Los caminos del Evangelio (Wortlaut)

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Apostolisches Schreiben
Los caminos del Evangelio

von Papst
Johannes Paul II.
an die Ordensleute Lateinamerikas zum 5. Jahrhundert der Evangelisierung der Neuen Welt
Erneuerung nur durch das Evangelium
29. Juni 1990
(Offizieller spanischer Text: AAS 83 [1991] 22-45)

(Quelle: Der Apostolische Stuhl, 1990, S. 969-989)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Liebe Ordensmänner und Ordensfrauen Lateinamerikas !

Inhaltsverzeichnis

Einführung

1. Die Wege des Evangeliums im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, das in das dritte Jahrtausend des Christentums einmündet, führen durch das nahe bevorstehende Jahr 1992, in welchem wir auf fünf Jahrhunderte seit Beginn der Evangelisierung der Neuen Welt zurückblicken.

Die Kirche hat sich in Lateinamerika auf die Feier dieses Ereignisses mit einer neunjährigen Novene des Gebetes, der Überlegungen sowie apostolischer und kultureller Initiativen vorbereitet. Diese Novene wurde von mir in der Stadt Santo Domingo am 12. Oktober 1984 eingeleitet, wo ich als Bischof von Rom den Vertretern der Episkopate und des Volkes Gottes aus allen Ländern Lateinamerikas das Kreuz der 500-J ahrfeier überreicht habe.

Das Kreuz ist Zeichen unserer Erlösung und will an den Beginn der Evangelisierung und der Taufe eurer Völker erinnern. Dieses Kreuz wurde in eure Länder eingepflanzt und lädt euch nun ein, jene gänzliche Erneuerung in Christus durchzuführen, der der lateinamerikanische Kontinent sich vereint mit der ganzen Kirche und Menschheitsfamilie widmen muss.

Nur wenn man vom Evangelium Christi, des Gekreuzigten und Auferstandenen ausgeht, lässt sich die ersehnte Erneuerung der Herzen und der sozialen Strukturen erreichen. Daher braucht Lateinamerika wie die anderen Kontinente für seine Völker und Kulturen eine neue Evangelisierung. Neu muss diese Evangelisierung in ihrem Schwung, in ihren Methoden und Ausdrucksforrnen sein.[1]

Zu diesem Zweck bereitet sich die Kirche Lateinamerikas unter Führung ihrer Bischofskonferenzen und mit Hilfe der CELAM auf die IV. Generalversammlung des lateinamerikanischen Episkopates vor, der, so Gott will, im Jahre 1992 in Santo Domingo stattfinden wird. Dort sollen die Weisungen von Medellin (1968) und Puebla (1979) gemäß den unausweichlichen pastoralen Notwendigkeiten der Gegenwart weitergeführt und vertieft werden, immer im Blick auf die neue Evangelisierung des Kontinents, die tief in die Herzen der Menschen und in die Kulturen der Völker eindringen soll.

2. In diesem besonderen historischen und kirchlichen Kontext richte ich dieses Apostolische Schreiben an jeden Ordensmann und jede Ordensfrau, die in Lateinamerika für die Sache Christi und seiner Kirche lebt und arbeitet. Ich möchte mich ferner - je nach der besonderen Berufung und dem Charisma eines jeden - an die Mitglieder der Säkularinstitute sowie der Gesellschaften des apostolischen Lebens wenden, deren Präsenz und Wirken heute auf dem Kontinent sehr wertvoll geworden sind.

Das Werk der Evangelisierung war großenteils Frucht eures missionarischen Dienstes. Im gleichen Maß, wie sich die Begegnung mit den Völkern vollzog, die in den neu entdeckten Gebieten lebten, empfanden die Ordensleute Europas nämlich in ihren Herzen den drängenden Ruf, den Worten des Meisters zu folgen: "Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe" (Mt 28, 19-20). Dies war tatsächlich der Imperativ, der zahlreiche Söhne und Töchter der Kirche veranlaßt hat, sich auf den Weg in die neue Welt zu machen, um den Völkern und Stämmen, die bis dahin unbekannt waren, entgegenzugehen.

Das Leben der gottgeweihten Personen, Männer und Frauen, bot für den Samen des Missionsberufes immer ein fruchtbares Erdreich. Die Liebe Christi drängte sie (vgl. 2 Kor 5,14). Sie spürten den apostolischen Eifer eines Paulus: "Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde" (1 Kor 9,16). Wenn sich daher neue Möglichkeiten der Evangelisierung eröffnen, sprossen in der Kirche auf Antrieb des Geistes auch immer Missionsberufungen auf.

3. Auch in unseren Tagen stellen die Ordensmänner und Ordensfrauen auf dem lateinamerikanischen Kontinent eine erstrangige evangelisierende und apostolische Kraft dar. Die Präsenz des gottgeweihten Lebens bildet ein enormes Potential an Personen und Gemeinschaften, Charismen und Institutionen, ohne das man das ins einzelne gehende Wirken der Kirche in allen Gegenden, das Angebot des Evangeliums für sämtliche Situationen des Menschen, die Entfaltung der Werke der Barmherzigkeit, das Bemühen um eine Prägung der Kulturen, die Verteidigung der Menschenrechte und die integrale Förderung der Menschen wie auch die Anregung und Führung der christlichen Gemeinschaften selbst in den entferntesten Gegenden nicht verstehen könnte.

Daher habe ich angesichts der bevorstehenden Gedenkfeier zum 5. Jahrhundert der Evangelisierung das Bedürfnis verspürt, euch meine Gedanken und Wünsche mitzuteilen, wie ich es schon vorher für alle religiösen Gemeinschaften des kontemplativen Lebens getan habe,[2] denn ihr Ordensmänner und Ordensfrauen sollt in dieser Stunde der Gnade und der schwerwiegenden Verantwortung für die Zukunft Christus und der Kirche mit euren besten Kräften antworten.

Ich möchte nun mit euch allen gemeinsam über die Vergangenheit, die gegenwärtigen Anliegen und die Aufgaben für die Zukunft nachdenken, und ich bin sicher, dass eure Gemeinschaft mit dem Nachfolger des Petrus die Aufnahme und Durchführung dieser Weisungen für eine Erneuerung eures gottgeweihten Lebens und ein entschiedenes Eingreifen bei der Evangelisierung begünstigen wird.

So werdet ihr in enger Verbindung mit euren Hirten selbstlose Diener und Dienerinnen des Evangeliums Christi sowie eurer Brüder und Schwestern, zumal der Jugendlichen und der Armen in Lateinamerika sein, die von euch das leuchtende Zeugnis eines Lebens nach dem Evangelium erwarten, denn dies ist das erste und grundlegende Apostolat der Ordensleute in der Kirche.

I. Ein Blick auf die Vergangenheit: Die Ordensleute bei der sogenannten "Erstverkündigung " in der Neuen Welt

Der Beginn der EvangeJisierung

4. Es ist nun nicht meine Absicht, die Geschichte der Anfänge der Evangelisierung des Kontinents abzuschreiten, und erst recht möchte ich kein Urteil über das damals Geschehene abgeben. Wohl bietet die 500-Jahrfeier eine gute Gelegenheit zu gründlichem historischem Studium, um ein ausgewogenes Urteil und eine objektive Bilanz für jene einzigartige Initiative zu erreichen, die immer im Rahmen ihrer Zeit und mit einem deutlich kirchlichen Bewusstsein gesehen werden muss.

Ich möchte aber die im Ganzen positive Bewertung des Wirkens der ersten Verkünder des Evangeliums wiederholen, die großenteils Mitglieder von religiösen Orden waren. Viele hatten in schwierigen Verhältnissen zu arbeiten, und sie mussten praktisch neue Methoden der Evangelisierung für Völker und Stämme anderer Kulturen erfinden.

Der Fortgang der Evangelisierung war nach Ort und Zeit ungleichmäßig, sowohl was die Intensität des Einsatzes als auch die Tiefe des Eindringens in die verschiedenen Bereiche der Gesellschaft Lateinamerikas angeht. Während nämlich bestimmte Gebiete bereits fast vollständig christianisiert waren, machten sich andere erst allmählich für den langsamen Aufbau der Ortskirche bereit. Ja, in einigen Gebieten war es nicht leicht, eine klare Grenze zwischen der solide begründeten Kirche und den Missionsgebieten zu ziehen.

Mit einer gewissen Häufigkeit wurde die Taufe gespendet, ohne eine entsprechende Katechese über die Geheimnisse unseres Glaubens vorauszuschicken, mit anderen Worten ohne vorher die notwendige Evangelisierung zu leisten.

