Wieder mit beiden Lungen der Kirche atmen

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Rundbrief
Wieder mit beiden Lungen der Kirche atmen

Kongregation für das katholische Bildungswesen
unseres Heiligen Vaters
Johannes Paul II.
an die Verantwortlichen für die Priesterausbildung
Grundkenntnisse über die Kirche des Ostens vermitteln
16. April 1987

(Quelle: Der Apostolische Stuhl 1987, S. 2103-2108)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Angesichts der Zunahme der theologischen und pastoralen Kontakte mit den orientalischen Kirchen in den Jahren nach dem II. Vatikanischen Konzil und zumal während des Pontifikates von Papst Johannes Paul II., sieht sich die Kongregation für das Katholische Bildungswesen veranlasst, den für die Priesterausbildung Verantwortlichen in der Form dieses Rundbriefes einige Gedanken zu den römisch-katholischen Studien der Ostkirchen vorzulegen.

1. Bei einer Reihe von Gelegenheiten und unterschiedlichen Umständen hat Papst Johannes Paul II. von der Notwendigkeit gegenseitigen Verständnisses und einer Haltung der Liebe gesprochen, die zwischen Katholiken der italienischen Tradition und anderen Christen, zwischen Katholiken und Orthodoxen bestehen muss, die zu den verschiedenen Gemeinschaften des christlichen Ostens gehören. Als er auf das fehlende Verständnis hinwies, das oft anzutreffen ist, und auf die Unkenntnis der geistlichen Überlieferungen und Werte, die zum Erbe so mancher Christen in Osteuropa, im Nahen Osten, in Afrika und Indien gehören, hat der Papst die Wichtigkeit dieser Überlieferungen für das Leben und das Wohlergehen der ganzen Kirche betont und eindrucksvoll festgestellt: "Wir müssen wieder mit beiden Lungen der Kirche atmen lernen, mit der des Westens und mit der des Ostens" (Ansprache an die Römische Kurie, 28. Juni 1985; L'Osservatore Romano, 29. Juni 1985, S. 5).

Diese Feststellungen des Papstes sind ein Kommentar zu einer Situation im Leben der Kirche, die von den Hirten und den für die intellektuelle und geistliche Ausbildung der jüngeren Generationen der Kirche Verantwortlichen ernsthaftes und gründliches Überlegen verlangen. Die Notwendigkeit dieser Reflexion wird noch dringlicher, wenn man die zahlreichen Entwicklungen bedenkt, die zu häufigen Kontakten zwischen Christen des Ostens und des Westens in unserem Jahrhundert Anlass gegeben haben. Als eine Hilfe für solche Reflexion bietet die Kongregation für das Katholische Bildungswesen die folgenden Hinweise und Richtlinien an.

2. Anfang dieses Jahrhunderts gab es eine massive Wanderungsbewegung von Menschen aus Osteuropa und dem Nahen Osten zu den Kontinenten beider Teile Amerikas. Sie verstärkte sich noch durch neue Auswanderungsbewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg. In neuester Zeit führten die beklagenswerten Ereignisse im Nahen Osten zur Entwurzelung Hunderttausender von Christen, die wie viele anderen aus ihren angestammten Heimatländern auswanderten. Als Ergebnis von all dem findet man Millionen von Christen sämtlicher ostkirchlicher Traditionen in Westeuropa, Kanada, den vereinigten Staaten, in zahlreichen Ländern Lateinamerikas und in Australien. Es gibt sogar einige Gemeinschaften, die über Afrika und Indien verstreut sind. Diese Tatsache schafft Probleme pastoraler Art, eingeschlossen die christliche Erziehung und geistige Formung, das religiöse Leben in der Familie, Ehen zwischen Katholiken verschiedener Riten sowie zwischen Katholiken und Orthodoxen, die Seelsorge für isolierte Gruppen usw ..

Wie weit kennt man das liturgische und geistliche Leben der alten christlichen Überlieferungen dieser neuen Nachbarn? Gibt man sich ernsthaft Mühe, solche Kenntnisse zu erwerben und zu verbreiten und daraus geeignete Folgerungen für die Seelsorge zu ziehen?

