Diuturnum illud (Wortlaut)

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Aktuelle Version vom 15. August 2019, 18:26 Uhr

Enzyklika
Diuturnum illud

von Papst
Leo XIII.
an alle Ehrwürdigen Brüder die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe
des katholischen Erdkreises, welche in Gnade und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle stehen,
über die höchste Würde im Bereich des Staatswesens
29. Juni 1881

(Offizieller lateinischer Text: ASS XX [1887] 593-613)

(Quelle: Die katholische Sozialdoktrin in ihrer geschichtlichen Entfaltung, Hsgr. Arthur Fridolin Utz + Birgitta Gräfin von Galen, XXI 1-23, Scientia humana Institut Aachen 1976, Imprimatur Friburgi Helv., die 2. decembris 1975 Th. Perroud, V.G. Überschriften, aus denen die Inhaltsübersicht erstellt wurde und Korrekturen aus: Leo XIII. - Lumen De Caelo. Erweiterte Ausgabe des „Leo XIII. der Lehrer der Welt". Praktische Ausgabe der wichtigsten Rundschreiben Leo XIII. und Pius XI. [in Fraktur]. Herausgegeben von Carl Ulitzka, Päpstlicher Hausprälat, Ratibor 1934. Mit kirchlicher Druckerlaubnis. Die Nummerierung folgt der englischen Fassung; auch in: ; Emil Marmy (Hrsg.), Mensch und Gemeinschaft in christlicher Schau, Dokumente, Paulus Verlag Freiburg/Schweiz 1945, S. ; Imprimatur Friburgi Helv., die 21. Augusti 1945 L. Clerc, censor; Sämtliche Rundschreiben Leo XIII., Lateinischer und deutscher [Fraktur] Text, Herder´sche Verlagsbuchhandlung Freiburg im Breisgau 1904, Zweite Sammlung, S. 1-33; oder in: Leo XIII., Lumen de coelo II., - Bezeugt in seinen Allocutionen, Rundschreiben, Constitutionen, öffentlichen Briefen und Akten, Buch und Verlag Rudolf Brzezowsky & Söhne Wien 1890, S. 31-45, die letzten zwei in Fraktur abgedruckt)

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Ehrwürdige Brüder,
Gruß und apostolischen Segen

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Einleitung

[Bearbeiten] Die Empörung gegen die weltliche Obrigkeit ist eine Frucht der Empörung gegen die geistliche Obrigkeit

1 Jener anhaltende und zu verabscheuende Kampf, der gegen die göttliche Autorität der Kirche unternommen wurde, ist naturgemäß das geworden, wozu er angelegt war, nämlich eine allgemeine Gefahr für die menschliche Gesellschaft und besonders für die bürgerliche Gewalt, auf der hauptsächlich das öffentliche Wohl gründet. – Das steht in unseren Tagen offenkundig vor Augen. Denn das von seinen Leidenschaften getriebene Volk leugnet heute dreister denn je jedwede Regierungsgewalt, und so groß ist an verschiedenen Orten die ungezügelte Leidenschaft, so häufig sind Aufruhr und Unordnung, dass jenen, die das Staatswesen leiten, nicht nur öfters der Gehorsam verweigert wird, sondern sie selbst nicht einmal hinreichenden Schutz und Sicherheit mehr zu finden scheinen. 2 Fürwahr, lange hatte man alles getan, um sie bei der Menge verächtlich und verhasst zu machen, und indem der so genährte Hass in hellen Flammen aufloderte, fanden in nur kurzen Zwischenräumen zu verschiedenen Malen, teils auf hinterlistige Weise, teils im offenen Angriff, Mordanschläge auf das Leben der höchsten Fürsten statt. Von Schauder wurde unlängst ganz Europa erfasst bei dem unerhörten Mord eines mächtigen Kaisers, und während ob der Größe des Verbrechens noch alle Gemüter wie betäubt sind, scheuen sich diese verdorbenen Menschen nicht, gegen die übrigen Fürsten Europas öffentlich erschreckende Drohungen zu verbreiten.

[Bearbeiten] Die Rettung liegt in der Erfüllung der Pflichten von Fürsten und Untertanen

3 Diese offenkundige Gefahr des Gemeinwesens erfüllt Uns mit schwerer Sorge, da Wir sowohl die Sicherheit der Fürsten wie die Ruhe der Reiche und zugleich das Wohl des Volkes fast stündlich gefährdet sehen. - Und doch hat die christliche Religion mit ihrer göttlichen Kraft unerschütterliche Fundamente dauerhafter Ordnung im Staatswesen gelegt, sobald sie nur einmal in die Sitten und bürgerlichen Einrichtungen eingegangen war. Eine vorzügliche und ganz besondere Wirkung derselben bildet das weise und wohlabgewogene Verhältnis der Rechte und Pflichten von Fürsten und Völkern. Denn Christi Vorschriften und Beispiele haben eine wunderbare Gewalt, die Untergebenen sowohl wie die Vorgesetzten in der Pflicht zu erhalten und jene von der Natur gebotene Einstimmigkeit und Willensharmonie zu bewahren, auf welcher der friedliche und ungestörte Gang des Staatslebens fließt. - Darum nun, da Uns durch Gottes Gnade die Regierung der Katholischen Kirche, dieser treuen Bewahrerin und Auslegerin der Lehren Christi, anvertraut worden ist, erachten Wir es für die Aufgabe Unseres Amtes, Ehrwürdige Brüder, öffentlich kundzutun, welche Pflichten in dieser Beziehung die katholische Wahrheit für jeden verkündet. Es werden sich hieraus der Weg und die Methode ergeben, welche bei einer so bedenklichen Sachlage um des öffentlichen Wohles willen zu ergreifen sind.

