Rerum orientalium (Wortlaut)

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Enzyklika
Rerum orientalium

von Papst
Pius XI.
an die hochwürdigsten Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe und Bischöfe sowie sonstigen Ordinarien,
welche in Frieden und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle halten,
über die Förderung der Orientkunde
8. September 1928

(Offizieller [[latein]ischer Text: AAS 20 [1928] 277-288)

(Quelle: Pius XI., Rundschreiben über die Förderung der Orientkunde, Autorisierte Ausgabe, Lateinischer und deutscher Text, Herder & Co. G.m.b.H. Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau 1928, Typographi Editores Pontificii; in Fraktur abgedruckt. Überschriften wurden bei der Digitalisierung erstellt. Die Nummerierung folgt dem englischen Text bei www.papalencyclicals.net; Einzelausgabe und in der Sammlung: Rundschreiben Pius' XI., über die Förderung der Orientkundemögliche Quelle, übersetzt und erläutert von Prof. Dr. Heinrich von Meurers, Paulinusdruckerei Trier)

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

Einleitung: Der Osten

1 Orientkundliche Bestrebungen und Forschungen bei den Christgläubigen, besonders aber bei den Priestern, zu fördern, war Unseren Vorgängern im Laufe der verflossenen Jahrhunderte Gegenstand besonderer Sorge und Mühe. In wie hohem Grade das der Fall war, leuchtet jedem ein, der in die Jahrbücher der Katholischen Kirche auch nur einen ganz flüchtigen Blick wirft. Die Päpste wussten es zu gut: Manche schlimme Dinge aus früherer Zeit, zumal die unglückselige Trennung, die viele einst blühende Kirchen von der Wurzel der Einheit losgelöst hatte, lagen zwangsläufig darin begründet, dass sich die Völker einerseits nicht genügend kannten und schätzten und dass anderseits die langdauernde seelische Entfremdung bei ihnen zu Vorurteilen geführt hatte. Ohne Beseitigung dieser Hemmnisse kann ein so großes Leid nicht ausheilen. Gerade aus jenen Zeiten, in denen sich allmählich das Band der alten Einheit lockerte, seien einige geschichtliche Tatsachen in Kürze berührt. Sie legen Zeugnis ab von den Sorgen und Mühen, die die Päpste hierauf verwandten. Allgemein ist bekannt, welches Maß an Wohlwollen, ja Verehrung den beiden Aposteln der Slaven, Cyrillus und Methodius, Hadrian II. entgegenbrachte und welch besondere Ehrenbezeigungen er ihnen zuteil werden ließ. Und mit welchem Eifer derselbe Papst, auch durch die Entsendung eigener Legaten, das achte allgemeine Konzil, das vierte zu Konstantinopel, förderte, als nicht lange vorher ein Großteil der Herde des Herrn durch beneidenswerte Trennung von dem Römischen Päpste, ihrem gottgegebenen Oberhirten, losgerissen worden war. Derartige Synoden zur Betreuung der Kirche im Orient wurden im Verlauf der Zeit wiederholt abgehalten. So zu Bari am Grabe des heiligen Nikolaus von Myra, wo Anselmus, der heilige Kirchenlehrer aus Aorta und Erzbischof von Canterbury, durch Wissen und heiliges Leben ausgezeichnet, auf Geist und Herz der Zuhörer allgemein tiefen Eindruck machte. So zu Lyon, wohin jene beiden Leuchten der Kirche, der engelsgleiche Thomas und der seraphische Bonaventura, von Gregor X. zusammen berufen waren - der eine starb allerdings schon unterwegs, der andere in den schweren Arbeiten des Konzils selbst eines frühen Todes. So zu Ferrara-Florenz, wo die Zierden des christlichen Orients und späteren Kardinäle der Römischen Kirche, Bessarion von Nizza und Isidor von Kiew, in der ersten Reihe standen und wo die Wahrheit der katholischen Glaubenslehre, wissenschaftlich gestützt und von Christi Liebe durchflutet, der Wiedervereinigung der orientalischen Christenheit mit dem obersten Hirten die Bahn freizumachen schien.

