Erste Pastoralreise von Papst Johannes Paul II. in die Schweiz im Juni 1984

Aus Kathpedia
(Unterschied zwischen Versionen)
Wechseln zu: Navigation, Suche
K
(link)
 
Zeile 877: Zeile 877:
 
Ihr fordert z. B. dazu auf, von der Philanthropie zur Nächstenliebe überzugehen, vom Mitleid mit dem Elend zur Ehrfurcht vor der menschlichen Würde, ja zur Liebe zum Menschen als eines Ebenbildes Gottes, zur Erkenntnis Christi, der will, dass ihm im geringsten der Seinen gedient werde. Ihr möchtet, dass zum Asyl, das den Zuwanderern oder Flüchtlingen gewährt wird, die Herzlichkeit und Wärme des brüderlichen Verständnisses, der Freundschaft, der Zusammenarbeit hinzukomme. Ihr achtet darauf, dass man in diesem Bereich die Forderungen der sozialen Gerechtigkeit und die verschiedenen Menschenrechte nicht vernachlässigt. Ihr tragt dazu bei, den Geist und das Herz für die grossen Probleme der Welt und für die Plagen und Nöte zu öffnen, die andere U mwelten und andere Völker heimsuchen: Hunger, Drogen, Bruderkriege. Die fundamentale Bedeutung der Kinder- und Jugenderziehung lässt euch zusammen mit den Eltern nach den geeignetsten Mitteln und Möglichkeiten suchen, um diese Erziehung nicht nur durch die Katechese, sondern durch katholische Schulen und andere Erziehungseinrichtungen sicherzustellen. Schliesslich seid ihr stets auf die Werte der Familie bedacht, die auf eine harte Probe gestellt werden, wenn die Liebe von Braut- und Ehepaaren auf der Suche nach unmittelbarem Vergnügen für sich in egoistischer Weise gelebt wird und keine endgültige Bindung an die Person des Partners und die aus der Verbindung hervorgegangenen Kinder vorhanden ist. Ihr fühlt das dringende Bedürfnis, zu dieser Treue wie zur hochherzigen Annahme des Lebens zu erziehen. Es wäre denn auch ein Widerspruch, wollte man den Unterernährten der Welt Hilfe bringen, nicht aber bei sich selbst das Leben des Kindes im Mutterleib vom Augenblick der Empfangnis an oder den Wert des sich zu Ende neigenden Lebens bis zum natürlichen Tod respektieren.  
 
Ihr fordert z. B. dazu auf, von der Philanthropie zur Nächstenliebe überzugehen, vom Mitleid mit dem Elend zur Ehrfurcht vor der menschlichen Würde, ja zur Liebe zum Menschen als eines Ebenbildes Gottes, zur Erkenntnis Christi, der will, dass ihm im geringsten der Seinen gedient werde. Ihr möchtet, dass zum Asyl, das den Zuwanderern oder Flüchtlingen gewährt wird, die Herzlichkeit und Wärme des brüderlichen Verständnisses, der Freundschaft, der Zusammenarbeit hinzukomme. Ihr achtet darauf, dass man in diesem Bereich die Forderungen der sozialen Gerechtigkeit und die verschiedenen Menschenrechte nicht vernachlässigt. Ihr tragt dazu bei, den Geist und das Herz für die grossen Probleme der Welt und für die Plagen und Nöte zu öffnen, die andere U mwelten und andere Völker heimsuchen: Hunger, Drogen, Bruderkriege. Die fundamentale Bedeutung der Kinder- und Jugenderziehung lässt euch zusammen mit den Eltern nach den geeignetsten Mitteln und Möglichkeiten suchen, um diese Erziehung nicht nur durch die Katechese, sondern durch katholische Schulen und andere Erziehungseinrichtungen sicherzustellen. Schliesslich seid ihr stets auf die Werte der Familie bedacht, die auf eine harte Probe gestellt werden, wenn die Liebe von Braut- und Ehepaaren auf der Suche nach unmittelbarem Vergnügen für sich in egoistischer Weise gelebt wird und keine endgültige Bindung an die Person des Partners und die aus der Verbindung hervorgegangenen Kinder vorhanden ist. Ihr fühlt das dringende Bedürfnis, zu dieser Treue wie zur hochherzigen Annahme des Lebens zu erziehen. Es wäre denn auch ein Widerspruch, wollte man den Unterernährten der Welt Hilfe bringen, nicht aber bei sich selbst das Leben des Kindes im Mutterleib vom Augenblick der Empfangnis an oder den Wert des sich zu Ende neigenden Lebens bis zum natürlichen Tod respektieren.  
  
Alle diese sittlichen Forderungen werden in einer Gesellschaft, der die religiösen Motive zur Ehrfurcht vor dem Menschen verlorengehen, nicht immer verstanden und angenommen; sie können sogar Auflehnung auslösen oder Anklagen, man mische sich in die Politik ein. Doch letzten Endes wird man den Mut der Kirche anerkennen, wenn man einmal begreift, dass sie zutiefst die Würde des Menschen, seine Freiheit und seine Hoffnung verteidigt. Dazu muss man, wie ihr wisst, die öffentliche Meinung auf die grossen damit verbundenen menschlichen Anliegen aufmerksam machen. Christen dürfen diese moralischen Forderungen niemals von den Bedingungen des geistlichen Fortschritts des Menschen trennen, der als Ebenbild Gottes geschaffen, von Christus erlöst und damit fahig ist, mit der Gnade trotz seiner Schwächen den steilen Weg der Seligpreisungen einzuschlagen, der der Weg des Friedens, der Freude und des Lebens ist.  
+
Alle diese sittlichen Forderungen werden in einer Gesellschaft, der die religiösen Motive zur Ehrfurcht vor dem Menschen verlorengehen, nicht immer verstanden und angenommen; sie können sogar Auflehnung auslösen oder Anklagen, man mische sich in die Politik ein. Doch letzten Endes wird man den Mut der Kirche anerkennen, wenn man einmal begreift, dass sie zutiefst die Würde des Menschen, seine Freiheit und seine Hoffnung verteidigt. Dazu muss man, wie ihr wisst, die öffentliche Meinung auf die grossen damit verbundenen menschlichen Anliegen aufmerksam machen. Christen dürfen diese moralischen Forderungen niemals von den Bedingungen des geistlichen Fortschritts des Menschen trennen, der als [[Ebenbild Gottes]] geschaffen, von Christus erlöst und damit fahig ist, mit der Gnade trotz seiner Schwächen den steilen Weg der Seligpreisungen einzuschlagen, der der Weg des Friedens, der Freude und des Lebens ist.  
  
 
Liebe Brüder im Bischofsamt, hier unterbrechen wir unser Gespräch, um mit euren Mitarbeitern, den Priestern eurer Diözesen, zusammenzutreffen. Ich bitte den Herrn, euch in eurer herrlichen Sendung, deren Last ich mit euch trage, zu inspirieren und zu stärken. Sein Heiliger Geist schenke euch, wie einst den Aposteln, den Mut jener, die Zeugnis geben, und die Hoffnung derer, die das Unsichtbare im Blick haben!  
 
Liebe Brüder im Bischofsamt, hier unterbrechen wir unser Gespräch, um mit euren Mitarbeitern, den Priestern eurer Diözesen, zusammenzutreffen. Ich bitte den Herrn, euch in eurer herrlichen Sendung, deren Last ich mit euch trage, zu inspirieren und zu stärken. Sein Heiliger Geist schenke euch, wie einst den Aposteln, den Mut jener, die Zeugnis geben, und die Hoffnung derer, die das Unsichtbare im Blick haben!  

Aktuelle Version vom 15. August 2019, 17:41 Uhr

Worte bei der
Ersten Pastoralreise in die Schweiz

von Papst
Johannes Paul II.
12. - 17. Juni 1984

(Quelle: Der Apostolische Stuhl 1984, S. 417-567)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Montag, den 11. Juni 1984

[Bearbeiten] Fernsehbotschaft an die Schweizer Bevölkerung

Thema: Offen für den Geist Christi

(Deutsch)

Liebe Brüder und Schwestern in der Schweiz!

In den nächsten Tagen darf ich Ihrem Land meinen Besuch abstatten, der schon seit langem geplant gewesen ist. Ich freue mich sehr darauf. Meine Reise ist in erster Linie ein kirchliches Ereignis. Denn sie gilt vor allem den katholischen Christen in der Schweiz, die mit dem Bischof von Rom als dem Nachfolger des heiligen Petrus in besonderer Weise verbunden sind. Es ist mir aber eine grosse Freude, auch mit den Vertretern der anderen Kirchen zusammenzukommen, um mit ihnen in Gespräch und Gebet unsere gemeinsame Verantwortung für die Einheit der Christen zu bedenken und zu vertiefen.

Über den Tagen meines Pastoralbesuches steht das Motto: «Offen für Christi Geist». Ich habe dafür gebetet, dass Sie, die gläubigen Christen in der Schweiz, und auch ich selber diesen Geist Christi lebendig erfahren. Möge der Geist Christi unsere Herzen erfüllen, wenn wir miteinander auf Gottes Wort hören und den Tod und die Auferstehung unseres Erlösers feiern. Möge der Geist Christi aber auch mit uns sein in den zahlreichen anderen Begegnungen, die vorgesehen sind.

Indem ich auch Sie dafür aufrichtig um Ihr Gebet bitte, grüsse ich Sie alle sehr herzlich. Ich danke schon jetzt für das Wohlwollen, das so viele von Ihnen mir und meinem Dienst in der Kirche entgegenbringen. In diesen Dank schliesse ich auch Ihre Behörden ein, besonders die Kantons- und Landesregierungen, die mir grosszügige Gastfreundschaft gewähren werden, wie auch die vielen Organisatoren und Helfer, die mir durch ihren persönlichen Einsatz diesen Pastoralbesuch in Ihrem Land ermöglichen. Möge der Herr unsere kommenden Begegnungen, Ihr Land und alle seine Bewohner mit seinem besonderen Segen begleiten!

(Französisch)

Ich freue mich sehr, dass ich zum ersten Mal Gelegenheit habe, mich über die Massenmedien an alle Bürger und Bewohner der Schweiz zu wenden, wohin reisen zu können ich das Glück habe. Und um euch zu grüssen, erlaube ich mir, den Gruss des auferstandenen Jesus an seine Jünger zu wiederholen: «Friede sei mit euch!» (Joh 20,19).

Ihr wisst, dass dieser - so starke - Wunsch sich an alle Jünger des Herrn, die von heute wie die von gestern, richtet. Mehr als ein Wunsch ist es eine Verheißung des Geistes, zu dessen «Früchten» der Friede gehört (vgl. Gal 5,22); ebenso ist es ein Aufruf und eine Ermutigung zu einer herrlichen und anspruchsvollen Berufung.

Aber ich glaube, dass der Friede gleichsam die besondere Berufung eines Landes sein oder werden kann. Dieser Appell war in' der Geschichte der Schweiz oft zu hören, wenn euch innere Schwierigkeiten bedrohten. Aber euer Vertrauen in die höheren Kräfte des Friedens hat euch diese Schwierigkeiten überwinden lassen. Die Geschichte auf internationaler Ebene wird gleichfalls festhalten, dass ihr verstanden habt und noch immer versteht, an vielen bescheidenen und schwierigen Vorhaben aktiv mitzuwirken, die von den Menschen guten Willens unternommen werden, damit das Ideal des Friedens trotz allem ein Grund zu echter Hoffnung bleibt. Ja, «der Friede sei mit euch»! Und meine Pilgerreise in eurer Mitte möge dafür ein neuer Ausdruck und eine neue Erfahrung in der Liebe sein!

(Italienisch)

Liebe Brüder und Schwestern der italienischen Schweiz!

Meinen herzlichen Gruss euch allen! Während ich diesen Gruss an euch richte, fühle ich in mir schon die Freude auf die bevorstehende Begegnung mit euch aufsteigen. «Denn ich sehne mich danach, euch zu sehen; ich möchte euch geistliche Gaben vermitteln, damit ihr dadurch gestärkt werdet, oder besser: damit wir, wenn ich bei euch bin, miteinander Zuspruch empfangen durch euren und meinen Glauben» (Röm 1, 11-12).

Ich freue mich, dass mein Pastoralbesuch bei der Kirche der Schweiz im Gedenkjahr des 400. Todestages des grossen Bischofs, Freundes und himmlischen Patrons eurer Lande, des heiligen Karl Borromäus, stattfindet.

Auf der «Via Gentium» (Völkerstrasse), die eure Regionen durchquert, wanderte einst die Botschaft des Evangeliums dank der Arbeit der Missio-· nare und Mönche, aber auch dank des Zeugnisses der Wanderer, der Kaufleute, der Soldaten, und fasste schon in längst vergangenen Zeiten in Europa tief Wurzel. Euer Land - das von besonderer Naturschönheit umgeben ist - ist noch heute ein Durchgangs- und Fremdenverkehrsland: möge es stets Zeugnis geben von Christus und dem Evangelium! Die J ungfrau Maria - die von euch mit soviel kindlicher Frömmigkeit in zahlreichen Heiligtümern, wie dem von Sasso di Locarno oder dem von Morbio Inferiore, verehrt wird, Heiligtümer, die ich in Gedanken besuchen werde, wenn ich vor dem Gnadenbild der Madonna delle Grazie im SanLorenzo-Dom in Lugano knie - segne unsere Begegnung und öffne unsere Herzen dem Wirken des Geistes Christi, damit durch den hochherzigen Beitrag aller der Sauerteig des Evangeliums weiter und mit erneuerter Wirkkraft in der heutigen Gesellschaft tätig ist und die Menschen der jetzigen Generation in Christus ihren Erlöser zu erkennen vermögen, wenn sie in ihm die befriedigende Antwort auf die grundlegenden Fragen ihres Herzens finden.

[Bearbeiten] Dienstag, den 12. Juni 1984

[Bearbeiten] Begrüßungsansprache bei der Ankunft auf dem Flughafen Zürich-Kloten

Thema: Im Geist der Freundschaft und der Liebe Christi

(Deutsch)

1. Mit grosser Freude komme ich heute in das Land der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Dies ist eine weitere bedeutende Station auf meinem Pilgerweg, der mich seit meiner Berufung zum Bischof von Rom im Namen des Evangeliums zu meinen Glaubensbrüdern und -schwestern und zu vielen Menschen guten Willens in die verschiedenen Länder und Kontinente führt. Gott hat es so gefügt, dass dieser Besuch nicht schon im Frühjahr 1981 erfolgen konnte, sondern erst heute stattfindet.

In dem Augenblick, da ich als Nachfolger des Apostels Petrus den Schweizer Boden betrete, grüsse ich mit Hochachtung und im Geist der Freundschaft und der Liebe Jesu Christi, des Erlösers des Menschen, alle Bürger dieses geschätzten Volkes, besonders die katholischen und evangelischen Christen. Ich grüsse ehrerbietig alle, die diese hier vertreten, vor allem Sie, sehr verehrter Herr Bundespräsident, zusammen mit den Repräsentanten aus Staat und Gesellschaft, den hochwürdigsten Herrn Präsidenten der Schweizer Bischofskonferenz, Bischof Schwery, die Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt sowie alle Gäste, die mich durch ihre Anwesenheit beehren. Aufrichtig danke ich den Verantwortlichen für die freundliche Einladung und dem Herrn Bundespräsidenten für seinen herzlichen Willkommensgruss.

2. Während mein erster Besuch in der Schweiz im Jahre 1982 einigen bedeutenden internationalen Institutionen gegolten hat, die in Ihrem Land gastliche Aufnahme gefunden haben, so will der heutige hauptsächlich ein Pastoralbesuch bei der hiesigen Ortskirche sein. Noch bevor die geschichtliche Entwicklung die freien Städte und Kantone dieser Alpenregion zu einem gemeinsamen Staatsgebilde zusammengeführt hat, war es der christliche Glaube, der die Menschen und Volksstämme dieser majestätischen Berge und Täler trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft und Sprache in der einen Kirche Jesu Christi vereint hat. Von den frühen Anfängen an ist das Christentum tief verankert in der Seele und den Traditionen des Schweizervolkes. Die vielfältigen Begegnungen der kommenden Tage mögen dazu dienen, uns wieder neu auf diese gemeinsame christliche Berufung zu besinnen und als Gottesvolk des Neuen Bundes zusammen mit Christus Gott, dem Schöpfer und Vater aller Menschen, für seine «Grosstaten» (vgl. 1 Petr 2,9-10) zu danken und ihn zu preisen. Die Herausforderung, die das moderne Zeitalter für die Menschheit und für das Christentum bedeutet, lässt uns Christen nur um so schmerzlicher die unseligen Spaltungen und Polarisierungen empfinden, die uns wie in der Vergangenheit auch heute noch untereinander entzweien. Das in einer zunehmend säkularisierten Umwelt von allen Christen gemeinsam verlangte Zeugnis für Christus und den von ihm erlösten Menschen verpflichtet uns zu noch grösseren Anstrengungen, um alle äusseren und inneren trennenden Hindernisse allmählich in der vollen Wahrheit und Liebe Christi zu überwinden, «damit die Welt glaubt» (Joh 17,21). Deshalb freue ich mich auch besonders über die Begegnungen, die ich während meines Besuches mit den getrennten Glaubensbrüdern und -schwestern werde haben können. Gebe Gott, dass diese das gegenseitige Verständnis vertiefen und unser gemeinsames Glaubenszeugnis stärken und weiterentfalten mögen.

3. Meine hohe Wertschätzung gilt bei diesem Besuch zugleich dem ganzen geliebten Schweizervolk, das sich nicht nur durch seinen blühenden wirtschaftlichen Wohlstand, sondern auch durch seine vorzügliche Gastfreundschaft und solidarische internationale Zusammenarbeit ein grosses Ansehen in der Völkergemeinschaft erworben hat. Seine traditionelle Neutralität sicherte ihm lange Zeiten des Friedens und des sozialen Fortschritts und bot zugleich die günstige Voraussetzung für ein ausgedehntes humanitäres Wirken, besonders in Zeiten schwerer internationaler Konflikte. Es sei hier - stellvertretend für alle anderen Hilfeleistungen, besonders für die notleidenden Völker in den Entwicklungsländern - nur an die Gründung und die verdienstvolle Tätigkeit des Internationalen Roten Kreuzes erinnert.

Nicht unerwähnt lassen möchte ich schliesslich noch die besondere Verbundenheit der Schweiz mit dem Stuhle Petri durch die Päpstliche Schweizergarde, in der seit mehreren Jahrhunderten junge Schweizer Bürger dem Nachfolger Petri bei der Wahrnehmung seiner vielfältigen apostolischen Aufgaben Schutz und Hilfe gewähren und ihre Treue sogar schon mit ihrem Blut besiegelt haben. Für all das möchte ich durch meinen Besuch dem Schweizervolk und besonders den katholischen Gläubigen im Namen Christi und der Kirche aufrichtig danken und sie zugleich in der Treue zu ihrer christlichen Berufung und Sendung in der Welt von heute ermutigen und bestärken.

(Französisch)

4. Es versteht sich von selbst, dass ich schon bei meiner Ankunft auch ein paar Worte in Ihren anderen drei Landessprachen sagen möchte. Diese Pilgerreise führt michja in ein Land, dessen traditionelle sprachliche Vielfalt der gemeinsamen Identität und dem Zusammenhalt seiner Bewohner nicht entgegensteht, sondern vielmehr zur Bereicherung eines kostbaren Kulturerbes beiträgt. Die Mehrsprachigkeit Ihres Landes verschafft ihm die Wertschätzung zahlreicher Gesprächspartner in der ganzen Welt und ermöglicht es, sie grosszügig bei sich aufzunehmen. Die Ausstrahlung der Schweizerischen Eidgenossenschaft wird dadurch noch um so grösser. In Verbundenheit mit den vielen Menschen, die Ihnen danken möchten für das, was sie von Ihnen empfangen durften, rufe ich voll Freude Gottes Segen auf alle Schweizer herab, die heute auch mir ihre Gastfreundschaft anbieten.

(Italienisch)

In Ihrem Land, wo sich mehrere Kulturen begegnen, wird auch Italienisch gesprochen. Deshalb richte ich auch in dieser Sprache ehrfurchtsvolle und herzliche Grüsse an die Schweizer Bürger aller Stände und Berufe undjeglicher Herkunft. Möge der dreieinige Gott, unter dessen Schutz Ihr Land vom Anfang seiner Geschichte an gestellt ist, Ihnen weiterhin Frieden, tatkräftige Eintracht, Gerechtigkeit, Brüderlichkeit und Solidarität schenken - Zeichen jener klassischen, nie eingeschlummerten Tugenden, auf denen der echte, ganzheitliche Fortschritt des Landes beruht.

(Rätoromanisch)

Herzlich grüsse ich nun in der vierten Landessprache die Bewohner der rätoromanischen Schweiz. Von Herzen wünsche ich ihnen und ihren Familien alles Gute, Glück und Frieden im Herrn.

(Deutsch)

Gott segne auf die Fürsprache Ihres Schutzpatrons, des heiligen Nikolaus von der Flüe, die Schweiz und alle ihre Bewohner!

[Bearbeiten] Predigt bei der ersten Messe im Cornadero-Stadion in Lugano

Thema: Die Eucharistie: Grundelement der Kirche

(Italienisch)

1. «Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten» (Apg 2,42).

Der eben gelesene Text aus dem 2. Kapitel der Apostelgeschichte stellt uns die Anfänge der Kirche vor Augen, kurz nachdem sie am Pfingsttag aus dem Abendmahlssaal an die Öffentlichkeit getreten war. Sie wurde durch die Macht des Heiligen Geistes aus dem Ort der Erwartung und des Gebetes hinausgeführt, um unter den Menschen aus verschiedenen Nationen «Gottes grosse Taten» zu verkünden (Apg 2,11).

Am vergangenen Sonntag, dem Pfingstfest, hatten wir die Freude, eben diesen Tag, den «der Herr gemacht hat», wiederzuerleben, den Tag der Geburt der Kirche.

Heute sind wir im Bericht der Apostelgeschichte - so könnte man sagen Zeugen eines gewöhnlichen Tages dieser eben geborenen Kirche. Wir sehen die Gemeinde, die unerschütterlich «an der Lehre der Apostel festhält ... , am Brechen des Brotes und an den Gebeten». Diese Gemeinde lebt noch in täglicher Verbindung mit dem Tempel in Jerusalem (nimmt also noch am Gottesdienst des Alten Bundes teil) und bricht zur selben Zeit daheim das Brot (vgl. Apg 2,46), feiert schon die Eucharistie, das Sakrament des neuen und ewigen Bundes - das Sakrament, durch das sich seit fast zweitausend Jahren die Kirche gebildet hat und weiter bildet.

2. Dieser Text der Apostelgeschichte ist wichtig. In ihm werden einige tragende Elemente der Kirche Christi deutlich: das Wort Gottes; eine Gemeinde von Gläubigen, die es entgegennimmt und sich zur Feier der Eucharistie versammelt im Verein mit den Aposteln, die in der Folgezeit dafür besorgt sein werden, sich in der Person der Bischöfe Nachfolger zu sichern. Von damals bis heute und bis zum Ende der Zeiten gibt es die volle Wirklichkeit der Kirche nur auf grund dieser Wesenselemente. Schon die Kirche der ersten Zeiten, die im Abendmahlssaal in J erusalem und in der um die Apostel vereinten Urgemeinde beginnt, ist so gestaltet. Sie ist - so könnte man sagen - Ortskirche und gleichzeitig auch Weltkirche. Ortskirche, weil sie an einen Ort, an J erusalem, gebunden ist; aber auch Weltkirche, weil in ihr, wie sich am Pfingsttag zeigt, Menschen aus verschiedenen Nationen zusammenkommen. Durch das Sprachenwunder beglaubigt der Geist diese Vielgestalt, indem er jedermann die Apostel in seiner Muttersprache vernehmen lässt.

Beseelt vom gleichen Heiligen Geist möchten wir diese beiden Dimensionen der Kirche bei der heutigen Begegnung und die ganze Woche hindurch mit Freude annehmen.

Der Besuch des Bischofs von Rom und Nachfolgers des Petrus will mit besonderer Deutlichkeit zeigen, dass eure Diözese Lugano und alle Diözesen der Schweiz - alle Kirchen, die sich in eurem Vaterland finden -, wenn sie ihr eigenes Leben leben, gleichzeitig das Leben der Weltkirche leben: der einen Kirche in der ganzen Welt. Die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche.

Die Kirche ist das Volk Gottes: «das Volk, dessen Gott der Herr ist, die Nation, die er sich zum Erbteil erwählt hat» (Ps 32,12).

Die Psalmworte der heutigen Liturgie sprechen von Israel, dem Gottesvolk des Alten Bundes. Und gleichzeitig sprechen sie vom neuen Israel, der Kirche, die sich weit über die alttestamentlichen Grenzen einer einzigen Nation hinaus ausgedehnt hat.

«In allen Völkern der Erde wohnt dieses eine Gottesvolk, da es aus allen seine Bürger nimmt, Bürger eines Reiches freilich nicht irdischer, sondern himmlischer Natur. Alle über den Erdkreis hin verstreuten Gläubigen stehen mit den übrigen im Heiligen Geiste in Gemeinschaft, und so weiss 'der, welcher zu Rom wohnt, dass die Inder seine Glieder sind'» (Lumen gentium, Nr. 13).

Das Volk: das ist die Gemeinschaft der lebenden Menschen, die Gott liebend umarmt: alle miteinander und zugleich jeden einzelnen persönlich. Er umarmt sie als Schöpfer und Vater, als Erlöser und als Geist, der alles durchdringt.

«Der Herr blickt herab vom Himmel, er sieht auf alle Menschen.

Von seinem Thronsitz schaut er nieder auf alle Bewohner der Erde.

Der ihre Herzen gebildet hat, er achtet auf all ihre Taten» (Ps 33,13-15).

Alle und jeder einzelne sind durchdrungen vom ewigen Plan der göttlichen Liebe. Alle und jeder einzelne sind «losgekauft» durch denselben unendlichen Preis der Erlösung in Christus. Alle und jeder einzelne sind dem Hauch des einzigen Geistes der Wahrheit unterworfen.

3. Die heutige Liturgie spricht uns von dieser Einheit durch das evangelische Gleichnis vom Weinstock und den Reben.

Jesus sagt zu seinen Jüngern in seiner Abschiedsrede im Abendmahlssaal: «Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Winzer» (Joh 15,1). Auf dem weiten Boden der Menschheit hat der himmlische Vater diesen Weinstock gepflanzt: den in der Zeit von der Jungfrau Maria geborenen Sohn Gottes. Und alle Menschen sind wie Reben vom Saft des neuen Lebens durchdrungen, das in diesem Weinstock ist.

«Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt - sagt Jesus -, schneidet der Vater ab, und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt» (Joh 15,2).

Was ist die Kirche - in ihren beiden Dimensionen, der weltkirchlichen und der ortskirchlichen? Sie ist das Umfeld des neuen Daseins des Menschen. Durch dieses Umfeld hat der Mensch, das Erdenkind, ein neues Dasein in Jesus Christus, dem Sohn Gottes. Wie eine Rebe am Weinstock. So ist mithin auch das Dasein der Kinder Gottes. Deshalb ist die Kirche der Ort der göttlichen Hege und Pflege. Wir alle, die wir die Kirche bilden - miteinander und einzeln -, sollen Frucht bringen in Christus.

«Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr keine Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir bleibt ... Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir, könnt ihr nichts vollbringen ... Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet. Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!» (loh 15,4-5,8-9).

4. In unserer Betrachtung über die Kirche in allen ihren Dimensionen müssen wir ständig auf diese erstaunliche Analogie zurückkommen. In ihr liegt der tiefste Grund der Einheit und zugleich der Vielfalt der Kirche. Diese Analogie hat auch deshalb ihre besondere Bedeutung, weil sie zeigt, wie die beiden Dimensionen der Kirche, die in den Begriffen «Weltkirche» und «Ortskirche» zum Ausdruck kommen, richtig zusammengehören können, so dass dabei doch gleichzeitig der ganze Reichtum, der in jeder Dimension enthalten ist, bewahrt wird.

Die Einheit entspringt dem Weinstock Christus durch das Wirken des Heiligen Geistes, der am Pfingsttag auf die Apostel herab gesandt wurde. Und deshalb ist sie Einheit in Leib und Geist, wie der Verfasser des Epheserbriefes verkündet: «Ein Leib und ein Geist, wie euch durch eure Berufung auch eine gemeinsame Hoffnung gegeben ist; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist» (4,4-6).

So kommt also die Einheit der Kirche letzten Endes vom Vater. Sie kommt vom Vater durch Christus, den Weinstock, im Heiligen Geist. «Bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält», schreibt der Apostel (Eph 4,3).

Das ist eine Aufforderung, die bleibenden Wert hat. Auch die Christen von heute müssen sich damit auseinandersetzen. Jede um ihren Bischof versammelte Ortskirche ist wirklich und voll Kirche. Dieses Bewusstsein ist nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil so stark geworden, dass wir heute mit einer folgenreichen Formulierung sagen können, dass die eine und einzige katholische Kirche in und aus Teilkirchen, d. h. Diözesen, besteht (vgl. CIC 368). Das bedeutet: Wo eine Gemeinde mit ihrem Bischof im Glauben und in Treue zum auferstandenen Herrn um ihren Bischof versammelt ist, da ist wirklich Kirche. Aber die Wirklichkeit des mystischen Leibes Christi erschöpft sich darin nicht. Die Teilkirche kann also nicht allein bleiben, sie kann nicht nur auf örtlicher Ebene in Brüderschaft leben, sondern muss auch die Gemeinschaft mit den andern Kirchen verwirklichen. Wir lesen im Neuen Testament, wie schon unter den verschiedenen Kirchen von damals Einheit bestand, die durch Austausch von Hilfen und Informationen, durch Reisen und gastliche Aufnahme bezeugt wurde, und vor allem durch das entschiedene Festhalten am gleichen Glauben, an den gleichen Sakramenten, an der von den Aposteln eingeführten Kirchenzucht, die einmütig angenommen und von ihren Nachfolgern ständig erneuert wurde. Zumal die Apostelgeschichte informiert uns: Als von Jerusalem aus die Ausbreitung des Evangeliums begann und sich im Anschluss daran an den verschiedenen Orten, wo die Botschaft ankam, neue Gemeinden bildeten, bezogen sich diese Gemeinden weiterhin auf einen Mittelpunkt, auf eine Mutterkirche, die damals Jerusalem war, der Ort, wo in der ersten Zeit Petrus mit den anderen Aposteln lebte.

Auch die Christen von heute sind verpflichtet, in dieser Einheit zu leben: Es kann keine Ortskirche geben, die nicht in Gemeinschaft mit den anderen steht, die sich nicht den Leiden und Freuden der anderen Ortskirchen öffnet, die nicht versucht, sich mit ihnen über die konkrete Weise abzustimmen, vor der Welt von heute die ewigen Werte des Evangeliums zu bezeugen. Es kann keine Ortskirche geben, die nicht eine aufrichtige, tiefe Gemeinschaft mit dem Stuhl des Petrus pflegt.

5. Die Kirche ist «eine». Jede Vielfalt ruht in dieser Einheit. Diese Vielfalt ist - wie wir im folgenden beim Apostel Paulus lesen - eine Vielfalt von Berufungen: «um die Heiligen für die Erfüllung ihres Dienstes zu rüsten, für den Aufbau des Leibes Christi» (Eph 4,12). Für den Aufbau des Leibes Christi heute, so wie von der ersten Generation an die Apostel, die Propheten, die Evangelisten, die Hirten und die Lehrer diesen Leib aufgebaut haben. Die Vielfalt der Berufungen ist soweit echt, als sie sich aus der Einheit ergibt und diese aufbaut. Was sich auf die Personen bezieht, gilt auch für die Gemeinden. Jede Gemeinde in der Kirche ist soweit echt (der evangelischen und apostolischen Überlieferung entsprechend), als sie sich aus der Einheit entwickelt und diese gleichzeitig aufbaut.

Jede Ortskirche ist soweit echt (der evangelischen und apostolischen Begriffsbestimmung entsprechend), als sie sich aus der Einheit der Weltkirche entwickelt und diese mit aufbaut.

6. Bei dieser Eucharistiefeier zu Beginn meines Pastoralbesuches in der Schweiz möchte ich alle kirchlichen Gemeinden grüssen, die in euren Ortskirchen vereint sind. Die Kirche von Basel, von Chur, von Lausanne, Genf und Freiburg, von St. Gallen, von Sitten und auch die vom italienischsprachigen Bünden. Mit besonderer Herzlichkeit grüsse ich die Diözese Lugano, wobei ich besonders an Bischof Ernesto Togni, an die Priester, die Ordensmänner und -frauen und alle Laien denke.

Ich grüsse all diese Kirchen mit einer Verehrung, die ihrer evangelischen und apostolischen Würde entspricht. Ich gebe ihnen den brüderlichen Friedenskuss.

Gleichzeitig drücke ich den herzlichen Wunsch aus, dass jede dieser Kirchen fest in der Einheit der Weltkirche bleibe und so die Sendung erfülle, von der der Heilige Geist im Brief an die Epheser spricht: «So sollen wir alle zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, damit wir zum vollkommenen Menschen werden und Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen» (4,13).

Mit anderen Worten, als Diener und Hüter der Einheit der Kirche wünsche ich euch, liebe Brüder und Schwestern, dass sich in euch das Geheimnis vom Weinstock und den Reben erfülle.

Jeder, der eine Gnade empfangen hat, nutze sie hochherzig und mit Beständigkeit «in dem Mass, wie Christus sie ihm geschenkt hat» (Eph 4,7).

Diese Gnadengabe baut immer die Kirche auf, in ihrer weltkirchlichen wie in ihrer ortskirchlichen Dimension.

7. Zum Empfang dieser Gnadengabe hat euch, liebe Katholiken der Schweiz, eure Geschichte vorbereitet. Sie ist ja die Geschichte eines Landes, in dem Einheit und Verschiedenheit sich in täglicher Erfahrung friedlicher Eintracht, gegenseitiger Achtung, tatkräftiger Zusammenarbeit zu verbinden wussten. Diese Traditionen können euch von grosser Hilfe sein, um euch für die Verpflichtung zu einem hochherzigen Festhalten an der weltkirchlichen Dimension der Kirche innerlich aufzuschliessen. Das wird euch Katholiken des Tessins noch erleichtert durch die Kirchengeschichte eurer Gemeinschaft, die aus dem reichen religiösen Erbe schöpfen konnte, das Männer von der Gestalt eines heiligen Ambrosius und eines heiligen Karl Borromäus geschaffen haben. Eure Situation als relativ junge Diözese in geographischer Grenzlage ist ein Anreiz zur Suche nach einer immer tieferen Gemeinschaft mit den anderen Kirchen, doch in Treue zu jener besonderen kirchlichen Prägung, die im Lauf der J ahrhunderte bei den Generationen eurer Vorfahren herangereift ist, unter der Führung eurer Bischöfe, unter denen ich dem Diener Gottes Msgr. Aurelio Bacciarini ein besonderes Gedenken widmen möchte.

8. Seid euch der Grösse eurer ruhmreichen Vergangenheit bewusst! Ich wünsche euch das Übermass der Gnadengaben Christi. Ich wünsche euch, «offen für Christi Geist» zu sein, nach dem Leitwort, das ihr für meinen Besuch gewählt habt. Es ist ein Wahlspruch, der das tiefste Bedürfnis jeder Teilkirche, die ihre eigene Sendung voll leben will, treffend zusammenfasst. Sie muss ein gut strukturierter und wirksamer Organismus sein, um das Heil Gottes vor der Welt tatkräftig bezeugen zu können. Aber sie muss zuerst und vor allem vom Geist Christi beseelt und ständig neugestaltet werden.

Er ist es, der das «Angesicht der Erde erneuert». Spüren nicht alle - am Ende des 20. Jahrhunderts nach Christus -, wie sehr das Angesicht der von Menschen bewohnten Erde einer Erneuerung bedarf?

Die entscheidende Erneuerung kann nur aus dem lebenspendenden Wirken des Geistes kommen. Nur er kann «die Welt überzeugen» (vgl. Joh 16,8) von der Gottheit Christi, des Erlösers der Menschen und der wahren Hoffnung der Geschichte.

Sagen wir also mit dem Psalmisten:

«Unsere Seele hofft auf den Herrn,

er ist für uns Schutz und Hilfe.

Ja, an ihm freut sich unser Herz,

wir vertrauen auf seinen heiligen Namen» (Ps 33,20-21). Ja, vertrauen wir! Amen.

[Bearbeiten] Ansprache beim Besuch an den Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf

Thema: Ein Zeichen des Willens zur Einheit

(Französisch)

Liebe Brüder und Schwestern!

«Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus» (Eph 1,2).

1. Ich danke Ihnen für die Einladung, Sie während meines Pastoralbesuchs bei den Katholiken der Schweiz hier im Ökumenischen Zentrum zu besuchen. Es ist besonders bedeutungsvoll, dass wir uns zu gemeinsamem Gebet und brüderlichem Gespräch in dieser Zeit des Jahres treffen, wo die Christen weltweit das Pfingstereignis feiern. In der Tat ist, wie der heilige Irenäus sagt, «an Pfingsten der Geist auf die Jünger herabgestiegen, um allen Völkern den Eintritt zum Leben zu eröffnen und das Neue Testament zu erschliessen ... Deshalb lobpriesen sie, von ein und derselben Stimmung beseelt, in allen Sprachen Gott, während der Geist die getrennten Stämme zur Einheit zurückführte und die Erstlinge aller Völker dem Vater darbot» (Adv. Haer. III, 17,2). Pfingsten, die Gabe des Geistes, ist für die Kirche die stets lebenspendende Quelle ihrer Einheit und der Ausgangspunkt ihrer Sendung. Gerade in diesen Tagen begegnen wir uns also.

Schon die schlichte Tatsache, dass ich hier als Bischof von Rom unter Ihnen weile, der brüderlich den Ökumenischen Rat der Kirchen besucht, ist ein Zeichen dieses Willens zur Einheit. Von Beginn meines Dienstes an als Bischof von Rom habe ich mit Nachdruck betont, dass die Mitarbeit der katholischen Kirche in der ökumenischen Bewegung unwiderruflich und die Suche nach der Einheit eine ihrer pastoralen Prioritäten ist (vgl. z. B. Angelus-Ansprache am 24. Juli 1983 mit dem Aufruf, für die VI. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen zu beten, in: Osservatore Romano, deutsch, 29.7.83, S. 3). Der neue Codex des kanonischen Rechts bringt im übrigen sehr klar zum Ausdruck, dass es die Pflicht der katholischen Bischöfe ist, gemäss dem Willen des Herrn die ökumenische Bewegung zu fördern (CIC, can. 755, § 1).

2. Gewiss -, wenn die katholische Kirche die schwierige ökumenische Aufgabe auf sich nimmt, tut sie es mit überzeugung. Trotz des moralischen Versagens, welches das Leben ihrer Glieder und selbst ihrer Verantwortlichen im Laufe der Geschichte gekennzeichnet hat, ist sie überzeugt, dass sie in voller Treue zur apostolischen überlieferung und zum Glauben der Väter im Dienst des Bischofs von Rom den sichtbaren Bezugspunkt und den Garanten der Einheit bewahrt hat. Hat nicht bereits der heilige Ignatius von Antiochien die Kirche, «die im Gebiet der Römer den Vorsitz führt», als diejenige gegrüsst, die der Gemeinschaft «der Liebe vorsteht» (Brief an die Römer, Praescr. 4)? Die katholische Kirche glaubt denn auch, dass der Bischof, der dem Leben jener Ortskirche vorsteht, die durch das Blut des Petrus und Paulus befruchtet ist, vom Herrn den Sendungsauftrag erhält, Zeuge des Glaubens zu bleiben, zu dem sich die beiden Häupter der apostolischen Gemeinschaft bekannt haben und der in der Gnade des Heiligen Geistes die Einheit der Gläubigen bewirkt. In der Gemeinschaft mit diesem Bischof stehen heißt sichtbar bezeugen, dass man Gemeinschaft hat mit allen, die denselben Glauben bekennen, den sie seit dem Pfingsttag bekannt haben und den sie bekennen werden, «bis er kommt», der Tag des Herrn. Das ist unsere katholische überzeugung, und unsere Treue zu Christus verbietet uns, sie aufzugeben. Wir wissen auch, dass das für die meisten von Ihnen - deren Gedächtnis vielleicht durch gewisse schmerzliche Erinnerungen gezeichnet ist, für die mein Vorgänger Papst Paul VI. Sie um Verzeihung gebeten hat - Probleme schafft. Aber wir müssen darüber offen und freundschaftlich diskutieren, mit jenem verheißungsvollen Ernst, den das Dokument von «Glaube und Kirchenverfassung» über «Taufe, Eucharistie und Amt» schon zu erkennen gegeben hat. Wenn&die ökumenische Bewegung wirklich vom Heiligen Geist getragen ist, wird der Augenblick kommen.

3. Die katholische Kirche und die Mitgliedskirchen des Ökumenischen Rates der Kirchen haben eine lange gemeinsame Geschichte; wir teilen die schmerzlichen Erinnerungen an dramatische Trennungen und gegenseitige Verurteilungen, die die Einheit tief verletzten. Es ist eine Geschichte, während der wir weiterhin viele der Elemente oder Güter teilen, aus denen insgesamt die Kirche erbaut wird und Leben gewinnt (vgl. Unitatis redintegratio, Nr. 3). Diese Geschichte wird nun zur Geschichte der Wiederentdeckung der unvollständigen, aber tatsächlich zwischen uns bestehenden Gemeinschaft; alle Elemente, die diese Gemeinschaft ausmachen oder ausmachen sollten, werden allmählich in ihre richtigen Perspektiven eingeordnet - mit allen Konsequenzen, die dieses neue Verständnis für unsere gegenseitige Zusammenarbeit und das gemeinsame Zeugnis mit sich bringt.

4. Zunächst sind wir uns unserer gemeinsamen Taufe und ihrer Bedeutung bewusst geworden. Die Erklärungen der Versammlungen von NeuDelhi oder Evanston geben hier derselben überzeugung Ausdruck wie das Ökumenismusdekret des Zweiten Vatikanischen Konzils: «Der Mensch wird durch das Sakrament der Taufe, wenD es gemäss der Einsetzung des Herrn recht gespendet und in der gebührenden Geistesverfassung empfangen wird, in Wahrheit dem gekreuzigten und verherrlichten Christus eingegliedert ( ... ). Die Taufe begründet also ein sakramentales Band der Einheit zwischen allen, die durch sie wiedergeboren sind» (Unitatis redintegratio, Nr. 22). Gewiss ist die Taufe «nur ein Anfang und Ausgangspunkt, da sie ihrem ganzen Wesen nach hinzielt auf die Erlangung der Fülle des Lebens in Christus» (ebd.). Aber da wir alle eine wahre Taufe empfangen haben, sind wir alle in dieselbe unteilbare Liebe des Vaters hineingenommen, von demselben unteilbaren Geist Gottes lebendig gemacht, dem einen Sohn eingegliedert. Wenn wir untereinander getrennt sind, so werden wir doch von ein und derselben Umarmung umfangen, von dem, was der heilige Irenäus «die beiden Hände des Vaters» (Sohn und Geist) nannte. Das ist es, was uns drängt, die Gemeinschaft zwischen uns wieder aufzunehmen. Es geht darum, uns als das anzunehmen, was wir für Gott sind kraft der «einen Taufe» wegen des «einen Gottes und Vaters aller, der über allem und durch alles und in allem ist» (Eph 4,6). Wenn wir auch noch getrennt sind, sind wir doch alle im Pfingstgeheimnis, das das Geschehen von Babyion umkehrt. Unsere Spaltungen sind somit ein Gegensatz zu dieser bereits bestehenden Einheit und darum erst recht ein Skandal.

5. Gemeinsam haben wir gelernt, uns verbunden zu fühlen in der Wertschätzung des Wortes Gottes. Dank der Erneuerung der Bibelstudien, wo die Exegeten aller christlichen Konfessionen Seite an Seite arbeiteten, haben sich manche alte Polemiken, die uns seit Jahrhunderten in Gegensatz zueinander brachten, als unbegründet erwiesen. Hier muss man wohl Kardinal Bea erwähnen, der die zehn letzten Jahre eines langen, dem Studium und der Auslegung der Heiligen Schrift gewidmeten Lebens in den Dienst der Einheit stellte. Wenn das Zweite Vatikanische Konzil versichert: «Wie die christliche Religion selbst, so muss auch jede kirchliche Verkündigung sich von der Heiligen Schrift nähren und sich an ihr orientieren» (Dei Verbum, Nr. 21), drückt das nur eine gemeinsame Gewissheit aus. Immer mehr wird das Wort Gottes auch in Beziehung zum Leben und zum Zeugnis der kirchlichen Gemeinschaft als Trägerin dieses Geistes verstanden, von dem Jesus sagte: «Er wird euch alles lehren», «er wird euch in die ganze Wahrheit führen» (Joh 14,26; 16,13). Sollten wir da, selbst wenn wir uns über die Auslegung gewisser wichtiger Punkte dieses Gotteswortes noch nicht völlig einig sind, nicht die positive Bedeutung dieser wachsenden Einmütigkeit hervorheben?

6. Es gibt noch einen weiteren Aspekt des christlichen Geheimnisses, der uns nun mehr verbindet als früher. Wir haben gemeinsam gelernt, die ganze Rolle des Heiligen Geistes besser zu erfassen. Diese Wiederentdeckung - die der Erneuerung der katholischen Liturgie den Stempel aufdrückte - hat uns für neue Dimensionen unseres kirchlichen Lebens empfänglich gemacht. Der Geist ist Quelle einer Freiheit, die uns gestattet, das, was wir von den uns vorausgegangenen Generationen erhalten, in voller Treue zu erneuern. Er lässt neue Wege ausfindig machen, sobald wir miteinander auf eine Einheit zugehen sollen, die auf der Wahrheit beruht und zugleich auf die reiche Mannigfaltigkeit von echt christlichen Werten Rücksicht nimmt, die ihre Quelle in einem gemeinsamen Erbe haben (vgl. Unitatis redintegratio, Nr. 4).

7. Durch dieses neue Aufmerksamwerden auf die Gegenwart des Geistes hat unser Gebet eine besondere Gestalt angenommen. Es hat sich mehr der Danksagung geöffnet, in der wir uns von unseren eigenen Sorgen losreissen, um unseren Blick auf das Werk Gottes und das Wunder seiner Gnade zu richten. Dieser Blick lässt uns lebendiger bewusst werden, was Gott mit seinem Volk vorhat, in der Gewissheit des Primats der göttlichen Initiative. Wir begnügen uns nicht mehr damit, miteinander Gott anzurufen und zu bitten; wir sind nun mehr darauf bedacht, Gott für das Werk seiner Gnade zu danken.

Das Gebet nimmt in unseren Bemühungen einen erstrangigen Platz ein. Obwohl es uns noch nicht möglich ist, durch den Empfang der Kommunion am selben Tisch die Eucharistie des Herrn gemeinsam zu feiern, ist uns immer mehr daran gelegen, das gemeinsame Gebet zum Mittelpunkt unserer Begegnungen zu machen, selbst dann, wenn es nüchterne Arbeitssitzungen sind. Unter diesem Gesichtspunkt ist es überaus bedeutsam, dass die Versammlung von Vancouver im vergangenen Sommer von dieser Tatsache eines gemeinsamen Gebetes beherrscht wurde, um das man täglich in Würde und Glaubenseifer besorgt war, und dass das Gebetszelt in der öffentlichen Meinung zum Symbol dieses so bedeutenden ökumenischen Ereignisses wurde. Begegnen wir einander nicht auch heute im Gebet? Dieses gemeinsame Wachsen in der Treue zum Gebot des Apostels: «Betet ohne Unte,rlass! Dankt für alles!» (1 Thess 5,17-18) ist das unzweifelhafte Zeichen dafür, dass bei unserem Suchen der Geist des Herrn anwesend ist. Das zeigt an, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

8. Dadurch, dass wir einander näherkamen und so miteinander in dieser Gebetserfahrung voranschritten, ist es uns möglich geworden, die reale «brüderliche Solidarität» mit dem Ökumenischen Rat und seinen Mitglieds kirchen zu entwickeln, von der Papst Paul VI. sprach (Botschaft an die Versammlung von Nairobi, 1975). Auf diese Weise hat sich eine vielgestaltige Zusammenarbeit entwickelt. Zunächst bei der ernsten, beharrlichen theologischen Forschung von «Glaube und Kirchenverfassung». Es handelt sich um eine grundlegende ökumenische Arbeit, da die Einheit im Glaubensbekenntnis die Bedingung für den Erfolg sämtlicher gemeinsam unternommener Anstrengungen darstellt; diese sind aber ihrerseits ein wichtiges Mittel, um Fortschritte auf dem Weg zu dieser Einheit im Glauben zu machen.

9. Ein gemeinsamer Dienst an der Menschheit im Namen des Evangeliums ist in der Tat notwendig, um die Wahrheit zu tun und somit zum Licht zu gelangen (vgl. Joh 3,21). Es ist kein Zufall, dass die Erklärungen der Versammlung von Uppsala über den Dienst an der Schöpfung und die Aussagen der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute in mehreren Punkten übereinstimmen. Die Untersuchungen des Ökumenischen Rates über Gerechtigkeit und Frieden, sein Engagement im Dienst an den Armen und Notleidenden, sein unablässiger Einsatz für die Verteidigung der Freiheit und der Menschenrechte stimmen mit der ständigen Sorge der katholischen Gemeinschaften überein.

Die Verteidigung des Menschen, seiner Würde, seiner Freiheit, seiner Rechte, des Vollsinns seines Lebens sind tatsächlich eine Hauptsorge der katholischen Kirche. Sie bemüht sich überall da, wo sie kann, zur Förderung der Voraussetzungen beizutragen, die für die Entwicklung des Menschen in der vollen Wahrheit seiner Existenz notwendig sind. Denn sie ist überzeugt, dass «dieser Mensch der erste Weg ist, den die Kirche bei der Erfüllung ihres Auftrags beschreiten muss» (Redemptor hominis, N r. 14). Indem sie sich für den Menschen einsetzt, in welchem politischen System eines Landes er auch leben mag, achtet die Kirche darauf, Kirche und Staat zu unterscheiden und ihre relative Selbständigkeit zu betonen. Sie respektiert die vornehme und schwierige Funktion jener, die für das Gemeinwohl zu sorgen haben; sie steht mit ihnen im Dialog und sogar in festen Beziehungen, um gemeinsam Frieden und Gerechtigkeit zu fördern. Dabei bleibt sie sich bewusst, dass es nicht ihre Sache ist, sich in die Regierungsformen einzumischen, mit denen die Menschen ihre zeitlichen Angelegenheiten regeln, nochjene Bemühungen zu unterstützen, die diese gewaltsam ändern möchten. Doch sie ruft die Laien auf, sich aktiv an der Gestaltung und Lenkung der weltlichen Angelegenheiten zu beteiligen und sich dabei' nach den Prinzipien des Evangeliums zu richten; auch behält sie sich die Freiheit vor, von der Ethik aus zu urteilen, ob die Verhältnisse dem Fortschritt der Personen und Gemeinschaften förderlich sind oder, im Gegenteil, den Rechten der Personen, der zivilen und religiösen Freiheit schweren Schaden zufügen (vgl. Gaudium et spes, Nn. 42, 75).

Was diesen letzten Punkt betrifft, so wünscht die katholische Kirche, dass zusammen mit ihr auch die anderen Kirchen und christlichen Gemeinschaften ihre Stimme erheben, auf dass die authentische Gewissens- und Kultusfreiheit der Bürger garantiert sei sowie die Freiheit der Kirchen, ihre Amtsträger auszubilden und über die notwendigen Mittel zu verfügen, um den Glauben ihrer Gläubigen zur Entfaltung zu bringen. Viele Menschen guten Willens und internationale Institutionen sehen heute ein, wie wichtig dieses Grundrecht ist; doch angesichts der Schwere der Tatsachen scheint es mir notwendig, dass die Gesamtheit der Christen und der christlichen Gemeinschaften - wenn sie die Möglichkeit haben, sich zu äussern - hier ihr gemeinsames Zeugnis geben in einer Frage, die für sie lebenswichtig ist.