Doch ist festzustellen, dass wir bei der Bewertung der Tätigkeiten der Missionare der damaligen Zeit nicht pastorale Kriterien und Verfahrensweisen von heute anwenden dürfen, an die man vor 500 Jahren noch nicht denken konnte. Anderseits müssen wir auch gewisse Mängel von damals feststellen, um uns besser der Notwendigkeit bewußt zu werden, das begonnene Werk weiterzuführen und dabei die Irrtümer zu vermeiden und die Lücken auszufüllen, denn die Evangelisierung ist eine ständige Aufgabe der Kirche aller Zeiten und Orte, bis der Herr wiederkommt, um endgültig sein Reich aufzurichten.

Verteidiger der Rechte der Eingeborenen

5. Gewiss hatten die Missionare des Evangeliums Schwierigkeiten verschiedener Art zu meistern, die in menschlichen Verhaltensweisen begründet waren und ihre apostolische Arbeit hemmten, in einigen Fällen auch ernsthaft behinderten.

Zahlreiche Missionare sahen sich durch ihre Treue zum Evangelium nämlich verpflichtet, ihre Stimme prophetisch gegen die Missbräuche der Kolonisatoren zu erheben, die ihr eigenes Interesse auf Kosten der Rechte der Menschen verfolgten, die sie doch hätten achten und als Brüder lieben müssen.

Als ich im Jahre 1979 zum ersten Mal nach Lateinamerika kam, habe ich diese Herolde des Evangeliums gerühmt, "jene Ordensleute, die zur Verkündigung Christi, des Erlösers, herkamen, die Würde der Eingeborenen verteidigt und ihre unveräußerlichen Rechte verkündet, ihre integrale Förderung vertreten und sie jene Brüderlichkeit gelehrt haben, die sie als Menschen und Kinder Gottes, des einen Herrn und Vaters auszeichnen sollte".[3]


Unter diese "furchtlosen Kämpfer für die Gerechtigkeit, die den Frieden predigten", wie sie das Dokument von Puebla nennt,[4] müssen wir Antonio de Montesino rechnen, Bartolomé de Las Casas, Juan de Zumárraga, Toribio de Benavente "Motolinía", Vasco de Quiroga, Juan dei Valle, Julián Garcès, José de Anchieta, Manuel da Nóbrega und viele andere, die mit tiefem kirchlichem Empfinden die Eingeborenen gegen die Eroberer und Herrscher verteidigt haben, einige bis zur Hingabe ihres Lebens, wie es bei Bischof Antonio Valdivieso der Fall war.

Andere Ordensleute haben von Spanien aus die Arbeit ihrer Brüder und Missionare unterstützt. Unter ihnen haben sich Francisco de Vitoria und Domingo de Soto ausgezeichnet, denn sie haben die Grundelemente der Rechte der Eingeborenen aufgezeigt und für das künftige internationale Völkerrecht sichere Wege eröffnet.

Liebe ohne Grenzen

6. Das wertvollste Zeugnis der ersten Missionare war ihre historische Liebe zu Christus, die sie zur unbegrenzten Hingabe für den Dienst an ihren einheimischen Brüdern und Schwestern bereit machte. Was konnten sie beim Verlassen ihrer Familien und ihrer Heimat und beim Antreten einer Reise, die normalerweise keine Rückkehr versprach, auch anderes suchen? Der Glaube drängte sie, sich in das große Abenteuer zu stürzen; ein Glaube gleich dem des Abraham, der auf den Ruf des Herrn antwortete und seine Heimat und sein Vaterhaus verließ (vgl. Gen 12,1-4).

In der Hingabe dieser Ordensleute an die Predigt und den Aufbau des Reiches Christi spiegelt sich wie in einem lebendigen Buch das Echo der Worte des Apostels wider: "Da ich also von niemand abhängig war, habe ich mich für alle zum Sklaven gemacht, um möglichst viele zu gewinnen ... Den Schwachen wurde ich ein Schwacher, um die Schwachen zu gewinnen. Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten. Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an seiner Verheißung teilzuhaben" (1 Kor 9,19.22-23).

Die Kirche unter den Eingeborenen

7. Einige Pioniere der Evangelisierung wollten von Anfang an unter den Eingeborenen leben, um ihre Sprache zu erlernen und sich an ihre Gewohnheiten anzupassen. Andere förderten die Heranbildung von Katechisten und Mitarbeitern, die ihnen als Dolmetscher dienten, während sie ihrerseits ihre Sprache zu erlernen und ihre Geschichte und Kultur zu verstehen suchten, wie es die ersten Geschichtsschreiber der Evangelisierung, darunter Bernardino de Sahagun, bezeugen.

In diesem Zusammenleben mit den Eingeborenen wurden viele Missionare Bauern, Schreiner, erbauten Häuser und Tempel, gaben in Schulen Unterricht und lernten so die einheimische Kultur kennen. Sie wurden damit Förderer ursprünglicher Handwerke, die sich dann bald in den Dienst des Glaubens und des christlichen Gottesdienstes stellten. Die Kirche dankt dem Herrn, daß er in den Orden und in den Ordensinstituten so zahlreiche Missionsberufungen geweckt hat, die zu Trägern des christlichen Glaubens und einer großen Liebe zu den Eingeborenen wurden.

Obwohl diese bestimmte Aspekte der neu zu ihnen kommenden Kultur nicht übernahmen, so weckte doch die Präsenz der Missionare in ihnen eine wirkliche Öffnung für die Heilsbotschaft. Dies geht auf die Tatsache zurück, dass sich unter ihren Glaubensüberzeugungen und Sitten das fand, was die Kirchenväter "Samenkörner des Wortes" nannten, Strahlen von seinem Licht, die in Geist und Herz dieser Völker präsent waren und darauf warteten, durch die Predigt des Wortes und die Ausgießung des Heiligen Geistes befruchtet und bereichert zu werden.

Früchte der Predigt des Evangeliums

8. Dies bewirkte die Bekehrung einer großen Zahl von Eingeborenen zum Christentum, weil die Gnade Gottes sie antrieb und die Frohbotschaft ihre Überzeugungskraft ausübte. So prägte das Evangelium Glauben und Leben der Eingeborenen in Lateinamerika und brachte echte geistliche und menschliche Werte hervor. Auf meinen apostolischen Reisen habe ich selbst oft diese Werte des lateinamerikanischen Christentums feststellen können.

Inmitten von Licht und Schatten - mehr Licht als Schatten, wenn wir an die bleibenden Früchte des christlichen Glaubens und Lebens auf dem Kontinent denken -läßt uns daher die erste Aussaat des Wortes des Lebens unter so vielen Mühen und Opfern an die Worte des Apostels denken, die das Motto so vieler Missionare waren: "Wir wollten euch nicht nur am Evangelium Gottes teilhaben lassen, sondern auch an unserem eigenen Leben" (1 Thess 2,8).

Viele von diesen Samenkörnern bringen weiter in den religiösen Werten der Mehrheit des Kontinentes der Hoffnung Frucht, zumal in der Volksfrömmigkeit, mit der die Geheimnisse unseres Glaubens begangen werden.

Die Früchte der ersten Evangelisierung festigten sich im Verlauf der Jahrhunderte und sind heute für den Katholizismus des lateinamerikanischen Volkes kennzeichnend, der auch durch seinen tiefen Sinn für Gemeinschaft, sein Verlangen nach sozialer Gerechtigkeit, seine Treue zum Glauben der Kirche, seine tiefe marianische Frömmigkeit und seine Liebe zum Nachfolger des Petrus glänzend dasteht.

Fünf Jahrhunderte evangelisierender Präsenz

9. Die anfängliche Evangelisierung galt vor allem den eingeborenen Völkern, die in einigen Gegenden eine beachtlich entwickelte Kultur besaßen. In jedem Fall ging es um die Durchführung einer Inkulturation des Evangeliums. In dem Maß, wie sich dann später die Zahl der Einwanderer aus Europa vermehrte, musste sich die Evangelisierung der Missionare einer gemischten Gesellschaft zuwenden, aus der die heutige Gesellschaft Lateinamerikas mit ihrer reichen Verschiedenheit an Rassen, Überlieferungen und Gewohnheiten hervorgegangen ist. Die christliche Kultur wurde nicht nur in ihren menschlichen Empfindungen und in den verschiedenen Formen der Volksfrömmigkeit bleibend geprägt, sondern auch in den vielfältigen Ausdrucksformen der kolonialen sakralen Kunst, in der sich außerordentlich begabte einheimische Künstler hervortaten, von denen die Mehrzahl freilich anonym blieb.

Auf dem langen und nicht leichten Weg der Kirche in Lateinamerika, der von herausragenden historischen Ereignissen - nicht nur zur Zeit der Kolonisation, sondern auch bei der Unabhängigkeitsbewegung sowie den neueren politischen Ereignissen dieses Jahrhunderts gekennzeichnet war, haben die Ordensinstitute eine sehr wichtige Rolle gespielt.

