Quod multum (Wortlaut)

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Enzyklika
Quod multum

von Papst
Leo XIII.
an die Bischöfe Ungarns
Die Religion als Vorraussetzung der Rettung der Sitten
22. August 1886

(Offizieller lateinischer Text: ASS XIX (1886) 97-106)

(Quelle : Die katholische Sozialdoktrin in ihrer geschichtlichen Entfaltung, Hsgr. Arthur Fridolin Utz + Birgitta Gräfin von Galen, II 280-291, Band 3, S. 358-377, Scientia humana Institut Aachen 1976 (Imprimatur Friburgi Helv., die 2. decembris 1975 Th. Perroud, V.G.; Die Nummerierung folgt der englischen Fassung)

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Ehrwürdige Brüder,
Gruß und Apostolischen Segen !

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Seit langem war es Unser lebhafter Wunsch, an Euch, wie Wir es bereits gegenüber den Bischöfen anderer Länder getan haben, einen Brief zu richten, um Euch Unsere Ratschläge zu übermitteln bezüglich jener Dinge, die das Heil und Wohlergehen der Christen Ungarns betreffen. Hierzu bietet sich Uns in diesen Tagen die beste Gelegenheit, da Ungarn das Gedächtnis der Befreiung Budas vor 200 Jahren feiert. - Es wird immer ein Ruhmesblatt der Geschichte Ungarns bleiben, dass es Euren Vorvätern gelang, die Hauptstadt, die anderthalb Jahrhunderte lang vom Feind besetzt war, durch Mut und Ausdauer zurückzuerobern. Damit die Erinnerung an diese göttliche Wohltat und ihre heilsame Wirkung weiter fortbestehen, hat Papst Innozenz XI. zu Recht angeordnet, dass am Tage nach den Kalenden des September, dem Tag, an dem diese große Tat vollbracht wurde, in der ganzen christlichen Welt zu Ehren des hl. Stephan, des ersten Eurer apostolischen Könige, Feierlichkeiten abgehalten werden. Es ist auch genügend bekannt, dass der Heilige Stuhl einen nicht geringen Anteil an diesem bedeutenden glücklichen Ereignis hatte, das eine unausbleibliche Folge jenes drei Jahre zuvor bei Wien gegen den gleichen Feind errungenen glänzenden Sieges war, der zu Recht zu einem großen Teil dem apostolischen Eifer Innozenz' XI. zugeschrieben wird und auf Grund dessen die Macht des Mohammedanismus in Europa schwächer zu werden begann. - Übrigens haben Unsere Vorgänger auch schon vorher bei ähnlichen Anlässen vielfach durch Rat und Unterstützung, Geld und Bündnisse zum Gedeihen Ungarns beigetragen. Mehrere Päpste von Calixtus III. bis zu Innozenz XI. können in diesem Zusammenhang rühmlich genannt werden. Es möge hier genügen, nur an Clemens VIII. zu erinnern, dem der oberste Reichsrat nach der Befreiung Strigoniens und Vincestgraz' von den Türken öffentlich Dank abstatten ließ, weil er wirksam und großmütig die Interessen des Staates unterstützt hatte zu einer Zeit, da er von allen verlassen war und seine Sache verloren schien. - Und so wie dieser Heilige Stuhl die ungarische Nation nie im Stich gelassen hat, wenn sie gegen die Feinde der christlichen Religion und Sitte kämpfen musste, so will er auch heute, da die Erinnerung an ein glückliches Ereignis die Herzen erfreut, an Eurer Freude teilnehmen. Wir bleiben Uns dabei der Verschiedenheit der Zeitumstände bewusst und zielen nur darauf ab und arbeiten darauf hin, dass das Volk im Bekenntnis des katholischen Glaubens bestärkt werde, und Wir richten Unsere Bemühungen, soweit Wir es vermögen, gegen gemeinsame Gefahren. Auf diese Weise dienen Wir am besten dem öffentlichen Wohl.

