Ad-limina-Ansprachen von Papst Johannes Paul II. an die DBK im Januar 1983

Aus Kathpedia
Wechseln zu: Navigation, Suche

Inhaltsverzeichnis

Hintergrund

Die westdeutschen Bischöfe der Deutschen Bischofskonferenz, wurden von Papst Johannes Paul II. in einer Audienz zu ihrem Ad-limina-Besuch in drei Gruppen empfangen.

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Ansprache an die erste Gruppe deutscher Bischöfe am 14. Januar 1983

Thema: War nicht unser Leben immer schon "alternativ"?

(Quelle: Der Apostolische Stuhl 1983, S. 1305-1310)
(Offizieller deutscher Text: AAS 75 [1983] 366-371)

Liebe Brüder im Bischofsamt !

1. Ganz herzlich begrüße ich euch heute als die erste Gruppe der Deutschen Bischofskonferenz zu eurem Ad-limina-Besuch hier im Vatikan. Von euch könnten die Worte des hl. Paulus gelten, der im Galaterbrief von sich berichtet: "Ich ging hinauf (nach Jerusalem) ... , legte der Gemeinde und im besonderen den ,Angesehenen' das Evangelium vor, das ich verkünde; ich wollte sicher sein, das ich nicht vergeblich laufe oder gelaufen bin" (GaI2, 2).

In gläubiger Gemeinschaft mit dem Nachfolger des Petrus wollt auch ihr euch vergewissern, das ihr das richtige Ziel im Auge habt und der Weg stimmt, den ihr in eurer pastoralen Sorge für eure Diözesen und Gemeinden beschreitet. Besonders willkommen heiße ich den jüngsten Mitbruder unter euch, den Bischof von Limburg, der erst im vergangenen Jahr das Bischofsamt übernommen hat. Ebenso gilt in diesem Augenblick mein dankbares Gedenken dem verehrten und verdienten Herrn Kardinal Volk, der soeben Last und Freude einer würdigen Verabschiedung aus langjährigem treuem Dienst erfahren hat und deshalb heute nicht hier zugegen ist.

In gemeinsamer Hirtensorge fühle ich mich jedem einzelnen von euch in den konkreten Situationen eurer Diözesen und eures Amtes brüderlich verbunden und möchte meinen Teil dazu beitragen, das dieser "Adlimina"-Besuch euch neue Kraft und Zuversicht für euren weiteren Weg gebe. Dabe~ möchte ich einige grundlegende Gedanken, die in euren persönlichen Berichten bereits anklangen, hier noch einmal aufgreifen. Indem ich sie eurer vertieften Betrachtung vorlege, richte ich sie zugleich an alle anderen Mitglieder eurer Konferenz so, wie meine späteren Worte an die beiden anderen Gruppen auch euch gelten mögen.

2. Christus sagt von sich, das er gekommen ist, das die Menschen "das Leben haben und es in Fülle haben" (Joh 10, 10). Deshalb ist auch unsere Sendung in seiner Nachfolge ein Dienst am Leben. Dieser unser Auftrag als Bischöfe, als Kirche erhält gerade in der Welt von heute eine ganz spezielle Aktualität und Dringlichkeit, wie ihr selbst es von seiten eurer Bischofskonferenz in den vergangenen Monaten deutlich zum Ausdruck gebracht habt. Mit Freude und Zustimmung habe ich von der Initiative vernommen, die ihr gemeinsam mit den Kräften des Laienapostolats in eurem Land ergriffen und unter das biblische Leitwort gestellt habt: "Wähle das Leben!" (Dtn 30, 19).

Alle Kräfte in Kirche und Gesellschaft sollen mobilisiert werden, um die heute den Menschen insgesamt bedrohende Feindlichkeit dem Leben gegenüber, den mangelnden Mut zum eigenen Leben und zur Weitergabe des Lebens durch ein neues Ja zum Leben zu überwinden. Die verhängnisvollen praktischen wie theoretischen Irrtümer, die das Leben als beliebig verfügbares Gut des einzelnen oder der Gesellschaft betrachten; sollen als unverträglich mit der Würde des Menschen von möglichst vielen Mitchristen und Bürgern durchschaut und auf eine eindeutigere Achtung vor dem Menschenleben hin korrigiert werden.

"Wähle das Leben!" Wählt zwischen Tod und Leben, die euch vorgelegt sind! Diese Entscheidungsfrage, die den Israeliten vor dem Einzug ins Gelobte Land gestellt wurde, ist auch uns und den uns anvertrauten Menschen gestellt angesichts des beschwerlichen Weges in die Zukunft. Dieser Weg - das muss unsere tiefste Überzeugung und unser klares Bekenntnis sein - führt nur dann nicht ins Leere, nur dann nicht in die Irre, wenn wir ihn in der Nachfolge dessen gehen, der allein von sich sagen durfte: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!" (Joh 14, 6). Leben ist nur möglich im Vertrauen auf das göttliche Erbarmen, das größer und stärker ist als alles, was uns die Hoffnung und den Mut zum Leben nehmen will. Nur in Christus erhält das Leben des Menschen seinen wahren Sinn und kann es zu seiner Fülle gelangen.

3. "Wähle das Leben!" Bei der Entfaltung dieses Appells werdet ihr gewiß die ganze Breite des hiermit angesprochenen Wertes den Menschen vor Augen führen: angefangen bei den Fragen der Umwelterhaltung und des Tierschutzes über die zentralen Probleme des irdischen Lebens des Menschen bis hin zur Verkündigung des ewigen Lebens, zu dem sich jeder Mensch berufen wissen darf. Das hier auf Erden verbrachte menschliche Leben ist zwar ein unantastbarer Wert, aber nach unserer Überzeugung in Übereinstimmung mit einer hohen Tradition von Philosophie und Weisheit anderen, noch höheren Werten untergeordnet, wie zum Beispiel der Würde der Person und ihren unveräußerlichen Grundrechten. So lehrt ihr, das Leben hier auf Erden zu lieben und es in menschenwürdiger Weise zu fördern und zu entfalten, sich zugleich aber auch auszustrecken nach der wahren Fülle eines unzerstörbaren Lebens aus der liebenden Macht Gottes.