Diese haben mit der örtlichen Hierarchie bei der Festigung der Evangelisierung und dem Aufbau kirchlicher Institutionen zusammengearbeitet, aber auch bei der Förderung einheimischer Berufungen und dem Aufblühen neuer Charismen des gottgeweihten Lebens, die in der eigenen Kultur entstanden und verwurzelt blieben, und sie übernahmen mit ihnen immer neue apostolische Aufgaben.

Zeugnis der Heiligkeit

10. Bei diesem kurzen historischen Durchblick muss ich unbedingt ein entscheidendes Element als reife Frucht der Evangelisierung nennen, nämlich die Heiligkeit zahlreicher Söhne und Töchter der lateinamerikanischen Kirche. In ihr sind echte Vorbilder der Heiligkeit aufgestanden, die sie mit ihrem Beispiel leiten und mit ihrer Fürbitte anregen. Viele von diesen Seligen gehören verschiedenen Ordensinstituten an. Einige, die zumal aus Spanien kamen, weihten ihr Leben und ihre missionarische Arbeit diesen Ländern, und man darf sie mit Recht zu den lateinamerikanischen Heiligen rechnen. Andere, und zwar der Großteil, waren eingeborene Kinder eures Volkes und gehörten den verschiedensten sozialen Schichten an. Wir haben sie am Anfang der Evangelisierung, in den späteren Jahrhunderten und fast bis in unsere Tage; einige von ihnen waren sogar Gründer neuer Ordensfamilien.

Gern greife ich aus diesem bewundernswerten Chor der Heiligen und Seligen als Beispiele des gottgeweihten Lebens Petrus Claver heraus, Franziscus Solanus und Luis Beltran, Juan Macfas, Rosa von Lima, Martfn de Porres, Felipe de Jesus, Mariana de Jesus Paredes, Miguel Febres, Roque Gonzales und seine Gefährten im Martyrium, Petrus vom hl. Joseph Betancurt, Ezequiel Moreno, Ana von den Engeln Monteagudo, Teresa von den Anden und Miguel Pro. Diese und andere Heiligen sind der kostbarste Reichtum des Christentums in der Neuen Welt, Vorbilder und Anregung für die kommenden Generationen von Ordensmännern und Ordensfrauen, die nie vergessen dürfen, dass sie zu einem persönlichen und gemeinschaftlichen Zeugnis für die Heiligkeit der Kirche berufen sind.

Errichtung der Hierarchie

11. Mit der Erinnerung an die erste Evangelisierung und an ihre überreichen Früchte christlichen Lebens müssen wir die bedeutsame Arbeit der Ordensleute für den Aufbau der kirchlichen Hierarchie in Erinnerung rufen. Tatsächlich hat man sich neu darauf besonnen, dass eine gewisse Zeit hindurch der Großteil der Hirten der ersten Bischofssitze des Kontinents Ordensleute waren. Diese haben dann für die Gründung der kirchlichen Gemeinschaften in der Neuen Welt einen entscheidenden Beitrag geleistet.

Unter diesen Hirten können wir Fra Pedro Suárez von Deza nennen, der den Bau der ersten Kathedrale auf eurem Kontinent in die Hand nahm; dann die Pioniere der mexikanischen Hierarchie, Fra Juan von Zumárraga und Fra Julián Garcés, die den Ehrentitel "Beschützer der Indios" erhielten; Fra Jerónimo Loaysa, Förderer der ersten Synoden von Lima, die für die Evangelisierung und für die Einpflanzung der Kirche in Amerika von großer Bedeutung waren. Nicht zu vergessen ist freilich, dass unter diesen ersten Hirten sich auch hervorragende Gestalten aus dem spanischen Weltklerus befanden, darunter der hl. Toribius von Mogrovejo, Erzbischof von Lima und Patron der Bischöfe von Lateinamerika.

Von der Vergangenheit her in die Gegenwart schauen

12. Dieser rasche geschichtliche Überblick über das kirchliche Leben Lateinamerikas weckt in mir ein Gefühl tiefer Dankbarkeit gegen den Herrn für die Arbeit so vieler Ordensmänner und Ordensfrauen, die den Samen des Evangeliums Christi ausgestreut haben. Zugleich möchte ich euch alle, liebe Ordensleute, herzlich auffordern, der Hochherzigkeit und Hingabe dieser ersten Verkünder des Evangeliums nachzueifern.

Gerade weil Lateinamerika auch mitten in den Schwierigkeiten der heutigen Zeit dem katholischen Glauben im Herzen seiner Menschen treu bleibt, richtet die ganze Kirche ihren Blick auf diesen Kontinent der Hoffnung. Und weil vielerorts die Ordensmänner und Ordensfrauen unter den Seelsorgekräften, die die Lebenskraft der kirchlichen Gemeinschaften aufrechterhalten, eine qualifizierte Mehrheit bilden, hängt die Verwirklichung dieser Hoffnung der Kirche großenteils von ihnen ab.

II. Die Anliegen der Gegenwart: Gottgeweihtes Leben und kirchliche Gemeinschaft

Treue zum Zweiten Vatikanischen Konzil

13. Der Heilige Geist, der "durch die Kraft des Evangeliums sich die Kirche allezeit verjüngen lässt, erneuert sie immerfort und geleitet sie zur vollkommenen Vereinigung mit ihrem Bräutigam".[5] Er hat das Volk Gottes providentiell durch die Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils für eine bessere Erfüllung seiner apostolischen Sendung in der Welt von heute gegen Ende des zweiten Jahrtausends mitten in allen neuen und anspruchsvollen Situationen, in denen wir leben, vorbereitet.

Daher müssen alle, die die geoffenbarte Wahrheit lieben und die Dringlichkeit der apostolischen Aufgabe in der heutigen Welt spüren, ihren Blick auf das Lehramt der Kirche richten und in Befolgung der Weisungen des Konzils getreu die Ansprüche des Evangeliums Christi für die heutige Zeit zu erkennen suchen, ohne sich von Ideologien verwirren zu lassen, die der Offenbarung fremd sind.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat vor allem in der Dogmatischen Konstitution Lumen gentium die Lehre über die Kirche dargelegt und uns aufgefordert, sie auch als Volk Gottes, das auf das himmlische Jerusalem hin unterwegs ist,[6] zu betrachten. Zugleich hat es die hierarchische Natur und Struktur der Kirche als Ausdruck der apostolischen Nachfolge herausgestellt, die in ihr so, wie ihr göttlicher Stifter sie gewollt hat,[7] verwirklicht ist.

Das Dienstpriestertum führt innerhalb der hierarchischen Verfassung der Kirche das Werk der Heiligung weiter, was sich auch in einer Haltung der Dienstbereitschaft zeigt, die Christus zum obersten Vorbild hat und dazu beiträgt, die ganze Kirche in der Gemeinschaft des Glaubens, des Gottesdienstes und des Lebens zu erhalten. Die Bischöfe üben als Nachfolger der Apostel diesen Dienst ebenfalls aus durch ihre gegenseitige Gemeinschaft und Kollegialität unter der Vollmacht des römischen Bischofs, der Nachfolger des Petrus ist und direkt von Christus den Primat empfangen hat.[8]

Der kirchliche Sinn des Volkes Gottes

14. Das Volk Gottes in Lateinamerika empfindet tief die Gemeinschaft der Kirche, den Gehorsam und die Liebe gegenüber ihren Hirten, wie auch eine kindliche Zuneigung zum Papst. All dies erklärt seine jahrhundertealte Treue zum überkommenen Glauben, aber auch sein Bewusstsein, ein aktiver Teil der universalen Kirche zu sein. Fest in seinen Glaubensüberzeugungen verwurzelt, hat es den Angriffen des Laizismus widerstanden und dafür bei nicht wenigen seiner Kinder heroische Beweise bis zum Martyrium erbracht.

Der dringende Aufruf zu einer neuen Evangelisierung des Kontinents hat zum Ziel, den Glauben zu vertiefen und ihn immer mehr in den Gewissen und im sozialen Leben zu verankern. Daher müssen die Ordensleute ihre volle Treue zu den Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils wahren und konsequent ihre Gemeinschaft mit den Hirten als Zeugnis für eine vollkommene Übereinstimmung innerhalb der Kirche zur Erbauung des Volkes Gottes zum Ausdruck bringen.

Die kirchliche Dimension des gottgeweihten Lebens

15. Gerade dieses Konzil wollte Berufung und Sendung der Ordensinstitute wie auch die Identität eines jeden gottgeweihten Menschen, der zur Heiligkeit berufen ist, im Geheimnis der Kirche verankern.

