Schreiben von Papst Franziskus an die Bischöfe der Vereinigten Staaten von Amerika am 1. Januar 2019

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Schreiben

von Papst
Franziskus
An die Bischöfe der Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten von Amerika
(die an den geistlichen Exerzitien im Chicagoer »Mundelein Seminary« teilnehmen [2. bis 8. Januar 2019])
Thema: Die Missbrauchskultur schadet der Glaubwürdigkeit der Kirche
1. Januar 2019

(Quelle: Osservatore Romano 18. Januar 2019, S. 8+9; Orig. span. in O.R. 4.1.2019)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Liebe Brüder !

Am vergangenen 13. September, im Rahmen meiner Begegnung mit dem Präsidium der Bischofskonferenz, habe ich Euch vorgeschlagen, gemeinsame geistliche Exerzitien zu halten: eine Zeit der Einkehr, des Gebets und der Entscheidungsfindung als notwendiger und grundlegender Schritt auf dem Weg zur Bewältigung der Glaubwürdigkeitskrise, die Ihr als Kirche durchlebt, und um aus dem Evangelium heraus auf sie zu antworten. Wir sehen es im Evangelium: In den wichtigen Augenblicken seiner Sendung zog der Herr sich zurück und verbrachte die ganze Nacht im Gebet und lud seine Jünger ein, es ihm gleichzutun (vgl. Mk 14,38). Wir wissen, dass angesichts der Schwere des Geschehenen keine Antwort oder Haltung angemessen ist; dennoch verlangt sie von uns Hirten die Fähigkeit und vor allem die Weisheit, ein Wort auszusprechen, das Frucht aufrichtigen, betenden und gemeinschaftlichen Hörens auf das Wort Gottes und den Schmerz unseres Volkes ist. Ein Wort, das aus dem Gebet des Hirten hervorgeht, der wie Mose für sein Volk kämpft und Fürsprache hält (vgl. Ex 32,30-32).

Bei der Begegnung habe ich Kardinal DiNardo sowie den anwesenden Bischöfen meinen Wunsch zum Ausdruck gebracht, Euch persönlich ein paar Tage bei diesen geistlichen Exerzitien zu begleiten, was mit Freude und Hoffnung angenommen wurde. Als Nachfolger Petri wollte ich mich Euch anschließen und mit Euch den Herrn bitten, seinen Geist zu senden, der fähig ist, alles neu zu machen (vgl. Offb 21,5) und die Lebenswege zu zeigen, die wir als Kirche für das Wohl des ganzen Volkes, das uns anvertraut ist, beschreiten sollen. Trotz aller Bemühungen kann ich Euch aufgrund logistischer Probleme nicht persönlich begleiten. Dieses Schreiben soll in gewisser Weise die leider nicht mögliche Reise ersetzen. Ich freue mich auch, dass Ihr das Angebot angenommen habt, dass der Prediger des Päpstlichen Hauses die geistlichen Exerzitien mit seiner weisen geistlichen Erfahrung leitet.

Mit diesen Zeilen möchte ich Euch näher sein und als Bruder über einige Aspekte, die ich für wichtig halte, nachdenken, sie Euch mitteilen und Euch auch anspornen im Gebet und in den Schritten, die Ihr im Kampf gegen die »Kultur des Missbrauchs« und zur Bewältigung der Glaubwürdigkeitskrise unternehmt.

»Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein« (Mk 10,43-44). Diese Worte, mit denen Jesus die Diskussion abschließt und die Empörung deutlich macht, die unter den Jüngern entsteht, als sie hören, dass Jakobus und Johannes darum bitten, rechts und links neben dem Meister zu sitzen (vgl. Mk 10,37), sollen uns als Leitfaden in dieser Reflexion, die ich zusammen mit Euch vornehmen möchte, dienen.

