Catechismus Romanus I. Teil: Vom Glaubensbekenntnis

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Catechismus Romanus
I. Teil: Vom Glaubensbekenntnis

(Quelle: Das Religionsbuch der Kirche, Catechismus Romanus gemäß Beschluß des Konzils von Trient für die Seelsorger herausgegeben auf Geheiß des Papstes Pius V.. In deutscher Übersetzung herausgegeben von Dr. Michael Gatterer SJ, erstes Buch – I Bändchen, übersetzt von Anton Koch S.J., Verlag Felizian Rauch Innsbruck-Leipzig 1940, S. 34-202 (3. Auflage); Imprimatur Nr. 286. Apostolische Administratur Innsbruck, 5. Februar 1940 Dr. Carl Lampert, Prov.; Als Vorlage zur Übersetzung diente die bei Tauchnitz, Leipzig erschienene Ausgabe des Catechismus Romanus, die genau den Text des in Rom erstmals gedruckten Originals wiedergibt. Die Gliederung in Teile und Kapitel ist ursprünglich und offiziell. Die fetten Nummern geben die Nummerierung wieder, die Andreas Fabricius, Professor der Philosophie in Löwen († 1581) erstmals einführte; sie sind nicht in allen Ausgaben gleich. Die in eckigen Klammern stehenden Zusätze sind von Dr. Michael Gatterer (außer wenn sie inerhalb gewöhnlicher Klammer stehen). Die Anmerkungen wurden bei der Digitalisierung im Text in Klammer, die Stellen der Heiligen Schrift nach den Abkürzungen der Einheitsübersetzung [Anhang] wiedergegeben)

Inhaltsverzeichnis

Erstes Kapitel:
Vom Glauben und Glaubensbekenntnis

1 Der Ausdruck »Glaube« hat in der HI. Schrift mehrere Bedeutungen. Hier sprechen wir von jenem Glauben, kraft dessen wir alles fest für wahr halten, was von Gott geoffenbart ist.

Dass der Glaube in diesem Sinn notwendig ist, um zum Heil zu gelangen, daran kann mit Grund niemand zweifeln; es steht ja ausdrücklich geschrieben: »Ohne Glauben ist es unmöglich Gott zu gefallen« (Hebr 11,6). Der Grund ist der: das Ziel, das dem Menschen als seine Seligkeit gestellt ist, ist zu hoch, als dass es der menschlichen Geisteskraft einsichtig werden könnte. Somit musste der Mensch die Erkenntnis dieses Ziels von Gott empfangen. Diese Erkenntnis nun ist eben der Glaube, dessen Tugendkraft bewirkt, dass wir als richtig fest halten, was die Autorität unsrer heiligen Mutter, der Kirche, als von Gott geoffenbart erklärt. Ein Zweifel an dem, was Gott geoffenbart hat, ist bei Gläubigen ausgeschlossen. Denn Gott ist die Wahrheit selbst. Daraus ersehen wir auch den großen Unterschied zwischen dem Glauben, den wir Gott leisten, und jenem Glauben, den wir menschlichen Geschichtschreibern schenken.

Der Glaube hat einen weiten Umfang und viele Abstufungen an Größe und Wert, wie es in der Hl. Schrift z. B. heißt: »Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt« (Mt 14,28); ein andermal: »Groß ist dein Glaube« (Mt 15,28); und dann wieder: »Vermehre uns den Glauben« (Lk 17,5); ebenso: »Der Glaube ohne Werke ist tot« (Jak 2m20) und »der Glaube ist durch die Liebe wirksam« (Gal 5,6). Trotzdem ist es nur Eine Tugend, und es lassen sich die verschiedenen Abstufungen des Glaubens unter der gleichen Begriffsbestimmung zusammenfassen. Wie fruchtbar aber der Glaube ist und welchreichen Nutzen wir von ihm haben, das wird bei der Erklärung der Glaubensartikel näher ausgeführt werden.

2 Das erste also, was jeder Christ festhalten muss, sind jene Wahrheiten, die unsre Führer und Lehrer im Glauben, die Apostel, unter dem Beistand des Hl. Geistes in den zwölf Glaubensartikeln niedergelegt haben. Denn als sie vom Herrn den Auftrag erhalten hatten, als Boten an seiner Statt in alle Welt zu ziehen und allen Geschöpfen die Frohbotschaft zu verkünden, da beschlossen sie, für den christlichen Glauben eine bestimmte Formel zusammenzustellen. Es sollte nämlich in aller Denken und Sprechen Übereinstimmung und keinerlei Spaltung unter denen herrschen, die sie zur Einheit des Glaubens beriefen; alle sollten vielmehr »vollkommen eines Geistes und eines Sinnes sein« (1 Kor 1,10).

3 Dieses Apostolische Bekenntnis christlichen Glaubens und christlicher Hoffnung erhielt den Namen Symbol [»Zusammentat« oder auch »Erkennungszeichen«], entweder weil es aus verschiedenen Sätzen besteht, die die einzelnen Apostel dazu beigesteuert haben (Hier ist offenbar an die Legende gedacht, nach der jeder Apostel je einen der zwölf Glaubensartikel verfasst haben soll. Ambros. explic. symb) oder weil man es wie ein Erkennungszeichen gebrauchte, an dem man Abtrünnige, Eindringlinge und falsche Brüder, die das Evangelium zu fälschen suchten, von den wahren Anhängern Christi leicht zu unterscheiden vermochte.

4 In der christlichen Religion wird den Gläubigen vieles vorgelegt, was sie im einzelnen oder doch im ganzen fest und sicher glauben müssen. Das erste und Notwendigste aber, was jeder glauben muss, ist das, was uns gewissermaßen als Grundlage und Inbegriff der Wahrheit Gott selbst gelehrt hat über die Einheit des göttlichen Wesens und die Verschiedenheit der drei Personen, sowie über das Wirken, das den drei Personen in besonderer Weise zugeschrieben wird.

Dieses Grundgeheimnis nun - so lehre der Seelsorger - wird im Apostolischen Glaubensbekenntnis in kurzer Zusammenfassung vorgelegt. Denn dieses zerfällt in drei Hauptteile, wie schon die christliche Vorzeit beobachtet hat, wo man sich mit dem Inhalt des Glaubensbekenntnisses liebevoll und eingehend beschäftigte. Im ersten Teil wird die erste Person in Gott und das wunderbare Schöpfungswerk beschrieben; im zweiten Teil die zweite Person und das Geheimnis der Erlösung; im dritten Teil endlich wird die dritte Person, Urheber und Quell unsrer Heiligkeit, in verschiedenen sehr gut gewählten Sätzen dargestellt.

Diese Sätze des Glaubensbekenntnisses nennen wir nach einem von unsern Vätern häufig gebrauchten Vergleich »Artikel« [Glieder, vgl. Satzglied]. Wie man nämlich die Einzelteile des Körpers nach [Artikeln oder] Gliedern unterscheidet, so können wir auch in diesem unserm Glaubensbekenntnis jeden Einzelsatz, der uns zu glauben vorgelegt wird, ganz entsprechend als [Glied des Ganzen, d. i. als] Artikel bezeichnen.

Zweites Kapitel: Erster Glaubensartikel
 »Ich glaube an Gott, den allmächtigen Vater, Schöpfer Himmels und der Erde«

1 Der Sinn dieser Worte ist: mit voller Überzeugung glaube ich und ohne alles Schwanken bekenne ich den Glauben an Gott Vater, die erste Person der hl. Dreieinigkeit, der in seiner Allmacht Himmel und Erde und alles, was darin ist, aus Nichts erschaffen hat und der die Schöpfung erhält und regiert. Und ich glaube an Ihn nicht nur im Herzen, bekenne Ihn nicht nur mit dem Mund - ich strebe auch aus aller Kraft und in kindlicher Hingabe zu Ihm als dem höchsten, vollkommensten Gut.

So etwa lässt sich in Kürze der Inhalt des ersten Glaubensartikels zusammenfassen. Doch birgt hier beinahe ein jedes Wort erhabene Geheimnisse, und darum muss der Seelsorger den Satz nun Wort für Wort eingehend durcharbeiten und dem gläubigen Volk, soweit es dem Herrn gefällt, erklären, damit es seine glorreiche Majestät in tiefer Ehrfurcht betrachten lerne(Ex 20, 18 f).


»Ich glaube« 

2 Das Wort »Glauben« hat hier nicht die Bedeutung von »meinen, wähnen, vermuten«; es bezeichnet vielmehr, wie die Hl. Schrift lehrt, die vollständig sichere Zustimmung, womit der Verstand die Offenbarungen Gottes fest und beharrlich als wahr umfasst. Nur der glaubt eigentlich, um es noch deutlicher zu sagen, der etwas ohne jeden Zweifel als sichere Überzeugung annimmt.

Es darf aber niemand meinen, die durch den Glauben erworbene Kenntnis biete weniger Gewissheit, weil man die Dinge nicht verstehen kann, die die Religion uns zu glauben vorlegt. Gewiss, das übernatürliche Licht, in dem wir diese Wahrheiten erkennen, gestattet uns keinen vollkommenen Einblick in die innern Gründe der Dinge; trotzdem schließt es aber jeden Zweifel an deren Tatsächlichkeit aus. »Denn Gott, der da sprach: ,Aus Finsternis soll Licht aufleuchten', er ist es, der in unsern Herzen aufgeleuchtet ist« (2 Kor 4, 6), so dass uns das Evangelium nicht verhüllt bleibt wie jenen, die verloren gehen.

3 Daraus ergibt sich aber auch die Folgerung, dass der mit dieser Glaubenserkenntnis Begnadete sich mit vorwitzigen Untersuchungen einfach nicht abgibt. Denn indem Gott uns zu glauben befahl, hat Er damit nicht den Auftrag gegeben, seine göttlichen Gedanken und Ratschlüsse zu untersuchen und deren innere Gründe zu erforschen, sondern Er hat uns nur das unwandelbare Fürwahrhalten zur Pflicht gemacht, das die Wirkung hat, dass der Geist in der Erkenntnis der ewigen Wahrheit seine Ruhe findet. Und mit Recht. Denn wenn der Apostel sagt: »Gott ist wahrhaftig, jeder Mensch aber ist ein Lügner« (Röm 3, 4), und wenn es schon eine ungebührliche Herausforderung bedeutet, einem ernsten, weisen Mann den Glauben zu versagen, falls er etwas versichert, und noch weiter in ihn zu dringen, er solle sein Wort durch Gründe oder Zeugen erhärten - ist es da nicht der höchste Grad von Verwegenheit, ja Torheit, wenn einer, der Gottes Offenbarungen hört, noch nach Gründen für die himmlische Heilslehre verlangt? Wir haben uns also an den Glauben zu halten, nicht nur unter Ausschluss jedes Zweifels, sondern auch unter Ausschluss aller Sucht nach Beweisen.

4 Der Pfarrer lehre aber weiterhin auch das: Wer da spricht »Ich glaube«, der erklärt damit nicht nur seine innere Zustimmung (worin der innere Glaubensakt besteht), er muss, was er drinnen im Herzen trägt, auch durch das offene Bekenntnis seines Glaubens nach außen zeigen und frisch und freudig öffentlich im Leben kundgeben. Der Christ sollte jene Gesinnung in sich tragen, die den Propheten mit solcher Zuversicht sprechen ließ: »Ich glaubte, darum redete ich« (Ps 115, 10). Er sollte es den Aposteln nachtun, die zu den Führern des jüdischen Volkes sprachen: »Wir können unmöglich von dem schweigen, was wir gesehen und gehört haben« (Apg 4, 20). Er sollte sich an dem herrlichen Wort des Apostels Paulus begeistern: »Ich schäme mich des Evangeliums nicht. Denn es ist Gottes Kraft zur Rettung für jeden, der glaubt« (Röm 1, 61). Oder an dem andern Wort, das die Berechtigung unsrer Forderung am besten bestätigt: »Mit dem Herzen glaubt man, um gerechtfertigt zu werden, mit dem Munde bekennt man, um zum Heil zu gelangen« (Röm 10, 10).


»An Gott« 

5 Die Worte »an Gott« zeigen uns den einzigartigen Vorrang christlicher Weisheit und damit zugleich das andere: welch großen Dank wir Gottes Güte schulden, da Er uns die Gnade gab, mittels des Glaubens sofort zur Erkenntnis des höchsten und für uns bedeutungsvollsten Wesens emporzusteigen. 6 Das ist ja gerade der große Unterschied zwischen der Weisheit des Christen und der Weltweisheit: diese kann unter Führung des Lichtes der Vernunft nur Schritt für Schritt vorandringen und kommt aus der Erkenntnis der Werke [Gottes] und der sichtbaren Dinge kaum nach langem Bemühen soweit, dass sie »das Unsichtbare an Gott schaut« (Röm 1, 20), dass sie aller Dinge erste Ursache, den Schöpfer erkennt und erfasst. Ganz anders der Glaube. Er schärft die geistige Sehkraft des Menschen in solchem Grad, dass der Blick mühelos bis in den Himmel vordringt; dass er, von übernatürlichem Licht erfüllt, zunächst den ewigen Quell des Lichtes selbst und dann von Ihm aus alle Dinge unter Ihm betrachtet; so dass wir, wie der Apostelfürst sagt (1 Petr 2, 9), »unsrer Berufung aus der Finsternis in sein wunderbares Licht« mit unbeschreiblicher Wonne innewerden, und »im Glauben unaussprechliche Freude genießen« (1 Petr 1, 8). Es ist also ganz in der Ordnung, wenn der Christ zuerst seinen Glauben an Gott bekennt.

Gottes Erhabenheit nun ist nach Jeremias' Wort (Jer 32, 13) »unbegreiflich«. »Er wohnt in unzugänglichem Licht«, wie der Apostel sagt (1 Tim 6, 16), »kein Mensch hat ihn gesehen und keiner kann ihn sehen«. Gott selbst hat ja zu Moses das Wort gesprochen: »Kein Mensch erblickt mich und bleibt dabei am Leben« (Ex 33; 20). Denn wenn unser Geist zu Gott selbst, dem höchsten aller Wesen vordringen sollte, so müsste er sich von aller sinnlichen Erkenntnis freimachen, was wir aber hienieden natürlicherweise nicht vermögen. Nun hat sich aber Gott trotzdem »nicht unbezeugt gelassen. Denn er ist es, der die Wohltaten spendet: der vom Himmel her Regen und fruchtbare Zeiten sendet, der Nahrung gibt und die Herzen mit Fröhlichkeit erfüllt« (Apg 14, 16) - Solche Überlegungen veranlassten die alten Weltweisen, jede Gottes unwürdige Vorstellung abzuweisen und alles Körperhafte, sinnlich Greifbare, Unvollkommene vom Gottesbegriff auszuschließen. Ihm schrieben sie Macht über alle Dinge und die Fülle des Guten zu, so zwar, dass von Ihm, wie aus dem ewigen, unerschöpflichen Quell der Vollkommenheit und Güte, sämtlichen Geschöpfen alle Vollkommenheit und Güte zuströme. Ihn nannten sie den Weisen, den Urheber und Freund der Wahrheit, den Gerechten, unendlich Wohltätigen, und bezeichneten Ihn mit ähnlichen Ausdrücken höchster, allseitiger Vollkommenheit. Seine Kraft war nach ihrer Anschauung ohne Maß und Grenze, sie erfüllte jeden Ort und erstreckte sich über das ganze All.

Doch all das steht noch weit schöner und großartiger auf den Blättern der HI. Schrift. Nur einige Stellen mögen dies dartun: »Gott ist Geist« (Joh 4, 24), »Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!« (Mt 5, 48). »Alles liegt bloß und offen vor seinen Augen« (Hebr 4, 13). »O Tiefe des Reichtums der Weisheit und der Erkenntnis Gottes !« (Röm 11, 33). »Gott ist wahrhaftig« (Röm 3, 4). »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben« (Joh 14, 6). »Deine Rechte ist voll der Gerechtigkeit« (Ps 47, 11). »Du öffnest deine Hand, erfüllst mit Segen alles, was da lebt« (Ps 144, 16). »Wo soll ich mich verbergen vor deinem Geist? Wohin nur fliehen vor deinem Angesicht? Stiege ich zum Himmel empor, so bist du da; stieg' ich zur Hölle hinab, du bist da. Nähme ich der Morgenröte Schwingen und ließe ich mich nieder am fernsten Meeresgestade, so würde deine Hand auch dort mich führen und deine Rechte mich erfassen« (Ps 138, 7 f). »,Erfülle ich nicht Himmel und Erde', spricht der Herr« ? (Jer 23, 24).

Sind auch die Erkenntnisse, die die Weltweisen von der Schöpfung ausgehend in Übereinstimmung mit der Lehre der HI. Schrift über das Wesen Gottes gewonnen haben, groß und erhaben, so sehen wir doch auch hier, wie notwendig die Offenbarung ist, wenn wir nämlich folgendes beachten: erstens, dass der Glaube, wie gesagt, auch dem einfachen Menschen ohne höhere Bildung sofort klar vermittelt, was solch große Gelehrte erst nach langem Studium erkannt haben; dass außerdem die aus dem Glauben geschöpfte Erkenntnis weit sicherer und irrtumsfreier ist, als das Erfassen dieser Dinge auf, Grund rein wissenschaftlicher Erwägungen; vor allem aber, dass jene besondere Gotteserkenntnis, zu der nicht der für alle gangbare Weg der Naturbetrachtung, sondern das Licht des Glaubens den Christen führt, weit vorzüglicher ist. Man denke nur einmal an den Inhalt der einzelnen Glaubensartikel: Sie geben uns Kunde von der Einheit des Wesens Gottes, von der Dreiheit der Personen, und von des Menschen letztem Ziel, das Gott selbst ist. Von Ihm haben wir den Besitz der himmlischen, ewigen Seligkeit zu erwarten, nach dem Wort des hl. Paulus, dass Gott »denen, die ihn suchen, ein Vergelter sein wird« (Hebr 11, 6). Die Größe dieses Lohnes und die Unmöglichkeit für den Menschen, sich diesen auch nur schwach vorzustellen, hat lange vor Paulus (1 Kor 2, 4) der Prophet Isaias schon ausgesprochen (Is 64, 4), wenn er sagt: »Von Ewigkeit her hat es niemand gehört, kein Ohr hat es vernommen, kein Auge es gesehen, außer dir o Gott, was du denen bereitet hast, die auf dich hoffen«.

7 Aus den bisherigen Ausführungen ergibt sich auch die Wahrheit, dass es nur Einen Gott gibt, nicht mehrere Götter. Denn: wir schreiben Gott die allerhöchste Güte und Vollkommenheit zu. Das höchste und vollkommenste Sein aber kann sich unmöglich in mehreren finden, [weil dann dem einen fehlte, was die andern haben.] Würde nun einem auch nur etwas von dieser höchsten Vollkommenheit fehlen, so wäre er eben damit schon nicht mehr schlechthin vollkommen, es käme ihm somit auch das Wesen Gottes nicht zu.

Diese Einheit Gottes beweisen eine ganze Reihe von Schrifstellen. So steht geschrieben: »Höre, Israel: der Herr, unser Gott, ist Ein Gott !« (Deut 6, 4). Und Gott selbst befahl: »Du sollst keine andern Götter neben mir haben !« (Ex 20, 4). Durch den Propheten lässt Er dann wiederholt die Mahnung ergehen: »Ich bin der erste und der letzte, und außer mir ist kein Gott« (Jes 44, 6). Und der Apostel bezeugt es vor aller Welt: »Ein Herr, Ein Glaube, Eine Taufe« (Eph 4, 5).

8 Wenn die Hl. Schrift Propheten und Richter zuweilen »Götter« nennt, so tut sie das nicht im Sinn der Heiden, die ebenso unverständig wie frevelhaft eine Großzahl von Göttern ausdachten; sie will vielmehr durch diese Redensart nur die außerordentliche Gewalt oder Amtsbefugnis bezeichnen, die ihnen durch Gottes Gnade verliehen war.

Dass Gott nach Natur, Substanz und Wesen Einer ist, wie es im Symbol des Konzils von Nizäa ausdrücklich festgelegt wurde, das hält der gläubige Christ fest und bekennt es. Aber er erhebt sich auf eine noch höhere Stufe und glaubt an Einen Gott in der Weise, dass er diese Einheit in der Dreifaltigkeit anbetet und die Dreifaltigkeit in der Einheit. Von diesem Geheimnis soll nun die Rede sein. Denn es folgt im Glaubensartikel das Wort


»Vater«

9 Die Bezeichnung Vater wird Gott in mehrfacher Rücksicht beigelegt. Deshalb muss zunächst der eigentliche Sinn, den das Wort an dieser Stelle hat, erklärt werden.

Sogar in der Finsternis des Heidentums ohne das Licht des Glaubens haben einige schon Gott als das von Ewigkeit her in sich bestehende Wesen erkannt, von dem alles seinen Ursprung hat, dessen Vorsehung alles leitet und in Ordnung und Bestand erhält. Wie man nun den, der die Familie begründet und durch seine Vernunft und Autorität leitet, Vater nennt, so wollten sie in Anlehnung an die menschlichen Verhältnisse auch Gott, den sie als Werkmeister und Lenker aller Dinge anerkannten, Vater genannt wissen. Auch die Hl. Schrift braucht den Ausdruck in diesem Sinn, wenn sie von Gott spricht und Ihm die Schöpfung des Alls sowie Allmacht und wunderbare Vorsehung zuschreiben will. Wir lesen da: »Ist nicht er dein Vater, der dich erworben, der dich gebildet und erschaffen?«(Deut 32, 6) Und anderswo: »Ist nicht Einer unser aller Vater? Hat nicht Ein Gott uns erschaffen ?«(Mal 2, 10).

Viel häufiger aber noch und in einem ganz besondern Sinn wird Gott - vor allem im Neuen Testament - der Vater der Christen genannt, die da »nicht empfangen haben den Geist der Knechtschaft in Furcht, sondern den Geist der Kindschaft Gottes, in dem sie rufen: Abba, Vater!« (Röm 8. 15). Das ist ja »die Liebe, die uns der Vater erwiesen hat, dass wir Kinder Gottes heißen und sind« (1 Jo 3. 1). »Wenn aber Kinder, dann auch Erben, Erben Gottes und Miterben Christi« (Röm 8, 17), der da ist »der Erstgeborne unter vielen Brüdern« (Röm 8, 29), »der sich nicht schämt, uns Brüder zu nennen« (Hebr 2, 11). Ob wir also auf den allgemeinen Grund der Schöpfung und Vorsehung oder auf den besondern der übernatürlichen Annahme an Kindes Statt sehen - auf jeden Fall bekennt der Christ mit Recht den Glauben an Gott als Vater.

10 Doch muss der Geist, - so lehre der Seelsorger - beim Klang des Wortes »Vater« über die bisher erklärten Begriffe noch höher aufsteigen in die Welt der Geheimnisse. Was in jenem »unnahbaren Licht, in dem Gott wohnt« (1 Tim 6, 16), tief verborgen liegt, was menschliche Geisteskraft nicht zu ersinnen, ja nicht einmal zu ahnen vermochte, das erschließt uns erstmals die Offenbarung in dem Wort »Vater«. Dieses Wort weist darauf hin, dass wir in der Einen göttlichen Wesenheit nicht nur Eine Person, sondern verschiedene Personen zu glauben haben. Und zwar sind drei Personen in der Einen göttlichen Wesenheit: der Vater, der von niemand gezeugt ist; der Sohn, der vor aller Zeit vom Vater gezeugt ist; der Hl. Geist, der ebenfalls von Ewigkeit aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht. Der Vater nun ist in der Einen göttlichen Wesenheit die erste Person, Er ist »mit seinem eingebornen Sohn und dem Hl. Geist Ein Gott und Ein Herr, nicht in der Einzigkeit Einer Person, sondern in der Dreifaltigkeit Einer Natur«(Präfation v. d. hl. Dreifaltigkeit).

In diesen drei Personen eine Verschiedenheit im Sinn einer Ungleichheit auch nur zu denken, ist unstatthaft; sie sind demnach als einzig durch ihre persönlichen Eigentümlichkeiten unterschieden aufzufassen: Der Vater ist ungezeugt: der Sohn ist vom Vater gezeugt; der Hl. Geist geht aus dem Vater und dem Sohn hervor. So bekennen wir denn von allen drei Personen ein und dieselbe Substanz und Wesenheit in dem Sinn, dass wir »im Bekenntnis der wahren und ewigen Gottheit in den Personen die Besonderheit und im Wesen die Einheit und in der Majestät (In der Präfation heißt es majestate; im Religionsbuch aus Versehen Trinitate) die Gleichheit« (Ebda) in heiliger Ehrfurcht glauben und verehren. Wenn wir sagen, die Person des Vaters ist die erste, so ist das nicht so zu verstehen, als dächten wir in der Dreieinigkeit an ein Früher oder Später, Größer oder Kleiner. Fern sei es, so etwas auch nur zu denken; die christliche Religion behauptet ja von allen drei Personen die gleiche Ewigkeit, die gleiche Gottesherrlichkeit. Wir bekennen vielmehr den Vater deshalb wahrhaft und ohne Zweifel als die erste Person, weil Er Urgrund ohne andern Grund ist. Und wie die erste Person durch ihre Vaterschaft verschieden ist, so kommt Ihr auch allein insbesondere die ewige Zeugung des Sohnes zu. Dass Sie nämlich immerdar Gott und zugleich Vater war, wird durch die Verbindung des Wortes »Vater« mit dem Worte »Gott« im Glaubensbekenntnis angedeutet.

Nun sind auf keinem Gebiet die Gefahren verhängnisvoller Irrtümer so groß, wie in der Erkenntnis und Erklärung dieses höchsten und schwierigsten aller Geheimnisse. Darum sage der Pfarrer, dass hier die Fachausdrücke für dieses Geheimnis, »Wesen« und »Person«, genau beizubehalten sind. Die Gläubigen sollen nämlich festhalten, dass die Einheit im Wesen, die Verschiedenheit aber in den Personen besteht. In feinere Fragen lasse man sich nicht ein, eingedenk des Schriftwortes : »Wer die Majestät ergründen will, wird von der Herrlichkeit erdrückt« (Spr 25, 27). Es muss uns die volle Glaubensgewissheit genug sein, dass Gott es uns so gesagt; und seinem Offenbarungswort die Zustimmung verweigern, wäre ebenso töricht wie unheilvoll. Er spricht aber: »Lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Hl. Geistes« (Mt 28, 19). Und an anderer Stelle heißt es (1 Joh 5, 7 im sog. Comma Johanneum): »Drei sind, die Zeugnis geben im Himmel, der Vater, das Wort und der Hl. Geist, und diese drei sind Eins.« 

Wer durch Gottes Gnade dieses Geheimnis glaubt, der bete und flehe eifrig zu Gott und dem Vater, der alles aus Nichts erschuf und alles mit Milde lenkt (Weish 8, 1), der uns »die Macht gab, Kinder Gottes zu werden«, der dem Menschengeist das Mysterium der Dreifaltigkeit geoffenbart - er bete also ohne Unterlass, dass er, dereinst »in die ewigen Wohnungen aufgenommen« (Lk 16, 9), als würdig erfunden werde zu sehen: wie unendlich groß die Fruchtbarkeit Gottes des Vaters ist, dass Er durch das Schauen und Erkennen seines eigenen Wesens den Ihm wesensgleichen Sohn erzeugt; wie beider vollkommen gleicher Liebesodem, nämlich der Hl. Geist, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht, den Erzeuger und den Gezeugten mit ewigem, unauflöslichem Bande umschlingt; und wie auf diese Weise das Wesen der göttlichen Dreifaltigkeit Eines ist und doch alle drei Personen vollkommen voneinander verschieden sind.


»den Allmächtigen« 

11 Die Hl. Schrift gebraucht viele Ausdrücke zur Bezeichnung der göttlichen Allgewalt und unendlichen Majestät, um uns die hohe Ehrfurcht und volle Hingabe zu lehren, die wir dem allerheiligsten Gott schulden. Besonders aber und am häufigsten wird Ihm die Allmacht zugeschrieben. Gott spricht von sich selbst: »Ich bin der Herr, der Allmächtige« (Gen 17, 1). Und Jakob betete für seine Söhne, als er sie zu Josef sandte: »Mein Gott, der Allmächtige, mache ihn euch geneigt« (Ebd 43, 14). In der Geheimen Offenbarung (Offb 1, 8) steht das Wort: »Gott der Herr, der da ist, der war und der kommen wird, der Allmächtige«. Und an anderer Stelle (Ebd 16, 14) spricht der Apostel vom »großen Tag des allmächtigen Gottes«. Nicht selten wird die Allmacht Gottes mit andern Worten umschrieben. Hierher gehören die Stellen: »Bei Gott ist kein Ding unmöglich«(Lk 1, 37). »Ist die Hand des Herrn etwa kraftlos«? (Num 11,23). »Dir steht, wenn du nur willst, das Können zu Gebote« (Weish 12, 18), u. a. m. Alle diese Wendungen haben den gleichen Sinn, der sich offenbar in dem einen Wort zusammenfassen lässt »der Allmächtige«.

Wir verstehn darunter, dass es nichts gibt und nichts sich erdenken und ersinnen lässt, was Gott nicht bewirken könnte. In seiner Macht steht es, alles in das Nichts zurücksinken und wiederum eine ganze Reihe von Welten mit einem Mal aus dem Nichts erstehen zu lassen. Und doch fällt das, so groß es ist, noch irgend wie in den Bereich dessen, was wir selbst ausdenken können; es stehen aber noch viele gewaltigere Dinge in seiner Macht, Dinge, von denen der menschliche Geist nicht einmal eine Ahnung hat.

12 Wenn Gott auch alles vermag, so kann Er deswegen doch nicht etwa lügen oder betrügen oder betrogen werden; Er kann nicht sündigen, nicht aufhören zu sein oder etwas nicht wissen. Denn all das kommt nur einem Wesen zu, das in seinem Tun unvollkommen ist; Gott, dessen Wirken stets das vollkommenste ist, kann all das deshalb nicht, weil ein solches »Können« Schwäche ist, und nichts zu tun hat mit jener höchsten, unbegrenzten Macht über alle Dinge, wie sie Gott besitzt. Wenn wir also an Gottes Allmacht glauben, so halten wir zugleich alles weit von Ihm fern, was sich mit seiner Wesensvollkommenheit nicht vereint und verträgt.

13 Der Seelsorger mache darauf aufwerksam, wie wohlbegründet es ist, dass mit Übergehung anderer Eigenschaften Gottes nur diese Eine im Glaubensbekenntnis genannt wird. Denn wenn wir Gott als allmächtig anerkennen, müssen wir notwendig auch bekennen, dass Er um alle Dinge weiß und dass alles seiner Macht und Oberhoheit unterworfen ist. Wenn wir nicht daran zweifeln, dass Er alles vermag, so sind uns ganz folgerichtig auch diese weiteren Eigenschaften klar; denn hätte Er diese nicht ebenfalls, so könnten wir es gar nicht verstehen, wie Er allmächtig sein sollte.

Weiterhin: Nichts vermag unserm Glauben und unsrer Hoffnung solchen Rückhalt zu geben, als die feste Überzeugung, dass Gott alles vermag. Was nur immer in der Folge uns zu glauben vorgelegt wird, so groß, so wunderbar, so alle Ordnungen und Maße der Natur überragend es auch sein mag - die menschliche Vernunft wird ohne Schwierigkeit und ohne Schwanken ihre Zustimmung geben, wenn sie einmal die Lehre von Gottes Allmacht voll verstanden hat. Mehr noch. Sie wird um so williger glauben, je erhabener die Wahrheiten sind, die Gottes Mund offenbart. Und was die Hoffnung betrifft, lässt sich der Christ niemals entmutigen durch die Größe des Gutes, das er ersehnt; er reckt sich auf und erstarkt vielmehr im steten Gedanken, dass es ja nichts gibt, was Gottes Allmacht nicht wirken könnte. Mit diesem gläubigen Vertrauen müssen wir uns vor allem bewaffnen, wenn die Aufgabe an uns herantritt, zum Wohl des Nächsten eine Großtat zu vollbringen oder wenn wir von Gott etwas erflehen wollen. Das erste hat der Herr selbst gelehrt, als Er den Aposteln Kleingläubigkeit vorwarf: »Wenn ihr nur Glauben habt so groß wie ein Senfkorn, so könnt ihr zu diesem Berg sagen: Rücke von da nach dort, und er wird hinrücken. Nichts wird euch unmöglich sein« (Mt 17, 20). Vom zweiten aber schreibt der hl. Jakobus: »Man muss mit Glauben bitten, ohne zu zweifeln. Denn wer zweifelt, gleicht einer Meereswoge, die vom Wind getrieben und umher geworfen wird. Ein solcher Mensch bilde sich nicht ein, etwas vom Herrn zu empfangen« (Jak 1, 6 f).

Der Glaube an Gottes Allmacht hat für uns noch manch andern Nutzen. Vor allem lehrt er uns allseitige Bescheidenheit und Demut nach dem Worte des Apostelfürsten: »Beugt euch unter die mächtige Hand Gottes« (1 Petr 5, 6). Er mahnt uns auch, dort nicht zu fürchten, wo kein Grund zur Furcht ist; sondern Gott allein zu fürchten, in dessen Gewalt wir selbst und all das Unsre steht. Hat doch der Erlöser das Wort gesprochen: »Ich will euch zeigen, wen ihr fürchten sollt: fürchtet den, der über den Tod hinaus auch noch in die Hölle stürzen kann« (Lk 12,5) Dieser Glaube hilft uns auch zur Erkenntnis und zum Preis der unermesslichen Wohltaten Gottes gegen uns. Wer sich an Gottes Allmacht erinnert, der kann nicht so undankbar sein, dass er nicht immer wieder ausriefe: »Großes hat an mir getan, der da mächtig ist« (Lk 1,49).

14 Wenn wir aber in diesem Glaubensartikel den Vater allmächtig nennen, so soll deshalb niemand wähnen, weil Ihm diese Eigenschaft beigelegt wird, sei sie nicht auch dem Sohne und dem Hl. Geist eigen. Wie wir den Vater Gott, den Sohn Gott und den Hl. Geist Gott nennen, und doch nicht drei Götter, sondern nur Einen Gott anerkennen, so nennen wir den Vater, den Sohn und den Hl. Geist allmächtig und bekennen damit doch nicht drei Allmächtige, sondern nur Einen Allmächtigen (Vgl das Symb. Athanasianum). Allerdings nennen wir den Vater allmächtig aus einem besonderen Grund, weil Er nämlich der Urquell aller Dinge ist. So legen wir auch dem Sohn, der das ewige Wort des Vaters ist, die Weisheit bei, und dem Hl. Geist, der beider Liebe ist, die Güte, wiewohl nach katholischer Glaubensregel diese und ähnliche Bezeichnungen von allen drei Personen gemeinsam ausgesagt werden.


»Schöpfer Himmels und der Erde« 

15 Wie notwendig die vorhergehende Belehrung der Christen über die Allmacht Gottes war, zeigt sich aus dem, was jetzt über die Erschaffung aller Dinge darzulegen ist. Das Wunder, das in einem solch gewaltigen Werk liegt, findet leichter Glauben, wenn keine Zweifelsmöglichkeit an der unermesslichen Macht des Schöpfers im Herzen mehr Platz hat. Gott hat die Welt nämlich nicht aus einem bereits vorhandenen Stoff aufgebaut, Er hat sie aus dem Nichts geschaffen.

