Unigenitus Dei filius vom 19. März 1924 (Wortlaut)

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Apostolisches Schreiben
Unigenitus Dei filius vom 19. März 1924

von Papst
Pius XI.
an die Generaloberen der Männerorden und Kongregationen
über das Ordenleben
19. März 1924

(Offizieller lateinischer Text: AAS XVI [1924] 133-148)

(Quelle: Heilslehre der Kirche, Dokumente von Pius IX. bis Pius XII. Deutsche Ausgabe des französischen Originals von P. Cattin O.P. und H. Th. Conus O.P. besorgt von Anton Rohrbasser, Paulus Verlag Freiburg Schweiz 1953, S. 936-954; Imprimatur Friburgi Helv., die 22. maii 1953 L. Weber V. G.)

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

Einleitung: Sinn und Zweck des Ordensstandes

1 Als der eingeborene Sohn Gottes in diese Welt kam, um die Menschheit zu erlösen, gab er die Richtlinien des religiösen Lebens bekannt, an die sich alle Menschen halten müssen, um das Ziel zu erreichen, das er ihnen gewiesen hat. Jene aber, die ihn noch vollkommener nachzuahmen gewillt sind, forderte er außerdem zur Beobachtung der evangelischen Räte auf. Wer sich Gott gegenüber durch sein Wort verpflichtet und durch ein Gelübde die Beobachtung der evangelischen Räte verspricht, entledigt sich nicht nur aller Fesseln, die gemeinhin die Menschen auf ihrem Weg zur Heiligkeit behindern: irdischer Besitz, die Sorgen und Lasten der Ehe, die schrankenlose, unbegrenzte Freiheit; er strebt vielmehr der Vollkommenheit zu auf einem so geraden und sicheren Weg, dass es den Anschein hat, als sei er bereits im Lande des ewigen Heils zu Hause.

I. Die katholischen Orden und Kongregationen

1. Einheit und Mannigfaltigkeit des Ordenslebens

2 Seit den frühesten Zeiten des Christentums gab es daher auch stets edelgesinnte und hochgemute Seelen, die auf Gottes Anruf hin alles verließen, um ein Leben der Vollkommenheit zu geloben und in diesem Stande mit Ausdauer Fortschritte zu machen. Die Geschichte bezeugt klar, dass in den verschiedenen religiösen Orden, die im Lauf der Jahrhunderte von der Kirche anerkannt und bestätigt wurden, Männer und Frauen in ununterbrochener Folge sich Gott geweiht und ihre Profess abgelegt haben. Obwohl nämlich das Ordensleben in seiner wesentlichen Eigenart einheitlich und unteilbar ist, lässt es doch mannigfaltige Erscheinungsformen zu.Denn jede Ordensgesellschaft dient Gott auf ihre eigene Weise, indem jede einzelne entsprechend ihrem besonderen Ziel zur größeren Ehre Gottes und zum Heil der Mitmenschen sich verschiedenen Aufgaben der christlichen Liebe und des Dienstes am Nächsten widmet. Dieser bunten Mannigfaltigkeit der Orden -verschiedenen Baumarten im Felde des Herrn vergleichbar - entspricht auch die Vielfalt der Früchte, die sie zum Segen der Völker hervorbringen. Fürwahr, ein schöner und höchst erfreulicher Anblick, diese Einheitlichkeit und harmonische Verschiedenheit der zahllosen Ordensfamilien! Alle trachten letzten Endes nach einem und demselben Ziel, und doch hat jede ihre besonderen Seelsorgsaufgaben und Betätigungsfelder, die sich voneinander in gewisser Hinsicht unterscheiden. Denn die göttliche Vorsehung kommt in der Regel jedem neuartigen Bedürfnis entgegen, indem sie einen neuen Orden erstehen und sich entfalten lässt.

2. Verhältnis der Orden zum Heiligen Stuhl

3 Die Orden der Kirche führen den guten Kampf, eng um das Banner des Heiligen Stuhles geschart, der ihnen in Anerkennung ihrer fortwährenden Dienste für Kirche und Gemeinwesen jederzeit seine besondere Aufmerksamkeit und sein Wohlwollen geschenkt hat. Zunächst behielt er sich das Recht vor, Ihre Regeln und Satzungen zu genehmigen und sich mit äußerster Bereitschaft für ihre Interessen einzusetzen gegen alle Anfeindungen, in allen Notlagen und Schwierigkeiten. Sooft es ferner die Umstände erforderten, unterließ er es nie, sie an die hohen Ideale und an die heilige Begeisterung ihrer Anfänge zu erinnern.

3. Gegenstand besonderer Fürsorge der Kirche:

a) Das Konzil von Trient

4 Die teilnehmende Fürsorge der Kirche und ihre ständige Bemühung, um die Ordensleute zur Regeltreue und zu einem heiligen Lebenswandel anzuhalten, offenbart sich in den Verfügungen und Mahnworten des Konzils von Trient:[1] "Alle Ordensleute beider Geschlechter sollen ihr Leben einrichten und führen gemäß den Vorschriften der Regel, die sie zu befolgen gelobt haben. Mit ganz besonderer Gewissenhaftigkeit sollen sie jene Tugenden pflegen, die ihnen der Stand der Vollkommenheit vorschreibt: Gehorsam, Armut und Keuschheit, sowie die besonderen Gelübde und Verpflichtungen, die ihnen die Regel gewisser Orden auferlegt, und die dazu beitragen, die Eigenart des betreffenden Ordens zu erhalten sowie Einheitlichkeit der Lebensweise, der Ernährung und des Kleides".

