Humana communitas

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Schreiben
Humana communitas

von Papst
Franziskus
an den Präsidenten der Akademie für das Leben
aus Anlass des 25. Jahrestags ihrer Errichtung (11. Februar 1994 – 11. Februar 2019)
6. Januar 2019

(Quelle: Osservatore Romano 25. Januar 2019, S. 10-11 ; Orig. ital. in O.R. 16.1.2019)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

Einleitend

Die menschliche Gemeinschaft ist schon vor der Erschaffung der Welt Gottes Traum (vgl. Eph 1,3-14). In ihr nahm der von Gott gezeugte ewige Sohn Fleisch und Blut, Herz und Gefühle an. Im Geheimnis der Weitergabe des Lebens kann die große Familie der Menschheit sich selbst wiederfinden. Tatsächlich kann die Initiation in die Geschwisterlichkeit unter den Menschen, die in der Familie geschieht, als ein wahrer Schatz angesehen werden im Hinblick auf die gemeinschaftliche Neuausrichtung der Sozialpolitik und der Menschenrechte, deren dringende Notwendigkeit heute deutlich zu spüren ist. Daher muss in uns das Bewusstsein von unserer gemeinsamen Herkunft aus Gottes Schöpfungsakt und Liebe wachsen. Der christliche Glaube bekennt die Zeugung des Sohnes als unaussprechliches Geheimnis der ewigen Einheit des »Sein-Gebens« und des »Liebens«, die im Inneren des einen und dreifaltigen Gottes besteht. Die erneute Verkündigung dieser häufig außer Acht gelassenen Offenbarung vermag ein neues Kapitel aufzuschlagen in der Geschichte der menschlichen Gemeinschaft und Kulturen, die heute – wie »in Geburtswehen seufzend« (vgl. Röm 8,22) – eine Neugeburt im Heiligen Geist erflehen. Im eingeborenen Sohn offenbart sich Gottes Zärtlichkeit und sein Wille, jeden Menschen, der sich verloren, alleingelassen, ausgegrenzt, gnadenlos verurteilt fühlt, zu erlösen. Das Geheimnis des Sohnes von Ewigkeit her, der einer von uns geworden ist, besiegelt ein für alle Mal diese Leidenschaft Gottes. Das Geheimnis seines Kreuzes – »für uns und zu unserem Heil« – und seiner Auferstehung – als »Erstgeborener unter vielen Brüdern« – macht deutlich, wie sehr diese Leidenschaft Gottes auf die Erlösung und Erfüllung des menschlichen Geschöpfs ausgerichtet ist.

Wir müssen dieser Leidenschaft Gottes für das menschliche Geschöpf und seine Welt neue Sichtbarkeit verleihen. Dieses wurde von Gott nach seinem »Bild« – als »Mann und Frau« schuf er sie (vgl. Gen 1,27) – geschaffen als geistiges und fühlendes, als bewusstes und freies Geschöpf. Die Beziehung zwischen Mann und Frau ist der herausragende Ort, an dem die gesamte Schöpfung zur Gesprächspartnerin Gottes und zur Zeugin seiner Liebe wird. Diese unsere Welt ist die irdische Wohnstatt unserer Initiation zum Leben, sie ist der Ort und die Zeit, in der wir bereits die himmlische Wohnung zu genießen beginnen können, für die wir bestimmt sind (vgl. 2 Kor 5,1) und wo wir die Gemeinschaft mit Gott und mit allen in Fülle leben werden. Die menschliche Familie ist eine Gemeinschaft des Ursprungs und des Ziels, deren Gelingen »mit Chris­tus in Gott verborgen« ist (Kol 3,1-4). In dieser unserer Zeit ist die Kirche aufgerufen, diesen Humanismus des Lebens, der aus dieser Leidenschaft Gottes für das menschliche Geschöpf hervorbricht, machtvoll neu zu beleben. Der Einsatz, um das Leben jedes Menschen zu verstehen, zu fördern und zu schützen, erhält seinen Impuls aus dieser bedingungslosen Liebe Gottes. Das ist die Schönheit und Faszination des Evangeliums, das die Nächstenliebe weder auf die Anwendung von Kriterien wirtschaftlicher und politischer Nützlichkeit reduziert noch auf »einige lehrmäßige oder moralische Schwerpunkte, die aus bestimmten theologischen Optionen hervorgehen« (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 39).

