Papst Benedikt XVI. besucht Österreich im September 2007

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Worte bei der
Apostolischen Österreich-Reise

von Papst
Benedikt XVI.
anlässlich der 850-Jahrfeier des Wallfahrtsortes Mariazell
7. bis 9. September 2007

(Quelle: Die deutschen Fassungen auf der Vatikanseite)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

Bedeutung der Apostolischen Reise

Der Besuch von Papst Benedikt XVI. vom 7. bis 9. September 2007 in Österreich steht unter dem Motto: „Auf Christus schauen“. Dieser Titel wurde mit Bedacht gewählt, denn er bezeichnet eine grundlegende Haltung des Glaubens. Darüber hinaus manifestiert er jenen Gestus der Gandenstatue von Mariazell, die ein wichtiges Pilgerziel des Heiligen Vaters während seines Besuches ist. In starker, unaufdringlicher Gebärde zeigt Maria den Gläubigen, ja der ganzen Welt, Christus, Gottes und der Menschen Sohn. Auf ihn zu schauen, sich in die Gemeinschaft mit ihm hinein nehmen zu lassen, ist Wurzel und Urgrund des Christseins.

„Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben“ zitiert der Kreuzigungsbericht des Evangeliums nach Johannes (Joh 19, 37) das Buch Sacharja. Prophetisch spricht jenes Buch über das Kommen des Messias und den Anbruch des Reiches Gottes. Im Mysterium Jesu Christi ist die Gemeinschaft Gottes mit den Menschen in Fülle verwirklicht. „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14, 9), sagt Christus zu seinen Jüngern am Vorabend des Kreuzesopfers. Der am Kreuz erhöhte Christus zieht alle an sich (Joh 12, 32), um so die vielen Völker zu dem einen Volk Gottes in der Gemeinschaft der Kirche zusammen zu führen. Der stete Blick auf Christus nährt und vertieft die Gemeinschaft mit ihm, er gibt Hoffnung und Trost: „Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch“ (Joh 15, 4).

Mariazell feiert 2007 sein 850jähriges Bestehen. Es ist seit Jahrhunderten Zielpunkt vieler Wallfahrer, die mit ihren Sorgen und Hoffnungen den oft mühseligen Weg zu Christus zurücklegen, dem sie dort in Gebet und Liturgie verdichtet begegnen können. Wie sein Vorgänger Papst Johannes Paul II. entschloss sich daher Benedikt XVI. als Pilger nach Mariazell zu kommen, um gemeinsam mit dem ihm zur Leitung anvertrauten Volk Gottes auf Christus zu schauen.

Aus dem Blick auf den Herrn kommen die Kraft und der Mut, die Botschaft des Glaubens in der Familie, im Arbeitsleben und in der Gesellschaft zu bezeugen. Durch die innige Beziehung zu Christus wachsen in den Gläubigen und ihren Hirten die Freude am Evangelium und die Einheit in der Kirche. Der Blick auf den Herrn formt die Getauften zu wahren Zeugen Jesu Christi, zu Aposteln im dritten Jahrtausend der Kirchengeschichte. Durch diese innere Einkehr wird die Gnade der Taufe lebendig bewahrt und gestärkt. Dieses Zeugnis strahlt in die Welt, denn „wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben“ (Apg 4,20). Der Dienst der Kirche in der Welt wächst durch den Blick auf den Herrn im Heiligen Geist, der Glaube, Hoffnung und Liebe schenkt. Die Liebe – so schreibt der Heilige Vater in seiner Enzyklika Deus Caritas est „wird immer nötig sein, auch in der gerechtesten Gesellschaft. [...] Immer wird es Leid geben, das Tröstung und Hilfe braucht. Immer wird es Einsamkeit geben.“

Der Blick auf Christus in der Liturgie, vor allem in der Heiligen Messe, im gemeinsamen apostolischen Glauben und im Nächsten, besonders in den Kranken, Armen und Verfolgten, schenkt die Kraft und den Mut, die Botschaft des Evangeliums in der Welt zu bezeugen.

Vom Besuch Papst Benedikts XVI. in Österreich gehen viele positive Impulse für Kirche und Gesellschaft aus. Wir können sehen, welche Kraft und Zuversicht ein Leben aus dem Glauben ausstrahlt. Gemeinsam mit dem Volk Gottes pilgert der Heilige Vater nach Mariazell zum menschgewordenen Gottessohn, um mit den Gläubigen für das Heil der Welt zu beten. Das Gnadenbild von Mariazell hält uns das Programm der Kirche wie des individuell gelebten Glaubens vor Augen: Maria zeigt den Pilgern ihren Sohn. Wie auf der Hochzeit von Kana sagt sie uns: „Was er euch sagt, das tut“ (Joh 2,5). Dieser Imperativ wächst aus der vorherigen Einkehr bei Christus. Im Gebet und in der Liturgie entfaltet sich jene Zuversicht, die in das Tagewerk hinein wirkt. Papst Benedikt XVI. hat einmal geschrieben: „Der sichere Grund, der in allen Stürmen standhält, ist das Wort Jesu selbst.“ Im Blick auf den Herrn und sein Wort bezeugen die Christen diesen beständigen Felsengrund in Freude und Hoffnung.[1]

Vor der Reise

15. August 2007: Botschaft an die Teilnehmer der Internationalen Jugendwallfahrt nach Mariazell

Meine lieben jungen Freunde in Mariazell!

Mit Freude habe ich erfahren, daß ihr im Rahmen einer großen mitteleuropäischen Jugendwallfahrt zum Hochfest der Aufnahme der Gottesmutter Maria in den Himmel nach Mariazell gepilgert seid. Von Castelgandolfo aus sende ich euch dazu meine herzlichen Segensgrüße!

Unter dem Motto »Auf Christus schauen« werde auch ich mich in einigen Wochen zu diesem traditionsreichen steirischen Wallfahrtsort aufmachen. Ich hoffe, dann auch vielen von euch begegnen zu können, um mit euch Gott zu loben und ihm für die Gnade des Glaubens an Jesus Christus, den einzigen Erlöser der Menschheit, zu danken. Ich hege auch die Hoffnung, einige von euch beim Weltjugendtag 2008 in Sydney, Australien, wiederzutreffen.

Vor 850 Jahren wurde Mariazell von Mönchen des Ordens der Benediktiner gegründet. Der hl. Benedikt ist ja einer der Schutzpatrone Europas. Der Geist des Gebetes und der Gemeinschaft, für den der Name dieses großen Heiligen steht, hat Europa tief geprägt. Bis heute sind benediktinische Klöster Zentren der Liturgie, der Gastfreundschaft und der Bildung im ganzen Kontinent. Auch in Mariazell ist dieser Geist erlebbar. Der Mitteleuropäische Katholikentag 2004 hat das in eindrucksvoller Weise gezeigt.

Wenn heuer viele junge Menschen nach Mariazell kommen, um dort Christus in den Sakramenten, vor allem in der heiligsten Eucharistie und im Sakrament der Versöhnung, zu begegnen, dann ist das ein Zeichen dafür, daß der materiellen Sättigung vieler zum Trotz die Sehnsucht nach dem Ewigen auch heute aktuell und die Kirche in Europa lebendig ist.

Liebe junge Freunde! Ihr seid es, die bei unterschiedlichen gesellschaftlichen Voraussetzungen in euren Ländern versuchen, Christus nachzufolgen. Ihr begreift euch als Teil des heiligen Volkes Gottes und ihr wollt in Einheit mit den Hirten der Kirche Gott das Opfer des Lobes darbringen. Ihr seid es, die im karitativen Dienst in den Armen und Notleidenden Christus erkennen und ihm dienen. Im Gnadenbild von Mariazell zeigt uns Maria Christus, ihren göttlichen Sohn. In seinem Opfer am Kreuz wird in einzigartiger Weise sichtbar, daß Gott die Liebe ist. Ich wünsche euch, daß ihr Jesus Christus während dieser Tage im Gebet, in der heiligen Liturgie, die ihr in sichtbarer Einheit mit der ganzen Kirche feiert, und bei euren verschiedenen Treffen wirklich begegnen werdet, und daß in ihm eure Freundschaft untereinander wachse. Dazu erteile ich euch allen auf die Fürsprache der Gnadenmutter von Mariazell von Herzen den Apostolischen Segen.

1. September 2007: Schreiben an die Leserinnen und Leser der österreichischen Kirchenzeitungen

Liebe Leserinnen und Leser der österreichischen Kirchenzeitungen

Mein Besuch in Österreich rückt immer näher heran. Ihr wisst es: Ich liebe dieses Land, das mir seit meiner Kindheit nahe ist – seit den sonntäglichen Wanderungen, die wir zu Beginn der dreißiger Jahre über die Salzach-Brücke mit unserer Mutter nach Ostermiething, nach Sankt Radegund und an andere Orte auf der österreichischen Seite der Salzach gemacht haben.

Ich liebe die wundervollen Landschaften Eurer Heimat, die große österreichische Kultur und die liebenswerten Menschen Eures Landes. In meiner Hauskapelle in Rom steht eine Nachbildung der Muttergottes von Mariazell, die Papst Johannes Paul II. von dort nach Hause mitgebracht hat.

Die österreichischen Bischöfe haben mir dazu aus Holz eine schöne Figur des heiligen Josef schnitzen lassen, in dessen Armen vertrauensvoll geborgen das Jesuskind schläft.

Wenn ich mein Brevier bete oder sonst zum Beten in der Kapelle weile, sieht mich das gütige Gesicht der Gottesmutter von Mariazell an, und ich fühle zugleich etwas von der Geborgenheit, die sich von der vertrauten Gestalt des heiligen Josef her dem Jesuskind mitteilt.

Mit den Heiligen ist dann immer auch Österreich bei mir, das Land in der Herzmitte Europas, das unserem Glauben eine so vielfältige und leuchtende Gestalt gegeben hat, die selbst Menschen anrührt, die den christlichen Glauben nicht oder nicht mehr teilen, aber die Schönheit lieben, die er hervorgebracht hat.

Wenn ich nach Österreich komme, werde ich der großen Kultur begegnen, die dort in Jahrhunderten gewachsen ist. Aber ich werde vor allem auch der Gegenwart begegnen: dem Ringen und Fragen einer immer schneller sich bewegenden Zeit; der Mühsal des Glaubens und des Christseins im Miteinander unterschiedlicher Kulturen und Überlieferungen.

Wenn ich aber den Pilgern in Mariazell, den Gläubigen in Wien, der vielfältigen Welt der freiwilligen Helfer in allen Sektoren der Gesellschaft und den jungen Menschen auf dem Weg zum Priestertum in Heiligenkreuz begegne, dann weiß ich, dass ich eine lebendige Kirche sehen werde, die auch in den Mühsalen des Alltags die Freude des Glaubens erfährt; die weiß, wie schön es ist, Gott zu kennen, sein Gesicht zu kennen, das uns in Jesus Christus sichtbar geworden ist.

In Österreich wie auch sonst in der weiten Welt, die mir in den Bischofsbesuchen fast Tag um Tag begegnet, ist Glaube nicht nur große Vergangenheit. Er ist Gegenwart, und er öffnet die Tür zur Zukunft. In Brasilien habe ich in der „Fazenda da Esperança“ in einer mir unvergesslichen Weise junge Menschen erlebt, die der Droge verfallen waren und die darum die Freude am Leben, den Glauben an die Zukunft verloren hatten.

Gott zu entdecken hieß für sie – so haben sie es bezeugt – die Hoffnung wiederfinden und wieder Freude am Leben, an der Zukunft zu gewinnen. Weil der Glaube tiefe Wurzeln hat, gerade darum eröffnet er Zukunft und gibt Leben. Beten wir gemeinsam darum, daß mein Besuch in Österreich uns allen hilft, Gottes von neuem froh zu werden und so Zukunft zu bauen, die Hoffnung ist.

Mit einem herzlichen „Grüß Gott“

3. September 2007: Schreiben an die österreichischen Kinder, die an denInitiativen des Päpstlichen Kindermissionswerkes teilnehmen, Castel Gandolfo

Liebe Kinder!

Ich freue mich, daß ich mich anläßlich meiner Apostolischen Reise nach Österreich gesondert an Euch wenden kann, die Ihr Euch aktiv an den Initiativen des Päpstlichen Kindermissionswerkes beteiligt. Ich danke Euch von Herzen für die Briefe und die Zeichnungen, die Ihr mir als Zeichen Eurer Zuneigung und Eurer Verbundenheit mit meiner Aufgabe geschenkt habt. Darin kommen jener Glaube und jene Liebe zum Ausdruck, um derentwillen Jesus die Kleinsten so besonders liebte, sie mit offenen Armen empfing und sie seinen Jüngern als Beispiel vor Augen stellte: „Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes", sagte er (Mk 10, 14).

Ich möchte Euch sagen, daß ich Euren Einsatz in der Kindermission sehr zu schätzen weiß. Ich sehe in Euch kleine Mitarbeiter an dem Dienst, den der Papst der Kirche und der Welt erweist: Ihr unterstützt mich mit Eurem Gebet und auch mit Eurem Einsatz zur Verbreitung des Evangeliums. Es gibt nämlich viele Kinder, die Jesus noch nicht kennen. Und leider gibt es ebenso viele, denen es an lebensnotwendigen Dingen mangelt: an Nahrung, an medizinischer Versorgung, an Unterricht; viele können nicht im Frieden und in Unbeschwertheit leben. Die Kirche schenkt ihnen ihre besondere Zuwendung, vornehmlich durch die Missionare. Und auch Ihr fühlt Euch dazu aufgerufen, Euren Beitrag zu leisten, sei es einzeln oder in Gruppen. Die Freundschaft mit Jesus ist ein so schönes Geschenk; man kann es nicht für sich allein behalten! Wer diese Gabe empfängt, hat das Bedürfnis, sie anderen weiterzugeben. Und das geteilte Geschenk wird auf diese Weise nicht kleiner, sondern es vervielfältigt sich! Macht weiter so! Ihr wachst heran, und bald werdet Ihr Jugendliche und junge Erwachsene sein: Verliert nicht Euren missionarischen Geist! Bewahrt Euch einen stets klaren und unverfälschten Glauben, wie der heilige Petrus ihn hatte!

Liebe kleine Freunde, ich vertraue Euch alle dem Schutz der Muttergottes an. Ich bete für Euch, für Eure Eltern und Eure Geschwister. Ich bete für Eure Missionsgruppen und Eure Erzieher und erteile allen von Herzen den Apostolischen Segen.

Freitag, den 7. September 2007

Interview auf dem Flug nach Wien in Österreich

Pater Federico Lombardi, der Pressesprecher des Heiligen Stuhls, sagte einleitend: Wir danken dem Heiligen Vater, daß er gekommen ist, um uns am Beginn dieser Reise nach Österreich zu begrüßen. Ich werde nun einige Fragen stellen, die Sie mir in den letzten Tagen gegeben haben, damit ich sie dem Heiligen Vater vorlege.

Frage: Diese Reise führt den Heiligen Vater in ein Land, das er seit seiner Kindheit kennt. Welche Bedeutung schreibt er dieser Rückkehr nach Österreich zu?

Papst Benedikt XVI.: Meine Reise soll vor allem eine Pilgerfahrt sein; ich möchte mich dieser langen Reihe der Pilger durch die Jahrhunderte – es sind 850 Jahre – anschließen und so als Pilger unter Pilgern mit ihnen beten. Und dieses Zeichen der Einheit, das der Glaube bewirkt, scheint mir wichtig zu sein: Einheit zwischen den Völkern, weil es eine Wallfahrt vieler Völker ist; Einheit der Zeiten und daher ein Zeichen der einenden Kraft, der Kraft der Versöhnung, die der Glaube hat. In diesem Sinn soll diese Reise ein Zeichen der Universalität der Glaubensgemeinschaft der Kirche sein, ein Zeichen auch der Demut und vor allem auch ein Zeichen des Vertrauens, das wir in Gott haben; ein Zeichen für die Vorrangstellung Gottes, dafür, daß es Gott gibt, daß wir die Hilfe Gottes brauchen. Und natürlich auch Ausdruck der Liebe zur Muttergottes. Ich möchte also einfach diese grundlegenden Elemente des Glaubens in diesem Augenblick der Geschichte bekräftigen.

Frage: Die österreichische Kirche hat in den neunziger Jahren eine schwierige und unruhige Zeit erlebt, mit Spannungen auf pastoraler Ebene und Auseinandersetzungen. Ist der Heilige Vater der Ansicht, daß diese Schwierigkeiten überwunden sind? Möchte er mit diesem Besuch auch dazu beitragen, die Wunden zu heilen und die Einheit in der Kirche zu fördern, auch unter denen, die sich am Rand der Kirche fühlen?

