sind. Wer sich auf die anderen so einlassen und sie sogar annehmen kann, ordnet sich in eine größere Ordnung ein, die in ihrer Vielfalt eine Ganzheit bildet. Damit erreicht man zwar noch nicht die Harmonie, diese bleibt für das Ziel im ewigen Leben vorbehalten, aber zumindest eine Symphonie kann entstehen, wenn unsere Verschiedenheiten nicht als Ecken und Kanten, sondern als Bereicherung füreinander wahrgenommen werden. Um zu dieser Symphonie zu gelangen, genügen natürliche Gefühle nicht. Gerechtigkeit soll von der Gottesbeziehung her fundiert sein, dort, wo sie um die tieferen und höheren Schichten des Seins, um die bleibenden Werte, um den letzten Grund des Lebens weiß. Dieses Wissen teilt die Heiligkeit mit - eine Gotteskraft, die gegenwärtig gewiss auf Unverständnis und Desinteresse stößt. Aber gerade weil ihr Gegenbild, die Gottvergessenheit ("Ich spüre Gott nicht und deshalb kenne ich ihn nicht", IV 4, S. 217), so sehr unsere Welt, auch unsere Realität im eigenen Herzen bestimmt, ist Heiligkeit gefragt. Heiligkeit, nicht wie sie durch manch falsche Vorstellungen befremden kann, sondern Heiligkeit als die handfeste Kraft, die Fürstin der Schlachtreihe Gottes, in der sich viele Tugenden zusammenschließen. Auch da entsteht eine Symphonie, indem die vertikale Ausrichtung auf Gott in den horizontalen Angelegenheiten zum Vorschein kommt, indem das Leben vor dem Angesicht Gottes im Alltag unter den Mitmenschen ernst genommen wird.

V. Teil: Wo und worauf es ankommt - Entfaltung und Ziel des Weges: Die letzte Wegstrecke markieren Haltungen, die mit kleinen Varianten an die vorherigen Gotteskräfte und Laster erinnern. Dadurch entwickelt sich ein spiralartiger Prozess, der jedoch keine Leistung in dem Sinne erwartet, dass man immer größere und bessere Tugenden hervorbringt. Ausschlaggebend ist das Unterwegs sein, das vom Ursprung und vom Ziel gehalten wird. Mit einer Zielrichtung auf dem Weg zu sein, verlangt eine Beständigkeit, die vor jeder Art von Unstetigkeit bewahrt. Die Beständigkeit hebt den Zustand des Auf-dem-Weg-Seins nicht auf, aber sie gibt für dieses noch nicht vollendete irdische Dasein Heimat und Bleibe: als Geborgenheit in der Sehnsucht nach der ewig bleibenden Stätte. Das eigentliche Ziel des Tugendweges ist aber nicht die letzte Gotteskraft, die Himmelsfreude. Sie ist eine Zugabe, die man sich durch Wollen und Tun nicht erwerben kann. Wem, wann und wie sie geschenkt wird, bleibt eine reine Gnade. Unser Leben soll auf die vorletzte Haltung, auf die lautere Zufriedenheit zugehen. Sie führt zum Frieden mit dem, was wir in unserem Erdenleben zur Verfügung haben: Sei es in Fülle, sei es in kärglichem Maß, so ist es für die lautere Zufriedenheit das Richtige. Gerade darin erfährt sie bereits eine Vorwegnahme der Erfüllung im diesseitigen Dasein und wird so empfänglich für die Gnadengabe der Himmelsfreude.[13]

Lebensverdienste: Strafe und Belohnung, Schuld und Reue

"Lebensverdienste" sind für Hildegard mit Werken verbunden, die der Mensch zu vollbringen hat. Das Wirken von Werken bedeutet aber keineswegs eine Werkgerechtigkeit, die auf den berechtigten Lohn wartet, noch eine Leistung, mit der der Mensch sich seine ewige Freude verdienen könnte. Gute Werke tun heißt, den Schöpfungsauftrag zu erfüllen, der sich allein von Gottes Liebe her und von der daraus resultierenden Sicht auf den Menschen her verstehen lässt. Das Menschenbild, das sich im Buch der Lebensverdienste wie auch im Gesamtwerk Hildegards nachzeichnen lässt, hilft bei der geistlichen Deutung der "Lebensverdienste".

