Octobri mense (Wortlaut)

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Enzyklika
Octobri mense

von Papst
Leo XIII.
an die Ehrwürdigen Brüder. die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe
der katholischen Welt, die in Gnade und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle stehen
Der Rosenkranz in Zusammenhang mit dem Gebete des Christen und der Gnadenvermittlung Mariens
22. September 1891

(Offizieller lateinischer Text: ASS XXIV [1891-92] 194-197)

(Quelle: Sämtliche Rundschreiben, erlassen von Unserem Heiligsten Vater Leo XIII., Vierte Sammlung (1881-1885), Herder´sche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau 1904, S. 7-35. Die Nummerierung und Anmerkungen folgen der englischen Fassung, die Überschriften sind aus: Rudolf Graber: Die marianischen Weltrundschreiben der Päpste in den letzten hundert Jahren. Echter Verlag Würzburg 1954, S. 45-57 (508 Seiten; Mit kirchlicher Druckerlaubnis, ISBN 3795411416)

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Ehrwürdige Brüder,
Gruß und Apostolischen Segen !
Rosenkranz als Herz.jpg

Inhaltsverzeichnis

Einladung zum Rosenkranzgebet

1 Beim Herannahen des Monats Oktober, welcher der seligsten Jungfrau vom Rosenkranz heilig und geweiht ist, taucht in Uns die angenehme Erinnerung auf, wie angelegentlich Wir Euch, Ehrwürdige Brüder, in den vorausgehenden Jahren an das Herz gelegt haben, es möchten die Herden der Gläubigen überall, durch Euer Ansehen und Euren klugen Eifer angeregt, ihren frommen Sinn gegen die Mutter Gottes, die mächtige Helferin des christlichen Volkes, steigern und vermehren, zu ihr in diesem ganzen Monat inständig ihre Zuflucht nehmen und sie mit der hochheiligen Rosenkranzandacht um ihre Fürbitte anzurufen, eine Andacht, welche die Kirche, zumal in banger Lage und überaus schwierigen Zeitverhältnissen, stets mit dem gewünschten Erfolge abzuhalten und zu feiern pflegt.  Diesen Unseren Willen wollen Wir Euch auch in diesem Jahre wieder sorgfältig kundgeben und dieselben Mahnungen an Euch richten, ja sie noch verdoppeln. Dazu rät und drängt die Liebe der Kirche, deren Nöten, statt eine Erleichterung gefunden zu haben, an Zahl und Bitterkeit von Tag zu Tag drückender werden.

Zeitnöte der Kirche

Allbekannte Übel beklagen wir: die heiligen Glaubensätze, welche die Kirche bewahrt und lehrt, werden bekämpft und bekrittelt, die Reinheit der christlichen Tugend, für welche sie eintritt, dient zum Gespötte, gegen den geweihten Stand der Kirchenvorsteher, zumeist aber gegen den römischen Bischof, wird auf vielfache Art Verleumdung ausgestreut und Haß geschürt, ja sogar gegen Christus unseren Gott ist mit unverschämter Dreistigkeit und unaussprechlichem Frevel der Ansturm gerichtet, gerade als ob man darauf ausginge, sein göttliches Erlösungswerk, welches niemals eine Gewalt vernichten und zerstören kann, von Grund aus zu vernichten und zu zerstören.

2 Das freilich ist nichts Neues, was der streitenden Kirche begegnet. Denn um die Menschen die Wahrheit zu lehren und zum ewigen Heile zu führen, muß sie, wie Jesus den Aposteln vorausverkündet, alltäglich in den Kampf und Streit ziehen; ja sie, die tatsächlich im Verlaufe der Jahrhunderte mutig bis zum Martertode kämpft, ist über nichts mehr mit Freude und Frohlocken erfüllt, als dass sie ihr Blut mit dem ihres Stifters opfern kann, in welchem die zuverlässigste Hoffnung auf den ihr verheißenen Sieg gründet. – Doch darf man nicht verkennen, mit welch schwerem Kummer gerade die Besten dieser beständige Ringkampf erfüllt. Führwahr, es ist Grund zu großer Betrübnis, dass es so viele gibt, welche die verkehrten Irrtümer und die Frechheiten gegen Gott zum Abfall verleiten und ins Verderben stürzen, so viele, welche gegen jede Religionsform sich gleichgültig verhalten und schon nahe daran stehen, den göttlichen Glauben abzulegen, ja dass sich sogar viele Katholiken finden, welche ihre Religion nur dem Namen nach beibehalten, sie aber nicht in der Tat nach Pflicht und Schuldigkeit üben. Außerdem wird das Gemüt noch viel drückender durch die Erwägung geängstigt und gequält, dass solche betrübende und verderbliche Übel vorzüglich daraus entstanden sind, dass die Kirche in der Regierung der Staaten gar keine Achtung mehr genießt, oder dass man sich ihrem heilsamen Einflusse geflissentlich widersetzt. Dabei tritt die rächende Gerechtigkeit Gottes klar zu Tage, welcher die von ihm abfallenden Völker mit höchst bedauernswerter Geistesblindheit und mit Stumpfsinn straft.