Eine leidenschaftliche und fruchtbare Geschichte

1. Diese Leidenschaft hat die Aktivität der Päpstlichen Akademie für das Leben von Anfang an beseelt, seit ihrer Errichtung durch Papst Johannes Paul II. vor 25 Jahren auf Vorschlag des Dieners Gottes und großen Wissenschaftlers Jérôme Lejeune. Dieser war fest überzeugt von den tiefgreifenden, schnellen Veränderungen in der Biomedizin und hielt es für angebracht, ein strukturierteres und organischeres Engagement in diesem Bereich zu unterstützen. So war es der Akademie möglich, Initiativen im Bereich von Forschung, Ausbildung und Information zu entwickeln, »damit deutlich wird, dass Wissenschaft und Technik, die im Dienst der Person des Menschen und ihrer grundlegenden Rechte stehen, zum integralen Wohl des Menschen und zur Verwirklichung des göttlichen Heilsplans beitragen (vgl. Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 35)« (Johannes Paul II., Motu proprio Vitae mysterium, 11. Februar 1994,3; in O.R. dt., Nr. 10, 11.3.1994, S. 10). Den Aktivitäten der Akademie hat dann die Ausarbeitung der neuen Statuten (18. Oktober 2016) frischen Schwung verliehen. Das geschah mit der Absicht, bei der Reflexion über diese Themen größere Aufmerksamkeit auf den zeitgenössischen Kontext zu richten, in dem die immer schnellere wissenschaftlich-technische Innovation und die Globalisierung die Interaktion vervielfachen: zwischen verschiedenen Kulturen, Religionen und Kenntnissen auf der einen und den vielfältigen Aspekten der Menschheitsfamilie und des gemeinsamen Hauses, das sie bewohnt, auf der anderen Seite. »Daher ist es dringend notwendig, Forschung und Diskussion über die Folgen dieser gesellschaftlichen Entwicklung in Richtung einer Technisierung zu intensivieren, um eine anthropologische Synthese zu erarbeiten, die dieser epochalen Herausforderung gewachsen ist. Der Bereich Ihres qualifizierten Rates darf daher nicht auf die Lösung von Fragen beschränkt sein, die von besonderen ethischen, sozialen oder juristischen Konfliktsituationen gestellt werden. Handlungsweisen zu inspirieren, die mit der Würde des Menschen übereinstimmen, betrifft Theorie und Praxis von Wissenschaft und Technik in ihrem Gesamtansatz hinsichtlich des Lebens, in Bezug auf dessen Sinn und Wert« (Ansprache an die Vollversammlung der Päpstlichen Akademie für das Leben, 5. Oktober 2017).

Verfall des Menschlichen und Paradox des »Fortschritts«

2. In diesem Augenblick der Geschichte befindet sich die Leidenschaft für das Menschliche, für die ganze Menschheit in großen Schwierigkeiten. Die Freuden der familiären Beziehungen und des sozialen Zusammenlebens scheinen zerrüttet zu sein. Das gegenseitige Misstrauen von Einzelnen und Völkern speist sich aus einer maßlosen Verfolgung der Eigeninteressen und einem verzweifelten Konkurrenzkampf, der auch vor Gewalt nicht zurückschreckt. Die Distanz zwischen der Obsession für das eigene Wohlergehen und dem geteilten Glück der Menschheit scheint zuzunehmen, so sehr, dass man vermuten könnte, dass mittlerweile ein richtiggehendes »Schisma« zwischen dem Einzelnen und der menschlichen Gemeinschaft im Gange ist. In der Enzyklika Laudato si‘ habe ich die Notlage hervorgehoben, in der sich unsere Beziehung zur Geschichte der Erde und der Völker befindet. Dieser Alarm wird hervorgerufen von der geringen Aufmerksamkeit, die der großen und entscheidenden Frage der Einheit der Menschheitsfamilie und ihrer Zukunft eingeräumt wird. Die Erosion dieser Sensibilität durch die weltlichen Mächte der Spaltung und des Krieges ist in globalem Wachstum begriffen, und das mit einer Schnelligkeit, die die der Güterproduktion bei weitem übertrifft. Es handelt sich um eine regelrechte Kultur – vielmehr sollte man eher sagen: eine Gegenkultur – der Gleichgültigkeit gegenüber der Gemeinschaft; sie ist den Männern und Frauen feindlich gesinnt und mit der Arroganz des Geldes verbündet.