Hildegard hebt gemäß dem biblischen Bericht hervor, dass Gott den Menschen als sein Ebenbild erschaffen hat. Der Mensch verfügt durch Gottes Liebe über sinnliche Wahrnehmung ("sensibilitas") und durch Gottes Kraft über Vernunft ("rationalitas"), und er ist der Gotteserkenntnis fähig. Der Mensch ist schlechthin das Werk des Wirkens Gottes ("opus operis Dei").

Durch seine Vernunftbegabtheit ("rationalitas") bildet der Mensch Gott in der Schöpfung ab, was besonders in den Sinnen des Menschen zum Ausdruck kommt: "Denn er (Gott) hat das vernunftbegabte Leben geschaffen, indem die Augen sehen, die Ohren hören, die Nase riecht und der Mund Worte in Vernunft hervorbringt". Diese Sinnlichkeit, die in der Vernunft begründet und mit der Leibhaftigkeit verbunden ist, zeichnet den Menschen in der gesamten Schöpfung, sogar gegenüber den Engeln, aus. Aufgrund seiner "rationalitas" ist der Mensch zunächst, gleich den Engeln, zum Lob Gottes geschaffen. Da er aber - und darin übertrifft er die Engel - auch mit einem Leib ausgestattet ist, vermag er in der Welt zu wirken, so dass er in seiner vernunftbegabten und leibhaften Existenz fähig ist, Gottes Werke weiterzuführen und zu vollenden. Somit erweist sich der Mensch als das vollständige, vollkommene Werk Gottes ("opus plenum Dei".

Diese einzigartige Würde bedeutet für den Menschen indes einen Auftrag, inmitten der Welt zu wirken und Werke zu vollbringen. Dadurch lässt Gott den Menschen erfahren, dass er ihn als sein "beauftragtes Werk" ("officiale opus") in die Schöpfung gestellt hat und ihn fortan in seine Liebe und Hinwendung zu den Geschöpfen mit einbezieht.

Darin, dass Gott den Menschen ins Dasein gerufen ("Werk Gottes"), ihm eine in der Schöpfung einzigartige Existenzform geschenkt ("vollständiges Werk Gottes") und ihm die Schöpfung anvertraut hat ("beauftragtes Werk"), kann der Mensch Gottes unbegreifliche, zuvorkommende Liebe erkennen. So begreift er sich selbst aufgrund der Offenbarung Gottes als ein in Liebe geschaffenes und von Liebe umfangenes Werk. In dieser Einsicht verlangt es dem Menschen danach, auf die unermessliche Liebe Gottes zu antworten, und zwar mit ganzer Hingabe, indem er das Werk, das er selbst ist, Gott schenkt. In seinem zeitlichen und leiblichen Dasein muss sich aber das eine, vollkommene "Werk" konkretisieren, eben sich zeitigen und verleiblichen, wodurch schließlich die ,,werke" entstehen. In den verschiedenen einzelnen Werken drückt sich der Mensch selbst aus: seine Hingabe und seine Liebe zu Gott.

Da aber Freiheit konstitutiv zur Liebe gehört, kann der Mensch frei zwischen Gut und Böse wählen: Er kann sein Werk bejahen oder verweigern. In Scivias hat Hildegard mit dem Bild des Menschen am Scheideweg veranschaulicht, dass der Mensch selbst für seine Entscheidung verantwortlich ist. Freiheit beinhaltet also auch die Möglichkeit, dass der Mensch sein anvertrautes Werk verfehlen kann und sich als Rebell inmitten der Schöpfung verhält. Der Mensch wird in seiner Freiheit von Gott ernst genommen.