Notwendigkeit des Gebetes

Aus diesen Gründen ruft die Lage selbst laut, ja täglich lauter, dass es dringend notwendig ist, dass die Katholiken im Gebet und Flehen zu Gott eifrig ausharren „ohne Unterlass“[1]. Dies soll jeder nicht bloß zu Hause, sondern umso mehr öffentlich tun, indem man sich in den heiligen Tempeln versammelt mit der inständigen Bitte, Gott wolle in seiner allweisen Vorsehung die Kirche „von ungestümen und bösen Menschen“[2] befreien und die zerrütteten Völker durch das Licht und die Liebe Christi zur Vernunft und Einsicht zurückzuführen.

3 Denn es ist führwahr eine über menschlichen Glauben wunderbare Erscheinung! Die Welt geht ihren mühevollen Weg im Vertrauen auf Reichtum, Gewalt, Waffen, Talent; die Kirche aber durchläuft in vollem und sicheren Schritte die Zeitalter, einzig im Vertrauen auf Gott, zu welchem sie im Gebete bei Tag und Nacht Augen und Hände erhebt. Denn obwohl sie alle übrigen menschlichen Hilfsmittel, welche die Zeit infolge der Fürsorge Gottes bietet, klugerweise nicht vernachlässigt, so setzt sie doch nicht auf diese, sondern vielmehr auf Bitten, inständiges Gebet und Flehen zu Gott ihre vornehmste Hoffnung. Hierin hat sie ein Mittel ihren Lebensgeist zu nähren und zu stärken, weil es ihr durch beharrliches Gebet glücklicherweise gelingt, unberührt von den menschlichen Wechselfällen und in beständiger Verbindung mit dem göttlichen Willen, das Leben Christi des Herrn selbst in sich aufzunehmen und in Ruhe und Frieden nachzuleben, fast nach dem Ebenbilde Christi selbst, welchem die schauervollen Todesqualen, die er zum gemeinsamen Besten erduldet hat, durchaus in nichts das ihm eigene seligste Schauen und Genießen vermindert oder entzogen haben.

Beispiele für das Gebet der Heiligen Schrift

Diese großen Lehren christlicher Weisheit haben alle jene stets festgehalten und gewissenhaft beobachtet, welche den christlichen Namen durch entsprechende Tugend öffentlich bekannten. Ihre Gebete zu Gott waren in der Regel umso inständiger und häufiger, wenn die hl. Kirche oder ihren obersten Lenker ein Unglücksschlag durch Trug und Gewalt verruchter Menschen Traf. – Hierfür haben wir bei den Gläubigen der aufkeimenden Kirche ein glänzendes Beispiel, welches  wohl verdient, allen Gläubigen der Folgezeit vor Augen gestellt zu werden. Petrus, der Statthalter Christi des Herrn, der oberste Vorsteher der Kirche, war auf Geheiß des lasterhaften Herodes in Ketten geworfen worden und zu sicherem Tode bestimmt. Um daraus zu entkommen, dafür wusste niemand Rettung, niemand Hilfe; doch jene Hilfe fehlte nicht, welche das heilige Gebet von Gott erlangt. Denn die Kirche brachte die inständigen Gebete für ihn dar, wie die heilige Geschichte erzählt, wo es heißt: „Das Gebet zu Gott aber wurde von ihm ohne Unterlaß von der Kirche dargebracht.“[3] Ja der Gebetseifer trieb alle desto glühender an, je heftiger sie der Kummer über so eine große Trübsal krankte. Wie aber ihr Gebet Erfüllung fand, ist allbekannt: des Petrus wunderbare Befreiung feiert das christliche Volk immer mit freudigem Gedächtnis. – Ein glänzenderes und göttliches Beispiel aber hat Christus gegeben, um seine Kirche dadurch nicht bloß durch Vorschriften, sondern auch an seiner eigenen Person zu jeder Heiligkeit zu bilden und anzuleiten. Er, der sein ganzes Leben über so häufig und inständig mit dem Gebete beschäftigt gewesen, er flehte in seinen letzten Stunden, als seine Seele in den Garten Getsemani in unermesslicher Bitterkeit zerfloß und bis zum Tode ermattete, zum Vater, ja er betete nicht bloß, sondern „betete noch inständiger“[4]. Dies tat er aber wahrlich nicht für sich, da er als Gott kein Bangen und Verlangen hatte, sondern er tat es für uns, er tat es für seine Kirche, deren künftige Tränen er schon damals gern und freiwillig annahm und gnadenreich machte.

