Pergratus nobis

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Ansprache
Pergratus nobis

von Papst
Leo XIII.
an eine Deputation von Gelehrten
über die Notwendigkeit des Studiums der Philosophie des heiligen Thomas von Aquin

7. März 1880

(Quelle: Leo XIII., Lumen de coelo I, - Bezeugt in seinen Allocutionen, Rundschreiben, Constitutionen, öffentlichen Briefen und Akten, Buch und Verlag Rudolf Brzezowsky & Söhne Wien 1889, S. 189-192, in Fraktur abgedruckt)

Am damaligen liturgischen Fest des Heiligen Thomas von Aquin, empfing der Papst eine große Anzahl katholischer Gelehrter, die gekommen waren, ihm für sein das Studium der Thomas´schen Philosophie empfehlende Rundschreiben ihren Dank auszusprechen. Nach dem Osservatore Romano waren über 4000 Herren zugegen in deren Namen Monsignore Tripepi eine Adresse verlas, auf welche Leo XIII antwortete:

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Thomas von Aquin, der Meister der katholischen Priesterausbildung

Euere Anwesenheit, geliebte Söhne, die Ihr wegen Eurer wissenschaftlichen Bildung allgemein bekannt seid, ist Und überaus angenehm. Ihr seid heute am Gedächtnistage des heiligen Thomas, des Doctor angelicus, hierher gekommen in der löblichen Absicht, dem Apostolischen Stuhle und dem gemeinsamen Vater und Lehrer der Christenheit Euren Gehorsam und Eure Ergebenheit zu bezeugen. Was Euer vortrefflicher Führer in Eurem Namen gesagt, gewährt Uns einen nicht geringen Trost. Es gereicht Uns zur Freude und Gott gebührt besonderer Dank dafür, dass es so viele ausgezeichnete Männer gibt, deren höchstes Streben es ist, den Ruhm des Wissens mit der Liebe zur Religion zu verbinden und die menschliche Wissenschaft so zu pflegen, dass sie mit gleichem Eifer die Autorität Jesu Christi und der Kirche verehren. Wir beglückwünschen darin Eure Weisheit und Eure Tugend, geliebte Söhne, die Ihr durch die Tat bezeugt, dass der Glaubensgehorsam die Würde der menschlichen Vernunft nicht beeinträchtige, ihr vielmehr den großen Nutzen gewähre. Denn die Menschen erkennen die Wahrheit besser und sicherer, wenn dem wissensdurstigen Geiste der Glaube mit seinem Lichte voran leuchtet.

Wer dies in Abrede stellt oder nicht einsieht, ist wahrlich wegen seines schweren Irrtums zu beklagen. Indessen ist die Zahl derer groß, welche die göttlich geoffenbarten Wahrheiten gering achten oder gänzlich zurückweisen, weil sie dieselben mit den Behauptungen der menschlichen Wissenschaft und deren neueren Sätzen nicht vereinigen können meinen. Sie greifen auch die von Gott gegebene Gewalt der Kirche heftig an, weil sie dieselbe als Feind in der in neuerer Zeit für die bürgerliche Gesellschaft beanspruchten Rechte, der Majestät der Fürsten und des Glückes der Völker betrachten.

Der tiefere Grund dieser Irrtümer liegt insbesondere darin, dass in unsere Zeit bei dem eifrigen Studium der Naturwissenschaft die Beschäftigung mit den ernsteren und höheren Studien nachgelassen hat. Manche sind fast vergessen, manche werden nachlässig und oberflächlich behandelt, und was noch unwürdiger ist, haben den Glanz der alten Würde verloren und leiden an verkehrten Anschauungen und ungeheuerlichen Meinungen. Daher kommt es, dass das Licht der höchsten Wahrheiten in dem Geiste vieler erloschen ist, und dass das allgemeine Verderben nicht bloße die einzelnen Menschen, sondern auch die Staaten getroffen hat. Die Prinzipien des sogenannten neueren Rechtes, dessen große Gefahren einzelne Staaten erfahren, stützen sich auf gewisse falsche Grundsätze einer hohlen Philosophie. Als Beispiele mögen dienen die Sätze von der schrankenlosen Herrschaft der menschlichen Intelligenz, von der Gleichberechtigung der Wahrheit und des Irrtums, der Gleichachtung aller Religionen, von der zügellosen Freiheit oder besser: der Befugnis, Alles zu wagen, da Niemand im Denken und Handeln beschränkt werden dürfe.

In dieser Verwirrung der Geister und Unklarheit der Begriffe gewährt daher das geeignete Heilmittel eine gesunde und solide, mit Verständnis und Eifer gepflegte Philosophie. Sie ist zweifellos bestimmt und geeignet, sowohl die Irrtümer, die der wahnwitzigen Philosophie unserer Zeit entstammen, zu befestigen, als auch die Grundlagen der Ordnung des Rechtes und der Gerechtigkeit zu festigen, welche die Ruhe der Staaten, das Heil der Völker und die wahre Zivilisation der Menschheit sichern.

Über die Notwendigkeit, diese Philosophie wieder zu erneuern, haben Wir, wie Ihr wisst, in Unserem vorjährigem Rundschreiben an alle Bischöfe des Erdkreises gesprochen. Wir wiesen darin nach, dass die beste Methode der Philosophie die sei, welche das Genie und der gute Eifer des heiligen Thomas von Aquin unter Benutzung der gesamten Folgezeit ihren Anhängern Anerkennung und Ruhm gebracht, die großen Schulen Europas verherrlicht und alle Wissenschaften gefördert hat.

