Thomas von Aquin

Aus Kathpedia
Wechseln zu: Navigation, Suche
Heiliger Thomas von Aquin

Der heilige Thomas von Aquin (* 1224, † 7. März 1274 in Fossanova) war Dominikaner und der herausragendste Philosoph und Theologe des Mittelalters. Er ist auch als Doctor angelicus (engelgleicher Lehrer) oder der Aquinate bekannt.

Thomas ist unter allen Heiligen der Gelehrteste und unter allen Gelehrten der Heiligste (Kardinal Bessarion († 1472).

Sein Gedenktag ist in der katholischen Kirche am 28. Januar (Übertragung der Gebeine), ein Gebotener Gedenktag im Allgemeinen Römischen Kalender, in der evangelischen Kirche am 28. Januar im Kalender der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika, am 8. März im Evangelischen Namenskalender der EKD und in der anglikanischen Kirche am 28. Januar.[1]

Inhaltsverzeichnis

Biografie

Geburt, Kindheit und Jugend

Heiliger Thomas von Aquin

Bereits neun Monate vor der Geburt des Thomas soll, so berichtet Tocco in seiner Hagiographie, ein als heiligmäßig geltender Einsiedler zu Thomas' Mutter Theodora gesagt haben: Freue dich, Herrin, da du schwanger bist; du wirst einen Sohn gebären, den du Thomas nennen wirst. Er wird in seinem Wissen von solcher Berühmtheit und in seinem Leben von solcher Heiligkeit werden, dass man auf der Welt zu seiner Zeit niemanden wird finden können, der ihm ähnlich wäre.

Thomas wurde im Winter 1224/1225 auf der Burg von Roccasecca (Latium) geboren. Seine Eltern Landulf von Aquino und Donna Theodora stammten aus dem einfachen Landadel. Thomas hatte noch acht Geschwister, drei Brüder und fünf Schwestern.

Von ca. 1230 bis 1239 war er Oblate in der Benediktinerabtei Montecassino. 1239 begann er das Studium der freien Künste an der Universität von Neapel. 1244 trat er zum Entsetzen seiner Familie dem Dominikanerorden bei. 1244-1245 wurde Thomas von seiner Familie entführt und in Roaccasecca gefangengehalten; 1245 erfolgte aber die Freilassung, und Thomas kehrte im Herbst in seinen Orden zurück.

Studienbeginn, Priesterweihe und Parisaufenthalt

Er ging nach Paris und studierte Philosophie. Dort gehörte Albertus Magnus zu seinen Lehrern. 1248-1252 studierte er in Köln und wurde Assistent bei Albert dem Großen. Die Priesterweihe erfolgte 1252.

1252-1256 verfasste er die Schriften De ente et essentia und De principiis naturae. Zwischen 1256 und 1259 absolvierte er in Paris den Magister in Theologie und verfasst die Schriften De veritate, Quodlibet VII-XI und einen Kommentar zu Boethius' Werk De Trinitate.

Rückkehr nach Italien

1259 kehrte er nach Italien zurück. Zwischen 1259 und 1261 begann er die Arbeit an der Summa contra Gentiles. Im Zeitraum von 1261 bis 1265 wurde er Lektor in Orvieto und stellte die Summa contra Gentiles fertig. Außerdem begann er mit der Catena aurea. Im Zeitraum zwischen 1265 und 1268 begann er mit der Arbeit an der berühmten Summa theologiae und an den Werken De potentia, De anima und dem Compedium theologiae.

Weiterer Aufenthalt in Paris und Rückkehr nach Neapel

1268-1272 erfolgte der zweite Lehraufenthalt in Paris. Dort setzte er seine Arbeiten an der Summa theologiae fort und verfasst Kommentare zu Aristoteles sowie dem Matthäus- und Johannesevangelium. Außerdem entstanden die Schriften De malo, De unitate intellectus, De aeternitate mundi und Quodlibet I-IV. 1272 kehrte er nach Neapel zurück und schrieb weiter an der Summa theologiae. Außerdem verfasste er Kommentare zu den Psalmen und zum Römerbrief.

