Puer natus

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Abb. 1: Puer natus est
Lateinischer Introitus, Graduale Kiedrich um 1300
Neumennotation im Vierliniensysthem

Puer natus ist der Textanfang geistlicher Gesänge zur Weihnachtszeit:

  • Puer natus est – ist ein lateinischer gregorianischer Gesang aus der Frühzeit der liturgischen Musik.
  • Puer natus in Bethlehem – ist ein lateinischer Hymnus, entstanden im Spätmittelalter und wurde im 15. Jahrhundert mit einem deutschen Text versehen.

Inhaltsverzeichnis

Gregorianischer Gesang

Abb. 2: Puer natus in Bethlehem, alleluia
Lateinischer Hymnus, 14. Jahrhundert
Quatratnotation im Vierliniensysthem

Puer natus est, ist der gregorianische Introitus des 1. Weihnachtstages (Ad Missam in die). Die Überlieferung erfolgt im Codex Einsiedeln (Schweiz) und Codex Laon (Frankreich), der Autor ist unbelannt.[1] Die in der Kiedricher Notation (Rheingau, Deutschland) überlieferte Version in Abbildung 1 folgt dem Germanischen Choraldialekt mit der Dur-Oberterz.

Der Antiphon:

Puer natus est nobis, et filius datus est nobis: cuius imperium super humerum eius: et vocabitur nomen eius, magni consilii Angelus

schließt sich als Binnenvers der Psalm 97 an:

Cantate dominum canticum novum: quia mirabilia fecit.

Der Introitus endet mit der Wiederholung der Antiphon.

Gregorianischer Choral ist von seinem Wesen her Gebet und Verkündigung. Er ist für liturgische Feiern entstanden, um selbst Verkündigung zu sein oder auf Verkündigung zu Antworten. Gregorianischer Gesang ist tiefempfundener musikalischer Ausdruck auf hohem geistlichen und musikalischem Niveau. Der Text und die Melodie sind eng miteinander vernetzt.[2]

Der Introitus Puer natus beginnt mit einer aufsteigenden Quinte auf dem Wort Puer (Knabe), deren oberer Ton sich wiederholt. Dieser raumgreifende Beginn macht die Dimension des Weihnachtsgeschehens deutlich, das der nicht überlieferte Komponist des Gesanges hier verkünden möchte. Das Wort natus (geboren) erklingt in einer wiegenden Tonbewegung, die auf das Wort est (er ist) zusteuert, den der Schöpfer des Introitus dreimal wiederholt. Sie repräsentiert das Erzittern des vom Geheimnis der Gottesgeburt überwältigten Menschen. Im Folgenden lässt der Komponist den Gesang in eine höher werdende wellenförmige Melodie über dem Wort nobis (uns) einmünden, die deutlich macht, wie unbegreiflich es ist, dass Gott Mensch wurde. Über dem Wort Filius (Sohn) zeigen die Neumen des dreitönigen Torculus, der zweitönigen Clivis und des abschließenden Tractulus das Herabsteigen des eingeborenen Sohnes zur Erde an. Die scheinbare Einfachheit der einstimmigen Choralmelodie erweist sich bei näherer Betrachtung als komplex gewebter Klang des Wortes.[3]

Spätmittelalterlicher Hymnus

Der Ursprung des im ausgehenden Mittelalter, im ersten Modus, der Kirchentonart d-Dorisch, abgefassten Hymnus (Abbildung 2), ist unbekannt:

Puer natus in Bethlehem, alleluia: Unde gaude jerusalem, alleluia. In cordis jubilo Christum natum adoremus, Cum novo cantico.

Er wird seit dem 14. Jahrhundert in den Gottesdiensten der Weihnachtszeit gesungen. Zeitweise wurden im deutschen, dänischen und schwedischen Sprachraum die Verse abwechselnd in lateinischer Sprache vom Chor und von der Gemeinde in der Volkssprache gesungen. Dies ist als ein früher Versuch der gesanglichen Einbeziehung der Gemeinde in den Gottesdienst zu werten. Nach der Reformation ab 1520 entstand durch solche Kontrafakturen das Deutsche Kirchenlied.

