Spiritus Domini super

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Apostolisches Schreiben
Spiritus Domini super

von Papst
Johannes Paul II.
an den Generaloberen der Kongregation des heiligsten Erlösers, Juan M. Lasso de la Vega y Miranda, zum zweihundert jährigen Gedächtnis des Todes des hl. Alfons Maria de' Liguori
Der hl. Alfons - Lehrer der Weisheit und Erneuerer der Moral
1. August 1987

(Offizieller lateinischer Text: AAS 79 [1987] 1365-1375)

(Quelle: Der Apostolische Stuhl 1987, S. 1573-1582)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


"Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe und die Zerschlagenen in Freiheit setze." (Lk 4,18; Jes 61,1). Dieser biblische Text, den Jesus, der Abgesandte des Vaters, zu Beginn seines messianischen Wirkens auf sich anwandte, und der die Liturgie des Festes vom Hl. Alfons M. de'Liguori eröffnet (vgl. die Antiphon der Eigenmesse), klingt an dem Tag besonders feierlich wieder, an dem wir das zweite Jahrhundert seit der Geburt für den Himmel dieses eifrigen Bischofs, Kirchenlehrers und Gründers der Kongregation des heiligsten Erlösers begehen.

Mit großer Freude wende ich mich heute an Sie und an alle Söhne des hl. Alfons und teile mit der ganzen Kirche die noch aktuelle Erinnerung an einen Heiligen, der zu seiner Zeit ein Lehrer der Weisheit war und durch das Beispiel seines Lebens sowie seiner Lehre weiter wie ein Widerschein Christi, des Lichtes der Völker, den Weg des Volkes Gottes erhellt.

Alfons wird in Marianella bei Neapel am 27. September 1696 geboren. Er empfängt als Erbe einer adeligen Familie eine vollständige und sorgfältige Ausbildung als Humanist und Jurist. Diese Ausbildung wird in seinem Jünglings- und Jugendalter von einer aufmerksamen und eifrigen christlichen Praxis begleitet: einer tiefen eucharistischen und marianischen Frömmigkeit, Besuchen bei den Kranken und Gefangenen, Mitleid mit den Armen und ernsthaftem Einsatz im Laienapostolat. Nach einer glänzenden Karriere am Gericht von Neapel verläßt Alfonso die Welt, um sich Gott allein zu weihen, wird am 21. Dezember 1726 zum Priester geweiht und dem Klerus von Neapel zugewiesen. Er widmet sich sofort mit äußerster Kraft einem intensiven Apostolat in den ärmsten Stadtvierteln von Neapel und läßt die sogenannten "Abendkapellen" erstarken, die zu einer Schule bürgerlicher und moralischer Weiterbildung werden. Zum Dienst in der Stadt fügt er den der Predigt in den Randgebieten des Königreiches als Mitglied der "Apostolischen Missionen" der Diözese Neapel hinzu. Diese Erfahrung, die ihn mit einer anderen, kulturell vernachlässigten und geistlich darbenden Welt in Verbindung bringt, läßt ihn die entscheidende Wahl treffen für "die verlassensten Menschen in den ländlichen Gebieten und ihren Dörfern auf dem Land". Für die Evangelisierung der Armen gründet er am 9. November 1732 in Scala (Salerno) ein missionarisches Institut: die Kongregation des heiligsten Erlösers, deren Besonderheiten vor allem die Wanderpredigt bei den Volksmissionen, das Angebot geistlicher Exerzitien und katechetische Tätigkeit sind. 30 Jahre hindurch (1732-1762) führt das Missionsapostolat Alfons dann in die verschiedensten Richtungen, wobei sich seine Entscheidung für die Armen und Kleinen noch vertieft.

Im Jahre 1762 wird er im Alter von 66 Jahren zum Bischof von S. Agata dei Goti ernannt und entfaltet in diesem neuen pastoralen Amt eine fast unglaubliche Tätigkeit in der doppelten Richtung des direkten Dienstes und des Apostolates der Feder. Geschwächt und behindert durch eine schmerzhafte deformierende Arthritis, verläßt er 1779 die Diözese und zieht sich nach Pagano (Salerno) in das Haus seines Institutes zurück, wo er unter vielen physischen und geistigen Leiden, die er in Gottes Willen ergeben erträgt, bis zu seinem Tod am 1. August 1787 im Alter von 91 Jahren bleibt.