Papst Benedikt XVI.: Vor allem möchte ich all jenen danken, die in diesen letzten Jahren gelitten haben. Ich weiß, daß die Kirche in Österreich schwierige Zeiten durchlebt hat: um so mehr bin ich all jenen – Laien, Ordensleuten und Priestern – dankbar, die trotz dieser Schwierigkeiten, mit denen die Kirche konfrontiert wurde, dem Zeugnis für Jesus treu geblieben sind, die in der Kirche der Sünder dennoch das Antlitz Christi erkannt haben. Ich würde nicht sagen, daß diese Probleme schon vollkommen überwunden sind: das Leben in unserem Jahrhundert – aber das gilt in etwa für alle Jahrhunderte – bleibt schwierig; auch der Glaube lebt immer in einem schwierigen Kontext. Aber ich hoffe, ein wenig dabei helfen zu können, daß diese Wunden heilen, und ich sehe, daß es eine neue Freude am Glauben gibt, daß es einen neuen Schwung in der Kirche gibt. Ich möchte soweit es in meiner Macht steht diese Verfügbarkeit bestärken, mit dem Herrn voranzugehen, darauf zu vertrauen, daß der Herr in seiner Kirche gegenwärtig bleibt und daß wir so – gerade dadurch, daß wir den Glauben in der Kirche leben – auch selbst das Ziel unseres Lebens erreichen und zu einer besseren Welt beitragen können.

Frage: Österreich ist ein Land mit einer tiefen katholischen Tradition und zeigt dennoch auch Zeichen der Säkularisierung. Mit welcher ermutigenden Botschaft wird sich der Heilige Vater an die österreichische Gesellschaft richten?

Papst Benedikt XVI.: Nun, ich möchte einfach die Menschen im Glauben bestärken, darin, daß wir auch gerade heute Gott brauchen. Wir brauchen eine Orientierung, die unserem Leben eine Richtung gibt. Man sieht, daß ein Leben ohne Orientierungspunkte, ohne Gott nicht gelingt: es bleibt leer. Der Relativismus relativiert alles und letztendlich sind Gut und Böse nicht mehr zu unterscheiden. Deshalb möchte ich einfach diese Überzeugung bestärken, die immer offensichtlicher wird, nämlich daß wir Gott, daß wir Christus brauchen und die große Gemeinschaft der Kirche, die die Völker vereint und sie miteinander versöhnt.

Frage: Wien ist der Sitz vieler internationaler Organisationen, unter ihnen auch die Internationale Atomenergiebehörde, und es ist der traditionelle Ort der Begegnung zwischen Ost und West. Beabsichtigt der Heilige Vater auch eine Botschaft weiterzugeben zur internationalen Politik und zum Frieden oder zu den Beziehungen mit der Orthodoxie und dem Islam, um Uneinigkeit und Polemik zu überwinden?

Papst Benedikt XVI.: Meine Reise ist keine politische Reise, sie ist eine Pilgerfahrt, wie ich schon gesagt habe. Es sind nur zwei Tage – ursprünglich war nur die Wallfahrt nach Mariazell vorgesehen, jetzt haben wir gerade ein wenig mehr Zeit, um verschiedenen Gliedern der österreichischen Gesellschaft zu begegnen. Es sind in dieser kurzen Zeit keine unmittelbaren Begegnungen mit anderen Konfessionen oder Religionen vorgesehen; nur ein kurzer Halt vor dem Mahnmal für die Schoah, um – sagen wir – unserer Trauer Ausdruck zu verleihen, unserer Reue und auch unserer Freundschaft mit den jüdischen Brüdern, um in dieser großen Einheit voranzugehen, die Gott mit seinem Volk geschaffen hat. Unmittelbar sind also derartige Botschaften nicht vorgesehen. Nur zu Beginn, bei der Begegnung mit der Welt der Politik, möchte ich ein wenig über diese Wirklichkeit, die Europa darstellt, sprechen, über die christlichen Wurzeln Europas, über den Weg, den wir einschlagen sollen. Aber es ist selbstverständlich, daß wir dies alles immer tun gestützt auf den Dialog, sei es mit den anderen Christen, sei es auch mit den Muslimen und den anderen Religionen. Der Dialog ist immer da: er ist eine Dimension unseres Handelns, auch wenn er bei diesem Anlaß nicht so explizit sein wird auf Grund des besonderen Charakters dieser Pilgerreise.

Pater Federico Lombardi: Heiligkeit, wir danken Ihnen sehr für diese Worte, und wir alle sprechen Ihnen die besten Wünsche aus für das gute Gelingen dieser Pilgerreise. Vielen Dank.

Begrüßungszeremonie auf dem Internationalen Flughafen Wien/Schwechat

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
verehrter Herr Kardinal,
liebe Mitbrüder im Bischofsamt,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe junge Freunde!

Mit großer Freude betrete ich heute zum ersten Mal seit Beginn meines Pontifikates den Boden Österreichs, des Landes, das mir nicht nur wegen der geographischen Nähe zum Ort meiner Geburt vertraut ist. Ihnen, verehrter Herr Bundespräsident, danke ich für die freundlichen Worte, mit denen Sie mich soeben im Namen des ganzen österreichischen Volkes willkommen geheißen haben. Sie wissen, wie sehr ich Ihrer Heimat und vielen Menschen und Stätten in Ihrem Lande verbunden bin. Dieser kulturelle Raum in der Mitte Europas überwindet manche Grenzen und führt Anregungen und Kräfte aus verschie­denen Teilen des Kontinents zusammen. Und die Kultur dieses Landes ist wesentlich geprägt von der Botschaft Jesu Christi und dem Wirken der Kirche in seinem Namen. All dies und vieles mehr schenkt mir das lebendige Empfinden, unter Ihnen, liebe Österreicherinnen und Österreicher, ein wenig „daheim“ zu sein.

Der Anlaß meines Kommens nach Österreich ist das 850-Jahr-Jubiläum der Gnadenstätte von Mariazell. Dieses Heiligtum der Muttergottes repräsentiert gewissermaßen das mütterliche Herz Österreichs und hat seit alters eine besondere Bedeutung auch für die Ungarn und für die slawischen Völker. Es ist Symbol einer Offenheit, die nicht nur geographische und nationale Grenzen überwindet, sondern in der Person Marias auf eine ganz wesentliche Dimension des Menschen verweist: seine Fähigkeit sich Gott und seinem Wort der Wahrheit zu öffnen!

Mit dieser Blickrichtung möchte ich in diesen drei Tagen hier in Österreich nach Mariazell pilgern. Das Wallfahren hat in den letzten Jahren bei vielen Menschen verstärktes Interesse gefunden. Im pilgernden Unterwegssein finden gerade auch junge Menschen einen neuen Weg der Besinnung; sie begegnen einander und miteinander der Schöpfung, aber auch der Geschichte des Glaubens und erfahren ihn oft unerwartet als Kraft der Gegenwart. Meine Pilgerfahrt nach Mariazell verstehe ich als Mitpilgern mit den Pilgern unserer Zeit. In diesem Geist werde ich in Kürze im Zentrum Wiens das gemeinsame Gebet anstimmen, das diese Tage im ganzen Land gleichsam als geistliche Pilgerschaft begleiten soll.

Mariazell steht nicht nur für eine 850jährige Geschichte, sondern zeigt aus der Erfahrung der Geschichte – und vor allem durch den mütterlichen Hinweis der Gnadenstatue auf Christus – auch den Weg in die Zukunft. Aus dieser Perspektive möchte ich mit den politischen Repräsentanten dieses Landes und Vertretern der internationalen Organisationen heute noch einen Blick auf unsere Gegenwart und Zukunft werfen.

Der morgige Tag wird mich zum Fest Mariä Geburt, dem Patrozinium von Mariazell, an den Gnadenort selbst führen. In der Eucharistiefeier vor der Basilika werden wir uns dem Hinweis Mariens folgend um Christus scharen, der in unsere Mitte tritt. Wir bitten ihn, ihn immer klarer schauen zu dürfen, ihn in unseren Mitmenschen zu erkennen, ihm in ihnen zu dienen und mit ihm den Weg zum Vater zu gehen. Als Pilger am Gnadenort werden wir im Gebet und über die Medien mit allen Gläubigen und Menschen guten Willens hier im Lande und weit darüber hinaus verbunden sein.

Pilgerschaft ist ja nicht nur der Weg zu einem Heiligtum hin. Wesentlich ist auch der Weg zurück in den Alltag. Unser wöchentlicher Alltag beginnt mit dem Sonntag – dem befreienden Geschenk Gottes, das wir annehmen und wahren wollen. So feiern wir diesen Sonntag im Hohen Dom von St. Stephan – dabei sind wir auch mit allen verbunden, die in den Pfarren Österreichs und der ganzen Welt die hl. Eucharistie feiern.

Meine Damen und Herren! Ich weiß, daß das Geschenk des freien Sonntags und ein guter Teil der Freizeit in Österreich von zahlreichen Menschen zum freiwilligen Einsatz für andere genutzt wird. Auch solches Engagement, freigebig und selbstlos hingeschenkt zum Wohl und Heil der anderen, kennzeichnet den Pilgerweg unseres Lebens. Wer auf den Nächsten „schaut“ – ihn sieht und ihm Gutes erweist – schaut auf Christus und dient ihm. Von Maria geführt und ermutigt, wollen wir unseren christlichen Blick schärfen für die Herausforderungen, denen wir uns im Geist des Evangeliums stellen müssen, und dankbar und hoffnungsfroh aus einer manchmal schweren, aber immer auch begnadeten Vergan­genheit in eine verheißungsvolle Zukunft aufbrechen.

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, liebe Freunde! Ich freue mich auf diese Tage in Österreich und sage zu Beginn meiner Pilgerreise Ihnen und Euch allen ein herzliches „Grüß Gott!“.

Gebet vor der Mariensäule auf dem Platz "Am Hof" in Wien

Verehrter, lieber Herr Kardinal,
sehr geehrter Herr Bürgermeister,
liebe Brüder und Schwestern!

Als erste Etappe auf meinem Pilgerweg nach Mariazell habe ich die Mariensäule gewählt, um mit Ihnen einen Augenblick nachzudenken über die Bedeutung der Muttergottes für Österreich einst und jetzt sowie über ihre Bedeutung für einen jeden von uns. Von Herzen begrüße ich Sie alle, die Sie sich hier zum Gebet an der Mariensäule eingefunden haben. Ihnen, lieber Herr Kardinal, danke ich für Ihren herzlichen Willkommensgruß zu Beginn dieser unserer Feier. Ich begrüße den Herrn Bürgermeister der Hauptstadt und alle anwesenden Vertreter des öffentlichen Lebens. Mein besonderer Gruß gilt den Jugendlichen und den Vertretern der anderssprachigen katholischen Gemeinden in der Erzdiözese Wien, die sich im Anschluß an diesen Wortgottesdienst in der Kirche versammeln und bis morgen in Anbetung vor dem Allerheiligsten verharren werden. Ich habe gehört, dass sie schon drei Stunden dastehen. Ich kann sie nur bewundern und „Vergelt’s Gott“ sagen. Mit dieser Anbetung verwirklicht Ihr ganz konkret, was wir alle in diesen Tagen tun wollen: mit Maria auf Christus schauen.

Mit dem Glauben an Jesus Christus, den menschgewordenen Sohn Gottes, geht seit frühesten Zeiten eine besondere Verehrung für seine Mutter einher, für die Frau, in deren Schoß er Menschennatur annahm und sogar ihren Herzschlag teilte, die einfühlsam und respektvoll sein Leben begleitete bis zu seinem Tod am Kreuz und deren Mutterliebe er am Ende den Lieblingsjünger und mit ihm die ganze Menschheit anvertraute. In ihrer Mütterlichkeit nimmt Maria auch heute Menschen aus allen Sprachen und Kulturen unter ihren Schutz, um sie in vereinter Vielfalt miteinander zu Christus zu führen. An sie können wir uns wenden in unseren Sorgen und Nöten. Von ihr sollen wir aber auch lernen, einander so liebevoll anzunehmen wie sie uns alle annimmt: einen jeden in seiner Eigenart, von Gott gewollt und geliebt. In der weltweiten Familie Gottes, in der für jeden Menschen ein Platz vorgesehen ist, soll jeder seine persönlichen Gaben zum Wohle aller entfalten.

Die Mariensäule, die Kaiser Ferdinand III. zum Dank für die Befreiung Wiens aus großer Gefahr auf diesem Platz errichten ließ und vor genau 360 Jahren einweihte, soll für uns auch heute ein Zeichen der Hoffnung sein. Wie viele Menschen haben seither vor dieser Säule innegehalten und betend zu Maria aufgeschaut! Wie viele haben in persönlichen Nöten die Kraft ihrer Fürsprache erfahren! Doch unsere christliche Hoffnung umfaßt noch weit mehr als die Erfüllung unserer kleinen und großen Wünsche. Wir schauen auf zu Maria, weil sie uns zeigt, zu welcher Hoffnung wir berufen sind (vgl. Eph 1,18), weil sie das verkörpert, was der Mensch eigentlich ist!

Wir haben es vorhin in der Lesung gehört: Schon vor der Erschaffung der Welt hat Gott uns in Christus erwählt. Jeden von uns kennt und liebt er von Ewigkeit her! Und wozu hat er uns erwählt? Um in Liebe heilig und untadelig vor ihm zu leben! Und das ist keine unerfüllbare Aufgabe: In Christus hat er uns die Verwirklichung schon geschenkt. Wir sind erlöst! Durch unsere Gemeinschaft mit dem auferstandenen Christus hat Gott uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet. Öffnen wir unser Herz, nehmen wir das kostbare Erbe an! Dann werden wir mit Maria das Lob seiner herrlichen Gnade anstimmen. Und wenn wir weiter unsere alltäglichen Sorgen vor die makellose Mutter Christi hintragen, wird sie uns helfen, unsere kleinen Hoffnungen immer zu öffnen auf die große, die eigentliche Hoffnung hin, die unserem Leben Sinn gibt und uns mit tiefer, unzerstörbarer Freude erfüllen kann.

In diesem Sinne möchte ich nun mit Ihnen aufschauen zur Immaculata, ihrer Fürsprache die Bitten anvertrauen, die Sie vorhin vorgetragen haben, und sie um ihren mütterlichen Schutz für dieses Land und seine Bewohner bitten:

Heilige Maria, makellose Mutter unseres Herrn Jesus Christus, in dir hat Gott uns das Urbild der Kirche und des rechten Menschseins geschenkt. Dir vertraue ich das Land Österreich und seine Bewohner an: Hilf uns allen, deinem Beispiel zu folgen und unser Leben ganz auf Gott auszurichten! Laß uns, indem wir auf Christus schauen, ihm immer ähnlicher, wirklich Kinder Gottes werden! Dann können auch wir, erfüllt mit allem Segen seines Geistes, immer besser seinem Willen entsprechen und so zu Werkzeugen des Friedens werden für Österreich, für Europa und für die Welt. Amen.

Begegnung mit den Autoritäten und dem Diplomatischen Korps in der Wiener Hofburg

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
sehr geehrte Mitglieder der Bundesregierung,
werte Abgeordnete zum Nationalrat und Mitglieder des Bundesrates,
sehr geehrte Landeshauptleute,
verehrte Vertreter des Diplomatischen Corps,
sehr geehrte Damen und Herren!

Einleitung

Es ist für mich eine große Freude und Ehre, heute mit Ihnen, Herr Bundespräsident, den Mitgliedern der Bundesregierung, sowie mit Vertretern des politischen und öffentlichen Lebens der Republik Österreich zusammenzutreffen. In dieser Begegnung hier in der Hofburg spiegelt sich das gute und von gegenseitigem Vertrauen charakterisierte Verhältnis zwischen Ihrem Land und dem Heiligen Stuhl, wovon Sie, Herr Bundespräsident, gesprochen haben. Darüber freue ich mich sehr.

Die Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und Österreich sind in das weite Netz der diplomatischen Beziehungen eingebunden, die in der Stadt Wien einen wichtigen Kreuzungspunkt finden, weil hier auch verschiedene internationale Organisationen ihren Sitz haben. Ich freue mich über die Anwesenheit vieler diplomatischer Vertreter, denen mein achtungsvoller Gruß gilt. Ich danke Ihnen, meine Damen und Herren Botschafter, für Ihren Einsatz nicht nur im Dienst und für die Interessen der Länder, die Sie vertreten, sondern auch für die gemeinsame Sache des Friedens und der Verständigung unter den Völkern.