[Bearbeiten] Die Notwendigkeit der obrigkeitlichen Gewalt

4 Wenngleich der Mensch in trotziger Vermessenheit häufig die Zügel der Regierung abzuwerfen sich bemühte, so konnte er es doch nie zu einer vollständigen Lösung von jedem Gehorsam bringen. Denn die Not selbst zwingt jede menschliche Vereinigung und Gemeinschaft, einen Vorgesetzten zu haben, damit die Gesellschaft ohne Haupt und leitende Gewalt nicht zerfällt und nicht den Zweck verfehlt, weswegen sie entstanden ist und sich gebildet hat.

[Bearbeiten] Der Ursprung dieser Gewalt

[Bearbeiten] Die Neuerer leiten das Recht zu befehlen vom Volke ab

Doch, war es nicht möglich, die staatliche Gewalt aus der bürgerlichen Gesellschaft vollständig zu entfernen, so suchte man alle Mittel aufzubieten, um ihre Bedeutung zu schwächen und ihre Majestät herabzusetzen. Es geschah dies ganz besonders im 16. Jahrhundert, als eine unselige Sucht nach neuen Meinungen so viele betörte. In der Folgezeit verlangte die Menge nicht bloß eine alles billige Maß überschreitende Freiheit, man musste es sogar erleben, dass Ursprung und Verfassung der bürgerlichen Gesellschaft nach Willkür ersonnen wurden. 5 Ja, sehr viele, die in neuerer Zeit in die Fußstapfen derer traten, die im vorigen Jahrhundert sich Philosophen nannten, lassen alle Gewalt vom Volk ausgehen. Jene, welche diese Gewalt im Staate ausüben, üben sie demgemäss nicht als eine ihnen zukommende Gewalt aus, sondern nur als vom Volk übertragene, und zwar unter der Bedingung, dass sie durch den Willen des Volkes, von dem sie übertragen wurde, widerrufen werden kann. Diesen gegenüber leiten die Katholiken das Recht zu befehlen, von Gott als seinem natürlichen und notwendigen Ursprung ab.

[Bearbeiten] Nach katholischer Lehre stammt das Recht von Gott

[Bearbeiten] Die Bezeichnung der Person kann durch das Volk geschehen

6 Hierbei ist jedoch zu bemerken, dass in vollem Einklang mit der katholischen Lehre jene, welche an die Spitze des Staatswesens zu treten haben, in bestimmten Fällen durch den Willen und nach dem Urteil des Volkes gewählt werden können. Durch eine solche Wahl wird nun allerdings der Gewaltinhaber bezeichnet, aber die obrigkeitlichen Rechte werden hiermit nicht verliehen; auch wird die Befehlsgewalt nicht übertragen, sondern es wird nur bestimmt, wer dieselbe auszuüben hat. 7 Ebenso handelt es sich hier nicht um die Formen der politischen Gewalt; denn die Kirche findet weder in der Herrschaft eines Einzigen, noch in der von vielen etwas Unangemessenes, wenn diese nur gerecht ist und durch sie das allgemeine Wohl besorgt wird. Wenn daher die Gerechtigkeit nicht verletzt wird, ist es den Völkern unbenommen, jene Regierungsform bei sich einzuführen, die ihrem Charakter oder den tradierten Einrichtungen und Gewohnheiten am meisten entspricht.

[Bearbeiten] Die Gewalt zum Befehlen stammt von Gott

8 Was übrigens die politische Gewalt betrifft, so lehrt die Kirche mit Recht ihren Ursprung von Gott, denn dies findet sie in der Heiligen Schrift und in den Überlieferungen des christlichen Altertums offenbar bezeugt; auch kann, abgesehen hiervon, keine andere Lehre aufgestellt werden, welche mehr der Vernunft gemäß ist oder der Wohlfahrt von Fürsten und Völkern mehr entspricht.

[Bearbeiten] Die Lehre der Heiligen Schrift

9 In der Tat bestätigen die Bücher des Alten Bundes in höchst deutlicher Weise die Lehre, dass die Quelle der menschlichen Gewalt in Gott ist. „Durch mich regieren die Könige, ... durch mich herrschen die Fürsten, und verwalten die Gewaltigen die Gerechtigkeit".[1] Und anderswo: „Neiget die Ohren, die ihr der Völker Menge beherrscht ... ; denn von dem Herrn ist euch die Herrschaft gegeben und die Macht von dem Allerhöchsten“.[2]