Das Schweigen des Thomas

Ab 6. Dezember 1273 begann das "Schweigen des Thomas". Bartholomäus von Capua berichtet darüber: "Als Bruder Thomas die heilige Messe in der Kapelle des hl. Nikolaus feierte, ergriff ihn eine erstaunliche Veränderung. Nach seiner Messe hat er nicht mehr geschrieben, noch irgendetwas diktiert, vielmehr das Schreibgerät bei der Tertia seiner Theologischen Summe, beim Traktat über die Buße, weggelegt." Auf die Frage eines Bruders, warum er nichts mehr schreiben wolle, meinte Thomas: "Ich kann nicht mehr, denn alles, was ich geschrieben habe, scheint mir wie Stroh zu sein im Vergleich mit dem, was ich gesehen habe und was mir offenbart worden ist." Umstritten ist in der Sekundärliteratur nach wie vor, ob es sich bei dem überlieferten Ereignis mehr um eine Krankheit oder um ein mystisches Erlebnis handelt. Freilich wissen wir seit etwa 100 Jahren sicher, dass Thomas nach dem 6. Dezember 1273 sein Schweigen noch einmal gebrochen hat, um an den Abt von Montecassino einen Brief zu verfassen.

Der Tod eines großen Heiligen

Am 4. oder 5. März 1274 spürte Thomas, dass es zu Ende ging, und verlangte die Sterbesakramente. Er empfing die Krankensalbung, und nach dem Empfang der Sterbekommunion betete Thomas: "Ich empfange dich als Wegzehrung für meine Pilgerfahrt; aus Liebe zu dir habe ich studiert, gewacht und mich gemüht. Dich habe ich gepredigt und gelehrt. Gegen dich habe ich niemals etwas gesagt; sollte ich aber etwas gesagt haben, so habe ich es unwissend gesagt, und ich beharre nicht hartnäckig auf meiner Meinung, sondern wenn ich über dieses Sakrament oder über anderes schlecht geredet habe, so überlasse ich es ganz der Verbesserung durch die heilige römische Kirche, in deren Gehorsam ich nun aus diesem Leben scheide."

Auf der Reise zum Konzil in Lyon starbt Thomas am Morgen des 7. März 1274 in den Armen seines Gefährten Reginald in der Zisterzienserabtei Fossanova. Seine Gebeine wurden am 28. Januar 1369 in die Dominikanerkirche Les Jacobins in Toulouse übertragen. Dort werden sie seit 1974 wieder verehrt, nachdem sie ab 1792 in St. Sernin geruht hatten. Der 28. Januar ist wegen der Übertragung der Gebeine auch das Fest des Hl. Thomas im Römisc hen Generalkalender von 1970.

Heiligsprechung

Am 18. Juli 1323 sprach ihn Johannes XXII. heilig, und Pius V. ernannte ihn am 25. April 1567 zum Kirchenlehrer.

Die Philosophie des Thomas

Heiliger Thomas von Aquin

Er gilt als entscheidender Denker der Scholastik; 1879 wurde seine Philosophie von Papst Leo XIII. in der Enzyklika Aeterni Patris Unigenitus[2] zur "offiziellen Philosophie" der katholischen Kirche erklärt. Das Lehramt der Kirche hat seither immer wieder die einzigartige Autorität des Aquinaten unterstrichen. So zuletzt das Zweite Vatikanische Konzil, das als erstes Konzil Thomas ausdrücklich nennt und seine Lehre empfiehlt, dann wiederum Paul VI. (in Lumen ecclesiae) und Johannes Paul II. in Fides et ratio.[3]