10. Wir sollten übrigens uns immer mehr zusammentun auf allen Gebieten, wo der Mensch - weil seine Umwelt es ihm schwermacht - grossen Schwierigkeiten begegnet, im sozialen, ethischen und religiösen Bereich entsprechend der Würde seiner Berufung zu leben. So viele menschliche Werte im Leben der Einzelpersonen wie der Familie sind verdunkelt: gerechte zwischenmenschliche Beziehungen, echte Liebe, brüderliche Offenheit und Grossmut gegeneinander! Trotz unserer Trennungen und häufig verschiedener Handlungsweisen im sozialen Denken und Tun treffen wir uns oft und bezeugen ein und dieselbe Schau, die sich auf dieselbe Lesung des Evangeliums gründet. Zwar kommt es vor, dass wir über die Mittel verschiedener Meinung sind. Unsere Standpunkte auf ethischem Gebiet sind nicht immer identisch. Doch das, was uns schon verbindet, lässt uns hoffen, dass es uns eines Tages gelingen wird, in diesem Grundbereich zu einer Konvergenz zu gelangen.

Ja, der Wille, «Christus nachzufolgen» in seiner Liebe zu den Notleidenden, führt uns zu gemeinsamem Handeln. Mag diese Gemeinschaft im evangelischen Dienst noch so vorläufig sein, lässt sie uns doch ahnen, was sein könnte, was sein wird: unsere volle und vollkommene Gemeinschaft im Glauben, in der Liebe, in der Eucharistie. Es handelt sich also nicht um eine rein zufällige Begegnung, die allein vom Mitleid angesichts des Elends oder von der Reaktion auf die Ungerechtigkeit angeregt wurde. Dieser gemeinsame Dienst gehört zu unserem gemeinsamen Hinschreiten zur Einheit.

11. Wir begegnen uns auch in der Sorge um die Zukunft der Menschheit. Unser Glaube an Christus verbindet uns in einer gemeinsamen Hoffnung, um den Kräften der Zerstörung, die die Menschheit bedrohen, ihre geistigen Fundamente zersetzen, sie an den Rand des Abgrunds führen, entgegenzutreten. Das Schöpfungs- und Erlösungswerk Gottes darf nicht von all dem vernichtet werden, was die Sünde im menschlichen Herzen entfacht, es darf nicht endgültig zugrunde gehen. Das aber führt uns zu einer scharfen Wahrnehmung unserer eigenen Verantwortung als Christen im Hinblick auf die Zukunft des Menschen und macht uns auch die Schwere unserer Trennungen bewusst. In dem Mass, in dem unsere Spaltungen in einer Welt, die dem Selbstmord zugeht, unser Zeugnis verdunkeln, stellen sie ein Hindernis zur Verkündigung der Frohbotschaft vom Heil in Jesus Christus dar.

12. Unsere Gemeinschaft im Handeln gründet auf dem gemeinsamen Bemühen um die Evangelisierung. Es ist kein reiner Zufall, dass Sie, Herr Dr. Potter, eingeladen worden waren, vor den zur Synode von 1974 in Rom versammelten Bischöfen zu sprechen, deren tiefe Überlegungen über die Evangelisierung in der modernen Welt im Apostolischen Schreiben Evangelii nuntiandi enthalten sind. Sie haben vor der Synode dargelegt, wie der Ökumenische Rat die missionarische Aufgabe versteht. Bereits bei dieser Gelegenheit wurde klar, dass die grossen und dringlichen Probleme der Evangelisierung und ihrer Methoden, des Dialogs mit den anderen Religionen, der Beziehungen zwischen Evangelium und Kultur allen Christen aufgegeben sind und sie zu einer neuen Treue in ihrer Sendung auffordern.

Unsere Begegnungen und unser Gedankenaustausch über dieses Thema haben uns gezeigt, dass wir alle übereinstimmend sagen können, «dass es keine wirkliche Evangelisierunggibt, wenn nicht der Name, die Lehre, das Leben, die Verheißungen, das Reich, das Geheimnis Jesu von Nazaret, des Sohnes Gottes, verkündet werden» (Evangelii nuntiandi, Nr.22). Aber wir anerkennen auch «die Unmöglichkeit es hinzunehmen, dass das Werk der Evangelisierung die äusserst schwierigen und heute so stark erörterten Fragen vernachlässigen kann und darf, die die Gerechtigkeit, die Befreiung, die Entwicklung und den Frieden in der Welt betreffen. Wenn das eintreten würde, so hiesse das, die Lehre des Evangeliums von der Liebe zum leidenden und bedürftigen Nächsten vergessen» (ebd., Nr.3l).

13. Für die katholische Kirche sind es die Bischöfe, die die Verantwortung für die Ausrichtung und Koordinierung sämtlicher Aspekte der Evangelisierungsbemühungen tragen; sie müssen helfen, deren authenische Inspiration zu bewahren, die entscheidende Freiheit der Glaubenszugehörigkeit zu respektieren und zu vermeiden, dass man in Proselytenmacherei verfällt oder sich den Ideologien des Augenblicks verschreibt. Die harmonische Entwicklung einer Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche verlangt, in bezug auf die Sendung des Bischofs diese Überzeugung zu berücksichtigen, die ja im übrigen von mehreren Mitgliedskirchen des Ökumenischen Rates geteilt wird.

14. Vor genau 15 Jahren hat mein Vorgänger Papst Paul VI. Ihnen einen Besuch abgestattet und war glücklich über die Entwicklung der Beziehungen zwischen dem Ökumenischen Rat und der katholischen Kirche. Es drängt mich, Ihnen, wie ich es bereits mehrmals getan habe, meinen Wunsch auszusprechen, dass diese Zusammenarbeit zwischen uns, wo immer es möglich ist, vermehrt und intensiviert werde. Die Gemischte Arbeitsgruppe zwischen der katholischen Kirche und dem Ökumenischen Rat der Kirchen hat eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Sie muss erfinderisch sein, um die Wege zu finden, die es uns schon von jetzt an ermöglichen werden, «uns bewusst im grossen Auftrag zu vereinen, der da heißt: Christus der Welt zu offenbaren» (Redemptor hominis, Nr. 11). Wenn wir gemeinsam seine Wahrheit tun, werden wir sein Licht offenbar machen. Dieses Bemühen um ein gemeinsames Zeugnis ist eine der Prioritäten, die der Gemischten Arbeitsgruppe aufgetragen sind. Das wird eine neue Bemühung um ökumenische Bildung und um Vertiefung in die Glaubenslehre erfordern. Unser Zeugnis wird ja nur dann voll und ganz gemeinsam sein können, wenn wir zur Einheit im Bekenntnis des apostolischen Glaubens gelangt sind.

15. Heute dürfen wir vor Gott und Jesus Christus in der Kraft des Heiligen Geistes Dank sagen für die Fortschritte, die wir miteinander auf dem Weg zur Einheit gemacht haben. Diese Fortschritte verbieten uns, wieder rückwärts zu schreiten. Während ich Ihnen für alles danke, was dieser Rat seit seinen Anfängen von sich aus getan hat, um uns zu helfen, zusammenzuwachsen, kann ich Sie nur an den entschiedenen Willen der katholischen Kirche erinnern, alles zu tun, damit eines Tages das Licht der wiederhergestellten koinonia leuchte. Und wie sollten wir das tun, ohne uns weiter um das Wachstum in der gegenseitigen Achtung, im 'gegenseitigen Vertrauen, in der gemeinsamen Suche nach der einen Wahrheit zu bemühen? Der Weg ist lang. Es gilt, dabei die einzelnen Etappen einzuhalten. Doch wir haben Vertrauen auf den Heiligen Geist.

Liebe Brüder und Schwestern in Christus! Wie mein verehrter Vorgänger Paul VI. zu Beginn der zweiten Periode des Zweiten Vatikanischen Konzils (29. September 1963), wo er gerade die schwere Frage der Einheit ansprach, so möchte auch ich unter Euch ein demütiger Verehrer und Diener Christi sein, jenes Christus, der in seiner Majestät in unseren herrlichen Kirchen des Orients und Okzidents dargestellt wird! Er ist es, der in der Herrlichkeit seines Vaters über unserer Versammlung von Glaubenden steht und sie segnet. Wir, denen so viele Aufgaben im Dienst der Kirche anvertraut sind, wenden uns an ihn und seinen Vater mit der Bitte um die Gabe des Lichtes und die Kraft des Heiligen Geistes, damit wir besser Zeugnis geben und dem Heil der Menschen dienen können. Irgendwie wie die Apostel und die ersten Jünger, die im Abendmahlssaal mit Maria, der Mutter Jesu, versammelt waren. Christus der Erlöser ist unser Anfang, unser Weg und unser Geleiter, unsere Hoffnung und unser Ziel. Möge er seiner Kirche auf Erden verleihen, dass sie in ihrem Geheimnis und in ihrer sichtbaren Einheit immer mehr eine Epiphanie der Liebe sei, die den Vater mit dem Sohn und dem Heiligen Geist verbindet.

[Bearbeiten] Ansprache an das Orthodoxe Zentrum des Ökumenischen Patriarchats in Chambésy

Thema: Auf dem gemeinsamen Erbe der Urkirche

(Französisch)

Eminenz, liebe Brüder in Christus!

Die Begegnung zwischen Brüdern im Namen Jesu Christi ist immer eine Quelle der Freude. Ihr so brüderlicher Empfang vermehrt in mir die Freude darüber, dass ich unter Ihnen weilen darf. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen.

In diesen Tagen, die auf das Pfingstfest folgen, das Katholiken und Orthodoxe in diesem Jahr am gleichen Sonntag feierten, richten sich unsere Gedanken auf das Kommen des Heiligen Geistes und auf die ausserordentlichen Werke, die er bei den Menschen vollbringt. So tritt uns das Bild von der ersten Gemeinschaft der Christen vor den Blick, die ganz vom Heiligen Geiste erfüllt war: «Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten» (Apg 2,42). Die Apostel und die ersten Jünger hatten das Kommen des Heiligen Geistes erwartet «einmütig im Gebet zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern» (Apg 1,14). Weil wir auf die volle Gemeinschaft zwischen unsern Kirchen warten, hören wir deshalb nicht auf, auf diese Gabe zu hoffen, indem wir inständig den anflehen, der die Einheit bewirkt: «der Tröster, der Geist der Wahrheit, der überall gegenwärtig ist und alles erfüllt».

Dieses Orthodoxe Zentrum des Ökumenischen Patriarchates erweist durch seine vielfältigen Aktivitäten einen brüderlichen Dienst an allen orthodoxen Kirchen und fördert ein besseres Verstehen zwischen Orient und Okzident. Diese gegenseitige Kenntnis ist noch zu vertiefen unb von allen Vorurteilen und falschen Meinungen zu läutern, damit die Wahrheit uns frei macht. Um das zu erreichen, werden in diesem Zentrum regelmässig Kolloquien veranstaltet, damit eine neue Generation herangebildet wird, die im Dialog und durch den Dialog geformt ist. Ich hoffe, dass sie vom Herrn gesegnet sind und Früchte tragen.

In Ihnen grüsse ich auch alle orthodoxen Kirchen, die hier ihr Sekretariat zur Vorbereitung des «grossen heiligen Konzils» haben. In der Phase der Vorbereitung sowie der Realisation und der Umsetzung in die Praxis ist die konziliare Erfahrung für das Leben der Kirche und für ihre Mission fruchtbar. In tiefer Gemeinschaft mit Ihnen wünsche ich, dass die Vorbereitung Ihres Konzils unter den bestmöglichen Bedingungen erfolgen kann, dass es Ihnen eine reiche Erfahrung bringt und eingehen kann auf die Bedürfnisse der orthodoxen Kirchen in ihren verschiedenen Situationen, in denen sie leben und durch die Verkündigung des immergültigen Wortes Gottes Zeugnis geben von dem Tod und der Auferstehung Christi für das Heil aller Menschen.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat einen entscheidenden Beitrag zum Suchen nach der vollen Einheit zwischen den Christen geleistet, denn die Erneuerung der Kirche ist mit der grossen Sache der Einheit aufs engste verbunden. Ich erinnere mich an das Geschehen in der Konzilsaula. Die Anwesenheit von Beobachter-Delegierten der anderen Kirchen, eingeschlossen die orthodoxen Kirchen, drückte an und für sich die tragische Realität unseres Getrenntseins aus; aber sie war auch Zeugnis für den tiefen Wunsch aller, zur vollen Einheit zurückzufinden. Dies war eine Quelle wahrer Freude, manchmal sogar von Begeisterung. Jeder weiss, welchen Nutzen die Anwesenheit der Beobachter-Delegierten für die Überlegungen der Konzilsväter gebracht hat.

Ich bete für das Gedeihen der orthodoxen Kirchen, die reich an theologischen, spirituellen und kanonischen Traditionen sind, welchehervorgehen aus dem gemeinsamen Erbe der Urkirche und durch alle Zeiten hindurch belebt wurden durch die ununterbrochene Gegenwart von heiligen Männern und Frauen, die ihr Leben in den Dienst unseres Herrn Jesus Christus gestellt haben.

Während unsere Kirchen aufmerksam auf das, was der Heilige Geist ihnen heute sagt, hinhören, steigt unsere Danksagung zum Herrn auf, der uns der vollen Einheit entgegenschreiten lässt.

Unsere Kirchen sind jetzt in einem Dialog engagiert, der zum Ausdruck kommt im theologischen Studium, in den brüderlichen Beziehungen, die immer intensiver werden, in wechselseitigen Aufmerksamkeiten und einem Geist der Solidarität, die auf Grund der fast totalen Glaubensgemeinschaft, die zwischen uns besteht, immer weiter zunehmen. Dieses Engagement und diese verschiedenen Schritte erlauben uns zu hoffen, dass die noch bestehenden Schwierigkeiten nach und nach überwunden werden und dass bald der gesegnete Tag kommt, an dem wir gemeinsam das eucharistische Brot brechen und aus dem einen Kelch trinken können. Nochmals danke ich Ihnen für diesen so herzlichen Empfang. Auch möchte ich von hier aus meinem lieben Bruder, Seiner Heiligkeit dem Patriarchen Dimitrios 1., meinen innigen Gruss entbieten. In meinem Herzen bewahre ich die kostbare Erinnerung an unsere Begegnung und hoffe, dass der Herr uns ermöglichen wird, sie zu erneuern.

Über Sie alle, die Sie in diesem Zentrum im Dienst der orthodoxen Kirchen stehen, erflehe ich den göttlichen Segen. «Die Gnade Jesu Christi des Herrn, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!» (2 Kor 13,13)

[Bearbeiten] Mittwoch, den 13. Juni 1984

[Bearbeiten] Ansprache an die Ordensleute in der Franziskanerkirche "Les Cordeliers in Freiburg

Thema: Ein Neufanfang ist möglich

(Französisch)

Liebe Ordensmänner und Ordensfrauen aus der Westschweiz und anderen Regionen der Schweiz,

Gelobt sei Jesus Christus!

1. «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen» (Mt 18,20). Dieses Versprechen erfüllt uns mit einer geistlichen Freude, die sich schwer ausdrücken lässt. Ihr seid in sehr grosser Zahl gekommen. Ich danke euch herzlich im Namen des Herrn. Wir haben, vom Heiligen Geist beseelt, zusammen Lob und Bitten zum Vater emporsteigen lassen durch seinen Sohn, unseren einzigen Mittler und Erlöser. Undjetzt liegt es mir am Herzen, die Mahnung des Apostels Paulus an die Christen von Ephesus zu kommentieren, die wir gerade gehört haben: «Ich ermahne euch, ein Leben zu führen, das des Rufes würdig ist, der an euch erging. Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe, und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält» (Eph 4,1- 3).

2. Eure Kongregationen und Gemeinschaften sind, wie ich weiss, in Sorge, weil die Zahl von Kandidaten für das Ordensleben abgenommen hat. Diese objektive Tatsache ist zum Teil mit sozio-kulturellen, aber auch religiösen Gründen erklärbar. Sie ist aber nicht ein unvermeidliches Schicksal und darf euch nie zur Entmutigung führen. Ein Neuanfang ist möglich, und ihr könnt mit der Hilfe des Herrn den Preis dafür auslegen. Gerade die Mahnungen des heiligen Paulus an die Epheser sind für euch alle eine dringende Aufforderung, euch überzeugen zu lassen, dass eine Wiederbelebung eurer Institute unter anderem notwendigerweise eine Erneuerung des gemeinschaftlichen Lebens verlangt. Die Vergangenheit kannte grosse Kommunitäten, mit den Vorteilen und vielleicht auch mit gewissen Schwerfälligkeiten, die sich aus diesem Lebensstil ergeben. Heute sind diese Kommunitäten durch Überalterung, Austritte und Nachwuchsmangel kleiner geworden sowie auch durch die Gründung zahlreicher Bruderschaften geringeren Umfangs, die neue Formen der Präsenz in der Welt der Menschen übernehmen möchten (vgl. die Ansprache an die Ordensleute in Säo Paulo, 22. Juni 1980). Im gegenwärtigen Zeitpunkt scheint es, dass die richtige Mitte gefunden oder wiedergefunden werden muss.

Um ausstrahlen zu können, muss eine Ordensgemeinschaft sichtbar und lebendig sein, aus einer hinreichenden Zahl von Mitgiiedern bestehen, die sich in ihren Charismen und Funktionen ergänzen. Sie muss gleichzeitig von einem starken Geist zugleich schlichter und echter Gemeinsamkeit bei der Suche nach dem Herrn, in den apostolischen Freuden und Leiden gekennzeichnet sein und in vernünftiger Weise offen für sinnvolle Initiativen.

Die heutige Jugend verschliesst sich nicht, wie oft leichtfertig gesagt wird, dem Anruf des Evangeliums. Gewiss, sie kann sichspontaner neuen Instituten zuwenden; sie fühlt sich aber auch angezogen von den alten Kongregationen, die sich lebendig zeigen und an klug vorgetragenen radikalen Forderungen festhalten. Der Beweis dafür ist schon lange da, man braucht nur die Kirchengeschichte zu befragen. Anpassungen sind manchmal notwendig. Wenn diese aber von Erlahmung diktiert sind oder dahin führen, können sie die Jugend auf keinen Fall ansprechen; denn im Grunde genommen hat die Jugend nach wie vor die Fähigkeit zu radikaler Hingabe, obwohl diese Fähigkeit oft nur zögernd zum Vorschein kommt oder blockiert scheint.

Diese Erneuerung kann stark begünstigt werden durch eine aktive, vertrauensvolle, verstärkte Zusammenarbeit zwischen euren Ordensfamilien, vor allem dann, wenn sie den gleichen Geist, die gleichen Gebräuche und verwandte Zielsetzungen haben. Die Föderationen, Verbände und sogar Zusammenschlüsse, die schon die Päpste Pius XI. und Pius XII. im Auge hatten und vom Konzil und Paul VI. gemäss den Hinweisen im Dekret Perfectae caritatis (Nr. 22) und im Motu proprio Ecclesiae sanctae (Nr. 39,40 und 41) angeregt wurden, immer in Achtung vor der persönlichen Freiheit, können für das Leben der Kirche und der Institute selbst von Vorteil sein.

In jedem Fall kann das gemeinschaftliche Leben nicht ohne Selbstlosigkeit und Demut bestehen und sich entfalten. So bringt es seine Früchte:

Läuterung des Gefühlslebens, persönliches Reiferwerden, echte Entfaltung der menschlichen und geistlichen Qualitäten. In einer zerstrittenen Welt, wo oft Sonderinteressen, individuelle und kollektive Egoismen, Missachtung der Person und ihrer Rechte triumphieren, macht das Zeugnis wahrer Ordensgemeinschaften, die im Heiligen Geist vereint sind und wirklich als Brüder und Schwestern leben, das Evangelium glaubwürdig und bildet für die Welt ein starkes Zeichen der Hoffnung.

3. Ich muss noch unterstreichen, wie sehr die Erneuerung des Lebens in der Ordensgemeinschaft ihre Quelle und ihre Dynamik in der Eucharistie findet, dem «Sakrament huldvollen Erbarmens, Zeichen der Einheit und Band der Liebe» (vgl. Sacrosanctum Concilium, Nr. 47). Die Eucharistie wird der sichere Weg zur Gemeinschaft, d. h. zur Einheit und Vereinigung mit Gott in Christus, der sichere Weg zur Gemeinschaft aller mit allen in brüderlicher Liebe. Macht nicht die Eucharistie aus der Gemeinschaft «einen Leib und einen Geist» (Eph 4,4)? Die Eucharistie ermöglicht jedem Mitglied und der ganzen Gemeinschaft, Schritt um Schritt ihr Ostern zu vollziehen, ihren Übergang von einem mehr oder weniger von Egoismus oder Schwäche geprägten Dasein zu einem Leben, das sich immer mehr Gott und den andern schenkt.

Liebe Ordensmänner und Ordensfrauen, räumt der täglichen Eucharistiefeier stets den ersten Platz ein. Nehmt euch die nötige Zeit dafür und beteiligt euch daran lebendig mit der Würde und Sammlung, die jede Eucharistiefeier charakterisieren und auch jene erbauen soll, die sonst noch daran teilnehmen. Eine Ordensgemeinschaft bezeugt ihre Echtheit und ihren Eifer vor allem durch die Art, wie sie den Leib und das Blut des Herrn feiert, verehrt und empfängt.

Diese Realität, die im Mittelpunkt eures Lebens steht, sollte andere Momente oder Formen des Kontaktes mit Gott, die im Leben jedes Ordensmannes und jeder Ordensfrau unentbehrlichen Übungen geistlichen Atemholens, nicht mindern oder gar ersetzen. Wir wissen alle, dass ungenügendes Atemholen der Gesundheit schadet und sich verheerend auswirken kann. Seid einander behilflich, das Stundengebet zu halten oder ihm wieder einen guten Platz einzuräumen, desgleichen dem persönlichen Gebet, der Schrift- und Väterlesung, der eucharistischen Anbetung, der Marienfrömmigkeit entsprechend den Weisungen des Lehramts, dem monatlichen Einkehrtag, dem regelmässigen, eifrigen Empfang des Sakraments der Versöhnung, das euch immer wieder den Weg der Umkehr einschlagen lässt. In jeder Ordensfamilie sollte man diese Möglichkeiten, sich dem Herrn zu nähern, ausgewogen ins Tagesprogramm einbauen. Für diejenigen unter euch, die unter der Leitung der Bischöfe in verschiedenen apostolischen Tätigkeiten engagiert sind, sind die Eucharistie und auch die anderen geistlichen Übungen Quelle einer frohen Treue zum Herrn und einer seinem Geist entsprechenden Hingabe. Das wird die pastorale Tätigkeit in der Pfarrei, im Gesundheitswesen, in der Sozialarbeit oder in der Schule beseelen und beleben.

Und ihr, liebe Ordensmänner und -frauen, die ihr euch dem beschaulichen Leben widmet, schöpft aus der Eucharistie und den anderen Formen gemeinsamen oder persönlichen Gebets, die in euren Klöstern Brauch sind, die innere Kraft zu eurer stillen Ausstrahlung auf EinkehrSuchende und Besucher. Möge das Geheimnis eures eigenen Glücks darin bestehen, dass ihr um des Herrn willen alles verlassen habt und im Namen der Kirche eure geistliche Sendung an einer Menschheit erfüllt, die sich von hindernden Beschäftigungen, von verzehrenden Sorgen und von gleissenden irdischen Gütern in Beschlag nehmen lässt.

Noch ein Wort an euch, Brüder und Schwestern, die Alter oder Krankheit zwingt, auf eure hochherzigen apostolischen Tätigkeiten zu verzichten, sei das in eurem Land oder in der Mission. An manchen Tagen zumindest werdet ihr das Gefühl haben, unnütz zu sein. Die Eucharistie und all eure Gebetszeiten sind für euch ein Weg, die geheimnisvolle Fruchtbarkeit der Selbsthingabe Christi, der auch die erzwungene Untätigkeit am Kreuz gekannt hat, zu ergründen und zu erleben.

Ja, die Eucharistie gleicht eure Person, die grundlegend durch die Taufe, später durch die Ordensgelübde geheiligt wurde, dem Mysterium Jesu Christi an, der Gott, seinem Vater, vorbehaltlos zur Verfügung stand und sich allen seinen Brüdern ganz geschenkt hat, vor allem den Armen!

4. Liebe Ordensmänner und Ordensfrauen der ganzen Schweiz! Bewahrt Mut und Zuversicht und werdet euch wieder der Grösse eurer Ordensberufung und ihrer Bedeutung für euch selbst, für die Kirche und die heutige Gesellschaft bewusst!

Im Apostolischen Schreiben Redemptionis donum, das zu veröffentlichen mir am Ende des vergangenen Heiligen Jahres am Herzen lag, wollte ich mit den Ordensmännern und Ordensfrauen der ganzen Welt die Worte Jesu, die die Berufung betreffen, neu lesen und betrachten. So den zumindest tief ergreifenden Text: «Da sah ihn Jesus an, und weil er ihn liebte» (Mk 10,21), sagte er zu ihm: «Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen; so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach» (Mt 19,21). Der Blick und der Ruf Jesu betreffen immer eine «bestimmte Person». Es geht um eine «auserwählende Liebe», die einen «bräutlichen Charakter» hat. Die Liebe Christi «umfasst die ganze Person, Seele und Leib, ob Mann oder Frau, in ihrem absolut einmaligen personalen 'Ich'» (vgl. Redemptionis donum, Nr. 3).

In der persönlichen und freien Antwort an Jesus von Nazaret, den Erlöser der Welt, habt ihr euch einverstanden erklärt, ein Lebensprogramm aufzugeben, das sich um das «Haben» dreht, um euch auf die engen, aber grossartigen Pfade des «Seins» einzulassen. Ich wünsche von Herzen und bitte den Herrn, dass jeder und jede von euch die Schönheit und Bedeutung des Ordensberufes entdecken möge. In seiner schlichten Verwirklichung im täglichen Leben kann und soll dieser prophetisch sein in dem Sinn, dass er den Männern und Frauen unserer Zeit zeigen kann und soll, was wirklich den Menschen aufbaut, dank dem Suchen, Beurteilen, Aneignen und Entwickeln von Überzeugungen und Daseinsformen, die den Wandel der Zeit und der Bräuche überdauern. Wie die christliche Berufung überhaupt, ist eure Berufung eschatologisch, nur noch viel ausgeprägter. Sie müsste dazu beitragen, die Welt aus dem Versinken in das Konsumdenken und in gewisse falsche Werte herauszubringen (vgl. ebd., Nr. 4-5). Ja, die heutige Welt und ganz besonders die Jugend könnte durch eure Gemeinschaften und euren Lebensstil den Wert eines armen Lebens im Dienst der Armen entdecken, den Wert eines Lebens, das freiwillig die Ehelosigkeit auf sich nimmt, um sich Christus zu weihen und mit ihm vor allem die am wenigsten Geliebten zu lieben; den Wert eines Lebens, wo Gehorsam und brüderliche Gemeinschaft die Auswüchse einer oft eigenwilligen und unfruchtbaren Unabhängigkeit diskret anfechten. «Möge dieses Zeugnis überall gegenwärtig und allgemein verständlich sein. Der Mensch unserer Zeit, geistig so ermüdet, finde darin eine Stütze und Hoffnung ... Die heutige Welt ... möge die Frohe Botschaft nicht aus dem Mund trauriger und entmutigter Verkünder vernehmen ... , sondern von Dienern des Evangeliums, deren Leben voller Glut ist, die als erste die Freude Christi in sich aufgenommen haben» (Redemptionis donum, Nr. 16; Evangelii nuntiandi, Nr. 80).

Ich bin zu euch als Diener der Einheit und der Wahrheit gekommen und bitte Gott, der «Licht», «Liebe» und «Leben» ist, in euren Gemeinschaften und Bruderschaften einen neuen evangelischen Geist zu wecken. Ich vertraue der Jungfrau Maria, dem Vorbild eines für Gott entschiedenen Lebens, den Eifer und die Ausdauer eines jeden von euch an. Mein Gebet begleitet euch stets. Habt die Güte, auch meinen apostolischen Dienst mit eurer geistlichen Hilfe zu begleiten.

Im Namen des Herrn segne ich von ganzem Herzen eure Person, eure Institute, eure Klöster und euren Dienst am Evangelium!

[Bearbeiten] Ansprache an die Vertreter aus der Welt der Kultur in der Universität Fribourg

Thema: Wege aus der Krise von Wissenschaft und Kultur

(Französisch)

Herr Rektor,
Meine Damen und Herren Mitglieder des Lehrkörpers und Vertreter der Kultur, Meine Herren Repräsentanten der Regierung von Freiburg und des Bundesrates,
Liebe Brüder im Bischofsamt,
Liebe Studenten und Sie alle, Freunde dieser Universität!

1. Ich danke dem Herrn Rektor von ganzem Herzen für seine freundlichen Begrüssungsworte und für die feinfühlende Erinnerung an die Bande zwischen der Universität Freiburg und meiner Heimat Polen. Ich freue mich zutiefst über diesen Kontakt mit der Freiburger Universitätsgemeinschaft, deren Ausstrahlung weit über dieses Land hinausreicht. Ich möchte in erster Linie die Eigentümlichkeit Ihrer Hochschule betonen. Sie scheint mir die politische Idee der Schweiz widerzuspiegeln: den Sinn für das Mass, die Achtung vor den religiösen und kulturellen Überlieferungen jedes Kantons und vor der Autonomie der verfassungsmässigen Autoritäten. Die Universität Freiburg ist gleichzeitig Staatsuniversität und Hochschule der Schweizer Katholiken. So darf man ihre Respektierung des Pluralismus und ihre Treue zum Erbe der christlichen Zivilisation gleicherweise bewundern. Und Sie alle haben das Glück, mitzuhelfen, dass Ihre Universität ein Ort des Dialogs wird zwischen Wissenschaft und Glauben, zwischen den Kulturtraditionen der Menschheit; ein Ort, wo man auch die Vertreter anderer Hochschulzentren zu empfangen weiss; ein Ort fruchtbarer Zusammenarbeit zwischen den Professoren der verschiedenen theologischen Fakultäten der Schweiz.

Es liegt mir daran, bei dieser freundschaftlichen Begegnung mit Ihnen über Wissenschaft und Kultur zu sprechen, über die Krise, die sie durchmachen, und über die Wege, diese Krise zu überwinden.

2. Die moderne Kultur, gekennzeichnet durch den erstaunlichen Aufschwung der Wissenschaft und deren praktischer Anwendung, steckt in einer tiefen Krise. Aber es wäre zu wenig, bei diesem anklagenden Befund zu bleiben, pessimistisch oder einer vergangenen Zeit nachtrauernd. Es gilt vor allem, die Prinzipien jeder echten Kultur wiederzufinden und zu vertreten, die der Menschheit ein wahrhaft konstruktives Wirken ermöglichen. Unsere Zeit und die vorausgegangenen Epochen haben zu leichthin geglaubt, die wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften seien der Inbegriff oder doch der Garant des menschlichen Fortschritts, Urheber von Freiheit und Glück. Heute bedenken viele Wissenschaftler und mit ihnen eine wachsende Zahl unserer Zeitgenossen, dass die unüberlegte Veränderung der Welt das komplexe und empfindliche Gleichgewicht der Natur zu stören droht; und sie haben Angst vor technischen Entwicklungen, die zu schreckenerregenden Werkzeugen der Zerstörung und des Todes werden können, wie auch vor anderen neuen Entdeckungen, welche die schwere Gefahr der Manipulation und Versklavung des Menschen in sich bergen. Deshalb sind manche Geister versucht, dem grossen modernen Abenteuer der Wissenschaft überhaupt zu misstrauen. Im übrigen aber geben sich immer mehr Gelehrte Rechenschaft von ihrer menschlichen Verantwortung und sind überzeugt, dass es keine Wissenschaft ohne Gewissen geben darf. Diese Grundüberlegung ist eine positive und ermutigende Errungenschaft unserer Zeit, die die Grenzen der Wissenschaftsgläubigkeit - die nicht der Wissenschaft selbst gleichzusetzen ist - besser ermisst.

3. In diesem Zusammenhang wird die Verantwortung und Grösse Ihrer Sendung als christliche Intellektuelle sichtbar. Sie müssen sich mehr und mehr bewusstmachen, welches Geschenk der Schöpfer dem Menschen gemacht hat, indem er ihm Vernunft verlieh. Von Gott - dem Grund aller Wahrheit und dem Ursprung allen Sinnes - kommt das unbezähmbare Streben der menschlichen Vernunft nach der Wahrheit. Die Vernunft ist fähig, die Wahrheit zu erkennen und in ihr ihre Vollendung zu finden. Der Intellektuelle, der über den Sinn seiner Sendung nachdenkt, begreift, dass die Seele dieser Sendung die Liebe zur Wahrheit schlechthin ist. Seine Grundhaltung kann nur die Erforschung und die Annahme der Wahrheit sein. Dazu braucht es viel Seelenstärke, innere Freiheit, Unabhängigkeit von herrschenden Geistes- und Modeströmungen sowie Loyalität und Demut. Doch die grösste Freude der Intellektuellen ist am Ziel ihres angestrengten Forschens wohl das «gaudium de veritate», die Freude über die Wahrheit, von der der heilige Augustinus mit Begeisterung sprach. Gewiss vergesse ich nicht die Fragen ohne Antwort und die schmerzliche Bedrängnis vieler Geister bei der ehrlichen Suche nach der Wahrheit. Auch diese Leiden zeugen von der Grösse und vom Adel der Berufung zum Intellektuellen, und selbst sie sind eine Form des Dienstes an der Wahrheit. Wenn die Wissenschaft Werk der Vernunft ist, dann wird man die Krise der heutigen Kultur nicht dadurch überwinden, dass man ihr misstraut. Man muss vielmehr Vertrauen in die immense Forschungsanstrengung der Menschen setzen: ihre wachsenden Entdeckungen bereichern unser Erbe an Wahrheiten und entsprechen so dem Plan des Schöpfers. Allerdings werden die Wissenschaftler, bei allem berechtigten Stolz auf die technische Anwendung ihres Wissens, diese Ergebnisse nicht mit dem höchsten Ziel der Wissenschaft gleichsetzen. Diese würde sonst zu einem simplen Werkzeug zur Unterwerfung der Natur herabgemindert. Die Gelehrten müssen sich immer bewusstmachen, dass die entdeckten Wahrheiten vorab ihren Wert in sich selbst haben.

4. Im übrigen unterliegt die wissenschaftliche Arbeit einer strengen Methode. Es gehört zur Natur der Wissenschaften, genaue, aber begrenzte Ergebnisse zu erzielen, und zwar so sehr, dass sie nicht in der Lage sind, grundsätzliche Fragen, die sich aus ihren Entdeckungen ergeben, selbst zu beantworten. Die Wissenschaft kann die Frage nach ihrer Bedeutung nicht beantworten. Und die gegenwärtige Krise ist weithin eine Krise der Wissenschaftlichkeits-Ideologie, die beharrlich behauptet, das wissenschaftliche Projekt genüge sich selbst, als könnte es von sich aus alle wesentlichen Fragen beantworten, die der Mensch sich stellt, und die Kultur als Verwirklichung des Menschen in der Ganzheit seines Seins schaffen. Die Einsicht in die Grenzen der Wissenschaft ist eine grosse Chance, die sich unserer Zeit bietet. Sie weist uns auf eine der Hauptaufgaben der Kultur hin: die Integration des Wissens im Sinne einer Synthese, wo die beeindruckende Gesamtheit der wissenschaftlichen Erkenntnisse ihren Sinn findet im Rahmen einer ganzheitlichen Schau des Menschen und des Universums, des «ordo rerum». Ich weiss um die Schwierigkeiten dieses Unterfangens in einer Zeit, wo viele Geister versucht sind, vor der Zersplitterung des Wissens zu resignieren oder umgekehrt übereilte und haltlose Synthesen anzunehmen. Aber die Universität von heute kann und muss der bevorzugte Ort sein, wo die verwendeten Methoden und die erzielten Resultate in den verschiedensten Forschungssektoren miteinander konfrontiert werden. Diese Konfrontation ist unerlässlich, um die Grundlagen eines integralen Humanismus zu schaffen, der etwas ganz anderes ist als die willkürliche Aneinanderreihung von Teilerkenntnissen über den Menschen, der doch in seiner Einheit und in seiner überzeitlichen Dimension begriffen werden muss.

(Deutsch)

5. An diesem Punkt möchte ich die Aufgabe betonen, die bei dieser Integration der Philosophie und insbesondere der Seinsphilosophie zukommt. Seit ihrer Gründung ist die Universität Freiburg durch viele Metaphysiker berühmt geworden. Ebenso möchte ich kurz an das erinnern, was ich bei Gelegenheit der Hundertjahrfeier des Todes von Albert Einstein gesagt habe. Die Konflikte, die ehemals daraus entstehen konnten, dass religiöse Instanzen auf die Entwicklung wissenschaftlicher Erkenntnisse einwirkten, liegen nicht in der Natur von Verstand und Glauben und sind nunmehr überholt. Sollten sie wieder auftreten, dann ist ein Dialog, der frei ist von dem Verstand fremden Leidenschaften und bereit, sich vor den Pressionen einer nur oberflächlich informierten und auf die Tragweite wissenschaftlicher Probleme oft wenig bedachten öffentlichen Meinung streng abzusichern, am ehesten imstande, die aufgetretenen Fragen zu klären und eine mögliche Konvergenz der Wahrheiten zu entdecken. Zwischen den Ergebnissen der Wissenschaft, dem Werk des Verstandes, und den Aussagen des Glaubens dürfte es also keinen Gegensatz geben. Selbstverständlich kann und soll die Theologie, die in wissenschaftlicher Weise den «intellectus fidei», das «Verständnis des Glaubens», erarbeitet, im Rahmen einer Universität wie der Ihrigen einen wesentlichen und entscheidenden Beitrag für die genannte Integration des Wissens leisten.

Die Kultur der Gegenwart, gekennzeichnet durch eine Anhäufung von Einzelwissen, das in einer lebendigen und sinnvollen Einheit zusammengefasst werden muss, braucht diese Weisheit, wie sie vom griechischen Denken ererbt und im Licht des Evangeliums vertieft worden ist. Wenn das Wissen zu den höchsten Wirklichkeiten hinführt und versucht, von hier aus die anderen Seinsbereiche zu beurteilen, dann wird solches Wissen zu Weisheit. Indem diese alle Dinge im Licht der höchsten Prinzipien ordnet, gibt sie den Einzelerkenntnissen ihre wohlgegliederte Einheit und ihren wahren Sinn. Darum ist die Weisheit eine wahre Schöpferin von Kultur, und nur durch sie wird der Forscher zu einer wahrhaft geistigen Persönlichkeit. Ich wünschte mir, dass die Freiburger Universität solche Gelehrte hervorbringe und forme, die unsere Zeit, die geprägt ist von der Wissenschaft und ihrer Anwendung, so nötig braucht.

6. Aus dem bisher Gesagten ergibt sich eine letzte Überlegung. Sie betrifft die Freiheit. Ein bedeutender Ort des Wissens und der Kultur muss in gleicher Weise ein bedeutender Ort der Freiheit sein. Wegen ihrer Verwurzelung in Geist und Vernunft sollte diese Freiheit sich nicht als schrankenlose, willkürliche Kraft verstehen. Frei ist der Mensch, der imstande ist, sich nach dem Massstab höchster Werte und Ziele zu entscheiden. Sie erinnern sich gewiss an jenes kraftvolle Wort des Evangeliums: «Die Wahrheit wird euch befreien» (Joh 8,32). Der Mensch, der die Wahrheit findet, entdeckt dabei zugleich die Grundlage seiner Vollkommenheit und Selbständigkeit.

Von einer ähnlichen Überlegung her ist es leicht zu verstehen, dass die Wissenschaft nur dann wirklich frei ist, wenn sie sich von der Wahrheit bestimmen lässt. Darum sollte wissenschaftliches Wirken nicht so sehr abhängen von unmittelbaren Zielen, von gesellschaftlichen Ansprüchen oder wirtschaftlichen Interessen. So ist Forschungsfreiheit ein grundlegendes Gut, auf das die Universitätsgemeinschaft zu Recht sorgfältig bedacht ist. Ausschliesslich geleitet von den strengen Regeln seiner Methode und vom rechten Gebrauch seines Verstandes, weist der Gelehrte bei seiner Forschung alle Faktoren zurück, die ihn von aussen her beeinflussen wollen, das heißt, die nicht zum Gegenstand seiner Forschunggehören. Damit jedoch sein Wirken voll glaubwürdig sei, muss der Forscher andererseits bei seiner Arbeit jene Anforderungen respektieren, die sich aus der eigenen Logik von Wissenschaft überhaupt ergeben. Ich nenne hier die Treue zu jener Wirklichkeit, die erforscht werden soll, eine stetige Selbstdisziplin und Freiheit von selbstsüchtigen Interessen, Bereitschaft zur Zusammenarbeit, die dazu führt, die eigenen Forschungsergebnisse mit denen von Kollegen zu vergleichen und sie eventuell sogar in Frage zu stellen, wenn sie mit Kompetenz kritisiert werden. Und wenn es sich um theologische Forschung handelt, umfasst die genannte Treue zum Forschungsobjekt vor allem die Treue zu jener Wahrheit, die von Gott kommt und der Obhut der Kirche anvertraut ist.

Ich darf hier mit Freude feststellen, dass sich eine wachsende Zahl von Gelehrten und Forschern von hohem Niveau und mit besonders klarem Blick für die Belange dieser Welt ihrer ethischen Verantwortung für das politische und menschliche Zusammenleben sowie auch - wenn sie Christen sind - für die kirchliche Gemeinschaft immer mehr bewusst werden. So macht die Freiheit den Gelehrten offen und bereit für die Wahrheitund die Wahrheit, die er begreift und deutet, begründet ihrerseits seine Freiheit. Diesen freien Zugang zur Wahrheit zu erhalten, das gehört zur Verantwortung der Wissenschaftler und zur Grösse ihrer Berufung.

7. Mögen diese meine Worte alle Mitglieder der grossen U niversitätsfamilie von Freiburg und ihre heutigen Gäste in ihrem jeweiligen Wirken ermutigen und mit Zuversicht erfüllen! Das ist mein aufrichtiger Wunsch für Sie alle, ganz besonders aber für euch Studenten. Und warum? Weil es euch bereits jetzt - und morgen noch mehr - zukommt, die Zivilisation der Jahrzehnte, die am Horizont sichtbar werden, mitzugestalten. Auf örtlicher, nationaler und weltweiter Ebene werdet ihr darauf zu achten haben, dass die Person des Menschen in allen Bereichen seiner Existenz Sicherheit und Entwicklung erfahrt.

Noch einmal danke ich Ihnen sehr herzlich für den freundlichen Empfang, den Sie mir gewährt haben, und empfehle Sie alle und jeden einzelnen mit Ihren Aufgaben an Gott, den Herrn der Geschichte.

[Bearbeiten] Ansprache an die katholischen Theologieprofessoren der Universitäten Chur, Luzern und Freiburg

Thema: Das Wort Gottes ist unserm Wort voraufgegangen

(Französisch)

Meine Herren Professoren!

1. Nachdem ich der Gesamtheit der Vertreter der Universitätswelt dieses Landes begegnet bin, bin ich glücklich, mich für einen Moment Ihnen, den Professoren der drei Theologischen Fakultäten Chur, Luzern und Freiburg widmen zu können. Ich erinnere mich mit Vergnügen daran, vor einigen Jahren eine Einladung in die Universität erhalten zu haben, wo wir jetzt wieder versammelt sind.

Da ich lange Zeit Ihre Aufgabe wahrgenommen habe, habe ich mit Interesse und Sympathie den Vorsitzenden der Theologischen Kommission der Schweizer Bischofskonferenz und die Dekane die Situation, das Funktionieren und die Sorgen Ihrer Institutionen darstellen gehört.

Unsere Zeit ist knapp bemessen. Gestatten Sie mir also, sofort «medias in res» zu gehen und Ihnen einige Gedanken über die spezifische Arbeit des Theologen und, in kürzerer Form, über die Ausbildung der künftigen Priester vorzutragen.

2. (Ziele der Theologie)

Die Aufgabe des Theologen versetzt ihn an die Schwelle des Geheimnisses Gottes. Darum beseelt ihn Danksagung und inspiriert ihn die Kontemplation, wenn der Verstand sich bemüht, dem Menschen den Sinn der Hoffnung zu eröffnen. Gott offenbart sich ja, gibt sich zu erkennen; Gott liebt den Menschen und die Welt, und er lässt sich lieben. Der Logos, das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, gab uns Macht, Kinder Gottes zu werden (vgl. Joh 1,9.12). Die Gegenwart Gottes erkennen wir durch den Glauben und die Liebe, die der Geist in unsere Herzen ausgegossen hat mitsamt der Dynamik der Hoffnung (vgl. Röm 5,5). Sache der Theologen ist es, die Begegnung mit dem Gott der Liebe, der sich offenbart, und dessen Erkenntnis dem Verständnis der Gläubigen nahezubringen, dessen Schönheit jedem Menschen aufgehen zu lassen, der nach der Quelle und dem Sinn seines Lebens sucht. Das Wort Gottes wurde uns geschenkt als Ausdruck der Grundereignisse der Heilsgeschichte, deren Sinn es enthüllt; es drückt den den Menschen geoffenbarten Plan Gottes aus. Die Kirche hört nicht auf, seine Botschaft zu übermitteln.

Sie gehören zu denen, welche die Schrift als ein massloses Geschenk entgegennehmen in Verbundenheit mit der Kirche, die sie trägt und in der Überlieferung darbietet, und Sie haben die Sendung, ihre unerschöpflichen Reichtümer zu erforschen, um den Brüdern zu helfen, darin «den Weg und die Wahrheit und das Leben» zu finden, d. h. auf Christus zuzugehen (vgl. Joh 14,6). Als Diener der Wahrheit Gottes ist der Theologe in der Kirche am grossen Vorgang der Tradition beteiligt, der sich durch die Geschichte fortsetzt. Indem er heute inmitten seiner Brüder und vor der Welt auf den Anruf des Petrus antwortet, «steht er Rede und Antwort über die Hoffnung, die in ihm ist» (vgl. 1 Petr 3,15).

Der Theologe hört auch die vielfaltigen Rufe der Welt, dieser unruhigen, im Wandel begriffenen Welt, in der wir leben. Ungewiss seiner Zukunft, tappt der heutige Mensch herum; oft nimmt er den Sinn seiner Geschichte und die Kriterien seines Verhaltens nicht mehr klar wahr. Vor der religiösen Wirklichkeit stellt er immer kritischere Fragen. Der Glaube der Gläubigen ist auf die Probe gestellt. Mehr denn je hat der Theologe im Dienst seiner Brüder an der Glaubenserziehung teil: er erklärt die alten und neuen Fragen, indem er den Blick dem Licht Gottes öffnet. Seine Arbeit besteht weniger darin, den Forschungsbereich ins Unendliche auszudehnen, vielmehr hat er die Teilprobleme in die richtige Perspektive rund um den Mittelpunkt des Glaubens zu setzen. Heute müssen das geistliche Leben, das Handeln und das Zeugnis der Christen von neuer Einsicht in das Mysterium Gottes, Christi und der Kirche getragen werden, ehe sie die vielen Fragen der Praxis treffend beantworten können.

Es gibt, wie Sie wissen, einen Bereich, wo die Zusammenarbeit der Theologen besonders wichtig ist, das ist die Arbeit für die Einheit der Christen. Es ist gut, dass jeder hierzu seinen Beitrag leistet, in der Wahrheit, im klaren Bewusstsein seiner kirchlichen Identität und als Träger seines Erbes in Lehre, Moral und Liturgie, und gleichzeitig aufgeschlossen, die Identität des anderen achtend.

3. (Theologie und Geisteswissenschaften)

Auf der wissenschaftlichen Ebene, auf der die Theologie arbeitet, kann sie nur durch die Strenge ihrer Forschung bleibende Glaubwürdigkeit finden. Diese Forderung führt zur Auseinandersetzung mit all den Forschungsbereichen, die wir global «Geisteswissenschaften» nennen: die Gesamtheit der Methoden und Entdeckungen auf dem Gebiete der Geschichte, der Sprachen, der Gesellschaftswissenschaften, der Psychologie. Wenn die Theologie heute die christliche Botschaft zum Ausdruck bringt, greift sie auf diese Geisteswissenschaften zurück, und das ist nützlich, um auf die Fragen der Gegenwart zu antworten und das Wort Gottes auf neuem Boden zur Sprache zu bringen.

Dabei muss jedoch die kritische Funktion der Theologie ausgeübt werden: man muss aufmerksam unterscheiden. Die Denkströmungen, die Forschungstechniken dürfen niemals gegenüber der Botschaft den Vorrang haben. Keine Redeweise darf als solche normativ-werden, denn Gott lässt sich nicht in ein geschlossenes Denksystem einfügen, und die Rede von Gott lässt sich keiner anderen Rede gleichsetzen. Das Wort Gottes hat gegenüber unserem Wort den Vorrang, und keine Generation wird seine Tragweite je ausschöpfen. Gegenstand der theologischen Rede ist der lebendige und persönliche Gott. Die Offenbarung schenkt uns Einsicht in seine Wirklichkeit und in sein Werk, aber es liegt nicht in unserer Macht, ihn in den Griffzu bekommen. Die Theologie kennt ihre Grenzen, denn sie weiss um die Grösse dessen, wovon sie handelt.

Die Ausgewogenheit der theologischen Rede und selbst die Strenge ihrer Forschung wären gestört, wenn die heute zur Verfügung stehenden Instrumente des Denkens nicht hellsichtig mit denen verglichen würden, die zu früheren Arbeiten beigetragen haben. Man muss auch das, was das philosophische Erbe zur Schulung des Denkens beiträgt, kennen und in die Praxis umsetzen. Damit die Theologie sich selber treu bleibt, muss man die Gesamtheit der Disziplinen beherrschen, die ihr von Nutzen sind, und dabei mit klarem Blick auf den spezifischen Charakter ihres Beitrags achten.

Während sie sich in das Geistesleben unserer Zeit integriert, wird die theologische Arbeit sich doch auch in der Kontinuität der lebendigen Tradition ansiedeln und sich in die Bahn versetzen, die das Wort Gottes in der Geschichte durchläuft.

(Deutsch)

(Der Theologe und das Lehramt)

4. Die Ausübung seiner Sendung verbindet den Theologen eng mit dem Gesamtgeschehen der Kirche. Für das Volk Gottes legt er die Heilige Schrift aus und erläutert er die Tradition in Einheit mit dem Lehramt. Seine Arbeit ist auf das Lehramt bezogen, ohne jedoch mit diesem zu verschmelzen. Hören wir hierzu vor allem das Zweite Vatikanische Konzil, das in der Konstitution über die göttliche Offenbarung sagt: «Es zeigt sich ... , dass die Heilige Überlieferung, die Heilige Schrift und das Lehramt der Kirche gemäss dem weisen Ratschluss Gottes so mit einander verknüpft und einander zugesellt sind, dass keines ohne die anderen besteht und dass alle zusammen, jedes auf seine Art, durch das Tun des einen Heiligen Geistes wirksam dem Heil der Seelen dienen» (DV 10). Das Konzil spricht hier eine methodische Grundregel der Theologie aus:

Diese stützt sich auf alles, was der Kirche anvertraut ist - auf das überlieferte Glaubensgut (depositum fidei) - und auf die Entscheidungen, die das Lehramt der Kirche im Laufe der Geschichte getroffen hat.

Im Gnadenlicht des Heiligen Geistes ergänzen sich diese verschiedenen Funktionen. Der Papst und die Bischöfe in Einheit mit ihm haben als erste die Aufgabe, den Glauben zu verkünden und die Authentizität seiner Ausdrucksformen festzustellen. Kraft ihres bischöflichen Amtes bestärken sie die Sendung der Theologen und haben ihnen gegenüber eine regulierende Funktion. In einem brüderlichen Dialog und durch offene, vertrauensvolle Begegnungen müsste es möglich sein, Fragen und mögliche Besorgnisse der einen wie der anderen Seite besser verstehen zu lernen. In diesem Geist vertrauensvoller Verbundenheit bin ich heute zu Ihnen gekommen.