Die läuternden Züchtigungen, die Hildegard im Anschluss an jedes Laster detailliert beschreibt, sind unter dem Vorzeichen dieser freisetzenden Liebe zu verstehen. Es fällt auf, dass Hildegard die einzelnen Peinigungen aus den Verfehlungen heraus begründet. Damit gibt sie zu erkennen, dass bei diesen Strafen keine Willkür waltet. Vielmehr entsprechen die jenseitigen Qualen immer dem Leiden, das der Mensch mit seiner Sünde verursacht hat. Die reinigenden Strafen konfrontieren die Seelen angesichts der Liebe Gottes mit ihrem Fehlverhalten, mit dem Unrecht und mit dem Versagen in der Liebe. Dieses Wahr-nehmen der Schuld ruft zunächst einen brennenden und stechenden Schmerz hervor (mit den wiederholten Bildern vom Feuer und von Würmern ausgedrückt), nimmt dann aber im einzelnen persönlichen Schicksal die endzeitliche Läuterung vor, durch die das gesamte Dasein in seiner Klarheit aufleuchten kann.

Die Darstellungen der jenseitigen Strafen stehen im Dienste einer Heilspädagogik, die Hildegard in ihrem Anliegen der Sorge um die Seelen leitet. In diesem Zusammenhang ist ihre Erfahrung mit der Hölle bedeutsam: Hildegard betont ausdrücklich, dass es ihr verwehrt wurde, die Hölle zu schauen. Dem Menschen steht es nicht zu, über die Abgründe des Bösen zu spekulieren. Ihm ist dagegen aufgegeben, sich den Anfechtungen zu widersetzen und sich nach dem Guten, seiner ursprünglichen Bestimmung, auszustrecken. Wenn also Hildegard erschreckende Bilder verwendet, dann beabsichtigt sie damit, die Menschen auf die Ernsthaftigkeit und die zerstörerischen Konsequenzen bestimmter Haltungen aufmerksam zu machen. Sie will die Menschen in ihrem gottvergessenen Dahinleben aufrütteln und zur Umkehr aufrufen.

Das Buch der Lebensverdienste zielt auf Reue und Umkehr. Nach den jenseitigen Strafen wendet sich Hildegard nämlich den diesseitigen Mitteln zu, die eine Abkehr von falschen Einstellungen ermöglichen und zu einem gelingenden Leben verhelfen. Diese Abschnitte sind ein Angebot zum Umgang mit der eigenen Erfahrung des Schuldigseins, aber auch zur Wiedergutmachung. Bei der Buße gilt wiederum das Prinzip der Angemessenheit: Zum einen korrespondiert die auferlegte sühnende Tat mit der Sünde, zum anderen warnt Hildegard vor jeglicher Übertreibung. Wahre Buße vollzieht sich nach richtigem Maß ("secundum modum") und im Gehorsam, d.h. im Hinhören auf einen geistlichen Begleiter.

All die schwierigen Teile im Buch der Lebensverdienste, die mit ihren finsteren Bildern zu bedrücken scheinen, sind auf der leuchtenden Folie der Verheißung einer neuen Welt zu lesen. Auch diese gereinigte, helle und freuderfüllte Welt hat ihre Vorwegnahme bzw. ihre Boten in der diesseitigen Welt: jene Menschen, in denen die Gotteskräfte konkret Gestalt annehmen - die Heiligen. Sie werden im letzten, sechsten Teil zwar in verklärtem Zustand dargestellt, sie sind aber keine reinen Tugendgestalten. Die Heiligen sind Menschen mit je eigener Veranlagung und mit je eigenem Temperament, eine Mischung von Schwächen und Stärken. Sie haben sich aber inmitten ihrer Lebenssituation bewährt, indem sie die Kräfte der Tugenden in ihr Leben aufgenommen und die geschenkten Gottesgaben in die je eigene Form gefasst haben. Ihre endgültige Daseinsform entfaltet die letzte Gotteskraft, die Himmelsfreude, die nicht durch eigenes Bemühen erworben werden kann, sondern die sich nach göttlicher Logik ereignet. Die Glückseligkeit, die diese Menschen erfahren, erwächst aus ihrem Leben, das durchsichtig geworden ist auf Gott.[14]

