Mens nostra (Wortlaut)

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Enzyklika
Mens nostra

von Papst
Pius XI.
an die ehrwürdigen Brüder, die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe und die anderen Oberhirten,
die in Frieden und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle leben
über die geistlichen Übungen
20. Dezember 1929

(Offizieller lateinischer Text: AAS XXI [1929] 689-706) []

(Quelle: Das Rundschreiben ist aus einer Sendboten-Flugschrift [Separatabdruck - Nr. 10] welche den Text aus dem „Sendboten des göttlichen HERZENS JESU“ genommen hat. Die Anmerkungen befinden sich im Text. Imprimatur Innsbruck, 16. Januar 1930 Apostolische Administratur Urban Draxl, Prov.; Die Nummerierung ist der englischen Fassung [1] )

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Gruß und Apostolischen Segen !

Inhaltsverzeichnis

Das Denkmal

1 Was Unser Gedanke und Unsere Absicht war, als Wir am Anfang dieses Jahres der katholischen Welt ein außerordentliches Jubeljahr ankündigten, um denn 50. Jahrestag Unserer Priesterweihe und ersten Heiligen Messe zu feiern, das ist wahrlich niemandem von euch, Ehrwürdige Brüder, unbekannt. Einmal bewog Uns dazu, wie Wir im Apostolischen Schreiben „Auspicantibus nobis“ vom 6. Jänner 1929 feierlich erklärt haben, die Absicht, dass Unsere geliebten Kinder, die große christliche Familie, die das gütige Gottesherz Unserem Herzen anvertraut hat, die Freude des gemeinsamen Vaters teile und einmütig mit Uns dem höchsten Geber alles Guten Dank und Preis sage; dann aber hegten Wir vor allem die freudige Hoffnung, das christliche Volk werde von den mit väterlicher Freigebigkeit erschlossenen Gnadenschätzen, deren Verteilung Uns obliegt, bei dieser Gelegenheit freudig Gebrauch machen, zur Stärkung seines Glaubens, zur Mehrung seiner Frömmigkeit und Tugend, zur Besserung der Sitten im privaten und öffentlichen Leben nach den Vorschriften des Evangeliums. Daraus sollte als die kostbarste Frucht der von Gott erflehten vollen Verzeihung der Friede für die einzelnen und für die Gesellschaft erfließen.

Diese Hoffnung ist nicht getäuscht worden. Denn der fromme Eifer, mit dem das christliche Volk das Jubiläum aufgenommen hat, hat im Lauf der Zeit nicht nur nicht nachgelassen, sondern Wir sehen ihn von Tag zu Tag wachsen unter der Mitwirkung der Gnade Gottes, der jene Ereignisse eintreten ließ, die für immer das Andenken an dieses wahrhaft heilbringende Jahr festhalten werden. Mit überaus großer Freude konnten Wir weithin ein herrliches Aufblühen von Glauben und Frömmigkeit mit eigenen Augen wahrnehmen, da Wir Uns am Anblick so vieler teurer Kinder erfreuten, die Wir mit Freuden in Unser Haus aufnehmen, ja gleichsam liebend an Unser Herz drücken durften. Während wir nun dem Vater der Erbarmungen von ganzem Herzen danken für die vielen schönen Früchte, die er im Verlauf dieses Jubeljahres reichlich zur Reife und zur Ernte brachte, drängt Uns Unsere Hirtensorge, dahin zu wirken, dass aus diesen schönen Anfängen ein großer, bleibender Nutzen zum Glück und zum Heile der einzelnen wie auch der ganzen Gemeinschaft erwachse.

Da wir nachdachten, auf welche Weise die gewünschte Frucht zustande käme, stießen Wir auf ein sehr ernstes Wort unseres Vorgängers Leo XIII. s. A., das er gelegentlich der Ankündigung eines heiligen Jahres gebrauchte. Wir haben es auch in dem erwähnten Schreiben „Auspicantibus nobis“ wiedergegeben. – Er ermahnt dort nämlich alle Gläubigen, sie sollten doch „ein wenig sich sammeln und die ins Irdische versunkenen Gedanken auf Höheres richten.“

2 Ebenso mussten Wir dabei an unseren Vorgänger Pius X. s. A. denken. Nachdem er stets in Wort und Tat die priesterliche Heiligkeit gefördert hatte, richtete er im 50. Jahre seines Priestertums eine innige Mahnung an den katholischen Klerus, voll kostbarer und erlesener Gedanken die geeignet sind, den Bau des geistlichen Lebens zu mehr als gewöhnlicher Höhe zu fördern.