Das Evangelium zeigt keine Scheu, gewisse Spannungen, Widersprüche und Reaktionen, die im Leben der ersten Jüngergemeinde vorhanden sind, zu enthüllen und hervorzuheben – ja es scheint dies sogar ausdrücklich zu wollen: Streben nach den ersten Plätzen, Eifersucht, Neid, undurchsichtige Machenschaften. Ganz zu schweigen von Intrigen und Komplotten, die – manchmal insgeheim, manchmal öffentlich – von Seiten der politischen, religiösen und wirtschaftlichen Autoritäten der damaligen Zeit um die Botschaft und die Person Jesu herum geschmiedet wurden (vgl. Mk 11,15-18). Diese Konflikte nahmen zu, je näher die Stunde der Selbsthingabe Jesu am Kreuz rückte, als der Fürst dieser Welt, die Sünde und die Korruption das letzte Wort zu haben schienen und alles mit Bitterkeit, Misstrauen und Missgunst verseuchte.

Wie der greise Simeon prophezeit hatte, können schwierige und kritische Momente die geheimen Gedanken, Spannungen und Widersprüche ans Licht bringen, die bei beiden Jüngern persönlich und gemeinschaftlich vorhanden sind (vgl. Lk 2,35). Keiner ist davon ausgenommen; wir sind als Gemeinschaft aufgefordert zu wachen, damit unsere Entscheidungen, Optionen, unser Handeln und unsere Absichten in jenen Momenten nicht (oder möglichst wenig) von diesen inneren Konflikten und Spannungen verdorben werden, sondern eine Antwort an den Herrn sind, der Leben für die Welt ist. In den Augenblicken der größten Erschütterung ist es wichtig zu wachen und die Geister zu unterscheiden, um ein Herz zu haben, das frei ist von Verpflichtungen und scheinbaren Gewissheiten, um zu hören, was dem Herrn in der uns anvertrauten Sendung gefällt. Viele Werke können nützlich, gut und notwendig sein und auch richtig erscheinen, aber nicht alles hat den »Geschmack« des Evangeliums. Um es umgangssprachlich zu sagen: Wir müssen aufpassen, dass »das Heilmittel nicht mehr Schaden anrichtet als die Krankheit«. Und dafür brauchen wir Weisheit, Gebet, viel Zuhören und brüderliche Gemeinschaft.

»Bei euch aber soll es nicht so sein«

1. In den letzten Jahren wurde die Kirche in den Vereinigten Staaten von zahlreichen Skandalen heimgesucht, die ihre Glaubwürdigkeit zutiefst erschüttern. Es waren Zeiten der Unruhe im Leben vieler Opfer, die in ihrem Fleisch Machtmissbrauch, Gewissensmissbrauch und sexuellen Missbrauch von Seiten geweihter Amtsträger, geweihter Männer, geweihter Frauen sowie gläubiger Laien erlitten haben; aber Zeiten der Unruhe und des Leidens auch für ihre Familien und für das ganze Gottesvolk.

Die Glaubwürdigkeit der Kirche wurde durch diese Sünden und Verbrechen, besonders aber durch den Willen, sie zu verleugnen und zu verheimlichen, stark in Frage gestellt und geschwächt, was bei den Gläubigen ein großes Gefühl der Unsicherheit, des Misstrauens und der Verletzlichkeit hervorgerufen hat. Die Vertuschung, die, wie wir wissen, weit davon entfernt ist, die Konflikte zu lösen, hat diese schwären lassen und das Netzwerk der Beziehungen, das wir heute aufgerufen sind zu heilen und wiederherzustellen, noch tiefer verletzt.

Wir sind uns bewusst, dass die begangenen Sünden und Verbrechen sowie all ihre Auswirkungen auf kirchlicher, gesellschaftlicher und kultureller Ebene eine Spur und eine tiefe Wunde im Herzen des gläubigen Volkes hinterlassen haben. Sie haben es mit Fassungslosigkeit, Erschütterung und Verwirrung erfüllt; und das dient einigen oft auch als Vorwand, das selbstlose Leben vieler Christen zu diskreditieren und in Frage zu stellen, die »die grenzenlose Liebe zur Menschheit deutlich machen, die der Mensch gewordene Gott uns eingegeben hat« (Evangelii gaudium, Nr. 76). Immer wenn das Wort des Evangeliums sich als unpassend oder störend erweist, erheben sich viele Stimmen, die es zum Schweigen bringen wollen, indem sie auf die Sünde und die Inkonsistenz der Glieder der Kirche und vor allem ihrer Hirten hinweisen.

