Ostung

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Geostete Basilika

Unter Ostung (Gebetsrichtung) versteht man die Ausrichtung eines Kirchengebäudes nach Osten. Sie ist eine vorherrschende Form der Orientation (vom lateinischen oriens, [Sonnen-]Aufgang), d. h. des bestimmenden religiösen Aktes, in dem der Mensch den Raum auf das Heilige bezieht.[1]

Inhaltsverzeichnis

Religionsgeschichtlich[2]

Die kosmologische, in der Beachtung der Himmelsrichtungen gewonnene Zentrierung und Orientierung war in der gesamten Kultur- und Religionsgeschichte grundlegend. Dabei hat die Ost-West-Ausrichtung eine zentrale Rolle gespielt. Die ältesten prähistorischen Zeugnisse für die Ostung bilden Bestattungsformen des Paläo- und Neolithikums. Die Ostung der Gräber war ferner in der Antike weit verbreitet. Ebenso zeigen Reste von neolithikumen Kultbauten eine eindeutige Ausrichtung nach der aufgehenden Sonne (z. B. Stonehenge). Die Hauptachse zahlreicher Tempel-Anlagen antiker Kulturen erstreckt sich in Ost-West bzw. West-Ost-Richtung. Das darauf basierende Achsensystem ist in Ägypten anzutreffen, und es war überhaupt im Nahen Osten gebräuchlich. Nach einem solchen Plan war Salomos Tempel in Jerusalem unter phönikischem Einfluss errichtet worden (vgl. 1 Kön 5-7): der Eingang lag an der Ostseite, so dass der Betende nach Westen, zum Heiligtum hin, gerichtet war (vg!. auch Ez 43,1; 47,1) und zur als heidnisch verurteilten Sonnenanbetung in entgegengesetzter Richtung, d. h. nach Osten hin (Ez 8,16). - In der klassischen griechischen und römischen Antike war der Tempel gewöhnlich nach Osten gerichtet; der Eingang war im Westen. - Im Hinduismus ist die religiöse Handlung generell nach Osten gerichtet. Am häufigsten entfaltet sich die Prozession im Hindu-Tempel von östlich gelegenen Eingang her in Richtung auf das Götterbild, das meist im Westteil steht. Die Ost-West-Achse ist zwar vorherrschend, wenngleich es auch andere Ausrichtungen (z. B. nach Norden hin, zum heiligen Berg Kailash) gibt. Die kosmologische Orientierung ist ebenalls beim buddhistischen Tempel und bei der Pagode unverkennbar. Der - ebenso wie beim hinduistischen Tempel - oft feststellbare Grundriss in Mandala-Form (am bekanntesten die Anlage von Borobudur) mit den Kreis- u. Quadratelementen bringt symbolisch die Zentrierung des Kosmos (Vierheit) zum Ausdruck. Bei konfuzianischen und auch bei taoistischen Tempelanlagen sind die Hallen und Plätze in der Regel entlang der Nord-Süd-Achse angeordnet mit Eingang im Süden und Hauptheiligtum meist in der Mitte od.erim Norden.

Neben der Ausrichtung an der Sonne gibt es auch solche an anderen Himmelskörpern, z. B. dem Sirius (Ägypten) und dem Polarstern (z. B. China: Residenz des Herrschers). Außer dieser kosmologischen Orientierung ist jene am Zentralheiligtum der jeweiligen Religion besonders wichtig geworden: in Rom die Ausrichtung zum Jupiter-Tempel auf dem Kapitol; im Judentum zum Tempel in Jerusalem und im Islam die Gebetsrichtung zur Ka'ba nach Mekka. Alle diese Möglichkeiten zeigen, dass die Orientation als solche grundlegend für eine Religion ist, auch wenn die spezifische Ostung nicht überall gegeben ist.

Christentum

Das frühe Christentum behielt das Prinzip der Ostung in vieler Hinsicht bei und intensivierte es in Gebet, bei der Bestattung und im Kirchenbau.[3] Für sie war sich zum Herrn hin oder nach Osten wenden, dasselbe.[4]