3 Nach dem Beispiele dieser Päpste hielten Wir es für angemessen, auch etwas derartiges zu unternehmen und so legen Wir die Hand an ein großes Werk, aus dem Wir uns reichen, hervorragenden Nutzen für das christliche Volk versprechen. Wir meinen den Gebrauch der geistlichen Übungen, dem Wir nicht nur im Welt- und Ordensklerus, sondern auch gerade in den Scharen der katholischen Laien von Tag zu Tag weiteren Fortschritt und weitere Verbreitung wünschen. Ja Wir möchten dies Unseren geliebten Söhnen gleichsam als das Denkmal dieses heiligen Jahres hinterlassen. Mit besonderer Freude tun wir das gerade in diesem Unserem 50. Priesterjahr. Denn nichts ist uns angenehmer, als im Geiste jene Gnaden und die himmlischen unaussprechlichen Tröstungen nochmals zu durchgehen. Die Wir in den geistlichen Übungen selbst oft erfahren haben: mit welchem Eifer haben wir nicht immer wieder die heiligen Übungen aufgesucht und durch sie wie durch ebenso viele Stufen Unseren priesterlichen Lebensweg bezeichnet; welches Licht und welche Anregungen haben Wir nicht aus ihnen geschöpft, um den göttlichen Willen zu erkennen. Und zu erfüllen; welche Kraft haben Wir darin gefunden im ganzen Verlaufs unseres Priesterwirkens, um den Nächsten in den himmlischen Dingen zu fördern. Mit so großer Frucht und so unglaublichen Erfolg haben Wir das getan, dass Wir mit Recht der Ansicht sind, es sei in den geistlichen Übungen eine besondere Sicherung für das ewige Heil gelegen.

Schule der Heiligkeit

4 Wirklich, Ehrwürdige Brüder, wenn einer die Zeit, in der Wir leben, nur oberflächlich betrachtet, so wird er mehr als einmal die Bedeutung, den Nutzen und die Zeitgemäßheit der heiligen Exerzitien anerkennen müssen. Die tiefste Krankheit unserer Zeit und die reichlich fließende Quelle der Übel, die alle Gutgesinnten beklagen, ist jener Leichtsinn, jene Unbedachtsamkeit, die die Menschen auf Abwege führt. Daher kommt die beständige, gänzliche Ausgegossenheit an die Außendinge, jener unersättliche Durst nach Reichtum und Vergnügen, der das Verlangen nach den höheren Gütern in den Menschen immer mehr schwächt und zum Verlöschen bringt und sie so in den äußeren, vergänglichen Dingen gefangen hält, dass er ihnen jeden Gedanken an die ewigen Wahrheiten, an Gottes Gesetz und an Gott selbst, den einzigen Ausgang und Zielpunkt alles Geschaffenen, unmöglich macht. Und doch hat Gott nach seiner unendlichen Gnade und Barmherzigkeit auch in unseren Tagen nicht aufgehört – wie sehr auch die sittliche Verderbnis um sich greift – die Menschen durch reichlichste Spendung von Gnaden an sich ziehen, was für ein besseres Schutz- und Heilmittel gegen diese Krankheit, an der die Menschheit so schwer leidet, könnten Wir wohl vorschlagen als die Einladung an diese entnervten Menschen, die sich um die Ewigkeit nicht mehr kümmern, sich in den geistlichen Übungen wieder zu sammeln ? Wahrhaftig, wären die Exerzitien nichts anderes als ein kurzer Urlaub von einigen Tagen, in dem der Mensch, fern vom gewohntem Umgang mit den anderen ledig der Last seiner Sorgen, Zeit und Gelegenheit hat, nicht in eitlem Nichtstun die Tage zu verbringen, sondern einmal über die entscheidenden Fragen sich klar zu werden, die von jeher die Menschheit am tiefsten berührt haben, nämlich über seinen Ursprung und sein Lebensziel, „woher er kommt und wohin er gehe“: es müsste doch schon jeder zugeben, dass sich aus den geistlichen Übungen kein kleiner Nutzen gewinnen lasse.

