Facile conicere

Aus Kathpedia
Wechseln zu: Navigation, Suche
Ansprache

von Papst
Paul VI.
vor den Mitgliedern und Beratern des "Consilium"
anlässlich ihrer elften Vollversammlung
14. Oktober 1968

(Offizieller lateinischer Text AAS 60 (1968) 732-737; Insegnamenti, VI, S. 535 ff. )

(Quelle: Dokumente zur Erneuerung der Liturgie, Band 1, Dokumente des Apostolischen Stuhls 1963 – 1973; Herausgegeben von Heinrich Rennings und Martin Klöckener, Butzon & Bercker Verlag Kevelaer 1983, S. 584-589, Randnummer 1187-1197 (nach dem „Enchiridion Documentorum Instaurationis Liturgicae“; ISBN 3-7666-9266-6; N 4 (1968) 335-340.a Deutscher Text: KA Münster 102 (1968) 147-149; SKZ 136 (1968) 671 f. Der Veröffentlichung der Ansprache in italienischer Sprache ist eine "Nota" beigefügt: N 4 (1968) 340 f.)

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


1187 Ihr könnt euch leicht vorstellen, dass wir aufmerksam die Worte angehört haben, mit denen euer sehr ehrenwerter und geschätzter Vorsitzender in seiner zwar kurzen, aber inhaltsreichen Rede uns die vielfältigen Aufgaben darstellen wollte, die von eurer Kommission im vergangenen Jahr geleistet worden sind. Daraus ersehen wir die reiche Fülle der geleisteten Arbeit, die überzeugend öffentlich darstellt, dass das euch übertragene Werk der liturgischen Erneuerung klug und mit stets großem Eifer glücklich fortschreitet. (Die angegebenen Quellen der deutschen Textfassung KA Münster und SKZ enthalten diesen ersten Abschnitt nicht.)

Die Sitzung, die euch jetzt in Rom vereinigt hat, findet zu einer Zeit statt, wo wir den zurückgelegten Weg überblicken können und müssen, um die bisher gesammelte Frucht eurer Mühen zu erwägen und gebührend einzuschätzen. Mit Freuden sehen wir, dass diese Frucht wirklich reich ist und uns zu guter Hoffnung berechtigt. Neue Riten und neue Gebetsformen sind in die Liturgie eingeführt worden und haben das alte, ehrwürdige, heilige Erbe der Kirche mit vermehrter Schönheit geschmückt, und mit Freuden sehen wir, dass der Gottesdienst an allen Orten durch die eifrigere Teilnahme der Gläubigen wieder zur Blüte gelangt.

1188 Wir sagen dafür vor allem dem allmächtigen Gott tiefsten Dank; denn "jedes Geschenk und jede vollkommene Gabe kommt von oben, vom Vater des Lichtes".[1]

Sodann aber möchten wir auch euch, denen diese Frucht zum großen Teil zu verdanken ist, unsere Anerkennung und unsern Dank aussprechen. Ebenso benützen wir gerne diese Gelegenheit, um den Bischofskonferenzen gebührend für die Hilfe zu danken, die sie euch bereitwillig und hochherzig zuteil werden ließen. Wir wissen sehr gut, wie viel dadurch eure Arbeit gefördert wurde und wie die Hirten der Kirche keine Mühe scheuen, um das Volk Gottes durch die liturgische Erneuerung zu einem blühenderen christlichen Leben zu führen und jene "volle, bewusste und tätige Teilnahme an den liturgischen Feiern" zu erreichen, die zu den hauptsächlichen Zielen des Ökumenischen Konzils gehört.[2] Wir werden so in unserer Überzeugung bestärkt, es sei uns dadurch in dieser Zeit, in der bei den Menschen der Eifer für das Gebet, der Glaube, die Gottesverehrung und die Erwartung der ewigen Güter immer schwächer werden, ein sehr gutes Mittel an die Hand gegeben, um nicht nur die Kirche, sondern die ganze menschliche Gesellschaft zur Liebe, zu einem echt religiösen Leben zurückzuführen.

