Il fermo proposito (Wortlaut)

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Enzyklika
Il fermo proposito

von Papst
Pius X.
an die Bischöfe Italiens
über die Katholische Aktion
11. Juni 1905

(Offizieller lateinischer Text: ASS 37 [1904-05] 741-767)

(Quelle: Die katholische Sozialdoktrin in ihrer geschichtlichen Entfaltung, Hsgr. Arthur Utz + Birgitta Gräfin von Galen, XVII 1-27, Scientia humana Institut Aachen 1976, Imprimatur Friburgi Helv., die 2. decembris 1975 Th. Perroud, V.G., Die Nummerierung und Abschnitteinteilung folgt der englischen Fassung auf der Vatikanseite)

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

Einleitung: Die Katholische Aktion als Mittel zur Auferbauung des Mystischen Leibes Christi

1 Der feste Entschluss, den Wir gleich zu Anfang Unseres Pontifikats gefasst haben, alle Kräfte, die der Herr in seiner Güte Uns verleihen wird, darauf zu verwenden, alles in Christus zu erneuern, lässt in Unserem Herzen ein großes Vertrauen in die allmächtige Gnade Gottes wiederaufleben, ohne die Wir hier auf Erden nichts Großes und Nützliches für das Heil der Seelen erdenken oder tun können. Zugleich aber spüren Wir stärker denn je das Bedürfnis, bei diesem edlen Unternehmen von Euch, Ehrwürdige Brüder, Teilhaber an Unserem Hirtenamt, von einem jeden Eurer Priester und von den Gläubigen, die Eurer Sorge anvertraut sind, einmütig und beharrlich unterstützt zu werden. Denn in Wahrheit sind wir alle in der Kirche Gottes aufgerufen, einen einzigen Leib zu bilden, dessen Haupt Christus ist, einen Leib, der, wie es der heilige Apostel Paulus[1] lehrt, straff organisiert ist und klar gegliedert in seiner Struktur, kraft der jeweiligen Eigentätigkeit jedes einzelnen Gliedes, wodurch der Körper selbst wächst und so sich nach und nach vervollkommnet durch das Band der Liebe. Und wenn es bei diesem Werk der Auferbauung des Leibes Christi“[2] Unsere erste Pflicht ist, zu lehren, die rechte Methode des Vorgehens zu bestimmen und die dazu nötigen Mittel anzugeben sowie väterlich zu mahnen und zu warnen, so ist es demgegenüber die Pflicht aller Unserer geliebten Söhne in aller Welt, Unsere Worte anzunehmen und zu verwirklichen und wirksam dazu beizutragen, dass sie auch von anderen verwirklicht werden, von einem jeden nach der Gnade, die er von Gott empfangen hat, nach seiner Stellung und seinem Amt, nach dem Eifer, der sein Herz entflammt.

2 Hier wollen Wir nur an die zahlreichen Institutionen erinnern, die sich dem Wohl der Kirche, der Gesellschaft und der einzelnen Individuen widmen und die allgemein mit dem Namen Katholische Aktion bezeichnet werden; durch Gottes Gnade entstehen sie überall und sind auch hier in Italien sehr zahlreich. Ihr versteht, Ehrwürdige Brüder, wie sehr sie Uns teuer sind und wie sehr Wir wünschen, dass sie erstarken und gefördert werden. Wir haben nicht nur zu wiederholten Malen mündlich, wenigstens mit einigen von Euch und mit Euren ersten Vertretern in Italien, da Wir persönlich die Bekundung ihrer Ergebenheit und kindlichen Liebe entgegennahmen, darüber gesprochen, sondern Wir haben zu dieser Frage auch verschiedene Dokumente veröffentlicht oder kraft Unserer Autorität veröffentlichen lassen, die Euch allen bereits bekannt sind. Zwar verfolgten einige davon, wie es die für Uns so schmerzlichen Umstände verlangten, mehr den Zweck, Hindernisse für ein reibungsloses Wirken der Katholischen Aktion zu beseitigen und gewisse abweichende Tendenzen zu verurteilen, die sich zum schweren Schaden für die gemeinsame Sache eingeschlichen hatten. Umso mehr verlangte Unser Herz danach, Uns an alle zu wenden, um ihnen ein väterliches Wort der Anerkennung und Ermunterung zu sagen, damit sie fortfahren, auf dem, soweit es an Uns liegt, von allen Hindernissen gesäuberten Land das Gute aufzubauen und reichlich zu mehren. Gern tun Wir dies daher heute mit diesem Brief, um alle aufzurichten, in der Gewissheit, dass Unsere Worte von allen bereitwillig aufgenommen und befolgt werden.

Der wohltuende Einfluss der Kirche auf das Leben in Gesellschaft und Staat

3 Der Tätigkeitsbereich der Katholischen Aktion ist äußerst umfangreich; die Katholische Aktion kann von sich aus nichts ausschließen, was in irgendeiner Weise; direkt oder indirekt, mit der göttlichen Sendung der Kirche in Zusammenhang steht. Daraus erkennt man leicht die Notwendigkeit der Mitarbeit jedes Einzelnen bei einem so umfassenden Werk, und zwar nicht nur zur Heiligung der eigenen Seele, sondern auch zur Verbreitung und Entfaltung des Reiches Gottes in den Einzelnen, in den Familien und in der Gesellschaft, sodass jeder Einzelne gemäß seinen persönlichen Fähigkeiten das Wohl des Nächsten bewirkt, sei es durch Verbreitung der geoffenbarten Wahrheit, sei es durch die Übung der christlichen Tugenden, sei es durch Werke der Nächstenliebe oder der geistigen und leiblichen Barmherzigkeit. Dies ist ein Lebenswandel, wie er Gottes würdig ist und wie ihn der heilige Paulus uns anempfiehlt, auf dass wir ihm in allem wohlgefällig seien, indem wir Frucht bringen in allen guten Werken und wachsen in der Weisheit Gottes: „Ut ambuletis digne Deo per omnia placentes: in omni opere bono fructificantes, et crescentes in scientia Die".[3]