Die (lateinische) Visionsschrift und ihr Schicksal

Der Text des "Liber vitae meritorum" ist in drei Handschriften des 12. Jahrhunderts erhalten geblieben, die noch unter den Augen Hildegards entstanden sein dürften.

Als die älteste Handschrift dieser Texte kann der "Codex Villarensis" gelten, der um das Jahr 1170 in der Schreibstube auf dem Rupertsberg entstanden ist und den Hildegard persönlich über Wibert von Gembloux an die Mönche der Zistersienserabtei Villers in Brabant übersandt hat. Die kostbare Handschrift trägt den älteren Besitzvermerk der Abtei Villers und einen späteren des Klosters Haffligensis (Afflighem). Beide Klöster wurden 1796 aufgehoben; 1837 trat an ihre Stelle die Gründung Dendermonde, in deren Besitz sich die Handschrift als "Codex Afflighemiensis 9" befindet.

Eine weitere Handschrift um das Jahr 1170 dürfte ebenfalls noch der Rupertsberger Schreibstube entstammen, der Kodex von St. Jakob in Mainz, jetzt "Codex latinus theologicus, fol. 727" der Preußischen Staatsbibliothek Berlin. Die Handschrift gelangte in den Besitz des Benediktiners Leander van Ess und ging später in die Sammlung des Lords Philipp von Cheltenham über, von wo sie die Preußische Staatsbibliothek Berlin erwarb.

Eine dritte Handschrift des 12. Jahrhunderts gehörte dem Kloster St. Eucharius in Trier und wird als Codex 68 der Seminarbibliothek Trier geführt. Diese Handschrift wurde von drei Kopisten gefertigt; der dritte Schreiber darf als der Hauptschreiber auch des Wiesbadener Riesenkodex angesehen werden, der damit ebenfalls zu den älteren Fassungen des "Liber vitae meritorum" zu rechnen ist.

Weitere Fassungen des Textes führen Handschriften des 13. Jahrhunderts, so der "Codex latinus 1016" der österreichischen Nationalbibliothek und ein "Codex Helmstadiensis 951", jetzt in der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel.

Als Zeugen für die Autorschaft können nicht nur Hildegards Mitarbeiter und Biograph Wibert von Gembloux mit seinen Mönchen der Abtei Villers angeführt werden, sondern auch der Kanonikus Bruno von Straßburg, der die Handschriften der Seherin eigenhändig abgeschrieben hat (vgl. Marianne Schrader/Adelgundis Führkötter, 1956, S, 55). Weitere Zeugnisse bringen die Vorrede des "Liber divinorum operum" sowie die Heiligsprechungsakten, das "Protocollum canonisationis".

Eine erste Edition des "Liber vitae meritorum" wurde von Kardinal Jean-Baptiste Pitra aufgrund des Codex Villarensis im Kloster Dendermonde besorgt und 1882 in den "Analeeta sacra", tomus VIII, pag, 1-244, in Paris publiziert. Nach diesem Text wurde das Werk in Bruchstücken von J. Ph, Schmelzeis (1879) vorgestellt. Zusammenhängende Auszüge hat Johannes Bühler (1922) vermittelt. Thematisch ist die Ethik dieser Vision zum ersten Mal in einer philosophischen Dissertation von Angela Rozumek (1934) behandelt worden. Eine nicht abzuschätzende Übersetzungshilfe aber verdanken wir Frau Maura Böckeler, die um das Jahr 1930 das erste Buch des "Liber vitae meritorum" übertragen hat und deren Fassung in einer Abschrift der Chorfrauen der Abtei St. Hildegard in Eibingen überlassen wurde.[15]