3. Dieser Notstand offenbart ein Paradox: Wie konnte es geschehen, dass gerade in diesem Augenblick der Weltgeschichte, wo die verfügbaren ökonomischen und technologischen Ressourcen uns erlauben würden, uns des gemeinsamen Hauses und der Menschheitsfamilie hinreichend anzunehmen – und so Gottes Auftrag zu erfüllen –, genau ihnen, den ökonomischen und technologischen Ressourcen, unsere aggressivsten Spaltungen und schlimmsten Albträume entspringen? Die Völker spüren akut und schmerzlich, wenn auch oft vage, die geistliche Verzagtheit – wir könnten sagen Nihilismus –, die das Leben einer Welt und Gesellschaft unterordnet, die diesem Paradox verfallen sind. Die Neigung, dieses tiefe Unbehagen durch die blinde Jagd nach materiellem Genuss zu betäuben, bringt die Melancholie eines Lebens hervor, das keine seiner geistlichen Qualität entsprechende Bestimmung findet. Wir müssen zugeben, dass die Männer und Frauen unserer Zeit oft entmutigt und des­orientiert sind, ohne Perspektive. Wir sind alle ein wenig in unsere Selbstbezogenheit verschlossen. Das System des Geldes und die Konsumideologie selektieren unsere Bedürfnisse und manipulieren unsere Träume, ohne Rücksicht auf die Schönheit des gemeinsam geteilten Lebens und die Bewohnbarkeit des gemeinsamen Hauses.

Verantwortliches Hören

4. Den Leidensschrei der Völker aufgreifend, muss das Gottesvolk den negativen Haltungen entgegenwirken, die Spaltung, Gleichgültigkeit und Feindseligkeit schüren. Es muss dies nicht nur für sich selbst tun, sondern für alle. Und es muss dies sofort tun, bevor es zu spät ist. Die kirchliche Familie der Jünger – und aller Gäste, die in ihr nach den Gründen der Hoffnung suchen (vgl. 1 Petr 3,15) – wurde auf die Erde gesät als »Sakrament […] für die innigste Vereinigung mit Gott« (Lumen gentium, 1). Die Neubefähigung des Geschöpfes Gottes zur frohen Hoffnung im Hinblick auf seine Bestimmung muss die dominierende Leidenschaft unserer Verkündigung werden. Es ist dringend notwendig, dass die Alten mehr an ihre besten »Träume« glauben und dass die Jungen »Visionen« haben, die sie zu einem mutigen Einsatz in der Geschichte zu drängen vermögen (vgl. Joël 3,1). Eine neue universale ethische sowie für die Themen der Schöpfung und des menschlichen Lebens aufmerksame Perspektive ist das Ziel, das wir auf kultureller Ebene anvisieren müssen. Wir dürfen nicht auf dem Weg des Irrtums weitergehen, der in vielen Jahrzehnten der Zerlegung des Humanismus verfolgt wurde, wobei man ihn mit einer gewissen Ideologie des Willens zur Macht verwechselte. Wir müssen einer derartigen Ideologie, die sich der überzeugten Unterstützung des Marktes und der Technik bedient, zugunsten des Humanismus entgegenarbeiten. Die Besonderheit des menschlichen Lebens ist ein absolutes Gut; es ist es wert, ethisch geschützt zu werden; es ist kostbar für die Sorge um die ganze Schöpfung. Skandalös ist die Tatsache, dass der Humanismus sich selbst widerspricht, statt dass er sich inspirieren lässt vom Akt der Liebe Gottes. Die Kirche zuallererst muss die Schönheit dieser Inspiration wiederentdecken und mit erneuerter Begeisterung ihren Teil beitragen.