Dieser Schmerz und diese Wunde haben auch die Gemeinschaft der Bischöfe stark in Mitleidenschaft gezogen und nicht die gesunden und notwendigen Auseinandersetzungen und die Spannungen hervorgebracht, die einem lebendigen Organismus zu eigen sind, sondern Spaltung und Zerstreuung (vgl. Mt 26,31b): Früchte und Eingebungen, die gewiss nicht vom Heiligen Geist kommen, sondern vom »Feind der menschlichen Natur« (Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen, Nr. 135), der mehr Vorteile aus Spaltung und Zerstreuung zieht als aus den Spannungen und aus Meinungsverschiedenheiten, die man im Leben der Jünger Christi berechtigterweise erwarten darf.

Der Kampf gegen die Kultur des Missbrauchs, die Verletzung der Glaubwürdigkeit ebenso wie die Erschütterung, die Verwirrung und die Diskreditierung der Sendung verlangen von uns einen neuen und entschlossenen Ansatz zur Lösung des Konflikts. Jesus würde zu uns sagen: »Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und ihre Großen ihre Macht gegen sie gebrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein« (Mk 10,42-43). Der Verlust der Glaubwürdigkeit verlangt einen besonderen Ansatz, denn sie lässt sich nicht durch strenge Erlasse oder die einfache Bildung neuer Kommissionen oder eine Verbesserung der Arbeitspläne zurückgewinnen, so als wären wir Leiter der Personalabteilung eines Unternehmens. Eine solche Sichtweise würde die Sendung des Hirten der Kirche letztlich auf eine rein administrative oder organisatorische Funktion im »Evangelisierungsgeschäft« reduzieren. Lasst uns Klartext reden: Viele dieser Dinge sind notwendig, aber unzureichend, denn sie können die Wirklichkeit in ihrer Vielschichtigkeit nicht erfassen und ihr begegnen und laufen letztlich Gefahr, alles auf ein organisatorisches Problem zu verkürzen.

Die Verletzung der Glaubwürdigkeit wirft auch schmerzhafte Fragen darüber auf, wie wir zueinander in Beziehung treten. Eine lebendige Struktur wurde ganz offensichtlich beschädigt und wir sind, gleichsam als Weber, aufgerufen, sie wiederherzustellen. Das setzt unsere Fähigkeit – oder Unfähigkeit – als Gemeinschaft voraus, gesunde und reife Bindungen und Räume schaffen, die die Unversehrtheit und die Privatsphäre eines jeden Menschen achten. Es setzt die Fähigkeit voraus, Menschen zusammenzuführen und sie für ein breitangelegtes gemeinsames Projekt zu begeistern, das bescheiden, solide, nüchtern und transparent ist. Und das erfordert nicht nur eine neue Form der Verwaltung, sondern eine innere Umkehr, (»metanoia«), eine Umkehr in unserer Art zu beten, in unserem Umgang mit Macht und Geld, unsere Ausübung der Autorität zu leben und auch die Art, uns zueinander und zur Welt in Beziehung zu setzen. Veränderungen in der Kirche haben immer zum Ziel, eine beständige missionarische und pastorale Umkehr hervorzurufen und anzuspornen, die neue kirchliche Wege öffnet, die immer mehr dem Evangelium entsprechen und daher die Würde des Menschen achten. Der programmatische Aspekt unseres Handelns muss begleitet sein vom paradigmatischen Aspekt, der den zugrundeliegenden Geist und Sinn zum Ausdruck bringt. Beide sind miteinander verbunden. Ohne diese klare und entschiedene Ausrichtung läuft alles Handeln Gefahr, von Selbstbezogenheit, Selbstbewahrung und Selbstverteidigung verdorben und daher von Anfang an zum Scheitern verurteilt zu sein. Unsere Bemühungen mögen zwar gut strukturiert und organisiert sein, werden aber keine Kraft besitzen, die aus dem Evangelium kommt, denn sie werden uns nicht helfen, eine Kirche zu sein, die glaubwürdig Zeugnis ablegt, sondern »dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke« (1 Kor 13,1).

