Providentissimus Deus (Wortlaut)

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Enzyklika
Providentissimus Deus

von Papst
Leo XIII.
an alle Ehrwürdigen Brüder, die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe
der katholischen Welt, welche in Gnade und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle stehen
über das Studium der Heiligen Schrift.
18. November 1893

(Offizieller lateinischer Text: ASS XXVI [1893-1894] 269-292)

(Quelle : Rundschreiben Leo XIII., Vierte Sammlung (1891-1896), S. 91-155, Herder´sche Verlagsbuchhandlung, übersetzt durch den päpstlichen Hausprälaten Professor Franz Hettinger, Freiburg im Breisgau 1904; Die Nummerierung folgt der englischen Fassung, aus welcher die Überschriften übersetzt und daraus die Inhaltsübersicht erstellt wurde)

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Ehrwürdige Brüder,
Gruß und Apostolischen Segen !
Das WORT GOTTES ist eine Person, ein geheimnisvoller Weinstock

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

1 In seiner allweisen Vorsehung hat Gott, der in einem wunderbaren Ratschluss seiner Liebe das Menschengeschlecht von Anfang an zur Anteilnahme an der göttlichen Natur erhob und es sodann durch die Erlösung von dem allgemeinen Sündenverderben wieder in die ursprüngliche Würde einsetzte, ihm deshalb auch dieses außerordentliche Schutzmittel verliehen, dass er auf die übernatürlichen Wege die Geheimnisse seiner Gottheit, Weisheit und Barmherzigkeit kund tat. Denn obwohl die göttliche Offenbarung auch Wahrheiten enthält, welche der menschlichen Vernunft zwar nicht unzugänglich, aber den Menschen darum geoffenbart sind, „damit sie ohne alle Beimischung von Irrtum von allen leicht, sicher und gewiss erkannt werden können, so darf man doch nicht behaupten, dass aus diesem Grunde die Offenbarung unumgänglich notwendig sei, sondern deshalb, weil Gott in seiner unendlichen Güte den Menschen zu einem übernatürlichen Ziele bestimmt hat.“[1] Diese „übernatürliche Offenbarung ist nach dem Glauben der allgemeinen Kirche“ sowohl „in ungeschriebenen Überlieferungen“, als auch „in geschriebenen Büchern“ enthalten, die deshalb heilige und kanonische heißen, weil sie „unter Eingebung des Heiligen Geistes verfasst, Gott zum Urheber haben und als solche eben der Kirche übergeben worden sind.“[2] Diese Lehre ist es, welche die Kirche von den Büchern beider Testamente ununterbrochen festgehalten und offen vorgetragen hat. Auch sind jene höchst bedeutsamen Zeugnisse des Altertums bekannt, welche klar aussagen, dass Gott zuerst durch die Propheten, dann durch sich selbst, hernach durch die Apostel geredet und die sogenannte kanonische Schrift ins Dasein gerufen habe.[3], und dass gerade es ist, welche die göttlichen Weissagungen und Aussprüche enthält[4], ein Brief, den der himmlische Vater an das fern vom Vaterlande pilgernde Menschengeschlecht gerichtet und durch die heiligen Verfasser übersendet hat.[5] Da nun die Erhabenheit und Würde der Schriften so groß ist, dass sie unter Gottes Urheberschaft selbst zu Stande gekommen, zugleich seine tiefsten Geheimnisse, Ratschlüsse und Werke enthalten, so ergibt sich daraus die Folge, dass auch jenem Teil der heiligen Theologie, welcher sich mit der Verteidigung und Auslegung eben dieser göttlichen Bücher befasst, in Hinsicht auf ihre Vorzüglichkeit und Nützlichkeit eine ausgezeichnete Stelle gebühre.

2 Wie wir nun bisher besorgt waren, und zwar mit Gottes Hilfe nicht ohne Erfolg, einige Wissenschaften anderer Art, solche nämlich, die nach Unserer Meinung zur Förderung der Ehre Gottes und des Heiles der Menschen überaus viel beitragen können, durch wiederholte Schreiben und Ansprachen in Aufschwung zu bringen, so tragen Wir uns schon lange mit dem Gedanken, in gleicher Weise auch das hochedle Studium der heiligen Schriften zu wecken und zu empfehlen, indem Wir ihm zugleich in Rücksicht auf die Bedürfnisse der Zeit angemessene Bahnen anweisen. Bestimmend, ja fast zwingend wirkt hierbei die Obsorge für das Apostolische Amt. Im Bewusstsein derselben hegen Wir einerseits den Wunsch, dass viele vorzügliche Quellen der katholischen Offenbarung zum Nutzen der Herde des Herrn sicherer und reichlicher sich erschließe, anderseits aber können Wir durchaus nicht zugeben, dass dieselbe in irgendeiner Beziehung eine Schädigung von Seiten derer erfahre, welche in frevlem Wagnis offen gegen die Heilige Schrift losziehen oder gewisse Neuerungen auf trügerische und unkluge Weise ins Werk setzen. Wir sind uns wohl bewusst, Ehrwürdige Brüder, dass es unter den Katholiken viele Männer gibt, reich an Talent und Gelehrsamkeit, die von Eifer beseelt, dahin trachten, die Verteidigung der göttlichen Bücher zu führen oder eine größere Kenntnis und ein tieferes Verständnis derselben zu gewinnen. Aber obwohl Wir ihre Bestrebungen und Erfolge nach Verdienst beloben, können Wir doch nicht umhin, auch die übrigen, deren Geschicklichkeit, Gelehrsamkeit und Frömmigkeit hierin zu den schönsten Hoffnungen berechtigt, nachdrücklich zu ermuntern, sich derselben heiligen und löblichen Aufgabe zu widmen. Ja, es ist Unser dringender Wunsch, es möge sich eine größere Zahl Männer finden, welche die Sache der heiligen Schriften gebührend vertreten und mit Ausdauer fortführen; ferner dass vornehmlich jene, welche die göttliche Gnade zum göttlichen Stand berufen hat, von Tag zu Tag, wie es recht und angemessen ist, größeren Fleiß und Eifer auf ihre Lesung, Betrachtung und Erklärung verwenden.

II. Die Heiligen Schrift ist gewinnbringend für Lehre und Sitte

3 Denn der vorzügliche Grund, warum dieses Studium so nachdrücklicher Empfehlung Wert scheint, liegt, abgesehen von seiner Erhabenheit und der dem Worte Gottes schuldigen Ehrfurcht, in dem vielfachen und mannigfaltigem Nutzen, des Unseres Wissen daraus entströmen wird, wofür Uns der Heilige Geist der zuverlässige Bürge ist mit den Worten: „Jegliche Schrift, von Gott eingegeben, ist nützlich zur Belehrung, zur Beweisführung, zur Zurechtweisung, zum Unterrichte in der Gerechtigkeit, damit vollkommen sei der Mensch Gottes, zu jedem guten Werke ausgerüstet.“[6] Denn das ist ja die Absicht, in welcher die Schriften von Gott den Menschen gegeben worden sind. Beweis hierfür ist das Beispiel Christi des Herrn und der Apostel. Denn er, der sich „durch Wunder sich Ansehen verschaffte, durch sein Ansehen Glauben fand, durch den Glauben die Volksmenge an sich zog.“[7], pflegte sich bei seinem göttlichen Missionsamte auf die heiligen Schriften sich zu berufen. Aus ihnen nämlich beweist er gelegentlich sogar seine göttliche Sendung und seine Gottheit, aus ihnen nimmt er Beweise zum Unterrichte seiner Jünger her, zur Bestätigung seiner Lehre. Eben ihre Zeugnisse verteidigt er gegen die Verleumdungen ihrer Widersacher; den Sadduzäern und Pharisäern aber stellt er sie zur Überführung entgegen; selbst gegen den Satan, der ihn in unverschämter Weise versuchte, kehrt er sie. Auch hat er sie unmittelbar vor seinem Scheiden im Munde geführt und seinen Jüngern nach der Auferstehung erklärt, bis er zur Herrlichkeit seines Vaters emporstieg. In seinem Wort und seinen Vorschriften unterwiesen, haben die Apostel, obwohl er selbst, „Zeichen und Wunder durch ihre Hände wirken“[8] ließ, doch mittels der göttlichen Bücher diese großen Erfolge erzielt, dass sie die Völker weithin von der christlichen Weisheit überzeugten, die Hartnäckigkeit der Juden brachen und auftauchende Irrlehren überwältigten. Dies geht klar aus ihren eigenen Predigten, besonders denen des heiligen Petrus hervor, die sie zum sichersten Beweise für die neue Gesetzesordnung fast nur aus Sprüchen des Alten Testamentes zusammenfügten; das Gleiche ergibt sich aus den Evangelien des Matthäus und Johannes, sowie aus den sogenannten katholischen Briefen; am allerklarsten aber aus dem Zeugnisse dessen, der „sich rühmt, zu den Füßen Samaliels das Gesetz des Moses und die Propheten gelernt zu haben, so dass er dann, mit geistigen Geschossen bewaffnet, voll Zuversicht sagen konnte: „Die Waffen unseres Kriegsdienstes sind nicht fleischlich, sondern Macht Gottes.“[9] Durch das Beispiel Christi des Herrn und der Apostel also mögen alle, besonders die Zöglinge der heiligen Kriegsschar, inne werden, welche Hochschätzung sie den göttlichen Schriften schulden, und mit welchem Eifer und mit welcher Gewissenhaftigkeit sie selbst sozusagen zu dieser Rüstkammer hinzutreten sollen. Denn den Männern, welche die Lehre der katholischen Wahrheit bei Gelehrten oder Ungelehrten vorzutragen haben, wird sonst nirgends ein solcher Gedankenreichtum oder eine so umfassende Beweisfülle über Gott, das höchste und vollkommenste Gut, und über die Werke, welche seine Herrlichkeit und Liebe verkünden, zu Gebote stehen. Was aber der Erlöser des Menschengeschlechtes betrifft, so gibt es nichts so Ausführliches und Bestimmtes, als das, was im gesamten Schrifttext enthalten ist. Mit Recht hat daher Hieronymus die Behauptung aufgestellt: „Unkenntnis der Schriften sei Unkenntnis Christi.“[10] Tritt uns ja doch bei ihnen sein Bild mit frischem Lebenshauch entgegen, und auch aus diesem strömt Erleichterung in Leiden, Ermunterung zur Tugend und Einladung zur Gottesliebe auf ganz wunderbare Weise aus. Was aber die Kirche betrifft, so werden darin die Stiftung, das Wesen, die Ämter, die Gnadenspenden derselben so häufig in Erinnerung gebracht, und liegen die Beweise für sie so zahlreich und in solcher Stärke vor Augen, dass Hieronymus wiederum ganz richtig bemerkt hat: „Wer mit den Zeugnissen der heiligen Schriften gewappnet ist, der ist ein Bollwerk der Kirche.“[11] Wenn es sich aber um die Gestaltung des Lebens und die Zucht der Sitten handelt, so können die apostolischen Männer daraus reichliche und vorzügliche Hilfsmittel entnehmen: Vorschriften, voll von Heiligkeit, Mahnungen, gewürzt mit Lieblichkeit und Kraft, ausgezeichnete Tugendbeispiele jeder Art. Höchst wichtig ist endlich die im Namen Gottes und mit seinen Worten gegebene Verheißung ewiger Belohnungen und die Ankündigung ewiger Strafen.