2 Ungarn selbst ist auch ein Beweis dafür, dass Gott den einzelnen Menschen wie den Nationen keine größere Gabe gewähren kann, als dass sie mit seiner Hilfe die Wahrheit des katholischen Glaubens annehmen und treu darin beharren. Diese eine Gabe enthält in sich eine solche Fülle weiterer Güter, dass mit ihrer Hilfe nicht nur die einzelnen Menschen die ewige Seligkeit des Himmels, sondern auch die Nationen wahre Größe und Wohlfahrt erlangen. Das hat auch der erste Apostolische König klar erkannt, sodass er nichts inständiger von Gott erflehte, als dass der katholische Glaube im ganzen Reich verbreitet und von Anfang an auf dauerhafte Grundlagen gestellt werde. So entstand zwischen den Römischen Päpsten und den Königen aus dem Volke Ungarns schon früh jene wechselseitige Dienstbeflissenheit und jener Austausch von Dienstleistungen, die auch in den folgenden Jahrhunderten nie mehr aufhörten. Stephan errichtete und begründete das Königreich, aber er erhielt die Königskrone vom Römischen Papst; aufgrund päpstlicher Autorität ist er zum König geweiht worden, aber er wollte sein Königreich gleichsam dem Apostolischen Stuhl zum Geschenk machen. Eine große Anzahl von Bischofssitzen baute er großzügig aus; er errichtete selbst mehrere andere; aber in all seinen verdienstvollen Taten half ihm die große Güte des Heiligen Stuhles, der in vielen Fällen eine ganz außergewöhnliche Huld bewies. Aus seinem Glauben und seiner Frömmigkeit gewann dieser sehr heilige König Rat und Richtschnur für die Regierung seines Landes; allein durch sein beständiges Gebet erlangte er eine solche Seelenstärke, dass er die frevelhaften Verschwörungen der Rebellen unterdrücken und alle Angriffe seiner Feinde abwehren konnte. - So ist Eure Nation im Zeichen der Religion gegründet worden; unter ihrem Schutz und ihrer Leitung wuchs Euer Reich und gelangtet Ihr zu Macht und Ruhm. Den Glauben, den Ungarn von seinem König und Vater wie ein Erbe übernommen hat, hat es heilig und makellos bewahrt, selbst in den äußerst schwierigen Zeiten, da die benachbarten Völker durch unheilvollen Irrtum aus dem mütterlichen Schoße der Kirche fortgeführt wurden. Zusammen mit dem katholischen Glauben blieb auch die Hingabe und Treue gegenüber dem Stuhle Petri im Apostolischen König, in den Bischöfen und dem ganzen Volke unwandelbar erhalten: dementsprechend bestätigen fortwährende Zeugnisse das Wohlwollen und die väterliche Zuneigung der Römischen Päpste für die Ungarn. Und selbst heute nach so vielen Jahrhunderten und so vielen Ereignissen besteht noch immer durch Gottes Hilfe diese unzertrennliche Verbindung; und die Tugenden Eurer Vorfahren wurden von der Nachkommenschaft nicht ausgelöscht. Besonders lobenswert sind die fruchtbaren Bemühungen in der Erfüllung der bischöflichen Aufgaben: die Hilfeleistung bei Unglücksfällen, der Eifer in der Verteidigung der Rechte der Kirche, der unbeugsame und hingebungsvolle Wille, den katholischen Glauben zu erhalten.