Und zwar nicht unter dem Druck einer fremden Macht oder in blinder Notwendigkeit, sondern in voller Unabhängigkeit und Freiheit. Der einzige Grund, der Ihn zur Schöpfungstat bewog, war: den Wesen, die Er schaffen wollte, von seiner eigenen Güte [Vollkommenheit] mitzuteilen. Gottes Wesen, an sich schon im Besitz aller Seligkeit, mangelt nichts, wie David es in dem Wort ausspricht: »Ich sprach zum Herrn: mein Gott bist du, denn meiner Güter bedarfst du nicht« (Ps 15, 1 nach der Vulgata). Und wie Er alles, was Er wollte, rein aus Güte schuf, so folgte Er bei der Schöpfung auch nicht einem Vorbild, das etwa außer Ihm gewesen wäre; vielmehr sah Er, der erhabenste Werkmeister, der aller Dinge Urbild in seinem göttlichen Erkenntnisakt trägt, den ganzen Schöpfungsplan in sich selbst, und dieses innere Bild führte Er aus. So schuf Er mit seiner unendlichen Weisheit und unbegrenzten Kraft im Anbeginn die ganze Welt. »Er sprach - da wurde sie; er rief - da war sie geschaffen !« (Ps 148, 5).

16 Unter dem Ausdruck Himmel und Erde ist alles zu verstehen, was Himmel und Erde umfasst. Außer dem Himmel, den der Prophet »das Werk seiner Hände« (Ps 8, 4) nannte, schuf Er die leuchtende Sonne, den Mond und die anderen herrlichen Sterne. Und auf dass sie »zu Zeichen seien und zu Zeiten und zu Tagen und zu Jahren« (Gen 1, 14), ordnete Er die Himmelsbahnen zu solch sicherem festem Lauf, dass man nirgends größere Beweglichkeit sehen kann als bei der Gestirne ununterbrochenem Umlauf und doch zugleich nirgends größere Zuverlässigkeit als in diesen ihren Bewegungen.

17 Außerdem hat Gott die Geisterwelt aus Nichts erschaffen, unzählbare Engel, auf dass sie Ihm dienen und an seinem Throne stehen. Ihnen allen hat Er auch die herrliche Gabe seiner wunderbaren Gnade und Macht verliehen. Denn wenn es in der Hl. Schrift heißt, der Teufel habe in der Wahrheit nicht bestanden (Joh 8, 44), so war er und die andern abtrünnigen Engel offenbar im Anfang ihres Daseins im Stand der Gnade. S. Augustin schreibt darüber (S. Aug. Gottesstaat 12, 9): »Er schuf die Engel begabt mit gutem Willen, das heißt mit keuscher Liebe, in der sie ihm anhangen. Er schuf ihre Natur und schenkte ihnen zugleich die Gnade. Daher glauben wir, dass die hl. Engel nie ohne guten Willen, d. h. ohne Gottesliebe, gewesen sind«. Ihr Wissen geht aus dem Wort der Hl. Schrift hervor: »Mein Herr und König, du bist weise wie ein Engel Gottes, dass du alles auf Erden erkennst« (2 Kön 14, 20). Die Macht endlich schreibt David ihnen zu mit den Worten: »Gewaltig an Kraft vollzieht ihr seinen Willen«(Ps 102, 20). Deshalb werden sie auch in der Hl. Schrift nicht selten Kräfte und Heerscharen des Herrn genannt.

Allein, obwohl solche Himmelsgaben sie alle auszeichneten, fiel ein großer Teil der Engel von Gott, ihrem Vater und Schöpfer ab. Sie wurden dafür von ihrem erhabenen Thron gestürzt und in die tiefste Finsternis des unterirdischen Kerkers eingeschlossen, wo sie durch ewige Strafe für ihren Stolz büßen. Von ihnen schreibt der Apostelfürst: »Gott hat die sündigen Engel nicht geschont, sondern sie mit Ketten der Hölle gefesselt in die finsteren Abgründe hinabgestürzt und der Pein übergeben, um sie zum Gericht aufzubewahren« (2 Petr 2, 4).

18 Auch die Erde hat Gott durch sein Wort »fest gegründet« und ihr ihre Stellung im Weltall angewiesen. Er ließ »die Berge sich heben und die Täler sich senken, am Ort, den er für sie bestimmt« (Ps 103, 5. 8). Und damit die Wassermassen die Erde nicht überfluteten, »setzte er ihnen die Grenzen, die sie nicht überschreiten; nicht werden sie je die Erde bedecken« (Ps 103, 9). Dann hat Er die Erde mit dem Schmuck der Bäume und all der Pracht von Grün und Blumen bekleidet, und hat sie weiterhin, wie vorher schon das Wasser und die Luft, mit unzähligen Tieren aller Art erfüllt.

19 Zuletzt bildete Gott den Menschen seinem Leibe nach aus dem Lehm der Erde, und zwar so, dass er, nicht kraft seiner Natur, sondern aus besonderer Gunst Gottes, unsterblich und leidensunfähig war. Die Seele aber schuf Er nach seinem Bild und Gleichnis und stattete sie mit freiem Willen aus. Außerdem ordnete Er im Menschen alle Regungen der Seele und alle Begierden in der Art, dass diese stets dem Gebot der Vernunft gehorchten. Endlich gab Er ihm noch das wunderbare Gnadengeschenk der ursprünglichen Heiligkeit und setzte ihn als Herrscher über alle Lebewesen. All das kann der Seelsorger unschwer zur Unterweisung der Gläubigen dem hl. Geschichtsbuch der Genesis entnehmen.

20 Das also hat man unter der »Schöpfung aller Dinge«, unter den Worten »Himmel und Erde« zu verstehen. Der Prophet fasst es kurz zusammen in den Worten: »Dein sind die Himmel und dein ist die Erde; den Erdkreis und was ihr erfüllt, hast du gegründet« (Ps 88, 12). Noch kürzer haben das die Väter des Konzils von Nizäa bezeichnet indem sie im Glaubensbekenntnis dem Wort »Schöpfer« noch die beiden Ausdrücke hinzufügten »der sichtbaren und der unsichtbarer Dinge«. Denn alles, was die Welt umfasst und was wir als von Gott geschaffen bekennen, fällt entweder in die Sinne und wird »sichtbar« genannt, oder es kann nur geistig durch den Verstand von uns erfasst werden und wird dann als  »unsichtbar« bezeichnet.

21 Doch dürfen wir nicht in der Weise all Gott als Schöpfer glauben, als hätten die erschaffenen Dinge nach Vollendung des Schöpfungswerkes nun ohne Gottes Allmacht weiter bestehen können. Denn weil alles durch des Schöpfers Allmacht, Weisheit und Güte ins Dasein gerufen wurde, so würde alles sofort wieder ins Nichts zurücksinken, wenn nicht Gottes Vorsehung beständig mit den geschaffenen Dingen wäre und die gleiche Kraft, die sie uranfänglich schuf, sie dauernd im Dasein erhielte. Die HI. Schrift erklärt das mit den Worten: »Wie könnte etwas bestehen ohne deinen Willen, oder wie könnte etwas, was du nicht gerufen, erhalten bleiben ?« (Weish 11, 26)

22 Gott erhält also und regiert durch seine Vorsehung alles, was da ist. Aber noch mehr. Was sich bewegt, was in Tätigkeit ist, dem gibt Er durch innerliche Kraft den Antrieb zu Bewegung und Tätigkeit, so zwar, dass Er, ohne die Wirksamkeit der geschaffenen Ursachen zu hindern, ihnen doch zuvorkommt. Denn seine ganz verborgene Macht erstreckt sich auf alles Einzelne und reicht nach dem Wort der Schrift »von einem Ende zum andern mit Macht und ordnet alles mit Milde« (Weish 8, 1). Darum spricht auch der Apostel, wo er vor den Athenern von dem Gott predigte, den sie verehrten ohne ihn zu kennen: »Er ist nicht fern von jedem aus uns; denn in ihm leben wir und bewegen wir uns und sind wir« (Apg 17, 27 f).

23 Das mag zur Erklärung des ersten Glaubensartikels genügen. Doch sei noch darauf aufmerksam gemacht, dass das Schöpfungswerk allen Personen der heiligen ungeteilten Drei eini g kei t gem ei ns amist. Hier bekennen wir nach der Lehre der Apostel den Vater als Schöpfer Himmels und der Erde. In der HJ. Schrift lesen wir aber auch vom Sohne: »Alles ist durch ihn geworden« (Joh 1,3); und vom Hl. Geist: »Der Geist des Herrn schwebte über den Wassern« (Gen 1, 2); und an anderer Stelle: »Durch das Wort des Herrn sind festgefügt die Himmel und durch den Hauch seines Mundes all ihre Kraft« (Ps 32, 6).

Drittes Kapitel: Zweiter Glaubensartikel
«Und an Jesus Christus seinen eingebornen Sohn unsern Herrn« 

1 Wunderbar und überreich sind die Früchte, die uns Menschen aus dem Glauben an diesen Artikel und aus dessen Bekenntnis zuteil geworden sind. Darauf weist schon das Wort des hl. Johannes hin: »Wer bekennt, dass Jesus der Sohn Gottes ist, in dem bleibt Gott und der bleibt in Gott« (1 Joh 4, 15). Das beweist weiterhin die Seligpreisung, die dem Apostelfürst von Christus dem Herrn zuteil wurde: »Selig bist du, Simon, Sohn des Jonas! Denn nicht Fleisch und Blut haben dir das geoffenbart, sondern mein Vater, der im Himmel ist«(Mt 16. 17). Es ist eben dieser Glaube und dieses Bekenntnis das felsenfeste Fundament unsres Heils und unsrer Erlösung.

2 Am besten lässt sich die erhabene Bedeutung dieser Heilswahrheit verstehen aus dem Zusammenbruch jenes glückseligen Urzustandes, in den Gott die ersten Menschen versetzt hatte. Und darum gebe sich der Seelsorger alle Mühe, die Gläubigen diesen Grund des Elends und der Plagen erkennen zu lassen, an denen wir alle zu tragen haben.

Da nämlich Adam Gott den Gehorsam aufkündigte und das Verbot übertrat: » Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen sollst du nicht essen. An dem Tag, an dem du davon issest, musst du des Todes sterben« (Gen 2, 16. 17) da stürzte er sich damit zugleich in jenes unsagbar große Unglück: er verlor die Heiligkeit und Gerechtigkeit, in der er erschaffen war, und musste all die andern Strafen auf sich nehmen, wie sie das hl. Konzil von Trient des näheren ausführt (Conc. Trid. V de pecc. orig.). Doch blieb die Sünde und deren Strafe nicht bei Adam allein stehen -- so fahre der Seelsorger fort - sie ging vielmehr, und zwar mit Recht, von Adam wie aus ihrem Samen und ihrer Ursache auf alle Nachkommen über.

3 So war denn unser Geschlecht jählings aus seiner erhabenen Höhe herabgestürzt. Wieder erhoben und in den frühem Zustand zurückversetzt werden konnte es aber nicht durch Menschen- und nicht durch Engelskraft - es blieb nur Ein Rettungsmittel aus dem Zusammenbruch und all seinen üblen Folgen: dass der Sohn Gottes nach Annahme unsres schwachen Fleisches mit seiner unendlichen Macht die unendliche Last der Sünden hinweg nahm und uns wieder mit Gott versöhnte in seinem Blut.

4 Dieser Glaube an die Erlösung durch Jesus und sein Bekenntnis ist für den Menschen notwendig zur Erlangung des Heils und war es zu jeder Zeit. Darum hat Gott auch von Anbeginn darauf hingewiesen. Schon bei jenem Strafurteil über das Menschengeschlecht, das der Sünde auf dem Fuß folgte, wurde der Hoffnungsstern der Erlösung von ferne gezeigt, dort nämlich, wo Gott dem Teufel die empfindliche Niederlage vorausverkündete, die ihn durch die Erlösung der Menschheit treffen sollte: »Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau, zwischen deinen Nachkommen und ihren Nachkommen. Sie wird dir den Kopf zertreten und du wirst ihrer Ferse nachstellen« (Gen 3, 15).

Dieselbe Verheißung hat Gott in der Folge oft bestätigt, und seinen Heilsplan vor allem solchen Menschen deutlicher geoffenbart, denen Er sich besonders gewogen zeigen wollte. Einer aus diesen war der Patriarch Abraham. Gott hat ihm mehrmals Andeutungen über dieses Geheimnis gemacht. Vor allem klar ließ Er es ihn aber damals erkennen, als Abraham in Gehorsam gegen Gottes Gebot seinen einzigen Sohn Isaak opfern wollte. Da sprach Er zu ihm: »Weil du das getan und deines einzigen Sohnes nicht geschont hast, will ich dich segnen und deine Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne des Himmels und wie den Sand am Meeresufer. Dein Stamm soll besitzen die Pforten deiner Feinde und in deinem Samen sollen gesegnet werden alle Völker der Erde, weil du meiner Stimme gehorcht hast« (Gen 22, 16. 17). Aus diesen Worten ließ sich unschwer erkennen, dass von Abraham jener abstammen werde, der allen die Befreiung aus der furchtbaren Gewaltherrschaft Satans und das Heil bringen werde. Der Verheißene musste aber auch Sohn Gottes sein, wiewohl dem Fleische nach aus dem Samen Abrahams geboren. - Nicht lange darnach hat der Herr, um das Andenken an diese Verheißung lebendig zu erhalten, einen gleichen Bund mit Abrahams Enkel Jakob geschlossen. Als dieser nach dem Bericht der Hl. Schrift im Traum eine Leiter, deren Spitze bis zum Himmel reichte, auf der Erde stehen und Engel Gottes auf ihr auf- und niedersteigen sah, da hörte er den Herrn vom obern Ende der Leiter zu ihm sprechen: »Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Isaaks.

Das Land, auf dem du schläfst, will ich dir und deinem Stamme geben und deine Nachkommenschaft soll zahlreich werden wie der Staub der Erde. Du wirst dich ausbreiten nach Ost und West und Nord und Süd und gesegnet sollen werden in dir und deinem Nachkommen alle Völker der Erde« (Gen 28, 12 f). - Auch später hörte Gott nicht auf, das Andenken an diese seine Verheißung aufzufrischen und unter den Abkömmlingen Abrahams und weit darüber hinaus in vielen andern die Erwartung des Erlösers rege zu halten. Nach der Gründung des jüdischen Staates und der Stiftung der israelitischen Religion wurde diese Erwartung Allgemeingut des Volkes. Denn Dinge ohne Sprache wurden zu Vorbildern und Menschen erhoben ihre Stimme um vorauszukünden, welche und welch große Güter dieser unser Heiland und Erlöser Jesus Christus bringen werde. Die Propheten, den Geist von Himmelslicht erfüllt, sprachen vor allem Volk und weissagten des Gottessohnes Geburt, weissagten die Wunderwerke, die Er nach seiner Menschwerdung wirken werde, seine Lehre, seine Charakterzüge, sein Leben, seinen Tod, seine Auferstehung und die übrigen Geheimnisse - und all das in einer Weise, als ob sie selbst Augenzeugen von alle dem gewesen wären. Nimmt man nämlich das zeitliche Auseinander von Vergangenheit und Zukunft weg, so möchte man kaum einen Unterschied wahrnehmen zwischen den Weissagungen der Propheten und der Predigt der Apostel, zwischen dem Glauben der Patriarchen und unserm Glauben.

Doch nun zur Behandlung der einzelnen Teile dieses Artikels.


»Jesus« 

5 Jesus ist der eigentliche Name des Gottmenschen. Er bedeutet soviel wie »Erlöser«. Nicht aus Zufall oder menschlicher Willkür wurde Ihm dieser Name gegeben, es geschah dies vielmehr nach Gottes Ratschluss und Befehl. Der Engel hat es so seiner Mutter Maria angekündigt: »Siehe, du wirst empfangen und einen Sohn gebären; dem sollst du den Namen Jesus geben« (Lk 1, 31). Und dann gab der Engel Josef, dem Bräutigam der Jungfrau, den Auftrag, dem Kind diesen Namen zu geben, und fügte überdies den Grund dafür bei: »Josef, Sohn Davids, trage kein Bedenken, Maria als deine Gemahlin heimzuführen! Denn was in ihr erzeugt worden ist, stammt vom Hl. Geist. Sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben. Denn er wird sein Volk von dessen Sünden erlösen« (Mt 1, 20. 21).

6 Viele Personen in der Hl. Schrift tragen den Namen Jesus. Der Sohn Naves hieß so (Sir 46, 1), der Nachfolger Moses', der das von Moses aus Ägypten befreite Volk ins Land der Verheißung führte, was jenem versagt geblieben war. Denselben Namen trug Josedech, der Sohn des Hohenpriesters (Sir 49, 14). Aber mit wie viel mehr Berechtigung muss dieser Name nicht unserm Erlöser zukommen! Ihm, der nicht ein einzelnes Volk, sondern alle Menschen aller Zeiten nicht bloß aus Hungersnot oder aus dem Druck ägyptischer oder babylonischer Knechtschaft, sondern aus der Finsternis des Todes und den furchtbar harten Banden der Sünde und des Teufels zu Licht, Freiheit und Glück geführt hat. Ihm, der ihnen Anrecht und Erbanspruch aufs Himmelreich erworben und sie Gott dem Vater wieder versöhnt hat.

So sehen wir in jenen alttestamentlichen Gestalten Christus den Herrn vorgebildet, durch den die Menschheit mit all den genannten Wohltaten überreich beschenkt wurde.

Alle andern Namen, die außerdem noch nach den Weissagungen durch göttlichen Ratschluss dem Gottessohn zukommen sollten, gehen letzten Endes auf diesen einen Namen Jesus zurück; denn während sie das Heil, das Er uns geben sollte, unter irgend einer Teilrücksicht andeuten, umfasst dieser Name den ganzen Inhalt und die ganze Tragweite der Erlösung der gesamten Menschheit.


»Christus« 

7 Dem Namen Jesus ist der Name Christus beigefügt. Die Bedeutung dieses Wortes ist »der, Gesalbte«. Es ist ein Ehren- und Amtsname, und zwar nicht nur für Ein Amt, sondern für mehrere zugleich. Denn die Väter der Vorzeit, bezeichneten mit dem Namen »Christus« Priester und Könige, deren Salbung Gott mit Rücksicht auf ihr hohes Amt angeordnet hatte. Des Priesters Beruf ist es ja, das Volk in immerwährendem Gebet Gott zu befehlen, Gott Opfer darzubringen, Fürbitte fürs Volk einzulegen. Den Königen aber ist die Regierung der Völker anvertraut, ihre Aufgabe vor allem ist es, Hoheit und Ansehen der Gesetze aufrecht zu erhalten, das Leben der Guten zu schützen und den Übergriffen der Bösen zu wehren. So sind denn beide Ämter ein Abbild der Gotteshoheit hier auf Erden, und aus diesem Grund wurden die zur Übernahme des Königs- oder Priesteramtes Ausersehenen gesalbt. Die Propheten zu salben war gleichfalls altes Herkommen, da sie als Dolmetscher und Boten des ewigen Gottes uns des Himmels Geheimnisse enthüllten und durch Predigt wie durch Weissagungen über die Zukunft zur Lebensbesserung aufriefen.

Unser Heiland Jesus Christus nun übernahm bei seinem Eintritt in die Welt Stellung und Amt aller drei: des Propheten, des Hohenpriesters und des Königs. Aus diesem Grund erhielt Er den Namen "Christus« und wurde zur Ausübung dieser drei Aufgaben gesalbt. Nicht durch die Hand eines Sterblichen, sondern durch die Kraft des himmlischen Vaters; nicht mit irdischer Salbung, sondern mit geistlichem Salböl, da die Gnadenfülle des Hl. Geistes und all dessen Gaben sich in seine allerheiligste Seele ergossen in einem Maß, wie es kein anderes Geschöpf je zu fassen vermocht hätte. Sehr schön hat das der Prophet angedeutet, wenn er den Erlöser selbst mit den Worten anredet: »Du liebst das Recht und hassest den Frevel. Darum salbte dich der Herr, dein Gott, mit Freudenöl vor deinen Genossen« (Ps 44, 8). Ähnlich, aber noch klarer, spricht Isaias den Gedanken aus: »Der Geist des Herrn ist über mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Den Sanftmütigen zu predigen hat er mich gesandt« (Jes 61, 1).

So war denn Jesus Christus der höchste Prophet und Lehrer, der uns den Willen Gottes wies und dessen Lehre aller Welt die Kunde vom Vater im Himmel brachte. Der Name Prophet kommt Ihm in um so höherem, vorzüglicherem Sinn zu, weil alle, die der Bezeichnung »Prophet« gewürdigt wurden, nur seine Schüler sind und vor allem zu dem Zweck gesandt wurden, um jenen Einen Propheten voraus zu künden, der da zur Rettung aller kommen sollte.

Christus war zugleich Hoherpriester, freilich nicht nach der Ordnung, nach der im Alten Bund die Priester aus Levis Stamm hervorgingen, sondern nach jener, von der der Prophet David sang: »Du bist Priester ewiglich nach Ordnung des Melchisedech« (Ps 109, 4). Der hl. Paulus hat in seinem Brief an die Hebräer dieses Thema weiter ausgeführt (Herb 5, 6).

Aber wir anerkennen Christus auch als König, nicht nur in seiner Gottheit, sondern auch soweit Er Mensch und Teilhaber unsrer Natur ist. Von Ihm hat der Engel gesagt: «Er wird herrschen im Hause Jakob in Ewigkeit und seines Reiches wird kein Ende sein« (Lk 1, 32. 33) Dieses Reich Christi ist geistiger Natur und von ewiger Dauer. Auf Erden beginnt es und im Himmel wird es vollendet. In der Tat erfüllt auch Christus mit wunderbar fürsorglichem Weitblick gegen seine Kirche die Aufgaben eines Königs: Er regiert sie; Er schützt sie vor Feindes Angriff und Hinterlist; Er gibt ihr Gesetze; Er spendet Heiligkeit und Gerechtigkeit und gibt darüber hinaus Fähigkeit und Kraft zu beharren. Wohl wohnen innerhalb der Grenzen dieses Reiches Gute und Böse, ja von Rechts wegen gehören alle Menschen zu diesem Reich; aber die unendliche Güte, das ganze Wohlwollen unsres Königs erfahren doch vor allem jene, die seinen Geboten getreu ein reines, sündenfreies Leben führen. - Doch erhielt Christus dieses Reich nicht durch Erbrecht oder sonst auf Grund eines menschlichen Rechtes, obwohl Er seinen Stammbaum auf hochberühmte Könige zurückführen konnte. König war Er, weil Gott Ihm als Menschen an Gewalt, an Machtfülle und Würde verlieh, was nur immer eine Menschennatur zu fassen vermag. Ihm übergab Er die Herrschaft über die ganze Welt und Ihm wird dereinst alles in der Tat, wie es schon jetzt angebahnt ist, restlos und vollkommen unterworfen werden am Tag des Gerichts.


»Seinen eingebornen Sohn« 

8 Mit diesen Worten wird dem Christen ein noch höheres Geheimnis über Jesus zu gläubiger Betrachtung vorgestellt: die Tatsache nämlich, dass Er der Sohn Gottes und wahrer Gott ist wie der Vater, der Ihn von Ewigkeit her zeugt. Außerdem bekennen wir Ihn damit als die zweite Person der göttlichen Dreieinigkeit, als vollkommen gleich den beiden anderen göttlichen Personen. Es darf ja nichts in den drei Personen ungleich oder unähnlich sein oder auch nur gedacht werden, da wir in Ihnen nur Ein Wesen, Einen Willen und Eine Macht anerkennen. Das geht aus vielen Aussprüchen der Hl. Schrift hervor. Besonders klar zeigt es das Wort des hl. Johannes: » Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort« (Joh 1, 1).

Doch wenn wir hören, Jesus ist der Sohn Gottes, so darf man seine Zeugung nicht in irdisch-menschlicher Weise auffassen. Wir können jene Zeugung, durch die der Vater von Ewigkeit her den Sohn hervorbringt, mit dem Verstand überhaupt nicht durchschauen und vollkommen erfassen. Dafür müssen wir dieses Geheimnis fest und standhaft glauben, müssen es mit tiefster Andacht verehren und, von Staunen über dieses Geheimnis gleichsam hingerissen, mit dem Propheten sprechen: » Wer wird seine Zeugung erklären?« (Jes 53, 8)

Das also müssen wir glauben, dass der Sohn Eines Wesens, Einer Macht und Weisheit mit dem Vater ist, so, wie wir es im Nizänischen Glaubensbekenntnis ausführlicher bekennen mit den Worten: »Und an Jesus Christus, seinen eingebornen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit. Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott. Gezeugt, nicht geschaffen, Eines Wesens mit dem Vater, durch den alles geschaffen ist.« 

Von all den Vergleichen, die sich zur Erklärung der Art und Weise dieser ewigen Zeugung vorbringen lassen, kommt wohl jener der Sache am nächsten, der aus dem Denken unsrer Seele genommen ist. Der hl. Johannes hat aus diesem Grund den Sohn Gottes »das Wort« genannt. Wie unser Geist, indem er sich selbst in gewissem Grad erkennt, ein Bild seiner selbst hervorbringt, das die Theologen als» Wort« bezeichnet haben, so bringt Gott (wenn und soweit Menschliches mit Göttlichem verglichen werden kann), indem Er sich selbst erkennt, das Ewige Wort hervor.

Freilich, besser ist es zu betrachten, was der Glaube lehrt, und mit aufrichtigem Herzen Jesus Christus als wahren Gott und wahren Menschen gläubig zu bekennen: als Gott aus dem Vater gezeugt vor aller Zeit, als Mensch geboren in der Zeit aus Maria, der jungfräulichen Mutter.

9 Wiewohl wir demnach für Ihn einen doppelten Ursprung anerkennen, so halten wir doch daran fest, dass nur Ein Sohn ist. Eine nämlich ist die Person, der die göttliche wie die menschliche Natur zukommt.

10 Im Hinblick auf seine göttliche Zeugung hat Christus keine Brüder oder Miterben, da Er des Vaters einziger Sohn ist, wir Menschen aber nur das Gebilde und Werk seiner Hände. In Rücksicht aber auf seine menschliche Geburt nennt Er viele nicht nur dem Namen nach Brüder, Er betrachtet sie auch wirklich als seine Brüder, auf dass sie zugleich mit Ihm die väterliche Erbschaft in der Glorie erlangen. Es sind das jene, die Christus den Herrn durch den Glauben aufgenommen haben und den Glauben, den sie durch ihren Namen [»Christen«] bekennen, auch im Werk durch Taten der Liebe ausüben. Daher wird Er vom Apostel »der Erstgeborne unter vielen Brüdern« (Röm 8, 29) genannt.


»Unsern Herrn« 

11 Vieles ist, was in der Hl. Schrift von unserm Heiland ausgesagt wird. Davon kommt Ihm einiges offenbar als Gott, anderes als Mensch zu. Denn von den zwei verschiedenen Naturen hat Er auch deren verschiedene Eigenschaften empfangen. So sagen wir ganz richtig: Christus ist allmächtig, ewig, unermesslich, da Er dies von der göttlichen Natur hat. Und wiederum sagen wir von Ihm: Er hat gelitten, Er ist gestorben, ist auferstanden, was zweifellos nur seiner menschlichen Natur zukommt.

Doch ist außerdem manches andere, was beiden Naturen zukommt, wie eben hier der Name »unser Herr«. Wenn sich also dieser Name auf beide Naturen bezieht, dann muss Christus mit Recht in vollkommenster Weise unser Herr genannt werden. - Wie Er nämlich ewiger Gott ist wie der Vater, so ist Er auch in gleicher Weise aller Dinge Herr wie der Vater; und wie Er und der Vater nicht zweierlei Götter sind, sondern vollkommen der gleiche Gott, so sind auch Er und der Vater nicht zwei verschiedene Herren.

Aber auch als Mensch wird Er mit Recht unser Herr genannt, und zwar aus mehreren Gründen. Zunächst: Weil Er unser Erlöser ist und uns von den Sünden befreit hat, darum hat Er auch mit Recht die Befugnis empfangen, in Wahrheit unser Herr zu sein und zu heißen. So lehrt der Apostel: »Er hat sich selbst erniedrigt und ward gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuze. Darum hat Gott ihn auch erhöht und ihm einen Namen gegeben, der ist über alle Namen, auf dass im Namen Jesu sich beuge jedes Knie im Himmel, auf Erden und unter der Erde, und jede Zunge bekenne, dass Jesus Christus der Herr ist in der Herrlichkeit Gottes des Vaters« (Phil 2, 8 f). Und Er selbst sprach von sich nach der Auferstehung: »Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden« (Mt 28, 18). - Er wird auch deshalb Herr genannt, weil in Ihm meiner Person zwei Naturen, die göttliche und die menschliche, vereint sind. Durch diese wunderbare Vereinigung hätte Er, auch wenn Er nicht für uns gestorben wäre, verdient, als Herr über die ganze Schöpfung gesetzt zu werden, vor allem aber über die Christen, die Ihm gehorchen und von Herzen mit allem Eifer dienen.

12 Der Pfarrer fordere demnach die Gläubigen auf, zu bedenken, wie entsprechend es ist, dass vor allen andern Menschen wir, die wir von Ihm den Namen erhielten und Christen heißen, wir, die wir die Größe seiner Wohltaten gegen uns gar nicht übersehen können, zumal da wir all das durch seine Gnade im Glaubenslicht erkennen, - wie entsprechend es also ist, dass wir uns selbst unserm Herrn und Erlöser nicht anders denn als Leibeigene für immer schenken und weihen. Als wir die Taufe empfingen, haben wir denn auch diesen EntschIuss vor den Toren der Kirche kundgegeben. Wir haben erklärt, dem Satan und der Welt widersagen und uns ganz Jesus Christus hingeben zu wollen. Wenn wir uns also in solch heiligem, feierlichem Bekenntnis unserm Herrn geweiht haben, um in die christliche Streiterschar Aufnahme zu finden: welche Strafe würden wir da nicht verdienen, wenn wir nach unserm Eintritt in die Kirche, nach der Erkenntnis des Willens und der Gesetze Gottes, nach dem Empfang der sakramentalen Gnaden, nun den Geboten und Gesetzen der Welt und des Teufels gemäß lebten, gerade als ob wir uns bei der Taufe der Welt und dem Teufel und nicht Christus, unserm Herrn und Heiland verschrieben hätten. Ja wessen Herz sollte nicht vollends in Liebe erglühen gegenüber solcher Güte und herzlichen Liebe eines so erhabenen Herrn zu uns: der uns, die Er durch sein Blut erkauft und daher als Hörige in seiner Macht und Gewalt hat, dennoch mit solcher Liebe umfängt, dass Er uns nicht Knechte nennt, sondern Freunde, Brüder ! Das ist wahrhaftig der gerechteste und wohl auch der allerstärkste Grund, weshalb wir Ihn immerdar als unsern Herrn anerkennen, verehren und Ihm dienen müssen.

Viertes Kapitel: Dritter Glaubensartikel
»Der empfangen ist vom Hl. Geist, geboren aus Maria der Jungfrau« 

1 Unendlich groß und einzig in seiner Art ist das Gnadengeschenk, das Gott dem Menschengeschlecht durch die Befreiung aus der furchtbar harten Tyrannei des Teufels erwies; das können die Christen aus all dem erkennen, was im vorhergehenden Glaubensartikel auseinandergesetzt wurde. Vergegenwärtigen wir uns aber auch noch die ganze Art und Weise, in der Gott diese Befreiungstat durchführen wollte, dann zeigt sich noch klarer, dass Gottes Güte und Wohlwollen gegen uns in der Tat über alles Maß herrlich und erhaben ist. Die Größe dieses vornehmsten Geheimnisses der Erlösung, das uns die Hl. Schrift oft zur Betrachtung vor Augen hält, suche daher der Seelsorger in der Erklärung dieses und der folgenden Artikel aufzuweisen.

Der Sinn des dritten Glaubensartikels - so lehre er - ist der: Wir glauben und bekennen, dass derselbe Jesus Christus, der unser alleiniger Herr und der Sohn Gottes ist, als Er zu unserm Heil im Schoß der Jungfrau Fleisch annahm, nicht durch Mannessamen wie die andern Menschen, sondern über alle Ordnung der Natur durch die Kraft des Hl. Geistes empfangen wurde, so zwar, dass dieselbe Person Gott blieb, was sie von Ewigkeit war, und Mensch wurde, was sie vorher nicht war.

Dass man die Worte des Glaubensartikels tatsächlich so verstehen muss, ergibt sich klar aus dem Bekenntnis des hl. Konzils von Konstantinopel. Dort heißt es nämlich: »Der wegen uns Menschen und wegen unsres Heiles vom Himmel herabgestiegen ist. Und Fleisch angenommen hat durch den Hl. Geist aus Maria, der Jungfrau, und Mensch geworden ist.« - Das gleiche hat der hl. Evangelist Johannes (Joh 1, 1. 14) ausgesprochen, er, der die Kenntnis dieses erhabensten Geheimnisses aus dem Herzen unsres Herrn und Heilands selbst geschöpft hat. Denn nachdem er die Natur des Göttlichen Wortes folgendermaßen erklärt hat: »Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort,« sagt er am Schluss: »Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.« 

2 Das Wort, das eine Person der Gottheit ist, hat also die menschliche Natur in der Weise angenommen, dass ein und dieselbe Person Träger der göttlichen und der menschlichen Natur ist. So kam es, dass bei dieser wunderbaren Vereinigung die Tätigkeiten und Eigenschaften beider Naturen erhalten blieben, und dass nach dem Wort des hl. Papstes Leo des Großen »weder die Herrlichkeit der höhern die niedere Natur vernichtete, noch die Annahme der niedern der höhern Natur Eintrag tat« (Serm. 21, 2).


»Empfangen vom Hl. Geist« 

3 Im einzelnen mache der Seelsorger zunächst aufmerksam: wenn wir auch sagen, der Sohn ist empfangen durch die Kraft des Hl. Geistes, so hat doch diese Person der göttlichen Dreifaltigkeit das Geheimnis der Menschwerdung nicht allein gewirkt. Gewiss, der Sohn allein hat die menschliche Natur angenommen, aber es haben alle drei Personen der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, der Vater, der Sohn und der Hl. Geist bei der Ausführung dieses Geheimnisses gemeinsam gewirkt.

Es ist überhaupt als eine christliche Glaubensnorm festzuhalten: Alles was Gott nach außen in den geschaffenen Dingen wirkt, das ist allen drei Personen gemeinsam; keine wirkt mehr als die andere, keine wirkt ohne die andere. Nur das innere Hervorgehen der einen Person aus der anderen kann nicht allen drei gemeinsam sein. Denn der Sohn wird nur vom Vater gezeugt und der Hl. Geist geht aus dem Vater und dem Sohn hervor. Alles aber, was von Ihnen nach außen geschieht, wirken ohne Unterschied alle drei Personen. Und zu dieser Art von Tätigkeiten gehört die Menschwerdung des Gottessohnes.

Trotzdem teilt die Hl. Schrift auch von dem allen drei Personen Gemeinsamen in der Regel manches der einen und manches einer andern zu, so z. B. die Oberhoheit über die gesamte Schöpfung dem Vater, die Weisheit dem Sohn, und dem Hl. Geist die Liebe. Und weil nun das Geheimnis der Menschwerdung Gottes die ganz einzigartige, unermessliche Güte Gottes gegen uns offenbart, wird dieses Werk in besonderer Weise dem Hl. Geist zugeschrieben.

4 Es ist dieses Geheimnis die Wirkung teils übernatürlicher Vorgänge, teils natürlicher Kräfte. Wenn uns der Glaube sagt, dass der Leib Christi aus dem allerreinsten Geblüt der jungfräulichen! Mutter gebildet wurde, so sehen wir darin nur einen natürlich-menschlichen Vorgang, da der menschliche Leib nach allgemeinem Naturgesetz aus dem Geblüt der Mutter gebildet wird. Was aber Naturordnung wie menschliche Fassungskraft übersteigt, ist die Tatsache, dass im gleichen Augenblick, wo die seligste Jungfrau mit den Worten »Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Worte« (Lk 1, 38) ihre Zustimmung zu der Botschaft des Engels gab, der allerheiligste Leib Christi gebildet und die Seele im Besitz des Gebrauchs der Vernunft mit dem Leibe verbunden wurde, - dass also im gleichen Augenblick der unendlich vollkommene Gott auch vollkommener Mensch wurde. Dass dies ungewöhnlich und ein erhabenes Werk des Hl. Geistes war, daran lässt sich nicht zweifeln (Der lateinische Text fügt noch die Worte hinzu: »Denn nach dem gewöhnlichen Lauf der Natur kann kein Körper vor einer bestimmten Zeit durch die menschliche Seele belebt werden.« Dies beruht auf der alten Anschauung, dass die geistige Seele den Leib erst 40 (bzw. 80) Tage nach der Empfängnis belebe).