Dieses sehr lange Leben war erfüllt von unablässiger Arbeit: Arbeit als Missionar, als Bischof, als Theologe, als geistlicher Schriftsteller, endlich als Gründer und Oberer einer Ordenskongregation.

Nach dieser kurzen chronologischen Beschreibung seines Lebens scheint es angebracht, seine Bedeutung für die Gesellschaft seiner Zeit darzulegen. Um den Bedürfnissen des Volkes Gottes entgegenzukommen, fügte er bald zum Apostolat des Wortes und dem des pastoralen Wirkens das der Feder hinzu. Es geht hier um zwei untrennbare Aspekte seines Lebens und Wirkens, die sich gegenseitig ergänzen und dem literarischen Schaffen des Heiligen einen unverwechselbaren pastoralen Charakter verleihen. Das Wirken des Schriftstellers erwächst nämlich aus der Predigt und führt zu ihr zurück in der bleibenden Ausrichtung auf das Heil der Seelen. Er beginnt seine literarische Tätigkeit mit den "Massime eterne" (Ewige Grundsätze) und den "Canzoncine spirituali" (Geistliche Lieder) und steigert sie bis zum Gipfel in seinen Bischofsjahren. Sein Schaffen zählt insgesamt 111 Titel und gilt drei Bereichen: der Moral, dem Glauben und dem geistlichen Leben.

Alfons war der Erneuerer der Moral: im Kontakt mit den Menschen, denen er im Beichtstuhl begegnete, zumal im Verlauf der Missionspredigt, revidierte er schrittweise und nicht ohne Mühe seine Denkweise und erreichte in steigendem Maße das rechte Gleichgewicht zwischen Strenge und Freiheit. Angesichts des Rigorismus, wie er oft im Sakrament der Buße, das er "Dienst der Gnade und des Verzeihens" nannte, praktiziert wurde, pflegte er zu wiederholen: "So wie der Laxismus beim Beichthören die Seele verdirbt, so schadet ihnen sehr die harte Strenge. Ich lehne gewisse Strengheiten, die nicht der Wissenschaft entsprechen, ab, weil sie zerstören und nicht aufbauen. Sündern gegenüber braucht es Liebe und Freundlichkeit, denn so war es bei Jesus Christus. Wenn wir aber Seelen zu Gott führen und retten wollen, müssen wir Jesus Christus und nicht Jansenius nachahmen, denn Christus ist das Haupt aller Missionare."[1]

In seinem Hauptwerk über Moral schrieb er unter anderem die bewundernswerten Worte: "Es ist gewiß oder kann als gewiß betrachtet werden, dass man den Menschen etwas nur dann unter schwerer Sünde auferlegen darf, wenn ein überzeugender Grund es nahelegt ... Betrachtet man die gegebene Schwäche der menschlichen Natur, stimmt es nicht immer, wenn man sagt, es wäre sicherer, die Menschen auf dem schmaleren Weg zu führen, während wir doch sehen, dass die Kirche sowohl den Laxismus als auch den Rigorismus verurteilt hat."[2]

Zweifelsohne haben die "Praxis Confessarii", der "Homo Apostolicus" und sein Haupstwerk "Moraltheologie" ihn zum Meister der katholischen Moral gemacht.

Auf dem Gebiet der Kontroverstheologie setzte er sich gegen die damals aufkommenden Bewegungen ein: den Illuminismus, der die Grundlagen des christlichen Glaubens bedrohte; den Jansenismus, der eine Gnadenlehre vertrat, die statt das Vertrauen zu nähren und zur Hoffnung anzuspornen, zur Verzweiflung führte oder umgekehrt zum Aufgeben; den Febronianismus, der als Frucht des politischen Jansenismus und des Jurisdiktionalismus die Autorität des römischen Papstes zugunsten der Herrscher und der Nationalkirchen einschränkte. Auf streng dogmatischem Gebiet muss man sagen, dass Alfons eine Gnadenlehre ausgearbeitet hat, die mit dem Gebet verbunden war und den Seelen wieder Vertrauen und Heilsoptimismus schenkte. Er schrieb unter anderem: "Gott verweigert niemandem die Gnade des Gebetes, durch das man Hilfe zur Überwindung jeder Begierde undjeder Versuchung erlangt. Ich sage und wiederhole und ich werde es immer wiederholen, solange ich lebe, dass unser ganzes Heil im Gebet liegt." Daher das berühmte Sprichwort: "Wer betet, rettet sich selbst, und wer nicht betet, verurteilt sich selbst."[3]