1. Gefahren, die den Glauben bedrohen

3 Indem Wir all dies überdenken, erfüllt eine tiefe Freude Unser Herz, und nur zu gern spenden Wir Euch; Ehrwürdige Brüder, und dem ungarischen Volk das verdiente Lob. - Doch können Wir nicht mit Schweigen übergehen, was übrigens jeder weiß, wie sehr die gegenwärtige Zeit die Übung der Tugenden feindselig ablehnt, durch wie viele Machenschaften die Kirche bekämpft wird und wie sehr zu befürchten ist, dass inmitten so großer Gefahren der Glaube auch dort zu wanken beginnt, wo er am stärksten war und wo er die tiefsten Wurzeln geschlagen hatte. Es genügt, auf die unheilvolle Wurzel so vieler Übel hinzuweisen, nämlich auf die Prinzipien des Rationalismus und des Naturalismus, die überall frei verbreitet werden. Ihnen schließen sich vielfältige verderbenbringende Verführungen an: die oftmals feindliche Haltung, wenn nicht gar offene Feindschaft der öffentlichen Gewalt gegenüber der Kirche, die hartnäckige Dreistigkeit der Geheimorganisationen, die weit verbreitete Tendenz, die Jugend nicht mehr in der Gottesfurcht zu erziehen. - Und doch waren das Bewusstsein und die Überzeugung von der Nützlichkeit, ja absoluten Notwendigkeit des katholischen Glaubens für die öffentliche Ruhe und Wohlfahrt niemals angebrachter als in dieser Zeit. Die tägliche Erfahrung zeigt, wohin jene den Staat bringen können, die es sich angewöhnt haben, keine Autorität anzuerkennen und keine Beschränkung ihrer Wünsche zu dulden. Niemandem kann mehr verborgen sein, was sie beabsichtigen, welche Mittel sie anwenden, mit welcher Hartnäckigkeit sie sich durchzusetzen suchen. Die größten Reiche, die blühendsten Republiken werden fast zu jeder Stunde von Menschengruppen angegriffen, die miteinander verbunden sind durch gemeinsame Ziele und gleiche Aktionsmittel, sodass die öffentliche Ordnung immer von irgendeiner Gefahr bedroht ist. Wohl war es eine wirksame Maßnahme, dass verschiedene Staaten, um die große Dreistigkeit des Bösen zu bekämpfen, den Behörden eine größere Machtbefugnis verliehen und die Gesetze verschärft haben.

4 Aber das beste und wirkungsvollste Mittel, die Schrecken des Sozialismus abzuwenden, bleibt trotzdem immer noch, den Bürgern tief religiöse Gefühle und Achtung und Liebe gegenüber der Kirche einzuflößen, ohne die alle Furcht vor Strafe nicht viel nützt. Die Kirche ist nämlich die heilige Hüterin der Religion und die Mutter und Lehrmeisterin der Sittenreinheit und aller Tugenden, die wie von selbst aus der Religion entspringen. Jeder, der gewissenhaft und genau den Geboten des Evangeliums folgt, ist schon allein dadurch notwendigerweise von jedem Verdacht des Sozialismus frei. Denn ebenso wie die Religion gebietet, Gott zu verehren und zu fürchten, so befiehlt sie auch, der rechtmäßigen Obrigkeit untertan zu sein und ihr zu gehorchen; sie verbietet jede Aufsässigkeit; sie befiehlt, den Besitz und die Rechte eines jeden zu achten; sie befiehlt den Reichen, der großen Zahl jener, die in Not sind, mit Güte zu Hilfe zu kommen. Sie umgibt die Armen mit allen Mitteln der Fürsorge; sie spendet den Unglücklichen den aufrichtenden Trost durch die Hoffnung auf die höchsten und unvergänglichen Güter, die umso größer sein werden, je härter und länger sie gelitten haben. - Darum können die Lenker der Staaten nichts Weiseres und Nützlicheres tun, als der Religion zu gestatten, frei von jeglicher Behinderung ihren Einfluss auf den Geist des Volkes auszuüben und es durch ihre Gebote zur Tugend und Sittenreinheit zurückführen zu lassen. Der Kirche zu misstrauen und sie zu verdächtigen, ist nicht nur offensichtlich ungerecht, sondern kann auch niemandem nützen, außer den Feinden der staatlichen Ordnung und jenen, die den Umsturz der Gesellschaft wünschen.