b) Das Gesetzbuch der Kirche

5 Das Rechtsbuch der Kirche gibt vor den diesbezüglichen Gesetzesbestimmungen folgende Definition und knappe Beschreibung des Ordensstandes: "Es ist der Stand des Gemeinschaftslebens, in dem sich bestimmte Gläubige über die allgemeinverbindlichen Gebote hinaus zur Beobachtung der evangelischen Räte verpflichten, und zwar durch die Gelübde des Gehorsams, der Keuschheit und der Armut, ... und so die christliche Vollkommenheit anstreben". In diesem Sinn muss der Ordensgeist gemäß der ausdrücklichen Vorschrift des Kirchenrechts bei jedermann hoch in Achtung stehen".[2]

c) Päpstliche Erlasse und Verordnungen

6 Das Vertrauen, das Wir persönlich auf das vorbildliche Leben und die tatkräftige Hilfe der Ordensmänner setzen, haben wir bereits deutlich bezeugt, als Wir Uns im Rundschreiben Ubi arcano zum ersten Mal an die Bischöfe der katholischen Welt wandten. Darin haben Wir von den Mitteln gesprochen, die zur Überwindung der zahllosen Missstände in der Menschheit heranzuziehen sind, und hinsichtlich der Sicherung ihres Erfolges haben Wir die verschiedenen Gründe genannt, die Uns veranlassen, gerade vom Ordensklerus sehr viel zu erwarten.[3]

Kurz zuvor hatten Wir Uns ferner im apostolischen Schreiben Officiorum omnium[4] über die theologischen Studien an den Kardinalpräfekten der Studienkongregation für die Seminarien und Universitäten gewandt. Alle Gedanken, die Uns dabei in der Sorge um die gute Ausbildung der zukünftigen Weihekandidaten beschäftigten, galten ebenso sehr den Novizen und Klerikern der Ordenshäuser. Denn die Mehrzahl Unserer Ermahnungen und Verordnungen betrafen jene unter ihnen, die zum Priestertum berufen sind.

Die aufrichtige Liebe und das wachsame Interesse, die Wir euch entgegenbringen, teure Söhne, haben Uns indessen bewogen, ein besonderes Schreiben an euch zu richten. Wenn sich eure Kandidaten in ihrem ganzen Verhalten danach richten, wird ihr Leben und ihre Tätigkeit in jeder Hinsicht der außerordentlichen Gnade ihrer göttlichen Berufung entsprechen.

II. Pflichten und Aufgaben der Ordensmänner

1. Treue zum Ordensgeist des Gründers

7 Zunächst ermahnen Wir alle Ordensmänner, das Beispiel ihres Gründers und Gesetzgebers nie aus den Augen zu verlieren, wenn sie die Gewissheit haben wollen, in Verbindung zu stehen mit dem reichen Gnadenquell ihres hehren Berufes. Als diese hervorragenden Männer ihren Orden gründeten, folgten sie ja nur einer Eingebung Gottes. Wer sich also vom charakteristischen Geist durchdringen lässt, den jeder Gründer seiner Ordensfamilie als Wesensmerkmal vermacht hat, wird unfehlbar ihrem ursprünglichen Gepräge treu bleiben. Folglich müssen es sich alle Ordensmitglieder wie gute Söhne angelegen sein lassen, ihrem geistlichen Vater Ehre zu machen, indem sie seine Ratschläge befolgen und sein Bild ihrer Seele tief einprägen... Sie werden ihren Standespflichten treu sein, solange sie den Fußstapfen ihres Gründers folgen: Ihr Stamm lebt um ihretwillen ewig fort.[5]

Mögen alle den Satzungen ihrer Institution mit solcher Unterwürfigkeit gehorchen und ihre ursprüngliche Regel in solcher Reinheit erhalten, dass sie sich von Tag zu Tag des Ordensstandes würdiger erweisen! Diese Treue wird ihnen gewiß ein Quell reichen Segens sein für die ganze Dauer ihres Priesterwirkens.

2. Das Ordensziel: Reichgottesarbeit

8 Ihrer Tätigkeit soll ein einziges Ziel vorschweben: Das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit.[6] Dieses Ziel sollen sie ganz besonders vor Augen haben bei den Apostolatswerken, denen sich die Mehrzahl unter ihnen widmet: in den Missionen und in der Jugenderziehung.

a) In den Missionen

9 Gemäß den wohlüberlegten Weisungen Unseres Vorgängers[7] sollen sie sich davor hüten, die Missionierung der fremden Völker in eine Propagandaaktion zugunsten ihres Heimatlandes oder des Machteinflusses ihrer Nation zu verwandeln. Einzig und allein das Seelenheil der Ungläubigen soll ihnen als Ziel vorschweben. Dabei werden sie sich auch um deren zeitliches Fortkommen und Wohlergehen kümmern, insofern diese auf dem Weg zum ewigen Leben von Nutzen sein können.

b) In der Jugenderziehung

10 Und jene Ordensmänner, die in der Bildung und Erziehung der Jugend tätig sind, werden sich wohl davor in acht nehmen müssen, dass ein übermäßiger Eifer in der Pflege der humanistischen Fächer, die an sich sehr wertvoll sind, sie nicht zur Vernachlässigung der religiösen Verstandes- und Herzensbildung verleite. Sonst könnte es geschehen, dass ihre Schüler zwar reiche literarische Kenntnisse ins Leben hinaus mitnehmen; auf religiösem Gebiet aber völlig unwissend bleiben. Wer die Religion nicht kennt, dem fehlt das schönste und kostbarste Bildungsgut, so dass er im tiefsten Elend dahinlebt: Toren sind alle Menschen, denen die Gotteserkenntnis abgeht.[8] Das Zeugnis des seraphischen Lehrers bestätigt es: " Der Endzweck aller Wissenschaften besteht in der Grundlegung des Glaubens, in der Verherrlichung Gottes, in der Verankerung des Sittengesetzes und in der Vermittlung des Trostes, der aus der Vereinigung des Bräutigams und der Braut erwächst, die selber ein Werk der Liebe ist".[9]

3. Gründliche theologische Bildung:

a) Bedeutung des theologischen Wissens

11 Es ist ein Gebot der Notwendigkeit, dass die Diener der Kirche das Wissen um Gott und göttliche Dinge sehr hoch schätzen und sich gründlich aneignen. Hauptzweck dieses Schreibens soll es daher sein, die Ordensmitglieder, Priester wie Weihekandidaten, zum emsigen Studium der Theologie anzuhalten. Erreichen sie darin nicht einen hohen Wissensgrad, so werden sie unfähig sein, alle ihre Berufspflichten vollkommen und restlos zu erfüllen. Besteht nicht die einzige, oder doch vornehmste Aufgabe der gottgeweihten Menschen im Gebet, in der Betrachtung und Vertiefung der übernatürlichen Geheimnisse? Wie wollen sie denn diese überaus schwierige Aufgabe erfüllen ohne eine gründliche und umfassende Kenntnis der Glaubenswahrheiten?