4 Gerade diese eigentümliche und einzigartige Kraft der Schriften, welche von dem göttlichen Hauche des Heiligen Geistes ausströmt, ist es, welche dem geistlichen Redner Autorität verschafft, apostolischen Freimut der Sprache verleiht und seine Beredsamkeit kraftvoll und siegreich macht. Ja, wer in seiner Rede den Geist der Kraft des göttlichen Wortes vorträgt, der „redet nicht bloß im Worte, sondern in Kraft und im Heiligen Geiste und in großer Fülle.“[12] Deshalb handeln sicherlich jene Prediger verkehrt und unvorsichtig, welche in der Art religiöse Vorträge halten und die göttlichen Gebote verkünden, dass sie fast nur Worte menschlicher Wissenschaft und Klugheit vorbringen, indem sie mehr auf ihren eigenen Scharfsinn als die göttlichen Beweisgründe bauen. Natürlich muss eine solche Predigt, wenn sie auch an oratorischen Glanzpunkten reich ist, matt sein und kalt lassen, da sie ja des Feuers des göttlichen Wortes[13] entbehrt, und muss weit von jener Kraft und Stärke entfernt sein, welche das göttliche Wort besitzt: „Denn lebendig ist das Wort Gottes, wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist.“[14] Übrigens muss jeder Vernünftige anerkennen, dass sich in den heiligen Schriften eine außerordentlich mannigfache, reiche und des erhabenen Stoffes würdige Beredsamkeit finde. Das hat Augustinus klar erkannt und ausführlich nachgewiesen.[15] Tatsächlich finden wir dies bestätigt an den ausgezeichnetsten Vertretern der geistlichen Beredsamkeit, welche es dankerfüllt gegen Gott ausgesprochen haben, dass sie ihre Berühmtheit vornehmlich der fortgesetzten Beschäftigung mit der Bibel und ihrer frommen Betrachtung verdanken.

5 Von all dem waren die heiligen Väter vollkommen überzeugt und haben diese ihre Überzeugung durch die Erfahrung bestätigt gefunden. Deshalb waren sie im Lobe der heiligen Schriften und ihres großen Nutzens unerschöpflich. Denn sie nennen dieselben an zahllosen Stellen einen reichen Schatz himmlischer Lehren[16], unversiegbare Quellen des Heiles[17], oder schildern sie als fruchtbare Wiesenfluren und paradiesische Gefilde, auf welchem die Herde des Herrn wundervolle Erquickung und Ergötzung findet.[18] Zutreffend sind die Worte des heiligen Hieronymus an den jungen Kleriker Nepotian: „Lies öfter die göttlichen Schriften, ja niemals lege diese heilige Lesung aus den Händen; lerne, was du lehren sollst, ... Die Rede des Priesters sei mit der Schriftlesung gewürzt.“[19] Hierzu passt der Satz des heiligen Gregor des Großen, der weiser als alle die Obliegenheiten der Hirten der Kirche geschildert hat: „Wer im Predigtamte Wache hält, der darf Schriftlesung und Studium niemals verlassen.“[20] – Doch hier möge die Mahnung des heiligen Augustinus Platz finden: „der sei ein unnützer Prediger des Wortes Gottes nach außen, der es nicht im eigenen Innern vernehme“[21], sowie auch die Vorschrift, welche der eben genannte Gregor den geistlichen Rednern gibt, sie sollten bei Verkündigung des göttlichen Wortes, bevor sie es andern vortragen, sich selbst erforschen, damit sie nicht bei der Rüge der Handlungen anderer sich vergessen“[22] Aber das hatte nach dem Beispiele und Lehrvortrage Christi, der „anfing zu wirken und zu lehren“, schon früher die Stimme des Apostels weithin verkündet, die sich nicht an Timotheus allein, sondern an den ganzen geistlichen Stand wendet mit dem Auftrage: „Habe acht auf dich und die Lehre, verharre dabei; tust du dies, so wirst du dich selbst retten und die, welche dich hören.“[23] In der Tat liegen in den heiligen Schriften für unserer und anderer Heil und Vervollkommnung vorzügliche Hilfsmittel bereit, welchen die Psalmen gar reiches Lob spenden, freilich nur für jene, welche für die göttlichen Aussprüche nicht bloß einen gelehrigen und aufmerksamen Sinn, sondern auch eine unverdorbene und fromme Willensrichtung mitbringen. Denn viele Bücher haben nicht eine ähnliche Beschaffenheit wie die gewöhnlichen. Nein, sie sind vielmehr vom Heiligen Geist diktiert und enthalten Dinge von höchster Wichtigkeit, welche in vielen Stücken verborgen und gar schwierig sind. Deshalb haben wir zu ihrem Verständnis und ihrer Auslegung immer „den Beistand“ desselben Geistes „vonnöten“[24] d.h. seine Erleuchtung und Gnade; diese Gaben aber muss man, dafür steht das Ansehen des göttlichen Psalmensängers an vielen Stellen ein, durch demütiges Gebet erflehen und durch heiligmäßiges Leben bewahren.

III. Die katholische Kirche und die Bibel

6 Glänzend bewährt sich demnach hier die Vorsehung der Kirche, welche stets durch die besten Einrichtungen und Gesetze verhütet hat, „dass jener himmlische Schatz der heiligen Bücher, welchen der Heilige Geist aus höchster Freigebigkeit den Menschen übergeben hat, vernachlässigt darniederliegt“,[25] Denn sie hat verordnet, dass alle ihre Geistlichen im täglichen Offizium des heiligen Psalmengesangs einen großen Teil derselben lesen und mit frommem Sinn betrachten, ja noch mehr, dass taugliche Männer an den Kathedralkirchen, in Klöstern und Konventen anderer Ordensleute, in welchen Studien geeignete Pflege finden können, ihre Auslegung und Erklärung besorgen; endlich hat sie die strenge Vorschrift gegeben, dass die Gläubigen wenigstens an den Sonn- und Festtagen an den Heilsworten des Evangeliums Nahrung finden sollen.[26] Ebenso ist jene durch alle Jahrhunderte lebendige und außerordentlich nutzbringende Pflege der Heiligen Schrift der Klugheit und Sorgfalt der Kirche zu verdanken.

7 Hier ist es, schon zur Bestätigung Unserer Belehrungen und Mahnungen, förderlich, in Erwähnung zu bringen, wie von Anbeginn des Christentums her alle durch Heiligkeit des Lobes und der Gotteswissenschaft ausgezeichneten Männer sich viel und ununterbrochen mit den heiligen Schriften beschäftigt haben. Die unmittelbaren Apostelschüler, unter ihnen Klemens von Rom, Ignatius von Antiochia, Polykarp, besonders die Apologeten, namentlich Justin und Irenäus, schöpften, wie wir sehen, in ihren Briefen und Büchern, mochten sie zur Verteidigung oder zur Empfehlung katholischer Lehrsätze dienen, zumeist aus den heiligen Schriften den Glauben, die Kraft und jegliche Anmut ihrer Frömmigkeit. In den Katechetenschulen und theologischen Anstalten aber, die an vielen Bischofsitzen entstanden, besonders an den hochberühmten zu Alexandria und Antiochia, befasste sich hier der stattfindende Unterricht fast nur mit der Lesung, Erklärung und Verteidigung des geschriebenen Wortes Gottes. Daraus gingen die meisten Väter und Schriftsteller hervor, durch deren mühsame Studien eine solche Fülle ausgezeichneter Werke entstand, dass nahezu die drei folgenden Jahrhunderte mit Fug und Recht den Namen goldenes Zeitalter der Exegese erhielten. - Im Morgenland behauptet den ersten Rang Origenes, der durch geniale Begabung und eisernen Fleiß Bewunderung verdient. Aus seinen zahlreichen Schriften und den großartigen Werke Herapla haben in der Folge fast alle geschöpft. Dazu kommt eine größere Zahl solcher, welche die Grenzen dieser Wissenschaft erweitert haben. So hat, um nur die Vorzüglichsten zu nennen, Alexandria einen Klemens und Cyrill hervorgebracht, Palästina den Eusebius und den anderen Cyrill, Kappadozien Basilius der Große, die beiden Gregore von Nazianz und Nyssa, Antiochia den berühmten Johannes Chrysostomus, bei welchem die Kenntnis dieser Wissenschaft mit der höchsten Beredsamkeit wetteiferte. Nicht minder glänzend steht es bei den Abendländern. Zu den vielen Männern, die sich in hohem Grade bewährten, zählen die berühmten Namen eines Tertullian und Cyprian, des Hilarius und Ambrosius, der beiden großen Leo und Gregor; die hochberühmten Namen des Augustin und Hieronymus, von welchen der erste eine wunderbare Schärfe im Ergründen des Sinnes des Wortes Gottes besaß und überaus fruchtbar war in dessen Verwertung zur Stütze der katholischen Wahrheit, der zweite aber von seiner einzigartigen Kenntnis der biblischen Bücher und von den großen Leistungen zu ihrer Fruchtbarmachung den Ehrennamen Doctor maximus durch die feierliche Erklärung der Kirche erhielt. – Obwohl von da an bis zum 11. Jahrhundert die biblischen Studien nicht mit dem gleichen Wetteifer und Erfolg wie früher blühten, so blühten sie doch, insbesondere durch die Bemühungen von Männern des geistlichen Standes. Denn diese waren bedacht, Ausbeute aus dem zu machen, was ihnen die Vorzeit hierin Nutzbares hinterlassen hatte, und dieselbe geschickt geordnet und mit eigenen Zutaten vermehrt zu veröffentlichen, so namentlich Isidor von Sevilla, Beda, Alkuin, oder den biblischen Text mit lichtvollen Noten zu versehen, wie Walafrid Strabo und Anselm von Laon, oder erneuerte Sorgfalt auf ihre Unverfälschtheit zu verwenden, wie Petrus Damiani und Lanfranc. – Im 12. Jahrhundert aber haben die meisten die allegorische Schrifterklärung in lobenswerter Weise betrieben. Hierin hat der heilige Bernhard alle anderen weit übertroffen; auch seine Reden haben fast nur den Beigeschmack der heiligen Schriften. – Doch einen neuen und erfreulichen Aufschwung nahm die Exegese mit dem Unterricht der „Scholastiker“. Obwohl ihr Augenmerk darauf gerichtet war, die echte Leseart der lateinischen Übersetzung aufzuspüren, wie die von ihnen angelegten „biblischen Korrektorien“ klar bekunden, verwandten sie doch noch größeren Eifer und Fleiß auf die Auslegung und Erklärung. Wohlgeordnet und deutlich, besser als je zuvor, wurden die verschiedenen Bedeutungen des heiligen Textes unterschieden, die Tragweite eines jeden Wortes in theologischer Beziehung abgewogen, die Teile der Bücher und der Inhalt genau begrenzt. Aufgespürt wurde das Thema der Schriften, entwickelt der logische Zusammenhang der Gedanken. Daraus sieht jedermann klar, welches Licht über dunkle Stellen verbreitet wurde. Außerdem geben die theologischen Werke und die exegetischen Kommentare von der aus den heiligen Schriften geschöpften Fülle der Gelehrsamkeit Zeugnis; auch in dieser Beziehung hat Thomas von Aquin unter ihnen die Palme gerungen.