2. Erinnerung an die grundlegenden Pflichten

Handlungsfreiheit der Kirche

5 Die gewaltigen Volkserhebungen, die aufgebrachten Massen, die anders wo den öffentlichen Frieden erschüttert haben, hat Ungarn, Gott sei Dank, bisher noch nicht gesehen. Aber die unmittelbare Nähe der Gefahr zwingt Uns wie auch Euch, Ehrwürdige Brüder, alle Sorgfalt darauf zu verwenden, ihr zuvorzukommen und alles zu tun, damit die Kirche bei Euch immer mehr blühe und gedeihe und die christlichen Institutionen geachtet werden. - Zu diesem Zweck scheint es zuallererst wünschenswert, dass die Kirche im ganzen Königreich Ungarn die volle und uneingeschränkte Freiheit genießt, die sie früher besaß. und deren sie sich nur zum Wohle aller bedient hat. Darum liegt es Uns sehr am Herzen, dass aus den Gesetzen alles entfernt werde, was mit den Rechten der Kirche unvereinbar ist, was ihre Handlungsfreiheit vermindert und das Bekenntnis des katholischen Glaubens behindert. Um dies zu erreichen, müssen Wir und Ihr unausgesetzt tätig sein, soweit es nach den Gesetzen möglich ist, wie es zu diesem Zweck schon so viele bedeutende Männer getan haben. Inzwischen und solange die Gesetze, von denen Wir sprechen, in Kraft sind, müsst Ihr alles tun, dass sie möglichst wenig dem Heil der Seelen schaden, und den Gläubigen sorgfältig erklären, welches in dieser Hinsicht die Pflichten jedes einzelnen sind. Wir wollen auf einige Punkte hinweisen, die besonders verheerend scheinen.

6 So ist es z. B. die höchste Pflicht, die wahre Religion anzunehmen, eine Pflicht, die an kein Alter gebunden ist. Es gibt kein Alter, das zu schwach wäre für das Reich Gottes. Sobald man diese Pflicht erkannt hat, muss man sie ohne Zögern erfüllen; und aus dem Wunsch, sie zu erfüllen, erwächst für jeden ein geheiligtes Recht, das man nicht ohne größte Ungerechtigkeit verletzen kann. So haben auch jene, denen das Heil der Seelen anvertraut ist, die sehr reale und sehr ernste Pflicht, alle diejenigen in die Kirche aufzunehmen, die alt genug sind, vernünftig zu urteilen, und aufgenommen zu werden wünschen. Darum müssen die Seelenhirten, wenn sie hierin vor die Alternative gestellt werden sollten, sich eher der Strafe der menschlichen Gesetze aussetzen als die Rache des göttlichen Zornes herauszufordern.

Die Familie

7 Was die eheliche Gemeinschaft betrifft, so bemüht Euch, Ehrwürdige Brüder, die katholische Lehre von der Heiligkeit, Einheit und Unauflöslichkeit der Ehe tief in die Herzen einzugraben. Ruft den Gläubigen häufig in Erinnerung, dass die Ehe unter Christen aus ihrem Wesen heraus ausschließlich der kirchlichen Gewalt unterliegt; ruft in Erinnerung, was die Kirche glaubt und lehrt bezüglich der sog. Zivilehe und in welchem Geist und mit welcher Gesinnung die Katholiken hierin dem Gesetz gehorchen sollen; erinnert daran, dass es den Katholiken nicht erlaubt ist, und zwar aus sehr ernsten Gründen, die Ehe mit Christen nicht-katholischer Bekenntnisse einzugehen, und dass diejenigen, die es ohne Erlaubnis und Dispens der Kirche zu tun wagen, gegen Gott und die Kirche sündigen. Und da diese Sache, wie Ihr wohl seht, von höchster Bedeutung ist, so mögen alle, die dazu verpflichtet sind, mit größter Sorgfalt darüber wachen, dass keiner die diesbezüglichen Bestimmungen umgeht, aus welchem Grund auch immer; und dies umso mehr, als in keiner anderen Angelegenheit der Gehorsam gegenüber der Kirche aufgrund bestimmter notwendiger Bindungen enger mit der Wohlfahrt des Staates verknüpft ist. In der Tat enthält und nährt die häusliche Gemeinschaft die Prinzipien und sozusagen die besten Elemente des sozialen Lebens, darum hängen von ihr in weitem Maße die Ruhe und das Gedeihen der Nation ab. Die häusliche Gemeinschaft aber wird gut oder schlecht sein, je nachdem wie die Ehen sind; und die Ehen können nur gut sein, wenn sie durch Gott und die Kirche gelenkt werden. Ohne diese Voraussetzungen ist die Ehe nur eine Sklaverei wechselnder Leidenschaften; gegen den Willen Gottes geschlossen und deshalb der notwendigen himmlischen Gnaden beraubt, ausgeschlossen aus der Lebensgemeinschaft, die die wichtigste für die Menschen ist, nämlich der religiösen, kann sie nur sehr bittere Früchte bringen, zum größten Schaden für die Familie und die Nationen. Darum auch haben sich jene Katholiken nicht nur um die Religion, sondern auch um das Vaterland verdient gemacht, die vor zwei Jahren, als die gesetzgebende Versammlung Ungarns die Frage der Zulassung von Ehen zwischen Christen und Juden zu entscheiden hatte, einstimmig und freimütig diese Vorlage zurückgewiesen und erreicht haben, dass das alte Ehegesetz in Kraft blieb. Ihre Wahl wurde in allen Teilen Ungarns von der großen Mehrheit unterstützt, die durch eindeutige Erklärung bewies, dass sie ihnen zustimmte und so dachte wie sie. Möge man doch die gleiche Einmütigkeit und Seelenstärke jedes Mal beweisen, wenn es um die katholischen Belange geht. Dann wird der Sieg errungen werden, zumindest wird die öffentliche Aktion dadurch intensiver und wirkungsvoller und alle Unentschiedenheit und Trägheit überwunden, wodurch die Feinde des christlichen Namens den Mut der Katholiken einzuschläfern versuchen.