Die kritische Ausgabe des lateinischen Textes verdankt sich Sr. Angela Carlevaris OSB (*1921) aus der Benediktinerinnenabtei St. Hildegard: Hildegardis Bingensis: Liber vitae meritorum, ed. Angela Carlevaris (Corpus Christianorum. Continuatio Mediaeualis 90), Turnhout 1995 (426 Seiten, ISBN 2-503-03902-2 kart.). Als Leithandschrift hat Sr. Angela Carlevaris den Codex Dendermonde 9 gewählt, der auf dem Rupertsberg höchstwahrscheinlich unter Hildegards Aufsicht angefertigt und in die Zisterzienserabtei Villers gesandt wurde. Dadurch erhält dieser Textzeuge "den Status einer von der Autorin selbst approbierten Fassung."[16]

Deutsche Übersetzungen

  • Hildegard von Bingen, Das Buch der Lebensverdienste - Liber vitae meritorum, Hildegard von Bingen-Werke Band 7/10, Abtei St. Hildegard, Eibingen (Hg.), übersetzt und eingeleitet von Sr. Maura Zátonyi OSB (mit der Grundlage des kritisch-edierten lateinischen Textes 1995), Beuroner Kunstverlag 2014 (1. Auflage; 344 Seiten; ISBN 978-3-87071-314-0; kartoniert).
  • Von der Heilkraft der Seele: die menschlichen Tugenden "Liber vitae meritorum" , Hermann Bauer Verlag Freiburg im Breisgau 1998 (1. Auflage, 112 S.; ISBN 978-3-7626-0579-9 Pp.).
  • Heilen mit der Kraft der Seele: die Psychotherapie der heiligen Hildegard ; "Liber vitae meritorum" neu aus dem Lateinischen übersetzt und kommentiert von Wighard Strehlow, [Mit farbigen Abb. und Zeichn. von Hans Meyers] Hermann Bauer Verlag Freiburg im Breisgau 1993 (1. Auflage), 1993 (2. Auflage), 1996 (3. Auflage; 415 Seiten; ISBN 978-3-7626-0468-6 Pp.), Knaur Verlag München 2012 (1. Auflage; eBook: ISBN 978-3-426-41523-8).
  • Hildegard von Bingen Der Mensch in der Verantwortung, Das Buch der Lebensverdienste - Liber vitae meritorum, übersetzt und erläutert von Heinrich Schipperges; Herder Spektrum 1994 (310 S.; ISBN 978-3-451-04291-1 kart; 1997: ISBN 9783451042911).
  • Hildegard von Bingen, Der Mensch in der Verantwortung. Das Buch der Lebensverdienste, übersetzt von Heinrich Schipperges (stark gekürzte deutsche Übersetzung), Geleitwort von Adelgundis Führkötter OSB, Otto Müller Verlag Salzburg 1972 (1. Auflage; Leinen; 312 Seiten; 1985 (2. Auflage; ISBN 3-7013-0467-X), 1986 (3. Auflage), 1999.
  • Hildegard von Bingen, Buch der Lebensverdienste, übersetzt von Paul Suso Holdener (414 Seiten).

Sekundärliteratur

Scivias, Physica, Causae et curae; Liber divinorum operum.