Es heißt nun aber, Wir wollten dadurch, dass Wir die Lehre des heilige Thomas und der Scholastiker wieder zu Ehren kommen lassen, die Welt auf die wenig entwickelte Bildungsstufe vergangener Zeiten zurückzerren, weil Wir die Reife und Vorgeschrittenheit Unseres Jahrhunderts verschmähten. - Was tun Wir denn aber? Wir stellen einen Mann als Vorbild hin, an dem es am Besten erhellt, wie weit Kraft und Weisheit es bringen kann. Einen Mann voller göttlicher und menschlicher Gelehrsamkeit, den so viele Jahrhunderte so hoch gefeiert, den das Lob der Kirche und Aussprüche der Bischöfe von Rom und dem Geiste der Engel gleich erachtet haben. - Werden denn in ganz ähnlicher Weise die dem Studium der Wissenschaften Obliegenden nicht nur nicht behindert, im Gegenteil vielmehr gefördert, wenn ihnen die Lehrer und Meister des Altertums, die sich in jedem Fach ausgezeichnet haben, zur Nachahmung empfohlen werden ?

Da Ihr nun, geliebte Söhne, an diesem hohen Tage von Uns einige Lehren hören wollet, so nehmt denn die folgenden hin, die zwar nicht neu, aber von großer Bedeutsamkeit und recht zutreffend sind.

Es soll die Philosophie, wie sie einstens dem christlichen Glauben viel verdankt, auch nach Möglichkeit ihn unterstützen. Sie stand ihm ja niemals feindlich gegenüber und kann es auch nicht, denn Gott, der Urheber des Glaubens und der Vernunft, hat beide so eingerichtet, dass ein gewissen Freundschaft und Verwandtschaft sie mit einander verbindet. - Daher kommt es, dass bei Förderung und Anregung wissenschaftlicher Bestrebungen die Katholische Kirche stets den ersten Platz einzunehmen bemüht ist.

Die vollkommene Übereinstimmung von Glauben und Vernunft tritt wohl nirgends so sehr zu Tage, als in den vom Fürsten den Philosophen, von Thomas dem Aquinaten, verfassten Schriften. - Gebt Euch darum Mühe, dass das Studium eines so großen Meisters von immer mehr Männern betrieben werde und bei Erforschung seiner Lehre befolgt selber die Norm, derjenigen Meinung zu folgen, die aus seiner bewunderungswürdig zutreffenden und klaren Auseinandersetzung gleichsam wie von selbst sich ergibt, und nicht jene Meinung, welche eine den allgemeinen und erprobten Lehrern fremde Voreingenommenheit vielleicht empfiehlt. Ferner folgt auch darin dem Beispiel des heiligen Thomas von Aquin, dass Ihr dem Studium der Naturwissenschaften eifrig obliegt. Gerade in dieser Hinsicht ver dienen mit Recht die geistreichen Entdeckungen und gemeinnützigen Unternehmungen der Neuzeit die Bewunderung der Zeitgenossen, wie sie auch in Zukunft stets ehrenwerte Erwähnung finden werden. - Bei der Pflege dieser wissenschaftlichen Disziplinen hütet Euch jedoch zu handeln wie jene, welche die Entdeckungen der Neuzeit in böser Absicht missbrauchen zur Bekämpfung der Wahrheiten der Offenbarung, sowie auch der Philosophie, sondern dankt vielmehr der göttlichen Vorsehung, dass sie den Männern unseres Jahrhunderts den erhabenen Ruhm verliehen hat, den von den Vorfahren überkommenen Reichtum an nützlichen Dingen nach vueken Seiten hin durch ihre Bestrebungen vergrößern.

Die wenigen Lehren, auf die Wir mit Rücksicht auf die Umstände nur kurz hindeuten, pflanzt tief in Euer Herz und bewahrt sie in frommer Weise. - Es ist Euch, geliebte Söhne, bekannt, dass die gesamten Bischöfe der katholischen Welt fast einstimmig erklärt haben, Unsere Pläne, wie sie sonst zu tun pflegen, auch in Rede stehenden Angelegenheit fördern wollen. Wenn nun ihren Bemühungen und ihrer Sorgfalt Eure Beihilfe und Euer Eifer zur Seite treten, so hegen Wir die bestimmte Erwartung, dass gar bald die von Uns angestrebte Reform der Studien für das Gemeinwohl der Völker, sowie für den Frieden der Kirche von großer Bedeutung sein werde.

Zur glücklichen Vollendung dieses Beginns, helfe Euch der himmlische Schutz des englischen Lehrers, den Wir, Eurem Wunsche gemäß, sobald als möglich in gewohnter Weise den katholischen Pflanzstätten der Wissenschaft und Kunst zum Patron zu geben beabsichtigen. Mut und Kraft verleihe Euch schließlich der Apostolische Segen, den Wir Euch, verehrte Männer und den großen Lyzeen, Akademien und Seminaren, sowie allen denen in herzlicher Liebe erteilen, in deren Auftrag und Namen Ihr vor Unserem päpstlichen Throne erschienen seid.

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