Edith Stein

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Hl. Edith Stein, ca. 1920

Hl. Edith Stein (Sr. Teresia Benedicta a Cruce OCD; * 12. Oktober 1891 in Breslau; † 9. August 1942 im KZ Auschwitz-Birkenau) ist Mitpatronin Europas, Philosophin und Märtyrerin. Ihr Fest wird am 9. August gefeiert.

Inhaltsverzeichnis

Biografie

Kindheit und Jugend

Am 12. Oktober 1891, zu Yom Kippur (Versöhnungstag), dem höchsten jüdischen Feiertag, wird Edith Stein als elftes und letztes Kind von Siegfried und Auguste Stein in Breslau geboren. Die Eltern sind gläubige Juden, die alle jüdischen Feste begehen und bei der Erziehung von ihren Kindern Wert darauf legen ihnen den jüdischen Glauben nahe zu bringen.

Ediths Vater Siegfried, der einen Holzhandel betreibt, stirbt, als Edith noch nicht zwei Jahre alt ist. Die Mutter Auguste Stein übernimmt nun neben der Erziehung ihrer sieben Kinder (vier sind schon im Kindesalter gestorben) den Holzhandel und führt ihn zu einem wirtschaftlichen Aufschwung. Die Mutter ist eine beeindruckende Persönlichkeit, die für ihre Kinder, auch für Edith, stets ein großes Vorbild bleibt. Edith ist stolz auf ihre jüdische Herkunft und bekennt sich auch später als Atheistin und dann als Christin zu ihren Wurzeln.

Schon in der Schule fällt Edith durch ihre Disziplin, Entschiedenheit, Genügsamkeit und Intelligenz auf, Eigenschaften, die sie von ihrer Mutter geerbt hat.

Mit vierzehn Jahren (1905) gewöhnt sich Edith bewusst das Beten ab und bezeichnet sich als Atheistin. Sie beginnt, sich für soziale Angelegenheiten zu interessieren und für Frauenrechte und das Recht auf gleiche Bildung für alle zu kämpfen.

Edith Stein in Breslau, ca. 1913

Studium

Nach ihrem Abitur in Breslau (mit Auszeichnung) im Jahr 1911 fasst Edith den Entschluss, Lehrerin zu werden und beginnt in Breslau Geschichte, Deutsch, Philosophie und Psychologie zu studieren. Das Studium der Psychologie in Breslau befriedigt sie wenig.

Nachdem sie 1913 die Schriften des Göttinger Professors Edmund Husserl (Begründer der Phänomenologie) kennengelernt hat, beschließt sie, nach Göttingen zu wechseln, um bei Husserl Philosophie zu studieren.

In der Philosophie sucht Edith nach dem Sinn des Lebens. Die Phänomenologie Husserls ermöglicht ihr dabei, unvoreingenommen sich allen Phänomenen gedanklich zu öffnen, auch der Frage nach Gott. Angeregt durch den Philosophen Max Scheler in Göttingen beginnt Edith, sich mit dem katholischen Glauben auseinanderzusetzen. Später schreibt sie über diese Begegnungen: "Das war meine erste Berührung mit dieser bis dahin völlig unbekannten Welt. Sie führte mich noch nicht zum Glauben. Aber sie erschloß mir einen Bereich von ‚Phänomenen’, an denen ich nun nicht mehr blind vorbeigehen konnte. Nicht umsonst wurde uns beständig eingeschärft, daß wir alle Dinge vorurteilsfrei ins Auge fassen, alle ‚Scheuklappen’ abwerfen sollten. Die Schranken der rationalistischen Vorurteile, in denen ich aufgewachsen war, ohne es zu wissen, fielen, und die Welt des Glaubens stand plötzlich vor mir." [1]

Das Staatsexamen in Göttingen besteht Edith Stein 1915 mit Auszeichnung. Danach stellt sie sich dem Roten Kreuz zur Verfügung und wird als Schwester im Militärlazarett eingesetzt. Nach ihrer Rückkehr widmet sie sich wieder der Arbeit an ihrer Dissertation.

1916 wird Edmund Husserl nach Freiburg berufen. Edith Stein besteht ihr Doktorexamen in Freiburg summa cum laude.

Von 1916 bis 1918 ist Edith Stein wissenschaftliche Assistentin bei Edmund Husserl in Freiburg.

Bekehrung

Der Tod von Husserls Assistenten Adolf Reinach im ersten Weltkrieg (1917) trifft Edith Stein schwer. Von seiner Witwe Anna Reinach wird sie um Ordnung des Nachlasses gebeten. Tief beeindruckt erkennt Edith, wie gut diese den Tod ihres Mannes mit Hilfe ihres Glaubens bewältigt und sogar noch Trost spenden kann.

Immer mehr beginnt Edith, sich mit christlichen Autoren und dem Neuen Testament zu beschäftigen. Intellektuell ist sie immer mehr von der Wahrheit des katholischen Glaubens überzeugt.

Zwischen 1919 und 1932 versucht Edith Stein insgesamt viermal ihre Habilitation zu erreichen. Ihr Bemühen bleibt vergeblich. Niemand wagt es, einer Frau, noch dazu einer Jüdin, eine universitäre Laufbahn zu ermöglichen.

Im Sommer 1921, nach einem Besuch bei Anne und Pauline Reinach in Göttingen, begegnet Edith Stein der hl. Theresa von Ávila in deren Autobiographie. Reinachs hatten ihr das Buch zum Abschied, vor ihrer Weiterfahrt nach Bergzabern, geschenkt. Diese Reise führt sie "der größten Entscheidung meines Lebens entgegen." Denn die Lektüre des Buches macht, wie sie später schreibt, "dem langen Suchen nach dem wahren Glauben ein Ende". Edith Stein hatte ständig nach der Wahrheit gesucht, nun trat sie ihr gegenüber, nicht als abstrakter Begriff, sondern als Person, als lebendiger Gott. Entschlossen, zum katholischen Glauben überzutreten und sich auf die Taufe vorzubereiten, kauft sie sich einen katholischen Katechismus. Sie spürt die Sehnsucht, wie die hl. Theresa von Ávila Karmelitin zu werden.

Nach den vielen Enttäuschungen und Leiden der Jahre davor (der unerfüllte Habilitationswunsch; die Unmöglichkeit, eine erfüllende Arbeit zu finden; unerwiderte Liebe und der Verlust einiger Freunde im ersten Weltkrieg) empfindet sie ihren Entschluss, katholisch zu werden, als große Befreiung.