Gebet

Die Sitte zum Sonnenaufgang zu beten ist uralt und war bei Juden und Heiden üblich.[5] Bereits Tertullian verteidigte das Beten nach Osten (Adv. nat. I, 13,1; apo!. 16,9), wie auch Klemens von Alexandrien (Strom VII, 7 n. 43), Origenes und die Didascalia apostolorum (II 57 n. 3). »Wenn wir zum Gebet aufstehen, kehren wir uns nach Osten, von wo der Himmel sich erhebt. Nicht als ob Gott dort wäre und er die anderen Weltgegenden verlassen hätte ... , sondern damit der Geist ermahnt werde, zu einer höheren Natur sich zu bekehren, nämlich zu Gott« (Augustinus von Hippo, De serm. D. II, 18).[6] Die Gebetsrichtung nach Osten, von Gegnern als Sonnenkult bewertet, wurde meist mit der östlichen Lage des Paradieses gerechtfertigt (Gen 2,8 EU; Basilius der Große, De spiritu sancto 27 n. 66; Gregor von Nyssa, De orat. domin. orat. 5),[7][8] ferner mit den Angaben bei der Christi Himmelfahrt (»qui ascendit super caelum ad orientern«; 131,7) und er wird »von dort«, also vom Osten her, »mit seinen Engeln« wiederkommen: »Wie der Blitz im Osten aufzuckt und bis zum Westen leuchtet, so wird es auch mit der Parusie des Menschensohnes sein« (Mt 24,27 EU).[9] Johannes von Damaskus (De fide orth. IV,12) schreibt: »Bei seiner Himmelfahrt fuhr er (Christus) nach Osten auf, und so beteten ihn die Apostel an, und so wird er wiederkommen, wie sie ihn haben hingehen sehen in den Himmel, .... Das ist eine ungeschriebene Überlieferung der Apostel.«[10] Die symbolische Auffassung Christi bezeichnet die Bibel als das Licht der Welt, des Oriens ex alto (Lk 1,78 f EU) oder Sonne der Gerechtigkeit (Mal 4,2 EU).[11] Dabei hat man in den Häusern diese Gebetsrichtung schon früh durch ein Kreuz an der Wand gekennzeichnet. Ein solches wurde in einer Kammer im Obergeschoß eines beim Vesuvausbruch des Jahres 79 verschütteten Hauses in Herculaneum gefunden.[12] Beim persönlichen Gebet verlor sich aber die Ostrichtung vom Beginn des Mittelalters an.[13]

→ Gebetsrichtung in der Heiligen Messe: Zelebrationsrichtung

Bestattungswesen

Im Bestattungswesen wurden Gräber so angelegt, dass der Verstorbene mit den Füßen nach Osten ins Grab gebettet wurde, dass er also in Erwartung des Jüngsten Gerichts nach Osten blicken konnte (germanisch christliche Reihenfeldgräber, Einzelbestattungen in Kirchen).[14] Bestimmend war hierbei die Tradition von der gleichen Lagerichtung des Grabes Christi (Beda Venerabilis, De locis sanctis 2).[15]

Kirchenbau

Im Kirchenbau setzte sich die Ostung nicht so schnell durch. Seit Konstantin des Grossen staatlich gefördert, mussten sich Kirchen in den Städten zunächst an den gegebenen Grundstücken bzw. Vorgängerkultbauten orientieren und wichen teilweise deutlich von der idealen Ost-West-Orientierung ab. Die Ostung trat in zwei Formen auf: Die Portal-Ostung (Eingang im Osten, Altar im Westen, gewestete Kirche), bei konstantinischen Kirchen bevorzugt, z. B. in Jerusalem Martyrionbasilika, in Rom Alt-St. Peter, S. Giovanni in Laterano, später S. Maria Maggiore. Eusebius rühmte an der Kirche von Tyrus, dass sie sich den Sonnenstrahlen öffnete, möglicherweise ein Hinweis auf die konstantinische Sonnenverehrung. Die zweite wart die Altar-Ostung (Altar im Osten, Eingang im Westen). Die geostete Kirche sollte sich im Lauf der nächsten Jahrhunderte durchsetzen und blieb durch alle Zeiten maßgeblich. Die gewestete Kirche, insbesondere mit ausladendem Westquerhaus, wurde dagegen Vorbild für Sakralbauten in der Nachfolge von Alt-St. Peter (Fulda, Köln u. a.). [16]

Im Mittelalter traten teilweise erhebliche Abweichungen von der genauen Ostrichtung auf. Kirchen konnten auf den Sonnenaufgangspunkt bestimmter Tage, die aus den spezifischen Kirchenpatrozinien ausgewählt wurden, ausgerichtet sein (Erfurt, Dom). Im 12. Jahrhundert scheint die Einführung des Kompasses als Messinstrument mit seinen zyklischen Verschiebungen des magnetischen Nordpols zu erheblichen Missweisungen und entsprechend falsch orientierten Kirchen geführt zu haben, was an Kirchenneugründungen der Zeit (v. a. Ordenskirchen) ablesbar ist. Kirchen, die abschnittsweise neu gebaut wurden (typisch sind Chorerneuerungen), weisen häufig eine geknickte Achse auf. Bereits im Spät-Mittelalter allegorisch gedeutet (die Kirche als Kreuz, der Chor das geneigte Haupt Christi), ist dieses Phänomen jedoch eher auf Schwierigkeiten im Bauverlauf (Grundstücksfragen bei Erweiterung, Messfehler), veränderte Ostbestimmung oder ästhetische Gründe (15. Jahrhundert) zurückzuführen. Der protestantische Kirchenbau verzichtete weitgehend auf die Ostung; auch dem katholischen Kirchenbau der Renaissance und des Barock ist sie nicht mehr so wichtig. Im 19. Jahrhundert dagegen wurde die Ostung von beiden Konfessionen wieder gefördert (Eisenacher Regulativ 1861).[17]