Eine schwierige Aufgabe für die Kirche

5. Wir sind uns bewusst, dass wir bei der Wiederaufnahme dieser humanistischen Perspektive auch innerhalb der Kirche auf Schwierigkeiten gestoßen sind. Wir wollen uns daher als erste selbst ernsthaft fragen: Haben die kirchlichen Gemeinschaften heute eine Vision und geben sie ein Zeugnis, die diesem Notstand der gegenwärtigen Epoche angemessen sind? Konzentrieren sie sich ernsthaft auf die Leidenschaft und Freude, die Liebe Gottes zu vermitteln, die er in Bezug auf das Wohnen seiner Kinder auf der Erde hegt? Oder verlieren sie sich noch zu sehr in eigenen Problemen und zaghaften Anpassungen, die die Logik des weltlichen Kompromisses nicht übersteigen? Wir müssen uns ernsthaft fragen, ob wir genug getan haben, um unseren besonderen Beitrag als Christen zu einer Vision vom Menschlichen zu leisten, die in der Lage ist, die Einheit der Völkerfamilie unter den heutigen politischen und kulturellen Bedingungen zu unterstützen. Oder ob wir sogar deren zentrale Stellung aus dem Blick verloren haben und ob wir die Ambitionen unserer geistlichen Vorherrschaft über die in sich selbst und ihre Güter verschlossene weltliche Stadt der Sorge für die örtliche Gemeinde vorangestellt haben, die offen ist für eine dem Evangelium entsprechende Gastfreundschaft gegenüber Armen und Verzweifelten.

Eine universale Brüderlichkeit aufbauen

6. Es ist an der Zeit, wieder einen neuen Ausblick auf einen brüderlichen und solidarischen Humanismus der Einzelnen und der Völker ins Leben zu rufen. Wir wissen, dass der Glaube und die Liebe, die für diesen Bund notwendig sind, ihren Elan aus dem Geheimnis der Erlösung der Geschichte in Jesus Christus schöpfen, das bereits vor der Schöpfung der Welt in Gott verborgen war (vgl. Eph 1,7-10; 3,9-11; Kol 1,13-14). Und wir wissen auch, dass das Bewusstsein und die Zuneigung des menschlichen Geschöpfs durchaus nicht undurchdringlich oder unempfänglich sind für den Glauben und für die Werke dieser universalen Brüderlichkeit, die vom Evangelium des Reiches Gottes gesät wird. Wir müssen sie wieder in den Vordergrund stellen. Denn es ist eine Sache, sich zum Zusammenleben gezwungen zu fühlen, und eine andere Sache, den Reichtum und die Schönheit der Samen des gemeinsamen Lebens wertzuschätzen, die gemeinsam gesucht und gepflegt werden müssen. Es ist eine Sache, sich damit abzufinden, das Leben als Kampf gegen nie überwundene Gegner aufzufassen, und eine andere Sache, die Menschheitsfamilie als Zeichen der Lebenskraft Gottes, des Vaters, und Verheißung einer gemeinsamen Bestimmung zur Erlösung all der Liebe, die sie schon jetzt am Leben erhält, zu verstehen.

7. Alle Wege der Kirche führen zum Menschen, wie der heilige Papst Johannes Paul II. in seiner ersten Enzyklika feierlich verkündet hat (Redemptor hominis, 1979). Vor ihm hatte der heilige Paul VI., auch er in der programmatischen Enzyklika und gemäß der Auslegung des Konzils, in Erinnerung gerufen, dass die Familie der Kirche nach Art konzentrischer Kreise jeden Menschen einschließt: sogar jene, die meinen, dem Glauben und der Anbetung Gottes fernzustehen (vgl. Enzyklika Ecclesiam suam, 1964). Die Kirche enthält und bewahrt die Zeichen des Segens und der Barmherzigkeit, die von Gott für jeden Menschen bestimmt sind, der in diese Welt kommt.

