Testem benevolentiae nostrae (Wortlaut)

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Testem benevolentiae nostrae (Zeuge unseres Wohlwollens) sind die Anfangsworte des Schreibens von Papst Leo XIII. vom 22. Januar 1899 an den Erzbischof von Baltimore, James Kardinal Gibbons. Es trägt den Untertitel: "Bezüglich neuer Meinungen, der Tugend, Natur und Anmut mit Hinsicht auf den Amerikanismus."

Papst Leo anerkennt darin die Annäherung an die neuen Zeiten, warnt aber gleichzeitig vor einer Abspaltung der amerikanischen Kirche. Er wirft Kardinal Gibbons zu viel Demokratie in der Kirche vor und hält ihm die Gefahr vor Augen, den Glauben der Kirche durch Individualismus und Kapitalismus zu verwässern. Er verweist auch auf seine Enzyklika Immortale dei (1885), in der er auf die wahren Aufgaben des Staates und der Regierungen hingewiesen habe.

Inhaltsverzeichnis

Wichtige Auszüge aus dem Schreiben

Folgendes bildet also ungefähr die Grundlage der neuen Meinungen, die Wir erwähnten: damit die Andersdenkenden leichter zur katholischen Weisheit geführt würden, müssesich die Kirche der Menschheit einer fortgeschrittenen Zeit erheblich annähern und unter Lockerung der alten Strenge den neuerdings vorgetragenen Ansichten und Auffassungen der Völker willfahren. Dies sei aber nach der Meinung vieler nicht nur von der Lebensordnung zu verstehen, sondern auch von den Lehren, in denen die Hinterlassenschaft des Glaubens enthalten ist. Sie behaupten nämlich, es sei geeignet, den Willen der Abweichenden anzulocken. wenn bestimmte Lehrkapitel gleichsam leichteren Gewichts übergangen oder so gemildert würden, dass sie nicht (mehr) denselben Sinn behalten, den die Kirche beständig festgehalten hat.

ln welch verwerflichem Bestreben dies ... aber ausgedacht wurde, bedarf keiner langen Rede; es genügt, Wesen und Ursprung der Lehre zu wiederholen, die die Kirche überliefert. Dazu das Vatikanische Konzil: ,,Die Lehre des Glaubens ... abzuweichen' ...

Die Geschichte aller vergangenen Zeiten aber ist dafür Zeuge, dass dieser Apostolische Stuhl, dem nicht nur das Lehramt, sondern auch die höchste Leitung der ganzen Kirche überantwortet ist, einerseits beständig "in derselben Lehre, demselben Sinn und derselben Auffassung" verharrte, andererseits die Lebensordnung immer so zu regeln pflegte, dass er, solange das göttliche Rechr unbeeinträchtigt blieb, die Sitten und Gebräuche der so verschiedenen Völker, die er umfaßt, niemals außer acht ließ. Wenn es das Heil der Seelen erfordern sollte, wer wollte daran zweifeln, dass er dies auch jetzt tun wird?

Dies zu entscheiden, darf jedoch nicht dem Gutdünken einzelner Menschen anheimgestellt sein, die fast immer durch den Anschein des Rechten getäuscht werden; vielmehr muss das Urteil der Kirche zustehen. ...

Jedes äußere Lehramt wird von denen, die sich darum bemühen wollen, die christliche Vollkommenheit zu erlangen, als überflüssig, ja sogar wenig nützlich verworfen: der Heilige Geist, sagen sie, läßt heute größere und reichere Gnadengaben in die Herzen der Gläubigen strömen als in vergangenen Zeiten, und er lehrt und führt sie ohne die Vermittlung irgend jemandes mit einem geheimnisvollen Antrieb. ...

Am meisten ist bei der Ausbildung der Tugenden der Beistand des Heiligen Geistes in jeder Hinsicht vonnöten; die aber gerne Neuem nachlaufen, heben die natürlichen Tugenden über alle Maßen hervor, so als ob diese den Sitten und Erfordernissen der Gegenwart mehr entsprächen und es besser sei, mit diesen ausgestattet zu werden, weil sie den Menschen bereiter zum Handeln und strebsamer machten.

Es ist freilich schwer zu verstehen, dass diejenigen, die von christlicher Weisheit erfüllt werden, die natürlichen Tügenden den übernatürlichen vorziehen und ihnen eine größere Wirksamkeit und Fruchtbarkeit zuschreiben können. ...

Mit dieser Auffassung von den natürlichen Tugenden hängt eine andere eng zusammen, in der die christlichen Tugenden in ihrer Gesamtheit gleichsam in zwei Arten aufgeteilt werden, in passive, wie sie sagen, und aktive; und sie fügen hinzu, jene seien in den vergangenen Zeiten eher angebracht gewesen, diese entsprächen mehr der Gegenwart. ...

Daß aber (jeweils) andere christliche Tugenden anderen Zeiten angepaßt seien, das wird nur der wollen, der sich nicht an die Worte des Apostels erinnert: "Die er im voraus erkannt hat, die hat er auch vorherbestimmt, dem Bilde seines Sohnes gleichförmig zu werden" Röm 8,29 EU.

Lehrer und Urbild jeder Heiligkeit ist Christus; an seiner Richtschnur müssen sich alle ausrichten, die danach verlangen, in die Wohnungen der Seligen aufgenommen zu werden. Nun wandelt sich Christus aber nicht im Verlauf der Zeiten, sondern (ist) derselbe gestern, heute und in Ewigkeit" Hebr 13,81 EU. Für die Menschen aller Zeiten gilt also jenes (Wort): "Lernt von mir; denn ich bin sanft und demütig von Herzen" Mt 11,29 EU; zu jedweder Zeit bietet sich Christus uns dar, "gehorsam geworden bis zum Tode" Phil 2,8 EU: und zu jeder Zeir ist die Aussage des Apostels gültig: "Wer zu Christus gehört, hat sein Fleisch gekreuzigt mitsamt den Lastern und Begierden" [[B|Gal|5|24}}.

Aus dieser vergleichsweisen Verachtung der Tugenden des Evangeliums, die fälschlicherweise passive genannt werden, konnte leicht folgen, dass die Herzen allmählich auch eine Geringschätzung des religiösen Lebens durchdrang. Und dass dies denen, die den neuen Meinungen gewogen sind, gemein ist, schließen Wir aus bestimmten Auffassungen von ihnen in bezug auf die Gelübde, die die religiösen Orden ablegen. Sie sagen nämlich, diese seien vom Geist unserer Zeit meilenweit entfernt, da sie ja das Feld menschlicher Freiheit einschränkten: und sie seien für schwache Gemüter eher geeignet als für starke; auch trügen sie überhaupt nichts zum christlichen Fortschritt und zum Wohl der menschlichen Gesellschaft bei, ja sie stünden vielmehr beidem entgegen und seien hinderlich. ...

Aus dem, was Wir bisher bemerkt haben, wird also klar, ... dass jene Meinungen von Uns nicht gebilligt werden können, deren Summe manche mit dem Namen "Amerikanismus" bezeichnen.

Quelle

Die lateinische Fassung

Testem benevolentiae nostrae (verba)

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