Der Osten, bereichert durch Ordensleute

2 Was Wir, ehrwürdige Mitbrüder, bisher streiften, das beweist die geradezu väterliche Vorsorge und Liebe des Apostolischen Stuhles für die Völker des Ostens. Es sind Tatsachen, die naturgemäß weniger durch ihre Zahl als durch ihr Gewicht auffallen. Gewinn anderer Art jedoch ist häufig und ununterbrochen von der Römischen Kirche in sozusagen Tag um Tag fließendem Segensstrom über fast alle Länder des Ostens gekommen. Vor allem: Sie schickte Ordensmänner, die ihr Leben opfern wollten, um dem Wohle des Orients zu dienen. Von der Autorität des Apostolischen Stuhles getragen, zogen hochgemute Männer, besonders aus den Orden des heiligen Franziskus von Assisi und der heilige Dominiks hinaus, bauten Häuser und richteten neue Ordensprovinzen ein. Und sie brachten durch theologische und andere Wissenschaften weltliche und religiöse Bildung unter gewaltigen Mühen nicht bloß nach Palästina und Armenien, sondern auch in andere Landstriche, wo Orientalen unter der Herrschaft von Tataren oder Türken, von der Einheit mit Rom gewaltsam getrennt, jede gute und zumal religiöse Ausbildung hätten entbehren müssen.

Orientalisches Institut und orientalische Sprachen

3 Für diese ausgezeichneten Verdienste und für die Gesinnung des Apostolischen Stuhles hatten offensichtlich bereits im 13. Jahrhundert die Professoren der Pariser Universität recht wohl Gefühl und Blick. Wie berichtet wird, gründeten sie, dem herzlichen Wunsche des Apostolischen �Stuhles willfahrend, ein Orientalisches Kolleg, das mit ihrer Universität verbunden war. Sorgfältig erkundigte sich Unser Vorgänger Johann XXII. einige Zeit nachher beim Bischof Hugo von Paris, welche Fortschritte in der Orientkunde das Institut mache und welche Erfolge es erziele[1]. Hierzu kommen andere ebenso wertvolle, in den Geschichtsquellen der gleichen Zeit bezeugte Tatsachen. Der gelehrte Humbert de Romanis, General des Dominikanerordens, empfahl in seiner Schrift "über die Verhandlungsgegenstände des Lyoner allgemeiner Konzils" die folgenden Einzelpunkte als notwendig für die Einigung mit den Orientalen [2]: die Kenntnis oder Übung der griechischen Sprache, "denn vermittelst der Sprachen wird die Verschiedenheit der Völker zur Einheit des Glaubens zusammengeführt"; weiterhin eine Sammlung griechischer Werke und einen guten Vorrat aus unserer in orientalischen Sprachen übersetzten Literatur. Seine bei dem Generalkapitel in Mailand versammelten Mitbrüder bat er inständig, sie möchten die Kenntnis und das Studium der orientalischen Sprachen hochschätzen und gewissenhaft pflegen, um, wenn Gottes Wille sie rufe, für Missionsreisen zu diesen Völkern sich bereit und fertig zu halten.

Lebensart und Wissenschaft des Ostens

4 Ebenso hat der gelehrte, Unserem Vorgänger Klemens IV. nahestehende Franziskaner Roger Bacon nicht nur mit reichem Wissen über das Chaldäische, Arabische und griechische geschrieben[3], sondern die Kenntnis dieser Sprachen selbst auch anderen vermittelt.

Im Wetteifer mit ihnen ist der eigenartig gelehrte und fromme Raimund Lullus in vielem viel stürmischer - er war so veranlagt - vorangegangen. Und eines oder anderes, das er sich ausdachte, mag für seine Zeit reichlich kühn gewesen sein. Immerhin hat er von Unseren Vorgängern Cölestin V. und Bonifatius VIII. manches mit seinen Bitten erreicht. Er wollte, dass man sich um Lebensart und Wissenschaft des Ostens kümmere. Dass von den Kardinälen irgend einer über dies wissenschaftliche Arbeiten die Oberleitung erhalte. Schließlich, dass man die Missionsreisen und zwar ständige Missionsreisen veranstalte zu den Tataren, Sarazenen und anderen Ungläubigen, besonders auch zu den "Schismatikern" für deren Wiedervereinigung mit der Kirche.