Dieser Besuch ist mein erster als Bischof von Rom und Oberhirte der katholischen Weltkirche in diesem Land, das ich freilich seit langem und von vielen früheren Besuchen her kenne. Es ist – lassen Sie mich das sagen – für mich wirklich eine Freude, hierher zu kommen. Ich habe hier viele Freunde und als bayerischem Nachbarn sind mir österreichische Lebensart und Traditionen vertraut. Mein großer Vorgänger Papst Johannes Paul II. seligen Angedenkens hat Österreich dreimal besucht. Er ist von den Menschen in diesem Land jedesmal mit großer Herzlichkeit aufgenommen worden, seine Worte sind aufmerksam gehört worden und seine Pastoralreisen haben ihre Spuren hinterlassen.

Österreich

Österreich hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten eine Erfolgsgeschichte verzeichnet, von der noch vor zwei Generationen niemand zu träumen gewagt hätte. Ihr Land hat nicht nur einen beachtlichen wirtschaftlichen Fortschritt erlebt, sondern es hat auch ein beispielhaftes soziales Zusammenleben entwickelt, für das der Begriff der Sozialpartnerschaft zum Synonym geworden ist. Die Österreicher haben allen Grund, dafür dankbar zu sein und sie zeigen es dadurch, daß sie ein offenes Herz für die Armen und Notleidenden im eigenen Land haben, aber auch freigebig sind, wenn es gilt, bei Katastrophen und Unglücksfällen weltweite Solidarität zu bekunden. Die großen Aktionen „Licht ins Dunkel“ vor Weihnachten und „Nachbar in Not“ sind ein schönes Zeichen dieser Gesinnung.

Österreich und die EU-Erweiterung

Wir befinden uns hier an einer historischen Stätte, von der aus über Jahrhunderte ein Reich regiert worden ist, das große Teile des mittleren und östlichen Europa vereint hat. Dieser Ort und diese Stunde sind daher ein guter Anlaß, das ganze Europa von heute in den Blick zu nehmen. Nach den Schrecknissen des Krieges und den traumatischen Erfahrungen von Totalitarismus und Diktatur hat Europa den Weg zu einer Einheit des Kontinents eingeschlagen, die eine dauerhafte Friedensordnung und eine gerechte Entwicklung gewährleisten soll. Die Trennung, die den Kontinent jahrzehntelang schmerzlich gespalten hat, ist zwar politisch überwunden, aber in den Köpfen und Herzen der Menschen steht die Verwirklichung der Einheit großenteils noch aus. Auch wenn seit dem Fall des Eisernen Vorhangs im Jahre 1989 manche übertriebene Hoffnung enttäuscht worden sein mag und auch wenn es unter einigen Aspekten berechtigte Kritik an europäischen Institutionen geben kann, ist der Prozeß der Europäischen Einigung doch ein Werk von großer Tragweite, das diesem früher von fortgesetzten Konflikten und unseligen Bruderkriegen zerfressenen Kontinent eine lange nicht gekannte Friedenszeit gebracht hat. Besonders für die Völker Mittel- und Osteuropas ist die Beteiligung an diesem Prozeß ein weiterer Anreiz, in ihrem Innern die Freiheit, den Rechtsstaat und die Demokratie zu festigen. In diesem Zusammenhang möchte ich an den Beitrag zu erinnern, den mein Vorgänger Papst Johannes Paul II. zu diesem historischen Prozeß geleistet hat. Auch Österreich, das an der Grenzlinie des früheren Westens und früheren Ostens liegt, hat als Brückenland viel zu dieser Einigung beigetragen und – das sollte nicht vergessen werden – dadurch auch viel gewonnen.

Europa

Das „Haus Europa“, wie wir die Gemeinschaft dieses Kontinents gerne nennen, wird nur dann ein für alle gut bewohnbarer Ort, wenn es auf einem soliden kulturellen und moralischen Fundament von gemeinsamen Werten aufbaut, die wir aus unserer Geschichte und unseren Traditionen gewinnen. Europa kann und darf seine christlichen Wurzeln nicht verleugnen. Sie sind ein Ferment unserer Zivilisation auf dem Weg in das dritte Jahrtausend. Das Christentum hat diesen Kontinent zutiefst geprägt, wovon in allen Ländern, gerade auch in Österreich, nicht nur die zahlreichen Kirchen und bedeutenden Klöster Zeugnis geben. Der Glaube hat sein Zeugnis vor allem in den unzähligen Menschen, die er durch die Geschichte herauf bis zum heutigen Tag zu einem Leben der Hoffnung, der Liebe und der Barmherzigkeit bewegt hat. Mariazell, das große österreichische Nationalheiligtum, ist zugleich ein Ort der Begegnung für verschiedene europäische Völker. Es ist einer der Orte, an denen sich Menschen die „Kraft von oben“ für ein rechtes Leben geholt haben und holen.

In diesen Tagen wird das christliche Glaubenszeugnis inmitten von Europa auch durch die Dritte Europäische Ökumenische Versammlung in Sibiu/Hermannstadt (in Rumänien) zum Ausdruck gebracht, die unter dem Motto steht: „Das Licht Christi scheint auf alle. Hoffnung für Erneuerung und Einheit in Europa“. Wer denkt da nicht an den Mitteleuropäischen Katholikentag, der im Jahr 2004 so viele gläubige Menschen unter dem Leitwort „Christus – die Hoffnung Europas“ in Mariazell zu­sam­mengeführt hat!

Heute ist häufig die Rede vom europäischen Lebensmodell. Damit ist eine Gesellschaftsordnung gemeint, die wirtschaftliche Effizienz mit sozialer Gerechtigkeit, politische Pluralität mit Toleranz, Liberalität und Offenheit verbindet, aber auch das Festhalten an Werten bedeutet, die diesem Kontinent seine besondere Stellung geben. Dieses Modell steht angesichts der Zwänge der modernen Ökonomie vor einer starken Herausforderung. Die viel zitierte Globalisierung kann nicht aufgehalten werden, es ist aber eine dringende Aufgabe und eine große Verantwortung der Politik, der Globalisierung solche Regeln und Grenzen zu geben, daß sie nicht auf Kosten der ärmeren Länder und der Ärmeren in den reichen Ländern realisiert wird und nicht den kommenden Generationen zum Nachteil gereicht.

Freilich – wir wissen es – hat Europa auch schreckliche Irrwege erlebt und erlitten. Dazu gehören: ideologische Engführungen von Philosophie, Wissenschaft und auch Glaube, der Mißbrauch von Religion und Vernunft zu imperialistischen Zielen, die Entwürdigung des Menschen durch einen theoretischen oder praktischen Materialismus und schließlich die Degeneration von Toleranz zu einer Gleichgültigkeit ohne Bezug zu bleibenden Werten. Zu den Eigenschaften Europas gehört aber die Fähigkeit zur Selbstkritik, die es im weiten Fächer der Weltkulturen besonders auszeichnet.

Leben

In Europa ist zuerst der Begriff der Menschenrechte formuliert worden. Das grundlegende Menschenrecht, die Voraussetzung für alle anderen Rechte, ist das Recht auf das Leben selbst. Das gilt für das Leben von der Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende. Abtreibung kann demgemäß kein Menschenrecht sein – sie ist das Gegenteil davon. Sie ist eine „tiefe soziale Wunde“, wie unser verstorbener Mitbruder Kardinal Franz König zu betonen nicht müde wurde.

Mit alledem spreche ich nicht von einem speziell kirchlichen Interesse. Vielmehr möchte ich mich zum Anwalt eines zutiefst menschlichen Anliegens und zum Sprecher der Ungeborenen machen, die keine Stimme haben. Ich verschließe damit nicht die Augen vor den Problemen und Konflikten vieler Frauen und bin mir bewußt, daß die Glaubwürdigkeit unserer Rede auch davon abhängt, was die Kirche selbst zur Hilfe für betroffene Frauen tut.

Ich appelliere dabei an die politisch Verantwortlichen, nicht zuzulassen, daß Kinder zu einem Krankheitsfall gemacht werden und daß die in Ihrer Rechtsordnung festgelegte Qualifizierung der Abtreibung als ein Unrecht faktisch aufgehoben wird. Ich sage das aus Sorge um die Humanität. Aber das ist nur die eine Seite dessen, was uns Sorgen macht. Die andere ist, alles dafür zu tun, daß die europäischen Länder wieder kinderfreundlicher werden. Ermutigen Sie bitte die jungen Menschen, die mit der Heirat eine neue Familie gründen, Mütter und Väter zu werden. Damit tun Sie ihnen selbst, aber auch der ganzen Gesellschaft etwas Gutes. Ich bestärke Sie auch nachdrücklich in Ihren politischen Bemühungen, Umstände zu fördern, die es jungen Paaren ermöglichen, Kinder aufzuziehen. Das alles wird aber nichts nützen, wenn es uns nicht gelingt, in unseren Ländern wieder ein Klima der Freude und der Lebenszuversicht zu schaffen, in dem Kinder nicht als Last, sondern als Geschenk für alle erlebt werden.

Mit großer Sorge erfüllt mich auch die Debatte über eine aktive Sterbehilfe. Es ist zu befürchten, daß eines Tages ein unterschwelliger oder auch erklärter Druck auf schwerkranke und alte Menschen ausgeübt werden könnte, um den Tod zu bitten oder ihn sich selber zu geben. Die richtige Antwort auf das Leid am Ende des Lebens ist Zuwendung, Sterbebegleitung – besonders auch mit Hilfe der Palliativmedizin – und nicht „aktive Sterbehilfe“. Um eine humane Sterbebegleitung durchzusetzen, bedürfte es freilich struktureller Reformen in allen Bereichen des Medizin- und Sozialsystems und des Aufbaus palliativer Versorgungssysteme. Es bedarf aber auch konkreter Schritte: in der psychischen und seelsorglichen Begleitung schwer Kranker und Sterbender, der Familienangehörigen, der Ärzte und des Pflegepersonals. Die Hospizbewegung leistet hier Großartiges. Jedoch kann nicht das ganze Bündel solcher Aufgaben an sie delegiert werden. Viele andere Menschen müssen bereit sein bzw. in ihrer Bereitschaft ermutigt werden, sich die Zuwendung zu schwer Kranken und Sterbenden Zeit und auch Geld kosten zu lassen.

Dialog der Vernunft

Zum europäischen Erbe gehört schließlich eine Denktradition, für die eine substantielle Korrespondenz von Glaube, Wahrheit und Vernunft wesentlich ist. Dabei geht es letztlich um die Frage, ob die Vernunft am Anfang aller Dinge und auf ihrem Grund steht oder nicht. Es geht um die Frage, ob das Wirkliche auf Grund von Zufall und Notwendigkeit entstanden ist, ob mithin die Vernunft ein zufälliges Nebenprodukt des Unvernünftigen und im Ozean des Unvernünftigen letztlich auch bedeutungslos ist oder ob wahr bleibt, was die Grundüberzeugung christlichen Glaubens bildet: In principio erat verbum – Am Anfang war das Wort – Am Beginn aller Dinge steht die schöpferische Vernunft Gottes, der beschlossen hat, sich uns Menschen mitzuteilen.

Lassen Sie mich dazu Jürgen Habermas zitieren, also einen Philosophen, der sich selbst nicht zum christlichen Glauben bekennt. Er sagt: „Das Christentum ist für das normative Selbstverständnis der Moderne nicht nur Katalysator gewesen. Der egalitäre Universalismus, aus dem die Ideen von Freiheit und solidarischem Zusammenleben entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeit und der christlichen Liebesethik. In der Substanz unverändert, ist dieses Erbe immer wieder kritisch angeeignet und neu interpretiert worden. Dazu gibt es bis heute keine Alternative.“

Europas Aufgaben in der Welt

Aus der Einmaligkeit seiner Berufung erwächst Europa aber auch eine einmalige Verantwortung in der Welt. Dazu darf es sich vor allem nicht selbst aufgeben. Der demographisch rapide alternde Kontinent soll nicht ein geistig alter Kontinent werden. Europa wird seiner selbst auch dann besser gewiß werden, wenn es eine seiner einzigartigen geistigen Tradition, seinen außerordentlichen Fähigkeiten und seinem großen wirtschaftlichen Vermögen angemessene Verantwortung in der Welt übernimmt. Die Europäische Union sollte darum eine Führungsrolle bei der Bekämpfung der Armut in der Welt und im Einsatz für den Frieden übernehmen. Dankbar dürfen wir konstatieren, daß europäische Länder und die Europäische Union zu den größten Gebern für internationale Entwicklung gehören, sie sollten aber auch ihr politisches Gewicht auf die Waagschale legen, wenn es z. B. um die äußerst dringende Herausforderung geht, die Afrika darstellt angesichts der ungeheuren Tragödien dieses Kontinentes wie die Geißel der AIDS-Erkrankungen, die Situation in Darfur, die ungerechte Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und der besorgniserregende Waffenhandel. Ebenso darf der politische und diplomatische Einsatz Europas und seiner Länder die ständig ernste Situation des Mittleren Ostens nicht vergessen, wo der Beitrag aller notwendig ist, um den Verzicht auf Gewalt, den gegenseitigen Dialog und ein wahrhaft friedliches Zusammenleben zu fördern. Auch die Beziehung zu den Nationen Lateinamerikas und des asiatischen Kontinents muß durch geeignete Verbindungen im Handelsaustausch ausgebaut werden.

Schluss

Sehr verehrter Herr Bundespräsident, sehr geehrte Damen und Herren! Österreich ist ein reich gesegnetes Land: Mit großen landschaftlichen Schönheiten, die Jahr für Jahr Millionen Menschen zur Erholung anziehen; mit einem unerhörten kulturellen Reichtum, den viele Generationen geschaffen und angesammelt haben; mit vielen künstlerisch begabten Menschen und großen schöpferischen Kräften. Die Zeugnisse der Leistungen, die Fleiß und Begabung der arbeitenden Bevölkerung hervorgebracht haben, sind überall zu sehen. Dies ist ein Grund, um dankbar und stolz zu sein. Aber Österreich ist natürlich keine Insel der Seligen und es hält sich ja auch nicht dafür. Selbstkritik tut immer gut, und sie ist in Österreich durchaus verbreitet. Ein Land, das so viel bekommen hat, muß auch viel geben. Es darf sich viel zutrauen und sich auch einiges zumuten an Verantwortung in seiner Nachbarschaft, in Europa und in der Welt.

Vieles von dem, was Österreich ist und besitzt, verdankt es dem christlichen Glauben und seiner reichen Wirkung in den Menschen. Der Glaube hat den Charakter dieses Landes und seine Menschen tief geprägt. Es muß daher ein Anliegen aller sein, nicht zuzulassen, daß eines Tages womöglich nur noch die Steine hierzulande vom Christentum reden würden. Ein Österreich ohne lebendigen christlichen Glauben wäre nicht mehr Österreich.

Ich wünsche Ihnen und allen Österreichern, vor allem den Alten und Kranken und den Jungen, die ihr Leben vor sich haben, Hoffnung, Zuversicht, Freude und Gottes Segen! Ich danke Ihnen.

Samstag, den 8. September 2007

Hl. Messe anlässlich der 850-Jahrfeier des Wallfahrtsortes Mariazell, Platz vor dem Marienheiligtum

Liebe Brüder und Schwestern,

bei unserer großen Wallfahrt nach Mariazell feiern wir das Patrozinium dieses Heiligtums, das Fest Mariä Geburt. Seit 850 Jahren kommen hierher Beter aus verschiedenen Völkern und Nationen mit den Anliegen ihres Herzens und ihres Landes, mit den Sorgen und den Hoffnungen ihrer Seele. So ist Mariazell für Österreich und weit über Österreich hinaus ein Ort des Friedens und der versöhnten Einheit geworden. Hier erfahren wir die tröstende Güte der Mutter; hier begegnen wir Jesus Christus, in dem Gott mit uns ist, wie heute das Evangelium sagt – Jesus, von dem wir in der Lesung aus dem Propheten Micha gehört haben: Er wird der Friede sein (5, 4). In die große Pilgerschaft vieler Jahrhunderte reihen wir uns heute ein. Wir halten Rast bei der Mutter des Herrn und bitten sie: Zeige uns Jesus. Zeige uns Pilgern ihn, der der Weg und das Ziel zugleich ist: die Wahrheit und das Leben.