Die Struktur der Spiritualität des hl. Alfons läßt sich auf die beiden folgenden Elemente zurückführen: Gebet und Gnade. Das Gebet ist für den hl. Alfons nicht vorwiegend eine aszetische Übung, es ist ein radikales Bedürfnis der Natur im Zusammenhang mit der Dynamik des Heiles. Selbstverständlich läßt eine solche Sicht das Gebet in der Praxis des christlichen Lebens als "das große Heilsmittel" in seiner ganzen Wichtigkeit erscheinen. Wie die Moralwerke und die dogmatischen Schriften, ja in noch höherem Maße, kommen die geistlichen Schriften des hl. Alfons von seinem Apostolat her und ergänzen es.

Seine geistlichen Werke sind allen bekannt. Nennen wir, zeitlich geordnet, die wichtigsten: "Glorie di Maria" (Die Herrlichkeiten Mariens); "Apparecchio alla Morte" (Vorbereitung auf den Tod); "Dei grande mezzo della preghiera" (Das große Heilmittel des Gebetes); "La vera sposa die Gesu Cristo" (Die wahre Braut Christi); "Le visite al SS. Sacramento e a Maia SS.ma" (Besuch beim allerheiligsten Sakrament und bei der hl. Jungfrau); ,,Il modo di conversare continuamente e alla familiare con Dio" (Der ständige und vertrauliche Umgang mit Gott); und vor allem "Pratica di amar Gesu Cristo" (Praxis der Liebe Jesu Christi), sein aszetisches Hauptwerk und die Zusammenfassung seiner Gedanken.

Fragt man weiter nach den Eigenheiten seiner Spiritualität, kann man zusammenfassend sagen: sie ist eine Spiritualität des Volkes. Kurz: Alle sind zur Heiligkeit berufen, jeder in seinem eigenen Stand. Heiligkeit und Vollkommenheit bestehen wesentlich in der Gottesliebe, die ihren Höhepunkt und ihre Vollkommenheit in der Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes findet: nicht mit dem eines abstrakten Gottes, sondern Gottes, der Vater der Menschen ist, dem Gott des Heiles, der sich in Jesus Christus offenbart. Die christologische Dimension ist eine wesentliche Eigenart der Spiritualität des hl. Alfons, da Menschwerdung, Leiden und Eucharistie die größten Zeichen der Liebe Gottes sind. Sehr glücklich wurde daher die zweite Lesung der Stundenliturgie dem ersten Kapitel seines Werkes "Pratica di amar Gesu Cristo" (Praxis der Liebe Jesu Christi) entnommen.[4]

Alfons spricht dem sakramentalen Leben eine grundlegende Bedeutung zu, zumal der Eucharistie und dem eucharistischen Kult, bei dem die Besuchungen den typischsten Ausdruck bilden. Einen ganz besonderen Platz in der Vermittlung des Heiles nimmt die Marienverehrung ein: Maria ist Mittlerin der Gnade, Gefährtin bei der Erlösung und daher Mutter, Helferin und Königin. Tatsächlich stand Alfons immer ganz auf der Seite Mariens, vom Anfang seines Lebens an bis zum Ende.

Der Zeit seines Lebens schon ausgezeichnete Ruf des hl. Alfons wuchs nach seinem Tod in außergewöhnlicher Weise und hat sich in diesen zwei Jahrhunderten nicht vermindert. Dies ist der Grund, warum nach der von meinem Vorgänger, Papst Gregor XVI., am 26. Mai 1839 vorgenommenen Heiligsprechung beim Heiligen Stuhl Briefe eintrafen, die darum baten, dem Heiligen den Titel eines Kirchenlehrers zuzuerkennen. Das geschah dann auch durch Papst Pius IX. am 23. März 1871. Der gleiche Papst erläuterte am 7. Juli 1871 in dem Apostolischen Schreiben "Qui ecclesiae suae" den dem Heiligen verliehenen Titel eines Kirchenlehrers und sagte: "Man kann ohne weiteres in aller Wahrheit feststellen, dass es auch in unserer Zeit keinen Irrtum gibt, den nicht wenigstens größtenteils bereits Alfons zurückgewiesen hat."[5]

Die nachfolgenden Päpste haben bis in unsere Tage seinen Ruf immer anerkannt, bestätigt und verbreitet.