Errichtung von Lehrgängen der orientalischen Sprachen

5 Was aber viel bedeutungsvoller und an erster Stelle zu buchen ist: auf seine Anregung und Aufmunterung hin ist, wie berichtet wird, auf dem allgemeinen Konzil von Wien das Dekret erlassen und von Unserem Vorgänger Klemens V. amtlich verkündet worden, in dem Wir Unser Orientalisches Institut umrissen finden: "Mit Gutheißung dieses heiligen Konzils haben Wir für den jeweiligen Sitz der Römischen Kurie sowie für die Universitäten von Paris, Oxford, Bologna und Salamanca die Errichtung von Lehrgängen der nachbezeichneten Sprachen vorgesehen. Wir bestimmen, dass dort überall Katholiken mit hinreichender Kenntnis des Hebräischen, Griechischen, Arabischen und Chaldäischen angestellt werden und zwar je zwei Fachmänner für jede Sprache. Die sollen dort Lehrgänge abhalten, die ausländische Literatur treu ins Lateinische übertragen, die Fremdsprachen selbst andere sorgfältig lehren und die Übung darin durch ein den Schülern gewissenhaft angepasstes Lehrverfahren weitergeben. Auf die Weise sollen diese, in solchen Sprachen hinlänglich ausgebildet und bewandert, mit Gottes Hilfe die erhoffte Frucht bringen können zur Verbreitung des Heilsglaubens unter den ungläubigen Völkern …"[4].

Bau von Klöstern und Kollegien

6 Allerdings waren derzeit bei jenen Völkern des Ostens die allgemeinen Wirren so arg und wissenschaftliche Hilfsmittel großenteils so verstreut, dass es wirklich kaum möglich war, wissenschaftliche Köpfe, auch bei guter spekulativer Begabung, gründlicher in Wissenschaft einzuführen und voranzubringen. Ihr wisst ehrwürdige Mitbrüder, deshalb ging die Absicht Unserer Vorgänger auch darauf, dass nicht nur an den führenden Unterrichtsanstalten oder Universitäten der damaligen Zeit eigene Lehrstühle für Orientkunde beständen, sondern erst recht hier im Weichbilde der Stadt Rom einige besonders zweckentsprechende Pflanzstätten errichtet würden. Aus ihnen sollten Zöglinge jener Völker, mit den Hilfsmitteln wissenschaftlichen Arbeitens ganz gründlich vertraut, für den guten Kampf vollgerüstet in die Feldschlacht ziehen können. Deshalb wurden zuerst Klöster und Kollegien für die Griechen und Ruthenen in Rom gebaut und Häuser der Maroniten und Armeniern überwiesen. Welch seelischer Gewinn und wissenschaftlicher Fortschritt daraus entsprang, das bezeugen augenfällig die liturgischen und anderen wissenschaftlichen Urkunden, die die Heilige Kongregation der Glaubensverbreitung in verschiedenen orientalischen Sprachen veröffentlichen ließ. Desgleichen auch die kostbaren orientalischen Handschriften, die die Vatikanische Bibliothek fleißig gesammelt und gewissenhaft aufbewahrt hat.

Sorge der Päpste zur Förderung der Orientkunde

7 Dabei blieb man jedoch nicht stehen. Unsere jüngsten Vorgänger sahen, wie Wir oben andeuteten, sehr gut ein, dass zur Pflege der Liebe und gegenseitigen Hochschätzung eine reichere Kenntnis des Ostens im Abendlande viel beitrage. So hat man alle Kraft angespannt, um sich diesen großen Wert zu sichern. Zeuge ist Gregor XVI.. Ehe er zur Papstwürde erhoben wurde, hatte er sich über die russischen Verhältnisse ein sehr genaues Urteil verschafft. In eben dem Jahre allerdings, in dem er mit einer päpstlichen Sendung zu Alexander I. betraut werden sollte, hat er den unerwarteten Tod des Zaren von Russland beklagen müssen. Zeuge ist Pius IX., der vor und nach dem Vatikanischen Konzil die Veröffentlichung orientalischer Riten und Volksüberlieferungen angelegentlich empfohlen hatte. Zeuge ist Leo XIII., der Koppten und Slawen, überhaupt alle Orientalen mit so lieber Hirtensorge umhegte, dass er, abgesehen von der neuen Kongregation der Augustiner von der Himmelfahrt Mariä, auch andere religiöse Genossenschaften zum Studium und zur Förderung der Orientkunde anregte, dass er den Orientalen selbst neue Kollegien in ihrer Heimat und auch hier in Rom errichtete, dass er der heute noch blühenden und Uns sehr nahestehenden Jesuitenuniversität in Beirut hohes Lob spendete. Zeuge ist Pius X., der das päpstliche Bibelinstitut in Rom gründete und dadurch in weiten Kreisen Begeisterung für den Orient und seine Sprachen aufs neue und mit viel glücklichem Ernteertrag weckte.