aa) Für das kontemplative Leben

12 Wir möchten, dass diese Ratschläge zuallererst von jenen befolgt würden, die in den Klöstern ein kontemplatives Leben führen. Es ist. ein Irrtum, wenn man glaubt, trotz oberflächlichen theologischen Studien vor den Weihen oder trotz ihrer Vernachlässigung seither, sei man doch imstande, ohne jenes Wissen über Gott und die Glaubensgeheimnisse, das die Theologie vermittelt, auf dem Höhenweg der Vollkommenheit durchzuhalten und zu tieferer Gottinnigkeit zu gelangen.

ab) Für die praktische Seelsorge

13 Auch das Priesterwirken der andern Ordensleute, seien sie nun Religionslehrer, Beichtväter, Missionare oder Volksseelsorger, wird ohne jeden Zweifel umso größeren Einfluss und Erfolg haben, je glänzender und je solider ihre Bildung ist. Der Priester hat die Pflicht, sich ein tiefes und reiches theologisches Wissen anzueignen und es stets lebendig zu erhalten. Der Heilige Geist fordert ihn dazu auf durch den Mund des Propheten: Man hängt an den Lippen des Priesters, aus seinem Munde erwartet man Belehrung und Unterweisung.[10] Mit welchem Recht könnte jener ohne zuverlässiges Wissen auftreten, der ein Gesandte des allwissenden Gottes ist,[11] Diener und Lehrer des Neuen Bundes, Salz der Erde und Licht der Welt,[12] von dem also die Christen Worte des Heils erwarten?

Bangen sollen daher um ihr Los alle, die ohne Fachkenntnis und Bildung an die Seelsorge herantreten, denn der Herr wird ihre Unwissenheit nicht ungeahndet lassen, gemäß jener schrecklichen Drohung: Weil du die Erkenntnis verschmäht hast, will ich dich verschmähen, dass du nimmer mein Priester seist.[13]

b) Unentbehrliches Rüstzeug:

ba) Für die Verteidigung des Glaubens heute

14 Wenn je in vergangenen Zeiten ein Priester gebildet sein musste, so macht sich in unserer Gegenwart diese Notwendigkeit nur umso dringlicher fühlbar. Tatsächlich sind heute Wissenschaft und Geistesbildung schon im gewöhnlichen Leben von großer Bedeutung, und sie durchdringen dessen sämtliche Bereiche. Man wird nicht müde zu behaupten, man handle einzig nach wissenschaftlichen Grundsätzen. Das nehmen sogar die Mindergebildeten für sich in Anspruch, wie es ja gewöhnlich auf allen Gebieten zu geschehen pflegt. Wir müssen daher unter Aufwand aller Kräfte die verschiedensten menschlichen Kenntnisse erwerben, die uns als Schutzwehr und Stütze des katholischen Glaubens von Nutzen sein können. In ihrem Lichte gilt es, die Schönheit der geoffenbarten Wahrheit vor aller Augen aufstrahlen zu lassen und die verfänglichen Einwände einer Scheinwissenschaft gegen die Glaubensdogmen geschickt zu widerlegen.

15 Wie es Tertullian treffend ausgedrückt hat, "verlangt unser Glaube nur eines: nicht ungekannt verurteilt zu werden".[14] Man erinnere sich auch jener Worte des heiligen Hieronymus" Heiligkeit ohne Bildung nützt nur sich selbst, und soviel sie auch durch ihr verdienstliches Leben zur Erbauung der Kirche beiträgt, ebenso viel schadet sie, wenn sie ihren Widersachern nicht standhält. "Es ist heilige Pflicht des Priesters, über das Gesetz Auskunft zu geben, wenn man ihn befragt".[15] Aufgabe des Weltpriesters wie des Ordens geistlichen ist es, die katholische Lehre zu verbreiten, sie ausführlich darzulegen und sie gegen Angriffe zu verteidigen. Sie bietet selber alle Beweisgründe, um ihre Gegner zu widerlegen und zu überzeugen. Und falls sie nur klar dargelegt wird, zieht sie sogar unwiderstehlich alle Geister an sich, die frei sind von jeder Voreingenommenheit. Das war den großen Meistern des Mittelalters nicht entgangen: unter Führung des heiligen Thomas und des heiligen Bonaventura arbeiteten sie unermüdlich, um sich ein umfassendes theologisches Wissen anzueignen und es sodann ihrer Umwelt mitzuteilen.

bb) Für die persönliche Heiligung

16 Die Anstrengung des Willens, des Verstandes und aller geistigen Kräfte bei diesen Studien wird zudem eure Ordensmitglieder befähigen, in reicherem Maße aus den Quellen des religiösen Lebens zu schöpfen und sich ihres erhabenen Standes noch viel würdiger zu erweisen. Wer sich nämlich in die theologischen Wissenschaften vertieft, unternimmt eine Aufgabe, die ernste Arbeit, Anstrengung und Opfer erfordert, und die zugleich der Trägheit und dem Müßiggang widerstrebt, die Quell und Wegbereiter zahlloser Laster sind.[16] Die gewaltige geistige Anspannung, die mit dem Studium verbunden ist, erzieht uns zu bedächtigem Urteilen und überlegtem Handeln; sie befähigt uns zu überlegener Zügelung und Meisterung der Leidenschaften, die einen unbeherrschten Menschen gar bald zum Schlimmsten verleiten und in den Schmutz der Laster stürzen. Der heilige Hieronymus schreibt diesbezüglich: "Liebe die Wissenschaft der Heiligen Schrift, und du wirst die Laster des Fleisches nicht lieben".[17] " Die Kenntnis der Heiligen Schrift ist der Mutterboden jungfräulicher Seelen".[18]