Das Evangelium, das wir eben gehört haben, öffnet unseren Blick noch weiter. Es stellt die Geschichte Israels von Abraham an als einen Pilgerweg dar, der in Aufstiegen und Abstiegen, auf Wegen und Umwegen letztlich zu Jesus Christus führt. Der Stammbaum mit seinen hellen und finsteren Gestalten, mit seinem Gelingen und seinem Scheitern zeigt uns, daß Gott auch auf den krummen Linien unserer Geschichte gerade schreiben kann. Gott läßt uns unsere Freiheit und er weiß doch, in unserem Versagen neue Wege seiner Liebe zu finden. Gott scheitert nicht. So ist dieser Stammbaum eine Gewähr für Gottes Treue; eine Gewähr dafür, daß Gott uns nicht fallen läßt, und eine Einladung, unser Leben immer neu nach ihm auszurichten, immer neu auf Jesus Christus zuzugehen.

Pilgern heißt, eine Richtung haben, auf ein Ziel zugehen. Dies gibt auch dem Weg und seiner Mühsal seine Schönheit. Unter den Pilgern des Stammbaums Jesu waren manche, die das Ziel vergessen haben und sich selber zum Ziel machen wollten. Aber immer wieder hat der Herr auch Menschen erweckt, die sich von der Sehnsucht nach dem Ziel treiben ließen und danach ihr Leben ausrichteten. Der Aufbruch zum christlichen Glauben, der Anfang der Kirche Jesu Christi, ist möglich geworden, weil es in Israel Menschen des suchenden Herzens gab – Menschen, die sich nicht in der Gewohnheit einhausten, sondern nach Größerem Ausschau hielten: Zacharias, Elisabeth, Simeon, Anna, Maria und Josef, die Zwölf und viele andere. Weil ihr Herz wartete, konnten sie in Jesus den erkennen, den Gott gesandt hatte, und so zum Anfang seiner weltweiten Familie werden. Die Heidenkirche ist möglich geworden, weil es sowohl im Mittelmeerraum wie im Vorderen und Mittleren Asien, wohin die Boten Jesu kamen, wartende Menschen gab, die sich nicht mit dem begnügten, was alle taten und dachten, sondern nach dem Stern suchten, der sie den Weg zur Wahrheit selbst, zum lebendigen Gott weisen konnte.

Dieses unruhige und offene Herz brauchen wir. Es ist der Kern der Pilgerschaft. Auch heute reicht es nicht aus, irgendwie so zu sein und zu denken wie alle anderen. Unser Leben ist weiter angelegt. Wir brauchen Gott, den Gott, der uns sein Gesicht gezeigt und sein Herz geöffnet hat: Jesus Christus. Johannes sagt von ihm zu Recht, daß er der einzige ist, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht (vgl. Joh 1,18); so konnte auch nur er aus dem Innern Gottes selbst uns Kunde bringen von Gott – Kunde auch, wer wir selber sind, woher wir kommen und wohin wir gehen. Sicher, es gibt viele große Persönlichkeiten in der Geschichte, die schöne und bewegende Gotteserfahrungen gemacht haben. Aber es bleiben menschliche Erfahrungen mit ihrer menschlichen Begrenztheit. Nur ER ist Gott, und nur ER ist daher die Brücke, die Gott und Mensch wirklich zueinander kommen läßt. Wenn wir Christen ihn daher den einzigen für alle gültigen Heilsmittler nennen, der alle angeht und dessen alle letztlich bedürfen, so ist dies keine Verachtung der anderen Religionen und keine hochmütige Absolutsetzung unseres eigenen Denkens, sondern es ist das Ergriffensein von dem, der uns angerührt und uns beschenkt hat, damit wir auch andere beschenken können. In der Tat setzt sich unser Glaube entschieden der Resignation entgegen, die den Menschen als der Wahrheit unfähig ansieht – sie sei zu groß für ihn. Diese Resignation der Wahrheit gegenüber ist meiner Überzeugung nach der Kern der Krise des Westens, Europas. Wenn es Wahrheit für den Menschen nicht gibt, dann kann er auch nicht letztlich Gut und Böse unterscheiden. Und dann werden die großen und großartigen Erkenntnisse der Wissenschaft zweischneidig: Sie können bedeutende Möglichkeiten zum Guten, zum Heil des Menschen sein, aber auch – und wir sehen es – zu furchtbaren Bedrohungen, zur Zerstörung des Menschen und der Welt werden. Wir brauchen Wahrheit. Aber freilich, aufgrund unserer Geschichte haben wir Angst davor, daß der Glaube an die Wahrheit Intoleranz mit sich bringe. Wenn uns diese Furcht überfällt, die ihre guten geschichtlichen Gründe hat, dann wird es Zeit, auf Jesus hinzuschauen, wie wir ihn hier im Heiligtum zu Mariazell sehen. Wir sehen ihn da in zwei Bildern: als Kind auf dem Arm der Mutter und über dem Hochaltar der Basilika als Gekreuzigten. Diese beiden Bilder der Basilika sagen uns: Wahrheit setzt sich nicht mit äußerer Macht durch, sondern sie ist demütig und gibt sich dem Menschen allein durch die innere Macht ihres Wahrseins. Wahrheit weist sich aus in der Liebe. Sie ist nie unser Eigentum, nie unser Produkt, sowie man auch die Liebe nicht machen, sondern nur empfangen und weiterschenken kann. Diese innere Macht der Wahrheit brauchen wir. Dieser Macht der Wahrheit trauen wir als Christen. Für sie sind wir Zeugen. Sie müssen wir weiterschenken in der Weise, wie wir sie empfangen haben, wie sie sich geschenkt hat.

„Auf Christus schauen“, heißt das Leitwort dieses Tages. Dieser Anruf wird für den suchenden Menschen immer wieder von selbst zur Bitte, zur Bitte besonders an Maria, die ihn uns als ihr Kind geschenkt hat: „Zeige uns Jesus!“ Beten wir heute so von ganzem Herzen; beten wir so auch über diese Stunde hinaus, inwendig auf der Suche nach dem Gesicht des Erlösers. „Zeige uns Jesus!“ Maria antwortet, indem sie uns ihn zunächst als Kind zeigt. Gott hat sich klein gemacht für uns. Gott kommt nicht mit äußerer Macht, sondern er kommt in der Ohnmacht seiner Liebe, die seine Macht ist. Er gibt sich in unsere Hände. Er bittet um unsere Liebe. Er lädt uns ein, selbst klein zu werden, von unseren hohen Thronen herunterzusteigen und das Kindsein vor Gott zu erlernen. Er bietet uns das Du an. Er bittet, daß wir ihm vertrauen und so das Sein in der Wahrheit und in der Liebe erlernen. Das Kind Jesus erinnert uns natürlich auch an alle Kinder dieser Welt, in denen er auf uns zugehen will. An die Kinder, die in der Armut leben; als Soldaten mißbraucht werden; die nie die Liebe der Eltern erfahren durften; an die kranken und leidenden, aber auch an die fröhlichen und gesunden Kinder. Europa ist arm an Kindern geworden: Wir brauchen alles für uns selber, und wir trauen wohl der Zukunft nicht recht. Aber zukunftslos wird die Erde erst sein, wenn die Kräfte des menschlichen Herzens und der vom Herzen erleuchteten Vernunft erlöschen – wenn das Antlitz Gottes nicht mehr über der Erde leuchtet. Wo Gott ist, da ist Zukunft.

„Auf Christus schauen“: Werfen wir noch einen kurzen Blick auf den Gekreuzigten über dem Hochaltar. Gott hat die Welt nicht durch das Schwert, sondern durch das Kreuz erlöst. Sterbend breitet Jesus die Arme aus. Dies ist zunächst die Gebärde der Passion, in der er sich für uns annageln läßt, um uns sein Leben zu geben. Aber die ausgebreiteten Arme sind zugleich die Haltung des Betenden, die der Priester mit seinen im Gebet ausgebreiteten Armen aufnimmt: Jesus hat die Passion, sein Leiden und seinen Tod in Gebet umgewandelt, und so umgewandelt in einen Akt der Liebe zu Gott und zu den Menschen. Darum sind die ausgebreiteten Arme des Gekreuzigten endlich auch ein Gestus der Umarmung, mit der er uns an sich zieht, in die Hände seiner Liebe hineinnehmen will. So ist er ein Bild des lebendigen Gottes, Gott selbst, ihm dürfen wir uns anvertrauen.

„Auf Christus schauen!“ Wenn wir das tun, dann sehen wir, daß das Christentum mehr und etwas anderes ist als ein Moralsystem, als eine Serie von Forderungen und von Gesetzen. Es ist das Geschenk einer Freundschaft, die im Leben und im Sterben trägt: „Nicht mehr Knechte nenne ich euch, sondern Freunde“ (vgl. Joh 15,15), sagt der Herr zu den Seinen. Dieser Freundschaft vertrauen wir uns an. Aber gerade weil das Christentum mehr ist als Moral, eben das Geschenk einer Freundschaft, darum trägt es in sich auch eine große moralische Kraft, deren wir angesichts der Herausforderungen unserer Zeit so sehr bedürfen. Wenn wir mit Jesus Christus und mit seiner Kirche den Dekalog vom Sinai immer neu lesen und in seine Tiefe eindringen, dann zeigt sich eine große, gültige, bleibende Weisung. Der Dekalog ist zunächst ein Ja zu Gott, zu einem Gott, der uns liebt und uns führt, der uns trägt und uns doch unsere Freiheit läßt, ja, sie erst zur Freiheit macht (die ersten drei Gebote). Er ist ein Ja zur Familie (4. Gebot), ein Ja zum Leben (5. Gebot), ein Ja zu verantwortungsbewußter Liebe (6. Gebot), ein Ja zur Solidarität, sozialen Verantwortung und Gerechtigkeit (7. Gebot), ein Ja zur Wahrheit (8. Gebot) und ein Ja zur Achtung anderer Menschen und dessen, was ihnen gehört (9. und 10. Gebot). Aus der Kraft unserer Freundschaft mit dem lebendigen Gott heraus leben wir dieses vielfältige Ja und tragen es zugleich als Wegweisung in diese unsere Weltstunde hinein.

„Zeige uns Jesus!“ Mit dieser Bitte zur Mutter des Herrn haben wir uns hierher auf den Weg gemacht. Diese Bitte begleitet uns zurück in den Alltag hinein. Und wir wissen, daß Maria unsere Bitte erhört: Ja, wann immer wir zu Maria hinschauen, zeigt sie uns Jesus. So können wir den rechten Weg finden, ihn Stück um Stück gehen, der getrosten Freude voll, daß der Weg ins Licht führt – in die Freude der ewigen Liebe hinein. Amen.

  • * *

Vor den Grüßen:

Liebe Brüder und Schwestern!

Bevor wir uns mit den Pfarrgemeinderäten treffen und ich ihnen allen das Evangelium und die Apostelgeschichte überreichen darf, möchte ich doch auch noch aufnehmen, was schon in den Fürbitten zur Sprache kam: Viele Menschen in Österreich haben durch die Überschwemmungen dieser Tage zu leiden, und haben Schaden auf sich nehmen müssen. Ich möchte alle diese Menschen meines Gebetes, meines Mitgefühls und meiner Betroffenheit versichern, und ich bin gewiß, daß alle, die es können, Solidarität zeigen und ihnen helfen werden.

Dann möchte ich auch der beiden Pilger gedenken, die heute hier gestorben sind. Ich habe sie in der Heiligen Messe in mein Gebet hineingenommen, und wir dürfen darauf vertrauen, daß die Muttergottes sie direkt zum Herrn hingeführt hat, da sie zu ihr gepilgert waren, um mit ihr Jesus zu begegnen.

Es folgen nun ein paar Grüße, in den Sprachen, die auch Bischof Kapellari schon vorgetragen hat.

Ich darf mit ungarisch beginnen, so gut ich kann:

Kedves magyar zarándokok, ismerem ragaszkodástokat a Mariazelli Szűzanyához. Kérem az Ő pártfogását Mindannyiotok számára. Dicsértessék a Jézus Krisztus. Dragi bratje in sestre iz Slovenije, naj Devica Marija vedno varuje vaše družine in vaš narod. Hvaljen Jezus!

Od srca pozdravljam i vas dragi hrvatski hodočasnici! Neka vas prati moćni zagovor i pomoć Blažene Djevice Marije, da uvijek ostanete vjerni Kristu i njegovoj Crkvi! Hvaljen Isus i Marija!

Srdečně zdravím též poutníky z České republiky. Svěřuji vás všechny do mateřské ochrany Panny Marie. Chvála Kristu!

Srdečne pozdravujem slovenských pútnikov. Drahí priatelia, Mater Gentium Slavorum – Matka slovanských národov nech vám pomáha ostať vždy vernými Kristovi a Cirkvi.

Pozdrawiam Polaków przybyłych do Mariazell w pielgrzymce wiary i jedności. Przez wstawiennictwo Maryi proszę o Boże błogosławieństwo dla Was i waszych rodzin.

  • * *

Liebe Brüder und Schwestern, Mitglieder der Pfarrgemeinderäte in den österreichischen Diözesen, ich bin Euch allen von Herzen für die Bereitschaft dankbar, einen verantwortungsvollen Dienst in den kirchlichen Gemeinschaften, in denen Ihr lebt, zu übernehmen.

Empfangt das Wort Gottes und lebt danach; richtet Euch wie Maria daran aus, wenn Ihr Euren Auftrag, den Ihr durch Eure Wahl erhalten habt, erfüllt: in der Familie, am Arbeitsplatz, und in der christlichen Gemeinde.

Geht Euren Weg getreu diesem Auftrag, der Euch anvertraut wurde, mit Eifer und Freude weiter. Bemüht Euch, aller Welt das Geschenk unserer Erlösung zu verkünden.

Bedenkt, dass Ihr in die Geschichte hineingestellt seid und in eine reiche Tradition von treuen Zeugen Gottes und der Frohen Botschaft.

Lasst Euch vom Heiligen Geist leiten, damit Ihr Sauerteig des neuen Lebens seid, Salz der Erde und Licht der Welt.

Es stärke und ermutige Euch dazu der Segen des Herrn, der unser Friede ist.

Marianische Vesper mit den Priestern, Ordensleuten, Diakonen und Seminaristen in der Basilika von Mariazell

Verehrte und liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst!
Liebe Männer und Frauen des gottgeweihten Lebens!
Liebe Freunde!

Wir haben uns in der ehrwürdigen Basilika unserer „Magna Mater Austriae“, in Mariazell, versammelt. Seit vielen Generationen bitten hier die Menschen um den Beistand der Gottesmutter. Wir tun das heute auch. Wir wollen mit ihr den Lobpreis auf die erhabene Güte Gottes anstimmen und unseren Dank an den Herrn für alle empfangenen Wohltaten, besonders für das große Geschenk des Glaubens, aussprechen. Wir wollen ihr auch unsere Herzensanliegen sagen: ihren Schutz für die Kirche erbitten, ihre Fürsprache um das Geschenk guter Berufungen für unsere Diözesen und Ordensgemeinschaften anrufen, um ihren Beistand für die Familien und um ihr erbarmendes Gebet für alle Menschen bitten, die einen Ausweg aus Sünden und nach Umkehr suchen, und schließlich ihrer mütterlichen Sorge alle kranken und alten Menschen anvertrauen. Möge die große Mutter Österreichs und Europas uns allen zu einer tiefgreifenden Erneuerung des Glaubens und Lebens verhelfen.

Liebe Freunde, ihr seid als Priester und Ordensleute Diener und Dienerinnen der Sendung Jesu Christi. Wie vor zweitausend Jahren Jesus Menschen in seine Nachfolge gerufen hat, so brechen auch heute junge Männer und Frauen auf seinen Ruf hin auf, fasziniert von Jesus und bewegt von der Sehnsucht, ihr Leben in den Dienst der Kirche zu stellen und es für die Hilfe an Menschen hinzugeben. Sie wagen die Nachfolge Jesu Christi und wollen seine Zeugen sein. Das Leben in der Nachfolge ist tatsächlich ein Wagnis, weil wir immer bedroht sind von Sünde, von Unfreiheit und Abfall. Daher bedürfen wir alle seiner Gnade, so wie Maria sie in Fülle bekam. Wir lernen, wie Maria immer auf Christus zu schauen und an ihm Maß zu nehmen. Wir dürfen an der universalen Heilssendung der Kirche, deren Haupt er ist, teilnehmen. Der Herr beruft die Priester, Ordensleute und die Laien, hineinzugehen in die Welt und ihre vielschichtige Wirklichkeit, und dort am Aufbau des Reiches Gottes mitzuwirken. Sie tun das in einer großen und bunten Vielfalt: in der Verkündigung, im Aufbau von Gemeinden, in den verschiedenen pastoralen Diensten, in der tätigen Liebe und gelebten Caritas, in der aus apostolischem Geist geleisteten Forschung und Wissenschaft, im Dialog mit der uns umgebenden Kultur, in der Förderung der von Gott gewollten Gerechtigkeit und nicht weniger in der zurückgezogenen Kontemplation des dreifaltigen Gottes und im gemeinsamen Gotteslob ihrer Gemeinschaft.