Am 1. Januar 1922, damals Fest der Beschneidung des Herrn, wird Edith in der St.-Martins-Kirche von Bergzabern getauft, empfängt am 2. Januar am selben Ort die erste hl. Kommunion und wird am 2. Februar, damals Fest der Reinigung Mariens im Tempel, von Bischof Dr. Ludwig Sebastian in dessen Privatkapelle im Speyerer Bischofshaus gefirmt. Die Zeitpunkte sind bewusst gewählt, da hier die jüdischen Wurzeln des Christentums deutlich zum Vorschein kommen. Ihre Konversion zum Christentum ist für Edith auch eine Wiederentdeckung ihres eigenen Judentums, und sie besteht darauf, sich als Judenchristin zu bezeichnen.

Mit ihrem Wunsch, Christentum und Judentum zu versöhnen, ist sie allerdings ihrer Zeit weit voraus. Schon in der eigenen Familie wird ihr die bestehende Trennung schmerzlich bewusst: "Eben jetzt habe ich schwere Tage. Für meine Mutter ist der Übertritt das Schlimmste, was ich ihr antun kann, und mir ist es schrecklich zu sehen, wie sie sich damit quält und ich ihr nichts erleichtern kann. Denn es gibt hier eine absolute Grenze des Verständnisses." [2]

Edith Stein, ca. 1920

Lehrerin und Vortragende

Von 1923 bis 1931 ist Edith Lehrerin am Mädchenlyzeum und an der Lehrerinnenausbildungsanstalt der Dominikanerinnen von St. Magdalena in Speyer. Sie übersetzt Werke von Alexandre Koyré, John Henry Kardinal Newman und von Thomas von Aquin. Daneben beginnt 1926 eine ausgedehnte Vortragstätigkeit über verschiedene Themen wie z.B. die Eucharistie, die Erziehung, die Wahrheit, das Verhältnis von Mann und Frau, oder die Hl. Elisabeth von Thüringen. Besonders nimmt sie sich der „Frauenfrage der katholischen Frauen in Deutschland“ an und hält ab 1928 einschlägige Vorträge in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Seit ihrer Taufe versucht Edith Arbeit und Gebet zu verbinden. Die regelmäßige Teilnahme am Chorgebet und die Anbetung sind ihr wichtig, auch ihre Verbundenheit mit der Gottesmutter Maria vertieft sich.

Nach dem Tod von Joseph Schwind, ihres geistlichen Begleiters seit 1922, kommt sie von 1928 bis 1933 häufig nach Beuron zur Feier der Liturgischen Hochfeste und zum geistlichen Gespräch mit ihrem neuen geistlichen Berater Erzabt Dr. Raphael Walzer OSB.

1932, nach ihrem letzten vergeblichen Habilitationsversuch in Freiburg, wird sie Dozentin am Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik in Münster.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland im Jahr 1933 muss sie ihre Lehrtätigkeit in Münster allerdings wieder beenden. In der Karwoche schreibt sie einen Brief an Papst Pius XI., mit der Bitte, öffentlich gegen die Judenverfolgung zu protestierenden.

Karmelitin

Dass sie keine Vorlesungen mehr halten würde, sieht Edith auch als barmherzige Fügung. Nun kann sie sich ihren Herzenswunsch erfüllen, Karmelitin zu werden. Nach Monaten des Gebets und im Vertrauen auf die Führung Gottes tritt sie am 14. Oktober 1933 als "Teresia Benedicta a Cruce“ (Theresia Benedicta vom Kreuz, oder Theresia, gesegnet vom Kreuz) in den Karmel von Köln ein. Es bleibt für sie eine große Wunde, dass ihre Mutter diesen Entschluss nicht verstehen und bejahen kann.

Im Kloster arbeitet Edith Stein weiterhin hauptsächlich im intellektuellen Bereich, wie sie auch selbst schreibt: „An sich gilt es gleich bei uns, ob man Kartoffeln schält, Fenster putzt oder Bücher schreibt. Im allgemeinen verwendet man aber die Leute zu dem, wozu sie am ehesten taugen, und darum habe ich viel seltener Kartoffeln zu schälen als zu schreiben." [3]

Ihre Hauptwerke entstehen daher alle im Kloster: 1936 beendet sie "Endliches und ewiges Sein", 1941/1942 arbeitet sie an "Kreuzeswissenschaft" (eine Studie über Johannes vom Kreuz), das sie nicht mehr ganz beenden kann. Daneben entstehen zahlreiche kleinere Werke.

Am 14. September 1936 stirbt Ediths Mutter Auguste Stein, Ediths Schwester Rosa wird am 24. Dezember getauft.

Am 21. April 1938 legt Edith Stein ihre Ewigen Gelübde ab. Sechs Tage später, am 27. April stirbt Edmund Husserl in Freiburg.

Am 31. Dezember 1938 übersiedelt sie in den Karmel von Echt in den Niederlanden, um der von den Nationalsozialisten ausgehenden Lebensgefahr zu entkommen. Ihre Schwester Rosa, die als Laienhelferin im Karmel aufgenommen ist, folgt ihr wenig später nach.

Sie verbringt viel Zeit im Sühnegebet für die Untaten dieser Zeit, überlegt, ob sie Gott ihr Leben anbieten soll wie Esther im Alten Testament. Am Passionssonntag 1939 bietet sie sich dem Herzen Jesu als Opfer der Versöhnung für den wahren Frieden an. Diese Gedanken hält sie zu Fronleichnam auch schriftlich fest (Echter Testament).

Nach der Besetzung der Niederlande durch Deutschland versucht Edith mit ihrer Schwester Rosa im Schweizer Karmel von Le Pâquier Aufnahme zu finden, was aber von den Schweizer Behörden zu zögerlich behandelt wird.

Edith Stein, ca. 1939

Martyrium

Am 26. Juli 1942 protestieren die niederländischen Bischöfe gegen das Verbrechen der Judenverfolgung, indem sie ihr Telegramm vom 11. Juli an den Reichsstatthalter Artur Seyß-Inquart von den Kanzeln der Kirchen verlesen lassen. In Reaktion darauf verhaften die NS-Behörden in den Niederlanden alle zum katholischen Glauben konvertierten Juden, die bisher verschont geblieben sind.

Am 2. August werden Edith und Rosa Stein im Karmel von Echt verhaftet und ins Sammellager Amsfoort überführt. Am 4. August erfolgt der Weitertransport ins Durchgangslager Westbork. Am 7. August beginnt der Abtransport Richtung Osten. Gegen 13 Uhr wird sie am Bahnhof von Schifferstadt das letzte Mal gesehen, danach gibt es keine Aufzeichnungen mehr von ihr. Vermutlich wird sie am 9. August 1942 gleich nach ihrer Ankunft in Birkenau in der Gaskammer ermordet.