Dasselbe lesen wir in dem Buche Ecclesiasticus: „Über jedes Volk stellte er einen Regenten“.[3] - Doch allmählich vergaßen die Menschen diese Lehren, die sie von Gott empfangen hatten, von, heidnischem Aberglauben betört, der wie so vielfach die richtigen Vorstellungen und Begriffe so auch die ursprüngliche Form und Schönheit der politischen Gewalt gefälscht hat. Als aber in der Folgezeit das christliche Evangelium die Welt erleuchtete, musste dieser Wahn vor der Wahrheit weichen, und wieder begann man, jenen höchst erhabenen und göttlichen Ursprung zu erkennen, dem alle Autorität entstammt. - Als der römische Landpfleger voll Selbstgefühl auf seine Gewalt hinwies, freizusprechen oder zu verurteilen, antwortete ihm Christus der Herr: „Du hättest keine Gewalt gegen mich, wäre sie dir nicht von oben gegeben“.[4] Indem der heilige Augustinus diese Stelle erklärt, bemerkt er: „Lernen wir, was er gesagt, was er auch durch die Apostel gelehrt hat, dass es keine Gewalt gibt außer von Gott".[5] Die Lehren und Gebote des Herrn tönen aus dem unverfälschten Wort der Apostel gleich einem Echo wieder. Zu den Römern, der Herrschaft heidnischer Fürsten untertan, sprach Paulus das erhabene und gewichtige Wort: „Es gibt keine Gewalt außer von Gott", aus diesem Grunde folgerte er: „Der Fürst ist Gottes Diener“.[6]

[Bearbeiten] Die Lehre der Kirchenväter

10 Die Kirchenväter waren eifrig bemüht, diese Lehre, in welcher sie unterrichtet worden waren, zu bekennen und auszubreiten. „Die Befugnis, die Herrschaft und Gewalt zu verleihen, sprechen wir niemandem zu außer dem wahren Gott", sagt der heilige Augustinus.[7] Ebenso erklärt der heilige Johannes Chrysostomus: „Ich behaupte, dass die göttliche Weisheit es so geordnet hat, dass es Herrschende gibt; dass einige befehlen, andere gehorchen und nicht alles nach der Laune geschieht, ist Ausfluss göttlicher Weisheit."[8] Dasselbe hat der heilige Gregor der Große bezeugt mit den Worten: „Wir bekennen, dass den Kaisern und Königen die Gewalt vom Himmel gegeben worden ist."[9]

[Bearbeiten] Die Lehre der Vernunft

Die heiligen Lehrer haben sich bemüht, die gleichen Vorschriften durch das natürliche Licht der Vernunft aufzuhellen, damit sie auch denen, die die Vernunft zur alleinigen Führerin haben, als durchaus recht und wahr erscheinen 11 Denn es ist in der Tat ein Gebot der Natur oder, richtiger, Gottes, des Urhebers der Natur, auf dem das Zusammenleben der Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft beruht; einen Beweis hierfür bieten sowohl die Sprache, die in höchster Weise ein gesellschaftsbildendes Prinzip ist, als auch aus so vielen der Seele innewohnenden Neigungen und so vielfache und höchst wichtige Bedürfnisse, die der Mensch in seiner Vereinzelung nicht befriedigen kann, wohl aber im Verband und gesellschaftlichen Verkehr mit anderen. Eine Gesellschaft kann nun aber gar nicht bestehen, ja nicht einmal gedacht werden, in der nicht einer die Bestrebungen ihrer Glieder derart leitet, dass aus vielen gewissermaßen ein Einziges wird und die vielen Bestrebungen in rechtmäßiger und geordneter Weise einen Impuls nach dem Gemeinwohl hin empfangen. Darum wollte Gott, dass in der bürgerlichen Gesellschaft Herrscher seien, die der Menge zu gebieten haben. – Daher wollte es Gott so, dass jene, die durch ihr Ansehen das Gemeinwesen verwalten, derart die Bürger zum Gehorsam zu zwingen die Befugnis haben müssen, dass für diese der Ungehorsam eindeutig Sünde ist. Niemand aber hat in sich oder aus sich die Macht, durch die Bande der Befehlsgewalt in solcher Weise den freien Willen anderer zu binden. Gott allein, dem Schöpfer aller Dinge und Gesetzgeber, kommt diese Gewalt zu; wer sie darum ausübt, kann sie notwendigerweise nur als eine von Gott ihm übertragene ausüben. „Einer ist Gesetzgeber und Richter, der die Macht hat, zu retten und zu verderben".[10] Dasselbe gilt bezüglich jeder Art von Gewalt. Dass jene, die den Priestern innewohnt, von Gott stammt, ist so bekannt, dass die Priester bei allen Völkern als Diener Gottes gelten und auch so genannt werden. Ebenso ist die Gewalt der Familienväter gewissermaßen ein Abbild der Autorität, die in Gott ist, von dem „alle Vaterschaft im Himmel und auf Erden ihren Namen hat“.[11] So haben auf diese Weise die verschiedenen Arten von Gewalt eine wunderbare Ähnlichkeit untereinander, da, was irgendwo an Befehlsgewalt und Autorität gefunden wird, von ein und demselben Schöpfer und Herrn, von Gott, ausgegangen ist.

[Bearbeiten] Die Ansicht, dass die Regierungsgewalt durch Vertrag übertragen werde, ist falsch

12 Jene, welche die bürgerliche Gesellschaft von einer freien Übereinkunft der Menschen ausgehen lassen und in ihr den Ursprung der Gewalt selbst erblicken, nehmen an, ein jeder habe etwas von seinem Recht abgetreten, und so hätten die einzelnen sich freiwillig unter die Herrschaft dessen begeben, der jene Rechte in ihrer Gesamtheit in sich vereinigt hat. Es ist jedoch ein großer Irrtum, die offenkundige Tatsache nicht zu erkennen, dass der Mensch von Natur aus nicht einzeln umherschweift, sondern vor jeder freien Willensentscheidung zur natürlichen Lebensgemeinschaft geboren ist; auch ist jener Vertrag, von dem sie reden, offenbar ganz willkürlich erfunden und erdichtet und vermag nicht, der politischen Gewalt so viel Kraft Würde und Festigkeit zu verleihen, wie der Schutz des Staates und der allgemeine Nutzen der Bürger es erfordern. Nur dann wird die bürgerliche Gewalt solche Beachtung und solchen allseitigen Schutz erlangen, wenn man anerkennt, dass ihr Ursprung aus Gott, der erhabensten und heiligsten Quelle herkommt.