17 Noch aus einem anderen Beweggrund muss der Ordensmann diesen Studien obliegen: das Bewusstsein seiner Standespflicht, die ihm das Streben nach Vollkommenheit vorschreibt. Niemand kann sich mit Erfolg um die Vollkommenheit bemühen noch sie mit Sicherheit erreichen, wenn er nicht ein innerliches Leben führt. Woanders aber als in der Theologie fände man eine reichere Nahrung, um dieses Leben zu erhalten und zur Entfaltung zu bringen? Denn die gewohnheitsmäßige und tägliche Betrachtung all der natürlichen Gaben und übernatürlichen Gnadenwunder, die der allmächtige Gott. in seiner grenzenlosen Freigebigkeit der ganzen Schöpfung wie jedem einzelnen Menschen zuteil werden lässt, verleiht der Gedankenarbeit und dem Höhenflug des Geistes einen religiösen Charakter und erhebt das Herz zum Himmel empor. Außerdem erfüllt sie die Seele mit Glaubensgeist und knüpft zwischen Gott und ihr ein inniges Band. Wer könnte Jesus Christus ähnlicher sein als jener, der sich die von Gott geoffenbarten Glaubenswahrheiten und Sittenlehren in tiefster Seele angeeignet hat?

18 Die Ordensgründer waren also gut beraten, wenn sie im Gefolge der Kirchenlehrer und Kirchenväter ihren Söhnen das Studium der heiligen Wissenschaften inständig empfahlen. Übrigens lehrt die Erfahrung, geliebte Söhne, dass die meisten Ordensmänner, die sich mit hingebender Liebe dem Theologiestudium widmeten, auch einen hohen Grad der Heiligkeit erreicht haben. Ist es hingegen nicht eine Tatsache, dass die Mehrzahl jener, die dieser heiligen Pflicht untreu waren, allmählich im Berufseifer nachließen und häufig in einen bedauerlichen Zustand verfielen, der bis zur Schändung ihrer Gelübde führte? Alle sollen sich daher die Worte des Richard von St. Viktor wohl merken: "Möchte doch ein jeder von uns mit Ausdauer diesen Studien obliegen bis zum Sonnenuntergang; allmählich wird dann der Hang nach vergänglichem Flitter unterdrückt; und sind einmal die aufbrausenden Leidenschaften gemeistert, so werden auch die Einflüsterungen der Weisheit des Fleisches nachlassen".[19] Wir bitten ferner die Ordensmänner, sich folgendes Gebet des heiligen Augustinus zu eigen zu machen: "Meine keuschen Freuden seien deine Schriften; nie werde ich in ihnen enttäuscht, nie durch sie enttäuschen".[20]

Da nun aber das beharrliche und liebevolle Studium der Offenbarungslehre für die Ordensmänner ein Quell unschätzbaren Segens ist, werdet ihr, liebe Söhne, auch einsehen, dass ihr mit größter Gewissenhaftigkeit dafür sorgen müsst, ihnen die Möglichkeit zu verschaffen zur Vertiefung und lebenslänglichen Pflege dieser Wissenszweige.

III. Erziehung und Bildung der Ordensmitglieder

1. Aufgaben der Mittelschule

19 Deshalb ist es äußerst wichtig, den Ordenskandidaten schon von frühester Jugend an eine gute Bildung und Erziehung angedeihen zu lassen. Infolge der Ungunst der Zeiten lässt die christliche Erziehung der Kinder im Rahmen der Familie heute sehr zu wünschen übrig, und die heranwachsende Jugend, die der Flut verführerischer und schlimmer Einflüsse überall ausgesetzt ist. bekommt nicht die gründliche religiöse Bildung, die allein imstande ist, die jungen Seelen zum Gehorsam gegen Gottes Gebote zu erziehen oder auch nur zu einer anständigen Lebensführung gemäß dem natürlichen Sittengesetz. Angesichts dieser Umstände könnt ihr kaum etwas Nützlicheres unternehmen als die Gründung von Juvenaten und Mittelschulen zur Aufnahme jener Knaben und Jungmänner, die sic.h zum Ordensstand berufen fühlen. Übriigens stellen Wir mIt Freuden fest, dass solche Häuser schon da und dort bestehen.

a) Kluge Auswahl der Kandidaten

20 Bei der Kandidatenwerbung ist jedoch die Gefahr sorgsam zu vermeiden, vor der Unser hochverehrter Vorgänger Pius X. die Oberen des Dominikanerordens gewarnt hat:[21] Hütet euch vor einer übereilten oder scharenweisen Aufnahme junger Leute, bei denen sich nicht mit Sicherheit feststellen lässt, ob sie sich aus übernatürlichen Beweggründen zum Stand der Vollkommenheit melden. Trefft mit Bedacht und in aller Ruhe eine sorgfältige Auswahl unter den jungen Anwärtern auf das Ordensleben und achtet sehr darauf, dass ihnen neben einer ihrem Alter entsprechenden religiösen Unterweisung auch eine gute Mittelschulbildung zuteil werde. Und zwar sollen sie nicht vor Abschluss des Gymnasiums ins Noviziat eintreten. Allfällige Ausnahmen von dieser Regel sind nur aus schwerwiegenden Gründen zulässig.[22]

b) Vorrang des Religionsunterrichtes

21 Scheut weder Mühen noch Opfer für die Erziehung eures Ordensnachwuchses; das ist ebenso sehr eine Forderung der Gerechtigkeit wie eine Liebespflicht. Und sollte infolge Personalmangels in einem Orden oder aus irgendeinem andern Grunde eine Provinz nicht in der Lage sein, dieser Erziehungsaufgabe gemäß dem Kirchenrecht zu genügen, so schicke man die Studenten in eine andere Provinz oder an eine andere Schule, wo sie dem Unterricht folgen können, wie er durch Canon 587 vorgeschrieben ist.