Die Erziehung

8 Es ist kein geringer Nutzen für die Nation, wenn man in rechter Weise und mit Weisheit für die Erziehung der Jugend von der frühen Kindheit an sorgt. Die Entwicklung der Zeiten und Gewohnheiten geht aber dahin, dass viele unter großen Anstrengungen darauf hinarbeiten, die studierende Jugend der Wachsamkeit der Kirche und der heilsamen Tugend der Religion zu entziehen. Man verlangt und fordert überall sog. "neutrale, gemischte, laizisierte" Schulen mit dem Ziel, die Schüler in vollständiger Unkenntnis der heiligsten Dinge und ohne religiöse Betreuung aufwachsen zu lassen. Da das Übel weiter verbreitet und größer ist als die Heilmittel, sieht man eine Nachkommenschaft heranwachsen, die sich nicht um die Güter der Seele kümmert, keine Kenntnis der Religion hat und häufig sogar gottlos ist. Haltet von Eurem Ungarn ein so großes Übel fern, Ehrwürdige Brüder, und verwendet darauf all Eure Sorge, all Euren Eifer! Erzieht die Jugend von der Kindheit an zu christlicher Sitte und christlicher Weisheit; dies ist ein Anliegen, das heute mehr als jedes andere nicht nur die Kirche, sondern auch den Staat interessiert. Das haben alle diejenigen verstanden, die noch richtig zu denken vermögen, weshalb man an vielen Orten zahlreiche Katholiken eifrig bemüht sieht, die Jugend richtig zu erziehen, und die deshalb unablässig den Hauptteil ihrer Tätigkeit diesem Werk widmen, ohne sich durch die Größe der damit verbundenen Opfer und der Arbeitslast abschrecken zu lassen. Wir wissen, dass in Ungarn viele in diesem Sinne arbeiten; erlaubt Uns trotzdem, Ehrwürdige Brüder, Euren bischöflichen Eifer hierin noch weiter anzuspornen. - Angesichts der Wichtigkeit dieser Angelegenheit müssen Wir in der Tat wünschen wollen, dass der Kirche im öffentlichen Unterricht die Möglichkeit gegeben wird, die ihr von Gott übertragenen Pflichten gegenüber der Jugend voll zu erfüllen; und Wir können nicht anders als Euch beschwören, alle Eure Mühen hierauf zu verwenden. Fahrt gleichzeitig fort, die Familienväter zu ermahnen, dass sie ihre Kinder nicht in Schulen gehen lassen, die zu der Befürchtung Anlass geben, dass in ihnen der christliche Glaube gefährdet ist; sorgt auch dafür, dass immer genügend Schulen vorhanden sind, die man sowohl wegen der Qualität des Unterrichts als auch wegen der Rechtschaffenheit der Lehrer empfehlen kann, und dass derartige Schulen von Euch abhängen und unter der Aufsicht des Klerus stehen. Wir wünschen auch, dass dies nicht nur für die Elementarschulen gilt, sondern auch für die Gymnasien und höheren Schulen.