Der Herr lädt euch ein zur Pilgerschaft der Kirche „auf ihrem Weg durch die Zeit“. Er lädt euch ein, seinen Pilgerweg mitzugehen und teilzuhaben an seinem Leben, das auch heute noch ein Kreuzweg und der Weg des Auferstandenen durch das Galiläa unseres Lebens ist. Immer aber ist es der eine Herr, der uns zum einen Glauben durch die eine Taufe beruft. Die Teilhabe an seinem Weg bedeutet also beides: die Dimension des Kreuzes – mit Mißerfolgen, Leiden Unverstandensein, ja sogar Verachtung und Verfolgung – aber auch die Erfahrung einer tiefen Freude in seinem Dienst und die Erfahrung des großen Trostes aus der Begegnung mit Ihm. Wie die Kirche haben die einzelnen Gemeinden, die Gemeinschaften und jeder getaufte Christ den Ursprung ihrer Sendung in der Erfahrung des gekreuzigten und auferstandenen Christus.

Die Mitte der Sendung Jesu Christi und aller Christen ist die Verkündigung von Gottes Reich. Diese Verkündigung in Christi Namen bedeutet für die Kirche, die Priester, die Ordenschristen und für alle Getauften, als seine Zeugen in der Welt anwesend zu sein. Denn Reich Gottes ist Gott selbst, der gegenwärtig wird und in unserer Mitte und durch uns herrscht. Deswegen ist Aufbau des Reiches Gottes, wenn Gott in uns lebt und wenn wir Gott in die Welt tragen. Ihr tut es, indem Ihr Zeugnis gebt für einen Sinn, der in der schöpferischen Liebe Gottes wurzelt und sich gegen allen Unsinn und alle Verzweiflung stellt. Ihr steht an der Seite jener, die um diesen Sinn ringen, an der Seite all derer, die dem Leben eine positive Gestalt geben möchten. Betend und bittend seid ihr die Anwälte derer, die nach Gott suchen, die zu Gott hin unterwegs sind. Ihr gebt Zeugnis von einer Hoffnung, die gegen alle stille und laute Verzweiflung hinweist auf die Treue und Zuwendung Gottes. Damit steht ihr auf der Seite aller, deren Rücken gekrümmt ist durch drückende Schicksale und die von ihren Lastkörben nicht loskommen. Ihr gebt Zeugnis von der Liebe, die sich für die Menschen dahingibt und so den Tod besiegt hat. Ihr steht auf der Seite jener, die nie Liebe erfahren haben, die an das Leben nicht mehr zu glauben vermögen. Ihr steht so gegen die vielfältigen Weisen von versteckter und offener Ungerechtigkeit wie gegen die sich ausbreitende Menschenverachtung. So soll eure ganze Existenz, liebe Brüder und Schwestern, wie die Existenz Johannes’ des Täufers ein großer, lebendiger Hinweis auf Jesus Christus sein, den Mensch gewordenen Sohn Gottes. Jesus hat Johannes eine brennende und leuchtende Lampe genannt (vgl. Joh 5, 35). Seid auch ihr solche Lampen! Laßt euer Licht hineinleuchten in unsere Gesellschaft, in die Politik, in die Welt der Wirtschaft, in die Welt der Kultur und der Forschung. Wenn es auch nur ein kleines Licht sein mag inmitten vieler Irrlichter, so bekommt es seine Kraft und seinen Glanz doch von dem großen Morgenstern, dem auferstandenen Christus, dessen Licht leuchtet – durch uns leuchten will – und das nicht untergehen wird.

Nachfolgen – wir wollen nachfolgen – nachfolgen heißt in die Gesinnung Christi, in den Lebensstil Jesu hineinwachsen, so sagt es uns der Philipperbrief: „Habt die Gesinnung Jesu Christi!“ (vgl. 2, 5). „Auf Christus schauen“ heißt das Motto dieser Tage. Im Hinschauen auf Ihn, den großen Lehrer des Lebens, hat die Kirche drei herausragende Merkmale der Gesinnung Jesu Christi entdeckt. Diese drei Merkmale – wir nennen sie mit der Tradition die evangelischen Räte – sind zu den prägenden Elementen für ein Leben in der radikalen Nachfolge Christi geworden: Armut, Keuschheit und Gehorsam. Denken wir in dieser Stunde ein wenig über diese Merkmale nach.

Jesus Christus, der reich war mit dem ganzen Reichtum Gottes, ist unsertwegen arm geworden, so sagt uns der heilige Paulus im Zweiten Korintherbrief (8, 9); es ist ein unergründliches Wort, über das wir immer wieder nachdenken sollten. Und im Philipperbrief heißt es: Er hat sich entäußert, sich erniedrigt und war gehorsam bis zum Tod am Kreuz (2, 6ff). Er, der arm geworden ist, hat die Armen selig gepriesen. Der heilige Lukas zeigt uns in seiner Version der Seligpreisungen, daß dieser Zuruf – die Seligpreisung der Armen – sich durchaus auf die armen, wirklich armen Menschen im Israel seiner Zeit bezieht, wo es einen bedrückenden Gegensatz zwischen Reichen und Armen gab. Der heilige Matthäus aber erklärt uns in seiner Version der Seligpreisungen, daß freilich die bloße materielle Armut als solche für sich allein noch nicht die Nähe zu Gott verbürgt, denn das Herz kann hart und von der Begierde nach Reichtum erfüllt sein. Freilich läßt er uns – wie die ganze Heilige Schrift – erkennen, daß Gott in jedem Fall in besonderer Weise den Armen nahe ist. So wird klar: Der Christ sieht in ihnen Christus, der auf ihn wartet, auf seinen Einsatz. Wer Christus radikal nachfolgen will, muß auf materielle Habe verzichten. Aber er muß diese Armut von Christus her leben, als inwendiges Freiwerden für den Nächsten. Die Frage der Armut und der Armen muß für alle Christen, aber besonders für uns Priester und Ordensleute, die einzelnen wie die Ordensgemeinschaften, immer wieder Inhalt einer ernsten Gewissenserforschung sein. Gerade in unserer Situation, denke ich, wo es uns nicht schlecht geht, wo wir nicht arm sind, müssen wir darüber besonders nachdenken, wie wir diesen Ruf ehrlich leben können. Und ich möchte ihn Eurer – unserer – Gewissenserforschung anempfehlen.

Um recht zu verstehen, was Keuschheit bedeutet, müssen wir von ihrem positiven Inhalt ausgehen. Und den wieder finden wir nur im Hinschauen auf Jesus Christus. Jesus hat in einer doppelten Zuwendung gelebt: zum Vater und zu den Menschen. In der Heiligen Schrift lernen wir Jesus als Betenden kennen, der Nächte in der Zwiesprache mit dem Vater verbringt. Im Beten nimmt er sein Menschsein und unser aller Menschsein hinein in die Sohnesbeziehung zum Vater. Dieser Dialog mit dem Vater wird dann immer neu Sendung zur Welt, zu uns hin. Seine Sendung führte ihn in eine reine und ungeteilte Hinwendung zu den Menschen. In den Zeugnissen der Heiligen Schrift ist in keinem Augenblick seines Daseins in seinem Umgang mit den Menschen eine Beimischung von Eigeninteresse oder Eigennutz zu erkennen. Jesus hat die Menschen im Vater, vom Vater her – und so wahrhaft sie selber in ihrem Eigentlichen, in ihrer Realität – geliebt. Das Eintreten in diese Gesinnung Jesu Christi – in dieses ganz Mitsein mit dem lebendigen Gott und in dieses reine Mitsein mit den Menschen, ganz ihnen zur Verfügung – dieses Eintreten in die Gesinnung Jesu Christi hat Paulus zu seiner Theologie und Lebenspraxis inspiriert, die auf Jesu Wort von der Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen antwortet (vgl. Mt 19, 12). Priester und Ordensleute leben nicht beziehungslos. Keuschheit heißt im Gegenteil – davon wollte ich ausgehen – intensive Beziehung, ist positiv Beziehung zum lebendigen Christus und von da her zum Vater. Deswegen geloben wir durch das Gelübde der ehelosen Keuschheit nicht Individualismus oder Beziehungslosigkeit, sondern wir geloben, die intensiven Beziehungen, deren wir fähig sind und mit denen wir beschenkt werden, ganz und vorbehaltlos in den Dienst des Reiches Gottes und so der Menschen zu stellen. So werden Priester und Ordensleute selbst zu Menschen der Hoffnung: Indem sie ganz auf Gott setzen und damit zeigen, daß Gott für sie Realität ist, schaffen sie seiner Gegenwart – dem Reich Gottes – Raum in der Welt. Ihr, liebe Priester und Ordensleute, leistet einen großen Beitrag: Inmitten von aller Gier, allem Egoismus des Nicht-Warten-Könnens, des Konsumhungers, inmitten des Kultes der Individualität versuchen wir, eine uneigennützige Liebe zu den Menschen zu leben. Wir leben eine Hoffnung, die Gott die Erfüllung überläßt, weil wir glauben, daß er erfüllt. Was wäre geworden, hätte es diese Verweisgestalten in der Geschichte der Christenheit nicht gegeben? Was würde aus unserer Welt werden, wenn es die Priester, die Frauen und Männer in den Orden und Gemeinschaften des gottgeweihten Lebens nicht gäbe, die die Hoffnung auf eine größere Erfüllung der menschlichen Wünsche und die Erfahrung der Liebe Gottes, die alle menschliche Liebe übersteigt, nicht vorleben? Die Welt braucht unser Zeugnis gerade heute.

Kommen wir zum Gehorsam. Jesus hat sein ganzes Leben, von den stillen Jahren in Nazareth bis in den Augenblick des Todes am Kreuz, im Hören auf den Vater, im Gehorsam zum Vater gelebt. Sehen wir exemplarisch auf die Nacht am Ölberg hin. „Nicht mein Wille geschehe, sondern der Deinige.“ Jesus nimmt in diesem Beten unser aller widerstrebenden Eigenwillen in seinen Sohneswillen hinein, wandelt unsere Rebellion in seinen Gehorsam um. Jesus war ein Betender. Darin war er aber zugleich ein Hörender und Gehorchender: „Gehorsam geworden bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2, 8). Die Christen haben immer erfahren, daß sie sich nicht verlieren durch die Hingabe an den Willen des Herrn, sondern daß sie so durchfinden zu einer tiefen Identität und inneren Freiheit. An Jesus haben sie entdeckt, daß sich findet, wer sich verschenkt, daß frei wird, wer sich in einem in Gott gründenden und ihn suchenden Gehorsam bindet. Auf Gott zu hören und ihm zu gehorchen hat nichts mit Fremdbestimmung und Selbstverlust zu tun. Im Eintreten in den Willen Gottes kommen wir erst zu unserer wahren Identität. Das Zeugnis dieser Erfahrung braucht die Welt heute gerade mitten in ihrem Verlangen nach „Selbstverwirklichung“ und „Selbstbestimmung“.

Romano Guardini berichtet in seiner Autobiographie, wie ihm in einem kritischen Augenblick seines Weges, in dem ihm der Glaube seiner Kindheit fraglich geworden war, der tragende Entscheid seines ganzen Lebens – die Bekehrung – geschenkt wurde in der Begegnung mit dem Wort Jesu, daß sich nur findet, wer sich verliert (vgl. Mk 8, 34f; Joh 12, 25); daß es keine Selbstfindung, keine Selbstverwirklichung geben kann ohne das Sich-Loslassen, das Sich-Verlieren. Aber dann kommt ihm die Frage: Wohin darf ich mich verlieren? Wem mich verschenken? Ihm wurde klar, daß wir uns nur dann ganz weggeben können, wenn wir dabei in Gottes Hände fallen: Nur an ihn dürfen wir uns letztlich verlieren, und nur in ihm können wir uns finden. Aber dann kam die Frage: Wer ist Gott? Wo ist Gott? Und nun begriff er, daß der Gott, an den wir uns verlieren dürfen, nur der in Jesus Christus konkret und nahe gewordene Gott ist. Aber da bricht noch einmal eine Frage auf: Wo finde ich Jesus Christus? Wie kann ich mich ihm wirklich geben? Die von Guardini in seinem Ringen gefundene Antwort lautet: Konkret gegenwärtig ist uns Jesus Christus nur in seinem Leib, der Kirche. Darum muß Gehorsam gegen Gottes Willen, Gehorsam zu Jesus Christus ganz konkret und praktisch demütig-kirchlicher Gehorsam sein. Ich denke, auch darüber sollten wir immer wieder gründlich unser Gewissen erforschen. All dies findet sich zusammengefaßt in dem Gebet des heiligen Ignatius von Loyola, das mir immer wieder so zu groß ist, daß ich es fast nicht zu beten wage, und das wir uns doch immer neu abringen sollten: »Nimm hin, Herr, und empfange meine ganze Freiheit, mein Gedächtnis, meinen Verstand und meinen ganzen Willen, all mein Haben und mein Besitzen. Du hast es mir gegeben; Dir, Herr, gebe ich es zurück. Alles ist Dein, verfüge nach Deinem ganzen Willen. Gib mir nur Deine Liebe und Deine Gnade, dann bin ich reich genug und verlange weiter nichts« (Eb 234).

Liebe Brüder und Schwestern! Ihr geht nun wieder zurück in Eure Lebenswelt, an Eure kirchlichen, pastoralen, geistlichen und menschlichen Lebensorte. Unsere große Fürsprecherin und Mutter Maria breite schützend ihre Hand über Euch und Euer Wirken aus. Sie trete fürbittend bei ihrem Sohn, unserem Herrn Jesus Christus, ein. Mit meinem Dank für Euer Gebet und Euer Wirken im Weinberg des Herrn verbinde ich meine innige Bitte an Gott um Schutz und Wohlfahrt für Euch alle, für die Menschen, besonders die jungen Menschen, hier in Österreich und in den verschiedenen Ländern, aus denen manche von Euch stammen. Von Herzen begleite ich Euch alle mit meinem Segen.

Sonntag, den 9. September 2007

Predigt bei der Hl. Messe im Wiener Stephansdom

Liebe Brüder und Schwestern!

„Sine dominico non possumus!“ Ohne die Gabe des Herrn, ohne den Tag des Herrn können wir nicht leben: So antworteten im Jahr 304 Christen aus Abitene im heutigen Tunesien, die bei der verbotenen sonntäglichen Eucharistiefeier ertappt und vor den Richter geführt wurden. Sie wurden gefragt, wieso sie den christlichen Sonntagsgottesdienst hielten, obgleich sie wußten, daß darauf die Todesstrafe stand. „Sine dominico non possumus“: In dem Wort dominicum/dominico sind zwei Bedeutungen unlöslich miteinander verflochten, deren Einheit wir wieder wahrzunehmen lernen müssen. Da ist zunächst die Gabe des Herrn – diese Gabe ist er selbst: der Auferstandene, dessen Berührung und Nähe die Christen einfach brauchen, um sie selbst zu sein. Aber dies ist eben nicht nur eine seelische, inwendige, subjektive Berührung: die Begegnung mit dem Herrn schreibt sich in die Zeit ein mit einem bestimmten Tag. Und so schreibt sie sich ein in unser konkretes, leibhaftiges und gemeinschaftliches Dasein, das Zeitlichkeit ist. Sie gibt unserer Zeit und so unserem Leben als ganzem eine Mitte, eine innere Ordnung. Für diese Christen war die sonntägliche Eucharistiefeier nicht ein Gebot, sondern eine innere Notwendigkeit. Ohne den, der unser Leben trägt, ist das Leben selbst leer. Diese Mitte auszulassen oder zu verraten, würde dem Leben selbst seinen Grund nehmen, seine innere Würde und seine Schönheit.