Aber noch Größeres bietet diese stille Einsamkeit: indem sie dem Menschen zur Aufgabe macht, genau und gründlich Umschau zu halten in dem, was er bisher gedacht, gesagt, getan habe, fördert sie auf wunderbare Weise die natürlichen menschlichen Fähigkeiten. In dieser wunderbaren Geistesschule soll sich der Verstand gewöhnen, die Dinge reichlich zu überlegen und richtig abzuschätzen, der Wille soll stark und fest werden, die Triebe unter die Herrschaft der Vernunft gebracht werden, die ganze Lebensführung soll unter Leitung des denkenden Verstandes eine bestimmte vernunftgemäße Richtung bekommen. So bekommt die Seele endlich ihren angeborenen Adel und ihr Würde wieder, wie das der heilige Papst Gregor in seinem Pastoralbuch in einem treffendem Gleichnis darstellt: „Der Menschengeist ist wie das Wasser: wird es eingeschlossen, so steigt es und sammelt sich, weil es zur Höhe strebt, von der es gekommen ist; lässt man es aber frei, dann verläuft es sich, weil es sich nutzlos über die Erde hin verliert.“ Ferner wird durch die Übung in heiligen Betrachtungen nicht nur „die im Herrn sich freuende Seele durch gewisse, aus dem Stillschweigen sich ergebende Anregungen belebt und mit unaussprechlichen Freuden erfüllt“, wie der heilige Eucherius, Bischof von Lyon, so fein sagt, sondern sie wird auch zu jenem himmlischen Mahle geladen, von dem Lactantius sagt: „Keine süße Speise gibt es für den Geist als die Erkenntnis der Wahrheit.“ Die Seele geht so nach den Worten eines alten Verfassers, den man lange für Basilius den Großen gehalten hat, „in die Schule der himmlischen Weisheit und übt sich in göttlichen Künsten“, wo „Gott das einzige ist, was man lernt, und der einzige Weg, auf dem man fortschreitet und das einzige, durch das man zur Erkenntnis der höchsten Wahrheit gelangt. „ Daraus wird klar, welche Kraft den geistlichen Übungen innewohnt, sowohl um die natürlichen Fähigkeiten des Menschen zu vervollkommnen, als auch um den übernatürlichen, den christlichen Menschen zu bilden. Gerade in unserer Zeit, in der dem echten Geist Christi, dem Geist der Übernatur, der doch geradezu das Wesen unserer heiligen Religion ausmacht, so viele hemmende Schranken gesetzt werden, indem der weit und breit herrschende Naturalismus die Glaubenskraft schwächt und die Glut der christlichen Liebe auslöscht, gerade da ist es notwendig, dass der Mensch sich dem „Bann jener Nichtigkeiten entwinde, der das Gute verdunkelt“ (Weish. 4,12). Er muss in jene selige Einsamkeit flüchten, wo er, in der Schule Gottes gebildet, das Leben nach seinen wahren Werte einzuschätzen lernt, der im alleinigen Dienst Gottes besteht. Dort wird er zur heiligen Furcht Gottes gelangen; wird die Nichtigkeit der Erdendinge unverhüllt durchschauen; wir, von dem, der „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh. 14,6) ist, durch das Wort und Beispiel gerufen, den alten Menschen auszuziehen, sich selbst verleugnen und durch Übung von Demut, Gehorsam und freiwilliger Buße Christus anziehen und sich bemühen, zum „vollkommenen Mann“, zu jenem „Vollmaß der Altersreife Christi“ (Eph. 4,13) zu gelangen, von dem der Apostel spricht. Ja, er wird mit ganzer Seele verlangen, dem Apostel das Wort nachsprechen zu können: „Ich lebe, nein, nicht mehr ich, Christus lebt in mir“ (Gal. 2,20). Auf diesen Stufen steigt die Seele bis zur vollendeten Heiligkeit auf, bis zur innigsten Vereinigung mit Gott, unter der Einwirkung der göttlichen Gnade, die sie in jenen Tagen besonders inniges Gebet und durch eifrigerem Empfang der heiligen Geheimnisse sich erfleht hat.

Diese Wirkungen, Ehrwürdige Brüder, sind wirklich einzigartig und überaus kostbar und übersteigen weit die natürlichen Kräfte; wer sie an sich erfährt, findet die Ruhe, das Glück und den wahren Frieden, Güter, nach denen das Menschenherz so sehr hungert und die heutige, vom Fieber der Genusssucht ergriffene Gesellschaft in der Jagd nach den fraglichen vergänglichen Gütern, im Lärm und Hasten des Lebens vergebens sucht. Im Gegensatz zu letzterem wohnt den geistlichen Übungen erfahrungsgemäß eine wunderbare Kraft inne, den Menschen zum Frieden und zur Heiligkeit des Lebens zu führen. Das beweist die Erfahrung von Jahrhunderten, vielleicht aber am meisten die Geschichte unsere Zeit, in der unzählige aus gutgemachten Exerzitien hervorgehen „in Christus verwurzelt und eingebaut“ (Kol. 2,7), voll Klarheit und Freude, von jenem Frieden durchströmt, „der alle Vorstellungen übersteigt“ (Phil. 4,7).

Apostelschule

Aus dieser christlichen Vollkommenheit, die, wie die Erfahrung lehrt, die geistlichen Übungen vermitteln, folgt nun außer dem inneren Frieden wie von selbst in reichem Maße eine andere kostbare Wirkung, die für das Gemeinschaftsleben von keiner kleinen Bedeutung ist: Das Verlangen, Seelen für Christus zu gewinnen, der „Apostelgeist“. Die richtige Wirkung der Gottesliebe ist nämlich die, dass die geheiligte Seele, in der Gott mit seiner Gnade wohnt, einen wunderbaren Drang empfindet, auch andere an der Erkenntnis und Liebe des unendlichen Gutes teilhaben zu lassen, das sie selbst glücklich besitzt. Nun ruft gerade die Menschheit unserer Zeit so sehr nach geistlicher Hilfe: Die weiten Missionsfelder, die „bereits reif sind zum Schnitt“ (Joh. 4,35), verlangen mehr und mehr eine entsprechende apostolische Bearbeitung, und auch unsere Gegenden rufen nach hervorragenden Männern aus dem Welt- und Ordensklerus, die geeignet sind, die Geheimnisse Gottes würdig zu verwalten; sie brauchen aber auch große Scharen von tüchtigen Laien, die in engster Verbindung mit dem kirchlichen Apostolat durch tätigen Eifer es unterstützten, indem sie sich den vielfältigen Werken und Aufgaben der katholischen Aktion zur Verfügung stellen. Da halten Wir, von der Geschichte belehrt, die heiligen Exerzitien für einen von Gott selbst eingerichteten Abendmahlssaal. Dort erkennen großmütige Männer unter dem Beistand der göttlichen Gnade, im Lichte der ewigen Wahrheiten und von Christi Beispiel ergriffen, nicht nur den Wert der Seelen, so dass sie vom Verlangen eraßt werden, ihnen zu helfen, gleichviel, in welchem Lebensstande sie nach reiflicher Überlegung Gott zu dienen sich entschließen mögen, nein, dort lernen sie auch den Eifer, die Mittel und Werke, die Großtaten des Apostolates.