Außer Edith und Rosa sterben noch zwei weitere der Stein-Geschwister, nämlich Paul und Elfriede, in Konzentrationslagern. Else, Erna und Arno können rechtzeitig auswandern.

Am 1. Mai 1987 wird Edith Stein in Köln von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen.

Am 11. Oktober 1998 erfolgt die Heiligsprechung in Rom.[4]

Am 1. Oktober 1999 wird Edith Stein (zusammen mit Birgitta von Schweden und Katharina von Siena) von Johannes Paul II. zur Mit-Patronin Europas ernannt.

Werk

Das Werk Edith Steins lässt sich in drei Perioden gliedern: Ihre frühen Werke vor ihrer Konversion, eine mittlere Periode, in der Sie sich bemüht, Vernunft und Glauben in Einklang zu bringen, und eine, von der zweiten nicht scharf abgetrennte, dritte Periode, in der sie sich der christlichen Mystik annähert.

Auffallend an ihren Schriften ist von Anfang an die Klarheit ihrer Sprache. Sie ist darum bemüht, auch komplizierte Dinge so einfach wie möglich zu beschreiben. In vielen Fällen sind daher Schriften von Edith Stein selbst leichter zu lesen als Schriften über sie. Ihre Texte werden oft als nüchtern, manchmal sogar als trocken charakterisiert. Das ist aber eine natürliche Folge ihrer schlichten, sachgehorsamen Erkenntnishaltung, ihrer Bemühung, von allen Vorurteilen befreit, Einsichten unbefangen entgegenzunehmen. [5] Man kann sagen, sie ordnet sich in ihren Schriften demütig den Dingen unter, um zu den wahren Sachverhalten vorzudringen.

Frühe Periode

In der ersten Periode ist die natürliche Vernunft die Grundlage ihres Forschens. Als einzige Erkenntnisquelle gilt die natürliche Erfahrung. In ihrer Dissertation "Zum Problem der Einfühlung" versucht sie zu klären, wie einzelne denkende Menschen zueinander in Kontakt treten können. Die "Einfühlung" bedeutet nicht nur eine rein verstandesmäßige Erfassung der Gedanken eines Anderen, sondern darüber hinaus das einfühlsame Verstehen der ganzen Person des Anderen. Aus diesem Grund untersucht sie auch Wesen und Aufbau der menschlichen Person, ein Thema, dass sich durch sämtliche ihrer Arbeiten hindurchziehen wird. Bereits hier entdeckt sie einen dreifachen Aufbau der Person als Einheit aus Leib, Geist und Seele.

Auch in weiteren Schriften aus dieser Zeit, "Psychische Kausalität", "Individuum und Gemeinschaft" und "Eine Untersuchung über den Staat" geht es um die menschliche Person und um ihr Verhältnis zur Gemeinschaft und zum Staat. Die unumstößliche Tatsache der Endlichkeit und Begrenztheit menschlicher Personen gibt ihr erste Impulse zum religiösen Denken.

Mittlere Periode

Nach ihrer Annahme des katholischen Glaubens beginnt die zweite Periode in Edith Steins Werken. Als Erkenntnisquelle steht ihr jetzt nicht mehr nur die natürliche Erfahrung, sondern auch die geoffenbarte Glaubenslehre der Katholischen Kirche zur Verfügung. Hier steht sie vor dem Problem, ob und wie phänomenologische Philosophie und geoffenbarte Glaubenslehre vereinbart werden können. Dabei lassen ihr ihre Lehrtätigkeit in Speyer und ihre Vortragstätigkeit zunächst zu wenig Zeit, ihre Gedanken umfassend darzustellen.

Ihre Annäherung an die christliche Gedankenwelt geschieht in mehreren Schritten. Zunächst übersetzt sie die Briefe von John Henry Kardinal Newman vor dessen Konversion zur katholischen Kirche. Dann wendet sie sich Thomas von Aquin zu und übersetzt seine "Questiones disputatae de veritate“ (Des hl. Thomas von Aquinos Untersuchungen über die Wahrheit). Ihr erklärtes Ziel ist es dabei, das System des Thomas so in der philosophischen Sprache ihrer Zeit wiederzugeben, dass eine Verständigung mit der modernen Philosophie möglich sei, [6] ohne dabei irgendwelche Gedanken des Thomas verändern oder verdrehen zu müssen.

In ihrer Festschrift zum 70. Geburtstag von Edmund Husserl: "Husserls Phänomenologie und die Philosophie des Hl. Thomas von Aquin" (1929) wagt Edith Stein bereits einen direkten Vergleich zwischen Husserl und Thomas. Als gemeinsamen Nenner erkennt sie die Auffassung der Philosophie als "strenger Wissenschaft", die das Wesen der Wirklichkeit sachhaltig herausarbeiten müsse. Das Ziel ist also dasselbe, der methodische Zugang jedoch völlig verschieden: Während Husserl ausschließlich von der Erkenntnis ausgehend auf das Sein schließt, wird bei Thomas in der Stufenleiter des Seienden Gott als das erste philosophische Axiom angesetzt.

In ihrer kurz darauf verfassten Studie "Potenz und Akt", die als Habilitationsschrift gedacht war, wendet sie sich der Seinslehre des Thomas von Aquin zu. Da ihre Habilitation abgelehnt wird, bleibt die Studie unvollendet.

Endliches und ewiges Sein

(Genaures siehe eigener Artikel „Endliches und ewiges Sein“)

Nach ihrem Eintritt in den Karmel bekommt Edith Stein von ihrem Orden den Auftrag, die Studie „Potenz und Akt“ zur Veröffentlichung vorzubereiten. Diesen Auftrag nützt sie zu einer völligen Umarbeitung, aus der schließlich ihr philosophisches Hauptwerk „Endliches und ewiges Sein. Versuch eines Aufstiegs zum Sinn des Seins“ hervorgeht.