3. Unser Jahrhundert war Zeuge eines bemerkenswerten Anwachsens der Veröffentlichung von theologischen, liturgischen und aszetischen Schriften der Väter und geistlichen Führer des christlichen Ostens. Ihre Werke erscheinen in zahlreichen Sprachen, sei es in wissenschaftlicher oder auch in volkstümlicher Form. Viele Christen versuchen, das von geistlichen Schriftstellern der Ostkirche gelehrte Herzensgebet zu üben; zahlreiche Ordensgemeinschaften suchen für die Erneuerung ihres Gemeinschaftslebens bei den Schriftstellern aus Ost und West nach Anregungen.

Man darf freilich nicht die Frage stellen, wie weit diese Schätze einer gemeinsamen Überlieferung von Katholiken wirklich verstanden und aufgenommen werden. Werden sie nicht zuweilen oberflächlich behandelt, so dass man vor vorübergehenden, kurzfristigen Bewegungen steht? Oder gibt man sich ernstlich Mühe, sie gründlich zu studieren, so dass sie berechtigterweise zum Wachstum im Beten sowie im persönlichen und gemeinschaftlichen Leben beitragen.

4. Die Zeit des II. Vatikanischen Konzils und die danach war von aktivem Bemühen um Erneuerung und Reform in der katholischen Kirche gekennzeichnet. Das Konzil selber hat in einem eigenen Dekret (Orientalium ecclesiarum) die Wichtigkeit der katholischen Ostkirche betont, auf die Entwicklung hingewiesen, die in ihren Gemeinschaften weitergehen soll, und die berechtigte Rolle unterstrichen, die sie im Leben der Gesamtkirche zu spielen haben. In seinem Ökumenismusdekret (Unitatis redintegratio, Nr. 3 A) entfaltet das Konzil überdies sein Verständnis der reichen christlichen Schätze aus einer gemeinsamen Tradition, die die Katholiken weiter mit den Orthodoxen teilen, trotz der Tatsache, dass es im Augenblick keine volle kirchliche Gemeinschaft zwischen ihnen gibt.

5. Wenn das Konzil seine eigenen Entscheidungen entwickelte und katholische Theologen und Lehrer ermunterte, zeigte es zugleich auf, wie sehr es die Tatsache schätzte, dass ein echtes und gründliches Studium der Überlieferung der Kirche Christi nicht von den besonderen Überlieferungen der verschiedenen christlichen Kirchen, eingeschlossen die Ostkirchen, absehen kann. Greift er auf die wesentlichen Quellen des Glaubens zurück, findet der Theologe, der einer Einzelkirche angehört, nicht nur persönliche Bereicherung durch diese Erfahrung der "Anderen" ; er kehrt zugleich durch diese Methode zu seinen eigenen Grundlagen zurück.

In den ersten christlichen Jahrhunderten gab es zwar eine große Vielfalt von Ausdrucksformen und sprachlichen Formulierungen, und doch zugleich eine wunderbare geistliche Übereinstimmung, so dass die hauptsächlichen Begriffe für den Glauben in den Sprachen der verschiedenen Völker in einer Weise ausgedrückt wurden, die als Beispiel für die ganze Christenheit dienen kann. Studiert man sie in diesem breiten historischen Kontext, versteht man die Lehren des Glaubens besser, denn sie scheinen aus einer wahrhaft lebendigen Umwelt aufzusteigen.

6. Eine weitere Frage, die das II. Vatikanische Konzil betonte (z.B. Lumen gentium, Gaudium et spes und Ad gentes) betraf das Wissen, wie man die Botschaft des Evangeliums in den angestammten Boden der echten Überlieferungen verschiedener Völker einpflanzen muss. Das erfordert Inkulturation, wie die jüngste außerordentliche Bischofssynode (vgl. Schlußbericht , D 4) betont hat. Die Ostkirchen besitzen eine weit zurückreichende Tradition, wie man christliche Menschen von ihrer Taufe an lehrt, "Gott in ihrer eigenen Sprache zu preisen" (Leben des hl. Konstantin, Cyrillus XVI, 1 f.). In zahlreichen Ländern des Ostens ging diese Inkulturation manchmal so weit, dass es zu einer Umwandlung und Identifizierung des kulturellen Lebens mit der Art christlichen Lebens kam: Das Studium dieses Vorgangs kann als Beispiel und Wegweiser für jene dienen, die heute einen ähnlichen Prozess durchmachen. Es kann jene Wege aufzeigen, die die Erfahrung der Jahrhunderte als glücklich erwiesen hat, und die sich von oberflächlichen Anpassungen unterscheiden, die diesen Prozess nur stören und vielleicht den Glauben selber entstellen können.