9 Dank der frommen Freigebigkeit und der Großmut Eurer Könige und Bischöfe sind viele bedeutende Lehrinstitute für die Geisteswissenschaften gegründet worden. Ihr bewahrt noch heute das rühmliche Andenken an Kardinal Pázmány, den Erzbischof von Esztergom, der das katholische Lyzeum von Budapest gegründet und reich dotiert hat. Und es ist schön, daran zu erinnern, dass ein so großes Werk von ihm einzig "in der reinen und aufrichtigen Absicht" gegründet wurde, "die katholische Religion zu fördern", dass es später durch König Ferdinand II. bestätigt wurde, "damit die Wahrheit des katholischen Glaubens unerschütterlich bleibe, wo sie schon bestand, damit sie wiederhergestellt werde, wo sie gelitten hatte, und damit der Gottesdienst überall verbreitet werde". Wir wissen, mit welcher Wachsamkeit und Ausdauer Ihr gearbeitet habt, damit diese ausgezeichneten Studienzentren nichts von ihrem ursprünglichen Charakter verlieren, sondern so bleiben, wie ihre Gründer sie gewollt haben, nämlich "katholische Institute", deren Leitung, Verwaltung und Unterricht von der Kirche und den Bischöfen abhängen. Diesbezüglich ermahnen Wir Euch inständig, dass Ihr keine Gelegenheit vorübergehen und nichts unversucht lasst, um Eure nützliche und edle Absicht in vollem Ausmaß zu verwirklichen. Und Ihr werdet dies auch erreichen dank der großen Frömmigkeit des Apostolischen Königs und dank der Klugheit jener Männer, die die öffentlichen Angelegenheiten leiten. Man kann auch in der Tat nicht annehmen, dass sie zulassen werden, dass das sogar den nicht-katholischen Gemeinschaften Gewährte der Katholischen Kirche verweigert wird. - Wir zweifeln auch keineswegs daran, dass Ihr dem Beispiel Eurer Ahnen folgen und ihren Glaubenseifer nachahmen werdet, wenn die Bedürfnisse der Zeit Neugründungen oder den Ausbau der bestehenden erfordern sollten. Es wurde Uns sogar berichtet, dass Ihr bereits die Absicht habt, eine Akademie zur Ausbildung von Lehrern zu gründen. Dies wäre wirklich ein heilsamer Plan, der Eurer Weisheit und Tugend Ehre macht. Mögt Ihr ihn mit Gottes Hilfe bald verwirklichen. Dies wünschen Wir aufrichtig, und dazu ermuntern Wir Euch.