Die Theologie des Ordenslebens, wie sie in der dogmatischen Konstitution Lumen gentium und im Dekret Perfectae caritatis wie auch in zahlreichen weiteren Dokumenten des Lehramts aus der Zeit nach dem Konzil dargelegt ist, hat in Lateinamerika wohlwollende Aufnahme gefunden, was sich auch in schöpferischen Leistungen gezeigt hat. Auch das Dokument von Puebla hat die positiven Tendenzen des gottgeweihten Lebens in Lateinamerika innerhalb der Sendung der Kirche aufgegriffen, zumal im Hinblick auf die Gemeinschaft und die Beteiligung an der Evangelisierung.[9] Leider hat es dennoch bei diesem Punkt nicht an Abweichungen und allzu radikalen und einseitigen Haltungen gefehlt, die bei einigen Gelegenheiten den Sinn für die Kirche verdunkelt haben.

Es ist nun nicht meine Absicht, hier die Lehren des Lehramtes der Kirche über das gottgeweihte Leben, wie sie vom Zweiten Vatikanischen Konzil in den eben erwähnten Dokumenten vorgelegt wurden, ausdrücklich zu wiederholen. Diese Lehräußerungen des Konzils sind in den letzten 25 Jahren von meinen Vorgängern in zahlreichen Ansprachen, Botschaften und in einigen Dokumenten von besonderer Wichtigkeit ausführlich entfaltet worden, wie im Apostolischen Schreiben Papst Paul VI. Evangelica testificatio vom 29. Juni 1971.[10] Meinerseits habe ich im Heiligen Jahr der Erlösung an alle Ordensleute der Welt das Apostolische Schreiben Redemptionis donum gerichtet.[11]

Auch die Kongregation für die Institute des gottgeweihten Lebens und für die Gesellschaften des apostolischen Lebens hat dazu kürzlich eine Instruktion mit.dem Titel "Richtlinien für die Ausbildung in den Ordensinstituten" veröffentlicht.

Dieses Dokument bietet ebenso wie die oben erwähnten genaue Hinweise für die persönliche Ausbildung und das Gemeinschaftsleben der Ordensleute, die kraft ihrer persönlichen Weihe an Gott voll in der Kirche im Einsatz stehen und in eurem konkreten Fall die ständige Verpflichtung zur Evangelisierung in Lateinamerika erfüllen. In diesen Dokumenten werden auch Identität und Echtheit des gottgeweihten Lebens sowie seine kirchliche Dimension dargestellt. Darauf möchte ich eingehen und besonders an eure Arbeit als Boten des Evangeliums denken.

Nachfolge Christi und Weihe an Gott im Ordensstand

16. Die Identität und Echtheit des Ordenslebens ist durch die Nachfolge Christi und die Weihe an ihn durch die Profeß der evangelischen Räte der Keuschheit, der Armut und des Gehorsams gekennzeichnet. Darin kommt die gänzliche Hingabe an den Herrn zum Ausdruck und die Gleichgestaltung mit Ihm in seiner Hingabe an den Vater und an die Mitmenschen. Die Nachfolge Christi im gottgeweihten Leben setzt eine besondere Gelehrigkeit für das Wirken des Heiligen Geistes voraus, ohne die die Treue zur eigenen Berufung ohne Inhalt bleiben würde.

Jesus Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, der Herr des Lebens und der Geschichte, muss das lebendige und ständige Ideal aller gottgeweihten Menschen sein. Von seinem Wort leben sie, in seiner Begleitung gehen sie ihren Weg, seine Präsenz in ihrem Inneren ist ihre Freude, und sie nehmen an seiner Heilssendung teil. Seine Person und sein Geheimnis bilden die Botschaft und das wesentliche Zeugnis eures Apostolats. Es kann keine Einsamkeit geben, wenn er Herz und Leben erfüllt. Es können auch keine Zweifel an der eigenen Identität und Sendung aufkommen, wenn wir sein Geheimnis und seine Gegenwart unter den Menschen verkünden, mitteilen und inkarnieren.

Alle Ordensleute müssen diese Vereinigung mit Christus ständig durch das Hören seines Wortes erneuern, ferner durch die Feier seines Paschamysteriums in den Sakramenten - zumal in denen der Versöhnung und der Eucharistie - wie auch in eifrigem Gebet. Nur so könnt ihr echte Verkünder des Evangeliums sein, die den geistlichen Bedürfnissen des Volkes Gottes entsprechen können mit einem Herzen voll Mitgefühl, aus dem die gleichen Empfindungen wie bei Christus aufsteigen.

Paschamysterium und evangelische Räte

17. Tatsächlich besitzen die evangelischen Räte eine tief österliche Dimension, weil sie eine Gleichgestaltung mit Christus, mit seinem Tod und seiner Auferstehung voraussetzen. Daher müssen sie auch in der Haltung Christi gelebt werden, der "sich entäußerte" (kenosis) und gehorsam war bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz (v gl. Phil 2,5-8). Zugleich werden wir aber auch der Freude des neuen Lebens teilhaftig, zu dem wir berufen sind, um so in allem dem Heilswillen des Vaters zu entsprechen. Die Profeß der evangelischen Räte macht euch also zu Zeugen der Auferstehung des Herrn und der umgestaltenden Kraft seines Pfingstgeistes.

Zur Ganzhingabe des gottgeweihten Menschen gehört wie bei Jesus von Nazaret ein inneres Band zwischen den drei evangelischen Räten, so dass das Wachsen und Reifen in der Praxis des einen zugleich die anderen fruchtbar macht; umgekehrt gefährdet der Mangel an Treue in einem der Räte die Gediegenheit und Echtheit der anderen.

Nicht wahrhaft arm nach dem Vorbild und Maßstab Christi ist also, wer nicht unverkürzt die Keuschheit und den Gehorsam lebt; nicht reinen Herzens ist, wer keine Armut praktiziert und nicht mit Freude freiwilligen Gehorsam lebt; nicht dem Plan des Vaters und den Erfordernissen des Reiches ist gehorsam, wer nicht mit reinem und ungeteiltem Herzen die Loslösung von den irdischen Dingen erwählt.

Mit der Ganzhingabe des eigenen Lebens aus Liebe zu Gott sind die Ordensleute beredte Zeugen für den Primat und die bleibende Geltung der Botschaft des Evangeliums, die die Idole dieser Welt, Macht, Reichtum und Vergnügen, dem Gericht unterwirft. Die Ordensleute erweisen so in sich selber jene Reife, die man durch die Hingabe der eigenen Freiheit in den ausschließlichen Dienst für Gott und die Mitmenschen gewinnt.

Hier möchte ich euch an das erinnern, was ich in der Enzyklika Redemptor hominis gerade im Gedanken an die gottgeweihten Menschen geschrieben habe: "Menschliche Reife bedeutet den vollen Gebrauch des Geschenkes der Freiheit, das wir vom Schöpfer in dem Augenblick erhalten haben, in dem er den ,nach seinem Bild und Gleichnis´ erschaffenen Menschen ins Dasein gerufen hat. Dieses Geschenk findet seine volle Entfaltung in der vorbehaltlosen Hingabe der eigenen menschlichen Person an Christus im Geist bräutlicher Liebe und mit Christus an alle, zu denen er Männer und Frauen sendet, die ihm durch die evangelischen Räte ganz geweiht sind".[12]

Wahre Freiheit und echte Befreiung

18. Diese reife Menschlichkeit von Ordensmännern und Ordensfrauen braucht der lateinamerikanische Kontinent heute, wenn Jesus Christus in Wort und Leben verkündet und so eine neue Menschheit nach dem Geist der Seligpreisungen aufgebaut werden soll.

Die Geschichte der letzten 500 Jahre bezeugt die Treue zahlreicher Ordensleute, die dazu beigetragen haben, das Erbe der Erstverkündigung lebendig zu erhalten und zu bereichern. Man darf nicht vergessen, dass all jene, die sich dem Dienst der Kirche durch die evangelischen Räte und im Geist der Seligpreisungen geweiht haben, wirksam zum Werk der Evangelisierung beitragen, denn sie stützen die Predigt des Wortes durch die Kraft ihres eigenen Zeugnisses.

Wichtig ist daher, dass dieses Zeugnis nicht durch verkürzende Deutungen des Evangeliums und deren Einfluss entstellt wird, denn so könnte der wahre Gehalt seiner Botschaft und auch das gottgeweihte Leben selbst geschädigt werden und in die Gefahr geraten, vor der schon der Herr gewarnt hat, dass das Salz nämlich schal wird und seinen Geschmack verliert (vgl. Mt 5,13).

In den letzten Jahren hat die Kongregation für die Glaubenslehre angesichts gewisser Strömungen, die eine besondere Hermeneutik der Offenbarung - mit schwerwiegenden Auswirkungen auf Leben und Sendung der Kirche und auch auf das Ordensleben, wie es bei einigen Formen der Theologie der Befreiung der Fall ist - vorgelegt hatten, zwei Dokumente veröffentlicht, Libertatis nuntius (1984) und Libertatis conscientia (1986), um die Leitlinien des Denkens der Kirche über die echte Freiheit und die wahre Befreiung im Sinn des Evangeliums aufzuzeigen.