[Bearbeiten] Der Segen dieser katholischen Lehre

13 Diese Anschauung enthält nicht nur mehr Wahrheit, sondern ist auch von größerem Nutzen als jede andere Erklärung.

[Bearbeiten] Sie bindet die Untertanen im Gewissen

[Bearbeiten] So lehrt die Vernunft

Denn wenn die Gewalt der Staatenlenker gewissermaßen eine Teilhabe an der göttlichen Gewalt ist, so empfängt sie eben deswegen fortgesetzt eine übermenschliche Würde; nicht zwar jene gottlose und höchst törichte, wie sie ehedem die heidnischen Kaiser, die nach göttlichen Ehren strebten, forderten, sondern eine wahre und echte, von Gottes Gnaden und als Wohltat von ihm empfangen. Darum müssen die Bürger den Staatsoberhäuptern untertan und ihren Geboten gegenüber gehorsam sein wie Gott selbst, nicht so sehr aus Furcht vor Strafen, als aus Achtung vor ihrer Majestät, nicht aus Schmeichelei, sondern im Bewusstsein ihrer Pflicht. Hierdurch wird die Befehlsgewalt um vieles gefestigt. Denn wenn die Bürger die Tragweite dieses Amtes erkennen, so werden sie sich folgerichtig vor Ungesetzlichkeit und Ungehorsam hüten, weil sie überzeugt sein müssen, dass, wer der politischen Gewalt sich widersetzt, dem göttlichen Willen selbst sich widersetzt, wer dem Staatsoberhaupt die Ehre verweigert, sie Gott selbst verweigert.

[Bearbeiten] Die Apostel betonen dies besonders

14 In dieser Lehre hat der Apostel Paulus die Römer ausdrücklich unterrichtet; an sie schrieb er bezüglich des Gehorsams, welchen wir den höchsten Machthabern zu leisten haben, mit solchem Nachdruck, dass es den Anschein erweckt, ihnen nichts Wichtigeres mitzuteilen. ,Jedermann unterwerfe sich der obrigkeitlichen Gewalt; denn es gibt keine Gewalt außer von Gott, und die, die besteht, ist von Gott angeordnet. Wer demnach sich der Gewalt widersetzt, der widersetzt sich der Anordnung Gottes. Und die sich widersetzen, ziehen sich selbst das Gericht zu ... Darum ist es euere Pflicht, untertan zu sein, nicht nur um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen“.[12] Und mit ihm stimmt in derselben Frage das unzweideutige Wort des Apostels Petrus überein; „Unterwerft euch jeder menschlichen Kreatur um Gottes willen, sei es dem König als dem Oberherrn, sei es den Statthaltern als von ihm gesandt zur Bestrafung der Übeltäter und zur Belohnung der Rechtschaffenen, denn so ist es der Wille Gottes".[13]

[Bearbeiten] Ungerechten Befehlen aber darf der Christ nicht gehorchen

15 Nur einen Grund haben die Menschen, nicht zu gehorchen, wenn nämlich etwas von ihnen gefordert werden sollte, was dem natürlichen oder göttlichen Gesetz offenbar widerspricht; denn nichts von allem, wodurch das Naturgesetz oder der Wille Gottes verletzt wird, ist zu gebieten oder zu tun erlaubt. Sollte daher einer in die Lage kommen, dass er sich gezwungen sieht, eines von beiden zu wählen, nämlich entweder Gottes oder des Staatsoberhauptes Gebote zu verletzen, dann hat er Christus zu gehorchen, der gebietet, „dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, Gott aber, was Gottes ist", [14] und nach dem Beispiel des Apostels mutig zu antworten: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen". [15] Auch gibt es keinen Grund, jene, die so handeln, wegen Verweigerung des Gehorsams anzuklagen; denn wenn der Wille der Staatsoberhäupter Gottes Willen und Gesetzen widerspricht, dann überschreiten sie ihre Machtbefugnis und verletzen die Gerechtigkeit; dann kann eben ihre Autorität keine Anwendung finden, denn wo keine Gerechtigkeit, da keine Autorität.

[Bearbeiten] Sie betont die Pflichten der Fürsten

16 Damit aber in der Regierung die Gerechtigkeit gewahrt werde, müssen die Lenker der Staaten vor allem erkennen, dass die politische Gewalt ihrer Natur nach nicht dem Vorteil eines einzelnen zu dienen hat und dass das Staatswesen zum besten derer verwaltet werden muss, die ihnen anvertraut sind, nicht jener, denen es anvertraut ist. Möchten doch die Staatsoberhäupter Gott, das höchste und beste Wesen, von dem sie ihre Gewalt zu Lehen empfangen haben, sich zum Beispiel nehmen und, nach seinem Vorbild den Staat verwaltend, ihr Volk regieren in Gerechtigkeit und Treue, indem sie mit der Strenge, wenn sie notwendig ist, väterliche Liebe verbinden. Deswegen werden sie durch die Aussprüche der Heiligen Schrift ermahnt, dass auch sie dereinst dem König der Könige, dem Herrn der Herrscher Rechenschaft ablegen müssen, dass sie aber, wenn sie ihre Pflicht versäumten, Gottes Strenge nicht entgehen werden. „Der Allerhöchste wird euere Werke untersuchen und euere Gedanken erforschen. Denn wenn ihr als Diener seines Reiches nicht recht gerichtet habt, ... wird er schrecklich und schnell über euch kommen, weil das strengste Gericht über die ergeht, die andern vorstehen ... Denn Gott wird niemandes Person ausnehmen, noch irgendeines Größe scheuen, weil er den Kleinen wie den Großen gemacht hat und auf gleiche Weise sorgt für alle; dem Stärkeren aber steht eine größere Strafe bevor.“[16]