In den unteren Klassen ist Canon 1364, 1° gewissenhaft zu beobachten: "Der Religionslehre soll die erste Stelle eingeräumt werden; der Unterricht muss dem Fassungsvermögen und der Alterssufe der einzelnen Schüler angepasst sein und mit größter Sorgfalt erteilt werden". Man verwende dazu nur die vom Ortsordinarius genehmigten Lehrbücher. Nebenbei bemerkt, sollen übrigens selbst die Philosophiestudenten das Studium der Religion nicht unterbrechen. Dabei werden sie sich vorteilhaft des ausgezeichneten "Römischen Katechismus" bedienen; es ist schwer zu entscheiden, was man an ihm mehr bewundern soll: die ,Zuverlässigkeit und den Reichtum seines Lehrinhaltes oder das stilreine Latein. Wenn eure Kleriker von Jugend an gewöhnt sind, ihre religiösen Kenntnisse aus dieser Quelle zu schöpfen, werden die einerseits besser vorbereitet sein auf das Theologiestudium, anderseits wird ihnen der Umgang mit diesem vollendeten Werk das nötige Fachwissen vermitteln, um das Volk zu unterrichten und die landläufigen Einwände gegen die Religion zu widerlegen.

c) Bedeutung des Lateinunterrichtes

22 Im apostolischen Schreiben Officiorum omnium[23] haben Wir den Bischöfen Weisungen erteilt bezüglich des Lateinunterrichtes. Diese Richtlinien erneuern Wir für euch, geliebte Söhne, und Wir ordnen euren Gymnasien an, sich genau daran zu halten. Denn eure Schüler unterstehen der Vorschrift des Kirchenrechts hinsichtlich der Seminaristen: "Die Schüler sollen vor allem das Latein und ihre Muttersprache gründlich erlernen".[24] Die Bedeutung guter Lateinkenntnisse für die jungen Ordensleute geht nicht nur aus dem Umstand hervor, dass diese Sprache der Kirche gewissermaßen als Werkzeug und Band ihrer Einheit dient, sondern sie erhellt auch daraus, dass wir die Bibel lateinisch lesen, dass das Latein die "Sprache des Breviers, der heiligen Messe und aller liturgischen Zeremonien ist. Ferner sind sowohl die Rundschreiben des Papstes an die Weltkirche wie auch die allgemein gültigen Urkunden und Erlasse der römischen Kurie in lateinischer Sprache abgefasst. Wer diese Sprache nicht beherrscht, kann nur in unzulänglichem Maße aus den überaus reichen Quellen der Väter und Kirchenlehrer schöpfen, deren dogmatische und apologetische Werke zum Großteil lateinisch geschrieben sind. Kümmert euch also sehr darum, dass eure Kleriker, die eines Tages Diener der Kirche sein werden, sich redlich bemühen, diese Sprache zu erlernen und mit ihr vertraut zu werden.

2. Wichtigkeit und Zweck des Noviziates

23 Nach Abschluss der Mittelschule können jene Ordenskandidaten, die ihr Leben Gott weihen wollen und nach dem Urteil der Vorgesetzten charakterfest, geistig regsam, fromm und sittenrein sind, ins Noviziat aufgenommen werden. In dieser Prüfungszeit sollen sie gründlich und methodisch eingeführt werden in die Grundsätze und in die Aszese des Ordenslebens.

Wie die Lehrmeister des geistlichen Lebens und mehr noch die Erfahrung bezeugen, ist eine sorgfältige Schulung der Novizen äußerst wichtig. Niemand kann zur Vollkommenheit des Ordensstandes gelangen und darin ausharren, wenn er nicht schon in dieser Zeit die Grundlagen zu allen Tugenden in seiner Seele verankert hat. Folglich sollen die Novizen alle andern Studien beiseite lassen, um nicht abgelenkt zu werden von ihrer Hauptbeschäftigung: unter der klugen Anleitung ihres Novizenmeisters sich ausschließlich der Übung im geistlichen und aszetischen Leben widmen, um namentlich jene Tugenden zu erwerben, die mit den Ordensgelübden eng verbunden sind, nämlich Armut, Gehorsam und Keuschheit.

Dazu wird es sehr nützlich sein, die Werke des heiligen Bernhard, des seraphischen Lehrers Bonaventura und des Alphons Rodriguez immer wieder zu lesen und zu durchdenken, sowie jene der führenden geistlichen Schriftsteller eures eigenen Ordens. Wert und Einfluss ihrer Werke haben im Laufe der Zeit kaum abgenommen und scheinen heute eher noch zu wachsen. Zwei Dinge dürfen die Novizen nie vergessen: zeit ihres übrigen Lebens werden sie das sein, was sie während ihres Noviziates waren, und vertröstet man sich darauf, später durch verdoppelten Eifer die Versäumnisse eines mittelmäßigen oder ergebnislosen Noviziates nachzuholen, so endet diese Hoffnung gewöhnlich mIt einer vollständigen Enttäuschung.

3. Weisungen für das Klerikat:

a) Studium der Philosophie und Theologie

24 Sodann werdet ihr, geliebte Söhne, dafür besorgt sein, die jungen Kleriker nach ihrer Profess in sehr regeltreue Häuser zu schicken, wo alle Vorkehrungen getroffen sind, damit sie die Philosophie- und Theologiekurse gemäß den Bestimmungen und in allen Teilgebieten methodisch und erfolgreich absolvieren können. Mit den Worten "gemäß den Bestimmungen und in allen Teilgebieten" wollen Wir sagen, dass eine Beförderung zu einem höheren Kurs nur auf Grund genügender Resultate auf der vorhergehenden Stufe gestattet ist, dass kein Teil des Programms übergangen werden darf und dass die Dauer der Studienzeit genau nach denVorschriften des Kirchenrechts einzuhalten ist. Es wäre also unklug - um nicht mehr zu sagen -, wollten die Oberen, etwa unter dem Druck einer zeitbedingten Notlage, ihre Kleriker sozusagen auf verkürztem Wege zur Priesterweihe führen, um sie frühzeitiger in die Seelsorge zu schicken.