Weblinks

Anmerkungen

  1. Man könnte man auch mit "Lebensbuch der Verdienste" übersetzen. Damit rückt das Werk in die Nähe des biblisch-apokalyptischen Lebensbuches ("liber vitae"), in dem die Namen jener eingetragen sind, die in das himmlische Jerusalem aufgenommen werden (Offb 21,27 EU; 3,5 EU; 13,8 EU; 17,8 EU; 20,15 EU; Dan 12,1 EU; Ps 69,29 EU.
  2. vgl. Hildegard von Bingen: Heilwissen Causa et curae, Von den Ursachen und der Behandlung von Krankheiten. Übersetzt und herausgegeben von Manfred Pawlik, Pattloch Verlag 1997, S. 9 (3. Auflage; 307 Seiten; ISBN 3-629-00594-1).
  3. Hildegard von Bingen: Scivias Wisse die Wege. Eine Schau von Gott und Mensch in Schöpfung und Zeit, übersetzt und herausgegeben von Walburga Storch OSB Pattloch Verlag 1997, Rosel Termolen in der Einleitung S. X (616 Seiten; ISBN 3-629-00594-2).
  4. Hildegard von Bingen: Scivias, Pattloch Verlag 1997, Rosel Termolen in der Einleitung S. IX.
  5. Hildegard von Bingen: Das Buch der Lebensverdienste - Liber vitae meritorum, Hildegard von Bingen-Werke Band 7/10, Abtei St. Hildegard, Eibingen (Hg.), übersetzt und eingeleitet von Sr. Maura Zátonyi OSB, Beuroner Kunstverlag 2014, S. 8 (1. Auflage; 344 Seiten; ISBN 978-3-87071-314-0; kartoniert).
  6. Hildegard von Bingen: Der Mensch in der Verantwortung. Das Buch der Lebensverdienste, übersetzt von Heinrich Schipperges (stark gekürzte deutsche Übersetzung), Geleitwort von Adelgundis Führkötter OSB, Otto Müller Verlag Salzburg 1986, S. 15 (3. Auflage).
  7. Hildegard von Bingen: Liber vitae meritorum, Einelitung von Sr. Maura Zátonyi OSB, Beuroner Kunstverlag 2014, S. 8.
  8. Hildegard von Bingen: Der Mensch in der Verantwortung. Otto Müller Verlag Salzburg 1986, S. 15 (3. Auflage).
  9. Siehe dazu Maura Zátonyi: Vidi et intellexi. Die Schrifthermeneutik in der Visionstrilogie Hildegards von Bingen (Beiträge zur Geschichte der Philosophie und Theologie des Mittelalters. Neue Folge 76), Münster 2012, S. 322-323. - entnommen der Einleitung des Buches: Hildegard von Bingen: Liber vitae meritorum, Beuroner Kunstverlag 2014, S. 8.
  10. Hildegard von Bingen: Der Mensch in der Verantwortung. Otto Müller Verlag Salzburg 1986, S. 5 (3. Auflage; 312 Seiten).
  11. Hildegard von Bingen: Der Mensch in der Verantwortung, Otto Müller Verlag Salzburg 1986, S. 16 (3. Auflage); Zweitübersetzungen der Laster und Tugenden, getrennt durch "/" stammen aus der Übersetzung von Sr. Maura Zátonyi: Hildegard von Bingen: Liber vitae meritorum, Beuroner Kunstverlag 2014, Einleitung , S. 338+339.
  12. Hildegard von Bingen: Liber vitae meritorum, Beuroner Kunstverlag 2014, "Inhalt und geistliche Deutung" wörtlich: S. 16-19.
  13. Hildegard von Bingen: Liber vitae meritorum, Beuroner Kunstverlag 2014, Einleitung von Sr. Maura Zátonyi, S. 19-25.
  14. Hildegard von Bingen: Liber vitae meritorum, Beuroner Kunstverlag 2014, Einleitung von Sr. Maura Zátonyi, S. 25-28.
  15. Hildegard von Bingen: Der Mensch in der Verantwortung. Das Buch der Lebensverdienste, übersetzt von Heinrich Schipperges, Otto Müller Verlag Salzburg, S. 13-14 (3. Auflage).
  16. Hildegard von Bingen: Liber vitae meritorum, Beuroner Kunstverlag 2014, Einleitung S. 16+35.
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