Die Geschichte der Exerzitien

5 Übrigens hat schon Unser Herr oft diese Art und Weise zur Schulung seiner Jünger angewendet. Wollt doch der göttliche Meister selbst, nicht zufrieden, lange Jahre in der Einsamkeit des Hauses von Nazareth verbracht zu haben, ganze vierzig Tage in der verlassenen Wüste zubringen, bevor er in vollem Lichte vor das Volk hintrat, um es mit seiner Lehre zum Himmlischen zu erziehen. Ja, auch mitten im Verlauf der evangelischen Arbeiten pflegte er seine Apostel von Zeit zu Zeit in die wohltuende Stille der Einsamkeit zu führen: „Geht von hier weg an einen einsamen Ort und ruhet ein wenig aus!“ (Mark. 6,31).

Als er dann nach mühsamer Erdenfahrt in den Himmel zurückkehrte, da wollte er, dass seine Apostel und Jünger im Abendmahlssaal in Jerusalem zur letzten Vollendung geschult würden; erst nachdem sie zehn Tag lang “einmütig im Gebete ausgeharrt hatten“ (Apg. 1,14), wurden sie würdig, den Heiligen Geist zu empfangen. Diese denkwürdige zehntägige Sammlung war gleichsam das Vorbild der geistlichen Übungen. Aus ihr ging, mit ewiger Jugendkraft ausgerüstet, die Kirche hervor; in ihr wurden, in Gegenwart der jungfräulichen Gottesmutter Maria und unter ihrem mächtigen Schutz, zugleich mit den Aposteln jene Männer herangeschult, die man ganz gut die Vorläufer der katholischen Aktion nennen könnte.

6 Seit jenem Tage wurde der Gebrauch der geistlichen Übungen, wenn sie auch dem Namen und der Methode nach von den heutigen verschieden waren, so doch der Sache nach „den alten Christen durchaus vertraut“, wie der heilige Franz von Sales bemerkt und wie aus klaren Hinweisen, die sich in den Werken der Väter finden, hervorgeht. So ermahnte der heilige Hieronymus eine vornehme Frau, Celantia: „Suche dir einen geeigneten Platz, fern vom Lärm des Hauses, wohin du wie in einem stillen Hafen dich zurückziehen kannst. Dort lies eifrig in den göttlichen Schriften, bete immer wieder, und betrachte so eingehend über die zukünftigen Dinge, dass du alle Geschäftigkeit des übrigen Lebens durch diese Geistessammlung wieder gut machst. Das sagen wir aber nicht, um dich den Deinen zu entfremden; im Gegenteil, wir beabsichtigen, dass du dort lernt, wie du dich gegen die Deinen zu verhalten hast.“ Und der Zeitgenosse des heiligen Hieronymus, der heilige Petrus Chrysologus, Bischof von Ravenna, richtet die bekannte Einladung an die Gläubigen: „Wir haben auf den Leib das ganze Jahr verwendet, verwenden wir auch auf die Seele einige Tage... Leben wir ein wenig für Gott, die wir die ganze Zeit für die Welt gelebt haben. ... Lassen wir die Stimme Gottes zu uns sprechen, ohne dass der Lärm des Alltags unser Ohr betäubt. ... So gestärkt, Brüder, so geschult, sagen wir der Sünde den Kampf an, ... Wir können des Sieges sicher sein.

Auch späterhin verließ die Menschen nie das Verlangen nach stiller Einsamkeit, wo die Seele, ohne Rücksicht auf die anderen, sich den göttlichen Dingen widmen konnte; ja, je stürmischer die Zeiten für die Menschen sind, desto dringender werden diejenigen, die nach Gerechtigkeit und Wahrheit dürsten, vom Heiligen Geist zur stillen Einkehr hingezogen, „um, frei von den Gelüsten des Leibes, ihren Geist ganz der göttlichen Weisheit zu erschließen und, fern dem Lärm aller weltlichen Sorgen, in heiligen Betrachtungen und himmlischen Freuden sich zu stärken“ (Leo d. Gr.). Gott hat durch seine Vorsehung mehrere Männer erweckt, reich an Geistesgaben und übernatürlicher Lebensweisheit, die, teils aus der göttlichen Offenbarung, teils aus eigener Erfahrung oder aus der vergangener Jahrhunderte, weise Regeln und Übungen des geistlichen Lebens zusammengestellt haben. So waren auch die eigentlichen geistlichen Übungen, die wir dem großen Diener Gottes Ignatius von Loyola verdanken, ein Werk der Vorsehung Gottes. Ein ehrwürdiger Mann aus dem ruhmreichen Orden des heiligen Benedikt, Ludwig von Blois, den Alfons von Liguori in seinem schönen Brief: „Die Exerzitien in der Einsamkeit“ anführt, nennt sie „einen Schatz, den GOTT in letzter Zeit seiner Kirche erschlossen hat; für den wir ihm ganz besonderen Dank schuldig sind.“

7 In diesen geistlichen Übungen, die sich sehr schnell in der Kirche verbreiteten, hat unter vielen anderen auch der große, in vieler Hinsicht uns teure heilige Karl Borromäus, den Ansporn gefunden, mutig auf dem Weg der Heiligkeit voranzuschreiten; er hat auch, wie Wir bei anderer Gelegenheit erwähnt haben, ihren Gebrauch unter Klerus und Volk verbreitet; er hat sie nicht nur durch seine eigene eifrige Betätigung und sein Ansehen, sondern auch durch gute Regeln und Anweisungen gefördert, ja er ging so weit, ein eigenes Haus zu gründen, das den Menschen einzig zur Abhaltung der ignatianischen Exerzitien dienen sollte. Sein sogenanntes „Asceterium“ muss, soviel Wir wissen, das erste Exerzitienhaus genannt werden, dem später in glücklicher Nachahmung überall ähnliche Häuser folgen sollten.