Die höchste Stufe von Lebensbejahung

Diese christliche Spannung ist nicht leicht verständlich zu machen; sie gehört jedoch zum Lebensbild vieler Heiliger. Erst recht wie eine Provokation wirkt heute das Schriftwort: "Wer sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen" (Mt 10, 39). Das Bekanntwerden des Lebens und Sterbens eines heiligen Christen von heute wie das Maximilian Kolbes hat aber viele Menschen wenigstens ahnen lassen, das hier vielleicht die höchste Stufe von Lebensbejahung erreicht ist. Die tiefere Reflexion über diese letzte Möglichkeit eines Zeugnisses für die Würde des Lebens führt dann auch notwendigerweise dazu, das weitverbreitete Schlagwort von der notwendigen "Selbstverwirklichung" des Menschen einer näheren Prüfung zu unterziehen. Bis zu welchem Punkt läßt sich dieser Begriff mit unserem Glauben vereinbaren? Ist nicht die Grenze genau dort gegeben, wo er das Verständnis auslöscht für jenes christliche Wagnis, "das eigene Leben zu verlieren"?

4. "Wähle das Leben!" Dieser Entscheidungsruf richtet unseren Blick auch auf einige brennende Einzelprobleme des heutigen sozialen Lebens, aus denen ich jetzt nur auf drei besonders eingehen möchte. An erster Stelle steht hier zweifellos die fortwährende Aufgabe, junge Männer und Frauen dafür zu motivieren, in einer verantwortlich gestalteten Ehe und Familie die Würde des Menschen auch in deren konkretem Vollzug aufleuchten zu lassen und das Leben zu bejahen. Indem sie das Ja zueinander wählen, beginnen sie miteinander einen Weg in die Zukunft, der in letzter Konsequenz das kleine Glück nur zu zweit übersteigt und zur Bejahung des Lebens auch in eigenen Kindern führen müßte. Versucht, den Menschen wieder Auge und Herz dafür zu öffnen, das kein noch so wertvolles und attraktives Konsumgut an das Glück heranreichen kann, das die tägliche Begegnung und Auseinandersetzung mit der geheimnisvollen Welt eines Kindes als einer heranwachsenden Person demjenigen schenken kann, der gelernt hat, diese Werte zu sehen und sich über sie zu freuen.

Die komplizierte Wahrheit suchen

Dabei dürfen wir auch nicht jene Ehepaare übersehen, die ungewollt kinderlos bleiben. Auch ihnen gilt - wenn auch in einer speziellen Weise der Aufruf: "Wähle das Leben!" "Die leibliche Unfruchtbarkeit kann", wie ich im Apostolischen Schreiben Familiaris consortio betont habe, "den Gatten Anlaß zu anderen wichtigen Diensten am menschlichen Leben sein, wie Adoption, verschiedene Formen erzieherischer Tätigkeit, Hilfe für andere Familien, für arme oder behinderte Kinder" (Nr. 14).

5. Unter den sozialen Aufgaben der Kirche rückt in letzter Zeit immer mehr das Problem der knappen Arbeitsplätze in den Vordergrund. Die Suche nach dem Lebensunterhalt, das Verlangen nach einem sinnvollen und anerkannten Einsatz der eigenen Fähigkeiten: Beides zeigt uns deutlich den Zusammenhang mit dem Thema des Lebens. Einige von euch und manche eurer Priester sind in den vergangenen Monaten bereits aus nächster Nähe mit den harten Auseinandersetzungen konfrontiert worden, die eine drohende Massenentlassung oder Fabrikschließung naturgemäß mit sich bringt. Helft dabei mit, die Partner zum Dialog zu bringen, die ganze komplizierte Wahrheit der jeweiligen Situation zu suchen und ihr im Geist der Solidarität gemeinsam zu begegnen. Sucht Agitation zu vermeiden und lehnt die kurzschlüssige Jagd nach Sündenböcken ab: Beides entspricht nicht den Maßstäben Christi, der gekommen ist, nicht zu verurteilen, sondern zu versöhnen und alle Menschen zu Brüdern zu machen.

Geht bei eurem Einsatz zugunsten der bedrohten Arbeitsplätze davon aus, das es in eurem Lande durchaus auch zahlreiche soziale und christlich motivierte Unternehmer und Arbeitgeber gibt, die bereit sind und sich bemühen, ihre schwierige Aufgabe nach den Regeln sozialer Gerechtigkeit zu erfüllen. Die katholische Kirche selbst ist ja in eurem Land einer der größten Arbeitgeber. Ich möchte euch darin bestärken, auch weiterhin eine besondere soziale Verantwortung wahrzunehmen, wenn es darum geht, Arbeitsplätze auch unter eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten zu erhalten, jungen Menschen einen Ausbildungsplatz zu geben oder behinderten Menschen Raum für eine ihnen mögliche Tätigkeit zu schaffen. Eine solche konsequente soziale Ordnung im eigenen Haus gibt euch einen zusätzlichen Rechtstitel, um den kirchlichen Arbeitsbereich weitgehend selbst zu gestalten, bis hin zu eigenen Formen einer Arbeitnehmervertretung, die ihr zu Recht als der besonderen Natur des kirchlichen Dienstes angemessen betrachtet.