Eine solche gegenseitige Solidarität ist um so notwendiger, weil die Aufgabe des Theologen schwierig und risikoreich ist. Er muss unter anderem auch kontroverse Fragen studieren; das ist seine Pflicht. Weil er aber nicht nach eigenem Gutdünken wirkt noch im Dienst einer einzelnen Gruppe steht, ist er nicht zum Richter berufen, sondern zum loyalen Mitarbeiter derjenigen, die durch ihr Amt die Aufgabe der Einheit für alle haben; er muss es auch hinnehmen können, dass er von seiner Ebene aus nicht alle Probleme lösen kann, die sich ihm stellen.

Eine solch anspruchsvolle Arbeit nach den strengen Regeln der Wissenschaft muss sich mit der demütigen Haltung eines Jüngers des Herrn verbinden; sie muss mit innerer Zustimmung von der Tatsache ausgehen, dass Freiheit der Forschung keine völlige Autonomie bedeutet, sondern sich nach ihrem Objekt richtet und dem Volke Gottes dienen soll. Durch einen grösseren als wir, durch Christus, ist uns die Verantwortung für die paedagogia fidei, die Glaubenserziehung, übertragen; darum müssen wir besonders auf die «Schwachen» und die «Armen» achten. Die meisten Forschungsergebnisse würden dadurch gewinnen, dass sie durch andere Gelehrte jenseits der Grenzen einer theologischen Schule oder eines Landes geprüft werden, bevor man sie der breiten Öffentlichkeit vorstellt. Man muss darauf achten, jene Gläubigen, die in Glaubensfragen weniger unterrichtet sind, nicht zu verwirren, indem man sie offiziell nicht anerkannten und bisweilen noch unausgereiften Thesen ohne genügende Differenzierung aussetzt.

(Geistliche Haltung)

5. Ich weiss um Ihre nicht leichte Aufgabe. Sie verlangt von Ihnen eine um so grössere Uneigennützigkeit,je mehr Sie Ihren Auftrag mit Leidenschaft erfüllen. Bleiben Sie sich deshalb stets bewusst, dass der Gegenstand Ihrer Forschung und Lehre die Offenbarung Gottes für das Heil der Menschen ist. Grundlage auch Ihres Engagements ist es, Ihrer Tätigkeit entsprechend Jünger Christi, unseres Herrn und Erlösers, zu sein: Das entscheidende Licht auf Ihrem Weg empfangen Sie durch das Gebet, in der Betrachtung des Geheimnisses Christi. Dort finden Sie die wahre Weisheit. Wenn man sich im Glauben durch Christus ergreifen lässt, entdeckt man, dass ihm, dem einzigen Meister, zu dienen eine Quelle tiefster Freude sein kann. Wenn man sich vom Geist der Liebe leiten lässt, entdeckt man das Glück echter Freiheit (vgl. 2 Kor 3,17).

Sie sind mit vielen Geistesgaben beschenkt. Nach dem Mass dieser Gaben sind Sie berufen, Zeugen Christi in dieser Welt zu sein, wo viele Menschen nach Licht im Glauben suchen, wo viele Brüder und Schwestern sogar zum entscheidenden Zeugnis, dem Martyrium, gerufen sind. (Priesterseminar)

6. Als Zeugen des kirchlichen Glaubens haben Sie darin eine besonders wichtige Ver~twortung, dass Sie von den schweizerischen Bischöfen beauftragt sind, für die theologische Ausbildung der Kandidaten zum Priesteramt in ihren Diözesen Sorge zu tragen. Sie leisten so für die Kirche einen erstrangigen Dienst. Sie wissen, dass dieser auch mir sehr am Herzen liegt; denn ich denke an all jene Gemeinden, in welche diese Seminaristen einmal gesandt werden und die mit ihrem Dienst rechnen.

Sie leiten diese jungen Menschen an, die Heilige Schrift mit Gewinn zu lesen, die Reichtümer der Tradition zu entdecken und ein kritisches Verständnis für die Probleme des Menschen zu entwickeln. Es ist von Vorteil, dass das Hochschulniveau dieser Studien es denjungen Menschen ermöglicht, ihr Urteilsvermögen zu stärken und sich zuverlässige wissenschaftliche Methoden anzueignen, indem man sie mit theologischer Forschung vertraut macht.

In Ihren Fakultäten teilen die Seminaristen ihre theologische Ausbildung mit anderen Studenten, die nicht beabsichtigen, Priester zu werden. Das gibt den einen wie den anderen die Gelegenheit, die besondere Rolle des von Christus eingesetzten Priestertums von den verschiedenen Diensten, die Laien in der Kirche übernehmen können, zu unterscheiden. Es ist darum wichtig, mit den Studenten die Ekklesiologie des Konzils sowie die Theologie der Sakramente und des Priesteramtes besonders zu vertiefen. Sie wissen allerdings auch, dass man diese beiden Ausbildungswege nicht voll und ganz miteinander vermischen darf. Wegen der besonderen Verpflichtung, auf die sich die Seminaristen vorbereiten, und ihrer bevorstehenden Aufnahme in das Presbyterium ihrer Diözese müssen sie in den Jahren ihrer Vorbereitung auf die Priesterweihe bereits in einem priesterlichen Klima leben. Sie brauchen eine eigenständige geistliche Begleitung in einem Seminar, wo das Gebet, das liturgische Leben und die Betrachtung des Priestertums breiten Raum einnehmen. Eine solche Einrichtung, in der sie vom Beginn ihrer Studien an zusammenleben, begünstigt ihre Verbindung mit dem Bischof und den Priestern der Diözese. Es ist sogar wünschenswert, dass sie solche pastorale Erfahrungen machen, durch die sie ihren künftigen Dienst kennenlernen und ihre Antwort auf die besondere Priesterberufung festigen können. Ihre Ausbilder sollten bezeugen, dass man es sich nicht selbst aussUCht, Priester zu sein, sondern dass man dazu berufen wird, ja dass das Priestertum einer der schönsten Dienste ist, den Gott anvertraut, und dass dieses dem Herrn geweihte Leben zur Freude führen kann! Möge das Zeugnis der theologischen Lehrer dazu beitragen, echte Diener des Evangeliums im Priesteramt der Kirche heranzubilden!

(Schluss)

7. Zum Abschluss möchte ich die Worte des heiligen Paulus aufgreifen: «Als Diener Christi soll man uns betrachten und als Verwalter von Geheimnissen Gottes. Von Verwaltern aber verlangt man, dass sie sich treu erweisen» (1 Kor 4,1-2). Möge Gott Ihnen geben, treu befunden zu werden in der Erfüllung der grundlegenden Aufgaben, die die Kirche Ihnen anvertraut, verbunden mit der Freude, den Menschen im Geist Christi zu dienen! Ich bin froh über diese heutige Begegnung mit Ihnen und bitte den Herrn von ganzem Herzen, Sie zu segnen.

[Bearbeiten] Ansprache an die Kranken im Freiburger Kantonsspital

Thema: Ein Haus der Hoffnung

(Französisch)

Auf dem Weg von der Universität zum Priesterseminar, der mich am Kantonsspital vorbeiführt, möchte ich der barmherzige Samariter sein, der nicht einfach vorübergeht.

Ich möchte euch, meine lieben Kranken, meine Achtung und meine liebevolle Zuneigung zum Ausdruck bringen. Möge es euch gelingen, inmitten eurer körperlichen und seelischen Leiden, eurer Ungewissheiten und eurer Hoffnungen, das Gefühl der Nutzlosigkeit zu überwinden, das euch manchmal erfasst. Mögt ihr in euch, in der Freundschaft eurer Brüder, Verwandten und Freunde und im Glauben an Christus die Kraft finden, alle Fragen «Warum?», die in euren Herzen aufsteigen, durchzustehen und euch nützlich zu wissen für die Welt und die Kirche.

Euch, die ihr in den vielfaltigen Diensten dieses Hauses arbeitet, möchte ich meine Anerkennung und meine Bewunderung aussprechen.

(Deutsch)

Ich wünsche euch, liebe Brüder und Schwestern, dass ihr wie der Samariter im Evangelium aus tiefem Mitgefühl heraus konkret handelt, um jedem leidenden Menschen ohne Ansehen der Person je nach eurem Aufgabenbereich direkt oder indirekt leibliche und seelische Hilfe zu bringen. Dann wird das Spital ein Haus der Hoffnung, weil dank eurer wahren Liebe zu jedem Menschen und zum ganzen Menschen die Wissenschaft und die Technik im Dienst des Lebens und der Gesundheit stehen.

(Italienisch, Spanisch und Portugiesisch)

Euch allen Gesundheit und Frieden! Ich segne euch im Namen des Herrn.

[Bearbeiten] Predigt bei der Eucharistiefeier in Freiburg

Thema: Offen für alle Nationen

(Französisch)

Liebe Brüder und Schwestern!

1. Der Herr ist es, der uns, gleich welcher Herkunft, Sprache und Nation, hier versammelt wie am Pfingsttag. Vor ihm «seid ihr nicht mehr Fremde oder Leute auf der Durchreise». Er versammelt euch in einer einzigen Familie, um euch zu heiligen und im Dienst an allen Menschen zu allen Nationen zu entsenden. Und er hat heute mir diesen Dienst bei euch und für euch übertragen.

Meine Freude ist gross, euch alle hier versammelt zu sehen, aus so vielen Ländern der Welt, auch aus Polen, meiner Heimat, und manche kommen von sehr weit, unter beschwerlichen Umständen, wenn ich insbesondere an Südostasien denke. Seit langem freute ich mich darauf, mit euch zu beten in dieser Stadt, die ich gut kenne und sehr liebe. Mein Gruss und mein Dank geltenjedem von euch. Besonders freut mich die Anwesenheit der Kinder, die diese Begegnung vorbereitet haben und die aus der ganzen welschen Schweiz zusammengeströmt sind. Ich begrüsse auch die anderen Christen, unsere orthodoxen Brüder und die Mitglieder der aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen und Gemeinschaften; uns verbindet eine grosse Hoffnung: dass der Herr uns eins mache, «damit die Welt glaubt» (Joh 17,21).

(Deutsch)

Herzlich begrüsse ich auch die Gläubigen deutscher Sprache aus dem Freiburgischen oder aus den Nachbardiözesen. Mit uns allen zusammen seid ihr Zeugen dafür, dass die Vielfalt der Sprachen im gemeinsamen Lob Gottes zu einer Bereicherung für das Leben der Kirche in eurem Land werden kann.

(Französisch)

2. «Nun lobt den Herrn, den Gott des Alls, der Wunderbares auf der Erde vollbringt» (Sir 50,22). So drückt sich das Buch des Weisen Sirach aus, wenn es an die grossen Werke Gottes in der Natur und Geschichte erinnert. Und ihr, öffnet die Augen, betrachtet voll Bewunderung die Natur, blickt auf eure Berge und Seen! Schaut auf eure Brüder und Schwestern:

Gott gibt ihrem Leben seine Würde vom Mutterschoss an (vgl. ebd.). Das ganze Weltall preist Gott, den Schöpfer der Welt und des Menschen. Betet ihn an. Lobt ihn. Dankt ihm für die Freude des Herzens, die Würde, den Frieden, die Freiheit, deren ihr euch in diesem Lande erfreut. Selbst die Arbeit eurer Hände, der Reichtum eurer Kultur - der eure fleissige Mitwirkung erfordert - sind auch Gaben Gottes. Vor allem dankt dem Erlöser, der voll Liebe, Güte und Erbarmen ist (vgl. Ps 145): Er hat euch zu Söhnen und Töchtern Gottes gemacht; er hat euch so oft als dem Volk des Bundes seine Treue, sein Erbarmen, seine Vergebung bewiesen. Er hat euch sein Wort geschenkt (vgl. Joh 17,14) und euren Glauben; er lässt euch an seinem Leben in seiner Kirche teilhaben, indem er euch zu einem heiligen Tempel im Herrn macht (vgl. Eph 2,21). Ja, könnten wir mit dem Psalmisten sagen: «Ich will dich preisen Tag für Tag» (Ps 145,2)! Eine solche Danksagung aus demütigem Herzen prägt das tägliche Gebet des Christen und ist Mittelpunkt der Eucharistiefeier.

3. «Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt» (Joh 17,18). So betet Christus Jesus vor seinem Vater in dem Augenblick, als er diese Welt verlässt. Ein Apostel ist ein «Gesandter»; jeder Jünger Christi ist ebenfalls aufgerufen, sein tätiger Zeuge zu sein, Zeuge jenes Christus, der in die Welt gekommen ist, «um der Wahrheit Zeugnis zu geben; zu retten, nicht zu richten; zu dienen, nicht sich bedienen zu lassen» (Gaudium et spes. Nr. 3). Es ist, als würde Christus euch sagen: «Ich brauche dich, deine Hände, deine Lippen, deine Augen, dein Herz, um meine Botschaft bis an das Ende der Welt und bis in die geheimsten Tiefen der Menschen zu tragen. Die Talente, die du empfangen hast, musst du den anderen zugute kommen lassen.»

Das Herz Christi steht allen Nationen offen. Ebenso darf das Herz seines Jüngers seinen Horizont nicht nur auf seine Nachbarn, sein Dorf, seine Stadt, sein Umfeld, sein Land beschränken, sondern soll das Wohl und den Fortschritt aller Menschen suchen. Es muss von der Leidenschaft zum Reich Gottes erfasst sein, damit dieses auf der ganzen Erde kommt; so wird die Welt «erfüllt sein von der Erkenntnis des Herrn, so wie das Meer mit Wasser gefüllt ist» (Jes 11,9).

4. Nun aber besteht das ewige Leben darin, dass sie ihn erkennen, den einzigen wahren Gott, und Jesus Christus, seinen Gesandten (vgl. Joh 17,3). Die Sendung schliesst also zunächst das Angebot der Frohbotschaft von der Liebe Gottes an alle Geschöpfe ein - was nicht vom gelebten Zeugnis im Dienst des Reiches Gottes zu trennen ist. Dieses Reich ist mit dem Glauben verbunden und mit der Verkündigung, die den Glauben wecken soll (vgl. Mk 1,15; 16,15.20). Ich weiss, dass es im Kanton Freiburg zahlreiche Missionare, Priester, Ordensleute und Laien gibt, die diesen Anruf verstanden httben. Und gerade hier an der Universität oder an der Schule des Glaubens wollt ihr Männer und Frauen ausbilden, die bereit sind, sich den religiösen Bedürfnissen all ihrer Brüder überall in der Welt zu öffnen und ihnen zu entsprechen. .

Das Reich Gottes, das ist auch das Reich der Gerechtigkeit, der Liebe, des Friedens, und die Sendung muss in der ganzen Welt, besonders aber in den armen Ländern, Bedingungen schaffen, die es den Bewohnern erlauben, in Würde zu leben und sich in jeder Hinsicht zu entwickeln. Wie es euch eure Bischöfe in Freiburg gesagt haben (Pastorale Richtlinien, Februar 1983, S. 5, 1.3): «Weckt ... den Sinn für die Weltmission der Kirche, indem ihr die brüderliche und karitative Hilfe fördert, aber auch das Bewusstsein für die Verantwortung des Westens gegenüber der Dritten Welt; denn es gilt, bei uns jene Ungerechtigkeiten zu bekämpfen, welche diese Länder in immer grössere Armut bringen.»

5. Die Universalität der Welt findet hier ja eine gewisse Verwirklichung. Euer Bischof erwähnte soeben mehr als sechzig Nationen, die in dieser Stadt vertreten sind, mit einer Zahl von Ausländern, die mindestens ebenso hoch ist wie die Zahl der in diesem Land geborenen Schweizer. Ja, Freiburg ist eine Stadt der Begegnung, eine internationale Stadt, ein Mikrokosmos, und ich wünsche mit euch, dass sie immer mehr ihre universelle Berufung, ihr Offensein für alle diese Brüder und Schwestern lebt, die ihre Gäste sind. So werdet ihr euch nicht damit begnügen, euren in die Ferne aufgebrochenen Missionaren materielle und geistliche Hilfe zu leisten oder auch einen Teil eures materiellen und kulturellen Reichtums freiherzig für die «Länder des Hungers» zu bestimmen, sondern werdet hier selbst einen Stil des täglichen Lebens und der Beziehungen verwirklichen, wo der Fremde sich zu Hause fühlt, sich in den Aufbau des Volkes Gottes integriert fühlt.

6. Aber was wird die Eigenart dieser universalen Sendung, dieses Zeugnisses sein? «Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen ... und ihr werdet meine Zeugen sein ... bis an die Grenzen der Erde» (Apg 1,8). Was Christus uns den anderen bringen, bezeugen heißt, ist nicht in erster Linie ein äusserer Reichtum; es ist nicht der Überschuss einer Überlegenheit, die wir uns selbst oder durch ein Zusammenspiel glücklicher geschichtlicher Zufalle erworben hätten. Es ist der Geist, den wir aus dem Herzen Christi schöpfen und der in unserem Leben durch Gnade bereits am Werke ist. In diesem Sinne hat Christus für seine Apostel im Augenblick seines Opfers, seiner letzten Hingabe gebetet: «Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir ... Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst ... Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit ... Und ich heilige mich für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind» (Joh 17,11.15.17.19).

Liebe Brüder und Schwestern, durch die Taufe seid ihr geheiligt, gottgeweiht. Ihr seid zu Gliedern Christi geworden; durch ihn, mit ihm und in ihm seid ihr Gott dem Vater dargebracht worden; ihr habt den Heiligen Geist empfangen, der euch die Empfindungen des einen Sohnes eingibt und euch ihn der Welt verkünden lässt. Christliche Laien, lebt aus dieser Taufe! Lasst Tag für Tag durch den Geist Christi diese Heiligung euch durchdringen, um in wahrer Liebe davon Zeugnis zu geben. Stärkt eure Treue zu Christus! Sucht seine Wahrheit, nicht eure!

Gott hat euch mitten in die Welt gestellt - in der Stadt oder auf dem Lande, Studenten oder Lehrlinge, verlobt oder verheiratet, Arbeiter, vielleicht zur Zeit arbeitslos, Angestellte, Arbeitgeber, im Dienst des Staates oder eurer Armee, Bauern, Kaufleute, Industrieunternehmer. Das ist eure Welt, in die Gott euch gestellt hat und in der ihr nach seinem Willen bleiben sollt: «Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst.» Doch lasst euch nicht von den falschen Göttern dieser Welt, von all den «künstlichen Paradiesen» verführen! Tilgt aus eurem Leben das, was vom Bösen kommt, was der Klarheit des Evangeliums im Wege steht. Dann werdet ihr den Menschen als Zeugen Christi dienen können. Dann wird Wirklichkeit, worum wir am Beginn dieser Messe gebetet haben: «Dass die Macht des Evangeliums die Welt wie ein Sauerteig durchdringe» und dass ihr, immer auf der Suche nach dem Geist Christi, durch die rechte Erfüllung eurer Aufgaben am Kommen seines Reiches mitarbeitet (vgl. Oration).

7. Sein Reich lässt sich nicht vom Geist des Dienens, der Einheit, der Suche nach der Wahrheit trennen, wie sie Christus versteht.

Ich habe das in der Enzyklika Redemptor hominis ausgesprochen: «Die Teilnahme an der königlichen Sendung Christi besteht darin, dass wir in uns und in den anderen die besondere Würde unserer Berufung entdekken ... Diese Würde drückt sich aus in der Bereitschaft zum Dienst nach dem Beispiel Christi, der 'nicht gekommen ist, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen' ( ... ). Man kann nur wirklich 'herrschen', indem man 'dient' ( ... ), Dienen verlangt gleichzeitig geistige Reife» (Nr. 21). In den Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils kommt das Wort «Dienst» im Zusammenhang mit der Sendung der Kirche und ihrer Mitglieder mehr als hundertmal vor. Stellt euch einer in den Dienst des anderen. Dient euren Angehörigen. Dient den Fremden. Dient den Ärmsten. Ihr, liebe Brüder und Schwestern in der Schweiz, die ihr für eure Gastfreundschaft berühmt seid, wisst sehr wohl, was zu diesem Dienst gehört: den anderen als Gottesgeschenk, als Bruder in Christus, mit seinem Hunger nach Leben, nach Liebe, nach Würde aufzunehmen; ihn zu achten, ihn zu verstehen zu suchen, seinen Wert und seine Bedürfnisse zu schätzen, ihm Platz zu machen in unserer kleinen Welt, ihm die notwendige Hilfe zuteil werden zu lassen und seine Hilfe anzunehmen. Das setzt die Demut voraus, die sich mit jener eurer Gebirgsseen vergleichen lässt, die, wie es eure Dichter gesagt haben, «den tiefsten Punkt gewählt haben, um den Himmel widerzuspiegeln». Das setzt Freundlichkeit, Liebe, Geduld, Verzeihung voraus. Jeder mag sich mit dem heiligen Paulus fragen: «Sind meine Nachbarn für mich Fremde, Durchreisende, die ich kaum grüsse, oder sind sie wahrhaftig meine Brüder und Schwestern, Mitglieder derselben Gottesfamilie?»

8. Dieser Geist des Dienens geht Hand in Hand mit der unermüdlichen Suche nach der Einheit unter euch, doch nicht nach irgendwelcher Einheit, einer Einheit, die lediglich in einem verträglichen, aber teilnahmslosen Nebeneinander bestände, sondern der tiefen, geheimnisvollen Einheit zwischen Getauften, die hier auf Erden die Einheit zwischen dem Vater und dem Sohn widerspiegelt: «Damit sie eins sind wie wir». Kraft der Taufe «seid ihr jetzt nicht mehr Fremde ... Ihr seid auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut ... Durch den Herrn werdet auch ihr im Geist zu einer Wohnung Gottes erbaut» (Eph 2,19.20.22). Das sagt euch heute der heilige Paulus.

Und ich wiederhole es für euch, Katholiken - ob ihr nun Schweizer Bürger oder Gastarbeiter oder Flüchtlinge aus dem Ausland seid -, die ihr den Unterschied eurer Generationen, eurer Milieus, eurer Herkunftsländer, eurer Rassen spürt. Ich sage es euch Christen allen, die ihr beherzt und zweifellos voll Schmerz den Skandal der Spaltung der Jünger Christi ertragt. Es müssen Fortschritte gemacht werden, damit die Christen, die in Jesus den einzigen Herrn und Retter, den einzigen Gründer ihrer Kirche anerkennen, so weit kommen, dass sie in einer vollen, sichtbaren Gemeinschaft des Glaubens und der Liebe leben, die sich danach sehnt, dasselbe Brot des Lebens zu teilen. Das ist ein Gebot Christi, «damit die Welt glaubt». Sein Geist «nimmt weg, was trennt» (Hochgebet zum Thema Versöhnung).

Mein Gebet ausweitend, wünsche ich auch euch, allen Männern und Frauen dieses Landes, dass ihr in Solidarität miteinander und mit der übrigen Welt, in einer universalen Brüderlichkeit, wo jeder seinen Platz hat, die irdische Stadt aufbaut. Lasst euch vom Beispiel der Gläubigen aus den ersten Jahrhunderten der Kirche erleuchten und antreiben: «Seht, wie sie einander lieben!» Ja, «die Einheit der menschlichen Familie wird durch die Einheit der Familie der Kinder Gottes, die in Christus begründet ist, in vieler Hinsicht gestärkt und erfüllt» (Gaudium et spes, Nr. 42; vgl. auch Nr. 3).

9. Brüder und Schwestern, ich habe euch diese Dinge gesagt, damit ihr die Freude Christi in euch habt und sie in Fülle habt (vgl. Joh 17,13). Wir kehren zum Abschiedsgebet Jesu an seinen Vater zurück: «Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit.» Der Geist des Dienens und der Einheit sind die Zeichen dafür, dass die Menschen in der Wahrheit Christi geheiligt sind. Diese Gnade der Heiligung ist es, die Jesus uns durch sein Opfer am Kreuz und seine Auferstehung erworben hat, die in der Eucharistie vergegenwärtigt werden: »Ich heilige mich für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind» (Joh 17,19). Mit ihm werden wir dann zur Heiligung des Menschen beitragen können (vgl. das Gabengebet). Nähern wir uns ihm in der Wahrheit, in der Liebe, um wie Maria und die Apostel zu Pfingsten seinen Geist der Heiligkeit und der Einheit zu empfangen. Mich selbst, der ich das Amt des Apostels Petrus erhalten habe, um euch im Glauben zu stärken und euch um Christus, den Eckstein (vgl. Eph 2,20; 1 Petr 2,4), zu versammeln, und jeden von euch, liebe Brüder im Bischofs- oder Priesteramt, liebe Ordensmänner, Ordensfrauen, getaufte und gefirmte Laien, fragt Christus: «Bist du bereit, dein Leben hinzugeben, es zu 'heiligen' im Dienst aller Menschen, damit das Evangelium des Heils zu allen Nationen gelangt?»

Amen.

[Bearbeiten] Ansprache an das bei der Schweizer Eidgenossenschaft akkreditierte Diplomatische Korps in Freiburg

Thema: Notwendig, delikat und verdienstvoll

(Französisch)

Exzellenzen!
Meine Damen und Herren!

1. Im Verlauf meiner Pastoralbesuche in den verschiedenen Ländern behalte ich mir immer eine kurze Begegnung mit dem bei der Regierung akkreditierten Diplomatischen Korps vor. Ich möchte das Interesse an einer solchen Begegnung unterstreichen; ich weiss, dass auch Sie Wert darauf legen. Diese Begegnung nimmt unter den anderen, die vor allem Christen in einer religiösen und pastoralen Absicht zusammenführen, einen besonderen Platz ein. Sie gestattet mir, durch Ihre Person die staatlichen Autoritäten und die Völker vieler Länder zu grüssen; mit manchen von diesen bin ich mittlerweile durch meine Reisen vertraut; die meisten sind beim Heiligen Stuhl vertreten. Und vor allem möchte ich mit Ihnen die Probleme der Weltgemeinschaft erörtern, für die Sie Auftrag und Zuständigkeit haben.

Diese Sendung ist so wichtig und schwierig, dass sie immer, von der Antike bis in unsere Tage, in hohem Ansehen stand und sogar für die mit einer solchen Verantwortung ausgestattete Person und ihre Aktionsfreiheit eine Garantie der Unantastbarkeit besessen hat. Dieses Prinzip bleibt grundlegend, auch wenn man gewisse Vorkommnisse bedauern muss, die ihm mitunter widersprechen.

2. Was ich auf jeden Fall unterstreichen will, ist der Wert der Arbeit, die Diplomaten zugunsten ihrer Landsleute und des Weltfriedens leisten. Es sind Menschen, die auf grund ihrer kulturellen Bildung, ihrer spezifischen Vorbereitung, ihrer Fähigkeiten, ihrer Sicht der Menschen, Dinge und Ereignisse, ihrer Weisheit und ihrer Heimattreue für eine länger dauernde Mission oder in manchen Fällen für die Lösung bestimmter Angelegenheiten ausgewählt werden. Alle, die zu diesem Zweig des politischen Handeins eines Staates gehören, haben, unabhängig davon, wo sie auf der Stufenleiter der Hierarchie stehen, die Ehre und Verpflichtung, sich ihrer besonderen Verantwortlichkeiten gegenüber den Obrigkeiten ihrer Länder, aber auch gegenüber der internationalen politischen Gemeinschaft, in deren Bereich sie arbeiten, bewusst zu sein. Ich denke an die Botschafter und ihre Mitarbeiter. Ich denke auch an die Vertreter und an die Beobachter bei den zahlreichen internationalen Organisationen von grosser Berühmtheit, die ihren Sitz in diesem Land haben.

Sicher hat die Entwicklung der Zeit und der Gesellschaften zur Umgestaltung gewisser äusserer Formen der klassischen Diplomatie, zur Veränderung mancher· ihrer Aufgabenbereiche und Funktionen beigetragen. Die ausserordentliche Schnelligkeit der Information und der Nachrichtenübermittlung, die mühelose Herstellung von Kontakten auf höchster Ebene ermöglichen es den Verantwortlichen für das nationale Leben, viele bedeutsame Angelegenheiten, die einst fast ganz in die Zuständigkeit Ihrer beruflichen Vorgänger fielen, auf direktem Weg zu behandeln. Doch das vermindert nicht die Existenzberechtigung dieser unerlässlichen Mitarbeiter, die die Diplomaten nun einmal sind. Im Gegenteil, in dem Masse, in dem neue Probleme, Interessen und Bedürfnisse auftauchen, die gegenseitige Abhängigkeit sich verstärkt, die Beziehungen der Zusammenarbeit zwischen Ländern an Zahl und Umfang zunehmen, bleibt die Anwesenheit erfahrener Männer, guter Kenner des internationalen Lebens, die Verantwortungssinn haben und mit grosser Redlichkeit handeln, im Ausland unentbehrlich. Sie bleiben diejenigen, die die Instruktionen Ihrer Regierungen weitergeben und deren Willen zum Ausdruck bringen, die diskreten Diener der Interessen Ihrer Völker, die Arbeiter für den Frieden. Eine Aufgabe, die vielleicht nicht immer richtig verstanden wird, die aber notwendig, heikel und verdienstvoll ist.

Ihre Tätigkeit ist in der Tat weder unabhängig noch der rein persönlichen Inspiration überlassen. Die Arbeit des Diplomaten ist auf internationaler Ebene der Ausdruck einer bestimmten Weise, die Geschicke dieses oder jenes Landes zu leiten. Man könnte sagen, sie spiegelt die Grundsätze oder den Pragmatismus wider, die sich aus dem Regierungsprogramm für die verschiedenen Beziehungen mit den anderen Ländern ergeben. Diese Funktion ist in einem ausserordentlichen Grad den Missionschefs vorbehalten, welche die Person des Staatschefs vertreten und die Rolle des offiziellen Sprechers der Politik ihrer Regierung spielen.

Ihre Mission konfrontiert Sie mit den Lebensproblemen der Gesellschaft, um zum Fortschritt ihrer Lösung beizutragen. Es sind die grossen menschlichen Ziele, die ich jetzt anführe, so wie ich das bei den Staatschefs selber tue, denn sie liegen der Kirche am Herzen.

3. Sie müssen die Interessen Ihres Landes verteidigen und fördern. Sie müssen einen günstigen Boden schaffen für die wirtschaftlichen, finanziellen und kulturellen Austausche zwischen Ihrem und den anderen Ländern. Sie müssen die Sympathien wecken und stärken bzw. die Antipathien beseitigen, die die normalen Kontakte und Freundschaften behurdern. Sie müssen Ihre Rolle spielen auf dem Gebiet der bilateralen und der internationalen Politik. In Ihre Zuständigkeit fallt es, in die zahlreichen brennenden Probleme einzugreifen, die gegenwärtig die ganze Welt erschüttern. Sie kennen sie gut. Jedes von ihnen kann den zerbrechlichen und schwankenden Frieden in Gefahr bringen: bereits bestehende regionale Konflikte; Wettrüsten; Verbreitung von Atomwaffen; Hunger, Dürre und Elendjeder Art in verschiedenen Teilen der Welt; Missachtung der Gerechtigkeit und der Menschenrechte; ideologische Spannungen usw. Bei all diesen Problemen ist die Diplomatie präsent; gemäss ihren Regeln - Höflichkeit, Diskretion, Verhandlung - setzt sie sich angesichts der heutigen schweren Ängste und Nöte dafür ein, Möglichkeiten zu einer möglichst gerechten und wirksamen befriedigenden Lösung zu finden, weitere Leiden der Völker zu verhindern und ihnen einen Hoffnungsschimmer zu schenken.

4. Das Land, in dem Sie zur Zeit Ihre diplomatische Mission ausüben, scheint vor den schweren Problemen, die ich soeben aufgezählt habe, geschützt zu sein, aber es bietet im Gegensatz dazu eine Möglichkeit des Abstandes, um die Bedeutung dieser Probleme für andere Länder zu erfassen. Die Schweiz hat um die Erhaltung des Friedens gekämpft, um die respektvolle Koexistenz zwischen Bevölkerungsgruppen, die ihrer Tradition und ihren Sprachen nach sehr verschieden sind, um die Förderung ihrer Demokratie und Freiheit. Angesichts dessen müssen Sie zerstörerische Bürgerkriege, Konflikte zwischen Nachbarländern, Totalitarismen, Unterdrückung der fundamentalen Freiheiten - darunter der religiösen Freiheit - verabscheuen. Der internationale Terrorismus, der Unschuldige trifft und Länder verunsichert, die sich nach dem Frieden sehnen, dürfte bei keinem Verantwortlichen Gunst oder gar Mittäterschaft finden, schon gar nicht bei den Diplomaten, deren Mission Gewalt«lösungen» nicht zulässt. Das zunehmende Phänomen der politischen Flüchtlinge die hier zahlreich sind - muss Ihnen die grundlegende Frage nicht nur nach der Aufnahme und Hilfe seitens Ihrer Länder stellen, sondern auch nach den unzulässigen Gründen, die so viele Männer und Frauen dazu treiben, ihre Heimat zu verlassen, um ihre Gedanken- und Glaubensfreiheit zu bewahren. Der Zustrom ausländischer Arbeitskräfte drängt auch zur Reflexion über die Arbeitsbedingungen und die Bedingungen des Familienlebens dieser Arbeiter. Schliesslich sollte Sie die allgemeine Wohlstandssituation der Mehrheit der Bürger dieses Landes - was den materiellen Wohlstand und die Gesundheit betrifft - nicht diejenigen vergessen lassen, denen es in so vielen Gegenden der Welt sogar am Lebensminimum fehlt. Sie werden das um so weniger vergessen, als die Schweiz internationale Organisationen beherbergt, die sich dieser Probleme anzunehmen versuchen.

5. Sie wissen wohl, dass sich die Kirche, deren Sendung die Verbreitung des Evangeliums ist, gleichzeitig für die Förderung der integralen Würde des Menschen einsetzt, und das ohne jedes andere Interesse, sei es politischer oder wirtschaftlicher Art. Sie erinnert ständig an die wesentlichen Grundsätze zugunsten der menschlichen Person, der sozialen Eintracht, der Völkerrechte, zugunsten der Gerechtigkeit, des Friedens und einer wahren Brüderlichkeit zwischen allen Menschen.

In dieser Absicht und im Namen dieses Zieles bietet der Heilige Stuhl den für das Gemeinwohl Verantwortlichen seine Zusammenarbeit an; ihnen spreche ich wie Ihnen, meine Herren Missionschefs, die Sie hier anwesend sind, meine Wertschätzung und meine Wünsche aus für die Tätigkeit und die Anstrengungen, die Sie im Hinblick auf den Bau einer besseren Welt entfalten, die sich auf die Wahrheit, die Gerechtigkeit, die Liebe und die Freiheit gründet, die einzigen wahren Pfeiler des Friedens in der menschlichen Gesellschaft. Das war der Wunsch, den Johannes XXIII. in der Enzyklika Pacem in terris ausgesprochen hat, und er hatte persönlich die diplomatische Mission von innen her erlebt.

Exzellenzen, meine Damen und Herren! Ich danke Ihnen für Ihren Besuch und bitte Gott um seinen Segen für Sie selbst, für Ihre Familien und für Ihren Beitrag zum Wohl der Menschheit.

[Bearbeiten] Ansprache bei der Begegnung mit der Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund in Freiburg

Thema: Achtung der Rechte aller

(Französisch)

Meine werten Herren und sehr lieben Brüder!

Es ist mir wirklich eine Freude, mich mit den Vertretern des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes zu treffen. So halte ich es immer im Verlauf meiner apostolischen Reisen durch die Welt, wenigstens jedesmal wenn es möglich ist.

Ich brauche mich nicht länger über die Bedeutung dieser Begegnungen zu verbreiten\Sie gestatten eine gewisse Vertiefung unseres Glaubens und ein Gebrauchmachen von unserem gemeinsamen biblischen Erbe; sie tragen dazu bei, die Vorurteile und sogar Schranken abzubauen, die noch zwischen den Christen und den Juden bestehen. Wie konnten die Christen gleichgültig bleiben gegenüber den Problemen und Gefahren, die Ihnen Sorge bereiten, wenn auch nicht in der Schweiz, so doch in vielen Gebieten der Welt? Anderseits muss die Lehre der christlichen Kirchen auch die Forschungsergebnisse über das uns gemeinsame Erbe und über die Verwurzelung des Christentums in der biblischen Tradition berücksichtigen. Das ist ein Weg, der unseren Dialog festigt. In dieser Hinsicht bin ich dem Herrn Vertreter des Israelitischen Gemeindebundes dankbar, dass er Wert darauf legte, in positiver Weise über das Jüdisch-Christliche Forschungsinstitut der katholischen Theologischen Fakultät Luzern zu berichten.

Ich hätte mich auch gern, meine werten Herren und lieben Brüder, mit Ihnen über ein grundlegendes Problem unterhalten: über das Problem des Friedens. Ist das biblische Schalom, mit dem man sich für gewöhnlich in den Ländern des Orients grüsst, nicht auch ein Anruf an unsere Verantwortung? In der Tat, wir alle sind aufgefordert, leidenschaftlich für das Gut des Friedens zu Werke zu gehen. Der Heilige Stuhl seinerseits bemüht sich ständig, auf einen Frieden hinzuarbeiten, der auf Gerechtigkeit gegründet ist, auf Achtung der Rechte aller, auf Beseitigung von Ursachen, die Feindschaft hervorrufen, angefangen bei solchen, die im Herzen des Menschen verborgen sind. Er empfiehlt unaufhörlich die Wege des Dialogs und der Verhandlung. Er hat weder Vorurteile noch grundsätzliche Vorbehalte im Hinblick auf irgendein Volk. Er möchte allen seine Sorge und Anteilnahme zeigen, zur Entwicklung der einen und der anderen beitragen, und zwar auf der Ebene der Freiheit in ihrem wahrsten Sinn wie auf der Ebene der inneren und äusseren Eintracht und der wahren Güter, die jeden Menschen und jede Gesellschaft fördern können.

Das ist ein Ideal, zu dem der ausdauernde Dialog und die fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Juden und Christen viel beitragen können. Gestatten Sie, dass ich diese kurze brüderliche Begegnung mit dem Wunsch schliesse, den Sie so sehr lieben: «Shalom aleijem!» (Der Friede sei mit euch!). Er kommt mir von Herzen, für Sie, die Sie hierher gekommen sind, um mich zu treffen, aber auch für Ihre Familien, für die jüdischen Gemeinden in der Schweiz, für alle, die über die Welt hin verstreut sind, und für alle Menschen guten Willens.

[Bearbeiten] Ansprache bei der Begegnung mit der Westschweizer Jugend in Freiburg

Thema: Die ganze Kirche braucht euch

(Französisch)

Liebe junge Menschen!

Seid bedankt für diesen Empfang. Seid bedankt für eure Anwesenheit. Es ist für mich eine grosse Freude, diesen Abend mit euch zu verbringen. Ihr seid Träger der Zukunft der Gesellschaft und der Kirche. Es ist mein Wunsch, dass diese Augenblicke, die wir miteinander in Freude, im Zuhören, in der Reflexion und im Gebet erleben, für euch, für mich und für diejenigen, die uns von ferne folgen, ein grosses Zeichen der Hoffnung darstellen mögen.

Durch euch und mit euch will der Geist Christi seine Kirche beleben und eine gerechtere, solidarischere, brüderlichere Welt aufbauen. Seien wir heute abend und morgen gemeinsam immer offener für den Geist Christi! Liebe junge Menschen,

(Eine zwiespältige Welt)

1. Euer Zeugnis und eure Fragen würden eine lange Diskussion verdienen. Alle Probleme, die ihr angeschnitten habt, sind sehr ernst zu nehmen und zeigen eure Besorgnisse angesichts der Welt und der Kirche von heute und morgen. Es ist mir unmöglich, in wenigen Minuten auf alles zu antworten. Ich wünsche jedoch, dass ihr unseren Gedankenaustausch von heute abend mit den Verantwortlichen eurer Jugendbewegungen, mit euren Katecheten, Priestern und Bischöfen weiterführt.

Von mir aus möchte ich mich mit dem einen oder anderen Punkt befassen, der mir grundlegend erscheint und die Fragen berührt, die sich die Jugend in der ganzen Welt stellt. Ich habe die gleichen Probleme mitjungen Leuten zahlreicher anderer Länder angesprochen: in Rom, Paris, Lourdes, Wien, Warschau, Lissabon, Galway, Cardiff, Boston, Mexiko, Belo Horizonte und Seoul.

Die Zukunft der Welt erscheint euch eher trübe. Arbeitslosigkeit, Hunger, Gewalt, die Bedrohungen der Menschheit durch das Anhäufen von Waffen mit entsetzlicher Zerstörungskraft, das wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen Nord und Süd, die geistige Verarmung der Konsumgesellschaft in zahlreichen Ländern sind alles Ursachen von Unruhe und Ängsten.

Euch jungen Leuten sage ich: Lasst euch nicht von Schwarzseherei und Entmutigung unterkriegen! Ihr seid die Welt von morgen. Von euch in erster Lmie hängt die Zukunft ab. Von uns Älteren einpfangt ihr eine Welt, die euch enttäuschen mag, aber sie hat gleichzeitig ihre Reichtümer und Schwächen, ihre Werte und Gegenwerte. Die ausserordentlichen Fortschritte der Wissenschaft und der Technik sind· zwiespältig. Sie können dem Besten und dem Schlimmsten dienen. Sie können Menschenleben retten oder vernichten. Sie können eine bessere und gerechtere Güterverteilung in der Welt ermöglichen oder aber die Anhäufung der Güter in den Händen kleiner Gruppen, was das Elend der Massen noch vermehrt. Sie können den Frieden begünstigen oder aber die Menschheit mit der Bedrohung durch schreckliche Zerstörungen belasten.

(Das Herz ist zu ändern)

2. Alles hängt davon ab, welcher Gebrauch vom Fortschritt der Wissenschaft und Technik gemacht wird. Alles hängt letzten Endes vom Herzen der Menschen ab. Das Herz der Menschen ist es, das man ändern muss. Zweifellos gilt es, gewisse Strukturen zu verändern, die Ungerechtigkeit und Elend hervorrufen, aber gleichzeitig muss man das Herz der Menschen ändern.

Hier, liebe junge Leute, ist die Grossbaustelle der Welt, auf der ihr euch einsetzen müsst. Arbeitet gemeinsam mit euren Händen und Herzen, mit eurem Verstand und eurem Glauben am Aufbau einer neuen Welt, in der es allen möglich sein soll, in einer Atmosphäre der Sicherheit und des gegenseitigen Vertrauens zu leben und sich zu entfalten.

Durch Hass, Gewalt und Unterdrückung - wie immer diese aussehen mag - wird man nicht die Zukunft der Menschheit bauen. Auf dem Triumph des Egoismus von einzelnen und Gruppen erbaut man nicht die Zukunft der Menschheit. Die Zukunft der Menschheit kann nicht auf einem falschen Freiheitsbegriff errichtet werden, der die Freiheit der anderen nicht respektiert. Die Konsumgesellschaft, in der wir leben, und die Angst vor einer ungewissen Zukunft verleiten dazu, nach der eigenen unmittelbaren Befriedigung zu suchen. Man zieht sich zurück auf sein kleines persönliches Glück, auf seine Gefühle, dreht sich im Kreis, ist überreizt, unaufhörlich auf der Jagd nach neuen, rasch wieder vorübergehenden Erregungen, und ist einzig auf sich selbst und seine Vergnügungen bedacht. So kann man eigentlich nicht leben. Das ist nicht die Welt, die ihr haben wollt. Das wäre eine hoffnungslose Welt, die das Leben des Menschen jedes Sinnes entleerte.

(Teilen)

3. Ihr habt für die Lesung aus dem Evangelium den Bericht über die Brotvermehrung vorgesehen. Jesus hat die Brote vermehrt, damit sie an alle Anwesenden ausgeteilt würden, und er trägt den Jüngern diesen Dienst auf.

Christus ist es; der euch alle heute zu einem ernsthaften und beharrlichen Einsatz für eine brüderliche Verteilung der materiellen und geistigen Güter aufruft, die in der Welt in ungeheurer Menge vorhanden sind. Beginnt damit heute in euren Schulen, an euren Lehr- und Arbeitsplätzen, in euren Wohnvierteln, in euren Dörfern. Beginnt damit heute durch echte Hinwendung zu den anderen und ihren Bedürfnissen, durch den Geist des Dienens und der brüderlichen Hilfe, durch den Sinn für Gerechtigkeit, durch die Einübung der Selbsthingabe. Die Umwandlung der Welt beginnt heute bei euch und in eurer Umgebung.

Doch für die Verwirklichung dieser grossartigen Aufgabe, für die ihr der zukünftigen Menschheit gegenüber verantwortlich seid, gibt es einige unerlässliche Bedingungen. An zwei davon möchte ich euch erinnern.

(Tiefe, Innerlichkeit, der Heilige Geist)

4. Um eure Sendung zu erfüllen, dürft ihr nicht an der Oberfläche eurer Person leben, sondern müsst tiefer gehen. Es gilt, die Tiefendimension der menschlichen Person zu erschliessen: die Kraftquellen eures Herzens, den Wert der anderen, den Sinn des Geschehens. Ein oberflächliches Dasein löst schmerzliche Unzufriedenheit aus. Ist das nicht das Unbehagen, das viele junge Menschen spüren, die auf der Suche nach einem echten Weg sind? Das Echte findet sich in der Tiefe. Eine «Tiefe», wie die Droge sie vortäuscht, ist etwas Künstliches. Es gibt aber leider eine Pseudo-Erkenntnis, eine Pseudo-Freiheit, ein naives sexuelles Sich-gehen-Lassen, die ebenso gefahrliche und tödliche Drogen sind wie die Halluzinogene. Sich seiner selbst bewusst zu werden, sich selbst präsent zu sein, die wahren Sehnsüchte der Person aufzudecken, seine Fähigkeiten und seine Grenzen zu erkennen und anzunehmen - das sind auch die Vorbedingungen für eine echte Beziehung zu den anderen. Schliesslich müssen wir in uns selbst und in den anderen die geheimnisvolle Gegenwart Gottes entdecken, von dem wir das Leben haben, in dem wir uns bewegen und sind (vgl. Apg 17,28); wir müssen die Quelle eines neuen Lebens und eines neuen Dynamismus zur Umgestaltung der Welt entdecken. Ohne mich, sagt uns Jesus, könnt ihr nichts tun (vgl. Joh 15,5).

Wenn ihr es versteht, euch vom Lärm zu lösen und still zu werden, um zu euch selber und zu Gott in euch zu finden, dann werdet ihr den zersetzenden Einflüssen der äusseren Welt und dem Egoismus, der sich immer wieder im eigenen Inneren erhebt, Widerstand leisten können. Genau vor einem Jahr habe ich es zu meinen jungen Landsleuten in Jasna G6ra so gesagt: «Ich wache, das bedeutet, dass ich mich bemühe, ein Mensch mit Gewissen zu sein. Dass ich dieses Gewissen nicht betäube, nicht umforme. Dass ich Gut und Böse beim Namen nenne, nicht aber verwische. Dass ich mir das Gute herausarbeite und mich bemühe, vom Bösen loszukommen» (Ansprache vor polnischen Jugendlichen am 18. Juni 1983 in Jasna Göra, Osservatore Romano, deutsch, 1.7.83, S. 4).

Ihr werdet Gottes Plan für jeden von euch, der in eure Fähigkeiten und Grenzen eingetragen ist, nur entdecken um den Preis eines tieferen Nachdenkens und des Stillewerdens.

Wenn wir von Wissen um sich selbst, von Innerlichkeit, Besinnung und Stille sprechen, so ist das keine Aufforderung zur Flucht aus der Wirklichkeit, sondern im Gegenteil zu ihrer gründlichen Erforschung, um ihre geistige Dimension zu entdecken. Es geht also nicht darum, am Rande des Lebens zu stehen, sondern in seine Mitte vorzudringen, um im Glauben dem Geist zu begegnen, der in unseren Herzen und in den Herzen der Menschen am Werk ist.

Unser Blick auf die Menschen und die Ereignisse ist allzuoft kurzsichtig. Wir sollten doch jedem Menschen mit unendlicher Hochachtung gegenübertreten und im Kern der Ereignisse lesen, worum es zutiefst geht, sollten die hochgespielten oder lächerlich gemachten Werte erkennen, das Wirken des Heiligen Geistes, das von den Menschen angenommen oder durchkreuzt wird.

In der Taufe und in der Firmung ist euch der Heilige Geist geschenkt worden. Er wird euch leiten bei der Suche nach persönlicher Verinnerlichung und nach dem verborgenen Sinn der Ereignisse. Seid offen für Christi Geist: Er ist der Geist der Wahrheit, und die Wahrheit wird euch frei machen.

Was ich euch vorschlage, ist eine grosse Sache. Das Erringen einer grösseren Tiefe ist der Schlüssel zu einem Leben, das sich zu leben lohnt, weil es zu einer ausserordentlichen, niemals abgeschlossenen Entdeckung seiner selbst, der anderen, der Welt und Gottes wird. Es ist auch der Weg zu brüderlicher Gemeinschaft zwischen allen Menschen, gegründet auf der Gemeinschaft mit Gott in Christus und in seinem Geist.

(Lebendige Gemeinschaft)

5. Doch um dieses wahrhaft geistliche Abenteuer bestehen zu können, muss man - und das ist mein zweiter Hinweis - in Gemeinschaft, in der Kirche, leben. Ist nicht gerade die Kirche die Gemeinschaft derer, die an Jesus glauben und die sich von seinem Geist schon jetzt auf den Wegen des Reiches Gottes führen lassen wollen? Wenn ihr eine neue Welt aufbauen wollt, dann macht euch gemeinsam daran, euren Blick zu vertiefen, eure Standpunkte mit Hilfe des Wortes Gottes zu stärken, euch gegenseitig zu helfen iin täglichen Einsatz, euch an Tagen der Mutlosigkeit gegenseitig Stütze zu sein. Die Kirche sollte - nein, was sage ich -, sie muss diese brüderliche Gemeinschaft sein, wo man seine Kräfte erneuern, seine Freuden und Sorgen teilen, sich im Glauben und im Gebet vereinen kann, wo man gemeinsam in der Eucharistie das Kreuzesopfer und die wirkliche, geheimnisvolle Gegenwart des auferstandenen Christus feiert, sich aus ihm und seinem Geist nährt. Ihr habt recht, in unseren Gemeinschaften, in unseren Pfarreien muss wieder ein echtes Zusammenleben zustande kommen. Die Sonntagsmesse muss mit grösserer Freude und intensiver erlebt werden. Euer Platz soll in euren Pfarrgemeinden sein! Ihr sollt präsent sein, um der Kirche eine neue Jugend zu geben, um ihr immer mehr ein Gesicht «ohne Flecken, ohne Falten» zu geben, wie Christus es wollte (Eph 5,27). Doch erlaubt, dass ich euch auch sage: Habt ein wenig Geduld! Eine christliche Gemeinde, die aus Menschen verschiedenen Alters und ganz verschiedener Mentalität besteht, lässt sich nicht an einem Tag umgestalten. Jeder hat seine Qualitäten, aber auch seine Schwächen und seine Grenzen. Solltet ihr nicht zuerst den Wert dessen anerkennen, was diejenigen, die euch vorausgingen, oft unter Mühen aufgebaut haben? So werdet ihr ein Zeugnis von eurer Reife geben. Glaubt mir, die ganze Kirche zählt auf euch, sie braucht euch, um immer mehr das zu werden, was sie sein soll: eine grosse, lebendige, brüderliche Familie von Gläubigen, die offen sind für Christi Geist, die mitten in der Welt Zeugnis geben von dem Heil, das Christus uns gebracht hat, und die unergründliche Liebe bekunden, die den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist vereint.

Ja, meine lieben jungen Freunde, sucht, vom Geist Christi beseelt, die Tiefe in einer Welt, in der euch alles zu oberflächlichem Konsum auffordert. Findet euch zusammen, bildet lebendige Zellen der Kirche Christi! Dann werdet ihr Menschen, die wie Christus für die anderen da sind. Ihr werdet mit allen jungen Leuten der Welt eine neue Zivilisation der Gerechtigkeit und der Liebe aufbauen.