Die Erfahrung lehrt, dass überstürzte und unregelmäßige Studien der Folge nur unter großen Schwierigkeiten, falls es überhaupt möglich ist, nachgeholt werden können. Und mag auch eine vorzeitige Weihe in gewissen Fällen einen übrigens kaum nennenswerten Vorteil mit sich bringen, so schwindet dieser letzten Endes ganz dahin und zählt überhaupt nicht, weil diese Ordensmitglieder notwendigerweise den Anforderungen der Seelsorge nicht gewachsen sind.

b) Aszetische Schulung und Tugendleben

25 Achtet ferner darauf, dass eure Philosophie- und Theologiestudenten nicht nachlassen im Streben nach der Vollkommenheit. Es gehört vielmehr zu ihrer Pflicht, die Anweisungen der erfahrenen Lehrmeister des geistlichen Lebens auch weiterhin in die Tat umzusetzen, damit eines Tages die Christen an ihnen wahrnehmen, was sie von einem Ordensmann erwarten: solides Wissen, verbunden mit einem vorbildlichen Leben.

c) Sorgfältige Auswahl der Lehrkräfte

26 Sodann machen Wir euch noch auf einen besonders wichtigen Punkt aufmerksam: Die Professoren der Hochschulstufe müssen ihres Amtes in jeder Hinsicht würdig sein, wahrhaft vorbildlich durch ihren Lebenswandel und durch ihre wissenschaftliche Tüchtigkeit in ihrem Lehrfach. Folglich darf man einem Ordensmann nur dann einen Lehrstuhl übertragen, wenn er die Studien in Philosophie, Theologie und den entsprechenden Hilfswissenschaften mit Erfolg abgeschlossen hat und wenn er die erforderliche Eignung und Bildung für das Lehramt besitzt. Überseht ja nicht die Norm des Kodex, die besagt: "Man sorge dafür, je einen besonderen Professor zum mindesten für folgende Fachgebiete zu bestimmen: Exegese, Dogmatik, Moraltheologie und Kirchengeschichte ".[25] Die Professoren sollen sich alle Mühe geben, ihre Schüler zu tugendhaften und unverdrossenen Aposteln Jesu Christi heranzubilden, die mit Wissen und gesundem Urteil wohl ausgerüstet sind. So werden sie imstande sein, das einfache Volk zu unterrichten, die Angriffe jener zu widerlegen, die sich mit falscher Wissenschaft brüsten, und schließlich die Gläubigen zu wappnen gegen ansteckende Irrtümer, die für die Seelen umso gefährlicher sind, je schlauer und heimtückischer sie sich gebärden. Wenn sich eure Ordensmitglieder zu eurer Genugtuung redlich bemühen, aus dem hier geschilderten apostolischen Bildungsgang möglichst viel Nutzen zu ziehen, dann wird euch, geliebte Söhne, die reiche Ernte eine unsagbar schöne Belohnung sein für die Mühen und Sorgen, die ihr zugunsten dieses wahrhaft segenbringenden Werkes auf euch genommen habt.

d) Scholastische Lehrmethode: Thomas von Aquin

27 Als verbindlich und unverletzlich betrachtet vor allem jene Regel, die Wir in Übereinstimmung mit dem Kirchenrecht in Unserem apostolischen Schreiben über die Priesterseminarien und die theologischen Studien wie folgt formuliert haben:[26] Die Professoren der Theologie und der Philosophie sollen sich in ihren Vorlesungen gewissenhaft an die scholastische Methode halten, gemäß den Grundsätzen und der Lehre des heiligen Thomas. Denn die scholastische Denkzucht und die geradezu übermenschliche Weisheit des Aquinaten, der Unsere Vorgänger immer wieder hohes Lob gezollt haben, eignen sich bekanntlich in hervorragender Weise, um die Wahrheiten der Offenbarung darzulegen, sowie um die Irrtümer aller Zeiten mit wunderbarer Schlagkraft zu widerlegen. Das erklärt sich aus der Tatsache, dass der heilige Thomas, wie Unser hochseliger Vorgänger Leo XIII. sagt, "in reichem Maße mit den Gaben der übernatürlichen und der menschlichen Weisheit ausgestattet war, so dass man ihn mit der Sonne verglichen hat ... Er hat es zustande gebracht, ganz allein die falschen Lehren der Vergangenheit siegreich zu überwinden, und er liefert auch das unübertreffliche Rüstzeug, um jene zu widerlegen, die im Verlauf der Zeiten immer wieder auftauchen werden".[27] Derselbe Papst bemerkt ferner: "Wer wirklich ein Philosoph sein will - und namentlich die Ordensleute sollten dazu gewillt sein -, wird sich unbedingt in seinen Lehrgrundsätzen auf den heiligen Thomas stützen müssen".[28]

28 Eine andere Überlegung wird zeigen, wie wichtig es ist, dass eure Studenten sich treu an die scholastische Methode halten. Wenn nämlich schon zwischen Philosophie und Offenbarung eine enge Verwandtschaft besteht, so verdanken wir es der Scholastik, sie einander angenähert und in so harmonischen Einklang gebracht zu haben, dass sie sich gegenseitig aufhellen und nachhaltig stützen. Da sie ja beide von Gott stammen, der höchsten und ewigen Weisheit, da die Philosophie die Vernunfterkenntnisse, und die Offenbarung ihrerseits die Glaubenswahrheiten formuliert und darlegt, ist ein Widerspruch zwischen ihnen undenkbar, trotz der Behauptungen einiger Schwarmgeister. Im Gegenteil, sie vertragen einander so gut, dass sie sich gegenseitig ergänzen.