Die Ausbildung der Priester

10 Aber wenn schon die Erziehung der Jugend in so hohem Maße für das allgemeine öffentliche Wohl von Bedeutung ist, so gilt das noch weit mehr, wenn es sich um jene handelt, die in den geistlichen Beruf eingeführt werden wollen. Diesen müsst Ihr, Ehrwürdige Brüder, ganz besonders den größten Teil Eurer Wachsamkeit und Mühe widmen, denn die jungen Kleriker sind unsere Hoffnung und sozusagen die werdende Gruppe unserer kommenden Priester. Ihr wisst genau, wie sehr die Ehre der Kirche und das ewige Heil der Völker vom Klerus abhängt. - Zwei Dinge sind besonders notwendig bei der Ausbildung des Klerus: die Lehre für die Ausbildung des Geistes und die Tugend für die Vervollkommnung der Seele. Zu den Humaniora, in denen die Jugend gewöhnlich ausgebildet wird, müssen die theologischen und kirchenrechtlichen Fächer hinzukommen, und es muss darauf geachtet werden, dass die Doktrin in diesen Fächern gesund, absolut einwandfrei und in diesen Zeiten ganz besonders in voller Übereinstimmung mit den Lehren der Kirche, ausgezeichnet durch: Gründlichkeit und Vielseitigkeit sei, damit [der Priester] fähig sei, zu ermahnen und mit Widersprechenden zu diskutieren. - Die Heiligkeit des Lebens, ohne welche die Wissenschaft nur aufbläht, nicht auferbaut, umfasst nicht nur ehrbare und lautere Sitten, sondern auch jenen Komplex priesterlicher Tugenden, die die guten Priester zu Abbildern Jesu Christi, des ewigen Hohenpriesters, machen. Danach streben die Seminare; und Ihr habt, Ehrwürdige Brüder, eine ganze Reihe von Instituten gegründet, sowohl zur Vorbereitung von Jünglingen auf das priesterliche Leben als auch zur Ausbildung der Kleriker. Eure Aufmerksamkeit und Eure Sorgen mögen sich ganz besonders auf diese richten: sorgt dafür, dass der wissenschaftliche Unterricht ausgewählten Männern anvertraut wird, die sich sowohl durch ihre Wissenschaft als durch ihr sittliches Verhalten hervortun, sodass Ihr in einer so wichtigen Angelegenheit zu Recht Euer volles Vertrauen in sie setzen könnt. Wählt die Rektoren und Präfekten aus denen, die vor anderen durch Klugheit, Einsicht und Erfahrung hervorragen; das gemeinschaftliche Leben soll durch Eure Autorität so geregelt werden, dass die Alumnen niemals die Pflichten der Frömmigkeit in irgendeiner Weise vernachlässigen, dass ihnen aber auch jegliche Hilfe geboten werde, um in der Frömmigkeit weiterzukommen, und dass sie durch entsprechende Übungen angeregt werden, täglich Fortschritte auf dem Weg der priesterlichen Tugenden zu machen. Aus der Sorgfalt und Mühe, die Ihr auf die Ausbildung des Klerus verwendet, werdet Ihr die wertvollsten Früchte ernten, und Euer Bischofsamt wird dadurch wesentlich erleichtert und zugleich fruchtbarer.

11 Eure väterliche Sorge muss aber noch weitergehen und die Priester auch in der Ausübung ihres heiligen Amtes begleiten. Wacht mit Sorgfalt und Sanftmut, wie es Eurer Liebe entspricht, dass der Priester sich nie von weltlicher Gesinnung, Eigennutz oder Sorge um irdische Dinge leiten lasse, dass er im Gegenteil ein leuchtendes Beispiel aller Tugenden und guten Werke sei, dass er niemals im Gebetseifer nachlasse und sich würdig den Sakramenten nähere. Von diesen Heilmitteln aufgerichtet und gestärkt, möge er sich der täglichen Arbeit seines heiligen Amtes widmen; er soll sich, seiner Pflicht gemäß, besonders der Seelsorge annehmen, vor allem durch die Predigt und das Spenden der Sakramente. - Um die Kräfte der Seele zu erneuern, die infolge der menschlichen Schwachheit nicht immer gleich stark sein können, ist nichts geeigneter, als sich eine Zeitlang zurückzuziehen zur Meditation ohne einen anderen Gedanken als Gott und die eigene Seele, wie es schon an vielen Orten mit Nutzen gehandhabt wird. Ihr aber, Ehrwürdige Brüder, habt gemäß Eurer Amtsvollmacht anlässlich der Visitationsreisen in Euren Diozösen unmittelbar Gelegenheit, Euch ein Urteil zu bilden über die Fähigkeiten und die Haltung jedes einzelnen, wie auch über die geeigneten Mittel, Missstände zu beseitigen und auszugleichen, wo es nötig ist. Auch sollt Ihr, damit die kirchliche Disziplin nicht geschwächt werde, wo es nötig ist, gerechte Strenge zeigen gemäß den kanonischen Bestimmungen, und alle sollen begreifen, dass die kirchlichen Ämter und die verschiedenen Weihegrade nur der Lohn für eine entsprechende Mühewaltung sein können und dass sie deswegen denen vorbehalten bleiben müssen, von denen man überzeugt sein kann, dass sie der Kirche dienen, sich für das Heil der Seelen aufopfern und sich durch Reinheit des Lebens und durch Kenntnisse auszeichnen.