Maria, Vermittlerin der Gnaden

4 Sobald aber durch das Geheimnis des Kreuzes das Heil unseres Geschlechtes gewirkt und die Kirche während des Triumphes Christi als Verwalterin dieser Heilsgnade auf Erden gegründet und gehörig eingerichtet war, seit dieser Zeit hat durch die Vorsehung Gottes eine neue Ordnung für das neue Volk den Anfang genommen und Geltung erlangt. – Die göttlichen Ratschlüsse soll man mit großer Ehrfurcht betrachten. Als der ewige Sohn Gottes die menschliche Natur zur Erlösung und Zierde des Menschen annehmen wollte und deshalb einen geheimnisvollen Ehebund mit dem gesamten Menschengeschlechte einzugehen beabsichtigte, vollführte er dies nicht eher, als bis die freie Zustimmung seiner erwählten Mutter eingetreten war, als bis die freie Zustimmung seiner erwählten Mutter eingetreten war, welche gewissermaßen die Person des Menschengeschlechtes vorstellte nach dem lichtvollen und zutreffenden Ausspruche des Aquinaten: „Durch die Verkündigung wurde die Zustimmung der Jungfrau anstatt des ganzen Menschengeschlechtes erwartet.“[5] Infolgedessen kann man ebenso richtig und im eigentlichen Sinne behaupten, dass uns von jenem überaus großen Schatze jeglicher Gnade, welche der Herr brachte, „da ja Gnade und Wahrheit durch Jesus Christus geworden ist“[6], nach dem Willen Gottes alles nur durch Maria verliehen wurde, so dass sie zum höchsten Vater niemand kommen kann als durch den Sohn, so ungefähr zu Christus kommen kann als durch die Mutter. – Wie groß ist die Weisheit und Barmherzigkeit Gottes, welche bei diesem Ratschluss zu Tage tritt! Wie angemessen ist er für die menschliche Schwäche und Gebrechlichkeit! Gläubig lobpreisen wir seine unendliche  Güte, gläubig schauen wir aber auch seine unendliche Gerechtigkeit. Den wir als liebevollsten Erlöser, der Blut und Leben opferte, wieder lieben, vor eben demselben als unerbittlichem Richter ist uns bang. Darum haben wir, über das Bewusstsein unserer Taten ängstlich, durchaus einen Fürbitter und Beschützer nötig, der durch die große Gnade, in der er steht, bei Gott mächtig ist und so große Herzensgüte besitzt, dass er keinem in größter Verzweiflung den Schutz versagt und die Betrübten und Darniederliegenden zur Hoffnung auf die göttliche Milde erhebt.

Maria, Mutter Gottes und Mutter der Menschen

Das ist in ausgezeichneter Weise Maria. Sie ist nämlich mächtig, die Mutter des allmächtigen Gottes, aber was noch süßer klingt, gefällig, höchst gütig und nachsichtig. Als solche hat sie uns Gott verliehen, und ihr hat er eben dadurch dass er sie als Mutter seines eingeborenen Sohnes erkor, ganz mütterliche Gefühle eingeflößt, die nichts anderes atmen als Liebe und Verzeihung. Als solche hat sie uns Jesus Christus durch sein Handeln gezeigt, als er nach eigenem Willen Mariä untertan und gehorsam sein wollte, wie ein Sohn seiner Mutter. Als solche hat er sie vom Kreuze aus verkündet, als er ihr in seinem Jünger Johannes das gesamte Menschengeschlecht zur Obsorge und Pflege anvertraute. Als solche hat sie sich endlich selbst bewährt, indem sie jenes von ihrem sterbenden Sohne hinterlassene, unendlich mühevolle Erbe hochherzig übernahm und sogleich ihre Mutterpflichten gegen alle auszuüben begann.