Denn da die Hochschätzung der Exerzitien in der Kirche immer mehr stieg, vermehrten sich auch rasch die dazu bestimmten Häuser, die man mit freundlichen Herbergen in der wasserlosen Wüste dieses Lebens vergleichen könnte, wo Männer und Frauen, für sich getrennt, mit geistlicher Nahrung erquickt und gestärkt werden.

Wer könnte in der Tat die Schar jener Menschen nennen, die nach dem unseligen Krieg, der die menschliche Familie so heftig erregt, der die seelische und leibliche Wohlfahrt der Völker gleich schwer verwundet hat, unter den offenbaren Wirken des göttlichen Geistes zusammengeströmt sind, um in heiliger Einsamkeit den wahren Frieden der Seele zu suchen: denn da sie ihre früher gehegte Hoffnungen gänzlich dahinschwinden sehen mussten, erkannten sie klar, wie weit die Erdengüter den himmlischen nachstehen. Ein Beweis für Unsere Behauptung seien auch jene, die sich in die Exerzitienhäuser zurückgezogen haben im Verlangen nach der Schönheit eines heiligen, vollkommenen Lebens, oder verfolgt von den wilden Stürmen der Zeit, oder niedergedrückt von den Sorgen des Lebens, oder enttäuscht durch die trügerischen Listen der Welt, oder angesteckt durch die elende Pest des Rationalismus, oder endlich verstrickt vom Zauber der Sinnlichkeit: sie alle spürten die Ruhe der Einsamkeit um so wohltuender, je härtere Kämpfe sie durchgemacht hatten. Jetzt haben sie, im Licht der himmlischen Betrachtungen, ihr Leben nach den Forderungen des Glaubens neu aufgebaut.

Exerzitien für Priester und Ordensleute

8 Während Wir nun in Dankbarkeit und Fröhlichkeit uns über die Anfänge dieser lebendigen Frömmigkeit freuen, in deren Vertiefung Wir den mächtigsten Schutz und Schirm gegen die drohenden Übel erblicken, wollen Wir uns bestreben, dem milden Zug der göttlichen Güte zu folgen, damit diese stille Bewegung, die der Heilige Geist in den Menschenherzen entfacht hat, auch die erwünschten Früchte himmlischer Gnaden zeitige. Das tun Wir um so lieber, wenn Wir auf die Taten Unserer Vorgänger schauen. Schon längst hat Unser Apostolischer Stuhl, der oft in Worten die Exerzitien empfohlen hat, auch durch das Ansehen seines Beispiels die Gläubigen darüber belehrt, indem er von Zeit zu Zeit die ehrwürdigen Räume des Vatikans in ein Haus der Betrachtung und des Gebetes verwandelte, ein Brauch, den auch Wir mit großer Freude und großem Trost übernommen haben. Um diese Freude und diesen Trost für Uns und Unsere nächste Umgebung sicherzustellen, haben Wir bereits Anordnung getroffen, dass in Unserem Hause jährlich geistliche Übungen gehalten werden.

9 Wie sehr auch Ihr, Ehrwürdige Brüder, die Exerzitien schätz, ist bekannt. Ihr habt sie selbst vor Eurer Priesterweihe gemacht; bevor die Fülle des Priestertums Euch übergeben wurde, habt Ihr sie wiederholt; seitdem habt Ihr nicht selten eure Priester zusammengerufen und habt an ihrer Spitze Euch in die Exerzitien zurückgezogen, um durch die Betrachtung der himmlischen Dinge Eure Seele zu stärken. Dieses hohe Beispiel verdient, von Uns öffentlich das angemessene Lob zu erhalten. Nicht weniger Lob verdienen jene Bischöfe der Kirche im Morgen- und Abendland, die, manchmal unter Führung ihres Metropoliten oder Patriarchen, zu eigenen, ihrer Stellung und ihrem Amt angepassten Exerzitien sich versammelt haben, wie Wir wissen. Ein leuchtendes Beispiel, von dem Wir hoffen, dass es, soweit das möglich ist, Nachahmung finde. Das wäre vielleicht gar nicht so schwer, wenn der Kurs bei Gelegenheit jener Zusammenkünfte gehalten würde, die die Bischöfe einer Kirchenprovinz abhalten, um über gemeinsame Seelsorgefragen oder über die besonderen Erfordernisse der Zeit zu beraten. So wollten wir selbst es halten mit allen Bischöfen der Lombardei in jenem kurzen Zeitraum, da Wir die Kirche Mailands leiteten, und Wir hätten es sicher im ersten Jahr Unseres Amtes ausgeführt, wenn nicht der geheime Ratschluss der göttlichen Vorsehung anderes mit Uns vorgehabt hätte.