4 Darüber hinaus gibt es eine große Zahl von Gütern, die dem natürlichen Bereich angehören und nicht unmittelbar in den Bereich der Sendung der Kirche gehören, die aber dennoch sozusagen als ihre natürliche Konsequenz aus ihr hervorgehen. So hell ist das Licht der katholischen Offenbarung, dass es auf alle Wissenschaften ausstrahlt; so groß ist die Kraft der Gebote des Evangeliums, dass die Vorschriften des Naturgesetzes sicher darin verwurzelt sind und erstarken; so mächtig ist schließlich die Wirksamkeit der Wahrheit und der Moral, die Jesus Christus gelehrt hat, dass sogar das materielle Wohlergehen der Einzelnen, der Familie und der menschlichen Gesellschaft dadurch segensreich erhalten und gefördert wird. Die Kirche, die Christus den Gekreuzigten, ein Ärgernis und eine Torheit vor der Welt,[4] predigt, ist zur ersten Anregerin und Förderin der Kultur geworden; und sie verbreitet diese überall, wo ihre Apostel predigen, sie bewahrt und vervollkommnet die positiven Elemente der alten heidnischen Kulturen, entreißt die jungen Völker, die sich in ihre mütterlichen Arme flüchten, der Barbarei und bildet sie zu einer Kulturgemeinschaft heran; sie verleiht der ganzen Gesellschaft, wenn auch nur allmählich, so doch mit sicherer und wachsender Wirkkraft, jenes charakteristische Gepräge, das sie noch heute überall aufweist. Die Kultur der Welt ist eitle christliche Kultur; sie ist umso wahrer, umso dauerhafter, umso fruchtbarer, je eindeutiger sie christlich ist; sie geht umso mehr zurück, zum großen Schaden für das allgemeine Wohl, je mehr sie sich der christlichen Gesinnung entzieht. Damit wird die Kirche durch einen inneren Sachzwang auch faktisch zur Hüterin und Sachwalterin der christlichen Kultur. Diese Tatsache wurde in früheren Jahrhunderten der Geschichte anerkannt und angenommen; sie bildete auch die unbestrittene Grundlage der staatlichen Gesetzgebung. Auf diese Tatsache stützten sich die Beziehungen zwischen Kirche und Staat, die öffentliche Anerkennung der Autorität der Kirche in allen Angelegenheiten, die auf irgendeine Weise das Gewissen betreffen, sowie die Unterordnung der Staatsgesetze unter die göttlichen Gesetze des Evangeliums und das Zusammenwirken der beiden Gewalten, der staatlichen und der kirchlichen, um die zeitlichen Güter der Völker so zu regeln, dass die ewigen nicht Schaden leiden.

5 Wir brauchen Euch, Ehrwürdige Brüder, das Gedeihen und Wohlergehen, den Frieden und die Eintracht, die ehrfürchtige Unterwerfung unter die Autorität und die hervorragende Regierung nicht auszumalen, die in der Welt entstehen und bestehen würden, wenn sich dies hohe Ideal der christlichen Kultur vollkommen verwirklichen ließe. Aber da nun der Kampf des Fleisches gegen den Geist, der Finsternis gegen das Licht, Satans gegen Gott fortdauert, ist dies nicht zu erwarten, wenigstens nicht in vollem Umfang. Daher wird es in die friedlichen Eroberungen der Kirche hinein ständig Einbrüche geben, die umso schmerzlicher und unheilvoller sein werden, je mehr die menschliche Gesellschaft danach strebt, sich nach Prinzipien zu regieren, die zum christlichen Geist in Widerspruch stehen, oder sogar ganz von Gott abzufallen.

6 Dies ist kein Grund, den Mut zu verlieren. Die Kirche weiß, dass die Pforten der Hölle sie nicht überwinden werden; aber sie weiß auch, dass sie in der Welt bedrängt werden wird, dass ihre Apostel wie Schafe unter die Wölfe gesandt sind, dass ihre Anhänger mit Hass und Verachtung bedacht werden, wie ihr göttlicher Gründer mit Hass und Verachtung überhäuft wurde. Die Kirche geht trotzdem unbeirrt weiter voran, und während sie das Reich Gottes ausbreitet, wo es bisher noch nicht gepredigt wurde, bemüht sie sich auf jede Weise, die Verlorenen im schon eroberten Reich wiederzugewinnen. „Instaurare omnia in Christo" war immer die Devise der Kirche, und sie ist in besonderer Weise die Unsrige in der gefahrvollen Zeit, die wir durchleben. Alles zu erneuern, nicht in irgendeiner Weise, sondern in Christus, „was im Himmel und was auf Erden ist", fügt der Apostels[5] hinzu; in Christus erneuern nicht nur das, worauf sich die göttliche Mission der Kirche, die Seelen zu Christus zu führen, bezieht, sondern auch, wie Wir dargelegt haben, was sich von jener göttlichen Mission natürlicherweise herleitet, die christliche Kultur gesamtheitlich und in jedem einzelnen ihrer Elemente, aus denen sie gebildet ist.