Daraus folgt, dass ein unwissender und kläglicher Philosoph nie ein guter Theologe sein wird; und wer von Theologie nichts versteht, kann niemals ein hervorragender Philosoph sein. Sehr zutreffend bemerkt dazu der heilige Thomas: "Aus den Prinzipien des Glaubens zieht man gültige Schlussfolgerungen für die Gläubigen, wie man aus den ersten Denkprinzipien Schlussfolgerungen zieht, die für alle gelten. Somit ist auch die Theologie eine Wissenschaft".[29]

Mit andern Worten: die Philosophie schöpft die ersten Prinzipien der natürlichen Erkenntnis aus der Vernunft, durch die der Mensch teilhat an der göttlichen Wahrheit; sie formuliert und entwickelt sie. Und die übernatürliche Offenbarung, deren strahlendes Licht den Verstand erleuchtet und seine Kraft erhöht, vermittelt der Theologie die Wahrheiten des Glaubens; diese Wissenschaft entwickelt und interpretiert sie. Somit sind Vernunft und Offenbarung zwei Strahlen derselben Sonne, zwei Ströme aus derselben Quelle, zwei Gebäude auf demselben Fundament. Gewiss ist das menschliche Wissen etwas Großes, unter der Bedingung allerdings, dass die Vernunft sich vom Glauben leiten lässt; sobald sie sich von ihm abwendet, verfällt sie unvermeidlich in eine Unzahl von Irrtümern und Widersprüchen.

Wenn also, liebe Söhne, eure Studenten das erworbene profane Wissen in den Dienst der christlichen Lehre stellen, wenn sie ferner beseelt sind von begeisterter Liebe zur geoffenbarten Wahrheit, dann werden sie Männer Gottes sein und als solche gelten. Ihr Wort und ihr Beispiel wird dem christlichen Volke sehr zum Nutzen gereichen. Denn jede Schrift, von Gott eingegeben, - oder, nach der Auslegung des heiligen Thomas, die christliche Lehre im Lichte der göttlichen Offenbarung - ist nützlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Zurechtweisung und zur Erziehung in Gerechtigkeit, damit der Mann Gottes untadelig sei, ausgerüstet Zu jedem guten Werk.[30]

e) Glaubensgeist und übernatürliche Gesinnung

29 Damit aber die jungen Ordensmänner auf dem weiten Feld der profanen und der geistlichen Wissenschaften sich nicht umsonst abmühen, werden sie vor allem den Glaubensgeist in ihrem Herzen lebendig erhalten müssen. Würden sie ihn schwinden lassen, so könnten sie ihren Blick, als ob er verschleiert wäre, nicht mehr in die Tiefen der übernatürlichen Wahrheiten versenken. Ebenso wichtig ist für sie die richtige Absicht beim Studium. Der heilige Bernhard bemerkt dazu: "Die einen wollen wissen, einzig um zu wissen; das ist schändliche Neugier ... Andere wollen wissen, um ihre Kenntnisse um Geld oder Ruhm zu verkaufen; das ist schändliche Gewinnsucht. Andere hingegen wollen wissen, um den Nächsten zu erbauen; das ist christliche Liebe. Wieder andere wollen wissen, um sich selbst zu erbauen, nnd das ist Klugheit ".[31] Eure jungen Ordensmitglieder sollen also ausschließlich in der Absicht studieren, um Gott zu gefallen und aus ihren Arbeiten für sich selbst und für die Mitmenschen einen möglichst großen seelischen Nutzen zu ziehen.

30 Wissen ohne Tugend bringt mehr Nachteile und Gefahren mit sich als wirkliche Vorteile. Denn jene, die stolz sind auf ihr Wissen, verlieren gewöhnlich den Glauben und stürzen sich blindlings in den seelischen Tod. Eure jungen Kleriker werden sich unermüdlich bemühen müssen, damit sie vom Geiste der Demut, deren alle bedürfen, insbesondere aber die Studenten, tief innerlich durchdrungen seien, stets eingedenk, dass Gott allein die höchste Weisheit selber ist, und dass die Kenntnisse, die der Mensch erwerben kann, so beträchtlich sie auch sein mögen, nichts sind im Vergleich zu all dem, was er nicht weiß. Vernehmt noch die feinsinnigen Ausführungen des heiligen Augustinus zu diesem Gegenstand: "Das Wissen macht uns hochmütig, sagt der Apostel. Aber wie denn, müsst ihr auf das Wissen verzichten und die Unwissenheit wählen, um dem Hochmut zu entgehen? Warum spreche ich denn zu euch, wenn Unwissenheit besser ist als Wissen? ... Liebt das Wissen, aber gebt der Liebe den Vorzug. Wissen macht hochmütig, wenn es allein bleibt. Da aber die Liebe aufrichtet, lässt sie nicht zu, dass das Wissen uns hochmütig macht. Wo also die Liebe nicht aufrichtet, da erzeugt das Wissen Hochmut; wo sie hingegen aufrichtet, da gibt sie dem Wissen inneren Halt".[32]

Wenn somit eure studierenden Kleriker den Geist der Liebe und der Frömmigkeit mit Eifer pflegen, wird dieser Geist, der Quell und Grundlage der anderen Tugenden ist, wie eine kräftige Würze die Gefahr der Zersetzung bannen. Dann werden sie zweifellos dank ihrer Gelehrsamkeit Gott wohlgefälliger und der Kirche nützlicher sein.

4. Die Laienbrüder und Brüderkongregationen:

a) Würde und Größe ihres Standes

31 Es bleibt Uns noch ein Wort zu sagen über die Laienbrüder. Obwohl sie die Priesterweihe nicht empfangen, legen sie doch die gleichen Gelübde ab wie die Ordenspriester und sind gleichermaßen im Gewissen verpflichtet, nach Vollkommenheit zu streben. Auch ohne humanistische und wissenschaftliche Bildung können sie zum höchsten Grade der Heiligkeit gelangen. Beweis dafür ist die Tatsache, dass eine beträchtliche Anzahl unter ihnen auf Grund ihres frommen und untadeligen Lebens zu allen Zeiten bei den Katholiken in hohem Ansehen stand oder sogar von den Päpsten heiliggesprochen wurde. Daher werden sie als Beschützer und Fürbitter vor Gott verehrt und angerufen.