10 Mit Recht nehmen wir an, dass die Priester und Ordenleute, die in dieser Sache dem Kirchengesetze vorausgesetzt sind und schon lange mit löblichem Eifer die geistlichen Übungen immer wieder aufsuchten, in Zukunft umso fleißiger dieses Mittel der Selbstheiligung gebrauchen werden, je eindringlicher sie durch die Vorschriften des Kirchenrechts dazu verpflichtet werden. Daher ermahnen Wir ernstlich die Priester des Weltklerus, die Exerzitien getreulich einzuhalten, wenigstens in jenem geringen Ausmaß, das das Rechtsbuch der Kirche ihnen vorschreibt: Sie sollen sie mit innigem Verlangen nach Vollkommenheit mitmachen, um sich jene Fülle des übernatürlichen Geistes anzueignen, die sie so notwendig brauchen zum geistlichen Nutzen der ihnen anvertrauten Herde und zur Gewinnung vieler Seelen für Christus. Diesen Weg sind alle jene Priester gegangen, die sich, brennend vor Seeleneifer, durch die Arbeit an der Heiligung der Mitmenschen oder durch die Erziehung des Klerus hervorgetan haben. Ein Beispiel aus neuerer Zeit dafür ist Josef Cafasso, dem Wir selbst die Ehre der Altäre zuerkannt haben. Mit Eifer machte der heilige Mann immer seine Exerzitien, um in sich und anderen Dienern Christi die Glut der Heiligkeit zu schüren und um klarer die Pläne Gottes zu erkennen; so zeigte er einst nach den Exerzitien einem jungen Priester, der sein Beichtkind war, auf göttliche Erleuchtung hin klar den Weg, der ihn zu den höchsten Höhen der Heiligkeit führen sollte; es war dies der selige Johannes Bosco, ein Mann, der über alles Lob erhaben ist.

Alle aber, die unter irgend einem Namen im Ordensstande Gott dienen, haben in den Exerzitien, zu denen sie ja jährlich verpflichtet sind, ein sicheres Mittel, in heiliger Einsamkeit sich Schätze himmlischer Güter zu sammeln, um, wie es für jeden nötig ist, sich größere Vollkommenheit zu erwerben und sich in jeder Weise zu stärken, den Weg der evangelischen Räte mit neuem Mut zu beschreiten. Die jährlichen Exerzitien sind der Lebensbaum, der sowohl dem einzelnen als der Gemeinschaft die Kraft zu jener Heiligkeit gibt, die den Schmuck jeder Ordensfamilie bilden muss.

Die Priester aus dem Welt- und Ordensklerus sollen ja nicht glauben, dass die Zeit, die sie den Exerzitien widmen, für ihr apostolisches Arbeiten verloren sei. Sie mögen den heiligen Bernhard hören, der dem Papst Eugen III., dessen Lehrer er einst gewesen war, folgendes schrieb; „Wenn du allen ganz dich widmen willst, so lobe ich diese Menschenliebe, aber nur, wenn sie vollständig ist. Wie sollte sie aber vollständig sein, wenn du dich selbst ausschließest? Auch du bist ein Mensch. Damit also die Menschenliebe vollständig lückenlos sei, muss das Herz, das alle einschließen will, auch dich aufnehmen. Denn was wird es dir schließlich nützen, alle zu gewinnen, wenn du dich selbst verlierst? Deshalb, wenn alle von dir empfangen, sei auch du einer von den Empfängern! Denke daran, ich sage nicht immer, auch nicht oft, aber wenigstens hie und da, dich dir selbst zu widmen.“

Exerzitien und die katholische Aktion

11 Mit nicht geringerem Nachdruck wünschen Wir, Ehrwürdige Brüder, dass auch die verschiedenen Gruppen der katholischen Aktion in den geistlichen Übungen geschult werden. Wir haben ja nie aufgehört und werden nie aufhören, die katholische Aktion zu fördern und zu empfehlen. Ist sie doch eine überaus nützliche, um nicht zu sagen, notwendige Mitarbeit der Laien am hierarchischen Apostolat. Wir können gar nicht genug die Freude betonen, die Uns die Nachricht gemacht hat, dass fast überall eigene Exerzitienkurse eingerichtet wurden, um diese friedlichen, strammen Soldaten Christi, besonders aber die Scharen der Jugend, einzuexerzieren. Sie kommen gern, um sich bereit und tauglich zu machen, die Schlachten des Herrn zu schlagen. Und sie finden in den Exerzitien nicht nur das Mittel, sich in einem vollkommeneren christlichen Leben auszubilden, sondern gar nicht selten hört der eine oder andere in ihnen auch in sich die stille Stimme Gottes, die ihn zu seinem heiligen Dienste und zur Arbeit an den Seelen, zur Ausübung des eigentlichen Apostelamtes, beruft. Die herrliche Morgenröte himmlischer Gnaden, der bald der volle Tag als Krönung folgen wird, wenn nur die Sitte der geistlichen Übungen noch weiter sich verbreitet, möge also mit Klugheit und Umsicht in den katholischen Verbänden, besonders der Jugendvereinigungen, gefördert werden.