Dazu die weitere wunderbare Tatsache: in demselben Augenblick, wo die Seele sich mit dem Leib verband, einte sich auch die Gottheit mit Leib und Seele. Sobald also der Leib gebildet und beseelt war, verband sich die Gottheit mit Leib und Seele. So ward denn im sei ben Augenblick der wahre Gott auch wahrer Mensch, und die heiligste Jungfrau wird mit Recht im eigentlichsten Sinn Mutter des Gottmenschen genannt, weil sie im gleichen Augenblick Gott und Mensch empfing. Das wurde ihr auch vom Engel angedeutet mit den Worten: »Siehe, du wirst im Schoße empfangen und einen Sohn gebären und seinen Namen wirst du Jesus nennen. Dieser wird groß sein und Sohn des Allerhöchsten genannt werden« (Lk 1,31). Das gleiche sprach Elisabeth aus, als sie vom Hl. Geist erfüllt die Empfängnis des Sohnes Gottes erkannt hatte: »Woher kommt mir dies, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?« (Lk 1, 43) So wurde zur Tatsache, was Isaias (Jes 7, 14) vorausverkündet hatte: »Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären.« 

Doch wie der Leib Christi, wie bereits gesagt, ohne alles Zutun des Mannes aus dem reinsten Blut der unversehrten Jungfrau, allein durch die Kraft des Hl. Geistes gebildet wurde, so erhielt auch seine Seele im ersten Augenblick der Empfängnis die reichste Fülle des Hl. Geistes und ein Übermaß von Gnadengaben aller Art. Denn Ihm gab Gott nicht wie anderen heiligen und begnadeten Menschen, den Geist »nach Maß«, wie der hl. Johannes sagt (Joh 3, 34); in seine Seele goss Er alle Gnade so überreich, dass »wir von seiner Fülle alle empfangen haben« (Joh 1, 16)

5 Obwohl also Christus jenen Geist besaß, durch den Gott die Gerechtfertigten an Kindes Statt annimmt, so darf man Ihn doch nicht [angenommen oder] Adoptivsohn Gottes nennen. Denn Er ist Gottes Sohn von Natur und darum kann bei Ihm an die Gnade oder auch nur an den Namen der Adoption nicht im entferntesten gedacht werden.

6 Damit aus dieser Erklärung des wunderbaren Geheimnisses der Empfängnis heilsame Frucht reichlich auf die Gläubigen überströme, müssen sie sich vor allem folgende Punkte wiederholt ins Gedächtnis rufen und öfter von Herzen erwägen: Es ist Gott, der menschliches Fleisch annimmt; und Er wurde Mensch auf eine Weise, die wir nicht ausdenken, geschweige denn mit Worten ausdrücken können; endlich, Er wollte Mensch werden, auf dass wir Menschen zu Kindern Gottes wieder geboren würden. Indem sie diese Wahrheiten aufmerksam betrachten, sollen sie alle Geheimnisse, die dieser Glaubensartikel enthält, mit demütigem und gläubigem Herzen annehmen und anbeten, sie aber nicht neugierig durchforschen und ergründen wollen; denn das ist fast immer mit Gefahren verbunden.


»Geboren aus Maria der Jungfrau« 

7 Der Seelsorger erkläre sorgfältig auch den zweiten Teil dieses Artikels, der von den Christen den Glauben verlangt, dass der Herr Jesus nicht nur durch die Kraft des Hl. Geistes empfangen, sondern auch aus Maria der Jungfrau geboren und zur Welt gebracht wurde. Mit welch inniger Herzensfreude diese Glaubenswahrheit erwogen werden soll, drückt das Wort des Engels aus, der der Welt als erster die selige Botschaft brachte: »Siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die allem Volk zuteil wird«; und dann das Lied, das die Engelscharen sangen: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind« (Lk 2, 10. 14). Jetzt begann die großartige Verheißung Gottes an Abraham sich zu erfüllen: in seinem Nachkommen sollten alle Völker gesegnet werden (Gen 22, 18). Maria nämlich, die wir als wahre Gottesmutter preisen und verehren, weil sie die erhabene Person gebar, die Gott und Mensch zugleich war - Maria führte ihre Abkunft auf David und damit auf Abraham zurück.

8 Wie aber schon die Empfängnis Christi alle Ordnung der Natur einfachhin übersteigt, so ist auch in der Geburt alles göttlich, was wir auch betrachten mögen.

Zudem - und das gehört zum Wunderbarsten, was sich sagen oder auch nur denken lässt - Er wird von der Mutter geboren, ohne die Jungfrauschaft der Mutter auch nur im geringsten zu verletzen. Wie Er später aus dem verschlossenen und versiegelten Grab hervorging und »bei verschlossenen Türen zu den Jüngern kam« (Joh 20, 19), oder - um bei Dingen zu bleiben, die wir tagtäglich sich ereignen sehen, - wie die Sonnenstrahlen die feste Glasmasse durchdringen ohne sie zu brechen oder irgendwie zu beschädigen: so und erhabener noch ging Jesus Christus aus dem Schoß der Mutter ohne jede Versehrung der mütterlichen Jungfräulichkeit hervor; wir feiern und preisen ja diese ihre unversehrte, immerwährende Jungfrauschaft mit den berechtigsten Lobgesängen. Bewirkt wurde dieses Wunder durch die Kraft des Hl. Geistes, der bei der Empfängnis und Geburt des Sohnes gnadenvoll mit der Mutter war, so zwar, dass Er ihr Fruchtbarkeit schenkte und dabei doch die immerwährende Jungfräulichkeit bewahrte.

9 Der Apostel nennt Christus Jesus zuweilen »den zweiten Adam« und vergleicht Ihn mit dem ersten Adam. Denn wie im ersten alle Menschen sterben, so werden im zweiten alle wieder zum Leben erweckt (1 Kor 15, 22); und wie Adam für das Menschengeschlecht Stammvater der Natur nach war, so ist Christus Urheber der Gnade und Glorie. In ähnlicher Weise können wir auch die Jungfrau-Mutter mit Eva vergleichen, so dass der ersten Eva Maria als zweite Eva gegenübersteht, wie Christus als zweiter Adam dem ersten Adam. Eva hat Fluch und Tod über das Menschengeschlecht gebracht, weil sie der Schlange Glauben schenkte. Maria hingegen schenkte dem Engel Glauben, und da geschah es durch Gottes Huld, dass Segen und Leben über die Menschheit kam. Eva haben wir es zu verdanken, dass wir als Kinder des Zornes geboren werden. Von Maria haben wir Jesus Christus empfangen, durch den wir zu Kindern der Gnade wieder geboren werden. Zu Eva ward das Wort gesprochen: »In Schmerzen sollst du Kinder gebären« (Gen 3, 16). Maria blieb von diesem Gesetz befreit, sie hat in unversehrter jungfräulicher Reinheit und ohne alle Wehen Jesus, den Sohn Gottes, zur Welt geboren.

10 Da also der Geheimnisse dieser staunenswerten Empfängnis und Geburt so viele und so große sind, so entsprach es ganz der göttlichen Vorsehung, dass sie durch zahlreiche Vorbilder und Weissagungen angekündet wurden. Hierauf bezieht sich nach den hl. Lehrern vieles, was wir an verschiedenen Stellen der Hl. Schrift lesen. Vor allem jene Pforte des Heiligtums, die Ezechiel geschlossen sah (Ez 44, 2). Dann das Gesicht Daniels von dem »Stein, der sich vom Berge losriss ohne menschliches Zutun, und zu einem großen Berge ward und die ganze Erde erfüllte« (Dan 2, 34). Ferner der Stab Aarons, der »allein unter den Stäben der Fürsten Israels grünte« (Num 17, 8), und der Dornbusch, den Moses brennen sah und der doch nicht verzehrt wurde (Ex 3, 2).

Die Geschichte der Geburt Christi hat der hl. Evangelist ausführlich beschrieben. Deshalb braucht hier nicht weiter davon gesprochen werden, da es der Seelsorger selber leicht nachlesen kann. 11 Er muss sich aber Mühe geben, dass diese Geheimnisse, die »zu unserer Unterweisung aufgezeichnet sind« (Röm 15, 4), tief in Herz und Sinn der Gläubigen haften bleiben. Zunächst einmal, damit sie durch die Beherzigung einer so großen Wohltat zur Dankbarkeit gegen Gott, ihren Urheber, angeregt werden. Dann auch, damit sie sich dieses herrliche, ganz einzigartige Beispiel von Demut zur Nachahmung vor Augen halten. Wahrlich, was könnte für uns nützlicher, was noch geeigneter sein, unsern Stolz und unsre Überhebung niederzuzwingen, als wenn wir immer wieder bedenken, wie Gott sich soweit herablässt, dass Er uns Menschen Anteil gibt an seiner Herrlichkeit und darum unsre Schwächen und unser Elend auf sich nimmt; wie Gott Mensch wird und wie die höchste, unendliche Majestät sich dem Menschen dienstbar macht, Sie, auf deren Wink wie die Schrift sagt, »die Himmel erzittern und beben« (Job 26, 11); wie endlich derjenige auf Erden geboren wird, den im Himmel die Engel anbeten. Wenn Gott all das unsertwegen tut, was sollten dann nicht wir zu seinem Dienste tun? Wie sollten wir nicht alle Werke der Demut mit willigem, freudigem Herzen lieben, umfassen und in die Tat umsetzen!

Möchten die Gläubigen doch erkennen, welch heilsame Predigt uns Christus in seiner Geburt hält, noch bevor Er ein Wort zu reden beginnt. Er kommt zur Welt in Armut. Er kommt zur Welt wie ein Fremdling in einer Herberge. Er kommt zur Welt in einer armseligen Krippe. Er kommt zur Welt mitten im Winter. Schreibt doch der hl. Lukas (Lk 2, 6. 7): »Während sie dort waren, kam für sie die Zeit, da sie gebären sollte. Und sie gebar ihren erstgebornen Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn in der Herberge war für sie kein Platz.« Konnte der Evangelist wohl all die Majestät und Herrlichkeit des Himmels und der Erde in schlichtere Worte hüllen? Er schreibt ja nicht: es war in der Herberge kein Platz, sondern es war für Ihn kein Platz, für Ihn, der da sagt: »Mein ist der Erdkreis und was ihn erfüllt« (Ps 49, 12). Die gleiche Wahrheit fasst ein anderer Evangelist in die Worte: »Er kam in sein Eigentum und die Seinigen nahmen ihn nicht auf« (Joh 1, 11).

Wenn die Gläubigen sich das vergegenwärtigen, sollen sie weiter erwägen, dass Gott unsres Fleisches Niedrigkeit und Schwäche zudem Zweck auf sich nehmen wollte, um unser menschliches Geschlecht zur höchsten Ehrenstufe zu erheben. Denn nichts beweist mehr die hohe Würde und erhabene Stellung, die dem Menschen durch Gottes Güte zuteil ward, als dass es einen Menschen gibt, der zugleich wahrhaft und vollkommen Gott ist. Wir dürfen uns darum in Wahrheit rühmen, dass der Sohn Gottes »unser Bein und unser Fleisch« (Gen 29, 14) ist, ein Vorzug, der selbst den seligen Geistern versagt bleibt; denn der Apostel sagt: »Nicht die lNatur der] Engel nahm er an« (Hebr 2, 16).

Außerdem müssen wir uns vor Einem hüten, damit es nicht zu unserm eigenen Schaden doch geschehe: dass nämlich Jesus jetzt, wo Er nicht mehr im Fleisch geboren wird, keinen Platz in unsern Herzen finde, um dort im Geist geboren zu werden, wie einst in der Herberge zu Bethlehem kein Platz war, wo Er geboren werden konnte. Das ist es ja, wonach Er in seiner großen Sorge für unser Heil sehnlichst verlangt. Wie Er nämlich selbst durch die Kraft des Hl. Geistes in übernatürlicher Weise Mensch geworden und zur Welt gekommen ist, und wie Er selbst heilig, ja die Heiligkeit selber ist, so müssen auch wir »nicht aus dem Geblüt, nicht aus dem Begehren des Fleisches, sondern aus Gott« (Joh 1, 13) geboren werden, und dann als »neue Schöpfung« »in neuem Geiste wandeln« (Röm 6, 4; Gal 6, 15) und jene Heiligkeit und Lauterkeit des Herzens bewahren, die der herrlichste Schmuck der durch Gottes Geist Wiedergeborenen ist. So wiederholt sich in uns geistiger Weise die Empfängnis und Geburt des Gottessohnes, an die wir fest glauben; und wenn wir dieses [geistliche Werden] im Glauben erleben, dann erst beten wir »Gottes geheimnisvoll verborgene Weisheit« (1 Kor 2, 7) das Geheimnis der Menschwerdung] mit staunender Bewunderung an.

Fünftes Kapitel: Vierter Glaubensartikel
»Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben« 

1 Wie notwendig die Kenntnis dieses Artikels ist und wie sehr der Seelsorger darauf hinarbeiten muss, dass die Christen recht oft an das Leiden Christi denken, das zeigt das Wort des Apostels: er habe »kein anderes Wissen als das von Jesus Christus und zwar dem Gekreuzigten« (Kor 2, 2). Daher gilt es, alle Sorgfalt und Mühe aufzubieten, diese Glaubenswahrheit so lichtvoll wie möglich darzustellen, damit die Christen durch das Andenken an diesen unschätzbaren Liebeserweis zur vollen Empfänglichkeit für Gottes Liebe und Güte gegen uns gelangen.

Im ersten Teil des Artikels - vom zweiten wird später die Rede sein - wird uns die Glaubenswahrheit vorgelegt, dass Christus der Herr gekreuzigt wurde und zwar zu der Zeit, da Pontius Pilatus im Namen des Kaisers Tiberius die Provinz Judäa verwaltete. Denn damals war es, dass Christus gefangen genommen, verspottet, mit Unbill und Marter aller Art überhäuft und endlich am Kreuz erhöht wurde.


»Gelitten« 

2 Dabei ist jeder Zweifel ausgeschlossen, dass etwa die Seele Christi nach ihrem niedern Teil von diesen Schmerzen unberührt geblieben wäre. Denn Christus hat die menschliche Natur wirklich und wahrhaft angenommen und hat demgemäß auch seelisch den tiefsten Schmerz gefühlt. Daher sein Wort: »Meine Seele ist betrübt bis zum Tode« (Mt 26, 38). Gewiss war die göttliche Person mit der menschlichen Natur vereint. Aber deswegen hat der Herr die Bitterkeit des Leidens doch um nichts weniger gefühlt, als wenn diese Verbindung nicht bestanden hätte. Denn es blieben in der einen Person Jesu Christi die Eigenschaften beider Naturen, der göttlichen und der menschlichen, voll erhalten. Was also leidensfähig und sterblich war, das blieb leidensfähig und sterblich. Und wiederum: was leidensunfähig und unsterblich war - und das gilt von der göttlichen Natur - das behielt diese Eigenschaften ebenfalls bei.


»Unter Pontius Pilatus« 

3 Dass so genau angegeben ist, Jesus Christus habe gelitten zur Zeit, da Pontius Pilatus Land- I pfleger von Judäa war, das ist - so lehre der Seelsorger- deswegen geschehen, weil die sichere Kenntnis dieser einschneidenden, hochwichtigen Tatsache für alle leichter zu erreichen war, wenn der Zeitpunkt des Ereignisses näher bezeichnet wurde, wie dies nach Ausweis der Hl. Schrift auch der Apostel Paulus tat (1 Tim 6, 13). Dann auch, weil dadurch erklärt wird, wie die Vorhersage des Erlösers in Erfüllung gegangen ist: »Sie werden ihn den Heiden zur Verspottung, Geißelung und Kreuzigung ausliefern« (Mt 20, 19).


»Gekreuzigt« 

4 Dass aber Christus gerade am Kreuzesholz den Tod erlitt, ist ebenfalls auf einen Ratschluss Gottes zurückzuführen, gemäß den Worten der Kirche: »Von wo der Tod gekommen, von da sollte auch das Leben erstehen« (Röm. Messbuch, Praefation vom hl. Kreuz). Die Schlange, die am Holz die Stammeltern überwunden hatte, ward von Christus überwunden am Holz des Kreuzes. Es ließen sich noch mehr Gründe anführen, und die Kirchenväter haben sie eingehend dargestellt, wie angemessen es war, dass unser Erlöser gerade den Kreuzestod auf sich nahm. Doch ist es fürs Leben der Christen genug, wenn sie gläubig festhalten, - und dazu mahne sie der Seelsorger -- dass unser Erlöser diese Todesart deswegen gewählt hat, weil sie die für die Erlösung der Menschheit geeignetste war; zugleich war es die denkbar schmachvollste und entehrendste. Denn die Kreuzesstrafe galt nicht nur bei den Heiden als größter Schimpf und Inbegriff von Schmach und Schande, auch im Gesetz Mosis heißt es: » Verflucht sei der Mensch, der am Kreuze hängt!« (Dtn 21, 23)

5 Der Seelsorger unterlasse nicht, die Leidensgeschichte, die von den Evangelisten so sorgfältig aufgezeichnet ist, den Gläubigen öfter vorzutragen, damit sie gut Bescheid wissen, wenigstens in den Hauptpunkten dieses Geheimnisses, die für die Sicherung unseres Glaubens notwendig erscheinen. Auf diesem Artikel ruht ja des Christen Religion und Glaube wie auf seinem Fundament; ist dieses gelegt, dann steht der übrige Bau wohlgefügt. Denn wenn etwas dem Menschengeist und -herzen Schwierigkeiten macht - das Geheimnis des Kreuzes ist sicher das schwierigste von allem. Wir wollen es eben kaum begreifen, dass unser Heil vom Kreuze kommen soll und von einem, der für uns ans Kreuz geschlagen wurde. Aber gerade darin können wir, wie der Apostel sagt, die unendlich weise Vorsehung Gottes bewundern. Denn »da die Welt mit ihrer Weisheit Gott in seiner göttlichen Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott, durch die Torheit der Predigt [vom Kreuze] die zu retten, die da glauben wollen« (1 Kor 1, 21. 18). Kein Wunder daher, dass die Propheten vor der Ankunft Christi und die Apostel nach Christi Tod und Auferstehung sich so viele Mühe gaben, um die Menschen zu überzeugen, dass der Gekreuzigte der Erlöser der Welt ist, und um sie zu gehorsamen Untertanen des Gekreuzigten zu machen.

Gerade weil dem menschlichen Verständnis nichts so fern liegt als das Geheimnis des Kreuzes, hat Gott gleich nach dem Sündenfall immer wieder durch Vorbilder und durch die Weissagungen der Propheten auf diese Todesart seines Sohnes hingewiesen. Um nur einige der Vorbilder zu nennen: zunächst Abel, der von seinem Bruder aus Neid erschlagen wurde; dann Isaaks Opfer; weiter das Lamm, das die Juden beim Auszug aus Ägypten schlachteten; endlich die eherne Schlange, die Moses in der Wüste aufgerichtet hat (Gen 4, 8; 22, 6 ff; Ex 12, 1ff; Num 21, 9.). All das wies auf das Leiden und den Tod Christi des Herrn hin. Wie groß aber die Zahl der Propheten ist, die darüber geweissagt haben, ist zu bekannt, als dass es hier weiter dargelegt werden müsste. Vor allem - um von David nicht zu sprechen, der die Hauptgeheimnisse des Erlösungswerkes alle in den Psalmen zusammen gefasst hat - sind die Weissagungen Isaias' so klar und bestimmt, dass man mit Recht sagen kann, Isaias habe eigentlich mehr wie von einer bereits vollzogenen Tatsache berichtet, als von der Zukunft geweissagt.


»Gestorben« 

6 In diesen Worten - so lege der Seelsorger dar - ist der Glaubenssatz enthalten, dass Jesus Christus nach seiner Kreuzigung wirklich gestorben ist und begraben wurde. Diese Tatsache wird nicht ohne Grund so ausdrücklich zu glauben vorgelegt. Es hat nämlich schon solche gegeben, die den Tod Christi am Kreuz in Abrede stellten. Diesem Irrtum haben die Apostel mit Grund die genannte Glaubenslehre entgegengesetzt. Ein Zweifel an deren Wahrheit ist ausgeschlossen. Denn alle Evangelisten berichten übereinstimmend, dass Jesus den Geist aufgab.

Christus war wahrhaft und vollkommen Mensch, somit konnte Er auch wahrhaft sterben. Es stirbt aber der Mensch, wenn sich die Seele vom Leibe trennt. Wenn wir also sagen, dass Jesus gestorben ist, so wollen wir damit sagen, dass seine Seele sich vom Leib getrennt hat. Wir sagen aber damit nicht, dass etwa die Gottheit sich vom Leib getrennt habe. Im Gegenteil - wir glauben fest und bekennen, dass nach der Trennung der Seele vom Leib die Gottheit ebenso mit dem Leichnam im Grab wie mit der Seele in der Vorhölle stets vereint blieb.

Sterben aber sollte der Sohn Gottes, um »durch seinen Tod dem Gewalthaber über den Tod, dem Teufel, die Macht zu nehmen, und jene zu erlösen, die durch ihr ganzes Leben im Bann der Todesfurcht standen« (Hebr 2, 14. 15).

7 Eines war bei Christus dem Herrn ganz einzigartig: Er starb genau dann, wann Er selbst zu sterben beschlossen hatte, und erlitt den Tod freiwillig, ohne Zwang durch eine äußere Macht.

Und nicht nur die Todesart wählte Er sich selbst, sondern auch den Ort und die Zeit, wo und wann Er sterben wollte. So hatte schon Isaias vorausgesagt: »Er ward geopfert, weil er selbst es wollte« (Jes 53, 7). Und der Herr hatte es vor seinem Leiden ausgesprochen: »Ich gebe mein Leben hin, um es wieder zu gewinnen. Niemand entreißt es mir, ich gebe es freiwillig hin. Ich habe die Macht, es hinzugeben und die Macht, es wieder an mich zu nehmen« (Joh 10, 17. 18). Betreffs der Zeit und des Ortes hatte Er gegenüber den Nachstellungen des Herodes das Wort gesprochen: »Sagt diesem Fuchs: Siehe, ich treibe böse Geister aus und vollbringe Heilungen heute und morgen, und am dritten Tag gelange ich zur Vollendung. Jedoch heute, morgen und den nächsten Tag muss ich wandern; denn es geht nicht an, dass ein Prophet außerhalb Jerusalems umkomme« (Lk 13, 32. 33). Christus tat also keinen Schritt gegen seinen Willen oder im Zwang, sondern Er bot sich selbst freiwillig an. Offen ging Er seinen Feinden entgegen und sprach: »Ich bin es !« (Joh 18, 5). Freiwillig trug Er all die Martern, mit denen sie Ihn in ungerechter und grausamer Weise peinigten.

Gerade dieser Umstand muss uns ja ganz besonders zu Herzen gehen, so oft wir all seine Leiden und Schmerzen betrachten. Denn wenn jemand unsertwegen auch alle Schmerzen litte - hat er sie nicht freiwillig auf sich genommen, sondern musste er sich eben darein schicken, so schlagen wir seine Liebestat nicht so hoch an. Wenn aber einer mit Freuden einzig für uns in den sichern Tod geht, dem er sich hätte entziehen können, so ist das in Wahrheit ein solch großer Liebesbeweis, dass auch das dankbarste Herz unfähig ist, sich dafür durch die Tat oder auch nur durch die Gesinnung genügend erkenntlich zu zeigen. Daraus sehen wir so recht die unendliche, unvergleichliche Liebe Christi gegen uns und das erhabene, unermessliche Verdienst, das Er sich um uns erworben hat.


»Begraben« 

8 Der beigefügte Teil des Artikels über das Begräbnis Christi bietet nach dem, was von seinem Tod gesagt wurde, unserm Glauben keine weitere Schwierigkeit. Denn wenn wir glauben, dass Christus gestorben ist, so wird uns auch die Überzeugung nicht schwer fallen, dass Er begraben worden ist. Der Grund, warum dies beigefügt wird, ist einmal, dass wir um so weniger an seinem Tode zweifeln können. Es ist ja das sicherste Zeichen dafür, dass jemand gestorben ist, wenn man nachweist, dass sein Leichnam bestattet wurde. Dann aber soll auch das Wunder seiner Auferstehung aus dieser Tatsache neues Licht empfangen.

Wir glauben aber nicht nur, dass Christi Leib bestattet wurde, sondern es wird mit diesen Worten vor allem die Glaubenswahrheit ausgesprochen, dass Gott begraben worden ist. Wir sagen ja auch entsprechend der katholischen Glaubensregel ganz richtig: Gott ist gestorben, Gott wurde aus der Jungfrau geboren. Denn die Gottheit trennte sich niemals vom Leibe, der im Grab beigesetzt wurde, und somit bekennen wir mit Recht: Gott ist begraben worden.

9 Was die Art und den Ort der Bestattung betrifft, sollen dem Seelsorger die Angaben genügen, die die hl. Evangelisten machen. Vor allem sind zwei Tatsachen zu beachten: einmal, dass Christi Leichnam im Grab vollkommen unverwest blieb, eine Tatsache, die schon der Prophet vorhergesagt mit den Worten: »Du wirst deinen Heiligen nicht schauen lassen die Verwesung«(Ps 15, 10). Das andere ist - was für den ganzen Glaubensartikel gilt, für das Leiden und Sterben ebenso wie für das Begräbnis - nämlich, dass all das Jesus Christus nur als Mensch zukommt, nicht aber als Gott. Denn leiden und sterben kann nur die menschliche Natur. Gleichwohl legen wir all das auch Gott bei. Denn da Christi Person zugleich vollkommen Gott und vollkommen Mensch ist, lässt sich all dies offenbar mit Recht von ihr aussagen.

*

10 Nun entfalte der Seelsorger eingehend jene Wahrheiten, die es den Gläubigen möglich machen, die unendliche Wohltat des Leidenstodes Christi, wenn auch nicht auszuschöpfen, so doch bewundernd zu betrachten. Zuerst erwäge man, wer es ist, der all dies leidet. Menschenwort ist unfähig, seine Größe auszudrücken und Menschenverstand kann sie unmöglich erfassen. Der hl. Johannes nennt Ihn »das Wort, das beim Vater war« (Joh 1, 1). Der Apostel zeichnet Ihn in erhabenen Zügen als »jenen, den Gott zu des Weltalls Erben eingesetzt, durch den er auch die Welten schuf; der da ist der Abglanz seiner Herrlichkeit, das Abbild seines Wesens; der das All trägt durch sein gewaltiges Wort«. Dieser also »brachte Erlösung von den Sünden und sitzt zur Rechten der Majestät im Himmel« (Hebr 1, 2. 3). Um alles mit einem Wort zu sagen: es leidet der Gottmensch Jesus Christus; es leidet der Schöpfer für seine Geschöpfe; es leidet der Herr für die Knechte; es leidet der, durch den Engel und Menschen, Himmel und Erde geworden sind; jener, »in dem, durch den, aus dem alles ist« (Röm 11, 6). Kein Wunder, dass der ganze Weltenbau erschüttert ward, als die Qual so vieler Marterleiden den Herrn durchschauerte. Die Hl. Schrift berichtet: »Die Erde bebte, die Felsen zersprangen, und Finsternis brach herein über das ganze Land, weil die Sonne sich verfinsterte« (Mt 27, 51; Lk 23, 44. 45). Wenn sogar die unbelebte, fühllose Natur über das Leiden ihres Schöpfers trauerte, mit welch heißen Zähren müssen dann nicht die Christen als die »lebendigen Steine dieses Baues« (1 Ptr 2, 5), ihrem Schmerz Ausdruck geben!

11 Weiterhin sollen die Gründe für das Leiden des Sohnes Gottes auseinandergesetzt werden, damit so die Größe und Macht der Liebe Gottes gegen uns noch klarer zutage tritt. Forscht man also zunächst nach dem Hauptgrund, so wird man die Sünde finden, die Erbsünde von den Stammeltern her, und dann die Sünden und Laster alle, alle nur je die Menschen von Anbeginn bis auf den heutigen Tag begangen haben und von heute bis zur Vollendung der Zeiten begehen werden. Das war ja die Absicht des Gottessohnes, unsres Heilands, bei seinem Leiden und Sterben: die Sünden aller Zeiten auf sich zu nehmen und zu tilgen und dem Vater für sie überreiche Genugtuung zu leisten. Die erhabene Größe dieses Sühneleidens wird noch gesteigert dadurch, dass Christus nicht nur für die Sünder gelitten hat, sondern dass eben diese Sünder all seiner Leiden Urheber und Werkzeuge waren. Daran erinnert uns der Apostel, wenn er an die Hebräer schreibt: »Betrachtet ihn, der von den Sündern solchen Widerspruch gegen sich erduldete! Dann werdet ihr nicht ermatten und nicht den Mut sinken lassen« (Hebr 12, 3). Diese Schuld trifft vorzüglich jene, die wiederholt in die Sünde zurückfallen. Denn da unsre Sünden Christus den Herrn in den Kreuzestod trieben, so kreuzigen tatsächlich jene, die sich in Sünden und Lastern wälzen, soweit es auf sie ankommt, den Sohn Gottes aufs neue und treiben ihren Spott mit Ihm (Hebr. 6, 6). Ein Verbrechen, das bei uns noch schwerer erscheinen mag, als es von Seiten der Juden war. Denn diese würden, wie derselbe Apostel sagt, »den Herrn der Glorie niemals gekreuzigt haben, wenn sie ihn erkannt hätten« (1 Kor 2, 8). Wir aber behaupten Ihn zu kennen und dennoch legen wir gleichsam Hand an Ihn, indem wir Ihn durch die Tat verleugnen.

12 Indes hat nach den Worten der Hl. Schrift J auch der Vater Christus den Herrn, und dieser sich selbst dahingegeben. Bei Isaias spricht Gott: »Wegen der V erbrechen des Volkes schlug ich ihn.« (Jes 53, 8) Und kurz zuvor sagt der Prophet, da er den Herrn im Geist voll Striemen und Wunden sieht: »Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, jeder bog auf seine Wege ab. Und der Herr legte unser aller Sünde auf ihn« (Jes 53, 6). Vom Sohn selber aber heißt es: »Wenn er sein Leben für die Sünde hingegeben, wird er ewige Nachkommenschaft schauen« (ebd 10). Nachdrücklicher noch hat der Apostel diese Wahrheit ausgesprochen, allerdings zu einem andern Zweck, nämlich um zu zeigen, wie viel wir uns von der unermesslichen Güte und Barmherzigkeit Gottes erhoffen dürfen: »Er hat«, so sagt Paulus, »seines eigenen Sohnes nicht geschont, sondern ihn für uns alle dahingegeben - wie sollte er uns nicht mit ihm alles schenken ?« (Röm 8, 32)

13 Drittens lehre der Seelsorger, wie unsäglich bitter das Leiden Christi war. Wir brauchen uns ja eigentlich nur vor Augen zu halten, dass der Schweiß des Herrn »wie Blutstropfen ward, die auf die Erde rannen« (Lk 22, 44), als Er sich die Marter und Pein nur vergegenwärtigte, die Er bald darauf erleiden sollte. Schon daraus lässt sich leicht ermessen, dass eine Steigerung dieses Leidens nicht möglich war. Denn wenn schon der bloße Gedanke an die bevorstehenden Leiden so bitter war, wie dies der Blutschweiß offenbart, wie furchtbar muss da nicht das Leiden selbst gewesen sein!

Aber auch abgesehen davon ist es sicher, dass Christus der Herr die schmerzlichsten Leiden an Seele und Leib erlitten hat. Zunächst am Leib. Da war keine Stelle an seinem Körper, wo Er nicht die furchtbarsten Qualen fühlte: seine Füße und Hände waren mit Nägeln ans Kreuz geheftet; sein Haupt von Dornen zerstochen und vom Rohr zerschlagen: sein Antlitz schmählich bespien und mit Fäusten geschlagen; sein ganzer Körper mit Geißelhieben bedeckt. Weiter: Menschen jedes Standes und Ranges »taten sich zusammen gegen den Herrn und gegen seinen Christus« (Ps 2, 2). Heiden und Juden waren seines Leidens Anstifter, Urheber und Vollstrecker. Judas hat Ihn verraten, Petrus verleugnet, alle Ihn verlassen. Und am Kreuz selbst, was soll man mehr beklagen - die Bitterkeit oder die Schmach oder beides zugleich? Es gab ja tatsächlich keine schimpflichere, keine schmerzlichere Todesart als die Kreuzigung. Keine schimpflichere, denn nur die größten Bösewichte und Verbrecher pflegte man damit zu bestrafen. Keine schmerzlichere, denn der lange Todeskampf steigerte fortwährend die Wucht der furchtbaren Pein und Qual. Noch vermehrt wurde die Größe der Leiden durch die besondere Beschaffenheit des Leibes Jesu Christi. Durch die Kraft des Hl. Geistes gebildet war er viel vollkommener und zarter, als andrer Menschen Leib dies sein kann. Er hatte deshalb auch ein viel feineres Empfinden für Schmerz und litt viel tiefer unter an den Martern.

Die innern Seelenleiden vollends waren bei an deI Christus ohne Zweifel unaussprechlich groß. Andere Heilige, die Marter und Tod erlitten, erfreuten sich himmlischen Seelentrostes, den Gott ihnen schenkte, damit sie in seiner Kraft ihre großen Martern mit Gleichmut tragen konnten; ja die meisten fühlten inmitten der Qualen eine herzinnige Freude. So sagt z. B. der Apostel: »Ich freue mich der Leiden, die ich für euch erdulde. Ich leiste so für den Leib Christi, die Kirche, an meinem Fleisch, was noch aussteht an den Leiden Christi« (Klo 1, 24). Und an andrer Stelle: »Ich bin voll des Trostes, bin übervoll von Freude bei all unsrer Bedrängnis« (2 Kor 7, 4). Christus der Herr aber mischte den unendlich bittern Leidenskelch, den Er trank, mit keinem Tröpflein Süßigkeit. Er ließ die menschliche Natur, die Er angenommen hatte, alle Qualen fühlen geradeso, als wenn Er nur Mensch und nicht auch Gott gewesen wäre.

14 Endlich soll der Seelsorger auch die Früchte 4. Früchte und Güter, die uns durch das Leiden des Herrn geworden sind, eingehend erklären. Erstens wirkte das Leiden des Herrn die Befreiung von der Sünde. Denn der hl. Johannes sagt: »Er hat uns geliebt und uns von unsern Sünden gewaschen in seinem Blut«(Offb 1, 5). Und der Apostel spricht: »Er hat euch das Leben geschenkt, hat euch alle Missetaten vergeben, hat den wider uns lautenden Schuldschein, der mit seinen Bestimmungen uns entgegenstand, ausgelöscht und vernichtet, indem er ihn ans Kreuz heftete« (Kol 2, 13) - Zweitens hat Er uns der Gewaltherrschaft Satans entrissen.

Denn der Herr selbst sagt: »Jetzt ergeht das Gericht über diese Welt, jetzt wird der Fürst dieser Welt hinausgeworfen. Ich aber will alles an mich ziehen, wenn ich von der Erde erhöht bin« (Joh 12, 31) - Drittens hat Er die für unsre Sünden geschuldete Strafe abgebüßt. - Viertens hat Er uns, weil es das angenehmste und wohlgefälligste Opfer war, das Gott dargebracht werden konnte, mit dem Vater wieder ausgesöhnt und Ihn huldvoll und gnädig gegen uns gestimmt. - Endlich hat Er, weil Er die Sünde tilgte, auch das Himmelstor wieder geöffnet, das durch die Erbsünde verschlossen war. Das deutet der Apostel an mit den Worten: »Wir haben kraft des Blutes Jesu die zuversichtliche Hoffnung auf den Eintritt in das Allerheiligste« (Herb 10, 19). Schon im Alten Bund gab es ein Vorbild für dieses Geheimnis. Es wurde nämlich manchen Juden nicht gestattet, vor dem Tod des Hohenpriesters ins Heimatland zurückzukehren (Lev 35, 25; Jos 20, 6); damit wurden sie zum Vorbild, dass niemand, er mochte noch so gerecht und fromm gelebt haben, ins himmlische Vaterland eingehen konnte, bevor der ewige Hohepriester Jesus Christus den Tod erlitten hatte. Kaum war dieser eingetreten, da öffneten sich sofort die Tore des Himmels für alle, die durch die heiligen Geheimnisse entsühnt, durch Glaube, Hoffnung und Liebe des Leidens Christi teilhaftig werden.