Die katholischen Verbände im Dienste der Kultur- und Zivilisationsaufgaben der Kirche

7 Um Uns nur bei diesem letzten Teil der wünschenswerten Erneuerung aufzuhalten, so seht Ihr leicht, Ehrwürdige Brüder, wie viel jene erlesenen Scharen von Katholiken für die Kirche tun können, die sich vornehmen, alle ihre Kräfte zusammenzuschließen, um mit allen gerechten und legalen Mitteln die antichristliche Zivilisation zu bekämpfen; auf alle Weise die schweren Schäden auszugleichen, die diese verursacht; Jesus Christus wieder in die Familie, in die Schule und in die Gesellschaft zurückzuführen; dem Prinzip der menschlichen Autorität als Stellvertreterin der göttlichen wieder Geltung zu verschaffen; sich die Interessen des Volkes, insbesondere des Arbeiter- und des Bauernstandes, angelegen sein zu lassen, und zwar nicht nur, indem man den Herzen die religiösen Prinzipien einprägt, die die einzige Quelle des Trostes in den Ängsten dieses Lebens sind, sondern auch indem man sich bemüht, die Tränen zu trocknen, die Schmerzen zu lindern und durch richtig eingeleitete Maßnahmen die wirtschaftliche Lage zu verbessern; dementsprechend darauf hinzuwirken, dass die staatlichen Gesetze von Gerechtigkeit geprägt sind und dass jene, die der Gerechtigkeit widersprechen, korrigiert oder aufgehoben werden; schließlich in allen Dingen die Rechte Gottes und die nicht weniger geheiligten der Kirche zu verteidigen und mit wahrhaft katholischem Geist zu unterstützen.

8 Alle diese Unternehmungen, die zum großen Teil von katholischen Laien durchgeführt und gefördert werden und die unterschiedlich konzipiert sind je nach den speziellen Bedürfnissen der einzelnen Nationen oder den besonderen Umständen, die jeweils im Lande herrschen, sind zusammen genau das, was man gewöhnlich mit einem speziellen und sicherlich sehr edlen Ausdruck Katholische Aktion oder Aktion der Katholiken nennt. Sie ist zu allen Zeiten der Kirche zu Hilfe gekommen und die Kirche hat diese Hilfe stets wohlwollend angenommen und gesegnet, wenngleich sie je nach der Zeit einen jeweils verschiedenen Ausdruck gefunden hat.

Notwendige Anpassung der katholischen Verbände an die zeitlichen Umstände aus dem Geiste Christi

9 Und hier ist sogleich zu bemerken, dass nicht alles, was in vergangenen Jahrhunderten nützlich und sogar allein wirksam war, heute in gleicher Weise wiedereingeführt werden kann; die radikalen Veränderungen, die sich im Laufe der Zeit in der Gesellschaft und im öffentlichen Leben vollzogen haben, sind zu groß, und die neuen Bedürfnisse, die die veränderten Umstände unablässig hervorbringen, sind zu zahlreich; aber die Kirche hat im Verlauf ihrer langen Geschichte immer und in jedem Falle klar bewiesen, dass sie eine wunderbare Fähigkeit besitzt, sich den wechselnden Gegebenheiten in der menschlichen Gesellschaft anzupassen, sodass sie, unter Wahrung der Integrität und Unabänderlichkeit ihrer Glaubens- und Sittenlehre und ebenso ihrer geheiligten Rechte, in allem, was zeitgebunden und akzidentell ist, den Wechselfällen der Zeiten und den neuen Bedürfnissen der Gesellschaft nachgeben und sich ihnen anpassen kann.

10 Die Frömmigkeit, sagt der heilige Paulus, ist für alles von Nutzen, denn sie besitzt die göttlichen Verheißungen, sowohl für die Güter des gegenwärtigen Lebens als auch für die des zukünftigen: „Pietas autem ad omnia utilis est, promissionem habens vitae, quae nunc est, et futurae.[6] Und deshalb bleibt die Katholische Aktion, auch wenn sie sich in ihren äußeren Formen oder den Mitteln, die sie anwendet, den Umständen entsprechend wandelt, doch immer gleich in Bezug auf die Prinzipien, die sie leiten, und auf das hohe Ziel, das sie erstrebt. Wenn sie also wirklich erfolgreich sein soll, muss man genau die Grenzen beachten, die sie selbst setzt im Hinblick auf ihre Natur und ihr Ziel.

