Schreiben von Papst Franziskus an die chilenischen Bischöfe am 8. April 2018

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Schreiben

von Papst
Franziskus
an die Bischöfe von Chile
infolge des Berichts von Erzbischof Charles Scicluna (zur Krise durch sexuellen Missbrauch‎)
8. April 2018

(Quelle: Osservatore Romano 27. April 2018, S. 9; Orig. span.; ital. in OR. 13. April 2018)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Liebe Brüder im Bischofsamt!

Inhaltsverzeichnis

Einleitend

In der vergangenen Woche habe ich die letzten Dokumente empfangen, die den Bericht ergänzen, den mir meine beiden Sondergesandten in Chile am 20. März 2018 überreicht haben und der insgesamt über 2.300 Seiten umfasst. Das veranlasst mich, Euch diesen Brief zu schreiben. Ich versichere Euch meines Gebets und möchte mit Euch die Überzeugung teilen, dass die gegenwärtigen Schwierigkeiten auch eine Gelegenheit sind, das Vertrauen in die Kirche wiederherzustellen – ein Vertrauen, das durch unsere Fehler und Sünden zerstört wurde – und die Wunden zu heilen, die in der Gesamtheit der chilenischen Gesellschaft nicht aufhören zu bluten.

Gebrochene Seelen

Ohne den Glauben und ohne das Gebet ist die Brüderlichkeit unmöglich. Daher unterbreite ich Euch an diesem 2. Sonntag der Osterzeit, dem Barmherzigkeitssonntag, diese Reflexion mit dem Wunsch, dass jeder von Euch mich begleiten möge auf dem inneren Weg, den ich in den letzten Wochen beschreite, auf dass der Heilige Geist uns mit seiner Gabe leiten möge, und nicht unsere Interessen oder, noch schlimmer, unser verletzter Stolz.

Manchmal, wenn solche Übel unsere Seele zerbrechen und uns mutlos, erschrocken und in unsere bequemen »Winterpaläste« verschanzt der Welt aussetzen, dann kommt die Liebe Gottes uns entgegen und läutert unseren Willen, um als freie, reife und kritische Menschen zu lieben. Wenn die Kommunikationsmittel uns beschämen, indem sie eine Kirche präsentieren, die fast immer im Neumond steht, der Sonne der Gerechtigkeit beraubt (vgl. Ambrosius, Hexaemeron IV,8,32), und wir versucht sind, am österlichen Sieg des Auferstandenen zu zweifeln, dann glaube ich, dass wir wie der heilige Thomas nicht den Zweifel fürchten müssen (vgl. Joh 20,25), sondern die Anmaßung, sehen zu wollen, ohne dem Zeugnis derer zu vertrauen, die aus dem Mund des Herrn die schönste Verheißung vernommen haben (vgl. Mt 28,20). Heute möchte ich nicht über Gewissheiten zu Euch sprechen, sondern über das Einzige, das der Herr uns jeden Tag erfahren lässt: die Freude, den Frieden, die Vergebung unserer Sünden und das Wirken seiner Gnade.

In diesem Zusammenhang möchte ich dem Erzbischof von Malta, Charles Scicluna, sowie dem Beamten der Kongregation für die Glaubenslehre, Hochwürden Jordi Bertomeu Farnós, meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen für ihren enormen Einsatz, ruhig und einfühlsam die 64 Zeugenaussagen anzuhören, die sie in jüngster Zeit sowohl in New York als auch in Santiago de Chile gesammelt haben. Ich habe sie gesandt, von Herzen und mit Demut zuzuhören. Später, als sie mir den Bericht und insbesondere ihre rechtliche und pastorale Bewertung der gesammelten Informationen übergeben haben, haben sie mir gegenüber bekannt, dass sie sich bedrückt fühlten durch den Schmerz der vielen Opfer schwerwiegenden Missbrauchs des Gewissens und der Macht und insbesondere des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch verschiedene geweihte Personen Eures Landes, der seinerzeit geleugnet wurde und ihnen sogar die Unschuld geraubt hat.