Diese beiden Instruktionen sind nicht nur in sich selbst gültig, sie erweisen sich zugleich als wahrhaft prophetisch, denn sie haben zur Entlarvung trügerischer ideologischer Utopien und politischer Anbiederungen, die mit Lehre und Sendung Christi und seiner Kirche nichts zu tun haben, beigetragen.

Das Wort des Herrn, das uns zur vollen Freiheit der Kinder Gottes beruft, fordert uns weiter zur Treue auf: "Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wirklich meine Jünger. Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen"

(Joh 8,31-32). Nur Jesus Christus befreit. Nur in seiner Liebe, die wir erfahren und weiterschenken, finden wir zu echter Befreiung.

Die bevorzugte Option für die Armen

19. In diesem Zusammenhang muss notwendig erneut die richtige Bedeutung der bevorzugten Option für die Armen betont werden, die weder exklusiv sein noch jemanden ausschließen darf; es ist eine besonders natürliche Option für all jene, die nach dem evangelischen Rat der Armut leben und berufen sind zur Liebe, zum Annehmen der Armen, um ihnen" mit den innersten Gesinnungen Jesu Christi" zu dienen.[13]

Wie bereits das Dokument von Puebla bemerkt hat, wurde in letzter Zeit bei den Ordensleuten Lateinamerikas die bevorzugte Option für die Armut sehr deutlich empfunden.[14] Zahlreiche Ordensleute leben gemäß dieser bevorzugten Option im echten Geist des Evangeliums, stark von den Worten des Herrn motiviert und zugleich in konsequenter Treue zum Geist ihres eigenen Instituts. So sind Ordensmänner und Ordensfrauen in den Randzonen präsent, unter den Eingeborenen, aber auch bei den Alten und Kranken, in den zahllosen Elendsituationen, die Lateinamerika durchzumachen und durch zu leiden hat, wie z. B. die neuen Formen der Armut, die sich vor allem bei den Jugendlichen finden, wenn diese dem Alkohol und der Droge verfallen. Durch die Ordensleute wird die Kirche zur Dienerin an ihren am meisten notleidenden Brüdern und Schwestern, in deren vom Schmerz gekennzeichneten Zügen sie die Züge des leidenden Christus, ihres Herrn erkennt, der uns anspricht und uns das Endgericht vor Augen stellt, bei dem wir nach unserer Liebe gerichtet werden.[15]

Theologale Tugenden und gottgeweihtes Leben

20. Doch hat es Fälle gegeben, wo eine irrige Deutung des Problems vom Marxismus her zu einem falschen Begriff und einer anormalen Praxis der Option für die Armen und des Armutsgelübdes geführt haben. Weil man nicht mehr an der Armut Christi Maß nahm und diese aus ihrem Umfeld, nämlich dem theologalen Leben loslöste, verlor sie ihre Kraft. Das gottgeweihte Leben muss daher fest in den theologalen Tugenden verankert sein, damit der Glaube nicht dem Blendwerk der Ideologien weicht; damit die christliche Hoffnung nicht mit Utopien verwechselt wird und die universale Liebe, die sogar die Feindesliebe einschließt, nicht der Versuchung zur Gewaltanwendung unterliegt.

Es hat nicht an Fällen gefehlt, wo diese Option zu einer Politisierung des gottgeweihten Lebens geführt hat, Eintreten für bestimmte Parteien und Gewaltanwendung nicht ausgeschlossen. Dabei wurden die Menschen und die religiösen Institutionen für Ziele mißbraucht, die der Sendung der Kirche fremd sind.

Wir müssen uns daher notwendig an das erinnern, was die Instruktion Libertatis conscientia ausgeführt hat: "Die Option, die den Armen den Vorzug gibt, ist weit davon entfernt, ein Zeichen von Partikularismus und Sektarismus zu sein; sie offenbart vielmehr, wie universal Sein und Sendung der Kirche sind. Diese Option schließt niemanden aus. Das ist der Grund, warum die Kirche diese Option nicht mit Hilfe von einengenden soziologischen und ideologischen Kategorien zum Ausdruck bringen darf; sie würden aus dieser vorrangigen Zuwendung eine parteiische Wahl konfliktbetonter Art machen".[16]

Das Salz darf seinen Geschmack nicht verlieren! Das Ordensleben kann nicht darauf verzichten, lebendiges Zeugnis vom Himmelreich, wie es den Armen verheißen ist, zu sein. Jesus macht darauf aufmerksam: "Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten" (Mt 5,13). Es kann manchmal geschehen, dass das Volk Gottes bei den gottgeweihten Personen nicht die gewünschte Unterstützung findet, weil diese vielleicht in ihrem Leben nicht genügend den starken Sinn für Gott zeigen, den sie weitergeben müssten.

Solche Situationen können bewirken, dass viele arme und einfache Menschen wie es leider geschieht - eine leichte Beute der Sekten werden, in denen sie einen religiösen Sinn für ihr Leben suchen, den sie vielleicht nicht bei denen finden, die ihn eigentlich mit vollen Händen anbieten sollten.

Förderung der sozialen Solidarität

21. Diese ganze Problematik ist weit davon entfernt, das Eintreten für Gerechtigkeit und Freiheit zu behindern; sie zeigt vielmehr, dass die Kirche in Lateinamerika mit der kräftigen Unterstützung der Ordensleute sich bemühen muss, die bevorzugte Option für die Armen richtig zu verstehen und durchzuführen.

Die sozio-ökonomische Lage einiger Nationen Lateinamerikas macht tiefe Sorge. Weil die Kirche diese Wirklichkeit in vollem Umfang kennt, will sie das Bewusstsein der Bürger mit dem Evangelium und der katholischen Soziallehre erhellen. Sie begünstigt mit ihrer Verkündigung des Evangeliums die integrale Förderung der Menschen und wendet sich daher an die Laien, zumal an jene, die an der Spitze der verschiedenen staatlichen Stellen stehen, damit sie Förderer einer echten sozialen Gerechtigkeit werden. Hier hat die Kirche zahlreiche Institutionen für die am meisten Notleidenden und in ihnen ein Klima herzlichen Willkommens geschaffen, um den Menschen zugleich den Weg der christlichen Hoffnung zu eröffnen.

Um zahlreiche Lücken in weiten Kreisen der Bevölkerung auszufüllen, rechnen die Hirten der Kirche in Lateinamerika mit der unschätzbaren Zusammenarbeit vieler von euch Ordensleuten, die ihr auf so vielen verschiedenen Gebieten bereits das Apostolat ausübt. Bei eurer Präsenz unter den Menschen seid ihr für die Anregung zahlreicher kirchlicher Gemeinschaften und zumal für die religiöse und moralische Bildung der Laien verantwortlich; euch ist zumal die christliche Erziehung der Jugend durch euren Unterricht und durch eure Katechese anvertraut.

Ihr alle müsst daher den rechten Sinn für soziale Gerechtigkeit wecken, der von der Bruderliebe als unerläßlicher Grundlage ausgeht, damit jedes Land im Rahmen des Gemeinwohls weiter in Frieden und Harmonie wachsen und so eine allen zugute kommende kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung erreichen kann. Auf diese Weise wird der Kontinent der Hoffnung immer mehr zu einer echten Gemeinschaft von Brudernationen.

Neu die Bande der kirchlichen Gemeinschaft festigen

22. Das Zweite Vatikanische Konzil hat den tief kirchlichen Sinn des gottgeweihten Lebens herausgestellt, der sich in einer aufrichtigen Gemeinschaft und Zusammenarbeit mit den Hirten der Kirche äußern muss.

Die Geschichte der Erstverkündigung zeigt überreich den Beitrag der Ordensleute bei der Aufrichtung und Festigung der kirchlichen Hierarchie auf dem lateinamerikanischen Kontinent. Auch heute sind zahlreiche Bischöfe dieser Kirche für ihren pastoralen Dienst aus den Ordensleuten genommen.

Die Beziehungen zwischen Bischöfen und Ordensleuten sind im allgemeinen zufriedenstellend. Man könnte sagen, dass sie durch die Weisungen des Hl. Stuhls und dank des guten gegenseitigen Verständnisses zwischen den Organen der Gemeinschaft und Zusammenarbeit, wie sie zwischen den Diözesen und den Ordensinstituten geschaffen wurde, positive Anregungen erhalten haben.[17] Doch hat es in bestimmten Situationen auch nicht an Missverständnissen und heftigen Gegensätzen gefehlt, die nicht einer echten Ekklesiologie der Gemeinschaft entsprechen, Frieden und Eintracht stören und die Aufgabe der Kirche, das Evangelium zu verkünden, negativ beeinflussen.