Geht diese Haltung der Christen von damals auch uns Christen von heute an? Ja, auch für uns gilt, daß wir eine Beziehung brauchen, die uns trägt, unserem Leben Richtung und Inhalt gibt. Auch wir brauchen die Berührung mit dem Auferstandenen, die durch den Tod hindurch uns trägt. Wir brauchen diese Begegnung, die uns zusammenführt, die uns einen Raum der Freiheit schenkt, uns über das Getriebe des Alltags hinausschauen läßt auf die schöpferische Liebe Gottes, aus der wir kommen und zu der wir gehen.

Wenn wir nun freilich auf das heutige Evangelium hören, auf den Herrn, der uns da anredet, dann erschrecken wir. „Wer nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet und nicht auch alle Familienbindungen läßt, kann mein Jünger nicht sein.“ Wir möchten dagegenhalten: Was sagst du denn da, Herr? Braucht die Welt nicht gerade die Familie? Braucht sie nicht die Liebe von Vater und Mutter, die Liebe zwischen Eltern und Kindern, zwischen Mann und Frau? Brauchen wir nicht die Liebe zum Leben, die Freude am Leben? Und brauchen wir nicht auch Menschen, die in die Güter dieser Welt investieren und die uns gegebene Erde aufbauen, so daß alle an deren Gaben teilhaben können? Ist uns denn nicht auch die Entwicklung der Erde und ihrer Güter aufgetragen? Wenn wir dem Herrn genauer zuhören und ihm vor allem zuhören im ganzen dessen, was er sagt, dann verstehen wir, daß Jesus nicht von allen Menschen das Gleiche verlangt. Jeder hat seinen eigenen Auftrag und die ihm zugedachte Weise der Nachfolge. Im heutigen Evangelium spricht Jesus unmittelbar von dem, was nicht Auftrag der vielen ist, die sich ihm auf dem Pilgerweg nach Jerusalem angeschlossen hatten, sondern über die besondere Berufung der Zwölf. Die müssen zunächst den Skandal des Kreuzes bestehen, und sie müssen dann bereit sein, wirklich alles zu lassen, den scheinbar absurden Auftrag anzunehmen, bis an die Enden der Erde zu gehen und mit ihrer geringen Bildung einer Welt voll von Wissensdünkel und scheinbarer oder auch wirklicher Bildung – und natürlich auch besonders den Armen und Einfachen – das Evangelium von Jesus Christus zu verkündigen. Sie müssen bereit sein, auf ihrem Weg in die weite Welt selbst das Martyrium zu erleiden, um so das Evangelium vom Gekreuzigten und Auferstandenen zu bezeugen. Wenn Jesu Wort auf dieser Pilgerschaft nach Jerusalem, in der eine Masse mit ihm geht, zunächst die Zwölf trifft, so reicht sein Ruf natürlich über den historischen Augenblick in alle Jahrhunderte hinein. In allen Zeiten ruft er Menschen, alles auf ihn zu setzen, alles andere zu lassen, ganz für ihn und so ganz für die anderen da zu sein: Oasen der selbstlosen Liebe in einer Welt zu bauen, in der so oft nur Macht und Geld zu zählen scheinen. Danken wir dem Herrn, daß er uns in allen Jahrhunderten Männer und Frauen geschenkt hat, die seinetwegen alles andere gelassen haben und zu Leuchtzeichen seiner Liebe geworden sind. Denken wir nur an Menschen wie Benedikt und Scholastika, wie Franz und Klara von Assisi, Elisabeth von Thüringen und Hedwig von Schlesien, wie Ignatius von Loyola, Teresa von Avila bis herauf zu Mutter Teresa und Pater Pio. Diese Menschen sind mit ihrem ganzen Leben Auslegung von Jesu Wort geworden, das in ihnen uns nah und verständlich wird. Und bitten wir den Herrn, daß er auch in unserer Zeit Menschen den Mut schenkt, alles zu lassen und so für alle da zu sein.

Wenn wir uns aber nun von neuem dem Evangelium zuwenden, können wir wahrnehmen, daß der Herr darin doch nicht nur von einigen wenigen und ihrem besonderen Auftrag spricht; der Kern dessen, was er meint, gilt für alle. Worum es letztlich geht, drückt er ein anderes Mal so aus: „Wer sein Leben retten will, der wird es verlieren. Wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es retten. Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selber verliert und Schaden nimmt?“ (Lk 9, 24f). Wer sein Leben nur haben, es nur für sich selber nehmen will, der verliert es. Nur wer sich gibt, empfängt sein Leben. Anders gesagt: Nur der Liebende findet das Leben. Und Liebe verlangt immer das Weggehen aus sich selbst, verlangt immer, sich selber zu lassen. Wer umschaut nach sich selbst, den anderen nur für sich haben will, der gerade verliert sich und den anderen. Ohne dieses tiefste Sich-Verlieren gibt es kein Leben. Die rastlose Gier nach Leben, die die Menschen heute umtreibt, endet in der Öde des verlorenen Lebens. „Wer sein Leben um meinetwillen verliert...“, sagt der Herr: Ein letztes Loslassen unserer Selbst ist nur möglich, wenn wir dabei am Ende nicht ins Leere fallen, sondern in die Hände der ewigen Liebe hinein. Erst die Liebe Gottes, der sich selbst für uns und an uns verloren hat, ermöglicht auch uns, frei zu werden, loszulassen und so das Leben wirklich zu finden. Das ist die Mitte dessen, was uns der Herr in dem scheinbar so harten Evangelium dieses Sonntags sagen will. Mit seinem Wort schenkt er uns die Gewißheit, daß wir auf seine Liebe, die Liebe des menschgewordenen Gottes, bauen können. Dies zu erkennen ist die Weisheit, von der die erste Lesung uns gesprochen hat. Denn wiederum gilt, daß alles Wissen der Erde uns nichts nützt, wenn wir nicht zu leben lernen, wenn wir nicht erlernen, worauf es im Leben wahrhaft ankommt.

„Sine dominico non possumus!“ Ohne den Herrn und ohne den Tag, der ihm gehört, gerät das Leben nicht. Der Sonntag hat sich in unseren westlichen Gesellschaften gewandelt zum Wochenende, zur freien Zeit. Die freie Zeit ist gerade in der Hetze der modernen Welt etwas Schönes und Notwendiges; jeder von uns weiß das. Aber wenn die freie Zeit nicht eine innere Mitte hat, von der Orientierung fürs Ganze ausgeht, dann wird sie schließlich zur leeren Zeit, die uns nicht stärkt und nicht aufhilft. Die freie Zeit braucht eine Mitte – die Begegnung mit dem, der unser Ursprung und unser Ziel ist. Mein großer Vorgänger auf dem Bischofsstuhl von München und Freising, Kardinal Faulhaber, hat das einmal so ausgedrückt: „Gib der Seele ihren Sonntag, gib dem Sonntag seine Seele.“

Gerade weil es am Sonntag zutiefst um die Begegnung mit dem auferstandenen Christus in Wort und Sakrament geht, umspannt sein Radius die ganze Wirklichkeit. Die frühen Christen haben den ersten Tag der Woche als Herrentag begangen, weil er der Tag der Auferstehung war. Aber sehr bald ist der Kirche auch bewußt geworden, daß der erste Tag der Woche der Tag des Schöpfungsmorgens ist, der Tag, an dem Gott sprach: „Es werde Licht“ (Gen 1, 3). Deshalb ist der Sonntag auch das wöchentliche Schöpfungsfest der Kirche – das Fest der Dankbarkeit für Gottes Schöpfung und der Freude über sie. In einer Zeit, in der die Schöpfung durch unser Menschenwerk vielfältig gefährdet scheint, sollten wir gerade auch diese Dimension des Sonntags bewußt aufnehmen. Für die frühe Kirche ist dann auch immer mehr in den ersten Tag das Erbe des siebten Tages, des Sabbats, eingegangen. Wir nehmen teil an der Ruhe Gottes, die alle Menschen umfaßt. So spüren wir an diesem Tag etwas von der Freiheit und Gleichheit aller Geschöpfe Gottes.

Im Tagesgebet des heutigen Sonntags erinnern wir uns zunächst daran, daß Gott uns durch seinen Sohn erlöst und als seine geliebten Kinder angenommen hat. Wir bitten ihn dann, daß er voll Güte auf die christgläubigen Menschen schaue und daß er uns die wahre Freiheit und das ewige Leben schenken wolle. Wir bitten um den Blick der Güte Gottes. Wir selber brauchen diesen Blick der Güte über den Sonntag hinaus in den Alltag hinein. Bittend wissen wir, daß dieser Blick uns schon geschenkt ist. Mehr noch, wir wissen, daß Gott uns als seine Kinder adoptiert, uns wirklich in die Gemeinschaft mit sich selber aufgenommen hat. Kindsein bedeutet – das wußte die alte Kirche – ein Freier sein, kein Knecht, sondern selbst der Familie zugehörig. Und es bedeutet Erbe sein. Wenn wir dem Gott zugehören, der die Macht über alle Mächte ist, dann sind wir furchtlos und frei, und dann sind wir Erben. Das Erbe, das er uns vermacht hat, ist er selbst, seine Liebe. Ja, Herr, gib uns, daß uns dies tief in die Seele dringt und daß wir so die Freude der Erlösten erlernen. Amen.

Angelus am Stephansplatz in Wien

Liebe Schwestern und Brüder!

Es war für mich an diesem Morgen ein besonders schönes Erlebnis, gemeinsam mit Euch allen den Tag des Herrn so würdevoll in dem herrlichen Stephansdom begehen dürfen. Eine mit der gebührenden Würde gehaltene Eucharistiefeier hilft uns, die unermeßliche Größe der Gabe wahrzunehmen, die Gott uns in der heiligen Messe schenkt. Gerade so wachsen wir auch zueinander und spüren die Freude Gottes. Darum danke ich allen, die durch ihren aktiven Beitrag zur Vorbereitung und Gestaltung der Liturgie oder auch durch ihr andächtiges Miterleben der heiligen Geheimnisse eine Atmosphäre geschaffen haben, in der Gottes Gegenwart wahrhaft spürbar war. Ganz herzlichen Dank; Vergelt’s Gott allen!

In der Predigt habe ich etwas über den Sinn des Sonntags und über das heutige Evangelium zu sagen versucht, und ich denke, das sollte uns zu der Erkenntnis geführt haben, daß die Liebe Gottes, der sich selber für uns und an uns verloren hat, uns die innere Freiheit schenkt, unser Leben „loszulassen“ und so das wirkliche Leben zu finden. Die Teilhabe an dieser Liebe hat einst Maria die Kraft gegeben zu ihrem vorbehaltlosen Ja. Angesichts der rücksichtsvollen und feinfühligen Liebe Gottes, der zur Verwirklichung seines Heilsplanes auf die freiwillige Mitwirkung seines Geschöpfes wartet, konnte die Jungfrau alle Bedenken fallen lassen und sich vertrauensvoll bei diesem großen, unerhörten Plan in seine Hand geben. Vollkommen verfügbar, innerlich ganz weit geöffnet und frei von sich selbst, ermöglichte sie es Gott, sie mit seiner Liebe, mit seinem Heiligen Geist zu erfüllen. Und so konnte Maria, die einfache Frau, Gottes Sohn in sich empfangen und der Welt den Erlöser schenken, der sich ihr geschenkt hatte.

Auch uns ist heute in der Eucharistiefeier Gottes Sohn geschenkt worden. Wer die heilige Kommunion empfangen hat, trägt jetzt den auferstandenen Herrn in besonderer Weise in sich. Wie Maria ihn in Ihrem Schoß trug – ein wehrloses kleines Menschenwesen, ganz auf die Liebe der Mutter angewiesen – so hat sich Jesus Christus in der Gestalt des Brotes uns anvertraut, liebe Schwestern und Brüder. Lieben wir diesen Jesus, der sich uns so ganz in die Hand gibt! Lieben wir ihn, wie Maria ihn geliebt hat! Und tragen wir ihn zu den Menschen, wie Maria ihn zu Elisabeth getragen und dort Jubel und Freude ausgelöst hat! Maria hat dem Wort Gottes einen menschlichen Leib geschenkt, damit es als Mensch in die Welt kommen konnte. Schenken auch wir dem Herrn unseren Leib, lassen wir unseren Leib immer mehr zum Werkzeug der Liebe Gottes und zum Tempel des Heiligen Geistes werden! Tragen wir den Sonntag mit seiner unermeßlich großen Gabe in die Welt hinein!

Bitten wir Maria, uns zu lehren, wie sie frei von uns selbst zu werden, um in der Verfügbarkeit für Gott unsere wahre Freiheit, das eigentliche Leben, die echte und anhaltende Freude zu finden.

Ich möchte nun das Gebet an die Mutter Gottes sprechen, das ich eigentlich an der Mariensäule hatte sprechen wollen. Dort kam es ja dann bekanntlich zum Stromausfall, so daß es nicht mehr möglich war. Darum darf ich dieses Gebet an die Mutter Gottes nun nachholen:

Heilige Maria, makellose Mutter unseres Herrn Jesus Christus, in dir hat Gott uns das Urbild der Kirche und des rechten Menschseins geschenkt. Dir vertraue ich das Land Österreich und seine Bewohner an: Hilf uns allen, deinem Beispiel zu folgen und unser Leben ganz auf Gott auszurichten! Laß uns, indem wir auf Christus schauen, ihm immer ähnlicher, wirklich Kinder Gottes werden! Dann können auch wir, erfüllt mit allem Segen seines Geistes, immer besser seinem Willen entsprechen und so zu Werkzeugen des Friedens werden für Österreich, für Europa und für die Welt. Amen.

Liebe Freunde, jetzt singen wir alle auf österreichische Weise den Engel des Herrn:

Der Engel des Herrn

Ansprache beim Besuch der Abtei Heiligenkreuz

Hochwürdigster Herr Abt,
verehrte Brüder im Bischofsamt,
liebe Zisterziensermönche von Heiligenkreuz,
liebe gottgeweihte Brüder und Schwestern,
sehr geehrte Gäste und Freunde des Stiftes und der Hochschule,
meine Damen und Herren!

Gerne bin ich auf meiner Pilgerfahrt zur Magna Mater Austriae auch in das Stift Heiligenkreuz gekommen, das nicht nur eine wichtige Station an der Via Sacra nach Mariazell ist, sondern das älteste durchgehend bestehende Zisterzienserkloster der Welt. Ich wollte an diesen geschichtsträchtigen Ort kommen, um auf die grundlegende Weisung des heiligen Benedikt aufmerksam zu machen, nach dessen Regel auch die Zisterzienser leben. Benedikt ordnet kurz und bündig an, „daß dem Gottesdienst nichts vorgezogen werden soll.“[2]

In einem Kloster benediktinischer Prägung hat daher das Gotteslob, das die Mönche als feierliches Chorgebet halten, immer den Vorrang. Gewiß – und Gott sei Dank! –, die Mönche sind nicht die einzigen, die beten; auch andere Menschen beten: Kinder, Jugendliche und alte Menschen, Männer und Frauen, Verheiratete und Alleinstehende – jeder Christ betet, oder er sollte es zumindest tun.

Im Leben der Mönche hat freilich das Gebet eine besondere Stellung: Es ist die Mitte ihres Berufes. Sie sind von Beruf Betende. In der Väterzeit wurde das Mönchsleben als Leben nach der Weise der Engel bezeichnet. Und als das Wesentliche der Engel sah man es an, daß sie Anbetende sind. Ihr Leben ist Anbetung. So sollte es auch bei den Mönchen sein. Sie beten zuallererst nicht um dies oder jenes, sondern sie beten einfach deshalb, weil Gott es wert ist, angebetet zu werden. „Confitemini Domino, quoniam bonus! Danket dem Herrn, denn er ist gütig! Denn seine Huld währt ewig“, rufen viele Psalmen (z. B. 106,1).Ein solches zweckfreies Gebet, das reiner Gottesdienst sein will, wird daher mit Recht „Officium“ genannt. Es ist der „Dienst“, der „heilige Dienst“ der Mönche. Er gilt dem dreifaltigen Gott, der über alles würdig ist, „Herrlichkeit zu empfangen und Ehre und Macht“ (Offb 4,11), da er die Welt wunderbar erschaffen und noch wunderbarer erneuert hat.