(Deutsch)

Einen sehr herzlichen Gruss in ihrer Muttersprache richte ich heute abend auch hier schon an die deutschsprachigen Jugendlichen in der Schweiz. Übermorgen werde ich Gelegenheit zu einer gleichen brüderlichen Begegnung mit ihnen in Einsiedeln haben. Meine Worte an die Jugend hier in Freiburg und dann in Einsiedeln gelten unterschiedslos euch allen, die ihr euch in diesem Land zu Christus bekennt oder euch noch auf dem Weg zu ihm befindet. Christus führe euch alle seinen Weg zur Wahrheit und zum Leben! .

[Bearbeiten] Donnerstag, den 14. Juni 1984

[Bearbeiten] Ansprache an die Arbeitsgemeinschaft der christlichen Kirchen in Kehrsatz

Thema: Um die Erkenntnis der Fülle der Wahrheit

(Deutsch)

Sehr geehrter Herr Präsident,
liebe Exzellenz,
Brüder und Schwestern in Christus!

1. «Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort» (Apg 2,1). Dieses Bild steht mir vor Augen, wenn ich in dieser Morgenstunde unter Ihnen sein darf, um an Ihren Sorgen und Hoffnungen teilzunehmen und mich mit Ihnen in der Kraft des Pfingstgeistes zum gemeinsamen Gebet zu vereinen. Ich danke Ihnen als den Vertretern christlicher Kirchen und Gemeinschaften in diesem Land für das Geschenk dieser Begegnung; im besonderen danke ich den Mitgliedern dieses Gremiums, die mündlich oder schriftlich zum fruchtbaren Austausch von Überzeugungen und Anliegen beigetragen haben.

«Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus. Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel» (Eph 1,3), so leitet der Verfasser des Epheserbriefes sein Loblied auf den Heilsplan Gottes ein. Dieser dreifaltige Gott «Werde verherrlicht durch die Kirche und durch Christus Jesus, in allen Generationen, für ewige Zeiten» (Eph 3,21).

2. Sie haben zu Recht, Herr Präsident, in Übereinstimmung mit allen hier Anwesenden die Bedeutung unserer Dialoge über das Wesen und die Sendung der Kirche unterstrichen. Wir alle bedenken stets aufs neue das tiefe Geheimnis der Kirche und beten ohne Unterlass, dass der Herr uns in der sichtbaren Gestalt der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche zusammenführen möge. Sie, geehrter Herr Pastor Kuster, haben mit Ihrem Wort eindringlich auf die wachsende Herausforderung aller Christen hingewiesen, die darin besteht, dass weite Teile unserer Gesellschaft durch den Verlust ihres Glaubens und der ethischen Werte in reiner Diesseitigkeit und Orientierungslosigkeit unterzugehen drohen. Hier liegt in der Tat eine grosse geschichtliche Verantwortung vor uns, bei der keine christliche Geineinschaft für sich isoliert bleiben darf, sondern zu einem höchstmöglichen Mass von gemeinsamem Zeugnis für das Evangelium in allen Bereichen des Lebens gerufen ist. Als Jünger des einen Herrn Jesus Christus sind wir auf dem Fundament der Heiligen Schrift und der frühen Glaubensbekenntnisse, unseres gemeinsamen Erbes, verpflichtet, diesem Ruf nach bestem Gewissen zu folgen, wenn wir nicht noch weitere Schuld auf uns laden wollen.

Sehr geehrte Frau Stucky-Schaller, auch das von Ihnen zur Sprache gebrachte Anliegen verbindet uns. Es genügt, einen Blick auf die Heilige Schrift zu werfen, um zu erkennen, welch grosse Sendung der Frau im Heilsgeschehen Gottes zukommt. Gott hat im Alten wie im Neuen Bund immer wieder Frauen zum Werkzeug seines Heilsplans berufen. Er hat ihrer bedurft und bedarf ihrer heute und morgen. Wir haben uns darum ernsthaft zu fragen, ob die Frau heute in Kirche und Gesellschaft bereits jenen ihr vom Schöpfer und Erlöser zugedachten Platz einnimmt und ihre Würde und ihre Rechte in gebührender Weise anerkannt werden. Diese Fragen gehören bekanntlich schon zur Tagesordnung der Gespräche zwischen unseren Kirchen; und wir dürfen hoffen, dass sie zu einer gemeinsamen Klärung und Meinungsbildung führen.

Noch viele weitere Gedanken, Antworten und Anfragen würde ich bei dieser Begegnung gern zur Sprache bringen. Ich denke an die gemeinsame Erklärung der christkatholischen Kirche und des Bundes der Baptistengemeinden und habe auch das 'Statement' und die Fragen der Heilsarmee vor Augen. Ich vertraue darauf, dass Geist und Anliegen dieser unserer Begegnung in anderer Weise und auf nicht minder verheißungsvollen Wegen ihre Fortsetzung finden. Nioht zuletzt stehen dafür auch meine Mitarbeiter in Rom zur Verfügung.

3. Die ökumenische Gemeinschaft, die in der Schweiz im Laufe der Jahre gewachsen ist, hat begonnen, Früchte zu tragen. Gott hat Ihrer Arbeitsgemeinschaft die Gnade geschenkt, schon seit 1971 in einem vorbildlichen Geist der Brüderlichkeit und Versöhnungs bereitschaft Fragen und Anfragen zu behandeln, die die Christen in diesem Lande bewegen. Sie ringen in Offenheit um die Erkenntnis der Fülle der Wahrheit, 1m demütigen Hören auf das Wort Gottes, in Treue zur apostolischen Überlieferung und in echter Solidarität.

Dankbar stellen wir fest, dass die göttliche Vorsehung unsere getrennten Gemeinschaften insgesamt fahig und bereit gemacht hat, jahrhundertealte Vorurteile gegeneinander abzubauen und sich aus der Befangenheit in manchen ungerechten oder gar polemischen Vorstellungen über die jeweils anderen Konfessionen zu befreien. Darüber hinaus drängt uns der göttliche Geist, dass wir wieder zu einer vollen Gemeinschaft des Zeugnisses in Wahrheit und Liebe zusammenfinden.

4. Ist es nicht der Heilige Geist, der die Verschiedenheiten der Gaben und Dienste wirkt und doch in Christus die Gläubigen so innig verbindet, dass er das Lebens- und Einheitsprinzip der Kirche ist (vgl. Ökumenismusdekret 2,2)? In allen unseren Bemühungen, uns gegenseitig in der Wahrheit besser zu verstehen, sehen wir uns verwiesen auf das Mysterium des Heiligen Geistes. Nach dem Ausweis der Schrift ist er nicht nur als die stets neue und aktuelle «Dynamis Gottes» am Werk, sondern vergegenwärtigt auch in der Geschichte den menschgewordenen und erhöhten Herrn Jesus Christus in der Knechtsgestalt seiner Kirche. Dieses Glaubensgeheimnis gilt es immer wieder in Demut zu meditieren und betend zu verehren. Schliesslich bleibt hinzuzufügen: Niemand kann rechtschaffen lieben, wenn ihm nicht der Geist der Kraft und Liebe von Gott gegeben ist. Einzig die Kraft der göttlichen Liebe kann die in Jahrhunderten gewachsenen und zum Teil immer noch vorhandenen Barrieren innerhalb der Christenheit abbauen; kann die Rangstreitigkeiten unter den Jüngern Christi in einen edlen geistlichen Wettstreit umwandeln und uns gemeinsam zu Boten seiner Liebe machen, «damit die Welt glaubt» (Joh 17,21).

5. Ich möchte Sie ermutigen, in Wahrheit und Liebe Ihre theologischen Dialoge fortzuführen und sogar zu intensivieren. Ich möchte Sie ermutigen, Ihre Bemühungen um eine gemeinsame Pastoral, wo immer sie verantwortet werden kann, vor allem im Hinblick auf die konfessionsverschiedenen Ehen und die ausländischen Bewohner dieses Landes zu verstärken. Ich möchte Sie zur engen Zusammenarbeit in gesellschaftspolitischen Fragen und in den grossen weltweiten Anliegen der Verwirklichung der Menschenrechte und des Einsatzes für den Frieden auffordern. Der Geist Gottes hat uns befahigt, ein weitgespanntes Netz christlicher Liebestätigkeit zu entfalten und darin das Gesetz zu erfüllen (vgl. Röm 13,10). «Die Bruderliebe soll bleiben» (Hebr 13,1).

'Lassen wir uns dabei nicht entmutigen, wenn wir der Spannung ausgesetzt bleiben zwischen dem schon Erreichten und dem allseits Erstrebten, zwischen der Sehnsucht und der Geduld, jener Spannung, die sich oft aus dem «Tun der Wahrheit in Liebe» (Eph 4,15) ergibt.

Tun wir zuallererst das Wichtigste: Beten wir ohne Unterlass (vgl. Lk 18,1). Ich möchte Sie sogleich jetzt zum gemeinsamen Gebet einladen, von dem alles seinen Anfang nehmen und in das alles einmünden soll zur grösseren Ehre Gottes und zum Heil der Welt.

[Bearbeiten] Ansprache bei der Begegnung mit der Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund in Kehrsatz

Thema: Wir dürfen keine Zeit verlieren

(Französisch)

Herr Präsident,
meine Brüder und Schwestern in Christus!

1. Wir haben miteinander gebetet. Es war für mich eine grosse Gnade, die ich mit Ihnen geteilt habe. Indem wir zusammen das Vaterunser sprechen, sind wir im Namen des Herrn vereint, denn der Geist Gottes ist es, der uns erlaubt, «Vater» zu sagen, er legt die Gesinnung des Sohnes in uns hinein (vgl. PhiI2,5), und darum ist es auch der Geist Gottes, der uns erlaubt, «Brüder» und «Schwestern» zu sagen. Ich bin glücklich, dass ich zu Ihnen kommen durfte. Ich danke Ihnen für Ihre Einladung. Herr Präsident, ich habe nie vergessen, was Sie mir vor drei Jahren so vornehm geschrieben haben, als ich aus den bekannten Gründen auf meine Reise zu Ihnen verzichten musste. Ich würdige Ihre hohen Gefühle, Ihren Freimut, Ihren Glauben und Ihre Zuversicht. Sie haben sie aufs neue bewiesen, und ich danke Ihnen dafür von ganzem Herzen.

Das Wort Gottes und das Zeugnis für Jesus treibt mich, unter Ihnen zu sein. Möge die Gnade des Herrn, in geistlicher Einheit mit allen Christen dieses Landes, mir helfen, dieser Absicht zu entsprechen! Die grundlegende Einheit, die uns der Geist Gottes in der Taufe geschenkt hat, strebt ihrer Natur nach «Zu einer einen, sichtbaren Kirche Christi hin, die in Wahrheit allumfassend und zur ganzen Welt gesandt ist, damit sich die Welt zum Evangelium bekehre und so ihr Heil finde zur Ehre Gottes» (Unitatis redintegratio, Nr. I). Wir erkennen mit Dank alles an, was der Herr - in der Kraft seines Geistes - durch die brüderlichen Gespräche und die ökumenische Zusammenarbeit überall in der Welt und vor allem in Ihrem Land gewirkt hat, um uns noch mehr fahig zu machen, gemeinsam Zeugnis zu geben für die Versöhnung, die uns in Jesus Christus geschenkt worden ist.

2. In diesem Jahr steht vor unserem Geist die Erinnerung an den Eifer, der zwei markante religiöse Persönlichkeiten der Schweizer Geschichte beseelte: Die eine ist Huldrych Zwingli, dessen 500-Jahr-Feier Sie durch verschiedene Veranstaltungen zu Ehren seiner Person und seines Werkes begehen; die andere, Jean Calvin, wurde vor 465 Jahren geboren.

Ihr Zeugnis hat sich nicht nur im Bereich der Theologie und der Kirchenstruktur, sondern auch auf kulturellem, sozialem und politischem Gebiet geschichtlich ausgewirkt. Das Erbe des Denkens und der ethischen Zielrichtungen jedes dieser beiden Männer ist mit Kraft und Dynamik in verschiedenen Teilen der Christenheit lebendig geblieben. Auf der einen Seite können wir nicht vergessen, dass ihr Reformwerk für uns eine ständige Herausforderung bleibt und uns unsere kirchlichen Spaltungen immer gegenwärtig macht. Auf der anderen Seite jedoch kann niemand leugnen, dass manche Elemente der Theologie und Spiritualität beider uns weiterhin tief verbinden. Die Tatsache, dass wir die verwickelten Ereignisse der damaligen Geschichte verschieden beurteilen, wie auch die Differenzen, die in Zentralfragen unseres Glaubens bestehen bleiben, müssen uns nicht für immer trennen. Vor allem darf die Erinnerung an die Ereignisse der Vergangenheit nicht die Freiheit unserer gegenwärtigen Bemühungen einschränken, die Schäden, die diese Ereignisse ausgelöst haben, zu beseitigen. Die Aufarbeitung der Erinnerung ist ein Hauptelement des ökumenischen Fortschritts. Sie führt zur freimütigen Anerkennung der gegenseitigen Verletzungen und begangener Irrtümer in der Art und Weise, wie man aufeinander reagiert hat, obwohl doch alle die Absicht hatten, die Kirche dem Willen ihres Herrn gemässer zu machen. Vielleicht kommt der Tag, und ich hoffe er kommt bald, wo Katholiken und Reformierte der Schweiz in der Lage sind, gemeinsam die Geschichte jener verwirrten und verwickelten Zeit mit der Objektivität zu schreiben, die nur eine tiefe Bruderliebe schenkt. Dann wird es uns möglich sein, ohne etwas zu verschweigen, die Vergangenheit dem Erbarmen Gottes zu überlassen und uns in aller Freiheit auf die Zukunft vorzubereiten, um sie seinem Willen entsprechender zu machen (vgl. Phil 3,13). Er will ja, dass die Seinigen ein Herz und eine Seele seien (vgl. Apg 4,24), um sich im Lob und in der Verkündigung der Herrlichkeit seiner Gnade zu vereinigen (vgl. Eph 1,6).

3. In der Tat geht es für jeden Christen darum, diese tiefe, ständige Umkehr des Herzens vorzunehmen, und für jede Gemeinschaft darum, sich unablässig zu bestreben, sich in immer tieferer Treue zu erneuern. Das sind nach meiner Überzeugung die notwendigen Grundlagen für jedes persönliche und gemeinschaftliche ökumenische Engagement (vgl. Unitatis redintegratio, Nr. 6). Doch all unsere menschlichen, manchmal allzu menschlichen, Bemühungen müssen fortwährend geweckt, ausgerichtet, trainiert und geläutert werden in einer Fürbitte, in der wir unsere Überzeugung bekunden, dass Gott allein wachsen lässt (vgl. I Kor 3,6). Sie haben sehr richtig gesagt: Wenn wir füreinander beten, machen wir uns dem Geist verfügbar, der uns versöhnen will. So ändern wir unsere Haltung gegenüber den anderen und finden uns im beidseitigen Wissen um die gleichermassen anerkannte und liebend angenommene Abhängigkeit von unserem einzigen Herrn wieder.

4. Es ist klar: Wenn wir uns auf dieser Ebene begegnen, wird uns die ganze Dynamik, die sich aus unserer gemeinsamen Taufe ergibt, stark dazu drängen, miteinander den Leib und das Blut des Herrn zu empfangen, ohne die wir kein Leben in uns haben können (vgl. Joh 6,53). Dieser Wunsch, den Sie, Herr Pfarrer, eben ausgesprochen haben, ist auch ganz tief der meine. Das vor allem ist der Sinn des gegenwärtigen Dialogs sowohl auf nationaler Ebene zwischen Ihrem Kirchenbund und der Katholischen Kirche in der Schweiz als auch auf internationaler Ebene zwischen dem Reformierten Weltbund und dem Sekretariat für die Einheit sowie in der Kommission «Glaube und Kirchenverfassung» desWeltrates der Kirchen. Die Eucharistiefeier ist für die Kirche ein greifbares Glaubensbekenntnis, und die vollständige Übereinstimmung im Glauben ist die Voraussetzung für eine gemeinsame Eucharistiefeier, die wirklich authentisch und wahr sein will. Wir dürfen kein trügerisches Zeichen geben. Unser ganzer Dialog strebt eine solche gemeinsame Eucharistiefeier an. Es würde aber nichts nützen, das Leid der Trennung zu verdrängen, wenn wir nicht seine Ursache zu heilen versuchen würden: eben diese Trennung. Gebe der Herr, dass der Tag komme, an dem sich unsere gemeinsame Sehnsucht erfüllt!

5. Zur Vorbereitung auf diesen Tag wollen wir uns jetzt schon bemühen, all das gemeinsam zu tun, was wir gemeinsam tun können. Wer die Wahrheit tut, kommt zum Licht (vgl. Joh 3,21). Dieses gemeinsame, wirksame Zeugnis aller Christen ist von grosser Dringlichkeit.

Wir dürfen keine Zeit verlieren, denn in diesem Land, wo Sie zusammen mit den anderen Christen das Evangelium des Heils bezeugen, gibt es heute Männer und Frauen, denen Gott nichts mehr bedeutet, für die Jesus nichts mehr ist - dabei ist er der grösste Schatz, den Gott der Welt gegeben hat. Das unterstreicht die Dringlichkeit einer neuen Evangelisierung. Und zudem ist das Gesicht dieser von Jesus geheilten Welt heute vielerorts von Krieg, Hunger, Ungerechtigkeit und zahllosen Anschlägen auf die Würde der menschlichen Person schrecklich entstellt. Wir· würden den Namen Christi zu Unrecht tragen, wenn wir angesichts so vieler Geschehnisse, die sich dem göttlichen Plan, alles in Christus zu versöhnen und die Menschen in der Liebe zu sammeln, widersetzen, uns nicht gemeinsam immer mehr - auch zusammen mit allen Männern und Frauen guten Willens dafür engagierten, dass heute jeder Mensch, sei er Mann oder Frau, in seiner Würde respektiert wird und sich des Friedens und der Freiheit erfreuen kann. Welcher Christ würde zu behaupten wagen, dass er schon alles getan hat, was er tun konnte, damit dieses Ziel erreicht wird? Die Not ist ungeheuer und «die Liebe Christi drängt uns» (2 Kor 5,14). Das sollte uns nicht entmutigen, sondern uns in Demut, Wachsamkeit und Vertrauen auf die Gnade Christi erhalten. Unser Tun ist nur Mitwirken am Tun des Herrn, an der Liebe, die durch den Heiligen Geist, den er uns geschenkt hat, in unsere Herzen ausgegossen worden ist (vgl. Röm 5,5). Gestatten Sie mir, Ihnen im Namen des Herrn zu danken und mit Ihnen Gott, der uns auf den schwierigen Weg des Ökumenismus gerufen hat. Er, der das Werk in uns begonnen hat, möge es auch zu Ende führen (vgl. Phil 1,6). Der Wunsch, dieses Ziel zu erreichen, darf uns nie die herrlichen Gaben missachten lassen, die er uns geschenkt hat und auf diesem Weg weiterhin schenkt. Wir müssen ihm dafür danken. Er helfe uns, uns alles zu vergeben, was wir einander zu vergeben haben! Er helfe uns, seinem Wort treu zu bleiben. Und er gebe uns die Gnade der vollen, sichtbaren Einheit zwischen uns.

[Bearbeiten] Ansprache an die Mitglieder des Bundesrates der Schweizer Eidgenossenschaft in Kehrsatz

Thema: Verständnis und achtungsvolle Freundschaft

(Französisch)

Herr Bundespräsident,
meine Herren Bundesräte!

Die edlen Worte, die Sie an mich gerichtet haben, bewegen mich sehr. Ich bin dankbar, die Gastfreundschaft dieses Landes in Anspruch nehmen zu dürfen. Ich freue mich, anlässlich dieses Höflichkeitsbesuches - wie ich das immer tue, ich halte es für meine Pflicht - meine achtungsvollen und herzlichen Grüsse an den zu richten, der die Ehre hat, gemeinsam mit dem ganzen Bundesrat das Geschick der Schweizerischen Eidgenossenschaft zu lenken und das ganze Schweizervolk zu repräsentieren. Die Ehrerbietung und Höflichkeit, mit der Sie mich in corpore empfangen - wie auch die Sympathie der Bevölkerung, der ich hier begegne -, gehen mir zu Herzen, und ich spreche Ihnen dafür meinen herzlichen Dank aus.

Der Pastoralbesuch in diesem Lande gilt, wie ich bereits sagte, in erster Linie der römisch-katholischen Gemeinschaft der Schweiz und den anderen Christen oder Glaubenden, die mit mir zum Meinungsaustausch über unsere gemeinsamen geistlichen Anliegen zusammentreffen wollen. Meine Sympathie gilt jedoch dem gesamten Schweizervolk, und wo fande ich eine bessere Gelegenheit als hier, vor seinen höchsten Repräsentanten, um ihm meine achtungsvolle und herzliche Ehrerbietung zu erweisen? Ich will es mir nicht verwehren, bei diesem Anlass auf die Einzigartigkeit Ihrer Heimat und Ihrer Geschichte einzugehen, wie sie von aussen, in den Augen eines Freundes, sichtbar wird.

2. Die meisten Länder Europas haben aus der natürlichen Einheit ihres Gebietes, ihrer Sprache oder ihrer Religion Gestalt angenommen. Die Schweiz ist in ihrem Ursprung, ihrer Entfaltung und ihrer Fortdauer vielmehr das Ergebnis des gemeinsamen Wollens und der Beharrlichkeit ihrer Bewohner. Das Wirken des Menschen jedoch, mag es auch noch so hartnäckig sein, hätte nicht die Jahrhunderte überdauern können - wie es für die fast siebenhundert Jahre alte Eidgenossenschaft zutrifft -, wäre es nicht von Anfang an auf einem bestimmten Menschenbild aufgebaut gewesen. Dank ihrer Treue zu dieser einzigartigen humanitären Berufung ist es der Schweiz in der Tat gelungen, die Wechselfalle einer oft sehr bewegten Geschichte und Umwelt heil zu überstehen.

Am Firmament dieser Grundanschauung vom Menschen glänzt unablässig der Polarstern der Freiheit, ein sehr wertvolles Gut und das höchste Wagnis des Menschen, dessen Fülle er allein sichern kann. Um alle ihre Reichtümer zu entwickeln und nach aussen auszustrahlen, muss sich jedoch die persönliche Freiheit im Rahmen von ebenso freien Gemeinden entfalten, die ihr Schicksal selbst bestimmen. Das haben die Eidgenossen seit ihrem ersten Zusammenschluss verstanden und im Laufihrer langen Geschichte sorgsam bewahrt.

3. Doch während die Geschichte die Schweizer zusammengeschlossen hat, hätte die Geographie sie trennen können: An Knotenpunkten von Strassen und später an den Verbindungswegen der Länder und Zivilisationen gelegen, mussten sie sehr früh lernen, in der Verschiedenheit zu leben und, ohne ihre besonderen Eigenarten aufzugeben, diejenige des anderen anzunehmen und als andersartig zu achten. So kam es zu einer langen Lernzeit der Toleranz, zu der der heilige Niklaus von der Flüe, der Schutzherr der eidgenössischen Einigkeit, in Wort und Beispiel massgebend beigetragen hat.

Aus dieser einzigartigen Ausübung der Toleranz, die noch schwieriger wurde, als die grosse Spaltung der abendländischen Christenheit sich bis in die Eidgenossenschaft hinein fortsetzte, ist die schweizerische Neutralität hervorgegangen. Zuerst als noch nicht formulierte Richtlinie des eigenen Interesses schützte sie die Kantone vor zentrifugalen Kräften, die ihre schwache Einheit hätten zerbrechen können. Im Laufe der Jahre sollten jedoch auch die anderen Nationen, in erster Linie die angrenzenden, in der Anerkennung der schweizerischen Neutralität als eines Unterpfands des Friedens und der Stabilität für ganz Europa ihren Vorteil erblicken. Es wurde somit notwendig, noch weiter zu gehen und die Neutralität nicht nur als Mittel zum Schutz vor den Unruhen der grossen Politik zu sehen. Es war zwingend geworden, in einem Geist der Solidarität und der Anteilnahme die äusseren, altruistischen Aspekte noch mehr hervortreten zu lassen, mit einem Wort, sich immer mehr für eine weite, leidende Welt zu öffnen. Angesichts der Probleme, die die grosse Menschheitsfamilie bedrücken und ihrer endlosen Dramen, wäre es des Zeichens auf der Schweizerfahne unwürdig, tatenlose Zuschauer zu bleiben. Die Schweiz ist dazu berufen, nach Kräften für das Gemeinwohl dieser leidgeprüften, brüderlichen Menschheit zu wirken. Diesen Wunsch sprechen wir auch für ihre Zukunft aus.

4. Heute sind Sie die höchsten Vertreter dieses Landes, das auf einer soliden Verfassung mit den Grundpfeilern direkte Demokratie, Föderalismus und Rechtsstaatlichkeit aufgebaut ist. Mehr als ein Land könnte Sie um diese Weisheit beneiden! Wie sollte man nicht wünschen, dass die Schweizer zu ihrem eigenen Wohl weiterhin ihr positives Verständnis von der Freiheit und Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz entwickeln, ihre Achtung vor den Verschiedenheiten - ich denke an die ethnischen Minderheiten mit ihrer Sprache, ihren Gebräuchen und ihrem wirtschaftlichen und sozialen Leben -, ihre aktive Teilnahme am öffentlichen Leben und ihre loyale Zusammenarbeit zum Wohl der Gesamtheit? Ihre Vorfahren haben auch den Entschluss gefasst, die Bundesverfassung im Namen des allmächtigen Gottes zu verkünden: Das ehrt alle Schweizer und legt ihnen gleichzeitig eine besondere Verantwortung auf.

5. Sie können auch einen Beitrag zum Fortschritt des Friedens und der Gerechtigkeit jenseits Ihrer Grenzen, unter den Völkern Europas und der Welt leisten. Sie können das in dem Masse, in dem Sie selbst die Menschenrechte bestätigen und garantieren: die Würde des arbeitenden Menschen und seine Teilhabe an der Verantwortung, die Priorität der Person vor dem Haben, die Aufnahme derjenigen, die vor der Gewalt oder der unendlichen Armut ihrer Länder flüchten, die Suche nach frei ausgehandelten Lösungen - mit einem Wort: die Forderungen der sozialen Gerechtigkeit, der Freiheit und des Friedens.

Ja, Ihre Geschichte, Ihre Kultur und Ihre politische Realität sollen Sie ermutigen, Ihre eigene Rolle in der Völkergemeinschaft zu spielen. Arbeiten Sie wie in der Vergangenheit, um zwischen den Frauen und Männern dieser Welt, über die politischen Grenzen und die wirtschaftlichen Interessen hinweg, die Beziehungen und den Austausch zu verstärken; denn so können sie besser die Bande der Einheit und der gegenseitigen Abhängigkeit entdecken, die ihrer gemeinsamen Menschennatur entspringen. Ihre Stimme in den internationalen Organisationen, von denen zahlreiche Ihre Gastfreundschaft in Anspruch nehmen, Ihre Stimme in Ihren Beziehungen zu den anderen Nationen der Welt wird um so mehr Autorität haben, wenn Sie weiterhin die Notwendigkeit verkünden, die Beziehungen zwischen den Menschen und den Völkern auf die Liebe zur Gerechtigkeit zu gründen.

6. Exzellenz, Sie wissen um das Interesse und den Beitrag, den der Heilige Stuhl, im Zusammenhang mit seiner Mission geistlicher Art, diesen humanitären Zielen zum Vorteil aller Menschen ohne Rücksicht auf Rasse, politisches Regime oder Religion schenkt: und das sowohl im Rahmen seiner bilateralen Beziehungen zu den Staaten als auch in seinem Wirken bei den Internationalen Organisationen.

Benedikt XV. schlug übrigens während des Ersten Weltkriegs dem Bundesrat gemeinsame Initiativen zugunsten der Kriegsopfer vor, aus denen das «Gefangenenhilfswerlo> hervorging. Im Gefolge dieser Zusammenarbeit wurden mit der Schweizerischen Eidgenossenschaft wieder regelmässige Beziehungen aufgenommen, wie sie früher mehr als 300 Jahre langmit gewissen Unterbrechungen - in Form einer Apostolischen Nuntiatur bestanden hatten.

Während des Zweiten Weltkrieges konnten der Heilige Stuhl und die Schweiz gemeinsam einige selbstlose Initiativen ergreifen, um so vielen gequälten und durch die menschliche Tragödie, die viele Länder Europas erfasst hatte, ins Unglück gestürzten Menschen materielle und moralische Hilfe zu leisten. Dank der besonderen Lage Ihres Landes und der des Heiligen Stuhles inmitten der in den Konflikt verwickelten Parteien wurde so zahlreichen Männern und Frauen das Leben gerettet. Sie fanden eine wenigstens vorübergehende Zuflucht, die ihnen die notwendige Pflege, das Überleben und die Freiheit sicherte. Freilich, wir waren nicht in der Lage, alle Leiden zu lindern, noch konnten wir in jenen schwierigen und dunklen Zeiten dem Leid in seinem ganzen Ausmass abhelfen. Viele haben jedoch aufbeiden Seiten mit echtem Verantwortungsbewusstsein, mit Grossmut und Opferbereitschaft im Namen Gottes und aus Bruderliebe gearbeitet. Diese Geschichte ist heute ehrlichen Geistern, die sich um objektive Information bemühen, wohlbekannt.

Unsere Beziehungen wickeln sich derzeit in einer Atmosphäre loyalen Verständnissen und achtungsvoller Freundschaft ab. Der Heilige Stuhl schätzt die Tatsache, dass die Eidgenossenschaft und die Zivilbehörden auf den verschiedenen Ebenen die friedliche Entfaltung des religiösen katholischen Lebens im ganzen Land ermöglichen. Somit kann die katholische Kirche in der Schweiz, ohne irgendein Vorrecht zu beanspruchen, in Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhl den Glauben ihrer Gläubigen vertiefen und gemeinsam mit den anderen Christen dafür arbeiten, dass die Botschaft des Lebens und der Liebe Christi weiterhin der Sauerteig zu einem gesellschaftlichen Leben bleibt, das im Christentum verwurzelt ist.

Ich wünsche auch, dass aufWeltebene die Bemühungen der Schweiz und des Heiligen Stuhles immer mehr gerade dann sich treffen, wenn es darum geht, friedliche Lösungen, Engagements zu gemeinsamer Hilfe für die Ärmsten und Garantien für die Achtung des Menschen - der stets eine göttliche Würde behält - zu fördern.

7. Diese wenigen Tage, die ich in Ihrem Land von so eindrücklicher Schönheit verbringen darf, werden es mir sicher erst recht gestatten, Ihre Landsleute zu schätzen, die für ihre Liebe zur Arbeit, ihre Ordnung, ihre Klugheit, ihre Gastfreundschaft und auch für ihren Glauben mit Recht bekannt sind. Mein Aufenthalt macht mich mit ihren menschlichen und geistlichen Problemen vertraut, und ich gebe meinerseits mein Zeugnis, das der katholischen Kirche.

Ich bin überzeugt, dass das geliebte Schweizervolk sich weiterhin von seiner christlichen Geschichte inspirieren und sich noch mehr den Bedürfnissen all derer öffnen wird, die nicht überall in der Welt die gleichen materiellen und kulturellen Möglichkeiten haben. Ich bitte Gott, er möge alle Bewohner dieses Landes segnen und denke dabei besonders an Sie, Herr Bundespräsident und meine Herren Bundesräte. Gleichzeitig danke ich Ihnen nochmals für die gastfreundliche Aufnahme.

[Bearbeiten] Predigt bei der Eucharistiefeier auf der Wiese vor dem Haus des Hl. "Bruders Klaus" in Flüeli

Thema: Macht den Zaun nicht zu weit ...

(Deutsch)

Liebe Brüder und Schwestern!
«Der Name Jesus sei euer Gruss!»

Mit diesem Grusswort eures Landesvaters darf ich hier im Flüeli in eure Mitte treten. Hier hat der heilige Bruder Klaus gelebt und gewirkt. Hier hat er mit seiner Frau Dorothea 23 Jahre lang ein glückliches Familienleben geführt und seine zehn Kinder grossgezogen. Hier hat er in schwerem innerem Ringen den Entschluss gefasst, um des Namens Christi willen Brüder, Schwestern, Frau und Kinder, Äcker und Haus zu verlassen (vgl. Mt 19,29), um Gott allein zu dienen. Hier hat er im Ranft, auf eigenem Grund und Boden, zwanzig Jahre lang ein Einsiedlerleben geführt, weltabgeschieden und doch offen für die Nöte der Welt und seiner Heimat. Im Namen Jesu grüsse ich die Schweizer Bürger, die heute in diesen Gemeinden wohnen und das kostbare Andenken dieses aussergewöhnlichen Heiligen hüten; ebenso alle Gläubigen, die sich von nah und fern mit uns, mit ihren Bischöfen und Priestern zu dieser Eucharistiefeier versammelt haben. Einen ehrerbietigen Gruss richte ich auch an die anwesenden Vertreter aus Staat und Gesellschaft, denen die Sorge für das Wohl der Bürger in den Kantonen anvertraut ist und für die das Wirken des heiligen Nikolaus von der Flüe für Frieden und Gerechtigkeit heute in einer besonderen Weise Vorbild und Verpflichtung sein kann.

1. «Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, es ist Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist» (Röm 14,17), so hörten wir eben in der Lesung aus dem Römerbrief. Der Apostel Paulus hat diese Worte der Gemeinde von Rom in einem damaligen konkreten Kontext geschrieben. Wir möchten sie heute im Blick auf dieses Land und diesen Heiligen auslegen, der ein Symbol für das Land und Volk ist: Nikolaus von der Flüe und die Schweiz.

Diese Wahrheit vom Reich Gottes ist im Leben des Nikolaus zur äussersten Konsequenz gekommen, weit über normale me~schliche Massstäbe hinaus. Er ist ein Mann, der viele Jahre seines Lebens hindurch auf Speise und Trank verzichtet hat, um das Reich Gottes zu bezeugen.

Im Leben und Wirken von Bruder Klaus in der Schweiz hat sich das Reich Gottes als «Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist» erwiesen. Vor über fünfhundert Jahren erging von diesem Ort aus, aus der Stille des Gebetes und der Gottverbundenheit im Ranft, seine Friedensbotschaft, die die entzweiten und zerstrittenen Eidgenossen auf der Tagsatzung zu Stans wieder zur Einigkeit gebracht und einen neuen Abschnitt eurer Geschichte eingeleitet hat. Hier im Flüeli, wo uns die Gestalt von Bruder Klaus immer noch lebendig vor Augen steht, glauben wir auch heute noch seine Stimme zu hören, die uns zum Frieden mahnt, zum Frieden in eurem eigenen Land, zur Verantwortung für den Frieden in der Welt, zum Frieden im eigenen Herzen.

2. Euer Landesvater mahnt auch heute noch zum Frieden im eigenen Land. «Mein Rat ist auch, dass ihr in diesen Sachen gütlich seiet, denn ein Gutes bringt das andere. Wenn es aber nicht in Freundschaft möchte geschlichtet werden, so lasst doch das Recht das beste sein», so schreibt Bruder Klaus im Jahre 1482 an Bürgermeister und Rat von Konstanz. Güte und Wohlwollen sind die erste und grundlegende Bedingung für den Frieden, im Leben einer Gemeinschaft wie im Leben jedes einzelnen. «Bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld! Ertragt euch und vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat», so ermahnt der heilige Paulus die Getauften (Kol 3,12-14). Damit diese Mahnung in der harten politischen und sozialen Wirklichkeit eines Landes nicht bloss ein frommes Ideal bleibt, müssen wir sehen, wie sie sich ins öffentliche Leben umsetzen lässt. Die Geschichte des Stanser Ereignisses kann es uns zeigen: Es gilt, einander anzunehmen bei aller Verschiedenheit und dafür verzichten zu können auf die Durchsetzung mancher sogar berechtigter Ansprüche.

3. Heute sind diesem Einander-Annehmen neue Aufgaben gestellt. Die Kluft zwischen den Generationen ist grösser geworden. Die Jugendlichen müssen die Erwachsenen, die Erwachsenen die Jugendlichen, und beide zusammen müssen die ältere Generation annehmen. Gerade da braucht es heute viel «Güte und Freundlichkeit»: in Freundschaft die Probleme der anderen Generation verstehen, ihre berechtigten Anliegen anerkennen, in gemeinsamem Bemühen nach neuen Lösungen suchen. Lasst euch in eurem Bemühen um gegenseitiges Verstehen nicht entmutigen! Bisher habtihr euch in eurem Land als Mit-Eidgenossen verschiedener Sprache, verschiedener Kultur und verschiedenen Bekenntnisses gegenseitig angenommen; heute muss sich dieses Einander-Annehmen ausweiten auf Menschen ganz anderer Denk- und Lebensweise und vielleicht auch ganz anderer Religion, die bei euch Arbeit und Schutz suchen, indem sie euch ihre Dienste - und ihre Menschlichkeit! - anbieten. Gewiss eine schwierige Aufgabe, aber nicht schwieriger als das bisher erreichte Zusammenwachsen der Eidgenossenschaft und ihrer vielfaltigen Menschengruppen. Seht in euren Gästen zuallererst Menschen, die mit euch in den grundlegenden Freuden und Sorgen, Wünschen und Hoffnungen zuinnerst verbunden sind und euer eigenes menschliches Los teilen!

4. Nicht immer kannjedoch das Einander-Annehmen in lauter «Güte und Freundschaft» geschehen; oft fehlt das Verständnis, oft fehlt der gegenseitige Kontakt. Darum gilt der weitere Rat des heiligen Bruder Klaus: «Wenn es aber nicht in Freundschaft möchte geschlichtet werden, so lasst das Recht das beste sein.» Frieden beruht auf der Freundschaft, aber noch grundlegender auf der Gerechtigkeit. Der Schutz der Menschenrechte und der Einsatz für den Frieden gehören notwendig zusammen. Euer Staat rühmt sich, ein Rechtsstaat zu sein. Ein Rechtsstaat aber kann sich heute nicht bloss auf das bisher formulierte Recht stützen; den rasch sich wandelnden Verhältnissen entsprechend muss auch neues Recht geschaffen werden, ein Recht, das vor allem die Ungeschützten und Zurückgestellten verteidigt: das ungeborene Leben, die Jungen und die Alten, die Ausländer, die ausgebeutete Natur. Nehmt diese vordringlichen Aufgaben mutig in die Hand und versucht sie mit jener Weisheit zu lösen, von der Bruder Klaus sagt: «Weisheit ist das allerliebst deswegen, weil sie alle Ding zum besten anfangt.»

Jedes Einander-Annehmen, geschehe es nun in der Freundschaft oder in weiser Gerechtigkeit, setzt die Bereitschaft zum Verzicht auf Eigenes voraus: Verzicht auf eigene Rechte, Verzicht auf Besserwissen, Verzicht auf ein kämpferisches Durchsetzen des eigenen Standpunktes. Der Friede ist ein so hohes Gut, dass er immer nur um den Preis persönlicher oder gemeinschaftlicher Opfer erkauft werden kann.

5. Brüder und Schwestern! Nikolaus von der Flüe erinnert uns auch an unsere Verantwortung für den Frieden in der Welt. Es gehört bereits zum Grundauftrag der Kirche, das Reich Gottes zu verkünden, das ein Reich von «Gerechtigkeit, Frieden und Freude» ist. Dieses Evangelium des Friedens verkündigt die Kirche heute mit besonderem Nachdruck, angesichts der weltweiten Bedrohung unserer Tage. Politisch-ideologische Spannungen, Hunger und Verelendung, Überschuldung vieler Staaten, vielfaltige Verletzung der Menschenrechte: diese Quellen von Angst bis hin zur Verzweiflung wirken sich heute weltweit aus und lassen auch die bessergestellten Völker nicht unbeeinflusst. Alle Völker müssen sich heute gemeinsam diesen Herausforderungen stellen und menschenwürdige, gerechte Auswege suchen. Auch die Kirche Christi ist bereit, ihren Beitrag dazu zu leisten. In den Botschaften zum jährlichen Weltfriedenstag, in vielfaltigen Friedensinitiativen und Kontakten mit Politikern, Diplomaten und Wissenschaftlern sucht sie unermüdlich dafür zu werben, dass es in der heutigen Lage keine Alternative zu Dialog, Interessenausgleich und gerechten Vereinbarungen gibt.

6. Was die Schweiz und ihre Beziehungen zu anderen Staaten betrifft, so hat Bruder Klaus damals seinen Mitbürgern nach der Überlieferung diesen Rat gegeben: «Macht den Zaun nicht zu weit ... Mischt euch nicht in fremde Händel.» Dieses Prinzip hat schliesslich zu eurer anerkannten und sicher verdienstvollen Neutralität geführt. In ihrem Schutz ist die kleine Schweiz heute zu einer Wirtschafts- und Finanzmacht geworden. Wacht als demokratisch verfasste Gemeinschaft aufmerksam über alle Vorgänge in dieser mächtigen Welt des Geldes! Auch die Finanzwelt ist Menschenwelt, unsere Welt, unser aller Gewissen unterworfen; auch zu ihr gehören ethische Grundsätze. Wacht vor allem darüber, dass ihr mit eurer Wirtschaft und eurem Bankwesen der Welt Friedensdienste leistet und nichtvielleicht indirekt - zu Krieg und Unrecht in der Welt beitragt!

Die schweizerische Neutralität ist ein hohes Gut; nutzt ihre Möglichkeiten weiterhin voll aus, um Flüchtlingen Asyl zu gewähren und um Hilfswerke zu fördern, die nur von einem neutralen Land aus möglich sind. Nicht wenige meiner eigenen Landsleute haben zu verschiedenen Zeiten in eurem Land Zuflucht gefunden - so zum Beispiel in einem Lager hier in Flüeli -, und immer wieder hört man mit Dankbarkeit von der raschen und grosszügigen Hilfe der Schweizer in Katastrophenfallen. Ja, «macht den Zaun nicht zu weit», aber scheut euch nicht, über den Zaun hinauszuschauen, macht die Sorgen anderer Völker zu euren eigenen und bietet über die Grenzen hinweg eine helfende Hand, und dies auch auf der Ebene eurer staatlichen Organe und Finanzmittel. Die internationalen Organisationen mit Sitz in Genfbedeuten eine ehrende Verpflichtung für die ganze Schweiz und für jeden einzelnen Schweizer.

7. Liebe Brüder und Schwestern! Nikolaus von der Flüe mahnt uns zum Frieden im eigenen Land und zum Frieden in der Welt, er ermahnt uns aber vor allem zum Frieden im eigenen Herzen. Jesus preist in der Bergpredigt nicht einfach die Friedfertigen, sondern die Friedensstifter, jene, die mit dem Einsatz ihres ganzen Wesens «Frieden machen». Der Friede muss erarbeitet, erlitten, erbetet werden.

Ein Mensch aber, der mit sich selbst uneins ist, der im inneren Unfrieden lebt, kann keinen Frieden stiften. Darum weist uns Bruder Klaus auf die tiefste Quelle allen Friedens hin, wenn er an den Rat von Bern schreibt: «Fried ist allweg in Gott, denn Gott ist der Fried.» Gott in der Einheit seiner drei Personen ist das Urbild und die Quelle allen Friedens; er schenkt uns diesen Frieden als erste Gabe der Erlösung, als Anfang der Herrschaft Gottes auf Erden, als Geschenk des Heiligen Geistes: «Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, ... Treue» (Gal 5,22). «Das Reich Gottes . .. ist Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist» (Röm 14,17). Wir müssen dem Geist für seinen Frieden danken und ihn bitten, sein Wirken in uns noch zu vertiefen. Dann kann der Friede, den Gott in uns wirkt, aus dem Innersten unserer Person ausstrahlen und andere überzeugen. Im Frieden Jesu Christi, den die Welt nicht geben kann (vgl. Joh 14,27), können wir selbst echte Friedensstifter werden. In dieser Gesinnung sind wir heute zum heiligen Nikolaus von der Flüe gepilgert. Diesen Frieden «im Heiligen Geist» wollen wir uns mit seiner Fürsprache erbeten! Am Bruder Klaus haben sich in wunderbarer Weise die Worte der heutigen Liturgie erfüllt: «Wirf deine Sorge auf den Herrn, er hält dich aufrecht! Er lässt den Gerechten niemals wanken» (Ps 55,23). Und im Antwortpsalm hören wir geradezu unseren Heiligen beten: «Unsere Tage zu zählen, lehre uns (0 Gott), damit wir ein weises Herz gewinnen! ... Lass deine Knechte dein Walten sehen und ihre Kinder dein herrliches Tun!» (Ps 90,12.16). Ja, das «herrliche Tun» Gottes erblickt der heilige Mensch überall dort, wo wahrhaft Frieden gestiftet wird. Diese Botschaft brachten die Engel schon in der Nacht der Geburt des Herrn. Auf Schweizer Erde hat Bruder Klaus sie aufgenommen. Sein Friedenswerk hat er mit einem eindrucksvollen Zeugnis für die Ehre Gottes verbunden, die er seinen Landsleuten über Generationen hin bis heute vor Augen stellt.

8. Im heutigen Evangelium spricht Christus zu Petrus und den anderen Aposteln: «Wenn die Welt neu geschaffen wird und der Menschensohn sich auf den Thron der Herrlichkeit setzt, werdet ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten. Und wer um meines Namens willen Brüder, Schwestern, Vater, Mutter, Kinder, Äcker und Häuser verlassen hat, wird das Hundertfache dafür erhalten und das ewige Leben gewinnen» (Mt 19,28.29).

Seht, das ist Nikolaus von der Flüe, euer Landsmann! Vor 517 Jahren hat er um seiner Berufung willen seine Frau, seine Kinder, sein Haus, seine Äcker verlassen: Er hat die Worte des Evangeliums wörtlich genommen! In den Schweizer Kantonen hat sich sein Name eingeprägt: Er ist ein echter Zeuge Christi! Ein Mensch, der das Evangelium bis zum letzten Wort verwirklicht hat. Ehren wir auch seine Frau Dorothea: In einem durchlittenen Entschluss hat sie den Gatten freigegeben. Zu Recht trägt sie in den Augen vieler das heroische Lebenszeugnis des Bruders Klaus mit.

So bleiben die heiligen Menschen im Volke Gottes wie ein lebendiges Beispiel des Weges, der Wahrheit und des Lebens, das Christus selber ist. Die Heiligen sind aber auch Richter: «Ihr werdet die zwölf Stämme Israels richten», so lautet das Evangelium. Ja, sie richten die Herzen, die Gewissen, unsere Taten. Sie richten die Lebensformen und Sitten. Sie richten die Generationen: vor allem die Generationen jenes Landes, aus dem Christus sie jeweils berufen hat.

Söhne und Töchter der Schweiz! Nehmt das Beispiel des Bruders Klaus an, stellt euch unter sein Urteil! Unter seinem Beispiel und Urteil soll die Geschichte eures Landes vorangehen. Seit so vielen Generationen ist unter euch ein Mensch geistig gegenwärtig, der mit seinem ganzen irdischen Leben die Wirklichkeit des ewigen Lebens in Gott bekräftigt hat. Schaut auf ihn! Und schaut auf diese Wirklichkeit Gottes! Gebt ihr aufs neue Raum in eurem Bewusstsein, in eurem Verhalten, in eurem Gewissen, in eurem Herzen!

«Unsere Tage zu zählen, lehre uns (0 Gott), damit wir ein weises Herz gewinnen! ... Lass deine Knechte dein Walten sehen und ihre Kinder dein herrliches Tun»: Das gewähre uns der himmlische Vater als ein besonderes Erbe vom heiligen Bruder Klaus, dem Patron eures Vaterlandes. Amen.

[Bearbeiten] Gebet vor dem Grab des Hl. "Bruders Klaus" in Sachseln

Thema: Die Sünde verblendet und führt in die Irre

(Deutsch) .

1. Mein Herr und mein Gott, grosses Vertrauen auf dein gütiges Wirken in unserer Zeit hat mich an diese heilige Stätte geführt. Von hier aus ist auf die Fürsprache des heiligen Bruder Klaus schon so viel Segen und Gnade für den Frieden ausgegangen.

So viele Menschen erfahren heute das Unwesen der Sünde: Sie wendet von dir ab und verspricht den Menschen dafür die grosse Freiheit, das Glück und den Frieden. In Wirklichkeit aber bringt sie Egoismus, Konflikte, Unzufriedenheit und Unfrieden, Krieg und Vernichtung. Die Sünde verblendet den Menschen und führt in die Irre.

Gott der Wahrheit und des Erbarmens, du hast uns deinen Sohn als unseren Erlöser gesandt, Freiwillig hat er den bitteren Karfreitag der ganzen Welt auf sich genommen und kraft deines allmächtig wirkenden Heiligen Geistes über Sünde und Tod gesiegt. Wie damals seinen verzagten Aposteln ruft uns auch heute der auferstandene Herr zu: «Der Friede sei mit euch!»

2. Mein Herr und mein Gott, an Pfingsten hast du deinen göttlichen Geist ausgegossen in die Herzen der Menschen: den Geist, der die Menschen aus verschiedenen Sprachen und Kulturen zur einen Sprache der Liebe und des Friedens, zur Gemeinschaft der Kirche zusammengeführt hat. Ergriffen von deinem pfingstlichen Wirken unter den Menschen, knie ich heute als Bittender am Grab des heiligen Bruder Klaus, den du in besonderer Weise zum Friedensstifter berufen hast. Im Vertrauen auf seine Fürsprache vereinige ich meine Gebete und Bitten um Frieden und Versöhnung unter den Menschen mit denen dieses grossen Heiligen.

In schwerer Zeit hast du den heiligen Bruder Klaus berufen, «Gewissen» der Mitbürger zu sein und Frieden zu stiften. Dank deiner Führung wurde die Gemeinschaft der Ehe und Familie auf dem Flüeli zum Ort des Glaubens und des Gebetes. Dank deiner gütigen Vorsehung fand Bruder Klaus in Dorothea eine verständige Gattin, die mit ihm gerungen und gebetet hat um die Kraft, deinem göttlichen Willen zu gehorchen. Du hast Dorothea berufen, an Stelle ihres Gatten die Verantwortung für Familie, Haus und Hofzu übernehmen, damit der Weg des Heiligen frei werde für das Leben im Ranft, frei für das Gebet, frei für deinen Auftrag, Frieden zu stiften.

Gott, du Quelle des Friedens, zusammen mit den vielen Menschen, die hier um Frieden gebetet haben, danke ich dir für diesen grossen Fürsprecher und Vorkämpfer des Friedens, den heiligen Bruder Klaus. Wir danken dir für die Berufung von Menschen, die heute helfen, deinen Willen zu erkennen und zu erfüllen. Lass uns mit Bruder Klaus'und seiner heiligmässigen Frau Dorothea immer mehr einsehen, dass echte Versöhnung und dauerhafter Friede allein von dir kommt. Darum öffnen wir uns deinem Geist, indem wir dich für den Frieden im eigenen Herzen und den Frieden in der Welt mit dem Lieblingsgebet des Heiligen gemeinsam inständig bitten:

Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir,

was mich hindert zu dir.

Mein Herr und mein Gott, gib alles mir,

was mich führet zu dir.

Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir

und gib mich ganz zu eigen dir. Amen.

[Bearbeiten] Freitag, den 15. Juni 1984

[Bearbeiten] Predigt bei der Laudes mit dem Benediktinerkkonvent in Einsiedeln

Thema: Wie Maria offen für Christi Geist

(Deutsch)

Liebe Brüder und Schwestern!

1. Wir sind an diesem neuen Morgen im Heiligtum Unserer Lieben Frau von Einsiedeln versammelt zum Lobe Gottes. Von Herzen grüsse ich die treuen Hüter dieses Gnadenortes, die Söhne des heiligen Benedikt und ihre ganze Klostergemeinschaft; ich grüsse diejenigen, die heute hierher gepilgert sind, wie auch alle jene, die zu Hause in ihren Familien diesen Gottesdienst mitfeiern.

