Niemals ein Kompromiss mit dem Irrtum

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Ansprache
Niemals ein Kompromiss mit dem Irrtum

Seiner Heiligkeit
Johannes Paul II.
an die Teilnehmer des Internationalen Kongresses für Moraltheologie
10. April 1986

(Quelle: Der Apostolische Stuhl 1986, S. 1235-1240)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Sehr verehrte Dozenten der Moraltheologie!

1. Ich freue mich, Sie zu dieser Begegnung anläßlich des internationalen Kongresses zu empfangen, der, durchaus angebracht, vom Päpstlichen Institut für Studien über Ehe und Familie und vom Römischen Akademischen Zentrum vom Heiligen Kreuz ausgerichtet wurde. Während ich Sie geziemend und herzlich begrüße, möchte ich Msgr. Carlo Caffarra und Msgr. Alvara deI Portillo und, mit ihnen, allen, die an der Durchführung des Kongresses mitgewirkt haben, danken. Der durch solche Begegnungen ermöglichte Ideen- und Meinungsaustausch dient dazu, zum Nachdenken anzuregen und die Vertiefung der großen Moralthemen zu fördern, um sich jeden Tag zu bemühen, Gottes Heilsplan im Hinblick auf den Menschen immer besser zu begreifen.

Wie Sie ja wissen, hat das Zweite Vatikanische Konzil den Ethikern eine besonders ernste und dringende Verpflichtung aufgetragen: "Besondere Sorge verwende man auf die Vervollkommnung der Moraltheologie, die, reicher genährt aus der Lehre der Schrift, in wissenschaftlicher Darlegung die Erhabenheit der Berufung der Gläubigen in Christus und ihre Verpflichtung, in der Liebe Frucht zu tragen für das Leben der Welt, erhellen soll" (OT 16).

Diese Aufforderung hat - 20 Jahre nach dem Abschluss des Konzils - nichts von ihrer Aktualität verloren. Denn die Wahrheit, von der die Kirche Zeugnis geben soll, darf nicht nur "mit dem Glauben geglaubt", sondern muss auch "auf das sittliche Leben angewandt werden" (LG 25). Die Wahrheit muss zur Richtschnur für die Entscheidungen des Gläubigen werden: "Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt" (Mt 7,21). Für das Verständnis dieses Zusammenhangs von Wahrheit und Freiheit ist die ethische Reflexion unerläßlich.

Ja, das Ziel der eben erwähnten ethischen Reflexion ist, zu zeigen, wie nur die Freiheit, die sich der Wahrheit unterwirft, die menschliche Person zu ihrem wahren Glück führt. Das Glück der Person besteht darin, sich in der Wahrheit zu befinden und die Wahrheit zu tun.

2. Dieser wesentliche Zusammenhang von Wahrheit, Glück und Freiheit ist der modernen Kultur größtenteils verloren gegangen, und darum besteht heute eine der besonderen Forderungen an die Sendung der Kirche zur Rettung der Welt darin, den Menschen zur Wiederentdeckung dieses Zusammenhangs zu führen. Die Frage des Pilatus: "Was ist Wahrheit?" wird auch heute an der trostlosen Ratlosigkeit eines Menschen sichtbar, der häufig nicht mehr weiß, wer er ist, woher er kommt und wohin er geht. Und so erleben wir nicht selten das erschreckende Abgleiten der menschlichen Person in Situationen einer fortschreitenden Selbstzerstörung. Wenn man gewissen Stimmen Gehör schenken will, scheint man nicht mehr die unzerstörbare Absolutheit eines sittlichen Wertes anerkennen zu müssen. Vor allen Augen spielt sich die Verachtung des empfangenen und noch ungeborenen menschlichen Lebens ab; die ständige Verletzung der Grundrechte des Menschen; die bösartige Zerstörung der Güter, die für ein wirklich menschliches Leben notwendig sind.

Ja, es ist etwas noch viel Bedenklicheres geschehen: der Mensch ist nicht mehr davon überzeugt, dass er nur in der Wahrheit das Heil finden kann. Die rettende, heilbringende Kraft des Wahren wird angefochten, und allein der - freilich jeder objektiven Sachbezogenheit beraubten - Freiheit wird die Aufgabe zugedacht, selbständig zu entscheiden, was gut und was böse ist. Dieser Relativismus führt auf theologischem Gebiet zum Misstrauen in die Weisheit Gottes, die den Menschen durch das Sittengesetz leitet. Zu den Vorschriften des Sittengesetzes setzt man die sogenannten "konkreten Situationen" in Gegensatz, weil man im Grunde nicht mehr daran festhält, dass das Gesetz Gottes immer das einzige wahre Glück des Menschen ist.

