Barmherzigkeit Gottes

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Das Herz Jesu als Symbol und Quelle der göttlichen Barmherzigkeit

Die Barmherzigkeit Gottes (lat. misericordia Dei) gehört neben der Heiligkeit Gottes und der Gerechtigkeit Gottes zu den drei wesentlichen Eigenschaften Gottes.

"Gottes Barmherzigkeit ist nicht eine abstrakte Idee, sondern eine konkrete Wirklichkeit, durch die Er seine Liebe als die Liebe eines Vaters und einer Mutter offenbart, denen ihr Kind zutiefst am Herzen liegt" (Misericordiae vultus, 6). Die Barmherzigkeit des Menschen ist wie sein Herz begrenzt, aber die Barmherzigkeit Gottes ist immens, wie sein ganzes Wesen. Wir können zur christlichen Barmherzigkeit finden, denn sie hat ein Antlitz und einen Namen: sie heißt "Jesus Christus". In Ihm ist die Barmherzigkeit das Antlitz der Liebe des Vaters für jedes menschliche Geschöpf.[1]

Inhaltsverzeichnis

Die Einheit von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit

Papst Pius XII. erklärt, dass die Menschen "keineswegs imstande waren, für ihre Vergehen genugzutun." Christus hat "kraft der unerforschlichen Reichtümer der Verdienste, die er durch sein kostbares vergossenes Blut für uns erwarb, jenen Freundschaftsbund zwischen Gott und den Menschen wiederherzustellen und zu vollenden vermocht, der zuerst im irdischen Paradiese durch den unglücklichen Fall Adams, dann aber durch die unzähligen Sünden des Auserwählten Volkes verletzt worden war. Da unser göttlicher Erlöser - als unser rechtmäßiger und vollkommener Mittler - in seiner glühenden Liebe zu uns die Pflichten und Schulden des Menschengeschlechtes mit den göttlichen Rechten ganz in Ausgleich brachte, ist es ihm zu verdanken, dass jene wunderbare Übereinstimmung der göttlichen Gerechtigkeit und der göttlichen Barmherzigkeit stattfand, die das alles übersteigende Geheimnis unseres Heiles ausmacht." (Haurietis aquas, 15. Mai 1956, Nr. 20)

Papst Benedikt XVI. erklärt 2011 den Zusammenhang beider so: "Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Liebe sind nur für uns Menschen zwei verschiedene Wirklichkeiten, denn wir unterscheiden sehr genau zwischen einem Akt von Gerechtigkeit und einem Akt von Liebe. Gerecht ist für uns das, "was man dem anderen schuldet", während barmherzig das ist, was aus Güte gegeben wird. Und das eine scheint das andere auszuschließen. Aber für Gott ist das anders: In Ihm fallen Gerechtigkeit und Liebe ineins; es gibt keine gerechte Handlung, die nicht auch ein Akt von Barmherzigkeit und Vergebung wäre, und zugleich, gibt es keine barmherzige Tat, die nicht vollkommen gerecht wäre."[2]

Der Bund Gottes mit den Menschen ist eine Geschichte der Barmherzigkeit[3]

Das Geheimnis der göttlichen Barmherzigkeit offenbart sich im Laufe der Geschichte des Bundes Gottes mit seinem Volk Israel. Gott erweist sich nämlich immer reich an Erbarmen und ist bereit, bei jeder Gelegenheit seinem Volk mit tief empfundener Zärtlichkeit und Anteilnahme zu begegnen, vor allem in den ganz dramatischen Augenblicken, wenn die Treulosigkeit des Volkes den Bund bricht und das Bündnis auf stabilere Weise in Gerechtigkeit und Wahrheit neu bestätigt werden muss. Wir haben es hier mit einem regelrechten Liebesdrama zu tun, in dem Gott die Rolle des betrogenen Vaters und Ehemannes spielt, während Israel den treulosen Sohn, die treuelose Tochter oder Braut verkörpert. Es sind gerade die Bilder aus dem Familienleben – wie im Fall Hoseas (vgl. Hos 1-2) –, die ausdrücken, wie weit Gott sich mit seinem Volk verbinden möchte.