1189 Unsere Worte möchten euch jedoch nicht nur den Glückwunsch zum glücklich vollendeten Werke aussprechen. Es beseelt uns auch ein glühender Wunsch, euch auf den langen Weg, der noch zurückzulegen ist, eine Mahnung und Ermutigung mitzugeben. Es handelt sich um die Vollendung der Revision des römischen Messbuches, die ihrem Abschluss entgegengeht, sodann um das Brevier, das Rituale, das Pontificale und endlich um das Martyrologium. Die passende Neugestaltung dieser liturgischen Bücher wird euch noch lange Zeit in Anspruch nehmen.

So erweist sich klar die große Bedeutung, welche die Kirche heute der Liturgie beimisst. Sie ist als Mittelpunkt, gewissermaßen als die Seele des ganzen christlichen Lebens zu betrachten, oder mit den Worten des Konzils: "Sie ist der Gipfelpunkt, dem die ganze Tätigkeit der Kirche zustrebt, und gleichzeitig die Quelle, aus der ihre ganze Kraft erfließt".[3] Ebenso klar ist auch, wie notwendig ihr bei der Erfüllung eurer Aufgabe immer die enge Verbundenheit vor Augen haben müsst, die zwischen der "lex orandi" der Kirche und den andern Gebieten des religiösen Lebens besteht, besonders ihrem Verhältnis zum Glauben, zur Überlieferung und zum kanonischen Recht.

1190 Da die "lex orandi" mit der "Iex credendi" völlig im Einklang steht und den Glauben des christlichen Volkes zum Ausdruck bringen und festigen muss, können die neuen Gebetsformen, die ihr schaffen sollt, Gottes nicht würdig sein, wenn sie die katholische Lehre nicht getreu wiedergeben. Und es ist leicht zu begreifen, dass sie sich durch große Majestät, Schlichtheit und Schönheit auszeichnen und überaus geeignet sein müssen, die Gemüter zu erfassen und zur Frömmigkeit anzuspornen, damit sie der innersten Natur des liturgischen Gottesdienstes voll entsprechen.[4]

Andererseits darf man der liturgischen Erneuerung nicht den Sinn geben, sie solle das ganze Erbe vergangener Zeiten verwerfen und unbesonnen beliebige Neuerungen einführen. Ihr wisst, was die Konzilsväter diesbezüglich für Auffassungen hegten, als sie die Liturgiekonstitution veröffentlichten. Sie wollten, dass die Neuerungen der gesunden Tradition entsprechen, so dass "die neuen Formen organisch aus den schon bestehenden herauswachsen" (n. 23). Als gesunde Reform wird man also die bezeichnen, die Neues und Altes passend zu verbinden versteht.

1191 Aus dem bisher Gesagten ergibt sich klar, wie wichtig es für die Gewährleistung einer richtigen Reform besonders heute ist, dass jedermann ein klares Bewusstsein von der kirchlichen und hierarchischen Natur der heiligen Liturgie besitzt. Die liturgischen Riten und Gebetsformen dürfen nicht als private Angelegenheit betrachtet werden, die dem Einzelmenschen oder einer Pfarrei oder Diözese oder einer einzelnen Nation anheimgestellt ist; sie sind vielmehr Sache der ganzen Kirche, da sie ihre lebendige, betende Stimme bilden. Es ist daher niemand erlaubt, diese Formen zu verändern, neue einzuführen, sie durch andere zu ersetzen. Das verbietet schon die Würde der heiligen Liturgie, durch die der Mensch mit Gott im Verkehr steht; das verbietet auch das Wohl der Seelen und die Wirksamkeit des pastoralen HandeIns, die auf diese Weise gefährdet wird. Es gilt diesbezüglich, sich der Norm der Liturgiekonstitution zu erinnern: "Das Recht, die heilige Liturgie zu ordnen, steht einzig der Autorität der Kirche zu".[5]