»Das Zeugnis des heiligen Franz von Assisi, mit seiner Fähigkeit, sich als Bruder aller irdischen und himmlischen Geschöpfe zu erkennen, möge uns in seiner immerwährenden Aktualität inspirieren«, so Papst Franziskus im letzten Abschnitt des Schreibens.

Die Zeichen der Hoffnung erkennen

8. Bei dieser Sendung sind uns die Zeichen des Wirkens Gottes in der Gegenwart eine Ermutigung. Sie müssen erkannt werden; und es muss vermieden werden, dass der Horizont von den negativen Aspekten verdunkelt wird. In dieser Sichtweise verzeichnete der heilige Johannes Paul II. die Gesten der Annahme und der Verteidigung des menschlichen Lebens, die Ausbreitung einer Sensibilität, die dem Krieg und der Todesstrafe entgegensteht, eine zunehmende Achtsamkeit gegenüber der Lebensqualität und der Ökologie. Er nannte unter den Zeichen der Hoffnung auch die Verbreitung der Bioethik als Reflexion und Dialog – unter Gläubigen und Nichtgläubigen wie auch zwischen den Gläubigen verschiedener Religionen – über grundlegende ethische Probleme, die das Leben des Menschen betreffen (vgl. Enzyklika Evangelium vitae, 25. März 1995, 27). Die Wissenschaftsgemeinschaft der Päpstlichen Akademie für das Leben hat in den 25 Jahren ihrer Geschichte gezeigt, dass sie genau in diese Perspektive eingebunden ist, indem sie ihren hohen und qualifizierten Beitrag leistet. Zeugnis dafür sind das Bemühen um die Förderung und den Schutz des menschlichen Lebens im Laufe seiner ganzen Entwicklung, die Anprangerung der Abtreibung und der Tötung kranker Menschen als schwerwiegende Übel, die dem Geist des Lebens widersprechen und uns in die Antikultur des Todes abgleiten lassen. Auf dieser Linie müssen wir fortfahren, und auch anderen Herausforderungen Aufmerksamkeit schenken, die die gegenwärtige Situation für die Reifung des Glaubens, für sein tieferes Verständnis für und eine angemessenere Verkündigung an die Menschen von heute bietet.

Die Zukunft der Akademie

9. Wir müssen vor allem in der Sprache und in den Geschichten der Männer und der Frauen unserer Zeit zu Hause sein und die Verkündigung des Evangeliums in die konkrete Erfahrung einbinden, wie das Zweite Vatikanische Konzil uns mit Vollmacht gelehrt hat. Um den Sinn des menschlichen Lebens zu begreifen, ist die Erfahrung, auf die man Bezug nehmen muss, jene, die man in der Dynamik der Zeugung erkennt. So vermeidet man es, das Leben entweder auf einen rein biologischen Begriff oder auf einen Allgemeinbegriff zu reduzieren, der von den Beziehungen und von der Geschichte abstrahiert ist. Die ursprüngliche Zugehörigkeit zum Fleisch geht jedem weiteren Bewusstsein und jeder weiteren Reflexion voraus und ermöglicht sie: Sie weist die Anmaßung des Subjekts zurück, sein eigener Ursprung zu sein. Wir können uns erst dann bewusst werden, am Leben zu sein, wenn wir es einmal empfangen haben, vor jeder Absicht und Entscheidung unsererseits. Zu leben bedeutet unabdinglich, Kinder zu sein, die angenommen werden und die Fürsorge erhalten, wenngleich manchmal in unzureichender Form. »Es scheint daher vernünftig, eine Brücke zu schlagen zwischen jener Fürsorge, die man vom Beginn des Lebens an empfangen hat und durch die dieses sich in seinem ganzen Lauf entfalten konnte, und der Fürsorge, die man verantwortungsvoll den anderen zukommen lassen muss. […] Diese kostbare Verbindung steht unter dem Schutz einer menschlichen und theologischen Würde, die auch durch den Verlust der Gesundheit, der sozialen Rolle und der Kontrolle über den eigenen Leib nicht aufhört, lebendig zu sein« (Schreiben des Kardinalstaatssekretärs anlässlich des Kongresses über die Palliativtherapie, 28. Februar 2018).