Die Tatsache, dass sich die Ordensinstitute einer berechtigten Autonomie ihres Lebens erfreuen, von der der Codex des Kirchenrechts spricht,[18] darf keinen Vorwand für eine apostolische Tätigkeit am Rande der Hierarchie oder gar für das Ignorieren ihrer pastoralen Weisungen abgeben.

Es wäre gegen die Natur der Kirche und des gottgeweihten Lebens selbst, wenn die Ordensleute und ihre Institutionen eine Art parallele Funktion mit einer parallel laufenden Pastoral oder in einem parallelen Lehramt beanspruchen würden. Es wäre auch eine falsche Vorstellung, wenn man meinen würde, die Ordensleute wären wegen ihrer kirchlichen Berufung mit einer prophetischen Rolle betraut, die die Hirten der Kirche nicht besäßen, und man könnte so das Charisma des gottgeweihten Lebens der Hierarchie, das prophetische Wirken der Ordensleute aber der Sendung der Bischöfe und dem prophetischen Charakter der Berufung der Laien entgegensetzen.

Diese Tendenzen oder Haltungen finden in einer richtigen Ekklesiologie des Ordenslebens keinerlei mögliche Rechtfertigung. Sie stehen im Gegenteil in klarem Widerspruch zur Natur des gottgeweihten Lebens, das ein Leben der Gemeinschaft und der Einheit ist. Sie entsprechen ebensowenig dem Geist der Gründer, die das Empfinden, Kirche zu sein und mit der Kirche zu denken, immer als sicheres Unterscheidungsmerkmal bewahrt und in vollkommener Gemeinschaft mit ihren Hirten gewirkt haben; sie passen auch nicht zu einer richtigen Auffassung der apostolischen Sendung der Ordensleute, die ja keine andere sein kann als der Aufbau des Reiches und seine Ausbreitung innerhalb des Rahmens kirchlicher Einheit.

Affektive und effektive Verbundenheit von Bischöfen und Ordensleuten

23. In jeder Ekklesiologie der Gemeinschaft, die sich an der Lehre des Konzils ausrichtet,[19] ist die Förderung einer gediegenen und organischen affektiven und effektiven Verbundenheit von Ordensleuten und Bischöfen entscheidend wichtig. Die Autonomie der Ordensleute, auf die ich angespielt habe, hat ihre Grundlage in ihrem Gehorsam gegen den Papst und den HI. Stuhl, als Ziel aber ein besseres und hochherzigeres Mitwirken bei seiner Sorge um das Wohl aller Kirchen. Außerdem setzt diese Autonomie in jedem Fall auf pastoralem Gebiet die geschuldete Unterwerfung unter die Bischöfe voraus.[20]

Nun kann aber das Mitwirken der Ordensleute bei der Sorge für alle Kirchen nicht ohne organische Gemeinschaft mit dem pastoralen Dienst der Bischöfe und ohne Gehorsam gegenüber ihren Verfügungen für den Gottesdienst, die Evangelisierung und Katechese erfolgen, wie es das Kirchenrecht vorschreibt.

Es ist also klar, dass die pastoralen Initiativen der Ordensleute und ihrer Koordinationsorgane auf diözesaner, nationaler oder übernationaler Ebene unzweideutig und ohne Vorbehalte eine vollkommene Gemeinschaft mit den Hirten der Kirche in ihrer jeweiligen Zuständigkeit sichtbar machen müssen, weil die Bischöfe "rechtmäßige Lehrer und Zeugen der göttlichen und katholischen Wahrheit" sind und daher "bezüglich der Glaubensunterweisung sowohl in den Studienzentren als auch bei der Verwendung der Medien für die Glaubensvermittlung" verantwortlich über die Ordensleute wachen müssen, z. B. über ihre Veröffentlichungen und ihre Verlage.[21]

Je größer aber der Einfluss ist, den die Ordensleute bei der Verbreitung der Lehre haben können, desto verantwortlicher müssen sie sich um die integrale Übermittlung der Wahrheit und die Gemeinschaft mit der Hierarchie bemühen und jede mögliche Verwirrung der Gläubigen bzw. Entstellung der geoffenbarten Wahrheit vermeiden.

Alle müssen sich daher bemühen, jede Entfremdung zwischen Bischöfen und Ordensleuten zu vermeiden, weil das der ganzen Verkündigung des Evangeliums schweren Schaden zufügen kann. Ich bitte daher die einen wie die anderen, immer mehr die Bande der Gemeinschaft zu festigen und mit entsprechenden Mitteln das gegenseitige Kennenlernen sowie aufrichtige Wertschätzung untereinander und das Zeugnis der Einheit zu fördern; die Bischöfe müssen das unermeßliche Geschenk des gottgeweihten Lebens mit aller Verschiedenheit seiner Charismen wertschätzen und fördern, ohne zu vergessen, dass sie zugleich Förderer der Treue zum Ordensberuf im Geist eines jeden Instituts sein müssen.[22]

Ich bitte ebenso die Ordensleute, die im Dienst der Kirche in Gemeinschaft zu leben berufen sind, sie mögen sich um die lebendige Aufrechterhaltung der Gemeinschaft und Zusammenarbeit mit den Bischöfen und die notwendige Achtung vor ihrer Autorität in der Seelsorge bemühen.

Dieser Geist erneuerter Gemeinschaft zwischen Bischöfen und Ordensleuten in Lateinamerika wird eines der Themen zum Studium und Überlegen bei der IV. Generalversammlung des lateinamerikanischen Episkopates sein, die für 1992 vorbereitet wird. Das erfordert sowohl die große Zahl der Ordensmänner und Ordensfrauen, die auf dem Kontinent leben, als auch die unerläßliche Präsenz ihrer Charismen, Institutionen und neuen Berufungen, die für das Werk der Evangelisierung notwendig sind. Ohne den hochherzigen Beitrag des gottgeweihten Lebens kann die große Aufgabe einer neuen Aussaat des Evangeliums nicht erfüllt werden.

III. Die Aufgaben der Zukunft: Die Ordensleute bei der neuen Verkündigung des Evangeliums

Im Dienst des Reiches

24. Die Feier des V. Jahrhunderts seit Beginn der Evangelisierung Amerikas drängt uns in besonderer Weise zu einer neuen Verkündigung der Heilsbotschaft Christi an die Männer und Frauen unserer Zeit.

Wie es das nach synodale Apostolische Schreiben Christifideles laici formuliert hat, muss "die Kirche heute auf dem Gebiet der Evangelisierung einen großen Schritt nach vorne tun und in eine neue historische Etappe ihrer missionarischen Dynamik eintreten".[23] Im gleichen Dokument habe ich gerade im Blick auf Lateinamerika geschrieben: "In anderen Gebieten und Ländern dagegen sind bis heute die traditionelle christliche Volksfrömmigkeit und -religiosität lebendig erhalten; dieses moralische und geistliche Erbe droht aber in der Konfrontation mit komplexen Prozessen vor allem der Säkularisierung und der Verbreitung der Sekten verloren zu gehen.

Nur eine neue Evangelisierung kann die Vertiefung eines reinen und festen Glaubens gewährleisten, der diese Tradition zu einer Kraft wahrer Befreiung zu machen vermag. Es ist mit Sicherheit notwendig, überall die christliche Substanz der menschlichen Gesellschaft zu erneuern. Voraussetzung dafür ist aber die Erneuerung der christlichen Substanz der Gemeinden, die in diesen Ländern und Nationen leben".[24]

Die Ordensleute, die die ersten Verkünder des Evangeliums gewesen sind - und in einer so bedeutsamen Weise zur lebendigen Aufrechterhaltung des Glaubens auf dem Kontinent beigetragen haben - können sich diesem Aufruf der Kirche für eine neue Verkündigung des Evangeliums nicht entziehen. Die unterschiedlichen Charismen des gottgeweihten Lebens machen die Botschaft Jesu lebendig, präsent und aktuell für jede Zeit und jeden Ort, auch durch die Worte und das Zeugnis der Gründer, die im Verlauf der Geschichte der Kirche den erhabenen Reichtum des Geheimnisses und des Dienstes Christi zum Ausdruck gebracht haben, "wie er auf dem Berg in der Beschauung weilt oder wie er den Scharen das Reich Gottes verkÜndigt oder wie er die Kranken und Schwachen heilt und die Sünder zum Guten bekehrt oder wie er die Kinder segnet und allen Wohltaten erweist, immer aber dem Willen des Vaters gehorsam ist, der ihn gesandt hat".[25]


Deswegen erhofft sich die Kirche bei der neuen Verkündigung des Evangeliums von den Ordensleuten einen ständigen und entscheidenden Antrieb, weil sie, jeder nach seinem Charisma, berufen sind, "Christi frohe Botschaft in der ganzen Welt zu verbreiten".[26] Die Dringlichkeit der neuen Evangelisierung in Lateinamerika, die seine katholischen Wurzeln, seine Volksfrömmigkeit, seine Überlieferungen und Kulturen mit neuem Leben erfüllen soll, macht es notwendig, dass die Ordensleute heute wie gestern - in enger Gemeinschaft mit ihren Bischöfen - weiter in vorderster Front der Predigt stehen und immer vom Evangelium des Heiles Zeugnis geben.