15 Die Gründe, warum aus dem Leiden des Herrn all diese großen, übernatürlichen Wohltaten uns erwuchsen, sind folgende: Erstens war sein Leiden die vollständige und in jeder Hinsicht vollkommene Genugtuung, die Jesus Christus in einzigartiger Weise Gott Vater für unsre Sünden geleistet hat. Ja der Preis, den Er für uns bezahlte, war unsrer Schuld nicht nur gleich, er ging sogar noch weit darüber hinaus. - Dann war sein Leiden ein Gott unendlich wohlgefälliges Opfer. Der Sohn selbst brachte es Ihm ja am Altar des Kreuzes dar und so musste es des Vaters Zorn und Ungnade vollkommen versöhnen. Das meint der Apostel, wenn er spricht: »Christus hat uns geliebt und sich um unsertwillen als Opfergabe hingegeben - ein köstlicher Opferduft für Gott« (Eph 5, 2). - Endlich ist sein Leiden unser Lösegeld. Davon sagt der Apostelfürst: »Ihr wisst ja, dass ihr nicht mit vergänglichen Werten, mit Gold und Silber von eurem verkehrten, von den Vätern überkommenen Wandel losgekauft seid, sondern durch das kostbare Blut Jesu Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel« (1 Ptr 1, 18). Und der Apostel spricht: »Christus hat uns vom Fluch des Gesetzes losgekauft, indem er unsertwegen zum Fluch ward« (Gal 3, 13).

Noch eines ist uns außer all den genannten unermesslichen Gnaden geworden, und das gehört vielleicht zum Größten: wir haben in diesem Leiden allein das leuchtendste Beispiel für jegliche Tugend: Geduld, Demut, beispiellose Liebe, Sanftmut, Gehorsam, höchste Standhaftigkeit nicht nur im Erdulden der Schmerzen um der Gerechtigkeit willen, sondern auch im Erleiden des Todes - all das zeigt das Leiden Christi in einer Vollendung, dass wir wahrhaft sagen können: die Weisungen, die unser Erlöser uns während der ganzen Zeit seiner Lehrtätigkeit in Worten gab, hat Er alle während des einen Leidenstages durch sein Verhalten zur Tat gemacht.

Soviel in Kürze über das heilbringende Leiden und Sterben Christi unsers Herrn. Möchten doch diese Geheimnisse lebendig in unsrer Seele stehen, möchten wir doch lernen, vereint mit dem Herrn zu leiden, zu sterben und ins Grab zu gehen, damit wir nach Tilgung alles Sündenschmutzes mit Ihm zu einem neuen Leben erstehen und dereinst durch seine Gnade und Barmherzigkeit würdig erfunden werden der Teilnahme am Himmelreich seiner Glorie!

Sechstes Kapitel: Fünfter Glaubensartikel
»Abgestiegen zur Hölle, am dritten Tage wieder auferstanden von den Toten« 

1 So wichtig es ist, die Herrlichkeit des Grabes unsres Herrn Jesus Christus zu kennen, von der im vorhergehenden Glaubensartikel die Rede war - wichtiger noch ist es für das gläubige Volk, von den glänzenden Siegen zu vernehmen, die der Herr durch die Überwindung des Teufels und die Befreiung der Gefangenen aus der Vorhölle errungen hat. Davon soll nun die Rede sein und zugleich damit von der Auferstehung des Herrn. Könnte man die letztere auch eigens für sich behandeln, so glauben wir sie doch nach dem Beispiel der heiligen Väter mit dem Abstieg Christi zur Vorhölle verbinden zu sollen.


»Abgestiegen zur Hölle« 

Im ersten Teil des Artikels wird uns also die Glaubenswahrheit vorgelegt, dass die Seele Christi nach seinem Tod in die Vorhölle hin abstieg und solang dort weilte als sein Leib im Grabe lag. Wir bekennen aber mit diesen Worten zugleich auch dieses: ein und dieselbe Person Christi war um diese Zeit in der Vorhölle und ruhte zugleich im Grabe. Diese Behauptung darf niemand wundernehmen; denn wie schon mehrmals gesagt wurde, war Christi Seele zwar vom Leib geschieden, aber die Gottheit trennte sich niemals weder von der Seele noch vom Leib.

2 Das Wort» Hölle« bedeutet an dieser Stelle nicht soviel wie »Grab«, wie dies einige ebenso vermessen wie unsachgemäß behauptet haben. Wir hörten ja schon im vorhergehenden Artikel, dass Christus der Herr begraben wurde. Und es ist doch kein Grund ersichtlich, warum die hl. Apostel im Glaubensbekenntnis dasselbe noch Mal mit andern und zwar unverständlicheren Worten sagen sollten.

Der Ausdruck »Hölle« bezeichnet vielmehr jenen verborgenen Aufenthaltsort für die Seelen, die nicht in den Besitz der himmlischen Seligkeit gelangt sind. In diesem Sinn gebraucht die HI. Schrift das Wort an mehr als einer Stelle. Beim Apostel lesen wir: »Im Namen Jesu soll sich jedes Knie beugen im Himmel, auf Erden und in der Hölle« (Unterwelt; Phil 2, 10) und in der Apostelgeschichte spricht der hI. Petrus das Wort, Christus der Herr sei auferweckt worden, befreit von den Wehen der Hölle (Unterwelt; Apg 1,21 nach der Vulgata).

3 Der Aufenthaltsort für all diese Seelen ist aber nicht der gleiche. Zunächst gibt es jenes furchtbare, dunkle Verließ, wo die Seelen der Verdammten zugleich mit den unreinen Geistern in ewigem unauslöschlichem Feuer gepeinigt werden; und dieser Ort, der mitunter Gehenna oder Abgrund genannt wird, heißt im eigentlichen Sinn die Hölle. - Außerdem gibt es das Feuer im Reinigungort. Dieses, eine bestimmte Zeitlang verhängt, reinigt durch seine Qual die Seelen der Gottesfürchtigen, damit sich ihnen der Zugang ins ewige Heimatland eröffne, in das nichts Unreines eingehen kann. Eine Wahrheit, die nach den Erklärungen der hI. Konzilien in der HI. Schrift wie der apostolischen Überlieferung fest verankert ist und die der Seelsorger um so eingehender und öfter behandeln soll, da Zeiten über uns gekommen sind, in denen die Menschen die gesunde Lehre nicht mehr ertragen. - Die dritte Art von Aufenthaltsort endlich ist jener, wo die Seelen der Heiligen vor der Ankunft Christi des Herrn Aufnahme fanden, und wo sie ohne jedes eigentliche Schmerzgefühl in der seligen Hoffnung auf ihre Erlösung weilten. Dieser Ort der Ruhe hieß Abrahams Schoß. Die Seelen dieser Gerechten nun, die da den Heiland erwarteten, hat Christus der Herr bei seinem Abstieg in die Hölle befreit.

4 Es wäre falsch zu glauben, Christus sei in der Weise abgestiegen zur Hölle, dass nur seine Macht und Kraft, nicht aber auch seine Seele dorthin gelangte. Es ist unbedingt als Glaubenswahrheit festzuhalten, dass seine Seele tatsächlich und in persönlicher Gegenwart zur Unterwelt hinabstieg; dafür spricht das sichere Zeugnis Davids: »Du lässest meine Seele nicht in der Unterwelt« (Ps 15, 16).

5 Durch diesen Abstieg zur Unterwelt hat Christus seiner Allgewalt nichts vergeben, und ebenso wenig erhielt dadurch der Glanz seiner Heiligkeit irgend einen Makel. Im Gegenteil, wenn wir die Gründe vergleichen, warum Christus an diesen Ort kam und warum die Übrigen dahin kamen, so werden wir ganz klar sehen, dass sich gerade durch seinen Abstieg zur Hölle alles bewahrheitet, was von seiner Heiligkeit gesagt wurde, und dass Er wahrhaft der Sohn Gottes ist, wie Er dies vorher durch Wunder ohne Zahl erwiesen hatte.

Die übrigen alle stiegen als Gefangene in die Vorhölle hinab; Christus dagegen, auch »unter den Toten frei« (Ps 87, 5) und Sieger, steigt hinab, um die bösen Geister niederzustrecken, die jene Gerechten wegen der Erbschuld in Kerker und Banden hielten. - Weiterhin: die andern alle, die hinabstiegen, erlitten entweder die bitterste Pein zur Strafe, oder fanden doch, auch wenn sie keine andern Schmerzen hatten, ihr Leiden darin, dass sie auf die Anschauung Gottes noch verzichten mussten und ihre Hoffnung auf die beseligende Glorie, die sie ersehnten, noch nicht erfüllt war. Christus der Herr aber stieg hinab, nicht um zu leiden, sondern um jene heiligen und gerechten Menschen aus ihrer beschwerlichen Haft zu befreien und ihnen die Frucht seines Leidens zuzuwenden. Sein Abstieg zur Vorhölle bedeutet also keinerlei Schmälerung seiner erhabenen Würde und Macht.

6 Nun lehre man, weshalb Christus der Herr zur Vorhölle hinabstieg. Er wollte den Teufeln ihre Beute entreißen, die hl. Altväter wie die übrigen Gerechten aus ihrer Haft befreien und sie mit sich in den Himmel führen. Das hat Er denn auch in wunderbarer, höchst glorreicher Weise getan. Denn sein Anblick gab den Gefangenen sofort das allerhellste Licht und erfüllte sie mit unermesslicher Freude. Überdies schenkte Er ihnen die heißersehnte Seligkeit, die in der Anschauung Gottes besteht. Da ging das Wort in Erfüllung, das der Herr dem Schächer gegeben hatte: »Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein« (Lk 23, 43). Schon der Prophet Oseas (Hos 13, 14) hatte lange vorher diese Befreiungstat vorausverkündigt, wenn er sagt: »O Tod, ich will dein Tod sein! Dein Biss will ich sein, o Hölle!« Auch der Prophet Zacharias (Zach 9, 11) hat dies vorhergesagt mit den Worten: »Auch wirst du im Blute deines Bundes deine Gefangenen entlassen aus der wasserlosen Grube.« Und der Apostel endlich drückt das gleiche mit den Worten aus: »Er hat die Mächte und die Gewalten entwaffnet und offen an den Pranger gestellt, indem er über sie triumphierte« (Kol 2, 15).

Wir müssen, um die Bedeutung dieses Geheimnisses besser zu verstehen, uns immer wieder dies vor Augen halten: alle Gerechten, nicht nur jene, die nach der Ankunft des Herrn zur Welt kamen, sondern auch jene, die Ihm seit Adam vorausgegangen waren oder bis zum Ende der Welt leben werden, erlangen das Heil nur kraft des Leidens Christi. Deshalb waren die Tore des Himmels vor Christi Tod und Auferstehung für alle ohne Ausnahme verschlossen. Die Seelen der Gerechten aber wurden entweder in Abrahams Schoß getragen oder sie wurden im F egfeuer geläutert, was auch jetzt das Los derer ist, die noch etwas abzubüßen oder zu begleichen haben.

Ein weiterer Grund, weshalb Christus der Herr zur Vorhölle hinabstieg, ist der: Er wollte, wie im Himmel und auf Erden, so auch dort unten seine Allgewalt zeigen, und es sollte sich wirklich »in seinem Namen jedes Knie beugen im Himmel, auf Erden und in der Unterwelt« (Phil 2, 10).

Wer möchte hier nicht die unendliche Güte Gottes gegen das Menschengeschlecht voll Staunen bewundern, da Er nicht nur den bittersten Tod für uns erleiden, sondern auch in die Tiefen der Erde eindringen wollte, um die Ihm so teuren Seelen zu befreien und in die Seligkeit einzuführen?


»Auferstanden von den Toten« 

7 Es folgt nun der zweite Teil des Artikels. - Welche Mühe sich der Seelsorger zu dessen Erklärung geben muss, zeigen die Worte des Apostels: "Sei eingedenk, dass der Herr Jesus Christus von den Toten auferstanden ist!» (2 Tim 2, 8). Was der Apostel von Timotheus will, das gilt ohne Zweifel auch allen andern Seelsorgern.

Der Sinn und Gehalt aber dieses Absatzes ist dieser: nachdem Christus der Herr am Freitag um die neunte Stunde am Kreuz seinen Geist aufgegeben hatte und von den Jüngern, die mit Erlaubnis des Landpflegers Pilatus den Leichnam des Herrn vom Kreuz abnahmen und in das neue Grab eines nahen Gartens legten, am Abend desselben Tages zur Erde bestattet worden war vereinte sich am dritten Tag nach dem Tode, einem Sonntag, des Morgens in aller Frühe seine Seele wiederum mit dem Leib, und so kehrte Er, der drei Tage lang tot gewesen war, zum Leben zurück, das Er sterbend verlassen hatte, und erstand.

8 Das Wort Auferstehung ist nicht nur so zu verstehen, dass Christus von den Toten auferweckt wurde - das wurden auch viele andere. Vielmehr ist Er aus eigener Macht, aus eigener Kraft auferstanden, und das ist Ihm allein eigen und ganz einzigartig. Denn es ist gegen die Natur und noch niemand sonst gegeben worden, sich selbst aus eigener Kraft vom Tod ins Leben zurückzurufen. Das ist das alleinige Vorrecht der Allmacht Gottes, wie wir aus dem Wort des Apostels sehen: »Zwar ward er in Schwachheit gekreuzigt, aber er lebt aus Gottes Kraft« (2 Kor 13, 4). Diese Gotteskraft trennte sich ja niemals weder vom Leib Christi im Grab noch von seiner Seele, als sie zur Vorhölle hinabstieg; darum lebte die Gottesmacht einerseits im Körper, sodass dieser wieder mit der Seele sich vereinigen, und anderseits in der Seele, sodass. diese wieder zum Leib zurückkehren konnte. So war es Ihm möglich aus eigener Kraft zum Leben zurückzukehren und von den Toten zu erstehen.

Das hatte aber schon David, von Gottes Geist erfüllt, vorausgesagt mit den Worten: »Errettet hat ihn seine Rechte und sein heiliger Arm« (Ps 97, 2). Und der Herr selbst hatte es durch das Zeugnis aus seinem Gottesmund bestätigt: »Ich gebe mein Leben hin, um es wieder zu gewinnen. Ich habe die Macht, es hinzugeben und habedie Macht, es wieder zu nehmen« (Joh 10, 17. 18). Auch dies andere Wort hatte Er zu den Juden gesprochen, um die Wahrheit seiner Lehre zu erhärten: »Reißt diesen Tempel ein, und in drei Tagen will ich ihn wieder aufbauen« (Joh 2, 19). Die Juden verstanden dies zwar von jenem Tempel, der so prachtvoll aus Steinen erbaut war, Er aber sprach das Wort, wie die HI. Schrift an der gleichen Stelle erklärt, von dem Tempel seines Leibes. - Wir lesen zwar manchmal in der HI. Schrift (Apg 2, 24; 3, 15; Röm 8, 11), Christus der Herr sei vom Vater zum Leben erweckt worden. Das bezieht sich aber auf Ihn nach seiner menschlichen Natur, gleichwie jene andern Stellen, wo es heißt, Er sei aus eigener Kraft auferstanden, sich auf seine göttliche Natur beziehen.

9 Auch dies ist ein Vorrecht Christi, dass Er als erster von allen Menschen der Gottesgabe der Auferstehung teilhaftig wurde. In der Hl. Schrift wird Er nämlich »der Erstgeborne aus dem Totenreich« (Kol 1, 18), der »Erstgeborne unter den Toten« (Offb 1, 5) genannt. Und der Apostel sagt: »Christus ist als Erstling der Entschlafenen von den Toten auferstanden. Durch einen Menschen ist der Tod gekommen, durch einen Menschen kommt die Auferstehung der Toten. Wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle das Leben erhalten. Ein jeder, wenn die Reihe an ihm ist: Christus als Erstling, so dann jene, die Christus angehören« (1 Kor 15, 20-23).

Diese Worte sind von der vollkommenen Auferstehung zu verstehen, von jener Auferstehung nämlich, durch die wir nach dem Aufhören alles und jedes Todeszwangs zum Leben der Unsterblichkeit erweckt werden. Und hier nimmt Christus der Herr den ersten Platz ein. Meint man aber jene Auferstehung, d. h. jene Rückkehr zum Leben, die verknüpft ist mit der Notwendigkeit noch einmal zu sterben, so ist allerdings schon vor Christus mancher von den Toten auferweckt worden, jedoch unter der Bedingung, ein zweites Mal sterben zu müssen. Christus der Herr aber erstand nach seinem entscheidenden Sieg über den Tod in der Weise, dass Er überhaupt nicht mehr sterben kann. Das spricht ganz klar die Schriftstelle aus: »Christus stirbt nach seiner Auferstehung von den Toten nie mehr wieder, der Tod hat keine Macht mehr über ihn« (Röm 6, 9).


»Am dritten Tage« 

10 Weil im Glaubensartikel noch die weiteren Worte stehen »am dritten Tag«, darum mache der Seelsorger die Gläubigen auf den Sinn dieser Worte aufmerksam, damit sie nicht etwa meinen, der Herr sei drei volle Tage im Grab gewesen. Er war einen vollen natürlichen Tag, außerdem einen Teil vom vorhergehenden und einen Teil vom folgenden Tag im Grab, und somit kann man in aller Wahrheit sagen, Er lag drei Tage im Grab und Er erstand am dritten Tag von den Toten. Um nämlich seine Gottheit zu zeigen, verschob Er seine Auferstehung absichtlich nicht bis zum Ende der Welt. Damit wir aber hinwiederum auch glauben, dass Er wahrhaft Mensch und wahrhaft gestorben ist, erstand Er nicht sofort vom Tod, sondern kehrte erst am dritten Tag zum Leben zurück. Dieser Zeitraum konnte genügend erscheinen, um die Tatsächlichkeit des Todes zu erweisen.

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11 Die Väter des ersten Konzils von Konstantinopel setzten hier noch bei »nach den Worten der Schrift«. Diesen Ausdruck, apostolischen Ursprungs, fügten sie ins Glaubensbekenntnis ein, weil der Apostel die grundlegende Notwendigkeit des Auferstehungsgeheimnisses ausdrücklich lehrt: »Ist Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt nichtig und ist euer Glaube nichtig.« Und weiter: »Ist Christus nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig; denn dann seid ihr noch in euren Sünden« (1 Kor 15, 14. 17). Darum schreibt der hl. Augustinus, staunend über den Glaubensinhalt dieses Artikels: »Das ist nichts Großes, zu glauben, dass Christus gestorben ist. Das glauben auch die Heiden und Juden und die Sünder; das glauben alle, dass Er gestorben ist. Der Glaube der Christen ist die Auferstehung Christi. Das halten wir für etwas Großes, dass wir an seine Auferstehung glauben« (in Ps 120, 4).

Darum hat auch der Herr sehr oft von seiner Auferstehung gesprochen und fast nie mit den Jüngern über sein Leiden geredet, ohne auch die Auferstehung zu erwähnen. So sagte Er: »Der Menschensohn wird den Heiden ausgeliefert. verspottet, misshandelt und angespien werden. Man wird ihn geißeln und töten.« Dann aber schloss Er mit den Worten: »Aber am dritten Tage wird er auferstehen« (Lk 18, 32. 33). Und als die Juden an Ihn das Ansinnen stellten, Er solle seine Lehre durch ein Wunderzeichen bestätigen, gab Er zur Antwort: »Kein anderes Zeichen wird diesem Geschlecht gegeben werden als das Zeichen des Propheten Jonas. Wie Jonas drei Tage und drei Nächte im Bauch des Seeungeheuers war, so wird,« versicherte Er, »der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein« (Mt 12, 39 f).

Doch um die Bedeutung und den Sinn dieses Artikels noch besser zu erfassen, müssen wir drei Punkte genauer untersuchen: die Gründe, weshalb Christus auferstehen musste, sowie den Zweck der Auferstehung; und endlich die VorteiIe, die sich daraus für uns ergaben.

12 Zunächst also von den Gründen der Auferstehung. Christus musste von den Toten auferstehen zum Beweis für die Gerechtigkeit Gottes. Es war ja höchst angemessen, dass Gott jenen erhöhte, der aus Gehorsam gegen Ihn sich so tief erniedrigt und alle Schmach sich hatte antun lassen. Diesen Grund führt der Apostel an, wenn er an die Philipper (Phil 2, 8. 9) schreibt: »Er hat sich selbst erniedrigt und ward gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuze. Darum hat ihn Gott auch so hoch erhoben.« - Außerdem sollte unser Glaube dadurch befestigt werden, ohne den es für den Menschen keine Rechtfertigung gibt. Der stärkste Beweis, dass Christus der Sohn Gottes war, muss ja die Tatsache sein, dass Er aus eigener Kraft von den Toten auferstanden ist. - Weiterhin sollte durch die Auferstehung unsre Hoffnung neue Nahrung und Stütze erhalten. Denn wenn Christus auferstanden ist, so haben wir die sichere Hoffnung, dass auch wir dereinst einmal auferstehen werden, da ja die Glieder notwendig den gleichen Zustand erlangen müssen wie ihr Haupt. In dieser Weise folgert offenbar auch der Apostel in seinen Briefen an die Korinther (1 Kor 15, 12 f) und Thessalonicher (1 Thess 4, 12 f). Und der Apostelfürst Petrus spricht das Wort: »Gepriesen sei Gott, der Vater unsres Herrn Jesus Christus, der uns in seiner großen Barmherzigkeit durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten wieder geboren hat zu lebendiger Hoffnung, zu einem unvergänglichen Erbe« (1 Petr 1, 3. 4). - Endlich zeige man, wie die Auferstehung des Herrn auch deswegen notwendig war, damit das Geheimnis unsrer Rettung und Erlösung zum Abschluss gelange. Durch seinen Tod nämlich hat uns Christus von den Sünden befreit. Durch seine Auferstehung aber hat Er uns die herrlichen Güter wiedergeschenkt, die wir durch die Sünde verloren hatten. Darum spricht der Apostel: »Um unsrer Sünden willen ward er dahin gegeben und um unsrer Rechtfertigung willen ward er zum Leben auferweckt« (Röm 4, 25). Damit also zum Heil des Menschengeschlechts nichts mehr fehle, musste Christus sterben und ebenso wieder auferstehen.

13 Aus dem Bisherigen können wir schon: entnehmen, weIch großen Nutzen die Auferstehung Christi des Herrn den Gläubigen gebracht hat. In der Auferstehung erkennen wir Ihn als den unsterblichen, glorreichen Gott, den Sieger über Tod und Teufel. Wahrheiten, die wir von Christus Jesus ohne jedes Schwanken glauben und bekennen müssen.

Weiterhin hat Christi Auferstehung die Auferstehung auch unsres Leibes gebracht; einmal, weil sie die Ursache dieses Geheimnisses ist, und außerdem, weil wir alle nach dem Vorbild des Herrn auferstehen müssen. Denn bezüglich der leiblichen Auferstehung spricht der Apostel: »Durch einen Menschen kam der Tod und wieder durch einen Menschen die Auferstehung von den Toten« (1 Kor 15, 28). Bei allem, was Gott im Geheimnis unsrer Erlösung wirkte, bediente Er sich der Menschheit Christi als Werkzeug. So war denn auch seine Auferstehung gleichsam ein Werkzeug, um unsre Auferstehung zu bewirken. Vorbild aber kann sie genannt werden, weil die Auferstehung Christi des Herrn unter allen die vollkommenste ist. Wie Christi Leib bei der Auferstehung zu unsterblicher Glorie verklärt wurde, so wird auch unser Leib, der vordem schwach und sterblich war, mit Herrlichkeit und Unsterblichkeit überkleidet wieder erweckt werden. So sagt es der Apostel: »Wir erwarten den Erlöser, den Herrn Jesus Christus. Er wird unsern armseligen Leib umwandeln und gleichgestalten seinem verherrlichten Leib« (Phil 3, 20).

Das gilt auch von der Seele, die in Sünden erstorben ist. In welchem Sinn die Auferstehung Christi dieser ein VorbiId ist, zeigt der gleiche Apostel mit den Worten (Röm 6, 4 f): »Wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferstanden ist, so sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln. Sind wir durch die Ähnlichkeit mit seinem Tod lebendig mit ihm verbunden, so werden wir es auch sein durch die Ähnlichkeit mit seiner Auferstehung.« Und kurz darauf sagt er: »Wir wissen, dass Christus nach seiner Auferstehung von den Toten nicht wieder stirbt. Der Tod hat keine Macht mehr über ihn. Was seinen Tod betrifft, so ist er ein für allemal tot für die Sünde; was aber sein Leben betrifft, so lebt er nur für Gott. So betrachtet auch ihr euch als solche, die der Sünde abgestorben sind, die aber für Gott leben in Christus Jesus« (Röm 6, 4 ff).

Zweifach ist also das Vorbild, das wir uns an der Auferstehung Christi nehmen sollen. Einmal sollen wir, nachdem wir die Sündenmakel getilgt haben, ein neues Leben führen, aus dem Lauterkeit, Unschuld, Heiligkeit, Eingezogenheit, Gerechtigkeit, Wohltun und Demut hervorleuchten. Dann aber sollen wir auch bei diesem neuen Leben so beharrlich bleiben, dass wir mit Gottes Hilfe den Weg der Gerechtigkeit, den wir einmal betreten haben, nicht mehr verlassen.

14 Die Worte des Apostels zeigen aber nicht nur, dass Christi Auferstehung uns als Vorbild der Auferstehung gegeben ist, sie zeigen auch, dass sie uns Kraft gibt zum Auferstehen, dass sie uns jene Stärke, jenen Geist verleiht, wodurch wir in der Heiligkeit und Gerechtigkeit uns erhalten und Gottes Gebote erfüllen können. Wie wir im Tod Christi nicht nur das Vorbild, sondern auch die Kraft finden, den Sünden abzusterben, so gibt uns auch seine Auferstehung die Kräfte, die Gerechtigkeit zu erlangen, damit wir von nun an Gott treu und heilig dienen und so in jenem neuen Leben wandeln, zu dem wir eben auferstehen. Das ist ja die Hauptsache, die der Herr durch seine Auferstehung bewirkt hat, dass wir, die wir zuvor zugleich mit Ihm der Sünde und der Welt gestorben sind, nun auch mit Ihm zu einem neuen Lebenswandel auferstehen.

15 Der Apostel weist auch auf die Erkennungszeichen hin für diese innere Auferstehung. Er sagt: »Wenn ihr mit Christus auferstanden seid, so sucht, was droben ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt« (Kol 3, 1). Damit zeigt er deutlich, dass jene wahrhaft mit Christus auferstanden sind, die Leben, Ehre, Ruhe und Reichtum vor allem dort zu besitzen trachten, wo Christus ist. - Wenn er aber beifügt: "Habt Geschmack an dem, was droben ist, nicht an dem, was irdisch ist!« so fügt er damit ein zweites Kennzeichen bei, an dem wir sehen können, ob wir wahrhaft mit Christus auferstanden sind. Wie nämlich der Geschmacksinn gewöhnlich das körperliche Befinden und Gesundsein anzeigt, so ist die Tatsache, dass jemand Geschmack findet an allem, »was wahr, was würdig, was recht, was heilig ist« (Phil 4, 8), und im innersten Herzen die Süßigkeit himmlischer Dinge empfindet, der sicherste Beweis dafür, dass ein so gesinnter Mensch zugleich mit Christus Jesus zu neueren, geistlichem Leben auferstanden ist.

Siebtes Kapitel: Sechster Glaubensartikel
»Aufgefahren in den Himmel, sitzet zur Rechten Gottes des allmächtigen Vaters« 

1 Als der Prophet David, von Gottes Geist erfüllt, die glorreich selige Himmelfahrt des Herrn: schaute, rief er die ganze Welt in Freude und Frohlocken auf zur Feier dieses Triumphes: »Ihr Völker alle, klatschet in die Hände, lobsinget Gott im Freudenton: aufstieg Gott im JubelschalI« (Ps 46, 2. 6). Dass wird dem Seelsorger ein Wink sein, dies Geheimnis mit aller Hingebung zu erklären und sich angelegen sein zu lassen, dass die Christen es nicht nur gläubigen Geistes aufnehmen, sondern soweit immer möglich, mit Gottes Hilfe auch in Tat und Leben auszuprägen sich bemühen.


»Aufgefahren in den Himmel« 

Die Erklärung nun des sechsten Glaubensartikels, der die Himmelfahrt Christi zum Hauptgegenstand hat, muss bei dessen erstem Teil beginnen und seinen Inhalt darlegen. Von Christus Jesus muss nämlich der gläubige Christ die Tatsache unbezweifelt für wahr halten, dass Er, nachdem das Geheimnis unsrer Erlösung vollendet war, auch als Mensch mit Leib und Seele in den Himmel aufgestiegen ist. Als Gott war Er ja immer dort geblieben, da Er in seiner Gottheit jeden Ort erfüllt.

2 Aufgestiegen aber ist Er, so lehre man, aus eigener Kraft; nicht etwa durch eine fremde Macht entführt, wie z. B. Elias »auf feurigem Wagen gen Himmel fuhr« (Kön 2, 11), oder der Prophet Habakuk (Dan 14, 35) oder der Diakon PhiIippus (Apg 8, 39), die von göttlicher Kraft durch die Luft getragen, weite Strecken zurücklegten. Und zwar fuhr Er nicht nur als Gott kraft seiner göttlichen Allmacht zum Himmel auf, sondern auch in seiner Eigenschaft als Mensch. Durch rein natürliche Kraft war das allerdings unmöglich. Aber die Macht, die der verklärten Seele Christi innewohnte, konnte den Leib ganz nach Belieben von der Stelle bewegen; und der Leib, der nunmehr im Besitz der Glorie war, gehorchte ohne alle Schwierigkeit der Führung der Seele. Auf diese Weise also, das ist unsre Glaubensüberzeugung, ist Christus als Gott und Mensch aus eigener Kraft zum Himmel aufgefahren.


»Sitzet zur Rechten des Vaters« 

3 Hier haben wir eine Redeweise, die in der Hl. Schrift oft vorkommt: um unserm Verständnis nahe zu kommen, überträgt sie menschliche Zustände und Organe auf Gott. Gott ist ein Geist und somit ist etwas Körperliches in Ihm schlechthin undenkbar. Aber weil unter den Menschen auf der Erde nach unsrer Auffassung jenem der Ehrenvorrang zugeteilt wird, den man zu seiner Rechten sitzen lässt, so übertragen wir das auch auf die Himmlischen, um die Glorie zu verdeutlichen, die Christus als Mensch vor allen andern Geschöpfen erlangt hat. Und darum bekennen wir: Er sitzet zur Rechten des Vaters.

»Sitzen« bedeutet aber hier nicht die Körperhaltung, sondern weist auf die Fülle der Königsgewalt und den unanfechtbaren, dauernden Besitz der Glorie hin, die Er von seinem Vater empfing. Davon spricht der Apostel in den Worten: »Er hat ihn von den Toten erweckt und ihm zu seiner Rechten in Himmels Höhen seinen Sitz gegeben, erhaben über alle Herrschaften und Mächte, Fürstentümer und Gewalten wie über jegliches Wesen, das es in dieser und der zukünftigen Welt gibt. Alles hat er ihm zu Füßen gelegt« (Eph 1, 20-22). Wie die Worte zeigen, ist diese Glorie dem Herrn so einzig eigen, dass sie keiner andern geschaffenen Natur zukommen kann. Darum sagt derselbe Apostel an einer andern Stelle: »Zu welchem der Engel hat er jemals gesagt: ,Sitze zu meiner Rechten ?« (Hebr 1, 13).

4 Der Seelsorger soll den Sinn dieses Glaubensartikels noch weiter dadurch ausführen, dass er den geschichtlichen Verlauf der Himmelfahrt erzählt, wie ihn der hI. Evangelist Lukas in der Apostelgeschichte so wunderbar schön beschreibt (Apg 1).

Bei der Erklärung wird man zunächst die Tatsache im Auge behalten müssen, dass alle übrigen Geheimnisse sich auf die Himmelfahrt wie auf ihren Abschluss beziehen und dass in diesem Einen Geheimnis ihrer aller Krönung und Vollendung enthalten ist. Denn wie in der Menschwerdung unsres Herrn alle Geheimnisse unsrer Religion ihren Anfang nehmen, so wird durch die Himmelfahrt seine irdische Laufbahn abgeschlossen. - Außerdem zeigen die andern Glaubensartikel, die sich auf Christus den Herrn beziehen, dessen tiefste Erniedrigung, ja schmachvolle Behandlung: es lässt sich ja in der Tat nichts Schmachvolleres, Erniedrigenderes denken, als dass der Sohn Gottes für uns die menschliche Natur und Schwäche auf sich nahm und leiden und sterben wollte. Nun aber, da wir im vorigen Artikel seine Auferstehung von den Toten und in diesem seine Himmelfahrt und sein Sitzen zur Rechten Gottes des Vaters bekennen, ist das auch das Großartigste, Wunderbarste, was sich zur Erklärung seiner unendlichen Glorie und göttlichen Majestät sagen lässt.

5 Hierauf ist eingehend darzulegen, warum Christus der Herr zum Himmel aufgefahren ist. Er fuhr auf, erstens weil für seinen Leib, der in der Auferstehung die Glorie der Unsterblichkeit empfangen hatte, nicht mehr die niedrig dunkle Erdenwohnung, sondern nur noch der hohe glänzende Himmel der rechte Aufenthalt war. - Aber nicht nur um den Thron des Reiches der Herrlichkeit in Besitz zu nehmen, das Er sich durch sein Blut verdient hatte, fuhr Er zum Himmel, nein, auch um für all das zu sorgen, was sich auf unser Heil erstreckt. Weiterhin wollte Er durch die Tat beweisen, dass sein Reich nicht von dieser Welt ist (Joh 18, 36). Die Reiche der Welt sind irdisch vergänglich und stützen sich auf den Reichtum und die Macht des Fleisches. Christi Reich hingegen ist kein irdisches, so wie es die Juden erwarteten, sondern ein geistiges und ewiges Reich, und ebenso sind seine Macht und Schätze geistiger Art. Das hat Er eben dadurch gezeigt, dass Er seinen Thron im Himmel aufschlug. In diesem seinem Reich haben jene als die Bessergestellten und überreich Besitzenden zu gelten, die mit größerer Liebe das suchen, was Gottes ist. Der hl. Jakobus sagt es: »Gott hat die Armen dieser Welt auserwählt zu Reichen im Glauben und zu Erben des Reiches, das Gott denen verheißen hat, die ihn lieben« (Jak 2, 5). - Aber auch dies wollte der Herr durch seinen Aufstieg zum Himmel erreichen, dass wir mit Gedanken der Sehnsucht Ihm dahin folgen. Denn wie Er durch seinen Tod und seine Auferstehung uns das Beispiel gegeben, wie auch wir geistigerweise sterben und auferstehen sollen, so ist seine Himmelfahrt eine Lehre, eine Mahnung an uns, dass wir Erdenbewohner unsre Gedanken gen Himmel richten sollen, im Bewusstsein, dass wir nur Pilger und Fremdlinge auf dieser Welt sind, die ihr Vaterland suchen (Hebr 11, 13), dass wir Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen sind (Eph 2, 19). Denn »unsere Heimat ist«, wie derselbe Apostel sagt, »im Himmel« (Phil 3, 19).