Gnade und Barmherzigkeit

Dieses Liebesdrama erreicht im menschgewordenen Sohn seinen Höhepunkt. In ihm gießt Gott seine grenzenlose Barmherzigkeit in solchem Maße aus, dass er ihn zur „inkarnierten Barmherzigkeit“ (vgl. Misericordiae vultus, 8) macht. Als Mensch ist Jesus von Nazareth gänzlich Sohn Israels, bis hin zur Verkörperung jenes innigen Hörens auf Gott, zu dem alle Juden durch das Schema aufgerufen sind, das auch heute noch das Herz des Bundes zwischen Gott und Israel bildet: »Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft« (Dtn6,4-5). Als Sohn Gottes ist er der Bräutigam, der alles unternimmt, um die Liebe seiner Braut zu gewinnen, an die ihn seine bedingungslose Liebe bindet, die dadurch sichtbar wird, dass er sich auf ewig mit ihr vermählt. Die Barmherzigkeit drückt die Haltung Gottes gegenüber dem Sünder aus, dem er eine weitere Möglichkeit zur Reue, zur Umkehr und zum Glauben anbietet« (Misericordiae vultus, 21), um auf diese Weise die Beziehung der heiligmachenden Gnade wieder zu erwerben, die übernatürlichen Teilhabe am göttlichen Leben herzustellen. Im Gekreuzigten geht Gott schließlich so weit, den Sünder in seiner äußersten Entferntheit erreichen zu wollen, genau dort, wo dieser sich verirrt und von ihm abgewandt hat. Und dies tut er in der Hoffnung, dadurch endlich das verhärtete Herz seiner Braut zu rühren.

Zu den Formeln der katholischen Lehre gehören die sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit und die sieben geistigen Werke der Barmherzigkeit.

Biblische Hinweise

"Der Herr ist barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Güte." (Ps 103,8 EU)

Gott, den Herrn der Barmherzigkeit" (Weish 9,1 EU) "Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, den Vater der Barmherzigkeiten" (2 Kor 1,3 EU) “So wahr ich lebe - Spruch Gottes, des Herrn -, ich habe kein Gefallen am Tod des Schuldigen, sondern daran, dass er auf seinem Weg umkehrt und am Leben bleibt. Kehrt um, kehrt um auf euren bösen Wegen! Warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel?" (Ez 33,11 EU)

"Liebe will ich, nicht Schlachtopfer, Gotteserkenntnis statt Brandopfer." ("quia misericordiam volui et non sacrificium et scientiam Dei plus quam holocausta", Hos 6,6 EU)

Die Evangelisten dokumentieren die Emotion der Barmherzigkeit bei Jesus, wenn gesagt wird, dass er "tief bewegt war [ ... ] und zu weinen begann" (vgl. Joh 11,33.35), oder beim Letzten Abendmahl, wozu bemerkt wird, dass der Lieblingsjünger seinen Kopf an Jesu Schulter lehnt, aber der Text in Wirklichkeit zu verstehen gibt, dass er seinen Kopf in den mütterlichen Schoß des Herrn legt (vgl. Joh 13,25), den Ort, in dem wir ohne Unterlass gezeugt werden und der die Zuneigung der Mutter für ihr Kind ausdrückt (Jes 49,15). Im Gleichnis vom barmherzigen Vater wird außerdem gesagt, dass der Vater, als er seinen Sohn nach Hause zurückkehren sieht, in seinen mütterlich-väterlichen Eingeweiden bewegt ist.[4]

"Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten." (Lk 1,50 EU, Magnificat)

Im Canticum Benedictus im Lukasevangelium (1,78 EU) heißt es: "Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes, wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe." Im lateinischen Text der Vulgata wird von "per viscera misericordiae Dei nostri" gesprochen, wörtlich: "durch die Eingeweide der Barmherzigkeit unseres Gottes". Damit wird in der lateinischen wie in der hebräischen Sprache das Innerste Gottes, die Barmherzigkeit, ausgedrückt. Das hebräische Wort für Barmherzigkeit, rachamim, ist Plural von "rechem", wörtlich "Gebärmutter", die Wortwurzel cham bedeutet "Wärme". Solcherart ist Gottes Barmherzigkeit: mütterlich, bergend, ein Ort an dem wir heranwachsen können. "Er liebt uns zum Leben!" Das ist ein archaisches Bild, das uns tief an der Wurzel unseres Seins anspricht (und weit mehr ist als Verzeihung) - die wärme- und lebensspendende Mütterlichkeit Gottes. Sie hat heilende Kraft.