8 Nachdem aber Unser Vorgänger Klemens V. an den Äthenäum in Rom und an allen berühmten Universitäten Lehrstühle für die orientalischen Sprachen errichtet hatte, begann man unserseits sorgfältiger den Urtext der Bibel und die lateinische Version zu bearbeiten. Als dann die Gelehrsamkeit der Hellenen bei uns wieder aufblühte, und mehr noch nach der glücklichen Erfindung der Buchdruckerdkunst, nahm die Pflege der Heiligen Schrift einen ungeheuren Aufschwung. Denn es ist erstaunlich, in wie kurzem Zeitraum die durch die Presse vervielfältigten Exemplare des heiligen Textes, besonders der Vulgata, den katholischen Erdkreis gleichsam überschwemmt haben. In dem Grade standen eben in dieser Zeitperiode, ganz im Gegensatz zu den Verleumdungen der Feinde der Kirche, die göttlichen Bücher in Ehre und Liebe. – Erwähnung verdient auch, welch große Zahl gelehrter Männer, zumeist Ordensangehörige , vom Konzil von Vienne bis zum Konzil von Trient zum Gedeihen der Bibelstudien gewirkt hat. Mit Benutzung neuer Hilfsmittel, im Verein mit der mannigfachen Saat der Gelehrsamkeit und scharfsinnigen Kritik vermehrten sie nicht bloß die angehäuften Schätze der Vorzeit, sondern bahnten auch den Weg zu den ausgezeichneten Leistungen des nachfolgenden, mit dem Konzil von Trient anhebenden Jahrhunderts, wo das berühmte Zeitalter der Väter fast wiedergekommen zu sein schien. Denn jedermann weiß, und Uns macht die Erinnerung Freude, dass unsere Vorgänger von Pius IV. bis Klemens VIII. es waren, welche jene vorzüglichen und herrlichen Ausgaben der alten Übersetzungen, nämlich der Vulgata und der Septuaginta herstellen ließen. Diese wanderten dann im Auftrag und mit Gutheißung Sixtus´ V. und des genannten Klemens hinaus, und sind noch allgemein im Gebrauch. Um dieselbe Zeitepoche wurden bekanntlich andere alte Bibelübersetzungen, insbesondere die Polyglotten von Antwerpen und Paris, mit größter Sorgfalt herausgegeben, die zur richtigen Sinnesbestimmung in hohem Grade brauchbar sind. Ferner gibt es nicht ein Buch im Alten und Neuen Testament, das nicht mehrer tüchtige Erklärer gefunden hätte, und keine biblische Frage von einigem Gewicht, welche nicht den Scharfsinn zahlreicher Kritiker mit glücklichem Erfolg beschäftigte. Nicht wenige unter ihnen, und gerade jene, welche tiefer in das Väterstudium eindrangen, haben sich einen berühmten Namen erworben. Auch von dieser Zeitperiode an hat es den Unsrigen nicht an Geschicklichkeit gemangelt; denn von nun an haben sich immer berühmte Männer um die biblischen Studien wohlverdient gemacht und die heiligen Schriften gegen die Hirngespinste des „Rationalismus“ welche aus der Philologie und den verwandten Disziplinen hergeleitet waren, durch ein ähnliches Beweisverfahren siegreich verteidigt. – Wer das alles gebührend erwägt, wird sicherlich zugeben müssen, dass die Kirche es niemals an Fürsorge jeder Art hat fehlen lassen, um die Quellen der Heiligen Schrift zum Heil für ihre Kinder in das rechte Bett zu leiten, und dass sie jene Schutzwehr, auf die sie von Gott zu deren Verteidigung und Zier gesetzt ist, ununterbrochen behauptet und mit Hilfe aller Studien ausgeschmückt hat, so dass sie keines Sporns vonseiten der Außenstehenden bedurft hat oder jetzt bedarf.

IV. Wie die Heilige Schrift studiert werden soll

9 Nun macht es Uns der Plan Unseres Themas zur Aufgabe, Euch, Ehrwürdige Brüder, Unsere Meinung über die beste Methode beim Betrieb dieser Studien mitzuteilen.

10 Doch zuerst ist es von Interesse, an dieser Stelle zu erfahren, welche Art Gegner uns bedrängt, und auf welche Kunstgriffe oder Waffen sie ihr Vertrauen setzen. – Früher nämlich hatte man es vornehmlich mit Leuten zu tun, welche auf ihr Privaturteil gestützt die göttlichen Überlieferungen und das Lehramt der Kirche verwarfen und die Schrift als einzige Offenbarungsquelle und als höchste Glaubensrichterin betrachteten. Heutzutage aber haben wir gegen die Rationalisten zu kämpfen, welche gewissermaßen deren Söhne und Erben sind und ebenfalls auf ihre subjektive Ansicht bauen. Sie haben sogar noch diese von ihren Vätern ererbten Überreste des christlichen Glaubens gänzlich beiseite geworfen. Denn die Existenz einer göttlichen Offenbarung, einer Inspiration und Heiligen Schrift stellen sie ganz und gar in Abrede; das sind nach ihrer Behauptung durchweg nur Erzeugnisse des Menschengeistes und Erdichtungen. Ja, sie sollen nicht wahre Erzählungen historischer Tatsachen sein, sondern einfältige Phantasiegebilde oder Geschichtslügen; nicht Prophetien und göttliche Aussprüche, sondern teils erdichtete, den Ereignissen nachfolgende Vorhersagungen, teils durch Naturkräfte erzeugte Vorahnungen; nicht Wunder im wahren Sinne und Erweise göttlicher Kraft, sondern Staunen erregende Dinge, welche die Naturkräfte keineswegs übersteigen, oder Blendwerke von Mythen; die Evangelien und apostolischen Schriften sollen ganz andern Verfassern angehören. – Dergleichen ungeheuerliche Irrtümer sind es, durch welche, wie sie sich träumen, die hochheilige Wahrheit der göttlichen Bücher erschüttert werden soll; diese nötigen sie als die ausgemachten Entscheidungen einer neuen Art, der sogenannten „freie Wissenschaft“ auf. Und doch halten sie dieselben für so ungewiss, dass sie selbst in den nämlichen Punkten häufig Änderungen und Ergänzungen vornehmen. Trotz dieser freventlichen Ansichten und Äußerungen über Gott, über Christus, über das Evangelium und die übrige Schrift, fehlt es unter ihnen doch nicht an Leuten, welche für die christliche und evangelische Theologen gelten wollen und mit diesem Ehrennamen die Dreistigkeit ihrer unbändigen Geistesrichtung verhüllen. Zu diesen gesellen sich als Teilnehmer und Förderer ihrer Pläne nicht wenige Vertreter anderer Wissensgebiete, welche ein ähnlicher Zug des Widerwillens gegen die Offenbarungswahrheiten zum Angriff auf die Bibel drängt. Wir können nicht genug beklagen, dass dieser Kampf von Tag zu Tag an Umfang und Festigkeit zunimmt. Geführt wird er gegen gebildete und gesetzte Männer, obwohl sich diese ohne große Schwierigkeit dagegen schützen können; am meisten jedoch stürmen die ergrimmten Feinde mit zielbewusster Planmäßigkeit auf die große Waffe der Ungebildeten ein. Bücher, Broschüren, Tagesblätter benutzen sie, um ihr tödliches Gift auszugießen; dies träufeln sie ein in Volksreden und in Privatunterhaltungen. In alle Kreise sind sie schon eingedrungen und haben viele von der schützenden Hand der Kirche losgerissene Schulen im Besitz, wo sie die empfänglichen und bildsamen Herzen der Jugend sogar durch Spott, Possenreißen und Scherze zur Verachtung der Schrift verleiten und sie kläglich verderben. – Das ist es, Ehrwürdige Brüder, was den Eifer der Hirten allesamt erwecken und entzünden soll, so zwar, dass dieser neuen, „fälschlich so genannten Wissenschaft“[27] jene alte und wahre entgegengestellt wird, welche die Kirche durch die Apostel von Christus empfangen hat, und dass bei diesem erbitterten Kampf tüchtige Streiter zur Verteidigung der Heiligen Schrift erstehen.

11 Demnach soll sich Unsere Sorge in erster Linie darauf richten, dass der Unterricht der heiligen Schriften in den theologischen Seminaren oder Hochschulen durchaus so erteilt werde, wie es der Würde dieses Lehrzweiges und dem drängenden Zeitbedürfnis entspricht. Zur Erreichung dieses Zieles ist sicherlich eine kluge Auswahl der Lehrer von allergrößter Wichtigkeit. Denn zu diesem Amte dürfen nicht die erst besten aus den Vielen, sondern nur Männer berufen werden, welche sich durch große Liebe und anhaltende Beschäftigung mit den biblischen Büchern und durch entsprechende Ausstattung mit gelehrter Bildung empfehlen, Männer, die ihrem hohen Berufe gewachsen sind.

12 Desgleichen ist frühzeitig Fürsorge zu treffen, wer in der Folge auf den Platz dieser Exegeten nachrücken soll. Darum möchte es zweckdienlich sein, dass man Möglichkeit manche von den hoffnungsvollsten Zöglingen, welche die theologische Studienlaufbahn mit Lob zurückgelegt haben, die Erlaubnis zu einer weiteren gründlichen Ausbildung für einige Zeit erhalten und sich ganz und gar in den Dienst des Studiums der göttlichen Bücher stellen. Lehrer, welche in solcher Weise ausgewählt und unterrichtet sind, mögen das anvertraute Amt mit Zuversicht antreten. Damit sie desselben aufs beste walten und entsprechende Erfolge erziele, scheint es angemessen, ihnen etwas ausführlicher einige belehrende Winke zu geben.