6. "Wähle das Leben!" Dieser Aufruf, liebe Mitbrüder, richtet sich besonders dringlich an die junge Generation, an jene, die morgen die Last und die Schönheit des Lebens erfahren werden. Vor allen anderen brauchen sie die Zurüstung zu diesem Leben; sie brauchen den Mut zum Leben; sie brauchen Maßstäbe. Wir müssen uns selbst, unsere Priester und möglichst viele vom Glauben geprägte Laienchristen ermutigen, zu Gesprächspartnern gerade der jungen Menschen zu werden: Dieses Gespräch müssen wir suchen, auch dort, wo uns Eigenart und Mentalität der jungen Generation zunächst fremd und seltsam erscheinen. Manche ungewohnte Gesten von ihrer Seite enthalten stille Fragen an uns alle, brennende, lebenswichtige Fragen.

Schreckt auch nicht zurück vor dem Wort "alternativ", mit dem heute eine große Vielfalt von Ideen und Projekten im gesellschaftlichen Leben bezeichnet wird. Reflektiert und erwägt die dahinterstehenden Anliegen vertrauensvoll im Kreis erfahrener und weitschauender Männer und Frauen; denn es scheint tatsächlich so zu sein, das verschiedene weltweite Entwicklungstendenzen gerade die Völker mit ausgeprägter Industriekultur allmählich an einen Punkt bringen, wo alternative Lösungen zum heute vorherrschenden Lebensstil gesucht und bedacht werden müssen. Die Kirche in ihrer großen geistigen Unabhängigkeit und Eigenständigkeit ist doch am ehesten der Ort, wo solche neuen Lebensmodelle für den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereich formuliert und diskutiert werden können. Ist nicht unser ganz eigener Lebensweg als Christ, als Priester und Bischof immer schon "alternativ" gewesen? Je tiefer und überzeugter wir uns selbst an Christus, den Weg, die Wahrheit und das Leben halten, um so eher können wir dieses Gespräch mit der jungen Generation wagen. Die Zukunft des Menschen ist ein Risiko wert.

7. Liebe Mitbrüder! Diese wichtigen Anliegen und Anregungen, die ich euch in herzlicher Verbundenheit und vertrauensvoller Offenheit vorgelegt habe, werdet ihr gewiß mit eurer eigenen theologischen Einsicht und pastoralen Erfahrung verbinden. Mögen sie dazu beitragen, das Wirken der Kirche im Dienst am Leben, am irdischen und übernatürlichen Leben, in euren Diöz;esen und Gemeinden zu verlebendigen und wirksam auf den konkreten Menschen hin auszurichten. Meine brüderliche Anteilnahme und mein Gebet für euch, eure Priester und Gläubigen begleiten euch dabei.

Schenkt auch ihr mir, eurem Bruder auf dem Bischofsstuhl in Rom, solche geistliche Gaben: Euer Rat für meinen Dienst an der Kirche Christi wird mir immer willkommen sein; eure Fürbitte ist mir Grund für Zuversicht und Freude. Gott sei gepriesen für diese unsere aufrichtige Gemeinschaft und Einheit! Mit besten persönlichen Wünschen erteile ich euch und euren Diözesen von Herzen meinen besonderen Apostolischen Segen.

Weblink

Ansprache an die zweite Gruppe deutscher Bischöfe am 21. Januar 1983

Thema: Rufer der Umkehr zu sein, ist nicht bequem

(Quelle: Der Apostolische Stuhl 1983, S. 1310-1315)
(Offizieller deutscher Text: AAS 75 [1983] 434-439)

Liebe Brüder im Bischofsamt !

1. In der frohen Gewissheit unserer tiefen Verbundenheit als Glieder des Bischofskollegiums und unserer inneren Einheit in Christus, dem alleinigen wahren Guten Hirten inmitten des Gottesvolkes, empfange ich euch heute am Ende eures Ad-limina-Besuches gemeinsam im Vatikan, dem Ort des bleibenden Glaubenszeugnisses des hl. Petrus und seiner Nachfolger.

Wie bei der vorhergehenden Gruppe deutscher Bischöfe grüße ich in euch die ganze Kirche in eurem Land, von deren Lebenskraft und Glauben ich seit meinem Pastoralbesuch eindrucksvolle Erinnerungen bewahre. Mein besonderer Gruß gilt dem verehrten Herrn Kardinal Joseph Höffner, dem langjährigen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, dem ich anläßlich seiner kürzlichen Wiederwahl Gottes Licht und Beistand erbitte. Zugleich gedenke ich in diesem Augenblick in Dankbarkeit des Bischofs Bernhard Stein, des früheren Oberhirten der Diözese Trier, und auch des allzufrüh verstorbenen Bischofs von Münster, Heinrich Tenhumberg. Ihre beiden Nachfolger heiße ich zu ihrem ersten Ad-limina-Besuch herzlich willkommen. Unsere brüderliche Begegnung ist Ausdruck und Vertiefung unserer kollegialen Verbundenheit in der gemeinsamen Verantwortung für die Heilssendung Christi in unserer Zeit. Mögen daraus fruchtbare Impulse für die pastorale Arbeit in euren Diözesen und Gemeinden erwachsen.

2. Die katholische Kirche in der Bundesrepublik Deutschland bietet dem äußeren Betrachter einen kraftvollen Anblick, den einer wohlgeordneten, wirksamen Organisation mit vielfältigen pastoralen und sozialen Initiativen sowie großer Hilfsbereitschaft für weniger bemittelte Ortskirchen und notleidende Menschen in anderen Ländern und Kontinenten. Die jährlichen ausführlichen Berichte von den Arbeiten und Beschlüssen im Rahmen eurer Bischofskonferenz bezeugen, mit welch hohem Verantwortungsgefühl die Kirche in eurem Land auch an den schwerwiegenden Problemen in Staat und Gesellschaft Anteil nimmt und zu deren Lösung ihren spezifischen Beitrag leistet. Anerkennung und Dank gebührt eurer stets großzügigen Mitarbeit in den vielfältigen Anliegen des Hl. Stuhls und der Weltkirche sowie euren intensiven Kontakten, die ihr mit Mitbrüdern und Bischofskonferenzen in den Kirchen der Dritten Welt unterhaltet, wodurch ihr den gegenseitigen Erfahrungsaustausch wie auch den Geist weltweiter Brüderlichkeit wirksam fördert.