6 Die Fülle und Größe der unaussprechlichen Wohltaten, mit denen Er uns in göttlicher Güte (vom Himmel aus) überschüttet, hat der Prophet David nach der Erklärung des Apostels schon lange zuvor verkündet: »Er steigt zur Höh' empor, führt die Gefangenen mit sich fort und gibt den Menschen seine Gaben« (Ps 67, 19; Eph 4, 8). Denn am zehnten Tage gab Er ihnen den Hl. Geist, mit dessen überreicher Kraft Er die versammelte Schar der Gläubigen erfüllte, und löste so das herrliche Versprechen ein, das Er gegeben: »Es ist gut für euch, dass ich hingehe. Denn gehe ich nicht hin, so wird der Beistand nicht zu euch kommen. Gehe ich aber hin, so werde ich ihn euch senden« (Joh 16, 7). - Er stieg nach einem Ausspruch des Apostels auch deshalb in den Himmel auf, »um nunmehr vor dem Angesicht Gottes für uns einzutreten« (Hebr 9, 24) und beim Vater seines Amtes als Fürsprecher zu walten. »Meine Kinder«, sagt der hl. Johannes, »das schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt. Wenn aber jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher beim Vater: Jesus Christus, den Gerechten. Er ist die Sühne für unsre Sünden« (1 Joh 2, 1 f). Und aus nichts sollten die Gläubigen solche Freude, solch großen Trost schöpfen, als aus der Tatsache, dass Jesus Christus als Sachwalter und Fürbitter für unser Heil aufgestellt ist, Er, der beim ewigen Vater in höchster Gunst und in größtem Ansehen steht. - Er hat uns endlich »eine Wohnung bereitet« (Joh 14, 2), wie Er zu tun versprochen hatte; und in unser aller Namen hat Jesus Christus, unser Haupt, von der Himmelsglorie Besitz ergriffen. Denn da Er zum Himmel ging, öffnete Er die Tore, die durch Adams Sünde verschlossen waren, und bahnte uns den Weg, auf dem wir zur Himmelsseligkeit gelangen können; ganz so wie Er es beim letzten Abendmahl den Jüngern vorausgesagt hatte. Und um sein Wort gleich durch die Tat offen zu bekräftigen, führte Er die Seelen der Gerechten, die Er der Vorhölle entrissen hatte, mit sich in die Wohnung der ewigen Seligkeit ein.

7 Diesen wunderbar reichen Himmelsgaben folgte eine segensvolle Reihe von Heilsgnaden. Zunächst erfuhr die Verdienstlichkeit unsres GIaubens einen ungemein großen Zuwachs. Der Glaube betrifft ja Dinge, die mit dem Auge nicht wahrzunehmen sind und weitab von Menschenverstand und Menschenerkennen liegen. Wäre nun der Herr nicht von uns geschieden, so würde unser Glaubensverdienst geschmälert. Preist doch Christus der Herr jene »selig, die nicht sehen und doch glauben« (Joh 20, 29). - Außerdem hat Christi Himmelfahrt auch hohe Bedeutung für die Befestigung der Hoffnung in unsern Herzen. Denn da wir glauben, dass Christus als Mensch zum Himmel aufgefahren und die menschliche Natur zur Rechten des Vaters gesetzt habe, so lebt in uns die sichere Hoffnung, dass auch wir, seine Glieder, dereinst dahin gelangen und im Himmel mit unserm Haupt vereinigt werden. Das hat der Herr selbst ausgesprochen mit den Worten: »Vater, die du mir gegeben, lass sie bei mir sein, dort wo ich bin« (Joh 17, 24). - Dann ist uns auch die vielleicht größte aller Wohltaten geworden, dass Christus unsre Liebe mit sich zum Himmel emporgehoben und mit göttlichem Geist entflammt hat. Es ist ja ein so wahres Wort, dass unser Herz dort weilt, wo unser Schatz ist (Mt 6, 21).

8 Wirklich, wäre Christus der Herr (sichtbar) hier auf Erden, so würde all unser Denken im Anblick und Umgang des Menschen gebannt sein, wir würden in Ihm nur den Menschen sehen, der uns so große Wohltaten erwiesen hat, und würden Ihm eine sozusagen erdhafte Gegenliebe erweisen. Nun stieg Er aber zum Himmel auf, und damit hat Er unsre Liebe vergeistigt, hat bewirkt, dass wir Ihn den wir uns nun abwesend denken, als Gott verehren und lieben. Wie richtig das ist, sehen wir am Beispiel der Apostel, die, als der Herr noch unter ihnen weilte, offensichtlich im allgemeinen recht menschlich von Ihm urteilten. Außerdem hat der Herr selbst es ausgesprochen, wenn Er (den Aposteln) sagt: »Es ist gut für euch, dass ich hingehe« (Joh 16, 7). Denn die noch unvollkommene Liebe, mit der sie Christus Jesus liebten, da Er noch auf Erden weilte, musste durch die göttliche Liebe vervollkommnet werden, und zwar durch die Ankunft des Hl. Geistes. Darum fügte der Heiland sogleich hinzu: »Gehe ich nämlich nicht hin, so wird der Beistand nicht zu euch kommen.« 

9 Eine weitere Gabe: Christus machte auf diese Weise sein Haus auf Erden, d. h. die Kirche, groß und weit; sie sollte (nicht durch seine sichtbare Gegenwart, sondern) durch die lenkende Kraft des Hl. Geistes regiert werden. Zum Hirten aber und Oberhaupt der Gesamtkirche hienieden ließ Er den Apostelfürsten Petrus zurück. Außerdem »bestimmte er die einen zu Aposteln, andere zu Propheten, wieder andere zu Verkündern des Evangeliums oder zu Hirten und Lehrern« (1 Kor 12, 28; Eph 4, 11). Und in gleicher Weise teilt Er, zur Rechten des Vaters sitzend, ohne Unterlass den einen diese, den andern jene Gaben zu, wie der Apostel es sagt: »Einem jeden von uns ist die Gnade verliehen in dem Maß, wie Christus sie ausgeteilt hat« (Eph 4, 7). - Nun noch ein letztes: was wir früher vom Geheimnis des Todes und der Auferstehung lehrten, das gilt auch von der Himmelfahrt. Gewiss verdanken wir unser Heil und unsre Erlösung dem Leiden Christi, Er hat ja durch dieses sein Verdienst den Gerechten den Weg zum Himmel aufgetan. Dennoch aber ist seine Himmelfahrt nicht nur als Vorbild vor uns hingestellt, damit wir daraus zur Höhe blicken und geistig zum Himmel aufsteigen lernen, sie hat uns vielmehr auch jene Gotteskraft geschenkt, durch die wir dieses unser Ziel wirklich zu erreichen vermögen.

Achtes Kapitel: Siebter Glaubensartikel
»Von dannen Er kommen wird zu richten die Lebendigen und die Toten« 

1 Drei Hauptaufgaben und Ämter hat unser Herr Jesus Christus zum Zweck der Ausgestaltung und Verherrlichung seiner Kirche: die des Erlösers, des Schutzherrn und des Richters. Aus den vorhergehenden Glaubensartikeln wissen wir, dass Christus die Menschheit durch sein Leiden und Sterben erlöst und bei seiner Himmelfahrt für immer unsre Vertretung und unsern Schutz übernommen hat. Nun soll in diesem Artikel auch seine Stellung als Richter erklärt werden. Sinn und Gehalt des Artikels ist, dass Christus der Herr am Jüngsten Tag über das ganze Menschengeschlecht sein Urteil sprechen wird.

2 Die Hl. Schrift redet von einer zweifachen Ankunft des Sohnes Gottes. Einmal als Er unsres Heiles wegen Fleisch annahm und im Schoß der Jungfrau Mensch wurde. Das zweitemal aber wenn Er am Ende der Zeiten kommen wird um alle Menschen zu richten. Diese zweite Ankunft wird in der Hl. Schrift der »Tag des Herrn« genannt (1 Petr 3, 10; Offb 3, 26), und von diesem Tag sagt der Apostel: »Der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht« (1 Thess 5, 2), und der Heiland selbst: »Den Tag aber und die Stunde weiß niemand« (Mt 24, 36).

Für die Tatsache des Jüngsten Gerichtes aber möge die Stelle des Apostels genügen: »Wir müssen alle vor dem Richterstuhl Christi erscheinen. Da soll jeder den Lohn empfangen für das, was er im irdischen Leben getan hat, Gutes oder Böses« (2 Kor 5, 10). Die Hl. Schrift ist ja voll von Stellen, die dem Seelsorger auf Schritt und Tritt begegnen, um diese Glaubenswahrheit nicht nur zu beweisen, sondern sie den Christen auch anschaulich vor Augen zu halten. Denn wie von Anbeginn der Welt jener erste Tag des Herrn, an dem Er menschliches Fleisch annahm, für alle immerdar das Ziel heißesten Verlangens war, da auf diesem Geheimnis ihre Hoffnung auf Erlösung ruhte, so sollen wir nach dem Tod und der Himmelfahrt des Gottessohnes diesen zweiten Tag des Herrn voll Verlangen herbeisehnen »in seliger Hoffnung auf die Erscheinung der Herrlichkeit unsres großen Gottes« (Tit 2, 13).

3 Für die Erklärung des Artikels muss der Seelsorger die zwei Zeitpunkte beachten, wo jeder vor dem Herrn erscheinen, über all seine Gedanken, Worte und Werke Rechenschaft ablegen und endlich den vom Richter gefällten Urteilsspruch annehmen muss:

Der erste ist der Augenblick unsres Hinscheidens. Sofort wird die Seele dann vor Gottes Richterstuhl gestellt und dort eine ganz gerechte Untersuchung gehalten über alles, was der Mensch je getan, gesprochen und gedacht hat. Dieses Gericht heißt das besondere Gericht (Einzelgericht).

Das andere aber vollzieht sich dann, wenn an Einem Tag, an Einem Ort alle Menschen zugleich vor dem Stuhl des Richters stehen werden, damit jeder einzelne vor den Augen und Ohren aller Menschen aller Zeiten sein endgültiges Urteil erfahre. Diese Urteilsverkündigung wird für die Gottlosen und Sünder nicht der kleinste Teil ihrer Strafen und Qualen sein; den Frommen und Gerechten hingegen wird dies kein geringer Lohn und Gewinn sein, wenn es offenbar wird, was für ein Mensch jeder in diesem Leben war. Dieses Gericht heißt das allgemeine Gericht.

4 Man muss dann auch die Gründe aufzeigen, warum außer dem besondern Gericht über jeden einzelnen auch noch dieses zweite allgemeine Gericht gehalten wird.

Mag der Mensch auch gestorben sein, es leben doch nicht selten noch Kinder, die es ihren Eltern nachtun; es sind Nachkommen oder Jünger da, die der Verstorbenen Beispiel in Wort und Tat weiter nachahmen und verbreiten. Dieses Fortwirken ihrer Taten muss notwendig den Lohn, aber auch die Pein der Toten vermehren. Und da jene guten oder schlechten Folgen, wenn sie sich auf einen weiten Kreis erstrecken, nicht eher ein Ende finden, als bis der Jüngste Tag gekommen ist, so ist es billig, dass dieses gesamte gute oder böse Verhalten in Tat und Wort zu lückenloser Untersuchung gelangt. Das aber ist nur durch das allgemeine Gericht über die Menschheit möglich.

Ein weiterer Grund: da der gute Name der Gottesfürchtigen oft in den Staub gezogen wird, Sünder hingegen im Ruf unbescholtenen Wandels stehen, so fordert es die göttliche Gerechtigkeit, dass die Guten den ungerechterweise ihnen entrissenen guten Ruf nun auch öffentlich in einer die gesamte Menschheit umfassenden Gerichtsverhandlung wiedererlangen.

Außerdem haben die Guten wie die Schlechten bei allem, was sie in diesem Leben taten, auch den Körper als Mitarbeiter gehabt; somit ist der Körper als Werkzeug des HandeIns auch an allen Taten beteiligt, sie mögen gut oder schlecht gewesen sein. Es ist also auch sehr entsprechend, dass dem Körper zugleich mit der Seele der ihm gebührende Lohn ewiger Herrlichkeit oder aber seine Strafe zuerkannt wird. Das aber ist nur möglich nach der Auferstehung aller eben durch das allgemeine Gericht.

Ein letzter Grund ist dieser: Glück wie Unglück kommen nicht selten unterschiedslos über Gute wie Böse. Darum muss der Beweis geliefert werden, dass dennoch in allem Gottes unendliche Weisheit und Gerechtigkeit wirkt und leitet. So ist es denn in der Ordnung, dass nicht nur die Guten ihren Lohn und die Schlechten ihre Strafe in der künftigen Welt erhalten, sondern dass dieser Entscheid auch in einem öffentlichen, allgemeinen Gericht gefällt, und so für alle leichter erkennbar und eindrucksvoller wird; zugleich soll der Gerechtigkeit und Vorsehung Gottes von allen Anerkennung gezollt werden, zum Ersatz für jene ungerechtfertigten Klagen, in die zuweilen aus menschlicher Schwäche selbst heilige Männer ausbrachen, wenn sie sehen mussten, wie schlechte Menschen in Macht und Ehre standen. So klagt z. B. der Prophet: »Meine Füße schwankten schier, schier glitten meine Tritte aus, da ich mich ob der Frevler ereiferte, als ich der Sünder angenehmes Leben sah« (Ps 72, 2). Und gleich darauf: »Sieh, es sind Sünder und sie haben Überfluss auf Erden und werden reich. Da sagt ich mir: So hab ich denn umsonst mein Herz gerecht erhalten und habe meine Hände immerdar in Unschuld gewaschen und war geplagt den ganzen Tag und jeden Morgen lag aufs neue die Züchtigung auf mir« (ebd 12-14). In ähnlicher Weise haben viele schon geklagt. Darum war es notwendig, ein allgemeines Gericht zu halten, damit nicht etwa die Menschen sagen könnten, »die Räume des Himmelsbaus durchwandle Gott, um das, was auf Erden vor sich geht, kümmere er sich nicht« (Job 22, 14).

Mit Recht wurde darum dieser Glaubenssatz: in die Zahl der zwölf Glaubensartikel aufgenommen, damit, wenn jemand in Gefahr ist, im Glauben an Gottes Vorsehung und Gerechtigkeit schwankend zu werden, die Lehre vom kommenden Gericht ihm Halt und Stütze biete. Und außerdem soll der Gedanke ans Gericht die Guten trösten und die Bösen schrecken; jene sollen, im Gedanken an die Gerechtigkeit Gottes, nicht verzagen, diese durch die Furcht und Aussicht ewiger Strafe vom Bösen zurückgehalten werden.

Darum erklärte unser Herr und Heiland, als Er vom Jüngsten Tag sprach (Mt 24, 29), es werde dereinst ein allgemeines Gericht kommen. Und Er hat die Zeichen für das Nahen dieses Tages angegeben, damit wir aus der Beobachtung dieser Zeichen den Schluss ziehen könnten, dass das Weitende nahe ist. Und als Er dann zum Himmel auffuhr, sandte Er zwei Engel, die den über seinen Heimgang trauernden Aposteln zum Troste sagen sollten: »Dieser Jesus, der von euch weg in G~n Himmel aufgenommen worden ist, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn zum Himmel habt auffahren sehen« (Apg 1, 11).

5 Christus dem Herrn ist dieses Gericht, wie die Hl. Schrift erklärt, nicht nur als Gott übertragen, sondern auch als Mensch. Zwar ist die Gewalt zu richten allen drei Personen der hlst. Dreieinigkeit gemeinsam, doch legen wir sie in besonderem Sinn dem Sohne bei, weil Ihm auch nach unsrer Redeweise die Weisheit zukommt. Dass Er aber als Mensch die Welt richten wird, bestätigt das Wort des Herrn: »Wie der Vater das Leben in sich hat, so hat Er auch dem Sohn verliehen, das Leben in sich selbst zu haben. Er hat Ihm die Macht gegeben, Gericht zu halten, weil Er der Menschensohn ist« (Job 5, 26-27).

6 Es ist auch sehr entsprechend, dass Christus der Herr dieses Gericht hält. Denn die Menschen, über die ja das Urteil gesprochen wird, sollen ihren Richter auch mit leiblichen Augen sehen, mit eigenen Ohren die Urteilsverkündigung hören und überhaupt das ganze Gericht mit ihren Sinnen auffassen können. Außerdem ist es sehr in der Ordnung, dass eben jener Mensch, der durch das ungerechteste Verfahren der Welt aus Menschenmund verurteilt wurde, nun auch vor aller Augen als Richter aller zu Gericht sitzt. Als deshalb der Apostelfürst im Haus des Cornelius die Hauptlehren des Christentums auseinandergesetzt und unter anderem erklärt hatte, wie Christus von den Juden ans Kreuz geschlagen und getötet wurde, aber am dritten Tag wieder zum Leben erstand, schloss er seine Ausführungen mit den Worten: »Und er hat uns aufgetragen, dem Volk zu predigen und zu bezeugen, dass er der von Gott bestellte Richter der Lebendigen und Toten ist« (Apg 10, 42).

7 Als Vorzeichen, die dem Gericht vorangehen werden, nennt die Hl. Schrift vor allem diese drei: Die Verkündigung des Evangeliums auf dem ganzen Erdenrund, den großen Abfall und den Antichrist. Denn so sprach der Herr: »Die Frohbotschaft vom Reich wird auf der ganzen Welt gepredigt werden zum Zeugnis für alle Völker; erst dann wird das Ende kommen« (Mt 24, 14). Und der Apostel mahnt uns, wir sollten uns nicht einreden lassen, »als ob der Tag des Gerichts nahe bevorstehe. Denn zuvor muss der Abfall kommen und der Mensch der Sünde erscheinen« (2 Thess 2, 3).

8 Den äußeren Vorgang des Gerichts kann der Seelsorger leicht den Weissagungen Daniels (Dan 7, 9) und der Lehre der hl. Evangelien wie des Apostels entnehmen (Mt 24 u. 25; Mk 13; 1 Thess 4, 16). Dabei ist der Urteilsspruch, den der Richter verkünden wird, eingehend zu erwägen. Christus, unser Heiland, wird mit freundlichem Blick die Gottesfürchtigen zu seiner Rechten: anschauen und mit einer Güte ohnegleichen über sie das Urteil sprechen: »Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters! Nehmt das Reich in Besitz, das seit der Weltschöpfung für euch bereitet ist !« (Mt 25, 34) Kein Wort kann so süß zum Ohr dringen wie dieses. Das sieht man klar, wenn man es mit dem Verwerfungsurteil über die Sünder vergleicht, und bedenkt, dass dieses Wort die heiligen und gerechten Menschen von der Mühsal weg zur Ruhe, aus dem Tal der Tränen zum Gipfel aller Freude, aus dem Elend zur ewigen Seligkeit ruft, die sie sich durch Taten der Liebe verdient haben.

9 Dann wird der Richter sich zu jenen wenden, die zu seiner Linken stehen, wird seiner Gerechtigkeit über sie freien Lauf lassen und sprechen: »Hinweg von mir, ihr Verfluchten, ins ewige Feuer, das dem Teufel und seinem Anhang bereitet ist !« (Mt 25, 41)

Die ersten Worte »Hinweg von mir!« bezeichnen die schwerste Strafe, die über die Sünder verhängt werden wird: sie werden weit, weit aus Gottes Anblick verstoßen, und nicht die leiseste Hoffnung bleibt ihnen zum Trost übrig, vielleicht doch noch einmal das höchste Gut genießen zu können. Diese Strafe wird von den Gottesgelehrten Strafe des Verlustes genannt, weil die Verworfenen in der Hölle in alle Ewigkeit das Licht der Anschauung Gottes entbehren müssen. - Dass der Richter noch das Wort »ihr Verfluchten« beifügt, das steigert das Elend und Unglück der Verworfenen ins Ungemessene. Würden sie, wenn sie schon aus der Gegenwart Gottes vertrieben werden müssen, doch wenigstens irgend eines Segenswortes gewürdigt, so könnte ihnen das immerhin noch ein großer Trost sein. Da sie aber nichts dergleichen erwarten dürfen, was ihr Unglück lindern könnte, so werden sie, und zwar ganz mit Recht, bei ihrer Vertreibung durch die Strafgerechtigkeit Gottes einzig mit Fluch verfolgt.

Dann heißt es: ... »ins ewige Feuer«. Diese zweite Art von Strafe nennen die Gottesgelehrten die Strafe der Sinne, weil sie mit leiblichen Sinnen empfunden wird, wie dies z. B. bei der Prügelstrafe, bei der Geißelung und andern schweren Strafarten der Fall ist. Unter diesen ruft ohne Zweifel die Feuerqual die höchste Schmerzempfindung hervor. Und da zu dieser Pein noch ihre ewige Dauer hinzukommt, so ergibt sich daraus, dass die Strafe der Verdammten die höchste Fülle aller Strafleiden darstellt. Das machen die letzten Worte des Strafurteils noch deutlicher: » ... das dem Teufel und seinem Anhang bereitet ist«. Wie wir nun einmal sind, tragen wir alle Mühsal leichter, wenn wir einen Gefährten und Mitgenossen unsres Unglücks haben, dessen Klugheit und Güte uns irgendwie hilfreich zur Seite geht. Wie groß muss daher das Elend der Verdammten sein, die bei ihren schrecklichen Qualen in der Gesellschaft der verworfensten Teufel sind und sich davon niemals werden befreien können!

Dieses Strafurteil gegen die Sünder wird unser Herr und Erlöser in voller Gerechtigkeit fällen, da sie all die Werke wahrer Güte vernachlässigt, Hungernden nicht Speise noch Trank gereicht, Fremde nicht gastlich beherbergt, Nackte nicht bekleidet, Gefangene und Kranke nicht besucht haben.

10 Das sind die Wahrheiten, die der Seelsorger dem Christenvolk recht oft einhämmern sollte. Denn die Wahrheit, die in diesem Glau- I bensartikel ausgesprochen ist, hat, einmal gläubig erfasst, die allergrößte Macht, die verkehrten Leidenschaften im Zaum zu halten und die Menschen von der Sünde abzubringen. Darum steht das Wort im Ekklesiastikus (Sir 7, 36): »In all deinen Werken gedenke deiner letzten Dinge und du wirst in Ewigkeit nicht sündigen.« In der Tat, kaum einer wird so leidenschaftlich an der Sünde hangen, dass ihn nicht der Gedanke zu einem gottesfürchtigen Leben zurückriefe: es kommt ein Augenblick, wo ich vor dem allgerechten Richter Rechenschaft über aII meine Werke, Worte und selbst über die allergeheimsten Gedanken ablegen und je nach Verdienst meine Strafe abbüßen muss. Der Gerechte hingegen muss sich notwendig noch mehr zur Pflege der Tugend angespornt und zu großer Freude gestimmt fühlen, mag sein Leben auch in Armut, Verleumdung und Kreuz hinfließen, wenn er an den Tag denkt, da er nach den Kämpfen dieses mühevollen Lebens vor aller Welt als Sieger hingestellt und nach seiner Aufnahme in die Himmelsheimat von Gott mit nimmer endenden Ehren überhäuft wird. So soll man denn die Gläubigen ermahnen, sich eines heiligen Lebenswandels zu befleißen und sich in allen guten Werken eifrig zu üben, damit sie jenem kommenden großen Tag des Herrn mit um so größerer Seelenruhe entgegensehen und ihn, wie es sich für Gotteskinder ziemt, mit innigem Verlangen herbeisehnen können.

Neuntes Kapitel: Achter Glaubensartikel
»Ich glaube an den Heiligen Geist« 

1 Bisher wurde, soweit es der praktische Zweck des Buches fordert, auseinandergesetzt, was sich auf die erste und zweite Person der hlst. Dreifaltigkeit bezieht. Nun soll die Lehre des Glaubensbekenntnisses über die dritte Person, d. i. über den Hl. Geist dargelegt und erklärt werden.

In der Darbietung des hierher Gehörigen möge der Seelsorger allen Eifer und Fleiß aufwenden; der Christ muss ja diesen Teil des Glaubensbekenntnisses ebenso kennen und eine ebenso richtige Auffassung davon haben, wie von den übrigen vorausgegangenen Artikeln. Daher duldete der Apostel nicht, dass einige Christen von Ephesus in Unkenntnis über die Person des Hl. Geistes waren. Als sie nämlich auf seine Frage, ob sie den Hl. Geist empfangen hätten, zur Antwort gaben, sie wüssten nicht einmal, dass es einen Hl. Geist gebe, da stellte er sofort die weitere Frage: »Welche Taufe habt ihr denn empfangen ?« (Apg 19, 2 f) Damit deutete er an, dass eine genaue Kenntnis dieses Artikels für die Gläubigen höchst notwendig ist.

Der Hauptgewinn daraus wäre dieser: wenn sie aufmerksam erwägen, dass sie alles, was sie haben, als Gnadengabe vom Hl. Geist empfangen, dann lernen sie von sich selbst bescheiden und demütig denken und ihr ganzes Vertrauen auf die Hilfe Gottes setzen; und das muss für den Christen der erste Schritt zum Gipfel der Weisheit und des Glückes sein.

2 Die Behandlung des Artikels wird man mit der Erklärung der Bedeutung zu beginnen haben, die das Wort »der Hl. Geist« hier hat. Man könnte nämlich das Wort ebenso gut auch von Gott Vater und Gott Sohn gebrauchen, denn beide sind Geist und heilig; wir bekennen ja Gott als Geist. Außerdem geben wir diesen Namen auch den Engeln und den gerechten Seelen. Darum sorge man, dass die Gläubigen nicht durch die Vieldeutigkeit des Wortes in Irrtum geführt werden. Man lehre also, dass in diesem Artikel unter dem Namen »der Hl. Geist« die dritte Person der Dreieinigkeit gemeint ist, eine Bedeutung, die das Wort in der Hl. Schrift des Alten Testaments zuweilen, in der des Neuen Testaments häufig hat. So betet David: »Nimm deinen Heiligen Geist nicht weg von mir!« (Ps 50, 13); im Buch der Weisheit lesen wir: »Wer wird deinen Sinn erkennen, wenn du ihm nicht Weisheit gibst und deinen Hl. Geist aus der Höhe sendest ?« (Weish 9,17) Und anderswo: »Er schuf sie im Hl. Geiste« (Sir 1, 9). Im Neuen Bund wird uns der Befehl gegeben, uns taufen zu lassen »im Namen des Vaters und des Sohnes und des Hl. Geistes« (Mt 28,19). Die heiligste Jungfrau hat nach dem Evangelium »vom Hl. Geist« empfangen (Mt 1, 18. 20 Lk 1, 35). Und der hl. Johannes weist uns an Christus, der uns »im Hl. Geiste tauft« (Joh 1, 33; Mk 1, 18). Außerdem begegnet uns das Wort an vielen andern Stellen.

3 Dass die dritte Person der hlst. Dreieinigkeit nicht ebenso wie die erste und zweite einen besonderen Namen empfing, soll niemand befremdlich finden. Die zweite Person hat einen eigenen Namen und heißt Sohn deshalb, weil ihr ewiger Ursprung aus dem Vater im eigentlichen Sinn als Zeugung bezeichnet werden muss, wie dies in früheren Artikeln dargelegt wurde. Weil wir nun diesen Ursprung als Zeugung bezeichnen, darum nennen wir die Person, die ihren Ursprung nimmt, im eigentlichen Sinne Sohn, und die Person, aus der sie ihren Ursprung nimmt, Vater. Die Ursprungsweise der dritten Person aber erhielt keinen besondern Namen, sie wird einfach als Hauchung oder als Hervorgehen bezeichnet; und ebendeshalb trägt auch die Person, die hervorgebracht wird, keinen besondern Namen.

Der Grund, weshalb das Hervorgehen der dritten Person keinen besonderen Namen erhielt, ist dieser : Die Bezeichnungen, die wir Gott beilegen, müssen wir aus der geschaffenen Welt entnehmen. Nun finden wir aber in der Schöpfung nur diese eine Art, Natur und Wesen mitzuteilen, die durch die Zeugungskraft geschieht. Daher kommt es, dass wir zum Ausdruck für die Art, in der Gott sich selbst restlos inkraft der Liebe mitteilt, kein eigenes Wort haben. Deshalb erhielt die dritte Person die allgemeine Bezeichnung »der Hl. Geist«, eine Bezeichnung, die offenbar sehr gut für Ihn passt. Denn Er ist es, der uns das geistliche Leben eingießt, und ohne den Anhauch seines allerheiligsten Wesens können wir nichts für das ewige Leben Wertvolles tun.

4 Nach der Erklärung der Wortbedeutung unterrichte man die Gläubigen vor allem darüber, dass der Hl. Geist Gott ist, gleichwie der Vater und der Sohn, beiden ebenbürtig, gleich allmächtig: ewig und unendlich vollkommen, höchst gut und allweise, kurz: gleicher Natur mit dem Vater und dem Sohne. Das findet schon seinen Ausdruck in dem (lateinischen) Wörtchen »in«, wenn wir sagen »Credo in Spiritum Sanctum« Dieses Wörtchen ist nämlich bei jeder der drei Personen gesetzt, um die Grundlage unsres Glaubens auszudrücken (Dieser Satz wird klar durch die Bemerkung unter "20" im folgenden Glaubensartikel). - Dasselbe bestätigen auch klar verschiedene Schriftstellen. So spricht Petrus in der Apostelgeschichte: »Ananias, wie konnte der Satan dein Herz bestricken, dass du den Hl. Geist belogest?« (Apg 5, 3. 4) und fügt sofort bei: »Nicht Menschen hast du belogen, sondern Gott!« Den er eben als Hl. Geist bezeichnet hatte, nennt er also unmittelbar darauf Gott. Auch der Apostel erklärt den Korinthern gegenüber jenen, den er eben Gott genannt hatte, als den Hl. Geist: »Es gibt verschiedene Kräfte, aber es ist ein und derselbe Gott, der alles in allen wirkt.« Und kurz darauf schließt er: »Das alles wirkt ein und derselbe Geist, der jedem seine Gabe zuteilt, wie er will« (1 Kor 12, 6. 11). Weiterhin wird in der Apostelgeschichte dem Hl. Geist zugeschrieben, was die Propheten Gott schlechthin zuschreiben. So hatte Isaias gesprochen: »Ich hörte die Stimme des Herrn, der da sprach: Wen soll ich senden? Und er sprach zu mir: Geh und sage diesem Volk: Verblende das Herz dieses Volkes, mach es schwerhörig und schließe ihre Augen, damit sie nicht etwa mit ihren Augen sehen und mit ihren Ohren hören« (Jes 6, 8-10). Nun erwähnt der Apostel diese Worte und leitet sie ein mit der Bemerkung: » Treffend hat der Hl. Geist durch den Propheten Isaias gesprochen« (Apg 28, 25). - Wenn ferner die Hl. Schrift die Person des Hl. Geistes zugleich mit dem Vater und dem Sohne nennt, wenn sie z. B. den Namen des Vaters und des Sohnes und des HI. Geistes bei der Taufe anzuwenden befiehlt, so ist für uns ein Zweifel an der Wahrheit dieses Geheimnisses ausgeschlossen. Denn wenn der Vater Gott ist und der Sohn Gott ist, so müssen wir doch gewiss gestehen, dass der Hl. Geist, der auf gleicher Stufe der Verehrung mit Ihnen verbunden wird, ebenfalls Gott ist. Dazu beachte man: wer auf den Namen eines geschaffenen Wesens getauft wird, es mag dieses sein was es will, der hat davon keinerlei Nutzen. »Seid ihr denn auf Paulus' Namen getauft?« fragt der Apostel (Kor 1, 13), um zu zeigen, dass ihnen das zur Erlangung des Heiles nichts nützen würde. Wenn wir demnach im Namen des Hl. Geistes getauft werden, dann muss man sagen, Er ist Gott. Diese NebeneinandersteIlung der drei Personen, die die Gottheit des Hl. Geistes erweist, lässt sich auch im Brief des hI. Johannes beobachten: »Drei sind, die Zeugnis geben im Himmel, der Vater, das Wort und der Hl. Geist, und diese drei sind eins« (1 Joh 5, 7 das sog. Comma Johanneum). Und ebenso in dem herrlichen Lobspruch auf die hlst. Dreieinigkeit, mit dem das kirchliche Stundengebet und die Psalmen schließen: »Die Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Hl. Geist.« - Endlich noch ein sehr guter Beweis dieser Wahrheit: alle Eigenschaften Gottes, die der Glaube uns lehrt, kommen nach Ausweis der Hl. Schrift auch dem Hl. Geist zu. So erkennt sie Ihm die Ehre von Tempeln zu, wie z. B. im Wort des Apostels: »Wisst ihr nicht, dass eure Glieder Tempel des Hl. Geistes sind ?« (1 Kor 6, 19) Sie schreibt Ihm die Tätigkeiten der »Heiligung« und »Belebung« zu (1 Ptr 1, 2; Joh 6,63); sie sagt, dass Er »die Tiefen der Gottheit ergründet« (1 Kor 2, 10), dass Er durch die Propheten spreche (2 Per 1, 21) und allgegenwärtig sei (Ps 138, 7). All dies aber lässt sich nur von einem göttlichen Wesen aussagen.

5 Gott der Hl. Geist - so muss den Gläubigen weiterhin genau erklärt werden - ist als die dritte Person der hlst. Dreifaltigkeit innerhalb der göttlichen Wesenheit zu bekennen, unterschieden vom Vater und Sohn, und durch beider Liebeswillen hervorgebracht. Um von andern Zeugnissen der Hl. Schrift abzusehen, zeigt die Taufformel, die unser Erlöser gelehrt, mit aller Klarheit, dass der Hl. Geist die dritte Person ist, die in der göttlichen Natur selbständig besteht und von den andern beiden Personen verschieden ist. Das zeigen auch die Worte des Apostels, wenn er sagt: »Die Gnade unsers Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des HI. Geistes sei mit euch allen, Amen« (2 Kor 13, 13).

Dasselbe beweist noch weit klarer der Absatz, . den die Väter auf dem ersten Konzil von Konstantinopel (381) diesem Glaubensartikel beigefügt haben, um die verwerfliche Irrlehre des Mazedonius zurückzuweisen: »Ich glaube an den Hl. Geist, den Herrn, den Lebendigmacher, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht. Der mit dem Vater und dem Sohn zugleich angebetet und verherrlicht wird. Der gesprochen hat durch die Propheten.« Wenn sie den HI. Geist als Herrn bekennen, so sprechen sie damit seinen unendlichen Vorrang vor den Engeln aus, die doch von Gott als überaus erhabene Geister erschaffen sind. Denn die Engel sind nach dem Wort des hI. Paulus alle nur »dienende Geister, zum Dienste ausgesandt um derer willen, die das Heil erben sollen« (Hebr 1, 14). Den Lebendigmacher nennen sie Ihn, weil die Seele durch ihre Verbindung mit Gott in höherem Sinn lebt, als der Leib durch die Verbindung mit der Seele am Leben erhalten wird. Weil aber die HI. Schrift diese Verbindung der Seele mit Gott dem Hl. Geist zuschreibt, so heißt der Hl. Geist offenbar mit vollstem Recht der Lebendigmacher.