Kurz gesagt, eine neue Zeit der Kirche braucht Bischöfe, die andere darin unterweisen können, Gottes Gegenwart in der Geschichte seines Volkes zu erkennen, und nicht nur Verwalter. Denn Ideen werden diskutiert, aber über Le­benssituationen muss eine Entscheidungsfindung stattfinden. Daher besteht inmitten der Empörung und Verwirrung, die es in unseren Gemeinden gibt, unsere erste Pflicht darin, eine gemeinsame Unterscheidung der Geister zu fördern anstatt nach einer relativen Ruhe zu streben, die Frucht menschlicher Kompromisse oder einer demokratischen Abstimmung ist, aus der einige als »Gewinner« hervorgehen und andere nicht. Nein! Es geht darum, einen kollegialen und väterlichen Weg zu finden, die gegenwärtige Situation anzunehmen, der die unserer Obhut anvertrauten Menschen davor schützt, die Hoffnung zu verlieren und sich geistlich verlassen zu fühlen (vgl. Jorge M. Bergoglio, Las cartas de la tribulación, Nr. 12, Hrg. Diego De Torres, Buenos Aires, 1987). Dadurch werden wir uns besser in die Wirklichkeit hineinbegeben und sie von innen heraus verstehen und anhören können, ohne uns von ihr vereinnahmen zu lassen.

Wir wissen, dass Zeiten der Erschütterung und der Prüfung unsere brüderliche Gemeinschaft bedrohen, aber wir wissen auch, dass sie zu Zeiten der Gnade werden können, die unsere Hingabe an Christus stärken und sie glaubwürdig machen. Diese Glaubwürdigkeit gründet nicht in uns selbst, in unseren Erklärungen oder Verdiens­ten oder in unserem persönlichen oder kollektiven guten Ruf. All diese Dinge sind Zeichen für unseren – fast immer unbewussten – Versuch, uns auf der Grundlage unserer eigenen Stärke und Fähigkeiten (oder des Unglücks anderer) zu rechtfertigen. Die Glaubwürdigkeit ist Frucht des einen Leibes, der sich als sündig und begrenzt erkennt und so in der Lage ist, die Umkehr zu verkünden. Denn wir wollen nicht uns selbst verkünden, sondern den, der für uns gestorben ist (vgl. 2 Kor 4,5) und bezeugen, dass der Herr sich in den dunkelsten Augenblicken unserer Geschichte zeigt, Wege öffnet und Balsam auf unseren entmutigten Glauben, unsere wankende Hoffnung und unsere erkaltende Liebe gießt.

Das persönliche und gemeinschaftliche Bewusstsein um unsere Grenzen ruft uns in Erinnerung, was der heilige Johannes XXIII. sagte: »Dennoch darf man nicht glauben, die Autorität sei an keine Norm gebunden« (Pacem in terris, Nr. 27). Sie darf in ihrer Entscheidungsfindung und in der Suche nach dem Gemeinwohl nicht unnahbar sein. Ein Glaube und ein Bewusstsein, denen der Bezug zur Gemeinschaft fehlt, wäre gleichsam ein »kantischer Transzendentalismus«, der letztlich »einen Gott ohne Christus, einen Christus ohne Kirche, eine Kirche ohne ihr Volk« verkündigt. Er wurde einen falschen und gefährlichen Gegensatz zwischen dem persönlichen und dem kirchlichen Leben herstellen, zwischen einem Gott, der reine Liebe ist, und dem leidenden Fleisch Christi. Noch schlimmer, er könnte Gott zu einem »Götzen« einer bestimmten Gruppierung machen. Der beständige Bezug zur universalen Gemeinschaft sowie zum Lehramt und zur jahrtausendealten Überlieferung der Kirche bewahrt die Gläubigen davor, irgendeine Gruppierung, eine historische Periode oder eine Kultur innerhalb der Kirche zu verabsolutieren. Die Katholizität liegt auch in unserer Fähigkeit als Hirten, zu lernen, einander zuzuhören, zu helfen und sich helfen zu lassen, gemeinsam zu arbeiten und die Reichtümer anzunehmen, die die anderen Kirchen zu unserer Nachfolge Jesu Christi beitragen können. Die Katholizität in der Kirche kann nicht nur auf nur eine Frage der Lehre oder des Rechts verkürzt werden, sondern sie ruft uns in Erinnerung, dass wir keine einsamen Pilger sind: »Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit« (1 Kor 12,26).