Im ersten Psalm haben wir soeben gesungen: «Gott, du mein Gott, dich suche ich; meine Seele dürstet nach dir ... Darum halte ich Ausschau nach dir im Heiligtum, um deine Macht und Herrlichkeit zu sehen ... » (Ps 63,2.3). Die Stimme dieses Psalmes ist unsere Stimme: «Gott, du mein Gott, dich suche ich ... » In jedem Menschenherzen ist diese Sehnsucht eingepflanzt - wenn sie auch manchmal verschüttet ist: die Sehnsucht nach einer uns für immer beglückenden Fülle des Lebens, die Sehnsucht nach Gott! Wenn unsere innere Stimme nicht übertönt wird, hören wir unser Herz nach einer Erfahrung Gottes rufen. Immer wieder kommen auf unsere Lippen die Worte des Psalmisten: «Gott, du mein Gott, ... meine Seele dürstet nach dir ... » Wir suchen ein Glück, das es nur in ihm zu finden gibt.

Gott lässt sich jedoch nicht erfahren, wie man die Dinge der Natur erfahrt. Deshalb halten wir wie der Psalmist Ausschau nach ihm in seinem «Heiligtum». Wir können Gott nur im Glauben begegnen. Jesaja spricht in der heutigen Lesung von seiner eigenen, persönlichen Gotteserfahrung. Er schaut auf geheimnisvolle Weise den heiligen Gott und hört den Preisgesang: «Heilig, heilig, heilig ist der Herr!» (Jes 6,3). Als Mensch erlebt er den heiligen, ehrfurchtgebietenden Gott und zugleich seine eigene Sündhaftigkeit: «Wehe mir!» Die Erfahrung der Nähe Gottes ist für den Menschen eine Grenzerfahrung. Aber der Prophet vernimmt sogleich das verzeihende Wort: «Deine Schuld ist getilgt!» (ebd., 6,5-7). Die Nähe des heiligen Gottes ist eine liebende und heilende Nähe. Eine beglückende Erfahrung: Wen Gott in seine Nähe ruft, den heilt er!

2. An diesem Morgen halten wir wie der Psalmist gemeinsam Ausschau nach Gott im Heiligtum Marias. Mehr noch als der Prophet Jesaja erlebte Maria, was es heißt, die Nähe Gottes erfahren zu dürfen. Maria ist die Jungfrau, deren Herz nicht geteilt ist; sie sorgt sich nur um die Sache des Herrn und will ihm allein gefallen in ihrem Tun und Denken (vgl. 1 Kor 7,32-34). Gleichzeitig empfindet jedoch auch sie heilige Scheu vor Gott und «erschrickt» über die Worte des Gottesboten. Diese Jungfrau hat Gott auserwählt und geheiligt als Wohnung seines ewigen Wortes. Maria, die erhabene Tochter Zion, erfuhr wie niemand sonst, wie nahe die «Macht und Herrlichkeit» Gottes ist. Sie ruft voller dankbarer Freude aus im Magnifikat: «Meine Seele preist die Grösse des Herrn ... Der Mächtige hat Grosses an mir getan. Sein Name ist heilig.» Maria ist sich zugleich ihrer Geschöpflichkeit zutiefst bewusst: «Auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut.» Sie weiss, dass alle Geschlechter sie seligpreisen werden (vgl. Lk 1,46-49), aber sie weist von sich weg auf Jesus hin: «Tut, was er euch sagt!» (Joh 2,5). Sie kümmert sich um die Sache des Herrn. In einer immer neu geforderten Verfügbarkeit für ihren Gott ging Maria den «Pilgerweg des Glaubens» (Lumen gentium, Nr. 58). Die Jungfrau von Nazaret hat das unbegreifliche Handeln Gottes mit den Augen des Glaubens betrachtet. Zweimal betont Lukas, dass sie «in ihrem Herzen» bedachte, was sich ereignet hatte (Lk 2,19.51). Solcher Glaube wird seliggepriesen:

«Selig ist, die geglaubt hat ... » (vgl. Lk 1,45). '

3. Liebe Brüder und Schwestern! Folgt dem Pilgerweg des Glaubens, den Maria gegangen ist! Öffnet wie sie euer Herz ganz für die Sache des Herrn! Ich richte diese Einladung an alle, an Bischöfe, Priester und Diakone, an Ordensleute und Laien, an Männer und Frauen. In uns allen lebt ja die tiefe Sehnsucht der Menschen nach der Erfahrung des lebendigen Gottes. Diese Sehnsucht hat immer wieder Menschen auf den Weg gläubiger Christusnachfolge gerufen. Ist dieses Marienheiligtum nicht geprägt von der Sehnsucht zahlloser Pilger im Glauben nach der Erfahrung von Gottes Gegenwart in dieser Welt? Hier durften diese suchenden Menschen eintreten in eine Atmosphäre des Gebetes. An dieser Stätte hat der heilige Einsiedler Meinrad (t 861) in der Stille Gott gesucht. Heilige pilgerten hierher: die Bischöfe Ulrich (t 983), Wolf gang (t 994) und Konrad (t 995), die Pilgerin Dorothea von Montau (um 1384), der Beter Nikolaus von Flüe (um 1474), der Erneuerer des kirchlichen Lebens Karl Borromäus (1570), der Glaubenslehrer Petrus Canisius (t 1597), der Büsser Benedikt Josef Labre (t 1783), die Helferin der Armen Johanna Antida Thouret (1795) und unzählige namenlose Heilige. Sie und alle Pilger waren sich ihrer Hilfsbedürftigkeit und Sündhaftigkeit bewusst. Zusammen mit Maria, der Mutter Jesu, verharrten sie hier im Gebet, offen für Gott und seinen Geist.

So wird Glaube weitergegeben: der lebendige Glaube des Gebetes, die persönliche Erfahrung mit Gott. Wer die Gemeinschaft von Glaubenden aufsucht, im besonderen wer sich Maria nähert, tritt in eine Atmosphäre des Geistes ein. Maria erhielt ja vom Engel die Zusage der Gnade und des Geistes (vgl. Lk 1,28.35). Wie Maria wollen wir offen sein für Gottes Geist, damit wir seine Kraft erfahren, die uns ausrüstet für den Dienst und das Zeugnis, zu dem wir berufen sind.

4. Liebe Brüder und Schwestern! Sorgt euch um die Sache des Herrn! Haltet Ausschau nach dem heiligen Gott! Ich erinnere noch einmal an die Berufungsvision des Propheten Jesaja. In der persönlichen Erfahrung des dreimalheiligen Gottes wurzelt seine Sendung zu den Menschen. Er wird fahig, die Stimme des Herrn zu hören. Er vernimmt die Frage nach der Bereitschaft zum prophetischen Dienst. Und er gibt seine Zustimmung zur Sendung, die von oben kommt: «Hier bin ich, sende mich!» (Jes 6,8). Nun erhält er den Auftrag: «Geh und sag diesem Volk: Hören sollt ihr ... » (vgl. Jes 6,8-9). Der Prophet wird von Gott bedingungslos in Dienst genommen. Er steht fortan ungeteilt auf der Seite Gottes. Aber er wird auch solidarisch bleiben mit dem Volk, zu dem er gesandt ist.

Auch Maria hat zunächst die Nähe des Herrn erfahren dürfen: «Der Herr ist mit dir!» Sie hat die Zusage der Gnade erhalten, bevor sie um ihre Bereitschaft zu der einmaligen Sendung gefragt wurde, Mutter des Messias zu werden. Darauf gibt sie ihr vorbehaltloses Ja zu ihrer Mitwirkung im Heilswerk Gottes: «Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast» (Lk 1,28.30). Sie handelt überlegt; aber auch sie setzt keine Bedingungen. Sie ist dienstbereit, weil sie den heiligen Gott nahe weiss. Mit Geduld geht sie den «Pilgerweg des Glaubens» bis unter das Kreuz ihres Sohnes. Auf diesem Weg ist sie ganz solidarisch mit uns: eine mitfühlende Mutter und Schwester.

Nehmen wir, liebe Brüder und Schwestern, uns Maria, die Mutter Jesu, die zugleich die Mutter der Kirche und unsere Mutter ist, zu unserem Vorbild und zu unserer Weggefahrtin auf dem Weg unserer irdischen Pilgerschaft! In allen Situationen unseres Lebens wollen wir mit ihr Ausschau halten nach dem heiligen Gott, der immer anders und grösser ist als wir, der uns aber doch stets geheimnisvoll nahe ist und uns liebt. Im Blick auf diesen Gott, der in Christus unser Vater geworden ist, sprechen auch wir: «Hier bin ich, sende mich!» - «Mir geschehe nach deinem Wort!» Im Dienst vor Gott und im Dienst an den Menschen. Amen.

[Bearbeiten] Gebet vor dem Bildnis der Madonna von Einsiedeln

Thema: Daß die Kirche in diesem Land erstarke

(Deutsch)

Sei gegrüsst, Maria, Unsere Liebe Frau von Einsiedeln!

1. Wir grüssen dich, wie dich einst Elisabeth gegrüsst hat: «Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes ... Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen liess» (Lk 1,42).

Wir grüssen dich, vielgeliebte Tochter des himmlischen Vaters, Mutter des Sohnes Gottes, Heiligtum des Heiligen Geistes. Du hast bei Gott Gnade gefunden. Der Heilige Geist kam über dich und die Kraft des Höchsten hat dich überschattet (vgl. Lk 1,30.35). Du bist die «Frau», die den «Sohn geboren» hat (Gal 4,4), den Gott zum «Erstgeborenen von vielen Brüdern» bestellt hat (Röm 8,29), denen du in mütterlicher Liebe nahe bist.

Wir grüssen dich, erhabene Tochter Zion. Du bist den «Pilgerweg des Glaubens» gegangen (Lumen gentium, Nr. 58), bis du unter dem Kreuz deines Sohnes standest. So entsprach es dem Heilswillen Gottes, den du von ganzem Herzen bejaht hast. Als mitfühlende Mutter hast du mit deinem Sohn gelitten, als er sich ein für allemal für uns dem Vater dargebracht hat (vgl. Hebr 7,27).

Wir grüssen dich, Mutter unseres Herrn Jesus Christus. Als Jesus - am Kreuz erhöht - dich sah, sagte er im Blick auf Johannes zu dir: «Frau, sieh, dein Sohn!» (Joh 19,26). Mit den Aposteln, mit den Frauen und den Brüdern einmütig im Gebet verharrend, hast du für die Kirche um die Gabe des Heiligen Geistes gefleht. Dieser Geist gab den Aposteln und allen Glaubensboten die Kraft, die Sendung auszuführen, die der Herr ihnen anvertraut hat: «Geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern!» (Mt 28,19).

Allerseligste Jungfrau Maria, du demütige Magd des Herrn! In deinem gläubigen Gehorsam und deiner Treue zu Christus, in deiner standhaften Haltung und mütterlichen Liebe bist du das «Urbild der Kirche» (Lumen gentium, Nr. 63), die durch deinen Sohn von Gott erlöst und begnadet ist. Zugleich bist du selbst ihr erlesenstes Glied und weiltest inmitten der Apostel, die am Tag der Sendung des Geistes Menschen «aus allen Völkern unter dem Himmel» (Apg 2,5) durch ihre Predigt zu Umkehr und Taufe geführt und der Gemeinschaft der Glaubenden hinzugefügt wurden (vgl. Apg 2,4.14.38.41).

2. Da mir aufgetragen ist, der Kirche von Rom als Bischof vorzustehen, die auf die Apostel Petrus und Paulus gegründet und dazu berufen ist, den «Vorsitz in der Liebe» zu führen (vgl. Ignatius v. Ant., Röm 1), empfehle ich dir, Mutter des Herrn, heute dieses Land, die Schweiz, wo ich durch meinen Pastoralbesuch den mir übertragenen Petrusdienst an der Einheit der Kirche zu erfüllen suche. Ich reihe mich ein in die Schar der vielen Pilger, die in diesem deinem Heiligtum und an anderen Gnadenorten dich ehren und zu dir ihre Zuflucht nehmen. Sie alle empfehle ich deiner mütterlichen Sorge und deinem Schutz, wie ich dir die ganze Kirche und alle Menschen anvertraut habe.

Mutter Gottes und Mutter der Menschen, «empfiehl uns deinem Sohne, stelle uns vor deinem Sohne!» Er ist unser Mittler und Beistand beim Vater. Wir bitten dich, Mutter unseres Erlösers, lege in der Herrlichkeit des Himmels Fürbitte ein für uns bei deinem Sohn:

- dass die Kirche in diesem Land erstarke in der Treue zu Christus: (Alle: Wir bitten dich, erhöre uns)

- dass alle bereitwillig ja sagen zur Sendung, die ihnen in der Kirche, in der Familie oder in der Welt aufgetragen ist; ...

- dass sich die Einheit des Geistes unter den Christen erneuere;

- dass alle, die an Leib und Seele leiden, Hilfe und Trost finden; .

- dass alle Völker und Menschen in Freiheit und Frieden leben können;

- dass das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit zu uns komme; ... Maria, Mutter der Kirche, Unsere Liebe Frau von Einsiedeln, bitte für uns! Amen.

[Bearbeiten] Ansprache an die Schweizer Bischofskonferenz in Einsiedeln

Thema: Ist die Heiligung der Menschen erste Zielasetzung der Seelsorge?

(Französisch)

Liebe Brüder im Bischofsamt!

1. Unsere Begegnung fallt mitten in meinen Pastoralbesuch. Oder besser: Sie steht in dessen Zentrum. Dieser Meinungsaustausch ist ja in gewisser Hinsicht der wichtigste Augenblick: Wir Bischöfe bekunden uns gegenseitig unsere Brüderlichkeit und unsere gemeinsame Sorge um die Verkündigung des Evangeliums an die uns anvertrauten Menschen.

Alles, was ich hier unternehme - mit meiner besonderen Verantwortung als Bischofvon Rom an der Spitze des Bischofskollegiums -, tue ich mit euch und für euch, die ihr die tägliche Sorge für diese Kirche mit ihren Leiden und Freuden tragt. Ich hoffe, dass das eine Hilfe und eine Ermutigung für euch sein wird, und ich selbst freue mich, das Zeugnis eurer Schweizerischen Gemeinschaft mit ihren verschiedenen Gesichtern zu erhalten. Bei eurem ad-limina-Besuch im Juli 1982 hatte ich mit euch eine Reihe von Forderungen erörtert, deren ihr selbst euch sehr wohl bewusst wart und die Bedeutung behalten. Ich brauche das Gespräch von damals heute nicht wieder aufzunehmen. Im übrigen haben wir gerade vorhin unsere Gedanken zu einigen entscheidenden Punkten ausgetauscht, die Gläubige und Bischöfe hier besonders bewegen und bei denen es um bedeutungsvolle Fragen geht: dazu gehören unter anderem die bischöfliche Kollegialität in ihren Beziehungen zum Heiligen Stuhl; die Veraritwortlichkeiten der Laien in der Kirche, die Praxis des Busssakraments, einige besondere Aspekte der Liturgie, das Problem der Priesterausbildung in den Seminaren sowie Fragen im Zusammenhang mit der ökumenischen Entwicklung. Wir haben miteinander über die für diese Bereiche geeigneten Richtlinien gesprochen. Einige dieser Probleme sollen anlässlich weiterer Begegnungen ausführlicher behandelt werden. Bei diesem Gespräch hier soll vor allem die Frage der Kollegialität im Blickfeld unserer Aufmerksamkeit stehen und so dann die Ihrer Autorität als Bischöfe. Und als Brüder wollen wir uns insbesondere mit dem wichtigen Problem der Evangelisierung in der Kirche und in der Gesellschaft beschäftigen.

Zuvor möchte ich euch sagen, wie sehr ich die Loyalität und Klarheit eurer V orstösse beim Heiligen Stuhl zu schätzen weiss. Die Probleme, die ihr anführt, oder die Fragen, die ihr stellt, werden mit aller Klarheit beschrieben. Im Jahr 1982 habt ihr einen ernstzunehmenden und anspruchsvollen Kontakt zu den meisten vatikanischen Amtsstellen gesucht; dann habt ihr eure Überlegungen mitgeteilt in der Absicht, im gegenseitigen Verständnis voranzukommen, dem Heiligen Stuhl Gelegenheit zu geben, die Zuspitzung bestimmter Probleme bei euch zu begreifen, und es ihm auch zu ermöglichen, andererseits mit euch über das zu reden, was im Hinblick auf die lebendige Tradition im Lauf der J ahrhunderte für die Gesamtkirche wesentlich ist.

Ich weiss, dass ihr die Etappen dieser Reise mit grosser Sorgfalt vorbereitet habt. Bisweilen wurde die Planung da und dort von Ereignissen oder Kontakten, denen auch Platz eingeräumt werden muss, durcheinandergebracht. Es gilt halt manchmal, der Spontaneität der Herzen freien Lauf zu lassen. Ich bin euch dankbar für das, was ihr getan habt, um euren Gläubigen und dem Schweizer Volk die geistliche und menschliche Rolle des Papstes und den Sinn dieses Pastoralbesuches verständlich zu machen.

Es ist vorgekommen, dass ihr unter gewissen Reaktionen in eurer Umgebung zu leiden hattet. Wie der heilige Petrus in seinem ersten Brief schrieb, muss man es mitunter hinnehmen, dass man nicht verstanden wird: «Wenn ihr euch voll Eifer um das Gute bemüht ... Fürchtet euch nicht vor ihnen und lasst euch nicht erschrecken ... Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig» (1 Petr 3,13.14-16). Sicher, wir sollen uns immer darum bemühen, die «Runzeln» von unserer Kirche zu beseitigen, sie heiliger, mit dem Glauben an Christus den Erlöser und mit'einer grossen Demut übereinstimmender zu machen; und wir sollen auch bei den anderen das Gute und die christlichen Tugenden anerkennen, überall wo sie am Werk sind, und uns sogar darüber freuen. Das geht Hand in Hand mit der Treue zu dem, was für unsere katholische Identität wesentlich ist und was wir gerade in Ehrfurcht vor dem Gewissen aller gelassen bekräftigen und entfalten sollen. Und manchmal werden wir unter unserer Treue zu leiden haben, wie es der Bischofvon Rom erlebt, wie es die Apostel und die Kirche aller Zeiten erlebt haben, wie Christus, der diese Prüfung bis zum Äussersten erfahren hat.

Hier nun erweist sich die Gemeinschaft, die uns verbindet, die euch mit dem Nachfolger Petri verbindet, als grundlegend, eine Gemeinschaft in Liebe und Suche nach der Wahrheit mit dem Freimut, dem Vertrauen und der Geduld, die dies voraussetzt.

2. Ihr Bischöfe der Schweiz lebt unter euch bereits eine Form kollegialer Zusammenarbeit. Schon lange vor dem Zweiten Vatikanum, das die Bischofskonferenzen aufgewertet hat, seit dem vorigen Jahrhundert sind die Schweizer Bischöfe regelmässig - oft hier in Einsiedeln - zusammengekommen. Das Empfinden eurer Bevölkerung weist sicher grosse Unterschiede auf, aber es gibt doch recht verwandte Pastoral probleme, und es ist angebracht, dass ihr eure Überlegungen und bestimmte seelsorgliche Möglichkeiten gemeinsam besprecht und in den entscheidenden Punkten ähnliche oder sogar gemeinsame Massnahmen ergreift. In eurer zahlenmässig kleinen Bischofskonferenz ist es zudem für euch leicht, eure Meinung zu äussern, eure Verantwortung auszuüben, wie ich mich heute selbst überzeugen kann. Die Aufgaben, die im Dienst der Gesamtheit wahrgenommen werden müssen, sind freilich zahlreich und schwer. Kommissionen leisten euch nützliche Hilfe im Sinne der Beratung; sie könnenjedoch aus sich selbst heraus weder eure Verantwortung noch eure Autorität besitzen und müssen, immer in enger Verbindung mit euch, darauf achten, den tatsächlichen geistlichen Bedürfnissen aller im Rahmen der allgemeinen Normen der Kirche zu entsprechen.

Aber die Kollegialität im engeren Sinn ist mehr als eure Zusammenarbeit untereinander. Sie verbindet alle Bischöfe untereinander und mit dem Nachfolger Petri, um die Glaubenslehre zu lehren, die gemeinsame Kirchenordnung zu vollziehen und den Bedürfnissen und der Entfaltung der Gesamtkirche gerecht zu werden. Sie leitet sich von der Kollegialität der Zwölfher, die um Petrus vereint waren, führt sie weiter und wird auf ähnliche Weise ausgeübt. Das Zweite Vatikanische Konzil hat sie in grundlegenden Texten, besonders in der Konstitution Lumen gentium, dargelegt. Es ist wichtig, unsere Priester und Gläubigen einzuladen, diese Texte wieder zu lesen, zu studieren und darüber nachzudenken.

Die Solidarität der Bischöfe wird dort sehr nachdrücklich unterstrichen durch die Ausdrücke Bischofskollegium, Gremium bzw. der Bischöfe und hierarchische Gemeinschaft aller Bischöfe mit dem Papst (vgl. Erläuternde Vorbemerkung zum Kap. III von Lumen gentium, Nr. 4). Unsere Kollegialität ist affektiv: Die brüderlichen, vertrauensvollen Beziehungen sollen darin stets einen breiten Raum einnehmen, wie es für Jünger Christi normal ist, dessen erstes und wichtigstes Gebot lautet, die Liebe und die Einheit zu leben: das ist sein Testament. Zugleich ist unsere Kollegialität effektiv: sie setzt die Gemeinsamkeit im Denken hinsichtlich der Lehre und die Gemeinsamkeit des Willens im Hinblick auf den grossen Sendungsauftrag der Kirche voraus. Von Kollegialität sprechen heißt also eure vollkommene Solidarität mit dem Haupt des Kollegiums betonen und damit eure Verantwortung in der Gesamtheit des Kollegiums, die ihr in dem Bewusstsein wahrnehmt, dass eure offiziellen Erklärungen, eure Aktionen, eure Weisungen, die Art und Weise, euer Bischofsamt in der Schweiz auszuüben, notwendigerweise auch «für die anderen sind», deren seelsorglichen Einsatz sie mitprägen. «Als Glieder des Bischofskollegiums ... sind (die einzelnen Bischöfe) zur Sorge für die Gesamtkirche aufgerufen. .. Diese Sorge trägt im höchsten Masse zum Wohl der Gesamtkirche bei. Alle Bischöfe sollen nämlich die Glaubenseinheit und die der ganzen Kirche gemeinsame Disziplin fördern und schützen sowie die Gläubigen zur Liebe zum ganzen mystischen Leib Christi anleiten ... » (Lumen gentium, Nr. 23).

So werdet ihr das Wohl der Teilkirche sicherstellen, wo ihr das sichtbare Prinzip und Fundament der Einheit seid (vgl. ebd.). Hier kann es manchmal eine gewisse Spannung geben zwischen Wünschen oder Bedürfnissen, die von den Christen an der Basis auf grund besonderer oder neuer Umstände oder Empfindungen erfahren werden auf der einen und den vom Lehramt der ganzen Kirche ausgesprochenen Prinzipien oder Weisungen auf der anderen Seite. Dieses Problem gleicht dem der Inkulturation in den jungen Kirchen. Es stimmt im übrigen, dass die Christen an Ort und Stelle und ihre Bischöfe doch wohl am ehesten die geeignete Form finden werden, um diese Prinzipien mit überzeugenden Begründungen oder genauen Anwendungen geltend zu machen. Es stimmt auch, dass sie stärker dem Druck der Umwelt und von Meinungen und Handlungsweisen ausgesetzt sind, die nicht notwendigerweise vom Glauben herrühren oder die nicht alle mit ihm im Zusammenhang stehen. Die Gesamtkirche, zumal der Bisch,of von Rom mit den Amtsstellen des Apostolischen Stuhles, leistet da den unschätzbaren Dienst - vielleicht manchmal in mehr allgemein gehaltener Sprache und durch Verfügungen, die weniger auf besondere Umstände bezogen sind -, den sicheren Weg vorzuzeichnen, der sich auf die lebendige Überlieferung stützt, die verschiedenen Aspekte des christlichen Mysteriums und der christlichen Ethik berücksichtigt, Vereinfachungen und Klippen vermeidet und alle Kirchen solidarisch zusammenhält. Das hat z. B. die Bischofssynode von 1980 getan, und das Apostolische Schreiben Familiaris consortio hat das Wesentliche dieser Arbeit übernommen, um die Eheprobleme zu klären und das Vorgehen der Bischöfe und der Gläubigen in der Welt zu bestimmen. In gleicher Weise hat die letzte Synode die Reflexion über die Busse und das Sakrament der Versöhnung weitergebracht; das entsprechende Dokument wird zur Zeit unter Beteiligung des Generalsekretariats der Synode vorbereitet. Das einzige Klima, das sich für diese Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und den Teilkirchen empfiehlt, ist das des Dialogs, des Vertrauens, der Bereitschaft, der vollen Gemeinschaft - cum Petro et sub Petro - in dem, was reiflich überlegt, beschlossen und für die Gesamtkirche angenommen wurde. Und dessen Zeugen und Urheber seid in erster Linie ihr, liebe Brüder.

Ja, wir wollen ständig für die Erhaltung dieses Klimas arbeiten. Man darf nicht versäumen, häufig die Gründe für die Praxis der Kirche zu erläutern, worum ihr euch ja bemüht. Schliesslich kommt es darauf an, das christliche Volk aufzufordern, seine Aufmerksamkeit nicht nur auf die pastoralen Methoden zu konzentrieren, sondern auf das Ziel, das Jesus seiner Kirche gesteckt hat, und auf den Geist der Verkündigung des Evangeliums. So gesehen bleibt jeder ernsthafte Christ wirklich demütig und sucht sich dem Heiligen Geist und der Gesamtheit seiner Brüder zu öffnen, die überall in der Welt «ihre allgemeine Übereinstimmung in Sachen des Glaubens und der Sitten äussern» (Lumen gentium, Nr. 12).

3. (Worauf es bei der Evangelisierung ankommt)

Darum sollen wir immer wieder uns selbst und unseren Christen die grundlegenden Fragen stellen: Wird mit unserer Verhaltensweise Jesus Christus ob gelegen oder ungelegen in Respekt vor den Personen und Gruppen verkündet, um die Echtheit des Glaubensaktes in Freiheit, aber klar und unerschrocken zu gewährleisten entsprechend den letzten Worten Christi an seine Apostel: «Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern» (Mt 28,19-20)? Richtet sich das Gebet wirklich an Gott im Bestreben, seinen Willen zu suchen und anzunehmen? Ist die Heiligung der Menschen die erste Zielsetzung der Seelsorge? Steht man zur Wahrheit auch um den Preis des Kreuzes und von Verzichten? Sind sich die Diener Christi ihrer gewaltigen Sendung bewusst, im Namen Christi zu sprechen und zu handeln? Wird die Kirche in solidarischer Weise als Leib Christi auf erbaut? Sind diejenigen, die eine engagierte Stellung in der Kirche einnehmen und denen darin die sozialen Kommunikationsmittel oder andere Verantwortlichkeiten übertragen sind, offen für das, was die anderen Christen denken und fühlen, die sich weniger äussern, obwohl sie vielleicht die Mehrheit darstellen? Erwägt man wirklich ausgewogen die Tragweite, die Grenzen und sämtliche Folgen der praktischen Massnahmen, die man den anderen Gemeindegliedern vorschlagen möchte? Wie steht es mit dem Frieden, der Einheit, der Liebe zwischen den Jüngern Christi?

Liebe Brüder, angesichts der Prüfungen, die die Kirche heute durchmacht - das Phänomen der Säkularisierung, die den Glauben zu zerstören oder an den Rand zu drängen droht, der Mangel an Priester- und Ordensberufen, die Schwierigkeiten für die Familien, die Ehe christlich zu leben -, wollen wir an die Notwendigkeit des Gebets erinnern. Die Gnaden der Erneuerung oder der Umkehr werden nur einer betenden Kirche zuteil. In Getsemani betete Jesus, dass sein Leiden und Sterben dem Willen des Vaters entspreche zum Heil der Welt; er bat seine Apostel, zu wachen und zu beten, um nicht in Versuchung zu geraten (vgl. Mt 26,41). Leiten wir unser christliches Volk, die einzelnen Menschen und die Gemeinden an, im Verein mit Maria inständig zum Herrn zu beten.

4. (Die Autorität der Bischöfe)

Um uns die Erfüllung unserer Sendung als Hirten zu ermöglichen, wollte Christus, dass wir über die fur den Dienst an der Wahrheit notwendige Autorität verfugen. Vorangehen, führen, den Weg weisen, uns darum kümmern, dass dieser für alle offen und doch authentisch bleibt, klarstellen, beschwichtigen, sammeln - das ist unser tägliches Brot.

Das Konzil sagte in bezug auf die Laien: «Den geweihten Hirten sollen sie ihre Bedürfnisse und Wünsche mit der Freiheit und dem Vertrauen, wie es den Kindern Gottes und den Brüdern in Christus ansteht, eröffnen. Entsprechend dem Wissen, der Zuständigkeit und der hervorragenden Stellung, die sie einnehmen, haben sie die Möglichkeit, bisweilen auch die Pflicht, ihre Meinung in dem, was das Wohl der Kirche angeht, zu erklären. Gegebenenfalls soll das durch die dazu von der Kirche festgesetzten Einrichtungen geschehen, immer in Wahrhaftigkeit, Mut und Klugheit, mit Ehrfurcht und Liebe gegenüber denen, die aufgrund ihres geweihten Amtes die Stelle Christi vertreten» (Lumen gentium, Nr. 37). Im selben Sinn fuhr die Konstitution Lumen gentium fort: «Die Laien sollen das, was die geweihten Hirten in Stellvertretung Christi als Lehrer und Leiter in der Kirche festsetzen, in christlichem Gehorsam bereitwillig aufnehmen» (ebd.).

Ja, die Einheit mit dem Bischof ist die unerlässliche Vorbedingung für die Haltung des gläubigen Katholiken. Und man kann nicht vorgeben, mit dem Papst zu sein, ohne auch zu den ihm verbundenen Bischöfen zu stehen, oder aber mit den Bischöfen zu sein, ohne zum Haupt des Bischofskollegiums zu stehen.

Was die von den Gläubigen aufgeworfenen Fragen betrifft, muss man es hinnehmen, dass trotz des Erbarmens, das stets die Regel sein muss und das Erbarmen Gottes widerspiegelt, manche dieser Fragen und Probleme ohne befriedigende Lösungen bleiben, weil es der Charakter der Probleme selbst ist, der das verhindert. Ich denke an bestimmte Fälle von geschiedenen Eheleuten oder von Priestern, auch an manche Situationen von konfessionsverschiedenen Ehen. In all den Fällen muss man helfen, eine vertiefte geistliche Haltung zu finden, die auf ihre Weise von der Wahrheit Zeugnis gibt.

Hier will ich mich nicht näher über eure Rolle im Verhältnis zu den Priestern, Laien, Ordensleuten äussern, da ich Gelegenheit habe, in eurer Gegenwart direkt mit ihnen zu sprechen. Was aber die Priesteramtskandidaten betrifft, so ermuntere ich euch herzlich zu dem, was ihr für die Wekkung von Berufungen zu tun sucht: Seien wir überzeugt, dass es nicht an Berufungen fehlen wird, aber dass gleichzeitig diese jungen Leute, die von dem Verlangen beseelt sind, sich dem ausschliesslichen Dienst Christi und seiner Kirche hinzugeben, nach einer echten Ausbildung streben. Die Versuche einer «Klerikalisierung des Laienstandes» oder einer «Laisierung des Klerus» - um gewisse Tendenzen freimütig beim Namen zu nennen - sind bei der Ausübung des kirchlichen Dienstes wie beim Wecken von Berufungen zum Scheitern verurteilt. Die vom Zweiten Vatikanum vorgezeichnete klare Linie muss alle leiten, denen die schwere Verantwortung der Weckung von Berufungen obliegt. Und dasselbe gilt naturgemäss auch für die spirituelle, liturgische, pastorale - ebenso wie für die theologische - Ausbildung. Diese soll man den Seminaristen in einer Gemeinschaft vermitteln, die einzig und allein auf das priesterliche Leben ausgerichtet ist mit all seinen Anforderungen, die es kennzeichnen und denen man sich nicht entziehen kann. Wir haben gerade vorhin über dieses Problem gesprochen. Die Kirche empfiehlt den Diözesanbischöfen stets, die Seminare gleichsam als die Pupillen ihrer Augen zu betrachten.

5. (Christliche Hoffnung)

Als Prinzip der Einheit ihrer Diözesangemeinde sind die Bischöfe zusammen mit dieser Gemeinde Zeugen der christlichen Hoffnung inmitten ihres ganzen Volkes, damit das verkündete und gelebte Evangelium dort als eine Frohbotschaft, als ein Heil erscheint.

Die Gesellschaft eures Landes lebt sicher schon viele menschliche und christliche Werte, die in diesen Tagen oft angesprochen worden sind: Arbeitseifer, weithin anerkannte Disziplin, Mitverantwortung der Bürger, Rechtschaffenheit, Klugheit, bereitwillige Aufnahme von Ausländern, Armen und Flüchtligen, Grossherzigkeit für die Dritte Welt und humanitäre Hilfswerke, Abscheu vor Gewalt, Friedensliebe, Ehrfurcht gegenüber den anderen bei all ihrer Verschiedenheit ... Es ist Aufgabe der Kirche, gestützt auf diese Werte, die ja ihre Wurzeln in der christlichen Geschichte haben, die geistigen Motive und die höchsten Anforderungen solcher Verhaltensweisen entdecken zu lassen, ihren Sinn zu vertiefen und ihre Tragweite zu erweitern. Und ich weiss, liebe Brüder, dass das eure ständige Sorge ist; eine Reihe eurer Dokumente und Eingaben zeugen davon, erst vor kurzem auch wieder.

Ihr fordert z. B. dazu auf, von der Philanthropie zur Nächstenliebe überzugehen, vom Mitleid mit dem Elend zur Ehrfurcht vor der menschlichen Würde, ja zur Liebe zum Menschen als eines Ebenbildes Gottes, zur Erkenntnis Christi, der will, dass ihm im geringsten der Seinen gedient werde. Ihr möchtet, dass zum Asyl, das den Zuwanderern oder Flüchtlingen gewährt wird, die Herzlichkeit und Wärme des brüderlichen Verständnisses, der Freundschaft, der Zusammenarbeit hinzukomme. Ihr achtet darauf, dass man in diesem Bereich die Forderungen der sozialen Gerechtigkeit und die verschiedenen Menschenrechte nicht vernachlässigt. Ihr tragt dazu bei, den Geist und das Herz für die grossen Probleme der Welt und für die Plagen und Nöte zu öffnen, die andere U mwelten und andere Völker heimsuchen: Hunger, Drogen, Bruderkriege. Die fundamentale Bedeutung der Kinder- und Jugenderziehung lässt euch zusammen mit den Eltern nach den geeignetsten Mitteln und Möglichkeiten suchen, um diese Erziehung nicht nur durch die Katechese, sondern durch katholische Schulen und andere Erziehungseinrichtungen sicherzustellen. Schliesslich seid ihr stets auf die Werte der Familie bedacht, die auf eine harte Probe gestellt werden, wenn die Liebe von Braut- und Ehepaaren auf der Suche nach unmittelbarem Vergnügen für sich in egoistischer Weise gelebt wird und keine endgültige Bindung an die Person des Partners und die aus der Verbindung hervorgegangenen Kinder vorhanden ist. Ihr fühlt das dringende Bedürfnis, zu dieser Treue wie zur hochherzigen Annahme des Lebens zu erziehen. Es wäre denn auch ein Widerspruch, wollte man den Unterernährten der Welt Hilfe bringen, nicht aber bei sich selbst das Leben des Kindes im Mutterleib vom Augenblick der Empfangnis an oder den Wert des sich zu Ende neigenden Lebens bis zum natürlichen Tod respektieren.

Alle diese sittlichen Forderungen werden in einer Gesellschaft, der die religiösen Motive zur Ehrfurcht vor dem Menschen verlorengehen, nicht immer verstanden und angenommen; sie können sogar Auflehnung auslösen oder Anklagen, man mische sich in die Politik ein. Doch letzten Endes wird man den Mut der Kirche anerkennen, wenn man einmal begreift, dass sie zutiefst die Würde des Menschen, seine Freiheit und seine Hoffnung verteidigt. Dazu muss man, wie ihr wisst, die öffentliche Meinung auf die grossen damit verbundenen menschlichen Anliegen aufmerksam machen. Christen dürfen diese moralischen Forderungen niemals von den Bedingungen des geistlichen Fortschritts des Menschen trennen, der als Ebenbild Gottes geschaffen, von Christus erlöst und damit fahig ist, mit der Gnade trotz seiner Schwächen den steilen Weg der Seligpreisungen einzuschlagen, der der Weg des Friedens, der Freude und des Lebens ist.

Liebe Brüder im Bischofsamt, hier unterbrechen wir unser Gespräch, um mit euren Mitarbeitern, den Priestern eurer Diözesen, zusammenzutreffen. Ich bitte den Herrn, euch in eurer herrlichen Sendung, deren Last ich mit euch trage, zu inspirieren und zu stärken. Sein Heiliger Geist schenke euch, wie einst den Aposteln, den Mut jener, die Zeugnis geben, und die Hoffnung derer, die das Unsichtbare im Blick haben!

[Bearbeiten] Ansprache an die Vertreter des Schweizer Klerus in Einsiedeln

Thema: Verkündigung in ungläubiger Welt

(Deutsch)

Liebe Brüder in der Gnade des Priestertums!

1. Es ist mir eine grosse Freude, euch, Priester aus den 26 Kantonen der Schweiz, hier in Einsiedeln zu treffen, und ich messe dieser Begegnung grosse Bedeutung bei. Durch euch, die ihr von euren Mitbrüdern entsandt oder spontan hierher gekommen seid, wende ich mich an den gesamten Klerus eures Landes. Tag für Tag ist es euch vergönnt, an der Basis eine unersetzliche Arbeit zu verrichten, damit die Kirche in der Schweiz wachse in Wahrheit, Liebe und Heiligkeit.

Ihr seid die ersten Mitarbeiter eurer Bischöfe, mit denen ich soeben gesprochen habe. Sie haben euch das Priesteramt übertragen, das ihr allein in Gemeinschaft mit ihnen ausüben könnt. Sie sind darauf bedacht, eure verschiedenen Dienste auf das geistliche Wohl der ganzen Diözese hinzuordnen. Sie hegen für euch herzliche Zuneigung und möchten euch, soweit es in ihren Kräften liegt, persönlich nahe sein, um euch zu verstehen, euch zu helfen, das je Bessere zu erkennen, euch zu bestärken und euch als Wegführer zu dienen. Denn sie sind die Väter des Presbyteriums, die Hirten aller, verantwortlich für ihre Einheit und Treue, für ihre wahre und harmonische Entwicklung.

Dasselbe möchte auch der Bischof von Rom heute unter euch tun: nicht um den eigenen, ordentlichen und täglichen Auftrag eurer Bischöfe zu ersetzen, sondern um ihn zu bestärken. Er ist überall - wie Petrus - der Hirt, der sich um das Leben der Gläubigen und Priester, der «Lämmer» und «Schafe», wie Jesus sagte (Joh 21, 15ff.), sorgt. Er ist fortwährend mit jeder Ortskirche verbunden, die sichja als Teil des ganzen Leibes versteht, in Gemeinschaft mit dem Haupt des Bischofskollegiums (vgl. Konzilskonstitution «Lumen gentium» 22, Abs. 2; Erläuternde Vorbemerkung 4).

In diesem Sinne bin ich gekommen, um euch zur Fortführung eures herrlichen Auftrags als Priester zu ermutigen. Und ich will es in aller Klarheit und im Vertrauen tun: Wie ihr aus eigener Erfahrung wisst, kann sich das Volk Gottes nur im gegenseitigen Vertrauen seiner Glieder als lebendige Einheit auferbauen. So ist es sehr wichtig, dass allen - Papst, Bischöfen, Priestern, Ordensmännern, Ordensfrauen und Laien - jenes Vertrauen entgegengebracht wird, das ihrer Verantwortung im Leibe Christi entspricht.

Ich habe alle mit Freimut dargelegten Fragen und Besorgnisse aufmerksam gelesen und gehört. Und ich habe sie ernst genommen. Ich weiss jedoch nicht,'wieweit sie dem Denken und den Sorgen des gesamten Klerus der Schweiz entsprechen, an den ich mich wende. Mir scheint, das entscheidende Problem ist die Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi in einer Welt wie der euren: oft indifferent, vom Materialismus angelockt, mitunter ungläubig. Darüber vor allem wollte ich zu euch reden. Zuvor aber liegt mir daran, einige Fragen zu klären, die euch beschäftigen; sie betreffen die Beziehungen zwischen der Ortskirche und der Weltkirche, für die mir der Herr die besondere Verantwortung übertragen hat. Und hier ist es meine Pflicht als Papst, meine Brüder zu bestärken, den Weg zu zeigen, den Willen Jesu Christi und seiner Kirche zu lehren.

2. Das Zweite Vatikanische Konzil war zweifellos in mehrfacher Hinsicht ein providentielles Ereignis, unter anderem auch, was die Einheit und die Universalität der Kirche betrifft. In diesem Sinne muss man seine ökumenischen Aussagen sehen, wie auch jene über die Beziehungen der Kirche zu den «nichtchristlichen Religionen» und über die Situation der Kirche in der Welt von heute. Das Konzil hat neue Grundlagen geschaffen, welche die Sendung der Kirche verstehen und erfüllen helfen.

3. In einem engen Zusammenhang mit der Frage der Einheit und Universalität der Kirche steht die Lehre über die Kollegialität des Episkopats, über die ich eben mit euren Bischöfen gesprochen habe. Ohne das ganze Thema wiederaufzunehmen, rufe ich euch in Erinnerung, dass die Sendung der Bischöfe immer einen «universellen» Charakter hat. «Daher stellen die Einzelbischöfe je ihre Kirche, alle zusammen aber in Einheit mit dem Papst die ganze Kirche im Band des Friedens, der Liebe und der Einheit daD> (Lumen gentium, 23). Selbst wenn sich die Sendung jedes Bischofs direkt auf eine bestimmte Diözese in einem Land bezieht, in welcher er die Jurisdiktion ausübt, sind die Bischöfe als Glieder des Bischofskollegiums und rechtmässige Nachfolger der Apostel «auf grund von Christi Stiftung und Vorschrift zur Sorge für die Gesamtkirche gehalten ... Alle Bischöfe müssen nämlich die Glaubenseinheit und die der ganzen Kirche gemeinsame Disziplin fördern und schützen.» So spricht das Vatikanum 11. Daraus folgt, dass die Bischöfe im konkreten Rahmen ihres Amtes der Einheit dienen. Im Lichte dieser Forderung muss man die «Autonomie», die Verantwortlichkeit einer örtlichen Bischofskonferenz verstehen. Autonomie und Initiativen dürfen also nie irgend etwas rechtfertigen, was mit der Einheit der katholischen Lehre des Glaubens, der Moral und der sakramentalen Disziplin in Widerstreit steht. Das führt nicht zur «Einförmigkeit» der Kirche in allen Äusserungen des Gebetes, des Lebens und des apostolischen Handeins der Gemeinschaften, wo die Vielfalt ein Zeichen des Reichtums und sogar eine Notwendigkeit der Akkulturation darstellt; aber es ist eine Frage der Identität der Kirche mit sich selbst, dass rund um das «verum» und «sacrum» die Einheit erwächst.

Wenn die Bischöfe mit ihrer Weihe und der Aufnahme ins Bischofskollegium diese universelle Verantwortung auf sich nehmen, so kann man das auch in einem gewissen Masse von den Priestern, ihren Mitarbeitern, und auch von den Laien sagen, die durch ihre Taufe Glieder der Kirche mit den entsprechenden Rechten und Pflichten geworden sind. Das Konzil unterstreicht diesen «übernatürlichen Glaubenssinn», den Christus seinem ganzen Volk verleiht (Lumen gentium, 12).

Das gleiche Konzil präzisiert, der Glaubenssinn sei «vom Geist der Wahrheit geweckt und genährt» und besteht weiter «Unter der Leitung des heiligen Lehramtes, in dessen treuer Gefolgschaft es nicht mehr das Wort von Menschen, sondern wirklich das Wort Gottes empfangt» (Lumen gentium, 12).

4. Hier zeigt sich providentiell die Institution der Bischofssynode, die nicht eine so umfassende Form der Kollegialität ist wie das Konzil, die aber zu diesem eine gewisse Analogie aufweist (vgl. Rede an den Rat des Generalsekretariats der Synode vom 30. April 1983).

Nun hat die Bischofssynode in der nachkonziliären Zeit besonders wichtige Fragen aufgegriffen, die den von mehreren unter euch aufgeworfenen Problemen entsprechen. Ich denke vor allem an die Synode von 1971 über das priesterliche Amt und die Gerechtigkeit in der Welt, an die Synode von 1980 über die Aufgaben der christlichen Familie in der Welt von heute, an die Synode von 1983 über die Versöhnung und die Busse (zu der bald ein Text folgen wird, der unter Mitarbeit des Rates des Synodensekretariates vorbereitet wird).

Ja, die von der Synode gutgeheissenen Stellungnahmen bilden eine wesentliche Hilfe zur Klärung der zahlreichen pastoralen Probleme, wie zum Beispiel die - gewiss schmerzliche - Frage der wiederverheirateten Geschiedenen, die des Status der Priester ... Auf diese Weise kann die Praxis übereinstimmen mit der Glaubenslehre und mit der unerlässlichen sakramentalen Disziplin der Kirche.

5. Ich möchte im besonderen die Synode von 1971 erwähnen. Aufgrund von Fragen und vielleicht gewissen Verunsicherungen jener Zeit hat die Synode das grundlegende Problem der «Identität des Priesters» erhellt. Dieses Problem erforderte eine Erläuterung im Verhältnis zu jenem der «gemeinsamen Priesterschaft der Laien» und zu den Erklärungen des Konzils zum Thema des Laienstandes und des Laienapostolates. Und in der Tat muss dieses Apostolat weiterentwickelt werden. Es ist eine Zielvorstellung des Konzils, dass die Laien den Hirten (Bischöfen und Priestern) helfen in ihrem Apostolat und vor allem durch «die Heiligung der Welt».

Vor diesem Hintergrund wird die vom Weihesakrament hergeleitete Identität des Priesters nicht nur bestätigt, sondern verstärkt und erneuert. Wie ich schon den Bischöfen gesagt habe, geht es in keiner Weise darum, die Laien zu «klerikalisieren», noch die Kleriker zu «laisieren». Die Vertiefung ihrer eigenen Identität weist vielmehr den Weg, wie die Priester wirklich das Konzil realisieren können. In diesen Rahmen gehören die Entschliessungen der Synode von 1971, besonders jene, die die Begründung, die Motive und die Pflicht zur Wahrung des Zölibats in der lateinischen Kirche betreffen (2. Teil, N. 4). Ich selbst habe dieses Problem in meinem ersten Brief an die Priester zum Gründonnerstag 1979 behandelt. Ich sagte: «Die Bedeutung dieses Problems ist so schwer, seine Bindung an die Worte des Evangeliums selbst so eng, dass wir ... in diesem bestimmten Fall nicht in anderen Kategorien denken können als das Konzil, die Bischofssynode und der grosse Papst Paul VI. ... Um verfügbar zu sein zu einem solchen Dienst (am Volk Gottes), zu solcher Hingabe, zu solcher Liebe, muss das Herz des Priesters frei sein. Der Zölibat ist das Zeichen einer Freiheit im Blick auf den Dienst» (N. 8). Nach der Tradition der katholischen Kirche ist der Zölibat nicht nur eine juristische Beifügung zum Weihesakrament, sondern das persönliche und in voller Reife eingegangene Engagement gegenüber Christus und der Kirche. Dispensen, selbst wenn sie möglich sind, vermögen den Charakter dieses Engagements nicht zu verdrängen, zu verringern oder vergessen zu machen. Zudem ist die Treue zur einmal angenommenen Lebensform ein Erfordernis für die Würde der Person selbst. Welche Anforderungen stellen doch das Evangelium und die Kirche an die Eheleute!

(Französisch)

6. Nachdem diese Fragen, in Beantwortung eurer Sorgen, geklärt sind, komme ich zur pastoralen Situation, die manchen von euch als entmutigend erscheinen mag. Was ihr sicher tief empfindet, ist der zunehmende Druck einer Welt, die auf Gott verzichtet oder glaubt, ohne Gott auskommen zu können. Das zeigt sich statistisch in der Zahl der Taufen oder des Kirchenbesuchs. Doch es geht um ein verbreitetes, weiter und tiefer reichendes Phänomen, das den Glauben selbst berührt. Manche zweifeln, andere formen den Glauben um oder weisen ihn ganz zurück. In einer solchen Situation, die besonders für die Überflussgesellschaft der westlichen Welt charakteristisch ist, können Priester versucht sein, den Mut aufzugeben. Es ist bedenklich, sehen zu müssen, wie die Zahl der Gottesdienstbesucher abnimmt, und festzustellen, dass die Welt anscheinend in religiöse Gleichgültigkeit versinkt oder sich «falschen Göttern» zuwendet. Gleichzeitig nimmt, zweifellos aus demselben Grunde, auch die Zahl der Priester ab und steigt die der Berufungen zum Priestertum kaum an. Gewiss entstehen in dieser «Diaspora» kleine glaubensstarke Gruppen, die wahrhaft Zeugen Jesu Christi sind. Ihr tut gut daran, sie als vielversprechende Zeichen zu beachten, und ich teile diese Hoffnung mit euch. Dennoch bleibt das Gesamtproblem bestehen; ihm müssen wir uns mutig und gelassen stellen. Und ich füge hinzu: in der Wahrheit des Christentums.

7. Die Kirche zählt gerade auf euch, um - wie einer von euch sagte - die Herausforderung der Verweltlichung und der Gleichgültigkeit anzunehmen. Um ihr zu begegnen, sucht ihr das Antlitz Gottes, seine ungeschuldete Liebe und Barmherzigkeit besser darzustellen. Ihr vertieft die Achtung vor dem Menschen, vor seiner Würde und Freiheit. Ihr fördert kleine, lebendigere und engagiertere Gemeinschaften. Ihr möchtet, dass sie von Freude, Begeisterung und Hoffnung erfüllt seien, und erhofft euch aus ihrem evangelischen Zeugnis einen neuen Frühling der Kirche, und sei er noch so bescheiden. Dies alles ist wichtig, und ich werde darauf zurückkommen.

Doch zuvor möchte ich euch sagen, was mir vorrangig erscheint: das ist unser Glaube selbst. Wir glauben, dass Christus der Erlöser ist. Wir glauben, dass er uns für das Heil der Menschen zu seinen Priestern macht. Selbst wenn die Welt um uns herum zweifelt an der Gegenwart eines Gottes, der sie liebt, an der Fähigkeit Christi, sie zu erneuern, an der Kraft des Heiligen Geistes, der sein Werk der Heiligung weiterführt, selbst wenn die Welt nicht das Bedürfnis verspürt, ein solches Heil zu empfangen, und anscheinend alles nur von ihren technischen Möglichkeiten erwartet oder ihren Horizont auf ein materialistisches Leben einschränkt, bewahrt die Kirche die Überzeugung, dass es keinen anderen Namen gibt, durch den die Menschen gerettet werden können, als den Namen Jesu (vgl. Apg 4,12): Er ist der Weg, die Wahrheit, das Leben. Und diesen Glauben verkündet sie klar und deutlich, gelegen oder ungelegen. Es ist gerade die Kraft dieser Frohen Botschaft, die mit der Gnade Gottes in den Herzen über alle Erwartung hinaus eine Bewegung zum Glauben hin auslöst. Stets müssen die Anfangsworte Jesu kraftvoll verkündet werden: «Kehrt um und glaubt an das Evangelium!» (Mt 1,15). Es ist normal, nach Anzeichen des Frühlings Ausschau zu halten; aber man braucht nicht zu warten, bis man sie sieht, um sagen zu können, dass das Leben da ist. Ganz gewiss müssen wir alle pastoralen Mittel einsetzen, aber wichtiger ist diese Zuversicht im Glauben.