Papst Pius XII. verehrten Andenkens, der am 26. April 1950 dem hl. Alfons den neuen Titel "himmlischer Patron aller Beichtväter und Moraltheologen"[6] verliehen hatte, stellte am 7. April 1953 fest: "Wahre Schätze geistlichen Lebens hat der Heilige des missionarischen Eifers, der pastoralen Liebe, einer innigen eucharistischen Frömmigkeit und einer zarten Marienverehrung in seinen Schriften verbreitet; die Erleuchtungen seines Geistes und die Erhebungen seines Herzens, die einen wie die anderen genährt von himmlischer Weisheit, sind für die Seelen Lebens- und Frömmigkeitssubstanz geworden, die sich alle zu eigen machen können und die alle sanft zur Sammlung des Geistes einladen, damit sich das Herz dann leicht zu Gott erhebt."[7] Von Papst Johannes XXIII. verehrten Andenkens verdient folgender Ausspruch Erwähnung: "O heiliger Alfons, heiliger Alfons! Welcher Ruhm und welches Studienobjekt bist du für den italienischen Klerus! Uns sind sein Leben und seine Werke seit den ersten Jahren unserer kirchlichen Ausbildung vertraut."[8]

Aus dem Zeugnis der Kirchengeschichte und aus der Volksfrömmigkeit ergibt sich, dass die Botschaft des hl. Alfons weiter aktuell ist. Die Kirche legt sie heute erneut Ihnen und den geliebten Söhnen, die Mitglieder seiner Kongregation sind, sowie allen Christen vor.

Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf einige Punkte richten, die heute wohl besonders viel sagen. Der hl. Alfons war sehr beliebt beim Volk, beim einfachen Volk, bei den Menschen der Armenviertel der Hauptstadt des Königreichs Neapel, beim Volk der Kleinen, der Handwerker und vor allem der Menschen auf dem Land. Dieser Sinn für das Volk kennzeichnet das ganze Leben des Heiligen als Missionar, als Ordensgründer, als Bischof und Schriftsteller. Für das Volk überdachte er neu die Predigt, die Katechese, die Lehre der Moral und auch das geistliche Leben.

Als Missionar suchte er "die verlassensten Seelen der ländlichen Gebiete und der Dörfer auf dem Lande" auf und wandte sich an diese Leute mit den geeignetsten und wirksamsten pastoralen Mitteln. Er erneuerte die Predigt nach Methode und Inhalt und verband sie mit einer einfachen und unmittelbaren Beredsamkeit. Er sprach in dieser Form, damit alle ihn verstehen konnten. Als Gründer wollte er eine Gruppe, die nach seinem Beispiel eine radikale Entscheidung zu gungsten der am meisten Verlassenen traf und sich in ihrer Nähe fest niederließ. Als Bischof hielt er sein Haus für alle offen, doch die willkommensten Gäste waren die Kleinen und Einfachen. Für seine Leute unternahm er auch soziale und wirtschaftliche Initiativen.

Als Schriftsteller sah er immer und einzig auf den Nutzen für die Leute. Seine Werke, auch die über Moral, sind durch seine Nähe zum Volk geprägt. Kardinal Albino Luciani schrieb als Patriarch von Venedig: "Alfons ist Theologe angesichts praktischer Probleme, die einer schnellen Lösung bedürfen, und er greift auf Lebenserfahrung zurück. Sollte in den Herzen die Liebe neu erweckt werden, so schrieb er aszetische Werke. Wollte er Glauben und Hoffnung im Volke stärken, dann schrieb er dogmatische und moraltheologische Werke."[9]

Die Volkstümlichkeit des Heiligen verdankt ihre Anziehungskraft der Kürze und Klarheit, der Einfachheit und dem Optimismus, endlich der Liebenswürdigkeit, die bis zur Zärtlichkeit gehen konnte. An der Wurzel dieses seines Sinnes für das Volk stand die Sorge um sein Heil: sich selber und andere retten. Sein pastorales Wirken schließt niemanden aus: er schreibt an alle und für alle. Die Hirten des Volkes Gottes, zumal die Bischöfe, Priester und Ordensleute, werden von ihm zur Selbstaufopferung für das Volk angeregt, das ihnen in verschiedener Weise anvertraut ist.