Es ist daher notwendig, dass es in der Kirche zur Wiederbelebung einer strengen ethischen Reflexion kommt.

3. Das ist eine Aufgabe, die man nur unter bestimmten Voraussetzungen wird erfüllen können, von denen einige hier kurz erwähnt zu werden verdienen. Zuerst muss die ethische Reflexion aufzeigen, dass das sittlich Gute oder Böse gegenüber den anderen guten oder bösen menschlichen Eigenschaften und Handlungen seine ganz spezifische Ursprünglichkeit besitzt. Den moralischen Charakter unserer die Geschöpfe betreffenden Handlungen auf die Absicht zu verkürzen, die Wirklichkeit in ihren nicht ethischen Inhalten zu verbessern, kommt letzten Endes der Zerstörung des Moralbegriffes selbst gleich. Denn die erste Konsequenz aus dieser Verkürzung ist die Leugnung der Tatsache, dass es im Bereich jener Tätigkeiten Handlungen gibt, die immer auf jeden Fall in sich unerlaubt sind. Bereits in dem apostolischen Schreiben Reconciliatio et paenitentia (vgl. Nr.17) habe ich die Aufmerksamkeit auf diesen Punkt gelenkt. Die ganze Überlieferung der Kirche hat davon gelebt und lebt davon, dass sie sich auf die dieser Leugnung entgegengesetzte Überzeugung stützt. Aber die menschliche Vernunft selbst ist, auch ohne das Licht der Offenbarung, imstande, den schwerwiegenden Irrtum dieser These zu erkennen.

Diese These ist das Ergebnis von tiefgreifenden und schwerwiegenden Behauptungen, die nicht nur die eigentliche Mitte des Christentums, sondern auch der Religion als solcher betreffen. Dass es nämlich ein moralisches Gutes oder Böses gibt, das sich nicht auf andere menschliche Güter oder Übel zurückführen läßt, ist die notwendige und direkte Folge der Wahrheit der Schöpfung, die letztlich die der menschlichen Person eigene Würde begründet.

4. Als Person zur unmittelbaren Gemeinschaft mit Gott berufen, als Person Ziel einer ganz einzigartigen Vorsehung trägt der Mensch in sein Herz geschrieben ein Gesetz (vgl. Röm 2,15; DH), das er sich nicht selber gegeben hat, sondern das Ausdruck der unveränderlichen Forderungen an sein personales Sein ist, das von Gott geschaffen wurde, auf Gott hingeordnet ist und in sich mit einer unendlich höheren Würde als die Dinge ausgestattet ist. Dieses Gesetz besteht nicht nur aus allgemeinen Richtlinien, deren nähere Bestimmung hinsichtlich ihres Inhaltes von den verschiedenen und veränderlichen geschichtlichen Umständen abhängig ist. Es gibt moralische Vorschriften, die ihren genauen, unveränderlichen und unbedingten Inhalt haben. Über manche dieser Bestimmungen stellen Sie ja während dieses Kongresses scharfe Überlegungen an: das gilt z. B. für die Vorschriften, die die Empfängnisverhütung verbietet, oder für jene, die die direkte Tötung des unschuldigen Menschen untersagt. dass es Bestimmungen gibt, die einen solchen Wert besitzen, kann nur jemand bestreiten, der leugnet, dass es eine Wahrheit der Person, eine unveränderliche menschliche Natur gibt, die letztlich auf die schöpferische Weisheit gegründet ist, die jeder Wirklichkeit Rahmen und Maß verleiht. Es ist deshalb unerläßlich, dass sich die sittliche Reflexion auf eine wahre Anthropologie gründet und immer tiefer in ihr Wurzel faßt und dass diese letzten Endes auf jener Metaphysik der Schöpfung beruht, die im Mittelpunkt jedes christlichen Denkens steht. Die Krise der Ethik ist der offenkundigste "Test" für die Krise der Anthropologie, eine Krise, die ihrerseits auf die Ablehnung eines wahrhaft metaphysischen Denkens zurückgeht. Diese drei Momente - das ethische, das anthropologische, das metaphysische - trennen zu wollen, ist ein ganz schwerer Irrtum. Die Geschichte der modernen Kultur hat das in tragischer Weise bewiesen.

5. An diesem Punkt wird die rationale ethische Reflexion vollständig, wenn sie ihre Vervollkommnung in der theologischen ethischen Reflexion findet. Die schöpferische Weisheit, die jeder Wirklichkeit Rahmen und Maß gibt, in deren Wahrheit jedes Geschöpf wahr ist, hat einen Namen: es ist das menschgewordene Wort, der gestorbene und auferstandene Herr Jesus. In ihm und im Blick auf ihn wurde der Mensch geschaffen, da der Vater - in seinem freien Entschluss - wollte, dass der Mensch in dem eingeborenen Sohn am dreifaltigen Leben teilhaben sollte. Und darum vermag nur die theologische Ethik die völlig wahre Antwort auf die moralische Frage des Menschen zu geben.