Mit einem Wort, liebe Freunde, setzen wir genügend Glauben in unser Priestertum, das wir von Christus empfangen haben? Glauben wir fest, dass Christus uns geheiligt und gesandt hat (vgl. Joh 17,18), dass er durch unseren Dienst wirkt, wenn wir nur sein Werk tun? Glauben wir stark genug, dass das Samenkorn des Wortes, dass das Zeugnis seiner Liebe nicht fruchtlos bleiben? Sind wir, nachdem wir uns frei entschieden haben, bereit, ihm zu folgen, wenn sein Geheimnis auf das Unverständnis der Menschen stösst, wenn sein Weg der des Kreuzes und der Verzichte ist (vgl. Joh 6,66.71; Lk 9,23-26)? Denn das ist - das war immer - das Los des Apostels, des Jüngers, des Priesters. Glauben wir auch, dass der Herr die gleiche Gabe der Berufung zum Priester allen verleiht, die er zur Teilhabe an seinem Vermittlerwerk aufruft? Je mehr die Welt entchristlicht wird, um so mehr tut es ihr not, in der Person des Priesters diesen radikalen Glauben wahrzunehmen, der wie ein Leuchtturm in der Nacht oder wie der Fels ist, auf den er sich stützt. Und Christus wird jene nicht verlassen, die ihm - von ihm ergriffen - ihr ganzes Leben geweiht haben. Das ist im Grunde die Quelle unserer Hoffnung. Das befähigt uns, die Welt mit neuen Augen zu sehen, wie am Pfingstmorgen.

Und ich muss sogar dies beifügen: Sollten unsere in Christi Namen geleisteten Evangelisierungsanstrengungen allenfalls Erfolg bringen, so ist dieser Befund nicht die eigentliche Triebfeder unseres Mutes und nicht der letzte Grund unserer Freude. Am Tag, als die siebzig Jünger, alle frohgestimmt, bei der Rückkehr von ihrer Mission zu Jesus sagten: «Herr, auch die bösen Geister sind uns in deinem Namen untertan», erwiderte Jesus: «Nicht darüber freuet euch, dass euch die Geister untertan sind, sondern freuet euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind» (Lk 10,17.20). Ebenso, liebe Brüder im Priesteramt, seid nicht traurig, weil die bösen Geister euch nicht sichtbar untertan sind, dass die Welt sich nicht auf Anhieb der Botschaft fügt, sondern freut euch, das Werk Christi getan und euren Anteil an seinem Los im Himmel verdient zu haben. Dieses Werk ist vollendet, eure Namen sind im Himmel geschrieben, wenn ihr nach dem Glauben die ganze Fülle des sakramentalen Priestertums zu leben sucht, diese unsägliche Gabe, die Christus euch geschenkt hat und für die ihr jederzeit Dank wissen sollt.

8. Unser Glaube zeigt sich besonders im Platz, den wir dem Gebet im Mittelpunkt unseres Dienstes geben. Die Jünger Jesu verspürten eine gewisse Entmutigung, weil das Böse ihrem Bemühen, zu predigen und zu heilen, widerstand. Doch Jesus antwortete ihnen: «Diese Art Geist lässt sich nur durch Gebet und Fasten austreiben» (vgl. Mk 9,29 und Mt 17,21). Christus ist es, der diese säkularisierte Welt bekehren und erlösen wird; er wird es durch die Handlungen unseres Priesteramtes wirken, aber unter der Bedingung, dass man sich nicht mit deren rituellem, formellem Vollzug begnügt: «Imitamini quod tractatis». Sie müssen eingebettet sein in ein ganzes Klima von Gebet und Opfer, wodurch sich unsere ganze Person ganz tief mit dem Mittlerwerk Christi vereint.

Die täglich gefeierte Eucharistie ist ohne Frage das Höchste in unserem Priesterleben. Ich denke auch an das tägliche Gebet, an das Stundengebet, das wir im Namen der Kirche im Ablauf unseres Tages verrichten; an die Gnade der Versöhnung, die wir anbieten und für uns selbst erbitten; auch an alle anderen Sakramente und die Vorbereitung darauf mit den Gläubigen. Die vielfältigen pastoralen Begegnungen sind weiterhin eine wundervolle Gelegenheit, die geduldige, zuversichtliche Fürsorge Christi für alle zu verkörpern und diese Männer und Frauen inmitten ihrer Sorgen zu begleiten, um sie mit den Forderungen des Glaubens zu konfrontieren. Ja, anhand unseres Verhaltens, der Sorgfalt und Überzeugung, mit denen wir allen unseren priesterlichen Aufgaben nachkommen, entdecken die Einzelmenschen, Familien und Gruppen, selbst wenn sie der religiösen Praxis entfremdet sind, den Glauben, der uns innewohnt, und das Mysterium, das wir tragen, sogar als die stets zur Demut verpflichteten «irdenen Gefässe», die wir sind (vgl. 2 Kor 4,7).

Der Priester verkündet das Evangelium vor allem durch die Wahrhaftigkeit seines Lebens. Christus sagte ja zu den Aposteln: «Wenn der Heilige Geist auf euch niederkommt, werdet ihr... meine Zeugen sein» (Apg 1,8). Es ist heilsam für uns, den Blick auch auf die vorbildlichen Priester zu heften, die uns vorangegangen sind und die - jeder auf seine Art die Gnade des Priestertums ansichtig machten: die Heiligen Franz von Sales, Vinzenz von Paul, Johannes Bosco, Jean-Marie Vianney - Patron der Pfarrer -, Pater Charles von Foucauld, der heilige Maximilian Kolbe. In der gleichen Linie des Gebetes und des Zeugnisses liegt der Schlüssel für das schwere Problem der Berufungen. Sie erwachsen aus dem Gebet und aus der Kraft des Heiligen Geistes, der durch das «beispielhafte» Leben der Priester wirkt.

9. Was die Botschaft selbst betrifft, ist sie wahrhaftig so beschaffen, dass sie die Menschen von heute genau wie jene von gestern berührt, ihre Erwartung oder ihre unausgesprochenen Bedürfnisse erfüllt, sofern sie wirklich das Evangelium und die Seligpreisungen widerspiegelt. Diese Welt, die auf die individuelle Freiheit so viel Wert legt, braucht wirklich ein Wort, das dieser Freiheit Sinn gibt, indem es den Menschen aufruft, verantwortungsvoll zu sein, Miterschaffer mit Gott, frei zu sein auch von jeder Sklaverei, angefangen bei jener, in der ihn die Sünde gefangenhält. Christus lädt ihn ein, sich aus Liebe in die Hände des Vaters zurückzugeben, der ihn als erster selbstlos geliebt hat und will, dass der Mensch seine Freiheit im Geschenk der Liebe vollende. Die Gier nach Besitz und Genuss, der Hang, den anderen zu beherrschen und als Objekt zu behandeln, hinterlassen in der Tat eine Unzufriedenheit, der gegenüber die Seligpreisungen eine Gute Nachricht bedeuten: Sie lehren uns, das Glück zu finden, indem wir - wie Christus und mit ihm - arm, keusch, barmherzig, friedfertig und durstig nach Gerechtigkeit sind, die Würde des Nächsten in seinem Geist und in seinem Körper achten. Die verweltlichte Gesellschaft, in der ein gewisser Materialismus im Überfluss herrscht, bedarf zweifellos eines Wortes und eines Zeugnisses, die dank diesem Überfluss zur Schaffung eines Raums der Grossherzigkeit und des Teilens einladen. Es ist uns also aufgetragen, durch eine evangelische Pastoral der Seligpreisungen das wahre Antlitz Gottes und des Menschen aufzuzeigen und so auf immer neue Art zur Erfahrung der Liebe zu Gott und zu den Menschen hinzuführen.

Doch wir wissen auch, dass diese Botschaft prophetisch ist. Sie zieht an und ist gleichzeitig Zeichen des Widerspruchs. Sie prüft die menschlichen Begriffe von Glück, Freiheit, Ehrlichkeit kritisch, um sie zu reinigen. Und sie enthält nicht nur die verlockenden Aspekte der Seligkeiten: sie setzt den Vollgehalt der Gebote voraus, die Moses gegeben und von den Propheten erläutert wurden, sie umfasst die Gesamtheit der Offenbarung und ihre Konsequenzen, so wie die Kirche sie vorzulegen hat. Gott ist Gott, erhaben über unser Denken und grösser als unser begrenztes und sündiges Herz. Wie schon betont muss deshalb der Priester, bei all seinem Bemühen, auf der sprachlichen Ebene die Hindernisse zu glätten und das Tor zum Königreich allen zu öffnen, die mehr oder weniger auf Gott zugehen, darauf gefasst sein, dass die Botschaft nicht gleich die Zustimmung aller findet: denn diese erfordert eine Umkehr. Wir müssen unter unseren Zeitgenossen leben wie Brüder und dabei doch die «Zeugen und Ausspender eines anderen als des irdischen Lebens» sein (Dekret Presbyterorum ordinis N. 3).

(Italienisch)

10. Schliesslich möchte ich von der Hoffnung reden, die in der Erneuerung des Grundgeflechts der Gemeinschaft liegt. Der Priester findet zunächst seine Stütze in der Freundschaft und Zusammenarbeit mit den andern Priestern und mit seinem Bischof; dies wurzelt in einer sakramentalen Brüderlichkeit. Ich freue mich über die Fortschritte auf dieser Ebene durch die Einrichtung der Priesterräte und der anderen Formen kollegialen Lebens. Ich würdige auch die zwischen den Schweizer Priestern geschaffene praktische Solidarität, die den Mangel an Mitteln in einzelnen Kantonen dank dem «Solidaritätsfonds» etwas ausgleicht. In bezug auf die Gläubigen wäre es weder normal noch gesund, bliebe der Priester isoliert in der Gemeinschaft, die ihm anvertraut ist. Er ist für sie da, und er stützt sich auf sie. Sein Auftrag ist es, die andern instand zu setzen, ihre verschiedenartigen Ämter, Berufungen, Charismen, Verantwortlichkeiten und Apostolatsformen auszuüben, zunächst die Diakone, die ebenfalls ordinierte Amtsträger sind, dann die Ordensleute, die getauften und gefirmten Laien. Diese Verantwortlichkeiten richten sich nicht nur auf die Dienste an der Christengemeinde - Katechese, Liturgie, Caritas -, sondern auch auf das christliche Zeugnis in der Welt inmitten der zeitlichen Obliegenheiten. Ich freue mich also über alles, was in der Schweiz - von den Konzilstexten angeregt - getan wurde, um diese Mitverantwortung zu entwickeln, die auf verschiedenen Ebenen zum Ausdruck kommt: in den diözesanen, kantonalen und pfarreilichen Seelsorgeräten oder gelegentlich auch in angemessenen Formen interdiözesaner Zusammenarbeit. Nicht nur der Priester findet hier eine Stütze und Hilfe, die das Apostolat bereichert und erweitert, sondern die Gemeinschaften werden selber Zeichen der Kirche, Zeichen der brüderlichen Verbundenheit. Der Einklang untereinander gewährt allen eine verantwortliche Rolle beim Aufbau des Leibes Christi; sie ermöglicht es den Minderheiten, sich auszudrücken und ernst genommen zu werden; und sie erlaubt es dem Bischof und dem Priester, sich in organischer Verbindung mit ihrem Volk zu wissen.

Um den Erfolg dieser Bewegung, die auch nicht ohne Unsicherheiten und Fehler ist, besser zu gewährleisten, füge ich drei Bemerkungen an, die ergänzen, was ich über die Identität des Priesters gesagt habe.

Der Priester bleibt der Hirt der Gesamtheit. Er ist nicht nur der «Vollamtliche», der allen zur Verfügung steht, sondern er hat auch bei der Versammlung aller den Vorsitz - namentlich steht er an der Spitze der Pfarreien -, damit alle den Zugang zur Gemeinschaft und zur sie vereinenden Eucharistie finden, den sie zu Recht erwarten, welches immer ihr religiöses Empfinden oder ihr apostolisches Engagement seien. Die kleinen Gemeinschaften bedeuten eine Chance des Dynamismus, der Hefe im Teig; doch vor allem dann, wenn sie auf Affinitäten beruhen, reichen sie nicht hin, um Zeugnis zu geben von der Kirche, die alle sozialen Schranken überschreitet, oder um allen, die im geistlichen Leben vorwärtskommen möchten, einen festen Bezugspunkt, eine Nahrung und eine Mitbeteiligung zu sichern.

Der Priester handelt in persona Christi, im\Namen des Hauptes des Leibes, zumal in den Sakramenten, aber auch irl der Verkündigung des Evangeliums. Es ist erfreulich zu sehen, wie Laien und Ordensfrauen ihren wertvollen Beitrag in verschiedenen Formen der Katechese und der Vorbereitung auf die Sakramente leisten, aber der Priester behält darin seine spezifische Verantwortung: von ihm verlangt man ganz besonders das Wort Gottes (vgl. Dekret Presbyterorum ordinis, N. 4), und er bleibt, in gewissen Fällen mit dem Diakon, der ordentliche Spender der Sakramente.

In diesem Sinne muss schliesslich der Priester die notwendige Autonomie in seinem Amt geniessen. Er ist nicht der Delegierte der Gemeinde: er ist zu ihr gesandt. Der Gehorsam seinem Bischof gegenüber, das Zeugnis eines einfachen, armen Lebens, sein Zölibat tragen dazu bei, seine besondere Beziehung zu Christus und zur Gemeinschaft hervorzuheben. Liebe Freunde, die Treue zu unserer wundervollen Berufung stellt uns in eine Fülle der Freude, die nichts trüben soll und die niemand uns nehmen kann. Ich wünsche euch diese vollkommene Freude, die denen verheissen ist, die dem Herrn nachfolgen. Und ich wünsche, dass sie durch euch ausstrahlt auf das Antlitz der kirchlichen Gemeinschaft. Möge Unsere Liebe Frau, «causa nostrae laetitiae», euch in der Freude erhalten!

11. Zum Schluss habe ich noch eine Frage für euch. Sie betrifft den wesentlich universellen Charakter eurer priesterlichen Sendung. Mit seinem Bischof und unter dessen Führung hat der Priester eine unmittelbare Verantwortung in der Ortskirehe und eine mittelbare für die Gesamtkirehe. Das gilt übrigens für jeden Christen.

Die Kirche lebt in einer Epoche des Kampfes für die Gerechtigkeit und für den Frieden in der heutigen Welt, und sie versucht, sich ihrer Wesensart gemäss daran zu beteiligen.

Wie in ihren Anfängen und später zu ve"rschiedenen Zeiten ihrer Geschichte ist die Kirche unserer Zeit wieder eine Kirche der Märtyrer. Unter diesen sind Laien, auch Bischöfe und Priester, die aufmannigfaltige Weise (<Um des Namens Jesu willen Schmach leiden» (vgl. Apg 5,41). Sie leiden wegen ihrer Treue zum Priestertum, wegen ihres in Wahrheit und Liebe geleisteten Hirtendienstes.

Liebe Freunde, seid mit diesen Brüdern verbunden. Seid solidarisch mit ihnen. Ihr Zeugnis hilft euch, unter anderem, richtig einzuschätzen, welche Anforderungen das Priestertum anjeden von uns stellt, die wir hier in Ländern leben, in denen grundsätzlich die Religionsfreiheit besteht. Das Zeugnis dieser Brüder, von denen ich eben sprach, zeigt, wie weit die Liebe zu Christus, zur Kirche und zu den unsterblichen Seelen gehen kann!

Lernen wir diese Liebe! Lernen wir sie in Demut, jeden Tag! Von dieser Liebe her wächst die Kirche.

Im Heiligtum von Einsiedeln bitte ich die Mutter Christi, die Kirche in der Schweiz möge wachsen. Sie möge kraft einer grossen Liebe fortschreiten!

In einer Zeit der Verweltlichung und des Materialismus

[Bearbeiten] Ansprache an die Vertreter des Laienapostolates in Einsiedeln

(Deutsch)

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

1. «Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!» (Röm 1,7). Von Dankbarkeit und Freude erfüllt grüsse ich euch, die Vertreter aktiver Laien im Dienst der Ortskirchen in der Schweiz. Mein Gruss gilt den Laientheologen und Laientheologinnen, den Katecheten und Katechetinnen, die von den Diözesanbischöfen in den haupt- oder nebenamtlichen Dienst der Seelsorge und der Verkündigung der christlichen Botschaft berufen sind. Ich begrüsse die Vertreter und Vertreterinnen der verschiedenen Räte, die in Kirchgemeinden und Pfarreien tätig sind. Ich grüsse die Vertreter der vielen katholischen Vereine und Verbände, die so grosse Arbeit leisten und die Seelsorge auf unterschiedliche Weise unterstützen. Ebenso alle, die dem Geist Christi folgend in «Geistlichen Bewegungen» das Leben in der Kirche entfachen und fördern. Schliesslich richte ich meinen besonderen Gruss auch an alle diejenigen, die unauffällig aus dem Geist Christi und in Treue zur Kirche tagtäglich ihre Pflicht erfüllen in der Familie und am Arbeitsplatz.

Als Bischof von Rom, dem in der Nachfolge des heiligen Petrus die oberste Hirtensorge für die Kirche aufgetragen ist, möchte ich euch in eurem Glauben bestärken: Als Laien bildet ihr das Volk Gottes, ihr seid Glieder am Leibe Christi zusammen mit den Bischöfen und Priestern. Wir alle sind gemeinsam durch den Glauben und die Taufe hineingenommen in das Geheimnis Christi, als die vielen Rebzweige verbunden mit dem wahren-Weinstock, Jesus Christus, der uns immer wieder neue Lebenskraft spendet (vgl. Joh 15,1-8). Darum muss es stets unser erstes Anliegen sein, dieser Lebensmitte und diesem Fundament der ganzen Kirche, Christus, treu zu bleiben. Nur in ihm wird uns die Kirche zur Heimat; in ihm verbindet sie alle zu einer Gemeinschaft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe.

Der pfingstliche Geist, der einst - entgegen der babylonischen Verwirrung, entgegen allen egoistischen Bestrebungen der Sünde - Menschen über alle Sprach- und Kulturgrenzen hinweg geeint hat, belebt auch die Kirche unserer Tage. Dieser Geist des gekreuzigten und auferstandenen Herrn lebt in uns. Darum öffnet ihm euer Herz und euren Sinn! Redet miteinander und arbeitet Hand in Hand in diesem Geist: die Laien mit den Priestern und die Priester mit den Laien. (<Jeder von uns empfing die Gnade in dem Mass, wie Christus sie ihm geschenkt hat» (Eph 4,7). Darum lernt einander verstehen in den verschiedenen Diensten, die alle das gleiche Ziel anstreben. Steht füreinander ein, wie Christus für euch alle einsteht. Seid einander Heimat; schenkt einander gerne, was ihr alle von Gott umsonst empfangen habt: die Gnade der Erlösung und der Liebe. Die Kirche Christi, liebe Brüder und Schwestern, hat dank des Fundamentes, das Christus ist, und dank der Führung seines Geistes viele Stürme ihrer langen Geschichte überstehen können. Modernes Denken und Empfinden, die Entwicklung neuer menschlicher Möglichkeiten haben die Kirche vor neue schwere Fragen gestellt. Die Zahl der Gläubigen, welche sich ganz der Kirche verbunden fühlen und für die Kirche einsetzen, ist mancherorts kleiner geworden. Aber auch wenn schwere Stürme über die Kirche hinweggehen, wird sie niemals untergehen. Bestrebungen, die Gott ins Abseits drängen wollen und Zweifel an allem begünstigen, dürfen uns nicht zur Resignation verleiten. Auch ist es nicht die Art eines Jüngers Christi, die Welt zu verurteilen. Vielmehr haben wir uns als Kirche der Herausforderung und dem Ruf der Zeit zu stellen. Wir glauben, dass es keine Zeit gibt und geben wird, der die Botschaft vom kommenden Reich Gottes vorenthalten werden darf. Christus sendet in alle Welt und zu allen Generationen mit dem Versprechen: «Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt» (Mt 28,20). Qerade denen, die den letzten Sinn des Lebens und das Ziel der Geschichte aus den Augen verlieren, haben wir die christliche Frohbotschaft im Wort und im lebendigen Zeugnis zu bringen. In der Tat, die Kirche hat allen Grund, den Weg ihres mutigen Glaubenszeugnisses vertrauensvoll fortzusetzen. Denn der pfingstliche Geist stärkt sie und erweckt in ihr immer wieder neue Kräfte.

(Französisch)

2. Liebe, im Dienst der Evangelisierung engagierte Laien!

Man braucht nicht auf die besondere Notwendigkeit der heutigen Evangelisierung hinzuweisen. Ihr wisst sehr wohl, dass die Zahl der Jungen und Alten wächst, die von Fragen und oft Leiden wegen der sozio-kulturellen Veränderungen unserer Zeit bedrängt sind. Ihr wisst, dass die vitalen Bereiche des Lebens in der Gesellschaft - die Familie, die weiten Bereiche der Kultur, das Bildungswesen, die Welt der Arbeit, die Anwendung der Naturwissenschaften, die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse _ klarsichtige Führer verlangen, die ihren Brüdern und Schwestern behilflich sein können, diese vielen und komplizierten Fragen zu entziffern und mit ihnen zu leben, damit sie darin nach und nach ihren Weg zur menschlichen Reife und christlichen Vollkommenheit finden. Der ständige Weitergang der Geschichte verlangt immer wieder neue Apostel, die das Evangelium verkünden und in den irdischen Wirklichkeiten daraus leben, wie die Hefe im Teig. Diese neuen Apostel werden eifrige Jünger Christi sein, im vollen Kontakt mit ihrer Zeit und ihren jeweiligen Lebensbereichen. Sie werden zugleich Christen sein, die sich sehr engagieren in der ihrer gesellschaftlichen und beruflichen Rolle am ehesten entsprechenden apostolischen Bewegung, die immer bemüht sein soll, sich mit anderen Vereinigungen ergänzend zusammenzufinden. Das Apostolat ist um so glaubwürdiger und wirksamer, wenn die einzelnen Bewegungen einander in ihrer Verschiedenheit akzeptieren und in brüderlicher Zusammenarbeit zum gemeinsamen Ziel der Evangelisierung beitragen. Dann sind sie eine Bereicherung der Einhei t der Kirche bei ihrer Sendung. Jugendliche und erwachsene Mitglieder der Bewegungen, nehmt mehr und mehr euren Platz in den Pfarreien und Diözesen ein in Einigkeit untereinander, mit euren Priestern und euren Bischöfen! Ohne mich bei den Zwecken und Methoden jeder Bewegung aufzuhalten, möchte ich euch sehr lebhaft ermutigen, täglich aus den Quellen des christlichen Lebens zu schöpfen. Darin ist das Beispiel des Herrn Jesus beeindruckend und vorbildlich. Mitten in seiner Sendung unterbricht er seine Tätigkeit, um ausdrücklich mit seinem Vater zu sprechen, ihm zu sagen, dass er sich nach seinen Plänen richten will, dass er die Freuden und die Enttäuschungen seiner Verkündigung der Guten Nachricht in diese Sohnesbeziehung einbezieht. Nach dem Beispiel ihres Meisters bekunden die ersten Apostel, ganz besonders der heilige Paulus, klar diese ständige Verschränkung von Aktion und Kontemplation. Letzten Endes ist jeder Apostel berufen, das Geheimnis des Gottessohnes, des Gesandten vom Vater, zu leben und den anderen zu offenbaren: das Mysterium des menschgewordenen Wortes, das gekommen ist, um die Würde des Menschen und seiner Tätigkeiten zu enthüllen und zu heiligen, den Sinn seines Erdendaseins und seiner ewigen Bestimmung zu erhellen, dem Leiden des einzelnen sowie den Wechselfällen der Geschichte die Fatalität zu nehmen, und zwar mit der freien Mitwirkung des Menschen. Christus der Erlöser durchformt die Apostel von heute und befähigt sie so, ihr Leben voll für die menschliche und christliche Befreiung ihrer Zeitgenossen einzusetzen, angefangen bei denen, die ihnen am nächsten stehen, gleich welcher Gesellschaftsschicht diese angehören. Voraussetzung dafür ist, dass sie sich regelmässig aus seinem Wort und aus den seiner Kirche anvertrauten Sakramenten nähren.

(Italienisch)

3. Liebe Brüder und Schwestern, Delegierte der Pastoralräte!

Die gegenwärtige Zeit ist von starken und diffusen Tendenzen der Verweltlichung und des Materialismus gekennzeichnet, die leider in die Mentalität, die Vorstellungen, das Verhalten des heutigen Menschen eingedrungen sind. Diese Wirklichkeitsvorstellungen - die den Erfolg, den Konsum, die Effizienz um jeden Preis als «Werte» preisen und leben sind eine eigentliche Herausforderung an die Botschaft des Evangeliums. Die einzige echte und gültige Antwort darauf ist der Glaube, wenn er von allen, die an Christus glauben, klarsichtig, folgerichtig, mutig gelebt wird. Der Heilige Geist hat durch das providentielle kirchliche Ereignis des Konzils in der Kirche verschiedene Formen von erneuertem apostolischem Einsatz geweckt, die typisch und spezifisch für den Einsatz der Laien sind. In diesen Jahren wurde in zahlreichen Teilkirehen gründlicher darüber nachgedacht, wie man die kirchlichen Strukturen neuen Situationen anpassen könne, und man suchte auch nach besseren, geeigneteren Ausdrucksformen für die Teilhabe der Laien an der Sendung der Kirche. Die Pflicht zum Nachdenken und zur Anpassung hat auch die katholischen Laienbewegungen in der Schweiz erfasst und in ihnen das Wissen um ihre eigene Rolle in der Kirche, das sie zu neuen Formen der Zusammenarbeit mit den legitimen Hirten treibt, wieder belebt. Ich möchte im besonderen den seinerzeitigen Beitrag der Laien zur Durchführung der Synode und ihre aktive Präsenz in den Pastoralräten unterstreichen, wo ihr Enthusiasmus, ihre Energien, ihre Erfahrung gehört wird.

Doch ist es klar, dass diese Versuche und Bemühungen ihre letzte, authentische Bedeutung dann gewinnen, wenn sie dazu beitragen, dass in der Kirche Glaube, Hoffnung und Liebe wachsen. Durch die neuen Strukturen sollen die Teilkirehen und die Gemeinden - wie auch ihre einzelnen Glieder - immer mehr zum «Salz der Erde» und zum «Licht der Welt» werden (vgl. Mt 5, 13ff.). Als das Konzil von der Teilhabe der Laien an der Heilssendung der Kirche sprach, lag ihm daran, vor allem auf den Grundelementen zu bestehen. Es sagte: «Durch die Sakramente, vor allem durch die heilige Eucharistie, wirdjene Liebe zu Gott und den Menschen mitgeteilt und genährt, die die Seele des ganzen Apostolates ist» (Lumen gentium, Nr. 33).

Ohne dieses Ideal christlicher «Heiligkeit», zu dem wir alle berufen sind und in dem unser ganzes Handeln als Getaufte seinen Ursprung, seine Bedeutung und seine Zielsetzung findet, ist der Einsatz in den apostolischen Werken und Strukturen, wie sehr sie auch den neuen Verhältnissen angepasst sein mögen, dazu verurteilt, zu verarmen und mit der Zeit zu vertrocknen. Die ständige Umkehr des Herzens (vgl. Mt 3,2; 4,17; Mk 1,15) muss unsere Arbeit in den verschiedenen Pastoralräten beseelen und anregen. Und diese innere Erfahrung ist die unerlässliche Voraussetzung, damit die Teilhabe, selbst die selbstlose und aktive, der Laien an den verschiedenen Diensten und Aufgaben im Bereich der kirchlichen Gemeinschaft und Sendung nicht nur äussere Praxis im bürokratischen Verwaltungsstil bleibt, sondern Verheißung und Quelle der Bereicherung in der Vielfalt der Berufungen und Charismen und in der Einheit des mystischen Leibes Christi ist. Und diese Einheit muss die sprachlichen und kulturellen Unterschiede überwinden und zum Dialog, zur Zusammenarbeit, zur Solidarität, zur gegenseitigen Ergänzung anspornen im Geist loyalen Gehorsams gegenüber den Bischöfen, den Hirten und Leitern der einzelnen Diözesangemeinden.

(Deutsch)

4. Schliesslich möchte ich noch ein kurzes Wort an euch, meine Brüder und Schwestern, richten, die ihr hauptamtlich im kirchlichen Dienst steht. Ich habe schon in den vorhergehenden Erwägungen nachdrücklich unterstrichen, dass die Verbundenheit mit Christus die Basis jedes fruchtbaren Laienapostolates ist. Bei euch ist sie in doppelter Weise gefordert: wegen eures persönlichen, je eigenen Weges zum Heil; und zum andern, weil ihr bereit seid, euch für die Erfüllung einiger wichtiger pastoraler oder amtlicher Aufgaben der Kirche zur Verfügung zu stellen.

Eure Berufswahl ist in der Tat eine mutige Entscheidung. Besonders in einer Zeit, in der eine bestimmte Öffentlichkeit an den kirchlichen Dienstträgern eher die Schwächen sucht und die angebotene Hilfe übersieht; in der man nicht nur die Kirche, sondern Gott selbst häufig ins Abseits drängt. Ihr wisst darum und habt sicher die Last eines solchen Dienstes schon zur Genüge selber gespürt. Deshalb gilt euch mein besonderer Dank, dass ihr das Wagnis eines solchen kirchlichen Berufes eingegangen seid.

Ich möchte euch in eurem Dienst im Sendungsauftrag der Kirche von Herzen ermutigen. Setzt alles daran, dass auch in einer säkularisierten Umwelt die Botschaft Christi nicht ungehört verhallt. Versteht eure Berufsarbeit nicht als reinen Broterwerb. Das wäre dem inneren Sinn des Evangeliums zuwider. Bezeugt es vielmehr durch euer Wort und Beispiel, vor allem durch euer Leben. In unseren Tagen steht und fällt die Annahme der Botschaft mit der Glaubwürdigkeit des Boten, mit eurer Zeugniskraft.

Darin zeigt sich der Anspruch, den euer Dienst an euch selbst richtet. Alle Christen sind zum Zeugnis aufgerufen, vor allem jedoch diejenigen, die von Berufs wegen in einer besonderen Weise mit der Kirche verbunden sind. Damit eure Arbeit im Dienst der Frohen Botschaft Jesu Christi wirklich fruchtbar werden kann, genügt nicht nur eine rein fachliche Qualifikation, ihr selbst müsst vom Geist Christi zutiefst beseelt und durchdrungen sein. Tragt Sorge dafür, dass euer persönliches Lebenszeugnis und eure berufliche Tätigkeit dem entsprechen, was Christus von seiner Kirche und die Kirche von ihren Mitarbeitern erwartet.

Ob ihr in der kirchlichen Verwaltung arbeitet oder unmittelbar im pastoralen Dienst steht, gefordert ist von euch vor allem eine grundsätzliche Identifikation mit der Kirche, wie sie euch konkret begegnet: mit ihren menschlichen Schwächen, aber auch mit ihrem fordernden geistlichen Anspruch. Nicht kritische Distanz, sondern Vertrauen und Solidarität um der gemeinsamen Sache Christi willen befähigen euch zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit dem Apostolat des Amtes, mit den Bischöfen und Priestern, den Trägern besonderer kirchlicher Verantwortung. Das Apostolat der Laien und das Apostolat des Amtes dürfen nicht in Gegensatz zueinander gebracht werden, sind sie doch zuinnerst einander zugeordnet.

Ich weiss um die besonderen Schwierigkeiten derer, die im direkten Dienst der Glaubensunterweisung stehen. Obgleich viele geistige Strömungen die Katechese heute herausfordern, vertraut darauf, dass der Geist Gottes mit seiner Wahrheit in der Kirche lebt unq. wirkt. Begnügt euch nicht mit blosser Sachinformation, sein Wort ist stets Aufruf zum Zeugnis und zur Nachfolge. Eure Glaubensunterweisung sei stets von der Bereitschaft getragen, das verbindliche Zeugnis der Kirche und die Entscheidung derer anzunehmen, die in der Kirche von Gott den Auftrag zur Wahrung des Glaubensgutes haben. Bemüht euch darum, stets Diener und Lehrer der Wahrheit zu sein, damit «euch die Wahrheit des Evangeliums erhalten bleibe» (Gal 2,5).

5. Euch allen, Brüder und Schwestern, ob ihr direkt in der Seelsorge einer Pfarrei tätig seid, ob ihr durch eure Arbeit in Räten und Kommissionen, in Vereinen und Verbänden der Seelsorge vor-arbeitet, ob ihr in «Geistlichen Bewegungen» wirkt, danke ich nun zum Schluss noch einmal aufrichtig für euren Einsatz. Euch, die ihr euch so vielfältig als Laien in der Kirche einsetzt, rufe ich zu: «Wenn nicht der Herr das Haus baut, dann müht sich umsonst, der daran baut» (Ps 127,1). Je mehr ihr selber im Glauben wachset und je mehr ihr in die Kirche hineinwachset, um so wertvoller werden eure Dienste in der Seelsorge. Christus sei euer Ziel und die Kirche eure Heimat!

[Bearbeiten] Predigt bei der Messe zur Weihe des neuen Oberaltares der Basilika von Einsiedeln

Thema: Der Altar versinnbildet Christus

(Deutsch)

Liebe Brüder und Schwestern!

1. Unter dem Kreuze Jesu stand seine Mutter (vgl. Joh 19,25).

Als Pilger zu Unserer Lieben Frau von Einsiedeln haben wir uns heute in ihrem Heiligtum versammelt, um in Gebetsgemeinschaft mit ihr an diesem ehrwürdigen Ort das eucharistische Opfer Christi zu feiern. Ihre Gnadenkapelle steht an der historischen Stätte, wo der Benediktiner und Einsiedler Meinrad (t 861) vor über tausend Jahren durch sein heiliges Leben und Sterben die Fackel des Glaubens und der Gottesverehrung im sogenannten «Finstern Wald» entzündet hat. Die Söhne des heiligen Benedikt haben diese durch ihr treues Gebet und Lebenszeugnis die Jahrhunderte hindurch brennend erhalten und an die nachfolgenden Generationen bis auf den heutigen Tag weitergereicht. An diesem Ort des Gebetes, der dem göttlichen Erlöser geweiht war, hat auch seine Mutter als Unsere Liebe Frau von Eirisiedeln inmitten des Schweizervolkes eine bleibende Stätte und den Ort ihrer besonderen Verehrung gefunden.

So grüssen wir heute Maria in diesem Heiligtum als die Mutter unseres Erlösers, der sie am Kreuz auch uns zur Mutter gegeben hat. Wir reihen uns geistig ein in die endlose Schar der Pilger, die von Generation zu Generation in dieses Gotteshaus gekommen sind, um sie seligzupreisen, weil der Mächtige Grosses an ihr getan hat (vgl. Lk 1,48-49). In diesem grossen Chor von Betern wollen wir zugleich mit Maria, der Mutter Jesu, «einmütig im Gebet» verharren (vgl. Apg 1,14) und zusammen mit ihr die Grosstaten Gottes preisen, der «sich erbarmt von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten» (Lk 1,50). Wir sind hierher gekommen, um nach der Tradition des Volkes Gottes, das in diesem Land lebt, zusammen mit der demütigen Magd des Herrn die heiligste Dreifaltigkeit anzubeten: Vater, Sohn und Heiliger Geist; um das Werk der Erlösung zu betrachten und zu verehren, das sich hier seit so vielen Generationen mit ihrem mütterlichen Beistand vollzieht. Wir tun dies in unserer eucharistischen Versammlung um diesen Altar, der Christus versinnbildet und der dafür heute seine besondere kirchliche Weihe erhalten soll.

Herzlich grüsse ich alle, die sich mit uns zu dieser Eucharistiefeier versammelt haben oder sich im Geiste mit unserem Gottesdienst vereinigen. Ich grüsse die Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt, die Ordensleute, alle Pilgerinnen und Pilger sowie die Vertreter der staatlichen Behörden. Einen ganz besonderen Gruss richte ich an die anwesenden behinderten Brüder und Schwestern, die durch ihre Gebrechen und Prüfungen in einer besonderen Weise mit dem Leiden unseres Herrn verbunden sind.

2. Bei der heutigen Feier der Eucharistie weihen wir den neuen Altar dieser Basilika. Die Weihe bereitet den Altar dazu vor, dass auf ihm das eucharistische Opfer dargebracht werden kann: das Opfer, in dem unter den Gestalten von Brot und Wein auf sakramentale Weise das Kreuzesopfer Christi erneuert wird. Dieses Sakrament ist das Sakrament unserer Einheit mit Gott im Tod und in der Auferstehung seines Sohnes.

In diesem Sakrament treten wir vor den heiligen Gott, ja begegnen wir der Heiligkeit Gottes selbst auf unmittelbare Weise - durch Jesus Christus: «durch ihn, mit ihm und in ihm». Wie heilig muss dann der Ort selber sein, auf dem dieses Sakrament gefeiert wird!

Wenn wir am Beginn des eucharistischen Hochgebetes das dreimalige «Heilig, heilig, heilig ... » singen, so erklingt in diesem Gesang gleichsam ein «fortwährendes Echo jener Vision des J esaja, an die uns die Schriftlesung in der heutigen Laudes erinnert hat: «Ich sah den Herrn ... Serafim standen über ihm. Jeder hatte sechs Flügel ... Sie riefen einander zu: 'Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere .. .'» (Jes 6,1- 3).

Zugleich steigt durch die Eucharistie, in der sich das Geheimnis von Kreuz und Auferstehung Christi erneuert, diese Heiligkeit Gottes zu uns herab. Sie tritt im geopferten Gotteslamm leibhaftig in unsere Mitte und nähert sich unseren Herzen. In gewissem Sinn berührt sie - wie bei Jesaja - mit einem glühenden Stein vom Altar auch unsere Lippen.

Unsere Begegnung mit dem heiligen Gott fordert stets auch unsere persönliche Reinigung und Heiligung. Gott selbst schenkt sie uns als Frucht der Erlösung, die die nie versiegende Quelle des Heils für uns Menschen ist. Wie Jesaja dürfen wir von ihm die trostvollen Worte hören: « ... deine Sünde ist gesühnt» (J es 6,7). Gott vermittelt uns seine heiligmachende Gnade vor allem durch die Sakramente der Kirche, aber auch durch unser Gebet und durch jede gute Tat, die wir aus Liebe zu ihm und zu unseren Mitmenschen verrichten. Das geistliche Leben des Christen formt sich und wächst durch eine ständige Reinigung. Je mehr die Dunkelheit der Sünde in uns schwindet, um so mehr können wir vom Lichte Christi erfasst werden. Wir werden dadurch zugleich fähig, uns mit ihm in seiner Heilssendung für die Welt zu vereinen.

3. Unser ganzes Leben muss reinigende Vorbereitung auf unsere Begegnung mit dem heiligen Gott sein: einmal in der Ewigkeit, aber auch schon jetzt in der Eucharistie. Das Evangelium der heutigen Liturgie ermahnt uns ausdrücklich: «Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe» (Mt 5,23-24). Unsere Teilnahme an der Eucharistie, die eine Quelle unserer Versöhnung mit Gott ist, soll zugleich auch Quelle unserer Versöhnung mit den Menschen sein. Unser konkreter Alltag konfrontiert uns immer wieder unerbittlich mit Konflikten und Spannungen, mit Hass und Feindschaft: im eigenen Herzen, in der Familie, in der Pfarrgemeinde, am Arbeitsplatz und zwischen den Völkern. Je mehr die Menschen sich nach Verständigung und brüderlicher Eintracht untereinander sehnen, um so unerreichbarer scheinen diese für sie zu werden. Um so eindringlicher ist sich deshalb die Kirche heute dessen bewusst, dass ihr von Gott «das Wort der Versöhnung zur Verkündigung anvertraut» worden ist (2 Kor 5,19). Gott, der von uns Versöhnung fordert, bevor wir unsere Opfergabe zum Altar bringen, ist zugleich selber bereit, uns durch Christus und die Kirche zu dieser Versöhnung zu befähigen. Denn er hat «in Christus die Welt mit sich versöhnt» (2 Kor 5,19) und uns in der Kirche das kostbare Sakrament der Versöhnung geschenkt. Wahre Versöhnung unter entzweiten und verfeindeten Menschen ist nur möglich, wenn sie sich gleichzeitig mit Gott versöhnen lassen. Echte Bruderliebe gründet in der Liebe zu Gott, der der gemeinsame Vater aller ist.

Versöhnen wir uns also, liebe Brüder und Schwestern, die wir nun unsere Opfergabe zum Altar bringen wollen, in solch aufrichtiger Gottes- und Nächstenliebe mit allen, die etwas gegen uns haben. Versöhnen wir uns innerhalb unserer kirchlichen Gemeinschaft als Brüder und Schwestern in Christus! Nehmen wir Rücksicht aufeinander: der im Glauben Gebildete und Fortgeschrittene auf das Empfinden und die Frömmigkeit der einfachen Gläubigen; der stark Traditionsverbundene auf jene, die sich im Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils um eine authentische Erneuerung des religiösen und kirchlichen Lebens bemühen. Anstatt andere zu verwirren oder zu verletzen, müssen wir vielmehr auf Ausgleich und Verständigung bedacht sein, damit wir im gegenseitigen Ertragen, in Geduld und Liebe gemeinsam das Reich Gottes in unserer Mitte auf erbauen, das ein Reich der Versöhnung und des Friedens ist. Nur so wird unsere tägliche Opfergabe auf unseren Altären bei Gott gnädige Annahme finden. Der Altar versinnbildet Christus, der - wie der Apostel sagt - «unser Friede» ist (Eph 2,14). Darum wird es gleich auch im Weihegebet heissen: «Dieser Altar sei ein Ort des vertrauten Umgangs mit dir und eine Stätte des Friedens» (Die Feier der Altarweihe, 48). Das Wesen des eucharistischen Opfers selbst, das ein Opfer der Versöhnung ist, und die uns darin begegnende Heiligkeit Gottes verlangen von uns diese vorbereitende Reinigung durch unsere Versöhnung mit den Mitmenschen.

4. Die Versöhnung mit den Brüdern und Schwestern öffnet uns den Weg zur Eucharistie, zum Opfer, dem Sakrament unserer Einheit mit Gott in Jesus Christus. Als in seinem Namen Getaufte und mit der Gabe des Heiligen Geistes Gefirmte und Gesalbte wurden wir zu einer «heiligen Priesterschaft». Zusammen mit Christus feiern wir in der Eucharistie seine liebende Hingabe an den Vater und werden in innigster Vereinigung mit ihm durch den Empfang seines geopferten Leibes und Blutes selber im Heiligen Geist Altar und eine Gott wohlgefällige Opfergabe. Dadurch ist die Eucharistie zugleich Höhepunkt im geistlichen Leben des Christen und Quelle für seine Spiritualität. Der heilige Gregor der Grosse fragt deshalb: «Was ist der Altar Gottes, wenn nicht das Herz derer, die ein gutes (christliches) Leben führen?» (Hom. in Ez. ILlO,19). Und der Apostel schreibt: «Angesichts des Erbarmens Gottes ermahne ich euch, meine Brüder, euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen~ das Gott gefällt; das ist für euch der wahre und angemessene Gottesdienst» (Röm 12,1). Unser ganzes Leben, unser Denken und Tun, soll ein Akt gläubiger Gottesverehrung werden und mit Christus als wohlgefällige Gabe auf dem Altar zum Lobpreis des Vaters aufgeopfert werden.

Die Eucharistie, das Opfer Jesu Christi, das auf sakramentale Weise auf den Altären der Kirche - heute auf diesem neugeweihten Altar - Gott dargebracht wird, bildete von Anfang an den Mittelpunkt der christlichen Gemeinschaft und die tiefste Quelle des geistlichen Lebens eines jeden Christen. Wie wir soeben aus der Apostelgeschichte gehört haben, formten sich die ersten Christen zu einer Gemeinschaft, indem sie einmütig im Tempel verharrten und in Freude und Einfalt des Herzens miteinander Mahl hielten. Sie verharrten «in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten» (Apg 2,42ff.). In dieser Weise lebt die Kirche seit dem Beginn ihrer Geschichte. Die Eucharistie ist der Mittelpunkt der christlichen Gemeinschaft, weil Christus in ihr der Kirche alle Gnadenschätze seines erlösenden Kreuzesopfers erschliesst und die Gläubigen für ihre christliche Bewährung im Leben des Alltags mit seinem eigenen Fleisch und Blut nährt.

Diese innere Verbundenheit der Gläubigen mit Christus ist zugleich die Quelle der Einheit und brüderlichen Solidarität in der christlichen Gemeinde. Die besondere Beziehung zu Gott durch die Teilnahme am Opfer Christi erzeugt und fördert Gemeinschaft und Brüderlichkeit unter den Menschen. Die vertikale und horizontale Dimension der christlichen Berufung treffen sich im Zeichen des Kreuzes und finden darin ihre innere Einheit. Wie uns die Apostelgeschichte ebenfalls berichtet, hielten die ersten Christen nicht nur Gemeinschaft in der Feier der Eucharistie, sondern verkauften auch «Hab und Gut und gaben davon allen, jedem so viel, wie er nötig hatte» (Apg 2,45).

Das Geheimnis der Eucharistie ist ein Geheimnis der Liebe, das uns selber in Pflicht nimmt. Die Gemeinschaft im Brechen des eucharistischen Brotes macht uns um so empfänglicher für die Not, den Hunger und die Leiden unserer Mitmenschen. Wenn wir von dem Brot essen, durch das Christus uns Leben schenkt von seinem göttlichen Leben, müssen auch wir bereit sein, unser Leben mit dem Mitbruder zu teilen. Wenn wir uns aus dieser Quelle der Liebe nähren, sind auch wir aufgerufen, nicht nur etwas zu geben, sondern uns selbst im Dienst am Nächsten hinzugeben. Die frühe christliche Gemeinde hat uns dies beispielhaft vorgelebt. Deshalb konnten die Heiden von diesen Christen voller Bewunderung sagen: «Seht, wie sie einander lieben!» (Tertullian, PL 1,471).

Bei der AltarWeihe wird uns das festliche Anzünden der Lichter am Altar an Christus erinnern, «das Licht zur Erleuchtung der Heiden» (vgl. Lk 2,32). Christus, der in der brüderlichen Liebe einer Gemeinde gegenwärtig ist, ist ein Licht, das über den Bereich der Kirche hinaus strahlt. Es hat eine missionarische Kraft. Darum heißt es von der ersten Christengemeinde: «Der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten» (Apg 2,47). Feiert deshalb, liebe Brüder und Schwestern, die heilige Eucharistie stets so, dass das Licht Christi von dort in euer Leben im Alltag und in die Welt hinausstrahlt. Feiert die «Missa» so, dass sie zur «Missio» führt: zur christlichen Sendung bei den Menschen.

5. Christus selbst verweist uns vom Kreuz herab aufseine Mutter: Seht da, eure Mutter! Die Mutter der göttlichen Gnade. Gerade sie ist ja der göttlichen Kraft der Erlösung durch Christus besonders nahe. Sie ist uns als Mutter unseres Erlösers auch nahe bei dieser Eucharistiefeier, in der wir den neuen Altar in ihrem Heiligtum von Einsiedeln weihen. Sie lehrt uns, wie wir aus unseren Begegnungen mit Christus in der Eucharistie immer wieder neue Kraft und Orientierung für unser geistliches Leben schöpfen können: «Was er euch sagt, das tut!» (Joh 2,5). Sie lehrt es uns selbst durch das Beispiel ihres eigenen Lebens. Als Jungfrau von Nazaret wie als Mutter des gekreuzigten und auferstandenen Herrn, an Pfingsten im Gebet mit den Jüngern vereint, lebt sie die innerste Bereitschaft des Herzens für das Kommen des Gottesreiches. Sie, der dieses ehrwürdige Heiligtum eures schönen Schweizerlandes geweiht ist, soll euch darin Vorbild und Lehrerin sein. Sie hat die Geheimnisse Gottes «in ihrem Herzen überdacht» (vgl. Lk 2,19.51). Als demütige Magd des Herrn liess sie sich von Gottes Heilsplan und -wirken völlig in Dienst nehmen. Sie hat ihr «Fiat», ihr vorbehaltloses Ja zu Gott gesagt.

Lasst uns also, liebe Brüder und Schwestern, an diesem neugeweihten Altar zusammen mit Maria unter das Kreuz ihres Sohnes treten und in unserer Eucharistiefeier mit ihr die Grosstaten Gottes preisen. Sie hilft uns, die allesüberragende Heiligkeit Gottes zu erkennen. Sie führt uns zu unserer Versöhnung mit Gott in Christus. Sie lehrt uns die brüderliche Einheit untereinander und unsere Verantwortung für die Verkündigung des Evangeliums. Sie lehrt uns glauben, hoffen und lieben, und so unser Leben ganz aus dem Geiste Christi zu gestalten. Lasst uns diese heilige Eucharistie so feiern, dass auch in unseren Herzen jene Worte erklingen und Wirklichkeit werden, die Maria bei der Verkündigung in Nazaret gesprochen hat: «Ich bin die Magd des Herrn: mir geschehe, wie du gesagt hast» (Lk 1,38). Amen.

[Bearbeiten] Ansprache an die Vertreter der Schweizer Missions- und Hilfswerke in Einsiedeln

Thema: Das Bewußtsein der Mitverantwortung fördern

(Deutsch)

Liebe Brüder und Schwestern!

Bei meinem Pastoralbesuch in der Schweiz darf auch eine Begegnung mit Vertretern der schweizerischen Missionskräfte und der kirchlichen Hilfswerke nicht fehlen. Der opferbereite Einsatz der Schweizer Katholiken für den Missionsauftrag der Kirche und ihre zahlreichen Spendenaktionen für notleidende Mitmenschen, vor allem in Ländern der Dritten Welt, gereichen der katholischen Kirche dieses Landes zur besonderen Ehre und Auszeichnung.

1. Durch die verschiedenen Missions- und Hilfswerke versuchen die Gläubigen und alle Mitwirkenden, die ihr hier vertretet, nach dem Beispiel des Herrn durch Verkündigung und Diakonie in eurem Land und in der Welt den Dienst der Liebe zu vollziehen. Diese Aufgaben gehören zum Wesen der Kirche. Alle Menschen haben ein Anrecht darauf, dass ihnen die Frohe Botschaft Christi verkündet wird und sie seine Menschenfreundlichkeit erfahren. Die Sendung der Kirche gilt dem ganzen Menschen, seinem zeitlichen und ewigen Heil. Sie verwirklicht sich in der umfassenden Heilssorge für den Menschen im religiösen, geistig-personalen und materiellen Bereich. Die brüderliche Solidarität der Christen gilt vor allem jenen, die hungern und dürsten nach Lebenssinn, Brot und Gerechtigkeit, nach Menschenwürde und nach dem erlösenden Erbarmen Gottes. Der mitverantwortliche, opferbereite Einsatz der Gläubigen in euren Missions- und Hilfswerken entspricht somit dem Geiste des Herrn, der von sich selber gesagt hat: «Ich bin gekommen, dass sie das Leben haben und dass sie es in Fülle haben» (Joh 10,10).

Ohne gelebte Brüderlichkeit untereinander und füreinander kann es keine christliche Gemeinschaft geben. Daher ermahnt uns der heilige Paulus: «Einer trage des andern Last: So werdet ihr das Gesetz Christi erfüllell» (GaI6,2). Angesichts der ständig wachsenden Weltbevölkerung ist die weltweite Glaubensverkündigung und eine verstärkte zwischenkirchliche Hilfe ein besonderes Gebot der Stunde. Die ungeheure Zahl der Armen, der Hungernden, der Flüchtlinge undjener Menschen, die sich nach mehr Gerechtigkeit und Freiheit sehnen, ist für uns Christen eine Herausforderung, nicht nur wohlwollend Hilfe zu leisten, sondern auch die Ursachen der Nöte umfassender zu studieren und diese zu beseitigen. Eine besondere Verantwortung haben hierbei vor allem die reichen Nationen. Wer immer zu den Begüterten zählt, möge die «soziale Hypothek» bedenken, die nach grosszügiger privater, kirchlicher und staatlicher Hilfe ruft.

2. Ich weiss um die zahlreichen Institutionen und Organisationen, die sich in eurem Land hochherzig dafür einsetzen, dass unter den Gläubigen das Bewusstsein der Mitverantwortung für die Glaubensverkündigung und die Solidarität mit den notleidenden Brüdern und Schwestern in der Welt wachsen. Stellvertretend für alle möchte ich hier nur erwähnen: die in der Mission und Diakonie tätigen religiösen Orden und Kongregationen, den Schweizerischen Katholischen Missionsrat, die Päpstlichen Missionswerke «MISSIO», den Caritasverband, das Fastenopfer der Schweizer Katholiken. Eine besondere Erwähnung verdient auch die Römisch-Katholische Zentralkonferenz, dank deren umsichtigen Wirkens auch immer mehr reguläre kirchliche Steuermittel eingesetzt werden können.