Die Zuflucht zu Maria in der Vergangenheit

5 Den Ratschluß einer so liebwerten Barmherzigkeit, der in Maria von Gott begonnen und durch Christi Testament bestätigt worden war, sind von Anfang an die hl. Apostel und die ersten Gläubigen zu ihrer größten Freude inne geworden; ebenso haben ihn die ehrwürdigen Väter der Kirche empfunden und gelehrt, und die christlichen Völker haben in jeder Zeitperiode einmütig zugestimmt; ja gerade dies verkündet aufs beredteste, wenn auch jedes Gedächtnis uns schriftliche Denkmal verstummt, eine aus jeder Christenbrust hervorbrechende Stimme. Nirgends anders woher als aus dem göttlichen Glauben stammen sicherlich die Wirkungen, dass wir von einem überwältigendem Antrieb bewegt und auf das sanfteste hingetrieben werden; ferner dass wir nichts Angelegentlicheres und Erwünschteres zu tun haben, als dass wir uns unter ihren Schutz und Schirm flüchten, da wir derselben all unsere Gedanken und Werke, Unschuld und Buße, Nöten und Freuden, Wünsche und Flehen völlig anvertrauen können; endlich dass alle von der süßen Hoffnung und Zuversicht beseelt sind, es werde Gott das, was ihm, wenn wir Unwürdige es vortragen, minder angenehm wäre, durch die Empfehlung seiner heiligsten Mutter im höchsten Grade angenehm und wohlgefällig sein. So groß nun auch der Trost ist, welchen die Seele aus dieser lieblichen Wahrheit schöpft, so groß ist der Schmerz und der Kummer über diejenigen, welche des göttlichen Glaubens bar, Maria weder grüßen noch zur Mutter haben; ferner trauert sie über die Armseligkeit jener, welche zwar den heiligen Glauben besitzen, aber sich dennoch erdreisten, die Guten einer zu großen und übertriebenen Marienverehrung zu beschuldigen, ein Benehmen, durch welches sie den Zartsinn, der den Kindern eigen ist, in hohem Grade verletzen.

6 Bei diesem Ansturme der Übel also, durch welchen die Kirche aufs härteste betroffen wird, begreifen alle frommen Söhne der Kirche leicht, welch heilige Pflicht sie verbindet, Gott ungestümer anzurufen, und auf welche Weise sie dahin trachten sollen, dass dies ihr Flehen die größte Wirksamkeit erlange. Dem Beispiel unserer frommen Väter und Vorfahren nachfolgend, wollen wir zu Maria, Christi Mutter und unsere Mutter, wollen wir anrufen und einmütig beschwören: „Mutter sei mir Armen, Dass sich mög’ erbarmen, Der dich auserkoren. Den du uns geboren.“[7]

Erhabenheit des Rosenkranzes

7 Da nun aber von den verschiedenen Formeln und Arten, die göttliche Mutter zu verehren, jenen der Vorzug gebührt, von denen wir wissen, dass sie an sich schon vorzüglicher und auch ihr angenehmer sind, so wollen wir deshalb namentlich auf den Rosenkranz hinweisen und ihn nachdrücklich einschärfen. Diese Gebetsweise führt nach dem allgemeinen Sprachgebrauch den Namen „Kranz“ auch deshalb, weil er die großen Geheimnisse Jesu und seiner Mutter, ihre Leiden, Freuden und Triumphe in glücklicher Verschlingung und Verbindung darstellt. Wenn die Gläubigen diese erhabenen Geheimnisse in frommer Erwägung der Reihe nach verehren und betrachten, so können sie für sich eine wunderbare Unterstützung daraus gewinnen, sowohl zur Vermehrung und Sicherung des Glaubens gegen Unwissenheit und Ansteckung der Irrtümer, als auch zur Erhebung und Aufrechterhaltung des Seelenmutes. Denn auf diese Weise werden Gedanke und Gedächtnis des Betenden unter der Leuchte und Führung des Glaubenslichtes in angenehmen Eifer zu jenen Geheimnissen hingezogen, und in ihrer Erwägung versenkt können sie die Wiederherstellung des menschlichen Heiles, dieses unaussprechliche Werk, nicht genug bewundern, welches um so hohen Preis und durch eine Reihe so großer Taten zustande kam. Ja dann wir die Seele von Zuneigung und Dank gegen diese Beweise göttlicher Liebe erfüllt und in großer Hoffnung bestärkt, voll  Begierde und Verlangen nach den himmlischen Belohnungen, welche Christus solchen bereitet hat, die sich an ihn durch Nachahmung seines Beispieles und Teilnahme an seinem Leiden anschließen. Dazwischen ergießen sich die Worte des Gebetes, welches der Herr selbst, der Erzengel Gabriel und die Kirche gelehrt haben. Dieses ist voll von Lobsprüchen und heilsamen Anmutungen und trägt, in bestimmter und mannigfacher Ordnung wiederholt und fortgesetzt, immer neue und süße Früchte der Frömmigkeit.