6 Weiter heißt es: »Der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht.« Man belehre also die Christen, dass der Hl. Geist in ewigem Ausgang vom Vater und Sohn wie aus einem einzigen Urgrund hervorgeht. So lehrt es uns die kirchliche Glaubensregel, von der kein Christ abweichen darf, und die HI. Schrift wie die Autorität der Kirchenversammlungen bestätigen es. Denn Christus der Herr sagt, wo Er vom Hl. Geist spricht: »Er wird mich verherrlichen; denn er wird von dem Meinigen nehmen« (Joh 16, 14). Das gleiche ergibt sich daraus, dass der Hl. Geist in der HI. Schrift manchmal Geist Christi, manchmal Geist des Vaters genannt wird; bald heißt es, Er wird vom Vater, bald vom Sohne gesandt. Darin liegt ein deutlicher Hinweis, dass Er in gleicher Weise vom Vater und vom Sohne ausgeht. »Wer den Geist Christi nicht hat, gehört ihm nicht an«, sagt der hl. Paulus (Röm 8, 9). Und derselbe Apostel nennt Ihn den Geist Christi, wenn er an die Galater schreibt: »Gott hat den Geist seines Sohnes in unser Herz gesandt, der da ruft: Abba, Vater !« (Gal 4, 6). Beim hl. Matthäus wird Er der Geist des Vaters genannt: »Nicht ihr seid es, die da reden, sondern der Geist eures Vaters« (Mt 10, 20). Und der Herr spricht in seiner Abschiedsrede: »Der Tröster, den ich euch senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird von mir Zeugnis geben« (Joh 15, 26). Und an anderer Stelle sagt Er, derselbe Hl. Geist solle vom Vater gesandt werden: »Ihn wird der Vater in meinem Namen senden« (Joh 14, 26). Aus diesen Aussprüchen, die über den Ausgang des Hl. Geistes Aufschluss geben, ergibt sich klar, dass Er von beiden ausgeht. - Das ist es, was über die Person des Hl. Geistes zu sagen wäre.

7 Außerdem ist das Volk zu belehren, dass es gewisse erhabene Wirkungen, gewisse kostbare Gnadengaben gibt, die nach den Worten der Schrift vom Hl. Geiste wie aus dem unerschöpflichen Quell der Güte entströmen und uns zufließen. Wohl sind die Werke der allerheiligsten Dreifaltigkeit nach außen allen drei Personen gemeinsam; doch werden viele von ihnen dem HI. Geist in besonderer Weise zugeschrieben, damit wir erkennen, dass sie uns von Gottes unendlicher Liebe zukommen. Da nämlich der Hl. Geist aus dem in Liebe gleichsam flammenden göttlichen Willen hervorgeht, so können wir folgern, dass jene Wirkungen, die in besonderer Weise zum Hl. Geist in Beziehung gebracht werden, in der unendlichen Liebe Gottes gegen uns ihren Ursprung haben. Daher wird auch der Hl. Geist selbst Gabe genannt. »Gabe« (donum) bezeichnet ja eben das, was aus reiner Güte, umsonst, ohne jeden Anspruch auf Wiedervergeltung geschenkt wird. Und so müssen wir denn in dankbarer Liebe alles Gute, alle Wohltaten, die uns von Gott gespendet wurden (»was aber haben wir«, nach dem Wort des Apostels, »das wir nicht von Gott empfangen hätten ?« (1 Kor 4, 7) als durch des Hl. Geistes Huld und Gnade uns gegeben anerkennen.

8 Der Wirkungen des Hl. Geistes sind mehrere. Abgesehen von der Schöpfung der Welt, sowie der Vermehrung und Leitung der geschaffenen Wesen, was im ersten Glaubensartikel erwähnt wurde, wird dem Hl. Geist in besonderer Weise das Lebendigmachen zugeschrieben, worauf wir schon oben hinwiesen. Ein Wort Ezechiels bestätigt dies: »Ich gebe euch den Geist und ihr werdet leben« (Ez 37, 6).

Die wichtigsten und eigentümlichsten Wirkungen des Hl. Geistes aber zählt der Prophet in folgender Weise auf: »Der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Wissenschaft und der Frömmigkeit und der Geist der Furcht des Herrn« (Jes 11, 2. 3). Diese heißen Gaben des Hl. Geistes; doch erhalten sie manchmal auch den Namen des Hl.Geistes selbst. Daher gibt der hl. Augustinus den beachtenswerten Wink, man müsse gut zusehen, wenn in der Hl. Schrift das Wort »der Hl. Geist« gebraucht wird, ob die dritte Person der hlst. Dreifaltigkeit selbst oder aber ihre Wirkungen und Tätigkeiten gemeint seien. Denn zwischen beiden ist ein ebenso großer Unterschied zu machen, als unser Glaube den Schöpfer vom Geschöpf unterscheidet. Die Lehre von den Gaben des Hl. Geistes muss man darum eingehender erklären, weil wir durch sie die Weisungen für das christliche Leben empfangen und inne werden können, ob der Hl. Geist in uns wohnt.

Doch vor all den reichen Gaben des HI. Geistes muss die heiligmachende Gnade hervorgehoben werden, die uns besiegelt »mit dem verheißenen Hl. Geist, der da ist das Unterpfand unsres Erbes« (Eph 1, 13. 14). Denn sie ist es, die unsre Seele durch die innigsten Bande der Liebe mit Gott verbindet, und bewirkt, dass wir, erfüllt von heißem Verlangen nach Hingabe an Ihn, ein neues Leben führen; dass wir, »teilhaft geworden der göttlichen Natur (2 Petr 1, 4), Kinder Gottes heißen und in Wahrheit sind« (1 Joh 3, 1).

Zehntes Kapitel: Neunter Glaubensartikel
»Ich glaube an die heilige katholische Kirche« 
»die Gemeinschaft der Heiligen« 

1 Mit welch großer Sorgfalt der Seelsorger den Wahrheitsgehalt dieses neunten Glaubensartikels den Gläubigen entfalten soll, lassen vor allem zwei Erwägungen unschwer erkennen. Erstens haben, wie der hl. Augustin bemerkt, die Propheten ausführlicher und klarer noch über die Kirche gesprochen als selbst über Christus, wohl eben deshalb, weil sie voraussahen, dass im Geheimnis der Kirche weit mehr Menschen Irrtum und Täuschung anheimfallen können als im Geheimnis der Menschwerdung. Sollte es doch in der Zukunft immer wieder gottlose Verführer geben, die - dem Affen gleich, der menschliches Wesen vortäuschen will (Nach Cypr. ep. 73 ad Jabaj. 2) - sich selbst als die einzig richtigen Katholiken ausgeben und die ebenso verwerfliche wie eingebildete Behauptung aufstellen würden, die katholische Kirche sei bei ihnen und bei ihnen allein.

Zweitens: Wenn man einmal die wahre Lehre von der Kirche mit voller Überzeugung erfasst hat, wird es einem nicht mehr schwer fallen, der furchtbaren Gefahr des Irrglaubens zu entgehen. Es ist ja nicht jeder, der eine Sünde gegen den Glauben begangen hat, schon ohne weiteres als Irrgläubiger zu bezeichnen; das ist vielmehr nur der, der unter Missachtung der kirchlichen Autorität an seinen verkehrten Anschauungen hartnäckig festhält. Somit ist es ganz unmöglich, dass jemand von der Pest des Irrglaubens angesteckt wird, wenn er gläubig an dem festhält, was in diesem Artikel zu glauben vorgelegt wird. So sorge denn der Seelsorger aus aller Kraft dafür, dass die Christen in das Verständnis dieses Glaubensgeheimnisses eindringen, um so gegen die Umtriebe des Widersachers gefeit, im wahren Glauben treu zu beharren.

Es hängt übrigens dieser Glaubensartikel mit dem vorausgegangenen innig zusammen. Denn, wie oben gezeigt wurde, ist der Hl. Geist Quelle und Spender aller Heiligkeit; in diesem Artikel aber bekennen wir, dass von eben diesem Hl. Geist die Kirche den Vorzug der Heiligkeit empfangen hat.

2 Man erkläre zunächst die Bedeutung des Ausdrucks »ecclesia«. Dieses Wort haben die Lateiner aus dem Griechischen entlehnt und erst nach der Verkündigung des Evangeliums auf das religiöse Gebiet übertragen. Ecclesia bedeutet nämlich wörtlich »Aufruf«. Doch haben die Schriftsteller das Wort später gebraucht im Sinn von »Versammlung«, »Volksversammlung«. Dabei wurde zunächst kein Unterschied gemacht, ob es sich um das Volk des wahren Gottes oder um die Anhänger einer falschen Religion handelte. So heißt es in der Apostelgeschichte vom Volk zu Ephesus, der Stadtkanzler habe nach Beschwichtigung der empörten Menge gesagt: »Habt ihr aber sonst noch eine Beschwerde, so mag sie in einer regelrechten Volksversammlung (legitima ecclesia) erledigt werden« (Apg 19, 39). Hier wird also das ephesinische Volk, das doch dem Götzendienst der Diana ergeben war, eine regelrechte Volksversammlung genannt. Aber nicht nur die Heiden, die von Gott nichts wissen, sogar die Gemeinschaft schlechter, verworfener Menschen wird zuweilen als ecclesia, »Versammlung«, bezeichnet. So sagt der Prophet: »Der Frevler Runde (ecclesia) hasse ich, verkehre nicht mit Gottes Feinden« (Ps 25, 5).

Im Sprachgebrauch der Hl. Schrift wurde aber dann allgemein das Wort nur noch zur Bezeichnung der christlichen Reichsgemeinschaft und der Versammlungen von Gläubigen verwendet. Derer nämlich, die aus der Finsternis der Unwissenheit und des Irrtums durch den Glauben zum Licht der Wahrheit und zur Erkenntnis Gottes »berufen« sind, um den wahren lebendigen Gott in heiliger Hingabe zu verehren und Ihm aus ganzem Herzen zu dienen. Und so ist denn die Kirche, um alles mit einem Wort zu sagen, nach St. Augustin »die Gemeinschaft der Gläubigen rings auf der ganzen weiten Welt« (Zu Ps 149 u. ö.).

3 Die Geheimnisse, die dieses Wort (ecclesia) enthält, sind hochbedeutsam. Schon im Begriff »Aufruf«, der Grundbedeutung des Wortes ecclesia, zeigt sich die göttliche Huld und Gnade in strahlend hellem Licht, und wir erkennen daraus sofort, dass die Kirche sich von allen andern menschlichen Gemeinschaften stark unterscheidet. Diese gründen nämlich auf menschlichen Mitteln und menschlicher Weisheit, die Kirche aber ist eine Gründung göttlicher Weisheit und Vorsehung. Gott ist es nämlich, der uns [»aufruft« oder] zu ihr beruft, innerlich durch den Antrieb des HI. Geistes, der das Menschenherz aufschließt, von außen her aber durch das Amt und Wirken der Seelsorger und Verkündiger des Gotteswortes.

Auch das Ziel dieser Berufung, nämlich Erkenntnis und Besitz der ewigen Dinge, kann man sehr gut erkennen, wenn man [den Ausdruck ecclesia mit dem Wort synagoga vergleicht und] beachtet, weshalb einst unter dem mosaischen Gesetz das Volk der Gläubigen »Synagoge«, d. h. wörtlich »Zusammentrieb« genannt wurde. Diese Bezeichnung wurde ihnen, wie St. Augustin meint, deswegen gegeben, weil sie nach Art von Herdentieren, die man eben »zusammentreibt .. , nur auf irdisch-vergängliche Güter eingestellt waren. Das christliche Volk aber heißt daher mit Recht nicht »Synagoge«, sondern Kirche (ecclesia), weil es vergänglichen Erdentand für nichts achtet und nur das Ewige im Sinne hat.

4 Es gibt aber außerdem noch eine Reihe anderer geheimnisvoller Namen, die zur Bezeichnung der Christengemeinschaft verwendet wurden. So nennt sie der Apostel »Haus Gottes« und »Bau Gottes«. »Sollte sich meine Ankunft verzögern«, schreibt er an Timotheus(1 Tim 3, 15), »so sollst du wissen, wie man sich im Hause Gottes zu verhalten hat. Es ist ja die Kirche des lebendigen Gottes die Säule und Grundfeste der Wahrheit.« Ein »Haus wird die Kirche genannt, weil sie wie Eine große Familie ist, in der ein einziger Hausvater waltet und alle geistlichen Güter allen gemeinsam sind. Die Kirche wird auch »Herde« der Schafe Christi genannt, für die Christus Tür und Hirte ist (Joh 10, 1 f). Auch heißt sie »Braut Christi«: »Ich habe euch einem Manne verlobt«, schreibt der Apostel an die Korinther (2 Kor 11, 2), »um euch als reine Jungfrau Christus zuzuführen.« Und an die Epheser schreibt er (Eph 5, 25): »Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt hat.« Und dann von der Ehe: »Dieses Geheimnis ist groß. Ich meine wegen seiner Beziehung zu Christus und seiner Kirche« (Eph 5, 32). Endlich heißt die Kirche der »Leib Christi«, wie man aus dem Brief an die Epheser (Eph 1, 23) und an die Kolosser (Kol 1, 18. 24) ersehen kann.

All diese Benennungen sind sehr geeignet, um an sie anschließend die Christen aufzumuntern, dass sie sich würdig erweisen der unermesslichen Barmherzigkeit und Güte Gottes, der sie zum Volk Gottes auserwählt hat.

5 Hierauf wird man die einzelnen Teile der Kirche aufzählen und deren gegenseitige Verschiedenheit darlegen müssen, damit das christliche Volk Wesen und Eigenschaften der gottgeliebten Kirche, ihre Gaben und Gnaden noch deutlicher erkenne und aus dieser Erkenntnis heraus Gottes allerheiligste Majestät unablässig verherrliche.

Die Kirche zerfällt in zwei Hauptteile, die »triumphierende Kirche« und die »kämpfende [streitende] Kirche«. Die triumphierende Kirche ist die herrliche, glückselige Gemeinschaft seliger Geister sowie all derer, die - nach dem Endsieg über die Welt, das Fleisch und den Geist der Bosheit - für immer frei von den Leiden dieses Lebens sich der ewigen Seligkeit erfreuen. - Die kämpfende Kirche aber ist die Gemeinschaft aller Gläubigen, die noch auf Erden leben. Sie heißt kämpfende Kirche deshalb, weil ihre Mitglieder im beständigen Kampf mit den drei Erbfeinden stehen, der Welt, dem Fleisch und dem Satan. - Doch denke man nicht, dass es deswegen zwei Kirchen gebe. Es sind dies nur, wie oben gesagt, zwei Teile einer und derselben Kirche, davon der eine Teil vorangegangen und bereits im Besitz der Himmelsheimat ist, während der andere Teil Tag um Tag nachfolgt, bis auch er dereinst, mit unserm Heiland vereint, ruhen wird in ewiger Glückseligkeit.

6 In der kämpfenden Kirche nun gibt es zwei Arten von Menschen, gute und böse. Die Bösen haben zwar an denselben Sakramenten Teil, bekennen auch den gleichen Glauben wie die Guten, sind ihnen aber sehr ungleich im Handel und Wandel. Die Guten in der Kirche aber sind jene, die nicht nur durch das Bekenntnis des gleichen Glaubens und die Teilnahme an den gleichen Sakramenten, sondern auch durch den Geist der Gnade und das Band der Liebe miteinander eng verbunden sind.

Von ihnen gilt übrigens das Wort: »Der Herr kennt die Seinen« (2 Tim 2, 19); wir Menschen können nur irgendwie mutmaßen, wer etwa zur Zahl der Guten gehört, mit Sicherheit wissen können wir es nicht. Deshalb ist auch die Ansicht unrichtig, Christus der Erlöser habe von diesem Teil der Kirche gesprochen, als Er uns an die Kirche wies und uns gebot, ihr zu gehorchen (Mt 18, 17). Denn da die Kirche der Gerechten nicht erkennbar ist, wie könnte man mit Sicherheit wissen, an wen man sich um ein Urteil wenden und wessen Autorität man gehorchen soll? Es umfasst also die Kirche Gute und Schlechte, wie dies die Hl. Schrift und die Schriften der Heiligen bezeugen. In diesem Sinn schreibt auch der Apostel von »einem Leib und einem Geist« (Eph 4, 4).

7 Die kämpfende Kirche ist leicht erkennbar, der Stadt auf dem Berge gleich, die man von überall sieht (Mt 5, 14). Denn da alle auf sie hören sollen, muss sie auch als solche erkennbar sein.

Dass sie nicht nur Gute in sich birgt, sondern auch Schlechte, zeigt das Evangelium in einer Reihe von Gleichnissen. So vergleicht es z. B. das Himmelreich, d. h. die kämpfende Kirche, mit einem »Netz, das ins Meer geworfen wurde« (Mt 13, 47), oder mit einem Acker, auf den Unkraut gesät ward« (Ebd. 24), mit einer »Tenne, auf der sich Korn und Spreu beflndet« (Ebd. 3, 12), oder mit den zehn teils törichten, teils klugen Jungfrauen (Mt 25, 1). Ja in viel früherer Zeit schon finden wir ein Vorbild und Gleichnis für diese Eigenart der Kirche, nämlich die Arche Noes, die nicht nur reine Tiere, sondern auch unreine in sich barg (Gen 7, 1).

Wiewohl nun also Gute und Schlechte zur Kirche gehören, wie dies der katholische Glaube nachdrücklich von jeher betonte, so muss den Christen doch auf Grund desselben Glaubens erklärt werden, dass zwischen diesen beiden Bestandteilen der Kirche ein sehr starker Unterschied besteht. Denn die Bösen sind nicht anders in der Kirche als etwa die Spreu, die mit dem Weizen auf der Tenne vermengt ist, oder wie manchmal Glieder sich im Körper finden, die mehr oder minder abgestorben sind.

8 Es ergibt sich aus alledem, dass nur drei Menschenklassen von der kirchlichen Gemeinschaft ausgeschlossen sind: zunächst die Ungläubigen, dann die Irrgläubigen und Schismatiker und endlich die von der Kirche besonders Ausgeschlossenen (Exkommunizierten). Die [Ungläubigen oder] Heiden gehören nicht zur Kirche, weil sie niemals in ihr waren, nichts von ihr wissen und durch kein Sakrament Anteil an der Gemeinschaft des Christenvolkes erhalten haben. Die Irrgläubigen und die Schismatiker, weil sie von der Kirche abgefallen sind. Sie gehören ebenso wenig zur Kirche als etwa Fahnenflüchtige zum Heer gehören, dessen Reihen sie eigenmächtig verlassen haben. Doch unterstehen sie unleugbar der kirchlichen Gewalt und können somit von der Kirche zur Verantwortung gezogen, bestraft und mit dem Bann belegt werden. Endlich die Exkommunizierten, da sie nach dem Urteilsspruch der Kirche von ihr ausgeschlossen sind und somit nicht zur kirchlichen Gemeinschaft gehören, bis sie sich bessern.

Alle übrigen aber, mögen sie auch schlecht und verkommen sein, bleiben ohne allen Zweifel im kirchlichen Verband. Darauf muss man die Christen mit Nachdruck aufmerksam machen. So können etwa kirchliche Obere in ihrem Lebenswandel schlecht sein; sie bleiben trotzdem und darüber müssen sich die Untergebenen ganz klar sein - im Verband der Kirche, und ihre Amtsgewalt erleidet deswegen keinerlei Schmälerung.

9 Das Wort »Kirche« wird aber auch zur Bezeichnung von Einzelteilen der Gesamtkirche verwendet. So spricht der Apostel von der Kirche zu Korinth (2 Kor 1, 1), in Galatien (Gal 1, 2), Laodizea (Klo 4,16). Thessalonich (1 Thess 1, 1). Auch private Familien von Gläubigen nennt er »Kirchen«. So will er, dass man der Kirche im Haus der Prisca und des AquiIa einen Gruß überbringe (Röm 16, 5). Und an anderer Stelle schreibt er (1 Kor 16, 19): »Es grüßen euch im Herrn Aquila und Priscilla samt der Gemeinde (»Kirche«) in ihrem Hause.« In seinem Brief an PhiIemon (Phlm 1, 2) gebraucht er ebenfalls diesen Ausdruck.

Zuweilen bezeichnet das Wort Kirche auch deren Vorsteher und Hirten. »Wenn er (dein Bruder) dich nicht hört«, spricht Christus, »so sag es der Kirche« (Mt 18, 17). An dieser Stelle sind die kirchlichen Vorsteher gemeint.

Weiterhin wird auch der Ort, wo sich das Volk, sei es zur Predigt, sei es zu einer gottesdienstlichen Verrichtung versammelt, Kirche genannt.

In diesem Glaubensartikel jedoch dient das Wort vor allem zur Bezeichnung jener oben besprochenenGesamtheit von Guten und Bösen, und zwar von Vorgesetzten wie von Untergebenen.

10 Man zeige den Christen weiterhin aber auch die Eigenschaften der Kirche auf. Denn daraus kommt ihnen eher zum Bewusstsein, welche Wohltat Gott all denen erweist, die das Glück haben, in der Kirche geboren und erzogen zu werden.

Als erste Eigenschaft der Kirche wird im Glaubensbekenntnis der Väter (Gemeint ist das im Messritus vorkommende Nicaenische Glaubensbekenntnis) genannt, dass sie »Eine« ist. Heißt es ja auch in der Hl. Schrift: »Eine ist meine Taube, Eine ist meine Schöne« (Hld 6, 8).

Als »eine« aber wird die ganze gewaltige Vielheit von Menschen, die noch dazu über alle Welt zerstreut ist, aus den Gründen bezeichnet, die der Apostel in seinem Brief an die Epheser angibt: »Es ist nur Ein Herr, nur Ein Glaube, nur Eine Taufe« (Eph 4, 5). Einer auch lenkt und leitet die Kirche: unsichtbar Christus, den der Vater gesetzt hat als »Haupt über die ganze Kirche, seinen Leib« (Eph 1, 22), sichtbar aber der rechtmäßige Nachfolger des Apostelfürsten Petrus auf dem römischen Stuhl.

11 Dieses sichtbare Oberhaupt war nach der übereinstimmenden Ansicht aller Väter notwendig, um die Einheit der Kirche zu begründen und dauernd zu erhalten. Der hl. Hieronymus gibt dieser Erkenntnis treffend Ausdruck, wenn er gegen Jovinian schreibt (Adv. Jovinian 1, 26): »Einer wird zum Oberhaupt erwählt, damit so der Anlass zur Spaltung beseitigt sei.« Und an Papst Damasus schreibt er (Brief 15, 2 an Damasus): »Zurück trete der Neid, es schweige alles ehrgeizige Streben nach Roms höchster Würde. Zum Nachfolger des Fischers spreche ich, zum Jünger des Kreuzes. Weil ich keinem andern Führer folgen will als Christus, darum verbinde ich mich mit deiner Heiligkeit, d. h. mit dem Stuhl Petri. Das ist der Fels, auf den, ich weiß es, die Kirche gebaut ist. Wer außerhalb dieses Hauses das (Passah-)Lamm genießt, gehört nicht zum heiligen Volk (Vgl. Ex 12, 3. 22). Wer sich nicht in der Arche Noes befindet, wird untergehen in den Tagen der Sintflut.« Das gleiche bestätigt schon viel früher Irenäus (Adv. haer. 3, 3) und Cyprian (De unit. eccl. 4). Dieser sagt, wo er von der Einheit der Kirche spricht: »Es sprach der Herr zu Petrus: ,Petrus, ich sage dir, du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen' (Mt 16, 18). Auf Einen baut Er also seine Kirche. Und wenn Er auch nach seiner Auferstehung allen Aposteln gleiche Gewalt verlieh mit den Worten: ,Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Empfanget den Hl. Geist (Joh 20, 21), so hat Er doch, um die Einheit klar zu offenbaren, in seiner Machtvollkommenheit bestimmt, dass diese Einheit von Einem ihren Ursprung habe.« Optatus von Mileve schreibt (De schism. Don. 2, 2): »Von Unkenntnis kann bei dir nicht die Rede sein; denn du weißt, Petrus war der erste, dem der bischöfliche Stuhl zu Rom verliehen wurde. Das Haupt aller Apostel, Petrus, hatte ihn inne. Denn in ihm, dem Einen, sollte die Einheit der Kathedra von allen anerkannt werden, damit nicht jeder der Apostel eine eigene in Anspruch nehme. Schismatiker und Verräter an der eigenen Sache würde somit sein, wer dieser einzigen Kathedra eine andere entgegenstellte.« Später aber schreibt Basilius (Homil. 29, 4: de poenitentia): »Petrus ist zum Fundament gesetzt; er hat das Wort gesprochen: ,Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes,' und ihm ward darauf die Antwort, er sei der Fels. War er nun auch Fels, so doch nicht im gleichen Sinn wie Christus; denn Christus ist der eigentliche unerschütterliche Fels, Petrus aber ist Fels durch diesen Felsen. Als Gott teilt [Jesus] andern seine Vorzüge mit: Priester ist er und macht zu Priestern; Fels ist er und macht zum Felsen. Und was ihm eigen ist, schenkt er auch seinen Dienern« (Hier steht im Text noch: »Endlich noch ein Wort des hl. Ambrosius«, ohne dass die Stelle angeführt wird. Wahrscheinlich ist folgender Ausspruch gemeint: »Weil Petrus aus aller Runde allein das Wort des Bekenntnisses spricht, erhält er den Vorrang vor allen«. Kommentar zu Lukas n. 175).

Wenn man einwendet, es genüge der Kirche, das Eine Haupt, der Eine Bräutigam Jesus Christus, sie brauche sonst niemand, so ist die Antwort darauf leicht: Wie nämlich Christus der Herr nicht bloß Urheber sondern auch der innere [unsichtbare] Spender aller Sakramente ist - denn Er ist es, der tauft und von den Sünden losspricht - und wie Er trotzdem Menschen zu äußern [sichtbaren] Spendern der Sakramente bestellt hat, so hat Er auch in seiner Kirche, obgleich Er sie selbst durch das innere Walten des Hl. Geistes leitet, einen Menschen als seinen Stellvertreter und Inhaber seiner Macht an die Spitze gestellt. Denn die sichtbare Kirche bedarf eines sichtbaren Hauptes. Als darum unser Erlöser dem hl. Petrus mit inhaltsschweren Worten die Hut seiner Schafe anvertraute, da hat er ihn zum Haupt und Hirten der ganzen Schar seiner Gläubigen gesetzt; und zwar so, dass seine Nachfolger genau die gleiche Vollmacht besitzen sollten, die Gesamtkirche zu leiten und zu regieren.

12 Ferner ist es »ein und derselbe Geist«, wie der Apostel an die Korinther schreibt (1 Kor 12, 11), der den Gläubigen die Gnade verleiht, wie die Seele den einzelnen Gliedern am Leibe das Leben. Diese Einigkeit zu bewahren, mahnt er die Epheser (Eph 4, 3): »Wahret sorgfältig die Einheit des Geistes durch die Bande des Friedens. Ihr seid ja Ein Leib und Ein Geist.« Denn wie der menschliche Leib aus vielen Gliedern besteht, und wie doch Eine Seele es ist, die ihnen allen das Leben gibt - den Augen die Sehkraft, den Ohren das Gehör, den übrigen Sinnen ihre verschiedenen Fähigkeiten - so verhält es sich mit der Kirche, dem mystischen Leib Christi, der aus vielen Gläubigen zusammengesetzt ist. »Zu Einer Hoffnung«, fährt der Apostelfürst fort, »sind wir berufen« (Eph 4,4). Hoffen wir alle doch ein und dasselbe: die ewige Glückseligkeit. Einer schließlich ist auch unser Glaube, an dem wir festhalten und den wir bekennen müssen: »Lasst keine Spaltungen unter euch sein« (1 Kor 1, 10), mahnt der Apostel. Und endlich ist auch nur Eine Taufe, das Sakrament durch das man Christ wird.

13 Heiligkeit ist die zweite Eigenschaft der Kirche. Davon schreibt der Apostelfürst: »Ihr seid ein auserwähltes Geschlecht, ein heiliges Volk« (1 Petr 2, 9). Heilig heißt die Kirche, weil sie Gott geweiht und für Gott bestimmt ist. Man nennt ja Dinge, auch solche körperlicher Natur, heilig, wenn sie für den Gottesdienst bestimmt und diesem Zweck gewidmet sind. So im Alten Testament Gefäße, Gewänder und Altäre; auch die Erstgebornen hießen »geheiligt«, weil sie Gott dem Allerhöchsten geweiht waren.

Es darf also nicht Wunder nehmen, dass die Kirche heilig heißt trotz so vieler Sünder, die zu ihr gehören. Denn alle Gläubigen, die durch den Glauben und den Empfang der Taufe sich Christo geweiht haben und damit Gottes Volk geworden sind, werden Heilige genannt, auch wenn sie in vielem zu Fall kommen und nicht halten, was sie versprochen haben. Nennt man ja auch den, der von Beruf ein Fach [Handwerk, Kunst] treibt, nach diesem Fach, selbst wenn er sich nicht an die Fachvorschriften hält. Darum redet der hl. Paulus die Korinther mit »Heilige und Geheiligte« (1 Kor 1, 2) an, und doch wissen wir, dass es unter ihnen Leute gab, denen er rein irdische Gesinnung und noch schlimmere Fehler in scharfen Worten vorwerfen musste.

Ein anderer Grund, warum die Kirche heilig heißt, ist der: als Leib steht sie in innigster Verbindung mit ihrem heiligen Haupt, mit Christus dem Herrn, dem Quell aller Heiligkeit, dem die Gnadengaben des Hl. Geistes und alle Gnadenschätze der göttlichen Güte entströmen. Schön sagt in dieser Hinsicht der hl. Augustin (Zu Ps 85, 2) bei der Erklärung des Prophetenwortes »Hab acht auf meine Seele, denn ich bin heilig«: »Kühn darf auch der Leib Christi, kühn darf selbst der letzte Christ, der weit draußen am Ende der Welt zu Gott ruft (Zu Ps 60, 3), mit seinem Haupt und unter seinem Haupte die Worte sprechen: ,Ich bin heilig'. Denn er empfing die Gnade der Heiligkeit, die Gnade der Taufe und der Vergebung seiner Sünden.« Und bald darauf spricht er weiter: »Der hl. Paulus sagt (Gal 3, 27): ,Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.' Haben also nach diesen Worten alle Christen, alle auf Christus getauften Gläubigen, Ihn angezogen, sind sie Glieder seines Leibes geworden und sagen trotzdem: ,Wir sind nicht heilig', so tun sie dem Haupte unrecht, dessen Glieder doch heilig sind.« 

Endlich noch ein Grund: Die Kirche allein besitzt die von Gott vorgeschriebene Opferfeier und den heilbringenden Gebrauch der Sakramente. Diese aber sind die wirksamen Werkzeuge, durch die Gott Gnade verleiht und so wahre Heiligkeit hervorbringt. Daher kann der Zustand wirklicher Heiligkeit außerhalb der Kirche gar nicht existieren. - Nach alledem ist klar: Die Kirche ist heilig, und heilig ist sie, weil sie der Leib Christi ist, von dem sie geheiligt und durch dessen Blut sie gewaschen wird.

14 Die dritte Eigenschaft der Kirche: Sie: heißt katholisch, d. h. allgemein, und das mit Recht. Sagt doch der hl. Augustin (S. Aug. Serm. 242) von ihr: »Vom Sonnenaufgang bis zum Untergang ist sie verbreitet und strahlt im hellen Glanz der Glaubenseinheit.« Denn die Kirche beschränkt sich nicht, wie irdische Staaten oder häretische Sekten auf ein bestimmtes Reich oder ein bestimmtes Volk, nein, sie um fasst im Schoß ihrer Liebe alle Menschen, gleichviel ob Barbaren oder Skythen, ob Sklaven oder Freie, ob Mann oder Frau. Darum heißt es (Offb 5, 9 f ): »Aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen hast du mit deinem Blut uns für Gott erkauft und uns zu einem Gottesreich gemacht.« Und David sagt im Hinblick auf die Kirche: » Verlange von mir, ich gebe die Völker dir zum Erbe und zum Besitz der Erde Enden« (Ps 2, 8); und wiederum (Ps 86, 4): »Rahab und BabyIon will ich nennen unter denen, die mir in Liebe zugetan«; und endlich: »Dort wird geboren alle Welt« (Ps 86, 5).

Außerdem gehören alle Anhänger des wahren Glaubens von Adam bis auf uns und weiterhin bis zum WeItende zur wahren Kirche, die gegründet ist »auf dem Fundament der Apostel und Propheten« (Eph 2, 20), die wiederum alle stehen und ruhen auf dem »Eckstein Christus«, der beide Teile [Heiden und Juden] in eins verbunden und Friede verkündet hat den Nahen und den Fernen (Eph 2, 14. 17).

Allgemein heißt die Kirche endlich auch deshalb, weil jeder, der zum ewigen Heil gelangen will, dieser Kirche angehören und an ihr festhalten muss, gerade so wie jene, die einstmals in die Arche gingen, um sich vor der Sintflut zu retten.

In den genannten drei Eigenschaften haben wir - darüber belehre man die Gläubigen ein ganz zuverlässiges Kennzeichen, um die wahre Kirche von jeder falschen zu unterscheiden.

15 Ein weiteres Merkmal für die wahre Kirche gibt uns der apostolische Ursprung ihrer gnadenvollen Offenbarungslehre. Die Lehre der Kirche ist nämlich nicht etwa vor kurzem oder heute erst aufgekommen: es ist vielmehr die gleiche Wahrheit, wie sie einst von den Aposteln überliefert und dem Samen gleich in der ganzen Welt verbreitet wurde. Darum kann auch kein Zweifel darüber sein, dass die verwerflichen Lehren der Häretiker mit dem Glauben der wahren Kirche nichts zu tun haben, weil sie mit der kirchlichen Lehre, wie sie von der Zeit der Apostel an bis auf den heutigen Tag gepredigt wurde, im Widerspruch stehen. Damit also jedermann sehen kann, welche Kirche die allgemeine ist, haben die Väter unter höherer Eingebung im (Nizänischen) Glaubensbekenntnis noch das Wort apostolisch hinzugefügt.

Daher bedient sich auch der Hl. Geist, der zuerst den Aposteln verliehen wurde und dann durch Gottes unendliche Güte beständig in der Kirche als Lenker verblieb, zu deren Leitung keiner anderen Klasse von Amtsträgern als der »apostolischen« [der Nachfolger der Apostel].

16 So vom Hl. Geist geleitet, ist einzig diese Kirche in Glaubens- und Sittenlehren unfehlbar. Alle andern dagegen, die sich den Namen Kirche nur anmaßen, verfallen notwendig den verhängnisvollsten Irrtümern in Glaube und Sitte, weil sie eben vom Lügengeist geleitet werden.

17 Die Seelsorger sollen auch nicht unterlassen, die überaus nützliche Lehre von den alttestamentlichen Vorbildern der Kirche zu behandeln. Denn diese üben auf das gläubige Gemüt große Kraft aus und frischen die Erinnerung an besonders schöne Ereignisse wieder auf, Gründe, weshalb auch die Apostel mit Vorliebe solche Bilder gebraucht haben. Vor allem bietet die Arche Noes ein hervorragend schönes Sinnbild dieser Art (Gen 6, 1 f). Sie ward nur darum auf ausdrücklichen Befehl Gottes erbaut, weil sie ein ganz unzweideutiges Vorbild für die Kirche sein sollte. Denn in bezug auf diese hat Gott beschlossen, dass alle die durch die Taufe in sie eingehen, vor jeder Gefahr des ewigen Todes sicher sein können, die außen Stehenden dagegen in ihren Sünden untergehen, wie einstens jene, die in die Arche nicht aufgenommen wurden. Ein anderes Vorbild ist die große, hochberühmte Stadt Jerusalem. Mit diesem Namen bezeichnet die Hl. Schrift nicht selten auch die Kirche. In Jerusalem allein durften nämlich Gott Opfer dargebracht werden, weil in der Kirche allein und sonst nirgends der wahre Gottesdienst und das wahre Opfer sich finden sollte, das allein Gott wohlgefällig ist.

18 Endlich ist noch darzulegen, wieso der Satz: ,Ich glaube an die Kirche' zu den Wahrheiten des Glaubens gehört. Denn dass es eine Kirche auf Erden gibt, d. h. eine Vereinigung von Menschen, die sich Christus dem Herrn angeschlossen und geweiht haben, das kann jeder mit der Vernunft erkennen und mit den Sinnen wahrnehmen; um das zu erfassen ist kein Glaube notwendig; daran zweifeln ja auch die Juden und Türken nicht.

Indes die Geheimnisse, die die Kirche Gottes in sich birgt - zum Teil sind sie schon besprochen worden, zum Teil werden sie beim Weihesakrament zu behandeln sein - diese Geheimnisse kann nur der vom Glauben geleitete Verstand erfassen; natürliche Gründe überzeugen davon nicht.