Es ist mir ein besonderes Anliegen, während dieses Pastoralbesuches den Bischöfen, allen Verantwortlichen und Mitwirkenden sowie allen opferbereiten Gläubigen in der Schweiz für dieses tatkräftige Zeugnis christlicher Nächstenliebe in Mission und Diakonie im Namen der Kirche aufrichtig zu danken. Möge der Geist des brüderlichen Teilens in der Gemeinschaft der Kirche noch weiter wachsen und sich vertiefen, damit die erlösende Heilsbotschaft Christi immer glaubwürdiger verkündet und gelebt wird. Darin bestärke euch Christus, der Herr, mit meinem besonderen Apostolischen Segen.

[Bearbeiten] Ansprache an die Jugendlichen aus der deutschsprachigen Schweiz in Einsiedeln

Thema: "Habt Geduld mit der Kirche!"

(Deutsch)

Meine lieben jungen Freunde!

1. Der heutige Abend soll ganz euch gehören. Dies ist für mich eine grosse Freude. Meine Begegnungen mit den Jugendlichen in den verschiedenen Ländern und Kontinenten während meiner Pastoralbesuche sind mir unvergesslich und besonders teuer. Denn ich setze viel Hoffnung gerade auf euch, junge Menschen und Christen. Ihr seid die Zukunft der Welt und der Kirche. Dafür tragt ihr eine grosse Verantwortung. Ich habe soeben mit Delegierten eurer Jugendverbände gesprochen. Sie haben mir ihre Erfahrungen und ihre Ängste, ihre Erwartungen und Hoffnungen anvertraut. Jetzt möchte auch ich meine Gedanken, Anliegen und Sorgen euch ans Herz legen und euch bitten, mit mir zusammen euren Auftrag in Kirche und Welt zu bedenken. Ich tue es in grosser Dankbarkeit für eure Gegenwart und auch für eure Seelsorger, die ihre Kraft ganz in den Dienst der Jugend stellen.

Ihr fragt euch oft, allein oder in Gemeinschaft: «Was macht im letzten mein Leben aus? Wo finde ich unbedingt Erstrebenswertes, das meinem Leben Sinn und Halt gibt, Beständigkeit und Zuverlässigkeit verleiht?» Mit einer euch jungen Menschen eigenen Sensibilität ringt ihr um die tieferen Fragen nach dem Woher, dem Wozu, dem Wohin des Lebens; haltet ihr Ausschau nach wahren Werten, die für euch wichtig sind; sucht ihr nach Idealen, die euer Leben bereichern und für die zu kämpfen ihr bereit seid. Ich rufe euch zu: Lasst euch von eurem Suchen nicht abhalten, gebt euch nicht mit billigen Antworten zufrieden, prüft mit wachen Augen, was euch zum wahren Lebensglück dient.

Ein weiteres: Ihr jungen Menschen spürt in einer besonderen Weise die grosse Verantwortung für das Leben und Überleben der Menschen in unserer gefährdeten Welt. Deshalb sprecht ihr sehr freimütig und offen eure Ängste aus: eure Angst vor dem stets grösser werdenden Gefälle der Ungerechtigkeit zwischen Reichen und Armen, eure Angst vor der Gefährdung des Friedens in unserer Welt durch die ungeheure atomare Aufrüstung und eure Angst vor dem Verlust des Lebenssinnes durch die in unseren Gesellschaften weitverbreitete Konsumhaltung. Ich teile eure angstvollen Sorgen und Befürchtungen, denn es sind auch meine Sorgen, die ich schon oft ausgesprochen habe. Behaltet den Mut zu eurem besorgten Fragen und Suchen! Denn es ist unvernünftig, keine Angst haben zu wollen oder sie gar zu verdrängen dort, wo Angst uns Menschen im Blick auf unsere Welt wirklich geboten ist. Ihr jungen Menschen seid manchmal noch die einzigen, die ihre Befürchtungen und Ängste aussprechen. Das ist euer Recht und eure Pflicht gegenüber einer Welt und Gesellschaft, die ihr selbst noch nicht zu verantworten habt und die euren berechtigten Hoffnungen und Idealen in vielem nicht entspricht.

2. Lasst euch jedoch durch eure Ängste nicht mutlos machen. Tragt Sorge dafür, dass ihr in eurem Lebenswillen und in eurer Suche nach einem sinnvollen Lebensstil nicht resigniert. Denn Resignation ist eine Form der Anpassung an die Hoffnungslosigkeit der heutigen Zeit, und zwar die ohnmächtigste Form. Ihr aber seid die Hüter der Flamme der Hoffnung in dieser Welt. So wie euer Feuer, das ihr an Pfingsten entzündet habt, jetzt die beginnende Nacht erhellt, so sollt auch ihr immer wieder das Licht suchen in der Dunkelheit eures Lebens und unserer Welt. Und dieses Licht lässt auf diesem Platz das eigentliche und wahre Zeichen der Hoffnung sichtbar werden: das Kreuz, das euch an ein Ostertreffen erinnert. Dieses Kreuz ist das Standbild der Hoffnung und Zukunft für unsere Welt. Von ihm kommt uns die Stimme desjenigen entgegen, den die Menschen nicht ertragen und ans Kreuz geschlagen haben, der uns aber wie niemand sonst Mut macht: «In der Welt habt ihr Angst; aber habt Mut:

Ich habe die Welt besiegt» (Joh 16,33). Richtet deshalb euren Blick und euer Herz immer wieder auf das Kreuz und betet den Gekreuzigten an. Von ihm strömt Lebenskraft aus, damit ihr nicht verzweifelt, sondern den langen Atem der Hoffnung bewahrt.

Ihr wollt, dass euer Leben nicht sinnlos und belanglos wird, sondern dass es gelingt und glückt. Das war der Ausgangspunkt unserer Überlegungen. Auf die alles entscheidende Frage, wie dies zu erreichen ist, kann es für mich, und so hoffe ich, auch für euch nur eine Antwort geben: Glauben! Denn genau dies heißt «glauben»: bis in die letzten Fasern eures Lebens hinein euch auf den lebendigen Gott selber einzulassen und euren Alltag von ihm her, mit ihm und auf ihn hin zu leben. Gott selbst ist ja ungewöhnlich, ja er sprengt all unsere Vorstellungskraft: Unserer Zeit ist es vorbehalten, dass wir dank der Naturwissenschaften Einblicke in die Geheimnisse des Lebens tun dürfen, Einblicke in die grossartigen Gesetze der Ordnung des Makrokosmos und des Mikrokosmos gewinnen, hinter denen wir die Grösse des Schöpfergottes zu ahnen vermögen. Und dieser Gott ist ungewöhnlich, denn er ist selber einer von uns geworden, ist das Wagnis des Lebens mit uns eingegangen. Zusammen mit diesem alle menschlichen Grenzen sprengenden Gott kann auch euer Leben zu einem ungewöhnlich reichen und faszinierenden Abenteuer werden.

3. Dieser lebendige Gott begegnet euch in Jesus Christus. In ihm, in Jesus Christus, offenbart sich euch das ganze Wesen dieses Gottes, das lauter Liebe ist. Mit dieser Liebe spricht Gott jeden einzelnen von euch als Sohn, als Tochter an. Und nichts und niemand soll euch von dieser Liebe Gottes in Christus trennen (vgl. Röm 8,39), in welcher euer ganzes Leben mit all seinen Rätseln geborgen ist.

Jeder einzelne begegnet Christus und seiner befreienden Botschaft auf ganz persönliche Weise. Ich ermutige euch: Tretet vor ihn. Lasst euch ansprechen von ihm. Setzt euch auseinander mit ihm. Er lehrt euch Grundhaltungen, mit denen das Leben menschenwürdig zu meistern ist. Er befreit euch von Manipulation und Vereinnahmung durch Modetrends und Meinungsmacher. Er führt euch einen Weg, auf dem ihr euch selber erkennen und zu euch finden könnt, wer ihr seid, wofür ihr lebt und was das Ziel eures Lebens ist. Er führt euch zu eurer ewigen Bestimmung in Gott.

Seid also offen für den Anruf Gottes in Christus. Vernehmt daraus, was Gott für euer Leben will, und antwortet ihm durch euren Glauben. «Glauben» - dies ist unsere Kurzformel für den «alternativen Lebensstil», den ihr sucht und zu dem ich euch heute abend gerne ermuntern möchte.

4. Christsein, liebe junge Freunde, bedeutet bereits ja sagen zu einem alternativen Leben, das sich nicht in den Bahnen dieser Welt erschöpft, sondern das Sinn und Ziel im Geheimnis Gottes hat. Christsein bedeutet bereits ja sagen zu einem alternativen Leben, das nicht mit allem einverstanden ist, was auf dieser Erde geschieht, sondern sich selbst kritisch einbringt und am Aufbau einer immer gerechteren Welt mitarbeitet. Christsein bedeutet bereits ja sagen zu einem alternativen Leben, das nicht alles für erlaubt hält, was der Mensch zu tun vermag, sondern das seine Verantwortung wahrnimmt für die gesamte Schöpfung, nämlich Leben zu erhalten, es zu beschützen und weiterzugeben.

Denn Christsein bedeutet, sich zu Christus zu bekennen, der von sich gesagt hat: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben» (Joh 14,16). Im Bekenntnis zu ihm, dem menschgewordenen Gott, dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn, könnt ihr auf sein Wort hin euer Leben wagen; braucht ihr nicht zu resignieren vor euren eigenen Schwierigkeiten noch angesichts der grossen Probleme unserer Zeit; im Bekenntnis zu Christus werdet ihr erkennen, dass die Wahrheit euch frei macht, die Lüge den Menschen aber knechtet; ist es euch möglich, in jedem Menschen den Bruder, die Schwester zu sehen, über alle Schranken der Rasse, der Religionen, der politischen Grenzen hinweg. Im Bekenntnis zu Christus habt ihr an einem Leben Anteil, das alle Ausweglosigkeit und Verzweiflung, ja selbst den Tod besiegt hat. Denn Gott hat uns in der Auferstehung Christi das Kreuz als Ort der Hoffnung und des Sieges über alles Leiden, über Schuld und Todesverfallenheit geschenkt. Christus ist daher der einzig gültige «alternative» Weg zu den vielen Irrwegen dieser unserer Welt.

5. Zu diesem «alternativen Lebensstil» gehört auch, dass ihr nicht bloss Einzelkämpfer seid, sondern dass ihr euch zu einer lebendigen Gemeinschaft zusammenschliesst und teilnehmt an der weltweiten Gemeinschaft der Kirche. Denn die Kirche ist die Gemeinschaft der Glaubenden und Hoffenden, die aus der Kraft des Kreuzes Jesu Christi heraus leben. Vielleicht allerdings habt ihr manchmal den Eindruck, dass die Kirche zuwenig eine solche Gemeinschaft ist. Ihr mögt auch mitunter Schwierigkeiten mit ihr haben. Ich kann eure Sorgen verstehen. Ich möchte euch aber heute Abend ein Zweifaches sagen und euch um ein Doppeltes bitten: Habt Geduld mit der Kirche! Die Kirche ist immer auch eine Gemeinschaft von schwachen und fehlerhaften Menschen. Und ich möchte hinzufügen: Das ist zugleich unser aller Glück. Denn in einer Kirche von nur Vollkommenen hätten wir wohl selber keinen Platz mehr. Gott selbst will eine menschliche Kirche. Deshalb kann es auch Kritik an der Kirche geben, aber sie muss fair sein und getragen von grosser Liebe zur Kirche. Gott hat sein Heilswerk, seine Pläne und Anliegen in die Hand von Menschen gelegt. Dies ist gewiss ein grosses Wagnis; aber es kann keine andere Kirche geben als die von Christus gestiftete. Er will uns Menschen als seine Mitarbeiter in der Welt und in der Kirche mit all unseren Mängeln und Unzulänglichkeiten, aber auch mit all unserem guten Willen und unseren Fähigkeiten. Er will auch euch!

Deshalb meine zweite Bitte an euch: Stellt euch der Kirche zur Verfügung und arbeitet mit in der Art und Weise, wie es dem RufJesu Christi an euch entspricht! Folgt Jesus Christus nach! Stellt euer Leben in seinen Dienst! Dies gibt eurem Leben tiefsten Sinn und Inhalt. Zögert nicht, aufs Ganze zu gehen und ihm auch dann zu folgen, wenn er euch wie dem reichenjungen Mann sagt: «Verkauf alles, was du hast, verteil das Geld an die Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!» (Lk 18,22). Stellt so eure jugendlichen Talente auch der Kirche vorbehaltlos zur Verfügung! Die Kirche braucht euch an vielen Stellen, vor allem auch im Priester- und Ordensberuf. Ihr seid die Zukunft der Kirche. Ihr selbst seid verantwortlich dafür, dass die Kirche jung bleibt und immer wieder jung wird.

[Bearbeiten] Samstag, den 16. Juni 1984

[Bearbeiten] Ansprache an die Tätigen im Bereich der sozialen Kommunikationsmittel

Thema: "Mit Herz und Gewissen"

(Französisch)

Sehr geehrte Damen und Herren!

1. Gewiss waren diese Tage und Wochen für Sie und alle, die mit Ihnen in Presse, Radio und Fernsehen zusammenarbeiten, mit manchen zusätzlichen Anstrengungen verbunden. Um so mehr freue ich mich über diese kurze Begegnung mit Ihnen als den Vertretern aller Medienschaffenden in der Schweiz. Ich möchte Ihnen, Ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen aufrichtig danken für Ihre grossen Bemühungen um eine mediengerechte Vermittlung der vielfältigen Ereignisse und der geistlichen Botschaft meines Pastoralbesuches an die Menschen in diesem Land und weit darüber hinaus. Durch Ihre hilfreiche Arbeit ist es mir möglich, von einigen wenigen Orten der Schweiz aus allen ihren Bewohnern oder zumindest der gros sen Mehrheit von ihnen gleichsam persönlich nahezukommen und mein Wort an sie zu richten.

Wie bei jedem Pastoralbesuch geht es mir auch bei meinem Besuch in Ihrem Land, zu dem auch Sie mit Ihrer Arbeit massgeblich beitragen, an erster Stelle um die Sache Jesu Christi, um seinen Auftrag und seine Botschaft an die Menschen unserer Zeit. Er hat uns einen Weg gezeigt, unser persönliches und gemeinschaftliches Leben menschenwürdig und lebenswert zu gestalten. Um das religiöse Geschehen dieser Tage und seinen tiefen Inhalt persönlich zu verstehen und in der richtigen Weise durch Wort und Bild an andere Menschen weiterzuvermitteln, bedarf es jedoch mehr als eines guten Schreibtalentes oder eines erstklassigen Teleobjektivs und Filmmaterials. Es braucht dazu das Auge und Herz eines Menschen, der offen ist für geistige und religiöse Werte und Wahrheiten, der bereit ist, danach zu suchen. Es braucht vor allem das erklärende, vertiefende, wertende Wort des Kommentators, der seinen Lesern, Zuhörern oder Zuschauern die tiefere Bedeutung dieser reichhaltigen religiösen Ereignisse nahebringt. Damit ist der im Medienbereich Schaffende nicht nur gefordert als einer, der seine Technik gut beherrscht, sondern mehr noch als Mensch mit Herz und Gewissen, mit tiefem menschlichem Einfühlungsvermögen und Verantwortungsbewusstsein. Ich wünsche Ihnen deshalb, dass Sie das Geschehen und die Botschaft dieser Pastoralreise sowohl mediengerecht als auch in ihrem geistigen Gehalt an Ihre Adressaten vermitteln, vor allem aber, dass Sie diese auch selbst persönlich in sich aufnehmen und für Ihr eigenes Leben und Wirken bedenken.

(Deutsch)

2. Als Medienschaffende tragen Sie von Ihrer beruflichen Sendung her eine gros se Verantwortung. Infolge der Entwicklung und der ständigen technischen Vervollkommnung der Kommunikationsmittel sind die einzelnen Menschen und Völker einander näher gerückt. Gegenseitige Beeinflussungen und Abhängigkeiten treten immer deutlicher hervor. Dank Ihrer Stellung und Ihrer Kompetenzen im Medienbereich stellen Sie sich täglich Fragen wie: Wie kann man die zur Verfügung stehenden Mittel und Kenntnisse immer wirksamer in den Dienst des Menschen stellen? Was soll man dem Hörer bzw. Leser zu seiner Information, zu seiner persönlichen Entfaltung und Weiterbildung anbieten, um seinen Sinn für Gemeinschaft zu stärken und seinen Blick auf die Mitmenschen zu schärfen? In der richtigen Beantwortung dieser Fragen liegt Ihre hohe Verantwortung vor Gott und den Menschen sowie der entscheidende Einfluss, den Sie auf die öffentliche Meinung ausüben.

Der Journalist weiss, dass er in seiner Tätigkeit nicht nur für das verantwortlich ist, was er sagt, schreibt oder am Fernsehen zeigt, sondern auch für die Art, wie er seinen Stoff behandelt. Lassen Sie nicht zu, dass die Medien zur Manipulierung der öffentlichen Meinung missbraucht werden. Achten Sie sorgfältig darauf, dass die Nachrichtenübermittlung nicht im Oberflächlichen steckenbleibt, und wirken Sie der Tendenz entgegen, das Negatie oder Sensationelle auf Kosten der Rechte jedes einzelnen Menschen in den Vordergrund zu stellen. Es gibt keine wertfreie Information oder Kommunikation. Es liegt an Ihnen, jenen Werten Ausdruck zu verleihen, die verbreitet zu werden verdienen, weil sie den Aufbau der Gemeinschaft und die Entfaltung des Menschen fördern. Ich möchte Sie ermutigen, in einer dem christlichen Lebensideal oft feindlich gesinnten Umwelt alle Ihre Fähigkeiten für die Verteidigung des Menschen und seiner Würde sowie für die Erhaltung und Stärkung der echten Werte in unserer Gesellschaft einzusetzen. Möge Ihnen mein Pastoralbesuch in Ihrem Land und unsere heutige Begegnung in der Wahrnehmung Ihrer Aufgaben und Ihrer so bedeutenden Verantwortung eine Hilfe sein. Von ganzem Herzen vertraue ich Ihre Tätigkeit im Bereich der sozialen Kommunikationen der Hilfe und dem Segen Gottes an.

[Bearbeiten] Ansprache an die Kranken im Regionalspital Einsiedeln

Thema: "Nehmt euer Leiden gläubig an!"

(Deutsch)

Liebe Brüder und Schwestern!

1. Gottes Güte hat es gefügt, dass mich mein Pilgerweg durch euer geliebtes Vaterland in eure unmittelbare Nähe führte. Deshalb möchte ich euch und alle, die sich eurer hier in diesem Regionalspital in Liebe annehmen, durch meinen kurzen Besuch von Herzen grüssen. Ich tue dies mit dem Friedensgruss des auferstandenen Herrn: «Friede sei mit euch!» (Joh 20,21) und richte diesen zugleich an alle Kranken in eurem Land. Wie jeder Diener des Evangeliums, der frohmachenden Botschaft vom erlösenden Leiden Christi, komme ich zu euch als Bruder. Ich bringe euch keine neue Botschaft, wohl aber eine bewährte, die das Leben und das Kranksein, ja sogar das Sterbenmüssen verwandeln und neu machen kann. Das Evangelium und der christliche Glaube, in dem ich euch im Auftrage Christi heute bestärken darf, sind besonders für euch in der bitteren Erfahrung menschlicher Hinfälligkeit und Not eine Frohe Botschaft. Sie lindern zwar nicht den äusseren Schmerz, machen ihn aber erträglicher, indem sie uns einen Weg zu seinem tieferen Sinn und Verständnis eröffnen.

2. In den Augen der Welt ist Leiden, Kranksein, Sterben etwas Schreckliches, Unfruchtbares, Zerstörerisches. Besonders wenn Kinder leiden müssen, wenn Menschen, die ihre Krankheit nicht verschuldet haben und das sind wohl die meisten -, wenn Unschuldige von Unfall, Behinderung oder unheilbaren Leiden getroffen werden, stehen wir vor einem Rätsel, das sich ehrlicherweise rein menschlich nicht auflösen lässt. Es kann hart machen, es kann verbittern, sowohl die unmittelbar betroffenen als auch die machtlos dabeistehenden Menschen, die nicht helfen können und an ihrer Ohnmacht leiden.

Auch hier im Haus und in diesem Land wird es Menschen geben, die fragen: Warum ? Warum ich? Warum gerade jetzt? Warum meine Frau, mein Vater, meine Schwester, mein Freund? - Diese Fragen sind nur allzu verständlich. Aber ich möchte euch heute darüber hinaus noch auf eine andere Frage hinweisen, die weiterzuführen vermag. Es ist eine Frage, die den tödlichen Stachel des sinnlos Zerstörerischen und Lebensfeindlichen, der im Leiden und Kranksein stecken kann, herauszieht. Es ist die Frage nicht nur nach dem «Warum», sondern nach dem «Wozu». Das «Warum» kann uns auf Erden letztlich niemand beantworten. Die Frage hingegen, «Wozu» mir dieses Schwere auferlegt ist, kann uns neue Horizonte eröffnen. Als Jesus gefragt wurde, ob der Blindgeborene selbst oder ob seine Eltern gesündigt hätten, antwortete er überraschend: «Weder er noch seine Eltern ... , sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden» (Joh 9,3).

Fügt vor diesem Hintergrund der Frage «Wozu» noch ein weiteres wichtiges Wort hinzu, das ihr die entscheidende Richtung gibt: «Wozu, Herr?» Dies ist nun keine Frage mehr, die ins Leere geht, sondern sie richtet sich an einen, der selbst gelitten und gekämpft hat bis aufs Blut, der «mit lautem Schreien und unter Tränen», wie der Hebräerbrief sagt, «den Gehorsam gelernt» hat (Hebr 5,7-8). Er versteht euch und weiss, wie euch zumute ist. Er selbst hat ja zunächst gebeten, dass der bittere Kelch an ihm vorübergehe (vgl. Mt 26,39). Aber er war so eins mit dem Willen des Vaters, dass er schliesslich doch ein ganzes und freies Ja sagen konnte. Von ihm könnt ihr lernen, Leiden fruchtbar und sinnvoll zu machen für die Gesundung der Welt. Mit ihm kann euch euer Kranksein und Leiden menschlicher und sogar froher und freier machen. Viele haben von ihm gelernt und sind dadurch zur Quelle des Trostes für andere geworden. Geht deshalb auch ihr in die Schule seines erlösenden Leidens und wiederholt oft die Bitte, die die heilige Katharina von Siena in ihren vielfältigen Leiden immer wieder an Christus gerichtet hat: «Herr, sage mir die Wahrheit über dein Kreuz, ich will dir lauschen.»

3. Als Christen begegnen wir in der Krankheit nicht einem unheilvollen oder gar sinnlosen menschlichen Schicksal, sondern letztlich dem Geheimnis von Christi Kreuz und Auferstehung. In Schmerz und Leid teilt der Mensch das Los der Schöpfung, die - nach dem heiligen Paulus durch die Sünde der «Vergänglichkeit unterworfen» wurde, die «bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt», die aber zugleich auch schon von der Hoffnung beseelt ist, von der «Verlorenheit befreit zu werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes» (Röm 8,20f). Krankheit und Leid sind für den gläubigen Menschen nicht so sehr tragisches Geschick, das er rein passiv zu erdulden hat, sondern vielmehr eine Aufgabe, darin auf besondere Weise seine christliche Berufung zu leben. Sie sind Anruf Gottes an den Menschen: Anruf an die Mitmenschen, den Leidenden brüderlich beizustehen und mit allen Mitteln der ärztlichen Kunst zu helfen; Anruf an die Kranken, in ihrem Leid weder zu resignieren noch verbittert aufzubegehren, sondern darin die Möglichkeit zu einer engeren Christusnachfolge zu erkennen. Allein unser Glaube kann uns dazu Mut und Kraft geben. Durch die gläubige Annahme kann jegliches menschliche Leid zur persönlichen Teilnahme am erlösenden Opfer- und Sühneleiden Christi werden. Christus selber setzt dadurch im leidenden Menschen seine eigene Passion fort. Deshalb sind auch alle Hilfe und Liebe, die wir jenem erweisen, letztlich Christus erwiesen. «Ich war krank, und ihr habt mich besucht», sagt Christus und fährt fort: «Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan» (Mt 25,36.40).

Durch die innere Leidensgemeinschaft mit Christus erhält das menschliche Leid selbst eine befreiende und verwandelnde Kraft und zugleich auch Anteil an der österlichen Hoffnung auf die künftige Auferstehung. Im christlichen Osterglauben dürfen wir mit dem heiligen Paulus überzeugt sein, «dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll» (Röm 8,18).

Liebe Brüder und Schwestern! Das ist die beglückende Frohe Botschaft Christi und unseres Glaubens, in der ich euch, Kranke und Krankenhelfer, Schwestern und Ärzte, durch meinen kurzen Besuch in eurem Spital bestärken möchte. Von Herzen erteile ich euch und allen Kranken in der Schweiz meinen Apostolischen Segen und empfehle meine Pastoralreise in euer Land ganz besonders auch eurem Gebet. Denn der Papst vertraut vor allem auf das Gebet und Opfer der Kranken. - Es segne, behüte und stärke euch der allmächtige Gott: der Vater, der Sohn und der Heilige Geist! Amen.

[Bearbeiten] Predigt beim Wortgottesdienst an die Arbeiter und ausländischen Flüchtlinge in Luzern

Thema: "Immer zuerst den Menschen sehen"

(Italienisch)

Liebe Brüder und Schwestern!

1. Es war mir ein ganz besonderer Wunsch, im Verlauf meines Pastoralbesuches in der Schweiz mit euch zusammenzutreffen. Mit besonderer Freude also und tiefbewegt entbiete ich euch meinen herzlichen Gruss, indem ich die Worte des auferstandenen Herrn wiederhole: «Friede sei mit euch!» (Joh 20,19).

Friede euch, die ihr hier so zahlreich zusammengekommen seid. Friede allen Brüdern und Schwestern, die die grosse Gruppe der Einwanderer im helvetischen Land darstellen. Friede euren Familien, euren Kindern, den alten Leuten, den Kranken, den Leidenden. Friede euren Lieben, die wegen eurer Auswanderung in der Ferne leben. Und Friede den Priestern, den Ordensmännern, den Ordensfrauen und all denen, die sich mit besonderer Berufung der Seelsorge an den Ausgewanderten widmen.

Ich möchte, dass mein Gruss euch alle erreicht, die ihr aus zahlreichen Nationen zum Arbeiten hergekommen seid: die Italiener, die Spanier, die Polen, die Portugiesen, die Kroaten, die Slowenen, die Ungarn, die Tschechen, die Slowaken, die aus Laos, aus Vietnam und viele andere; euch alle, welches auch immer eure Sprache, eure Religion und die gesellschaftlichen Verhältnisse sind, denen ihr angehört. Und ich möchte auch, dass jeder von euch aus meinen Worten heraushört, wie mein Herz für euch und für eure Probleme schlägt.

2. Wir sind alle auf dem Weg in ein endgültiges Vaterland. Unser Leben ist auf der Suche und in Erwartung dieses Zieles, wo wir Ruhe und Sicherheit finden werden. Tagtäglich sind wir auf diesem Weg zusammen mit anderen Menschen, die mit uns gemeinsam gehen und mit uns eine einzige Gemeinschaft bilden.

Wir ihr wisst, bedeutet der Aufbruch zu einem neuen Land Trennung und Schmerz, aber er bietet auch Gelegenheit, neuen Menschen zu begegnen und sie kennenzulernen, mit ihnen dem gleichen Ziel entgegenzuschreiten. Die Gemeinschaft, in der wir leben, formt uns und hilft uns, dem Ziel entgegenzugehen.

Auch in der Kirche befinden wir uns auf dem Weg, nicht als Einzelgänger, sondern in Gemeinschaft mit dem ganzen Gottesvolk und mit einer präzisen Aufgabe: unsere egoistischen Verhaltensweisen aufzubrechen und uns den anderen Menschen zuzuwenden. Aufbruch und Suche nach einem Vaterland gehören ganz wesentlich zu unserer Existenz als Christen und als Menschen, da wir gut wissen, dass das irdische Vaterland nur vorübergehend ist; nur das, welches danach kommt, kann nie untergehen.

Die eingewanderten Arbeiter sind in besonderer Weise Bild des Volkes Gottes auf dem Weg. Aus verschiedenen Gründen habt ihr euer Vaterland verlassen in einer Entscheidung, die sicherlich nicht leichtfiel: wirtschaftliche Gründe oder auch politische und soziale haben euch veranlasst, ein neues Vaterland zu suchen. Jeder hat ein persönliches Motiv für eine solche Entscheidung. Aber eins ist euch allen gemeinsam: dass ihr dieses neue Land gewählt habt. Dies ist es, was euch eint über alle Unterschiede der Herkunft und der Sprache hinweg.

Um dieses Ziel zu erreichen, habt ihr harte Mühen auf euch genommen. Ihr habt gesucht, ein neues Land zu finden, das euch aufnimmt und in dem ihr leben könnt. Aber weder der Abschied noch die Ankunft sollte sich einzig und allein auf materielle Werte gründen; hinter jeder Sache muss ein ganz bestimmter Sinn stehen, der unserem Leben Richtung bietet: Jesus Christus, der den Weg eingeschlagen hat, der ihn von Nazaret nach J erusalem führte, vom Tod zur Auferstehung. Sein ganzes Leben war gekennzeichnet vom Auftrag des Vaters, die Menschen zum Heil zu führen. Dieser Christus muss Beispiel und Ziel punkt unseres Lebens sein. Die Schweizer Erde, die euch Gastfreundschaft gewährt, ist durch einen sprachlichen und kulturellen Pluralismus gekennzeichnet. Sie war schon immer ein Land des kulturellen Austauschs. Die Einwanderer hatten von jeher einen Einfluss auf das Leben und auf das Denken der Schweiz. Und von jeher empfingen die Schweizer aus diesem Austausch Anregungen, um neue Wege einzuschlagen. So sind zum Beispiel viele wirtschaftliche und soziale Errungenschaften, die das Bild dieses Landes charakterisieren, nicht zuletzt dem Wirken der Einwanderer zuzuschreiben. Die Offenheit für die Fremden und ihre Kulturen war für dieses Land eine Bereicherung.

Aber umgekehrt kann die Tradition dieses Landes für jeden Einwanderer eine Bereicherung bedeuten. Jeder kulturelle Austausch muss gegenseitig sein, damit er Frucht bringen kann. In diesem Sinn fühlen sich Schweizer und Fremde gegenseitig integriert und verbrüdert. Die Schweizer Bischöfe haben die Katholiken wiederholt dazu aufgefordert, sich der Bedürfnisse dieser Mitmenschen anzunehmen und bereit zu sein, die Einwanderer als Brüder und Schwestern aufzunehmen. Alle Christen, ob Schweizer, ob Einwanderer, müssen sich in ihren Pfarreien und Gemeinschaften dafür einsetzen, dass eine immer offenere Haltung den Brüdern gegenüber Platz greift, die sich in Schwierigkeiten befinden. Sie müssen ihnen Gehör schenken und sie mit christlicher Liebe aufnehmen. Dies wäre auch beispielhaft für ein friedliches soziales Zusammenleben in diesem Land.

(Spanisch)

4. Die Teilnahme und aktive Beteiligung der Eingewanderten am Leben der Kirche und der Gesellschaft werden zuweilen durch gegenseitige V orurteile behindert. Das geschieht vor allem dann, wenn die Einheimischen von den Fremden eine vollständige Angleichung an ihren Lebensstil erwarten oder wenn die Ausländer die örtlichen Gebräuche und Gewohnheiten nicht kennen. Die Offenheit für die anderen ist grundlegende Voraussetzung für das Zusammenleben und muss mit Einfühlungsvermögen, Achtung und Liebe gefördert werden.

Auch die jugendlichen Ausländer haben nicht nur aufgrund ihrer Herkunft, sondern auch wegen ihres manchmal anderen Lebensstils Schwierigkeiten, in die Gesellschaft aufgenommen zu werden. Sie spüren sehr deutlich den Unterschied zwischen dem Leben in ihrer Familie und dem Leben in Schule und Gesellschaft. Wenn man sie aber ernst nimmt und ihnen hilft, den richtigen Weg zu finden, können sie als Vermittler zwischen den verschiedenen Kulturen treffliche Dienste leisten.

Die Schweiz hat eine lange humanitäre Tradition, vor allem was die Aufnahme von Flüchtlingen betrifft. Man muss sich aber anstrengen, dass diese Tradition nicht gerade dann unterbrochen wird, wenn sie für die Lösung des so schwierigen Flüchtlingsproblems dem internationalen Einsatz neue Wege eröffnen könnte. Es handelt sich dabei um einen Dienst am Frieden, der ein typisch schweizerisches Gepräge trägt. Die Schweiz darf die Menschen, welche auf der Suche nach einer neuen Heimat ihre Hoffnung auf sie gesetzt haben, nicht enttäuschen; doch diese können dann ihrerseits durch ihre Anwesenheit im Land das Verständnis für die schwierige Situation derer fördern, die sich überall in der Welt in der gleichen Notlage befinden. Die Priester und die Gläubigen mögen sich bemühen, die notleidenden Brüder zu unterstützen, und ihr Engagement für sie hochherzig auf sich nehmen. So entspricht es auch einem Beschluss der Synode 72 der Schweizer Katholiken: «Alle Gläubigen sind aufgerufen, den Flüchtlingen in menschlicher Anteilnahme beizustehen, damit diese sich bei uns wohl fühlen und sich in angemessener Weise in unsere Gesellschaft integrieren können.»

5. Ein beredtes Zeichen dafür, dass sich alle einander sehr verbunden tühlen können, ist die heutige Begegnung mit dem Papst, an der Schweizer und Ausländer teilnehmen. Es sind vor allem solche Schweizer anwesend, die in ihrem Alltag mit den Einwanderern und ihren Problemen zu tun haben. Sie stehen hier stellvertretend für alle jene, die sich für ein gerechtes und harmonisches Zusammenleben einsetzen. Es ist zu hoffen, dass das Wissen um die Verantwortung, welche die Einwanderung mit sich bringt, von Tag zu Tag zunimmt. Alle sollen sich bewusst sein, dass es Menschen sind, die in dieses Land gekommen sind. Es ist immer wichtig, zuerst den Menschen zu sehen und erst in zweiter Linie die Arbeitskraft. Die Gleichstellung von Schweizern und Eingewanderten im gesellschaftlichen und innerbetrieblichen Leben ist eine unumgängliche Notwendigkeit. In den vergangenen Jahren wurde zwar vieles in dieser Richtung getan. Trotzdem darf man es nicht versäumen, weitere Verbesserungen anzustreben, auch wenn sich die Probleme nicht leicht lösen lassen. Es ist notwendig, eine grössere Solidarität unter den Werktätigen zu fördern sowie deren Rechte und legitime Ansprüche sicherzustellen. Besonders erwähnen möchte ich dabei das Recht auf Wohnung und Ausbildung sowie das Recht auf Beihilfen und Versicherungsvorsorge, die zur Sicherheit des einzelnen und der Familien und damit zu einem harmonischeren Zusammenleben in der Gesellschaft beitragen.

(Polnisch)

6. An alle Brüder und Schwestern im Glauben, die in der Schweiz leben, wende ich mich mit dem dringenden Aufruf, unermüdlich alle Anstrengungen zu unternehmen, damit die Menschenrechte voll geachtet werden. Wir alle müssen immer bestrebt sein, im Nächsten den Menschen zu sehen, und das Mass all unseres Tuns für die Sache des Menschen muss sein Wohl sein.

Der Mensch ist nicht für die Arbeit da, sondern die Arbeit für den Menschen.

Die Begegnung verschiedener Kulturen in der Schweiz, ob in den sozialen Beziehungen oder in den Gottesdiensten, muss immer die eine Kirche Christi sichtbar machen. Diese Kirche - als das pilgernde Gottesvolk zeigt uns den Weg zur ewigen Heimat. Das darf sich nicht auf einen billigen Trost beschränken, der auf die konkreten Probleme nicht eingeht, sondern es muss sich jeden Tag in bestimmten Taten ausdrücken, die eine gerechtere Welt wieder entstehen lassen, wo die Menschen sich der Anerkennung ihrer Rechte ohne jegliche Diskriminierung erfreuen werden. Jeder gläubige Mensch muss sich als Gefahrte der anderen auf dem gemeinsamen Weg empfinden. Auf diesem Weg, den wir gehen, ist der Glaube an Gott das Element, das die Staatsbürger und die Ausländer eins werden lässt.

Es folgen Grussworte in verschiedenen Sprachen.

[Bearbeiten] Predigt bei der Messe für die Katholiken der deutschsprachigen und räteromanischen Schweiz in Luzern

Thema: Werdet "offen für Christi Geist"!

(Deutsch)

Liebe Brüder und Schwestern!

Es ist unser Herr und Erlöser Jesus Christus, der uns heute in so grosser Zahl hier zusammenführt, um in festlicher Gemeinschaft mit ihm Gott zu preisen, seine befreiende Botschaft zu hören und dann mit neuer Zuversicht an den Ort unseres Lebens und Wirkens zurückzukehren. Jedem einzelnen von euch möchte ich versichern, dass ich mich herzlich freue, mit euch zusammen das heilige Messopfer hier zu feiern. Die eindrucksvolle Landschaft von Luzern, dieses alte politische und kulturelle Zentrum der Innerschweiz, das fast 300 Jahre lang Sitz eines Nuntius des Bischofs von Rom gewesen ist, bietet dabei unserer heutigen Begegnung einen würdigen Rahmen.

1. Die Botschaft des Evangeliums führt uns heute nach Nazaret. Wir sind Zeugen, wie Christus zum erstenmal öffentlich erklärt, dass sich an ihm die messianische Weissagung des Jesaja erfüllt. Wir erleben, wie er sich am Tag des Sabbat inmitten seiner Landsleute erhebt und die bekannten Worte aus dem Buch Jesaja vorliest:

«Der Geist des Herrn ruht auf mir: denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe» (Lk 4,18-19).

Als dann «die Augen aller in der Synagoge auf ihn gerichtet waren» (Lk 4,20), sagte Jesus: «Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt» (Lk 4,21). An ihm selbst hat es sich erfüllt: Das ganze weitere Wirken Jesu von Nazaret, von diesem Augenblick bis zu seinem Tod am Kreuz und zur Auferstehung, wird dies bestätigen.

Der Heilige Geist, der auf ihm ruhte, sollte jedoch nicht auf ihn allein beschränkt bleiben. Am Pfingsttag hat Christus ihn als Frucht seines erlösenden Leidens an die Apostel und seine ersten Jünger weitergeschenkt, und er schenkt ihn ständig weiter, um die Kirche und die Menschen immer mehr «in die ganze Wahrheit einzuführen» (vgl. Joh 16,13). Auf diese Weise setzt sich die messianische Zeit Jesu Christi fort, die in Nazaret begonnen hat, als er, den man für den Sohn des Zimmermanns hielt, die Worte des Propheten Jesaja auf sich bezog.

Diese damalige Begebenheit von Nazaret wiederholt sich an vielen Orten der Erde, inmitten der verschiedenen Völker. Imnier wieder tritt Christus vor die Menschen und sagt ihnen dieselben Worte: «Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt ... » Heute sagt er diese Worte zu uns, hier, auf Schweizer Boden. In dieser Eucharistiefeier wird er uns als der Gesalbte und Gesandte des Herrn selber gegenwärtig und wird für uns durch seine Frohe Botschaft und seine eucharistische Speise zur Quelle der Hoffnung.

2. Die christliche Hoffnung schenkt uns Kraft µnd Zuversicht, unseren Weg durch eine Welt zu gehen, die viele mit Angst und Schrecken erfüllt und deren Werte sich aufzulösen scheinen; durch eine Welt, in der der Mensch sich immer weniger geborgen fühlt, in der die internationalen Konflikte zwischen Ost und West, zwischen Nord und Süd sich noch verschärfen und die Verelendung eines grossen Teils der Menschheit durch Hunger und Armut weiter fortschreitet. Die ungeheuren technischen Errungenschaften und deren möglicher Missbrauch sowie die konventionelle und atomare Rüstung drohen das Überleben der Menschheit selber in Frage zu stellen. Diese weltweite Gefahrdung des Menschen ist eine Herausforderung für alle Nationen, für die Verantwortlichen der Völker und jeden einzelnen von uns. Sind wir uns dessen genügend bewusst? Auch hier in Europa - auch bei euch in der Schweiz?

Ich bin zu euch in ein Land gekommen, das in gewisser Hinsicht einzigartig ist: Vor mehr als 170 Jahren war euer Land zum letztenmal in einen auswärtigen Krieg verwickelt; vor bald 140 Jahren litt euer Land zum letztenmal unter einem Bruderkrieg; vor bald 70 Jahren erschütterte zum letztenmal ein Generalstreik euren Staat. Ich bin in einem Land, das durch den Fleiss seiner Bürger und durch glückliche Umstände seiner Geschichte zu einem Hort des Friedens und Wohlstands geworden ist. Die Schweiz erscheint somit als ein einzigartiges, gesegnetes, glückliches Land.

Aber ist sie wirklich ein solch glückliches Land, eine Insel der Geborgenheit inmitten der bedrohlichen Weltbrandung? Gibt es nicht auch bei euch in der Schweiz den Zerfall von Werten, den Verfall ethischer Normen, die Angst vor der Zukunft, das Gefühl der Sinnlosigkeit, den Verlust der Geborgenheit, die Furcht, dass sich Fortschritt und Reichtum nicht mehr beherrschen lassen? Steht nicht auch hinter all diesen Erscheinungen ein wachsendes Mass an Hoffnungslosigkeit?

Die Neutralität eures Landes bewahrt euch nicht davor, dass auch ihr in die weltweiten geistigen und politischen Auseinandersetzungen unserer Tage hineingezogen werdet. Auch ihr seid in die Entscheidung und vor grosse Aufgaben gestellt. Was ist zum Beispiel zu tun, um die langsame innere Aushöhlung der sittlichen Grundwerte im gesellschaftlichen Zusammenleben aufzuhalten; um den einzelnen und den Familien wieder Mut zum Leben und Vertrauen in die Zukunft zu geben? Oder dass der Wohlstand eures Landes zu einem immer wirksameren Friedensdienst für die internationale Völkergemeinschaft beiträgt? Seid ihr euch der Werte bewusst, die unbedingt eure Aufmerksamkeit und besondere Pflege verdienen wie Treue, Zuverlässigkeit, Familiensinn, Achtung vor dem Leben von der Empfangnis bis zum Tod, Solidarität der Bürger, verantwortungsbewusster Umgang mit Natur und Lebensraum?

Durch die Offenbarung Gottes und das eigene Gewissen hat der Mensch viele hohe Ideale für ein menschenwürdiges und erfülltes Dasein kennen und schätzen gelernt. Zu ihrer ständigen konsequenten Verwirklichung aber scheinen ihm immer mehr die Kräfte zu fehlen. Unzählige Probleme hat der moderne Mensch zu lösen vermocht, immer neue türmen sich zu seinem Schrecken vor ihm auf. Er beginnt zu zweifeln am stetigen Fortschritt seiner Werke, und sein anfanglicher grenzenloser Optimismus schlägt um in lähmende Angst.

In dieser uns alle bedrängenden Lage kommt uns der christliche Glaube in einer besonderen Weise zu Hilfe. Er schenkt uns den erforderlichen Mut, unseren Weg im Vertrauen auf Gott, der auch der Herr unserer Geschichte ist, hoffnungsvoll und besonnen weiterzugehen.

3. Die Worte des Apostels Paulus, vor über 1900 Jahren an die Christen in Rom geschrieben und uns soeben als Lesung vorgetragen, haben auch heute noch ihre Gültigkeit: «Wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt. Aber auch wir, obwohl wir als Erstlingsgabe den Geist haben, seufzen in unserem Herzen und warten darauf, dass wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne offenbar werden» (Röm 8,22-23).

Wie sehr ist es wahr, dass der Mensch «seufzt»: der vielerorts geschundene, gejagte, verängstigte Mensch; der Mensch, der sein Bestes gibt und doch nur Stückwerk schafft und sich - selbst bei bestem Willen - oft gegen harte Widerstände voranquälen muss! Wie sehr hören wir alle dieses Seufzen: aus dem eigenen Herzen wie auch von Menschen an unserer Seite, ja sogar von der «gesamten Schöpfung», von der misshandelten, ausgebeuteten Natur, von den nach Luft und Lebensraum ringenden Pflanzen und Tieren!

Und doch hört Paulus in dieser Weltklage ein Seufzen, das auf «Geburtswehen» hinweist: Es bereitet sich darin etwas Positives vor; hier soll etwas geboren werden; hier wartet alles mit Schmerzen auf einen endgültigen Durchbruch. Das Seufzen ist von Hoffnung beseelt. Der Apostel sagt noch deutlicher: «Wir warten darauf, dass wir mit der Erlösung des Leibes als Söhne (und Töchter) offenbar werden.» Er spricht also von einer Wirklichkeit, die bereits in uns zugegen ist, aber noch «offenbaD> werden muss, sich noch ganz durchsetzen muss. Diese Wirklichkeit nennt er die «Erstlingsgabe des Geistes». Dies ist der Geist Jesu Christi, unseres Erlösers, der als der auferstandene und erhöhte Herr von Gott aus mit dem Licht und der Lebensglut seines Geistes die Schöpfung überall dort bewegt und durchpulst, wo ihm Glaubensbereitschaft und Liebe entgegengebracht werden. Jeder Gläubige, jede Gemeinde Christi trägt bereits den Geist Christi in sich, allerdings vorerst nur als «Erstlingsgabe», wie der Apostel sagt, als Anfang, als Anstoss zur Vertiefung und Entfaltung, als Samenkorn und Sauerteig. Die mühsame Zeit des Wachsens lässt uns seufzen; das bereits wirksame innere Leben mit Gott erweckt in uns zugleich starke Hoffnung und tiefe Freude. Mit Paulus bekennen wir uns so zu einem christlichen Realismus: «Wir sind gerettet, doch in der Hoffnung» (Röm 8,24).

4. Ein jeder von uns ist in dieses schmerzvolle Ringen um die Geburt emer menschenwürdigeren, einer christlicheren Welt in uns und um uns hineingestellt. Wir müssen uns vor allem ehrlich eingestehen, dass es Sünde und Schuld in unserem Leben gibt. Viele Ängste und Nöte unserer Zeit haben ihre Ursachen in der Schuld der Menschen. Gerade als Christen sind wir zu ständiger Umkehr und zu einem tiefen Glauben aufgerufen, damit unser Zeugnis für Christus, den Erlöser des Menschen, leuchtend und überzeugend wird. Wir müssen uns darum bemühen, dass der Geist Christi, den wir schon als «Erstlingsgabe» besitzen, in unserem Denken und Handeln immer mehr zum Durchbruch kommt.

Werdet «offen für Christi Geist»: Dazu ermahnt euch das Motto, unter das ihr meinen Pastoralbesuch in der Schweiz gestellt habt. Offen für Christi Geist, der uns den Erlöser und sein Wort immer tiefer zu verstehen lehrt. Offen für Christi Geist, damit wir als Söhne und Töchter Gottes in der Kraft des Heiligen Geistes Zeugnis geben für das wahre Heil der Welt. Offen für Christi Geist, der ein Geist der Hoffnung ist. Wer die Zukunft nur dunkel sieht, wer behauptet, der Mensch und die Welt hätten keinen Sinn mehr, der hat Gott vergessen. Gott verlässt die Welt nicht, seine Pläne mit ihr scheitern nicht. Gott hat die Welt «so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat» (Joh 3,16). Wir als Kirche sind das pilgernde Gottesvolk, dessen Weg Jesus Christus ist, dessen Ziel Gott selbst ist in seiner Herrlichkeit.

Die christliche Hoffnung nimmt freilich nicht alles Dunkel weg, lässt nicht Leiden und Nöte, Sorgen und Ängste verschwinden. Im Gegenteil, Gott selber ist es, der unsere Leiden und Nöte ernst nimmt. Vor dem hellen Osterfest steht der dunkle Karfreitag, steht das Kreuz Christi. Ebenso bleibt auch unsere Hoffnung stets vom Kreuz gezeichnet; vom Kreuz jedoch, das die Verheißung und den Sieg der Auferstehung bereits in sich trägt. Der glaubende und hoffende Mensch weiss sich auch in allen Widerwärtigkeiten und Prüfungen umfangen vom unendlichen, liebenden Gott.

5. Wem ein solcher hoffnungsvoller Glaube geschenkt ist, der ist auch hellsichtig für das vielfaltige Wirken des Geistes Christi in unseren Tagen und an unzähligen bekannten wie unbekannten Orten in der Welt. «Der Geist des Herrn ruht auf mir; ... der Herr hat mich gesalbt; er hat mich gesandt» (Lk 4,18), so hat Jesus damals in Nazaret gerufen. In allen, die ihm nachfolgen, die sein Lebensprogramm zu dem ihrigen machen, setzt er durch seinen Geist diese Sendung fort. Auch auf uns ruht der Geist des Herrn; er hat uns gesalbt in den heiligen Sakramenten der Taufe und Firmung und so Christus, dem Gesalbten, ähnlich gemacht. Auch uns will der Gottesgeist treiben und stärken, damit wir - gerade heute - das Heil und die Hoffnung in unsere Welt hineintragen.

Die Wirklichkeit der Erlösung wird offenkundig in der Gegenwart des Geistes: des Geistes der Wahrheit, der die Welt der Lüge überführt; des Geistes des Trostes, in dessen Kraft Christus den Armen ständig die Frohe Botschaft verkündet und denen Hoffnung schenkt, deren Würde missachtet wird und die keine Zukunft mehr sehen. Gottes Geist befreit den Menschen aus der Gefangenschaft der Schuld, aus der Verstrickung in selbstsüchtiges Denken und Streben. Er befreit zu einem guten und erlösenden Gebrauch der menschlichen Freiheit. Auch heute öffnet der Geist Christi den Blinden die Augen für die wahren Werte des Lebens, für Gottes Gegenwart und Wirken in der Schöpfung und im Gang der Geschichte. Er schenkt den Zerschlagenen Kraft und Zuversicht, vor allem jenen, die um ihres Glaubens willen leiden und verfolgt werden. Christus lässt durch das Wirken seines Geistes das «Gnadenjahr des Herrn» im Leben und in der Geschichte der Menschen fortdauern, das Gnadenjahr des Bundes und der Freundschaft mit Gott.

6. In diesem Wirken des Geistes unter den Mensch~n setzt sich die messianische Sendung Christi fort. Er verkündet und errichtet dadurch in der Welt das Reich Gottes, das ein Reich der Wahrheit und der Liebe, ein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens ist. Zugleich nimmt sich darin «auch der Geist unserer Schwachheit an», wie es im Römerbrief heißt (Röm 8,26). Seine Hilfe erreicht das Leben des Menschen von innen her und schenkt ihm vor allem neue Kraft zum Beten: Wenn wir nicht wissen, worum wir in rechter Weise beten sollen, «tritt der Geist selber für uns ein ... » (Röm 8,26). Gott selbst kommt unserer Schwachheit zu Hilfe und führt durch seinen Geist zur Vollendung, was wir nur bruchstückweise und unvollkommen beginnen. Unser stammelndes Beten wird dadurch aufgenommen in die ewige Anbetung des göttlichen Geistes und wird so zum Gebet, das die Verheißung der Erhörung besitzt. Dieses Gebet in der Kraft des Geistes bringt Hoffnung in diese Welt, die voller Angst und vom Verlust der Werte bedroht ist. Es hat Macht, diese Welt zu verändern!

