Liturgischer Archäologismus

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Mit Liturgischem Archäologismus benennt Papst Pius XII. in seiner Enzyklika Mediator Dei (Nr. 203) im November 1947 einen der Irrtümer bezüglich der Liturgie der Kirche.

Mit dem Begriff ist gemeint, in den gottesdienstlichen Riten "nur den reinen Ursprung am Anfang gelten [zu] lassen"[1] und spätere Weiterentwicklungen ausschließlich daran zu messen. Kardinal Walter Kasper zitiert den heiligen Papst Johannes XXIII.: "Die Liturgie ist kein Museum, sondern wie ein Dorfbrunnen, aus dem frisches Wasser sprudelt."[2]

Papst Pius XII. wehrt einseitig nach rückwärts gerichtete Maßstäbe ab und bejaht ausdrücklich die Bedeutung fortwährender Erneuerung der Liturgie in der Kirche unter Führung des Heiligen Geistes:

"Ganz gewiß, die Liturgie der alten Zeit ist zweifelsohne verehrungswürdig. Aber ein alter Brauch ist nicht allein schon deshalb, weil er Altertum ausstrahlt, in sich oder für spätere Zeiten und neue Verhältnisse als geeigneter und besser zu betrachten. Auch die neueren liturgischen Riten sind ehrfürchtiger Beobachtung würdig, weil sie unter Eingebung des Heiligen Geistes entstanden sind, der immerdar der Kirche beisteht bis zur Vollendung der Zeiten; und auch sie sind gleichberechtigte Werte, mit deren Hilfe die ruhmreiche Braut Christi die Menschen zur Heiligkeit anspornt und zur Vollkommenheit führt.
Mit Geist und Herz zu den Quellen der heiligen Liturgie zurückzukehren, ist sicher weise und sehr lobenswert, da das Studium dieses Wissenszweiges durch Zurückgreifen auf dessen Anfänge nicht wenig dazu beiträgt, die Bedeutung der Feste und den Sinn der verwendeten heiligen Texte und Zeremonien tiefer und genauer zu erforschen; dagegen ist es nicht weise und nicht lobenswert, alles um jeden Preis auf das Altertum zurückzuführen." (Mediator Dei, Nr. 61f.)

und weiter:

"Wie kein vernünftiger Katholik die geltenden Gesetze ablehnen kann, um zu den aus den ältesten Quellen des kanonischen Rechtes geschöpften Bestimmungen zurückzugreifen, so ist gleichermaßen, wenn es sich um die heilige Liturgie handelt, offensichtlich von keinem weisen und gesunden Eifer getrieben, wer zu den alten Riten und Bräuchen zurückkehren und die neuen ablehnen wollte, die doch unter dem Walten der göttlichen Vorsehung mit Rücksicht auf die veränderten Verhältnisse eingeführt worden sind. Diese Denk- und Handlungsweise lässt übertriebene und ungesunde Altertumssucht wiederaufleben" (Enzyklika "Mediator Dei", Nr. 63-64).

Die Arbeit der Historiker insgesamt wird in der Enzyklika gelobt. Der Papst schreibt:

"Die segensreichen Früchte dieses eifrigen Bemühens [sc. Wetteifer auf dem Gebiet der liturgischen Studien] konnte man auf dem Gebiet der theologischen Wissenschaften wahrnehmen, wo die liturgischen Riten der abend- und morgenländischen Kirche erschöpfender und tiefer durchforscht und erfaßt wurden, wie auch im geistlichen und privaten Leben vieler Christen." (Mediator Dei Nr. 4)

Die liturgiegeschichtliche Forschung seit dem 17. Jahrhundert spielte eine wichtige Rolle in der Kirche, die der Liturgiewissenschaftler Aimé-Georges Martimort so kennzeichnet: "Sie verhalf Klerus und Gläubigen dazu, den Wert und Reichtum der Liturgie, ihre Bedeutung in der Überlieferung der Kirche, den wahren Sinn der Riten und Gebete, die Unterscheidung zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem und die Einheit und Mannigfaltigkeit des kirchlichen Erbgutes wiederzuentdecken. [...] Der Ursprung der Riten erklärt deren wahren Sinn, hilft zur Bestimmung ihrer größeren oder geringeren Bedeutung und lehrt entweder ihre Überzeitlichkeit schätzen oder ihre Abhängigkeit von kulturellen Faktoren erkennen." Wichtig ist dabei, so Martimort, dass "die Erforschung des äußeren und sichtbaren Verlaufes der Riten" nicht genüge: "Der Historiker muss auch versuchen, die innere Haltung zu entdecken, mit der jeweils die Riten von Klerus und Gläubigen gelebt wurden."[3]

Zum Studium der Liturgie in der Geschichte wurde 1930 die "historische" Abteilung der Ritenkongregation, welche 1967 in die Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse umgewandelt wurde, errichtet.

Im Kontrast zu dem Begriff "Liturgischer Archäologismus" steht das Ideal "Altehrwürdige Norm der Väter" (pristina sanctorum patrum norma) als Maßstab für Traditionsgemäßheit des liturgischen Handelns der Kirche, das von Papst Pius V. 1570 formuliert und vom Zweiten Vatikanischen Konzil in seiner Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium (Nr. 50) aufgenommen wurde.

Weblinks

Anmerkungen

  1. Kardinal Karl Lehmann: Gastvorlesung an der Universität Würzburg am 4. Dezember 2010, [1], Abschn. VI.
  2. "Kardinal Kasper: „Die Liturgie ist das schlagende Herz der Kirche“ Radio Vatikan am 13. Oktober 2013.
  3. Aimé-Georges Martimort (Hrsg.): Handbuch der Liturgiewissenschaft I, Herder Verlag Freiburg-Basel-Wien 1963, S. 12f. (Imprimatur: GV Dr. Föhr, Freiburg, 30. September 1963.)
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