[Bearbeiten] Sie hält die Revolution zurück

17 Wo solche Gebote das Staatswesen schirmen, ist jede Ursache zu Aufruhr und alles Verlangen dazu der Boden entzogen, da sind Ehre und Sicherheit der Staatsoberhäupter, Ruhe und Wohl der Staaten gewahrt. Auch für das Ansehen der Bürger wird in bester Weise Sorge getragen, da, selbst wenn sie gehorchen, sie jene Würde bewahren können, die der bevorzugten Stellung des Menschen entspricht. Denn sie erkennen, dass es nach dem Urteil Gottes weder Knechte noch Freie gibt, dass einer aller Herr ist, „reich für alle, die ihn anrufen", [17] dass sie aber darum den Staatsoberhäuptern untertan sind und ihnen Gehorsam leisten, weil diese in gewissem Sinne Ebenbilder Gottes sind, „dem zu gehorchen herrschen ist".

[Bearbeiten] Die Kirche verlangte Gehorsam selbst gegen die heidnische Obrigkeit

18 Die Kirche war immer bestrebt, diese christliche Anschauung von der bürgerlichen Gewalt nicht nur dem Bewusstsein der Menschen einzuprägen, sondern sie auch im öffentlichen Leben der Völker und in deren Sitten zum Ausdruck zu bringen. Solange heidnische Kaiser an der Spitze der Regierung standen, die, in Aberglauben befangen, zur christlichen Auffassung vom Wesen der bürgerlichen Gewalt, wie Wir sie skizziert haben, nicht gelangen konnten, suchte sie dieselbe dem Bewusstsein der Völker einzuflößen. Sobald diese aber in den Lehren des Christentums unterwiesen waren, musste ihnen daran liegen, danach auch ihr Leben zu ordnen. Daher pflegten die Seelenhirten im Hinblick auf das Beispiel des Apostels Paulus angelegentlichst den Völkern zu gebieten, „untertan zu sein den Fürsten und Gewalten, den Befehlen gehorsam“,[18] ebenso für alle Menschen zu Gott zu beten, namentlich aber „für die Könige und für alle Obrigkeiten, denn dieses ist wohlgefällig vor Gott unserem HeiIand“.[19]

[Bearbeiten] Die Christen wurden die besten Bürger

Und in dieser Beziehung haben die ersten Christen die eindruckvollsten Beispiele hinterlassen; denn obgleich sie von den heidnischen Kaisern aufs ungerechteste und grausamste gequält wurden, unterließen sie es doch niemals, sich gehorsam und untertan zu erweisen, sodass in der Tat jene in Grausamkeit, diese in Untertänigkeit zu wetteifern schienen. 19 Eine solche Bescheidenheit, ein so entschiedener Gehorsam war zu bekannt, als dass die Feinde ihn in boshafter Verleumdung in irgendeiner Weise hätten bestreiten können. Darum haben jene, die öffentlich vor den Kaisern die Verteidigung des Christentums führten, die Ungerechtigkeit der gegen die Christen ergriffenen gesetzlichen Maßnahmen mit dem Hinweis bewiesen, dass diese vor aller Augen in ihrem Leben ein Beispiel der Gesetzestreue gaben. Zu Marcus Aurelius Antoninus und seinem Sohne Lucius Aurelius Commodus sprach Athenagoras folgende mutige Worte: „Ihr duldet, dass man uns, die wir nichts verbrochen haben, vielmehr in höchst ehrerbietiger und gerechter Weise sowohl gegen Gott als gegen euere Regierung uns benehmen, verfolgt, beraubt, verjagt“[20] In gleicher Weise spendete Tertullian öffentlich den Christen das Lob, sie seien unter allen die besten und zuverlässigsten Freunde des Kaisers: „Der Christ hegt gegen niemanden Feindschaft, geschweige gegen den Kaiser; denn er weiß, dass Gott diesen eingesetzt hat, dass er ihm darum Liebe, Ehrerbietung und Hochachtung schuldet und sein wie des ganzen römischen Reiches Wohl wünschen muß“.[21] Und er hielt mit der Behauptung nicht zurück, es pflege in dem Verhältnis die Zahl der Feinde im Reiche abzunehmen, als die Zahl der Christen zunehme. „Wegen der großen Zahl der Christen habt ihr nur wenige Feinde, da fast in allen Städten fast alle Bürger Christen sind". [22] Ein herrliches Zeugnis in dieser Beziehung enthält auch der Brief an Diognetus, welcher bestätigt, dass die Christen jener Zeit gewohnt waren, nicht bloß den Gesetzen zu gehorchen, sondern alle ihre Pflichten aus freiem Antrieb noch besser und vollkommener zu erfüllen, als die Gesetze es ihnen abforderten. „Die Christen gehorchen den erlassenen Gesetzen und übertreffen durch ihre Lebensweise die Gesetze.“[23]