11 Vor allem muss man sich stets bewusst bleiben, dass das Werkzeug wertlos ist, wenn es nicht der Arbeit entspricht, die man ausführen will. Die Katholische Aktion, die sich (wie aus dem Vorhergesagten hervorgeht) zum Ziel gesetzt hat, alles in Christus zu erneuern, bildet ein wahres Apostolat zur Ehre und Verherrlichung Christi. Um es in rechter Weise auszuüben, bedarf es der göttlichen Gnade, und diese wird nur einem Apostel gewährt, der mit Christus vereinigt ist. Nur wenn wir Jesus Christus in uns abgebildet haben, können wir ihn leichter den Familien und der Gesellschaft wiedergeben. Deshalb müssen alle, die berufen sind, diese katholische Bewegung zu leiten, oder die sich ihrer Verbreitung widmen, Katholiken sein, die jeder Prüfung standhalten, überzeugt von ihrem Glauben, gründlich unterrichtet in allen religiösen Dingen, der Kirche und insbesondere dem höchsten Apostolischen Lehrstuhl und dem Stellvertreter Jesu Christi auf Erden aufrichtig ergeben, von echter Frömmigkeit, mannhafter Tugend, reinen Sitten und so untadeligem Lebenswandel, dass sie allen ein wirkungsvolles Beispiel geben können. Wenn der Geist nicht so geformt ist, wird es nicht nur schwierig sein, in anderen das Gute zu fördern, es wird auch nahezu unmöglich sein, in der rechten Gesinnung vorzugehen; und es werden dann die Kräfte fehlen, um mit Ausdauer die Unannehmlichkeiten, die das Apostolat mit sich bringt, zu ertragen, die Verleumdungen durch die Gegner, die Kühle und Zurückhaltung auch der rechtschaffenen Menschen, schließlich manchmal auch die Eifersüchteleien der Freunde und Mitarbeiter, die angesichts der Schwäche der menschlichen Natur zweifellos entschuldbar, aber doch sehr nachteilig sind und Anlass zu Zwietracht, Spannungen und häuslichen Streitigkeiten werden können. Nur eine geduldige und im Guten gefestigte, zugleich aber sanfte und einfühlsame Tugend ist fähig, diese Schwierigkeiten zu beseitigen oder zu vermindern, sodass das Werk, dem alle katholischen Kräfte gewidmet sind, nicht gefährdet wird. Es ist der Wille Gottes, sagt der heilige Petrus den ersten Christen, dass ihr durch Gutestun törichte Menschen zum Schweigen bringt: „Sic est voluntas Dei, ut bene facientes obmutescere faciatis imprudentium hominum ignorantiam."[7]

Die soziale Frage als hauptsächliches Tätigkeitsfeld der katholischen Verbände

12 Des weiteren ist es nötig, die Werke, denen sich die katholischen Kräfte mit Energie und Ausdauer zuwenden sollen, genau zu definieren. Derartige Werke müssen von so offensichtlicher Bedeutung sein, so sehr den Bedürfnissen der modernen Gesellschaft entsprechen, so sehr den moralischen und materiellen Interessen vor allem des Volkes und der benachteiligten Klassen angemessen sein, dass sie bei den Förderern der Katholischen Aktion wegen der reichen und sicher zu erwartenden Früchte, die sie sich aus ihnen versprechen, großen Eifer erwecken und zugleich von allen leicht verstanden und bereitwillig angenommen werden. Gerade weil die großen Probleme des heutigen gesellschaftlichen Lebens eine rasche und sichere Lösung erfordern, besteht bei allen das lebhafteste Interesse, die verschiedenen Möglichkeiten, wie die Lösungen in die Praxis umzusetzen sind, zu kennen und zu verstehen. Diskussionen in der einen wie in der anderen Richtung mehren sich unaufhaltsam und verbreiten sich leicht mittels der Presse. Es ist daher höchst notwendig, dass die Katholische Aktion den günstigen Moment erfasst, mutig vortritt und ihre eigene Lösung vorträgt und zur Geltung bringt mit einer festen, aktiven, intelligenten und disziplinierten Propaganda, sodass sie sich mit der gegnerischen Propaganda messen kann. Die Solidität und Gerechtigkeit der christlichen Prinzipien, die rechte Moral, die die Katholiken vertreten, das Desinteresse am eigenen Vorteil, das nichts anderes freimütig und aufrichtig begehrt als das wahre, dauerhafte, höchste Wohl des Nächsten, schließlich ihre offensichtliche Fähigkeit, besser als andere auch die wirtschaftlichen Interessen des Volkes zu fördern, müssen notwendigerweise Geist und Herzen aller einnehmen, die sie anhören, so dass diese ihre Reihen erweitern, um mit ihnen ein starkes, geschlossenes Korps zu bilden, das fähig ist, dem Gegenstrom kraftvoll zu widerstehen und die Gegner in Schach zu halten.

13 Unser Vorgänger seligen Gedenkens Leo XIII. hat diese Notwendigkeit klar erkannt und vor allem in seiner denkwürdigen Enzyklika „Rerum novarum" und noch in späteren Dokumenten das Objekt aufgezeigt, auf das sich die Katholische Aktion in erster Linie ausrichten sollte, d. h. die praktische Lösung der sozialen Frage gemäß den christlichen Prinzipien. Wir selbst haben, diesen so weisen Normen folgend, mit Unserem Motu proprio vom 18. Dezember 1903 der christlichen Volksaktion, die die gesamte katholisch-soziale Bewegung in sich umfasst, eine grundlegende Ordnung gegeben, die sozusagen die praktische Regel für die gemeinsame Arbeit und das Band der Eintracht und Liebe sein sollte. Auf diesem Feld also und vornehmlich zu diesem heiligen und höchst notwendigen Zweck müssen sich die katholischen Institutionen zusammenschließen und einander unterstützen, die, so verschiedenartig und vielfältig sie auch sein mögen, alle in gleicher Weise dazu bestimmt sind, das gleiche soziale Wohl wirksam zu fördern.