1192 Da es sich aber in dieser Rede um die Normen handelt, die eure Tätigkeit bestimmen sollen, dürfen wir gewisse Handlungsweisen nicht schweigend übergehen, die in gewissen Teilen der Kirche zu beobachten sind und für uns Anlass zu nicht geringer Sorge und Betrübnis bilden. Es handelt sich hier vor allem um eine geistige Einstellung, kraft der viele alles, was von der kirchlichen Autorität ausgeht oder rechtmäßig vorgeschrieben wird, verdrossen hinnehmen. Eine Folge davon besteht darin, dass selbst Bischofskonferenzen zuweilen auf dem Gebiet der Liturgie auf eigene Faust ungebührlich weit gehen. Auch werden oft willkürlich Experimente unternommen und Riten eingeführt, die den von der Kirche festgelegten Normen eindeutig zuwiderlaufen. Jedermann begreift, dass ein solches Vorgehen nicht nur das Gewissen der Gläubigen schwer verletzt, sondern auch der geordneten Durchführung der liturgischen Erneuerung, die von allen Klugheit, Wachsamkeit und Disziplin verlangt, zum Schaden gereichen wird.

1193 Viel größere Besorgnis aber weckt in uns das Vorgehen derjenigen, die den liturgischen Kult seines heiligen Charakters zu entkleiden suchen und daher zu Unrecht wähnen, man brauche keine heiligen Dinge und Gefäße zu verwenden, sondern könne an ihrer Stelle Dinge gebrauchen, die zum gewöhnlichen profanen Gebrauch bestimmt sind. Einzelne gehen mit ihrer Unverfrorenheit so weit, dass sie auch auf den heiligen Ort der Messfeier keine Rücksicht nehmen. Hierzu ist wirklich zu sagen, dass solche Ansichten nicht nur die echte Natur der heiligen Liturgie, sondern auch die wahre Auffassung von der katholischen Religion verkehren.[6]

1194 Ebenso ist darauf zu achten, dass man, wo es um die Vereinfachung der liturgischen Riten, Formeln und Handlungen geht, nicht weiter schreitet, als nötig ist, und der großen Bedeutung genügend Rechnung trägt, die den liturgischen "Zeichen" gebührt. Andernfalls geht man mit vollen Segeln darauf aus, die Kraft und Wirksamkeit der Liturgie zu vermindern. Denn eines ist es, an den heiligen Riten zu streichen, was heute als überflüssig erscheint oder veraltet und unnütz geworden ist, ein anderes aber, die Liturgie jener Zeichen und jenes Schmuckes zu berauben, die in den richtigen Grenzen für das christliche Volk wirklich notwendig sind, damit es die erhabenen Dinge und Wahrheiten, die unter der Hülle der äußeren Riten verborgen sind, gebührend zu erfassen vermag.

1195 Euch, geliebte Söhne, kommt infolgedessen die hohe Aufgabe zu, an dem Ziele zu arbeiten, dass die heilige Liturgie vor den Menschen den Glanz ihres Antlitzes zeigen kann und wirksam dazu beiträgt, das geistige Leben der Gesellschaft zu fördern. Das ist noch nicht alles. Euch obliegt auch die Sorge dafür, dass im Lauf der Zeit der Eifer für die Erneuerung der Liturgie, der heute im christlichen Volke heilsam glüht, nicht erkalte.

Selbstverständlich muss man in diesen Dingen schrittweise vorgehen. Denn das Werk, das ihr an die Hand genommen habt, verlangt die Berücksichtigung der entsprechenden Vorbereitung der Gläubigen. Daher sollen neue Riten zu einer Zeit und auf eine Weise eingeführt werden, die für ihre Aufnahme und ihr leichteres Verständnis am günstigsten scheinen.