Hier versucht sie, sowohl mit den Mitteln der natürlichen Vernunft, als auch mit den Mitteln des Glaubens, jeweils klar voneinander abgegrenzt, das analoge Verhältnis des ewigen Seins Gottes zum endlichen, irdischen Sein zu betrachten. Von ihren Untersuchung der verschiedenen Arten des Seins, des aktuellen, realen Seins, des potentiellen Seins, des wesenhaften Seins, das zwar nicht mehr zeitlich gefasst, aber dennoch begrenzt ist, kann Edith Stein schließlich das ewige Sein als Grundlage des Seienden erkennen. Das endliche Sein ist ein „geworfenes“ Seinen, und weist so von sich aus auf einen „Werfer“. Irdisches Sein ist außerdem zweifach begrenzt, sowohl zeitlich, als auch vom Umfang her, denn ein irdisches Seiendes ist nicht alles Sein, sondern hat nur Anteil daran. Auch hier also ein Hinweis auf die Fülle des Seins. Die Vergänglichkeit, und somit die Angst, die laut Heidegger, die Menschen „vor das Nichts bringt“ wird aufgefangen in einer Seinssicherheit trotz aller Vergänglichkeit, die den Menschen „vor das Sein bringt“.

Schließlich erweist sich das ewige Sein, wenn man den „Sprung“ des Glaubens wagt, als lebendiger Gott. Das Sein ist also nicht Gegenstand, sondern Person. Diese Erkenntnis lässt Edith Stein nun wieder zurückblicken, auf den Menschen. Der Aufbau der menschlichen Person, ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch Edith Steins Schaffen zieht, wird also im Lichte der Gottesebenbildlichkeit des Menschen neu beleuchtet. Freilich bleibt die Gottesebenbildlichkeit des Menschen zweifach hinter dem Urbild zurück: Erstens, weil es Abbild ist, endlich, unvollkommen, am Sein nur einen Anteil hat. Zweitens, weil die Dinge gefallen und entartet sind, sich im Zerfall befinden. Dinge sind also nicht nur Spiegel, sondern sogar „zerbrochener Spiegel“. [7]

Auch der Mensch ist Person, besitzt also Verstand und Freiheit, bzw. Selbstunterscheidung und Selbstbesitz. In der geistlich-leiblich-seelischen Verfassung des Menschen kann Edith Stein nun ein Abbild der Dreifaltigkeit erkennen. Ja Züge der Dreifaltigkeit sind sogar auch in der gesamten übrigen Schöpfung zu finden.

Die menschliche Person hat nun einen sehr komplexen Aufbau mit mehreren, in die Tiefe gehenden Schichten. Leichten Zugang hat der Mensch nur zu den obersten Schichten. Auch wenn verschiedene Zugänge ins Innerste der Seele manches erhellen können, wie das Bewusstsein (Philosophie), der Austausch mit anderen, der Rückschlüsse erlaubt, das Erstarken und Reifen des eigenen Wesens, oder auch die wissenschaftliche Erforschung der inneren Welt (Psychologie), bleibt es letztlich unmöglich in die tiefen Schichten der Person vorzudringen bis zum dunklen Grund.

Abgesehen davon, dass dieser Grund keinen Boden hat: „Im Inneren ist das Wesen der Seele nach innen aufgebrochen“. [8] Hier herrscht eine „ungewohnte Leere und Stille“. Das innerste der Seele erweist sich also als offenes Gefäß. Die Seele ist ausgerichtet auf den „Einbruch eines neuen, mächtigen, höheren Lebens, des übernatürlichen, göttlichen“. [9] Gott nimmt also Wohnung in unser Seele, geht eine innige, liebende Beziehung mit dem Menschen ein, wenn er das zulässt und will. „Es ist ja der Sinn des menschlichen Seins, daß in ihm Himmel und Erde, Gott und Schöpfung sich vermählen sollen.[10]

Dadurch gibt es aber einen anderen, neuen Zugang zum Innersten: Im Gebet ist der Eingang zu diesem eigensten Raum, der dem Selbst und Gott gehört, am reinsten zu vollziehen.

Späte Periode

Die Schlusskapitel von „Endliches und ewiges Sein“ leiten bereits über zu Edith Steins letzter Schaffensperiode, in der sie intensiv in die christliche Mystik eindringt. Christliche Mystik ist ja nichts anderes als Begegnung mit Gott, leben mit Gott, einswerden mit Gott. Gerade der Karmelitenorden hat eine tiefe mystische Tradition, waren doch die zwei Erneuerer des Ordens, Theresa von Ávila und Johannes vom Kreuz, zugleich auch die bedeutendsten Mystiker der beginnenden Neuzeit.

Im Karmel in Echt bekommt Edith Stein den Auftrag, zum 400. Geburtstag von Johannes vom Kreuz eine Werk zu verfassen. Dazu vertieft sie sich zunächst in das Werk des Dionysius Areopagita, einem vermutlich syrischem Autor des 5. Jhs. Sie übersetzt seine Werke und verfasst dann die Studie „Wege der Gotteserkenntnis - Dionysius der Areopagit“ (1940).

Mit Dionysius unterscheidet Edith Stein drei Arten der Theologie: die positive, die negative und die mystische Theologie. Hier wird Theologie nicht als Wissenschaft von Gott betrachtet, sondern letztlich als Sprechen Gottes durch den Theologen.

In der positive Theologie, der untersten Stufe, wird noch sehr wortreich, von der Vielfalt des Geschaffenen ausgehend, über Symbole und Analogien, von Gott gesprochen. Aber je mehr der menschliche Geist sich Gott zu nähern meint, desto wortarmer wird er. Der Abstand zwischen Schöpfung und Schöpfer wird immer deutlicher. Die Einheit und Einfachheit Gottes entzieht sich den Worten, der Weg führt ins Dunkel und Schweigen. Das ist negative Theologie. Diesen Weg hat Edith Stein bereits bei Thomas von Aquin gefunden und auch in „Endliches und ewiges Sein“ nachgezeichnet.

An dieser Stelle, in der Dunkelheit des Verstandes, bricht etwas Neues herein: die Entschleierung der Geheimnisse Gottes selbst, die dennoch undurchdringlich bleiben. Hier findet eine persönliche Begegnung statt. Der Mensch kann Gott mit seinem Verstand nicht ergreifen, aber er wird von ihm ergriffen. Die mystische Schau Gottes, die mystische Theologie kann also nicht vom Menschen erzwungen werden, da sie ein Werk Gottes ist. Sie wird auch nicht allen Menschen zuteil. Zumindest einige Menschen müssen allerdings zu dieser Schau vordringen, damit sie die positive und die negative Theologie mit Leben erfüllen, denn alles Sprechen über die Ähnlichkeit und Unähnlichkeit des Ewigen ist vorläufig.