Seine Philosophie orientiert sich stark an seinem antiken Vorgänger Aristoteles, geht aber weit über diesen hinaus, indem sie ihn mit wichtigen Einsichten des Plato (Partizipationslehre) zur Synthese führt. So entsteht eine ganz neue Philosophie, die zwar aus dem reichen Schatz der philosophia perennis (lat. "immerwährende Philosophie" oder "ewiggültige Philosophie") schöpft, aber doch mit einem neuen Seinsbegriff (als actualitas omnium actuum sowie perfectio omnium perfectionum, Zitat: "esse est actualitas omnium actuum, et propter hoc est perfectio omnium perfectionum", also "Das Sein ist die Wirklichkeit von allem Wirken und deshalb die Vollkommenheit aller Vollkommenheiten",[4] einen völlig neuen Denkansatz schafft, der aufs höchste mit der Offenbarung korreliert. Neben dem neuen Seinsbegriff, der für die geschaffene Wirklichkeit eine reale Unterscheidung von Sein und Wesenheit, von Seinswirklichkeit (Akt) und Seinsmöglichkeit (Potenz), postuliert, ist eine seiner Haupterkenntnisse die sogenannte Analogia entis (lat. "Ähnlichkeit des Seienden"). Diese besagt, dass das Sein unterschiedliche Bedeutungen hat, je nachdem auf welches Ding es sich bezieht.

In seiner Ethik verbindet Thomas von Aquin die Werte Aristoteles und des Kirchenvaters Augustinus. Tugend definiert er dementsprechend als ein rechtes Maß bzw. dem Ausgleich zu vernunftswidrigen Taten. Ethisches Verhalten entspricht also dem vernünftigen Verhalten und damit dem Einhalten des göttlichen Gesetzes. Dennoch ist seine Ethik keine rein natürliche Ethik (wenn sich eine solche auch aus seinem theologischen Werk erschließen lässt). Vielmehr vertritt Thomas - auch darin für seine Zeit originell - die These, dass nicht nur die drei göttlichen Tugenden, sondern auch die Kardinaltugenden "eingegossene Tugenden" sind, d.h. wir empfangen sie geschenkweise, aus Gnade von Gott selbst. Denn: "Keiner wäre besser, würde er nicht mehr von Gott geliebt."

Die Theologie des Thomas

Mittelalterliche Manuskriptseite aus der "Summa Theologica"

siehe auch: Natürliche Theologie

Werke

Corpus thomisticum

Hauptwerke

Werke über die Bibel

  • Hiob-Kommentar
  • Kommentar über die Psalmen (Psalm 1–51)
  • Kommentar über das Buch Jeremia
  • Kommentar über Jesaja
  • Kommentar über die Klageliedern Jeremias
  • Kommentar zu den vier Evangelien (Catena aurea)
  • Vorlesungen zu Matthäus und Johannes
  • Vorlesungen zu den Briefen des Apostels Paulus

Philosophie

  • Sentenzenkommentar
  • Quaestiones quodlibetales
  • Quaestiones disputatae
  • De veritate (Über die Wahrheit)
  • De ente et essentia, Das Seiende und das Wesen[5]

Kommentare

  • Über die Schriften des Aristoteles:
    • zur Metaphysik
    • zur Logik
    • zur Ethik
    • zur Politik
    • zur Physik
    • zu De caelo et mundi
    • zu De generatione et corruptione
    • zu Meteora
    • zu De anima
    • zu De sensu et sensato

Diverse Schriften

  • Über das Böse
  • Über Lüge und Irrtum
  • Über die Vollkommenheit des geistlichen Lebens
  • Über die Einheit des Intellekts gegen die Averoisten
  • Compendium theologiae

Eucharistische Hymnen

Heiliger Thomas von Aquin

Anlässlich der Einführung des Hochfestes Fronleichnam durch Papst Urban IV. 1264 verfasste Thomas von Aquin fünf Hymnen für Messfeier und dem Stundengebet des Festes. Sie sind seit Pius V. (1570) Bestandteil des Missale Romanum. In der Heiligen Messe ist in konsekrierten Gaben von Brot und Wein Christus wahrhaft und dauerhaft gegenwärtig (Realpräsenz). In seinen Hymnen beschreibt der hl. Thomas, wie man sich diesem Mysterium geistig nähern kann.