Infolge ihres Standes sind übrigens die Laienbrüder den Gefahren nicht ausgesetzt, die oft die Ordenspriester gerade wegen ihrer Amtswürde bedrohen. Und doch haben sie Anteil an den gleichen Privilegien und Gnadenmitteln, die von den Orden in mütterlicher Freigebigkeit allen ihren Söhnen ohne Ausnahme zuerkannt werden. Es ist daher recht und billig, dass sie das übernatürliche Geschenk ihres Berufes hoch in Ehren halten und sich dafür Gott gegenüber dankbar erweisen, indem sie das Gelöbnis ihrer Profess oft erneuern, ihrem Beruf bis zum letzten Atemzuge treu zu bleiben.

b) Aszetische Bildung und geistliches Leben

32 In diesem Zusammenhang können Wir es Uns nicht versagen, euch, geliebte Söhne, eine Empfehlung ans Herz zu legen. Euch obliegt die schwere Pflicht, den Laienbrüdern während der Prüfungszeit ihres Postulates und während ihres ganzen Lebens die geistliche Betreuung angedeihen zu lassen, die ihnen unentbehrlich ist, um Fortschritte zu machen und standhaft zu bleiben. Diese Betreuung muss umso liebevoller sein, als ihr Stand geringer und ihre Dienste bescheidener sind. Bei der Wahl ihres Aufenthaltsortes und der Zuteilung ihrer Arbeiten sollen die Oberen daher ihre Fähigkeiten berücksichtigen und mit den Schwierigkeiten rechnen, denen sie begegnen könnten. Und sollte gelegentlich einer der Brüder in der Pflichttreue erlahmen, so werden die Oberen in väterlicher Fürsorge alles tun, um ihn mit fester und gütiger Hand zu einem heiligen Lebenswandel zurückzuführen. Eine Hauptpflicht der Oberen ist es, entweder persönlich oder durch geeignete Priester den Laienbrüdern regelmäßigen Unterricht zu erteilen in den Grundwahrheiten des Glaubens. Wer in der Welt oder im Kloster diese ewigen Wahrheiten kennt und häufig erwägt, wird sich dadurch zum Tugendleben mächtig angeregt fühlen.

Was Wir soeben gesagt haben, betrifft zugleich auch alle Mitglieder der Brüderkongregationen. Für sie ist sogar ein höheres Maß von religiösen Kenntnissen und eine überdurchschnittliche Bildung erfordert, da sich die meisten unter ihnen berufsmäßig der Kinder- und Jugenderziehung widmen.

Schluss: Willige Befolgung dieser Richtlinien

33 Das sind geliebte Söhne, die Mitteilungen, die Wir euch in väterlicher Liebe zu machen hatten über Studiengang und Studienordnung in den Klöstern sowie über andere ebenso wichtige Fragen. In eurer Ergebenheit Uns gegenüber und in eurer Sorge um das Wohl eurer Ordensfamilie werdet ihr diese Weisungen ohne Zweifel bereitwillig und gehorsam entgegennehmen. Desgleichen wünschen Wir, dass eure Novizen und Kleriker sie ihrem Herzen tief einprägen. Möge daraus auf die mächtige Fürbitte eurer Gründer hin euren Orden für alle Zukunft reicher Segen zufließen.

Als Unterpfand der göttlichen Gnaden und als Erweis Unseres väterlichen Wohlwollens erteilen Wir euch inzwischen, geliebte Söhne, sowie allen Mitgliedern euerer Ordensfamilien von ganzem Herzen den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom bei St. Peter, am 19. März 1924,

am Fest des heiligen Joseph, Bräutigam der allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter,
im dritten Jahre Unseres Pontifikates

Pius XI. PP.

Anmerkungen

  1. Konzil von Trient, Sess. xxv, De Regularibus c. 1. Mansi 33, 173.
  2. Cod. iur. can., c. 487, 488.
  3. VgI. Pius XI., Rundschreiben Ubi arcano vom 23. Dezember 1922. AAS XIV (1922) 673-700.
  4. VgI. Pius XI., Apostolisches Schreiben Officiorum omnium vom 1. August 1922. AAS XIV (1922) 449-458.
  5. Sir 44,12-13 EU.
  6. Mt 6,33 EU.
  7. Vgl. Benedikt XV., Apostolisches Schreiben Maximum illud vom 30. November 1919. AAS XI (1919) 440-455.
  8. Weish 13,1 EU.
  9. Bonaventura, De reductione artium ad Theol., n.26.
  10. Mal 2,7 EU.
  11. Vgl. 1 Kön 2,3 EU.
  12. Vgl. Mt 5,13.14 EU.
  13. Hos 6,6 EU.
  14. Tertullianus, Apologeticum I. PL 1, 260.
  15. Hieronymus, Epist. LIII ad Paulinum. CV 54, 447; PL 22, 542.
  16. VgI. Sir 33,29 EU.
  17. Hieronymus, Epist. cxxv ad Rusticum, 11. PL 22, 1078.
  18. Hieronymus, Comment. in Zacch. II. Buch, Kap. IX 17. PL 25, 1489.
  19. Richard von St. Viktor, De diff. sacrif. Abr. et Marjae, 1. PL 196, 1049.
  20. Augustinus, Confess., XI. Buch, Kap. II, 2. CV 33, 281; PL 32, 810.
  21. Vgl. Pius X., Schreiben Cum primum an den General des Dominikanerordens, vom 4. August 1913. AAS V (1913) 387.
  22. VgI. Cod. iur. can., c.589.
  23. Vgl. Pius XI., Apostolisches Schreiben Officiorum omnium vom 1. August 1922. AAS XIV (1922) 452-454.
  24. Cod. iur. can., 1364, 2°
  25. Cod. iur. can., c. 1366, § 3.
  26. Vgl. Pius XI., Apostolisches Schreiben Officiorum omnium vom 1. August 1922. AAS XIV (1922) 449-458. VgI. Cod. iur. can., c. 1366, § 2.
  27. Leo XIII., Rundschreiben Aeterni patris vom 4. August 1879. ASS XII (1879-1880) 108.
  28. Leo XIII., Schreiben Nostra ergo vom 25. November 1898. ASS XXXI (1898-1899) 264.
  29. Thomas von Aquin, Summ. theol. lI-lI q. 1 art. 5 ad 2.
  30. 2 Tim 3,16-17 EU.
  31. Bernhard, In Cant. sermo XLVI. PL 183, 968.
  32. Augustinus, Sermo CCCLIV ad Con/., VI. PL 39, 1566.

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