Dazu möchte ich einige weitere Hinweise anbieten, die euch in eurem gottgeweihten Leben im Dienste des Reiches als Ermutigung und Amegung dienen können.

Ausgehen von einer tiefen Gotteserfahrung

25. Eines der Merkmale, die das gottgeweihte Leben in Lateinamerika in den letzten Jahrzehnten ausgezeichnet haben, ist das Suchen nach einer echten Gotteserfahrung, die gleichsam ein neuer Name für die Kontemplation ist. Sie geht von der Betrachtung des Wortes Gottes aus und führt über das persönliche und gemeinschaftliche Gebet zur Entdeckung der Gegenwart des göttlichen Wirkens im Leben, wobei man zugleich diese Erfahrung mit dem ganzen Volk Gottes teilt. Das Dokument von Puebla hat dieses Suchen aufgegriffen und darauf hingewiesen: "Es gibt gewisse Anzeichen, die auf den Wunsch nach Verinnerlichung und Vertiefung des Glaubenserlebnisses hindeuten. Sie beruhen auf der Feststellung, dass ohne Kontakt zum Herrn eine überzeugende und nachhaltige Evangelisierung nicht möglich ist".[27]

Wie viele von euch bezeugen, hat nicht selten der einfache, aber tiefe Glaube des Volkes euch selber evangelisiert und euch die Notwendigkeit des Gebetes und einer tiefen Gotteserfahrung bewusst gemacht. Daher soll die persönliche und die gemeinschaftliche Betrachtung des Wortes des Lebens immer ein Blick in jene Tiefen sein, die zur Verkündigung des Evangeliums nach dem Beispiel Jesu anregen, dessen apostolische Tätigkeit ständig von jenem Dialog mit dem Vater begleitet war, aus dem seine Lehren voll ewigen Lebens herkamen. Ausgehend von einer tiefen Gotteserfahrung das Evangelium verkünden, gemeinsam Licht und Unterscheidungskraft angesichts der Probleme des täglichen Lebens suchen, das garantiert eine wirksame und durchschaubare Predigt des Evangeliums vor den Männern und Frauen unserer Zeit; dies wird eine echte Verkündigung und Bezeugung des Wortes des Lebens sichern, das gläubig aufgenommen und in der Gemeinschaft der Kirche erfahren wird (vgl. 1 Joh 1,1-3).

Im Geist der Gründer

26. Liebe Ordensleute, ebenso wie sie es zu ihrer Zeit taten, würden eure Gründer auch in unseren Tagen dem Dienst Christi ihre besten apostolischen Kräfte widmen und darauf ihren tiefen Sinn für die Kirche richten, ihre schöpferischen pastoralen Initiativen und ihre Liebe zu den Armen, aus der so viele kirchliche Werke hervorgegangen sind.

Die gleiche Hochherzigkeit und Selbstverleugnung, die eure Gründer bestimmten, muss auch euch, ihre geistlichen Söhne und Töchter antreiben, die Charismen lebendig zu halten, und sie mit der gleichen Kraft des Geistes, der sie geweckt hat, weiter anzureichern und anzupassen, ohne dass sie ihren ursprünglichen Charakter verlieren. So sollt ihr euch in den Dienst der Kirche stellen und den Aufbau seines Reiches zur Vollendung führen.

Lateinamerika ist während der letzten 500 Jahre gewiss ein Schmelztiegel vieler Charismen des gottgeweihten Lebens gewesen, die anderswo entstanden, aber in diesen Ländern inkarniert und gefestigt worden sind. Zugleich war es auch eine Wiege für neue Ordensinstitute, die der geistlichen Erfahrung seiner Kinder und den apostolischen Bedürfnissen des Kontinentes entsprachen.

Dieser ganze Reichtum an Energien und Charismen, mit dem Gott diesen Kontinent gesegnet hat, müsste passend so eingesetzt werden, dass er in eine immer mehr inkarnierte Seelsorge einmündet. Hier ist gewiss die geistliche und apostolische Beteiligung aller Gottgeweihten durch die gemeinsamen Dienst- und Koordinierungsorgane sehr wichtig, wenn bei der neuen Evangelisierung eine größere Wirksamkeit erzielt werden soll. Daher ihre Verantwortung und Verpflichtung, immer in Gemeinschaft mit der Hierarchie gemäß den Normen und Weisungen des HI. Stuhls vorzugehen.

In enger Zusammenarbeit mit den Priestern und Laien

27. Die neue Evangelisierung erfordert ferner eine enge Zusammenarbeit der Ordensleute mit den Diözesanpriestern, die ihre Seelsorge als eifrige Mitarbeiter der Bischöfe hingebungsvoll und hochherzig anbieten. Ebenso müsst ihr mit den Laien, mit ihren Verbänden und Bewegungen zusammenarbeiten, von denen einige heute große Lebenskraft besitzen.

Ihr Ordensleute müsst nämlich aufgrund eurer eigenen Identität das Beispiel einer erneuerten geistlichen Gemeinschaft mit den übrigen in der Pastoral tätigen Kräften bieten und eine apostolische Zusammenarbeit fördern, die die jeweilige Verantwortung eines jeden in der Kirche Berufenen achtet und stärkt. Die Kraft der Verkündigung des Evangeliums hat ihre Wurzel ja im Zeugnis aller Jünger Christi für die Einheit (vgl. Joh 17,21-23); daher müssen sich Priester, Ordensleute und Laien gegenseitig auf ihrem geistlichen und pastoralen Weg unterstÜtzen und das Beispiel echter christlicher Brüderlichkeit sichtbar machen.[28]

Evangelisierung der Kultur

28. Es ist das Anliegen der neuen Evangelisierung, dass die Heilsbotschaft ins Herz der Menschen und der Strukturen des sozialen Lebens eindringt. Das wollte ich in meiner Ansprache an die Vollversammlung der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika hervorheben.[29]

Es ist eine Tatsache, dass die Orden und Ordenskongregationen seit den Anfängen der Predigt der Botschaft Christi auf dem Kontinent immer Förderer der Kultur gewesen sind; sie sind es auch wegen der Verschiedenheit ihrer Charismen, wegen ihrer apostolischen Werke und ihrer Präsenz innerhalb der lateinamerikanischen Gesellschaft. Tatsächlich üben die Ordensleute ihre Tätigkeit in allen Bereichen des Schulwesens aus, von der Volks- und Mittelschule bis zur Berufsschule und zur Universität; auch in der Katechese, angefangen bei der für Kinder bis zu der für Erwachsene, suchen sie die Laien apostolisch zu formen; sie sind präsent im Herzen der großen Hauptstädte, aber auch in den Randsiedlungen und unter den Ureinwohnern, deren Kultur sie studieren und deren Rechte sie verteidigen.

Ich bin sicher, dass ihr Ordensleute in Lateinamerika euren Platz an der vordersten Front dieser neuen verantwortungsvollen Verkündigung des Evangeliums zu finden wissen werdet, so dass diese mit ihrer Kraft als Heilsbotschaft den ganzen kulturellen Reichtum der Völker und Stämme des Kontinents in einer solidarischen und aussichtsreichen Kultur der Liebe einbeziehen kann. Tragt also dazu bei, eine Kultur aufzubauen, die immer für die Werte des Lebens, für die Originalität der Botschaft des Evangeliums und für die Solidarität unter den Menschen offen ist. Es soll eine Kultur des Friedens und der Einheit sein, wie sie Christus vom Vater für alle, die an ihn glauben, erbeten hat.

In dem Maß also, wie ihr Ordensleute eurem eigenen Charisma treu bleibt, werdet ihr zugleich die Kraft zu apostolischer Kreativität finden, die euch bei der Predigt und Inkulturation des Evangeliums leiten kann. Ich bin voll Zuversicht, dass die ersehnte kulturelle und soziale Umgestaltung eures Kontinentes mit eurem hochherzigen Beitrag weiter vorankommt.

Tatsächlich ist die Geschichte der Erstverkündigung in Lateinamerika für alle ein unübersehbarer Aufruf, bei der unternommenen Arbeit auszuhalten, und sie bietet zugleich einen Grund zu lebendiger christlicher Hoffnung.