Schmerz und Scham

Denselben tiefempfundenen und herzlichen Dank müssen wir als Hirten jenen zum Ausdruck bringen, die mit Aufrichtigkeit, Mut und kirchlichem Bewusstsein um eine Begegnung mit meinen Gesandten gebeten und ihnen die Wunden ihrer Seele gezeigt haben. Erzbischof Scicluna und Hochwürden Bertomeu haben mir berichtet, dass einige Bischöfe, Priester, Diakone sowie Männer und Frauen im Laienstand aus Santiago und Osorno sich mit überwältigender Reife, Achtung und Liebenswürdigkeit in die Pfarrei »Holy Name« in New York sowie in die Niederlassung von »Sotero Sanz« in Providencia begeben haben. Andererseits gaben die Tage nach besagter Sondermission Zeugnis von einer weiteren verdienstvollen Tatsache, die wir uns bei anderen Gelegenheiten gut vor Augen halten müssen: Es wurde nicht nur die vertrauensvolle Atmosphäre bewahrt, die während der Visitation erlangt wurde, sondern man ist in keinem Augenblick der Versuchung erlegen, diese heikle Mission zu einem Medienspektakel zu machen. Diesbezüglich möchte ich den verschiedenen Organisationen und Kommunikationsmitteln für ihren professionellen Umgang mit diesem so schwierigen Fall danken, da sie das Recht der Bürger auf Information und den guten Ruf der Aussagenden geachtet haben.

Jetzt, nach einer aufmerksamen Lektüre der Protokolle dieser »Sondermission«, glaube ich sagen zu können, das alle in ihnen gesammelten Zeugnisse nüchtern, ohne Zusätze oder Verharmlosungen, von vielen gekreuzigten Leben sprechen, und ich bekenne euch, dass dies mir Schmerz und Scham bereitet.

Im Hinblick auf all diese Dinge schreibe ich Euch, die Ihr zu Eurer 115. Vollversammlung zusammengekommen seid, um demütig um Eure Zusammenarbeit und Euren Beistand zu bitten, um kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen zur Wiederherstellung der kirchlichen Gemeinschaft in Chile zu finden, mit dem Ziel, den Skandal soweit wie möglich wiedergutzumachen und die Gerechtigkeit wiederherzustellen.

Ich möchte Euch nach Rom einberufen, um über die Schlussfolgerungen der erwähnten Visitation sowie über meine eigenen Schlussfolgerungen zu sprechen. Ich stelle mir die besagte Begegnung als brüderlichen Augenblick vor, ohne Vorurteile oder vorgefasste Ideen, einzig mit dem Ziel, die Wahrheit in unserem Leben wieder erstrahlen zu lassen. Bezüglich des Termins beauftrage ich den Sekretär der Bischofskonferenz, mir die Möglichkeiten zukommen zu lassen.

Was mich betrifft, so bekenne ich – und möchte, dass Ihr es treu weitergebt –, dass ich schwerwiegende Fehler gemacht habe in der Bewertung und Wahrnehmung der Situation, besonders aus Mangel an wahrhaftiger und ausgewogener Information. Bereits jetzt bitte ich alle um Vergebung, die ich verletzt habe, und ich hoffe, dies in den kommenden Wochen auch persönlich tun zu können, in den Zusammenkünften, die ich mit Vertretern der befragten Personen abhalten werde.

»Bleibt in mir« (Joh 15,4): Diese Worte des Herrn erklingen ein ums andere Mal in diesen Tagen. Sie sprechen von persönlichen Beziehungen, von Gemeinschaft, von Brüderlichkeit, die anzieht und zusammenruft. Mit Christus vereint wie die Reben am Weinstock lade ich euch ein, in euer Gebet in den nächsten Tagen eine Großherzigkeit hineinzunehmen, die uns auf die erwähnte Begegnung vorbereitet und es später gestatten wird, die Dinge, über die wir nachgedacht haben, in konkrete Taten umzusetzen. Vielleicht wäre es sogar angemessen, die Kirche in Chile in einen Zustand des Gebets zu versetzen. Heute dürfen wir weniger denn je in die Versuchung geraten, zu viele Worte zu machen oder bei »Allgemeinheiten« zu bleiben. Blicken wir in diesen Tagen auf Christus. Blicken wir auf sein Leben und seine Gesten, vor allem dort, wo er sich mitfühlend und barmherzig zeigt mit jenen, die Fehler gemacht haben. Lieben wir die Wahrheit, bitten wir um die Weisheit des Herzens und lassen wir uns bekehren.

In Erwartung Eurer Nachricht und mit der Bitte an Bischof Santiago Silva Tetamales, den Präsidenten der Chilenischen Bischofskonferenz, das vorliegende Schreiben schnellstmöglich zu veröffentlichen, erteile ich Euch meinen Segen und bitte Euch, nicht aufzuhören, für mich zu beten.

Aus dem Vatikan, am 8. April 2018
Franziskus

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