Harmonie der katholischen Verbände

14 Damit aber diese soziale Aktion mit der nötigen Koordination aller in ihr zusammengeschlossenen Institutionen durchgeführt und gefördert werde, ist es höchst wichtig, dass die Katholiken mit vorbildlicher Eintracht untereinander vorgehen; diese kann aber nur erreicht werden, wenn alle einig sind in der Zielsetzung. Über diese Notwendigkeit kann in keiner Weise Zweifel bestehen; allzu klar und eindeutig sind die diesbezüglichen Lehräußerungen dieses Apostolischen Stuhles, allzu einsichtig sind die Erklärungen, die die angesehensten Katholiken aller Länder in ihren Veröffentlichungen dazu gemacht haben; allzu lobenswert ist das Beispiel, das schon verschiedentlich, und auch von Uns selbst, angeführt wurde, all jener Katholiken anderer Nationen, die gerade durch die Eintracht und Einmütigkeit in der Zielsetzung in kurzer Zeit reiche und vielversprechende Erfolge gezeitigt haben.

15 Zur sicheren Verwirklichung dieses Anliegens hat sich unter den verschiedenen, in gleicher Weise lobenswerten Werken vor allem eine Institution allgemeinen Charakters als besonders wirksam erwiesen, die unter dem Namen Volksverein die Katholiken aller sozialen Klassen, vor allem aber die breite Masse des Volkes, um ein gemeinsames Zentrum der Doktrin, der Propaganda und der sozialen Organisation vereinigt. Er entspricht einem Bedürfnis, das in gleicher Weise in fast jedem Lande spürbar ist, und seine uniforme Organisation ergibt sich aus der Natur der Dinge selbst, wie sie überall gleichermaßen vorkommen, sodass man tatsächlich nicht sagen kann, er sei für eine Nation eher geeignet als für eine andere, vielmehr ist er für alle geeignet, in denen sich die gleichen Bedürfnisse zeigen und denen gleiche Gefahren drohen. Seine große Volkstümlichkeit macht ihn sehr beliebt und überall ansprechend, er stört und behindert keine andere Institution, er gibt vielmehr allen anderen Institutionen Kraft und Geschlossenheit, weil er mit seiner ganz personbezogenen Organisation die Individuen ermuntert, in spezielle Institutionen einzutreten, sie in praktischer und nutzbringender Arbeit unterweist und den Geist aller zu einheitlichem Denken und Wollen einigt.

16 Das so eingerichtete soziale Zentrum gruppiert gleichsam zwanglos alle übrigen wirtschaftlich orientierten Institutionen, die den Zweck verfolgen, das soziale Problem praktisch unter seinen verschiedenen Aspekten zu lösen, um das gemeinsame Ziel, wenngleich die einzelnen Institutionen vielleicht je nach den verschiedenen Bedürfnissen, für die sie Abhilfe schaffen sollen, verschiedene Formen und verschiedene Methoden annehmen, wie es das jeweilige Ziel einer jeden von ihnen fordert. Wir möchten bei dieser Gelegenheit zugleich mit Unserer Genugtuung über alles, was in dieser Hinsicht in Italien schon getan wurde, Unsere feste Hoffnung zum Ausdruck bringen, dass mit göttlicher Hilfe in Zukunft noch mehr getan werde, das bereits Erreichte zu festigen und mit stets wachsendem Eifer zu mehren. Hierbei haben sich die katholischen Kongresse und Kommissionen große Verdienste erworben dank des klugen Vorgehens hervorragender Männer, die sie leiteten und die diesen einzelnen Institutionen vorstanden oder heute noch vorstehen. Und wie Wir ausdrücklich dies Zentrum oder diese Vereinigung verschiedener wirtschaftlich orientierter Institutionen bei der Auflösung der vorgenannten Kongressorganisation aufrechterhalten haben, so soll es auch in Zukunft fortbestehen unter der diensteifrigen Leitung aller jener, die ihm vorgesetzt sind.

Indienstnahme der Sozialwissenschaften wie auch der politischen Rechte zur Erreichung des Zieles

17 Die Katholische Aktion ist noch nicht dadurch in jeder Beziehung leistungsfähig, dass sie den sozialen Bedürfnissen der Gegenwart entspricht; sie muss darüber hinaus unter Anwendung aller praktischen Hilfsmittel, die ihr die Errungenschaften der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an die Hand geben, sich die schon anderweitig gemachten Erfahrungen, die Erkenntnisse der konkreten sozialen Bedingungen und des öffentlichen Lebens, wie es sich in den Staaten gestaltet, zunutze machen. Sonst läuft man Gefahr, lange Zeit nur tastend voranzuschreiten auf der Suche nach neuen, aber noch wenig sicheren Wegen, während gute und sichere zur Verfügung stehen, die bereits aufs beste bewährt sind; oder man preist Institutionen und Methoden an, die zu anderen Zeiten vielleicht angemessen waren, aber heute vom Volk nicht mehr verstanden werden; oder man bleibt schließlich auf halbem Wege stehen, weil man für sich nicht einmal das erlaubte Maß jener bürgerlichen Rechte in Anspruch nimmt, die heute in den Staatsverfassungen allen und somit auch den Katholiken zugestanden werden. Um bei diesem letzten Punkt noch etwas zu verweilen: Es ist sicher, dass die moderne Staatsordnung unterschiedslos allen große Einflussmöglichkeiten auf die öffentlichen Angelegenheiten verschafft, und die Katholiken können sich, wenn nur die vom göttlichen Gesetz und den kirchlichen Vorschriften auferlegten Verpflichtungen gewahrt bleiben, ruhigen Gewissens ihrer bedienen, um zu beweisen, dass sie mindestens ebenso, wenn nicht noch besser als andere in der Lage sind, am materiellen und allgemeinbürgerlichen Wohl des Volkes mitzuwirken, und um so jene Autorität und jene Achtung zu erwerben, die es ihnen ermöglichen, auch die weit höheren Güter der Seele zu verteidigen und zu fördern.