Verbreitung und Lebenskraft des Rosenkranzes

8 Die himmlische Königin selbst hat diesem Gebete große Kraft verliehen. Daran muß man deshalb glauben, weil es nach ihrem Willen und Einfluß von dem berühmten Vater Dominikus eingeführt und verbreitet worden ist in einer dem katholischen Namen höchst feindseligen Zeit, welche der unseren gar nicht unähnlich ist, gleichsam wie ein zur Niederwerfung der Feinde des Glaubens überaus mächtiges Kriegswerkzeug. Denn die häretische Sekte der Albigenser war teils geheim, teils öffentlich in viele Gegenden eingedrungen, eine hässliche Abzweigung der Manichäer, deren ungeheure Irrtümer sie wieder erweckte und deren Verstellungen, Mordtaten und tödlichen Haß gegen die Kirche nur allzu sehr erneuerte. Auf menschlichen Schutz gegen die überaus schädliche und übermütige Rotte konnte man kaum mehr rechnen, als augenscheinliche Hilfe von Gott mittels des Marianischen Rosenkranzes kam. So wurde durch die Huld der Jungfrau, der glorreichen Siegerin über alle Ketzereien, die Macht der Gottlosen erschüttert und gebrochen, der Glaube aber für Unzählige unversehrt bewahrt. – Auch der Umstand kommt als glänzender Beweis dazu, wie das Rosenkranzgebet gleich von seiner Einführung an überall bei allen Ständen der Bürger in Gebrauch und Übung kam. Denn der göttlichen Mutter, welche durch so viele und große Vorzüge einzig unter allen im hellsten Glanze strahlt, erzeigt das fromme christliche Volk durch viele hehre Titel und Weisen Ehren; doch diesen Ehrennamen des Rosenkranzes, diese Gebetsform, in welcher gleichsam das Wahrzeichen des Glaubens und der Inbegriff der ihr gebührenden Verehrung enthalten ist, hat es immer ganz vorzüglich geliebt uns sich derselben privat und öffentlich, in Haus und Familie, bei errichteten Bruderschaften, bei geweihten Altären, bei festlichen Umzügen besonders bedient, in der Meinung, es könne auf keine bessere Weise ihre heiligen Feste begehen oder ihren Schutz und ihre Gnade verdienen.

9 Auch der Punkt darf nicht mit Stillschweigen übergangen werden, der eine absonderliche Fürsorge unserer Herrin in dieser Beziehung bekundet. Wenn nämlich mit der Länge der Zeit bei einem Volke der fromme Eifer verglüht zu sein schien und eben diese Gebetsübung etwas nachließ, wie wunderbar wurde dann später, mochte der Staat  in einer furchtbaren Krisis sich befinden oder drückende Not herrschen, die Rosenkranzandacht mehr als alle übrigen religiösen Hilfsmittel auf allgemeinen Wunsch wieder eingeführt und so an ihren alten Ehrenplatz zurückversetzt, so dass sie wieder blühte und weithin Segen stiftete. Unnötig ist es, hierfür Beispiele aus der Vergangenheit hervorzuholen, da aus der Gegenwart ein hellleuchtendes zu Gebote steht. In dieser Zeit nämlich, welche, wie eingangs erwähnt, für die Kirche so bitter ist, am bittersten aber für Uns, die Wir durch göttlichen Ratschluß an ihrem Steuerruder sitzen, kann man das bewunderungswürdige Schauspiel sehen, mit welch regem und glühendem Eifer allwärts unter den katholischen Völkern der Marianische Rosenkranz gepflegt und gefeiert wird. Diese Tatsache, welche richtiger Gott, der die Menschen lenkt und leitet, als irgend einer menschlichen Klugheit und Tätigkeit mit Recht zuzuschreiben ist, ist ein gewaltiger Trost und eine Erquickung  für Unser Herz und erfüllt es mit großer Zuversicht, dass unter Marias Walten die Triumphe der Kirche sich erneuern und umfangreicher gestalten.

Wie man den Rosenkranz beten muss

10 Es gibt Leute, welche das von Uns erwähnte gar wohl begreifen, weil sie aber von den gehofften Dingen, besonders den Frieden die Ruhe der Kirche betreffend, noch nichts erreicht sehen, ja noch schlimmere Verwicklungen wahrnehmen, infolgedessen in ihrem Gebetseifer und ihrer andächtigen Stimmung gewissermaßen erschöpft und misstrauisch nachlassen. Solche Menschen mögen vorerst selbst zusehen und darnach trachten, dass sie ihre Gott dargebrachten Gebete mit entsprechenden Tugenden nach der Vorschrift Christi des Herrn ausstatten. Besitzen sie diese, so sollen sie ferner erwägen, dass es unwürdig und unrecht ist, wenn sie die Zeit und Art der Hilfeleistung für Gott festsetzen wollen da er uns nichts schuldet, so dass er, wenn er die Betenden erhört und „unsere Verdienste krönt, nichts anderes als seine Gaben krönt“[8], und dass er, wenn er unserer Meinung weniger willfährt, wohlweislich als guter Vater mit seinen Kindern handelt, indem er sich ihrer Torheit erbarmt und auf ihren Nutzen bedacht ist.