Doch kann, wie ihr selbst in euren Gesprächen mit mir betont habt, dieses kraftvolle organisatorische Leben in der Kirche eures Landes nicht die innere religiöse Krise vergessen lassen, die sich weltweit aus dem fortschreitenden Prozeß der Säkularisierung und aus der Gottvergessenheit in der modernen Konsumgesellschaft herleitet und auch euch und eure Priester bei der täglichen Seelsorgearbeit in den Gemeinden vor große Schwierigkeiten stellt.

Die rückläufige Zahl der sonntäglichen Kirchenbesucher, die zunehmende Zerrüttung in Ehen und Familien mit wachsenden Scheidungsquoten, das Sinken der öffentlichen Moral und die Mißachtung menschlicher Grundwerte in Staat und Gesellschaft sind nur allzu deutliche Zeichen für eine bedrohlich um sich greifende Entchristlichung des menschlichen und gesellschaftlichen Lebens. Diese stellt für die Kirche eine große Herausforderung dar, der sie nur durch eine radikale Besinnung auf ihren ureigensten Heilsauftrag wird begegnen können. Gefordert ist eine tiefgreifende innere Erneuerung der Kirche aus der Kraft des göttlichen Geistes und eine authentische Neuevangelisierung mit dem Aufruf Christi zu Umkehr und Glauben.

Erschütternde Erfahrung der Grenzen

3. Es kann keine geistige Erneuerung geben, die sich nicht in Buße und Umkehr vollzieht. Christus selbst hat die Verkündigung der Frohen Botschaft mit dem eindringlichen Bußruf begonnen: "Kehrt um und glaubt an das Evangelium!" (Mk 1, 15). Die Kirche ist heute in einer besonderen Weise aufgefordert, diesen Ruf des Herrn selber neu zu hören und zu befolgen sowie den Menschen zu verkünden. Er bildete das Motto eures Katholikentages in Düsseldorf und wird eine gründliche Erörterung und Aktualisierung in den Beratungen der kommenden Bischofssynode erfahren. Der Bußruf Christi soll auch das zentrale Anliegen der pastoralen Erneuerung in euren Diözesen und Gemeinden werden.

Vielleicht sind Buße und Bußsakrament noch nie zuvor so sehr in die Krise geraten wie in unserer Zeit. Das Bewußtsein des Menschen, das er ein Sünder ist, die Bereitschaft, seine Schuld beim Namen zu nennen, und die Einsicht, das nur der vergebende Gott einen Neuanfang schenken kann, sind heute weitgehend verdunkelt oder völlig geschwunden. Gleichzeitig hat jedoch derselbe Mensch, der mit Buße und Umkehr nicht mehr viel anzufangen weiß, von einer ganz anderen Seite her eine erschütternde Erfahrung der Grenze machen müssen.

Der moderne Fortschritt ist in ein Tempo hineingeraten, das nach dem Rausch der Selbstsicherheit die Angst vor dem Entgleisen, vor der Katastrophe hat wachsen lassen. Grenzen des Wachstums sind sichtbar geworden, der Überdruß an einer Kultur des bloßen Habens und Genießens greift um sich; zugleich verbreitet sich der Schrecken vor einer inneren Erschöpfung der Lebensmöglichkeiten auf dieser Welt oder einer kriegerischen Selbstzerstörung der Menschheit. Die Verhältnisse selbst schreien dem Menschen heute den gleichen Ruf ins Bewußtsein, den der Herr an den Anfang seiner Predigt gestellt hat: Kehrt um!

Dennoch kann diese konkrete Grenzerfahrung den persönlichen Bußruf Christi nicht ersetzen, wenngleich sie ihm den Weg zu bahnen vermag. Wer nur den Umkehrruf hört, wie er sich angesichts der gegenwärtigen großen Gefährdung der Menschheit erhebt, droht in Resignation und Angst, in Protest gegen das Bestehende oder in letztlich gefährlichen Utopien steckenzubleiben, ohne das Unheil des Menschen an der Wurzel zu packen. Damit die Welt neu werden kann, muss der Mensch neu werden, und der Mensch kann nur neu werden, wenn er den ganzen Ruf der Frohen Botschaft ernst nimmt, den Markus an den Anfang der Predigt Jesu stellt: "Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!" Kehrt um und glaubt!

4. In dieser Situation habt ihr, liebe Mitbrüder, eine ganz besondere Verantwortung. Eine neue Nachdenklichkeit ist allenthalben aufgebrochen, viele fragen wieder nach Orientierung, nach Halt und Weg. Es ist an euch, den Hirten und Zeugen, die Stimme Gottes den Menschen noch vernehmbarer zu machen, damit auch solche, die sich in einem langen Prozeß der Ermüdung von der Kirche entfernt haben, Zeit der Gnade erfahren und sich neu dem pilgernden Gottesvolk anschließen, das unter der Führung und dem Gebet des Herrn die Straße in eine Zukunft findet, die er allein schenken kann.

Rufer der Umkehr sein

Rufer der Umkehr zu sein, ist nicht bequem. Auch wenn noch so viele erkennen, das Umkehr not tut, dürfen wir uns nicht darüber wundern, das viele vor den konkreten Schritten zurückschrecken, die dafür erforderlich sind. Ich möchte euch in eurem schweren Dienst bestärken, Rufer der Umkehr zu sein, und im folgenden auf einige Richtungen hinweisen, die neu einzuschlagen sind, damit wahrhaft Umkehr geschehe und die Menschen sich wieder neu Gott zuwenden und öffnen.