Dieses kollegiale Bewusstsein, Sünder zu sein, die beständig der Umkehr bedürfen, jedoch tief erschüttert und betrübt darüber sind, was geschehen ist, gestattet es uns, in liebevolle Gemeinschaft zu unserem Volk zu treten. Das wird uns davon befreien, falsche, unnütze und leere Formen des Triumphalismus zu suchen, Räume verteidigen statt Prozesse in Gang setzen wollen. Es wird uns auch davor schützen, auf beruhigende Sicherheiten zurückzugreifen, die uns daran hindern, uns dem Ausmaß und der Tragweite des Geschehenen zu nähern und es zu begreifen. Es wird auch dazu beitragen, geeignete Mittel zu suchen, die frei sind von falschen Voraussetzungen oder rigiden Formulierungen, die nicht mehr in der Lage sind, zu den Männer und die Frauen unserer Zeit zu sprechen und ihr Herz zu bewegen (vgl. Paul VI., Ecclesiam suam, Nr. 39).

Die liebevolle Gemeinschaft mit den Empfindungen unseres Volkes, mit seiner Niedergeschlagenheit, drängt uns, eine kollegiale geistliche Vaterschaft auszuüben, die keine banalen Antworten gibt und auch nicht in einer defensiven Haltung verharrt, sondern vielmehr versucht zu lernen – wie der Prophet Elija es in all seinem Leiden tat –, die Stimme des Herrn zu hören, der weder im Sturm noch im Erdbeben gegenwärtig ist, sondern in der Ruhe, die aus der Anerkennung des Schmerzes in seiner gegenwärtigen Situation entsteht und daraus, dass wir uns vom Wort Gottes neu ermahnen lassen (vgl. 1 Kön 19,9-18).

Diese Haltung verlangt von uns die Entscheidung, in den Beziehungen zueinander einen »modus operandi« aufzugeben, der aus Verunglimpfung, Diskreditierung, der Annahme einer Opferrolle oder Schelte besteht und im Gegensatz dazu der sanften Brise Raum zu geben, die nur das Evangelium uns schenken kann. Wir dürfen nicht vergessen: »Wenn es keine aufrichtige, erlittene und durchbetete Anerkennung unserer Grenzen gibt, wird die Gnade im Grunde daran gehindert, wirksam in uns tätig zu sein. Denn es wird ihr kein Raum gelassen, um gegebenenfalls das Gut zu entwickeln, das zu einem ehrlichen und echten Wachstumsprozess beiträgt« (Franziskus, Gaudete et exsultate, Nr. 50). Lasst uns versuchen, den Teufelskreis gegenseitiger Schuldzuweisungen, Unterminierungen und Diskreditierungen zu durchbrechen, indem wir Klatsch und Verleumdung vermeiden, um zur betenden und reumütigen Annahme unserer Begrenztheit und unserer Sünden zu gelangen sowie zur Förderung des Dialogs, der Auseinandersetzung und der Entscheidungsfindung. Das wird uns bereit machen, Wege zu finden, die dem Evangelium entsprechen und die die Versöhnung und die Glaubwürdigkeit erwecken und fördern, die unser Volk und unsere Sendung von uns verlangen. Das werden wir tun, wenn wir es schaffen, unsere eigene Verwirrung und Unzufriedenheit, die Hindernisse für die Einheit darstellen, nicht länger auf andere zu projizieren (vgl. Evangelii gaudium, Nr. 96), und wenn wir es wagen, gemeinsam vor dem Herrn niederzuknien und uns von seinen Wunden, in denen wir die Wunden der Welt sehen, herausfordern zu lassen. »Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und ihre Großen ihre Macht gegen sie gebrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein.«

»Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein«

2. Das gläubige Gottesvolk und die Sendung der Kirche leiden weiterhin sehr unter den Auswirkungen des Machtmissbrauchs, des Gewissensmissbrauchs, des sexuellen Missbrauchs und des schlechten Umgangs mit ihnen, ebenso wie unter dem Schmerz, einen Episkopat zu sehen, dem es an Einheit mangelt und der mehr darauf ausgerichtet ist, mit dem Finger auf andere zu zeigen als Wege zur Versöhnung zu finden. Diese Situation zwingt uns, den Blick auf das Wesentliche zu richten, uns von all dem zu befreien, das einem klaren Zeugnis für Evangelium Jesu Christi im Wege steht.