Das Gebet im Namen der Kirche und das Gebet der Kirche

Die Bitten aber, welche wir, um Gott der Kirche gnädig zu stimmen, im Verein mit den Fürbitten der Heiligen des Himmels kniefällig darbringen, diese nimmt Gott selbst stets allgütig auf und erfüllt sie, sowohl jene, welche die höchsten und unsterblichen Güter der Kirche betreffen, als auch die geringeren und das Zeitleben betreffenden, jedoch falls sie für jene förderlich sind. Diesen Gebeten freilich verleiht Christus der Herr am meisten Gewicht und Wohlgefallen durch seine Gebete und Verdienste, er, der „die Kirche geliebt und sich für sie dargegeben hat, damit er sie heilige ..., damit er selbst sich seine Kirche glorreich darstelle“[9], er zugleich auch ihr Hohepriester, heilig, unschuldig, „immerdar lebend, um zu vermitteln für uns“ (Hebr. 7,25.). Dass sein Bitten und Flehen immer Erfolg hat, halten wir mit göttlichen Glauben fest. – Denn was die äußern und zeitlichen Güter der Kirche betrifft, so ist es allbekannt, dass sie es öfter mit Widersachern zu tun hat, welche an übler Gesinnung und Macht alles überbieten. Höchst schmerzlich ist es für sie, dass diese ihre Hilfsquellen geraubt, ihre Freiheit beschränkt und unterdrückt, ihr Ansehen geschädigt und verachtet, kurz, ihr viele Nachteile und Feindseligkeiten aller Art zugefügt haben. Fragt man nach dem Grunde, warum ihre Ruchlosigkeit nicht bis zum Grade des Unrechts, den sie im Schilde führen und anstreben, endlich zur völligen Tat fortschreite, die Kirche hingegen bei so vielen Wechselfällen immer in ihrer bekannten gleichen Großartigkeit und Herrlichkeit, obwohl in verschiedener Weise, erhaben dasteht und sogar noch Zuwachs gewinnt, so trifft man das Richtige, wenn man die vorzüglichste Ursache der beiden Erscheinungen von der Kraft des flehentlichen Gebetes der Kirche zu Gott herleitet. Denn die menschliche Vernunft begreift es nicht zu Genüge, wie die gebieterische Nichtswürdigkeit auf ein so begrenztes Gebiet beschränkt bleibt, die Kirche hingegen, in die Enge getrieben, nichtsdestoweniger so großartig obsiegt. Eben dies ist um so eher bei den Gütern jener Art der Fall, durch welche die Kirche die Menschen zunächst zur Erreichung ihres höchsten Zieles hinführt. Da dies nämlich die Aufgabe ihres Daseins ist, muß sie durch ihre Gebete viel vermögen, auf dass die Ordnung der göttlichen Vorsehung und Barmherzigkeit gegen die Menschen einen vollständigen Erfolg habe. Daher kommt es, dass dieselben ihr Gebet mit der Kirche und durch die Kirche endlich Erhörung finden und das erhalten, was der „allmächtige Gott von Ewigkeit zu geben beschlossen hat“[10].

Die Wunder des Gebetes

In den erhabenen Ratschlägen der göttlichen Vorsehung reicht die Schärfe des menschlichen Geistes in der Gegenwart nicht hin. Aber dereinst wird die Zeit kommen, wo Gott selbst nach seiner Güte die Ursachen und Folgen der Dinge offen darlegt, und wo es klar zutage tritt, welch mächtigen Einfluß in dergleichen Dingen die Verrichtung des Gebetes hatte und wie nützlich es zur Erhörung war. Offenbar wird es werden, dass diese Wirkung dadurch erzielt wurde, dass sich viele bei einer so großen Verderbnis der entarteten Zeit unversehrt und unverletzt erhalten haben „von jeder Befleckung des Fleisches und Geistes, indem sie vollendeten die Heiligkeit in der Furcht Gottes“[11]; ferner dass andere, nahe daran, dem Laster zu frönen, auf der Stelle sich beherrschten und gerade aus der Gefahr und Versuchung einen großen Zuwachs an Tugend gewannen; endlich dass andere, die gefallen waren, ein gewisser innerer Trieb bestimmte, sich zu erheben und der Umarmung des erbarmenden Gottes entgegenzueilen. – Wir bitten und beschwören daher dringend alle, in Erwägung dessen den Verführungskünsten des alten Feindes nicht nachzugeben und aus gar keiner Ursache vom Gebetseifer abzulassen, sondern beständig darin zu verharren, „ ohne Unterlaß“ zu beharren. In erster Linie sollen sie bekümmert sein, ihr höchstes Ziel, das ewige Heil aller und die unversehrte Erhaltung der Kirche zu erflehen. An zweiter Stelle ist es erlaubt, um die übrigen Güter, die zum Genusse und zur Bequemlichkeit des Lebens dienen, zu Gott zu bitten, wenn sie sich nur mit seinem bestgemeinten Willen beruhigen und ihm in gleicher Weise, ob er das Gewünschte gewährt oder verweigert, als ihrem allgütigen Vater Dank sagen. Endlich sollen sie mit der größten gebührenden und schuldigen Ehrfurcht und kindlicher Ergebenheit mit Gott verkehren, wie es die hl. Männer gewohnt waren und unser heiligster Erlöser und Meister selbst getan hat, „mit starkem Geschrei und mit Tränen“[12].