Sorge Papst Benedikt´s XV.

8 Die väterliche Obsorge für die Völker des Ostens übernahm Unser letzter Vorgänger Benedikt XV. wie ein heiliges Vermächtnis von Pius X.. Mit allem Eifer nahm er sie auf, nach besten Kräften dem Osten Schutz und Gedeihen zu sichern. Er organisierte die Kongregation für die Riten und alle Angelegenheiten des Orients. Er beschloss, "ein eigenes Heim für wissenschaftliche Orientkunde hier in Rom, der Hauptstadt der Christenheit, zu stiften". Es sollte "mit allem, was der wissenschaftliche Betrieb heutigentags fordert, ausgerüstet sein und sich auszeichnen durch Professoren von allseitiger Erfahrung und von guter Kenntnis des Orients" [5]. Ja es sollte sogar berechtigt sein, "die Doktorwürde zu verleihen, wenn auch nur in denjenigen Disziplinen, die auf den christlichen Orient Bezug haben"[6]. Dieses Institut sollte nicht bloß Orientalen offensten, darunter sogar denen, die von der katholischen Einheit getrennt sind, sondern vor allem lateinischen Priestern, die sich der heiligen Wissenschaft widmen oder bei den Orientalen Seelsorge übernehmen wollten. Höchstes Lob gebührt jenen Gelehrten, die fast vier Jahre lang die jungen Almumnen dieses Instituts in den orientalischen Lehrfächern mit emsigen Fleiß unterwiesen haben.

Verlegung des Orientalischen Instituts und der Jesuitengeneral

9 Der Entwicklung dieses zeitgemäßen Instituts war indes die unangenehme Tatsache im Wege, dass es zwar ganz in der Nähe des Vatikans, aber zu weit von dem dichtest bevölkerten Stadtteile Roms lag. Was Benedikt XV. schon zu tun gedachte, wollten Wir deshalb gleich bei Antritt des Pontifikats verwirklichen. So bestimmten Wir die Verlegung des Orientalischen Instituts in das Heim des Bibelinstitutes, das ja mit seinen Arbeiten und Zielen nahe verwandt ist. Das Orientalische Institut sollte jedoch getrennt bleiben und zwar in der Absicht, dass Wir ihm, sobald sie es machen ließe, ein eigenes Heim geben würden. Wir wollten sodann verhüten, dass es jemals später an fachmännischen Professoren der Orientalwissenschaft fehle. Das glaubten Wir leichter erreichen zu können, wenn Wir eine einzige Ordensfamilie mit dieser wichtigen Angelegenheit betrauen. Deshalb haben Wir in einem eigenem Schreiben[7] vom 14. September 1922 den General der Gesellschaft Jesu angewiesen, er möge gemäß seiner Liebe und gemäß seinem schuldigen Gehorsam gegen den Heiligen Stuhl und den Statthalter Christi allen Schwierigkeiten zum Trotz die gesamte Verwaltung des Instituts unter folgenden Vorraussetzungen übernehmen: Die Oberleitung des Instituts verbleibt Uns selbst und Unseren Nachfolgern. Sache des Jesuitengenerals ist es, zu den reichlich schweren Aufgaben des Instituts die geeigneten Kräfte, sei es als Direktor, sei es als Professoren heranzuziehen. Er soll ferner stets diejenigen, die er als Lehrer der verschiedenen Disziplinen des Instituts auszusuchen gedenkt, persönlich und durch den Direktor Uns und Unseren Nachfolgern zur Genehmigung vorschlagen, sowie schließlich über alles Bericht erstatten, was zur Erhaltung und Entwicklung des Institutes von Belang zu sein scheint.