18 Die bürgerlichen Rechte sind zahlreich und verschiedenartig, bis hin zu jenen der unmittelbaren Teilnahme am politischen Leben des Landes durch die Vertretung des Volkes in den gesetzgebenden Versammlungen. Schwerwiegende Gründe lassen es Uns, Ehrwürdige Brüder, nicht ratsam erscheinen, von der Norm abzuweichen, die Unser Vorgänger seligen Angedenkens Pius IX. aufgestellt hat und die auch Unser Vorgänger seligen Angedenkens Leo XIII. im Verlauf seines langen Pontifikats befolgt hat, wonach es den Katholiken Italiens generell untersagt bleibt, an der Gesetzgebung mitzuwirken. Es können aber ebenso schwerwiegende Gründe, die das höchste Gut der Gesellschaft, das um jeden Preis geschützt werden muss, betreffen, in einzelnen Fällen eine Dispens von diesem Gebot erforderlich machen, vor allem dann, wenn Ihr, Ehrwürdige Brüder, die strikte Notwendigkeit dazu feststellt im Hinblick auf das Wohl der Seelen und die höchsten Interessen Eurer Kirchen und wenn Ihr darum ersucht.

19 Die Möglichkeit eines solchen Zugeständnisses Unsererseits macht es aber allen Katholiken zur Pflicht, sich klug und ernsthaft auf die Teilnahme am politischen Leben vorzubereiten für den Zeitpunkt, da sie dazu aufgerufen werden. Daher ist es auch wichtig, dass alle jene Aktivitäten, die die Katholiken in so lobenswerter Weise entfaltet haben, um sich durch eine gute Organisation der Wahlen auf die Teilnahme an der Verwaltung in den Gemeinden und Provinzräten vorzubereiten, sich darüber hinaus auch darauf erstrecken, sich für die Teilnahme am politischen Leben in angemessener Weise vorzubereiten und zu organisieren, wie es das Rundschreiben des Generalvorstandes der wirtschaftlichen Vereine Italiens vom 3. Dezember 1904 empfohlen hat. Zugleich müssen die obersten Prinzipien, die das Gewissen eines jeden wahren Katholiken leiten, eingeschärft und in die Tat umgesetzt werden: er soll vor allem nie vergessen, dass er in jeder Situation ein wahrer Katholik sein muss und auch als solcher erscheinen muss; er soll zu den öffentlichen Ämtern aufsteigen und sie verwalten in der festen und dauernden Absicht, soweit es in seiner Macht steht, das soziale und wirtschaftliche Wohl des Vaterlandes und insbesondere des Volkes zu fördern, gemäß den Maximen der christlichen Kultur und zugleich die höchsten Interessen der Kirche zu verteidigen, die die der Religion und der Gerechtigkeit sind.

Andere nützliche Ziele der katholischen Verbände neben der sozialpolitischen Tätigkeit

20 Dies sind, Ehrwürdige Brüder, Charakter, Gegenstand und Bedingungen der Katholischen Aktion im Hinblick auf ihren wichtigsten Teil, d. i. die Lösung der sozialen Frage, die es daher wert ist, dass sich alle katholischen Kräfte mit größter Energie und Ausdauer dafür einsetzen. Was jedoch nicht ausschließt, dass auch andere Werke begünstigt und gefördert werden, die von anderer Art und Organisationsform sind, die aber alle nach diesem oder jenem Gut der Gesellschaft und des Volkes und dem Wiederaufblühen der christlichen Kultur unter verschiedenen, ganz bestimmten Aspekten streben. Diese entstehen zumeist dank dem Eifer einzelner Persönlichkeiten, und sie verbreiten sich in den einzelnen Diözesen und vereinen sich mitunter zu umfassenden Verbänden. Solange nun das Ziel, das sie sich setzen, lobenswert ist, solange die christlichen Prinzipien, denen sie folgen, stark und fest sind, und solange die Mittel, die sie anwenden, gerecht sind, sind auch diese selbst zu würdigen und in jeder Weise zu ermutigen. Auch muss ihnen eine gewisse Freiheit in der Organisation belassen bleiben, denn es ist nicht möglich, dass da, wo viele Personen zusammenkommen, sich alle nach einem Muster modellieren lassen oder sich nach einer einzigen Leitung ausrichten. Die Organisation muss sich daher spontan aus den jeweiligen Werken ergeben, sonst entstehen wohlgestaltete Gebäude, aber ohne wirkliches Fundament und daher nur von kurzer Dauer. Auch muss man der Mentalität der jeweiligen Bevölkerung Rechnung tragen. Andere Bräuche, andere Tendenzen gibt es an verschiedenen Orten. Worauf es ankommt, ist, dass man von einem festen Fundament aus arbeitet, mit soliden Prinzipien, mit Eifer und Ausdauer; und wenn das erreicht wird, sind und bleiben die Methoden und Formen, die die einzelnen Werke annehmen, rein akzidentell.

Empfehlung von katholischen Kongressen

21 Um schließlich in allen katholischen Institutionen ohne Unterschied den notwendigen Eifer zu erneuern und zu vermehren, um den Leitern und Mitgliedern derselben Gelegenheit zu geben, sich zu treffen und gegenseitig kennen zu lernen, die Bande brüderlicher Liebe untereinander immer mehr zu festigen, sich gegenseitig mit immer glühenderem Eifer zu wirksamer Tätigkeit anzuregen und den Werken selbst größere Festigkeit und Verbreitung zu verleihen, wird es von außerordentlichem Nutzen sein, von Zeit zu Zeit, gemäß den bereits von diesem Heiligen Stuhl erlassenen Richtlinien allgemeine und spezielle Kongresse der Katholiken Italiens abzuhalten, die die feierliche Bekundung des katholischen Glaubens und das gemeinsame Fest der Eintracht und des Friedens sein sollen.