13 Demzufolge sollen sie sofort an der Schwelle des Studiums für die Verstandesschärfe der jungen Theologen in der Art Vorsorge treffen, dass sie das kritische Urteil in ihnen fleißig schulen und ausbilden, damit es ebenso geeignet sei, die Verteidigung der göttlichen Schriften zu führen als den darin liegenden Gedanken zu erfassen. Dahin zielt die Behandlung der sogenannten „biblischen Einleitung“ ab, woraus der Zögling ein zweckmäßiges Hilfsmittel gewinnt, die Unverfälschtheit und das Ansehen der biblischen Bücher siegreich dazulegen, ihren echten Sinn zu erforschen und zu gewinnen, verfängliche Trugschlüsse zu entlarven und mit der Wurzel auszurotten. Von welch hoher Bedeutung ist es, dass gleich von Anfang an über diese Fragen mit Ordnung und Verständnis, in Begleitschaft und unter dem Beistand der Theologie gehandelt werde, ist kaum nötig zu sagen, da sich die ganze übrige Schriftbehandlung fortwährend hierauf als ihre Grundlage stützt oder davon ihr helles Licht empfängt. – Ferner wird sich der Lehrer mit allem Eifer angelegen sein lassen, den Teil dieses Lehrfaches, welcher von der Auslegung handelt, recht fruchtbar zu gestalten, damit die Hörer daraus lernen, in welcher Weise sie nachher die Reichtümer des göttlichen Wortes zum Gedeihen der Religion und Frömmigkeit verwerten können. Wir begreifen zwar, dass weder der Umfang des Stoffes, noch die Zeit es gestattet, die heiligen Schriften sämtlich in den Schulen zu erklären. Aber gerade weil eine bestimmte Methode nötig ist, die Auslegung in nützlicher Weise zu fördern, soll ein vernünftiger Lehrer die beiden Fehler vermeiden, einerseits derjenigen, welche von den einzelnen Büchern flüchtig kosten lassen, andererseits jener, welche bei einem bestimmten Teile eines Buches sich übermäßig lang aufhalten. Denn wenn sich die meisten Schulen jenes hohe Ziel nicht erreichen lässt, wie in den größeren theologischen Anstalten, dass das eine oder andere Buch in seinem ununterbrochenen Zusammenhang und seiner ganzen Ergiebigkeit ausgelegt wird, so ist doch recht angelegentlich danach zu trachten, dass die zur Erklärung ausgewählten Teile der Bücher eine hinreichend erschöpfende Behandlung erfahren, damit die Schüler hierdurch wie durch ein Muster entzogen und belehrt, das übrige selbst durchlesen und im ganzen Leben lieb gewinnen. Derselbe wird ferner, im Anschluss an das Verfahren der Vorzeit, hierbei zu maßgebenden Text die Vulgata-Übersetzung zu Grunde legen, von der das Konzil von Trient erklärt hat, sie habe „in öffentlichen Vorlesungen, Disputationen, Predigten und Auslegungen als authentisch“ zu gelten[28], und welche ja überdies der alltägliche Gebrauch der Kirche empfiehlt. Doch ist auch die gebührende Rücksicht auf die übrigen Übersetzungen zu nehmen, welche das christliche Altertum hochgeschätzt und gebraucht hat, besonders auf die Stammhandschriften. Denn obwohl sich, wenigstens für den Hauptinhalt, der Sinn des hebräischen und griechischen Urtextes aus der Sprache der Vulgata ergibt, so wird doch an Stellen, wo in derselben ein zweideutiger und minder genauer Ausdruck steht, nach dem Rat des Augustinus die „Einsichtnahme einer früheren Sprache“ förderlich sein[29]. Somit ist schon an un d für sich klar, wie viel Fleiß zu all diesem Not tut, da es ja die „Pflicht des Erklärers ist, nicht seine persönlichen Meinungen, sondern die Gedanken des Schriftstellers, den er auslegt, darzustellen“[30]. – Wenn die Leseart, wo es nötig ist, mit allem Fleiß erwogen ist, dann hat die Erforschung und Darlegung des Sinnes anzufangen. Unser erster Ratschlag geht dahin, dass die allgemein erprobten Regeln der Auslegung mit größter Wachsamkeit und Sorgfalt beachtet werden, und zwar umso mehr, je hartnäckiger der Kampf von Seiten der Gegner tobt. Daher soll sich mit der sorgfältigen Erwägung, was die Worte an sich bedeuten, was die Gedankenfolge, was die Parallelstellen und anderes derart besagen, auch die von Außen kommende Aufklärung durch Beiziehung verwandter Wissenschaften. Hierbei ist jedoch Vorsicht nötig, dass auf solche Fragen nicht mehr Zeit und Mühe verwendet werde, als zur gründlichen Kenntnis der göttlichen Bücher dient, und dass die massenhaft angehäuften Realkenntnisse verschiedenster Art für den Geist der Jünglinge nicht mehr Nachteil als Nutzen bringen.

V. Die Heilige Schrift und die Theologie; Die Interpretation; Die Väter

14 Ist dies geschehen, so kann man sicheren Weges zur Nutzbarmachung der göttlichen Schriften in theologischer Beziehung schreiten. Hierbei ist jedoch wohl darauf zu achten, dass bei den heiligen Büchern zu den übrigen Ursachen der Schwierigkeit, welche sich gewöhnlich dem Verständnisse des alten Schrifttums jeder Art entgegenstellen, noch einige besondere hinzukommen. Denn den Worten derselben liegen infolge Eingebung des Heiligen Geistes viele Dinge zu Grunde, welche die Fassungskraft und Schärfe der menschlichen Vernunft himmelweit übersteigen, nämlich göttliche Geheimnisse und vieles andere, was damit zusammenhängt; ja zuweilen ist ein Gedanke zu umfassend und zu verborgen, als dass ihn der Buchstabe ausdrücken könnte und die Gesetze der Hermeneutik ihn erraten ließen. Zugleich erweckt der Wortsinn sicherlich noch andere Gedanken, teils um Glaubenssätze zu beleuchten, teils um Lebensvorschriften zu empfehlen. Demnach ist nicht zu verkennen, dass die heiligen Bücher in ein gewisses religiöses Dunkel eingehüllt sind, so dass man ihnen nur unter Führung eines Wegmeisters vordringen kann[31]. Dieses aber geschah durch göttliche Fügung (das ist nämlich die allverbreitete Ansicht der heiligen Väter), damit man sie mit größerem Verlangen und Eifer durchforschte und die daraus mit Mühe entnommenen Dinge tiefer in Geist und Herz einpräge. Insbesondere aber sollten wir dadurch inne werden, dass Gott der Kirche die Schriften übergeben hat, damit wir uns ihrer als der zuverlässigsten Führerin und Lehrerin bei der Lesung und Erklärung seiner göttlichen Aussprüche bedienen. Dass da, wo die Gnadengaben des Herrn hinterlegt sind, die Wahrheit zu lernen ist, und dass von jenen, bei welchen sich die apostolische Amtsnachfolge findet, die Schriften ohne alle Gefahr ausgelegt werden, das hat schon der heilige Irenäus gelehrt[32] und mit ihm alle übrigen Väter. Ihre Lehre ist es, welche die Synode vom Vatikan aufgenommen hat, als sie unter Erneuerung des Dekrets des Trienter Konzils über die Auslegung des geschriebenen Wortes Gottes „erklärte, das sei der Gedanke desselben, dass in Sachen des Glaubens und der Sitten, welche zum Gebände der christlichen Lehre gehören, als der wahre Sinn der Heiligen Schrift jener zu gelten habe, welchen unsere heilige Mutter Kirche festgehalten hat und festhält; denn ihr steht es zu, über den wahren Sinn die Auslegung der heiligen Schriften zu urteilen; und dass es deshalb niemand erlaubt sei, die Heilige Schrift im Widerspruch mit diesem Sinn oder auch mit der einmütigen Übereinstimmung der Väter zu erklären“[33]. – Durch dieses Gesetz voll Weisheit hemmt und schränkt die Kirche keineswegs die wissenschaftliche Bibelforschung ein, sondern stellt sie vielmehr vor Irrtum sicher und fördert im hohen Grade ihren wahren Fortschritt. Denn jedem einzelnen Gelehrten ist ein weites Feld eröffnet, auf welchem er seinen persönlichen Eifer im Auslegungsgeschäft mit sichern Schritten betätigen und einen ruhmvollen Wettstreit zum Nutzen der Kirche bestehen kann. Bei Stellen der Heiligen Schrift nämlich, welche noch auf eine sichere und bestimmte Erklärung harren, kann es nach einem gütigen Ratschluss der göttlichen Vorsehung dahin gebracht werden, dass durch den vorausbetätigten Eifer der Gelehrten die Entscheidung der Kirche rascher zur Reife kommt. Bei den bereits bestimmt erklärten Stellen aber kann ein einzelner Lehrer gleichen Nutzen stiften, wenn er dieselben deutlicher und schlicht vor dem gläubigen Volke und scharfsinniger vor den Gelehrten entwickelt oder sie glänzender und siegreich gegen die Widersacher verficht. In Anbetracht dieser Gründe soll es für den katholischen Ausleger als vornehmste und heilige Aufgabe gelten, jene Zeugnisse der Schrift, deren Sinn bereits authentisch erklärt ist, selbst in derselben Art auszulegen, mag jene Erklärung durch die heiligen Verfasser unter Inspiration des Heiligen Geistes gegeben sein, wie es in vielen Stellen des Neuen Testaments der Fall ist, oder unter dem Beistand desselben Heiligen Geistes durch die Kirche, „sei es in Form eines feierlichen Urteils, sei es durch das ordentliche allgemeine Lehramt“ [34]; ja er soll durch die Hilfsmittel seines Faches unwiderleglich dartun, dass dies die einzige Erklärung ist, die sich nach den Gesetzen der gesunden Hermeneutik als richtig beweisen lässt. Im übrigen muss er der Glaubensanalogie folgen und die katholische Lehre so, wie man sie von der Autorität der Kirche überkommen hat, als oberste Richtschnur anwenden. Denn das Gott zugleich der Urheber der heiligen Bücher und der in der Kirche hinterlegten Lehre ist, kann es in der Tat nicht vorkommen, dass aus jenen durch regelrechte Auslegung ein Sinn gewonnen werde, der mit dieser Lehre irgendwie nicht im Einklange steht. Daraus geht klar hervor, dass jene Auslegung als widersinnig und falsch zu verwerfen ist, welche die inspirierten Schriftsteller gewissermaßen in gegenseitigen Widerstreit bringt oder der Kirchenlehre widerspricht. Ein Lehrer dieses Faches muss sich daher auch durch diese ehrenvolle Eigenschaft auszeichnen, dass er die gesamte Theologie gründlich inne habe und in den Kommentaren der heiligen Väter, Kirchenlehrer und besten Exegeten wohl bewandert sei. Das ist ein Punkt, den Hieronymus[35] und ausführlich Augustinus einschärft, der die gerechte Klage erhebt: „Wenn jedes einzelne Fach, so gewöhnlich und leichtbegreiflich es auch ist, einen Lehrer oder Meister erfordert, was verrät dann ein größeres Maß von Unverschämtheit und Hochmut als der Widerwille, die Brüder der göttlichen Geheimnisse von ihren Auslegern kennen zu lernen!“[36] Das eben war auch die Gesinnung und das tatsächliche Verfahren aller übrigen Väter, welche „nicht ihrem eigenem Ermessen folgten, um zum Verständnisse der göttlichen Schriften zu gelangen, sondern dieses aus den Schriften und dem Ansehen ihrer Vorfahren schöpften; von diesen aber stand fest, dass sie ihrerseits selbst die Regel für das Verständnis aus der apostolischen Nachfolge entnahmen“[37] Was nun die heiligen Väter betrifft, welche „als Pflanzer, Begießer, Erbauer, Hirten und Ernährer in der nachapostolischen Zeit das Wachstum der Kirche förderten“[38], so ist ihr Ansehen in jenen Fällen von entscheidendem Gewicht, wenn sie sämtlich irgend eine Bibelstelle, sofern diese die Glaubens- und Sittenlehre betrifft, in ein und derselben Weise erklären. Denn gerade aus ihrer Einmütigkeit geht unzweideutig hervor, dass dies auch katholischem Glauben eine von den Aposteln stammende Tradition ist. Die Ansicht derselben Väter ist aber selbst dann hochzuschätzen, wenn sie bezüglich dieses Stoffes als Gelehrte ihre persönliche Meinung vortragen. In der Tat empfiehlt sie nämlich in hohem Grade nicht bloß die Wissenschaft der Offenbarungslehre und die Kenntnis vieler Dinge, die um Verständnis der apostolischen Schriften nötig sind, sondern Gott selbst hat sie als Männer, hervorragend durch Heiligkeit des Lebens und Eifer für die Wahrheit, reichlich mit dem Beistand seines Lichtes unterstützt. Deshalb wird es ein Ausleger als seine Pflicht ansehen, in ihre Fußstapfen mit Ehrfurcht einzutreten und ihre Arbeiten mit verständiger Auswahl zu benutzen.