Ein Kult des Gesprächs

Wir müssen umkehren von der Anonymität zum Bekenntnis. Umkehr gibt es nicht, wenn nicht jeder bei sich selbst anfängt. Der Mensch der industriellen Massengesellschaft ist versucht, sich in der Anonymität der Masse zu verstecken. Anderseits möchte er jedoch aus dem Bann der Namenlosigkeit ausbrechen; er möchte wieder einen Namen, ein Ich haben und erleben. Er gibt geradezu einen Kult des Gespräches, des Aussprechens aller Schwierigkeiten, Probleme und Empfindungen. Warum finden wir nicht auch wieder neu den Weg zu jenem Gespräch, das wahrhaft befreit? Zum Gespräch, in dem ich meine Ohnmacht, mein Versagen dem allmächtigen Gott anvertraue und von ihm die Zusage der Vergebung und des neuen Anfangs empfange? Überall, wo Menschen, gerade auch junge Menschen, neu das Bußsakrament entdecken, gelingt ihnen ein Durchbruch zu neuer Freiheit. Werdet nicht müde, hier Wege zu eröffnen, Hilfen anzubieten, behutsam und mutig Menschen zu begleiten auf ihrem Weg zu Buße und Bußsakrament.

Wir müssen umkehren vom Ich zum Du, zum Wir. Der Mensch kann sich selbst nicht finden, wenn er nicht dem Du begegnet und sich zum Mitmenschen hin öffnet. Die Unfähigkeit zu personaler Bindung, zur Treue, zum Ja ohne Grenzen und Vorbehalte ist letztlich Unfähigkeit zum eigenen Menschsein. Umkehr vom Ich zum Du besagt Umkehr zu Bindung und Treue, die auch Krisen und Schwierigkeiten überdauern und sich in Ehe und Familie, in Kirche und Gesellschaft gegenüber Gott und den Mitmenschen bewähren. Jeder trägt Verantwortung für den anderen und für das Gemeinwohl. Gleichgültigkeit, Staatsverdrossenheit und Fatalismus stehen im Gegensatz zu christlicher Weltverantwortung. Welch große Tradition haben katholische Soziallehre und sozialer Katholizismus in eurem Land! Lasst die Impulse nicht ungenutzt, die ich in meiner Enzyklika Laborem exercens in dieser Richtung gegeben habe. Wir müssen umkehren von Illusionen zur konkreten Verantwortung, vor allem zur Verantwortung vor Gott. Nichts läge mir ferner, als jenen Idealismus zerstören zu wollen, der heute viele junge Menschen wieder ergreift. Aber es muss ein Idealismus sein, der sich auf dem Weg der Nachfolge bewährt und nicht vor Opfern und Kreuz kapituliert. Große Ziele auf dem kleinen Weg, das heißt, durch kleine, bescheidene Schritte zu erreichen, darum geht es. Helft, liebe Mitbrüder, gerade den jungen Menschen, ihre Ideale umzumünzen in die konkrete Verantwortlichkeit! Die großen geistlichen Lehren von der Unterscheidung der Geister, vom Gewinnen und Prüfen der eigenen Lebensentscheidung, eine Spiritualität christlich gelebter Alltäglichkeit tut heute not, damit Menschen wieder befähigt werden zum großen und ganzen Ja, durch das sie sich im Bewusstsein ihrer Verantwortung vor Gott und den Mitmenschen in den vielfältigen Schwierigkeiten und Prüfungen des Alltags als wahre Christen bewähren können und das allein auch eine geistliche Berufung zum Leben nach den evangelischen Räten oder im Priestertum zu tragen vermag.

5. Liebe Mitbrüder! "Das ist der Wille Gottes, das ihr heilig lebt" (1 Thess 4, 3), so ermahnt der hl. Paulus seine Gläubigen. Der einzige Weg zu solcher Heiligung ist der Weg der Umkehr und Buße, wie Christus und die Kirche ihn lehren. Um im Menschen das rechte Gespür dafür zu wecken, was Sünde ist, muss er vor allem seine große Verantwortung vor Gott und gegenüber seinen Mitmenschen erkennen. Eine tiefe Gewissenserziehung ist dazu erforderlich. Ohne Sündenerkenntnis kann es kein Sündenbekenntnis geben. Bemüht euch zusammen mit euren Priestern darum, die Gläubigen zu einer solchen Bußgesinnung zu führen und darauf hinzuwirken, das sie das Bußsakrament als wirksames Zeichen der Versöhnung erfahren und davon häufigen Gebrauch machen. Die neue Ordnung zur Feier der Buße bietet dafür wertvolle Anregungen und pastorale Hilfen, die es voll auszuschöpfen gilt.

Die Kirche kann den Aufruf Christi zu Umkehr und Glaube nur dann überzeugend den Menschen als Heilsbotschaft verkünden, wenn sie ihn zuallererst selbst befolgt und beispielhaft vorlebt. In der kommenden Bischofssynode wird die Kirche sich gewissenhaft da'rüber Rechenschaft geben und ihren Verkündigungsauftrag vom Bußruf des Herrn her neu bestimmen. Sucht die wertvollen Anregungen und Erfahrungen eures erfolgreich verlaufenen Düsseldorfer Katholikentages für die konkrete Seelsorge in euren Diözesen und Gemeinden fruchtbar zu machen. Das von mir angekündigte Jubiläumsjahr der Erlösung bietet dafür einen zusätzlichen Anlass und große pastorale Hilfen. Das Jubiläumsjahr selbst will ein Aufruf zur Buße und zu einem fruchtbaren Empfang der Gnade der Erlösung sein.