Zugleich ist das Officium der Gottgeweihten auch ein heiliger Dienst an den Menschen und ein Zeugnis für sie. Jeder Mensch trägt im Innersten seines Herzens die Sehnsucht nach der letzten Erfüllung, nach dem höchsten Glück, also letztlich nach Gott, sei es bewußt oder unbewußt. Ein Kloster, in dem sich die Gemeinschaft täglich mehrmals zum Gotteslob versammelt, bezeugt, daß diese urmenschliche Sehnsucht nicht ins Leere geht. Gott, der Schöpfer, hat uns Menschen nicht in eine beängstigende Finsternis gesetzt, wo wir verzweifelt den letzten Sinngrund suchen und ertasten müßten (vgl. Apg 17,27); Gott hat uns nicht in einer sinnleeren Wüste des Nichts ausgesetzt, wo letztens nur der Tod auf uns wartet. Nein! Gott hat unsere Dunkelheit durch sein Licht hell gemacht, durch seinen Sohn Jesus Christus. In ihm ist Gott mit seiner ganzen „Fülle“ in unsere Welt eingebrochen (Kol 1,19), in ihm hat alle Wahrheit, nach der wir uns sehnen, ihren Ursprung und ihren Gipfelpunkt.[3]

Unser Licht, unsere Wahrheit, unser Ziel, unsere Erfüllung, unser Leben – all das ist nicht eine religiöse Lehre, sondern eine Person: Jesus Christus. Noch viel mehr als wir Menschen Gott je suchen und ersehnen können, sind wir schon zuvor von ihm gesucht und ersehnt, ja gefunden und erlöst! Der Blick der Menschen aller Zeiten und Völker, aller Philosophien, Religionen und Kulturen trifft zuletzt auf die weit geöffneten Augen des gekreuzigten und auferstandenen Sohnes Gottes; sein geöffnetes Herz ist die Fülle der Liebe. Die Augen Christi sind der Blick des liebenden Gottes. Das Kreuzesbild über dem Altar, dessen romanisches Original sich im Dom von Sarzano befindet, zeigt, daß dieser Blick einem jeden Menschen gilt. Denn der Herr schaut jedem von uns ins Herz.

Kern des Mönchtums ist die Anbetung – das Sein nach der Weise der Engel. Weil aber die Mönche Menschen mit Fleisch und Blut auf dieser unserer Erde sind, hat der heilige Benedikt dem zentralen Imperativ des „Ora“ doch einen zweiten hinzugefügt: das „Labora“. Zum Mönchsleben gehört in der Konzeption des heiligen Benedikt wie des heiligen Bernhard mit dem Gebet die Arbeit, die Gestaltung der Erde gemäß dem Willen des Schöpfers. So haben die Mönche in allen Jahrhunderten von ihrem Blick auf Gott her die Erde lebbar und schön gemacht. Bewahrung und Heilung der Schöpfung kam gerade aus ihrem Hinschauen auf Gott. Im Rhythmus von ora et labora legt die Gemeinschaft der Gottgeweihten Zeugnis ab für den Gott, der uns in Jesus Christus ansieht und von dem angeblickt Mensch und Welt recht werden.

Nicht nur die Mönche beten das Officium, sondern die Kirche hat für alle Ordensleute, aber auch für die Priester und Diakone, aus der Mönchstradition das Breviergebet abgeleitet. Auch hier gilt, daß die Ordensfrauen und Ordensmänner, die Priester und Diakone – und natürlich auch die Bischöfe – im täglichen „offiziellen“ Gebet mit Hymnen und Psalmen, mit Dank und Bitte zweckfrei hintreten vor Gott.

Liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Brüder und Schwestern im gottgeweihten Stand! Ich weiß, daß es Disziplin braucht, ja mitunter Überwindung kostet, treu das Brevier zu beten; doch durch dieses Officium werden wir zugleich reich beschenkt: Wie oft fallen dabei wie von selbst Erschöpfung und Bedrückung von uns ab! Und wo Gott treu gelobt und angebetet wird, da bleibt sein Segen nicht aus. In Österreich sagt man mit Recht: „An Gottes Segen ist alles gelegen!“

Euer erster Dienst für diese Welt muß daher Euer Gebet und die Feier des Gottesdienstes sein. Die Gesinnung eines jeden Priesters, eines jeden gottgeweihten Menschen muß es sein, „dem Gottesdienst nichts vorzuziehen“. Die Schönheit einer solchen Gesinnung wird sich in der Schönheit der Liturgie ausdrücken, sodaß dort, wo wir miteinander singen, Gott preisen, feiern und anbeten, ein Stück Himmel auf Erden anwesend wird. Es ist wirklich nicht vermessen, wenn man in einer auf Gott hin konzentrierten Liturgie, in den Riten und Gesängen, ein Abbild des Ewigen sieht. Wie sonst hätten unsere Vorfahren vor Hunderten von Jahren einen so erhabenen Kirchenraum schaffen können wie diesen?! Hier zieht schon die nüchterne Architektur all unsere Sinne hinauf zu dem, „was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“ (1 Kor 2,9).Bei allem Bemühen um die Liturgie muß der Blick auf Gott maßgebend sein. Wir stehen vor Gott – er spricht mit uns, wir mit ihm. Wo immer man bei liturgischen Besinnungen nur darüber nachdenkt, wie man Liturgie attraktiv, interessant, schön machen kann, ist Liturgie schon verfallen. Entweder ist sie opus Dei mit Gott als dem eigentlichen Subjekt oder sie ist nicht. Ich bitte an dieser Stelle: Gestaltet die heilige Liturgie aus dem Hinschauen auf Gott in der Gemeinschaft der Heiligen, der lebendigen Kirche aller Orte und Zeiten so, daß sie zu einem Ausdruck der Schönheit und Erhabenheit des menschenfreundlichen Gottes wird!

Die Seele des Gebetes ist schließlich der Heilige Geist. Immer, wenn wir beten, ist in Wirklichkeit er es, der „sich unserer Schwachheit annimmt, der für uns eintritt mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können“ (vgl. Röm 8,26). Im Vertrauen auf dieses Wort des Apostels Paulus versichere ich Euch, liebe Brüder und Schwestern, daß das Gebet in Euch jene Wirkung hervorbringen wird, die man früher ausgedrückt hat, indem man Priester und Gottgeweihte schlicht und einfach „Geistliche“ genannt hat. Bischof Sailer von Regensburg hat einmal gesagt, die Priester müßten vor allem geistlich-Geistliche sein. Ich fände es schön, wenn der Ausdruck „Geistliche“ wieder vermehrt in Gebrauch käme. Wichtig aber ist vor allem, daß sich jene Wirklichkeit an uns ereignet, die das Wort beschreibt: daß wir in der Nachfolge des Herrn durch die Kraft des Geistes zu „geistlichen“ Menschen werden.

Österreich ist, wie man doppelsinnig sagt, wahrhaft „Klösterreich“. Eure uralten Stifte mit Ursprüngen und Traditionen, die über Jahrhunderte reichen, sind Orte der „Präferenz für Gott“. Liebe Mitbrüder, macht diesen Vorrang Gottes den Menschen deutlich sichtbar! Als geistliche Oase zeigt ein Kloster der heutigen Welt das Allerwichtigste, ja das letztlich allein Entscheidende: daß es einen letzten Grund gibt, um dessentwillen es sich zu leben lohnt: Gott und seine unergründliche Liebe.

Und Euch, liebe Gläubige, bitte ich: Nehmt Eure Stifte und Klöster als das wahr, was sie sind und immer sein wollen: nicht nur Kultur- und Traditionsträger oder gar bloße Wirtschaftsbetriebe. Struktur, Organisation und Ökonomie sind auch in der Kirche notwendig, aber sie sind nicht das Wesentliche. Ein Kloster ist vor allem eines: ein Ort der geistlichen Kraft. Wenn man zu einem Eurer Klöster hier in Österreich kommt, empfindet man dasselbe, wie wenn man nach einer schweißtreibenden Wanderung in den Alpen sich endlich an einem klaren Quellbach erfrischen kann… Nützt also diese Quellen der Nähe Gottes in Eurem Land, schätzt die Ordensgemeinschaften, Klöster und Stifte und nehmt den geistlichen Dienst in Anspruch, den die Gottgeweihten für Euch zu leisten bereit sind!

Mein Besuch gilt schließlich der nunmehr Päpstlichen Hochschule, die im 205. Jahr ihrer Gründung steht und der vom Herrn Abt in ihrem neuen Status der Name des derzeitigen Petrusnachfolgers beigefügt wurde. So wichtig die Integration der theologischen Disziplin in die „universitas“ des Wissens durch die Katholisch-Theologischen Fakultäten an den staatlichen Universitäten ist, ist es doch ebenso wichtig, daß es so profilierte Studienorte wie den Euren gibt, wo eine vertiefte Verbindung von wissenschaftlicher Theologie und gelebter Spiritualität möglich ist. Gott ist ja nie bloß Objekt der Theologie, er ist immer zugleich ihr lebendiges Subjekt. Christliche Theologie ist auch nie eine bloß menschenförmige Rede über Gott, sondern sie ist immer zugleich der Logos und die Logik, in der Gott sich zeigt. Darum sind wissenschaftliche Intellektualität und gelebte Frömmigkeit zwei Elemente des Studiums, die in unaufgebbarer Komplementarität aufeinander angewiesen sind.

Der Ordensvater der Zisterzienser, der heilige Bernhard, hat zu seiner Zeit gegen die Loslösung einer objektivierenden Rationalität vom Strom der kirchlichen Frömmigkeit gekämpft. Unsere Situation heute ist anders und doch sehr ähnlich. Bei dem Mühen um die Zuerkennung strenger Wissenschaftlichkeit im modernen Sinn kann der Theologie der Atem des Glaubens ausgehen. Aber so wie Liturgie, die den Blick auf Gott vergißt, als Liturgie am Ende ist, so hört auch eine Theologie, die nicht mehr im Raum des Glaubens atmet, auf, Theologie zu sein; eine Reihe mehr oder weniger zusammenhängender Disziplinen bliebe übrig. Wo aber eine „kniende Theologie“ getrieben wird, wie sie Hans Urs von Balthasar gefordert hat,[4] da wird die Fruchtbarkeit für die Kirche in Österreich und darüber hinaus nicht fehlen.

Diese Fruchtbarkeit zeigt sich in der Förderung und Ausbildung von Menschen, die eine geistliche Berufung in sich tragen. Damit eine Berufung zum Priestertum oder zum Ordensstand heute das ganze Leben lang treu durchgehalten werden kann, bedarf es einer Ausbildung, die Glauben und Vernunft, Herz und Verstand, Leben und Denken integriert. Ein Leben in der Nachfolge Christi bedarf der Integration der gesamten Persönlichkeit. Wo die intellektuelle Dimension vernachlässigt wird, entsteht allzu leicht ein frömmlerisches Schwärmertum, das fast ausschließlich von Emotionen und Stimmungen lebt, die nicht das ganze Leben durchgetragen werden können. Und wo die spirituelle Dimension vernachlässigt wird, entsteht ein dünner Rationalismus, der aus seiner Kühle und Distanziertheit nie zu einer begeisterten Hingabe an Gott durchbrechen kann. Man kann ein Leben in der Nachfolge Christi nicht auf solche Einseitigkeiten gründen; man würde mit diesen Halbheiten selbst unglücklich werden und wohl folglich auch geistlich unfruchtbar bleiben. Jede Berufung zum Ordensstand und zum Priestertum ist ein so wertvoller Schatz, daß die Verantwortlichen alles tun müssen, um die adäquaten Wege der Ausbildung zu finden, so daß zugleich fides et ratio – Glaube und Vernunft, Herz und Hirn gefördert werden.

Der heilige Leopold von Österreich hat – wir hörten es eben – 1133 auf Anraten seines Sohnes, des seligen Bischofs Otto von Freising, der mein Vorgänger auf dem Bischofssitz von Freising war, Euer Kloster gestiftet (in Freising feiert man heute das Fest des seligen Otto) und er (Leopold) hat dem Kloster den Namen gegeben: „Unsere Liebe Frau zum Heiligen Kreuz“. Dieses Kloster ist nicht nur traditionell der Gottesmutter geweiht – wie alle Zisterzienserklöster –, sondern bei Euch glüht das marianische Feuer eines heiligen Bernhard von Clairvaux. Bernhard, der mit 30 Gefährten ins Kloster eingetreten war, ist eine Art Patron der geistlichen Berufe. Vielleicht wirkte er deshalb so mitreißend und mutgebend auf viele berufene junge Männer und Frauen seiner Zeit, weil er so marianisch war. Wo Maria ist, da ist das Urbild der Ganzhingabe und der Christusnachfolge. Wo Maria ist, da ist das pfingstliche Wehen des Heiligen Geistes, da ist Aufbruch und authentische Erneuerung.

Von diesem marianischen Ort an der Via Sacra aus wünsche ich allen geistlichen Orten in Österreich Fruchtbarkeit und Strahlkraft. Hier möchte ich, wie schon in Mariazell, vor meinem Abschied nochmals die Gottesmutter um ihre Fürsprache für ganz Österreich bitten. Mit den Worten des heiligen Bernhard lade ich einen jeden ein, vor Maria so vertrauensvoll „Kind“ zu werden, wie Gottes Sohn selbst es getan hat. Der heilige Bernhard sagt, und wir sagen es mit ihm: „Mitten in Gefahren, Nöten und Unsicherheiten denke an Maria, rufe Maria an. Ihr Name weiche nicht aus deinem Mund, weiche nicht aus deinem Herzen … Folge ihr, dann wirst du dich nicht verirren, rufe sie an, dann kannst du nicht verzweifeln, denk an sie, dann irrst du nicht. Hält sie dich fest, kannst du nicht fallen; schützt sie dich, dann fürchte nichts; führt sie dich, wirst du nicht müde; ist sie dir gnädig, dann kommst du sicher ans Ziel.“[5]

Anmerkungen

  1. auf der Vatikanseite
  2. Regula Benedicti 43,3.
  3. Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Gaudium et Spes Nr. 22.
  4. Vgl. Hans Urs von Balthasar, Theologie und Heiligkeit,Aufsatz von 1948 in: Verbum Caro. Schriften zur Theologie I, Einsiedeln 1960, 195-224.
  5. Bernhard von Clairvaux, In laudibus Virginis Matris, Homilia 2,17.

Ansprache bei dem Treffen mit Angehörigen der Freiwilligendienste aus dem Sozial-Caritativen im Wiener Konzerthaus

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
hochwürdigster Herr Erzbischof Kothgasser,
liebe freiwillige und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der verschiedenen Hilfsdienste in Österreich,
sehr geehrte Damen und Herren und vor allem:
meine lieben jungen Freunde!

Auf diese Begegnung mit Ihnen heute, gegen Ende meines Besuchs in Österreich, habe ich mich besonders gefreut. Und natürlich kommt noch die Freude dazu, daß ich nicht nur Mozart wundervoll dargeboten hören konnte, sondern unerwarteterweise auch die Wiener Sängerknaben. Ganz herzlichen dank! Es ist schön, Menschen zu treffen, die versuchen, in unserer Gesellschaft der Botschaft des Evangeliums ein Gesicht zu geben; die Älteren wie die Jüngeren zu sehen, die jene Liebe in Kirche und Gesellschaft konkret erfahrbar machen, von der wir als Christen ergriffen sein sollen: Es ist die Liebe Gottes, die uns den Mitmenschen als Nächsten, als Bruder oder Schwester erkennen läßt! Mich erfüllen Dankbarkeit und Bewunderung für das großzügige freiwillige Engagement so vieler Menschen unterschiedlichen Alters in diesem Land; Ihnen allen und dem Ehrenamt in Österreich möchte ich heute in besonderer Weise meinen Respekt zollen. Ihnen, verehrter Herr Bundespräsident, und Ihnen, lieber Herr Erzbischof von Salzburg sowie vor allem Euch, den jugendlichen Vertretern der Freiwilligen in Österreich, danke ich ganz herzlich für die schönen und tiefen Worte, die mir gesagt wurden.