Dank für den Erfolg

10 Und nun sind bald sechs Jahre verflossen, seitdem Wir, wie auf einen Wink von oben, diese Anordnungen getroffen haben. Wir dürfen Gott herzlich Dank sagen, dass Unserer Bemühung ein schöner Erfolg beschieden war. Die Zahl der Alumnen und Hörer war und bleibt allerdings - wie es die Eigenart des Institutes mit sich bringt - nicht allzu groß. Sie war jedoch anderseits nicht so gering, dass Wir Uns heute nicht sehr freuen dürften, weil bereits eine wackere, täglich zunehmende Schar aus dieser Schule stillen Ringens alsbald ins offene Feld rücken wird, ausgerüstet mit den Hilfsmitteln von Gelehrtheit und Frömmigkeit, mit denen sie offensichtlich dem Osten viel Segen bringen wird.

Lob an die Ortsordinarien und genaues Studium

11 Und an dieser Stelle zollen wir den Ortsordinarien, seien es Bischöfe, seien es Leiter von Ordensfamilien, inniges Lob, die, Unsern Wünschen gern nachkommend, aus der weiten, bunten Welt der Völker und Länder, aus Morgen- und Abendland einige ihrer Priester zu orientalischen Studien nach Rom geschickt haben. Wir richten Unser Mahnwort außerdem an die Vorgesetzten der übrigen Gemeinschaften auf der großen Erde, sie möchten diesem guten Beispiele folgen und nicht versäumen, Alumnen, die nach ihrer Kenntnis für derartige Studien wohl geeignet sind, hierher an Unser Orientalisches Institut als Schüler zu schicken.

Dabei sei es Uns, ehrwürdige Mitbrüder, gestattet, an das zu erinnern, was Wir ausführlicher in dem Rundschreiben "Mortalium animos" neulich darlegten. Wer könnte je darüber im ungewissen sein, wie häufig man heute davon hin- und herredet, in der ganzen Christenheit eine gewisse Einheit herzustellen, die vom Geiste Christi, des Stifters der Kirche, ganz weit obliegt? Und wer hätte von den erregten Erörterungen nicht gehört, die in sehr vielen Gegenden zumal Europas und Amerikas allenthalten gepflogen werden und dann so wichtig und entscheidend sind, wenn über die Stellungnahme der teils mit der Römischen Kirche übereinstimmenden, teils mit ihr heute noch im Widerspruch stehenden orientalischen Religionsgemeinschaften gefragt wird? Die Alumnen unserer Seminare, eben im ganzen Studiengang über die irrigen Anschauungen der Neuerer wissenschaftlich unterrichtet, können freilich leicht deren verfängliche Beweisführung unterscheiden und widerlegen. Darüber kann man sich gewiss freuen. Aber sie haben in der Regel nicht eine wissenschaftliche Ausbildung, um in Fragen über Leben und Sitte des Ostens und über dessen rechtmässige Riten, die in der katholischen Einheit ja doch so gewissenhaft festzuhalten sind, ein sicheres Urteil abgeben zu können. Denn ein so schwerer Stoff fordert ein besonderes und zwar sehr genaues Studium.

Fakultäten für Orientkunde

12 Es darf gar nichts versäumt werden, was dazu helfen könnte, die sehnlichst erwünschte Einheit eines so ansehnlichen Teiles der Herde des Herrn mit der wahren Kirche Christi wieder herzustellen und gar nichts, was die Liebe zu denen wärmer machen könnte, die, im Ritus verschieden, innerlich mit Herz und �Seele an der Römischen Kirche und an Christi Statthalter hängen. Darum beschwören Wir Euch, ehrwürdige Mitbrüder, eindringlich, jeder von Euch möge irgend einen wenigstens aus seinen Priestern aussuchen lassen, der, mit den wissenschaftlichen Fragen des Ostens gründlich vertraut, sie vor den Seminaralumnen zeitgemäß zu behandeln bereit ist. Wir wissen wohl, dass es Sache der katholischen Universitäten ist, eine besondere Fakultät für Orientkunde einzurichten. Zu Paris, Löwen, Lille hat man, von Uns selbst angeregt und gefördert, schon begonnen, dieser Pflicht nachzukommen. Und Wir wünschen herzlich Glück dazu. Desgleichen freuen Wir Uns, dass auch an einigen anderen theologischen Unterrichtsanstalten, sogar auf staatliche Kosten, mit Zustimmung und auf Anraten der Bischöfe, solche Lehrstühle für Orientwissenschaft jüngst errichtet wurden. Aber es dürfte auch nicht gar so schwer sein, in jedem theologischen Seminar irgend einen Professor zu bekommen, der neben Geschichte, Liturgie oder Kirchenrecht wenigstens irgend eine Einführung in Orientkunde zu geben in der Lage ist. Wenn sich so der Alumnen Geist und Herz den Lehren und Riten der Orientalen zuwendet, so muss daraus ein nicht unerheblicher Gewinn kommen. Nicht allein zum Vorteil für die Orientalen, sondern auch für die Alumnen selbst. Sie werden daraus füglich eine reichere Kenntnis der katholischen Theologie und der lateinischen Kirchenordnung schöpfen und zugleich eine innigere Liebe zu Christi wahrer Braut über sich kommen fühlen, deren wundersame Schönheit und - bei aller Verschiedenheit der Riten bewahrte - Einheit sie in einem glänzenderen Lichte erstrahlen sehen.