Die Selbständigkeit der katholischen Verbände und ihre Unterordnung unter die kirchliche Autorität

22 Es bleibt Uns noch, Ehrwürdige Brüder, einen anderen Punkt von höchster Bedeutung zu berühren, d. i. das Verhältnis, das alle diese Institutionen der Katholischen Aktion zur kirchlichen Autorität haben sollen. Wenn man die Doktrinen genau betrachtet, die Wir im ersten Teil dieses Schreibens entwickelt haben, wird man daraus leicht schließen können, dass alle jene Werke, die unmittelbar das geistliche und seelsorgerische Amt der Kirche unterstützen und die insofern ein religiöses Ziel zum unmittelbaren Nutzen der Seelen verfolgen, in jeder, auch der geringsten Angelegenheit der kirchlichen Autorität untergeordnet sein müssen, und somit auch der Autorität der Bischöfe, die vom Heiligen Geist eingesetzt sind, die Kirche Gottes in den ihnen anvertrauten Diözesen zu leiten. Aber auch die anderen Institutionen, die, wie Wir gesagt haben, vor allem dazu gegründet wurden, die echte christliche Kultur in Christus zu erneuern und zu verbreiten und die im oben erläuterten Sinn die Katholische Aktion bilden, können sich keineswegs so verstehen, als seien sie unabhängig vom Rat und der Leitung der kirchlichen Autorität, vor allem deshalb, weil sie alle sich nach der christlichen Doktrin und Moral ausrichten müssen; noch weniger ist es möglich, sie in mehr oder weniger offener Opposition gegenüber ebendieser Autorität sich vorzustellen. Gewiss sollen diese Institutionen, ihrer Natur gemäß, die notwendige vernunftgemäße Bewegungsfreiheit haben, da ihnen auch die Verantwortung für die Aktion zufällt, vor allem in den rein weltlichen und wirtschaftlichen Angelegenheiten und jenen des öffentlichen Lebens in Verwaltung oder Politik, die mit dem geistlichen Amt nichts zu tun haben. Da aber die Katholiken ständig das Banner Christi tragen, tragen sie immer zugleich auch das Banner der Kirche, und es ist daher angemessen, dass sie es aus den Händen der Kirche empfangen, dass die Kirche über die Unverletzlichkeit seiner Ehre wacht und dass die Katholiken sich als gehorsame und liebevolle Söhne dieser mütterlichen Wachsamkeit unterwerfen.

23 Aus alledem geht klar hervor, wie schlecht beraten alle jene waren, die sich hier in Italien, unter Unseren Augen einer Mission widmen wollten, die ihnen weder von Uns noch von einem Unserer Brüder im Bischofsamt übertragen worden ist, und die sich daran begeben, sie durchzuführen, nicht nur ohne Ergebenheit gegenüber der Autorität, sondern darüber hinaus ganz offensichtlich gegen deren Willen, wobei sie ihren Ungehorsam mit nichtigen Unterscheidungen zu rechtfertigen suchen. Sie sagen, dass auch sie im Namen Christi ein Banner tragen; aber ein derartiges Banner konnte nicht von Christus sein, da es in seinen Falten nicht jene Lehre des göttlichen Erlösers barg, die auch hier noch gilt: „Wer euch hört, der hört mich; wer euch verachtet, der verachtet mich,"[8] "Wer nicht für mich ist, ist gegen mich, und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut“;[9] eine Lehre der Demut also, des Gehorsams und der kindlichen Ehrfurcht. Mit schmerzerfülltem Herzen mussten Wir derartige Bestrebungen verurteilen und einer verderblichen Bewegung Einhalt gebieten, die schon im Entstehen begriffen war. Und Unser Schmerz war umso größer, als Wir sahen, dass eine große Zahl der von Uns so sehr geliebten Jugend sich unvorsichtig auf so falsche Wege führen ließ, von der viele eine hervorragende Intelligenz und einen glühenden Eifer besitzen und fähig sind, erfolgreich das Gute zu wirken, wenn sie nur in der rechten Weise geführt werden.

Die Aufgaben der Priester

24 Während Wir aber so vor allem die richtigen Normen der Katholischen Aktion darlegen, können Wir, Ehrwürdige Brüder, eine nicht geringe Gefahr nicht verschweigen, der sich, den Zeitverhältnissen zufolge, der Klerus ausgesetzt sieht, die darin besteht, dass er den materiellen Bedürfnissen des Volkes eine unangemessene Bedeutung beilegt und dabei die viel wichtigeren seines geistlichen Amtes übergeht.