15 Doch soll er deshalb nicht wähnen, dass ihm der Weg verlegt sei, in der Forschung und Erklärung, wo eine gerechte Ursache vorhanden ist, noch weiter zu gehen, wenn er nur den von Augustinus wohlweislich gegebenen Vorschrift gewissenhaft nachkommt, dass man nämlich von dem Literalsinn, der sich gewissermaßen aufdrängt, keineswegs abgehen dürfe, sofern nicht ein Vernunftgrund sein Festhalten hindert oder nicht zwingende Notwendigkeit vorliegt, ihn preiszugeben[39]. Diese Vorschrift ist umso strenger festzuhalten, je mehr bei der herrschenden Neuerungssucht und Meinungsfreiheit Gefahr zur Verirrung droht. Zugleich hüte er sich, die Übertragungen auf den allegorischen und einen ähnlichen Sinn, welche die heiligen Väter gemacht haben, außer acht zu lassen, besonders wenn diese Erklärungen aus dem Wortsinne hervorgehen und sich auf zahlreiche Autoren von Gewicht stützen. Denn diese Auslegungsmethode hat die Kirche von den Aposteln überkommen, und wie aus der Liturgie erhellt, selbst durch ihr Beispiel gutgeheißen, nicht als ob die Väter von den Gedanken und von dem Bestreben ausgegangen wären, daraus einen direkten Beweis für die Glaubenslehren zu gewinnen, sondern weil sie aus Erfahrung wussten, dass diese Methode zur Hebung der Tugend der Frömmigkeit sehr ergiebig sei. – Was die übrigen katholischen Ausleger betrifft, so haben sie zwar ein geringeres Ansehen. Weil jedoch die biblischen Studien in der Kirche einen ununterbrochenen Fortschritt nehmen, ist in gleicher Weise auch ihren Kommentatoren die gebührende Beachtung zu schenken, da sich aus ihnen füglich mancherlei entnehmen lässt, um entgegengesetzte Ansichten zu widerlegen und schwierige Punkte zu entwirren. Aber ein großer Unfug ist es, mit Verkennung und Missachtung der vortrefflichen und zahlreichen Werke, welche unsere Exegeten hinterlassen haben, die Bücher der Andersgläubigen zu bevorzugen und bei ihnen mit augenscheinlicher Gefahr für die gesunde Lehre und nicht selten mit augenscheinlicher Gefahr für die gesunde Lehre und nicht selten zur Schädigung des Glaubens die Erklärung von Stellen zu suchen, auf welche die Katholiken schon längst ihren Scharfsinn und ihre Bemühungen mit dem besten Erfolge verwendet haben. Wenn auch der katholische Ausleger durch kluge Beiziehung der Studien Andersgläubiger zuweilen Beihilfe finden kann, so soll er doch bedenken, wie auch die alten Schriftsteller häufig bezeugen[40], dass sich der unverfälschte Sinn der heiligen Schriften keineswegs außerhalb der Kirche finde und von jenen nicht übermittelt werden könne, welche des wahren Glaubens bar bei der Schrift nicht den Kern treffen, sondern nur die Rinde benagen[41].

16 Das aber ist besonders wünschenswert und notwendig, dass die Beschäftigung mit der Heiligen Schrift ihren Einfluss äußere auf die ganze Wissenschaft der Theologie und sozusagen ihre Seele sei. In diesem Sinne haben sich zweifellos zu jeder Zeit die Väter und alle hochberühmten Theologen offen ausgesprochen und dies durch die Tat bewiesen. Denn die Wahrheiten, welche Gegenstand des Glaubens sind, und die Folgerungen daraus suchten sie hauptsächlich aus den göttlichen Schriften geltend zu machen und fest zu begründen. Ferner haben sie aus der Schrift, wie gleichzeitig aus der göttlichen Überlieferung, die neuen Erdichtungen der Häretiker widerlegt und die Idee, das Verständnis und den Zusammenhang der katholischen Dogmen erforscht. Niemand wird dies auffallend finden, wenn er bedenkt, dass den göttlichen Schriften ein so ausgezeichneter Platz unter den Offenbarungsquellen gebührt, dass die Theologie nur bei fortwährendem Studium und Gebrauch derselben richtig und ihrer Würde entsprechend betrieben werden kann. Allerdings ist es richtig, wenn die Jünglinge in den Hochschulen und theologischen Anstalten vorzüglich so geübt werden, dass sie das Verständnis und die Wissenschaft der Glaubenslehren erlangen, indem die Beweisführung mit den Glaubensartikeln anhebt, um daraus andere Sätze nach den Normen einer erprobten und gediegenen Philosophie durch Schlussfolgerung abzuleiten. Gleichwohl darf ein fachmännischer und gelehrter Theologe keineswegs versäumen, den eigentlichen Beweis der Dogmen aus der Autorität der Bibel zu erbringen. „Denn die Theologie empfängt ihre Prinzipien nicht von andern Wissenschaften, sondern unmittelbar von Gott vermittels der Offenbarung. Und deshalb empfängt sie nicht von andern Wissenschaften in dem Sinn, als ob diese höher stünden, sondern sie bedient sich derselben, sofern diese niederer stehen und Dienerinnen sind.“ Diese Methode, die heilige Wissenschaft zu betreiben, hat zum Lehrer und Gewährsmann den Fürsten der Theologen, Thomas von Aquin[42], der außerdem zufolge dieses richtig erfassten Charakters der christlichen Theologie die Methode gelehrt hat, wie ein Theologe seine eigenen Prinzipien, wenn sie etwa angegriffen werden, verteidigen kann. „Wenn nämlich bei der Erörterung ein Gegner irgend eine von den in der göttlichen Offenbarung enthaltenen Wahrheiten einräumt, führen wir von diesem Punkte aus den Beweis; desgleichen stützen wir uns im Streite gegen die Häretiker auf das Ansehen der Heiligen Schrift und auf den einen Glaubensartikel jenen gegenüber, welche einen anderen leugnen. Wenn aber der Gegner gar nichts von den göttlichen Offenbarungswahrheiten glaubt, gibt es keinen Weg mehr zum Beweise der Glaubensartikel durch Vernunftgründe, sondern es bleibt nichts übrig, als sich auf die Widerlegung der etwa gegen den Glauben hervorgebrachten Gründe zu beschränken.“ [43] – Daher ist Fürsorge zu treffen, dass die Jünglinge erst nach gehöriger Vorbereitung und erlangter Festigkeit die biblischen Studien in Angriff nehmen, damit sie nicht gerechte Hoffnungen täuschen, und was noch schlimmer ist, unvorsichtig in die Gefahr des Irrtums geraten, eingenommen durch die Trugschlüsse der Rationalisten und den Schein des Gelehrten Apparates. In der besten Verfassung aber werden sie sich befinden, wenn sie den Unterricht in der Philosophie und Theologie auf dem von Uns gezeigten und vorgeschriebenen Wege, unter Führung des genannten heiligen Thomas gewissenhaft betrieben und in ihren Tiefen erfasst haben. So werden sie die rechte Bahn wandeln, sowohl im Bibelfache als in der sogen. „positiven“ Theologie und in beiden die erfreulichsten Fortschritte machen.