Am Tag der Schöpfung ist dem Menschen als Auftrag die ganze sichtbare Welt, vor allem die Erde, übertragen worden, damit er sie mit «der Arbeit seiner Hände» umgestalte (vgl. Gen 1,28). Heute schaut der Mensch in Angst auf die Frucht seiner Arbeit: Wohin ist er mit der Umgestaltung der sichtbaren Welt gekommen? Welche Zukunft erwartet unseren Planeten? Besinnen wir uns angesichts dieser Ungewissheit und Gefahr wieder neu auf die Macht des Gebetes! Der Herr hat dem Menschen das Gebet aufgetragen, damit er die Welt von seinem Herzen her umforme; damit er sie verwandle im Heiligen Geist; damit er sie menschlicher mache; damit er in ihr zusammen mit Christus das Reich Gottes auf erbaue. Im Gebet vor allem liegt für uns Christen unsere Stärke, in ihm liegt die Quelle unserer Hoffnung.

So erbitte ich euch als Gabe und Gnade dieses Gottesdienstes, was einst der Apostel Paulus für die Gläubigen in Rom erbeten hat: «Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und mit allem Frieden im Glauben, damit ihr reich werdet an Hoffnung in der Kraft des Heiligen Geistes» (Röm 15,13). Und ich füge hinzu: damit ihr reich werdet in Gott, um anderen vom Reichtum eures Glaubens und eurer Hoffnung schenken zu können «in der Kraft des Heiligen Geistes». - Amen.

(Rätoromanisch)

Liebe Gläubige aus dem rätoromanischen Landesteil!

Mit besonderer Freude heisse ich euch hier in Luzern in eurer Sprache willkommen. Das rätoromanische Gebiet ist ein Land mit alter christlicher Tradition. Das zeigt sich in zahlreichen religiösen Bauten und Wallfahrtsorten, im pfarreilichen Leben, im religiösen Gesang und in den Werken der Literatur.

Ich freue mich darüber und fordere euch alle auf, den Glauben im privaten Leben, in Familie, Kirche und Staat zu vertiefen.

Seid offen für Christi Geist!

Einen besonderen Dank entbiete ich allen, die im Dienste der Ortskirche und der Missionen stehen.

Mit dem schönen, alten ladinischen Gruss «Allegra» erbitte ich für euch den Segen des Herrn!

(Deutsch)

Schliesslich richte ich noch ein Wort herzlicher Verbundenheit an jene Brüder und Schwestern, die als «fahrendes Volk in der Schweiz» in diesem Land keinen festen Wohnsitz haben. Auch euch gilt dieser mein Besuch.

Möge Christus, der während seiner irdischen Pilgerschaft oft selbst keine bleibende Stätte hatte, stets euer Weggef<i.hrte sein!

Er zeigt euch den Weg zum wahren Glück und Leben. Von Herzen segne ich euch und eure Familien.

[Bearbeiten] Sonntag, den 17. Juni 1984

[Bearbeiten] Predigt bei der Eucharistiefeier mit Priesterweihe in Sitten

Thema: Er ist "Mensch für die anderen"

(Französisch)

Liebe Brüder und Schwestern!

1. (Der eine und dreifaltige Gott) «Sursum corda»: «Erhebet die Herzen!»

Heute spricht das Herz der Kirche mit besonderer Inbrunst auf diese Einladung an, die jedes eucharistische Hochgebet einleitet. Heute antworten wir mit aussergewöhnlicher Glaubensstärke: «Habemus ad Dominum»: «Wir haben sie beim Herrn!»

Im wundervollen Rahmen dieser Berge wollen wir uns, vielleicht besser als anderswo, wie Mose zum Herrn des Himmels und der Erde erheben. Lasst uns im Glauben das Mysterium Gottes betrachten. Auf ihn richtet sich unser Glaube. Ein unergründbares Geheimnis. Gott ist Gott, das Wesen, das über all das, was wir wahrnehmen können', erhaben und grösser ist als das, was im Herzen des Menschen hochkommt. Die christliche Offenbarung enthüllt einen Teil seines innersten Lebens, führt unseren Glauben aber an die Schwelle eines noch tieferen Geheimnisses: die Einheit der Dreifaltigkeit. Der Gott, der einer ist, ist zugleich Vater, Sohn und Heiliger Geist. Jede der göttlichen Personen ist ungeschaffen, unermesslich, ewig, allmächtig, Herr - und doch gibt es nur einen Gott, der ungeschaffen, unermesslich, ewig, allmächtig, Herr ist. «Der Vater ist von niemandem gemacht, noch geschaffen, noch gezeugt; der Sohn ist vom Vater allein, nicht gemacht, noch geschaffen, sondern gezeugt. Der Heilige Geist ist vom Vater und vom Sohn, nicht gemacht, noch geschaffen, noch gezeugt, sondern hervorgehend.» So heißt es in einem sehr alten Glaubensbekenntnis (sog. Athanasisches Glaubensbekenntnis). Dieser Gott von unendlicher Majestät, der sich Mose kundgetan hat und in der geheimnisvollen Wolke anwesend war, dieser transzendente Gott, der sein unergründliches Leben, die Güte seiner unendlichen Liebe offenbart, erlaubt uns, ihm nahezukommen: vor ihm niedergeworfen, beten wir ihn an. Uns ist das Glück geschenkt, glaubend in ihm die Heilige Dreifaltigkeit zu betrachten, bevor wir seine Herrlichkeit ganz schauen.

2. (Die der Welt mitgeteilte Liebe Gottes)

«Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus» (Eph 1,3).

«So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn hingegeben hat» (loh 3,16). In seinem Sohn hat er nicht nur seinen Namen und seine Herrlichkeit wie in einer einzigartigen Gotteserscheinung offenbart, vielmehr hat er uns seine Zuneigung, sein Erbarmen, seine Liebe und Treue in weit grösserem Masse erwiesen, als Mose vorhersehen konnte: «Durch Jesus Christus hat er uns zur Sohnschaft bestimmt», «sein Volk zu werden» (vgl. Eph 1,5.11). Unsere Anbetung, unser Lobgesang ist zugleich eine Danksagung dafür, dass er seinen «eingeborenen Sohn als Retter gesandt» hat. Denn die «erste Gabe für alle, die glauben», ist der Geist, der das Werk des Sohnes weiterführt und «alle Heiligung vollendet» (viertes Hochgebet), der Geist, der der Kirche die Einheit des Leibes gibt und sie ruft, den Menschen das Heil zu bezeugen, weil durch ihn Gott in ihr gegenwärtig ist.

3. (Die Kirche in Sitten)

«Du wirst aus uns ein Volk machen, das dein eigen ist» (Ex 34,9). Die ganze Kirche ist das Volk des lebendigen Gottes. Und innerhalb seiner hat unsere liturgische Versammlung ihren Platz. Hier ist die Kirche in der Schweiz, genauer, die Kirche in Sitten; sie, die Erbin einer langen Geschichte seit dem heiligen Theodul, dem Bistumspatron, versammelt sich am Fuss des Valeria-Hügels, der von der alten, der Gottesmutter geweihten Kathedrale beherrscht wird, im Herzen des Rhonetals. Inmitten ihres harten Lebens als Bergbewohner haben die Walliser ihren katholischen Glauben und ihre christlichen Traditionen lebendig zu erhalten verstanden; in Einheit mit dem Bischof von Rom, dem Nachfolger des heiligen Petrus, der sehr glücklich ist, heute die jetzige Kathedrale zu besuchen, vor allem aber dieses geistige Haus, errichtet aus lebendigen Steinen, das die Kirche in Sitten ist (vgl. 1 Petr 2,5). Und mit ihr grüsse ich die Kirche, die im gleichen Rhonetal um die Abtei Saint-Maurice versammelt ist und den Glauben ererbt hat, den der heilige Mauritius und seine Soldaten der Thebäischen Legion bis zum Martyrium bekannt haben. Ich komme wie der heilige Paulus «zu eurer Stärkung ... , damit wir uns durch unseren Glauben, den euren wie den meinen, gegenseitig trösten» (Röm 1,11-12). Was uns eint, ist ja viel tiefer und geheimnisvoller als eine organische Beziehung oder selbst eine liebevolle Zuneigung: «Die ganze Kirche erscheint so als 'das von der Einheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes her geeinte Volk'» (Cyprian, De Orat. Dom. 23, zitiert in Lumen gentium, Nr. 4).

4. (Priester des eucharistischen Opfers)

Im Rahmen der heutigen eucharistischen Liturgie werden Söhne eurer Kirche - der Kirche Sittens oder anderer Bistümer und geistlicher Institute - Priester «nach der Ordnung Melchisedechs» (vgl. Ps 109[110],4:

Hebr 5,6; 7,17), indem sie das Weihe sakrament empfangen. Melchisedech brachte dem Allerhöchsten Brot und Wein dar. Unter dem Zeichen von Brot und Wein gibt sich Jesus Christus dem Vater hin in seinem einmaligen und endgültigen Opfer, das durch den Dienst der Priester aktualisiert und gegenwärtig wird. Durch sie vollzieht Jesus, was er beim Letzten Abendmahl getan hat. Das Brot darbringend, sagte er: «Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. .. nehmet und esset alle davon.» Den Wein darbringend, sagte er: «Das ist der Kelch mit meinem Blut, das für euch und für alle vergossen wird ... nehmet und trinket alle davon» (vgl. Lk 22,19-20 par.).

So also sprach Jesus zu den Aposteln, die mit ihm das letzte Mahl einnahmen. Dann fügte er hinzu: «Tut dies zu meinem Gedächtnis» (vgl. ebd.). Wer ist nun Jesus Christus? Er ist der ewige Sohn, in dem der Vater die Welt geliebt hat. Er hat ihn dahingegeben, «damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengehe, sondern ewiges Leben habe ... , ,damit durch ihn die Welt gerettet werde» (Joh 3,16.1 7). Ja, er ist zum Heil der Welt gekommen. Das Opfer, das Christus am Kreuz dargebracht hat, das Opfer, das er im Letzten Abendmahl gestiftet hat, geschieht zum Heil der Welt. In diesem Opfer bekundet sich die Liebe des Vaters und die Liebe des Sohnes. Es ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes.

Diejenigen, die heute die Priesterweihe erhalten, werden zu Dienern des zum Heil der Welt vollbrachten Opfers. Sie vergegenwärtigen es. Sie sind die Diener der Eucharistie: ihr priesterliches Leben entfaltet sich aus dieser Mitte. Alles weitere wird wie eine Vorbereitung oder ein Widerhall dieses sakramentalen Geschehens sein. Im menschlichen Dasein stehend, werden sie tagtäglich ihre Brüder in die von Christus vollbrachte und in der Eucharistie gefeierte Erlösung einführen.

5. (Die Priester, Seelenführer)

Zugleich sind die Priester die Führer ihrer Nächsten auf dem Weg des Heils.

Sie leben inmitten des Gottesvolkes und rufen wie Mose: «Mein Herr, ziehe doch in unserer Mitte mit uns» (Ex 34,9). Aus ihrem ganzen priesterlichen Sein bitten sie den Herrn, seine Herde wie ein Hirt zu leiten. Sie selbst sind die Diener Jesu Christi, des Guten Hirten.

Wie Mose ersteigen sie den Berg, um von Gott das Zeugnis des Bundes, die Gesetzestafeln Gottes, zu erhalten. Mit diesen Geboten, mit der ganzen Wahrheit des Evangeliums, dem Gesetz des Neuen Bundes, erleuchten sie die Seelen und leiten diejenigen, aus deren Mitte sie selbst erwählt worden sind (vgl. Hebr 5,1).

Sie sind Lehrer der Wahrheit, indem sie das Evangelium verkünden, den Glauben wecken und stärken und den Weg weisen, dem man folgen muss, um auf dem Pfad zum Heil zu bleiben. Sie sind Wächter über die rechte Gesinnung der Gewissen. So sind sie die Diener des Gottes, der vor Mose verkündete: «Jahwe, ein gnädiger und barmherziger Gott, langmütig und reich an Gnade und Treue» (Ex 34,6). Sie sind die Diener Jesu Christi, durch den Gott uns unsere Fehler und Sünden vergibt und uns zu seinem Volk macht (vgl. ebd. 34,9).

Darum sind die Priester des Neuen Bundes auch Diener des Sakramentes der Busse und der Versöhnung mit Gott. Dieser Dienst und die Feier der Eucharistie werden in ihrem Leben einen entscheidenden Platz einnehmen.

6. (Geheimnis und Zeugnis der Priester)

Um diese zentralen Funktionen drehen und entfalten sich die anderen Aspekte ihres priesterlichen Lebens, die ich jetzt nur erwähnen will. Der Priester hat teil am Dienst des einzigen Mittlers, Christi selbst. Er kennt jedoch seine Schwäche und wirkt nichts aus sich selbst: seine Stärke liegt in der Kraft Gottes durch eine bleibende Anlage, die sein Wesen weiht. Doch muss er ihr zu entsprechen suchen. Mit Hilfe des Heiligen Geistes, der ihm durch die Handauflegung übertragen worden ist, muss er nach der Heiligkeit streben, die dem Diener Christi ziemt. Er muss sich mit ihm selbst ganz darbringen, «leben, was er tut» (Weihegebet) und weitergeben, was er geschaut hat. Er muss ein Mann des Gebetes sein, bald in der Einsamkeit wie Mose auf dem Berg, bald auch als Beseeler und Vorsteher des Gebetes seiner Brüder. In der Ebene soll er den Menschen nahe sein, einfach, arm und ihnen zu Diensten, so wie Christus selbst gekommen ist, um zu dienen. Er berücksichtigt ihre Sorgen und ihre Sprache, damit er die Frohe Botschaft Jesu Christi - das ganze Evangelium - so verkünden kann, dass es verstanden wird. Zugleich aber soll er in das Mysterium einführen. An seiner Lebensform soll zu erkennen sein, dass er ein Mann ist, der sich ganz mit Christus verbunden hat. Zumal durch die Ehelosigkeit wird er «ein lebendiges Zeugnis der zukünftigen, schon jetzt in Glauben und Liebe anwesenden Welt» (vgl. Dekret Presbyterorum ordinis 16). Er ist «der Mensch für die anderen», er soll Zeuge, ja Prophet sein. Mutig nehme er es auf sich, seinerseits Zeichen des Widerspruchs zu sein, manchmal auch der Leidensknecht, immer aber der Mann des Friedens, den auf die Welt zu bringen Christus gekommen ist.

(Deutsch)

7. (Mitarbeiter des Bischofs)

All dies wird er tun als Mitarbeiter seines Bischofs, der seinerseits mit dem Nachfolger des Petrus in Einheit steht; indem der Priester diesen beiden gehorsam ist, lebt er in Gemeinschaft mit der ganzen Kirche. Sein Priestertum hat ja zur Grundlage dasjenige des Ortsbischofs, welcher der Vater des gesamten Presbyteriums ist. So kann der Priester zum Aufbau der Kirche in der Einheit beitragen. Er verfügt nicht willkürlich über die Gaben Gottes. Er ist nach dem heiligen Paulus «Verwalter von Geheimnissen Gottes. Von Verwaltern aber verlangt man, dass sie sich treu erweisen» (1 Kor 4,1.2). Alles, was der Priester ist, hat seinen Seinsgrund ausschliesslich in der Kirche, durch die Kirche, für die Kirche. Er muss darum die Kirche lieben, mit der Kirche fühlen und denken («sentire cum Ecclesia»): nicht nur die Kirche der Vergangenheit noch die Kirche, die es noch gar nicht gibt, sondern die konkrete, gegenwärtige Kirche, deren Runzeln und Flecken auch durch seine demütige Hilfe entfernt werden sollen. Diese Liebe macht den Priester für die Aufgaben bereit, die die Kirche von ihm für das Heil aller erwartet. Das pastorale Gespräch, um das er sich bemüht, kann es möglich machen, Konflikte und Spaltungen zu überwinden, wenn es wirklich Jesus Christus ist, den man dabei sucht, wenn er es ist, dem man dienen will.

8. (Laien und Priester, Berufungen)

Das Amtspriestertum ist eine so wichtige, so notwendige Aufgabe, dass wir alle für Berufungen Sorge tragen müssen. Die Diözese von Sitten hat das Jahr 1978 dazu bestimmt, das Bewusstsein aller Christen für dieses Thema zu schärfen. Ich hoffe, dass hieraus noch weitere Früchte erwachsen, hier bei euch wie auch in den anderen Schweizer Diözesen, in die diese Neupriester zurückkehren werden.

Natürlich ist das ganze Volk der Getauften aufgerufen, aktiv am Leben der christlichen Gemeinde und an der Bezeugung des Evangeliums in der Welt teilzunehmen. Die Sendung der Priester steht genau im Dienst dieser Teilnahme. Sie hat jedoch ihre besondere Natur und ist unersetzlich. Es gibt da weder Dualismus noch Konkurrenz, sondern nur eine notwendige gegenseitige Ergänzung in der Beachtung der jeweiligen eigenen Berufung, wobei die Bischöfe zu einem harmonischen Zusammenwirken anleiten müssen. Die kirchliche Gemeinschaft entspricht nur dann voll ihrer Sendung und Einsatzbereitschaft, wenn in ihr die Berufungen zum Priestertum aufkeimen und reifen können, ohne die auch sie selbst sich nicht entfalten kann. Berufung und Sendung - zum Amt oder Apostolat - kommen immer von Gott, von der Heiligsten Dreifaltigkeit.

9. (Die Heiligste Dreifaltigkeit, Quelle der Sendung)

«Gepriesen seist du, Herr, du Gott unserer Väter, gelobt und gerühmt in Ewigkeit» (Dan 3,52).

Das Licht des Glaubens lässt uns heute mit Geist und Herz aufsteigen zum unergründlichen Geheimnis Gottes, zu seiner unfassbaren dreifaltigen Einheit. Aus dem Schoss dieser Heiligsten Dreifaltigkeit ist der Sohn Gottes zur Menschheit gekommen: Das ewige Wort des Vaters ist Mensch geworden, Sohn der Jungfrau Maria. Durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung ist der Geist der Heiligkeit auf die Apostel herabgekommen und bleibt nun in der Kirche Christi gegenWärtig.

Aus dieser Sendung des Sohnes und des Geistes entspringt die Heilssendung der Kirche. Aus der Sendung des Sohnes, des Gottesknechtes, der die messianische Salbung empfangen hat, entsteht im Heiligen Geist das «königliche Priestertum» aller Getauften.

Aus dem Priestertum des Sohnes, des Gesalbten, kommen im Heiligen Geist die Berufung und das Amt der Priester, die ihnen im Weihesakrament mit einem unauslöschlichen Siegel eingeprägt werden.

Durch ihr Dienstamt nimmt das ganze Volk Gottes teil am Priestertum Jesu Christi, des einzigen Mittlers zwischen Gott und den Menschen. Heute werden diesem Gottesvolk neue Priester geschenkt, deren Auftrag sich auf der Grundlage der Sendung aller Gläubigen vollzieht; denn auch sie sind in ihrem Glauben durch den Heiligen Geist bestärkt worden. Alle sollen sie zu ihrer Aufgabe, den Glauben zu verkünden, aufbrechen: Das ist gemeint mit dem Sendungswort, das jede heilige Messe beschliesst. Ja, freuen wir uns heute; denn in diesem feierlichen Gottesdienst ist die Sendung des Volkes Gottes in der Kirche der Schweiz erneuert worden. Darum lasst uns wie mit einer Stimme unaufhörlich das Lob der Heiligsten Dreifaltigkeit singen!

10. «Gepriesen seist du, Herr, du Gott unserer Väter.»

Wie viele «Väter», wie zum Beispiel Nikolaus von der Flüe, wie viele Generationen sind euch auf dieser Erde vorangegangen und haben «Anteil an der göttlichen Natur» erhalten (vgl. 2 Petr 1,4), in lebendiger Einheit mit dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist! Nehmen wir ihr Erbe an! Setzen wir ihr Zeugnis fort! Übernehmen wir ihre Sendung als Antwort auf die drängenden Fragen von heute, beim Übergang zum dritten Jahrtausend! Möge dieses Land stets von Gott ergriffen und von seinem Leben durchdrungen sein, um sein Licht widerzustrahlen und der Welt zum Glauben zu verhelfen!

Der Gott eurer Väter bleibe auf immer der Vater eurer Kinder! Der Vater aller Generationen, die in diesem Land noch folgen werden!

Du, der einzig wahre Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist! Amen.

[Bearbeiten] Angelus in Sitten

Thema: Marienverehrung ist auf Christus hingeordnet

(Französisch)

Liebe Brüder und Schwestern!

1. Zur Stunde des «Angelus» am heutigen Dreifaltigkeitssonntag bin ich fast am Ende meines Pastoralbesuches bei der Kirche in der Schweiz angekommen. Darum denke ich unwillkürlich an das Leitmotiv, das diese apostolische Reise kennzeichnen soll: «Offen für Christi Geist».

Ist die Jungfrau Maria nicht das Vorbild schlechthin für die Öffnung des Herzens gegenüber dem Heiligen Geist?

2. Nach einer schönen Tradition in der katholischen Kirche erinnert der «Angelus» Tag für Tag an die Morgenröte unseres Heils: die Verkündigung, die Maria zuteil wurde, die Antwort Marias, ihr «Fiat» - und die Menschwerdung des Sohnes Gottes in ihrem Schoss.

Ihr freudiges «la» in Nazaret bezeugt ihre innere Freiheit in völligem Vertrauen und ruhiger Gelassenheit. Sie wusste nicht, wie der Dienst des Herrn aussehen und auch nicht, wie das Leben ihres Sohnes verlaufen würde. Sie ist jedoch weit entfernt von Furcht und Angst, sie steht in souveräner Freiheit und Verfügbarkeit vor uns. Sie reagiert bereits der Gnade Christi entsprechend, der «Uns lehrt, dass der beste Gebrauch der Freiheit die Liebe ist, die sich in der Hingabe und dem Dienst verwirklicht» (Redemptor Hominis, Nr. 21). «Siehe, ich bin die Magd des Herrn.» Der Wille Gottes wird das Licht ihres Lebens, ihr Seelenfrieden im Leid und ihre Freude sein. Mit dem gleichen Herzen dient sie dem Herrn und denkt sie an seine Brüder.

Indem der Mensch sich so dem Dienst an seinen Brüdern und mit besonderer Aufmerksamkeit den Ärmsten unter ihnen hingibt, trägt er nicht nur dazu bei, unsere Erde gastlicher und gerechter zu machen, sondern gelingt es ihm auch, die Ängste und Befürchtungen zu überwinden, die aus dem Missbrauch der Freiheit entstehen. Inmitten so vieler Menschen, die sich selbst dienen, statt dem Nächsten ihren Dienst zu erweisen, sieht der Christ in Christus den, der Mensch geworden ist, um zu dienen, und in seiner Mutter die Dienerin des Herrn.

3. Die Verfügbarkeit Mariens, die Offenheit ihres Herzens ist das Werk des Heiligen Geistes. «Der Heilige Geist wird über dich kommen.» Sie hat sich sozusagen mit dem Heiligen Geist «vermählt». Von den ersten Augenblicken der Menschwerdung an besingt sie durch Eingebung des Heiligen Geistes den Herrn im «Magnificat», das den Aufschwung eines neuen Herzens zum Ausdruck bringt. In ihr verwirklicht sich grossartig die Weissagung des Ezechiel: «Ich schenke euch ein neues Herz und gebe euch einen neuen Geist» (Ez 36,26). Mit ihr, liebe Brüder und Schwestern, müssen wir unablässig vom Heiligen Geist ein neues Herz erbitten, dessen Klarheit für die Wahrheit, die frei macht, durchlässig ist und die Liebe Gottes aufnimmt, um sie in der Welt, unter allen Menschen zu verbreiten, deren Heil Gott will.

Im Lauf der zahlreichen Begegnungen in der Schweiz haben wir oft von dieser Offenheit des Herzens gesprochen, die jedem ermöglicht, all seine Brüder und Schwestern aus allen Nationen zu achten, zu schätzen, zu lieben und ihnen zu dienen, ja sie so sehr zu lieben, dass man alles daransetzt, dass auch ihnen das Evangelium Jesu Christi zugute kommt. Auch hier ist Maria unser Vorbild und unsere Mutter. «Am Pfingstmorgen leitete sie den Beginn der Evangelisierung mit ihrem Gebet unter dem Wirken des Heiligen Geistes ein; möge sie der Leitstern einer sich immer wieder erneuernden Evangelisierung sein» (Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi, Nr. 82).

4. Liebe katholische Brüder und Schwestern der Schweiz, eine solche ganz auf Christus hingeordnete Marienverehrung muss ihren Platz haben im Leben eines jeden von euch, z. B. im täglichen Abendgebet zu Hause, und womöglich in jeder Familie. In der Mitte dieses Sonntags ist nun die Stunde gekommen, gemeinsam die heiligste Mutter zu grüssen und anzuflehen. Möge ihre Fürbitte den heute morgen geweihten Priestern gelten, allen Dienern Christi und allen, die sich auf einen solchen Dienst vorbereiten! Allen, Männern und Frauen, die ihr Leben radikal dem Herrn und seiner Kirche widnien! Allen Familien, damit die Liebe Gottes in ihnen wohne und damit sie den Glauben weitergeben! Den jungen Menschen! Denen, die in Angst und Not nach Hoffnung suchen. Allen, die sich für ein würdigeres Leben ihrer Brüder einsetzen! Der Suche aller Christen nach der Einheit in der Wahrheit des Herrn! Den Menschen guten Willens, die auf der Suche nach dem Sinn ihres Lebens und nach dem Frieden in der Welt sind!

(«Der Engel des Herrn ... »)

[Bearbeiten] Ansprache an eine Gruppe Schweizer Skisportler

(Französisch)

Brüder und Schwestern!

Es ist mir eine Freude, euch, den Bergsteigern und Skifahrern zu begegnen, denn ihr wisst sicher, dass ich sehr gerne auf die Berge meiner Heimat gestiegen bin und gelegentlich auch den Skisport gepflegt habe.

Bei euch haben die Berge und das Klima euren Vorfahren harte Energie abgefordert, um dem Boden den Lebensunterhalt zu entreissen. Sie waren ihrem christlichen Glauben treu. Sie haben euch solide Traditionen hinterlassen: die Kreuze und Kapellen bis hinauf zu den Berggipfeln sind ihre sichtbaren Zeichen; die Tatkraft, der brüderliche Charakter und der christliche Geist der Schweizer sind ebenfalls Ausdruck der Treue zu ihren besten Überlieferungen.

Das Aufkommen des Tourismus und des Wintersports haben gewisse Sorgenquellen von einst zu Einkommensquellen gemacht. Viele Leute kommen zu euch, um der Spannung zu entgehen, die in der modernen Gesellschaft auf ihnen lastet. Durch den Sport im Freien finden sie einen Ausgleich für ihre physische wie moralische Gesundheit und Anregung für all ihre Aufgaben.

Euer Verband unterstützt die örtlichen Skiklubs und vereinigt sie zu bestimmten gemeinsamen Zielen. Sein Zweck ist kein eigentlich religiöser. Eure Anwesenheit als solche beweist jedoch, dass ihr den christlichen Aspekt wahrnehmt. Euer Wirken trägt ganz einfach zum Dienst am Menschen bei, indem es denen, die hierherkommen, ein gesundes und brüderliches Klima bietet und die Möglichkeit einer persönlichen und gemeinschaftlichen Kräftigung, wo die spirituelle Dimension frei aufscheinen kann, wo die christlichen Werte ihren Platz haben und wo auch der Gottesdienst in der sonntäglichen Versammlung der Christen seinen Platz hat.

Weil ihr euch davor hüten wollt, den Sport zu vergötzen und zu verabsolutieren, und weil ihr wisst, dass der vollen Entfaltung des Menschen eine Säkularisierung seiner Betätigung abträglich ist, hat euer Verband als Symbol die Segnung seiner Fahne erbeten. Möge euer Wahrzeichen euch stets daran erinnern, euer Leben, euren Sport und die Freundschaft, die euch vereint, den Absichten Gottes entsprechen zu lassen! Mit Freude segne ich euch und segne nun eure Fahne.

[Bearbeiten] Worte an die Gläubigen in der Kathedrale von Sitten

Thema: Schönheit, Sammlung und Innigkeit

(Französisch)

Liebe Brüder und Schwestern!

Wir alle haben viele Gründe, Gott zu danken.

1. Diese Kathedralkirche im Herzen der Stadt Sitten und dieser Diözese, der ältesten der ganzen Schweiz, ist, wie alle Kathedralen, ein Symbol des «geistigen Hauses», aus lebendigen Steinen erbaut (vgl. 1 Pt 2,5), um den Eckstein herum, der Christus ist, und gewissermassen vom Heiligen Geist zusammengefügt, um «ein heiliges Priestertum zu bilden», wo jedes Glied Christi entsprechend seiner Berufung seinen Platz einnimmt, um zum Bau der gesamten Kirche beizutragen im Verein mit dem Bischof, der die Diözesangemeinde im Namen und an der Stelle Christi leitet.

Ich ermutige die Mitglieder des Kapitels in ihrem Dienst an dieser Kirche und in den Aufgaben, die ihnen der Bischof anvertraut. Ich ermutige die Priester von Sitten, ein geeintes Presbyterium zu bilden, einander im Gebet und in der gemeinsamen Reflexion brüderlich zu stützen, um den geistlichen Problemen ihrer Gläubigen immer besser gerecht werden zu können. Ich ermutige die Ordensfrauen, durch das Lobgebet oder in den verschiedenen Apostolatsformen die Dynamik weiterzugeben, die ihrer Weihe an Christus und ihren Talenten als Frauen entspringt. Ich ermutige alle, die an den verschiedenen Dienstleistungen der Kirche beteiligt sind: an der Animation des Gebets, an der Katechese, an den Werken der Nächstenliebe und - das möchte ich besonders hervorheben - an der Liturgie; ich sage das im Blick auf die Sänger und Chöre dieses Morgens, denen ich lebhaft danke.

Ja, wendet alle grosse Sorge auf für die Vorbereitung würdiger liturgischer Feiern, an denen das Volk den Normen und Richtlinien der Kirche von heute entsprechend aktiv teilnimmt und durch ihre Schönheit, Sammlung und Innigkeit disponiert wird, in das Mysterium Christi einzutreten.

2. Diese Kathedrale ist nicht nur das Symbol der Versammlung der ganzen Ortskirche von Sitten. Sie ist für diesen Bezirk, für diese Stadt das Haus Gottes. Es ist mein Wunsch, dass die Bewohner dieser Stadt - auch wenn sie in ihrem Heim und inmitten ihrer Beschäftigungen beten - mehr und mehr verstehen, wie gut es für sie ist, hierherzukommen, um gemeinsam oder einzeln in einer Atmosphäre zu beten, die ihre Gedanken erheben, sich in ihre Betrachtung vertiefen und ihr Herz sich öffnen lässt. Viele Menschen sind dazu fahig und dürsten sogar danach; manche erwarten, dass man sie beten lehre. Hier ist die Gnadenstätte der Eucharistie und des Sakraments der Versöhnung. Die Gegenwart des Allerheiligsten an einem Ehrenplatz ist jederzeit eine Erinnerung an die Feier der Eucharistie und lässt in das Gebet Christi eintreten im Geist der Anbetung und der Hingabe, dessen Bedeutung ich nochmals betonen möchte.

3. Die alte Kathedrale von Sitten war Unserer Lieben Frau geweiht. Ich weiss, dass diese Weihe der Mutterkirche der Diözese an Maria einer treuen Verehrung für die Gottesmutter in eurer ganzen Diözese entspricht.

Euer Altbischof Nestor Adam hatte sie zu Beginn seines Bischofsamtes feierlich Maria geweiht. Sein Nachfolger, euer derzeitiger Hirte, hat diese Weihe erneuert, und sein erster Hirtenbrief galt dem «Magnificat». Er sprach damals den folgenden Wunsch aus: «Als gegenseitigen Aufruf am Vorabend, den Tag des Herrn zu heiligen, als sichtbares und erneutes Zeichen der Einheit und zu Ehren Unserer Lieben Frau, die uns zu Jesus führt, lade ich euch alle ein, mindestens einmal in der Woche - Samstag abends - das 'Magnificat' zu beten.»

Brüder und Schwestern, ich freue mich über eure marianische Frömmigkeit und beglückwünsche euch dazu. Ich bin sicher, dass sie vor allem den Rosenkranz einschliesst. Mit euch bitte ich nun die heiligste Jungfrau Maria, indem ich ihren Dankeshymnus wiederhole, uns als treue Jünger Christi zu bewahren.

(Magnificat)

[Bearbeiten] Ansprache an die polnischen Immigranten in der Schweiz in Sitten

"Ihr müsst alle Worte bewahren!"

Liebe Brüder und Schwestern,
meine Landsleute in der Schweiz!

1. Wenn ich an euch diese Botschaft des Glaubens, der Liebe und des Friedens, eine Botschaft, die mir von Herzen kommt, richte, möchte ich zunächst Gott danken, dass ich mich im Rahmen meines Besuches bei der Kirche der Schweiz mit euch treffen kann und durch euch mit allen Landsleuten, für die auf verschiedenen Wegen der Vorsehung die Schweiz zur zweiten Heimat geworden ist.

Allen, die hier sind, meinen herzlichen Gruss. Und jedem einzelnen mit gleicher Herzlichkeit. Ich möchte durch euch meinen Gruss und meinen Segen als Ausdruck geistlicher Verbundenheit allen Landsleuten senden, die nicht zu diesem Treffen kommen konnten. Allen Generationen, von den jüngsten bis zu den ältesten. Den Eltern, den Kindern und der Jugend. Allen, die leiden. Allen Werktätigen und allen Intellektuellen. Allen. Diese Grüsse und diesen Segen lege ich gewissermassen in die Hände eures Hirten, Msgr. Frania, damit er sie an die Orte bringe, die sein Dienst erreicht.

2. Erlaubt mir heute, wenn ich euch sehe und mich allem stelle, was eure Herzen erfüllt, wenigstens für einen Augenblick in die Vergangenheit zu schauen und aller zu gedenken, die euch in diesem Land und im Schicksal des Emigranten voraufgegangen sind.

Hier haben unsere Landsleute in besonders schwierigen Zeiten für Polen Zuflucht und Hilfe gefunden. Sie kamen als Enterbte mit verwundetem Herzen, aber stark im Geist und voll Glauben an das Gute und die Gerechtigkeit, an die Auferstehung des Vaterlandes. Diesem Sieg widmeten sie ihre besten Kräfte und Fähigkeiten. Und auch wenn die Zahl der polnischen Emigranten in der Schweiz nie sehr gross war, sie bildeten dennoch eine starke moralische Kraft und waren deshalb für ihre Heimat und für Europa ein wichtiger Bezugspunkt. Sie dienten der Erhaltung und Entwicklung des nationalen und patriotischen Geistes und leisteten ihrem Land in verschiedener Form Hilfe. Sie riefen das politische Gewissen der Welt wach.

Nennen wir wenigstens einige. Tadeusz Kosciuszko war nach der Niederlage von Maciejowice und der Zeit der Gefangenschaft in der Schweiz und zeigte sich seiner Legende würdig. Er starb in Soletta und wurde in Zuchwyll begraben, bis seine Überreste in die Kathedrale auf dem Wawel überführt wurden. In dieses Jahr fällt der 190. Gedenktag des Kosciuszko-Aufstandes.

In der Zeit der polnischen Teilungen lebten hier verschiedene berühmte Polen, die für die Unabhängigkeit gekämpft haben.

Gastfreundschaft und grosse Hilfe

Nach dem Ausbruch des 1. Weltkrieges liess sich Henryk Sienkiewicz in der Schweiz nieder, der mit Ignacy Paderewski und Antoni Osuchowski verschiedene karitative Initiativen organisierte und leitete, die der leidenden Heimat Hilfe brachten. Das Hilfskomitee für die Kriegsopfer in Polen, das sie gründeten, arbeitete mit dem Grossalmosenier von Krakau und Polen, dem damaligen Bischof von Krakau, Adam Stefan Sapieha, und seinem fürstbischöflichen Komitee zusammen. Daran erinnert u. a. die 1915 geprägte Medaille «Polonia devastata».

Sienkiewicz schrieb über die Tätigkeit dieser Organisation: «Auch wenn das Komitee einen philanthropischen Charakter haben muss und keinen politischen, spricht es trotzdem ständig zur ganzen Welt von Polen, seiner alten und gegenwärtigen Tragödie und lenkt die Aufmerksamkeit aller darauf, weckt das Interesse, das Mitgefühl und das politische Gewissen Europas» (Brief an Stanislaw Osada). Sienkiewicz erlebte die Unabhängigkeit nicht mehr. Er starb in der Schweiz, aber die damals von ihm formulierten Ziele blieben ausserordentlich aktuell.

In der neuen Situation nach Ausbruch des 2. Weltkrieges fanden sich die Staatsmänner und Politiker ein zweites Mal in der Schweiz wieder, um unter Führung des schon alten Ignacy Paderewski über die Möglichkeiten einer politischen Erneuerung der Nation zu beraten.

Nach der Kapitulation Frankreichs 1940 ergab sich die 2. Schützendivision unter dem Kommando von General Prugar Ketling nicht und wechselte in die Schweiz über. Hier fand sie Gastfreundschaft und grosse Hilfe. Wie sollte man sich nicht an die von Prof. Edward Cros mit Hilfe der Behörden und der Gesellschaft der Schweiz für die Internierten gegründete Polnische Universität erinnern, an der Hunderte von Polen studierten und doktorierten? In den Erinnerungen an diese Zeit lesen wir, wieviel Liebe die polnischen Soldaten von der örtlichen Bevölkerung erfahren haben. Ich selbst bin in Krakau in Kontakt mit einem Repräsentanten dieser Universität gekommen, dem hervorragenden Professor Adam Ventulani.

Wie sollte man nicht das Schweizer Rote Kreuz und seine Tätigkeit für unsere Nation im und nach dem Kriege erwähnen? Frau Marcelle Comte, die auf diesem Gebiet besondere Verdienste hat, arbeitet und lebt noch bei den Dominikanern im Albertinum.

Wie sollte man nicht die Katholische Mission für die Kriegsopfer erwähnen?

Im Schloss Rapperswil, wo sich seit 1869 der «Brückenkopf der polnischen Freiheit» befand, als es den nicht auf der geographischen Karte gab, besteht seit Jahren dank der Hilfe der «Freunde Polens» ein grossartiges polnisches Museum.

Besonderer Dank gilt auch P. Jozef Bochenski OP, der trotz seiner Verpflichtungen als Professor an der Universität Freiburg unter den Polen in der Schweiz pastoral gearbeitet und den Bau des Zentrums Freiburg in Gang gebracht hat.

Das ist nur ein sehr kurzer historischer Abriss. Wir nennen nur einige, denken aber an alle und beten für alle. Wir danken allen. Und gleichzeitig wollen wir uns von ihnen inspirieren lassen, um die Aufgaben zu verwirklichen, die die Vorsehung den Generationen unserer Zeit zuweist.

3. Die Ereignisse der letzten Jahre haben die Zahl der Polen in der Schweiz verdreifacht. Die Zeiten sind neu, und auch die Verhältnisse, aber die Probleme und Aufgaben bleiben die gleichen.

Ihr steht vor einem grossen Problem: Ihr müsst euch in ein neues Umfeld integrieren, gleichzeitig eure Identität bewahren und vertiefen. Das verlangt von euch, dass sich in euch der Glaube geformt hat, die reiche Geschichte, die Geschichte der Erlösung in eurer Heimat, die Kultur der Väter und die nationale Geschichte, Geschichte, die geschrieben ist und weiter geschrieben wird, auch in der Schweiz. Ihr müsst all diese Werte bewahren, die sich mit grosser Kraft in das Leben unserer Nation eingeschrieben haben.

Ihr lebt unter Bedingungen eines verbreiteten Laizismus. Das ist eine Tatsache. Ich will nicht auf Details eingehen, das ist nicht der richtige Augenblick dazu. Der Mensch ist in seinem tiefsten Wesen bedroht. Man muss ständig und hartnäckig zu den Wurzeln unseres Menschseins und unserer Berufung zurückkehren, die in Christus ihren Grund und die er uns offenbart hat. Deshalb müssen wir voll Zuversicht und Glauben unsere Augen zu ihm erheben. Zum Sohn Gottes, der durch den Willen des Vaters mit dem Heiligen Geist in seinem Tod der Welt das Leben geschenkt hat. Denn im auferstandenen Christus haben wir das Recht auf Auferstehung und Leben.

Er gab uns «Macht, Kinder Gottes zu werden» (Joh 1,12). Durch diese Macht gibt der Mensch als Kind Gottes seinem ganzen Leben Würde. Das wahrhaft menschliche Leben, das menschenwürdige Leben baut auf Glaube, Hoffnung und Liebe auf.

Kräftigt eure Bande mit der Kirche

In der Hinwendung zu Christus besteht der tiefste Sinn des Menschen und seiner Arbeit. Es geht also nicht nur darum zu arbeiten, um die Welt zu verändern, damit sie den Bedürfnissen des Menschen dient, sondern auch und vielleicht vor allem um die ständige Hinwendung zu Christus. Es geht um die Arbeit am Menschen selbst, eine Arbeit, die schon im Mutterschoss beginnt, unter ihrem Herzen, und dann ständig durch das Leben in der Familie mittels der Erziehung. Um die Arbeit, die der menschlichen Seele, ihrem Gewissen, dem Herzen des Menschen und seiner Verantwortung für sich und die anderen menschliche und christliche Kraft gibt. Das ist das Ziel des Kampfes, der geistlichen Schlacht, die wir als Jünger Christi in dieser Welt führen müssen.

Christus hat uns in den Kreis dieser Liebe geführt, die das Leben schenkt, das Gott der Erde anvertraut und das uns zu ihm führt. Der Heilige Geist giesst diese Liebe dem Menschen und seiner Geschichte ein.

Ich wünsche euch und bete ständig darum, dass dieser Geist euch in die Tiefe des Erlösungsgeheimnisses einführe, damit sich die Liebe in eure Herzen ergiesst und in ihr euer Menschsein reift.

Kräftigt in euch die Bande, die euch mit der Kirche und mit eurer Nation verbinden. Euer Eifer für das Gute, die Treue zum Glauben, Gerechtigkeit, Freiheit, Solidarität und Friede mögen eurer Gemeinschaft, in dem Land, wo ihr lebt, Frucht bringen. Frucht bringen auch der Gemeinschaft unseres Volkes in Polen, dessen Hoffnungen und Erfahrungen uns allen sehr am Herzen liegen. Und darüber hinaus dem Wohl aller Menschen dienen.

Möge der mütterliche Schutz der Herrin von Jasna G6ra, der Königin Polens, über auch wachen!

[Bearbeiten] Abschiedsansprache vor dem Abflug von Sitten

Thema: Dank für die herzliche Aufnahme

(Französisch)

Meine Damen und Herren,
liebe Brüder und Schwestern!

1. Nun stehe ich am Ende dieser beeindruckenden Reise, die ich mit Hilfe des Herrn durchführen konnte. In diesen sechs Tagen in der Schweiz folgten verschiedenartigste Begegnungen rasch aufeinander. Diese verschiedenen Etappen waren nötig, um Kontakt aufzunehmen mit einem Land, das verschiedenste Traditionen in einer sehr schmiegsamen Einheit verknüpft.

Nun treffe ich meine lieben Brüder im Bischofsamt wieder, die mich auf dieser ganzen Reise begleitet haben, und ich drücke ihnen und ihren Mitarbeitern noch einmal meine Dankbarkeit aus für die sorgfaltige Vorbereitung und Durchführung dieser Tage. Ich danke den Priestern Sittens und den anderen hier anwesenden Katholiken, und in ihnen danke ich auch der ganzen katholischen Gemeinschaft der Schweiz. Vor allem sie wollte ichja im Laufe meiner pastoralen Reise besuchen. In Dankbarkeit grüsse ich auch die anderen christlichen Gemeinschaften, die der Einladung gefolgt sind, mit dem Bischof von Rom Zwiesprache zu halten und gemeinsam mit ihm zu beten.

Ich wende mich aber auch an die zivilen Behörden, an den Herrn Bundespräsidenten und die Herren Bundesräte, die freundlicherweise zu meiner Verabschiedung hierhergekommen sind. Unsere Begegnung im Lohn ist mir in bester Erinnerung. Mit Dankbarkeit grüsse ich alle lokalen Behörden, insbesondere den Präsidenten des Walliser Staatsrates, die Staatsräte, den Präsidenten des Walliser Grossen Rates, den Präfekten, den Stadtpräsidenten, die Stadträte von Sitten und den Präsidenten der Burgergemeinde Sitten. Auf unterschiedlichen Ebenen haben Sie alles geleistet, um meine pastorale Mission bei Ihren Landsleuten zu erleichtern. Ich denke unter anderem an alle bei den Ordnungs- und Sicherheitsdiensten Beteiligten; sie haben diese mit der Tüchtigkeit, Disziplin und Liebenswürdigkeit verrichtet, die schon immer den Schweizern zur Ehre gereichte.

Ich denke auch an diejenigen Militär- und Zivilpersonen, welche die vielen Transporte so gut organisiert und auf eine für mich so angenehme Weise besorgt haben; sie lies sen mich übrigens Eure herrlichen Landschaften von oben bewundern. In meinem Dank möchte ich auch niemand von denen vergessen, die, oft hinter den Kulissen, grossmütig an der Vorbereitung und an der Gestaltung der Reise, an den Installationen, Dekorationen usw. mitgewirkt haben. Ich weiss, dass ihr dafür tatkräftige Diözesankomitees gebildet habt, die mit den zivilen Diensten der Kantone eng zusammengearbeitet haben, und ich will erst recht noch das Zentralkomitee anführen.

Ich danke auch den Behörden der anderen Kantone, die mich überall sehr höflich empfangen haben. Darüber hinaus gedenke ich in diesem Moment nicht nur der vielfaltigen praktischen Dienste, sondern erwäge auch, dass es Teil meiner pastoralen Mission ist, die Männer und Frauen zu treffen, die für das Gemeinwohl Ihres Landes Verantwortung tragen. In voller Anerkennung ihrer Kompetenzen bin ich stets glücklich, sie anzuhören und ihnen meine Hochachtung und Wünsche für ihre anspruchsvollen Aufgaben auszudrücken.

In Ihnen grüsse ich schliesslich dankbar das ganze Schweizervolk, dessen wohlwollende, vertrauensvolle und, ich kann sagen, herzliche Gastfreundschaft ich überall geschätzt habe.

2. Voll nachhaltiger Erinnerungen in Geist und Herz verlasse ich also heute dieses Land. Ich könnte an seine so fesselnden Landschaften erinnern, an,die Majestät der Berge und Gletscher, den Glanz der Seen und der sanft fliessenden Bäche, das Grün der Wiesen und den Duft der Blumen in diesem Frühsommer. Vor allem aber denke ich an die Menschen, denen ich in Lugano, Freiburg, Flüeli, Einsiedeln, Luzern und Sitten begegnet bin. Viele kamen aus anderen Kantonen, die wir leider nicht besuchen konnten. Wir haben gemeinsam gebetet und gesungen. Gemeinsam haben wir uns der Freude geöffnet, zu wissen, dass wir Kinder Gottes und Glieder der Kirche sind. Wir haben zu denen aufgeblickt und gebetet, die uns im Glauben und in der Heiligkeit vorangegangen sind: die Heiligen Mauritius, Meinrad, Bruder Klaus, Petrus Canisius, Karl Borromäus. Wir haben uns in unserer Berufung als Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien bestärkt. Wir haben unsere Identität gestärkt, um unsere spezifische Rolle in der Kirche besser zu erfüllen. Auch die schweren Probleme der heutigen Welt haben wir nicht vergessen; wir standen in Gemeinschaft mit denen, die leiden und Schweres ertragen. Schliesslich waren wir glücklich, inmitten der eigentlichen Bürger dieses Landes bedeutende Gruppen von Ausländern aus allen Kontinenten zu treffen, denen die Schweiz Gastfreundschaft gewährt, seien es nun Touristen, Gastarbeiter oder Flüchtlinge.

3. Aus ganzem Herzen kommen meine innigen Wünsche für dieses Land, das einen etwas bevorzugten Platz im Herzen Europas einnimmt. Seine Lage kann Zeichen einer besonderen Berufung zur Gastfreundschaft und zum Frieden sein. Die Schweiz liebt den Frieden. Sie hat es verstanden, in gegenseitigem Respekt und in Demokratie verschiedenste Kulturen und Überzeugungen zusammenleben zu lassen, die unterschiedlichen Strömungen zu einem aktiven Ausgleich zu führen, der weit über einen gewöhnlichen Kompromiss hinausgeht.

Ich wünsche, dass solche Weisheit und Menschenfreundlichkeit in einer Welt Schule machen, die zu Gewalttätigkeit und Abkapselung neigt, dass sie vertieft werden und stets die Ehrfurcht vor dem Leben in allen seinen Formen einschliessen, die Sorge für Gerechtigkeit, die brüderlichen Beziehungen zur Umgebung, die Sympathie, Hochherzigkeit und Liebe zu denen, die in der ganzen Welt Hunger leiden nach Brot, Liebe, Anerkennung und Freiheit. Für die Christen ist es die Liebe - die wirkliche Liebe -, die alles menschliche Verhalten bestimmt.

4. Ganz besonders richte ich herzliche Wünsche an meine katholischen Brüder, die Priester, Ordensmänner und -frauen, die verschiedenen kirchlichen Bewegungen, die Familien, an alle Getauften und Gefirmten und an diejenigen, die die Wahrheit suchen. Trotz der Versuchungen zur Verweltlichung und religiösen Gleichgültigkeit habe ich hier ein Volk von Glaubenden getroffen, das glücklich war, zusammen mit dem Nachfolger des heiligen Petrus und den anderen Bischöfen seinen Glauben zu bekennen. Habt keine Angst, liebe Freunde! Gott ist grösser als unsere zweifelnden Herzen. Öffnet die Tore dem Erlöser, der unter euch wohnt! Öffnet euer Herz dem Heiligen Geist Jesu Christi! Er beseele euer Gebet, ohne das der Glaube nicht treu bleiben kann! Er schenke euch Verständnis für die Kirche und Liebe zu ihr, deren Glieder ihr seid! Er schenke euch brüderliche Liebe zueinander! Er behüte euch in der Gemeinschaft mit der Weltkirche!

Mein Gebet wird sich aus dem nähren, was ich bei all denen sah und hörte, mit denen ich zusammentraf. Wie könnte ich die Schweiz je vergessen, da doch einige eurer Landsleute von alters her die Wächter meines Hauses in Rom sind. - Betet auch für mich, damit der Herr mir trotz meiner Grenzen gebe, überall den Dienst, den er mir anvertraut hat, auf den Spuren des heiligen Petrus zu verrichten, den Glauben zu bekennen, der Einheit zu dienen und meine Brüder zu stärken. Gelobt sei Jesus Christus! Er segne euch und erfülle euch alle mit seinem Frieden und seiner Freude.

(Deutsch/Italienisch)

Im Augenblick des Abschieds aus eurem geschätzten Land danke ich Gott für die Gnadentage dieses Pastoralbesuches und allen Schweizer Bürgern für die mir gewährte herzliche Gastfreundschaft. Möge die geistliche Gemeinschaft, die uns hier in religiöser Besinnung und gemeinsamem Gotteslob so eng miteinander verbunden hat, diese Stunde der äusseren Trennung überdauern und für alle reiche Frucht bringen. Der heilige Bruder Klaus erhalte euch Frieden und Eintracht in euren Familien und Gemeinden!

(Italienisch)

Bevor ich schliesse, möchte ich auch alle Brüder italienischer Sprache herzlich grüssen.

Ich bekunde meinen Dank für das Glaubenszeugnis, das sich mir in diesen Tagen bot, und bitte den Herrn, er möge stets neue Energien an gutem Willen wecken. Er segne diejenigen, die redlich für das Wohl des Menschen und der Gesellschaft arbeiten. Er stütze diejenigen, die sich hingebend einsetzen, um die Kirche als mystischen Leib Christi und als Gottesvolk auf dem Weg aufzubauen.

Ich wünsche diesem edlen Land einen beständigen wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen, sittlichen und geistigen Fortschritt, damit alle seine Bewohner weiterhin in einem Klima der Freiheit, des Vertrauens und des Friedens leben können.

(Romanisch)

Euch und allen Bewohnern der Schweiz ein herzliches Adieu. Gott schütze und segne euch!

[Bearbeiten] Weblinks

Meine Werkzeuge