Ein solches vergleichendes Studium kann für andere Gebiete theologischen und pastoralen Überlegens nützlich sein, etwa bei der liturgischen Erneuerung und Anpassung, bei der kanonischen Disziplin, zumal wenn es um das Verhältnis zwischen verschiedenen Gemeinschaften geht, weiter bei der Kirchengeschichte, besonders wenn sie das herausstellt, was die Christen eint und was zu ihren Spaltungen geführt hat, bzw. sie weiter aufrecht hält.

7. Das Bedenken dieser Tatsachen und ihre Beobachtung führt zur spontanen Frage: welche konkreten Schritte sind möglich, wenn man auf diese Entwicklung positiv reagieren möchte, so dass erstens Spannungen zwischen lateinischen und ostkirchlichen Katholiken vermindert und vielleicht sogar vermieden werden und letztere eine immer bedeutsamere Rolle im Leben der ganzen Kirche spielen können; zweitens die Bewegung auf die volle kirchliche Gemeinschaft zwischen Katholiken und Orthodoxen hin ermutigt wird und sich weiter entwickelt, wenn katholische Studenten mit dem Dialog zwischen römisch-katholischen und orthodoxen Christen wohl vertraut sind; drittens die ganze Kirche bei ihren Bemühungen um Erneuerung und Anpassung an die Bedürfnisse der Gegenwart aus den Erfahrungen der Vergangenheit und aus der Vielfalt christlicher Überlieferungen lernen kann, die ein Teil ihrer Geschichte und ihres Erbes sind.

8. Eine vollständige Antwort auf diese Frage würde ein tatkräftiges Interesse einer Reihe von Dikasterien des Heiligen Stuhles sowie der jeweiligen Organe der verschiedenen katholischen Einzelkirchen notwendig machen. Im Bereich ihrer eigenen Zuständigkeit und Verantwortung bietet die Kongregation für das Katholische Bildungswesen folgende Richtlinien an:

9. Das Päpstliche Institut für höhere Orientalische Studien, das vor fast 70 Jahren in Rom errichtet wurde, ist ein Zentrum der Forschung und der akademischen Ausbildung, das nicht nur Christen aus dem Osten, sondern ebenso solchen aus der lateinischen Tradition offen steht. Es bietet einführende und weiterführende Programme in Theologie, Liturgie, Spiritualität und Geschichte an und besitzt eine eigene Fakultät für das Kirchenrecht der Ostkirchen. Das Bedürfnis nach gut ausgebildeten Fachleuten auf diesem Gebiet ist angesichts der oben geschilderten Entwicklung heute größer als je zuvor. Diese Kongregation fordert daher die Bischöfe und Ordensobere dringend auf, Kleriker und Laien, die besonders für höhere Studien am Päpstlichen Orientalischen Institut qualifiziert sind, bei diesen Studien zu unterstützen und sie nach ihrer Ausbildung wirksam in diözesanen und ordenseigenen Instituten einzusetzen. Seminarien, Institute zur Ausbildung von Diakonen oder Religionslehrern und Lehrerbildungsinstitute sind Beispiele für Schulen, deren Arbeit wirksamer sein würde, wenn sie auf die regelmäßige Hilfe von Leuten zählen könnten, die aufgrund ihrer akademischen Ausbildung als Fachleute für Studien über den christlichen Osten ausgewiesen sind.