6. Durch das ernsthafte Bemühen der Kirche um geistliche Erneuerung durch Umkehr und Buße wird zugleich das zentrale und heute so dringliche Anliegen der Einheit aller Christen neue Impulse erhalten, dessen wir gerade in der jetzigen Weltgebetsoktav wieder besonders gedenken. Es gibt, wie das Zweite Vatikanische Konzil nachdrücklich betont, "keinen echten Ökumenismus ohne innere Bekehrung" (Unitatis redintegratio, Nr. 7). Mit Freude habe ich die Schritte verfolgt, die ihr im Anschluß an meinen Besuch in eurem Land in der gemeinsamen ökumenischen Arbeit unternommen habt. Lasst euch durch die Schwierigkeiten, denen ihr dabei begegnet, nicht entmutigen. Setzt den gemeinsamen Weg fort mit aller Liebe und Entschlossenheit, mit Klarheit und Mut zur Hoffnung, zu der uns Christi verheißener Beistand und sein Gebet berechtigen.

Möge Gott euch, liebe Mitbrüder, in eurem unermüdlichen Wirken für die großen Anliegen der Kirche in unserer Zeit: für die geistige Erneuerung der Kirche und die Einheit der Christen durch Umkehr und Buße, stets mit seinem Licht und Beistand begleiten. Er erhöre unser Gebet, das wir am Ende unserer brüderlichen Begegnung mit den Worten der Liturgie an ihn richten: "Herr, unser Gott, wir haben uns im Namen deines Sohnes versammelt und rufen zu dir: ... mach uns hellhörig für unseren Auftrag in dieser Zeit und gib uns die Kraft, ihn zu erfüllen" (Oration der I. Woche im Jahreskreis).

Das erbitte ich euch, euren Mitarbeitern und allen Gläubigen in euren Diözesen von Herzen mit meinem besonderen Apostolischen Segen.

Weblink

Ansprache an die bayerischen Bischöfe am 28. Januar 1983

Thema: Geistliche Führung nicht durch Kollektiv, sondern persönliche Verantwortung

(Quelle: Der Apostolische Stuhl 1983, S. 1316-1321)
(Offizieller deutscher Text: AAS 75 [1983] 448-453)

Liebe Brüder im Bischofsamt !

1. Ihr seid nach Rom gekommen, um eure Einheit mit dem Nachfolger Petri in lebendiger Begegnung zu bekräftigen. Vor zwei Jahren war uns eine solche Begegnung in eurer Heimat geschenkt. Die Erinnerung daran, erfüllt mich mit dankbarer Freude. Möge auch unser heutiges brüderliches Gespräch unter Gottes Segen stehen - auf die Fürsprache der Patrona Bavariae.

Unser liebendes Gedenken gilt in dieser Stunde denen, die seit dem letzten Ad-limina-Besuch eurer Konferenz abberufen wurden: meinem unvergessenen Vorgänger Paul VI., unserem ehrwürdigen Mitbruder Bischof Josef Stangl. Einen Gruß der Verbundenheit bitte ich dem verdienten Altbischof Dr. Graber zu überbringen. Den vormaligen Oberhirten von Speyer darf ich heute als Erzbischof von München und Freising begrüßen - mit den besten Wünschen und zugleich mit dem Dank an seine Diözesanen, das sie die Berufung seines Vorgängers für einen wichtigen Dienst an der Weltkirche bereitwillig mitgetragen haben. Den ersten Ad-limina-Besuch stellt unsere Begegnung für den Bischof von Regensburg dar; der hl. Wolfgang helfe ihm, Christi "Wahrheit in Liebe zu verkünden" !

2. Liebe Mitbrüder! Die Begegnung zwischen den Bischöfen und dem Nachfolger Petri ist immer Anlaß, über die Richtung unseres Dienstes als Verkündiger des Evangeliums und Ausspender der Geheimnisse Gottes in unserer Zeit nachzudenken. Von meiner ersten Enzyklika über den "Erlöser des Menschen" bis hin zum Apostolischen Schreiben über die Familie habe ich immer wieder Gottes Sorge um den Menschen in den Mittelpunkt meiner Verkündigung gestellt.

Man könnte all dies zusammenfassen in einem Wort des hl. Irenäus, welches sagt: "Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch, das Leben des Menschen aber ist es, Gott zu sehen." Beide Seiten dieses Wortes sind gleich wichtig: Nur der Mensch, der lebt und Leben hat, kann Gott zur Ehre gereichen. Gott ist nicht der Konkurrent des Menschen, seine Ehre geht nicht auf Kosten des Menschen; Gott ist um so mehr geehrt, je mehr der Mensch zu seiner Ganzheit und Fülle findet. Gottes Gebote sind keine Umzäunungen, die den Menschen vom Schönsten fernhalten, sondern Wegweiser zur Fülle. Sie zeigen, wie man Leben finden kann: "Das Leben des Menschen ist es, Gott zu sehen."

Der wöchentliche Ostertag der Kirche

Weil es so ist, ist die Kirche in ihren sozialen Diensten, in ihrem Kampf um Gerechtigkeit, Entwicklung und Frieden um das irdische Wohlergehen des Menschen bemüht. Weil es so ist, bleibt sie aber nicht bei sozialer Aktion und Mitmenschlichkeit stehen, sondern öffnet dem Menschen den Blick für Gott und führt ihn zum Gottesdienst. Der Gottesdienst ist kein Abgehen von der Sorge um den Menschen, sondern ihre innerste Mitte. Wo Gott aus der Sichtweite des Menschen gerät, entfernt er sich zugleich von den Quellen des Lebens.

3. Lasst mich im folgenden einige Gesichtspunkte dieses grundlegenden Themas weiterentfalten. Von der eucharistischen Liturgie gilt im besonderen, was das Konzil von der Liturgie im allgemeinen sagt: Sie ist Gipfel und Quell, von wo alles Wirken der Kirche kommt und wohin es zurückführt (SC, Nr. 10). Deshalb liegt soviel daran, das alle Gläubigen den wöchentlichen Ostertag der Kirche, den Sonntag, wirklich als Tag der eucharistischen Begegnung mit dem Herrn vollziehen können.