12 Da in der Gegenwart die zeitlichen Güter und eine daraus entspringende leichtere Lebenshaltung, mancherorts sogar ein gewisser Wohlstand, auch dem Handwerker- und Arbeiterstand zuteil geworden sind, so dass ihre Lage sich wirklich gebessert hat, so hat durch die Güte der erbarmungsreichen göttlichen Vorsehung die himmlische Wohltat der Exerzitien auch schon ins gewöhnliche Volk Eingang gefunden. Dort sollten sie als Gegengewicht wirken, damit nicht die Menschen, von den Erdedingen gefesselt, ganz und gar in den Annehmlichkeiten und Vergnügungen des Lebens aufgehen und so den elenden Lehren und Sitten des Materialismus verfallen. Deshalb begrüßen wir gar sehr das „Exerzitienwerk“, das in einigen Gegenden aufblüht und die Arbeiterexerzitien mit den damit verbundenen Beharrlichkeitsverbänden, und Wir empfehlen sie Eurer eifrigen, oberhirtlichen Fürsorge.

13 Damit die Exerzitien die genannten schönen Früchte bringen, muss man sie freilich mit dem entsprechendem Eifer machen; wenn sie nur gewohnheitsmäßig, nachlässig, teilnahmslos gemacht werden, können sie auch nur geringe oder gar keine Frucht bringen.

Deshalb ist es vor allem notwendig, dass die Seele sich in der Einsamkeit ganz den Exerzitien hingebe, fern von den Sorgen und Beschäftigungen des Alltags; denn wie das goldene Buch, die „Nachfolge Christi“, eindringlich lehrt, „nur im Schweigen und in der Ruhe schreitet die fromme Seele voran.“ Obwohl wir also jene Kurse, die für das Volk öffentlich gehalten werden, für lobenswert halten und wünschen, dass sie mit allem seelsorglichen Eifer gepflegt werden, wie sie ja auch von Gott mit großem Segen beschenkt werden, so dringen Wir doch vor allem auf jene in der Einsamkeit verbrachten Exerzitien, die man „geschlossene“ nennt, da in ihnen der Mensch sich leichter von den Geschöpfen los macht und seine zersplitterten Seelenkräfte sammelt, um sich einmal nur mit sich selber und mit Gott in der Betrachtung der ewigen Wahrheiten zu beschäftigen.

14 Auch verlangen richtige Exerzitien einen gewissen Zeitraum; obwohl diese Zeit nach Umständen und Personen bald auf einige Tage zusammengezogen, bald bis zu einem Monat verlängert werden kann, so darf sie dich nicht allzu sehr abgekürzt werden, wenn einer den Nutzen, den die Exerzitien in sich bergen, an sich erfahren will. So wie das gefundene Klima eines Ortes nur dann auf die leibliche Gesundheit einwirken kann, wenn man dort sich einige Zeit aufhält, so kommt auch der heilsame Einfluss der Exerzitien nur dann der Seele wirklich zugute, wenn er eine Zeitlang auf sie einwirken kann.

Die rechte Methode

15 Schließlich ist es von größter Bedeutung, um Exerzitien gut zu machen und Frucht aus ihnen zu ziehen, dass sie nach einer weisen und geeigneten Methode gemacht werden.

16 Nun steht es aber fest, dass unter allen Methoden geistlicher Übungen, die in lobenswerter Weise auf den Grundsätzen gesunder katholischer Aszese aufbauen, eine immer den hervorragendsten Platz einnahm, weshalb sie auch unter voller, wiederholter Anerkennung von seiten des Heiligen Stuhles und geehrt durch das Lob von Männern, die an geistlicher Weisheit und Heiligkeit hervorragten, seit vier Jahrhunderten unermessliche Früchte der Heiligung gebracht hat: Wir meinen die Methode des heiligen Ignatius von Loyola, den Wir den ersten und einzigartigen Meister der geistlichen Übungen nennen möchten. Sobald sein „wunderbares Exerzitienbüchlein“ (Brev. Rom.), so klein und doch so voll himmlischer Weisheit, von Unserem Vorgänger s. A. Paul III. feierlich genehmigt, belobt und empfohlen worden war, leuchtet es hervor, um ein Wort zu gebrauchen, das Wir vor Unserer Erhebung auf den Stuhl Petri gesprochen haben, „als eine höchst weise und umfassende Lehre zur Leitung der Seelen auf dem Wege des Heiles und der Vollkommenheit, als eine unerschöpfliche Quelle wertvoller, solider Frömmigkeit und war zugleich ein mächtiger Ansporn und ein kluger Führer zur Bekehrung, ja zu den Höhen des geistlichen Lebens.“ Als wir dann am Anfang Unseres Pontifikates auf die eifrigen Bitten fast aller Bischöfe der katholischen Welt durch das Apostolische Schreiben „Summorum Pontificum“ vom 25. Juli 1922 „den heiligen Ignatius zum himmlischen Patron aller geistlichen Übungen sowie der Anstalten, Sodalitäten und Vereinigungen jeder Art, die sich derjenigen annehmen, die die geistlichen Übungen machen wollen, erklärten und bestimmten“, da haben Wir eigentlich bloß mit Unserer höchsten Autorität bestätigt, was allgemeinen Anschauung der Hirten und Gläubigen gewesen war. Das Gleiche hatten, wenigstens der Sache nach, nach dem erwähnten Paul. III. schon Unsere erlauchten Vorgänger Alexander VII. , Benedikt XIV., Leo XIII., durch oftmalige Empfehlung der ignatianischen Exerzitien getan. Ihnen haben sich mit hohem Lob, ja mit dem Beispiel ihrer Tugend, die sie in dieser Geistesschule gelernt oder vervollkommnet hatten, alle jene angeschlossen, welche, wie Leo XIII. sagt, „in den letzten vier Jahrhunderten als Lehrer des geistlichen Lebens und als Heilige sich hervorgetan haben.“