Die Botschaft des hl. Alfons kommt, auch wenn er etwas erneuert, ja gerade dann, von einem jahrhundertealten Kirchenbewusstsein her. So wie nur wenige besaß der Heilige den "Sinn für die Kirche": ein Kriterium, das ihn bei der theologischen Forschung ebenso begleitete wie bei seiner pastoralen Praxis, und schließlich wurde er selber irgendwie zur Stimme der Kirche. Ganz besondere Verehrung zeigte er für den Papst, dessen Primat und Unfehlbarkeit er in schwierigen Zeiten verteidigte. Auch ganz persönlich zeigte er immerfort diese Verehrung.

Wenn der hl. Alfons als Heiliger, Bischof und Kirchenlehrer der ganzen Kirche gehört, so bildet er als Gründer den verpflichtenden Bezugspunkt für seine Kongregation. In diesem Zusammenhang möchte ich vor allem drei Aspekte seines Lebensbeispiels herausstellen, zunächst die Nähe zum Volk. Die Kongregation des heiligen Erlösers ist in der ganzen Welt verbreitet und muss gerade die "verlassensten Seelen" im Sinn des Gründers aufsuchen, je nach den besonderen Verhältnissen des Ortes und der Zeit, aber in radikaler Treue. Dieses Bemühen muss vor allem den Schlichten und Kleinen gelten, die im allgemeinen ja auch die Ärmsten sind.

Die Kongregation muss sich daher heute und in den kommenden Jahren hochherzig für die Durchführung dieser pastoralen Priorität auf allen Ebenen einsetzen. Mit Freude habe ich vernommen, dass Euer Generalkapitel von 1985 sich lobenswerterweise für die "Missio ad gentes" (die Mission bei den Heiden"), zumal in Asien und Afrika eingesetzt hat. Dieser Einsatz entspricht den ursprünglichen Absichten Eures Gründers.

Die Volksrnissionen sind eine bewährte Form der pastoralen Tätigkeit der Kongregation. Sie haben immer Eure Nähe zum Volk gezeigt. Diese Missionen, denen der hl. Alfons einen unzerstörbaren Stempel aufgeprägt hat, und die ich bei verschiedenen Gelegenheiten und in verschiedenen Dokumenten empfohlen habe,[10] sollen durch Euch zum Wohl der Kirche neue Kraft gewinnen. Tragt bei Eurer missionarischen Predigt und bei allen sonstigen Formen eurer apostolischen Tätigkeit besondere Sorge für jene Gehalte, die schon immer das Besondere der Söhne des hl. Alfons ausgemacht haben: die vier letzten Dinge, die mit dem pastoralen Gespür von heute zu verkünden sind: die barmherzige Liebe Gottes, des Vaters, der reich ist an Barmherzigkeit (Dives in misericordia); die überreiche Erlösung, die Christus, der Erlöser der Menschen (Redemptor hominis), gewirkt hat; die mütterliche Fürbitte Mariens, der Mutter des Erlösers (Redemptor mater), Helferin und Mittlerin; die Notwendigkeit endlich des Gebetes, um den Himmel zu erreichen und an der Hölle vorbeizukommen.