In der Eucharistie versammelt sich nicht nur die örtliche Gemeinde; in ihr tritt der Herr selbst auf eine einzigartige Weise in unsere Mitte und beteiligt uns an seiner Verherrlichung des Vaters, die er im Opfer des Kreuzes vollzogen hat und als Erhöhter fortwährend vollzieht. Dieses Ereignis ist durch nichts anderes ersetzbar. Es ist wichtig, das gerade in unserer Zeit das Bewußtsein davon Priester und Laien gleichermaßen erfüllt. Das Jubiläumsjahr, das in Kürze beginnen wird, sollte ein Anlaß sein, das österliche Geheimnis der Eucharistie in der Verkündigung neu zu erschließen, damit es auch im Leben mit neuem Ernst und mit neuer Freude angeeignet werden kann.

4. Daraus wird von selbst auch eine verstärkte Bemühung um Priesterberufe folgen, mit der eine ständige Sorge um die priesterliche Spiritualität und um das priesterliche Tun derer einhergehen muss, die mit dem Bischof zusammen das Presbyterium einer Diözese bilden. Ich weiß, das ihr viel getan habt und tut, um im Geist des Konzils auch andere Berufe der Kirche zu fördern, vom Diakonat angefangen bis zu vielfältigen Berufen der Mitwirkung in Verkündigung und Seelsorge, in denen gerade auch Frauen ihren Platz im aktiven Dienst der Kirche einnehmen können. Dies alles ist lebenswert und in unserer Zeit nötig. Es konkurriert auch, recht verstanden, gar nicht mit der Unersetzlichkeit des Priesterberufes, die vor allem aus der Unersetzlichkeit der Eucharistie folgt. So habt ihr gleichzeitig mit solchen Bemühungen immer wieder zum Priesterberuf eingeladen und euch bemüht, die unverwechselbaren Strukturen der einzelnen Berufe deutlich herauszustellen. Ebenso habt ihr euch bemüht, in den Seminarien eine Atmosphäre zu schaffen, die wirklich zum Priestertum hinführen kann. Ich kann euch nur ermutigen, in diesem Bemühen mit allem Nachdruck fortzufahren.

Lasst mich hier einen Gesichtspunkt besonders unterstreichen. Das Beispiel, das diejenigen geben, die schon im Priesterberuf stehen, und die Möglichkeit, sich für ihn zu entscheiden, hängen eng miteinander zusammen. Daher ist die persönliche Beziehung des Bischofs zu seinen Priestern in dieser unserer Zeit besonders wichtig. Jeder Priester muss wissen, das er nicht allein ist. Er muss immer wieder die Ermutigung und die Stärkung der brüderlichen Gemeinschaft derer erfahren, die mit ihm im gleichen Dienst stehen. Er muss erfahren können, das der Bischof nicht der ferne Vorgesetzte einer großen Behörde ist, sondern die Mitte derer, die zusammen den Altar Jesu Christi als ihre wahre Mitte wissen.

Eine Ortskirche, die über verhältnismäßig viele materielle Mittel verfügt wie die eurige, hat ihre besonderen Chancen, aber auch ihre besonderen Gefährdungen. Eine der Gefahren ist es, das der Apparat stärker wird als die Menschen. Aber für die Kirche ist das Prinzip persönlicher Verantwortung von grundlegender Bedeutung. Geistliche Führung liegt in der Kirche nicht bei einem Kollektiv, sondern immer bei Personen. Ich weiß, wie schwer es bei allen Verpflichtungen eines Bischofs in dieser Zeit ist, diesem Prinzip treu zu bleiben. Ich weiß, das man nie alle zufriedenstelIen kann. Aber ich bitte euch doch darum, die Einfachheit des Evangeliums und seinen persönlichen Charakter immer wieder zur Geltung zu bringen. Die Ermutigung, die von solchem Zusammenhalt des Bischofs und der Priester untereinander ausgeht, ist wesentlich dafür, das junge Menschen diesen Beruf entdecken und darin einen Ruf an sich selbst erkennen können.

5. Lasst mich auf einen weiteren Gesichtspunkt kommen. Nicht umsonst stammen die Worte Kult und Kultur von der gleichen sprachlichen Wurzel her. Die Verherrlichung Gottes hat den Menschen dahin gebracht, die Schönheit zu suchen, die Gottes würdig ist, und indem er sie suchte, ist er selbst besser und menschlicher geworden. Kult und Kultur gehören untrennbar zusammen. In eurer bayerischen Heimat, liebe Brüder, ist diese Verflochtenheit von Kult und Kultur besonders lebendig. Es war daher sinnvoll, das die für mich unvergeßliche Begegnung mit der Welt der Kultur im Rahmen meines Deutschlandbesuches in der Hauptstadt eures Landes stattgefunden hat.

Festliche Schönheit der Liturgie pflegen

Man wirft dem letzten Konzil vor, es habe eine "Zerstörung der Sinnlichkeit" gebracht, die Liturgie einer "banalen Verstehbarkeit" unterworfen; in einer "Veralltäglichung des Sakraments" habe es zu einer "Zerstörung der Kultur" beigetragen. Es ist hier nicht der Ort, in einer Auseinandersetzung mit diesen Behauptungen einzutreten. Gewiß hat es manches puristische Mißverständnis der Liturgiereform gegeben. Aber wenn das Konzil den Gebetscharakter der Liturgie unterstrichen und die Einbeziehung aller in das Hören, Reden und Tun vor dem Herrn, von ihm her und zu ihm hin gesucht hat, so wollte es damit den Aspekt der Verherrlichung keineswegs vermindern, bei der immer wieder das Wort des Priesters Esra an das versammelte Volk Israel wahr wird: "Die Freude am Herrn ist unsere Stärke" (Neh 8, 10).