Von daher ergibt sich eine echte und verbindliche Zuständigkeit des Lehramtes der Kirche im Bereich moralischer Vorschriften. Sein Eingreifen auf diesem Gebiet darf nicht einer - wenn auch mit besonderer Glaubwürdigkeit ausgestatteter - Meinung gleichgesetzt werden. Es besitzt das charisma veritatis certum, "das sichere Charisma der Wahrheit" (vgl. DV 8); daher ist der katholische Theologe ihm gegenüber zum Gehorsam verpflichtet.

Ihre fachliche Kompetenz entbindet mich davon, diesbezüglich weitere Präzisierungen vorzunehmen. Sich auf einen "Glauben der Kirche" zu berufen, um zum moralischen Lehramt der Kirche in Gegensatz zu treten, heißt nichts anderes als den katholischen Offenbarungsbegriff zu leugnen. Nicht nur das, sondern das kann so weit gehen, dass auch das fundamentale Recht der Gläubigen verletzt wird von denen, die in kanonischem Auftrag Theologie lehren, die Lehre der Kirche und nicht die Meinungen irgendwelcher theologischer Schulen dargelegt zu bekommen.

6. Der Ethiker hat heute sowohl in der Kirche wie in der weltlichen Gesellschaft eine schwere Verantwortung. Die Probleme, denen er sich gegenübersieht, sind die ernstesten Probleme für den Menschen: Probleme, von deren Lösung nicht nur das ewige Heil, sondern oft auch die Zukunft des Menschen auf Erden abhängt. Das Wort Gottes gebraucht in diesem Zusammenhang Worte, über die wir unablässig nachdenken sollten. Die Liebe zum irrenden Menschen darf niemals zu einem Komprorniss mit dem Irrtum führen: der Irrtum muss aufgedeckt und verurteilt werden. Die Liebe der Kirche gegenüber dem Menschen verpflichtet sie dazu, dem Menschen zu sagen, dass und wann die Wahrheit über ihn geleugnet, sein Wohl verkannt, seine Würde verletzt, sein Wert nicht in angemessener Weise geachtet wird.

Wenn die Kirche das tut, bekundet sie nicht einfach "Ideale": vielmehr lehrt sie, wer der von Gott in Christus geschaffene Mensch ist und worin somit sein wahres Glück besteht. Das Sittengesetz ist ja nicht etwas, das außerhalb der Person steht: es ist die menschliche Person selbst, insofern sie in und von demselben Schöpfungsakt zum Sein und zur freien Verwirklichung in Christus berufen worden ist.

Von dieser Wahrheit müssen Sie heute voll Demut, aber mit großer Festigkeit Zeugnis geben. Eine moraltheologische Lehre, die sich dessen nicht bewußt ist, hat sich in den letzten Jahren verbreitet und im Bewusstsein der Gläubigen auch in grundlegenden Moralfragen Verwirrung gestiftet. Es gilt also, wieder Eintracht in der Klarheit und Klarheit in der Eintracht zu finden. Die Probleme, denen sich die ethische Reflexion heute stellen muss, sind auch wegen ihrer Neuheit schwierig. Die wahre Lösung wird sich nur in einer immer tieferen Verwurzelung der Reflexion in der lebendigen Überlieferung der Kirche finden lassen: In jener Überlieferung, in der Christus selbst, die Wahrheit, die uns frei macht, lebt.

Die Kirche und ihr Lehramt brauchen Sie, die wissenschaftlichen Lehrer der Ethik, heute ganz besonders. Der Mensch braucht Sie. Ihm soll auch durch Ihre Reflexion dabei geholfen werden, seine Wahrheit, jene Wahrheit, die in ihm ist, wiederzuentdecken: zu sich zurückzukehren, um über sich hinauszugehen zu Gott.

Während ich jedem einzelnen von Ihnen wünsche, dass er einen gültigen Beitrag zur Befriedigung dieses fundamentalen Bedürfnisses des modernen Menschen erbringen kann, möchte ich noch die Studenten grüßen, die an diesem Kongress teilgenommen haben: Ich freue mich, dass Sie so zahlreich sind: das Interesse, das Sie den wichtigen Themen, die auf dem Kongress erörtert wurden, entgegenbringen, ist ein ermutigendes Zeichen.

Allen erteile ich von Herzen meinen Segen.

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