Schließlich das Studium und die Lehre der Moraltheologie: Niemandem entgeht, wie groß zumal in dieser unserer Zeit die Bedeutung der Moraltheologie ist. Hierzu passend hat das II. Vatikanische Konzil empfohlen: "Besondere Sorge verwende man auf die Vervollkommnung der Moraltheologie, die, reicher genährt aus der Lehre der Schrift, in wissenschaftlicher Darlegung die Erhabenheit der Berufung der Gläubigen in Christus und ihrer Verpflichtung, in der Liebe Frucht zu tragen, für das Leben der Welt erhellt werden soll."[11] Denn "das Wohl der Person besteht darin, in der Wahrheit zu sein und die Wahrheit zu tun. Dieses wesentliche Band zwischen Wahrheit, Wohl und Freiheit ist in unserer zeitgenössischen Kultur weithin verlorengegangen; den Menschen also zu seiner Neuentdeckung führen, ist heute eine für die Sendung der Kirche zum Heil der Welt besondere Notwendigkeit."[12] Die Zweihundertjahrfeier des hl. Alfons bietet sich als günstige Gelegenheit dafür an, sich dieser Aufgabe mit neuem Eifer anzunehmen und zu versuchen, sich dabei, wenn auch im gewandelten sozio-kulturellen Rahmen, vom ausgezeichneten menschlichen Gleichgewicht und dem tiefen Glaubenssinn leiten zu lassen, die der hl. Alfons in seiner Tätigkeit als Gelehrter und Hirte ständig gezeigt hat. Dieser Apostolische Stuhl wird es seinerseits nicht daran fehlen lassen, in einem kommenden Dokument ausführlicher und vertieft seinen erhellenden Beitrag zu den Fragen um die Grundlagen der Moraltheologie zu leisten.

Gewiß stellt das moderne Leben neue Probleme, die oft nicht leicht zu lösen sind. Man muss sich dennoch bei der Seelenleitung und beim Dienst der Lehre immer wieder vor Augen halten, dass das unverzichtbare Kriterium, an das man sich immer zu halten hat, das Wort Gottes bleibt, das vom Lehramt der Kirche authentisch ausgelegt wird. Darüber hinaus muss man sich immer von pastoraler Güte leiten lassen gemäß der weisen Mahnung von Papst Paul VI.:

"In keiner Weise etwas von der heilsamen Lehre Christi weglassen, ist eine eminente Form der Liebe zu den Seelen. Doch muss dies immer begleitet sein von jener Geduld und Güte, von denen der Erlöser selbst in seinem Umgang mit den Menschen ein Beispiel gegeben hat."[13]

Das Apostolische Schreiben, das ich heute, am 200. Jahrestag des Todes des hl. Alfons an Sie richte, soll meine Überzeugung ausdrücken und meine Gefühle einem Heiligen gegenüber bekräftigen, der ein Lehrer der Weisheit und Vater im Glauben gewesen ist.

Indem ich mich an die Söhne des hl. Alfons in der ganzen Welt wende, die Sie würdig vertreten, möchte ich daran erinnern, welches die Wünsche eines so erhabenen Vaters für sein Erbe, die von ihm gegründete Kongregation, wären. Es sind die Wünsche, die der hl. Alfons in seinem Leben, in seinem pastoralen Wirken und in seinen Schriften zum Ausdruck gebracht hat: die Treue zu Christus und seinem Evangelium; die Treue zur Kirche und ihrer Sendung in der Welt; die Treue zum Menschen und zu unserer Zeit; die Treue endlich zum Charisma Eures Institutes.

Seid in Eurem Leben und Wirken stets rückhaltlose Fortsetzer des Werkes des Erlösers, dessen Titel und Namen Ihr tragt, gemäß der Zielsetzung Eures Institutes, die Euch der Heilige gegeben hat: dem Beispiel Jesu Christi nachfolgen durch die Predigt des Wortes an die Armen, wie er von sich selbst gesagt hat: Er hat mich gesandt, den Armen die Frohe Botschaft zu verkünden.[14] Auf ihrem langen Weg von 255 Jahren hat Eure Kongregation Heilige hervorgebracht, die ich gerne erwähne: den hl. Ordensbruder Gerhard Majella (1726-1755); den hl. Klemens M. Hofbauer (1751-1820), bei dem sich in diesem Jahr zum 200. Mal der Tag seiner Ankunft in Polen jährt, und an den ich in einem Brief zur Feier in Warschau (10.-17. Mai 1987) zu erinnern Gelegenheit hatte (15); den hl. Johannes Nepomuk Neumann (1811-1860) und den hl. Petrus Donders (1809-1887), die ich selber zu Ehre der Altäre erhoben habe. Das Beispiel des hl. Alfons und seiner besten Söhne, die von der Kirche als Heilige anerkannt sind, möge Euch allen das Sehnen nach vollkommener Heiligkeit nahelegen.