Islam

Auch der Islam verehrt Allah als den barmherzigen Gott. Der Koran beginnt mit der Anrufung: "Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen."[5] In seiner Erklärung Nostra aetate formulierte das Zweite Vatikanische Konzil:

„Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat.[6]

Zeugnisse

Die bekannteste Zeugin der Barmherzigkeit Gottes der jüngsten Neuzeit ist die Heilige Faustyna Kowalska. Im ihrem Tagebuch schreibt Faustyna: "Die erste Eigenschaft, die Gott mir zu erkennen gab, ist Seine Heiligkeit. Diese Heiligkeit ist so groß, dass vor Ihm alle Gewalten und Mächte zittern. Reine Geister verhüllen ihr Angesicht und versinken in unaufhörlicher Anbetung. Das Wort ihrer höchsten Verehrung ist nur eines - 'Heiliger' - 'Sanctus'... Die Heiligkeit Gottes ist ausgegossen auf Seine Kirche und auf jede in ihr lebende Seele - jedoch nicht im gleichen Maße. Es gibt ganz vergöttlichte Seelen und auch Seelen, die kaum Leben besitzen. Die zweite Erkenntnis erteilte mir der Herr - dies ist Seine Gerechtigkeit. Seine Gerechtigkeit ist so groß und durchdringend, dass sie bis ins Wesen der Dinge reicht und alles vor Ihm in entblößter Wahrheit steht und nichts bestehen kann. Die dritte Eigenschaft ist die Liebe und Barmherzigkeit. Ich begriff, dass die größte Eigenschaft Gottes die Liebe ist und die Barmherzigkeit. Sie verbindet das Geschöpf mit dem Schöpfer. Die allergrößte Liebe und den Abgrund der Barmherzigkeit erkenne ich in der Menschwerdung des Wortes, in Seiner Erlösung. Ich erkannte hier, dass diese Eigenschaft die größte in Gott ist." (Tagebuch 180).

Päpstliches

Johannes Paul II.

Franziskus

Literatur

siehe auch: Barmherzigkeitsrosenkranz, Litanei zur göttlichen Barmherzigkeit‎, Novene zur göttlichen Barmherzigkeit‎, Weltkongress der Barmherzigkeit‎.

Weblinks

Anmerkungen

  1. Päpstlicher Rat zur Förderung der Neuevangelisierung: Kirchenväter und die Barmherzigkeit. Jubiläum der Barmherzigkeit 2015-2016. Schwabenverlag 2015, S. 16 (86 Seiten; ISBN 978-3-7966-1683-9)
  2. Papst Benedikt XVI. im Gespräch mit den Gefangenen in der Strafanstalt von Rebibbia im Dezember 2011: aus: Päpstlicher Rat zur Förderung der Neuevangelisierung: Heilige und die Barmherzigkeit. Jubiläum der Barmherzigkeit 2015-2016. Schwabenverlag 2015, S. 12 (94 Seiten; ISBN 978-3-7966-1685-3).
  3. Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ (Mt 9,13), Die Werke der Barmherzigkeit auf dem Weg des Jubiläums Papstbotschaft zur Fastenzeit 2016
  4. Päpstlicher Rat zur Förderung der Neuevangelisierung: Kirchenväter und die Barmherzigkeit. Jubiläum der Barmherzigkeit 2015-2016. Schwabenverlag 2015, S. 14 (86 Seiten; ISBN 978-3-7966-1683-9)
  5. corpuscoranicum.de, 1:1
  6. Nostra aetate (Wortlaut), Nr. 3