Die ganze Mühsal des Verstandes, die aufgewendet wird um Gott zu erfassen und letztendlich zu begreifen, dass man Gott nicht erfassen kann, ist nicht umsonst: Gott will gesucht werden, um sich dann finden zu lassen.

Kreuzeswissenschaft

(Genaures siehe eigener Artikel „Kreuzeswissenschaft“)

In „Kreuzeswissenschaft. Studien über Johannes a Cruce“. zeichnet Edith Stein die Erfahrungen des Johannes vom Kreuz nach, der als Mitstreiter von Theresa von Ávila und großer Erneuerer des Karmelitenordens gegen viel Widerstand anzukämpfen hatte. Seine eigenen Ordensbrüder steckten ihn in Toledo monatelang alleine in ein finsteres Kellerloch. Dort schrieb er sein theologisches Hauptwerk, in dem er die von ihm erlebte „dunkle Nacht des Glaubens“ als sichersten Weg zum scheinbar schweigenden Gott beschreibt.

Was Edith Stein hier nachzeichnet, ist für sie zugleich selbst durchlebtes Erfahrungswissen, das sie mit Johannes vom Kreuz und vielen anderen Heiligen teilt. [11] In diesem Sinne wählt sie auch „Kreuzeswissenschaft“ als Titel für ihr Werk, denn für sie handelt es sich um „wohlerkannte Wahrheit, [...] lebendige, wirkliche und wirksame Wahrheit[12]

Der Mensch, der sich Gott anvertraut, wird von Gott in einen bestimmbaren Weg entlanggeführt, der aber paradoxerweise von Gott wegzuführen scheint. Werden die Menschen zunächst „von Gott behandelt wie kleine Kinder von einer zärtlichen Mutter[13], so wird diese anfängliche Sicherheit Schritt für Schritt weggenommen. Zuerst erfolgt die „Nacht der Sinne“: das scheinbaren Erlöschen des inneren Feuers. „Alle frommen Übungen erscheinen ihnen nun geschmacklos, ja widerwärtig.[14] Dann folgt die „Nacht des Geistes“. Die Fähigkeit des Verstandes zum schrittweisen, gliedernden Denken endet.

Die „Nacht des Glaubens“ schließlich zieht das letzte Brett religiöser Sicherheit unter den Füßen weg. Edith Stein muss erkennen, dass der Abstand zu Gott unendlich ist, so gewaltig, dass „die von Gott selbst geoffenbarten Wahrheiten [...] über jedes natürliche Licht erhaben sind und allen menschlichen Verstand ohne jedes Verhältnis überragen. Daher kommt es, daß dieses überhelle Licht, das der Seele im Glauben zuteil wird, für sie dunkle Finsternis ist“. [15] Diese Nacht ist wie eine Zerschlagung der Gottesbeziehung durch Gott selbst, allerdings keine mutwillige, grausame Zerschlagung durch Gott, sondern vielmehr die Offenlegung des tatsächlich schon längst durch den Menschen zerbrochenen Verhältnisses zu Gott in all seiner bösen Wahrheit. Hier wird der Weg zu einem echten Kreuzweg, zu einer Teilhabe am Leiden Christi. Gerade in der äußersten Verlassenheit und Erniedrigung am Kreuz ist Christus den Menschen am nächsten.

So beginnt hinter dem Leiden ein Sinn aufzuleuchten. Der Sturz ins Nichts erweist sich als Sturz auf Gott zu, macht die Seele bereit für „die erhabene, fremdartige Berührung der göttlichen Liebe“. [16] Gerade hier überwindet Gott von sich aus den für den Menschen unüberwindlichen Abstand. Durch diesen schmerzvollen Weg begreift der Mensch, dass er Gott nicht begreift, sondern von Ihm ergriffen wird. Die Seele hat hier nur noch in Empfang zu nehmen, jedoch ohne dass die Freiheit aufgehoben wird: „Gott wirkt nur darum hier alles, weil sich die Seele Ihm völlig übergibt. Und diese Übergabe ist die höchste Tat ihrer Freiheit.[17] Die „Kreuzeswissenschaft“ münden also in eine Wissenschaft vom Licht und Hoffnung auf Auferstehung, in einem wundervollen Brautgesang der Seele in der endlich „heiteren Nacht“. [18] Während der Arbeit an diesem letzten, hoffnungsvollen Kapitel wird Edith Stein am 2. August 1942 verhaftet und Richtung Auschwitz deportiert.

Kritik und Würdigung

Ist Edith Stein eine christliche Märtyrerin?

Papst Johannes Paul II war die Versöhnung zwischen Christen und Juden ein großes Anliegen, wie er auch durch seine Besuche in den Synagogen, seine Vergebungsbitte an die Juden für von Christen begangene Verbrechen oder sein Gebet an der Klagemauer zeigte. Gerade deshalb lag ihm auch die Selig- und Heiligsprechung der Jüdin und Katholikin Edith Stein sehr am Herzen, sah er doch in ihr eine große Vorgängerin in dieser Bestrebung nach Versöhnung.

Weltweit hat die Selig- und Heiligsprechung Edith Steins jedoch nicht nur Zustimmung hervorgerufen. Vor allem von jüdischer Seite, auch von Verwandten Edith Steins, wurden kritische Stimmen laut. Man befürchtete, die katholische Kirche wolle Edith Stein für sich vereinnahmen oder vom Versagen einiger Vertreter der Kirche im Dritten Reich ablenken. Andere fragten sich, ob man Edith Stein zu Recht eine „christliche“ Märtyrerin nennen könne, wo sie doch nicht wegen ihres christlichen Glaubens umgebracht wurde, sondern weil sie Jüdin war.

Edith Stein selbst erkannte spätestens ab 1938 ihre konkrete Todesgefahr durch die Nationalsozialisten. Ihre Reaktion darauf erscheint zunächst paradox: einerseits bietet sie Gott immer wieder ihr Leben als Sühneopfer an, andererseits setzt sie alles in Bewegung, um der Todesgefahr zu entkommen.

Am 9. Juni 1939 schreibt sie im Karmel zu Echt ihr Testament (Echter Testament):

Ich danke meinen lieben Vorgesetzten und allen lieben Mitschwestern von ganzem Herzen für die Liebe, mit der sie mich aufgenommen haben, und für alles Gute, das mir in diesem Hause zuteil wurde.