10. An Seminarien und theologischen Fakultäten sollten den Studenten Kurse über Grundkenntnisse der Ostkirchen, über ihre theologischen Lehren sowie über ihre liturgischen und geistlichen Überlieferungen angeboten werden. In allen Seminaren, wo gemäß Optatam totius die biblischen Studien an erster Stelle stehen (vgl. ebd. Nr. 16), muss auch eine volle und wirkliche Kenntnis der Kirchenväter aus Ost und West vermittelt werden. Das bedeutsame theologische Erbe des Ostens sollte einen wesentlichen Teil aller Fächer bilden, die von ihm besonders geprägt und gestaltet sind, um so nicht nur die Studien der Studenten des lateinischen Ritus zu bereichern, sondern ihnen auch eine größere Wertschätzung der Ostkirchen zu vermitteln. Das theologische und geistliche Gewicht dieses Erbes erweist sich besonders bei der Lehre über die heilige Dreifaltigkeit, die Christologie, über den Heiligen Geist, die Gnade und das Verhältnis zwischen Natur und Übernatur, dazu kommt ihr Verständnis des "Filioque", die eucharistische Natur der Kirche und das "Geheimnis", das in der Liturgie gefeiert wird. Solche Kurse sollen von Fachleuten angeboten und jeweils an die örtlichen Verhältnisse angepasst werden. Sie sollen die Studenten für den intellektuellen Dialog und die pastoralen Probleme vorbereiten, die sich ergeben können, wenn unterschiedliche religiöse Gemeinschaften zusammenleben, Z.B. die Seelsorge für interrituelle und gemischte Ehen. Wo es möglich ist, soll diese Ausbildung direkten Kontakt mit Gemeinschaften von Christen der Ostkirchen und ihrem liturgischen Leben einschließen.

11. An Fakultäten für Kirchenrecht soll die Gesetzgebung für Katholiken der Ostkirchen entsprechend berücksichtigt werden, ferner die Hauptelemente der heute geltenden Gesetzgebung der Orthodoxen. Ihr Verständnis ist nicht nur für jene notwendig, die dieses Fach einmal unterrichten sollen, sondern auch für jene, die als Konsultoren oder Offiziale in diözesanen Kurien, Seelsorgeämtern, usw. arbeiten sollen.

12. An katholischen Kollegien und Universitäten soll darauf geachtet werden, dass im allgemeinen Studienplan eine Behandlung der Christenheit des Ostens vorgesehen ist. Wo eine erhebliche Zahl von Lehrern und Studenten Ostchristen sind, sollen nicht nur ihre pastoralen Bedürfnisse besonders berücksichtigt, sondern auch die Möglichkeit angeboten werden, dass sie eine ausreichende akademische Ausbildung in ihren religiösen und kulturellen Traditionen bekommen. Wo die Verhältnisse es rechtfertigen, können an den Fakultäten besondere Institute eingerichtet werden, um akademische Ausbildung auf diesen Gebieten sicherzustellen.

13. Besondere Sorgfalt soll darauf verwendet werden, dass in den verschiedenen oben erwähnten Institutionen die Bibliotheken entsprechend mit Büchern, Zeitschriften und anderem für diese Arbeit notwendigem Material ausgestattet sind.

14. Bei der Durchführung der hier gegebenen Richtlinien empfiehlt die Kongregation, wenn die örtliche Situation es nahelegt, die Zusammenarbeit zwischen katholischen und orthodoxen Autoritäten und Gelehrten zu ermutigen, in Übereinstimmung mit den Weisungen des Ökumenischen Direktoriums, Teil II, Kapitel IV.

15. Es ist klar, dass trotz des Fortschritts auf diesem Gebiet bei den Katholiken der lateinischen Tradition noch viel Nachholbedarf bei der Kenntnis der Völker, Überlieferungen und Kirchen des christlichen Ostens besteht. Dies wurde vor Jahrzehnten schon durch Papst Benedikt XV. und Papst Pius XI. erkannt, als sie ein Pionierunternehmen begannen und das Päpstliche Orientalische Institut gründeten und ausbauten und wiederholt die Katholiken nachdrücklich aufforderten, ihre Kenntnis und ihr Verständnis dieser Fragen zu erweitern. Ihr Anliegen wurde von späteren Päpsten erneut aufgegriffen auch in gemeinsamen Erklärungen wie der des Papstes Paul VI. und des Koptischen Orthodoxen Patriarchen Shenouda III. (1973). Die Kongregation für das Katholische Bildungswesen aber möchte durch die im obigen Text angebotenen Überlegungen und Richtlinien konkret auf diese häufig wiederholten und bis heute wichtigen Anliegen eingehen.

Wir hoffen, dass diese Richtlinien bei den Professoren und Studenten warme Aufnahme finden und Früchte bringen; endlich wünschen wir Ihnen, Eminenzen, Exzellenzen und hochwürdige Rektoren der Seminare, Präsidenten und Dekane der Fakultäten, Gottes reichen Segen und versichern Sie unseres Gebetes.

Kardinal William Baum
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