Situationsethik

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Die Situationsethik ist ein nicht-katholisches Moralystem, das die entscheidende und höchste Norm des Handelns, in einer subjektiven, einmaligen und individuellen "Entscheidung" (statt Urteil) des Gewissens sieht. Das objektive allgemein gültige Sittengesetz, dessen letzte Grundlage das Sein ist, sei höchstens eine Orientierung (vgl. Contra doctrinam; VS, Nr. 47).

Nach den Autoren der Situationsethik genüge der überkommene Begriff von der "menschlichen Natur" nicht. Man muss zu einem Begriff der "existierenden" menschlichen Natur kommen, der in der Mehrzahl der Fälle keine absolute objektive Gültigkeit, sondern nur einen relativen Wert besitze, der deshalb auch wandelbar sei, wenn man von den wenigen Elementen und Grundsätzen absehe, die sich aus der absoluten und unveränderlichen metaphysischen Natur des Menschen ergeben (vgl. Contra doctrinam).

Papst Pius XII. stellt sich in den 50-Jahren des 20. Jahrhunderts gegen eine vorgebliche Reform der sittlichen Normen. Diese stelle "jedes sittliche Kriterium dem persönlichen Gewissen anheim, das, stolz in sich verschlossen, der absolute Richter über seine Entscheidungen" sei. Wie in der dogmatischen Lehre, so möchte man auch in der katholischen Sittenordnung eine radikale Revision vornehmen, um daraus eine neue Wertung abzuleiten. Die "neue Moral" könnte man "ethischen Existentialismus", "ethischen Aktualismus" oder "ethischen Individualismus" nennen. Die Moral soll von den Spitzfindigkeiten der kasuistischen Methode befreit, zu ihrer ursprünglichen Form zurückgeführt und einfach hin der Einsicht und der Bestimmung des individudlen Gewissens anheimgestellt werden."[1] Das besondere Merkmal dieser Moral bestehe darin, dass sie nicht [immer] von den allgemeingültigen Moralgesetzen, wie z. B. den Zehn Geboten, ausgehe, sondern von den tatsächlichen konkreten Umständen und Bedingungen, in denen der Mensch handeln muss und denen entsprechend das individuelle Gewissen zu wählen und zu entscheiden habe. Dieser Tatbestand sei einmalig und sei nur einmal für jede menschliche Handlung gültig. Darum könne nach der Auffassung der Anhänger dieser Ethik die Gewissensentscheidung nicht von allgemeingültigen Ideen, Prinzipien und Gesetzen diktiert werden. So sehr auch solche Gewissensentscheidungen auf den ersten Blick den göttlichen Geboten zu widersprechen scheinen, sollen sie dennoch vor Gott gültig sein, weil, wie man sagt, das aufrichtige und wohlgebildete Gewissen auch vor Gott mehr gilt als das "Gebot" und das "Gesetz". Eine solche Entscheidung entspreche dem Stande der "Mündigkeit" des Menschen und nehme die objektiven Normen nicht einfach "passiv" und "rezeptiv" entgegen, sondern man verhalte sich "aktiv" und "schöpferisch". Pius XII. stellt fest: nur "da, wo es keine absolut verpflichtenden und von allen Umständen und Eventualitäten unabhängigen Normen gibt, erfordert die "einmalige" Situation in ihrer Einzigkeit tatsächlich eine sorgfältige Prüfung, um zu entscheiden, welche Gebote hier anzuwenden sind und in welcher Weise.[2]

Auch Papst Johannes Paul II. wendet sich 1993 in der Enzyklika Veritatis splendor (Nr. 55+56) gegen die "neue Moral", seien es falsche Theologenmeinungen oder falsche "pastorale" Lösungen. "In sich" böse Handlungen könnten in bestimmten Situationen nie erlaubt sein, denn der Zweck heilige nicht die Mittel (vgl. VS, Nr. 79-83).

Päpstliche Schreiben

Pius XII.

Johannes Paul II.

Literatur

  • Dietrich von Hildebrand: 1955 Wahre Sittlichkeit und Situationsethik (mit Alice Jourdain) (Band VIII, Situationsethik und kleinere Schriften 1973, S. 5-164 - ISBN 3-17-0821160-X in Leinen und 3-17-001236-3 kartoniert; 2. Auflage; (Wahre Sittlichkeit und Situationsethik, Patmos Verlag Düsseldorf 1957 = 1. Auflage).

Anmerkungen

  1. Pius XII.: Rundfunkansprache La famiglia è la culla.
  2. Pius XII.: Ansprache Soyez les bienvenues.
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