Gebet und Abtötung

11 Hier erfordert es Pflichtgefühl und väterliche Liebe, dass Wir auf sämtliche Söhne der Kirche nicht bloß den Geist des Gebetes, sondern auch der heiligen Bußfertigkeit von Gott, dem Spender des Guten, herabflehen. Indem Wir dies mit ganzer Seele tun, fordern Wir alle insgesamt und einzeln gerade zu dieser, mit der zweiten eng verbundenen Tugend mit gleichem Eifer auf. Das Gebet bewirkt nämlich, dass die Seele aufrecht erhalten, zu mutigen Taten angeleitet und zum Göttlichen erhoben wird. Die Buße aber bewirkt, dass wir uns selbst beherrschen, besonders den Leib, der infolge des Sündenfalles der beschwerlichste Feind der Vernunft und des evangelischen Gesetzes ist. Diese Tugenden hängen, wie leicht ersichtlich ist, aufs innigste miteinander zusammen, unterstützen sich wechselseitig und streben einmütig nach demselben Ziele hin, dass sie für den Himmel geborenen Menschen von den hinfälligen Dingen abziehen und fast zum himmlischen Verkehr mit Gott emporheben. Wessen Seele hingegen von Begierlichkeit erglüht und von sinnlichen Reizen verweichlicht ist, der empfindet im nüchternen Zustand einen Widerwillen gegen die Süßigkeit der himmlischen Dinge, und sein Gebet ist nur ein frostiger und leerer Schall, fürwahr unwürdig, dass Gott es erhöre.

Das Beispiel der Heiligen

Vor Augen schweben die Bußbeispiele von Heiligen, deren Bitten und Flehen, wie der kirchliche Festkalender berichtet, gerade deshalb Gott absonderlich gefielen und sogar Wunderkraft besaßen. Geist, Herz und Gelüste hielten sie beständig im Zaune und in der Gewalt; der Lehre Christi, sowie den Lehrsätzen und Vorschriften der Kirche hingen sie gewöhnlich mit der größten Einstimmigkeit und Demut an; Neigungen und Abneigungen richteten sie nur nach Erforschung des Willens Gottes ein; in ihren Handlungen schauten sie einzig und allein auf die Vermehrung seiner Ehre, ihre Begierlichkeiten hielten sie streng in Schranken und bewältigten sie, ihren Körper behandelten sie hart und schonungslos, von Ergötzlichkeiten unschuldiger Art enthielten sie sich um der Tugend willen. Daher konnten sie mit Recht das Wort des Apostels Paulus auch auf sich anwenden: „Unser Wandel ist im Himmel“[13]; und eben deshalb besaßen ihre Bittgebete so große Wirkungskraft, um von Gott Versöhnung und Erhörung zu erlangen.

Die Notwendigkeit der Buße

Dass dies nicht alle insgesamt in dem Grade vermögen aber schuldig sind, springt in die Augen; dass jedoch ein jeder durch entsprechende Züchtigung sein Leben und seine Sitten verbessere, das fordern die Maßnahmen der göttlichen Gerechtigkeit, welcher genaue Genugtuung für die Vergehen zu leisten ist. Besser aber ist es, dies während des Lebens durch freiwillige Strafen zu tun, damit daraus Belohnung für die Tugend erwachse. – Zudem ergibt sich, wenn wir im geheimnisvollen Leibe Christi, welcher die Kirche Ist, alle wie Glieder zusammenwachsen und lebensfrisch sind, nach Pauli Versicherung diese Folgerung, dass, gleichwie ein Glied sich über etwas freut, alle anderen sich mitfreuen, ebenso bei der Trauer einen die anderen mittrauern, d. h. den christlichen Brüdern , welche an Seele und Leib krank sind, sollen die Brüder von selbst zu Hilfe kommen und, soviel in ihren Kräften steht, Heilung angedeihen lassen: „Für einander sollen die Glieder sorgen. Und Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; oder wenn ein Glied verherrlicht wird, freuen sich alle Glieder mit. Ihr aber seid der Leib Christi und Glieder am Gliede.“[14] In diesem Ideal der Liebe aber, dass jemand im Anschluß an das Beispiel Christi, der sein Leben, um die Sünden von uns allen zu tilgen, in unermesslicher Liebe dahingegeben hat, die Abbüßung der Vergehen anderer übernimmt, darin erst besteht jenes große Band der Vollkommenheit, durch welches die Gläubigen unter sich und mit den Himmelsbürgern und somit aufs engste mit Gott verbunden werden. – Mit einem Worte, die Übung und eifrige Betätigung der Buße ist so mannigfacher Art und erstreckt sich auf ein so weites Gebiet, dass ein jeder, wenn er nur frommen Sinn und eifrigen Willen hat, häufig Gelegenheit findet, sie ohne Anstrengung zu üben.