Schon jetzt nehme ich den Tod, den Gott mir zugedacht hat, mit vollkommener Unterwerfung unter Seinen heiligen Willen mit Freuden entgegen. Ich bitte den Herrn, daß Er mein Leben und Sterben annehmen möchte zu Seiner Ehre und Verherrlichung, für alle Anliegen der heiligsten Herzen Jesu und Mariae und der heiligen Kirche, insbesondere für die Erhaltung, Heiligung und Vollendung meines heiligen Ordens, namentlich des Kölner und des Echter Karmels, zur Sühne für den Unglauben des jüdischen Volkes und damit der Herr von den Seinen aufgenommen werde und Sein Reich komme in Herrlichkeit, für die Rettung Deutschlands und den Frieden der Welt, schließlich für meine Angehörigen, Lebende und Tote, und alle, die mir Gott gegeben hat: daß keiner von ihnen verloren gehe.

Am Freitag in der Fronleichnamsoktav, 9. Juni 1939, dem 7. Tag meiner hl. Exerzitien. In nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti. Schw. Theresia Benedicta a Cruce, O.C.D.[19]

Was hier zunächst paradox anmutet ist eigentlich die typische Haltung eines christlichen Märtyrers. Dass sie Gott ihr Leben anbietet, bedeutet nicht, dass sie in einem religiösem „Masochismus“ sterben und Märtyrerin werden möchte. Im Gegenteil: sie ist bemüht, ihr Leben zu retten, indem sie zunächst in den Karmel von Echt übersiedelt und später versucht, mit ihrer Schwester Rosa im Schweizer Karmel von Le Pâquier unterzukommen. Noch am Tag ihrer Verhaftung lässt sie in ihrem Zimmer einen in Eile geschriebenen Telegrammentwurf an das Schweizer Konsulat zurück, es „möge sorgen, daß wir [Edith und Rosa Stein] möglichst bald über die Grenze kommen. Für Reisegeld wird unser Kloster sorgen.[20]

Andererseits konnte die Aussicht des nahen Todes ihr auch nichts anhaben. Sie war bereit, den Tod anzunehmen, wenn er sich nicht abwenden ließ, ohne jegliche Verzweiflung, mehr noch: sie wollte den Tod sogar freudig annehmen als Sühneopfer, um sich mit Christus im Tod zu vereinen. Diese Haltung wird von mehreren Augenzeugen bestätigt, die sie während des Transports nach Auschwitz getroffen haben:

Bei ihrer Verhaftung nahm sie ihre Schwester Rosa bei der Hand und sagte leise zu ihr: „Komm, wir gehen für unser Volk“. Im Sammellager Westerbork war sie ein Ruhepol inmitten von Jammer und Aufregung: „Schwester Benedicta ging unter den Frauen umher, tröstend, helfend, beruhigend wie ein Engel. Viele Mütter, fast dem Wahnsinn nahe, hatten sich schon tagelang nicht um ihre Kinder gekümmert und brüteten in dumpfer Verzweiflung vor sich hin. Schwester Benedicta nahm sich sofort der armen Kleinen an, wusch sie und kämmte sie, sorgte für Nahrung und Pflege.“ Von anderen wird sie beschrieben als Frau mit einem „Lächeln, das keine Maske, sondern ein wärmendes Licht war“. Über das Leiden des jüdischen Volkes sagte sie in Westerbork: „Daß meine Schwestern und Brüder so leiden müssen ... Leider habe ich auch das nicht gewußt in der Abgeschiedenheit meines Klosters. Jede Stunde bete ich für sie. Ob er mein Gebet erhört... ? Ihre Klagen hört Gott gewiss ...[21]

Ihre Ausreise in die Schweiz versucht Edith Stein auch vom Transport aus voranzubringen. Eine Intervention bei den Bischöfen lehnt sie jedoch ab. Sie möchte nicht anders behandelt werden als ihre jüdischen Leidensgenossen, nur weil sie getauft ist.

Der Gedanke der Sühne, der stellvertretenden Wiedergutmachung gibt Edith Stein die Kraft, ihren letzen Kreuzweg so gelassen durchzustehen. Nicht erst in „Kreuzeswissenschaften“ beschäftigt sie sich mit der Bedeutung des Leidens, schon viel früher taucht dieses Thema in ihren Schriften auf, ja, der Sühnegedanke ist eine wichtiger Antrieb für ihren Eintritt in den Karmel. Bereits 1932 schreibt sie: „Es gibt eine Berufung zum Leiden mit Christus und dadurch zum Mitwirken an seinem Erlösungswerk. Wenn wir mit dem Herrn verbunden sind, so sind wir Glieder am mystischen Leib Christi; Christus lebt in seinen Gliedern fort; und das in Vereinigung mit dem Herrn getragene Leiden ist sein Leiden, eingestellt in das große Erlösungswerk und darin fruchtbar. Es ist ein Grundgedanke alles Ordenslebens, vor allem aber des Karmellebens, durch freiwilliges und freudiges Leiden für die Sünder einzutreten und an der Erlösung der Menschheit mitzuarbeiten.[22]

Dieser Gedanke der Stellvertretung und der Sühne ist schon im Alten Testament vorhanden. Edith Stein bezieht sich gerne auf Königin Ester, die alleine vor dem König Atraxerxes für ihr Volk einsteht, als die Vernichtung der Juden im ganzen Perserreich beschlossen wurde. Auch am jüdischen Versöhnungstag, ihrem Geburtstag, gibt es diesen Sühnegedanken. Hier trat der Hohepriester in das Allerheiligste des Tempels, um stellvertretend ein Sühneopfer darzubringen für sich und das ganze Volk.

Durch das Kreuzesopfer Christi, in dem er stellvertretend die Sünden der Welt auf sich nahm, bekommt der Sühnegedanke einen neuen Hintergrund. So wie das, äußerlich betrachtet, sinnlose Leiden Christi zur Erlösung wurde, kann Edith Stein in ihrem ansich sinnlosen Leiden einen Sinn erkennen, nämlich den der Miterlösung, indem sie dem Tod auch freiwillig zustimmt, um stellvertretend mit Christus zu sühnen. Genau das gibt einem Märtyrer auch im Angesicht des Todes Hoffnung und Zuversicht.