Eigenes Heim für das Orientalische Institut und dessen Ausstattung

13 Wie Wir nun all dieses Segens inne wurden, der für das Christentum sich aus der oben gezeichneten Jugendbildung ergibt, empfanden Wir es als Unsere Aufgabe, keine Mühe zu scheuen, um dem von Uns noch fester begründeten Orientalischen Institut ein Leben zu gewährleisten, das nicht nur ganz sicher ist, sondern auch möglichst in täglich neuem Wachstum aufblüht. Sobald wir Konnten, wollten Wir ihm daher ein eigenes Heim bei Maria Maggiore auf dem Esquillin überweisen. Um das Antoniusstift wieder zu kaufen und für den neuen Zweck herzurichten, verwendeten Wir vor allem eine Geldsumme, die Uns aus der Freigebigkeit eines jüngst verstorbenen mildtätigen Bischofs und aus eines frommen Bürgers der Vereinigten Staaten Amerikas zugeflossen war. Ihnen beiden wünschen und erflehen Wir dafür den reichsten himmlischen Lohn und Segen. Wir dürfen auch nicht verschweigen, dass Uns aus Spanien eine Summe zur Verfügung gestellt wurde, um das neue Heim des Institutes mit einer reicheren und ansehnlicheren Bibliothek ausstatten zu können. Diese vorbildliche Freigebigkeit hat Unser volles Lob. Denn aus der Arbeit und Erfahrung der vielen Jahre, die Wir in der Verwaltung der Ambrosiana und Vatikana zubrachten, wissen Wir zu gut, wie wertvoll es ist, diese neue Bibliothek mit Hilfsmitteln auszustatten, mit denen Lehrer und Schüler das Wissen um den Orient aus zwar mitunter verborgenen und unbekannten, aber reichen Quelladern schöpfen und zum Nutzen der Öffentlichkeit weiterleiten können. Wir fühlen zwar voraus, dass nicht wenige und nicht geringe Schwierigkeiten kommen werden. Aber Wir wollen Uns durch keine Schwierigkeiten schrecken lassen. Ganz werden Wir Uns einsetzen, alles heranzuschaffen, was Land, Sitte, Sprache, Ritus des Ostens betrifft. Dankbar sind Wir allen, die aus Liebe zum Statthalter Christi Uns bei diesem großen Werke nach Kräften helfen, sei es, dass sie eine Spende stiften, sei es, dass sie Bücher, Handschriften, Tafeln und sonstige ähnliche Denkmäler und Überreste des Orients beisteuern.

Das Ziel des Einen Schafstalls unter Einem Hirten

14 Das ist denn Unsere große Hoffnung: Wenn die Völker des Ostens die vielen glänzenden Denkmäler der Frömmigkeit, Wissenschaft, Kunst ihrer Vorfahren mit eigenem Auge sehen, kann allein schon ihnen sagen, wie hoch in Ehren die wahre, bleibende, rechtmäßige "Orthodoxie" bei der Römischen Kirche steht und wie gewissenhaft treu man sie da bewahrt, verteidigt, verbreitet. Alles dies wird - so darf man hoffen- als ganz starker Beweis bei ihnen durchschlagen. Und wenn dann zum gegenseitigen wissenschaftlichen Verkehr Christenliebe entscheidend hinzutritt, warum sollten nicht gar manche im Osten auf den Ruhm ihrer Vergangenheit zurückgreifen, Vorurteile ablegen und zur ersehnten Einheit heimzukehren verlangen? Das Glaubensbekenntnis auf das diese Einheit sich stützt, ist nicht krüppelhaftes, sondern, wie es sich für echte Christusjünger gehört, die sich in Einem Schafstall unter Einem Hirten zusammenfinden sollten, ohne Lücke und ohne Heimlichkeit.