[Bearbeiten] Sie revolutionierten nie

20 Anders freilich war die Sachlage dann, wenn sie durch die Erlasse der Kaiser oder Drohungen der Statthalter zum Abfall vom christlichen Glauben oder in irgendeiner Weise zur Pflichtverletzung aufgefordert wurden; in solchen Zeiten wollten sie lieber den Menschen als Gott missfallen. Aber selbst unter diesen Umständen waren sie weit davon entfernt, Aufruhr zu stiften oder die kaiserliche Majestät zu verachten; sie waren nur auf das eine bedacht, ihr christliches Bekenntnis und die Unbeugsamkeit ihres Glaubens zu manifestieren. Im übrigen dachten sie an keinen Widerstand, sondern gingen mit heitererem Anesicht zur Folter des Henkers, so dass die Größe der Qualen von ihrer Seelengröße übertroffen wurde. - In ähnlicher Weise erwies sich zur selben Zeit die Macht der christlichen Lehren im Heer; denn es war dem christlichen Soldaten eigen, höchste Tapferkeit mit der höchsten Liebe zur militärischen Disziplin zu verbinden und seinen hervorragenden Mut durch unwandelbare Treue zu seinem Fürsten zu krönen. Wurde jedoch ein unehrbares Ansinnen an ihn gestellt, wie z.B. Gottes Rechte zu verletzen oder gegen schuldlose Jünger Christi das Schwert zu ziehen, dann weigerte er sich zwar, die Befehle auszuführen, doch so, dass er lieber aus dem Heer austreten und sterben wollte, als durch Aufruhr und Unruhestiftung sich gegen die öffentliche Gewalt aufzulehnen.

[Bearbeiten] Die christlichen Fürsten wurden von der Kirche besonders in ihrer Würde geehrt

21 Nachdem in der Folgezeit die Staaten christliche Herrscher erhalten hatten, verkündete die Kirche noch viel nachdrücklicher den heiligen Charakter der fürstlichen Autorität; die Folge hiervon war, dass, so oft die Völker der fürstlichen Gewalt gedachten, diese ihnen im Bilde einer gewissen heiligen Majestät erschien, wodurch sie zu einer höheren Ehrfurcht und Liebe zu ihren Fürsten angetrieben wurden. Und darum hat die Kirche in Weisheit angeordnet, dass die Könige in feierlicher Weise gekrönt wurden, wie es im Alten Bunde durch göttlichen Befehl bestimmt war. 22 Als sich der Staat gleichsam aus den Ruinen des Römerreiches erhob und zur Hoffnung christlicher Größe wieder auflebte, da hoben die Römischen Päpste durch Errichtung eines Heiligen Reiches, die politischen Gewalt in ganz besonderer Weise . Hierdurch empfing diese ihre höchsten Adel; und ohne Zweifel würde diese Einrichtung für die religiöse wie bürgerliche Gesellschaft immer sehr ersprießlich gewesen sein, wenn das was die Kirche im Auge hatte, von Fürsten und Völkern immer geteilt worden wäre. - In der Tat herrschte Ruhe und hinlängliches Gedeihen, so lange die beiden Gewalten in Friede und Einigkeit lebten. Wenn die Völker sich zu Ausschreitungen hinreißen ließen, war die Kirche sogleich bereit, den Frieden zu vermitteln, indem sie einen jeden an seine Pflicht erinnerte und die stürmischen Leidenschaften teils in Güte, teils durch ihr Machtgebot beruhigte. Und wenn die Fürsten in der Regierung sich Fehler zuschulden kommen ließen, wandte sie selbst sich an die Fürsten, hielt ihnen die Rechte, Bedürfnisse, gerechten Wünsche der Völker vor Augen und riet zu einem billigen Vorgehen, zu Milde und Güte. So wurde vielfach die Gefahr von Empörungen und Bürgerkriegen beseitigt.

[Bearbeiten] Der Unsegen der falschen Lehre

[Bearbeiten] Bittere Früchte

23 Im Gegensatz dazu haben die von den Neuerern erfundenen Ansichten bezüglich der politischen Gewalt dagegen bereits bittere Früchte getragen, und es ist zu befürchten, dass sie noch schlimmstes Unglück bringen werden. Denn das Recht, zu gebieten, nicht auf Gott als seinen Ursprung zurückbeziehen, bedeutet nichts anderes, als der politischen Gewalt ihren schönsten Glanz rauben und ihren Lebensnerv durchschneiden. Wenn man sagt, sie hänge von der Willkür der Menge ab, so ist diese Meinung erstens falsch und zweitens lässt sie die Gewalt auf einem viel zu schwachen und wandelbaren Grund ruhen. Denn durch solche Ansichten werden die Leidenschaften des Volkes bis zum Übermut gleichsam aufgestachelt und verführt zu übertriebenen Handlungen, bis es zum großen Schaden des Staates in seiner blinden Erregung auf dieser abschüssigen Bahn in schnellem Tempo zu offener Empörung abgleitet. In der Tat folgten auf die sogenannte Reformation, besonders in Deutschland, alsbald Unruhen und höchst verwegene Empörungen, deren Helfershelfer und Anführer die geistliche und weltliche Gewalt durch ihre neuen Theorien in ihrem tiefsten Grund bekämpft hatten. So sehr wütete der Bürgerkrieg mit Feuer und Schwert, dass fast kein Ort von blutigen Unruhen verschont blieb. - Jener Irrlehre entstammten im vorigen Jahrhundert eine fälschlich so genannte Philosophie und das sogenannte moderne Recht, sowie die Volksherrschaft und die alles Maß überschreitende Zügellosigkeit, worin viele das Wesen der Freiheit sehen. Von hier war nur noch ein Schritt zu den verderblichen Irrtümern des Kommunismus, des Sozialismus und Nihilismus, diesen erschreckenden Vorzeichen und, möchte man sagen, Todesboten der bürgerlichen Gesellschaft. Und dennoch sind es nur zu viele, die die Wirkung so zahlreicher Übel immer noch weiter auszubreiten bestrebt sind und unter dem Vorwand, für das Volkswohl zu arbeiten, das verderbliche Feuer noch schürten. Doch Wir führen das hier nur an; denn die Tatsachen sind keinem unbekannt, sie liegen nicht weit zurück.