Man sieht also, dass es aufgrund ihrer Einstellung durchaus berechtigt ist, bei Edith Stein von einer christlichen Märtyrerin zu sprechen. Aber auch die Intention ihrer Mörder macht sie sehr wohl auch zu einer christlichen Märtyrerin, denn die Verhaftungswelle vom 2. August 1939 war ein direkter Racheakt an der Katholischen Kirche. Edith Stein wurde an diesem Tag verhaftet, deportiert und schließlich ermordet, weil sie Jüdin und Katholikin war. Zeitlebens hat sie sich bemüht, Judentum und Christentum zu vereinen. Auch wenn sie für sich das Christentum als die Erfüllung des Judentums erkannte und sich als „Judenchristin“ nach dem Vorbild der Apostel betrachtete, war die Vereinigung praktisch unmöglich, da sie mit ihrer Taufe ja aus dem Judentum ausgeschlossen war. „Im Vernichtungslager ist sie als Tochter Israels zur Verherrlichung des heiligsten Namens (Gottes) und zugleich als Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz - als vom Kreuz Gesegnete - gestorben.“ [23]

Edith Stein ist also als Jüdin und Christin gestorben, sie ist jüdische und christliche Märtyrerin zugleich. Was ihr im Leben nicht gelingen konnte, die Vereinigung von Christentum und Judentum, in ihrem Sterben hat sie beides vereint.

Edith Steins Bedeutung für heute

Nach dem 2. Weltkrieg setzte, vor allem im deutschen Sprachraum und in der katholischen Kirche, ein reges Interesse für Edith Stein ein. 1948 erschien die erste Biographie (obwohl ihr Tod erst 1950 mit Sicherheit feststand), unzählige Schulen (über 30 in Deutschland), Straßen, Bibliotheken, Gemeindezentren und Studentenheime wurden nach ihr benannt, in Österreich tragen z.B. Studentenheim und Kapelle der katholischen Hochschulgemeinde in Wien ihren Namen. Die Seligsprechung 1987, die Heiligsprechung 1998 und die Ernennung zur Mitpatronin Europas 1999 waren weitere Höhepunkte der Edith-Stein-Verehrung.

Die wissenschaftliche Würdigung ihres Werkes entwickelte sich etwas zögerlicher. Ab 1950 wurde der erste Versuch einer Gesamtausgabe gestartet (Edith Steins Werke, ESW), bis 1998 sind 18 Bände erschienen. Ab dem Jahr 2000 wurde eine neue kritische Gesamtausgabe begonnen, die bis 2006 in 24 Bänden erscheinen sollte (Edith Stein Gesamtausgabe, ESGA). Aufgrund laufender Neuentdeckungen von Schriften Edith Steins wurde die Gesamtzahl der geplanten Bände inzwischen auf 27 aufgestockt. Im Herbst 2014 ist mit Band 9 der letzte noch ausständige Band erschienen.[24]

Was macht diese Frau, die vor über hundert Jahren geboren und vor mehr als 60 Jahren gestorben ist, heute so interessant? Ihr Märtyrertod alleine kann die Faszination, die sie ausübt, nicht erklären. Es ist vielmehr die außerordentliche Glaubwürdigkeit ihrer Person, die sie heute so anziehend macht. Sie setzte ihren Verstand ein, um zu erkennen, und setzte ihre Erkenntnis konsequent in ihrem Leben um. Sie war keine Philosophin, die aus der Sicherheit eines bequemen Lehrstuhls die Welt von außen betrachtete, nein, sie steckte mitten in dieser Welt, und sie lebte in völliger Übereinstimmung mit dem, was sie sagte, lehrte und schrieb, auch wenn es für sie selbst unangenehm, unbequem und letztlich sogar tödlich war.

Ihre Gedankenwelt entstammte ihrem Leben und mündete wieder in ihrem Leben. Über das Frausein schrieb sie, weil sie eine Frau war, über den Glauben schrieb sie, weil sie glaubte, über das Leiden schrieb sie, weil sie litt, und die Gedanken, die sie sich über das Leiden machte, die Erkenntnisse, zu denen sie gelangte, halfen ihr tatsächlich, ihr Leben zu meistern und auch im Leiden standzuhalten, ja sogar angesichts des grausamen Todes froh zu lächeln.

Da die Themen, mit denen sich Edith Stein beschäftigte, mitten aus dem Leben kamen, sind diese für Kirche und Gesellschaft heute noch immer genauso aktuell wie zu ihrer Zeit. Bei einigen Themen kann sie durchaus als Pionier gelten, z.B. bei der Frage der Stellung und der Aufgabe der Frau in Kirche und Gesellschaft oder bei der Versöhnung zwischen Judentum und der katholischen Kirche. Von großer Bedeutung ist auch, dass sie, gemeinsam mit einigen anderen Philosophen aus dem Umkreis der Phänomenologie, gezeigt hat, dass man auch im 20. Jh. mit Hilfe der Vernunft zum Glauben finden konnte.

Für die Phänomenologie waren zwei ihrer Themen von besonderer Bedeutung: einerseits die „Einfühlung“, die den Phänomenologen durch Hineinversetzen, Hineindenken, Einfühlen in die Gedanken und in die Person eines anderen davor bewahrt, die Welt allzusehr nur aus der eigenen Position zu betrachten, andererseits die Fruchtbarmachung der Philosophie des Thomas von Aquin für die Phänomenologie.

Durch ihre (Wieder-)entdeckung der Leiblichkeit als wesentlichem Grundzug der menschlichen Person ist sie auch eine Pionierin einer neuen Philosophie des Leibes (nachdem die Leiblichkeit des Menschen spätesens seit Descartes jahrhundertelang fast völlig aus dem Blickfeld der Philosophie verschwunden war).

Wie aktuell Edith Stein für das Denken der Kirche heute ist, sieht man auch daran, dass so gut wie alle ihre Themen auch von Papst Johannes Paul II. behandelt wurden. Johannes Paul II war in seiner philosophischen Schulung selbst von der Phänomenologie geprägt. Den polnischen Philosophen Roman Ingarden, mit dem Edith Stein in regem Briefkontakt stand, hatte er persönlich gekannt, und seine philosophische Doktorarbeit schrieb er über Max Scheler.


Folgende Themen bei Edith Stein findet man auch bei Papst Johannes Paul II:

Edith Stein Gedenkjahr 2011/2012 / Edith Stein Tage 2012/2013

Anlässlich des 120. Geburtstags der Heiligen Edith Stein (12.Oktober 1891), sowie des 70. Jahrestags ihres Todes (9. August 1942) und des 25. Jahrestags der Seligsprechung (1. Mai 1987) haben die Ordensgemeinschaften der Karmelitinnen und Karmeliten ein Edith Stein Gedenkjahr ausgerufen. Das Gedenkjahr begann im Oktober 2011 und endete im Oktober 2012 und wurde in Österreich mit zahlreichen Vorträgen, Tagungen, Festmessen, Exerzitien oder Lesekreisen zum Vermächtnis der Hl. Edith Stein begangen.