So überragt also auch dieser Glaubensartikel geradeso wie die übrigen unser natürliches Erkenntnisvermögen, und darum bekennen wir mit vollem Recht: Ursprung, Vorzüge und Erhabenheit der Kirche erkennen wir nicht mit unsrer menschlichen Vernunft, sondern wir erschauen sie mit den Augen des Glaubens. 19 Denn nicht Menschen haben diese Kirche gestiftet, sondern der ewige Gott selbst. Er hat sie erbaut auf unerschütterlichem Felsgrund, wie der Prophet bezeugt: »Der Allerhöchste selbst hat sie fest gegründet« (Ps 86, 5); darum heißt sie Erbe Gottes und Gottes Volk. Ebenso verdankt sie die Gewalt, die sie empfangen, nicht Menschen sondern Gott. Und wie sie diese Gewalt nicht auf natürlichem Weg erworben hat, so erkennen wir auch nur im Glauben in der Kirche die Inhaberin der Schlüssel des Himmelreichs und die Trägerin der Vollmacht, Sünden nachzulassen, zu exkommunizieren und den wahren Leib des Herrn zu konsekrieren. Ebenso erkennen wir nur im Glauben, dass die Bürger dieses Reiches »hienieden keine bleibende Stätte haben, sondern nach einer zukünftigen Ausschau halten« (Hebr 13, 14).

Das Bekenntnis also zur einen, heiligen, katholischen Kirche ist notwendig Sache des Glaubens. 20 Während wir aber an [lateinisch »in«] die drei Personen der Dreifaltigkeit, den Vater, den Sohn und den Hl. Geist so glauben, dass wir auf sie [lat. »in« eis] unsern Glauben gründen, ändern wir hier die sprachliche Form und bekennen unsern Glauben nicht an [lat. in] die hl. Kirche, sondern sagen einfach: »Ich glaube die hl. Kirche.« Es soll schon durch diese Verschiedenheit in der Ausdrucksweise der Unterschied zwischen dem Schöpfer Gott und dem Geschaffenen hervorgehoben und zugleich angedeutet werden, dass wir all die großen Gnadengaben der Kirche nur der Güte Gottes zuschreiben.


Die Gemeinschaft der Heiligen

21 Der hl. Evangelist Johannes schreibt an die Gläubigen von den Gnadengeheimnissen Gottes und führt als Grund für diese Unterweisung an: »Damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habet. Unsre Gemeinschaft aber verbindet uns auch mit dem Vater und mit Jesus Christus, seinem Sohn« (1 Joh 1, 3). Diese Gemeinschaft ist die Gemeinschaft der Heiligen, von der das Glaubensbekenntnis in diesem Artikel spricht. Möchten doch die Kirchenvorsteher diese Wahrheit mit ähnlich großer Liebe den Gläubigen erklären, wie Paulus und die übrigen Apostel es taten! Denn sie ist nicht nur eine weitere Verdeutlichung des eben behandelten Artikels und eine überaus fruchtbare Wahrheit, sie gibt vielmehr auch Aufschluss, wohin die ganze Beschäftigung mit den Geheimnissen des Glaubensbekenntnisses praktisch führen soll. Wir müssen ja alle diese Wahrheiten zu dem Zweck betrachten und uns innerlich aneignen, damit wir in die große selige Gemeinschaft der Heiligen Aufnahme finden, und dann ganz treu in ihr ausharren »voll freudiger Dankbarkeit gegen den Vater, der uns befähigt hat, am Erbe seiner Heiligen im Lichte teilzunehmen« (Kol 1, 11 f).

22 Zunächst nun sage man den Gläubigen, dass dieser Absatz gewissermaßen nur eine Entfaltung des eben behandelten Artikels von der einen, heiligen, katholischen Kirche ist. Die Einheit nämlich des Geistes, der die Kirche regiert, bringt es mit sich, dass ihr gesamter Gnadenschatz Gemeingut aller ist. Die Früchte der Sakramente kommen ja allen Gläubigen zugute; und die Sakramente bilden gleichsam die heiligen Bande, die die Gläubigen aufs engste mit Christus verbinden; vor allem gilt das von der Taufe, durch die wir wie durch die Tür in die Kirche eintreten.

Dass unter dieser Gemeinschaft der Heiligen tatsächlich die Gemeinsamkeit [communio] derselben Sakramente zu verstehen ist, das drücken die Väter in ihrem Glaubensbekenntnis mit den Worten aus: »Ich glaube an die Eine Taufe«.

Das gleiche gilt aber auch von den andern auf die Taufe folgenden Sakramenten, vor allem von der Eucharistie. Wenn also dieser Name [Communio, Gemeinschaft] auch allen Sakramenten angemessen ist, da sie alle uns mit Gott verbinden und uns Anteil geben an jenem, dessen Gnade wir durch sie empfangen, so ist er doch der Eucharistie ganz besonders eigen, da sie diese Gemeinschaft in besonderer Weise bewirkt.

23 Noch einer andern Gemeinschaft in der Kirche muss gedacht werden. Was immer der einzelne an guten und heiligen Werken tut, das gehört allen; allen kommt es zugute, und zwar durch die Kraft der Liebe, die »nicht das ihre sucht« (1 Kor 13, 5). Beweis dafür ist unter anderem das Zeugnis des hl. Ambrosius. Wo er die PsalmsteIle erklärt: »Ich habe teil an allen, die dich fürchten« (Ps 118, 63), sagt er: »Wie ein Glied teil hat am ganzen Körper [und daher lebendig mit ihm verbunden ist], so dürfen wir auch sprechen von einem ,Verbundensein mit allen die Gott fürchten'« (Serm. 8 über Ps 118, 63 [n. 54]). Darum hat uns Christus zu beten befohlen: »unser Brot« und nicht »mein Brot«, und ebenso auch bei den folgenden Bitten. Wir sollten eben nicht nur an uns denken, sondern auch an das Heil und Wohl aller.

Für diese Gütergemeinschaft bedient sich die Hl. Schrift wiederholt des treffenden Vergleichs von den Gliedern des menschlichen Leibes. Obwohl nämlich der Körper aus vielen Gliedern besteht, bildet diese Vielheit doch nur Einen Leib. Jedes Glied hat seine eigene Aufgabe, nicht etwa alle dieselbe. Auch haben nicht alle die gleiche Vorzugsstellung, und ihre Tätigkeiten sind nicht alle gleich nützlich und angesehen. Kein Glied ist nur für seinen Vorteil da, sondern jedes zum Nutzen des ganzen Körpers. Infolge der innigen Verbindung und engen natürlichen Verwandtschaft leiden alle mit, wenn ein Glied Schmerz empfindet; fühlt es sich aber wohl, so teilen auch alle dieses Wohlgefühl. - Das gleiche sehen wir auch in der Kirche. Auch in ihr sind ungleiche Glieder: verschiedene Nationen, Judenchristen und Heidenchristen, Freie und Knechte, Arme und Reiche; sind sie aber durch die Taufe in die Kirche aufgenommen, so bilden sie alle mit Christus Einen Leib, dessen Haupt Er ist. Jedem einzelnen in dieser Gemeinde ist seine ganz bestimmte Aufgabe angewiesen: die einen sind Apostel, andere Lehrer (Vgl. 1 Kor 12, 28) usw., doch alle sind sie für das große Ganze da. Die einen haben vorzustehen und zu lehren, die andern haben zu gehorchen und sich zu fügen.

24 Der große gemeinsame Schatz an Gnaden und Himmelsgütern kommt jedoch nur jenen zugute, die in Liebe und Gerechtigkeit ein Gott wohlgefälliges Leben führen. Die toten Glieder hingegen, die Lasterhaften nämlich und die in Ungnade von Gott Getrennten, bleiben zwar Glieder am Leib der Kirche, aber da sie tot sind, entgeht ihnen der geistliche Gewinn, der den Guten und Gerechten zufließt. Indes finden sie als Glieder der Kirche immerhin bei den geistlich Gesinnten Hilfe, das Gnadenleben wieder zu gewinnen; und so haben sie Vorteile, die denen sicher entgehen, die von der Kirche ganz getrennt sind.

25 Außer den Gnaden, die die Menschen Gott wohlgefällig und gerecht machen, sind auch die umsonst verliehenen Gnaden (gratiae gratis datae) für alle da, so z. B. die Gabe der Wissenschaft, der Prophetie, die Sprachen- und Wundergabe und ähnliches. Diese Gaben werden auch schlechten Menschen verliehen, nicht zu persönlichem Vorteil, sondern zum allgemeinen Nutzen, zur Erbauung der Kirche. So ist die Gabe zu heilen nicht für ihren Träger, sondern für den Kranken da.

Ja, der wahre Christ soll all das Seinige als Gemeingut aller betrachten, und daher stets bereit sein, damit die Not Bedürftiger zu lindern. Denn wer solche Güter besitzt und seinen Bruder darben sieht ohne ihm zu helfen, in dem ist offenbar die Liebe Gottes nicht (1 Jo 3, 17).

So muss denn, wer dieser heiligen Gemeinschaft angehört, eigentlich schon jetzt eine Art Seligkeit genießen und in Wahrheit sprechen können: »Wie wonnesam ist dein Gezählt, o Herr der Himmelscharen; verlangend nach den Hallen Jahves meine Seele sich verzehrt. Glückselig alle, die in deinem Hause wohnen, Herr '« (Ps 83. 2. 3. 5).

Elftes Kapitel: Zehnter Glaubensartikel
»Nachlass der Sünden« 

1 Dieser Artikel von der Sündenvergebung hat offenbar ein göttliches Geheimnis, ja mehr noch, ein zur Erlangung des Heils höchst bedeutsamer Geheimnis zum Inhalt. Das stellt schon ein Blick auf die Tatsache außer Zweifel, dass er unter die Zahl der zwölf Glaubensartikel Aufnahme fand. Denn wie schon früher gesagt wurde, ohne die überzeugte Annahme alles dessen, was im Symbolum zu glauben vorgelegt wird, erhält niemand Zutritt in die christliche Liebesgemeinschaft. Wünscht man indes für diese allbekannte Wahrheit noch weitere Beweise, so möge der Ausspruch genügen, den unser Erlöser kurz vor seiner Himmelfahrt getan hat, als Er seinen Jüngern das Verständnis für den Sinn der Schrift erschloss: »Christus musste leiden und am dritten Tage von den Toten auferstehen, und in seinem Namen muss Buße und Nachlass der Sünden gepredigt werden allen Völkern, angefangen von Jerusalem« (Lk 24, 46 f). Wenn die Seelsorger diese Worte erwägen, werden sie ohne weiteres sehen, welch ernste Pflicht der Herr ihnen damit auferlegt, neben der Erklärung der übrigen Wahrheiten unsres Glaubens ganz besonders diesen Glaubensartikel eingehend zu behandeln.

Aufgabe des Seelsorgers ist es also, dabei das Volk zu belehren, erstens dass es in der katholischen Kirche Sündenvergebung gibt (das hat schon Isaias vorausgesagt: »Vom Volk, das in ihr wohnt, wird alle Missetat genommen« (Jes 33, 24), und zweitens, dass in der Kirche auch die Gewalt zur Sündennachlassung besteht. Denn so lehrt unser Glaube: Wenn ein Priester rechtmäßig und nach den von Christus dem Herrn vorgeschriebenen Gesetzen diese Gewalt ausübt, so werden die Sünden wahrhaft nachgelassen und vergeben.

2 Dieser Sündennachlass wird uns gleich bei der Annahme des christlichen Glaubens durch das reinigende Bad der hl. Taufe so überreich zuteil, dass keinerlei Schuld - nicht die Erbschuld noch die eigenen Unterlassungs- und Tatsünden - zu tilgen oder irgend welche Strafe zu verbüßen bleibt. Freilich wird durch die Taufgnade nicht die gesamte Schwachheit der Natur von uns genommen. Im Gegenteil, es bleibt einem jeden die Aufgabe des Kampfes gegen die Regungen der Begierlichkeit, die uns unaufhörlich zur Sünde reizen. Infolgedessen wird man nur äußerst selten einen Christen antreffen, der so entschieden Widerstand leistet oder stets so auf der Hut ist zur Sicherung seines Heiles, dass er jeder Verwundung zu entgehen vermag.

Somit war in der Kirche die Gewalt der Sündenvergebung auch noch in einer anderen Form notwendig als im Taufsakrament. Aus diesem Grund wurden ihr die Schlüssel des Himmelreichs übergeben, auf dass einem jeden Bußfertigen, und hätte er auch gesündigt bis in sein letztes Stündlein, seine Missetaten nachgelassen werden könnten. Dafür haben wir in der Hl. Schrift die klarsten Zeugnisse. Beim hl. Matthäus spricht der Herr zu Petrus die Worte: »Dir gebe ich die Schlüssel des Himmelreichs. Was immer du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was immer du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein« (Mt 16, 19). Und ebenso: »Was immer ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was immer ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein« (Mt 18, 18). Endlich das Zeugnis des hl. Johannes, wie der Herr die Apostel anhauchte und sprach: »Empfanget den Hl. Geist. Denen ihr die Sünden nachlassen werdet, denen sind sie nachgelassen; und denen ihr sie behalten werdet, denen sind sie behalten« (Joh 20, 22 f).

3 Es wäre falsch zu glauben, diese Gewalt der Sündenvergebung erstrecke sich nur auf bestimmte Gattungen von Sünden. Es gibt keine Sünde, es lässt sich auch keine denken, die so groß wäre, dass die Kirche nicht die Gewalt hätte, sie zu vergeben. Und es kann keinen Menschen geben, der so schlecht, so verworfen wäre, dass ihm nicht die Verzeihung in sichere Aussicht gestellt werden muss, wenn er nur seine Irrungen wahrhaft bereut.

Die Gewalt der Sündenvergebung ist auch nicht etwa in der Weise beschränkt, dass man nur eine bestimmte Zeitlang von ihr Gebrauch machen dürfte. Nein, wann immer der Sünder zum neuen Leben umkehren will, er darf zu keiner Zeit abgewiesen werden; wie dies unser Erlöser lehrte, als Er dem Apostelfürsten auf seine Frage, wie oft man dem Sünder verzeihen müsse, ob etwa siebenmal, die Antwort gab: »Nicht sieben Mal, sondern siebzig Mal sieben Mal« (Mt 18,22).

4 Hinsichtlich ihrer Träger ist diese göttliche Gewalt allerdings beschränkt. Der Herr hat nämlich nicht allen, sondern nur den Bischöfen und Priestern die Vollmacht zu diesem hl. Amt übertragen.

Eine ähnliche Einschränkung gilt auch hinsichtlich der Ausübung dieser Gewalt. Denn nur wenn die vorgeschriebene Form eingehalten wird, können in sakramentaler Weise Sünden vergeben werden; sonst hat die Kirche kein Recht, von Sünden loszusprechen.

Folglich sind also sowohl der Priester wie die Sakramente bei der Sündenvergebung nur gleichsam die Werkzeuge, durch die Christus der Herr, der eigentliche Urheber und Spender des Heiles, in uns die Nachlassung der Sünden und die Rechtfertigung bewirkt.

5 Damit aber die Christen diese Himmelsgabe, die Gottes ganz besondere Barmherzigkeit seiner Kirche geschenkt hat, höher schätzen und sich zu deren Empfang mit frommem Eifer und recht großer Andacht vorbereiten, soll der Seelsorger sich bemühen, die Größe und Erhabenheit dieser Gnadengabe aufzuzeigen.

Diese aber lässt sich am besten klarmachen, wenn man sorgfältig darlegt, wem es eigentlich zukommt, Sünden nachzulassen und aus Sündern Gerechte zu machen. Wie wir wissen ist es Gottes unermessliche Allmacht, die das bewirkt. Dieselbe Allmacht, die, wie uns der Glaube sagt, notwendig war, um Tote zu erwecken und die Welt ins Dasein zu rufen. Ja, nach einem Wort des hl. Augustin (In Joh tract. 72, 3 [cf. S. Thom. 1. 2. q. 113. a. 9]) muss es als eine größere Tat gelten, aus einem Sünder einen Gerechten zu machen, als Himmel und Erde aus Nichts zu erschaffen. Da nun schon die Schöpfungstat eine unendliche Macht voraussetzt, muss folgerichtig die Nachlassung der Sünden noch weit mehr auf eine unendliche Macht zurückgeführt werden. 6 Wir sehen also, wie sehr die Väter der Vorzeit recht haben, wenn sie sagen: Gott allein ist es, der dem Menschen seine Sünden nachlässt, und seine Allgüte und Allmacht ist der einzige Grund, auf den sich ein solches Wunderwerk zurückführen lässt. »Ich bin es«, spricht der Herr selbst durch den Propheten (Jes 43, 25), »ich selbst bin es, der deine Missetaten tilgt.« 

Bei der Sündenvergebung verhält es sich ja offenbar ganz ähnlich wie beim Nachlass von Geldschulden. Wie niemand Schulden dieser Art erlassen kann, als einzig der Gläubiger, so kann offenbar auch nur Gott allein uns unsre Sündenschuld vergeben; denn gegen Ihn allein sind wir durch unsre Sünden Schuldner geworden, wie wir denn auch Tag für Tag beten: »Vergib uns unsre Schulden« (Mt 6, 12).

7 Diese wunderbare, göttlich große Gewalt der Sündenvergebung ist bis zur Menschwerdung Gottes keinem geschöpflichen Wesen gegeben worden. Zu allererst hat Christus unser Erlöser als Mensch (Er war ja zugleich auch wahrer Gott) diese Gewalt vom himmlischen Vater übertragen erhalten. »Damit ihr wisst, dass der Menschensohn die Macht hat, auf Erden Sünden zu vergeben, sprach er zu dem Gelähmten: Steh auf, nimm dein Bett und geh nach Hause« (Mt 9, 6; Mk 2,9).

Da Er nun aber Mensch geworden war, um der ganzen Menschheit die Verzeihung der Sünden zu bringen, übertrug Er, noch ehe Er in den Himmel auffuhr um dort für alle Ewigkeit seinen Platz zur Rechten Gottes einzunehmen, diese Gewalt den Bischöfen und Priestern in der Kirche. Allerdings lässt nur Christus, wie bereits früher gesagt wurde, die Sünden aus eigener Machtvollkommenheit nach, die übrigen hingegen nur als seine berufenen Diener.

Wenn wir nun überhaupt den Taten der Allmacht tiefe Bewunderung und Ehrfurcht zollen müssen, so braucht es nicht viel, um einzusehen, dass diese Gnadengabe, die die Güte Christi des Herrn seiner Kirche geschenkt hat, von unschätzbarem Wert ist.

8 Aber auch die Art und Weise, wie Gott, unser mildreichster Vater, die Sünden der Weh zu tilgen beschloss, wird das Christenherz mächtig zu staunender Bewunderung ob der Größe dieser Wohltat anregen. Das Blut seines eingeborenen Sohnes sollte ja das Mittel sein, durch das Er unsre Sünden tilgen wollte; die Strafe, die wir für unsre Vergehen verdient hatten, sollte Er aus freien Stücken übernehmen, Er, der Gerechte sollte statt der Sünder verurteilt werden, der Schuldlose statt der Schuldigen einen unsagbar bitteren Tod erleiden (1 Petr 3, 18).

Wenn wir uns recht zu Herzen nehmen, dass wir also »nicht um den vergänglichen Preis von Gold und Silber, sondern mit dem kostbaren Blut Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel erkauft« (1 Petr 1, 18 f) sind, dann werden wir unschwer zur Überzeugung kommen: für unser Heil konnte uns nichts Größeres geschenkt werden als diese Vollmacht der Sündenvergebung, die Gottes unaussprechliche Fürsorge und einzigartige Liebe zu uns so recht offenbart. Dieser Gedanke wird aber für jeden unbedingt von größtem Nutzen sein.

9 Denn wer immer [nach der Taufe] Gott durch eine schwere Sünde beleidigt, verliert im gleichen Augenblick alles, was er aus Christi Kreuzestod an Verdiensten erhalten hat, und es wird ihm jede Möglichkeit genommen in den Himmel zu kommen, der ja - vordem verschlossen - nur durch das Leiden unsres Erlösers für alle Menschen wieder aufgeschlossen wurde. Wenn wir nun an diese ernste Folge denken, müsste uns der betrachtende Blick auf die menschliche Gebrechlichkeit in lebhafte Besorgnis versetzen. Wenn wir aber dann an die wunderbare Gewalt uns erinnern, die Gott seiner Kirche mitgeteilt hat und wenn wir auf Grund dieses Artikels gläubig daran festhalten, dass einem jeden die Möglichkeit gegeben ist, mit Gottes Hilfe seinen früheren Gnadenstand wieder zu erlangen, da können wir nicht anders als in innigster Freude aufjubeln und Gott von ganzem Herzen dafür danken. Und in der Tat, wenn wir schon die Heilmittel, die uns ärztliche Kunst und Sorgfalt in schwerer Krankheit bietet, dankbar und gern entgegennehmen, wie viel lieber müssen uns da jene Heilmittel sein, die Gottes Weisheit zur Heilung der Seelen, ja sogar zur Wiedererlangung ihres Lebens verordnet hat! Und noch dazu geben uns diese Heilmittel nicht etwa nur eine ungewisse Aussicht auf Rettung wie die leiblichen Arzneien, sondern hier wird unfehlbar allen Hilfe, wenn sie nur sich helfen lassen wollen.

10 Wenn die Christen nun die Erhabenheit dieses großen, herrlichen Gnadengeschenks erfasst haben, fordere man sie auf, es sich nun auch in frommer Weise eifrig zunutze zu machen. Denn wer ein nützliches, ja notwendiges Mittel nicht gebrauchen will, der muss doch wohl eine geringe Wertschätzung dafür haben. Und doch hat Christus die Gewalt der Sündenvergebung seiner Kirche in der Absicht verliehen, dass alle dieses Heilsmittel gebrauchen. Denn wie ohne die Taufe niemand entsühnt werden kann, so muss jeder, der die Taufgnade durch Todsünden verloren hat und sie wiedererlangen will, seine Zuflucht nehmen zu jenem zweiten Mittel der Entsühnung, zum Bußsakrament.

Doch warne man bei dieser Gelegenheit die Christen auch, dass sie nicht etwa im Hinblick auf eine so weitgehende Möglichkeit der Sündentilgung, die nach unserer früheren Erklärung auch an zeitliche Schranken nicht gebunden ist, nun etwa mit der Sünde spielen oder aber die Bekehrung aufschieben. Im einen Fall würden sie sich offenbar eines schmachvollen Unrechts gegen diese gottgegebene Gewalt schuldig machen, und nicht verdienen, dass Gott ihnen sein Erbarmen zuwendet. Im andern Fall aber bestünde die dringende Befürchtung, dass der Tod den Sünder einmal vor der Zeit hinwegrafft; dann hätte er umsonst seinen Glauben an die Vergebung der Sünden bekannt, da er sie durch sein säumiges Hinausschieben aus eigener Schuld verscherzt hat.

Zwölftes Kapitel: Elfter Glaubensartikel
»Auferstehung des Fleisches« 

1 Die große Bedeutung, die diesem Artikel für die Wahrheit unsres Glaubens zukommt, zeigt recht klar schon der eine Umstand, dass die Hl. Schrift ihn dem Christen nicht nur einfachhin als Glaubenssatz vorlegt, sondern außerdem noch mit mannigfachen Gründen erhärtet. Ein solches Vorgehen lässt sich sonst bei den Glaubensartikeln kaum beobachten. Und so kann man daraus ersehen, dass auf diesem festen Fundament die Hoffnung unseres Heiles aufruht. So folgert nämlich schon der Apostel: »Gibt es keine Auferstehung der Toten, dann ist auch Christus nicht auferstanden; ist aber Christus nicht auferstanden, dann ist nichtig unsre Predigt, nichtig auch unser Glaube« (1 Kor 15, 13 f).

Diesen Artikel zu erklären, wird also der Seelsorger wenigstens ebenso viel Mühe und Eifer aufwenden, als so mancher Glaubensfeind es sich kosten lässt ihn zu untergraben. Es ergibt sich ja auch aus der Erkenntnis dieser Glaubenslehre für die Gläubigen solch große und schöne praktische Frucht, wie das gegen Ende gezeigt werden soll.

2 Zunächst einmal verdient es Beachtung, dass die Auferstehung der Menschen in diesem Artikel »Auferstehung des Fleisches« genannt wird. Das hat seinen guten Grund. Die Apostel wollten nämlich damit die Unsterblichkeit der Seele als notwendige Voraussetzung betonen. Es wird also in unsrem Artikel nur die Auferweckung des Fleisches erwähnt, damit nicht etwa jemand auf den Gedanken komme, die Seele sterbe zusammen mit dem Leib und es würden dann beide zusammen wieder zum Leben erweckt. Dass die Seele unsterblich ist, steht ja auf Grund einer ganzen Reihe von Schriftstellen unumstößlich fest. - Der Ausdruck »Fleisch« steht allerdings in der Hl. Schrift manchmal auch für den ganzen Menschen, wie etwa bei Isaias: »Alles Fleisch ist wie dürres Gras« (Jes 40, 6), und beim hl. Johannes: »Und das Wort ist Fleisch geworden« (Joh 1, 14). Aber in unserem Fall bezeichnet das Wort »Fleisch« bloß den Leib; uns zur Lehre, dass von den beiden Wesensbestandteilen des Menschen, Leib und Seele, nur der eine Teil, nämlich der Leib, verwest und wieder zu Staub wird, aus dem er gebildet ist, die Seele aber vor jedem Zerfall frei bleibt. Da aber nur das wieder zum Leben erweckt wird, was wirklich gestorben ist, so spricht man bei der Seele nicht im eigentlichen Sinn von einer Auferstehung.

Die Bezeichnung »Fleisch« wurde wohl auch aufgenommen zur Bekämpfung jener IrrIehre, die noch zu Lebzeiten des Apostels von Hymenäus und Philetus (2 Tim 2, 17, f) gelehrt wurde, als seien nämlich die Stellen der Hl. Schrift von der Auferstehung, nicht im Sinne der leiblichen sondern einer geistigen Auferstehung zu verstehen, die in der Auferstehung vom Tod der Sünde zu einem sündenreinen Leben bestehe. Diesen Irrtum schließt also der Wortlaut unsres Artikels aufs bestimmteste aus und lehrt ebenso bestimmt die wahre Auferstehung des Leibes.

3 Aufgabe des Seelsorgers ist es nunmehr, diese Glaubenswahrheit durch Beispiele aus dem Alten und Neuen Testament wie aus der Kirchengeschichte zu beleuchten. Im Alten Testament geschahen Totenerweckungen durch Elias und Elisäus, im Neuen Testament - abgesehen von denen, die Christus der Herr wirkte - durch die hl. Apostel und eine Reihe andrer heiliger Personen. Diese zahlreichen Fälle von Totenerweckungen sind eine Bestätigung für das, was der vorliegende Glaubensartikel lehrt. Denn wie wir an die Erweckung einer ganzen Reihe von Menschen vom Tode glauben, so müssen wir auch glauben, dass dereinst alle Menschen wieder zum Leben erweckt werden. Das ist ja geradezu die Hauptfrucht, die wir aus diesen wunderbaren Totenerweckungen ziehen müssen - dass wir felsenfest an die Wahrheit dieses Artikels glauben.

Beweisstellen dafür gibt es außerdem eine ganze Anzahl, die sich dem einigermaßen schriftkundigen Seelsorger leicht darbieten. Besonders beachtenswerte Stellen sind im Alten Testament die Worte Jobs, dass er »in seinem Fleisch Gott schauen werde« (Job 19, 26), und die Worte bei Daniel, dass »von denen, die im Staub der Erde schlafen, die einen zum ewigen Leben, die andern aber zur ewigen Schmach erwachen werden« (Dan 12, 2). HauptsteIlen im Neuen Testament sind der Bericht des hl. Matthäus über die Auseinandersetzung, die der Herr mit den Sadduzäern hatte (Mt 22, 23 ff), und die Erzählungen der Evangelisten vom letzten Gericht. Hierher gehören endlich auch die eingehenden Darlegungen des Apostels in seinem Brief an die Korinther (1 Kor 15, 12 ff) und an die Thessalonicher (1 Thess 4, 13 ff).

4 Ist die Auferstehung der Toten durch den Glauben auch vollständig gewiss, so wird es doch sehr gut sein, durch Beispiele und innere Gründe aufzuzeigen, wie das, was der Glaube lehrt, den Vorgängen in der Natur oder unserem menschlichen Denken durchaus nicht widerspricht. So gibt schon der Apostel auf die Frage nach der Art und Weise der Auferstehung die Antwort (1 Kor 15, 36 ff): »Du Tor! was du säest, wird auch nicht lebendig, wenn es nicht zuvor erstorben ist. Und was du auch säen magst: du säest doch nicht den Körper, der entstehen soll, sondern ein bloßes Samenkorn etwa vom Weizen oder einer andern Samenart. Gott aber gibt ihm einen Körper, so wie er will.« Und kurz darauf spricht er: »Gesät wird in Verweslichkeit (Vergänglichkeit), auferweckt wird in Unverweslichkeit (Unvergänglichkeit)« (1 Kor 15, 42). Der hl. Gregor (Moral. 1.14,55 [n 70]) weist darauf hin, dass sich noch manch anderes Beispiel zu diesem einen fügen lasse: »So entzieht sich das Licht Tag für Tag unsern Blicken als sterbe es dahin, und kehrt dann wieder zurück als sei es auferstanden; und Busch und Baum verlieren ihr Grün, und erhalten es wieder gleichsam durch eine Art Auferstehung; und so erstirbt das Samenkorn, indem es sich aufzehrt, und wiederum ersteht es, indem es neu emporkeimt.« 

5 Die inneren Gründe, die die kirchlichen Schriftsteller anführen, sind eine weitere brauchbare Hilfe, um die Auferstehung dem Verständ-nis nahezubringen. Zunächst müsste man es als, nicht naturgemäß betrachten, wenn die Seelen, die doch unsterblich sind und als Wesensbestandteil des Menschen einen naturhaften Zug zum menschlichen Leibe haben, für immer vom Leib getrennt blieben. Nun ist aber ein unnatürlicher und gezwungener Zustand nicht von langer Dauer; und so scheint es denn ganz entsprechend, dass die Seelen wiederum mit dem Leib vereinigt werden. Woraus sich die Folge ergibt, dass es eine Auferstehung des Leibes geben muss. Ein solches Beweisverfahren wandte unser Erlöser in seiner Auseinandersetzung mit den Sadduzäern an, wenn Er aus der Unsterblichkeit der Seele die Auferstehung des Leibes folgerte (Mt 22, 31).

Weiterhin ist vom allgerechten Gott den Bösen Strafe, den Guten aber Lohn in Aussicht gestellt. Und doch scheiden sehr viele, die schlecht gelebt haben, aus dem Leben, ehe sie die verdiente Strafe erlitten haben; und anderseits sterben viele Gute, ohne je einen Lohn für ihr tugendhaftes Leben erhalten zu haben. Darum muss auch aus diesem Grund die Seele wiederum mit dem Leib vereinigt werden, damit der Leib, dessen sich die Menschen als Genossen der Sünde bedienen, für die bösen oder auch die guten Taten zugleich mit der Seele Strafe oder Lohn empfange. (Diesen Gedanken behandelt sehr eingehend der hI. Chrysostomus in einer seiner Homilien an das Volk von Antiochien [Hom. 13]). So sagt auch der Apostel, wo er von der Auferstehung spricht: » Wenn wir nur für dieses Leben auf Christus hoffen dürfen, dann sind wir die beklagenswertesten von allen Menschen« (1 Kor 15, 19). Worte, die nicht von einem elenden Zustand der Seele verstanden werden können, da diese ja - unsterblich wie sie ist - ganz gut im Jenseits am seligen Leben teilhaben könnte, auch wenn der Leib nicht auferstünde. Die angeführten Worte gelten also vom ganzen Menschen. Denn wenn der Leib für seine Anstrengungen den verdienten Lohn nicht erhält, dann wären allerdings Menschen, die wie etwa die Apostel in diesem Leben Mühsale und Leiden ohne Zahl erduldeten, tatsächlich die bedauernswürdigsten Geschöpfe der Welt. Ganz dieselbe Wahrheit aber lehrt der Apostel noch viel ausdrücklicher in seinem Brief an die Thessalonicher: »Wir rühmen uns euer vor den Gemeinden Gottes ob eurer Standhaftigkeit und Glaubenstreue in all euren Verfolgungen und Leiden, die ihr zu erdulden habt - ein bedeutungsvoller Hinweis auf das gerechte Gericht Gottes, dass ihr nämlich des Gottesreiches würdig werden sollt, für das ihr gerade leidet. Es ist ja nur gerecht von Gott, euren Bedrängern mit Drangsal zu vergelten, und euch, den Bedrängten Erquickung zuteil werden zu lassen gemeinsam mit uns, wenn der Herr Jesus sich vom Himmel her mit seinen Engelscharen in Feuerflammen offenbart, um Vergeltung zu üben an denen, die von Gott nichts wissen wollen, und an denen, die der Heilsbotschaft unsres Herrn Jesus Christus nicht gehorsam sind« (2 Thess 1, 4 ff).

Ein weiterer Grund ist dieser: solange die Seele vom Leib getrennt ist, kann der Mensch die volle, restlos befriedigte Seligkeit nicht erreichen. Denn wie der Teil, wenn er vom Ganzen getrennt ist, immer unvollkommen bleibt, so auch die Seele, wenn sie nicht mit dem Leib vereinigt ist. Woraus ebenfalls die Notwendigkeit der Auferstehung folgt, damit der Seele nichts mehr am Vollmaß der Glückseligkeit fehle. - Diese und ähnliche Gedanken mag der Seelsorger beim Unterricht der Gläubigen über diesen Glaubensartikel verwenden.

6 Weiterhin muss man gemäß der Lehre des Apostels auch erklären, wer alles wieder zum Leben erweckt werden wird. So schreibt Paulus an die Korinther: »Wie in Adam alle sterben, so werden auch in Christus alle wieder erweckt werden« (1 Kor 15, 22). Es wird also keinerlei Unterschied gemacht zwischen Guten und Schlechten - alle werden von den Toten auferstehen, wenngleich nicht alle dasselbe Schicksal haben werden: »die Gutes taten, werden auferstehen zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses taten, zur Auferstehung des Gerichtes« (Joh 5, 29).

Wenn wir sagen »alle«, so meinen wir damit sowohl jene, die beim Nahen des Gerichts bereits verstorben sind, wie auch jene, die dann erst sterben werden. Dieser Ansicht nämlich, dass alle Menschen ohne Ausnahme sterben werden, schließt sich, wie der hl. Hieronymus (Brief 119) ausführt, die Kirche an; sie ist nach seinem Urteil auch die wahrscheinlichere. Auch der hl. Augustin (Vom Gottesstaat 20, 20) ist derselben Meinung. Dem stehen die Worte des Apostels an die Thessalonicher nicht entgegen: »Die in Christus gestorben, werden zuerst auferstehen, und dann werden wir, soweit wir noch am Leben sind, soweit wir übrig blieben, zugleich mit jenen auf Wolken dem Herrn entgegen in die Luft entrückt werden« (1 Thess 4, 16 f). Denn der hl. Ambrosius sagt bei der Erklärung dieser Stelle: »Eben während dieser Entrückung wird der Tod eintreten und zwar ähnlich einem tiefen Schlaf, so, dass die abgeschiedene Seele sofort dem Leibe wieder zurückgegeben wird. Bei der Entrückung werden sie sterben. Bei der Ankunft aber vor dem Herrn werden sie durch seine Gegenwart die Seele wieder erhalten, denn des Herrn Umgebung kennt keinen Toten.« Diese Auffassung kann sich auf die Lehre des hl. Augustin in seinem »Gottesstaat« stützen.