[Bearbeiten] Die Furcht vor dem Schwerte zügelt die Menschen nicht

24 Was aber am meisten Sorge macht, ist die Tatsache, dass den Fürsten in solchen Gefahren keine hinlänglich ausreichenden Mittel zu Gebote stehen, um die staatliche Ordnung wiederherzustellen und die Gemüter zu versöhnen. Sie waffnen sich mit der Autorität der Gesetze und glauben, die öffentlichen Unruhestifter durch strenge Strafen im Zaume halten zu sollen. Ganz recht; doch man erwäge wohl, dass die Gesetze nie eine solche Kraft haben werden, dass sie für sich allein den Staat schützen können. Denn die Furcht ist, wie der heilige Thomas sehr richtig bemerkt, „ein schwaches Fundament. Jene nämlich, die sich bloß aus Furcht unterwerfen, erheben sich, wenn sie Gelegenheit finden, auf Straflosigkeit zu hoffen, um so heftiger gegen ihre Vorgesetzten, je mehr sie gegen ihren Willen bloß durch Furcht zurückgehalten waren. Und außerdem treibt allzu große Furcht die meisten zur Verzweiflung; in der Verzweiflung aber stürzen sie sich in die gewagtesten Unternehmungen.“[24] Wie wahr dieses Wort ist, hat die Erfahrung uns hinlänglich gelehrt. Darum muss ein höheres und wirksamerer Beweggrund zum Gehorsam geboten werden, und wir müssen der festen Überzeugung sein, dass auch die Strenge der Gesetze fruchtlos bleibt, wenn nicht das Pflichtgefühl die Menschen leitet und heilsame Gottesfurcht sie antreibt. Dies aber in ihnen zu bewirken, vermag in höchster Weise die Religion, die mit ihrem Einfluss die Seele durchdringt und den Willen des Menschen in einer Weise geneigt macht, dass er seinen Vorgesetzten nicht bloß gehorsam ist, sondern ihnen auch in Wohlwollen und Liebe zugetan ist, wodurch erst jede menschliche Gesellschaft ungestört bestehen kann.

[Bearbeiten] Die Kirche war stets eine Freundin der Autorität

25 Deswegen muss man einsehen, dass die Römischen Päpste dem allgemeinen Wohl vortreffliche Dienste dadurch geleistet haben, dass sie immer Sorge dafür trugen, die unruhigen und aufbegehrenden Geister der Neuerer niederzuhalten: Wiederholt haben sie mahnend darauf hingewiesen, wie gefährlich diese auch für den Staat sind. In dieser Beziehung verdienen die Worte Klemens' VII. an König Ferdinand von Böhmen und Ungarn angeführt zu werden: „In diesem Glaubensstreit ist auch deine und der übrigen Fürsten Würde und Nutzen miteingeschlossen, da mit der Schwächung des Glaubens auch euere Interessen zugleich in Mitleidenschaft gezogen werden, wie es sich deutlich in einigen dieser Gegenden gezeigt hat". - In derselben Angelegenheit leuchtet die hohe Weisheit und Unerschrockenheit Unserer Vorgänger hervor, besonders Klemens' XII., Benedikts XIV., Leos XII., die, da in der Folgezeit die verderblichen Lehren immer mehr um sich griffen und die Sekten sich immer unbändiger benahmen, mit all ihrer Autorität ihnen den weiteren Vormarsch zu verriegeln bestrebt waren. Wir selbst haben mehr als einmal auf die Größe der bevorstehenden Gefahren hingewiesen und die beste Art und Weise ihrer Bekämpfung angegeben. Den Fürsten und übrigen Staatenlenkern haben Wir den Beistand der Religion angeboten und die Völker ermahnt, aus dem Schatz jener Güter zu schöpfen, die die Kirche ihnen in reichem Maße anbietet. Dahin geht heute Unser Bestreben, dass doch die Fürsten diesen ihnen erneut angebotenen, in seiner Wirkkraft unübertrefflichen Beistand erkennen möchten. Wir ermahnen sie eindringlichst im Herrn, die Religion zu schützen und, was auch im Staatsinteresse liegt, der Kirche den Genuss jener Freiheit zu gestatten, die man ihr nur mit Unrecht und zum allgemeinen Verderben rauben kann. 26 Die Kirche Christi kann wahrhaftig weder den Fürsten verdächtig, noch den Völkern feindselig erscheinen. Denn die Fürsten mahnt sie, Gerechtigkeit zu üben und in keiner Beziehung ihre Pflicht zu verletzen; sie stärkt aber auch zugleich und stützt in vielfacher Weise ihre Autorität. Was dem bürgerlichen Bereich angehört, erkennt sie als der Herrschaft und höchsten Befehlsgewalt dieses Bereiches unterstellt; bezüglich dessen, was aus verschiedenen Ursachen der geistlichen und weltlichen Gewalt angehört, sucht sie ein gegenseitiges Einverständnis herzustellen, wodurch für beide verhängnisvolle Streitigkeiten vermieden werden. Was die Völker betrifft, so liegt der Kirche von Natur aus das Wohl aller Menschen am Herzen; sie hat sie alle immer wie eine Mutter geliebt. Durch ihre von Liebe geleiteten Bemühungen wurden die Gemüter beruhigt, die Sitten vermenschlicht, die Gesetze gerecht gestaltet; einer ehrbaren Freiheit niemals abhold, pflegte sie immer tyrannische Herrschaft zu verabscheuen. Diese der Kirche innerliche, verdienstvolle Handlungsweise hat mit wenigen Worten der heilige Augustinus deutlich zum Ausdruck gebracht: „Sie (die Kirche) lehrt die Könige, Sorge zu tragen für die Völker, alle Völker, den Königen sich zu unterwerfen, indem sie zeigt, dass nicht alles sich für alle schickt und dass allen Liebe gebührt und keinem Unrecht.“[25]