10. Wir wissen wohl, dass die Schwelle der grundlegenden Achtung vor dem menschlichen Leben heute auf brutale Weisen verletzt wird, nicht nur durch individuelle Verhaltensweisen, sondern auch durch die Auswirkungen von Entscheidungen und strukturellen Gegebenheiten. Die Organisierung des Profits und der Rhythmus der Entwicklung der Technologien bieten nie gekannte Möglichkeiten, die biomedizinische Forschung, die Ausrichtung von Erziehung und Bildung, die Selektion der Bedürfnisse, die menschliche Qualität der Bindungen zu beeinflussen. Die Möglichkeit, die wirtschaftliche Entwicklung und den wissenschaftlichen Fortschritt auf den Bund zwischen Mann und Frau aus­zurichten, zur Pflege der uns gemeinsamen menschlichen Natur und für die Würde des Menschen, schöpft natürlich aus einer Liebe zur Schöpfung, die der Glaube uns zu vertiefen und zu erleuchten hilft. Die Perspektive der globalen Bioethik mit ihrer weiten Sichtweise und ihrer Aufmerksamkeit gegenüber dem Einfluss der Umwelt auf das Leben und auf die Gesundheit stellt eine beachtliche Chance dar, den neuen Bund des Evangeliums und der Schöpfung zu vertiefen.

11. Das gemeinsame Dasein in dem einen Menschengeschlecht erfordert einen globalen Ansatz und verlangt von uns allen, uns mit den Fragen auseinanderzusetzen, die sich im Dialog zwischen den verschiedenen Kulturen und Gesellschaften, die in der heutigen Welt immer enger miteinander in Berührung sind, stellen. Möge die Akademie für das Leben ein mutiger Ort für diese Auseinandersetzung und diesen Dialog im Dienst des Gemeinwohls sein. Habt keine Angst, Argumente und Sprachen zu erarbeiten, die in einem interkulturellen und interreligiösen sowie interdisziplinären Dialog angewandt werden können. Beteiligt euch an der Reflexion über die Menschenrechte, die einen zentralen Angelpunkt in der Suche nach Kriterien darstellen, die universal geteilt werden können. Auf dem Spiel steht das Verständnis und die Anwendung einer Gerechtigkeit, die die unverzichtbare Rolle der Verantwortung im Diskurs über die Menschenrechte und ihre enge Verbindung mit den Pflichten aufzeigt, begonnen bei der Solidarität mit denen, die am meisten verletzt sind und leiden. Papst Benedikt XVI. hat immer wieder betont, wie wichtig es ist, »eine neue Reflexion darüber anzuregen, dass die Rechte Pflichten voraussetzen, ohne die sie zur Willkür werden. Wir erleben heutzutage einen bedrückenden Widerspruch. Während man einerseits mutmaßliche Rechte willkürlicher und genießerischer Art unter dem Vorwand beansprucht, sie würden von den staatlichen Strukturen anerkannt und gefördert, werden andererseits einem großen Teil der Menschheit elementare Grundrechte aberkannt und verletzt«, unter denen der emeritierte Papst den »Mangel an Nahrung, Trinkwasser, Schulbildung oder medizinischer Grundversorgung« erwähnt (Enzyklika Caritas in veritate, 43).