Literatur

  • Stefan Heid: Gebetshaltung und Ostung in frühchristlicher Zeit. In: Rivista di Archeologia Cristiana 82, 2006 (2008), S. 347–404 (online; PDF; 3,04 MB)
  • Klaus Gamber: Zum Herrn hin! : Fragen um das Gebet nach Osten, VDM Verlag Düsseldorf 2003 (Veränderte Neuauflage; 73 Seiten; ISBN 3-936755-12-4).
  • Franz Joseph Dölger: Sol salutis. Gebet und Ostung im christlichen Altertum. Münster 1925 (2. Auflage, bes. 305-320; 1. Aufl. 1920 unter dem Titel: Gebet und Gesang im christlichen Altertum mit besonderer Rücksicht auf die Ostung in Gebet und Liturgie).
  • J. Sauer: in: Lexikon für Theologie und Kirche, 1. Auflage, Band 7, Ostung, Sp. 826-628.

Weblinks

Anmerkungen

  1. Johann Figl in: Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Auflage, Band 7, Ostung, Sp. 1211
  2. Johann Figl in: Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Auflage, Band 7, Ostung, Sp. 1211+1212.
  3. Jürgen Krüger in: Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Auflage, Band 7, Ostung, Sp. 1212.
  4. Klaus Gamber: Liturgie - Dienst vor Gott. Hinführung zum rechten Kultverständnis, Regensburg 1984, S. 39.
  5. Franz Joseph Dölger: Sol salutis, siehe Literatur.
  6. Klaus Gamber: Probleme der Liturgiereform: in: Hans Pfeil (Hrsg.): Unwandelbares im Wandel der Zeit, 19 Abhandlungen gegen die Verunsicherung im Glauben Paul Pattloch Verlag Aschaffenburg , Band I: 1976, Zelebration nach Osten oder »versus populum«? - S. 302 (440 Seiten; ISBN 3-557-91109-8).
  7. Jürgen Krüger in: Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Auflage, Band 7, Ostung, Sp. 1212.
  8. Nach der Deutung des heiligen Thomas von Aquin (S. th. II,II,84,3 ad 3) drückt das Gebet nach Osten hin auch die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies aus, welches nach dem Zeugnis von Gen 2, 8 ebenfalls im Osten lag: aus: Andere Begründungen von P. Martin Ramm FSSP: Zum Altare Gottes will ich treten. Die Messe in ihren Riten erklärt, Thalwil 2009, S. 15 (160 S; 4. Auflage; Imprimatur Ordinarius Episcopalis Curiensis, Curiae, die XIV Augustii MMIX).
  9. Klaus Gamber: Kult und Mysterium. Das Liturgieverständnis der frühen ungeteilten Christenheit. Regensburg 1983, S. 42.
  10. Klaus Gamber: Probleme der Liturgiereform: in: Hans Pfeil (Hrsg.): Unwandelbares im Wandel der Zeit, 19 Abhandlungen gegen die Verunsicherung im Glauben Paul Pattloch Verlag Aschaffenburg , Band I: 1976, Zelebration nach Osten oder »versus populum«? - S. 304-305 (440 Seiten; ISBN 3-557-91109-8).
  11. J. Sauer: in: Lexikon für Theologie und Kirche, 1. Auflage, Band 7, Ostung, Sp. 827.
  12. Klaus Gamber: Liturgie - Dienst vor Gott. Hinführung zum rechten Kultverständnis, Regensburg 1984, S. 35; ergänzt durch: J. Sauer: in: Lexikon für Theologie und Kirche, 1. Auflage, Band 7, Ostung, Sp. 826.
  13. J. Sauer: in: Lexikon für Theologie und Kirche, 1. Auflage, Band 7, Ostung, Sp. 827.
  14. Jürgen Krüger in: Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Auflage, Band 7, Ostung, Sp. 1212.
  15. J. Sauer: in: Lexikon für Theologie und Kirche, 1. Auflage, Band 7, Ostung, Sp. 827.
  16. Jürgen Krüger in: Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Auflage, Band 7, Ostung, Sp. 1213; Friedrich Zoepfl in: Lexikon für Theologie und Kirche, 2. Auflage, Band 7, Ostung, Sp. 1294.
  17. Jürgen Krüger in: Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Auflage, Band 7, Ostung, Sp. 1213.
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