Arten von wissenschaftlicher Arbeit

15 Dass dieser frohe Tag endlich einmal der christlichen Welt aufleuchte, das erflehen Wir mit Sehnsucht und inständigem Gebet von Gott dem Herrn. Inzwischen mag es, ehrwürdige Mitbrüder, vielleicht geraten sein, anzugeben, in welcher Art zur Zeit Unser Orientalisches Institut im Einvernehmen mit Uns Fleiß und Mühe seinem großen Werke widmet. Es sind zwei Arten von wissenschaftlicher Arbeit, in denen sich die Regsamkeit der Professoren auswirkt. Die eine hält sich gewissermaßen innerhalb der Schranken des Hauses. Die andere geht in die Öffentlichkeit durch Herausgabe von Denkmälern des christlichen Ostens, die entweder noch unerforscht oder durch die Unbill der Zeit verschüttet waren.

Vorlesungen

16 Was den Unterricht der jungen Leute angeht, so ist es Uns - abgesehen von der dogmatischen Theologie der Andersgläubigen und der Behandlung der orientalischen Kirchenväter sowie alles dessen, was der methodisch-wissenschaftliche Betrieb der Orientkunde oder Geschichte, Liturgie, Archäologie und andere heilige Wissenschaften und ihre verschiedenen Volkssprachen erfordern -, so ist es Uns, sagen Wir, eine besonders liebe Freude mitzuteilen, das Wir den byzantinischen Vorlesungen auch islamische - in romanischen Universitäten bisher wohl etwas Unerhörtes - endlich hinzufügen konnten. Die göttliche Vorsehung hat es nämlich in ihrer einzig großen Güte gefügt, dass Wir mit den Vorlesungen in diesem gewiss nützlichen Lehrfaches, nach langdauernden Studien mit Gottes Gnade katholisch wurde und sich zum Priester weihen ließ. Dieser schien Uns besonders geeignet zu sein, alle diejenigen Alumnen, die bei seinen Volksgenossen in der Seelsorge tätig sein sollen, darüber zu unterweisen, wie bei den einfacheren Leuten und bei den Gebildeten die Sache des Einen unteilbaren Gottes sowie des Gesetzes des Evangeliums mit Glück vertreten werden soll.

"Orientalia Christiana"

17 Ebenso wichtig für die Verbreitung des Katholizismus und für die Pflege der rechtmäßigen Einheit unter den Christgläubigen sind die Werke, die vom Orientalischen Institut herausgegeben und veröffentlicht werden. Die Bände gehen unter dem Titel "Orientalia Christiana". Sie sind meistens von den Professoren des Instituts, zum Teil auch von einigen andern sehr guten sehr guten Kennern des Orients unter dem Namen des Instituts verfasst. Bereits innerhalb dieser wenigen Jahre herausgegeben, legen sie frühere oder jetzige, unseren Landsleuten meist unbekannte Zustände dieses oder jenes Volkes dar. Oder auf Grund bisher entlegener Urkunden verbreiten sie neues Licht über die Religionsgeschichte des Ostens. Auch berichten sie über die Beziehungen orientalischer Mönche und Patriarchen zum Apostolischen Stuhle und von der Sorge der Päpste für den Schutz ihrer Rechte und Werte. Sie stellen zusammen und vergleichen die theologischen Auffassungen der Andersgläubigen über die Sakramente und die Kirche selbst gegenüber der katholischen Wahrheit. Ferner erläutern und erklären sie auch orientalische Handschriften. Schließlich, um nicht zu weitschweifig zu werden, es gibt nichts, was zur heiligen Wissenschaft in Beziehung steht oder irgend eine Verwandtschaft mit dem Kultus der Orientalen zeigt - beispielshalber die griechischen Spuren in Unteritalien -, nichts Derartiges, was für die sorgfältigen Studien dieser Gelehrten gleichgültig wäre.