12. Eine weitere Front, an der die Reflexion weiterentwickelt werden muss, ist die der neuen Technologien, die heute als »innovativ und konvergierend« bezeichnet werden. Dazu gehören die Informations- und Kommunikationstechnologien, die Biotechnologien, die Nanotechnologien, die Robotertechnik. Indem man sich die von der Physik, der Genetik und den Neurowissenschaften erlangten Resultate sowie die Rechnungsfähigkeit immer leistungsfähigerer Maschinen zunutze macht, ist es heute möglich, sehr tief in die lebendige Materie einzugreifen. Auch der menschliche Leib kann Eingriffen unterzogen werden, die nicht nur seine Funktionen und Leis­tungen, sondern auch seine Art, zu anderen in Beziehung zu treten, auf persönlicher und auf gesellschaftlicher Ebene, verändern und immer mehr der Logik des Marktes aussetzen können. Es ist daher vor allem notwendig, die epochalen Veränderungen zu begreifen, die sich an diesen neuen Horizonten ankündigen, um zu erkennen, wie man sie auf den Dienst am Menschen ausrichten kann, indem man seine ihm innewohnende Würde achtet und fördert: eine sehr anspruchsvolle Aufgabe angesichts der Komplexität und Ungewissheit über mögliche Entwicklungen, die eine noch aufmerksamere Unterscheidung erfordert als jene, die gewöhnlich wünschenswert ist. Wir können diese Unterscheidung definieren als »aufrichtige Gewissensarbeit in dem eigenen Bemühen […], das potenziell Gute zu kennen, auf dessen Grundlage man verantwortungsbewusst in der richtigen Ausübung der praktischen Vernunft […] entscheidet« (Bischofssynode über die Jugendlichen, Abschluss­dokument, 27. Oktober 2018, 109). Also ein Weg der Suche und der Abwägung durch die Dynamiken des sittlichen Gewissens, der für den Gläubigen innerhalb und im Licht der Beziehung zu Jesus, dem Herrn, stattfindet, indem er seine Gesinnung im Handeln und seine Entscheidungskriterien annimmt (vgl. Phil 2,5).

13. Die Medizin und die Wirtschaft, die Technologie und die Politik, die im Zentrum der modernen Stadt des Menschen erarbeitet werden, müssen auch und vor allem dem Urteil ausgesetzt werden, das von den Randgebieten der Erde her ausgesprochen wird. In der Tat drohen die vielen wunderbaren Ressourcen, die dem menschlichen Geschöpf von Forschung und Technik zur Verfügung gestellt werden, die Freude über das brüderliche Miteinander und die Schönheit der gemeinsamen Unternehmungen, deren Dienst sie in Wirklichkeit ihre wahre Bedeutung entnehmen, zu verdunkeln.

Wir müssen anerkennen, dass die Brüderlichkeit auch weiterhin die verfehlte Verheißung der Moderne bleibt. Die universale Tragweite der Brüderlichkeit, die im gegenseitigen Vertrauen wächst – innerhalb der modernen Staaten ebenso wie zwischen den Völkern und Nationen –, scheint sehr geschwächt zu sein. Die Kraft der Brüderlichkeit, die die Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit zwischen den Menschen hervorbringt, ist der neue Horizont des Christentums. Jede Einzelheit des Lebens des Leibes und der Seele, in dem die Liebe und die Erlösung des neuen Geschöpfs, das in uns entsteht, aufleuchten, lässt uns staunen über das wahre Wunder einer Auferstehung, die bereits im Gange ist (vgl. Kol 3,1-2). Der Herr gewähre uns, diese Wunder zu vermehren! Das Zeugnis des heiligen Franz von Assisi, mit seiner Fähigkeit, sich als Bruder aller irdischen und himmlischen Geschöpfe zu erkennen, möge uns in seiner immerwährenden Aktualität inspirieren. Der Herr gewähre euch, bereit zu sein für diese neue Phase der Sendung, mit den Lampen gefüllt mit dem Öl des Heiligen Geistes, um den Weg zu erleuchten und eure Schritte zu leiten. Die Schritte derer, die die frohe Botschaft der Liebe Gottes zum Leben eines jeden und aller, die die Erde bewohnen, bringen, sind sehr willkommen (vgl. Jes 52,7; Röm 10,15).

GAus dem Vatikan, am 6. Januar 2019
Franziskus
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