1196 Es möge uns endlich gestattet sein, euch an etwas zu erinnern, das wir eurem Fleiß überaus empfehlen: Bemüht euch eifrig, in euren Arbeiten nicht allzu sehr vom Gebrauch und den Einrichtungen der römischen Tradition abzuweichen, in der die lateinische Liturgie Ursprung, Wachstum und volle Entfaltung gefunden hat.

Den Grund für diese Empfehlung bildet keineswegs die Rücksicht auf Geschichte und Ort und ebenso wenig das Bestreben, unsere Autorität zu mehren. Er liegt vielmehr in der Beachtung und Wertschätzung, die den theologischen Lehren und der Konstitution der Kirche gilt, die in dieser Stadt den Mittelpunkt der Einheit und das Bollwerk der Katholizität besitzt. Wir möchten in dieser Sache nicht so sehr unsere Stimme vernehmen lassen als vielmehr die zweier Männer, die als ausgezeichnete Förderer der Liturgie gelten.

Der erste, P. Gabriel Braso aus dem Benediktinerorden, sagt: "Wer sich nicht als Römer fühlt, wird schwerlich vollkommen vom Sinn und Geist der Liturgie durchdrungen werden können. Das Römertum sichert die unverletzte Echtheit des liturgischen Geistes. Abweichungen auf dem Felde der Liturgie und in vielen andern Gebieten des Denkens und des christlichen Lebens haben als Ursprung gewöhnlich das Fehlen des römischen Geistes. Ein übertriebener, enger Patriotismus lässt in der Liebe zu Rom einen Rivalen erblicken und bezeichnet seine Normen als Verständnislosigkeit und seine Gesetze als despotischen Zwang. Der römische Geist ist die Grundlage unserer Katholizität".[7]

Das andere Zeugnis, das wir euch vorlegen wollen, stammt von einem Manne, der den Ruf eines ausgezeichneten Gelehrten auf dem Gebiete der Liturgie besitzt, nämlich von Edmund Bishop, der sich in seinem Werke über den Geist des römischen Ritus folgendermaßen ausdrückt: "Die römische Form entbehrt nicht ihrer besonderen Vorzüge. Diese sind um so notwendiger und um so höher zu schätzen, als die Religionsgeschichte Europas uns in den verschiedenen Zeiten auf die Schäden hinweist, die sich aus ihrer Vernachlässigung ergaben".[8]

1197 Möge euch daher, geliebte Söhne, Rom kein Misstrauen und keinen Schrecken einflößen. Es wird imstande sein, eure Arbeiten gerne aufzunehmen, richtig abzuwägen und für immer wahrhaft katholisch zu machen, und dies nicht zu seinem Ruhm, sondern zu dem der Kirche und zur Verherrlichung Christi, unseres Erlösers.

Das sind die Normen, die wir, vom Wissen um unsere Aufgabe getrieben, aufstellen zu müssen glaubten. Zu ihrer bereitwilligen und richtigen Durchführung möge euch Gott reiche himmlische Gnaden verleihen, und als deren Unterpfand spenden wir euch allen und jedem einzelnen den Apostolischen Segen.

Anmerkungen

  1. Jak 1,17 EU.
  2. Konstitution über die heilige Liturgie, "Sacrosanctum Concilium", Art. 23.
  3. "Sacrosanctum Concilium"., Art. 10.
  4. Vgl. Romano Guardini, Lo spirito della Liturgia. Morcelliana, 43 f.
  5. Konstitution über die heilige Liturgie, "Sacrosanctum Concilium", Art. 22,1; vgl. Art. 33.
  6. Vgl. Louis Bouyer, La vie de la liturgie, Ed. du Cerf, "Lex orandi", 324.
  7. Gabriel M. Brasó, Liturgia e spiritualità, Ed. Liturgiche, 307 f.
  8. E. Bishop, Le Génie du Rite Romain, Libr. de l'art catholique, 66 f.
Meine Werkzeuge