Rezeption in der Musik:

  • Charles Gounod (1818–1893), Chorsatz
  • Alexandre Guilmant (1837–1911), Fuge für Orgel
  • Stanislaus Aenstood (1843–1903), Chorsatz
  • Heinrich Barthelmes (1909–1985), Chorsatz
  • Gaston Litaize (1909–1991), Chorsatz
  • Ludger Stühlmeyer (* 1961), Adoro te devote für Gesang-Solo, Flöte und Orgel

Gedanken von Thomas

Über die Tugend

Tugend besagt eine gewisse Vollkommenheit des Vermögens. Eines jeden Dinges Vollkommenheit wird nun hauptsächlich im Hinblick auf das Ziel gesehen. Ziel des Vermögens aber ist der Akt. Darum heißt ein Vermögen vollkommen, insofern es die Bestimmungen auf seinen Akt erhalten hat. Es gibt nun gewisse Vermögen, die aus sich selbst auf ihre Akte hin bestimmt sind, z. B. die naturgeleiteten wirkmächtigen Vermögen. Und darum heißen derartige naturgeleitete Vermögen schon aus sich Tugenden [virtutes, hier = Kräften]. - Die vernunfthaften Vermögen jedoch, die dem Menschen eigen sind, sind nicht auf eines festgelegt, sondern verhalten sich vielem gegenüber noch unbestimmt. Sie werden aber durch Gehaben (habitus) auf die Akte hinbestimmt. Darum sind die menschlichen Tugenden Gehaben (Summa Theologiae, I-II 55,1).

Kirche und Heiliger Geist

"Kirche" bedeutet "Versammlung". Die heilige Kirche ist also die Versammlung der Gläubigen. Und jeder Christ ist wie ein Glied dieser Kirche. Diese heilige Kirche aber erfüllt vier Bedingungen:

1.) Die Kirche ist eine. Diese Einheit der Kirche hat drei Ursachen. Zunächst die Einheit des Glaubens; denn alle Christen, die zum Leibe der Kirche gehören, glauben dasselbe. Zum zweiten die Einheit der Hoffnung; denn alle stehen fest in der einen Hoffnung, das ewige Leben zu erlangen. Endlich die Einheit der Liebe; denn alle sind in der einen Liebe zu Gott und in gegenseitiger Liebe zueinander verbunden. Wenn diese Liebe echt ist, dann zeigt sie sich darin, dass die Glieder für einander besorgt sind und das Leid gemeinsam tragen.

2.) Die Kirche ist heilig. Die dieser Versammlung der Kirche angehörenden Gläubigen werden aber aus drei Quellen geheiligt. Zunächst durch die Taufe; denn wie man einen Kirchenraum vor der Weihe äußerlich säubert, so werden auch die Gläubigen im Blute Christi gewaschen. Zum zweiten durch eine Salbung, wie ein Kirchenraum gesalbt wird, so auch die Gläubigen durch eine geistliche Salbung, durch die sie geheiligt werden. Andernfalls wären sie keine "Christen", denn "Christus" bedeutet "Gesalbter". Endlich durch die Einwohnung des dreifaltigen Gottes, denn der Ort, wo Gott wohnt, ist heilig.

3.) Die Kirche ist katholisch, d.h. allgemein. Zunächst räumlich, denn sie ist auf der ganzen Welt ausgebreitet. Zum zweiten im Hinblick auf die Stände der Menschen; denn keiner ist ausgeschlossen, weder Herr noch Sklave, weder Mann noch Frau. Drittens zeitlich, denn die Kirche nahm ihren Anfang zur Zeit Abels und wird bestehen bis zum Ende der Welt.

4.) Die Kirche steht fest. Ein Haus steht fest, wenn es gute Fundamente hat: das Fundament der Kirche ist Christus; das abhängige Fundament aber sind die Apostel und ihre Lehre. Daher wird die Kirche apostolisch genannt.

Stimmen zu Thomas

"Ich hatte dagegen eher Schwierigkeiten, den Zugang zu Thomas von Aquin zu finden, dessen kristallene Logik mir gar zu fest in sich geschlossen, zu unpersönlich und zu fertig erschien. Das mag auch daran gelegen haben, dass der Philosoph unserer Hochschule, Arnold Wilmsen, uns einen rigiden neuscholastischen Thomismus vortrug" (Joseph Ratzinger, Aus meinem Leben).

Literatur

Weblinks

Anmerkungen

  1. Thomas von Aquin im ökumenischen Heiligenlexikon
  2. Aeterni Patris Unigenitus
  3. Fides et ratio
  4. De Pot. q.7 a.2 ad 9
  5. Quelle: [1]