VI. Die Autorität der Heiligen Schrift; Die „höhere Kritik“

17 Die katholische Lehre durch regelrechte und geschickte Auslegung der heiligen Bücher bewiesen, erklärt und ins Licht gesetzt zu haben, das ist eine große Leistung. Doch erübrigt noch der zweite, ebenso wichtige als mühevolle Teil, die volle Autorität dieser Bücher mit den stärksten Beweisen darzutun. Dieses Ziel wird aber voll und allgemein nur durch das lebendige und ihr ausschließlich eigene Lehramt der Kirche erreichbar sein. Denn diese „ist ja schon an sich wegen ihrer wunderbaren Ausbreitung, ausnehmenden Heiligkeit und unerschöpflichen Fruchtbarkeit an allem Guten, wegen ihrer katholischen Einheit und unbesiegbaren Beständigkeit ein großes und dauerndes Motiv ihrer Glaubwürdigkeit und ein unverbrüchlicher Beweis ihrer göttlichen Sendung.“[44] Weil aber das göttliche und unfehlbare Lehramt der Kirche auch auf der Autorität der Heiligen Schrift beruht, so muss aus diesem Grunde vorerst deren Glaubwürdigkeit, wenigstens nach ihrer menschlichen Seite, geltend gemacht und gerechtfertigt werden. Hernach kann man aus diesen Büchern als den bewährtesten Zeugen des Altertums die Gottheit und Sendung Christi des Herrn, die Stiftung der kirchlichen Hierarchie, die Übertragung des Primates an Petrus und seine Nachfolger sicher und klar darstellen. Zu diesem Zwecke wird es gewiss sehr förderlich sein, wenn ziemlich viele Geistliche besonders vorbereitet wären, um auch auf diesem Gebiete für den Glauben zu streiten und die feindlichen Angriffe abzuwehren, vornehmlich angetan mit der Waffenrüstung Gottes, wie der Apostel anrät[45], jedoch so, dass sie auch mit den neuen Waffen und Kampfesarten der Feinde vertraut sind. Recht schön führt dieses Chrysostomus unter den Pflichten der Priester auf, wenn er sagt: „Man muss gewaltigen Fleiß aufwenden, dass ,Christi Wort reichlich in uns wohne´[46]. Denn nicht zu einer Kampfesart müssen wir gerüstet sein, sondern mannigfach ist dieser Krieg und verschieden sind die Feinde. Weder bedienen sie sich alle der nämlichen Waffen, noch trachten sie auf eine einzige Weise mit uns zusammenzustoßen. Wer darum vorhat, den Kampf gegen alle aufzunehmen, muss auch die Kriegslist und Kunstgriffe aller kennen. Er muss zugleich Bogenschütze und Schleuderer sein, Feldhauptmann und Rottenführer, Heerführer und Soldat, Fußgänger und Reiter, im Seekampf und Belagerungskrieg Erfahrung besitzen. Denn wenn er nicht alle Kriegskünste kennt, versteht es der Teufel, auf dem einzigen etwa vernachlässigtem Punkte seine Räuber hineinzuführen und die Schafe zu erreichen.“ [47] Die vielfachen Listen und Kunstgriffe, deren sich hierbei die Feinde zum Angriffe bedienen, haben wir oben gekennzeichnet. Nun wollen wir daran erinnern, durch welche Mittel man die Verteidigung anstreben muss. – Das erste liegt im Studium der alten orientalischen Sprachen und zugleich in der sogenannten Kritik. Beiderlei Wissensgebiete stehen heutzutage in hoher Wertschätzung und Achtung. Darum wird der Klerus, welcher je nach den höheren und geringeren Anforderungen, die Land und Leute stellen, hiermit geziert und ausgerüstet ist, seine Ehre besser fördern und sein Amt erfolgreicher verwalten können. Denn der Geistliche soll „allen alles“[48] werden, „immer bereit zur Verantwortung gegen jeden, der Rechenschaft fordert über die Hoffnung, welche in ihm ist“[49]. Daher ist es für die Lehrer der Heiligen Schrift eine Notwendigkeit und für die Theologen eine Zier, jene Sprachen gründlich zu kennen, in welchen die Kanonischen Bücher ursprünglich von den heiligen Schriftstellern verfasst worden sind. Auch werden die Zöglinge der Kirche sehr gut daran tun, wenn sie dieselben pflegen, besonders jene, welche nach den akademischen Graden der Theologie streben. Ferner ist dafür Sorge zu tragen, dass an allen Hochschulen, wie es löblicherweise an vielen schon Übung ist, auch für die übrigen antiken Sprachen, insbesondere für die semitischen, sowie für die hiermit in Verbindung stehenden Wissenszweige Lehrstühle errichtet werden, in erster Linie im Interesse derer, welche sich für ein öffentliches Lehramt der heiligen Schriften vorbereiten. – Gerade diese Männer müssen zu dem gleichen Zwecke in der echten Kunst der Kritik besonders unterrichtet und geübt sein. Verkehrt ist es und zum Schaden der Religion, dass man ein künstliches Verfahren unter dem Ehrennamen „höhere Kritik“ eingeführt hat. Hiernach soll das Urteil über den Ursprung, die Unverfälschtheit und das Ansehen eines Buches aus bloß inneren Gründen, wie man sich ausdrückt, geschöpft werden. Im Gegenteil ist es klar, dass in historischen Fragen, und dahin gehören Ursprung und Erhaltung der Bücher, die Zeugnisse der Geschichte alle anderen überwiegen, und dass diese deshalb mit größtem Eifer aufgesucht und geprüft werden müssen. Jene inneren Gründe aber haben in den meisten Fällen nicht so großes Gewicht, dass man sich für eine Frage auf sie berufen könnte, als höchstens zur Verstärkung des Beweises. Aus dem entgegengesetzten Verfahren ergeben sich ohne Zweifel große Nachteile. Die Feinde der Religion werden nämlich an Zuversicht gewinnen, die Echtheit der heiligen Bücher anzufechten und zu zerpflücken. Gerade jene viel gepriesene höhere Kritik wird endlich dahin aufschlagen, dass ein jeder bei dem Auslegungsgeschäfte seiner eigenen Neigung und vorgefassten Meinung folgt. Bei diesem Verfahren wird sich weder über die Schriften das gesuchte Licht verbreiten noch ein Nutzen für die Wissenschaft erwachsen; wohl aber jenes sichere Merkmal des Irrtums zu Tage treten, welches das ist die Mannigfaltigkeit der Meinungen und die Verschiedenheit der Auffassung, und wirklich bieten bereits die Väter dieser neuen Methode selbst dieses Schauspiel. Weil ferner die meisten von den Lehrsätzen einer falschen Philosophie und des Rationalismus angesteckt sind, werden sie sich nicht scheuen, aus den heiligen Büchern die Weissagungen, die Wunder und alles Übernatürliche zu beseitigen.

VII. Die physikalische Wissenschaft

18 Gehen wir zum zweiten Punkte über, so hat man den Kampf mit Leuten aufzunehmen, welche unter Missbrauch ihrer Kenntnisse in der physikalischen Wissenschaft die heiligen Bücher nach allen Richtungen durchspähen, um den Verfassern Unwissenheit in solchen Dingen vorzuwerfen und die Schriften selbst zu tadeln. Da nun diese Verdächtigungen sinnfällige Dinge betreffen, werden sie desto gefährlicher, wenn sie zur Kenntnis des Volkes und besonders der studierenden Jugend gelangen. Ja wirklich, wenn diese einmal die Ehrfurcht vor der göttlichen Offenbarung in einem einzigen Hauptpunkte verloren hat, wird sie leicht in allen Stücken allen Glauben an dieselbe verlieren. Allzu bekannt ist es ja, dass die Naturwissenschaften, so sehr sie sich bei angemessenem Vortrage dazu eignen, die den Geschöpfen eingeprägte Herrlichkeit des höchsten Werkmeisters erkennen zu lassen, ebenso mächtig sind, die Grundlehren der gesunden Philosophie auszurotten und die Sitten zu verderben, falls sie auf verkehrte Art in die zarten Gemüter eingesenkt werden. Deshalb wird für den Lehrer der Heiligen Schrift die Kenntnis der Naturwissenschaften ein gutes Hilfsmittel sein, um dadurch auch derartige gegen die göttlichen Bücher gerichteten Trugschlüsse leichter zu entlarven und zu widerlegen. – Sicherlich wird zwischen dem Theologen und Naturforscher kein wahrer Zwiespalt eintreten, wenn nur beide sich auf ihr Grenzgebiet beschränken, indem sie nach der Mahnung des heiligen Augustinus sich davor hüten, „dass sie etwas ohne Grund behaupten und das Unbekannte als bekannt ausgeben“[50]. Wenn sie aber verschiedener Ansicht sind, hat derselbe Lehrer für das Verhalten des Theologen die allgemeine Regel aufgestellt: „In allen Fällen, wo die Gelehrten ihre Behauptungen über die Natur der Dinge durch stichhaltige Gründe beweisen können, wollen wir zeigen, dass dieselben mit den Lehren der Heiligen Schrift nicht in Widerspruch stehen. So oft sie aber in irgend einem ihrer Werke eine unseren Schriften, d.h. dem katholischen Glauben widersprechende Behauptung, vorbringen, wollen wir, wenn dies irgendwie möglich ist, zeigen oder ohne allen Zweifel glauben, dass es grundfalsch ist.“[51] Fragt man nach der Richtigkeit dieser Regel, so ist zuerst in Erwägung zu ziehen, dass die heiligen Schriftsteller, oder richtiger „der Geist, welcher durch sie redete, nicht beabsichtigt habe, den Menschen darüber (nämlich über das innerste Wesen der augenfälligen Dinge) Belehrungen zu geben, da sie niemand zum Heile nützen sollten“[52], dass sie daher, statt direkt Naturforschung zu betreiben, die Dinge manchmal lieber auf bildliche Weise beschreiben und behandeln, oder auch so, wie es die vulgäre Ausdrucksweise in jener Zeit mit sich brachte, eine Sprache, die noch jetzt bei vielen Dingen im alltäglichen Leben, selbst unter den größten Gelehrten im Gebrauche ist. Da aber die Volkssprache die sinnfälligen Dinge anfänglich im eigentlichen Sinne ausdrückt, hat der heilige Schriftsteller (und das hat auch der englische Lehrer bemerkt) in ähnlicher Art „nach der sinnlichen Erscheinungsform berichtet“[53] oder das mitgeteilt, was Gott selbst, zu den Menschen redend, nach ihrer Fassungskraft und nach menschlichem Sprachgebrauch ausgedrückt hat.

19 Wenn übrigens die Verteidigung der Heiligen Schrift mit Ernst zu betreiben ist, so folgt daraus nicht, dass alle Ansichten auf gleiche Weise aufrecht erhalten werden sollen, welche jeder einzelne Vater oder die nachfolgenden Ausleger bei ihrer Erklärung ausgesprochen haben. Denn diese haben je nach den Anschauungen ihrer Zeit geurteilt und bei Erörterung von Stellen, wo physische Dinge in Frage kommen, vielleicht nicht immer das Richtige getroffen, so zwar, dass sie manches als sicher aufstellten, was jetzt weniger Beifall finden könnte. Daher muss man bei ihren Auslegungen sorgfältig unterscheiden, was sie wirklich als zum Glauben gehörig oder engstens mit ihm verbunden vortragen, und was sie in einmütiger Übereinstimmung lehren. Den „in Dingen“, die nicht notwendig zum Glauben gehören, durften die Heiligen, sowie auch wir, verschiedener Ansicht sein“. Das ist ein Satz des heiligen Thomas[54], der auch an einer anderen Stelle die überaus kluge Bemerkung macht: „Mir scheint es sicher zu sein, derartige Lehren, welche die Philosophen allgemein annehmen, und die unserem Glauben nicht widersprechen, weder so zu behaupten wie Glaubenssätze, obwohl sie manchmal unter dem Namen der Philosophen Eingang finden, noch auch als glaubenswidrig zu verneinen, um nicht den Weisen dieser Welt Anlass zu bieten, die Glaubenslehre zu verachten.[55] Obwohl demgemäss der Ausleger zeigen muss, dass das, was die Naturforscher durch sichere Beweise bereits sicheres Ergebnis aufgestellt haben, der richtigen Schrifterklärung durchaus nicht widerstreite, so darf er doch nicht vergessen, dass es bisweilen vorkam, dass manches als sicheres Ergebnis von ihnen Vorgetragene hernach in Zweifel gezogen und verworfen worden ist. Sollten daher die Physiker in ihren Schriften die Grenzen ihres Faches überschreiten und sich mit verkehrten Aufstellungen auf das Gebiet der Philosophen werfen, so soll sie der Ausleger als Theologe zur Widerlegung an die Philosophen verweisen.