Evangelisierung ohne Grenzen

29. Bevor ich diese Überlegungen zur neuen Evangelisierung dieses Kontinents abschließe, möchte ich auf eine Aufgabe zu sprechen kommen, die schon bei vielen von euch eine gewisse apostolische Unruhe geweckt hat: die Notwendigkeit und Bereitschaft nämlich, auch jenseits eurer Grenzen zu evangelisieren.

Seit der Ankunft des Evangeliums hat Lateinamerika in hochherziger Gastfreundschaft zahlreiche Ordensmänner und Ordensfrauen anderer Nationen aufgenommen, die diese Länder zu ihrer geistigen und Adoptivheimat gemacht haben. Viele von ihnen haben sich voll und ganz mit euren Kirchen und euren Völkern identifiziert und die universale Tragweite des Ordensberufes bewiesen. Ich möchte daran erinnern, dass einige von ihnen, wie weitere einheimische Ordensleute mit ihrem eigenen Blut ihre Treue zum Evangelium und ihre Hingabe an die Ärmsten besiegelt haben, deren Rechte sie verteidigten oder die sie auf ihrem Weg begleiteten. Für sie alle danke ich Gott dem Vater, der ständig neue Berufungen zur Nachfolge Christi erweckt. Ich hege daher die beste Hoffnung, dass Lateinamerika gerade zur Förderung der Aufgaben bei der neuen Verkündigung des Evangeliums ebenso gastfreundlich alle jene willkommen heißt, die sich zur Arbeit in diesem Teil des Weinbergs des Herrn berufen fühlen. Auf der anderen Seite ist es eine unausweichliche Forderung für alle Institute, wenn möglich noch großmütiger als in früheren Zeiten eine Berufungspastoral und eine entsprechende Ausbildung der Kandidaten für das gottgeweihte Leben zu fördern, so dass Lateinamerika Über neue Verkündiger des Evangeliums verfügen kann, wie es sie nach Zahl und Qualität für seine eigene Zukunft braucht.

Außerdem ist die Stunde gekommen, da ihr, gottgeweihte Männer und Frauen Lateinamerikas, immer mehr in den übrigen Kirchen der Welt mit einer Dynamik präsent werdet, die keine Grenzen kennt, und dass ihr hochherzig, auch "aus eurer Armut" heraus für die Sendung der Kirche zur Verkündigung des Evangeliums in anderen Nationen Hilfe anbietet, wo diese eine Erstverkündigung oder eine neue Verkündigung des Evangeliums brauchen.

Diese Gegenseitigkeit wird als Beweis der christlichen und missionarischen Dynamik der Kirchen, in denen ihr arbeitet, zugleich den Beweis für die Reife eines Kontinentes bieten, der seit fünf Jahrhunderten evangelisiert, nun seinerseits innerhalb der universalen Kirche auch ein evangelisierender Kontinent sein möchte.

Abschluss

30. Liebe Brüder und Schwestern: zum Abschluss dieses Briefes, den ich vor der bevorstehenden Feier des 5. Jahrhunderts seit Beginn der Evangelisierung Amerikas an euch richten wollte, danke ich dem Herrn für alles Gute, das im Verlauf dieser fünf Jahrhunderte durch die Ordensfamilien in der Gesellschaft und in der Kirche geleistet worden ist, die auf diesem Kontinent als Pilgerin unterwegs ist.

Ich danke auch einem jeden einzelnen von euch Ordensmännern und Ordensfrauen sowie einer jeden eurer Gemeinschaften wie auch den Mitgliedern der Säkularinstitute und der Gesellschaften des apostolischen Lebens für eure Hingabe und euer Apostolat im Dienste Christi, der Kirche und der Gesellschaft.

Gemeinsam mit dem gesamten Episkopat und dem Volk Gottes in Lateinamerika hegt der Papst die lebendige Hoffnung, dass euer Dienst bei der neuen Verkündigung des Evangeliums gemäß den Bedürfnissen der Gegenwart und der Zukunft weiter fruchtbar und von Gott gesegnet sein wird.

Ich wünsche sehnlichst, dass die Feier dieses 5. Jahrhunderts zu einer günstigen Gelegenheit für die Erneuerung des echten Ideals des Ordenslebens wird, das außerdem an zahlreichen und echten Berufungen fruchtbar sein möge, denn auch in Lateinamerika "ist die Ernte groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter" (Mt 9,37). Bitten wir also gemeinsam "den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden" (Mt 9,38).

31. Unserer Lieben Frau von Guadalupe, "der ersten Verkünderin des Evangeliums in Lateinamerika",[30] empfehle ich die Wünsche und Hoffnungen, die ich euch in diesem Brief anvertraut habe. Sie ist wirklich der "Stern der Evangelisierung", die Evangelisiererin eures Volkes. Ihre mütterliche Nähe hat der Predigt der Christusbotschaft und der Brüderlichkeit der lateinamerikanischen Nationen und ihrer Bewohner entscheidenden Antrieb gegeben. Die Marienverehrung war immer während dieser fünf Jahrhunderte eine Garantie für die Treue zum katholischen Glauben. Möge sie weiter eure Schritte lenken und euer Bemühen um die Verkündigung des Evangeliums fruchtbar machen.

Für alle Ordensmänner und Ordensfrauen ist Maria das lebendigste Vorbild und zugleich die vollkommenste Ausprägung der Nachfolge des Herrn und der Weihe an ihn: als die arme und gehorsame Jungfrau, von Gott erwählt und vollkommen der Sendung ihres Sohnes hingegeben. In ihr, der Mutter der Kirche, erstrahlen zugleich alle Charismen des Ordenslebens. Möge die Jungfrau des Magnificat, in deren Loblied ihre Treue zu Gott und ihre Solidarität mit den Hoffnungen ihres Volkes widerklingt, euch in der Treue zu eurer Weihe an Gott erhalten und euch zu hochherzigen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen Christi und seiner Kirche bei der neuen Verkündigung der Evangelisierung machen!

Euch allen, liebe Ordensmänner und Ordensfrauen, erteile ich von Herzen meinen Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom bei St. Peter am 29. Juni,

dem Hochfest der Apostel Petrus und Paulus im Jahre 1990,
dem zwölften meines Pontifikates.

Johannes Paul II. PP.

Anmerkungen

  1. Johannes Paul II., Ansprache an CELAM, Puerto Principe vom 9. März 1983; vgl. die Eröffnung der Jahresnovene in Santo Domingo III, 4 vom 12. Dezember 1984; die Ansprache an die Päpstliche Kommission für Lateinamerika Nr. 5, vom 7. Dezember 1989; An den Päpstlichen Rat für Kultur vom 12. Januar 1990.
  2. Johannes Paul II., Botschaft an die Klausurschwestem Lateinamerikas, 12. Dezember 1989.
  3. Johannes Paul II., Ansprache in Santo Domingo am 25. Januar 1979.
  4. Puebla 8.
  5. II. Vaticanum, Dogm, Konst. Lumen gentium, Nr. 4
  6. Vgl. ebd., Nr. 9.
  7. Vgl. ebd., Kapitel III.
  8. Vgl. ebd., Nr. 22.
  9. Vgl. Puebla, 721-776.
  10. AAS 63 (1971) S. 497-526.
  11. AAS 76 (1984) S. 113-546.
  12. Vgl. Redemptor hominis, Nr. 21.
  13. Vgl. II. Vatikanum, Perfectae caritatis, Nr. 13.
  14. Vgl. Puebla, 733-735.
  15. Vgl. hl. Johannes vom Kreuz, Detti di luce e amore, 57.
  16. Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion Libertatis conscientia, Nr. 68.
  17. Vgl. Kongregation für die Ordensleute und Säkularinstitute und Kongregation für die Bischöfe, Mutuae relationes, Nr. 52-67, vom 14. Mai 1978.
  18. CIC, can. 586.
  19. Vgl. Kongregation für die Ordensleute und Säkularinstitute und Kongregation für die Bischöfe: Mutuae relationes, Nr. 94-97, vom 14. Mai 1978.
  20. Vgl. II. Vatikanum, Christus Dominus, Nr. 35.
  21. Vgl. Kongregation für die Institute des gottgeweihten Lebens und die Gesellschaften des apostolischen Lebens, Richtlinien für die Ausbildung in den Ordensinstituten, Nr. 96, vom 2. Februar 1990.
  22. Vgl. ebd.
  23. Christifideles laici, Nr. 35.
  24. Ebd., Nr. 34.
  25. II. Vaticanum, Lumen gentium, Nr. 46.
  26. Vgl. II. Vatikanum, Perfectae caritatis, Nr. 25.
  27. Puebla, 726.
  28. Vgl. Christifideles laici, Nr. 61.
  29. Nr. 5, vom 7. Dezember 1989.
  30. Johannes Paul II., Ansprache bei der Ankunft in Mexiko-Stadt Nr. 4, 6. Mai 1990.

Weblinks

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