Die Veranstaltungsreihe findet nun ihre Fortsetzung in den Edith Stein Tagen 2012/13 [25]

Werkausgaben

Edith Steins Werke (ESW)

Erster Versuch einer Gesamtausgabe der Werke Edith Steins (Herder, ab 1950)
Herausgeber: Lucy Gelber und Romaeus Leuven OCD / Michael Linssen OCD.

  • ESW I Kreuzeswissenschaft. Studie über Johannes a cruce (1950)
  • ESW II Endliches und ewiges Sein. Versuch eines Aufstiegs zum Sinn des Seins (1950)
  • ESW III Des hl. Thomas von Aquinos Untersuchungen über die Wahrheit I (Übers.) (1952)
  • ESW IV Des hl. Thomas von Aquinos Untersuchungen über die Wahrheit II (Übers.) (1955)
  • ESW V Die Frau. Ihre Aufgabe nach Natur und Gnade (1959)
  • ESW VI Welt und Person. Beitrag zum christlichen Wahrheitsstreben (1962)
  • ESW VII Aus dem Leben einer jüdischen Familie (1962, vervollständigte 2.Auflage 1985)
  • ESW VIII Selbstbildnis in Briefen I (1976)
  • ESW IX Selbstbildnis in Briefen II (1977)
  • (ESW X Leuven, Romaeus: „Heil im Unheil. Das Leben Edith Steins: Reifen und Vollendung“ (1983))
  • ESW XI Verborgenes Leben. Essays, Meditationen, geistliche Texte (1987)
  • ESW XII Ganzheitliches Leben. Schriften zur religiösen Bildung (1990)
  • ESW XIII Einführung in die Philosophie (1991)
  • ESW XIV Briefe an Roman Ingarden (1991)
  • ESW XV Erkenntnis und Glaube (1993)
  • ESW XVI Der Aufbau der menschlichen Person (1994)
  • ESW XVII Was ist der Mensch? (1994)
  • ESW XVIII Potenz und Akt (1998)

Edith Stein Gesamtausgabe (ESGA)

Neue, kritische Gesamtausgabe, Herder Verlag ab dem Jahr 2000
Herausgeber: Das Karmelitinnenkloster Maria vom Frieden in Köln, das über sämtliche Texte und Rechte von Edith Stein verfügt, in Zusammenarbeit mit Frau Prof. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz und zahlreichen Fachgelehrten.

Die ESGA steht auf der Website des Edith Stein Archivs auch digital als Download zur Verfügung.

A. Biographische Schriften
B. Philosophische Schriften
  • Abteilung 1: Frühe Phänomenologie
C. Schriften zur Anthropologie und Pädagogik
  • ESGA 13 Die Frau - Fragestellungen und Refflexionen (2000, 5.Aufl. 2015), ISBN 978-3-451-27383-4
  • ESGA 14 Der Aufbau der menschlichen Person - Vorlesungen zur philosophischen Anthropologie (2004, 3.Aufl. 2015), ISBN 978-3-451-27384-1
  • ESGA 15 Was ist der Mensch? - Theologische Anthropologie (2005, 2. Aufl. 2010), ISBN 978-3-451-27385-8
  • ESGA 16 Bildung und Entfaltung der Individualität - Beiträge zum christlichen Erziehungsauftrag (2001, 2.Aufl. 2004), ISBN 978-3-451-27386-5
D: Schriften zur Mystik und Spiritualität
  • Abteilung 1: Phänomenologie und Mystik
E: Übersetzungen

Familie

Rosa Stein, die leibliche Schwester Edith Steins wurde mit dieser im KZ Auschwitz umgebracht.

Literatur

Päpstliches Schreiben

Johannes Paul II.

Siehe auch: Aloysia Luise Löwenfels (Schwester Maria Aloysia) - jüdische Ordensfrau, die gemeinsam mit Edith Stein in Auschwitz umkam. Martyrologium Germanicum

Weblinks

Anmerkungen

  1. Stein: "Aus dem Leben einer jüdischen Familie", ESW VII; S. 229f.
  2. Stein: "Briefe an Roman Ingarden", ESW XIV; Brief 78, 15. 10. 1921, S. 142
  3. Stein: „Briefe an Roman Ingarden“, ESW XIV; Brief 160, Sommer 1937, S. 238
  4. Edith Stein zur Heiligsprechung Arbeitshilfen Nr. 144; Predigt zur Heiligsprechung.
  5. vgl. Gerl-Falkovitz: "Unerbittliches Licht. Edith Stein", S. 93
  6. vgl. Stein (Übers.), "Des hl. Thomas von Aquinos Untersuchungen über die Wahrheit I", ESW III; S. 7
  7. Stein: „Endliches und ewiges Sein“, ESW II; S. 226
  8. Stein: „Endliches und ewiges Sein“, ESW II; S. 402
  9. Stein: „Endliches und ewiges Sein“, ESW II; S. 407
  10. Stein: „Endliches und ewiges Sein“, ESW II; S. 474
  11. In jüngerer Zeit hat z.B. Mutter Theresa von Kalkutta von ähnlichen Erfahrungen berichtet.
  12. Stein: „Kreuzeswissenschaft“, ESW I; S. 3
  13. Stein: „Kreuzeswissenschaft“, ESW I; S. 43
  14. Stein: „Kreuzeswissenschaft“, ESW I; S. 44
  15. Stein: „Kreuzeswissenschaft“, ESW I; S. 49 (Zitat von Johannes vom Kreuz)
  16. Stein: „Kreuzeswissenschaft“, ESW I; S. 115 (Zitat von Johannes vom Kreuz)
  17. Stein: „Kreuzeswissenschaft“, ESW I; S. 145
  18. Stein: „Kreuzeswissenschaft“, ESW I; S. 239 (Zitat von Johannes vom Kreuz)
  19. Feldmann: „Edith Stein“, S. 118f
  20. Feldmann: „Edith Stein“, S. 131
  21. alle Zitate: Feldmann: „Edith Stein“, S. 130f
  22. Stein: „Selbstbildnis in Briefen I“, ESW VIII; Brief 129 vom 26.12.1932 an Anneliese Lichtenberger, S. 125
  23. Johannes Paul II: Ansprache bei der Seligsprechung von Edith Stein in Köln am 1. 5. 1987
  24. Mitteilungen der Edith-Stein-Gesellschaft, Ausgabe 72 (Juni 2014), S. 4.
  25. Hinweise zum Programm finden sich auf www.edith-stein-gesellschaft.at
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