VIII. Die Unvereinbarkeit der Inspiration mit dem Irrtum

20 Diese Prinzipien können nach Belieben auf verwandte Wissenszweige, besonders auf die Geschichte Anwendung finden. Denn es ist beklagenswert, dass viele von den Männern, welche die Denkmäler des Altertums, die Sitten und Einrichtungen der Völker und die Zeugnisse ähnlicher Art um den Preis großer Anstrengungen durchforschen und zu Tage fördern, dies öfter in der Absicht tun, um einen Makel des Irrtums in den heiligen Büchern zu entdecken und dadurch ihr Ansehen in jeder Richtung zu schwächen und zu erschüttern. Manche verfahren hierbei in allzu feindseliger Gesinnung und ohne die nötige Unparteilichkeit. Sie setzen auf weltliche Schriften und geschichtliche Denkmäler der alten Zeit ein solches Vertrauen, als ob bei ihnen nicht einmal der Verdacht eines Irrtums vorhanden sein könne; bei den Büchern der Heiligen Schrift aber genügt ihnen ein bloß vermeintlicher und scheinbarer Irrtum, um ihnen ohne gehörige Prüfung allen Glauben zu versagen. Allerdings ist es möglich, das die Kopisten beim Abschreiben der Handschriften manchen Verstoß begingen; aber diese Schlussfolgerung ist nur nach reiflicher Prüfung und nur über solche Stellen statthaft, für welche der Fehler gehörig nachgewiesen ist. Auch kann es vorkommen, dass der echte Sinn einer Stelle zweifelhaft bleibt; aber dann werden für dessen Enträtselung die besten Regeln der Auslegung beste Dienste leisten. Doch bei alldem wäre es durchaus frevelhaft, die Inspiration nur auf einige Teile der Heiligen Schrift zu beschränken, oder zuzugeben, dass der heilige Verfasser selbst geirrt habe. Denn auch das Verfahren jener Männer ist nicht zulässig, welche diese Schwierigkeiten dadurch überwinden, indem sie ohne Anstand zugeben, dass die göttliche Inspiration sich auf weiter nichts als auf Gegenstände des Glaubens und der Sitten beschränke, weil sie von der falschen Ansicht befangen sind, wenn es sich um die Wahrheit der Lehren handelt, sei nicht so sehr zu erforschen, was Gott gesagt habe, als vielmehr zu erwägen, warum er es gesagt habe. Denn die Bücher allesamt und vollständig, welche die Kirche als heilige und Kanonische anerkennt, mit all ihren Teilen sind unter Eingebung des Heiligen Geistes verfasst. Aber weit entfernt, dass bei der göttlichen Inspiration ein Irrtum unterlaufen könne, schließt sie schon an und für sich nicht bloß jeden Irrtum aus, sondern schließt ihn als verwerflich ebenso notwendig aus, als es notwendig ist, dass Gott, die höchste Wahrheit, überhaupt nicht Urheber einer Irrtums ist. – Das ist der alte und beständige Glaube der Kirche, wie er auch durch feierliche Erklärung der Konzilien zu Florenz und Trient ausgesprochen, zuletzt bekräftigt und noch deutlicher erklärt worden ist auf dem Vatikanischen Konzil, welches geradezu gesagt hat: „Die Bücher des Alten und Neuen Testaments müssen vollständig, mit all ihren Teilen, wie sie im Dekret desselben Konzils (von Trient) aufgezählt und in der alten lateinischen Vulgata-Ausgabe enthalten sind als heilige und kanonische anerkannt werden. Die Kirche aber hält sie für heilige und kanonische Bücher nicht deshalb, weil sie durch bloß menschliche Tätigkeit zustande gekommen, durch ihr Ansehen gutgeheißen worden wären, noch auch bloß deshalb, weil sie die Offenbarung ohne Irrtum enthalten, sondern aus dem Grund, weil sie unter Eingebung des Heiligen Geistes verfasst, Gott zum Urheber haben.“[56] Daher nützt es durchaus nichts zu sagen, dass der Heilige Geist Menschen als Werkzeuge zum Schreiben verwendet habe, und dass zwar nicht dem Haupturheber, wohl aber den inspirierten Verfassern etwas falsches habe entschlüpfen können. Denn er selbst hat sie durch eine übernatürliche Kraft so zum Schreiben angeregt und bestimmt, und den Verfassern also Beistand geleistet, dass sie all das und nur das, was er sie hieß, richtig im Geiste erfassten, getreulich niederschreiben wollten und passend mit unfehlbarer Wahrheit ausdrückten; sonst wäre der Heilige Geist nicht selbst Urheber der gesamten Heiligen Schrift. Diese Lehre haben die heiligen Väter immer als richtig angesehen. „Aus dem Grund“, sagt Augustinus, „weil die Verfasser niederschrieben, was der Heilige Geist ihnen zeigte und eingab, kann man durchaus nicht sagen, dass er selbst es nicht geschrieben hat, denn seine Glieder haben das ausgeführt, was sie unter Eingebung des Hauptes erkannt haben.“[57] Der heilige Gregor der Große äußert sich ähnlich: „Es ist eine sehr überflüssige Frage, wer dieses Buch geschrieben hat, da nach treuem Glauben der Heilige Geist der Verfasser ist. Er also hat dies geschrieben, der es zu schreiben angab; er hat es geschrieben, der das Werk mit seinem Hauche beseelt hat.“[58]

21 Daraus folgt, dass jene, welche meinen, in den echten Stellen der heiligen Bücher könne etwas Falsches enthalten sein, in der Tat entweder den katholischen Inspirationsbegriff verdrehen oder Gott selbst zum Urheber des Irrtums machen. Ja, alle Väter und Lehrer teilten die volle Überzeugung, dass die göttlichen Schriften, wie sie von den heiligen Schriftstellern ausgingen, von jedem Irrtum gänzlich frei seien. Deshalb haben sie sich bemüht, nicht wenige von den Stellen, welche etwas Widersprechendes oder Abweichendes zu enthalten schienen (und das sind ungefähr dieselben, welche man jetzt im Namen der modernen Wissenschaft einwendet), ebenso scharfsinnig als verehrungsvoll unter sich zu versöhnen und in Einklang zu bringen. Hierbei bekannten sie einstimmig, dass diese Bücher im Ganzen und nach ihren Teilen gleichmäßig von dem göttlichen Hauche beseelt seien, und dass Gott selbst, der durch die heiligen Verfasser gesprochen, gar nichts von der Wahrheit Abweichendes habe aufstellen können. Die Worte, welche ebenfalls Augustinus an Hieronymus schrieb, sollen im allgemeinen maßgebend sein: „Ich gestehe deiner Liebe, unter allen Büchern sind es einzig die Schriften, welche bereits kanonische heißen, denen ich eine solche Hochachtung und Verehrung darbringe, dass ich fest glaube, keiner ihrer Verfasser habe beim Schreiben in einem Punkte geirrt. Und wenn ich diesen Schriften auf etwas stoße, was mit der Wahrheit in Widerspruch zu sein scheint, so schließe ich daraus ohne Bedenken nur so viel, dass entweder die Handschrift fehlerhaft ist, oder dass der Übersetzer den Sinn der Worte nicht getroffen, oder dass ich sie gar nicht verstanden habe.“[59]

22 Doch freilich mit dem ganzen Rüstzeug der wichtigeren Wissenszweige für die Heiligkeit der biblischen Bücher die erschöpfende und vollkommene Verteidigung zu führen, ist eine viel zu große Aufgabe, als dass sie sich einzig und allein von der Geschicklichkeit der Ausleger mit Recht erwarten ließe. Darum ist es wünschenswert, dass das gleiche Ziel auch jene katholischen Männer einmütigen Sinnes anstreben, deren Namen in den Profanwissenschaften guten Klang und Ansehen besitzt. An solch glänzenden Talenten fehlt es mit Gottes Gnade wahrlich der Kirche ebenso wenig wie jemals in der Vergangenheit. Ja, möchte ihre Zahl zum Schutze des Glaubens sich in Zukunft noch mehren! Denn nichts ist nach Unserer Meinung nötiger, als dass die Wahrheit Verteidiger gewinne, die an Zahl und Kraft ihre Widersacher übertreffen. Auch ist nichts mehr im Stande, dem Volk Hochachtung vor der Wahrheit einzuflößen, als wenn sich mit aller Offenheit Männer zu ihr bekennen, die sich in einem berühmten Fache glänzend hervortun. Ja noch mehr! Leicht wird auch der Hass unserer Verleumder verstummen oder sie werden wenigstens nicht wagen, den Glauben ohne Hemmung als einen Feind der Wissenschaft künftig zu brandmarken, wenn sie sehen, dass durch wissenschaftlichen Ruhm ausgezeichneten Männer dem Glauben die höchste Anerkennung und Hochachtung zollen. – Weil also jene Männer für die Religion so großen Nutzen stiften können, welchen Gott in seiner Güte zugleich mit der Gnade des katholischen Bekenntnisses glückliche Geistesanlagen verliehen hat, so mögen sie ohne Ausnahme bei dem jetzigen lebhaften Betrieb der wissenschaftlichen Studien, welche wie immer auch die Schrift berühren, ein ihnen zusagendes Studienfach auswählen, in welchem sie künftig hervorragend die gegen jene geschleuderten Pfeile gottloser Wissenschaft nicht ohne Ehre zurückweisen. – An dieser Stelle erweisen wir mit Wohlgefallen nach Verdienst jenem Plan mancher Katholiken vollen Beifall, welche, um gelehrten Männern die Möglichkeit zu bieten, solche Studien mit der ganzen Fülle von Hilfsmitteln zu betreiben und zu fördern, Gesellschaften gebildet haben und zu diesem Zwecke reichliche Geldspenden aufbringen. Das ist führwahr die Beste und ganz zeitgemäße Verwendungsart des Geldes. Denn je weniger die Katholiken auf Unterstützung für ihre Studien von Seiten des Staates hoffen, desto bereitwilliger und reichlicher soll sich die Privatwohltätigkeit entfalten, so dass diejenigen, welche Gott mit Reichtum gesegnet hat, diesen zur Sicherstellung des Schatzes der göttlichen Offenbarung verwenden wollen.