Heute wird von uns eine neue Gegenwart in der Welt verlangt, die dem Kreuz Christi entspricht und im Dienst an den Männern und an den Frauen unserer Zeit konkrete Gestalt annehmen muss. Ich denke an die Worte des heiligen Paul VI. zu Beginn seines Pontifikats: »Wir müssen Brüder der Menschen werden in demselben Augenblick, wo wir ihre Hirten, Väter und Lehrer sein wollen. Das Klima des Dialogs ist die Freundschaft, ja der Dienst. An all das müssen wir uns erinnern und uns bemühen, es in die Tat umzusetzen, nach dem Beispiel und Gebot, das Chris­tus uns hinterließ (Joh 13,14-17)« (Ecclesiam suam, Nr. 39). Diese Haltung ist nicht auf Respekt oder Erfolg bedacht und sucht nicht den Beifall für unser Handeln, sondern sie erfordert, dass wir als Hirten wirklich die Entscheidung treffen, ein Samenkorn zu sein, das wachsen wird, wann und wo der Herr es bestimmt. Diese Entscheidung wird uns davor bewahren, in die Falle zu geraten, den Wert unserer Bemühungen nach Kri­terien der Funktionalität und der Effizienz zu bemessen, die in der Geschäftswelt herrschen. Der Weg, den wir beschreiten müssen, besteht vielmehr darin, uns zur Wirkkraft und zur verwandelnden Macht des Reiches Gottes hin zu öffnen, das wie ein Senfkorn – das kleinste und unbedeutendste aller Samenkörner – zu einem Baum werden kann, in dem die Vögel des Himmels nisten (vgl. Mt 13,32-33). Inmitten des Sturmes dürfen wir nie den Glauben an die stille, tägliche und wirksame Kraft des Heiligen Geistes verlieren, die im Herzen der Menschen und der Geschichte am Werk ist.

Glaubwürdigkeit entsteht aus Vertrauen, und Vertrauen entsteht aus dem aufrichtigen und täglichen, demütigen und großherzigen Dienst an allen, vor allem aber an denen, die der Herr besonders liebt (vgl. Mt 25,31-46). Dieser Dienst soll kein Marketingplan und keine reine Strategie sein, um das verlorene Prestige zurückzuerlangen oder nach Anerkennung zu streben, sondern er gehört vielmehr – wie ich im kürzlich veröffentlichten Apostolischen Schreiben Gaudete et exsultate gesagt habe –, zum »pulsierenden Herz des Evangeliums« (Nr. 97).

Der Ruf zur Heiligkeit bewahrt uns davor, in falsche Gegensätze oder verkürzte Denkweisen zu geraten und zu schweigen angesichts einer Atmosphäre, die zu Hass und Ablehnung, zu Uneinigkeit und Gewalt unter Brüdern und Schwes­tern neigt. Die Kirche, »Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit« (Lumen gentium, Nr. 1), trägt in ihrem Herzen und in ihrer Seele die heilige Sendung, ein Ort der Begegnung und der Annahme zu sein – nicht nur für ihre Glieder, sondern für die ganze Menschheit. Es ist Teil ihrer Identität und ihrer Sendung, sich unermüdlich einzusetzen für all das, was sie zur Einheit zwischen Menschen und Völkern beitragen kann als Symbol und Sakrament der Hingabe Christi am Kreuz für alle Menschen ohne jeglichen Unterschied: »Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus« (Gal 3,28).