3. Die Notwendigkeit, im Volk den Glauben zu erhalten

12 Mit einem Klerus, der mit all diesen Tugenden ausgestattet ist, hat man bereits sehr viel für das Wohl des Volkes getan, das, weil es die Kirche liebt und voll Eifer für den Glauben seiner Väter ist, sich bereitwillig von heiligmäßigen Priestern leiten lässt. - Trotzdem sollt Ihr es an nichts von alledem fehlen lassen, was Euch notwendig erscheinen mag, um in der Bevölkerung die katholische Lehre unverletzt zu bewahren und die Moral des Evangeliums in den Werken, im Leben und in den Sitten zu erhalten. Sorgt dafür, dass zur Heiligung der Seelen häufig Missionen abgehalten werden, und übertragt diese Missionen Männern von erprobter Tugend, die beseelt sind vom Geiste Jesu Christi und durchdrungen sind von Liebe zum Nächsten. - Um Irrtümer zu vermeiden und auszurotten, sollen im Volke Schriften verbreitet werden, die der Wahrheit entsprechen und zur Tugend anleiten. Wir wissen, dass zu diesem lobenswerten und nützlichen Zweck bereits Gesellschaften gegründet wurden und dass ihre Tätigkeit nicht umsonst war. Deshalb wünschen Wir aufs lebhafteste, dass sie an Zahl zunehmen und täglich reichere Früchte bringen mögen. - Wir wünschen auch, dass Ihr alle anspornt, besonders aber jene, die durch ihr Wissen, ihren Reichtum, ihre Würde, ihren Einfluss vor anderen hervorragen, dass sie sich in ihrem ganzen, privaten wie öffentlichen, Leben die Ehre der Religion und die Sache der Kirche besonders angelegen sein lassen und dass sie unter Eurer Leitung und Ermunterung mit mehr Nachdruck handeln und es nicht ablehnen, alles zu unterstützen und auszubauen, was schon gegründet wurde oder noch gegründet werden muss, um die katholischen Belange zu fördern.- Gleicherweise ist es notwendig, gewissen falschen Auffassungen entgegenzutreten, die raffinierterweise zur Verteidigung des persönlichen Prestiges erdacht wurden und die dem Glauben und der christlichen Moral ganz und gar zuwiderlaufen und zu vielen gefährlichen und schädlichen Handlungen führen. - Schließlich muss man anhaltend und eifrig gegen die unsittlichen Gesellschaften vorgehen, um einer Ansteckung durch sie vorzubeugen, und zwar aus vielen Gründen, vor allem aber aus jenen, die Wir in einer anderen Enzyklika genannt haben. Wir wünschen, dass Ihr gegen derartige Gesellschaften gerade deswegen besonderen Eifer entfaltet, weil sie bei Euch besonders zahlreich, begütert und einflussreich sind.

Ermahnungen zum Gebet, Segen

13 Dies sind die Angelegenheiten, Ehrwürdige Brüder, über die Wir voll Liebe zu Euch sprechen wollten, und Wir haben das Vertrauen, dass sie vom ganzen ungarischen Volk im Geiste des Gehorsams aufgenommen werden. - Eure Vorfahren haben, um bei Buda so ruhmreich einen schrecklichen Feind zu besiegen, nicht nur ihre Kampfkraft entfaltet, sondern auch die Tugend der Frömmigkeit, die, so wie sie Euch von Anfang an Stärke und hohes Ansehen verliehen hat, auch für die Zukunft Wohlfahrt im Innern und Ruhm nach außen verheißt. Wir wünschen, dass diese Ehren und Wohltaten Euch gewährt werden, und erbitten sie für Euch in Unseren Gebeten mit dem Beistand der allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter, der das Königreich Ungarn geweiht ist und deren Namen es trägt. Wir beten in diesem Sinne auch um den Beistand des hl. Stephan, er möge, worauf Wir fest vertrauen, Euer Vaterland, das er bereits mit so vielen Wohltaten überhäuft hat, nun vom Himmel aus gnädig ansehen und unter seinen sicheren Schutz stellen.

14 Gestützt auf dieses Vertrauen, erteilen Wir Euch voll Liebe im Herrn als Unterpfand himmlischer Gnaden und als Zeichen Unseres väterlichen Wohlwollens den Apostolischen Segen, Euch, Ehrwürdige Brüder, Eurem Klerus und Eurem ganzen Volk.

Gegeben zu Rom bei St. Peter, am 22. August 1886,

im neunten Jahr Unseres Pontifikats.

Leo XIII. PP.

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