In der Freude darüber, durch diesen Brief an den Feiern der Kirche und Eures Institutes teilgenommen zu haben, erteile ich von Herzen Ihnen und allen Söhnen des hl. Alfons, den Schwestern Redemptoristinnen und der ganzen alfonsianischen Familie als Unterpfand himmlischer Gnaden einen besonderen Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, am 1. August des Jahres 1987,

im neunten Jahr meines Pontifikates

Papst Johannes Paul II.

Anmerkungen

  1. A. M. Taanoia, Delta vita ed Instituto dei venrabile servon di Dio Alfonso Maria Liguori, Vescovo di S. Agata de' Goti e Fondatore delta Congregazione de' Preti Missionari det SS. Redentore, III, Neapel 1800, S. 88; vgl. ebd. S. 151, 191 f.
  2. S. Alphonsus M. de Ligorio, Theologia moralis, ed. L. Gaudé, II. Rom 1907, S. 53. Aufmerksam zu machen ist auch darauf, dass der heilige Lehrer anschließend beifügt: "Wie sehr richtig bemerkte der hl. Alfons an der Stelle, an der er darüber diskutiert, wann ein Akt als schwer sündhaft oder nicht verurteilt werden müsse, wie folgt: ,Wenn man in diesem Fall nicht die ausdrückliche Autorität der Heiligen Schrift oder eines Kanons oder einer Entscheidung der Kirche anführen kann oder sonst ein einsichtiger Grund vorliegt, kann der Akt nicht als solcher eingestuft werden, es sei denn unter großer Gefahr'."
  3. S. Alfonso M. de Liguori, Dei gran mezzo delle preghiera e puscoli affini (Aszetische Werke II), Rom 1962, S. 171.
  4. S. Alfonso M. de Liguori, Practica di amar Gesu Cristo e opuscoli sull 'amore divino (Aszetische Werke I), Rom 1933, S. 1-4.
  5. Pii IX P.M. Acta V (1869-1871), S. 337.
  6. Vgl. Apost. Schreiben Cosueverunt omni tempore: AAS, 42, 1950, S. 595-597.
  7. Pius XII., Handschreiben zur Neuausgabe der Werke des hl. Alfons M. de' Liguori: Spicilegium Historicum Congregationis SS.mi Redemptoris, I (1953) fasc. 1-2, S. 247.
  8. AG. Roncalli, Il giornale deli 'anima, Rom 1964, S. 462.
  9. A. Luciani, S. Alfonso cent 'annifa era proclamato Dottore della Chiesa. Brief an die Priesterschaft von Venedig zum Gründonnerstag 1972, Venedig, S. 41.
  10. Vgl. Apost. Schreiben Catechesi tradendae (16. Oktober 1979), Nr. 47: AAS, 71, 1979, S. 1315; Ansprache an den Generalat der Patres Redemptoristen (6. Dezember 1979), Nr. 2: Insegnamenti II/2 (1979), S. 1327; Ansprache an die Teilnehmer am I. Nationalkongress über die Volksmission (6. Februar 1981): Insegnamenti IVIl (1981), S. 233-237; Apost. Schreiben Reconciliatio et paenitentia (2. Dezember 1984), Nr. 26: AAS, 77, 1985, S. 247.
  11. II. Vat. Konzil: Dekret über die Priesterausbildung Optatam totius, Nr. 16.
  12. Johannes Paul II., Discorso ad alcuni docenti di Teologia morale, AAS, 78, 1986, S. 1099: Voll aktuell bleibt hier, was Paul VI. dem Generalkapitel der Kongregation der Redemptoristen am 22. September 1967 gesagt hat: vgl. AAS, 59, 1967, S. 960-963.
  13. Paul VI., Enzyklika Humanae vitae, Nr. 29: AAS, 60, 1968, S. 501.
  14. Constitutionis et statuta Congregationis Ss. Redemptoris, Rom 1986, Const. I, S. 21. 15 Brief an den Provinzoberen der Redemptoristenprovinz in Warschau, 14. Mai 1987.

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