"Kommt, alles ist bereit" (Lk 14, 17)

18 Es ist eine tiefenhafte Arbeit, die man hauptsächlich zum Nutzen des Ostens übernommen hat. Wer sie geistig auf sich wirken lässt, sollte sich der bei dieser Sachlage nicht zu starker Hoffnung aufraffen, der gütige Erlöser der Menschheit, Christus Jesus, werde Mitleid haben mit dem beklagenswerten Falle so vielen längst vom rechten Wege weit abgeirrter Menschen, werde Unserem gnädig sein und endlich seine Schafe in Einen Schafstall unter Leitung Eines Hirten zurückholen? Das darf man um so mehr hoffen, da bei jenen Völkern ein so großer Teil der göttlichen Offenbarung auf gewissenhafteste bewahrt wurde und dort ehrliche Gefolgschaft gegen Christus de Herrn, ganz besonderer Liebe und Ehrfurcht gegen seine unversehrte Mutter und der Empfang der Sakramente selbst lebendig blieb. Um das Werk der menschlichen Erlösung zu vollenden, wollte Gott sich in seiner Güte der Beihilfe der Menschen, zumal der Priester, bedienen. Was bleibt noch übrig, ehrwürdige Mitbrüder, als dass Wir Euch, so innig Wir nur können, wieder und wieder drängen und beschwören, Ihr möchtet, eins mit Uns, nicht nur innerlich zustimmen, sondern auch Eifer und Arbeit einsetzen, damit um so schneller jener ersehnte Tag strahlend aufgehe, an dem Wir von den Griechen, Slawen, Rumänen und den andern orientalischen Nationen nicht nur einige wenige, sondern recht viele als Kinder begrüßen, die bislang von Uns getrennt waren und nunmehr der alten, trauten Gemeinschaft mit der Römischen Kirche wieder gegeben sind. Indem Wir aber erwägen, was Wir für das Heranreifen solcher Freude mit Gottes Hilfe unternommen haben und vollenden wollen, Machten Wir glauben, Wir dürfen Uns mit jenem Hausvater vergleichen, dem Christus der Herr die Bitte an die eingeladenen Gäste in den Mund legt: "Kommt, alles ist bereit" (Lk 14, 17). Dieses Wort wenden Wir hier an und mahnen Euch, ehrwürdige Mitbrüder, insgeheim und einzeln eindringlich, Ihr möget die Orientkunde auf jede Weise fördern und mit Uns alle seelische Kraft aufbieten zur Vollendung dieses wichtigen Werkes. Und so werden Wir, nach schließlicher Beseitigung aller Hindernisse der ersehnten Einheit, mit der Huld der seligen Jungfrau und Unbefleckten Gottesmutter und der heiligen Väter und Lehrer des Morgen- und Abendlandes sie als Brüder und Kinder in die Arme schließen. Gar so lange waren sie von uns getrennt. Endlich kehren sie doch einmal heim in ihr Vaterhaus. Sie bleiben eng verbunden mit Uns in jener Liebe, deren feste Grundlage und Stütze die Wahrheit ist und die volle Bejahung des christlichen Gesetzes.

Segen

Dass Unserem Beginnen glücklicher Ausgang und Erfolg möge beschieden sein, spenden Wir als Unterpfand der göttlichen Gaben und als Zeugen Unseres väterlichen Wohlwollens Euch, ehrwürdige Mitbrüder, und der gesamten, Eurer Sorge anvertrauten Herde liebevoll den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom bei St. Peter, den 8. September, am Feste Mariä Geburt 1928,

im siebten Jahre Unseres Pontifikates.

Papst Pius XI.

Anmerkungen

  1. Denifle-Chatelain, Chartul. Univ. Paris., Bd. 2, Nr. 857
  2. Mansi, Bd. 24, Sp. 128
  3. Opus maius, dritter Teil
  4. Denifle-Chatelain, Chartul. Univ. Paris., Bd. 2, Nr. 695
  5. Papst Benedikt XV., Motu proprio "Orientis catholici" vom 15. Oktober 1917, Acta Ap. Sedis IX [1917] Nr. 11, S. 531-533
  6. Papst Benedikt XV., Apostolisches Schreiben "Quod nobis" vom 25. September 1920; Acta Ap. Sedis XII [1920] Nr. 11, S. 440-441
  7. "Decessor noster", Acta Ap. Sedis XIV [1922] Nr. 15, S. 545-546

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