IX. Zusammenfassung

23 Damit aber solche Anstrengungen für die biblische Wissenschaft in Wahrheit nützlich werden, sollen sich die Gelehrten auf die von Uns oben aufgestellten Sätze als Prinzipien stützen. Außerdem sollen sie getreulich festhalten, dass Gott, der Schöpfer und Regierer des Weltalls, auch der Urheber der Schriften ist; dass sich deshalb aus der natürlichen Beschaffenheit der Dinge oder aus den geschichtlichen Denkmälern kein Resultat ergeben könne, das mit den Schriften wahrhaft in Widerspruch steht. Wenn sich also ein solcher Widerspruch zu finden scheint, ist er mit allem Fleiße zu beseitigen, sowohl durch Beiziehung des klugen Urteils der Theologen und Ausleger, was der richtigere und wahrscheinlichere Sinn der fraglichen Schriftstelle sei, als auch durch sorgfältigere Abwägung der Kraft der dagegen beigebrachten Beweisgründe. Doch darf man aus dem Grund den Eifer nicht aufgeben, wenn nachher noch den Schein für das Gegenteil zurückbleibt. Denn weil die Wahrheit der Wahrheit keineswegs widerstreiten kann, hat man als gewiss festzuhalten, dass sich entweder in die Auslegung der heiligen Worte oder in den andern Teil des Streitpunktes ein Irrtum eingeschlichen habe. Wenn aber auch keines von beiden zur Genüge klar ist, muss man unterdessen die Entscheidung aussetzen. Denn sehr vieles wurde aus den Wissensgebieten jeder Art lange Zeit und häufig gegen die Schrift vorgebracht, was jetzt als unbegründet ganz der Vergessenheit verfallen ist. In gleicher Weise wurden über gewisse Stellen der Schrift (die nicht direkt zur Glaubens- und Sittenregel gehören) ehedem nicht wenige Erklärungen vorgetragen, worin später eine schärfere Untersuchung richtiger gesehen hat. Denn die Gebilde der Meinungen zerstört der Tag, aber „die Wahrheit bleibt und gewinnt an Stärke auf ewig“[60]. Wie daher niemand sich anmaßen soll, dass er die ganze Schrift recht verstehe, von welcher der heilige Augustin[61] bekannte, dass das, was er nicht wisse, mehr sei, als was er wisse, so soll ein jeder, wenn etwas vorkommt, was zur Erklärung allzu schwer ist, jene Vorsicht der Mäßigung dieses Lehrers anwenden: „Besser ist es, unter unbekannte, aber nützliche Zeichen sich zu beugen, als durch ihre zwecklose Auslegung den Nacken dem Joche der Herrschaft zu entziehen und in den Schlingen des Irrtums zu verstricken.“[62] – Wenn diejenigen, welche diese Hilfswissenschaften öffentlich vortragen, Unsere Ratschläge und Verordnungen gehörig und ehrfürchtig befolgen, wenn sie in Wort und Schrift die Ergebnisse ihrer Studien dazu verwenden, die Feinde der Wahrheit zu widerlegen und die Jugend vor jeder Schädigung im Glauben zu behüten, dann erst können sie sich freuen, in würdiger Tätigkeit ihre Dienste der Heiligen Schrift zu widmen und der katholischen Sache jene Hilfe zu leisten, welche sich die Kirche mit Recht und der Frömmigkeit und der Wissenschaftlichkeit ihre Söhne verspricht.

24 Das, Ehrwürdige Brüder, sind die Mahnungen und Vorschriften, welche Wir mit Gottes Beistand über das Studium der Heiligen Schrift den Zeitbedürfnissen entsprechend geben zu sollen dachten. Nun ist es an Euch zu sorgen, dass sie mit geziemender Gewissenhaftigkeit befolgt und beobachtet werden. Hierdurch wird der Dank, den wir Gott für die Mitteilung der Aussprüche seiner Weisheit an das Menschengeschlecht schulden, um so glänzender sich bekunden; auch werden die gewünschten Vorteile umso reichlicher ausströmen, zumal für die Bildung der jungen Geistlichkeit, welche der besondere Gegenstand unserer Sorge und die Hoffnung der Kirche ist. Ja mit Eurem Ansehen und Zuspruch bemüht Euch eifrig, dass die biblischen Studien in den Seminaren und auf den Hochschulen, welche Euerer Gewalt untergeben sind, in gehöriger Ehre und Blüte stehen. Unverfälscht und gedeihlich mögen sie blühen unter der maßvollen Leitung der Kirche, im Einklang mit den heilsamen Lehren und Beispielen der heiligen Väter und der lobwürdigen Gepflogenheit der Vorzeit; ja im Verlauf der Zeit mögen sie einen solchen Aufschwung nehmen, dass sie wirklich zum Schutz und zur Ehre der katholischen Wahrheit dienen, welche von Gott zum ewigen Heil der Völker bestimmt ist. – Endlich ermahnen Wir alle Zöglinge und Diener der Kirche in väterlicher Liebe, dass sie stets mit dem Gefühle tiefster Ehrfurcht und Frömmigkeit zu den heiligen Schriften hinzutreten. Denn es ist durchaus unmöglich, dass sich ihr Verständnis zum Heile, wie es nötig ist, erschließe, wenn nicht vorher die Anmaßung der irdischen Wissenschaft beiseite gesetzt und der Eifer für die von oben stammende Weisheit gewissenhaft erweckt wird. Wenn sich der Geist mit diesem Wissenszweig einmal befasst und von da Licht und Kraft empfängt, wird er eine wunderbare Stärke erlangen, dass er auch die vorkommenden Trugschlüsse der menschlichen Wissenschaft erkennt und meidet, gediegene Ergebnisse gewinnt und sie auf das Ewige bezieht. Infolgedessen vornehmlich wird die Seele von Eifer entflammt und so mit stärkerer Begeisterung nach dem Gewinn der Tugend und der göttlichen Liebe trachten: Glückselig, die erforschen seine Zeugnisse, die ihn suchen mit ihrem ganzen Herzen[63].

25 Und nun auf die Hoffnung der göttlichen Hilfe gestützt und im Vertrauen auf Euren Hirteneifer, erteilen Wir Euch allen, dem gesamten Klerus und jedem von Euch anvertrauten Volke als Unterpfand der göttlichen Gnaden und als Zeichen Unseres besonderen Wohlwollens in aller Liebe im Herrn den Apostolischen Segen.  

Gegeben zu Rom bei St. Peter am 18. November 1893,
im sechzehnten Jahre Unseres Pontifikates
Leo PP. XIII.

Anmerkungen

  1. Conc. Vatic. Sess. III, cap. II, de revel.
  2. Ebenda.
  3. S. Aug. de civ. Dei XI, 3.
  4. S. Clem. Rom. I ad Cor. 45; S. Polycarp. Ad Phil. 7; S. Iren adv. Haer. II, 28, 2.
  5. S. Chrys. In Gen. hom. 2,2; S. Aug. in Ps. XXX, serm. 2,1; S. Greg. M. ad Theod. Ep. IV, 31.
  6. 2 Tim 3,16f EU
  7. August. De util. Ered. XIV, 32.
  8. Apg 14,3 EU
  9. S. Hieron. de studio Script. Ad Paulin. Ep. LIII, 3.
  10. In Is. Prol.
  11. In Is. LIV, 12.
  12. 1 Thess 1,5 EU
  13. Jer 23,29 EU
  14. Hebr 4,12 EU
  15. De doctr. Christ. IV, 6, 7.
  16. Chrys. In Gen. Hom. 60,3. August. De discipl. Christ. 2.
  17. Athan. Ep. Fest. 39.
  18. August. Serm. 26,24. Ambr. In Ps. CXVIII, serm. 19,2.
  19. Hieron. De vita cler. Ad Nepot.
  20. Greg. M. Regula past. II, 11 (al. 22); Moral. XVIII, 26 (al. 14).
  21. August. Sermo 179, 1.
  22. Greg. M. Regula past. III, 24 (al. 48).
  23. 1 Tim 4,16 EU
  24. Hieronymus in Mich. 1,10.
  25. Conc. Trid. Sess. V, decr. De ref. c. 1.
  26. Conc. Trid. Sess. V, deer. De ref. c. 2. 2.
  27. 1 Tim 6,120 EU
  28. Sess. IV, decr. De edit. et usu sacr. Libr.
  29. De dotr. Christ. III, 4.
  30. S. Hieron. ad Pammach.
  31. S. Hieron. Ad Paulin, de studio script. Ep. LIII, 4.
  32. Contra haer. IV, 26, 5.
  33. Sess. III, cap. II, de revel.; cf. Conc. Trid. Sess. IV, decr. de edit. et usu sacr. libr.
  34. Coc. Vat. Sess. III, cap. III de fide.
  35. Ebend. 6,7.
  36. Ad Honorat. de util. Cred. XVII, 35.
  37. Rufinus, Hist. Eccl. II, 9.
  38. S. August. Contra Iulian. II, 10, 37.
  39. S. August. de Gen. Ad lit. lib. VIII, c. 7,13.
  40. Cf. Clem. Alex. Strom. VII, 16; Orig. de princ. IV, 8; in Levit. hom. 4,8; Tertull. de praecr. 15 sqq.; S. Hilar. Pict. in Matth. 13, 1.
  41. Greg. M. Moral. XX, 9 (al. 11).
  42. Summa theologica p. I, q. I, a. 5 ad 2.
  43. Ebend. a. 8.
  44. Conc. Vatic. sess. III de fide.
  45. Eph 6,13ff EU
  46. Kol 3,16 EU
  47. S. Chrysost. de sacerd. IV, 4.
  48. 1 Kor 9,22 EU
  49. 1 Petr 3,15 EU
  50. In Gen. op. imperf. IX, 30.
  51. De Gen. ad litt. I, 21, 41.
  52. S. August. Ibid. II, 9, 20.
  53. Summa theologica I, q. LXX, a. 1 ad 3.
  54. In Sent. II, dist. II, q. I, a. 3.
  55. Opusc. X.
  56. Sess. III, c. II de revel.
  57. De consensu Evang. 1. I, c. 35.
  58. Vorwort zu Job n. 2.
  59. Ep. 82, 1 und sonst öfter.
  60. 3 Edras 4,38.
  61. Ad Ianuar. Ep. LV, 21.
  62. De doctr. Chr. III, 9, 18.
  63. Ps 118,2 EU
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