[Bearbeiten] Die Bischöfe sollen Sorge tragen, dass diese Lehren befolgt werden

27 Aus diesen Gründen, Ehrwürdige Brüder, wird Eure Bemühung höchst nützlich und gewiss segensvoll sein, wenn Ihr Euren Eifer und alle von Gott Euch zur Verfugung gestellten Mittel mit Uns einsetzt, um die der menschlichen Gesellschaft drohenden Gefahren und Schäden zu beschwören. Tragt eifrig Sorge, dass die Lehre der Katholischen Kirche über die bürgerliche Gewalt und die Pflicht des Gehorsams von den Gläubigen in ihrer Tiefe erkannt und im Leben eifrig befolgt werde. Kraft Eurer lehramtlichen Autorität mögt Ihr die Völker des öfteren dazu ermahnen, die verbotenen Sekten zu meiden, Verschwörungen zu verabscheuen und aufrührerischen Bewegungen fernzubleiben; möchten sie einsehen, dass der Gehorsam, der Obrigkeit um Gottes willen geleistet, ein „vernünftiger Gehorsam", ein hochherziger Gehorsam ist. Da aber Gott es ist, „der den Königen Heil verleiht“[26] und den Völkern gestattet, „in der Ruhe des Friedens, in sicheren Hütten, in überschwenglicher Kraft“[27] zusammenzuleben, so müssen wir ihn im Gebet anflehen, dass er den Sinn aller Menschen zur Rechtschaffenheit und Wahrheit hinlenken, allen Zorn beschwichtigen, den lang ersehnten Frieden und die Ruhe auf Erden wiederherstellen möge.

[Bearbeiten] Schluss: Ermahnung zum Gebet, Segen

28 Damit wir aber desto besser auf Gewährung hoffen können, wollen wir um Fürbitte und heilsamen Schutz anflehen die mächtige Gottesmutter und Jungfrau Maria, die Helferin der Christen, die Beschützerin des Menschengeschlechts, und den heiligen Joseph, ihren allerreinsten Bräutigam, auf dessen Hilfe die ganze Kirche so sehr vertraut, ebenso die Apostelfürsten Petrus und Paulus, die Hüter und Verteidiger der Christenheit.

Unterdessen erteilen Wir Euch allen, Ehrwürdige Brüder, dem Klerus und dem Volk, das Eurer treuen Fürsorge anvertraut ist, als Unterpfand himmlischer Gaben von ganzem Herzen den Apostolischen Segen im Herrn.

Gegeben zu Rom, beim Heiligen Petrus, am 29. Juni des Jahres 1881,
dem vierten Jahre Unseres Pontifikates
Leo XIII. PP.

[Bearbeiten] Anmerkungen

  1. Spr 8,15-16 EU.
  2. Weish 6,3-4 EU.
  3. Sir 17,14 EU.
  4. Joh 19,11 EU.
  5. Tract. CXVI in Ioan. n. 5, PL XXV 1943.
  6. Röm 13,1.4 EU.
  7. De Civ. Dei V 21, PL XLI 167.
  8. In epist. ad Rom. homil. XXIII, n. 1.
  9. Epist. lib 11, epist. 61.
  10. Jak 4,12 EU.
  11. Eph 3,15 EU.
  12. Röm 13,1.2.5 EU.
  13. 1 Petr 2,13-15 EU.
  14. Mt 22,21 EU.
  15. Apg 5,29 EU.
  16. Weish 4,4-8 EU.
  17. Röm 10,12 EU.
  18. Tit 3,1 EU.
  19. 1 Tim 2,1-3 EU.
  20. Legat. pro Christianis.
  21. Apolog. n. 35, PL I 451.
  22. Apolog. n. 37, PL I 463.
  23. Epist. ad Diognetum V, PG II 1174.
  24. De Regim. Pricip. I 10.
  25. De moribus Ecclesiae I 30, PL XXXII 1336.
  26. Ps 143,10 EU.
  27. Jes 32,18 EU.

[Bearbeiten] Weblinks

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