Ermahnung und Erwartung

12 Übrigens, Ehrwürdige Brüder, versprechen Wir Uns gemäß Eurer vorzüglichen und ausgezeichneten Verehrung zu der heiligsten Gottesmutter, sodann auch gemäß Euerer Liebe und klugen Sorgfalt für die christliche Herde, mit Euerer Bemühung den allerbesten Erfolg von Unserer Ermunterung und Ermahnung. Ja, das Herz frohlockt schon jetzt, jene Früchte, welche schon öfter die glänzend bekundete Andacht der Katholiken zu Maria hervorgebracht hat, in erfreulichster und üppigster Fülle im voraus zu pflücken. Auf Euren Ruf also, auf Eure Aufforderung und nach Eurem Vorbilde mögen sich die Gläubigen, besonders in diesem nächsten Monat, um die Festaltäre der erhabenen Königin und gütigsten Mutter in Strömen scharen und ihr mit der höchst angenehmen Rosenkranzandacht nach Kindesart geheimnisvolle Kränze winden und darbieten, während Unsererseits die von Uns selbst früher hierüber erlassenen Anordnungen und bewilligten Gnaden des heiligen Ablasses unversehrt gültig bleiben.[15]   13 Wie herrlich und wertvoll wird es sein, wenn in Städten, Dörfern, Höfen, zu Wasser und zu Land, soweit der katholische Erdkreis reicht, viele hunderttausend fromme Seelen in vereintem Lobpreise und in verbündeten Gebeten einmütig und einstimmig zu jeder Stunde Maria begrüßen, Maria anflehen, durch Maria alles hoffen! Von ihr sollen alle mit Vertrauen zu erbitten suchen, dass durch die Erbarmung ihres Sohnes die verirrten Völker zu den christlichen Einrichtungen und Vorschriften zurückkehren, auf welchem die Grundlage des öffentlichen Wohles beruht; denn daraus erblüht die Fülle des ersehnten Friedens und der wahren Glückseligkeit. Von ihr sollen sie umso angelegentlicher zu erbitten suchen, dass die Kirche, unsere Mutter, was allen Guten höchst erwünscht sein muß, die gebührende Freiheit erlange und ruhig genieße. Diese gebraucht sie zu keinem andern Zwecke, als die höchsten Interessen der Menschen zu fördern; denn von ihr haben die einzelnen Personen und Staaten niemals Nachteile, wohl aber zu jeder Zeit sehr viele und große Wohltaten erfahren.   14 Nun möge Euch, Ehrwürdige Brüder, Gott auf die Fürbitte der Königin des hl. Rosenkranzes die Gaben der himmlischen Güter verleihen, damit Euch dadurch zur gewissenhaften Erfüllung der Pflichten des Hirtenamtes von Tag zu Tag größere Hilfe und Kraft zu Gebote stehe. Ein gutes Wahrzeichen und Unterpfand hierfür sei der Apostolische Segen, den Wir Euch selbst, dem Klerus und jedem einzelnen der Eurer Sorge anvertrauten Völker in aller Liebe erteilen.

Gegeben zu Rom bei St. Peter, den 22. September des Jahres 1891,

dem vierzehnten Unseres Pontifikates.

Leo XIII. PP.

Anmerkungen

  1. 1 Thess. 5,17.
  2. 2 Thess. 3,2.
  3. Apg 12,5.
  4. Lk 22,43.
  5. III, q. XXX, a. 1.
  6. Joh. 1,17.
  7. Aus der heiligen Liturgie.
  8. S. August. Ep. CXCIV, al. 105 ad Sixtum, c. V, n. 19.
  9. Eph. 5,25-27.
  10. S. Th. II. II,,q. LXXXIII, a. 2, ex S. Greg. M.
  11. 2 Kor. 7,1.
  12. Hebr. 5,7.
  13. Phil. 3,20.
  14. 1 Kor. 12,25-27.
  15. Vgl. Das Rundschreiben Supremi apostolatus vom 1. Sept. 1883; Rundschreiben Superiore anno vom 30. Aug. 1884; das Dekret der Ritenkongregation vom 20. Aug. 1885; Rundschreiben Quamquam pluries vom 15. Aug. 1889.

Weblinks

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