Deswegen möchte ich euch ermutigen, der Freude am Herrn Raum zu geben, die festliche Schönheit der Liturgie weiterzupflegen, die es gerade in eurem Lande gibt, und zugleich das religiöse Brauchtum nicht in profane Schaustellung abgleiten zu lassen, sondern immer wieder an seinen Ursprung zu binden, es in seiner religiösen Mitte zu verankern, damit Herz und Verstand gleichermaßen vom Glauben berührt werden.

6. Das Jahr der Erlösung rückt noch einen anderen Gesichtspunkt ins Bewußtsein. In meiner Ansprache an die vorhergehende Gruppe deutscher Bischöfe habe ich bereits darauf hingewiesen, das das erste Wort der Frohen Botschaft lautet: Poenitemini - Bekehrt euch, tut Buße! Wo das Wort Sünde zu einer Art Fremdwort wird, da fehlt es dem Menschen an Wahrheit. Er dringt nicht mehr zum Kern seiner selbst vor und verliert damit die wahre Veränderungsbereitschaft, die die Voraussetzung für das Kommen von Gottes Reich ist. Wenn der Mensch Sünde nicht mehr als eine ernsthafte und ihn ernsthaft angehende Realität ansieht, ist dies zugleich ein Zeichen, das seine Wahrnehmung Gottes verdunkelt ist. In dem Augenblick, in dem Petrus in Jesus die Nähe Gottes selbst erkannt hatte, rief er aus: "Geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch!" (Lk 5,8).

Wo Gott erkannt wird, erkennt der Mensch sich selbst, erkennt er seine Sünde, und so wird er der Erlösung fähig. Nutzt dieses Jahr, in dem zugleich die Bischofssynode die Fragen von Buße und Versöhnung bedenken wird, um die Verkündigung über Sünde, Buße und Erlösung zu vertiefen! Nutzt es als eine Einladung zum Sakrament der Buße! Eine solche Auslegung des Erlösungsgeheimnisses auf den Ernst und die Freude von Buße und Bekehrung hin hat zugleich eine ökumenische Bedeutung in dem Jahr, in dem das Gedenken an die Geburt des Reformators Martin Luther vor 500 Jahren die ökumenische Frage besonders dringlich macht.

So könnte auch deutlich werden, das die Ablässe, die am Ursprung der Spaltung der Christenheit standen und nun gerade in diesem Jahr gleichsam wieder den Weg Luthers kreuzen, nichts anderes sein wollen als eine konkrete Antwort auf jene Grundwahrheit des Glaubens, die das Konzil von Trient in die Worte ge faßt hat: "Das ganze christliche Leben ist ein beständiger Vorgang der Buße" (DS 1694).

7. Kehren wir noch einmal zu dem Wort des hl. Irenäus zurück: "Gloria Dei vivens homo, vita autem hominis visio Dei." Der Mensch muss also Gott wahrnehmen, um wirklich zu leben. Dieses Wahrnehmen Gottes hat viele Dimensionen, von denen ich einige anzudeuten versuchte. Es geschieht, wie gesagt, nicht durch die Ratio allein. Aber gleichzeitig gilt doch auch, das die Vernunft bevorzugtes Organ geistigen Sehens ist. Von daher rührt die große Bedeutung der Theologie für Glaube und Kirche. Ich weiß, das es in eurem Land eine ungewöhnlich große Zahl von theologischen Fakultäten und eine ebenfalls außerordentlich große Zahl von Studierenden der Theologie gibt. Deshalb lag mir daran, auf meiner Deutschlandreise auch in Kontakt zu treten mit den Professoren der Theologie. Es war eine glückliche Fügung, das diese Begegnung, an die ich gerne zurückdenke, in eurem großen Marienwallfahrtsort Altötting stattgefunden hat.

Vernunft und Gotteslob gehören zusammen

Ich brauche jetzt die grundsätzlichen Erwägungen zur Stellung von Theologie und Theologen in der Kirche nicht zu wiederholen, die ich damals vorgetragen habe. Ich möchte aber auf das Sinnbildliche dieses Begegnungsortes hinweisen: Wenn Maria - wie das Konzil mit den Vätern sagt - "Typus der Kirche" ist (LG 63), dann wurde darin sichtbar, das die Theologie immer im Raum der lebendigen Kirche reifen muss und das die theologische Reflexion jenes innere "Bedenken des Wortes" (Lk 2, 19) braucht, dessentwegen die Väter Maria "Prophetin" nannten. Es wird sichtbar, das Theologie im Raum der betenden Verherrlichung Gottes angesiedelt sein muss, um gedeihen zu können. Wie Kult und Kultur, so gehören Vernunft und Verherrlichung Gottes zusammen. Eure Sorge um die theologischen Fakultäten, um diejenigen, die dort lehren und lernen, wird gewiß gerade auf das Erhalten und Stärken dieses Zusammenhanges bedacht sein.

All diese Anliegen, liebe Mitbrüder, gebe ich euch mit auf den Weg zurück in die tägliche Arbeit. Empfehlen wir alles, was ich in diesen Wochen mit euch und den übrigen deutschen Bischöfen besprochen habe, dem göttlichen Geist, "der Herr ist und lebendig macht". Wenn ich nun euch allen in dieser Stunde nochmals aus ganzem Herzen danke für euren Einsatz im Dienst am Reiche Gottes, dann dürft ihr aus der Stimme des Papstes sicher auch die Stimme des Guten Hirten selbst hören. Er sei euer Lohn! Für euch und eure Gläubigen, für eure Mitchristen und alle Mitbürger erbitte ich von Herzen den Segen des Dreifaltigen Gottes.

Weblink

Meine Werkzeuge