Das ist der größte Dienst, den sie anbietet, vor allem heute, da wir miterleben, wie brandstiftende Rhetorik und alte und neue Vorurteile wiedererstehen. Unsere Gemeinden müssen heute auf konkrete und schöpferische Weise bezeugen, dass Gott der Vater aller ist und dass wir in seinen Augen alle seine Söhne und Töchter sind. Unsere Glaubwürdigkeit hängt auch davon ab, in welchem Maße wir dazu beitragen, zusammen mit anderen ein soziales und kulturelles Gefüge zu stärken, das nicht nur Gefahr läuft, sich aufzulösen, sondern das auch neue Formen des Hasses enthält und fördert. Als Kirche dürfen wir uns nicht von der einen oder anderen Seite vereinnahmen lassen, sondern müssen darauf achten, stets bei den Schwächeren zu beginnen. Lasst uns mit den Worten des Eucharistischen Hochgebets den Herrn bitten, »inmitten einer zerrissenen Welt ein Werkzeug im Dienst der Einheit« zu sein (Hochgebet für besondere Anliegen, IV)

Welch eine hohe Aufgabe ist uns anvertraut, Brüder; wir dürfen sie nicht verschweigen oder herunterspielen aufgrund unserer Begrenztheit und Fehler! Ich erinnere an die weisen Worte von Mutter Teresa von Kalkutta, die wir als Einzelne und gemeinsam wiederholen können: »Ja, ich habe viele menschliche Schwächen, viele menschliche Armseligkeiten. […] Aber er erniedrigt sich und bedient sich unser – deiner und meiner –, damit wir seine Liebe und sein Mitleid in der Welt sind, trotz unserer Sünden, trotz unserer Armseligkeiten und unserer Fehler. Er hängt von uns ab, um die Welt zu lieben und ihr zu zeigen, wie sehr er sie liebt. Wenn wir uns zu sehr um uns selbst kümmern, bleibt uns keine Zeit für die anderen« (Mutter Teresa von Kalkutta, Cristo en los Pobres, Madrid 1981, S. 37-38. Franziskus, Gaudete et exsultate, Nr. 107).

Liebe Brüder, der Herr wusste sehr gut, dass in der Stunde des Kreuzes Mangel an Einheit ebenso wie Spaltung und Zerstreuung sowie Versuche, jener Stunde zu entfliehen, die größten Versuchungen sein würden, denen seine Jünger gegenüberstehen würden – Haltungen, die die Sendung entstellen und behindert würden. Darum hat er selbst den Vater gebeten, über sie zu wachen, damit sie in jenen Zeiten eins sein würden wie er und der Vater eins sind und keiner von ihnen verlorengehen möge (vgl. Joh 17,11-12). Indem wir uns vertrauensvoll in das Gebet Jesu zum Vater hineinnehmen lassen, wollen wir von ihm lernen und diese Zeit des Gebets, der Stille und der Reflexion, des Dialogs und der Gemeinschaft, des Hörens und der Entscheidungsfindung fest entschlossen beginnen. So gestatten wir ihm, unsere Herzen nach seinem Bild zu formen und uns zu helfen, seinen Willen zu entdecken.

Auf diesem Weg sind wir nicht allein. Maria hat von Anfang an die Jüngergemeinde begleitet und gestützt. Durch ihre mütterliche Gegenwart hat sie dazu beigetragen, dass die Gemeinde nicht die Orientierung verliert, indem sie sich in geschlossene Gruppen spaltet oder meint, sie könne sich selbst erlösen. Sie hat die Jüngergemeinde vor geistlicher Isolierung bewahrt, die zur Selbstbezogenheit führt. Durch ihren Glauben hat sie den Jüngern geholfen, inmitten aller Ratlosigkeit beharrlich zu bleiben im Vertrauen darauf, dass das Licht Gottes kommen werde. Wir wollen sie bitten, uns vereint und beharrlich im Glauben zu bewahren, wie am Pfingsttag, auf dass der Heilige Geist in unsere Herzen ausgegossen werde und uns zu jeder Zeit und an jedem Ort helfe, Zeugnis zu geben von der Auferstehung.

Liebe Brüder, mit diesen Gedanken bin ich mit Euch vereint in diesen Tagen der geistlichen Einkehr. Ich bete für Euch; bitte tut es auch für mich. Möge der Herr Euch segnen und die allerseligste Jungfrau Maria Euch behüten.

Aus dem Vatikan, am 1. Januar 2019
Brüderlich Franziskus
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