Gott sei Dank ist es für viele Menschen eine Ehrensache, sich für andere, für eine Vereinigung, für einen Verband oder für bestimmte Anliegen des Gemeinwohls freiwillig zu engagieren. Ein solches Engagement bedeutet zunächst eine Chance, die eigene Persönlichkeit zu entfalten und sich aktiv und verantwortungsvoll in das gesellschaftliche Leben einzubringen. Und doch liegen der Bereitschaft zum ehrenamtlichen Tätigsein zuweilen ganz unterschiedliche und vielfältige Motive zu Grunde. Oft steht am Beginn ganz einfach der Wille, etwas Sinnvolles und Nützliches zu tun und neue Erfahrungsfelder aufzuschließen. Jungen Menschen geht es dabei natürlich und zu Recht auch um Freude und schöne Erlebnisse, um die Erfahrung von echter Kameradschaft bei gemeinsamem sinnvollem Tun. Oft verbinden sich eigene Ideen und Initiativen mit tätiger Nächstenliebe; der einzelne wird dabei in eine tragende Gemeinschaft eingebunden. Ich möchte an dieser Stelle meinen ganz persönlichen Dank für die ausgeprägte „Kultur der Freiwilligkeit“ in Österreich zum Ausdruck bringen. Ich möchte jeder Frau, jedem Mann, allen Jugendlichen und allen Kindern danken – das freiwillige Engagement von Kindern ist nämlich mitunter gewaltig; denken wir nur an die Sternsingeraktion in der Weihnachtszeit; Sie haben sie schon erwähnt, lieber Herr Erzbischof. Danken möchte ich dabei vor allem auch für jene kleinen und großen Dienste und Mühen, die nicht immer gesehen werden. Danke und „Vergelt´s Gott“ für Euren Beitrag zum Aufbau einer „Zivilisation der Liebe“, die allen dient und die Heimat schafft! Nächstenliebe ist nicht delegierbar; Staat und Politik – Sie, Herr Bundespräsident, haben es gesagt – können sie bei allem nötigen Bemühen um einen Sozialstaat dies doch nicht ersetzen. Nächstenliebe erfordert immer den persönlichen freiwilligen Einsatz, für den der Staat freilich günstige Rahmenbedingungen schaffen kann und muß. Dank dieses Einsatzes behält Hilfe ihre menschliche Dimension und wird nicht entpersonalisiert. Und genau darum seid Ihr Freiwilligen nicht Lückenbüßer im sozialen Netz, sondern wirklich Mitträger am humanen und christlichen Gesicht unserer Gesellschaft.

Gerade junge Menschen sehnen sich danach, daß ihre Fähigkeiten und Talente „geweckt und entdeckt“ werden. Freiwillige wollen gefragt, sie wollen persönlich angesprochen werden. „Ich brauche dich!“, „Du kannst das!“: Wie gut tut uns diese Ansprache. Gerade in ihrer menschlichen Einfachheit verweist sie hintergründig auf den Gott, der jeden von uns gewollt, jedem seinen Auftrag mitgegeben hat, ja, der jeden von uns braucht und auf unseren Einsatz wartet. So hat Jesus Menschen gerufen und ihnen Mut gemacht zu dem Großen, das sie sich selber nicht zugetraut hätten. Sich ansprechen lassen, sich entscheiden und dann ohne die üblich gewordene Frage nach Nutzen und Profit einen Weg gehen – diese Haltung wird heilende Spuren hinterlassen. Die Heiligen haben mit ihrem Leben diesen Weg aufgezeigt. Es ist ein interessanter und spannender, ein großmütiger und gerade heute ein zeitgemäßer Weg. Das Ja zu einem freiwilligen und solidarischen Engagement ist eine Entscheidung, die frei und offen macht für die Not des anderen; für die Anliegen der Gerechtigkeit, des Lebensschutzes und der Bewahrung der Schöpfung. Im Ehrenamt geht es um die Schlüsseldimensionen des christlichen Gottes- und Menschenbildes: die Gottes- und die Nächstenliebe.

Liebe Freiwillige, meine Damen und Herren! Ehrenamtliches Engagement ist ein Echo der Dankbarkeit und Weitergabe der Liebe, die wir selbst erfahren haben. „Deus vult condiligentes – Gott will Mitliebende“, hat der Theologe Duns Scotus im 14. Jahrhundert gesagt.[1] Ehrenamtliches Engagement hat so gesehen sehr viel mit Gnade zu tun. Eine Kultur, die alles verrechnen und auch alles bezahlen will, die den Umgang der Menschen miteinander in ein oft einengendes Korsett von Rechten und Pflichten zwingt, erfährt durch unzählige sich ehrenamtlich engagierende Mitmenschen, daß das Leben selbst ein unverdientes Geschenk ist. So unterschiedlich, vielfältig oder auch widersprüchlich die Motive und auch die Wege des ehrenamtlichen Engagements sein können, ihnen allen liegt letztendlich jene tiefe Gemeinsamkeit zugrunde, die dem „Umsonst“ entspringt. Umsonst haben wir das Leben von unserem Schöpfer erhalten, umsonst sind wir aus der Sackgasse der Sünde und des Bösen befreit worden, umsonst ist uns der Geist mit seinen vielfältigen Gaben geschenkt worden. In meiner Enzyklika habe ich geschrieben: „Die Liebe ist umsonst; sie wird nicht getan, um andere Ziele zu erreichen.“[2] „Wer in der Lage ist zu helfen, erkennt, daß gerade auch ihm geholfen wird und daß es nicht sein Verdienst und seine Größe ist, helfen zu können. Dieser Auftrag ist Gnade.“[3] Umsonst geben wir weiter, was wir bekommen haben, durch unser Engagement, durch unser Ehrenamt. Diese Logik des „Umsonst“ liegt jenseits des bloß moralischen Sollens und Müssens.

Ohne freiwilliges Engagement konnten, können und werden Gemeinwohl und Gesellschaft nicht bestehen. Freiwilligkeit lebt und bewährt sich jenseits von Kalkulation und erwarteter Gegenleistung; sie sprengt die Gesetzmäßigkeiten der Marktwirtschaft. Denn der Mensch ist weit mehr als nur ein ökonomisch handelnder und zu behandelnder Faktor. Die Fortentwicklung und Würde einer Gesellschaft hängt immer wieder und gerade an jenen Menschen, die mehr tun als ihre Pflicht.

Meine Damen und Herren! Das Ehrenamt ist ein Dienst an der Würde des Menschen, die in seiner Gottebenbildlichkeit gründet. Irenäus von Lyon hat im zweiten Jahrhundert gesagt: „Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch. Das Leben des Menschen aber ist es, Gott wahrzunehmen.“[4] Und Nikolaus Cusanus hat diese Einsicht in seinem Werk über die Gottesschau so weiter entfaltet: „Weil das Auge dort ist, wo die Liebe weilt, erfahre ich, daß Du mich liebst. … Dein Sehen, Herr, ist Lieben. … Indem Du mich ansiehst, läßt Du, der verborgene Gott, Dich von mir erblicken. … Dein Sehen ist Lebendigmachen. … Dein Sehen bedeutet Wirken.“[5]

Der Blick Gottes – Jesu Blick steckt uns mit Gottes Liebe an. Blicke können ins Leere gehen oder gar verachten. Und Blicke können Ansehen geben und Liebe aussagen. Ehrenamtliche geben Menschen ein Ansehen, sie rufen die Würde des Menschen in Erinnerung und sie wecken Lebensfreude und Hoffnung. Ehrenamtliche sind Hüter und Anwälte der Menschenrechte und Menschenwürde.

Mit Jesu Blick ist noch eine andere Form des Sehens verbunden. „Er sah ihn und ging weiter“, so heißt es im Evangelium vom Priester und Leviten, die am Wegrand den Halbtoten liegen sehen, aber nicht eingreifen (Lk 10, 31.32). Menschen sehen und übersehen, haben Not vor Augen und bleiben doch ungerührt, das gehört zu den Kälteströmen der Gegenwart. Im Blick der anderen, gerade jenes anderen, der unserer Hilfe bedürftig ist, erfahren wir den konkreten Anspruch der christlichen Liebe. Jesus Christus lehrt uns nicht eine Mystik der geschlossenen Augen, sondern eine Mystik des offenen Blicks und damit der unbedingten Wahrnehmungspflicht für die Lage der anderen, für die Situation, in der sich der Mensch befindet, der gemäß dem Evangelium unserer Nächster ist. Jesu Blick, die Schule der Augen Jesu, führt hinein in menschliche Nähe, in die Solidarität, in das Teilen der Zeit, das Teilen der Begabungen und auch der materiellen Güter. Daher muß „für alle, die in den karitativen Organisationen der Kirche tätig sind, kennzeichnend sein, daß sie nicht bloß auf gekonnte Weise das jetzt Anstehende tun – was wichtig ist –, sondern sich dem anderen mit dem Herzen zuwenden … Dieses Herz sieht, wo Liebe not tut und handelt danach.“[6]

Ja, „ich muß ein Liebender werden, einer, dessen Herz der Erschütterung durch die Not des anderen offen steht. Dann finde ich meinen Nächsten, oder besser: dann werde ich von ihm gefunden.“[7]

Schließlich erinnert uns das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe (Mt 22, 37-40; Lk 10, 27) daran, daß wir Christen Gott selbst über den Weg der Nächstenliebe die Ehre erweisen. Es wurde schon von Erzbischof Kothgasser das Wort Jesu zitiert: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!“ (Mt 25, 40). Wenn im konkreten Menschen, dem wir begegnen, Jesus gegenwärtig ist, dann kann ehrenamtliches Tätigsein zur Gotteserfahrung werden. Die Anteilnahme an den Situationen und Nöten der Menschen führt zu einem „neuen“ Miteinander und wirkt sinnstiftend. So kann das Ehrenamt helfen, Menschen aus der Vereinsamung herauszuholen und in Gemeinschaften hineinzuführen.

Am Schluß möchte ich an die Kraft und Bedeutung des Gebets für die in der karitativen Arbeit Tätigen erinnern. Das Gebet zu Gott ist Ausweg aus Ideologie oder Resignation angesichts der Erfahrung der Endlosigkeit der Not. „Christen glauben trotz aller Unbegreiflichkeiten und Wirrnisse ihrer Umwelt weiterhin an die »Güte und Menschenliebe Gottes« (Tit 3, 4). Obwohl sie wie alle anderen Menschen eingetaucht sind in die dramatische Komplexität der Ereignisse der Geschichte, bleiben sie gefestigt in der Hoffnung, daß Gott ein Vater ist und uns liebt, auch wenn uns sein Schweigen unverständlich bleibt.“[8]

Liebe freiwillige und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Hilfsdienste in Österreich, meine sehr geehrten Damen und Herren! Wer in Beruf und Familie nicht nur seine Pflicht erfüllt – und dies gut zu tun erfordert schon viel Kraft und große Liebe –, wer sich darüber hinaus freiwillig für andere engagiert und seine kostbare freie Zeit in den Dienst des Menschen und seiner Würde stellt, dessen Herz weitet sich. Die Freiwilligen fassen den Begriff des Nächsten nicht eng; sie erkennen auch im „Fernstehenden“ den Nächsten, der von Gott bejaht ist und den Christi Erlösungswerk durch unsere Mithilfe erreichen muß. Der andere, der Nächste im Sinn des Evangeliums wird für uns gleichsam zum Vorrangpartner gegenüber den Pressionen und Sachzwängen der Welt, in der wir leben. Wer den „Vorrang des Nächsten“ beachtet, lebt und handelt evangeliumsgemäß und nimmt auch Teil an der Sendung der Kirche, die immer den ganzen Menschen im Blick hat und ihm die Liebe Gottes fühlbar machen möchte. Die Kirche unterstützt, liebe Freiwillige, Ihren Dienst voll und ganz. Ich bin überzeugt, daß von Österreichs Freiwilligen auch weiterhin viel Segen ausgeht, und begleite Sie alle mit meinem Gebet. Euch allen erbitte ich die Freude an Gott, die unsere Kraft ist (vgl. Neh 8, 10). Der gütige Gott sei Euch stets nahe und führe Euch allezeit durch den Beistand Seiner Gnade.

Anmerkungen

  1. Opus Oxoniense III d.32 q.1 n.6.
  2. Benedikt XVI., Deus caritas est, 31c.
  3. Deus caritas est, 35.
  4. Adversus haereses IV,20,7.
  5. Nikolaus von Kues, De visione Dei / Die Gottesschau, in: Philosophisch-Theologische Schriften, hg. und eingef. von Leo Gabriel, übersetzt von Dietlind und Wilhelm Dupré, Wien 1967, Bd. III, 105-111.
  6. Benedikt XVI., Deus caritas est, 31a ; 31b.
  7. Joseph Ratzinger / Benedikt XVI., Jesus von Nazareth. Erster Teil: Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung, Freiburg i. Br., 2007, 237.
  8. Benedikt XVI., Deus caritas est, 38.

Abschiedsansprache auf dem Internationalen Flughafen Wien/Schwechat

Verehrter Herr Bundespräsident!

In diesem Augenblick des Abschieds von Österreich blicke ich am Ende meiner Pilgerreise anläßlich des 850-Jahr-Jubiläums des Nationalheiligtums von Mariazell dankbar auf diese reich gefüllten Tage zurück. Ich spüre, daß mir dieses schöne Land und seine Menschen noch vertrauter geworden sind.

Meinen Mitbrüdern im Bischofsamt, der Regierung und allen Verantwortlichen des öffentlichen Lebens sowie nicht zuletzt den zahllosen Helfern, die zum Gelingen der Organisation dieses Besuchs beigetragen haben, danke ich von Herzen und wünsche ihnen reichen Anteil an der Gnade, die uns in diesen Tagen geschenkt wurde. Mein ganz besonderer und herzlicher persönlicher Dank gilt Ihnen, verehrter Herr Bundespräsident, für die Worte, die Sie mir zum Abschied geschenkt haben, für alle Begleitung auf der Pilgerreise und für alle Aufmerksamkeit. Danke!

Ich durfte Mariazell erneut als einen besonderen Ort der Gnade erfahren, der uns alle in diesen Tagen angezogen und mit Kraft für unseren weiteren Weg ausgerüstet hat. Die große Zahl der Mitfeiernden um die Basilika, am Ort und in ganz Österreich, mag uns gegenseitig ermutigen, mit Maria auf Christus zu schauen und voll Vertrauen den Weg in die Zukunft zu nehmen. Und es war schön, daß Wind und Wetter uns nicht abhalten konnten, sondern die Freude eigentlich noch gesteigert haben.

Schon der Beginn mit dem gemeinsamen Gebet am Platz am Hof hat uns über die nationalen Grenzen hinaus verbunden und die gastfreundliche Offenheit Österreichs gezeigt, die zu den großen Qualitäten dieses Landes gehört.

Das Bemühen um gegenseitiges Verständnis und die kreative Gestaltung immer neuer Wege zur Schaffung von Vertrauen unter den Menschen und Völkern mögen die nationale und die internationale Politik dieses Landes weiterhin inspirieren. Wien kann im Geiste seiner historischen Erfahrung und seiner Stellung in der lebendigen Mitte Europas dazu seinen Beitrag leisten und die europäischen, vom christlichen Glauben geprägten Werte konsequent in den europäischen Institutionen und im Rahmen der Pflege der internationalen, interkulturellen und interreligiösen Beziehungen zur Geltung bringen.

Auf der Wallfahrt unseres Lebens halten wir immer wieder inne, dankbar für die zurückgelegte Strecke, hoffend und bittend im Blick auf das vor uns liegende Stück. So habe ich auch im Stift Heiligenkreuz innegehalten. Die dort von den Zisterziensern gepflegte Tradition verbindet uns mit unseren Wurzeln, deren Kraft und Schönheit letztlich von Gott selber stammt.

Heute habe ich den Sonntag, den Tag des Herrn, mit Ihnen feiern dürfen – stellvertretend für alle Pfarren Österreichs im Dom zu St. Stephan. So war ich bei dieser Gelegenheit mit den Gläubigen in allen Pfarrgemeinden Österreichs in besonderer Weise verbunden.

Schließlich bewegend war für mich die Begegnung mit freiwilligen Helfern aus den in Österreich so zahlreichen und vielgestaltigen Hilfsorganisationen. Die Tausende, die ich sehen konnte, stehen für Abertausende im ganzen Land, die in ihrer Hilfsbereitschaft die nobelsten Züge des Menschen zeigen und die Gläubigen die Liebe Christi erkennen lassen.

Dankbarkeit und Freude erfüllen mich in diesem Augenblick. Nehmen Sie alle, die Sie diese Tage mitverfolgt haben; die viel Arbeit und Mühe aufgewandt haben, damit sich das dichte Programm reibungslos entfalten konnte; die mitgepilgert sind und die aus ganzem Herzen mitgefeiert haben, nochmals meinen herzlichen Dank entgegen. Zum Abschied vertraue ich die Gegenwart und Zukunft dieses Landes der Fürsprache der Gnadenmutter von Mariazell, der Magna Mater Austriae, und allen Heiligen und Seligen Österreichs an. Mit ihnen wollen wir auf Christus schauen, der unser Leben und unsere Hoffnung ist. Ihnen und Euch allen sage ich ein aufrichtiges, herzliches „Vergelt’s Gott“.

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