Abb. 3: Puer natus in Bethlehem
Lateinisch-deutscher Hymnus, Nürnberg 1553
Weiße Mensuralnotation im Fünfliniensysthem

Die älteste Quelle stammt vom Anfang des 14. Jahrhunderts, die Anzahl der Verse schwankt in den verschiedenen Aufzeichnungen. Eine erste deutsche Übersetzung stammt von Heinrich von Laufenberg aus dem Jahr 1439. Die bekannteste deutsche Variante Ein Kind geborn zu Bethlehem steht im Gesangbuch des Valentin Bapst von 1545. Sie umfasst 10 Verse. Die neue, den Wortakzent des lateinischen Textes außer ach lassenden und sich den betonten Silben der deutschen Sprache zuwendende volkstümliche Liedmelodie in F-Dur, die eine freie Fortentwicklung des gregorianischen gleichnamigen Hymnus darstellt, ist erstmals bei Lucas Lossius 1553 zu finden (Abbildung 3).

Heute wird das Lied nur noch als Orgel- oder Chorwerk aufgeführt. Im Evangelischen Gesangbuch der EKD ist es nicht mehr verzeichnet. Im alten Gotteslob von 1975 war Puer natus in Bethlehem unter der Nummer 146 als Ein Kind geborn zu Bethlehem abgedruckt. Im Stammteil des am 1. Adventssonntag 2013 eingeführten neuen Gotteslobs ist das Lied nicht mehr enthalten. Im gemeinsamen Diözesananhang der Bistümer der norddeutschen Kirchenprovinz Hamburg ist Ein Kind geborn zu Bethlehem unter der Nummer 740 aufgenommen worden. Zudem wurde es dort als ökumenisches Lied (ö) gekennzeichnet.[4]

Rezeption (Auswahl)

  • Michael Praetorius (1571–1621): Puer natus in Bethlehem, eine vierstimmige Motette (SATB) und Ein Kindelein so löbelich, eine vierstimmige Motette.
  • Johann Hermann Schein (1586–1630): Ein Kind geborn zu Bethlehem, ein sechsstimmiges Chorwerk.
  • Samuel Scheidt (1587–1654): Puer natus in Bethlehem, eine achtstimmige Motette (SSAATTBB) und Ein Kind geborn zu Bethlehem, eine sechsstimmige Motette.
  • Henricus Beginiker (* 1620–....), Puer natus in Bethlehem, eine vierstimmige Motette (SATB).
  • Pal Esterhazy (1635–1713), Puer natus in Bethlehem, ein vierstimmiger geistlicher Choral (SATB und Orgel).
  • Dieterich Buxtehude (1637–1707): Puer natus in Bethlehem, ein Orgelchoral (BuxWV 217).
  • Georg Philipp Telemann (1681–1767): Missa brevis Ein Kindelein so löbelich, für Chor (SATB) und Orgel.
  • Johann Sebastian Bach (1685–1750): Ein Kind geborn zu Bethlehem, ein vierstimmiger Chor (SATB) in der Kantate Sie werden aus Saba alle kommen (BWV 65) und ein Orgelchoral im Orgelbüchlein (BWV 603).
  • Joseph Gabriel Rheinberger (1839–1901): Puer Natus in Bethlehem, ein geistlicher Gesang für Sopran, Alt und Orgel.
  • Allen H. Simon (* 1959): Puer natus in Bethlehem, ein geistliches Oratorium für Chor SATB und Klavier (2008).
  • Peter Reit (* 1982): Puer natus in Bethlehem, ein vierstimmiges geistliches Chorwerk (2008).

Literatur

  • Wilhelm Thomas, Konrad Ameln: Das Weihnachtslied. Bärenreiter, Kassel 1932.
  • Theo Mang, Sunhilt Mang (Hrsg.): Der Liederquell. Noetzel, Wilhelmshaven 2007, ISBN 978-3-7959-0850-8, S. 1060–1061.
  • Ingeborg Weber-Kellermann: Das Buch der Weihnachtslieder. 151 deutsche Advents- und Weihnachtslieder. 12. Auflage. Schott, Mainz 2008, ISBN 978-3-254-08213-8, S. 38–39.

Weblinks

Anmerkungen

  1. Graduale Triplex. Abbaye Saint-Pierre de Solesmes 1979, ISBN 2-85274-044-3, S. 47–48.
  2. Luigi Agustoni: Gregorianischer Choral. In: Hans Musch (Hg.) Musik im Gottesdienst, Bosse Verlag Regensburg 1975, ISBN 3-7649-2270-2, S. 203–374.
  3. Ludger Stühlmeyer: Mühe, Arbeit, Inspiration. In: Die Tagespost, Würzburg, Nr. 153/154, 24. Dezember 2015, S. 9.
  4. Gotteslob. Katholisches Gebet- und Gesangbuch. Ausgabe für die (Erz-)Bistümer Hamburg, Hildesheim und Osnabrück. Herausgegeben von den (Erz-)Bischöfen Deutschlands und Österreich und dem Bischof von Bozen-Brixen, 2013.
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