7 Ferner ist es von großer Bedeutung, dass wir uns ganz überzeugen, dass eben dieser unser Leib, und zwar genau derselbe Leib, wie er uns jetzt zu eigen ist, wieder zum Leben erweckt wird, mag er auch verwest und zu Staub zerfallen sein. Darum muss der Seelsorger auch diesen Punkt eingehend erklären. Es ist das die Lehre des Apostels, die er mit den Worten ausspricht: »Das Verwesliche (Vergängliche) muss überkleidet werden mit Unverweslichkeit (Unvergänglichkeit)« (1 Kor 15, 53), wobei er mit dem »Verweslichen« offenbar diesen unsern eigenen Leib bezeichnet. Auch Job spricht diesen Gedanken ganz deutlich aus: »In meinem Fleisch werde ich Gott schauen, ich selbst werde ihn schauen und meine Augen werden ihn erblicken, ich und nicht ein anderer« (Job 19, 26 f).

Das gleiche ergibt sich aus dem, was wir unter Auferstehung verstehen. Diese ist, nach Johannes von Damaskus (De fide orthodoxa 4, 27) die WiederherstelIung eben des Zustandes, aus dem wir geschieden sind.

Außerdem muss ein tieferes Überdenken der Gründe, aus denen oben die Notwendigkeit der Auferstehung bewiesen wurde, jeden Zweifel in dieser Sache benehmen.

8 Als Zweck der Auferstehung haben wir bereits angegeben, »dass ein jeder den Lohn für sein Leben im Leibe empfangen soll, je nachdem er gehandelt hat, es sei gut oder böse« (2 Kor 5, 10). Der Mensch muss also in demselben Leib auferstehen, mit dem er Gott oder dem Teufel zu Diensten war, damit er mit demselben Leib Siegeskrone und Siegespreis empfange oder Strafen empfindlichster Art verbüße.

9 Es wird aber der Leib nicht nur einfachhin wieder erstehen, sondern es soll ihm auch all das zurückgegeben werden, was zur vollkommenen Menschennatur und zu Schmuck und Zierde des Menschen gehört. Der hI. Augustin (Vom Gottesstaat 22, 19 [vgl. Enchiridion 89 f]) hat dafür die schöne Stelle: »Nichts Missgestaltetes wird dann am Leib noch zu finden sein. War jemand etwa zu stark beleibt, so wird er nicht die ganze ehemalige Körperfülle wiedererhalten. Was das Ebenmaß überschreitet, wird als Übermaß in Wegfall kommen. Und umgekehrt wird durch Christus in göttlicher Kraft alles wieder ersetzt werden, was Krankheit oder zunehmendes Alter am Körper aufgezehrt haben, wie etwa bei solchen, die durch Abzehrung überschmächtig wurden. Denn Christus wird uns nicht nur einfach den Leib zurückgeben, sondern auch all das, was uns durch des Lebens Not und Leid verloren ging.« Und an anderer Stelle sagt er: »Der Mensch wird nicht nur das Haupthaar wieder erhalten, wie er es [beim Tod] hatte, sondern wie es zu seinem vollen Schmuck gehört, nach dem Wort der Schrift: ,Alle Haare eures Hauptes sind gezählt´ (Mt 10,30) - insoweit sie nämlich nach göttlich weisem Plan [bei der Auferstehung] zurückgegeben werden sollen.« 

Weil aber vor allem die verschiedenen Glieder zur richtig beschaffenen Menschennatur gehören, werden auch sie in ihrer Vollzahl wiederhergestellt werden. Wer also des Augenlichts entbehrte, sei es, dass er es von Geburt an nicht hatte oder durch einen Unglücksfall verlor, wer lahm, verkrüppelt, oder irgendwie bresthaft war, wird auferstehen mit unversehrtem, vollkommenem Leib. Sonst wäre ja auch dem Verlangen der Seele, die von Natur nach der Vereinigung mit dem Leibe strebt, nur schlecht Genüge getan, während doch gerade dieses Verlangen der Seele, wie wir fest glauben, in der Auferstehung vollkommen befriedigt werden soll. Außerdem gehört die Auferstehung nach wohlbegründeter Ansicht in besonderem Sinn zu den Großtaten Gottes, geradeso wie die Schöpfung. Wie nun im Anbeginn bei der Schöpfung von Gott alles vollkommen geschaffen wurde, so müssen wir das unbedingt auch für die Auferstehung annehmen. Und zwar gilt das nicht nur für die Blutzeugen, von denen der hl. Augustin (Vom Gottesstaat 22, 19 [3]) spricht: »Es werden ihnen jene Glieder (die sie beim Martyrium verloren haben) nicht fehlen«; denn solche Verstümmelung müsste ja den Körper verunstalten und es müssten z. B. solche, die enthauptet wurden, dann ohne Haupt auferstehen. Allerdings - die Narben, die Spuren der Mordwerkzeuge werden an ihren Gliedern leuchten glänzender als Gold und Edelstein, ganz ähnlich wie die Wundmale Christi.

Dass die Glieder vollzählig zurückgegeben werden, gilt übrigens ebenso für die Bösen, auch wenn sie durch eigene Schuld sie verloren haben (Vgl. Augustin, Sermo 362, c. 20). Je größer bei ihnen die Zahl der Glieder, desto größer die Heftigkeit der Schmerzen, die sie nun peinigen und verzehren werden. Die Wiedererstattung der Gliedmaßen wird also für sie nicht Glückseligkeit, sondern Elend und Leid im Gefolge haben. Denn Verdienst wie Missverdienst wird nicht den Gliedern angerechnet, sondern der Person, deren Körper sie angehörten; denen, die Buße taten, werden sie wiedergegeben zum Lohn, denen aber, die die Bekehrung von sich wiesen, zur Strafe.

Der Seelsorger, der all das aufmerksam durchdenkt, wird Stoff und Gedanken in Fülle finden, um die Gläubigen zu einem heiligen Leben anzufeuern, auf dass, wenn ihnen die Beschwerden und Mühsale des Erdenlebens auf der Seele lasten, sie mit heißem Verlangen jene selige Auferstehungsglorie herbeisehnen, die den Gerechten und Frommen winkt.

10 Weiterhin sollen die Christen über das Wesen des Auferstehungsleibes noch Näheres erfahren. Denn wenn auch der Leib, der von den Toten erweckt werden soll, ein und derselbe ist wie jener, der im Tod der Vernichtung anheimfiel, so sind dessen Eigenschaften gegen früher doch völlig verschieden. Abgesehen von allem andern besteht der größte Unterschied zwischen dem Auferstehungsleib und unserem jetzigen Leib darin, dass dieser dem Gesetz des Todes unterworfen ist, der Auferstehungsleib aber unsterblich sein wird, und zwar unterschiedslos bei Guten wie Bösen. Diese wunderbare Wiederherstellung der Natur ist eine Frucht des erhabenen Sieges, den Christus über den Tod davongetragen hat, wie die Hl. Schrift wiederholt bemerkt. Denn es steht geschrieben: »Er wird den Tod auf ewig vernichten« (Jes 25, 8). Und an anderer Stelle: »Dein Tod werde ich sein, o Tod« (Hos 13, 14), wozu der Apostel erklärend bemerkt: »Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod« (1 Kor 15, 26). Und beim hl. Johannes lesen wir: »Der Tod wird fürder nicht mehr sein« (Offb 21, 4). Es war auch vollkommen in der Ordnung, dass die Erlösungsfrucht Christi des Herrn, durch die der Herrschaft des Todes ein Ende gemacht wurde, die Sünde Adams weit übertraf. Anderseits entspricht es ganz der göttlichen Gerechtigkeit, dass die Guten zum Genuss ewiger Glückseligkeit gelangen, die Bösen aber in ihren ewig währenden Strafen »den Tod suchen und doch nicht finden, zu sterben wünschen, während der Tod vor ihnen weicht« (Offb 9, 6). Die Unsterblichkeit also wird Guten und Bösen gemeinsam sein.

11 Der Körper der Heiligen aber hat bei der Auferstehung überdies eine Reihe herrlicher, wunderbarer Eigenschaften, die ihm einen viel größeren Adel verleihen, als er ihn je zuvor besaß. Die wichtigsten davon sind jene vier so genannten »Gaben«, wie sie die Väter aus der Lehre des Apostels ableiten.

Die erste Eigenschaft ist die Leidensunfähigkeit, eine besondere Gabe, die bewirkt, dass dem Leib keinerlei Beschwerde, kein Schmerz, kein Ungemach mehr zustoßen kann. Der Einfluss der Kälte, sengende Hitze, die Gewalt der Wogen können ihm nichts mehr anhaben. »Gesät wird, wie der Apostel sagt, in Verweslichkeit (Vergänglichkeit), auferweckt wird (der Leib) in Unverweslichkeit (Unvergänglichkeit)« (1 Kor 15, 42). Dass aber die Gottesgelehrten diese Eigenschaft mit Vorzug »Leidensunfähigkeit« und nicht »Unvergänglichkeit« (Unverweslichkeit) genannt haben, das hat seinen Grund darin, weil sie eine Eigenschaft eben des Leibes der Verklärten bezeichnen wollten. Denn diese Leidensunfähigkeit ist etwas, was sie mit den Verdammten nicht gemein haben. Bei diesen ist der Leib wohl unvergänglich, aber trotzdem so eingerichtet, dass sie brennende Hitze, Kälte und alle Arten von Strafleiden wohl fühlen.

Eine zweite Eigenschaft ist die Verklärtheit, kraft deren die Leiber der Heiligen leuchten werden wie die Sonne. Denn so sagt unser Heiland beim hl. Matthäus: «Die Gerechten werden leuchten wie die Sonne im Reich ihres Vaters« (Mt 13, 43). Und dass niemand daran zweifle, hat Er dies bei der Verklärung [auf dem Berg Tabor] durch sein eigenes Beispiel gezeigt (Mt 17, 2). Diese Eigenschaft nennt der Apostel bald Glorie, bald Verklärtheit [Klarheit, Herrlichkeit]: »Er wird unsern armseligen Leib umwandeln und seinem verherrlichten Leib gleichgestalten« (Phil 3, 21). Und wiederum: »Gesät wird in Unansehnlichkeit, auferweckt wird in Glorie« (1 Kor 15, 43). Ein Vorbild dieser Glorie sah einst das Volk Israel in der Wüste, als Moses' Antlitz, nach seiner Zwiesprache in Gottes unmittelbarer Gegenwart, so sehr erstrahlte, dass die Kinder Israels ihn gar nicht anzublicken vermochten (2 Kor 3, 7; Exod 34, 29 ff). Es ist diese Verklärtheit ein Lichtglanz, der aus der höchsten Seligkeit der Seele auf den Körper überströmt. Sie ist also in gewissem Sinn eine Anteilnahme des Leibes an dem Glück, das die Seele genießt, wie die Seele ihrerseits dadurch glückselig ist, dass ein Tropfen der Glückseligkeit Gottes in sie fällt. - Diese Gabe wird übrigens nicht wie die erstgenannte alle Seligen im gleichen Maß auszeichnen. Leidensunfähig werden zwar alle Leiber der Heiligen in gleichem Maße sein, aber sie werden nicht alle den gleichen Grad der Verklärtheit besitzen. Denn so sagt der Apostel: »Anders ist der Glanz der Sonne, anders der Glanz des Mondes, anders der Glanz der Sterne. Ja auch ein Stern ist vom andern im Glanz verschieden. So verhält es sich auch bei der Auferstehung der Toten« (1 Kor 15, 41).

Mit dieser Gabe in Verbindung steht jene weitere Eigenschaft, die als »Beweglichkeit« bezeichnet wird. Sie macht den Körper frei von der Schwere, die jetzt auf ihm lastet, und so wird er sich mit größter Leichtigkeit und mit Blitzesschnelle allüberallhin bewegen können, wohin die Seele es haben will. So lehrt ganz klar der hl. Augustin (Vom Gottesstaat 13, 18) in seinem »Gottesstaat« und der hl. Hieronymus (Zu Kap. 40, 27 [lib. 12]) in seinem Kommentar zu Isaias. Daher heißt es beim Apostel: »Gesät wird in Schwachheit, auferweckt in Kraft« (4).

Dazu gesellt sich endlich die Eigenschaft, die als »Feinheit« [Geistigkeit] bezeichnet wird. Durch sie wird der Leib der Herrschaft der Seele vollkommen unterworfen erscheinen, er wird ihr zu Diensten sein und jedem ihrer Winke. gehorchen. Das zeigen die Worte des Apostels: »Gesät wird ein sinnlicher Leib, auferweckt wird ein geistiger Leib« (1 Kor 15, 44).

Damit sind die Hauptpunkte genannt, die bei der Erklärung dieses Glaubensartikels zu besprechen sind.

12 Damit aber die Christen nun auch die Frucht sehen, die sie aus der Erkenntnis dieser vielen, erhabenen Geheimnisse ziehen können, wird man an erster Stelle darauf hinzuweisen haben, welch innigen Dank wir Gott schulden, der all das den Weisen verborgen, den Kleinen aber geoffenbart hat (Mt 11, 25). Wie viel Männer gab es, Männer von überragender Weisheit und seltener Gelehrsamkeit, die trotzdem hinsichtlich dieser so sichern Wahrheit vollständig blind waren!

Dass uns Gott das alles geoffenbart hat, uns, die wir auch nicht von fern zu solchen Erkenntnissen fähig wären, das ist wahrhaftig Grund genug, seine unendlich liebevolle Barmherzigkeit immer wieder zu preisen.

Eine weitere bedeutsame Frucht aus der Betrachtung dieses Artikels ist der Trost, den wir unschwer andern wie uns selbst spenden können, wenn Menschen sterben, die uns durch Bande des Blutes oder der Freundschaft nahestanden. Aus dieser Trostquelle schöpfte schon der Apostel, da er an die Thessalonicher von den Entschlafenen schreibt (1 Thess 4,13, ff). Aber auch in allen andern Mühseligkeiten und Schicksalsschlägen des Lebens wird uns der Gedanke an die künftige Auferstehung reiche Linderung unsrer Schmerzen bringen, wie wir das am Beispiel des hI. Job (Job 19, 25 f) sehen, der sich in seiner tiefen Trauer einzig an dieser Hoffnung aufrichtete, dass der Tag der Auferstehung kommen werde, an dem er seinen Gott und Herrn schauen dürfe.

Außerdem ist diese Glaubenswahrheit sehr geeignet, die Christen von der Notwendigkeit zu überzeugen, dass sie sich mit allem Eifer eines rechtschaffenen, unbescholtenen, und von allem Makel der Sünde reinen Lebens befleißigen müssen. Der Gedanke an jene unermesslichen Güter, die ihnen im Gefolge der Auferstehung winken, wird die Gläubigen unschwer zu eifriger Betätigung in Tugend und frommem Leben veranlassen. Anderseits ist nichts so geeignet, die niedern Triebe im Menschen niederzuhalten und ihn vom Schlechten abzubringen, als der häufige Hinweis auf die Leiden und Qualen, wie sie jener Verworfenen harren, die am Jüngsten Tag erstehen werden zur Auferstehung des Gerichtes (Joh 5, 29).

Dreizehntes Kapitel: Zwölfter Glaubensartikel
»Und ein ewiges Leben« 

1 Unsre Führer, die hl. Apostel, haben es für zweckmäßig erachtet, das Symbolum, diesen kurzgefassten Abriss unsres Glaubens, mit dem Artikel vom ewigen Leben zu beschließen. Einmal, weil den Gläubigen nach der Auferstehung des Fleisches eben nur noch das Eine zu erhoffen bleibt: der Lohn des ewigen Lebens; dann aber auch, damit uns jener Zustand ungetrübter Glückseligkeit im Vollbesitz aller Güter stets vor Augen schwebe und uns mahne, dass all unser Sinnen und Trachten auf ihn gerichtet sein soll. Daher wird der Seelsorger seinen Christen durch Hinweis auf den Lohn, der im ewigen Leben ihrer wartet, unablässig Mut machen, dass sie die Opfer, und wären es auch die schwersten die er im Namen unsrer hl. Religion von ihnen fordern muss, als leicht erschwinglich, ja als freudebringend betrachten und sich gern und rasch in Gottes Willen fügen.

2 In den Worten, mit denen der Glaubensartikel die unser wartende Seligkeit zum Ausdruck bringt, ist eine Reihe von Geheimnissen beschlossen. Sie sollen vom Seelsorger in einer Weise entfaltet werden, dass sie von allen Gläubigen, je nach ihrer Fassungskraft, leicht verstanden werden können.

Man mache also die Christen darauf aufmerksam, dass die Worte »Ewiges Leben« nicht einfach die »beständige Fortdauer des Daseins« bedeuten, - dazu sind ja auch die bösen Geister und die verworfenen Menschen bestimmt - sondern die beständige Fortdauer der Seiligkeit, die alles Verlangen der Seele ersättigt. So fasste es auch jener Gesetzesgelehrte im Evangelium auf, da er unsern Herrn und Heiland fragte, was er tun müsse, um das ewige Leben zu erlangen (Lk 18, 18) - gleich als wollte er sagen: »Was muss ich tun, um an jenen Ort zu gelangen, wo mir der Genuss der vollen Glückseligkeit winkt?« In diesem Sinn versteht auch die Hl. Schrift diesen Ausdruck, wie sich an einer Reihe von Stellen beobachten lässt.

3 Die Bezeichnung »ewiges Leben« erhielt jener Zustand der Glückseligkeit vor allem deshalb, um jeden Gedanken auszuschließen, dass diese Seligkeit etwa aus leiblich-irdischen Gütern bestehe, die ja nicht ewig sein können. Das Wort »Seligkeit« allein wäre eben nicht hinreichend gewesen, deren besonderen Inhalt aus· zudrücken, zumal es nicht an Leuten gefehlt hat, die im Dünkel ihrer Scheinwissenschaft das höchste Gut in sinnlich wahrnehmbare Dinge verlegten. Das alles ist indes vergänglich und dem Verfall unterworfen, wahre Seligkeit aber muss zeitlich unbegrenzt sein. Ja dieser Erdentand ist eigentlich das gerade Gegenteil von wahrer Seligkeit; und der entfernt sich am meisten von ihr, der sich von Liebe und Hang zur Welt in Fesseln schlagen lässt. Denn es steht geschrieben: »Habt die Welt nicht lieb, noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt lieb hat, in dem ist die Liebe des Vaters nicht« (1 Joh 2, 15). Und kurz darauf heißt es: »Die Welt vergeht und ihre Lust» (1 Joh 2, 17).

Das sind Gedanken, die der Seelsorger dem Herzen der Gläubigen tief einprägen soll, damit sie den Mut finden, das Vergängliche gering zu achten, und damit sie die Überzeugung festhalten, dass sich in diesem Leben, wo wir nun einmal nicht zu Hause, sondern nur Fremdlinge (1 Petr 2, 11) sind, eine wahre Seligkeit nicht erreichen lässt. Allerdings dürfen wir uns auch hier nie den schon »selig« nennen, und zwar durch die Hoffnung, wenn wir nämlich »der Gottlosigkeit und den weltlichen Gelüsten entsagen und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben und in seliger Hoffnung auf die Erscheinung der Herrlichkeit unsres großen Gottes des Heilands Jesus Christus harren« (Tit 2, 12 f). Das haben freilich gar viele, die sich selber für weise hielten, nicht verstanden und im Glauben, sie müssten in diesem Leben ihre Seligkeit finden, wurden sie Toren und gerieten so ins größte Unglück.

Aus der Bezeichnung »ewiges« Leben entnehmen wir aber auch die weitere Tatsache, dass die Seligkeit, einmal glücklich erreicht, nie mehr verloren gehen kann, wie dies einige irrtümlich gemeint haben. Denn die Seligkeit ist das Vollmaß aller Güter ohne irgend welchen Beigeschmack von Übel. Und da sie des Menschen Sehnsucht restlos befriedigen soll, so muss sie in einem Leben ohne Ende bestehen. Es muss ja der Herzenswunsch des Beseligten sein, dass der Genuss der Güter, die ihm zuteil wurden, ewig währen möge. Wenn darum dieser Besitz nicht dauernd gesichert wäre, so müsste ihn ganz bestimmt quälende Besorgnis im höchsten Grad erfüllen.

4 Wie übergroß das Glück der Seligen in der Himmelsheimat ist, und wie wahr es ist, dass diese ihre Seligkeit nur von ihnen selbst, und sonst von niemand voll erfasst werden kann, dafür ist gerade der Ausdruck »seliges Leben« ein deutlicher Beweis. Denn wenn wir etwas mit einem Wort benennen, das auf manch anderes ebenso gut passt, so zeigt das klar an, dass wir eine eigentliche Bezeichnung nicht haben, um die betreffende Sache in befriedigender Weise auszudrücken. Wenn wir also die Glückseligkeit mit Worten bezeichnen, die sich nicht nur von den Seligen, sondern geradeso von allen andern aussagen lassen, die etwa ohne Ende weiterleben, so kann uns das ein Fingerzeig sein, dass es sich hier um etwas handelt, was zu erhaben, zu herrlich ist, als dass wir seinen Inhalt mit einem Wort restlos auszudrücken vermöchten. Wohl werden dieser Himmelsseligkeit in der Hl. Schrift noch eine Reihe andrer Namen gegeben, z. B. Reich Gottes, Reich Christi, Himmelreich, Paradies, heilige Stadt, Neues Jerusalem, Haus des Vaters. Doch sieht man deutlich, dass auch von diesen Bezeichnungen keine hinreicht, um diesen erhabenen Zustand genügend zu veranschaulichen.

Der Seelsorger wird daher die hier sich bietende Gelegenheit nicht unbenützt vorübergehen lassen und die Christen durch den Hinweis auf solch reichen Lohn wie ihn die Bezeichnung »ewiges Leben« andeuten soll, zu einem frommen, rechtschaffenen Leben und zur Erfüllung all der anderen Christenpflichten ermuntern. Man rechnet ja das Leben auch sonst immer zu den von Natur im meisten begehrten Gütern. Nun wird aber durch die Worte »ewiges Leben« die Seligkeit mit Vorzug gerade durch dieses Gut bezeichnet. Wenn wir daher schon das Leben auf dieser Welt so lieb haben und nichts kennen, was uns kostbarer erscheinen könnte, obwohl es so kurz, so reich an Schicksalsschlägen und Armseligkeiten aller Art ist - mit welch heißem Bemühen sollten wir da nicht jenem nie endenden Leben zustreben, wo alles Übel für immer sein Ende hat und nur noch der restlos vollkommene Inbegriff alles Guten sich findet.

Denn nach der Lehre der hl. Väter besteht die Glückseligkeit des ewigen Lebens wesentlich im Freisein von jeglichem Übel und im Besitz jeglichen Gutes. Hinsichtlich des Übels spricht die Hl. Schrift ganz klar. Denn es heißt in der Geheimen Offenbarung: »Sie werden nicht mehr hungern und nicht mehr dürsten; Sonnenglut und Hitze wird ihnen nicht mehr lästig fallen« (Offb 7, 16). Und wiederum: »Jegliche Träne wird Gott von ihren Augen trocknen. Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid, keine Klage, keinen Schmerz. Denn alles Frühere ist vergangen« (Offb 21, 4).

Die Herrlichkeit aber der Seligen wird unermesslich sein, ungezählt all die Quellen gediegener Freuden und Wonnen. Die Größe dieser Herrlichkeit kann unser Geist nicht ausdenken und es gibt keine Möglichkeit, dass sie in unser Herz voll eingehe: darum müssen wir selbst in sie eingehen, nämlich in die »Freude unsres Herrn« (Mt 25, 21) - da können wir dann, von Seligkeit umflossen, die Sehnsucht unsres Herzens ganz und voll befriedigen.

5 Der hl. Augustin schreibt zwar (Sermo 127), es ließen sich wohl leichter die Übel aufzählen, die wir nicht haben, als die Güter und Freuden, die wir haben werden. Trotzdem wird man sich Mühe geben müssen, kurz und lichtvoll auch diese letztern zu erklären, die ja so sehr geeignet sind, die Gläubigen zu heißem Verlangen nach dem Besitz jenes unendlich glücklichen Lebens zu begeistern. Dabei wird man vor allem jenen Unterschied zu machen haben, auf den die bedeutendsten Gottesgelehrten uns aufmerksam machen. Sie unterscheiden zwei Arten von Gütern; die einen machen das eigentliche Wesen der Seligkeit aus, die andern ergeben sich daraus als Folgen. Daher bezeichnen sie jene mit einem Schulausdruck als wesentliche, diese aber als begleitende (Zusatz-) Güter.

6 Die eigentliche Seligkeit, die wir mit dem gebräuchlichen Ausdruck als »wesentliche Selig'keit« bezeichnen wollen, besteht in der Anschauung Gottes und im genussvollen Auskosten der Schönheit dessen, der da ist die Quelle und der Urgrund aller Wesensgüte und Vollkommenheit. »Das ist das ewige Leben,« spricht Christus der Herr, »dass sie dich erkennen, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus« (Joh 17, 3). Zu diesem Wort gibt der hl. Johannes gleichsam den Kommentar, wenn er sagt: »Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes. Aber was wir einst sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. Doch wir wissen: wenn es einmal offenbar wird, werden wir ihm ähnlich sein, denn wir werden ihn schauen, wie er ist« (1 Joh 3, 2). Damit deutet er an, dass die Seligkeit wesentlich in diesen zwei Tatsachen besteht: einmal, dass wir Gott schauen werden, wie Er nach seiner Natur und Wesenheit ist; und dann, dass wir selbst gleichsam vergöttlicht werden.

Denn der genussvolle Besitz Gottes verleiht den Seligen - bei allem Fortbestand ihrer eigenen Natur - eine wundervolle, ja nahezu göttliche Eigenart, die sie mehr als Götter denn als Menschen erscheinen lässt. 7 Der Grund für diese Umwandlung lässt sich aus folgender Überlegung verstehen: Ein jeder Gegenstand wird erkannt entweder aus seinem eigenen Wesen oder aber aus einem ihm ähnlichen Erkenntnisbild. Nun gibt es aber von Gott kein Abbild solcher Art, dass wir mit dessen Hilfe zu einer vollendeten Erkenntnis Gottes gelangen könnten. Folglich kann auch niemand seine Natur und Wesenheit schauen, es sei denn, dass diese selbe göttliche Wesenheit sich mit uns vereinigt. - Einen Hinweis dafür enthalten die Worte des Apostels: »Jetzt sehen wir durch einen Spiegel, nur in dunklen Andeutungen, dereinst aber von Angesicht zu Angesicht« (1 Kor 13, 12). Den Ausdruck »in dunklen Andeutungen« erklärt der hl. Augustin (De Trinit. 15, 9 [16]) »in Nachbildern, die uns Gott irgendwie erkennen lassen.« Was auch der hl. Dionysius (Pseudo-Dionysius, De divin. nom. c. 1) offenbar besagen will, wenn er behauptet, dass Höheres sich durch kein Nachbild aus niedereren Regionen voll erfassen lässt. Aus der Körperwelt geschöpfte Gedankenbilder können daher die Wesenserkenntnis des Unkörperlichen nicht vermitteln, vor allem deshalb, weil ja schon das Gedankenbild eines körperlichen Gegenstandes unstofflicher und geistiger sein muss als der Gegenstand selbst, den es wiedergibt, wie wir das bei jedem Erkenntnisvorgang leicht feststellen können. Nun ist es aber ausgeschlossen, dass das Erkenntnisbild eines geschaffenen Dinges gleich rein und geistig wäre wie Gott selbst. Und deshalb können wir aus keinem Gedankenbild Gottes Wesenheit vollkommen erkennen (Vgl. S. Thomas, Summa I 12, 2. Dieser Artikel schwebt dem Verfasser hier offenbar vor Augen. Der Gedanke ist kurz dieser: Wenn das Gedankenbild, mit dem wir körperliche Dinge erfassen, schon einigermaßen vergeistigt sein muss, welch unermessliche Reinheit und Geistigkeit müsste das Erkenntnisbild haben, um damit Gott vollkommen zu erkennen! cf. Summa c. g. 3,47 f. ). Dazu kommt weiter, dass alles Geschaffene bestimmte Grenzen seiner Vollkommenheit hat Gott aber ist ohne Grenzen und Ende und kein geschöpfliches Nachbild vermag seine UnermessIichkeit zu fassen. Soll also Gott wesenhaft von uns erkannt werden, so bleibt nur der eine Weg übrig, dass Gottes Wesen selbst sich mit uns verbindet, unsre Erkenntniskraft in geheimnisvoller Weise hoch über sich erhebt und uns so instand setzt, Ihn in seiner wesenhaften Schönheit zu schauen.

8 Dieses nun wird uns ermöglicht durch das Licht der Glorie, dann nämlich, wenn wir, durch diese Lichtflut erleuchtet, Gott, das wahre »Licht in seinem Lichte schauen« (Ps 35, 10) werden; denn die Seligen »schauen Gott immerdar von Angesicht zu Angesicht« (Mt 18, 10). Durch diese größte und herrlichste aller Gnadengaben nehmen sie teil an Gottes Wesenheit und besitzen so gerade die eigentliche und vollkommene Seligkeit. Und diese Seligkeit ist es, die ebenso der Gegenstand unsres Glaubens wie unsrer in der unerschütterlichen Hoffnung auf Gottes Güte gegründeten Erwartung sein muss, wie dies im Glaubensbekenntnis der Väter definiert wurde mit den Worten: »Ich erwarte die Auferstehung der Toten und das ewige Leben.« 

9 All das ist einfachhin übernatürlich; kein Wort reicht aus, es vollständig zu erklären, kein Gedanke, es ganz zu erfassen. Doch können wir ein schwaches Gleichnis für die Art und Weise dieser Beseligung auch in der sichtbaren Welt beobachten. Wie das Eisen, wenn man es ins Feuer legt, selbst Feuer fängt und, ohne sein Wesen zu ändern, doch eine andere Natur, nämlich Feuersnatur anzunehmen scheint, ebenso werden all jene, die in des Himmels Herrlichkeit aufgenommen werden, von Gottes Liebe entflammt bei allem Fortbestand ihres eigenen Wesens in einen Zustand versetzt werden, dass man ruhig sagen kann, sie unterscheiden sich vom Menschen auf dieser Welt weit mehr als das Eisen in seinem glühenden Zustand vom Eisen, das nichts von Feuers Kraft in sich hat. Mit einem Wort: die höchste, nicht mehr zu überbietende Seligkeit, die wir als die wesentliche bezeichnen, muss im Besitz Gottes gesehen werden. Was könnte denn auch dem am vollen Glück noch fehlen, der Gott, den Inbegriff aller Güte und Vollkommenheit, sein eigen nennt!

10 Es gesellen sich jedoch zu dieser wesentlichen Seligkeit noch weitere herrliche Zugaben, die allen Seligen gemeinsam sind, Gaben, die auf uns gewöhnlich mehr Eindruck machen, weil sie unserem Verständnis näher liegen. Dazu gehören jene Gaben, an die offenbar der Apostel in seinem Brief an die Römer denkt, wenn er schreibt: »Herrlichkeit, Ehre und Friede über jeden, der da Gutes tut « (Röm 2,10)! Herrlichkeit werden die Seligen genießen nicht nur in der wesentlichen Seligkeit und deren unmittelbarer Wirkung, von der wir eben gesprochen haben, sondern auch infolge des klaren, unverhüllten Wissens, das der einzelne um die erhabene, einzigartige Würde seiner Mitseligen hat. Wie groß muss aber erst die Ehrung sein, die ihnen vom Herrn zuteil wird, da Er sie nicht mehr Knechte nennt, sondern Freunde, Brüder und Kinder Gottes (Joh 15, 14; 20, 17; Röm 8, 14)! Darum wird unser Erlöser zu seinen Auserwählten in so unendlich liebreichen und ehrenvollen Worten sprechen: »Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters, nehmt das Reich in Besitz, das euch bereitet ist« (Mt 25, 34). Da wird wahrhaftig der Ausruf verständlich: »Überaus geehrt sind deine Freunde, Gott« (Ps 138, 17)! Auch werden die Seligen von Christus dem Herrn vor dem himmlischen Vater und seinen Engeln ehrenvoll ausgezeichnet. Und weiterhin, wenn dem Menschen schon von Natur aus das Verlangen nach Anerkennung und Achtung von seiten wahrhaft weiser Männer eingepflanzt ist, eben weil man diese für die zuständigsten Begutachter seiner Tüchtigkeit hält: welch reicher Zuwachs an Ruhm und Ehre muss dann den Seligen daraus erstehen, dass einer dem andern mit größter Hochachtung begegnet.

11 Endlos wäre die Aufzählung aller Freuden, die die Herrlichkeit der Seligen in reichstem Maß in sich schließt; wir können sie uns nicht einmal vorstellen. Das eine muss für den Christen ausgemachte Tatsache sein: was immer in diesem Leben uns Freudiges widerfahren kann, was immer wir uns wünschen können an Gütern geistiger oder leiblicher Art - an alledem ist das selige Leben der Himmelsbewohner überreich, freilich in einem viel höheren Sinn, als es je »ein Auge gesehen, ein Ohr gehört oder ein Menschenherz geahnt« (1 Kor 2,9) hat, wie der Apostel sagt. Denn der ehedem so stofflich-grobe Körper wird im Himmel alle Sterblichkeit abtun, wird fein und vergeistigt werden und keinerlei Nahrung mehr bedürfen. Die Seele aber wird sich wonnevoll ersättigen an der ewig neuen Speise der Glorie, die der Herr jenes »großen Gastmahls die Reihen durchschreitend allen ausspenden wird« (Lk 12, 37). Wer wird da noch nach köstlichen Gewändern und königlichem Schmuck verlangen, wo man all diese Dinge nicht mehr brauchen kann, wo alle mit Unsterblichkeit und hellschimmerndem Lichtglanz überkleidet die Krone der ewigen Herrlichkeit als Zierde tragen! Und wenn zu vollem menschlichem Behagen auch der Besitz eines geräumigen stattlichen Hauses gehört - wo gibt es ein Heim, das weiträumiger und herrlicher sein könnte als der Himmel, den Gottes Klarheit allüberall hell durchstrahlt! Darum singt der Prophet, da er sich die Schönheit dieser Wohnung vor Augen stellt und sein Herz in Sehnsucht nach jener seligen Stätte erglüht: »Wie lieblich sind deine Gezelte, Herr der Heerscharen! Meine Seele sehnt sich, ja sie schmachtet nach den Vorhöfen des Herrn; mein Herz und mein Leib jubeln dem lebendigen Gott entgegen« (Ps 83, 2).

Dass dies die Gesinnung aller Christen, dies ihrer aller Sehnsuchtsruf werde, das muss der heiße Wunsch, aber auch das eifrige Bemühen des Seelsorgers sein. 12 Denn der Herr hat das Wort gesprochen: »In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen«(Joh 14, 2), wo einem jeden sein Lohn in größerem oder geringerem Maß gegeben wird, je nachdem er es sich verdient hat. »Wer nur kärglich sät, wird auch nur kärglich ernten; wer aber reichlich sät, wird auch reichlich ernten« (2 Kor 9, 6). Deshalb wird der Seelsorger seine Christen nicht nur für jene Seligkeit begeistern, sondern er wird auch immer wieder an den einen sichern Weg erinnern, der zu ihrem Vollbesitz führt: dass sie nämlich in Glaube und Liebe fest gegründet, im Gebet und im heilspendenden Gebrauch der hl. Sakramente treu beharrend sich in jeder Art werktätiger Liebe gegen den Nächsten betätigen. So werden dereinst durch die Barmherzigkeit Gottes, der all denen, die Ihn lieben, jene selige Herrlichkeit bereithält, die Worte in Erfüllung gehen, die der Prophet gesprochen hat: »Mein Volk wird seinen Wohnsitz nehmen an einer Stätte des Friedens, in sicheren Behausungen und sorgenfreien Ruhesitzen« (Jes 32, 18).

A. M. D. G. [1]

Anmerkungen

  1. Abkürzung von: AD MAIOREM DEI GLORIAM - Zur grösseren Ehre Gottes (Motto der Jesuiten vgl.)

siehe: Catechismus Romanus II. Teil: Von den Sakramenten

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