25 Der Priester, der über die anderen Menschen gestellt ist, um die ihm von Gott übertragene Aufgabe zu erfüllen, muss über allen rein menschlichen Interessen stehen, über allen Konflikten, über allen Klassen der Gesellschaft. Sein eigentliches Tätigkeitsfeld ist die Kirche, in der er als Gesandter Gottes die Wahrheit verkündet und mit der Achtung vor den Rechten Gottes die Achtung vor den Rechten aller Geschöpfe lehrt. Wenn er so handelt, wird er auf keinen Widerstand stoßen, wird er nicht als Parteigänger erscheinen, als Förderer der einen und Gegner der anderen, und nicht in Gefahr geraten, entgegen seiner Pflicht die Wahrheit zu verschleiern oder zu verschweigen, nur um nicht mit gewissen Tendenzen zusammenzustoßen oder aus irgendeinem Vorwand die erbitterten Gemüter noch mehr zu erregen; ganz zu schweigen davon, dass er, wenn er sich zu sehr mit materiellen Dingen befassen muss, leicht in Abhängigkeiten geraten kann, die seiner Person und der Würde seines Amtes abträglich sind. Er soll daher Vereinigungen dieser Art nicht beitreten außer nach reiflicher Überlegung, nach Absprache mit seinem Bischof und nur in solchen Fällen, in denen seine Mitarbeit gefahrlos und von unbezweifelbarem Nutzen ist.

26 Unter dieser Voraussetzung sind seinem Eifer keine Grenzen gesetzt. Der wahre Apostel muss „allen alles werden, um alle zu retten“.[10] Wie schon der göttliche Erlöser muss er sich bis ins Innerste von Mitleid erfüllt fühlen „beim Anblick der Volksscharen, die abgehetzt und verwahrlost sind wie Schafe ohne Hirten".[11] Durch eine erfolgreiche Verbreitung von Schriften, durch die lebendige Beschwörung durch das Wort, durch direkten Eingriff in den oben erwähnten Fällen soll er sich also einsetzen, um, stets innerhalb der Grenzen von Gerechtigkeit und Liebe, die wirtschaftliche Situation des Volkes zu verbessern, indem er die diesem Zweck dienenden Institutionen unterstützt und fördert, vor allem jene, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Menge gegen die hereinbrechende Vorherrschaft des Sozialismus abzusichern, und die sie zu gleicher Zeit vor dem wirtschaftlichen Ruin und vor dem moralischen und religiösen Zusammenbruch bewahren. Auf diese Weise zielt die Mitwirkung des Klerus bei den Institutionen der Katholischen Aktion auf ein hohes religiöses Gut, sie wird daher sein geistliches Amt nicht beeinträchtigen, sondern unterstützen, indem es sein Betätigungsfeld erweitert und dessen Früchte mehrt.

Schlussermahnung und Segen

27 Dies wollten Wir Euch, Ehrwürdige Brüder, darlegen und anempfehlen hinsichtlich der Erhaltung und Förderung der Katholischen Aktion in unserem Italien. - Es genügt nicht, auf das Gute hinzuweisen, man muss es auch in die Tat umsetzen. Diesem Ziel werden Eure Ermahnungen und Euer unmittelbarer väterlicher Appell, das Gute zu tun, ebenfalls sehr dienlich sein. Mögen die Anfange auch noch so bescheiden sein; wenn nur wirklich begonnen wird, dann wird die göttliche Gnade in kurzer Zeit Wachsen und Gedeihen schenken. Alle Unsere geliebten Söhne, die der Katholischen Aktion angehören, mögen erneut auf das Wort hören, das so unmittelbar aus Unserem Herzen kommt. Wenn es in den Bitternissen, die Uns alltäglich umgeben, eine Tröstung in Christus gibt, eine Stärkung durch Eure Liebe, eine Verbundenheit im Denken und Fühlen, dann sagen Wir mit dem AposteIPaulus:[12] Macht Unsere Freude vollkommen durch Eintracht, wahre Liebe, Einigkeit der Gesinnung, Demut und schuldige Unterwerfung, indem ihr nicht das eigene Wohlbefinden sucht, sondern das allgemeine Wohl und indem ihr euren Herzen jene Gefühle einprägt, die unser Erlöser Jesus Christus hegte. Er möge der Ausgangspunkt aller eurer Unternehmungen sein: „Was immer ihr tut in Wort oder Werk, das tut alles im Namen des Herrn Jesus Christus“;[13] er möge das Ziel aller eurer Tätigkeiten sein: „Denn aus ihm und durch ihn und für ihn ist alles. Ihm sei Ehre in Ewigkeit.“[14] Und an diesem Festtage, der daran erinnert, wie die Apostel voll des Heiligen Geistes aus dem Abendmahlssaal heraustraten, um der Welt das Reich Christi zu verkündigen, möge auch auf Euch alle die Kraft ebendieses Heiligen Geistes herabkommen und alle Starrheit umbiegen, alle Herzenskälte erwärmen und alles Verirrte auf den rechten Weg zurückführen: „Flecte quod est rigidum, fove quod est frigidum, rege quod est devium."

28 Als Unterpfand göttlicher Gnade und Zeichen Unseres besonderen Wohlwollens spenden Wir Euch, Ehrwürdige Brüder, Eurem Klerus und dem ganzen italienischen Volk aus vollem Herzen den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom bei St. Peter am Pfingstfest, dem 11. Juni 1905,

im zweiten Jahr Unseres Pontifikats.

Pius X. Papst

Anmerkungen

  1. Eph 4,16 EU.
  2. Eph 4,12 EU.
  3. Kol 1,10 EU.
  4. 1 Kor 1,23 EU.
  5. Eph 1,10 EU.
  6. 1 Tim 4,8 EU.
  7. 1 Petr 2,15 EU.
  8. Lk 10,16 EU.
  9. Lk 9,23 EU.
  10. 1 Kor 9,22 EU.
  11. Mt 9,36 EU.
  12. Phil 3,1-5 EU.
  13. Kol 3,17 EU.
  14. Röm 8,36 EU.

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