Es sind in der Tat viele Vorzüge, die die Wirksamkeit und die durchschlagende Kraft der Ignatianischen Methode klar zeigen und an sich schon eine beredte Empfehlung der Ignatianischen Exerzitien sind; sie enthalten eine hervorragende Theorie des geistlichen Lebens, frei von den Gefahren und Irrtümer eines falschen Mystizismus; sie können mit wunderbarer Leichtigkeit für jeden Rang und Stand angepasst werden, sei es, dass einer in einem beschaulichen Kloster lebt, sei es, dass er ein tätiges Leben mitten in weltlichen Geschäften führt; sie verbinden auf außerordentlich geeignete Weise die einzelnen Teile untereinander; es findet sich in ihnen eine wunderbar klare Ordnung, nach der eine Betrachtung auf die andere folgt; endlich sind zu erwähnen all die geistlichen Belehrungen, die dazu dienen, das Joch der Sünde abzuschütteln, die Krankheiten der Seele zu heilen, und den Menschen auf dem sicheren Wege der Abtötung und der Überwindung der schlechten Neigungen bis zu den höchsten Stufen des Gebetes und der göttlichen Liebe zu führen.

17 Noch müssen Wir, Ehrwürdige Brüder, eine fromme Gewohnheit dringend anraten, die dazu dient, die Exerzitienfrüchte, über die Wir so schönes gesagt haben, zu bewahren und sie nicht so bald wieder zu vergessen. Wir meinen die monatliche oder vierteljährige Geistessammlung, die man eine kurze Exerzitienwiederholung nennen könnte. Diese Sitte – Wir gebrauchen hier die Worte Unseres Vorgängers s. A. Pius´ X. – „sehen Wir mit Freuden an vielen Orten sich verbreiten“ und aufblühen, besonders in religiösen Gemeinschaften und bei frommen Männern aus dem Weltklerus. Wir wünschen nun sehnlichst, dass sie auch unter den Laien eingeführt werde, zu ihrem nicht geringen Nutzen, besonders für solche, die durch die Sorge ums tägliche Brot oder durch Geschäfte verhindert sind, eigentliche Exerzitien zu machen. Solchen Leuten wird in den Geistessammlungen wenigstens etwas vom Nutzen der Exerzitien zugute kommen.

Wenn die geistlichen Übungen, Ehrwürdige Brüder, so in allen Ständen der christlichen Gesellschaft verbreitet und wenn sie recht gemacht werden, dann werden sie eine geistliche Wiedergeburt einleiten: die Frömmigkeit wird inniger, die Religion kräftiger werden, ein fruchtreiches Apostolat wird sich entfalten können und der Friede für die einzelnen und für die Gesellschaft wird zur Herrschaft kommen.

18 Einst erschien in klarer Sternennacht, während tiefes Dunkel die schweigende Welt umhüllte, in der Stille, fern vom Getümmel der Menschen, das ewige Wort des Vaters in Menschengestalt unter den Sterblichen; da erklang durch die Himmelsräume das Lied der Engel : „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind!“ Dieses Lied vom christlichen Frieden – vom Frieden Christi im Reiche Christi, dem tiefsten Sehnen Unseres Apostelherzens – dem Wir alle Unsere Mühen und Arbeiten geweiht haben, wird in den Herzen jener Christen wiederklingen, die, fern vom Getriebe und von den Richtigkeiten der Welt, in der tiefen Einsamkeit des Schweigens die Wahrheiten des Glaubens und das Beispiel dessen betrachten, der der Welt den Frieden gebracht und als sein Erbe hinterlassen hat: „Meinen Frieden gebe ich euch!“ (Joh. 14,27)

19 Diesen wahren Frieden wünschen Wir euch von Herzen, Ehrwürdige Brüder, heute, an dem Tage, da das fünfzigste Jahr Unseres Priestertums voll wird; Ihn wollen Wir am lieblichen Fest der Geburt Unseres Herrn Jesus Christus, dieses Geheimnisses des Friedens, in heißen Gebeten für euch erflehen von Ihm, den Wir als Friedensfürsten begrüßen.

In diesem Sinn, voll freudiger Hoffnung, erteilen Wir euch, Ehrwürdige Brüder, eurem Klerus und Volk, das ist Unserer ganzen geliebten katholischen Familie, als Unterpfand der göttlichen Gnade und zum Zeichen Unseres Wohlwollens, mit inniger Liebe im Herrn, den Apostolischen Segen.

Gegeben in Rom, zu St. Peter, am 20. Dezember 1929,
im achten Jahr Unseres Pontifikates
Pius XI. PP.

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